Kapitel 1: „Kreatief“ vermeiden (Was soll ich zeichnen?)

Diese Tipps sind Teil des E-Books:


 

Nicht Zeichenhand

Du bist Rechtshänder? Zeichne zur Abwechslung mit deiner linken Hand. Als Linkshänder, versuch es mit deiner rechten Hand. Du wirst dich wieder an den Anfang zurückversetzt fühlen, so als würdest du neu Zeichnen lernen. Und wenn du dann später wieder mit deiner Zeichenhand etwas machst, kommt dir das gleich viel einfacher vor.

Du kannst diese Übung auch erweitern, indem du versuchst, den Pinsel oder Stift mit deinen Zehen zu halten. Hast du schon mal ein Bild mit deinen Füßen gezeichnet? Nein? Dann wird es Zeit!

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Speed Kritzelei

Kritzle irgendwas auf ein Schmierpapier. Jetzt, sofort. Und mach das, ohne darüber nachzudenken. Schalte deinen Verstand aus. Es muss nichts darstellen. Irgendein Muster ohne Regeln, unvorhergesehene Linien.

Nach einer Weile kannst du dann versuchen, Motive in deiner Kritzelei zu erkennen. Vielleicht kommt dadurch genau das Meisterwerk in deine Vorstellung, welches du schon immer erschaffen wolltest.

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Verbesserungen erkennen

Manchmal erscheint es, als trete man auf der Stelle. Es ist einfach kein Fortschritt zu erkennen. Aber das stimmt nicht. Wenn du siehst, wie sehr du dich verbessert hast, motiviert das extrem!

Blättere durch deine alten Bilder. Meistens merkt man gar nicht, wie sehr man sich verbessert hat, da dies oft nur langsam geschieht. Aber wenn du deine alten Bilder mit neueren vergleichst, wird es dir sofort auffallen.

Du kannst dir auch eine Art Monatsbuch erstellen. Wähle dazu von jedem Monat ein Motiv, das du archivierst. Wenn du dann diese Bilder der vergangenen Monate ansiehst, wirst du sofort erkennen, wie sehr du dich über das ganze Jahr hinweg verbessert hast.

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Neuauflage

Suche eine Zeichnung von dir aus und sieh sie dir ganz genau an. Sie darf ruhig schon ein paar Jahre alt sein. Gefällt sie dir noch? Erinnerst du dich daran, wie du sie damals fandest? Vielleicht warst du stolz darauf. Das darfst du auch jetzt noch sein! Allerdings hast du in der Zwischenzeit sicher etwas gelernt und kannst das heute besser.

Überlege dir, was genau man daran noch verbessern kann.

  • Mehr Details?
  • Farbverläufe?
  • Schattierungen, Glanzeffekte?
  • Sauberere Linien?
  • Eine schönere Komposition?

Sobald du dir klar gemacht hast, woran man hier noch arbeiten könnte, zeichne es noch einmal. Dieser zweite Versuch wird bestimmt besser als der erste. Das ist ein großer Erfolg! Und du wirst erkennen, dass sich das viele Üben gelohnt hat.

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Größter Wunsch

Nichts ist motivierender, als ein Wunsch, der kurz vor seiner Erfüllung steht. Das schöne daran ist, dass du auf dem Papier auch Wünsche darstellen kannst, die in der Wirklichkeit nie eine Chance hätten!

Es kann eine Sehnsucht sein, ein Lebenstraum.

  • Gibt es etwas, was du machen würdest, wenn du sicher weißt, dass du nicht scheitern würdest?
  • Was wolltest du schon immer mal tun?
  • Was wünschst du dir am meisten?
  • Was fehlt dir in deinem Leben?

Versuch deinen Wunsch bildlich darzustellen. Zeichne alle Einzelheiten von ihm. Vielleicht erschließt sich dir dabei sogar ein neuer Weg, wie du diesen Wunsch schneller erreichen könntest.

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Gruppenzeichnen

Mit anderen zusammen Zeichnen macht Spaß! Schnappe dir ein paar Leute, die zeichnen können oder es versuchen wollen/müssen, macht es euch irgendwo bequem und zeichnet. Ihr könnt Tipps austauschen, euch gegenseitig helfen und über verrückte, antreibende Ideen sprechen. Auch Zeichenspiele oder gemeinsam an einem Bild arbeiten, ist immer wieder schön. Vergesst die Süßigkeiten nicht.

Beispiel:
Jeder fängt ein Bild an, einer stoppt die Zeit. Nach 10 Minuten zeichnen, tauscht ihr die Bilder durch und jeder hat dann ein anderes Bild, an dem er wieder 10 Minuten weiter zeichnen kann. Diese Reihe könnt ihr beliebig oft fortsetzten, bis die Bilder alle fertig sind.

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Maskottchen

Wenn dir gar nichts mehr einfällt, versuch mal ein Maskottchen für dich zu erfinden. Der Eindruck, den es erwecken soll, bestimmt das Aussehen. Zeichne es in verschiedenen Posen, aus verschiedenen Perspektiven und bei verschiedensten Tätigkeiten.

  • Welches Tier würde zu dir passen?
  • Soll es böse drein schauen?
  • Niedlich sein?
  • Durchgedreht?
  • Welche Talente und Fähigkeiten hat dein Maskottchen?
  • Wie würde es sich in bestimmten Situationen verhalten und wie kannst du dies auf Papier umsetzen?

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Untergrund wechseln

Beschränke dich nicht auf Papier. Du kannst überall zeichnen, wirklich auf allem. Ob auf der Straße, auf Steinen oder auch auf Lebensmitteln. Hast du schon mal eine Tafel Schokolade bemalt? Pass nur auf, sie nachher nicht zu essen, wenn es sich um giftige Farben handelt. Wie wäre es mit einer Hauswand? Stühlen? Teller? Musikinstrumenten? Oder verwende Blumentöpfen als Untergrund. Zaubere atemberaubende Landschaften auf Luftballons. Auch ein Radiergummi ist wunderbar geeignet für ein Miniaturbild.

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Material wechseln

Das gleiche wie bei der Unterlage, gilt auch für Material. Probiere immer wieder etwas Neues aus und verwende Kreiden, Ölfarben, Aquarellfarben, Kugelschreiber und Filzstifte. Oder stell deine eigenen Farben her, auch darüber findest du viele Anleitungen im Internet.

Wenn du etwas Ungewöhnliches ausprobieren möchtest, versuch es mit deinen Fingern im Sand, verwende Lippenstifte in verschiedensten Farben oder zeichne mit flüssiger Schokolade. Sogar mit Licht kann man zeichnen. Denk nach, dir fallen bestimmt noch weitere Farbgeber ein.

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Störfaktoren ausschalten

Manchmal lenken dich andere Dinge so sehr ab, dass sie sich in den Vordergrund drängen. Vor das Zeichnen. Also musst du sie vernichten. Überlege dir, was dich davon abhält, einen Stift zur Hand zu nehmen. Vielleicht der Fernseher? Schalte ihn aus. Der Drang im Internet zu surfen? Zieh den Netzwerkstecker. Mach die Tür zu. Und was ist mit den lauten Autos draußen? Setzt dir Kopfhörer auf und übertöne sie mit Musik.

Wenn gar nichts mehr geht, solltest du dir einen anderen Ort suchen, wo du mehr Ruhe hast.

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Prioritäten setzen

Stell dir die Frage: Warum zeichnest du jetzt im Moment nicht?

Hast du keine Lust drauf? Oder keine Zeit? Die Antwort ist immer gleich: Weil etwas anderes gerade mehr Priorität besitzt. Bequem auf der Couch liegen zum Beispiel. Aufräumen. Den Tisch sauber machen. Essen. Spazieren gehen. Du machst immer das, was oberste Priorität hat. Wenn du zeichnen möchtest, musst du das wirklich wollen und du solltest dem Zeichnen für die Zeit, in der du es tun möchtest, die höchste Priorität geben. Es muss für dich wichtiger werden, als all die anderen Dinge.

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Fragen stellen

Aus Fragen ergeben sich oft Motive und neue Ideen, was man zeichnen könnte. Ganz besonders „Was wäre, wenn…“-Fragen. Also überlege dir Fragen, egal welcher Art. Sie dürfen gerne verrückt klingen.

Beispiele:

  • Wie war dein Mittagessen?
  • Was würdest du beim Mittagessen nie erwarten dass passiert?
  • Was wäre, wenn morgen vor deiner Haustüre ein UFO landen würde?
  • Was, wenn Bäume plötzlich Menschen fressen?
  • Warum ist eine Banane gelb?
  • Wo würdest du jetzt am liebsten sein?
  • Was passiert, wenn man riesengroße Gummibärchen in die Badewanne wirft?
  • Was wäre, wenn du deine Hautfarbe beliebig wechseln könntest?
  • Was ist so verrückt, dass du es niemals machen würdest?

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Inspiration von anderen Künstlern

Es gibt viele Bilderseiten im Internet. Schau dich einfach mal in den Galerien anderen Künstlern um. Lass dich nur nicht entmutigen!

Du kannst dir bei den Motiven Ideen holen, du kannst dir ganze Geschichten über Bilder ausdenken und Motive zu diesen Geschichten zeichnen. Überlege dir, was das Besondere am Stil anderer Künstler ist und dann, was das besondere an deinem eigenen Stil sein könnte.

  • Was macht dich in deinem Zeichenstil einzigartig?
  • Was machst du anders, als andere Künstler?
  • Und was würde dir vom Stil her gefallen?

Probiere es aus!

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Bilder nach Farben

Such dir eine beliebige Farbe heraus. Dann überlege, welche Dinge es gibt, die in dieser Farbe existieren könnten. Was ist typisch für diese Farbe? Und was würdest du nie in dieser Farbe anmalen? Welche Gefühle verbindest du mit dieser Farbe?

Wenn du alles zeichnest, was dir dazu einfällt, hast du eine Menge neuer Motive.

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Zweifelnde Gedanken ausschalten

Zweifelnde Gedanken sind ganz böse, denn es handelt sich um Lügen. Du darfst niemals denken, dass du etwas nicht schaffst. Wenn du es nicht kannst, dann heißt das nicht, dass es auch für immer so bleiben muss. Lerne es. Übe es. Und sag dir immer wieder: „Ich schaffe das! Und niemand wird mich aufhalten!“.

Keiner ist in der Lage, von Anfang an perfekt zu zeichnen. Komischerweise denken alle, entweder hat man Talent oder man hat es nicht. Aber so ist das nicht. So etwas wie Talent gibt es nicht. Du lernst auch nicht an einem Tag eine neue Sprache oder setzt dich hin und kannst auf einmal Programmieren. Aber Tatsache ist, dass du es lernen kannst. Mit dem Zeichnen ist es nicht anders.

Es ist ein langer Weg, der viel Übung erfordert. Du kannst alles schaffen, wenn du es möchtest.

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Nichts zeichnen

Wie stellst du dir das „Nichts“ vor?

Ein Ort, an dem absolut gar nichts existiert, selbst der Ort nicht. Wo es kein hell und kein dunkel gibt, keine Farben, gar nichts. Ist es überhaupt möglich so was darzustellen? Wahrscheinlich nicht, aber du könntest den Eingang zeichnen in dieses Nichts. Ein Tor, das ins Nichts führt. Vielleicht ist das Tor ins „Nichts“ deine Wohnzimmer Tür? Dein Kleiderschrank? Ein Marmeladenglas? Oder etwas ganz anderes?

Oder wie wäre es mit einer Person, die sich in „Nichts“ auflöst? Fallen dir weitere Motive zum Thema „Nichts“ ein?

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Sei verrückt

Es muss nicht immer alles einen Sinn ergeben. Es muss nicht immer alles gerade sein. Es ist nicht falsch aus der Menge hervorzustechen. Du willst doch bestimmt Aufmerksamkeit für deine Kunst oder? Lass sie nicht in der Masse untergehen.

Wie macht man das? Verhalte dich komplett anders als sonst. Mach irgendwas Ungewohntes, was du noch nie gemacht hast und erledige Dinge anders als normal. Was würden andere nie von dir erwarten? Mach etwas Unlogisches. Etwas Lustiges. Etwas ganz Verrücktes.

Versuch einmal etwas absichtlich falsch zu verstehen. Überlege dir untypische Verwendungszwecke für Gegenstände. Aus einer Tasse z.B. kann man nicht nur trinken, sondern mit ihr auch viele anderen Dinge anstellen, an die man im ersten Augenblick nicht denkt.

Beispiele:

  • Zeichne die Tasse als Blumentopf.
  • Zeichne eine Miniaturstadt in die Tasse.
  • Zeichne jemanden bei einer neuartigen Tassensportart, z.B. Tassenweitwurf.
  • Zeichne Kinder beim Spielen. „Wer die meisten Scherben beim Wurf einer Tasse gegen eine Wand zusammen bringt“.
  • Die Tasse kann als Miniaturtisch für kleine Menschen verwendet werden, wenn man sie umdreht.
  • Wie wäre es mit einer riesigen Tasse als Boot, die auf dem Wasser schwimmt?
  • Ein Karussell aus Tassen?
  • Ein Tassen-Stifthalter?

Und jetzt nimm dir einen anderen Gegenstand und überlege dir, wozu man ihn noch verwenden könnte. Zum Beispiel einen Staubsauger. Vergiss nicht, deine Einfälle zu skizzieren.

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Frag jemanden

Dir fällt absolut nichts ein was du zeichnen solltest und du hast keine Lust, dir was zu suchen oder dir was auszudenken?

Nicht jeder ist zur selben Zeit einfallslos. Also frag doch einfach die erste Person, die dir begegnet. Das kann jemand sein, den du kennst oder jemand völlig fremdes. Was sollte unbedingt mal auf Papier gezeichnet werden?

Es gibt ein paar Milliarden Menschen auf dieser Welt, irgendjemandem fällt bestimmt etwas ein.

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Zitate / Gedichte

Such dir ein Zitat oder ein Gedicht und denk darüber nach.

  • Was ist die Botschaft des Textes?
  • Wer kommt darin vor?
  • Spielen bestimmte Orte oder Gegenstände eine Rolle?
  • Welche Personen treten im Text auf?

Überlege dir ein passendes Motiv zum Inhalt. Es gibt sehr lange Gedichte, die schöne Geschichten erzählen. Diese kannst du sogar als Comic umsetzen. Das gleiche funktioniert auch super mit Songtexten.

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Nichts aufschieben

Zeichne jetzt sofort. Nicht später. Es gibt keinen Grund etwas hinaus zu zögern. Dinge aufschieben macht unzufrieden. Du wirst ständig etwas im Hinterkopf haben, was du noch erledigen wolltest. Das lenkt dich ab. Hör auf, dir Ausreden auszudenken und warte nicht, bis du denkst in der richtigen Stimmung zu sein. Wenn du zeichnen willst, solltest du es jetzt tun. Fang einfach an. Überwinde diesen ersten Schritt. Sobald du zeichnest, kommt es dir ganz leicht vor. Aber du musst dich dazu aufraffen, es überhaupt zu tun. Jetzt.

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Tiere

Kennst du jemanden der ein Haustier hat? Oder hast du vielleicht sogar selber eins? Sieh es dir genau an. Du kannst auch ein Foto als Vorlage verwenden, wenn es sich zu schnell bewegt. Versuch die Besonderheit des Tieres zu erkennen und überlege, wie sich diese in einem Bild darstellen lassen. Zeichne es.

Geh nach draußen und schau, was du dort alles für Tiere entdecken kannst. Auch ein Besuch im Tierpark bietet sich dafür sehr gut an. Nimm einfach deine Zeichensachen mit.

Du kannst auch neuartige Lebewesen erfinden. Wie würden Tiere eines anderen Planeten aussehen? Wie wären dort ihre Lebensbedingungen? Sei kreativ und denk dir was aus!

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Ausdauer

Halte durch und zeichne immer weiter, auch wenn es mal schwer ist und dir nichts gelingt. Denn wenn du jetzt aufhörst, war all das, was du bisher gezeichnet und gelernt hast umsonst. Es wird bald wieder leichter werden. Und dann wirst du sehen, dass es sich gelohnt hat dran zu bleiben.

Sei stur, geh den Weg weiter und kämpfe!

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Geduld

Mit etwas Geduld kannst du alles schaffen. Zeichnen lernt man nicht, indem man es einmal macht und auch nicht nach tausend Versuchen. Man hört nie auf es zu lernen. Es gibt kein endgültiges Ziel, kein Ende, an dem man sagt: „So jetzt kann ich perfekt zeichnen und kann damit abschießen“.

Es geht um jedes einzelne Bild, nicht um das allerletzte, perfekte. Denn das gibt es nicht. Sei geduldig und mach es nicht, um perfekt zu werden. Zeichnungen sind keine Fotos, sie stellen ein Stück deiner Seele dar, die du zu Papier bringst. Sie enthalten deine persönlichen Geschichten!

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Fotos

Alte Fotos hat fast jeder daheim. Egal ob es Personen, Landschaften oder Gegenstände zeigt, versuch mal eines abzuzeichnen. Zeichne es mehrmals ab, in verschiedenen Stilen und mit verschiedenen Materialien. Welche Version gefällt dir am besten? Mit welchem Material und mit welchem Stil bist du am besten zurechtgekommen?

Stell dir vor, wie das Foto aussehen würde, wenn es zu einer anderen Tageszeit gemacht worden wäre und zeichne das. Fang an zu träumen. Du kannst das Foto auch kopieren und neue Dinge darauf einzeichnen. Vielleicht eine Miniaturstadt?

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Mehr Konzentration

Vielleicht fehlt es dir an Konzentration. Versuch nur an das Bild zu denken, welches du zeichnen möchtest. Du hast es genau vor Augen. Alles andere ist jetzt nicht wichtig. Stell dir jedes Detail vor. Ziehe in Gedanken die Linien nach und achte dabei auf ihren Verlauf, ihre genaue Form.

Gibt es Dinge, die dich immer wieder ablenken? Achte mal bewusst darauf, was du während des Zeichnens denkst. Störfaktoren können alles Mögliche sein. Vielleicht ist der Stuhl, auf dem du sitzt, einfach nur zu unbequem? Versuch Dinge, die dich stören, zu ändern, damit du dich besser konzentrieren kannst.

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Mach dir Notizen

Wenn du eine Idee hast, schreib sie sofort auf oder skizziere sie. Immer. Für den Fall, dass du sie nicht gleich ausarbeiten kannst, sparst du sie dir somit für eine einfallslose Zeit auf.

Führe ein Skizzen-/Notizbuch. Wichtig ist, dass du es nicht in irgendeiner Schublade verstauben lässt. Nimm es überall hin mit.

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Was anderes machen

Wenn gar nichts mehr geht, solltest du dich nicht zum Zeichnen zwingen. Versuch abzuschalten und was anderes zu machen. Vielleicht ist einfach nicht der richtige Zeitpunkt dafür. Vielleicht bist du zu müde, zu hungrig, zu durstig, vielleicht macht es dir gerade einfach keinen Spaß.

Es hat keinen Sinn, stundenlang auf ein leeres Blatt Papier zu starren. Sauge Staub. Räum dein Zimmer auf. Geh spazieren oder schwimmen. Dabei ist dein Kopf nicht so leer und du kannst über ein Bild nachdenken. Vielleicht erhältst du dadurch auch eine tolle neue Idee. Egal was du tust, du wirst um dich herum mehr potentielle Motive entdecken, als beim anstarren des leeren Blattes.

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Drauf los zeichnen

Zeichne den ersten Gegenstand in deinem Blickfeld. Egal was es ist. Jetzt sofort!

 


 

Diese Tipps sind Teil des E-Books:


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Kurzgeschichte: RE B340 (Der Geschichtensammler im All – Kapitel 1)

Diese Kurzgeschichte ist Teil einer längeren Geschichte:


 

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Motiv zum Kapitel – Zum Tutorial: RE B340

 

Ich bin Robo-Einheit B340. Das B steht für Bio. Und das heißt, dass ich zwar aus Metall bestehe, meine Recheneinheit allerdings mit einem Gehirn aus biologischem Zellmaterial verbunden ist. Aber meine Innereien sind nicht halb so interessant wie die Geschichten in meinem Lokal!

Ich betreibe eine kleine Bar im Sternentstehungsgebiet des Krop-Zentrums. Eine Art Raststelle. Ihr Erdmenschen habt so was auch auf Autobahnen. Nur dass die Aussicht in meiner kleinen Bar um einiges spektakulärer ist! Und die Gäste… nun, exotischer. Und von diesen Gästen kommen die Geschichten. Ich liebe sie! Sie zu sammeln ist meine größte Leidenschaft. Und jeder der hierher kommt, muss mir eine davon da lassen.

Ich heiße dich willkommen! Mach es dir bequem und bestell ein paar Drinks. Immerhin muss ich ja auch von was leben! Und das Wichtigste, erzähl mir deine Geschichte. Das ist die Bedingung, der Eintritt in meine kleine Bar.

Bist du einer von diesen Erdlingen, die entkommen sind? Ich frage mich, was deine Augen gesehen haben. Auf deinen langen Reisen durchs Universum hast du sicher viele Abenteuer erlebt! Wie? Du willst mir nichts erzählen? Nun, dann beginne ich und erzähle dir ein paar Erlebnisse meiner Gäste. Ich hoffe, du hast genügend Zeit mitgebracht.

 


 

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Blog Planung 2019 – kostenlose Tutorials und Geschichten für euch

In diesem Jahr habe ich viele tolle Dinge für euch geplant. Wie letztes Jahr angekündigt, möchte ich diesen Blog größer und aktiver machen. Ein kleiner Überblick, was ihr demnächst hier alles lesen dürft:

sockenzombie - skizze - sitzende menschen zeichnen

Tutorials und Materialtests

Auch dieses Jahr werde ich hin und wieder die Entstehung meiner Werke mit dokumentieren, um daraus Zeichner-Tutorials zu erstellen. Außerdem will ich wieder viel tolles Künstlermaterial für euch testen. Zusätzlich soll es weitere coole Extras für euch hier und auch auf meinem Instagram-Account geben:

  • Zeichner-Tutorials mit vielen WIPs
  • Künstlermaterial Tests
  • Speedpaint-Videos
  • Video-Wanderungen durch meine Skizzenbücher
  • Erfahrungsberichte über verschiedene Zeichner-Challenges

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Geschichten und Tipps

Ich habe alle E-Books und Bücher, die ich selbst veröffentlicht habe aus Amazon rausgenommen. Denn diese sollt ihr demnächst hier direkt auf meinem Blog kostenlos lesen dürfen.

Mein Buch „Bis in die tiefsten Ozeane“ ist bereits online. Für dieses Jahr habe ich geplant:

    skarabäus sky - sockenzombie - tiefste ozeane - skizze

  • Bis in die tiefsten Abgründe
    (2. Teil der DO-Reihe, also die Fortsetzung von „Bis in die tiefsten Ozeane“ geplant für März/April 2019)
  • Der Geschichtensammler im All
    Kurzgeschichten des E-Books, die Tutorials zu den Illustrationen sind bereits online
  • Wie wird meine Künstlerseite bekannter?
    (Artikel, angelehnt an mein E-Book)
  • Was soll ich zeichnen?
    (Artikel zu Themen aus meinem E-Book: Kreatef vermeiden, Ideen für Skizzenbücher, Motivwahl und vieles mehr)

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Alles Kostenlos?

Genau! Der Blog bleibt außerdem weiterhin werbefrei. Du bestimmst selbst, was dir meine Programme, Informationen, Artikel, Texte, Geschichten und Tutorials wert sind.

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Kapitel 25: Steven (Bis in die tiefsten Ozeane)

Sie standen in einem gigantischen Hohlraum, dessen Dach sich kuppelförmig über ihnen erstreckte. Vor ihnen türmten sich unzählige Maschinen und Eingänge von hausähnlichen Gebilden aus blass goldenem Metall. Diese führten zur Mitte hin wie Treppenstufen immer weiter nach oben. Die komplette Stadt war kegelförmig angelegt und Skys Crew stand gerade einmal am Fuß dieses Kegels. In weiter Ferne konnte man auf der Spitze eine abgeflachte Plattform erkennen. In der Luft schwebten Milliarden der glühenden Sonnenstücke. Diese lie­ßen alles andere um sie herum erstrahlen. Die Wände, die Git­terböden, die runden Türöffnungen, die Wege und all die fas­zinierenden Maschinen schimmerten ihnen golden entgegen. Gibbli schirmte für einen Moment das Licht mit ihrer Hand ab. Alles leuchtete so hell, dass es sie blendete. Einzig Sky konnte seine implantierten Augen sofort an die Umgebung anpassen. Bo presste ihr Ocea-Buch fest an sich. Die erste Zeichnung auf der Platte zeigte zwar genau diese Stadt, dennoch wirkte sie in der Realität ganz anders. Viel größer und nahezu er­schlagend. Pflanzen existierten hier auf den ersten Blick keine und auch sonst gab es nirgendwo ein Lebenszeichen zu ent­decken. Alles schien ausgestorben, als hätte jegliches Leben diese Stadt vor hunderten von Jahren verlassen. Trotz dem warmen Licht und dem schimmernden Gold, packte eine ste­chende Kälte all ihre Glieder und ergriff Besitz von ihnen. Fröstelnd blickte Gibbli umher, als ihr neben dem Anblick der beeindruckenden Stadt wieder einfiel, dass es hier noch zwei Bewohner gab, die jederzeit vor ihnen stehen könnten. Steven und Jeff.
„Wie sollen wir hier Sam je finden?“, fragte Bo in die Stille hinein. „Das müssen tausende von Häusern sein!“
„Und am höchsten Punkt, in der Mitte der Stadt, liegt der Dolch des Nu“, wiederholte Abyss eine Passage aus ihrem Buch.
„Dann sollten wir dort mit der Suche beginnen“, sagte Sky und deutete auf die abgeflachte Spitze des goldenen Berges aus Gebäuden. „Wenn wir etwas finden, dann dort oben.“
„Und wie kommen wir da hoch?“, fragte Bo wieder.
„Im oceanischen System ist alles auf eine Mitte ausgerich­tet“, erklärte Abyss. „Alles ist kreis- oder kugelförmig angelegt. Also…“
„… begeben wir uns in das Zentrum der Stadt“, vollendet Sky den Satz.
 
Sie betraten das Innere des gigantischen Komplexes, passierten rund angelegte Gänge und durchquerten lange, röhrenförmige Wege, die alle zur Mitte hin ausgerichtet waren. Sehnsüchtig betrachtete Gibbli all die Maschinen, an denen die Crew vor­beizog. Am liebsten hätte sie an einigen von ihnen herum ge­schraubt und ihre Funktion erforscht. Beim Anblick all dieser Schätze konnte sie diesen Steven fast vergessen. Ohne ihn wäre das hier ein Paradies. Der Hass auf den Oceaner durch­zuckte Gibbli, wie ein plötzlich auftretendes Gewitter. Sie spürte eine Wut in sich brennen, die für einen Augenblick die Kälte in ihrem Körper vertrieb. Im selben Moment begann es um die Mannschaft herum zu surren. Eine Maschine am Rand des Ganges brizzelte auf und kleine Funken stoben aus ihr hervor.
„Au“, stöhnte Bo, die diese gerade passierte und wich vor der Maschine zurück.
Sky richtete seinen Strahler auf das Ding.
Gibbli beachtete die anderen nicht mehr. Eine weitere Welle aus Hass durchströmte ihren Körper. Sie würde diesen Ocea­ner töten. Er würde ihr nie wieder Angst einjagen. Er würde sie nicht anfassen! Währenddessen hoben um sie herum weitere Geräte vom Boden ab. Einige apfelgroße Maschinen kamen näher auf die anderen zu.
„Komm raus, Steven!“ Der Kapitän wich gerade noch einem der Fluggeräte aus, das an ihm vorbeiflitzte.
Nox duckte sich, als ihm eine Maschine beinahe den Kopf abschlug.
„Bleib ruhig, Gibbli“, sagte Abyss leise. Er hatte sie beobach­tet und sofort erkannt, dass es nicht Steven war, der die Gerä­te zum Leben erweckte.
Sky drehte sich zu ihnen um, zielte mit seinem Strahler auf Gibbli und ließ ihn dann sinken. Sie schreckte aus ihren Ge­danken hoch. Im selben Moment brachen alle Maschinen um die Crew herum zusammen, als hätte jemand ihnen die Ener­gie abgedreht. Mit lautem Poltern fielen sie auf den goldenen Metallboden.
„Pass auf, was du hier denkst“, sagte Sky ruhig.
Gibbli blickte auf ihre Füße, während die Schuld auf ihr lastete. Die Maschinen hätten jemanden verletzen können! Sie musste sich wirklich besser kontrollieren. Steven spielte mit ihr. Für einen kurzen Augenblick hatte er die Angst von ihr ge­nommen, nur um zu sehen was passierte. Sie hatte sich von ihrem Hass gegen ihn überrumpeln lassen, während er sie von irgendwo aus beobachtete.
„Es war ein Test. Wir kommen ihm langsam näher. Weiter jetzt!“, befahlt der Kapitän.
Gibbli spürte Abyss‘ besorgten Blick auf sich ruhen, wäh­rend sie Sky hinter den anderen folgten.
 
Es dauerte keine fünfzehn Minuten mehr, dann standen sie im Zentrum und fanden-
„Noch so ein Fahrstuhl. Ich hab die Nase voll von den Drecksteilen!“, grummelte Abyss und blickte missmutig auf das ringförmige Gebilde.
„Du kannst ja den langsamen Weg wählen.“ Sky machte eine Handbewegung zu einem der abführenden Gänge hin, die von der Mitte aus steil empor führten.
Während sie alle in das runde Gefährt stiegen, wünschte sich Gibbli, sie hätten wirklich die Rampen benutzt. Wenn dort oben Steven und Jeff auf sie warteten, hätte das ihr Zusam­mentreffen noch etwas hinausgezögert.
Der Mechanismus war einfach zu verstehen. Es dauerte nicht lange, da ruckelte die Gondel und setzte sich gemäch­lich in Bewegung, der Spitze entgegen. Kleine Rädchen dreh­ten sich im Antrieb und hangelten sich unaufhaltsam an den in der Mitte angebrachten Schienen entlang. Ihm entgegen. Steven würde ihr wehtun. Er würde sie anfassen. Steven wür­de alle umbringen. In Gedanken spürte Gibbli schon seine eis­kalten Finger um ihren Hals. Nervös trat sie von einem Fuß auf den anderen. Sie erschrak kurz, als Abyss eine Hand auf ihre Schulter legte. Doch er zog sie mit seinem Gewicht nicht nach unten, wie es Steven mit seiner Aura tat. Abyss‘ Finger strömten eine Wärme aus, die sie ruhiger werden ließ.
„Ich vernichte ihn“, erinnerte er sie flüsternd.
 
Oben angekommen, führte ein breiter Aufgang zur Plattform hoch. Um diese herum ragten viele Säulen in die Höhe, welche eine kreisförmige Galerie über ihren Köpfen trugen. Der An­blick war einmalig, auch wenn die dunkle Kugel im Zentrum der Plattform den Ausblick über die goldene Stadt etwas trübte. Sie besaß einen Durchmesser von etwa fünf Meter und ließ die Luft um sich herum gefährlich flimmern. Im Schutz ei­ner goldenen Wand, über die abgeflacht zwei Aufgänge zur Galerie hoch führten, schien sie alles Licht aufzusaugen. Die Kugel war von einer metallischen Vorrichtung umgeben, die man nur von der Vorderseite aus begehen konnte und wirkte weder fest noch irgendwie berührbar. Jeder hielt lieber Ab­stand zu ihr. Dennoch strahlte sie eine seltsame Faszination aus, die ihre Blicke immer wieder anzog. Etwas entfernt von der Kugelvorrichtung standen einige Podeste mit verschiede­nen Gerätschaften und Konsolen. Von Steven oder Jeff fehlte noch immer jede Spur. Ebenso wie von Sam.
„Sie ist nicht hier“, sagte Nox enttäuscht, während er sich ungeduldig umsah.
„Abyss? Was hast du?“, fragte Sky plötzlich und Gibbli blickte von einer Konsole auf, die sie gerade genauer betrach­ten wollte.
Abyss hatte seinen Koffer am Boden abgestellt und das Messer weggesteckt. Mit offenem Mund schritt er langsam auf ein Podest zu.
„Das ist er.“ Seine Stimme klang erregt. „Das ist der Dolch Nu!“
Sie traten näher an ihn heran, als Abyss vorsichtig einen länglichen Gegenstand hoch hob. Es beeindruckte Gibbli, wie furchtlos er ihn einfach berührte. Elegant glänzte das goldene Ding in seinen langen Fingern. Feinste Haare spannten sich schimmernd über das Metall.
„Ein Geigenbogen“, sagte Sky ungläubig.
„Ja.“
„Du… nimmst all das hier auf dich wegen eines… Geigenbo­gens?“
Abyss grinste. „Was dagegen?“
Sky blickte ihn misstrauisch an. „Nein. Ich… ich dachte nur… unter einem Dolch stelle ich mir eher… eine Waffe vor.“
„Oh, aber das ist eine Waffe.“ Abyss öffnete seinen Koffer, um seinen eigenen Bogen hervorzuholen und die beiden mit­einander zu vergleichen. „Glaubst du, ich lernte Geige, nur weil der Mönch das wollte? Sicher nicht. Ich lernte sie spielen we­gen dieses Bogens. Dieser Bogen ist in der Lage, einen so mächtigen Klang zu erzeugen, dass er tötet. Seine Töne durchschneiden nicht nur Luft, sondern feste Materie. Wie die Klinge eines Dolches dringen sie in den Körper ein und-“
„Nett, nicht wahr?“
Alle schraken zusammen und wirbelten herum, als Stevens Stimme klar über den Platz hallte. Gibblis Atem beschleunigte sich, obwohl sie ihn nirgendwo entdecken konnte.
„Ich schenke ihn dir“, sagte er. Dann erblickte sie ihn, als er über ihren Köpfen an das Geländer trat. Mit nacktem Ober­körper stand er hinter der Kugelvorrichtung, oben auf der Mauer, die in die ringförmige Galerie mündete. Von dort aus betrachtete er fröhlich seine Gäste. „Stell dir den atemberau­benden Klang unter den erhöhten Druckverhältnissen dieser Kolonie vor. Er klingt viel tiefer hier unten, wegen der Kälte. Die Schallwellen breiten sich langsamer aus. Was ist los? Willst du nicht spielen, Mensch?“
Bo legte den Kopf schief und sah böse zu Steven auf. Sky zielte mit seiner Waffe auf den Oceaner.
„Es würde jeden hier töten“, antwortete Abyss.
„Nein. Nicht jeden, nein. Deine kleine Freundin könnte dem Klang wohl widerstehen.“ Er nickte Gibbli zu, die wie paraly­siert da stand. „Und ich natürlich auch. Unsere Spezies mag die Musik, musst du wissen. Wir lieben die todbringenden Töne. Dich selbst würdest du damit natürlich auch umbrin­gen“, fügte er schnell hinzu.
Steven hielt inne, bis Abyss seinen Fehler begriff. Dieser ließ den Bogen langsam sinken.
„Da hältst du ihn endlich in der Hand, nach all den Strapa­zen und dann wirst du nie in der Lage sein, ihn mehr als ein einziges Mal zu spielen. Na, doch nicht mehr so begeistert von Nu? Ein Jammer, ich hätte den Dolch so gerne gehört. Es klingt wirklich bezaubernd, wenn seine Melodie auf organi­sche Materie trifft und sie im Takt der Musik zerfetzt.“
„Schieß ihn nieder“, murmelte Abyss Sky zu.
„Nein!“, rief Bo.
„Wo ist Sam?“, schrie Nox.
Steven drehte sich ihm langsam zu. „Ah, wie ich sehe, bringst du zurück, was dein Vater mir stahl. Das heilende Auge.“
Nox zog Bo einen Schritt zurück. „Bleib hinter mir.“
„Ich danke dir. Wir haben es wirklich vermisst. Das haben wir.“ Mit einem Lächeln auf den Lippen stolzierte Steven die Galerie entlang und kam langsam den Abgang herunter.
Gibbli wich einen Schritt auf die andere Seite zurück. Sie bemerkte, wie Abyss ein Messer aus seiner Tasche zog und Sky Steven mit seinem Strahler folgte.
„Mein… unser Erzeuger war hier?“, fragt Nox.
„Oh ja. Mehrmals. Woher dachtet ihr hat er all die Infor­mationen, die er in diesem lächerlichen Buch niederschrieb?“ Bo drückte ihr Ocea-Buch fest an sich. „Er hat mich wirklich gut unterhalten. Nur leider, leider brachte er dann jemanden mit. Ist hier eingedrungen mit seinem Bruder, Elai und dieser Menschenfrau. Wie hieß sie noch gleich? Kassandra. Wollte unbedingt unser heilendes Auge, für ihr kleines Baby.“
„Meine Mum war hier?“, fragte Bo überrascht.
Steven schwang sich elegant über das Geländer und sprang das letzte Stück Mauer hinab. Es sah leichtfüßig aus, aber als seine nackten Füße am Boden aufsetzten, ertönte ein lautes ‚TONK’. Gibbli trat weiter zurück. Jetzt stand er direkt vor Nox.
„Wie ich sehe, konnten deine Eltern ihr Vorhaben doch noch in die Tat umsetzen“, sagte er zu Bo. „Ich dachte, Elai hätte deiner Mutter das heilende Auge verwehrt, nachdem ich seinen Bruder umbrachte.“
„DU WARST DAS?“ Im nächsten Moment fuhr Nox seine Krallen aus und stürzte sich auf Steven.
Anstatt sich zu wehren, ließ er sich von dem Tiefseemen­schen einfach an die goldene Wand drücken und fing an, laut zu lachen. Dann wurde sein Gesicht plötzlich ernst. „Ich war das.“ Er drückte Nox mit Leichtigkeit von sich.
Nox krachte einige Meter entfernt zu Boden. Entsetzt be­obachtete Gibbli, wie Bo auf ihn zueilte und sich neben ihrem Halbbruder niederkniete. Einen Tiefseemenschen so einfach durch die Gegend zu schleudern, war so gut wie unmöglich.
„Hör auf damit!“, schrie Bo Steven an.
„Hör auf damit“, äffte der Oceaner sie nach.
Abyss holte aus und sein Messer flog durch die Luft. Ob­wohl es sich in der zähen, oceanischen Atmosphäre langsa­mer fortbewegte als normal, traf es Steven mit voller Wucht und bohrte sich durch seinen Arm. Dieser ignorierte es voll­kommen. Er schien nicht die geringste Spur an Schmerz zu verspüren.
„Ich habe Lio… wie sagt man so schön? Erluftet.“ Steven zog sich das Messer grinsend aus dem Arm und Gibbli fühlte Panik in sich aufsteigen, als sie sah, wie sich die Wunde in Se­kundenschnelle schloss. Währenddessen fing das Marahang an, kräftig zu leuchten und Bo keuchte auf. Sie presste eine Hand gegen ihre Brust und blickte den Oceaner gequält an. „Und du dachtest, die Landmenschen tragen Schuld daran. Du hast den Krieg gegen sie neu entfacht. Ahhh, der Hass steckte noch tief in euch. Dein Volk ist mit Freuden darauf eingestiegen.“
„Elai erzählte mir nichts davon!“, presste Nox hervor.
„Natürlich nicht, er hat den Krieg befürwortet. Oh, das war so lustig euch zuzusehen. Hach, letzten Endes wurde er schwach. Elai verriet dir also, wo er das heilende Auge ver­steckt hatte und ihr habt das Vorhaben von Lio und Kassan­dra zu Ende gebracht. Er fühlte sich wohl schuldig wegen all dieser toten Kriegsopfer.“ Steven lachte laut auf, dann schüt­telte er mit tragischer Miene den Kopf. „Was für ein Jammer. Dann ist der Kampf ja jetzt wohl vorbei. Wie langweilig.“
Im nächsten Augenblick warf Abyss erneut ein Messer nach ihm. Während Bo Nox hoch half, fing Steven es einfach mitten im Flug auf.
„Sei doch nicht so grausam zu mir. Ich hab dir immerhin Nu überlassen.“ Grinsend musterte er dann Gibbli. In ihr zog sich alles zusammen. Sie fühlte sich wie festgefroren an ihrem Platz. „Ich spüre, du willst mich töten. Oh, das ist lustig, das mag ich. Das ist mein Mädchen. Hat es dir gefallen, die Ma­schinen zu kontrollieren? Wir werden viel Spaß haben mit­einander, ich werde dir Dinge zeigen, die du dir-“
„Gib mir Sam zurück!“, schrie Nox wieder.
„Jaja.“ Steven wirbelte sichtlich genervt herum und ver­schwand hinter der Vorrichtung, welche die große, schwarze Kugel umgab.
„Warum hast du nicht auf ihn geschossen?“, fuhr Abyss Sky an, der noch immer mit erhobener Waffe da stand. Doch Sky ignorierte ihn.
„Da mein Mädchen hier ist, bekommst du deines“, sagte Steven, als er auch schon wieder auftauchte. „Ich halte mein Wort, das tue ich. Du kannst sie haben.“ Er warf einen leblo­sen Körper direkt vor Nox Füße.
„Sam!“, rief Bo und stürzte auf sie zu.
„Was antatest du ihr?“, fauchte Nox, während er ihren re­gungslosen Kopf vorsichtig anhob und versuchte, sie aufzuwe­cken.
„Betäubt. Keine Sorge, die wird schon wieder.“ Steven schritt an den Podesten vorbei, Richtung Abyss und Gibbli. Dabei passierte er ihren Kapitän. Skys erhobene Waffe und dessen Kiste ignorierte er einfach. „Wisst ihr, sie war so ruhig. Hat ständig von euch gesprochen. Meine Schwester ist tot, Nox wird mich retten, uh uhh“, jammerte er. „Wie langweilig. Ich mag es, wenn sie SCHREIN!“ fuhr er Gibbli an.
„Weg von ihr!“, rief Abyss, stellte sich vor sie und hob eine Faust, um auf ihn einzuschlagen.
Gibbli schrie auf, als er im nächsten Moment durch die Luft flog und an eine Säule gepresst wurde. Zappelnd versuchte er sich zu befreien, während sich die goldenen Fäden eng um seinen Körper wanden. In Stevens Hand blitzte ein kleines Me­tallgerät auf, das er zurück in seine Hose steckte.
„Sie braucht dich jetzt nicht mehr. Sie hat jetzt mich. Und Jeff. Wenn er wieder da ist.“ Er trat langsam auf Gibbli zu. Seine Kälte fuhr durch sie hindurch und sie zuckte zusammen. Ihr Herz begann zu rasen. Abyss brüllte, doch niemand beach­tete ihn. „Du wirst schreien, nicht wahr? Mein Mädchen wird schreien.“
Verzweifelt versuchte Gibbli sich zu bewegen, aber ihr Kör­per schien wie erstarrt. Er würde ihr wehtun! Er würde ihr die Kleidung vom Leib reißen und die Haut abziehen! Etwas be­wegte sich hinter Steven. Dann erblickte Gibbli die Waffe. Sky hielt ihm seinen Strahler direkt an den Kopf.
„JETZT SCHIESS ENDLICH!“, brüllte Abyss ihn an.
Steven verzog seinen Mund zu einem Grinsen. „Er wird nicht schießen. Der putzige U-Bootführer.“ In Schneckentem­po drehte er sich genüsslich zu Sky um. „Du willst etwas von mir, hab ich nicht Recht, Kapitän?“
„WORAUF WARTEST DU!“, schrie Abyss wieder und zerrte an seinen Fesseln.
„Sag es ihnen“, forderte Steven ihn auf.
Skys Hand zitterte leicht.
„SAG ES!“, wiederholte er ungeduldig.
Sky schwieg.
„Nein? Nicht? Hm, dann zeige ich es ihnen.“
Der Oceaner stolzierte an ihrem Kapitän vorbei, während dieser langsam seine Waffe sinken ließ, ohne sich umzudrehen oder irgendeine Anstalt zu machen, ihm zu folgen. Mit einem gequälten Gesichtsausdruck schloss Sky seine Augen. Steven kam bei der Kiste an, die der Kapitän immer mit sich ge­schleppt hatte und riss den Deckel mit einem Ruck beiseite.
„Darf ich vorstellen? Letitia Sky!“ Der Oceaner gab der Kiste mit dem Fuß einen Tritt.
Sie fiel um und eine türkise Flüssigkeit plätscherte daraus hervor, gefolgt von einem kleinen Körper, der über den Boden rollte und dann mit dem Gesicht nach oben liegen blieb. Ihre wächserne Haut schimmerte halb verdeckt von langen, schwarzen Haaren. Es handelte sich um ein Kind, vielleicht neun oder zehn Jahre alt. Ein fürchterlicher Gestank drang in Gibblis Nase. Bo richtete sich langsam auf und Nox, der die bewusstlose Sam in den Armen hielt, zog diese weiter vom Geschehen weg. Mit offenem Mund starrte Gibbli auf den kleinen Körper, während Abyss schlaff in seinen Fesseln hing. Sky hingegen wagte es nicht, sich umzudrehen und stand noch immer mit dem Rücken zu Steven und der Kiste.
„Möchte niemand etwas dazu sagen? Ihr seid ja plötzlich so still. Keine Fragen? Oh Kapitän, du schleppst eine Leiche mit dir herum? Was hast du mit deinem Kind gemacht? Wie kann es sein, dass ein ach so perfekter Kapitän, der sich immer streng an die Gesetze hielt, ein kleines, unschuldiges Kind um­bringt? Nein? Keiner?“
„Ich dachte… ich dachte, das war nicht ernst gemeint, als du sagtest… deine Tochter sei… da drin“, sagte Abyss leise.
„Oh, ich mag dich Sky. Der Anführer, der Kapitän, das große Vorbild, immer fair und gerecht! Wie du mit ihnen ge­spielt hast. Sie hintergangen hast, ohne auch nur einziges Mal zu lügen. Das war ein Meisterstück.“ Steven wandte sich ihm zu. „Nicht, dass es einen Sinn gehabt hätte“, fügte er hinzu.
Gibbli blickte zu Sky. Seine Miene wirkte leer und aus­druckslos, als erwarte er etwas Unvermeidliches, was ihm nicht gefiel.
„Warum erzählst du ihnen nicht, was passiert ist, Kapitän? Alle hielten es für einen Unfall, nur es war keiner, nicht wahr? Sag ihnen, dass ihr toter Anblick dir das Herz brach Sky. Dass du mit deinen eigenen Augen durch die Scheibe hindurch zu­sehen musstest, wie sie ertrank, unfähig sie zu retten, aus dem Becken, in dem du hättest sein sollen!“ Er begann zu flüstern. „Dass du dir selbst die Augen herausgerissen hast, weil du die Schuld nicht mehr ertragen konntest.“ Dann wurde seine Stimme wieder lauter. „Warum erzählst du ihnen nicht, was dich wirklich dazu brachte, hier her zu kommen?“
Steven stolzierte langsam um ihn herum und stellte sich dann neben Gibbli. Sie hätte am liebsten ihre Faust in ihm ver­senkt. Doch seine Nähe machte sie bewegungslos.
„Pass gut auf, mein Schatz, jetzt kommt das Beste“, wis­perte er ihr ins Ohr und sie erschauderte. Sein eisiger Atem raubte ihr fast den Verstand.
„Hör auf damit!“, fuhr Bo ihn an. „Lass Gibbli in Ruhe und Sky auch!“
Steven lachte und schritt aufgeregt um Sky herum. „Da spricht genau die Richtige. Nicht wahr, Kapitän?“
Skys Arm regte sich. Langsam hob er seine Waffe wieder und zielte auf Steven. „Funktioniert es?“, fragte er leise.
„Oh ja“ Steven nickte und blickte ihn erwartungsvoll an. „Also, wie sieht es aus, würdest du sie opfern?“
„Nein“, antwortete Sky knapp.
„Nein? Aber das ist er doch, dein geheimer Plan. Der Grund, warum du hier bist. Genau deswegen hast du Bo mit dir genommen! Das ist es, was du immer wolltest.“
„Jetzt nicht mehr.“
„Sky, was bedeutet das? Was meint er?“, fragte Bo.
„Nun, er möchte dich eintauschen“, antwortete Steven an seiner Stelle.
„Ich will das nicht mehr!“, rief Sky und die Waffe in seiner Hand zitterte wieder.
„Weißt du“, sagte Steven zu Bo gewandt, „das heilende Auge hält dich am Leben. Aber es kann noch etwas anderes. Es entzieht dir Energie, um diese auf andere zu übertragen. Mit jeder Verletzung, die es heilt, gibst du ein klein wenig dei­ner Lebenskraft ab. Dein Kapitän lebt die absolute Gerechtig­keit. Du bist ein Hybrid. Von Natur aus nicht lebensfähig. Und dennoch lebst du. Seine Tochter war jung und hatte ihr gan­zes Leben noch vor sich. Und trotzdem starb sie. Das findet er nicht fair, der Kapitän. Gerecht wäre es, deine gesamte Le­bensenergie zu übertragen, um seine Tochter wieder zum Le­ben zu erwecken. Du stirbst, im Austausch für ihr Leben. Ist es nicht so, Sky?“
Bo sah den Kapitän ungläubig an. „Du willst mich opfern, um… um sie zu retten?“
„Das wollte ich“, sagte er leise. Dann blickte er Steven an. „Aber jetzt habe ich meine Meinung geändert. Ich bin zum Ka­pitän dieser Crew geworden und deswegen wirst du mein Le­ben nehmen. Nicht das ihre.“
„Wie rührend. Tja, du hast da leider, leider etwas falsch verstanden. Pass auf, ich erkläre es dir. CORA!“
Oben auf der Galerie hüpfte die kleine Kind-KI lachend nach vorne, sprang über das Geländer und drückte den Boden ein Stück ein, als sie landete. Dann tapste sie zu Steven und starrte ihn unterwürfig an.
Währenddessen fiel Gibblis Blick auf Abyss. Er nickte ihr ungeduldig zu und sein eindringlicher Blick war es, der ihr wie­der ein Gefühl in ihre Füße zurückgab. ‚Dein Messer‘, formte er mit dem Mund und blickte nach unten. Gibbli blickte eben­falls an sich hinab. Dann fiel es ihr wieder ein: Das Messer, das Abyss in ihren Stiefel gesteckt hatte. Unauffällig versuch­te sie näher an ihn heran zu kommen.
„Cora ist Bewusstsein in einer KI. Sie ist nicht nur eine Ma­schine. Sie ist der Geist eines echten Kindes. Transferiert durch Lebensenergie. Maras Lebensenergie“, erhob Steven wieder das Wort. „Rod hat Mara nicht getötet. Er war nicht nett zu ihr, nein. Aber er hat sie nicht umgebracht. Er tötete Cora, sein ei­genes Kind, weil sie ihm nicht gehorchte. Weil Cora ihren eige­nen Kopf besaß und ihre oceanischen Vorfahren viel lieber hatte, als ihn. Stattdessen konstruierte er eine KI nach der an­deren, von denen er glaubte, sie wären sein.“
Gibbli stand fast vor Abyss. Noch ein kleines Stück.
„Schließlich hatte er sie perfektioniert. Doch Cora war nicht mehr, als eine Maschine. Jeff erfand das heilende Auge, als Geschenk für Mara. Es enthielt seine und Maras DNA. Er nannte es Marahang. Dieses Gerät war in der Lage, Schmerz auf den Träger zu übertragen und ihn aufzuteilen, sogar ein Stück von ihm zu verschlingen. Jeff konnte sich damit nicht nur in Maras Körper versetzen, um zu sehen, dass es ihr gut ging. Es diente auch zur Übertragung. Nein, es kann keine to­ten Körper wieder erwecken. Aber es ist in der Lage, den Geist zu versetzen. In Maschinen, die dafür geschaffen wurden.“
„Das ist nicht wahr“, unterbrach ihn Bo. „Das Marahang hat Gibblis Verbrennungen an der Hand geheilt. Es hat tote Haut-“
„Bei normalen Menschen wird es immer Narben hinterlas­sen. Oceaner hingegen besitzen von sich aus regenerierende Kräfte und das heilende Auge wirkt auf sie stärker als auf an­dere.“ Er blickte über Skys Waffe hinweg in seine schwarzen Augen. „Ich kann den Körper deiner Tochter nicht wieder bele­ben. Er ist nicht mehr verwendbar. Zu lange unbewohnt. Sie war nur ein einfacher Mensch. Aber an Bord der Mara befinden sich die Konstruktionspläne von Cora. Wir bauen eine zweite KI, die aussieht wie Letitia Sky. Die Energie geht von Bo aus, sie ist jetzt die Trägerin. Ich kann ihre Energie verwenden, um den Geist deiner Tochter zurück zu holen und in eine KI zu versetzen, so wie es mit Cora geschah. Vorausgesetzt, er existiert noch in dieser Ebene.“
„Sky, du kannst meine Lebensenergie haben“, flüsterte Bo überraschend. „Ich opfere mich für sie.“
„Nein“, knurrte Sky.
Währenddessen zog Gibbli das Messer aus dem Stiefel, um Abyss‘ Fesseln zu durchtrennen.
„Oh, sie hat es begriffen. Bo hat es verstanden. Deine Mannschaft ist ja so schlau! Wenn die Trägerin des heilenden Auges stirbt, bin ich verwundbar. Zwar trage ich nicht Jeffs DNA in mir, was es mir nicht ermöglicht, durch das heilende Auge zu sehen. Dennoch bin ich in der Lage, den Schmerz zu übertragen. Warum gehst du also den Deal nicht ein? Im Kampf hättet ihr dann eine Chance gegen mich. Und du hät­test dein Kind zurück, unsterblich.“
Sky verzog den Mund zu einem Lächeln. „Nein. Du bist es, der da etwas falsch verstanden hat. Ich sprach nicht von mei­ner Tochter! Letitia ist tot. Ich habe das jetzt verstanden. Ich sprach von dem, was jetzt ist. Ich sprach von meiner Crew, als ich sagte, du wirst mein Leben nehmen. Ich sprach von allen hier. Abyss lass das, er wird sich wieder heilen und Bo dafür schwächen.“
Abyss ließ das Messer sinken, das er soeben auf Steven werfen hatte wollen.
„Ich verlange, dass du sie gehen lässt. Du kannst mit mir machen was du willst. Du kannst mich foltern und du kannst mich töten. Aber die anderen wirst du nicht anrühren. Du lässt Bo gehen, mit dem Marahang. Nox, Sam, Abyss und Gibbli. Und auch Cora, wenn sie das möchte. Mein Leben ge­gen das meiner Leute. Ich bleibe hier.“
Totenstille breitete sich unter der goldenen Kuppel der Stadt aus.
Dann fing Steven verstört an zu lachen. „Nein, nicht Gibbli!“ Der Oceaner kniff die Zähne zusammen und etwas Bedrohli­ches blitzte in den Pupillen seiner zornigen Augen auf. „Mein Mädchen ist nicht verhandelbar.“
„Sie ist nicht dein Mädchen!“, fuhr Abyss ihn an.
„Ich habe ihre DNA geprüft! In ihr fließt das Blut von Mara und Jeff. Sie ist ein Nachfahre von ihnen beiden. Sie gehört hier her! SIE GEHÖRT MIR!“
„Oh nein, das ist nicht der Grund“, sagte Sky ruhig, seine Waffe noch immer auf Steven gerichtet. „Gibbli mag ein Nachfahre von Oceanern sein, aber größtenteils ist sie immer noch ein Landmensch. Ich werde dir sagen, warum du sie hier behalten willst. Weil du alleine bist. Du fühlst dich einsam und sehnst dich nach deinesgleichen. Du hättest uns hier längst alle umbringen können. Aber das hast du nicht getan. Stattdessen beantwortest du bereitwillig unsere Fragen. Dein Volk verließ vor langer Zeit diesen Planeten und ließ euch zu­rück. Mara ist tot. Jeff befindet sich ebenfalls nicht mehr hier. Schon lange nicht mehr. Und er wird auch nie zurückkehren, ist es nicht so?“
Steven drehte sich um und blickte ausdruckslos auf die große Vorrichtung mit der dunklen Kugel. Langsam schüttelte er den Kopf und begann weinerlich zu jammern. „Er ging durch das Portal. Ein paar Jahre nachdem Mara starb.“ Seine Miene wirkte gespielt, doch bei Steven konnte man das nie so genau wissen.
„Wohin führt es?“, fragte Bo.
„Wie funktioniert es?“, entfuhr es Gibbli. Sie bereute ihren Wissensdrang sofort.
Steven drehte sich ihr zu und strahlte sie an. „Indem du zwei Ebenen weiter denkst, mein Schatz. Durch die Stau­chung der Raumzeit. Verstehst du? Gravitation. Es ist auf eine bestimmte Struktur ausgelegt und auf einem gewissen Fre­quenzbereich ist eine beidseitige Kommunikation möglich. Es führt direkt zu unserem Heimatplaneten. Für feste Materie allerdings auch nur dort hin. Einen Weg zurück gibt es nicht. Mein Volk errichtet dieses Portal in jeder Kolonie. Zur Sicher­heit und als schnelle Fluchtmöglichkeit. Die Vorrichtung schirmt das Gravitationsfeld des Portals ab und sorgt dafür, dass die Körper, die es betreten weder zerquetscht werden noch in der Zeit stecken bleiben.“
„Warum hat dein Volk diesen Planeten verlassen?“, fragte Bo neugierig.
„Weil wir gerufen wurden, um Raumschiffe zu besetzen. Für die große Schlacht gegen einen Feind, der eure Vorstel­lungskraft sprengt.“
„Dafür warst du Trottel wohl zu schwach. Ein Feigling bist du!“ sagte Abyss verächtlich.
„Nein. Wir blieben, um die Stadt zu bewachen und damit mein Volk eines Tages, mit einem neuen Raumschiff, zurück­kehren kann. Es ging viele Jahre lang gut, dann mischten sich die Menschen ein. Mara bekam ein Kind mit diesem Mensch­lein, Rod. Von dem zweiten Kind mit Jeff wusste ich nichts und Jeff hat es offensichtlich selbst nicht gewusst, sonst wäre er nicht gegangen. Er liebte Mara. Wir beide taten das. Ihr mögt es vielleicht nicht glauben, aber Oceaner können Liebe empfinden. Ja, das können wir.“ Er blickte Gibbli an und sie hatte das schreckliche Gefühl zu fallen. „Laut meinem Blut­test bist zu einem Viertel eine von uns. Das bedeutet, dein Vater oder deine Mutter war ein Enkel von Maras Kind. Sie muss es bei den Menschen versteckt haben. Es ist sicher längst tot. Ohne unsere Technologie würden wir nicht älter werden, als normale Menschen. Spürt ihr es nicht? Diese Ener­gie umgibt die ganze Stadt. Selbst euer Leben könnte sich um Jahre verlängern, wenn ihr hier wohnen würdet.“
„Und dann opferte sich Mara für Cora und Jeff verließ die­sen Planeten. Ich nehme an, du hast das U-Boot mit Cora vergraben“, schloss Sky.
„Ja. Dieser Rod ist an allem Schuld. Wäre er nicht gewe­sen-“
„-dann wärst du nicht allein.“
„Aber warum gehst du nicht einfach auch durch das Por­tal?“, fragte Bo.
„Weil sie nicht mehr antworten, du dumme Frau“, jammer­te Steven. „Der Kontakt zu meinem Heimatplaneten brach ab. Ich nehme an, wir verloren den Krieg. Das Gegenstück zu die­sem Portal könnte in Feindeshand geraten sein. Vielleicht exis­tiert es auch gar nicht mehr. Im besten Fall ist einfach nur die Übertragung fehlerhaft. Wenn ich hindurch schreite, könnte das vielleicht meinen Tod bedeuten.“
„Wie tragisch“, grummelte Abyss. Und Gibbli wusste sofort, dass er an das gleiche dachte wie sie. Diese Kugel war die Möglichkeit, Steven loszuwerden!
„Allerdings. Sehr tragisch.“ Steven grinste plötzlich wieder böse und drehte sich zu ihm um. „Cora, töte ihn.“
Gibbli schnappte erschrocken nach Luft. Im nächsten Au­genblick sprang Cora auf Abyss zu, warf ihn um und um­schloss seinen Hals mit ihren kleinen, goldenen Fingern.
„Nein!“, schrie Bo.
Während alle Augen auf die schwere Kind-KI blickten, die auf Abyss‘ Brust hockte und ihn röchelnd festhielt, spürte Gibbli, wie etwas Eiskaltes sich um ihren Mund legte, ihren Schrei erstickte und sie dann von den anderen wegzog.
„Stopp! Cora, hör auf! Das ist ein Befehl!“, rief Sky und die KI hielt inne. Dann ließ sie Abyss los, der kaum noch Luft be­kam und hüpfte von ihm herunter.
„Cora versteht nicht! Ich will nicht zwei Kapitäns!“ Verwirrt blickte das Kind Sky an, während Gibbli verzweifelt versuchte, sich Stevens Griff zu entwinden. In ihrem Bauch kribbelte alles und es fühlte sich an, als wäre sie schwerelos.
„Nimm deine dreckigen Finger von ihr!“, krächzte Abyss und alle drehten sich zu Steven um.
Er stand jetzt mit Gibbli kurz vor der Kugel. „Sonst was?“
„ICH REISS DIR DEIN VERFICKTES HERZ RAUS!“, schrie er und warf ein Messer knapp an Stevens Ohr vorbei.
„Nett von dir. Aber ich besitze keins“, sagte der Oceaner er­freut.
Sky packte Abyss am Arm, als dieser ein weiteres Messer aus seinem Mantel zog. „Nicht, das wird Bo schwächen!“ Gleichzeitig hielt er jedoch seinen Strahler auf Stevens Kopf gerichtet.
„Lass mich! Das ist mir verdammt noch mal scheiß egal!“, blaffte Abyss ihn an.
Steven grinste. „Drehen wir das Ganze einfach einmal um. Dann wird das hier gleich viel interessanter, nicht wahr? Ihr tut was ich sage oder ich reiße meinem Mädchen hier ihr kleines Herz heraus.“
Gibblis Körper fühlte sich an, als würde er auseinander ge­zogen und gleichzeitig zusammen gedrückt. Sie hielt dieses Gefühl, das er ihr übermittelte nicht mehr aus! Sie wünschte sich selbst zu zerspringen, wie ein Tropfen Wasser, der auf eine Oberfläche traf.
„Das tust du nicht“, sagte Sky.
„Nein? Nun, mein Mädchen hält viele Schmerzen aus. Und ich bin ein Oceaner, wie ihr uns nennt. Was denkst du, was ich mache?“ Steven zog eines von Abyss‘ Messern hervor und rammte es Gibbli in die Schulter.
Sie krümmte sich vor Schmerzen in seinen Armen.
Abyss brüllte.
„Hm. Noch eins?“ Steven hielt schon das nächste in der Hand. „Du hättest mich nicht mit so vielen von den Dingern bewerfen sollen. Danke auch.“
„NEIN!“, schrie Abyss erneut.
„Steven, tu das nicht!“, redete Sky auf ihn ein.
„Waffe runter, Kapitän.“
Sky senkte langsam seinen Strahler. Währenddessen zog Steven Gibbli weiter zurück, näher an die dunkle Kugel heran. Die Klinge in ihrer Schulter pochte schmerzhaft.
Der Oceaner nickte Abyss zu. „Die Geige. Na los Mensch, heb sie auf! Und Nu.“
Abyss warf ihm einen giftigen Blick zu, als Steven Gibbli näher an sich presste und sie versuchte, ein gequältes Wim­mern zu unterdrücken. Dann bückte er sich und nahm das In­strument, sowie den Bogen.
„Nein!“, rief Bo erzürnt. „Steven, wenn du sie tötest, werde ich ihr mein Leben schenken und dann wirst du verwundbar sein! Ich habe Skys Bein geheilt, im Aufzug. Ich weiß wie es funktioniert!“
„Das wird dir, zu meinem tiefsten Bedauern, nichts nützen, wenn ich sie einfach mit mir ins Portal ziehe.“ Steven nickte mit dem Kopf hinter sich, auf die schwarze Kugel. „Wie ich be­reits sagte, es ist nicht auf eure Struktur ausgelegt und mein Mädchen ist nun mal leider zum Teil ein Landmensch. Sie würde den Durchgang nicht überleben. Ich könnte es. Also los! Ich will die Musik hören.“
Sky blickte Steven mit offenem Mund an. „Steven, nein. Du willst dort gar nicht durch“, sagte er leise.
„Spiel für uns, Abyss. Spiel die Melodie des Todes.“
Gibbli fing an zu zappeln und schrie. Das durfte er nicht! Abyss durfte nicht sterben! Die anderen durften nicht ihretwe­gen sterben!
„Es ist ganz leicht, Abyss. Entweder spielst du oder ich bringe sie um. Du kannst es dir aussuchen.“
Abyss zögerte, blickte Gibbli an. Sie schüttelte verzweifelt den Kopf, doch seine Miene verriet ihr, dass er es tun würde.
„SOFORT!“, schrie der Oceaner.
„Ich… ich spiele.“
Gibbli hörte auf zu zappeln, als seine grauen Augen sich in die ihren bohrten.
„Abyss“, flüsterte sie und spürte eine Träne langsam über ihre Wange kriechen.
Er verzog seinen Mund zu einem traurigen Lächeln, wäh­rend er die Haare des Bogens mit einem Drehknopf fester ein­spannte.
Steven schnaubte ungeduldig.
Seelenruhig ging Abyss in die Hocke. Einige seiner blonden Strähnen warfen düstere Schatten auf seine helle Haut, als sie ihm ins Gesicht rutschten. Er zog eine kleine Dose aus seinem Koffer. Kolophonium stand auf dem Deckel. Er öffnete ihn und begann damit, die Haare des goldenen Bogens langsam mit Harz zu bestreichen. Steven wirkte, als würde er jeden Moment explodieren, dennoch wartete er geduldig. Dann ver­gaß Gibbli ihn, nahm den Oceaner kaum noch wahr. Wie hyp­notisiert folgte sie Abyss‘ langen Fingern. Alles um sie herum schien zu verschwimmen und die Zeit dehnte sich wie zäher Gummi. Sie sah nur noch ihn. Abyss. Schließlich, eine halbe Ewigkeit später, stellte er die Dose beiseite, stand auf und blickte wieder hoch, direkt in ihr Gesicht.
„Für dich“, sagte er leise.
Dann erhob er seine Geige, ohne sie dabei aus den Augen zu lassen.
Gibbli bemerkte, wie Sky weiter hinten ebenfalls seine Waffe hob und sie langsam auf Abyss richtete.
Für einen Moment lockerte Steven zufrieden seinen Griff. Das nutzte Gibbli sofort aus. Mit einem Ruck riss sie sich los, wirbelte herum und stieß ihn mitten in das Portal hinein.
Die Kraft, mit der er sie in seiner Anwesenheit zu Boden drückte, verschwand. Geschafft! Steven war besiegt! Fort!
Für einen kurzen, wunderbaren Moment, dachte sie, ihn für immer los zu sein. Dann spürte Gibbli seine frostigen Finger an ihrem Handgelenk. Er umschloss es, fest wie eine Maschine.
„GIBBLI!“ Abyss rannte auf die Kugel zu.
Sie drehte sich noch in seine Richtung, doch da wurde sie schon mitgerissen.
Eine unsichtbare Kraft zog Gibbli in ein lichtloses Loch hinein, weg von den anderen. Weg von Abyss. Immer kleiner wurde die Öffnung. Weit entfernt sah sie die Stadt Ocea und die Crew der Mara auf der Plattform. Durch den schrumpfen­den Eingang erblickte sie Abyss‘ große Gestalt. Er stand direkt davor, seine Geige und den oceanischen Bogen noch immer in der Hand und verzweifelt auf die Kugel starrend.
Er richtete sich auf und straffte fest entschlossen seinen Körper. Mit angespannten Muskeln legte er sich das Instru­ment unter sein Kinn, hob den Arm und schloss seine Augen.
Dann setzte er den goldenen Bogen an, zum ersten Ton.

 

Wenn du möchtest, ist die Geschichte hier zu Ende. Aber wenn dir die Crew der Mara auch so sehr auf die Nerven geht wie mir, wenn sie einfach nicht mehr aus deinem Kopf raus möchte, egal was du tust, um sie loszuwerden, dann merk dir diesen Blog und lies in ein paar Wochen im zweiten Teil weiter: „Bis in die tiefsten Abgründe“

Ich verspreche dir, es wird noch düsterer, noch tiefer und noch fieser. Denn ich werde Kapitän Sky und seine Crew in jeden Abgrund werfen, den ich finden kann, vielleicht verschwinden sie dann ja endlich.

Socke, Dezember 2018

Ich freue mich über jeden Pieps deiner Anwesenheit hier. Schreib mir doch einen Kommentar. Was denkst du gerade?

 

 

„Licht ist hell und blendet.
Ich komme in der Dunkelheit.“

Abyss

 


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Kapitel 24: Verborgen in der Tiefe (Bis in die tiefsten Ozeane)

„Gibbli? Nox?“, flüsterte jemand. „Ich bin hier!“
Gibblis Blick folgte der Stimme und sie sah Bo in einem der zwölf Zellensegmente. Ihre dünnen Arme umklammerten das Ocea-Buch. Die Soldaten hatten es nicht geschafft, es ihr wegzunehmen.
„Sind die anderen auch hier?“, fragte Gibbli und rannte auf sie zu.
„Nein. Alle Zellen hier sind leer. Man brachte Abyss weiter hinab, ich weiß nicht wohin. Vielleicht ist Sky auch dort.“ Bo deutete auf eine Treppe, die hinter dem Fahrstuhl begann. „Ist Cora bei euch?“
„Cora? Nein, blieb sie nicht auf der Mara?“ Gibbli steckte die Karte in das Schloss, während Nox weitere Gegenstände zum Aufzug schleppte, um diesen zu versperren.
„Als wir aufwachten, war sie verschwunden. Ich dachte, sie ging mit dir und Sky mit auf den MARM!“, sagte Bo, als die Gittertür aufsprang. „Ich hab noch mein Buch geholt und Abyss seine Geige. Er wollte sie unbedingt mitnehmen. Und dann sind schon die Soldaten aufgetaucht. Ich hab es nicht losgelassen, siehst du?“ Bo strahlte sie an und hob das Buch hoch.
„Was ist mit deiner Wunde?“, fragte Gibbli, die bemerkte, dass das Gerät an Bo’s Brust zu leuchten begann. Augen­blicklich verringerten sich die schmerzlichen Nachwirkungen von den Schlägen ihres Vaters.
„Ist schon fast weg. Abyss hat extra nahe auf das Mara­hang gezielt, damit sie schnell verheilt. Gibbli, ich muss dir et­was sagen.“
„Musst du nicht! Beeilt euch!“, rief Nox ihnen zu.
„Es ist wichtig!“, widersprach Bo.
Gibbli blickte sie erwartungsvoll an, während Nox auf seine Halbschwester zutrat.
„Nox, sie hat ein Recht darauf! Du darfst nicht in die Stadt, Gibbli“, sagte Bo wieder.
Der Tiefseemensch schüttelte wütend den Kopf und Gibbli war sich sicher, dass er mit ihr in Gedanken sprach.
„Nein, ich hab es geträumt, sie muss es erfahren!“
Nox packte Bo schroff an den Schultern und sah sie mit einem Blick an, der Gibbli die Haare aufstellte. Doch Bo schien unbeeindruckt davon.
„Aber der Traum im Krankenhaus stimmte auch. Ich träumte, dass wir ins Wasser gehen und ich bin nicht gestor­ben, es ist alles eingetroffen!“
Wieder schüttelte Nox den Kopf.
Und jetzt tat Bo es ihm gleich. „Nein! Es ist mir egal, ob die Landmenschen von unserer Gabe erfahren!“
„Hört auf damit!“, rief Gibbli gereizt. Sie wollte weiter. Sie mussten die anderen retten. Sie vertrödelten hier viel zu viel Zeit!
„Sie wird sterben!“, schrie Bo jetzt ihren Bruder an, dann wandte sie sich an Gibbli. „Ich wollte es dir schon früher sa­gen, nur ich traute mich nicht, wegen Sam. Wir müssen sie doch retten, er wird sie töten, wenn du nicht auftauchst, aber du wirst dort-“
„SEI STILL!“, schrie jetzt Nox laut dazwischen. „Du nicht seinkannst dir sicher. Niemand von uns kann. Es ist eine Wahrscheinlichkeit. Der Moment bestimmt die Abzweigung. Der Abstand zuweitist dort hin, um es zuwissen sicher. Wir nicht beeinflussenlassen dürfen uns davon!“
„Sag es ihr Nox! Es wäre sonst nicht fair.“
„Pah, fair. Du zulang warst bei diesem Sky.“ Er seufzte. „Tiefseemenschen sind zu blicken in der Lage durch den… Trichter.“
„Trichter?“, fragte Gibbli.
„Es ist nur ein Vergleich, du musst denken mit einer Ebene mehr. Bo, sie nicht versteht es, sie ist ein Landmensch, wei­terlasst uns endlich!“ Er ballte die Fäuste und trat wütend ein paar Schritte von ihnen weg.
„Er meint Zeit, Gibbli. Wir können das nicht immer, nur manchmal passiert es im Schlaf.“
„Also hast du in einem Traum vorhergesehen, wie ich ster­be, in Ocea?“
„Ja!“, antwortete Bo.
Gibbli blickte zu Nox, der sie jetzt beinahe flehend ansah. Sie erinnerte sich an die Raumzeit-Theorien aus einem der zahlreichen Physikkurse an der Akademie. Ein Knacken ließ sie herum fahren. Der Aufzug ruckelte und klemmte den Tisch ein. Er hielt dem Druck stand, aber es war nur eine Fra­ge der Zeit, bis er bersten würde. Zeit, dachte Gibbli grimmig. Nox hatte Recht. Es war nur eine Wahrscheinlichkeit. Bo’s Traum musste nicht zutreffen. Sie konnten jetzt nicht einfach umkehren. Die Soldaten waren hinter ihnen her.
„Weiter“, sagte Gibbli entschlossen.
Bo zögerte, dann zwang sie ihren Mund zu einem schauri­gen Lachen. Mit dieser Fratze sah sie beinahe so erschreckend aus wie Nox, obwohl ihr Aussehen sonst eher dem eines Landmenschen ähnelte. Und mit einem Schlag wurde Gibbli etwas klar. Warum war ihr das vorher nie aufgefallen? Nun, sie war nicht gerade gut in solchen Dingen. Durch die Erfah­rungen in Bo’s Körper, hätte sie eigentlich längst bemerken müssen, dass die blauhäutige Frau nur schauspielerte. Siehst du die Maske lachen?, dachte Gibbli traurig. Bo’s kindisches Verhalten, ihre angestrengte Neugierde, ihr gespielt fröhliches Gesicht. All das tat sie nur ihrer Halbschwester zuliebe, weil diese wollte, dass sie glücklich war. Weil diese ihr Leben für sie eingesetzt hatte, um ihr all das hier zu ermöglichen.
Nox nickte. „Also weiter, für Sam.“
Und um Steven zu töten, fügte Gibbli in Gedanken hinzu.
Die drei rannten zur Treppe und hasteten nach unten. Der Abgang war so eng, dass sie hintereinander gehen mussten. Am Ende der Stufen versperrte ihnen eine schwere Stahltür den Weg. Gibbli blickte an Nox vorbei und suchte die Oberflä­che ab. Es gab weder eine Konsole noch einen Anschluss für Chipkarten oder ein EAG. Einzig eine Art Hebel befand sich am Rand, welcher sich aber nicht heraus ziehen ließ. Darunter gab es ein kleines Loch. Als auch Gibbli ratlos mit den Schul­tern zuckte, warf Nox sich mit aller Kraft gegen die Tür. Nach mehreren Versuchen musste er jedoch aufgeben.
Über ihnen krachte es.
„Das war der Tisch“, knurrte Nox und versuchte es noch ein letztes Mal.
„Ich glaube, der Aufzug fährt jetzt zurück“, flüsterte Bo, die noch ein paar Stufen höher stand. „Warum geht ihr nicht wei­ter?“
„Es gibt keinen Durchgang“, sagte Gibbli. „Wir müssen zu­rück!“
„Das kann doch nicht euer Ernst sein!“ Bo zwängte sich mit verständnislosem Blick an ihnen vorbei, drückte den Griff nach unten und die Tür schwang einen Spalt breit auf.
„Man muss den Hebel nach unten drücken?“, fragte Nox überrascht.
„Verrückt“, flüsterte Gibbli kopfschüttelnd. Wer dachte sich denn so einen Unsinn aus? „Und das Loch unter dem Hebel? Steckt man da ein Kabel rein?“
Bo verdrehte die Augen. „Das ist ein ganz normales Schlüsselloch. Was? So etwas kennt ihr nicht? Überall dieses Technikzeug und ihr kriegt keine einfache Tür auf? Das glau­be ich ja nicht! Wenn sie zugesperrt ist, steckt man einfach einen Schlüssel rein, dreht ihn um und es ist offen. Kann doch nicht sein, dass ihr nie davon gehört habt? An Land gibt es nur solche Türen.“
„Die benutzen rein mechanische Türen über dem Wasser?“, fragte Gibbli ungläubig.
„Ja, es gibt welche aus Holz und aus Plastik und aus-“
„Kommt schon, weiter“, unterbrach Nox sie.
Zusammen schoben sie die schwere Tür auf. Gibbli konnte gerade noch ein sägendes Geräusch wahrnehmen, das aber sofort verstummte. Hinter der seltsamen Tür befand sich ein schwach beleuchteter Raum mit nur zwei Zellen an einer Sei­te. Auf der anderen Seite stand ein Tisch und hinter diesem stapelten sich Fässer bis hin zur Außenwand.
Bo nickte Nox zu. Offensichtlich hatte er sie lautlos irgendetwas gefragt. Dann begannen die beiden einige Fässer vor die Tür zu schleppen, um mehr Zeit zu gewinnen.
Währenddessen trat Gibbli langsam an eine der beiden Zel­len heran. Diese lagen halb im Schatten und es war nicht zu erkennen, ob sich jemand darin befand. Sofort stellte sie fest, dass die alte Chipkarte hier nichts bringen würde. An den Git­tern waren Riegel angebracht, mit einem ähnlichen Loch, wie auf der altmodischen Tür, durch die sie eben herein gekom­men waren.
Bevor Gibbli die Zelle mit dem Licht ihres EAGs absuchen konnte, tauchte ein großes Gesicht aus den Schatten auf. Sie erschrak, als sie ihn erkannte. Seine Haut war leichenblass und Blut rann ihm über eine Wange. Ein Teil der blonden Haare, die sich aus seinem Zopf gelöst hatten, war rot durch­tränkt. Jack hatte nicht gelogen, was seine Verhörmethoden betraf.
„Abyss“, flüsterte Gibbli und umklammerte die Gitterstäbe.
Er lebte! Sie fühlte sich plötzlich so leicht und gleichzeitig brach all die Wut über sie herein. Sie wollte wieder vor ihm zurückweichen, aber er packte ihre Handgelenke, sodass sie nicht mehr loslassen konnte. Sie spürte den kalten Griff eines seiner Messer an ihrer Haut, das er in der Hand hielt. In einer der Gitterstangen befand sich eine kleine Kerbe. Offenbar hat­te Abyss versucht, diese durchzusägen. Gibbli fragte sich, wie er es immer wieder schaffte, diese Dinger überall mit hinein zu schmuggeln. Er grinste sie an und es fiel ihr schwer, ihre Trä­nen zurückzuhalten.
„Warum?“, fragte sie, als würden die beiden ein Gespräch fortsetzen und schüttelte leicht den Kopf.
Sein Grinsen erstarb. „Wer war das?“
„Mein Vater. Sag mir warum!“
„Tja, dann ist ja jetzt klar, von welcher Seite aus du das oceanische Blut hast.“
„Warum, Abyss?“
„Es musste echt wirken, okay?“
„Also… also traust du mir nicht zu, eine Geisel zu spielen?“
„Nein. Nein das tu ich nicht!“, rief er laut. „Du bist kein gu­ter Schauspieler, Gibbli. Du bist gut im Dinge verschweigen, aber auf deinem Gesicht kann man Gefühle lesen, als hätte sie dir jemand auf die Stirn geschrieben. Und ja, ich hätt’s dir vor ein paar Tagen vielleicht noch zugetraut. Aber so bist du nicht mehr. Du bist jetzt mutiger.“
Daraufhin wusste Gibbli nicht, was sie sagen sollte. Stimmt, sie hatte sich verändert. Und Abyss war verdammt gut im Einschätzen von Menschen, auch wenn ihn das meis­tens nicht interessierte. Aber was hatte das damit zu tun, dass er ihr etwas vorgespielt hatte?
„Du hättest die Angst vor uns nicht spielen können, weil du keine mehr hast“, fuhr er fort. „Die hätten das sofort gemerkt.“
„Ach und da hast du einfach entschieden, dass ich das nicht kann?“, fragte sie bissig. Sie wusste, dass er Recht hatte, doch am liebsten hätte sie ihn geschlagen dafür, dass er so mit ihr umgegangen war.
Abyss ließ ihre Handgelenke los und blickte suchend an ihr vorbei. „Wo habt ihr eigentlich die Tauchanzüge?“
„Welche Tauchanzüge?“, fragte Bo von hinten.
Seine Augen verengten sich zu Schlitzen. „Gibbli, hast du meine zweite Nachricht nicht erhalten?“
Sie blickte auf ihr EAG und suchte in den Dateien nach einer weiteren Nachricht. Tatsächlich, da war noch eine. Sie startete die Aufnahme und Abyss‘ Gesicht tauchte auf dem Bildschirm auf. „Ach ja und vergiss die Taucheranzüge nicht, es geht tief runter.“
„Oh“, sagte Gibbli. Plötzlich kochte etwas in ihr hoch. Warum verdammt hatte er diese dummen Anzüge nicht selbst besorgt? Wie hätte sie denn die bitte beschaffen, geschweige denn, sie im Feuergefecht hier mit nach unten bringen sollen? Wer hatte denn die dämliche Idee gehabt, den Tod der halben Crew vorzuspielen?
„Ja, oh. Wie sollen wir jetzt diesen Gang hinab tauchen?“, fuhr er sie an.
Ein klatschendes Geräusch hallte durch die Zellen, gefolgt von einer unheimlichen Stille. Gibbli hatte ihn, zwischen den Gitterstäben hindurch, mitten auf die Wange getroffen, unge­achtet des Blutes, das noch immer an ihm herab tropfte.
„Zum ersten Mal in meinem Leben gab es jemanden, dem ich vertraute. Ich habe dir vertraut, Abyss!“ Wütend starrte sie ihn an und fing an leise zu sprechen: „Ich gab dir die Macht, mich mehr zu verletzen, als jeder andere dieses Planeten zu­sammen es könnte. Und du hast sie missbraucht. Du hast ge­nau das getan, was der Grund war, warum ich nie Freunde wollte. Du spieltest mir vor, dass alles nur eine Lüge war, dass du mich ausgenutzt hättest! Du brachtest Bo um! Hast mich im Glauben gelassen, du seist tot und jetzt machst du mir Vorwürfe, weil ich deine scheiß Nachricht nicht sah UND DIE­SE DUMMEN TAUCHANZÜGE NICHT DABEI HAB? Du bist unglaublich… du… du warst mein Bruder, du…“ Erschrocken brach sie ab. Was verdammt noch mal war in sie gefahren? Vor all den anderen so zu herum zu schreien…
Abyss blickte sie betroffen an. „Es war eben ein dummer Plan“, sagte er dann. „Hört sich doch ganz nach mir an.“
„Ja… Ja.“
„Könntet ihr… das… bitte… später klären?“, fragte eine raue Stimme aus der Nachbarzelle. Gibbli sah seine Umrisse im Schatten liegen. Die schwarzen Augen ihres Kapitäns wirkten in der Dunkelheit fast wie tiefe Löcher und scheinbar wollte oder konnte er nicht aufstehen.
„Ich… ich weiß nicht wie die Gitter aufgehen“, sagte Gibbli leise. „Die Chipkarte funktioniert bei diesen Schlössern nicht.“
„In meinem Mantel findest du noch eine der Festluftbom­ben“, sagte Abyss, als wäre es selbstverständlich so etwas ge­fährliches bei sich zu tragen und zeigte an ihr vorbei. „Er liegt da hinten.“
Gibbli drehte sich um. Bo half Nox noch immer die schwe­ren Fässer vor die Tür zu wuchten. Der Geigenkoffer stand neben Skys großer Holzkiste, den die Soldaten unter einen Tisch gerollt hatten. Auf diesem lag Abyss‘ Mantel.
Sie stürzte darauf zu und suchte in den vielen Innenta­schen nach der kleinen Bombe. Nachdem ihre Finger einige Messer ertasteten, fand Gibbli was sie suchte.
„Du musst nur die Blockade aus dem Schlauch raus zie­hen. Dann dauert es etwa drei Sekunden. Hm, naja, manch­mal auch mehr oder weniger. Wenn du sie zwischen unseren Zellen platzierst, sollte es klappen.“
Sie nickte. „Geht zurück.“
Abyss wich an die Wand zurück und Sky zerrte sich an den Gitterstäben entlang weiter nach hinten, in eine Ecke. Dann zog Gibbli das Metallstück heraus. Sie schaffte es gera­de noch weit genug weg, bevor das Ding explodierte und einen großen Teil der Gitterstäbe mit sich riss.
Es hatte funktioniert, die beiden waren frei!
„Null Plan von Technik… aber so etwas… bekommt er hin“, brachte Sky hervor, während sich der Staub langsam legte.
„Ein paar Versuche waren schon nötig dafür“, erwiderte Abyss.
„Ein paar Versuche?“, rief Bo hustend, irgendwo von den Fässern aus. „Als ihr bei den Tiefseemenschen wart, hätte er mit seinen Experimenten fast die halbe Mara in die Luft ge­sprengt!“
Sky zog sich an den Gitterstäben hoch, verzerrte dann das Gesicht und sank wieder zu Boden. Abyss trat aus seiner Zelle heraus, drückte Gibbli sein Messer in die Hand, um dann zu Sky zu eilen, vor dessen Seite er sich niederkniete.
Ein wenig nervös trat Gibbli an die beiden heran. Im Licht ihres EAGs erblickte sie Sky am Boden. Die Narbe, die Nox damals verursacht hatte, trat deutlich aus seinem Gesicht her­vor. Jemand hatte sich an ihr zu schaffen gemacht und die Kratzer erneut aufgerissen. Seine Kampfmontur hing teilweise zerrissen an ihm herab und wurde von einer großen Wunde an seiner Schulter mit Blut durchtränkt. Den beunruhigends­ten Anblick gab sein Bein ab. Es lag halb verdreht da und stand in einem Winkel ab, der normalerweise nicht möglich war.
Abyss sah aus, als fühlte er sich schuldig. „Sky, es… das hätte mich treffen s-“
„Halt… die Klappe“, unterbrach ihn der Kapitän.
„Bo!“, rief Abyss. „Komm her!“
Bo eilte herbei und an Gibbli vorbei zu Sky. Hinter sich hör­te Gibbli, wie Nox an sie herantrat. „Die Fässer aufhalten sie nicht lange. Wir wegmüssen. Sofort!“, murmelte er leise.
„Du musst es grade biegen!“, sagte Abyss an Bo gewandt.
„Was? Nein!“ Bo blickte ihn unsicher an. „Ich… ich hab so was noch nie gemacht. Was, wenn ich es kaputt mache? Ich mache es bestimmt kaputt! Es ist-“
„Schweig!“, krächzte Sky und unterbrach ihren Wort­schwall. „Sehe ich… da… Angst? Ein Tiefseemensch kennt kei­ne… Angst. Du kannst das Bo!“
Bo’s Ausdruck änderte sich schlagartig. „Halt ihn fest“, sag­te sie kalt und blickte entschlossen zu Abyss auf.
Abyss nickte.
Gibbli zuckte zusammen, als ein ekliges Knacken durch den Raum hallte, gefolgt von Skys Aufschrei.
Nach ein paar Sekunden schien es ihm besser zu gehen. Mit geschlossenen Augen hielt er sein Bein fest und versuchte tief durchzuatmen.
Gibbli reichte Abyss sein Messer zurück. Er steckte es kur­zerhand in ihren Stiefel. „Behalt es. Vielleicht ist es dir noch nützlich.“
Sie freute sich so sehr, ihn wieder zu sehen. Lebendig, wenn auch etwas mitgenommen. Aber er stand wieder an ihrer Seite und das nicht als Verräter. Dass sie ihn gerade geschlagen hatte, schien er völlig zu ignorieren. Blutverschmiert lachte sein blasses Gesicht sie an und Gibblis Mundwinkel zogen sich für eine Sekunde nach oben. In seinen grauen Augen erkannte sie, dass er es bemerkt hatte. Sie kämpfte gegen das Verlangen an, ihn einfach zu umarmen. Abyss hob einen Arm, als hätte er denselben Gedanken. Dann hielt er sich jedoch zurück und legte seine Hand nur kurz auf ihre Schulter, um sie sofort wie­der zurück zu ziehen und sich von Gibbli wegzudrehen. Na­türlich wusste er, dass sie es verabscheute berührt zu werden. Dennoch fühlte sich Gibbli ein klein wenig enttäuscht und wünschte sich fast, er hätte es doch getan.
„Und jetzt?“ Bo blickte sich ratlos um.
„Wir müssen hinunter tauchen“, sagte Nox.
„Und wie?“, fragte Abyss.
„Seid still!“, befahl Sky und zog sich an den Gitterstäben hoch. Bo atmete durch ihre Zähne aus und Gibbli sah ihr an, dass es ihr nicht recht war, dass er jetzt schon aufstand. „Wir müssen den Gang erst einmal finden.“
Der Kapitän humpelte aus der Zelle. Abyss machte eine ungläubige Handbewegung und auch Nox hielt sich kurz die Hand vor Augen, schüttelte dann den Kopf und folgte ihm. Sky schnallte sich seine Taschen um, während Abyss sich den Mantel umwarf und nach seinem Geigenkoffer griff.
„Warte, ich kann das Ding doch auch ziehen! Soll ich dir helfen?“, fragte Bo, als Sky seine Kiste mit größter Anstren­gung unter dem Tisch hervorschob.
„Fass sie nicht an!“
„Und schon ist er wieder am rumkommandieren“, grum­melte Abyss.
„Ich bin euer Kapitän, vergiss das niemals!“, knurrte Sky ihn an. „Schafft die restlichen Fässer hier beiseite! Ich habe da et­was aufblitzen sehen!“
Sie machten sich an die Arbeit und tatsächlich befand sich hinter den Fässern eine runde Falltür im Boden.
„Wie funktioniert das?“, fragte Bo, als sie um die Öffnung herumstanden.
Ein großes Rad prangte darauf und schimmerte in golde­nem Metall. Sky ließ sich umständlich zu Boden fallen und drückte an der Tür herum. Schließlich drehte er das Rad mit aller Kraft. Es gab nach und quietschte leise, ansonsten pas­sierte nichts.
„DNA gesichert?“, fragte Abyss.
„Los!“, Sky sah Gibbli auffordernd an.
Sie steckte ihr EAG weg und kniete sich an der Öffnung nieder. Ob es wieder wehtun würde? Nach kurzem Zögern fasste Gibbli mit beiden Händen den glänzenden Balken des Rades und drehte es. Unter ihren Fingern rastete der Me­chanismus ein. Mit jedem Stück klickte es, wie ein alter We­cker den man aufzog. Das Metall unter ihren Fingern erhitzte sich kein bisschen. Schließlich rastete der Mechanismus ein und hob sich leicht nach oben. Die anderen fassten mit an und die runde Luke öffnete sich langsam.
Darunter befand sich eine breite Röhre, die gerade hinab führte und in einem runden Raum endete. An der Innenseite ragten kleine Griffe empor, mit deren Hilfe man nach unten klettern konnte.
Sie erschraken, als draußen jemand an der Tür rüttelte und diese gegen die Fässer knallte, mit denen Nox und Bo den Eingang verrammelt hatten.
Fast in derselben Sekunde hielt Sky schon seinen Strahler in der Hand. „Ich gehe als letzter. Macht schon!“
Nox sprang als erstes nach unten und landete leichtfüßig in dem Raum. Bo hüpfte ihm hinterher. Danach kletterten Gibbli und Abyss mit seinem Koffer durch die Röhre hinab. Dann hörten sie, wie einige Fässer umfielen.
„Die Kiste!“, rief Sky über ihnen, schob seinen schweren Holzkasten in die Röhre und ließ sie langsam herab gleiten.
Abyss und Nox fingen sie auf. Gibbli sah, wie Sky sich von der Öffnung wegdrehte. Stimmen ertönten und ein Schuss fiel. Eines der Fässer rollte irgendwo durch den Raum. Dann schob sich Sky in die Röhre. Gibbli sah, wie oben die Gesichter von Soldaten auftauchten. Der Kapitän packte die runde Luke und hängte sich mit vollem Gewicht daran, so dass sie zurück nach unten fiel. Ein Mann schrie, offenbar hatte er sich die Finger an der Öffnung eingequetscht. Jemand trommelte dumpf dagegen, während Sky noch an dem Rad baumelte, das sich baugleich wie außen auch auf der Innenseite befand. Doch der Mechanismus war eingerastet und unverrückbar fest. Ihr Kapitän hangelte sich an den Griffen entlang durch die Röhre nach unten, dann ließ er sich in den Raum fallen.
„Verflucht!“ Er packte sein Bein und taumelte rückwärts an die gebogene Außenwand.
„Sky, der Schuss, bist du-“
„Nein. Einer der Soldaten ist umgekippt, ich habe ihn ge­troffen“, unterbrach er Bo und sank erschöpft auf den Boden.
Gibbli sah sich in dem Raum um. Er war zylinderförmig rund und breit, jedoch sehr niedrig, vielleicht knapp über zwei Meter. Abyss konnte gerade noch stehen, ohne mit dem Kopf an die Decke zu stoßen.
„Hier drin befindet sich gar nichts. Es geht nirgendwo wei­ter“, sagte Bo enttäuscht.
Sky, wischte mit einer Hand durch die Luft, als fange er eine Fliege ein, während Abyss das goldene Rad ergriff und die zweite Luke am Ende der Röhre über ihnen schloss.
„Falls sie oben durchkommen“, sagte er.
Im selben Moment fingen hunderte kleiner Kugeln in der Luft um sie herum an aufzuglühen. Sky öffnete seine Faust und eines der Pünktchen leuchtete ihm entgegen.
„Kleine Sonnenstücke… Wie auf der Mara“, sagte er.
Dann hörte Gibbli ein Geräusch, welches ihr sofort das Ge­fühl gab zu fallen.
„Wasser!“, rief sie erschrocken.
„Wo?“, fragte Abyss und sah sich um.
„Ich höre es ebenfalls“, sagte Nox. „Ein Rauschen. Irgendwo eindringt Wasser.“
Bo fing an, die goldenen Wände abzutasten. „Hier ist alles trocken.“
Abyss legte eine Hand an die Decke. „Ich glaub, es fällt auf uns drauf.“
„Es rinnt die Außenwände hinab“, sagte Sky
Ohne Vorwarnung durchfuhr ein Rütteln den ganzen Raum und für einen kurzen Moment fühlte Gibbli sich wirk­lich so, als fielen sie nach unten. Abyss taumelte leicht, wäh­rend Bo und Nox an den gebogenen Wänden Halt suchten. Gibbli hielt sich an Skys Kiste fest.
„Das ist ein Aufzug. Der ganze Raum ist ein Aufzug!“ Sky grinste. „Wir bewegen uns in den Boden hinein.“
Nach ein paar Minuten wurde ihnen klar, dass dies wohl länger dauern würde. Gibbli setzte sich neben Abyss, während der Kapitän Bo erlaubte, sein Bein noch einmal anzusehen. Doch ohne Verband und Medikamente konnte sie nicht viel ausrichten. Das Marahang musste reichen. Einzig Nox stand mit verschränkten Armen da und ließ seinen düsteren Blick durch den Raum schweifen, als erwartete er jeden Moment einen Angriff.
„Jetzt mal im Ernst, was ist da drin?“, fragt Abyss nach ei­ner Weile.
„Das hast du mich schon einmal gefragt“, knurrte Sky.
„Und?“
„Und ich habe dir schon einmal gesagt, dass dich das nichts angeht.“
Gibbli bemerkte, dass es Abyss langsam langweilig wurde. Das war nicht gut. Gar nicht gut.
„Ich könnte sie einfach aufmachen“, sagte er angriffslustig.
„Ich könnte dich einfach erschießen“, erwiderte Sky.
„Wegen einer alten Dreckskiste?“, stichelte Abyss.
Sky hob seinen Strahler und zielte auf ihn.
„Hört doch auf!“, Bo begann in dem niedrigen Raum auf und ab zu gehen. „Immer diese Streiterei. Könnt ihr nicht ein­fach normal miteinander reden?“
Abyss blickte sie düster an, während Sky zögernd seine Waffe wegsteckte.
In Gibblis Ohren begann es leicht zu klicken. „Die Luft än­dert sich“, flüsterte sie.
„Druckausgleich!“, befahl Sky und riss kurz den Mund auf, während er sich an seine Ohren fasste. Dann zog er sein EAG aus der Tasche, um die Änderungen zu prüfen. „Das geht viel zu schnell.“
„Was bedeutet das?“, fragte Abyss.
„Dass wir irgendwann in einer blutigen Masse enden, wenn es nicht aufhört“, antwortete der Kapitän.
„Was? Warum? Ich möchte nicht in einer blutigen Masse enden“, sagte Bo. „Dann kann ich Sam nicht mehr sehen!“
„Du bist bereits ohne Druckanzug getaucht, du wirst es überstehn“, grummelte Abyss.
Nach einer Weile fühlte sich Gibbli leicht benommen. Die Temperatur sank langsam und das Atmen fiel ihr zunehmend schwerer. Sie fühlte sich an diesen schrecklichen Traum mit Rod erinnert. Rod, der Mara packte. Mara, die keine Luft mehr bekam.
Gibbli schnappte nach Luft.
„Hey!“, hörte sie Abyss neben sich sagen. „Gibbli!“ Vor ihren Augen verschwammen die Schemen der anderen und wurden dann wieder klarer. Sie bemerkte, wie Abyss‘ Oberkörper leicht hin und her schwankte. „Das passiert nicht wirklich hörst du! Ich bin… bei… dir. Ich… bin…“ Während er sprach, wurden seine Worte immer langsamer. Dann brach er ab. Die Augen fielen ihm zu und sein Kopf sackte zurück gegen die Wand, an der er saß.
Panik stieg in ihr hoch. „Mir ist schwindlig“, sagte Gibbli und hielt ihre Stirn mit beiden Händen fest. Sie versuchte aufzuste­hen und merkte, dass ihre Bewegungen mehr Kraft als sonst erforderten. Die Luft erschien so zäh, fast greifbar. Langsam wurde es bitterkalt.
„Nein! Bleib sitzen!“ Sky streckte vom Boden aus die Hand nach ihr aus. „Bo, halt sie… am Boden, sie wird… umkippen.“ Gibbli spürte, wie Bo plötzlich über ihr stand und sie sanft da­von abhielt aufzustehen. Weder sie noch Nox schienen etwas von den Auswirkungen auf die Druckänderungen zu spüren.
„Die Zusammensetzung… der Luft… ändert sich“, brachte Sky hervor, den Blick auf sein EAG gerichtet. „Hier drin… muss… irgendwo… eine… Öffnung…“
Wieder verschwamm alles um Gibbli herum.
 
Als sie erwachte, schienen nur ein paar Minuten vergangen zu sein. Gibbli lehnte noch immer an der gebogenen Wand. Die Zusammensetzung der Luft hatte sich verändert und Gibbli konnte wieder atmen, doch der Druck war gleich hoch und ihre Bewegungen nur langsam. Sie sah eine fast weiße Gestalt regungslos auf der anderen Seite des Raums liegen. Sein ehe­mals gebrochenes Bein stand angewinkelt am Boden. Schein­bar konnte er es wieder abknicken. Skys Lippen hoben sich kaum mehr von seiner Haut ab und sein schwacher Atem ge­fror an der eiskalten Luft. Mit offenen Augen starrte er gera­dewegs zur Decke.
„Warum?“, fragte er leise und ohne sich zu bewegen.
Zwei Schritte weiter saß Bo erschöpft an einer Wand. „Du bist unser Kapitän“, flüsterte sie kraftlos.
Nox kniete neben seiner Schwester und blickte sie schein­bar halb wütend, halb besorgt an. Das Marahang an ihrer Brust drehte sich wahnsinnig schnell und leuchtete so hell, dass es die Sonnenstücke im Raum um ein Vielfaches über­strahlte.
Gibbli schlang zitternd die Arme um ihre Füße. Auch vor ihrem eigenen Mund bildete sich ein weißer Hauch beim Aus­atmen. Neben ihr nahm sie eine Bewegung war. Sie drehte langsam den Kopf. Abyss war wach und blickte sie müde an. Er wirkte erschöpft.
„Bist du okay?“, fragte er leise.
Gibbli nickte leicht.
„Wir atmen jetzt die oceanische Luft der Kolonie. So muss es sich auch auf ihrem Planeten anfühlen“, raunte Abyss ihr zu. „Ich glaub es wird noch kälter. Aber an der Luft scheint sich nichts mehr zu ändern und der Druck bleibt konstant.“
Beunruhigt blickte Gibbli zu den anderen hinüber. „Was ist mit ihnen?“, flüsterte sie.
„Muss an seinem Bein liegen.“ Abyss schüttelte den Kopf. „Sky hat die Änderungen der Atmosphäre überstanden, ohne bewusstlos zu werden. Als Soldat trainiert man so was. Als ich aufgewacht bin, ging’s ihm noch gut. Dann ist Bo fast um­gefallen. Das Marahang entzog ihr wahnsinnige Mengen an Energie. Sie versuchte ihn ohne seine Zustimmung zu heilen, viel zu schnell und das hat sein Körper wohl nicht verkraftet. Er kippte plötzlich einfach um. Ich glaube, damit hat er nicht gerechnet, dass Bo sich so für ihn aufopfert.“
Gibbli öffnete den Mund, um etwas zu sagen, dann hielt sie inne. Ihr Herz begann zu rasen und das Kribbeln in ihrem Bauch zeugte von seiner grausamen Nähe. Sie verspürte den Drang zu fliehen und alles in ihr schien mit einem Schlag wie festgefroren. Er wartete. Und sie wusste, er spürte, dass sie nicht mehr weit war. Der Aufzug näherte sich ihm unaufhalt­sam und mit seinen Gedanken pflanzte er bereits jetzt eine panische Angst in sie hinein. Sie versuchte seine Kälte abzu­blocken, doch es gelang ihr nicht.
„Abyss“, flüsterte Gibbli zitternd. „Halt mich fest.“
Er zögerte überrascht, rutschte dann näher an sie heran und zog sie zu sich unter seinen Mantel. Währenddessen stemmte sich der Kapitän nach oben, in eine sitzende Position und funkelte die beiden missbilligend an. Umschlungen in Abyss‘ starken Armen spürte sie die Wärme, die von ihm aus­ging und ihr Herzschlag beruhigte sich ein wenig.
„Steven?“, fragte er leise.
Gibbli nickte, drückte ihre Knie fest an sich und legte den Kopf an seine Brust.
„Denk nicht an dieses Monster. Wir töten ihn. Denk an Ocea und die Technologie, die du dort finden wirst“, versuchte er sie zu beruhigen.
Mit Erfolg. Welche wundervollen Maschinen würden sie in Ocea finden? Kaum vorstellbar, dass sich die Stadt so weit unter dem Meeresgrund befand. Eine Stadt im Inneren des Planeten. Und sie bewegten sich noch immer nach unten. Me­ter um Meter, vielleicht viele tausende.
„Abyss“, zischte der Kapitän drohend von der anderen Seite des Aufzugs aus. „Weg.“
Trotzig schüttelte Abyss den Kopf. „Halt mich doch auf, wenn es dir nicht passt. Nichts, was du oder irgendein Gesetz mir vorschreiben wollt, wird etwas daran ändern. Niemals.“
Sky blickte ihn ernst an, doch er blieb sitzen. „Das ist nicht gut. Nicht gut, Abyss“, sagte er dann leise.
Schweigend saßen sie da und Gibbli wünschte sich fast, diese Fahrt würde niemals enden.
Nur wenige Minuten später, Bo ging es Dank des Mara­hangs gerade wieder besser, hielt der Aufzug abrupt an. Sky sprang hoch. Noch immer etwas humpelnd trat er zu seiner Kiste. Dank Bo’s erschöpfender Heilung, wirkte er um einiges fitter. Abyss half Gibbli auf.
Lautes Plätschern war zu hören, das zu einem ohrenbetäu­bend prasselndem Geräusch anschwoll. Kurze Zeit darauf wurde das Rauschen des Wassers wieder leiser, bis nur noch der Klang vereinzelter Tropfen durch den niedrigen Raum drang. Etwas krachte laut, als würde Metall von irgendwo ab­gekoppelt werden. Sky zog seinen Strahler und auch Abyss holte ein Messer aus seinem Mantel hervor. Mit der anderen Hand griff er nach seinem Geigenkoffer. Dann bewegten sich die gebogenen Wände um sie herum und fuhren knirschend nach oben.
Der Aufzug hatte sich in eine Art runde Plattform verwan­delt. Um sie herum tropfte noch immer eine große Menge Wasser nach unten, wie ein kleiner Wasserfall. Es fiel auf das Gitter im Boden, wo es versickerte. Dahinter konnte Gibbli ver­schwommen die ersten glänzenden Bauten erkennen. Sky hielt kurz seine Hand unter die Flüssigkeit, dann packte er sei­ne Kiste und zerrte sie, seinen Strahler nach vorne gerichtet, durch das tropfende Rinnsal hindurch. Nox folgte ihm ohne zu zögern. Dahinter die anderen. Unsicheren Schrittes ging Gibbli hinter dem Kapitän her. Und als sie die Wasserwand passiert hatte, bot sich ihr der atemberaubendste Anblick ihres ganzen Lebens.

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Kapitel 23: Das Verhör (Bis in die tiefsten Ozeane)

Eine Stunde später lag sie, übersät mit blauen Flecken, im Bett des Gästequartiers. Sir Brummer hatte zwei Ärzte vorbei ge­schickt, doch Gibbli ließ die beiden nicht herein. Es machte auch gar keinen Sinn aufzustehen, um ihnen die Tür zu öff­nen, denn ihr Vater hatte sie eingesperrt. Angeblich musste er im Kommunikationsbereich der Akademie einer Konferenz mit einigen Mitarbeitern seiner Firma beiwohnen. Nach einiger Zeit verstummte das Klopfen und um Gibbli herum breitete sich er­neut eine erdrückende Stille aus. Sie trug noch immer ihre Kleidung und hatte nicht einmal ihre Stiefel ausgezogen. Aus einer ihrer Taschen kam ein leiser Piepton. Im Raum herrschte beinahe vollkommene Dunkelheit. Das Zimmer besaß kein Fenster ins Meer hinaus. Es gab Lampen, doch Gibbli wollte nichts sehen und hatte sie kurzerhand außer Betrieb gesetzt. Ihr ganzer Körper tat weh von den Schlägen ihres Vaters, doch dieser Schmerz kam ihr vor, wie kleine Kratzer. Er war nichts gegen das, was Steven mit ihr anstellen würde, wenn er sie fand. Sollte sie nicht bald nach Ocea gelangen, stände er frü­her oder später vor diesem Zimmer. Nein, er würde wohl nicht davor warten, sondern geradewegs durch die Wand marschie­ren. Aber selbst darüber fühlte sie nur noch Gleichgültigkeit. Sollte er doch! Im Augenblick hatte sie keine Angst mehr vor ihm. Sollte er nur kommen und machen, was immer er ma­chen wollte. Egal was er tat, nichts würde den einen Gedan­ken aus ihrem Gedächtnis löschen: Abyss.
Abyss war tot. Abyss hatte Bo umgebracht. Abyss hatte mit ihr gespielt, hatte sie benutzt und belogen. Wieder piepste es leise in ihrer Tasche. Wie einfach wäre es, wenn sie jetzt einschlafen würde. Sie könnte hier liegen bleiben und nicht mehr aufstehen. Nie wieder die Augen öffnen. Doch Gibbli konnte nicht mehr schlafen. Jedes Mal wenn sie es versuchte, tauchte Abyss‘ Gesicht in ihrem Kopf auf. Warum hörte dieser nervige EAG nicht auf zu piepen? Gedankenverloren griff sie in eine ihrer Werkzeugtaschen und hatte plötzlich das me­chanische Küken in der Hand. Ein leichtes Glimmern ging von ihm aus, das seine Umgebung schwach beleuchtete. Gibbli schüttelte den Kopf, als sie begriff. Natürlich hatte sie in Cora nichts gefunden, was auf Steven hinwies. Es war das Küken! Er beobachtete sie durch dieses dumme Tier! Sie ließ es fallen. Das Küken schüttelte sich und sprang zurück aufs Bett. Gibbli betrachtete es abschätzend. Machte es überhaupt Sinn, das Ding jetzt noch zu zerlegen? Wieder ertönte ein Piepen. Gibbli zog ihr EAG hervor und warf das Gerät mit aller Wucht ge­gen die nächste Wand. Es prallte ab und blieb scheppernd am Boden liegen. Das Küken hüpfte hinunter und flatterte aufge­regt um ihr EAG herum. Sein Bildschirm leuchtete in der Dunkelheit auf. War das blöde Ding jetzt also endlich kaputt? Schön, hoffentlich musste sie nie wieder ein Wort hinein tip­pen! Gibbli drehte sich um und zog sich die Decke über den Kopf. Doch durch den Stoff drang ein leises Geräusch. Eine Stimme!
„Jetzt? Nimmt es auf?“
Gibbli erstarrte. Seine Stimme. Sie würde sie unter Milliar­den wieder erkennen! Gibbli kämpfte sich hektisch von dem Laken frei und fiel aus dem Bett. Dann kroch sie so schnell es ging auf ihr EAG zu und schlug das Küken grob beiseite. Es handelte sich nicht um ein Hologramm, stattdessen wurden die beweglichen Bilder direkt auf dem kleinen Bildschirm des Gerätes angezeigt.
„Hey, kleine Schwester“ Gibbli erkannte, dass jemand eine Zeit eingestellt hatte. Das Piepen hatte den Ablauf dieses Weckers angedeutet. Das EAG war nicht kaputt. Beim Auf­prall mit der Wand musste der Startknopf ausgelöst worden sein. Abyss‘ Gesicht blickte ihr grinsend entgegen und in ihr zog sich alles zusammen. Im Hintergrund konnte man die gol­denen Maschinen der Mara erkennen.
„Und sie hört mich wirklich durch dieses Ding?“
„Ja. Jetzt mach schon, bevor sie aufwacht“, drangen die Worte von Sky aus dem Lautsprecher. Gibbli konnte ihn auf der Aufnahme nicht erkennen. Der Kapitän musste das EAG halten. Ihr Blick fiel auf die Zeitanzeige. Die beiden hatten die­se Aufnahme erstellt, während sie schlief. Kurz bevor dieser Streit in der Zentrale ausgebrochen war. Kurz bevor Nox die Mara verlassen hatte, Abyss Bo umgebracht hatte und dann selbst von Sky getötet worden war.
„Gibbli, du bist eine bezaubernde Frau… Mädchen.“
„Abyss, lass das!“, wies ihn Sky hinter der Kamera zurecht.
„Kannst du dir vorstellen, wie schwer es mir manchmal fällt, dich als Schwester zu sehen? Du musst verstehen ich…“ Er zögerte. „Ich liebe dein Lachen Gibbli und ich-“
„Abyss, ich warne dich! Wir hatten das damals geklärt! Also hör auf damit und sag was wir gerade abgemacht ha­ben!“
„Hey, wenn ich sterbe, will ich, dass sie das weiß!“
„Noch bist du nicht tot.“
„Okay, ich… okay. Also Gibbli, wenn du das hier hörst, dann hab ich mich wahrscheinlich ziemlich scheiße benom­men. Das tut mir echt Leid. Ich werde dich anlügen und es wird wahrscheinlich so ausgehen, dass er-“, Abyss zeigte auf den Bildschirm.
„Sie sieht mich nicht, sag meinen Namen.“
„…dass Sky mich erschießen wird. Ich meine, erschießen werden hat müssen. Richtig so?“
„Ja, weiter.“
„Also, merk dir eins Gibbli, eine Familie findet einfach zu­sammen. Ob man das will oder nicht. Man kann sie sich nicht aussuchen, so wie Freunde. Und Geschwister bleiben immer Geschwister, egal wie blöd sie sich benehmen, ja? Es tut mir Leid, okay?“
„Abyss, wenn du nicht endlich zur Sache kommst, ziehe ich in Erwägung dich wirklich zu erschießen.“
„Ich bin nicht tot! Hoffe ich jedenfalls. Wenn Sky seinen Strahler richtig einstellt und Bo meinen Angriff überlebt und sie wird überleben, du weißt dass ich gut in so was bin, wenn ich’s drauf ankommen lasse, dann kann uns ihr Marahang retten. Gibbli, wo immer du bist, wenn du das hier siehst, wer­den wir vermutlich gerade gefoltert und unserem Kapitän steht wohl jeden Moment die Hinrichtung bevor. Also schwing deinen süßen Arsch hoch und SUCH MICH VERDAMMT NOCH MAL!“
„Uns“, berichtigte ihn Sky. „Und fluche doch nicht immer!“
„Ist die Aufnahme beendet?“
„Ja.“
Der Bildschirm des EAGs erlosch. Mit ihm das restliche Licht im Raum.
„Nein“, flüsterte Gibbli fassungslos in die Dunkelheit. Gleichzeitig erwachte eine Kreatur in ihr, die sich am liebsten sofort auf Abyss stürzen wollte, um ihm jedes Haar einzeln auszureißen.
Dieser Idiot hatte sie angelogen! Natürlich war ihr diese Lüge um einiges lieber, als die angebliche Tatsache, er hätte sie nur benutzt, um nach Ocea zu gelangen. Aber wie konnte er es wagen, so mit ihr spielen? Was erlaubte sich dieser eingebil­dete Volltrottel! Zugegeben der Plan war nicht schlecht. Aber doch nicht so, ohne ihr Wissen! Sie spürte, wie das Leben langsam in ihren Körper zurück sickerte und wie ihr Kampf­geist erwachte.
Hastig riss Gibbli die Augen auf. Wenn sie nicht sofort et­was unternahm, würden die anderen wirklich sterben! Zumin­dest ihr Kapitän. Was hatte Jack noch mal gesagt? Zwei Tage bis zur Hinrichtung? Sie schaltete die Lampe ihres EAGs ein und tastete in ihrer Stiefeltasche nach ihrem selbst gebauten oceanischen Fluggerät. Als sie es nicht fand, konzentrierte sie sich und dachte angestrengt daran, dass es sich einschaltete. Und tatsächlich, irgendwo in ihrer Tasche leuchtete etwas auf und es begann zu surren. Das murmelgroße Gerät schwebte langsam heraus. Erleichtert sprang Gibbli auf und eilte zur Tür. Vielleicht funktionierte diese Methode im Gefängnis unten nicht mehr, aber hier sollte es noch klappen. Die Verriegelung des Gästequartiers klickte leise, als Gibbli das Fluggerät durch das Schloss hindurch schickte.
 
Sich immer wieder umblickend, hastete Gibbli durch die Gänge der Schule. Dabei hatte sie noch immer keine Ahnung, wie sie am besten ins Gefängnis einbrechen sollte. Normalerweise gab es keine Wachen, doch aufgrund der Vorkommnisse, lag es im Bereich des Möglichen, dass sich dies nun anders verhielt.
„GIBBLI!“ War ja klar.
Kurz bevor sie den Zentrumsturm erreichte, brüllte jemand am anderen Ende des Ganges. Zu ihrem Pech handelte es sich um einen der Direktoren höchst persönlich: Markus Brummer. Sie blieb stehen. Jetzt bloß nicht die Nerven verlieren. Schnau­bend stapfte er auf sie zu und baute sich vor ihr auf.
„Jack erzählte, du seist nicht ansprechbar! Die Ärzte be­richten mir, dass sie nicht eingelassen wurden!“
Dieser Hohlkopf! Was wohl passieren würde, wenn sie ihm ein Loch in die Glatze stach? Der Gedanke brachte sie beina­he zum Grinsen. Dann müsste er sicher zum „Friseur. Bete dass ich dir nicht den Schwanz aufschlitze.“
„WAS?“
„Ich sagte, Sir, es geht mir wirklich ganz spitze“, versuchte Gibbli die letzten Worte ihrer Gedanken schnell zu berichtigen, als ihr auffiel, dass sie diese laut ausgesprochen hatte.
„Tatsächlich?“, fragte der Direktor. Ihr war klar, dass er die Blutergüsse in ihrem Gesicht nicht übersehen konnte. „Dann kannst du ja morgen am Tauchkurs teilnehmen!“
„Ja, Sir.“
Er blickte sie misstrauisch an. „Interessant! Dann hat die Strafe also doch etwas gebracht! MITKOMMEN!“
Gibbli verzog die Augen zu kleinen Schlitzen. „Habe ich et­was falsch gemacht, Sir?“ Abgesehen davon, dass ihr Vater die Tür verriegelt hatte, war es ihr doch nicht verboten, sich hier aufzuhalten.
„Dr. Elvira Fenchel erwartet dich für die Befragung! Ich wollte soeben jemanden schicken, um dich zu holen!“, bellte er sie an.
Gibblis Puls beschleunigte sich, als sie ihm unsicher zum Zentrumsturm folgte. Sie wollte keine Angst mehr vor ihm ha­ben, dennoch spürte sie, wie die Umgebung der Akademie sie in alte Muster zurück fallen ließ. Sir Brummer passierte die Aufzüge, ohne diese zu betreten. Offensichtlich sollte die Be­fragung im unteren der drei Büros stattfinden.
 
Sie betraten den runden Raum. Gibbli fiel sofort auf, dass die­ser viel chaotischer wirkte, als Sir Brummers Büro ein Stock­werk höher. An der Wand entlang reihten sich deckenhohe Regale mit unzähligen digitalen Ordnerplatten und Schublä­den. Viele davon konnte man nur mit einer Leiter erreichen. Über mehreren Konsolen zeigten Hologramme verschiedene Knochen des menschlichen Körpers und sogar ein paar echte Pflanzen standen verstreut umher. Auf einer Seite befand sich eine Untersuchungsliege für Dr. Fenchels private Patienten, wie sie auch zuhauf in den Heileinrichtungen der Akademie zu finden waren. Die medizinischen Instrumente, die diese Lie­ge umgaben, wollte Gibbli lieber nicht genauer betrachten. Das Herzstück des Büros aber bildete ein großer Tisch mit sechs edlen Stühlen.
Eine kleine Frau mit kurzen blonden Haaren erhob sich und lächelte die Hereinkommenden freundlich an.
„Ah, sehr gut Markus“, sagte sie und rückte ihre Brille zu­recht. Dann schritt sie direkt auf Gibbli zu und streckte ihr die Hand entgegen. „Guten Tag. Ich glaube, wir sind uns noch nicht persönlich begegnet. Mein Name ist Dr. Fenchel und ich leite alle medizinischen Einrichtungen an der Akademie. Du bist Gibbli de Orange, nicht wahr?“
Gibbli nickte kurz, nahm ihre Hand allerdings nicht entge­gen. Die Lehrkräfte der medizinischen Fakultät waren ihr schon immer etwas unheimlich gewesen. Da bildete diese Frau keine Ausnahme. Die Direktorin holte einen altmodi­schen Stift aus ihrem weißen Kittel und schrieb eine Notiz auf ihr Klemmbrett, das sie in der anderen Hand hielt. Ihre Schrift wurde sofort auf ein Dokument übertragen und auf einer Ordnerplatte gespeichert, die in dem Klemmbrett steckte. Misstrauisch betrachtete Gibbli den Stift. Es war ungewöhn­lich, keine holografische Tastatur zu benutzen.
„Setzt euch.“ Dr. Fenchel ließ sich wieder am Tisch nieder und öffnete eine Mappe, die anscheinend auf Folienstreifen gedruckte Unterlagen und sogar alte Kinderfotos von Gibbli enthielt.
Eines der Bilder war herausgerutscht. Es zeigte Gibbli vor einer alten Schiffsschraube stehend, wie man sie vor vielen hundert Jahren für die Schifffahrt benutzt hatte und welche heute den Eingang der Firma ihres Vaters zierte. Sie erinnerte sich noch genau daran. Es war zwei Tage nach ihrem vierten Geburtstag zum Schuljahreswechsel entstanden. Dr. Fenchel schob das Foto schnell zurück in die Mappe.
Markus Brummer packte einen Stuhl und wuchtete sich breitbeinig drauf. Gibbli stellte sich vor, dass der Stuhl laut stöhnte unter dieser groben Behandlung. Hätte er einen Mund, würde er jetzt sicher um Hilfe schreien. Sie bemerkte, dass Dr. Fenchel sie interessiert musterte und beeilte sich, ihr gegenüber Platz zu nehmen.
„Wir warten noch auf Jack. Ah, da kommt er ja schon.“
Nervös senkte Gibbli den Blick, als der militärische Direktor das Büro betrat. Zusammen mit allen drei Leitern in einem Raum, das hatten sicher noch nicht viele Schüler geschafft. Jack Kranch blieb an der Tür stehen und verschränkte die Arme.
„Die Gefangenen waren nicht sehr gesprächig. Aus ihrem Kapitän ist nichts mehr rauszubekommen“, sagte er. „Ich er­fuhr weder ihren Plan noch warum sie sich der Akademie nä­herten. Die sind ganz schön stur. Ich hoffe, diese Befragung wird erfolgreicher.“
„Nun, diese Befragung, wie du sie nennst, wird sicher um einiges netter ablaufen als deine Foltermethoden“, erwiderte die blonde Frau missbilligend.
„Beeilt euch. Ich habe eine Hinrichtung durchzuführen. Sie wurde auf 21 Uhr vorverlegt. Außerdem hätte ich davor Lust auf eine weitere Befragung seines Kommunikationsoffiziers, wie er ihn nennt. Ihr habt eine Stunde.“
„Beachte ihn gar nicht“, sagte Dr. Fenchel, als sie Gibblis entsetzten Gesichtsausdruck bemerkte. „Möchtest du ein Glas Wasser?“
Gibbli schaute sie düster an. „Nein.“
Sie musste einen Weg finden, dieses Gespräch so schnell wie möglich hinter sich zu bringen. Sky war in größter Gefahr. Nur noch eine Stunde! Und wenn Jack von einem Kommuni­kationsoffizier sprach, dann bedeutete das, dass Abyss wirk­lich noch lebte. Und Jack würde ihn foltern! Vielleicht hatte er auch Nox erwischt. Wobei sein und Bo’s einziges Verbrechen darin bestanden, keine Landmenschen zu sein. Sicher würden die beiden vorerst verschont bleiben.
„Wie fühlst du dich?“, unterbrach die Direktorin ihre Ge­danken.
„Gut“, antwortete Gibbli knapp.
Die Frau blickte sie zweifelnd an. „Ich würde dich gerne untersuchen, okay?“
Gibbli erbleichte und warf einen beunruhigten Blick auf die Behandlungsliege. „Nein!“
„Du musst dich nicht fürchten, ich unternehme nichts, was du nicht möchtest. Vielleicht später, ja? Dann beantworte jetzt einfach meine Fragen, das ist ganz leicht. Möchtest du, dass dein Vater bei dieser Besprechung hier dabei ist? Ich lasse ihn holen, wenn-“
„Nein“, sagte Gibbli schnell.
„Okay. Kanntest du deine Entführer, bevor sie dich mitnah­men?“
Sie schüttelte den Kopf. Am liebsten hätte sie gesagt, dass niemand sie entführt hatte, um die anderen zu entlasten. Nur sicher würde das nichts an der Hinrichtung ändern. Zudem wäre dann ihre Tarnung aufgeflogen. Vielleicht würde man sie ebenfalls einsperren. Gibbli bemerkte, wie Sir Brummer sich räusperte und seiner Kollegin ungeduldig zunickte.
„Meinetwegen. Gibbli, kennst du dich mit dieser oceani­schen Technologie gut aus?“
Sie zuckte mit den Schultern.
„ANTWORTE!“, brüllte Sir Brummer sie an.
„Markus, bitte misch dich nicht weiter ein, ich leite dieses Gespräch!“
Auf Sir Brummers Glatze bildeten sich rote Flecken. „SIE HAT MIT VERBOTENER TECHNOLOGIE EXPERIMENTIERT! ICH HAB SIE NICHT OHNE GRUND EINGESPERRT!“
„Ich bezweifle stark, dass sie sich damit auskennt. Sie ist wie alt? 14?“, warf Jack von der Tür aus ein.
„RUHE!“, schrie Dr. Fenchel. „Noch ein Wort von euch und ihr verlasst auf der Stelle mein Büro!“ Dann wandte sie sich wieder mit etwas netterer Stimme an Gibbli. „Niemand wird dich hier beschuldigen, Gibbli. Du warst sicher nur neugierig, was diese Technologie angeht. Habe ich Recht?“
Gibbli schwieg.
„Möchtest du, dass ich sie weg schicke?“
„NEIN!“, rief sie sofort und blickte sich kurz zu Jack um. So lange sich der militärische Direktor im Raum befand, hieß das, dass die Hinrichtung noch nicht im Gange war.
„Okay, schon gut. Alles ist gut. Die Entführer haben dich bedroht, oder? Du kannst einfach nicken oder den Kopf schütteln. Hat dich jemand von ihnen verletzt?“
„Nein“, sagte Gibbli stur. Aber ich verletze euch gleich, dachte sie böse.
„Du musst keine Angst mehr haben, du bist jetzt in Sicher­heit. Diese Frage ist sehr wichtig, okay? Ich muss wissen, ob du missbraucht wurdest. Hat sich von den Entführern jemand sexuell an dir vergangen?“
Gibbli schaute sie mit offenem Mund an.
„Gibbli, hat dich jemand vergewaltigt?“, fragte Dr. Fenchel noch einmal.
Sie schüttelte den Kopf und betete, endlich hier raus zu kommen. Sie stand kurz davor, diese dämliche Frau in Stücke zu zerreißen. Während sich die Direktorin weitere Notizen machte, beobachtete Gibbli verstohlen Jack an der Tür. Die Uhr tickte.
„Kann ich jetzt gehen?“, fragte sie ungeduldig.
„Ich kann verstehen, dass dich diese Entführung sehr mit­genommen hat. Aber bevor du gehst, muss ich noch ein paar Dinge wissen. Es dauert nicht mehr lange, ja? Du sagst, dass dich niemand verletzt hat, aber es ist doch offensichtlich. Ich frage dich noch mal, hat dich jemand von den Entführern ge­schlagen?“
„Ja.“ Wenigstens entsprach das der Wahrheit, wenn auch nicht so, wie die Direktorin dachte. Schließlich hatte Gibbli Abyss selbst darum gebeten, sie zu schlagen. Auch wenn es nicht viel gebracht hatte.
Dr. Fenchel nickte. „Deine Verletzungen müssen behandelt werden, das verstehst du doch? Die Blutergüsse in deinem Ge­sicht sehen sehr frisch aus“, sagte Dr. Fenchel. „Wann ist das passiert?“
Jack trat stirnrunzelnd näher. „Sie war nicht verletzt, als wir sie befreiten.“
Gibbli fühlte sich bloßgestellt unter seinem musternden Blick.
Die Direktorin ließ seufzend ihren Stift auf den Tisch fallen. „Ich möchte, dass sie nach diesem Gespräch im Krankenbe­reich untergebracht wird. Und ich will mit ihrem Vater spre­chen. Sofort.“
Sir Brummer schüttelte den Kopf. „Nein. Wir mischen uns nicht in die Erziehungsmethoden der Eltern ein. Wenn ihr Va­ter sie schlägt, dann ist das seine Sache.“
„Hol ihn!“, befahl Dr. Fenchel an ihn gewandt.
Er blieb regungslos sitzen. „Ich habe weitere Fragen an das Mädchen!“
„Das dauert mir zu lange, ihr könnt hier ja ohne mich wei­ter machen.“ Der militärische Direktor drehte sich um.
„NEIN!“, schrie Gibbli und sprang auf.
„Also doch“, murmelte er leise und hielt inne. „Geht.“
Entsetzt sog Gibbli die Luft ein. Sie hatte einen Fehler ge­macht. Sir Brummer wagte es nicht, sich ihm zu widersetzen, stand eilig auf und verließ den Raum.
Dr. Fenchel hingegen blickte ihn entgeistert an. „Du wirfst mich aus meinem eigenen Büro?“
„RAUS HIER!“, brüllte Jack.
Zitternd wich Gibbli einige Schritte zurück, während Dr. Fenchel wütend hinaus schritt. Es war klar, wer von den drei Direktoren das Sagen hatte.
Der militärische Direktor nahm jetzt Sir Brummers leeren Platz ein, beugte sich vor und legte seine Finger aneinander. Dabei ließ er Gibbli nicht aus den Augen.
„Setz dich wieder.“
Mit rasendem Herzen sank sie erneut auf ihren Stuhl.
„Schluss mit diesem verweichlichten Gerede. Das ist eine elitäre Akademie und ich will jetzt wissen, was hier gespielt wird. Dieser bleiche Kerl ist mir schon zu oft entwischt. Ich stehe kurz vor der Durchführung seiner Hinrichtung, die du offensichtlich verhindern möchtest. Warum?“
Gibbli schwieg und blickte stur nach unten auf ihren Schoß. Moment! Sie hob den Kopf. „Abyss? Du lässt Sky am Leben?“
„Ich stelle die Fragen! Und diese harmlose Befragung über den Zustand einer angeblichen Geisel hat sich soeben in ein Verhör gewandelt. Es ist mir scheiß egal wie alt du bist! Wenn du da mit drin steckst, brauchst du von mir keine Gnade zu erwarten. Elvira hatte recht. Meine Foltermethoden sind nicht nett und ich versichere dir, ich habe keine Skrupel, sie-“ Er brach mitten im Satz ab, riss eine Waffe aus seiner Uniform und feuerte.
Erschrocken sprang Gibbli auf und sah, dass das mechani­sche Küken zerfetzt auf dem Tisch lag. Verdammt, das hatte sie ganz vergessen. Wann war es… er wieder in ihre Tasche ge­sprungen?
„Steven“, flüsterte sie leise.
„Verbotene Technologie.“ Jacks Stimme klang bedrohlich. „Ich warne dich, keine Spielchen mehr, ich werde dich-“
„WAMM!“ Seine Worte wurden durch lauten Lärm vor dem Büro unterbrochen. Dumpfe Schreie hallten durch den Gang von draußen herein. Jack sprang auf, packte Gibbli am Arm und zerrte sie hastig mit sich zur Tür. Als er sie öffnete und hinaus lugte, zischte ein Schuss an ihnen vorbei. Draußen herrschte ein heilloses Durcheinander. Zwei leblose Körper lagen am Boden und Soldaten liefen wild umher. Niemand schien so recht zu wissen, wo sich der Angreifer befand oder was überhaupt los war. Irgendwo fiel wieder jemand um und ein zielloser Schuss traf ein Rohr an der Decke, aus dem zi­schend Dampf entwich. Ein brizzelndes Geräusch hinter ihnen erregte ihre Aufmerksamkeit. Auf dem Tisch lag das Küken. Es rauchte leicht und große Funken stoben zwischen den goldenen Rädchen aus dem Inneren hervor. Jack ließ Gibbli los und duckte sich, als es plötzlich Feuer fing und sich dann in einer kleinen Explosion restlos zerlegte. Sie nutzte die Gele­genheit und schlüpfte am Direktor vorbei, in einen der gegen­überliegenden Aufzüge. Schnell schlug sie auf eine Taste. Während die Tür langsam zuglitt, erblickte sie Jacks wütendes Gesicht. Doch er musste zurückweichen, als ein weiterer Schuss durch den Gang blitzte. Dann war der Aufzug zu und Gibbli verriegelte ihn sofort von innen.
Erleichtert stieß Gibbli die Luft aus, als sie feststellte, dass sie den richtigen erwischt hatte, der nach unten in die Gefäng­nisse führte. Na endlich! Mit geschultem Blick erkannte sie die neuen Sicherheitsvorkehrungen. Um ihn in Bewegung zu set­zen, musste man sich durch ein EAG ausweisen und dieses in den vorgegebenen Anschluss stecken. Kein Unbefugter war in der Lage, ihn zu bedienen. Sie wünschte sich Sky herbei, der es sicher geschafft hätte, Jacks oder Sir Brummers EAG mit­gehen zu lassen, wahrscheinlich ohne das selbst überhaupt zu bemerken. Doch es gab eine andere Möglichkeit. Gibbli kram­te in ihrer Tasche nach einem Schraubenzieher, um damit die Konsole zu öffnen.
Er passte nicht.
Dann eben die Abyss-Methode. Sie holte einen kleinen Schweißbrenner hervor und kämpfte sich mit ihm durch die Abdeckplatte der Konsole. Geht doch, dachte sie, als das Ding zu Boden krachte.
Ein weiterer Schrei drang durch die Aufzugverriegelung hindurch. Verdammt, sie musste sich beeilen! Mit geschickten Fingern machte sich Gibbli an den Drähten zu schaffen, schloss dann ihr eigenes EAG an und hackte sich in die Be­dienung. Der Code kam ihr beinahe primitiv vor, dennoch freu­te sie sich, als sich ein Hologramm aufbaute. Hier konnte man die einzelnen Untergeschosse auswählen. Es gab zehn. Jeder kannte die Struktur der Gefängnisse. Je schlimmer das Verbre­chen, desto weiter unten befanden sich die Gefangenen. Na­türlich existierten weitere Stockwerke und nicht alle waren mit demselben Fahrstuhl zu erreichen. Sie würde umsteigen müssen. Gibbli wählte die unterste Ebene aus und der Lift setzte sich in Bewegung.
RUMMS! Sie wurde zu Boden geschleudert. Der Aufzug stoppte kurz, fuhr dann aber normal weiter. Gibbli rappelte sich hoch. Mit einem unguten Gefühl blickte sie nach oben. Für einen Moment war sie der festen Überzeugung, jemand wäre auf den Fahrstuhl gesprungen. In der Decke befand sich eine Klappe für Notfälle. Doch diese bewegte sich nicht. Wäh­rend Gibbli ihr Werkzeug einsammelte, ließ sie das Ding nicht aus den Augen. Endlich hielt der Fahrstuhl und die Tür entrie­gelte sich automatisch. Als sie aufglitt, drückte sich Gibbli schnell gegen die Wand.
Ein Soldat stand mit dem Rücken zu ihr.
Natürlich erwartete dieser eher einen Ausbruch statt einen Einbruch. Sie duckte sich. Während er sich umdrehte, stieß sie sich nach vorne ab und rutschte unter einen nahe gelegenen Tisch. Unglaublich, es klappte, er hatte sie nicht bemerkt! Er­staunt darüber, drückte sich Gibbli weiter zurück in die Schat­ten, während der Soldat verwundert den leeren Fahrstuhl ab­suchte.
Dann bemerkte Gibbli einen weiteren Wachmann. Dieser sah jedoch ebenfalls nicht in ihre Richtung. Das lief zu gut! Sie schlich zu dem zweiten Aufzug. Wenn sie ihn erreichte und nach unten fuhr, könnte sie vielleicht einen Vorsprung er­halten. Sie war fast an der Öffnung angelangt. So nah!
„Halt!“, rief der Soldat, der vor dem ersten Fahrstuhl stand und Gibbli erstarrte. Langsam drehte sie sich um und sah sei­nen Strahler auf sich gerichtet. Jetzt wurde auch der zweite Soldat auf sie aufmerksam. Es war aus.
Plötzlich würgte der erste Soldat.
Irgendjemand schrie: „LAUF!“
Das ließ sie sich nicht zweimal sagen. Gibbli wirbelte herum, rannte in den Fahrstuhl und betätigte den Türme­chanismus. Währenddessen huschte ein dunkler Schatten durch den Raum. Der zweite Soldat feuerte seine Waffe ab und verfehlte ihn nur knapp. Kurz bevor die Öffnung ganz zuglitt, kam er in den Fahrstuhl geschlittert. Die letzten Schüsse des Soldaten trafen die Außenseite der Tür.
„Nox!“, rief Gibbli aufgeregt.
Er war pitschnass. „Gutes Timing“, knurrte er mit seiner ausgetrockneten Stimme und rang durch sein Atmungsgerät nach Sauerstoff.
Gibbli holte ihren Schweißbrenner hervor, um wie schon im anderen Aufzug die Abdeckplatte zu öffnen.
Draußen klopfte jemand heftig gegen die Fahrstuhltür.
„Das dauert zu lang“, sagte Nox, fuhr mit seinen Krallen kurzerhand in das Metall und riss die Platte beiseite. Dabei fielen Tropfen zu Boden. Gibbli erkannte sofort, dass es sich dabei nicht um Wasser handelte. Nox war nicht nass, er war über und über mit Blut bespritzt. Auf seiner fast schwarzen Haut konnte man das nur nicht richtig erkennen.
„Ist nicht meins“, sagte er und schüttelte angewidert ein paar Tropfen von seinen Füßen.
Gibbli wollte lieber nicht wissen, wie vielen armen Men­schen er in die Quere gekommen war, um hier herein zu ge­langen. Sie schloss ihr EAG an, um sich in die Bedienung zu hacken. Ein helles Licht durchbrach die Fahrstuhlwand.
„Du bist nicht die einzige mit Werkzeug, beeil dich!“
Das Hologramm erschien und Gibbli wählte schnell die letzte Ebene aus, das 20. Untergeschoss. Der Soldat hatte be­reits ein beachtliches Stück der Wand aufgebrannt, als sich der Aufzug endlich in Bewegung setzte.
„Dachte nicht, dass dieser verrückte Einfall von Abyss funktioniert.“ Nox lachte auf. „Dass Bo darauf einsteigt, bewusste mir. Aber Sky…“
Gibbli blickte ihn düster an. Es war also Abyss‘ Plan gewe­sen, seinen Verrat und Tod vorzutäuschen. War klar, dass nur er sich so etwas Verrücktes ausdenken würde. „Warum hast du mich gewarnt?“
„Der Zirkus vorkam mir kindisch. Wäre ich darauf einge­stiegen, säße ich jetzt auch hier irgendwo hinter Gitter.“ Er warf ihr einen Chip zu. „Abnahm ich einem Soldaten. Ich glaube, damit verschließen sie die Gefängnisse.“
Überrascht erkannte Gibbli, dass es sich um eine der alten elektronischen Karten handelte, mit denen die Soldaten da­mals auch ihre Zelle verschlossen hatten. Anscheinend hatten sie die Schlösser an den Zellen gar nicht ersetzt.
Als der Fahrstuhl abbremste, machte sich Nox bereit, hinaus zu springen. Die Verriegelung öffnete sich, doch drau­ßen war es dunkel und totenstill. An den Decken leuchtete nur noch eine einzige der Neonröhren. Soldaten gab es hier keine.
Nox packte einen Tisch und stellte ihn mitten in die Fahr­stuhlöffnung, so dass sich die Tür nicht mehr schloss. „Das aufhält sie eine Weile.“
„Sicher nicht lang“, sagte Gibbli. Irgendwann würde jemand den Schutzmechanismus umgehen und der Aufzug würde trotzdem losfahren oder die Soldaten kämen einfach den Schacht herunter geklettert. Sie schaltete das Licht ihres EAGs ein.

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Kapitel 22: Ein großer Verlust (Bis in die tiefsten Ozeane)

Mitten in der Nacht schreckte Gibbli aus dem Schlaf auf. Die­ser Rod war ihr wieder in ihre Träume gefolgt. Das hatte er schon länger nicht mehr getan. Es dauerte ein wenig, bis sie wieder normal atmen konnte. Als Gibbli sich etwas beruhigt hatte, fiel ihr Blick auf den Boden. Da lag Abyss‘ Decke. Ohne ihn. Der Geigenkoffer stand noch an seinem Platz. Als er nach ein paar Minuten noch immer nicht zurückgekehrt war, richtete sie sich auf und schlüpfte in ihre Kleidung.
Leise schlich Gibbli durch den Maschinenraum nach vorne zum Gang. Als sie die Rampe betrat, kam ihr Nox entgegen. Sie dachte schon, er würde ohne ein Wort zu sagen an ihr vorbei gehen, doch als er sie erreicht hatte, hielt er kurz inne. Er packte Gibbli am Arm, um sie davon abzuhalten, weiter nach oben zu steigen.
„Wir befinden uns kurz vor dieser Meeresakademie.“ Seine Krallen bohrten sich tief durch ihre Kleidung und er ließ etwas lockerer. „Ich versuche hineinzugelangen selbst. Die dort oben durchdrehen alle.“ Sein düsterer Blick wirkte eindringlich, als würde er sie vor etwas warnen. Nox ließ sie los und stapfte den Gang entlang zu einer der Ausstiegsluken. Als die Tür sich öffnete, drehte er sich noch einmal um und rief Gibbli zu: „Ich an deiner Stelle verließe dieses U-Boot, so lang du noch kannst!“
Verwirrt starrte Gibbli ihm nach, während sich die Schleuse hinter ihm versiegelte. Was meinte er damit? Dann drangen laute Stimmen die Rampe herab. Was war hier los?
Eilig lief Gibbli in die Zentrale hoch. Dort stand eine große Gestalt mitten vor dem Frontfenster. Er trug seine blonden Haare nach hinten gebunden und in den Fingern ein Messer. Cora hingegen stand auf einem der drei Stühle, hatte den Kopf geneigt und betrachtete ihn interessiert. Neben den Stühlen stand Bo und musterte Abyss ebenfalls.
„Abyss, bitte nimm die Waffe runter“, befahl Sky leise. Er stand etwas weiter oben bei den Konsolen. Mit erhobener Hand versuchte er Abyss zu beschwichtigen. Mit der anderen Hand umschloss er seinen Strahler, den er jedoch gesenkt hielt.
„Misch dich nicht ein! Du Trottel! Deine scheiß Exfrau hat uns in Gefahr gebracht, warum hast du sie überhaupt reinge­lassen?“
„Meine Angelegenheiten gehen dich nichts an.“
„Abyss, das ist seine Sache. Es ist nichts passiert, sie hat unsere Position nicht verraten. Wir müssen ihm vertrauen, er ist der Kapitän“, redete jetzt Bo dazwischen.
Im nächsten Moment flog das Messer aus Abyss‘ Griff durch die Luft und direkt auf Bo zu. Es traf sie mitten in der Brust, knapp unter dem Marahang. Gibbli, die ihn fast erreicht hatte blieb erschrocken stehen und erbleichte.
„Ich hab dein ständiges Geplapper SATT!“, schrie Abyss.
Bo’s Augen weiteten sich. Dunkles Blut brach aus der Wunde hervor, durchtränkte ihre Kleidung und rann ihren Kör­per hinab. Dann brach sie zusammen. Gibbli war sich sicher, dass Abyss entweder ihre Lunge oder ihr Herz getroffen hatte.
„Bo!“ Der Kapitän stürzte auf die leblose Frau zu.
„Hallo, kleine Schwester“, grinste Abyss, richtete seine Auf­merksamkeit auf Gibbli und zog etwas aus einer Innentasche seines Mantels. Sie hob schützend ihre Hände vor sich und wich langsam einen Schritt zurück.
„Du Mörder“, sagte Sky leise vom Boden aus.
„Abyss was-“, Gibbli brach ab und schüttelte ungläubig den Kopf.
Sie verstand nicht, was hier soeben passierte. Er hatte Bo getötet? Abyss‘ Finger hielten den Griff eines weiteren Mes­sers fest umschlossen. Er fixierte Gibbli mit seinen stechenden Augen.
Ein Kribbeln breitete sich in ihrem Bauch aus, als er mit tiefer Stimme zu sprechen begann: „Hab ich dir nicht immer eingeschärft, dass ich ein böser Mensch bin?“
Sie schwieg.
„ANTWORTE! HAB ICH DAS NICHT?“
„Das hast du“, flüsterte Gibbli zitternd.
„Habe ich dir nicht immer wieder klar gemacht, dass ich ein Mörder bin? HAB ICH DAS NICHT?“
„Das hast du“, flüsterte sie wieder.
„Ich benutzte dich, Gibbli. Jetzt bist du überflüssig. Ihr alle seid das! Wir haben Ocea fast erreicht. Ich brauch nur deine DNA. Ob du lebst oder stirbst, hat jetzt keine Bedeutung mehr.“
Drohend kam er immer näher auf sie zu.
„Abyss, geh weg von ihr!“, befahl Sky, erhob sich und stieg über Bo’s Körper. Seine Hände umschlossen den Strahler, den er direkt auf ihn richtete.
Fassungslos starrte Gibbli Abyss an und wagte es kaum, sich zu bewegen. Meinte er das wirklich ernst? Das konnte nicht wahr sein!
„Aber du hast vorgeschlagen, dass wir zusammen flüch­ten!“, rief sie verzweifelt.
„Ich log“, knurrte Abyss.
Tränen bahnten sich den Weg über ihr Gesicht. „Aber du… du hast gesagt, dass du mein Bruder bist.“
„Um dein Vertrauen zu gewinnen“, lachte er. „Ich spiele mit den Leuten, um zu bekommen, was ich will. Hast du das etwa schon vergessen, Gibbli?“
Nein! Sie schüttelte ungläubig den Kopf. Nein! Er hatte das alles nur gespielt?
„Abyss“, wisperte sie hilflos.
Er erhob sein Messer.
„Zurück!“, rief Sky wieder und trat einen Schritt auf ihn zu.
Abyss holte aus. Dann, in dem Augenblick, als er die Klinge auf sie schleudern wollte, zischte ein Schuss aus Skys Waffe. Er traf Abyss in den Rücken. Seine grauen Augen weiteten sich. Das Messer löste sich aus seiner Hand und fiel auf den Metallboden. Abyss taumelte, dann stürzte er ebenfalls nach unten.
Gibbli wich weiter zurück und hielt den Atem an. „Ist er-“, sie brach ab und krallte sich mit den Händen in ihren Haaren fest. Sie wollte diesen Satz nicht weiterdenken und schon gar nicht aussprechen.
Sky beugte sich zu ihm hinab, um seinen Puls zu fühlen. Er schloss die Augen und nickte. Dann richtete er sich wieder auf. „Ich musste das tun.“
Gibbli konnte es nicht glauben. Sie wollte es nicht glauben! Ihr Kopf versuchte zu verarbeiten, was hier soeben geschehen war. Sicher war das hier ein Traum. Es musste einer sein! In Wirklichkeit lag sie unten in der Hängematte, auf den wei­chen Kissen. Gleich würde sie aufwachen. Gleich würde sie die Augen aufmachen und neben sich Abyss leise atmen hören. Doch Gibbli wachte nicht auf. Und Abyss atmete nicht mehr. Abyss stand nicht wieder auf. Abyss würde nie mehr aufste­hen. Ihr einziger und bester Freund war tot! Ihr Bruder. Warum hatte er das getan? Warum hatte er das Messer auf Bo ge­worfen? Hatte sie sich wirklich so sehr in ihm getäuscht?
Sie fühlte sich wie hypnotisiert und bekam nur am Rande mit, dass Sky sie, an den Konsolen vorbei, zum runden Tisch zog, weg von den beiden Leichen. Cora hüpfte ihnen grinsend nach, doch auch das nahm Gibbli kaum wahr.
Von irgendwoher drang die Stimme ihres Kapitäns durch den Raum: „…denken, wir hätten dich entführt. Genauso soll es sein. Du bist jetzt wirklich meine Geisel. Wenn sie uns erwi­schen, werden sie dich nicht einsperren. Dann liegt alles in dei­ner Hand. Hast du das…“
Er befahl Cora, die dunkle Holzkiste aus seinem Raum in das Beiboot zu rollen, ehe er Gibbli ebenfalls hinein schubste. Sie fand sich im MARM wieder. Sky beorderte Cora zurück auf die Mara, während er sich selbst ans Steuer des MARM setzte. Gibbli wollte schreien, bekam aber ihren Mund nicht auf. Der Kapitän koppelte das Beiboot von der Mara ab und manövrierte es dann Richtung Akademie. Das mechanische Küken saß auf ihrer Schulter. Seit wann hockte es da? Drau­ßen zog die Landschaft an ihnen vorbei. Vor den Fenstern tanzten kleine Fischschwärme. Doch das alles nahm Gibbli nicht mehr richtig wahr. In ihrem Kopf gab es nur noch Platz für einen einzigen Gedanken: Abyss. Abyss war tot! Abyss hatte Bo ermordet.
Nach einigen Minuten – oder waren es Stunden? – sie hat­te jegliches Zeitgefühl verloren, ging ein starker Ruck durch den MARM.
„Sie haben uns umzingelt“, sagte Sky mit ruhiger Stimme von vorne, als hätte er das erwartet. Im nächsten Moment stand er neben ihr und packte ihren Arm.
„Warum?“, fragte Gibbli nur. Ein Wort, das wieder und wie­der in ihrem Kopf umherkreiste. Warum hatte Abyss das ge­tan? Warum hatte er sich so verhalten? Warum stand er plötzlich nicht mehr an ihrer Seite? Warum hatte er ihr so lan­ge etwas vorgespielt? Warum lebte sie überhaupt noch?
„Gibbli, wir haben dafür keine Zeit! Du musst jetzt-“, Sky brach ab, als sich die Schleuse öffnete. Er wirbelte herum und drückte sie fester an sich.
Noch immer fassungslos nahm Gibbli die Soldaten wahr, die in das MARM stürmten. Allen voran Jack und diese Frau, Dessert. Gibbli spürte, wie Sky sie umschlungen hielt und ihr das heiße Metall seines Strahlers gegen den Kopf drückte. Es war ihr egal. Die Soldaten hatten sie auf allen Seiten umzin­gelt. Auch das war ihr egal.
„Jack“, sagte der Kapitän leise.
„Sky.“ Der militärische Direktor der Akademie baute sich vor ihm auf, ohne auf seine Geisel zu achten.
„Sie sind allein. Niemand sonst ist hier. Die anderen müssen noch in dem großen U-Boot stecken“, sagte Dessert.
Nichts an Sky deutete darauf hin, dass er in ihr seine Exfrau wiedererkannte. Jack ignorierte die Frau ebenfalls, was zu bedeuten schien, dass er ihren Worten zustimmte.
„Skarabäus Sky“, sagte er wieder. „Wie hast du dir das vor­gestellt? Du gegen uns alle? Du gegen beinahe 10.000 Solda­ten da draußen?“
„Nun“, knurrte Sky, „ich habe mir das so vorgestellt. Ihr lasst mich vorbei. Dafür bleibt sie am Leben.“
Jack lachte kurz auf. „Ich kenne dich zu gut und du weißt das. Wir beide sind uns im Klaren, dass du deine Geisel nie tö­ten wirst. Was tust du also hier?“
„Meine Pläne gehen dich nichts an. Und du irrst dich. Warum soll ich ein einzelnes Leben verschonen? Habe ich nicht angeblich 50 deiner U-Boote vernichtet?“
„In der Tat. Hiermit verhafte ich dich aufgrund Schuldüber­nahme von Kindesentführung und Mordes an einem Gefange­nen, wegen Diebstahls eines oceanischen Gerätes aus dem verbotenen Archiv, wegen der Beschäftigung mit Ocea, der Bergung eines verbotenen U-Bootes, außerdem wegen Mordes an 491 Soldaten meiner persönlichen Flotte. 9 Menschen Sky! Nur 9 haben es überlebt! Von 50 U-Booten! Du weißt was das bedeutet. Deine Hinrichtung findet in zwei Tagen statt.“
„Ich hab dich gewarnt. Lässt du sie nun los oder sollen wir sie uns mit Gewalt holen?“, fragte Dessert jetzt erbost.
„Komm schon Sky, sei nicht so dumm. Selbst du erkennst, wenn du verloren hast“, sagte Jack wieder. „Vielleicht kenne ich dich doch nicht so gut, wie ich glaubte. Immerhin hätte ich diese ganze Ocea-Scheiße nie von dir erwartet. Aber du kennst mich so gut, dass du weißt, dass mir jetzt ein Leben mehr oder weniger auch nichts ausmacht. Das Gesetz verbie­tet es mir, dich hier sofort zu erschießen. Nicht, dass ich es wollen würde. Aber es verbietet mir nicht, eine Geisel zu opfern, um dich zu kriegen. Und sie ist mir herzlich egal.“
Gibbli spürte, wie sich die Arme um sie herum lockerten. Dann gab der Kapitän sie frei und senkte langsam seine Waf­fe. Dessert griff sofort nach Gibbli und zog sie von ihrem Ex­mann weg.
„Führt ihn ab“, befahl Jack.
„Meine Kiste! Nehmt meine Kiste mit!“, rief Sky und deutete auf die große Holztruhe in der Ecke.
„Nehmt seine dumme Kiste mit“, befahl Jack mit einem höhnischen Lachen.
Einige der Soldaten traten auf Sky zu und obwohl er sich nicht wehrte, schlugen sie ihn, bis er bewusstlos zu Boden sank. Dann schleiften sie den Kapitän fort aus dem MARM und seine Kiste hinterher.
Jack kniete sich vor Gibbli nieder. „Wenn das, was der alte Brummer mir erzählt hat, wahr ist, hast du ein Problem Mäd­chen. Verbotene Technologie. Wenigstens haben wir dich le­bend zurück. Bist du okay?“ Prüfend sah er sie an. „Was ist mit ihr?“
Ein heller Lichtblitz leuchtete auf und brannte sich in Gibb­lis Augen. Dessert hatte eine Lampe eingeschaltet und richtete sie direkt auf ihr Gesicht.
„Vielleicht steht sie unter Schock“, sagte die Frau. „Wer weiß, was die mit ihr angestellt haben. Als ich kurz an Bord war, hab ich sie zusammen mit diesem anderen Verbrecher ge­sehen. Wie hieß er? Abyss?“
Gibbli zuckte zusammen, als sie seinen Namen erwähnte. Abyss war tot! Dessert, die ihre Bewegung bemerkte, musterte sie besorgt.
„Bring sie erst mal zu ihrem Vater“, befahl Jack. „Er wartet auf der Akademie und hat eines der Gästequartiere bezogen.“
„Sollten wir sie nicht besser im Krankenbereich unterbrin­gen?“
„Mir egal, solange dieser Orangenmann endlich aufhört, mir auf die Nerven zu gehn. Elvira soll sich später darum küm­mern und ein paar Ärzte zu ihr schicken.“
„Okay. Ich werde sie und Sir Brummer benachrichtigen. Komm mit mir Kleine.“ Die Frau nahm ihr Handgelenk und zog Gibbli mit sich.
 
Sie brachte Gibbli in eines der Kampfboote, die in einer Reihe an den MARM angedockt hatten. Dessert stellte ihr einige Fragen, während sie zur Akademie tauchten. Aber Gibbli schwieg und ignorierte sie. Im Nachhinein hätte sie nicht ein­mal sagen können, was genau die Frau sie gefragt hatte. Nur am Rande bekam sie mit, dass irgendjemand ihr Blut abnahm.
Die Zeit verstrich so schnell und noch immer konnte Gibbli an nichts anderes denken, als an ihn.
Kurz bevor sie andockten, hielt Dessert auf einmal uner­wartet ihre alte Waffe in Händen und musterte diese über­rascht. Sky musste den Strahler der Frau unbemerkt zuge­steckt haben, bevor die Soldaten ihn bewusstlos geschlagen hatten. Sogar in dieser Situation war er noch korrekt vorge­gangen.
Irgendwann standen sie vor den Gästequartieren der Aka­demie. Gibbli zeigte keine Regung, als das Gesicht ihres Vaters auftauchte. Sie wurde in das Quartier geschoben. Grambold de Orange sprach kurz mit Dessert und den beiden Soldaten, die sie begleiteten, dann wurde es still. Gibbli stand noch im­mer mitten im Raum, als er auf sie zutrat. Das weiße in seinen Augen hob sich drohend von der dunklen Hautfarbe ab. Gibbli wusste, was jetzt folgte. Und es war ihr egal.
„Deine Mutter befindet sich in Mooks bei einem Kunden. Sie wird in zwei Tagen hier eintreffen.“
Gibbli schwieg. Schön. Die Kunden ihrer Mutter konnten ihretwegen gerne verrecken.
„Oceanische Technologie.“ Er schüttelte langsam den Kopf, ohne sie dabei aus den Augen zu lassen. „Arrest! Meine eigene Tochter! Kannst du dir vorstellen, was das für eine Blamage für unsere Familie war?“
Sie sagte nichts. Sein Ruf, natürlich war dieser das einzige was ihn interessierte.
„Kein Wort der Entschuldigung? Keine Erklärungen?“, frag­te er abfällig.
Sie schloss die Augen.
„Deine Entführung war dir wohl nicht Strafe genug?“
Er schlug zu. Seine Hand klatschte gegen ihre Wange. Kei­ne Sekunde später setzte der Schmerz ein. Gibbli war es egal. Sie gab keinen Mucks von sich. Sie fühlte sich so leer! Den zweiten Schlag spürte sie nur noch leicht. Den dritten bekam sie gar nicht mehr mit.
Irgendwann brachte jemand ein Tablett mit Essen vorbei. Gibbli realisierte es erst, als ihr Vater mit dem Rücken zu ihr stand und hinter halb zugezogener Tür mit einer Person im Gang draußen sprach. Dann drehte er sich um und warf das Tablett auf den Tisch. Es duftete verführerisch nach heißem Braten und Salat aus den Gewächshäusern. Ihr lief das Was­ser im Mund zusammen bei diesem leckeren Anblick. Den­noch rührte Gibbli nichts davon an. Vielleicht verhungerte sie ja. Das wäre sicher das Einfachste.

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Kapitel 21: Der Nebel formt sich (Bis in die tiefsten Ozeane)

Nervös stand sie vor der nebligen Kugel. Währenddessen klatschte Cora aufgeregt in die Hände und tanzte um den runden Tisch. Gibbli fühlte sich unwohl, während alle um sie herum standen und sie anstarrten. Na schön, das war ihre Chance zu zeigen, dass sie es Wert war, hier zu sein. Zu be­weisen, dass sie hier her gehörte, in diese Mannschaft, in Skys Crew. Sie versuchte Coras Küken zu ignorieren, das sich mit­ten unter die Kugel gesetzt hatte und rief sich den Satz von Steven in Erinnerung. Als wäre es gestern gewesen, hörte sie seine kalte Stimme in ihrem Kopf:
‚Je grausamer deine Taten sind, desto stärker wirst du sein. Je wütender du bist, desto besser kannst du es kontrollieren. Je mehr Schmerzen du bereits in dir trägst, desto weniger wird dich diese Technologie verletzen.‘
Sie hatte diesen Mönch umgebracht. Das musste doch grausam genug sein! Sie war wütend gewesen, weil Abyss sie dafür hasste. Gehasst hatte. Handelte es sich dabei um Wut? Gibbli war sich nicht sicher.
Nox, der ihr gegenüber stand, starrte Gibbli abwartend und mit verschränkten Armen an. Bo hatte vorsichtshalber einen Eimer der türkisen Flüssigkeit bereitgestellt. Als ihr Blick auf Abyss fiel, schüttelte er kaum merklich den Kopf.
„Mach schon“, befahl Sky.
Gibbli streckte langsam ihre Hand aus. Sie merkte, dass Abyss näher an sie heran trat. Dann berührte sie die eiskalte Oberfläche. Es fühlte sich an wie damals. Der milchige Nebel begann unter der durchsichtigen Oberfläche herumzuwirbeln. Kurz formte er ein Bild. Gibbli erkannte das Gesicht von Rod, dem Erbauer der Mara und wischte es sofort in Gedanken beiseite. Überraschenderweise funktionierte es. Seine Gestalt löste sich auf und wurde wieder zu weißem Nebel. Doch dann passierte nichts. Angestrengt dachte sie an Ocea. Wo befindet sich die Stadt? Sie wiederholte diese Frage in ihren Gedanken immer wieder, versuchte all ihre Kraft hinein zu stecken, aber die Kugel änderte sich nicht mehr.
„Warum funktioniert es nicht?“, fuhr Sky sie an.
„Ich… ich weiß es nicht“, flüsterte Gibbli.
Seine Hände ballten sich zu Fäusten. „Konzentriere dich!“
Dann fiel Gibblis Blick auf ihr Bein. Es tat kaum noch weh. Lag es an den fehlenden Schmerzen?
„Fang wieder mit etwas anderem an. Zeige uns die Meeres­akademie“, forderte Sky sie auf.
Gibbli konzentrierte sich auf die Akademie. Sofort begann der weiße Nebel sich zu den vielen zusammenhängenden Ge­bilden am Meeresboden zu formen. In der Mitte ragte der große Zentrumsturm zur Wasseroberfläche empor.
„Gut. Und jetzt ein Gebiet der Tiefseemenschen. Takkao.“
In Sekundenschnelle verdunkelte sich das Bild in der Kugel und die dunkelblau schimmernden Steinbauten erschienen darin.
„Wird es warm?“, fragte Abyss leise, direkt neben ihr.
Gibbli schüttelte den Kopf.
„Gut. Und jetzt die Stadt. Ocea“, befahl Sky.
Wieder konzentrierte sie sich. Nichts. War die Erinnerung an ihre Wut zu schwach? Oder lag es doch am fehlenden Schmerz? Es konnte nur der Schmerz sein!
„Abyss“, flüsterte sie, so dass nur er es hören konnte. „Schlag mich.“
„Was? Nein!“
„Tu es“, wisperte sie mit zusammen gebissenen Zähnen.
Sie spürte, dass er zögerte. Im nächsten Moment kauerte sie am Boden und krümmte sich vor Schmerzen.
„Was machst du?“, schrie Bo entrüstet.
„Verflucht, Abyss!“, rief Sky, der keine Sekunde später sei­nen Strahler auf ihn gerichtet hielt.
Abyss kümmerte sich nicht darum und half Gibbli auf, die sich röchelnd den Bauch hielt. Sie nahm die anderen nur noch schemenhaft wahr. Cora lachte laut und dieses fiese Lachen war es, was Gibbli zurück in die Gegenwart holte. Ehe noch jemand etwas unternehmen konnte, presste sie ihre Hand wie­der auf die Kugel. Der Nebel wirbelte wild darin umher, nur um dann erneut zum Stillstand zu gelangen.
„Nein nein nein!“ Verzweifelt presste Gibbli beide Hände so fest sie konnte gegen die Oberfläche.
Sky ließ seine Waffe sinken.
„Ich streng mich ja an!“, rief sie. Verdammt! Warum klappte es nicht? Es tat doch weh! Vielleicht nicht genug. „Gib mir ein Messer, Abyss.“
„Gibbli“, sagte Abyss leise und sie spürte seine großen Hän­de an ihrer Schulter. „Wir finden einen anderen Weg.“
„Es gibt keinen anderen Weg!“ Sie schlug wütend auf die Kugel. Für einen kurzen Moment formte sich der Nebel zu ei­nem Gebilde, um sich dann wieder zu verteilen.
Gibbli fuhr hastig herum und rannte weg, ohne auf die Rufe der anderen zu achten. Sie lief nach unten, in den Ma­schinenraum. Sie hatte versagt. Schon wieder. Was musste Sky nur von ihr denken. Und Bo und Nox erst? Und Abyss, vor dem sie stark sein und endlich alles richtig machen wollte. Sie war sogar getaucht, nur für ihn! Und was hatte es ihr ge­bracht? Nichts! Kauernd ließ sie sich in einer Ecke hinter einer Maschine nieder.
 
„Hey“, sagte eine Stimme eine halbe Stunde später und Gibbli schreckte hoch. „Lauf doch nicht immer gleich weg. Du weißt, dass ich dich immer finde. Sogar in Takkao hab ich dich ge­funden.“
Gibbli hatte gar nicht bemerkt, wie er hier her gekommen war. Abyss hockte anscheinend seit einiger Zeit vor ihr am Bo­den und blickte sie abschätzend an.
„Sky meint, wir sollten noch mal ins Archiv der MA. Viel­leicht finden wir dort einen Hinweis. Er kommt mir irgendwie etwas nervös vor. Und Nox überlegt das U-Boot zu verlassen und selbst nach der Stadt zu suchen. Bo versucht ihn davon abzuhalten. Sie ist davon überzeugt, dass wir nur mit der Mara dort hin-“
„Abyss“, unterbrach sie ihn. Ihr war etwas klar geworden: Es lag an der Wut. Sie war nie richtig wütend auf Abyss ge­wesen. Sie erinnerte sich plötzlich an etwas. An diesen schrecklichen Gedanken, der ihr gekommen war, als er ihr an­geboten hatte, zusammen abzuhauen. Es gab einen Grund, warum sie das nicht tun durften. Und dieser Grund erschien ihr, wenn sie genauer darüber nachdachte, gar nicht mehr so grausam. „Weißt du noch, heute morgen? Du sagtest, Sky sei der Meinung, dass Steven dazu im Stande ist, mit Gefühlen zu spielen.“
Sie spürte, wie Abyss sie besorgt musterte. Gibbli sah auf und zwang ihren Blick direkt in seine grauen Augen.
„Du tust es schon wieder, du siehst mich an“, knurrte er misstrauisch. „Diese drei Tage da draußen haben dich verän­dert.“
„Sky hätte es nie geschafft, mich zum Tauchen zu zwingen. Nein. Du hast mich verändert. Dein Hass hat mich verändert.“
Er schüttelte verwirrte den Kopf und schien nicht zu ver­stehen, wovon sie sprach.
„Weil ich ihn umbrachte“, fuhr sie fort. „Weil es meine Schuld war, dass der Mönch starb. Ich habe alles kaputt ge­macht. Deswegen bin ich für dich getaucht. Du warst ent­täuscht von mir, das wollte ich nicht. Ich wollte dir zeigen, dass ich es kann. Dass du mich nicht für einen Versager hältst. Dass nicht alles schief geht, was ich anfasse und damit du mich nicht mehr hasst.“
„Ich hab dich nie gehasst, Gibbli. Ich…“ Er sah zur Seite und dann auf den Boden. „Ich wollte, dass er dich kennen lernt.“ Dann blickte er wieder in ihre Augen. „Nur, das kann er jetzt nicht mehr.“
Stille breitete sich aus. Nach einer Weile fiel Gibbli wieder ein, was sie eigentlich sagen wollte.
„Sky hat recht. Es sind nicht Stevens Worte, die mir Angst machen. Und ganz sicher ist es nicht das.“ Sie deutete auf ih­ren verbundenen Oberschenkel, in den Steven seine Finger ge­rammt hatte. „Steven drückt mich nach unten. Es fühlt sich an, als könnte er alles tun was er will, ohne dass ich ihm et­was entgegenzusetzen habe. Wenn er meine Anwesenheit spürt, dann lässt er meine Füße am Boden festwachsen. Er macht, dass ich mich nicht mehr bewegen kann. Er ist viel schlimmer als diese Träume. Wenn… wenn Rod Mara weh tut, dann bin ich in ihrem Körper. Wenn er sie taucht, spüre ich das Wasser in meinen Lungen! Aber Steven ist so viel schlimmer. Steven ist… er ist wie ein böser Gott. Als würde er alles beherr­schen, als würde die Welt ihm gehören, als würde ICH ihm ge­hören. Abyss, all das lässt er mich spüren, noch bevor er auf­taucht. Er lässt mich einfach erstarren. Ich will schreien, aber kein Laut verlässt meine Lippen. Ich will rennen, doch meine Beine gehorchen mir nicht mehr. Mein Herz droht zu zersprin­gen, mir wird schlecht, ich friere ein und gleichzeitig ist mir so heiß, dass ich denke zu verbrennen! Er raubt mir die Luft. Er lässt mich ertrinken, ohne auch nur einen einzigen Tropfen Wasser in meine Nähe zu bringen! Und dann, dann, kurz be­vor die Angst mich auffrisst, erscheint er. Und wenn er dann da ist, fühlt es sich nicht mehr so an, wie der Fall in einen tie­fen Abgrund. Nein, stattdessen ist es wie der Aufprall am Ende, wenn der Körper am Boden zertrümmert wird. Nur dass sich dieser nicht im Bruchteil einer Sekunde abspielt, sondern durchgehend, so lange der Wächter in meiner Nähe ist, so lan­ge Steven das will. Und das Schreckliche ist, ich weiß, dass er nicht der einzige ist. Da ist noch jemand und wartet. Jemand, von dem ich mir sicher bin, dass er Steven in nichts nachsteht. Jeff. Der zweite Wächter. Es hat keinen Sinn wegzulaufen. Sie würden mich finden, egal wo wir uns verstecken. Abyss, ich will sie vernichten! Ich will die beiden sterben sehen! Ich will sehen, wie ihre Körper zerfetzt werden, ich will ihre Eingeweide über ganz Ocea verteilt wissen! Ich will, dass sich ihr Blut mit dem Wasser des gesamten Ozeans vermischt. Wir fahren nach Ocea und wir töten sie. Fertig. So einfach. Du hast mir gesagt, ich soll leben. Ich will nicht mehr kompliziert denken, Abyss. Ich will leben.“
Gibbli übersah die Überraschung in seinen Augen nicht, als sein Mund sich langsam zu einem Grinsen zog. „Ich glaub, wir sind beide keine guten Menschen, Gibbli.“
„Ich denke, ich schaffe es jetzt“, sagte Gibbli nach einer Weile.
„Was meinst du?“ Sie antwortete ihm nicht, stand auf und ging an ihm vorbei, Richtung Zentrale. „Gibbli?“, fragte Abyss wieder und folgte ihr.
 
Oben angekommen erblickte sie Bo, die versuchte Nox in ein Gespräch zu verwickeln. Dieser hatte die Arme verschränkt und sah sie nur mürrisch an. Sky hob den Kopf, als Gibbli an den Konsolen vorbei ging, doch sie beachtete ihn nicht weiter. Geradewegs steuerte sie auf die Kugel zu und legte ohne zu zögern ihre Hände drauf. Der Nebel wirbelte umher und form­te sich schließlich zu vielen kleinen Gebäuden am Meeres­grund. Ein großer Turm bildete das Zentrum. Schweigend trat der Kapitän langsam näher.
„Ocea“, antwortete Gibbli nur.
Sky blickte sie verwirrt an, als wäre sie verrückt geworden. „Das ist nicht Ocea. Das ist die Akademie.“
Gibbli spürte, wie hinter ihr Abyss zu ihnen nach oben kam. Auch Bo hatte aufgehört auf Nox einzureden und die Ge­schwister traten ebenfalls näher.
„Das ist Ocea“, flüsterte Gibbli jetzt.
„Nein. Das ist die Meeresakademie“, wiederholte Sky.
Gibbli schüttelte den Kopf. „Ich denke nicht an die MA. Ich denke an die Positionsdaten von Ocea. In diesem Moment.“
„Unmöglich“, sagte Nox.
„Es sei denn…“ Sky setzte sich auf die Bank am Tisch, um das Bild in der Kugel darüber genauer zu betrachten. „…Gibbli, was befindet sich unter der Akademie?“
Auf seine Frage hin änderte sich das Bild. Wie eine Kame­ra, die nach unten zoomte, tauchten sie mitten in den Unter­grund hinein, durch harten Meeresboden hindurch. Ein röh­renförmiger Gang wurde sichtbar, beginnend unter den Ge­fängnissen, der senkrecht weiter in den Boden hinab führte. Ihre aller Augen weiteten sich. Aus den Augenwinkeln be­merkte Gibbli, dass Coras Küken jetzt zufrieden auf dem Kopf der kleinen KI saß.
„Er steht unter Wasser!“, rief Bo aufgeregt.
Immer schneller bewegte sich das Bild, bohrte sich die mit Wasser gefüllte Röhre entlang, durch harten Fels. Nach einer gefühlten Ewigkeit wurde das Motiv unschärfer, gleichzeitig heller. Weit entfernt blitzte etwas Goldenes auf.
„Bis in die tiefsten Ozeane“, flüsterte Sky.
Eine Gänsehaut breitete sich auf ihrem ganzen Körper aus. Dann spürte Gibbli einen stechenden Schmerz durch ihre Arme fahren. Sie keuchte auf und fiel nach hinten. Abyss fing ihren Sturz ab. Im selben Moment verschwand der Gang und verwandelte sich wieder in milchig weißen Nebel.
„Er weiß es! Steven weiß, dass wir es wissen. Ich hab es ge­spürt.“ Gibbli rieb sich einen Arm. Der Schmerz verschwand so schnell, wie er gekommen war.
Sky öffnete fassungslos den Mund. „Wir haben… all die Jahre sind wir… über der Stadt… sie befindet sich tatsächlich unter der Akademie. Und direkt unter dem Zentrumsturm liegt der Eingang.“
Bo lachte. „Dann los! Holen wir Sam da raus! Ich wollte schon immer einmal die Akademie sehen. Ist es schön dort? Wie viele Kurse gibt es? Sind die Lehrer-“
„Sei still!“, brachte Nox sie zum Schweigen. „Dein Tönen aufgeht mir die Nerven! Wir holen Sam, nichts anderes ist jetzt wichtig!“
„So leicht ist das nicht.“ Sky schüttelte den Kopf. „Wir müs­sen gezielt vorgehen.“
„Es bleiben uns nur fünf Tage!“, rief Nox.
„Jacks persönliche Flotte umfasst noch mindestens 150 U-Boote. Er wird sich nach der Schlacht zur Akademie zurück­gezogen haben. Außerdem sind da noch andere. Meine ehe­malige Flotte sowie viele weitere. Sicher befinden sich nicht alle bei der Akademie, aber ein großer Teil davon. Wir würden gut tausend Booten gegenüber stehen! Das schafft nicht ein­mal die Mara. Ich bezweifle, dass wir gegen so viele auch nur die geringste Chance hätten.“
Angriffslustig ballte Abyss seine Fäuste. „Warum sprengen wir sie nicht einfach?“
„Abgesehen davon, dass du die Absicht hast, damit zehn­tausende von Menschen umzubringen, wie willst du bitte eine komplette Flotte vernichten?“, fragte Sky.
„Ich dachte da an eine richtig große Explosion.“
Der Kapitän schüttelte genervt den Kopf. „Angenommen, wir schaffen es irgendwie anzulegen. Dann sind da immer noch die Soldaten in der Akademie.“
„Schwache Landmenschen“, grummelte Nox.
„Viele Landmenschen, die einen Meermenschen wie dich in ihrem Gebiet nicht dulden würden, ebenso wenig wie Bo“, er­widerte Sky. „Abyss und ich sind die meist gesuchten Männer im ganzen Meer. Wir würden nicht weniger auffallen. Gibbli und Cora könnten sich vielleicht unter die Schüler mischen. Nur Gibbli gilt als entführt und Cora ist eine tonnenschwere, goldene Kind-KI, die mit ihrem Verhalten sofort alle Blicke auf sich ziehen würde. Nein, wir müssen das genau planen. Die Reise zur MA wird von hier aus nur ein paar Stunden bean­spruchen. Das ist dennoch genug Zeit, um uns etwas auszu­denken.“
 
Etwas später zogen sich Gibbli und Abyss in den Maschinen­raum zurück. Bo hatte ihr noch den Verband abgenommen. Die Wunde war bereits so gut verheilt, dass sie ihn nicht mehr benötigte. Das Marahang leistete wie immer gute Arbeit.
„Warum lassen wir uns nicht einfach alle einsperren?“, fragte Gibbli Abyss, als sie sich hinlegte. „Du hast das schon mal gemacht und wir konnten entkommen.“
„Eben. Es wird kein zweites Mal funktionieren. Sicher ha­ben sie Vorkehrungen dagegen getroffen“, gab Abyss zu be­denken. „Mit deiner Erfindung werden wir das Schloss der Zel­lentüren wahrscheinlich nicht mehr aufbekommen. Sky hat recht, wir müssen das genau planen.“
Mit einem unguten Gefühl legte sie sich in ihre Hängemat­te. Abyss wirkte nervös. Seit wann war er so vorsichtig? Etwas genau planen, das passte nicht zu ihm. Normalerweise mach­te er sich erst um die Dinge Gedanken, wenn es so weit war und nicht davor.
Er lag am Boden, den Körper von ihr abgewandt. Plötzlich begann er wieder zu sprechen: „Ich versteh nicht, warum er sich überhaupt einmischt. Steven. Klar, er will, dass du zu ihm nach Ocea kommst. Aber wenn er nicht aufgetaucht wäre, hätten wir ja trotzdem nach der Stadt gesucht.“
Gibbli überlegte. Hatte Steven das alles geplant? Was be­absichtigte er damit? Warum wollte er, dass Gibbli von sich aus, freiwillig, zu ihm kam? Wenn er sich nicht eingemischt hätte, was wäre dann anders verlaufen? „Ohne ihn hätte ich nie die Wut aufgebracht, Oceas Eingang auf der Kugel anzu­zeigen“, sagte sie dann.
„Steven beeinflusst dich. Sicher möchte er die oceanische Seite in dir wecken. Ich habe Angst dich an ihn zu verlieren.“
„Ich kann ihn nicht ausstehen. Du bist mein Bruder, Abyss. Ich vertraue dir.“ Niemals hätte sie gedacht, so etwas irgend­wann zu irgendjemandem einmal zu sagen.
„Bruder“, wiederholte er nach ein paar Sekunden tonlos. Er wirkte betrübt. „Bruder“, flüsterte er noch einmal.

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Kapitel 20: Überraschender Besuch (Bis in die tiefsten Ozeane)

Gibbli wachte einige Stunden später auf den weichen Kissen in ihrer Hängematte auf. Ihr Bein tat kaum noch weh. Jemand hatte es geschient und einen Verband um ihren Oberschenkel gelegt. Abyss saß im Halbdunkeln auf dem Boden und lehnte an einer Maschine. Das Glühen der schwebenden Sonnen­stücke spiegelte sich schwach auf seinem blassen Gesicht und den hellen Haaren wieder. Es musste mitten in der Nacht sein.
Als er bemerkte, dass sie nicht mehr schlief, fing er an zu lächeln. „Hey.“
„Hat Sky wirklich noch den MARM gesteuert?“, war die erste Frage, die ihr durch den Kopf schoss.
„Er bestand darauf. So wie der getaucht ist, kann ich mir vorstellen, dass er das Teil selbst im Schlaf steuern könnte. Unser Kapitän ist wirklich gut darin, das muss ich leider zuge­ben. Hat sogar noch die Mara aus dem Gebiet der Tiefsee­menschen herausmanövriert. Wir befinden uns jetzt auf hal­ber Höhe zum Hochseemenschengebiet.“ Abyss legte etwas beiseite und reichte ihr dann eine Schüssel hoch. „Hier. Iss alles auf, das ist eine Anordnung von Bo. Sie wollte dich eigentlich im Krankenzimmer behalten. Aber ich dachte, du wärst viel­leicht lieber hier unten.“
Gibblis Augen leuchteten auf. Essen! Sie richtete sich auf, kämpfte einen kurzen Schwindelanfall nieder und begann dann die Gemüsesuppe in sich hinein zu löffeln. Obwohl die Brühe bereits kalt war, fühlte es sich dennoch so an, als wäre das die leckerste Suppe ihres ganzen Lebens! Einen Moment lang spürte sie Abyss‘ zufriedenen Blick auf sich ruhen, dann griff er wieder nach seinem Lappen und fuhr mit seiner Tätig­keit fort, irgendetwas zu polieren. Nach einer Weile fiel Gibblis Blick auf seinen Koffer, der geöffnet neben ihm am Boden lag und dann auf das Gerät in seinen Händen. Es bestand aus Holz, das an einem Ende kunstvoll gebogen war. Darüber spannten sich vier Stahlsaiten. An einigen Stellen blätterte der Lack bereits ab und es wirkte sehr alt. Die hohe Luftfeuchtig­keit unter dem Meer schien dem Instrument stark zuzusetzen.
„Eine Geige?“, fragte sie erstaunt.
„Ja. Dachtest wohl, ich schleppe eine Waffe mit mir rum?“
Gibbli blickte beschämt auf ihr Essen. Das erklärte die selt­samen Geräusche, die sie vor Kurzem aus der Tauchkapsel wahrgenommen hatte. Sie wusste zwar, was eine Geige war, an der Akademie gab es freiwillige Kurse in denen man ver­schiedene Instrumente lernen konnte, allerdings hatte sie nie einen davon besucht. Sie hätte auch nie erwartet, dass Abyss Musik spielte.
„Schusswaffen sind was für Feiglinge“, fuhr er fort, wäh­rend er das Instrument mit dem Lappen behutsam weiter ab­wischte. „Wie Sky.“
Gibbli grinste kurz und löffelte schweigend ihre Suppe wei­ter. Nach allem was sie erlebt hatten, konnte er die Sticheleien gegenüber ihrem Kapitän noch immer nicht lassen.
„Der Mönch schenkte sie mir, kurz nachdem er mich auf­nahm“, sagte Abyss nach ein paar Minuten leise und Gibbli verschluckte sich fast. Doch Abyss sprach ruhig weiter. „Viel­leicht dachte er, damit kann er mich beschäftigen und von Dingen abhalten, die es besser wäre nicht zu tun.“
Vorsichtig blickte sie auf. „Hat… wohl nicht so ganz funk­tioniert.“
„Oh, doch. Besser als er wahrscheinlich ahnte“, meinte Abyss wehmütig und begann die Geige wieder im Koffer zu verstauen. Gibbli erschauderte. Er war ein skrupelloser Mörder. Wenn er jetzt schon Leute umbrachte, was würde er wohl ohne die Musik im Stande sein zu tun? „Es… hilft mir die Kon­trolle nicht zu verlieren. Eines Tages wird diese Geige die stärkste Macht unter dem Meer sein.“
Das wäre wirklich schön, dachte Gibbli. Sie stellte sich vor, wie all die Soldaten statt ihren Strahlern mit verschiedensten Instrumenten ausgerüstet wurden und statt zu schießen ein­fach Musik spielten.
Abyss kam näher, nahm ihr die leere Suppenschüssel ab und stellte sie beiseite. Dann setzte er sich direkt vor ihre Hän­gematte. „Lass uns reden, Gibbli.“
Gibbli ließ ihre Schultern hängen. Unsicher blickte sie auf ihre Finger, nicht so recht wissend, was sie mit ihren Händen machen sollte. In Büchern folgte nach solchen Sätzen immer ein sehr unangenehmes Gespräch. Sie spürte seinen stechen­den Blick auf sich ruhen und ließ sich zurück auf die Kissen ihrer Hängematte fallen, um ihn nicht ansehen zu müssen. Stattdessen starrte sie an die niedrige Decke nach oben. Si­cher wollte er über den Mönch sprechen. Aber Gibbli irrte sich.
„Erzähl mir von Steven.“
Überraschtes Schweigen breitete sich aus. Was sollte sie über dieses Monster erzählen? Nach einer Weile wurde ihr klar, dass Abyss noch immer vor ihr saß und etwas auf seine Aufforderung erwartete.
„Du bist ihm doch schon begegnet“, sagte sie leise.
„Ich stieß ein paar Mal mit ihm zusammen, ja. Aber nach­dem was Sky mir erzählte, verhält er sich dir gegenüber an­ders. Beschreib ihn mir.“
Sie dachte einen Moment nach und versuchte sich an die erste Begegnung mit ihm im Zug zu erinnern. Wahrscheinlich hatte er sie dort nicht einmal gesehen. Dennoch hatte er Gibbli gespürt und war sich ihrer Gegenwart sofort bewusst gewesen.
„Ich fühle es, wenn er in der Nähe ist, noch bevor er sich zeigt. Alles wird kalt und ich beginne zu frieren.“
„Du strahlst diese Kälte auch manchmal aus.“
„Und hast du Angst vor mir?“, fragte Gibbli in die Dunkel­heit.
„Nein“, antwortete Abyss. „Aber ich hab auch keine Angst vor Steven.“
„Also hältst du mich für schwach?“
„Nein. Du hast vor vielen Dingen Angst, die andere als selbstverständlich betrachten. Dennoch schaffst du es in manchen Situationen klar zu denken, wenn andere sich längst tot glauben.“ Er hielt kurz inne. „Ich bin dafür, wir bringen Ste­ven einfach um. Fertig.“
Gibbli schwieg. Ja, das war eine hervorragende Idee. Warum wollte Abyss Stevens Auftreten überhaupt bis ins kleinste Detail besprechen? Das sah ihm gar nicht ähnlich.
„Aber der Kapitän befahl mir, mit dir darüber zu reden. Als würde er sich um dich sorgen. Es bringt nichts die Dinge zu zerdenken. Er ist der Meinung, dass Steven dazu im Stande ist, mit Gefühlen zu spielen, allein mit seinen Gedanken. Nur bei Stevens Verhalten dir gegenüber… er hat dich ja bedroht, oder? Ich kann mir vorstellen, dass sowas einem irgendwie Angst einjagt. Weißt du, ich glaub Sky ist nur so lange um dein Wohlergehen besorgt, bis wir in Ocea sind. Er ist wie besessen von dieser Stadt! Ich weiß nicht, was ihn antreibt, aber ich bin mir sicher, sobald er sein Ziel erreicht, wird es ihn einen Dreck interessieren, was Steven mit dir vor hat.“
Gibbli spürte Abyss‘ Zorn. Einen Moment überlegte sie, ob er vielleicht genauso dachte. Was er allerdings dann sagte, ließ ihr Misstrauen ihm gegenüber ein für alle Mal verschwinden.
„Ich wollte immer nach Ocea wegen dem Dolch. Das mächtigste Artefakt von allen. Und am höchsten Punkt, in der Mitte der Stadt, liegt der Dolch des Nu. So steht es im Buch Ocea geschrieben.“
„Dieses Buch von Bo?“
„Ja. Es gibt nicht viele Abschriften davon. Der Mönch be­saß ebenfalls ein Exemplar. Es stammt von einem Tiefseemen­schen, wusstest du das?“ Er hielt kurz inne. „Aber Gibbli, ver­giss das Buch und den Dolch. Wir könnten uns jetzt einfach den MARM schnappen und fliehen. Wir müssen nicht dort hin. Wir verstecken uns und die anderen werden uns nie fin­den.“
Überrascht richtete sie sich auf. Meinte er das ernst? Er, dem ständig langweilig war und von einem Abenteuer ins nächste stolperte? Er, der Mann, der das Risiko liebte, von Ge­fahren magisch angezogen wurde und sich nirgendwo heraus­halten konnte, bot ihr an, einfach abzuhauen?
„Du bist wichtiger“, sagte er leise.
Sie suchte sein Gesicht in der Dunkelheit. Abyss‘ graue Au­gen funkelten im schwachen Licht der Sonnenstücke. „Nein… Wir müssen Sam retten“, flüsterte sie.
„Du weißt, dass ich erkenne, wenn du lügst.“ Er grinste und sie fühlte sich ertappt, zwang sich jedoch weiter ihn anzuse­hen. Irgendwie kam ihr das mittlerweile gar nicht mehr so schwer vor. Wenigstens bei Abyss bekam sie den Drang weg­zublicken langsam unter Kontrolle. „Du warst schon immer egoistisch, Gibbli. Vor mir musst du keinen Grund erfinden. Bo und dieser Nox wollen sie retten. Aber dich interessiert diese Sam doch nicht im Geringsten. Gib es zu, das Tauchen hat dich mutiger gemacht.“
„Das ist es nicht.“ Mit aufgerissenen Augen starrte sie ihn an und schüttelte dann langsam den Kopf. Ihr war ein schrecklicher Gedanke gekommen. Ein Gedanke, der sich falsch anfühlte und dennoch richtig. Sie drängte ihn beiseite und wendete sich beschämt von Abyss ab.
„Mein Angebot steht. Lass es dir durch den Kopf gehn“, sagte er noch einmal.
 
Ein paar Stunden später humpelte Gibbli zwar noch, konnte aber bereits wieder fast ohne Schmerzen auftreten. Als sie und Abyss früh am Morgen den Maschinenraum verlassen wollten, stapfte Nox gerade pitschnass aus der linken der bei­den Ausstiegsluken. Er hatte sich darin einquartiert, da man sie jederzeit mit Wasser füllen konnte. So musste er nicht durchgehend sein Atemgerät tragen, während er schlief.
„Warst du draußen?“, fragte Abyss.
„Ja“, antwortete Nox knapp und blickte ihn düster an.
„Was ist? Hab ich dir was getan?“, grummelte Abyss.
„Nein.“
„Dann starr mich nicht so an. Du bist komisch.“ Er drehte sich um und wollte in den Gang einschlagen, der nach oben führte.
„Nein“, sagte Nox leise. „Das U-Boot, das da draußen di­rekt neben der Mara schwimmt, das ist komisch.“
Abyss hielt inne und wirbelte herum. „Was? Welches U-Boot?“
„Eckig. Flach.“
„Das könnte zu Jacks Flotte gehören“, rief Gibbli alarmiert.
„Nur eines?“, fragte Abyss.
Nox nickte. „Und es schickte ein Beiboot in unser Hangar.“
„Es ist rein?“ Abyss zog blitzschnell sein Messer und be­gann die Rampe zur Zentrale hoch zu rennen. „Welcher hirn­rissige Narr hat das Hangartor geöffnet?“
Gibbli und Nox folgten ihm. Als sie das Frontfenster er­reichten, wehte ihnen von oben eine zornige Frauenstimme entgegen.
Bo stand am runden Tisch mit ein paar Früchten im Arm, die sie fürs Frühstück seelenruhig in Stücke schnitt. Sie strahl­te, als die drei an den Konsolen vorbei zu ihr kamen. „Gibbli du bist ja wach! Wie geht…“
„Was ist da oben los?“, unterbrach Abyss sie.
Bo lachte gezwungen auf, warf einen nervösen Blick zur Rampe, die nach oben führte und begann schnell zu sprechen. „Sie streiten! Der Kapitän und diese Frau. Die ist vor ein paar Minuten aufgekreuzt mit einem einzelnen U-Boot aus der Flotte. Sky schien nicht sehr erfreut sie zu sehen, hat sie aber dann trotzdem reingelassen. Doch dann hat er sie ganz böse angeknurrt, als sie durchs Hangartor kam. Und sie so WÄÄHH“ Bo fuchtelte mit ihren Armen wild gestikulierend in der Luft herum. „Dann hat er sie beschimpft. Und die Frau dann wieder so WAAHHH! Das geht jetzt schon ein paar Mi­nuten so, man versteht kaum ein Wort. Ich glaube, es geht um die Schlacht bei den Hochseemenschen. Oh, ich hoffe, sie ma­chen mir keine von den Pflanzen kaputt!“
„Pflanzen, wie eklig. Ich bevorzuge rohen Fisch.“ Nox ließ seine spitzen Zähne aufblitzen und setzte sich mit verschränk­ten Armen an den Tisch, als ginge ihn das nichts an. Bo warf ihm einen bösen Blick zu.
Abyss hingegen wandte sich von ihnen ab und stieg die Rampe hoch. Unsicher folgte ihm Gibbli. Oben angekommen streckte er seinen Arm aus, um ihr anzudeuten nicht näher zu kommen. Gibbli blieb hinter ihm stehen. Sie erblickte Cora, die in einer Ecke umhersprang und aufgeregt in ihre kleinen Hän­de klatschte, als wollte sie die Streitenden anfeuern. Mitten in der Galerie standen sich zwei Menschen gegenüber und die Frau schrie so laut, dass Gibbli versucht war, sich die Ohren zuzuhalten. Mit Zornesfalten auf der Stirn und zusammen gezogenen Augenbrauen sah Sky aus, als würde er jeden Mo­ment zuschlagen. Gibbli hatte ihn noch nie so wütend erlebt. Obwohl seine Worte oft einen befehlenden Unterton aufwie­sen und er sie immer wieder scharf zurechtwies, blieb er dabei normalerweise ruhig und überlegt. Wenn Gibbli es sich recht überlegte, hatte sie ihn noch nie schreien gehört. Auch jetzt schien er sich zu beherrschen. Nur so bedrohlich, wie er diese fremde Frau anfuhr, trat er seiner Mannschaft gegenüber nie auf.
Der schlanke Körper der Frau bebte. Sie hatte ihre Hände zu Fäusten geballt und stand in Kampfstellung, jederzeit be­reit, sich auf ihn zu stürzen. Ihre schwarzen Locken lagen wild um ihren Kopf. Der Anzug, den sie trug, wies sie als einen ein­fachen U-Boot Kommandanten der Elite aus. Gerade be­schimpfte sie Sky als einen Verräter und beschuldigte ihn, einen Krieg ausgelöst zu haben.
„…es gibt keine andere Möglichkeit!“, fuhr Sky sie an.
„WIE VIELE LEBEN WILLST DU NOCH OPFERN? DU HAST DICH NICHT GEÄNDERT! WIE KANNST DU HIER SO RUHIG STEHEN UND IMMER NOCH DEINEN DUMMEN PLAN VERFOLGEN?“
„Ich mache das nur für sie. Es war fair.“
„WAR ES NICHT! RACHE IST NICHT GERECHT! WANN KAPIERST DU DAS ENDLICH, DU KRANKER MANN? OH, WIE ICH DEINE KRANKHAFTE GLEICHGÜLTIGKEIT VERAB­SCHEUE!“
„Ich beherrsche mich. Etwas was du nie gelernt hast!“
„DU BIST WAHNSINNIG! FAST 50 U-BOOTE SIND GEFAL­LEN! DIE HOCHSEEMENSCHEN HABEN UNS REGELRECHT AUSGELÖSCHT!“
„Dein Jack hätte sich eben nicht einmischen dürfen.“
„WIE IMMER SCHIEBST DU DIE SCHULD ANDEREN ZU! ICH WARTE NUR NOCH DARAUF, DASS DU BEHAUPTEST, LETITIAS TOD SEI AUCH NICHT DEINE SCHULD GEWESEN!“
Ein metallenes Gerät flog plötzlich haarscharf an der Frau vorbei und direkt auf Abyss zu. Er duckte sich und es prallte gegen die Wand.
„War das sein Strahler? Sky hat seine Waffe nach ihr ge­worfen?“, fragte Gibbli ungläubig.
„DEIN ERNST? JETZT WIRST DU AUSFALLEND? JAHRE­LANG HAT ELVIRA VERSUCHT DIR EINZUTRICHTERN, DASS DEINE VERDAMMTE KLEPTOMANIE NUR DARAN LIEGT, DASS DU DEINEM ÄRGER NIE LUFT MACHST UND ALLES IN DICH HINEIN FRISST! ICH HAB DIR IMMER GE­SAGT, SPRICH MIT DEN LEUTEN UND SCHREIE SIE AN! Dei­ne zwanghafte Zurückhaltung tut dir nicht gut, aber du hörst ja nicht! Und jetzt fängst du auf einmal damit an, mich mit diesem Ding zu…“ Während sie sprach, war die Frau im­mer leiser geworden. Schließlich brach sie ganz ab.
„So redest du nicht mit mir.“ Sky stand da, alle Muskeln angespannt, als würde er ihr gleich jedes Haar einzeln ausrei­ßen und die Frau trat einige Schritte von ihm weg. „Nicht hier und schon gar nicht vor meiner Crew. Verlasse sofort meinem Boot, Dessert!“
Es war Gibbli ein Rätsel, wie er das in seiner Verfassung so ruhig aussprechen konnte. Doch gerade weil er nicht schrie, klangen seine Worte umso furchteinflößender.
Dann donnerte seine Stimme durch die Galerie: „VER­SCHWINDE!“
Gibbli war sich sicher, dass er ihr das kein zweites Mal be­fehlen würde und der Frau schien das ebenfalls klar zu sein.
„Dann geh doch unter, du Narr!“ Sie wirbelte herum und eilte zur Tür, die zum Hangar führte.
Gibbli wich zurück, als ihr Kapitän sich schlagartig in ihre Richtung drehte. Seine Finger wirkten so angespannt, als könnten sie Stahl brechen. Mit gefletschten Zähnen kam er auf sie zu.
„Was war das denn eben?“, fragte Abyss mit erhobenen Augenbrauen.
„Meine Exfrau“, knurrte Sky. Er schubste Abyss zur Seite, rauschte an ihnen vorbei und stapfte die Rampe hinab. Cora hüpfte ihm lachend hinterher und ahmte dabei seine wüten­den Bewegungen nach.
Als Gibbli und Abyss ebenfalls in die Zentrale hinabstiegen, half der Kapitän gerade dabei den Tisch zu decken. Mit lau­tem Klirren knallte er eine Schüssel vor Nox, der genervt nach hinten rutschte. Der Inhalt schwappte über und hinterließ eine gelbliche Pfütze. Bo stand bewegungslos da und sah ihm zu, während sie ihren Mund zu einem schmalen Strich zusammen presste. Ihr fiel es immer schwer, nichts zu sagen und auch jetzt konnte sie dem Drang kaum widerstehen. Bo öffnete den Mund, doch Sky schlug schon die nächste Schüssel auf den Tisch und fuhr sie dann scharf an. „Tu mir einen Gefallen und halte heute einfach dein Maul, Bo!“, presste er hervor.
„Maul!“, wiederholte Cora. Begeistert von seiner Art, das Geschirr aufzutischen, warf die kleine KI eine Hand voll Löffel mit voller Wucht auf den Tisch. Scheppernd prallten sie davon ab und verteilten sich quer über die Oberfläche. Einer rutschte über die Kante und fiel zu Boden.
Als sie sich zum Essen setzten, herrschte ein unangeneh­mes Schweigen. Gibbli fiel allerdings auf, dass neben Cora auch Abyss leicht grinste.
„Hey Schreihals, du hast deinen Strahler in der Galerie lie­gen lassen“, sagte er in die Stille hinein.
Gibbli betete, dass sie sich verhört hatte. Sky, der mit einer Hand seinen Kopf hielt und in der anderen eine Gabel, sah ihn mit düsterem Ausdruck an.
„Reiz mich nicht“, zischte er leise.
Gibbli war sich sicher, dass er darüber nachdachte, die Ga­bel in Abyss‘ Augen zu rammen. Erst jetzt bemerkte sie die langen, vernarbten Linien auf Skys Gesicht: Überbleibsel von Krallenspuren. Unwillkürlich rutschte sie ein Stück von Nox weg, als die Erinnerungen in ihr hochstiegen.
Abyss zog eine Schüssel Brei aus undefinierbarem Etwas zu sich heran und blickte diesen nachdenklich an, dann wandte er sich flüsternd an Gibbli: „Was meinst du, angenom­men dieses Zeug hier klebt in seinem Gesicht, würde es dann verdampfen?“
„Lass es“, flüsterte sie energisch zurück, dennoch zogen sich ihre Mundwinkel kurz nach oben.
In ihrer Vorstellung sah sie Abyss schon einen Löffel seines Breis Richtung Sky schleudern. Als der Kapitän aufstand, zog er etwas Metallisches aus seiner Tasche und betrachtete es genervt.
„Großartig. Das auch noch.“ Er warf den Strahler auf den Tisch. „Die wird sich freuen“, murmelte er und verließ die Zen­trale.
„Ich mag es, wenn er das macht“, sagte Abyss und lachte schadenfroh, als Gibbli die Waffe genauer betrachtete, die Sky hatte mitgehen lassen. ‚Dessert K.‘ stand in kleinen Buch­staben auf einer Seite eingraviert.
 
Nach dem Essen folgte Gibbli Bo nach oben, um sich den Ver­band wechseln zu lassen. Sie dachte an das, was ihr bevor­stand. Diese blöde Position der Stadt musste auf diese dum­me Kugel! Niemand an Bord brachte das zu Stande, außer Gibbli. Aber vielleicht gab es da noch eine andere Möglichkeit.
„Bo?“, fragte sie und setzte sich nervös auf den Stuhl im Krankenzimmer. „Nox hat doch dieses Marahang von den Wächtern gestohlen, oder? Dann war er dort, er muss wissen, wo Ocea liegt!“
„Nein“, sagte Bo traurig und holte ein Messer aus einem Regal, um frischen Verband von einer Rolle abzuschneiden. „Nox und Elai waren nie dort. Eins der wenigen Dinge, die ich aus ihm herausbekommen hab. Enttäuschend, nicht? Sie ha­ben es aus dem Archiv der Meeresakademie entwendet. Dachten wohl, es hört sich eindrucksvoller an, wenn sie es so ausdrücken.“
Gibbli ließ den Kopf hängen und legte ihr Bein hoch, wäh­rend sie darauf wartete, dass Bo ihr weitere Sätze entgegen­warf, wie sie es immer tat. Doch überraschenderweise sagte sie kein Wort mehr. Schweigend nahm Bo Gibbli den Verband ab. Als sie ihre Wunde desinfizierte, begann Bo dann doch wieder zu sprechen.
„Ich glaube, er mag mich nicht“, murmelte sie.
„Wer?“, fragte Gibbli und blickte erstaunt auf.
„Nox. Er redet kaum mit mir und wenn er sich dann doch dazu herablässt, antwortet er mir meist nur knapp in Gedan­ken. Er verhielt sich so komisch, als er gestern hier auftauchte. Mit seinem ersten Satz machte er mir einen Vorwurf, kannst du dir das vorstellen? Kein ‚Hallo Schwester!‘ oder ‚Wie geht es dir?‘ nein, er dachte mir ein Vorwurf an den Kopf! Weil er mir ja befahl, an die Oberfläche zurück zu kehren. Aber was soll ich denn dort? Kannst du dir vorstellen, wie langweilig es in diesem Krankenhaus an der Küste war?“
Gibbli schüttelte den Kopf und Bo begann damit, ihr den neuen Verband umzulegen.
„Und dann sagte er, ich sei dumm, weil ich die Warnung ignorierte. Welche Warnung denn bitte? Er hat mir nicht drauf geantwortet! Meinte nur, dass unser Onkel das sagte, dieser Elai. Du bist ihm begegnet, nicht wahr? Wie ist er so?“
Gibbli zuckte mit den Schultern. Bei Bo kam man sowieso nicht zum Sprechen. Schon hatte sie wieder den Mund offen und redete weiter.
„Nox erzählt mir gar nichts über Elai! Er sagt überhaupt nur wenig. Ich wollte ihn zur Rede stellen, warum sie immer die Landmenschenstädte angreifen. Er hat einfach nur mit den Schultern gezuckt, als sei es ihm völlig egal! Weißt du, ich glaube Nox hat noch immer nicht ganz überwunden, dass un­ser Dad angeblich von Landmenschen getötet wurde. Glaubst du Nox‘ Mum lebt noch? Ich hab ihn gefragt. Er meinte, das geht mich nichts an. Und dann die Sache mit Sam. Er sagt kein Wort dazu! Kannst du dir vorstellen, dass Sam ihn wirk­lich mag? Glaubst du, er redet mit ihr auch so wenig? Er hat ihr ja anscheinend nicht mal erzählt, dass ich noch am Leben bin. Das ist komisch, mir meine Halbschwester zusammen mit meinem Halbbruder vorzustellen. Aber es ist auch irgendwie schön, oder? Vielleicht verringert das den Konflikt zwischen unseren Arten. Ich hoffe es so sehr und dass wir bald nach Ocea kommen, um sie zu treffen.“
Das hörte sich an, als sei Bo ganz sicher, dass sie die Stadt erreichen würden. Dabei wussten sie ja noch nicht einmal, wo sie sich befand. Als Bo fertig war, öffnete sie erneut den Mund, um noch etwas zu sagen, doch dann ließ sie es bleiben. Sie schien etwas zurück zu halten, aber Gibbli fragte nicht weiter nach. Sicher war Bo nur besorgt wegen Sam.
 
Sky schien den ganzen Tag über gereizt und Gibbli rechnete jeden Moment damit, dass er ihr befehlen würde, die Kugel zu benutzen. Während sie mit einem Kribbeln im Bauch an Cora herum schraubte, um nach einer Verbindung zu Steven zu su­chen, manövrierte er das U-Boot weiter aus dem Durchgang des Tensegraben heraus.
Gibblis Suche blieb erfolglos und auch eine direkte Befra­gung von Abyss in verschiedenen Sprachen, brachte nichts aus Cora hervor. Sie verhielt sich wie das kleine Kind, das sie schon immer war und hatte keine Ahnung, von was sie überhaupt sprachen. Gegen Nachmittag war es dann schließlich so weit.
„Alle abgezogen“, murmelte Sky, als sie am Rand dessen entlang fuhren, was vor einigen Tagen noch einem Schlacht­feld geglichen hatte. Weit und breit gab es keine Spur von der Landmenschenflotte und auch die Hochseemenschen schie­nen sie zu meiden. „Wir warten hier. Ein gutes Versteck. Nie­mand würde uns an diesem Ort vermuten.“
„Folgen uns die Tiefsemenschen noch?“, fragte Abyss.
„Sieht nicht so aus.“ Der Kapitän schob die Steuerbedie­nungen beiseite.
Nox verschränkte die Arme. „Ich vereinbarte mit Elai, dass er sie ablenkt.“
„Dann tun wir es jetzt. Gibbli, zeige uns die Position.“

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Kapitel 19: … wird zum Verhängnis (Bis in die tiefsten Ozeane)

Die Tiefseemenschen brachten Gibbli in einen kleinen Raum. Es dauerte etwas, bis sich ihre Augen an die Dunkelheit ge­wöhnten. Sie erkannte Sky, dessen Anzug schwach von dem tiefblauen Glimmern der Organismen an den Steinwänden be­leuchtet wurde. Er stand neben ihr in der sonst leeren Kam­mer. Plötzlich wurde alles um sie herum schwerer und Gibbli stützte sich an der Wand ab, um nicht nach unten gedrückt zu werden. Um sie herum erhellte sich die Umgebung etwas und sie spürte, wie das Gewicht ihres Anzugs auf ihren Körper drückte, als jemand das Wasser abließ. Im nächsten Augen­blick öffnete sich eine Seitenwand der Kammer und andere Tiefseemenschen kamen hereingetappt. Sie trugen seltsame Geräte an ihren Hälsen, dort wo sich ihre Kiemen befanden. Offensichtlich ermöglichten diese ihnen, an der Luft zu at­men. Dunkelblaue Hände rissen ihr den Helm vom Kopf und die Flüssigkeit in ihrem Anzug platschte zu Boden.
Gibbli fiel mit den Knien voran auf harten Stein und huste­te das restliche Perfluorcarbon-Gemisch aus ihren Lungen. Sky, neben ihr, fasste sich an seine Brust und würgte ebenfalls das Zeug heraus. Mit schmerzverzerrtem Gesicht drückte sie die Hände an ihre Ohren.
„Du musst schlucken. Oder versuch zu gähnen!“, krächzte Sky.
Gibbli fühlte einen Stich an ihrer Brust und schon wurden sie wieder hochgerissen. Alles wirkte verschwommen. Sicher würde es wieder einige Zeit dauern, bis sich ihre Augen an die Luft gewöhnten. Alles war jetzt etwas heller. Die Biolumines­zenz der Organismen an den Wänden schien durch die Luft verstärkt zu werden. Man nahm ihnen die Druckpanzer ab sowie all ihre Ausrüstung und Skys Waffe. Dann zerrten die Wesen sie weiter durch mehrere Gänge. Mit wackeligen Bei­nen versuchte Gibbli nicht hinzufallen, als die Tiefseemen­schen sie in einen Raum stießen. Eine Wand fuhr vom Boden aus nach oben und Stille breitete sich um die beiden herum aus. Sie waren gefangen. In einem eckigen, blau glimmernden Raum aus kristallartigem Stein. In einer Tiefe von über 23.500 Metern. Die Thermoanzüge waren das einzige, was man ih­nen gelassen hatte.
„Setz dich“, wies Sky sie an.
Gibbli nickte schwer atmend, ließ sich an einer Wand nie­der und presste eine Hand gegen ihre Brust. Etwas über ihrer Lunge brannte fürchterlich.
„Wolltest du uns umbringen? Erkläre mir, was das eben sollte!“, befahl er, während er bereits die Mauern abtastete.
Die Wandseite, durch die sie herein gekommen waren und welche sich hochgefahren hatte, wurde zur Decke hin dünner und teilweise durchsichtig. Im Stehen konnte man nach draußen in den Gang blicken. Nun, Sky konnte das, Gibbli war zu klein dafür.
„Ich weiß nicht, ich… ich wollte mutig sein?“
„So etwas nennt man nicht mutig, sondern lebensmüde.“ Nach der erfolglosen Suche einer Fluchtmöglichkeit, ließ er sich ebenfalls nieder. Erschöpft grinste er. „Nur, weil Abyss nicht dabei ist, musst du ihn nicht vertreten. Wirklich, du soll­test aufhören, sie zu provozieren.“
„Dieser Elai hat mich komisch angesehen“, murmelte Gibbli.
Skys Augen weiteten sich. „Du blutest! Wann ist das pas­siert?“
Gibbli blickte an sich hinab und dann auf ihre blutver­schmierte Hand, die sie an sich gepresst hielt. Es sickerte durch den Thermoanzug.
„Abyss‘ Messer“, flüsterte sie leise. „Die Wunde ist nicht tief“, fügte sie hinzu, als der Kapitän versuchte, sie genauer anzusehen.
„Sticht es, wenn du atmest?“
„Nein“, log Gibbli und wich vor ihm zurück.
„Du hättest mir das sagen müssen!“ Sky sank wieder zu Boden. Wahrscheinlich, weil es sowieso nichts gab, was er da­gegen machen konnte. „Erinnere mich daran, dass ich ihn von Bord werfe, wenn wir zurück sind.“
„Nein, das ist meine Schuld. Er kann nichts dafür“, sagte Gibbli leise.
Der Kapitän schüttelte leicht den Kopf. „Er hat meinen Be­fehl missachtet, dir nicht mehr nahe zu kommen. Ich kann ihm das nicht durchgehen lassen. Gibbli, er…“, Sky brach ab und musterte sie eindringlich. „Er ist zu weit gegangen“, mur­melte er stattdessen und rieb sich die Augen. Dann schloss er sie und lehnte sich an die Wand.
 
Gibbli wusste nicht, wie lange sie so dasaßen. Ihr Bauch knurr­te vor Hunger, als die Wand vor ihnen abrupt nach unten fuhr. Kraftlos blieb sie einfach sitzen, während Sky alarmiert hoch­schreckte und sich ihnen entgegen stellte, als drei Wesen ein­traten.
Vor ihnen stand ein dürrer, hochgewachsener Meermensch mit stechend orangen Augen. Gibbli erkannte sie sofort: Bo’s Augen. Er wirkte sehniger und jünger als Elai. Bis auf das Ge­rät an seinen Kiemen, trug er keine Kleidung. Auch Waffen schien er keine bei sich zu haben. Dafür begleiteten ihn zwei Tiefseemenschen, behangen mit Fischhäuten und mit ihren Säurestrahlern in den Händen.
„Was wollt ihr von mir?“, fragte Nox mit rauer, ausgetrock­neter Stimme.
„Wir suchen jemanden, der nicht hier her gehört. Ihr Name ist Samantha Evens. Hältst du sie hier gefangen?“, kam Sky ohne Umschweife auf den Punkt.
„Schickte Bo euch? Ist sie wieder an die Oberfläche? Ich befahl ihr, nicht hier unten zu bleiben!“
„Bo hat dich nicht zu interessieren“, sagte Sky scharf.
„Sie ist meine Schwester.“ Gibbli bemerkte, wie einer der an­deren Tiefseemenschen Nox einen bösen Blick zuwarf.
„Und Mitglied meiner Crew. Es geht hier aber um Saman­tha. Ist sie noch am Leben?“, lenkte ihr Kapitän das Thema wieder auf den eigentlichen Grund ihrer Anwesenheit.
„Sam ist nicht hier“, krächzte Nox knapp. „Sonst noch was?“
„Du lügst! Warum flutet ihr hier alles mit Luft wenn nicht ihretwegen? Ich verlange eine Antwort!“
Nox ignorierte seine Worte und wandte sich Gibbli zu. Sei­ne Miene änderte sich, wurde misstrauisch, als hätte er so­eben etwas Gefährliches entdeckt. Sky wollte ihn packen, hielt dann aber inne, als Nox‘ Begleiter sofort näher traten und ihre Säurewaffen bedrohlich auf ihn richteten. Langsam schritt der Tiefseemensch auf Gibbli zu und ging vor ihr in die Hocke.
„Du bist kein Landmensch.“ Seine spitzen Finger legten sich um ihr Kinn und drehten ihren Kopf prüfend zur Seite. „Du ge­hörst zu ihm. Steven.“
„Weg von ihr“, befahl Sky tonlos.
Im nächsten Moment sprang Nox hoch und schlug ihm quer übers Gesicht. Der Kapitän schrie auf und taumelte zur Seite. Nox‘ Krallen hatten tiefe Striemen in seiner Haut hinter­lassen. Sky wollte sich auf ihn stürzen, aber die beiden ande­ren Meermenschen packten ihn von hinten und hielten ihn zurück. Ihre Waffen berührten seinen Termoanzug und ätzten kleine Löcher in ihn hinein. Langsam wandte sich Nox wieder Gibbli zu, die noch immer am Boden kauerte und sich jetzt zitternd gegen die Wand drückte.
„WO IST SAM?“, schrie er sie an. „Ich töte dich auf der Stelle, wenn du mir nicht sofort sagst, WAS STEVEN MIT IHR MACHTE!“
Gibbli erschauderte und sie konnte eine Träne nicht mehr zurück halten. Steven war hier? Hektisch atmete sie ein. Ihre Augen weiteten sich. Nein, bitte er nicht auch noch!
Nox drehte sich betrübt um und starrte in den Gang hinaus. Er sagte irgendetwas zu den beiden, die Sky festhielten. Sie ließen ihn los. Sky trat einen Schritt zurück und stützte sich an der Wand ab. Einer der Tiefseemenschen rief Nox wü­tend etwas zu, doch dieser wies ihn zurecht. Daraufhin verlie­ßen die beiden schnaubend den Raum.
„Keine gute Idee. Jetzt bist du schutzlos“, sagte Sky und fletschte die Zähne.
Nox wandte sich ihnen zu, während Gibblis Blick zur offe­nen Wand wanderte.
„Versucht es nicht. Ihr weitkämet nicht“, zerstörte der Tief­seemensch ihre Pläne. Sein Blick wanderte abwechselnd von Gibbli zu Sky, dem jetzt Blut übers Gesicht lief. Nox‘ Augen wirkten plötzlich seltsam leer. „Der oceanische Wächter nahm Sam mit.“
„Also hast du sie hier gefangen gehalten.“, schloss Sky.
„Nein. Sie blieb hier, weil sie es wollte. Sam verlassenkonnte mich jederzeit.“ Er drehte sich wieder von ihnen weg.
Gibbli blickte lauernd auf, das war ihre Chance! Doch Sky schüttelte leicht den Kopf.
„Freiwillig?“, fragte der Kapitän. „Das erklärt nicht, was mit Bo ist. Ich bin mir sicher, Sam hätte nach ihrer Schwester gesucht.“
„Sam dachte, dass Bo nicht überlebte den Einsatz des Marahangs.“
„Ich verstehe. Und du hast sie in diesem Glauben gelassen.“
„Ich wollte Sam keinen Grund geben, von hier weg zu ge­hen. Mein Volk verfölgte Sam. Sie missbilligen unsere Ver­bindung. Sie erinnern sich, wie es war. Damals, mit meinem Er­zeuger und Kassandra“, fuhr Nox fort, während er auf den Gang hinaus blickte.
„Bo’s Eltern“, schloss Sky.
„Die Landmenschen töteten meinen Erzeuger.“ Er ballte die Hände zu Fäusten. „Aber das ist jetzt egal. Alles ist egal. Ich zurückmöchte nur Sam.“
„Du magst sie“, sagte Sky leise.
„Ich mag sie“, gab Nox zu und drehte sich wieder zu ihnen um. „Mein Volk hält das für eine Schwäche. Sie sind in Auf­ruhr, weil Sam verschwand. Sie denken, Sam flüchtete mit geheimen Informationen über uns und geben mir die Schuld. Nur Elai weiß Bescheid, dass dieser Steven mit drin steckt. Doch auch er nicht gutfindet es. Lio, mein und Bo’s Erzeuger, war sein Bruder. Und jetzt auftaucht ihr hier! Es war schwer, Sam zu schützen vor den anderen. Aber wenn ich gehenlasse euch jetzt, nicht mehr akzeptieren sie mich als ihren Anführer. Sie erwarten, dass ich töte euch.“
Eine drückende Stille breitete sich aus, als er aufhörte zu sprechen.
„Dann komm mit uns nach Ocea“, schlug Sky unvermittelt vor. „Komm mit uns und hol sie dir zurück!“
Gibbli starrte ihn entsetzt an. Auch Nox schien sich nicht sicher, was er davon halten sollte.
„Wir haben die Mara geborgen. Und wir haben Gibbli, in deren Körper sich oceanische DNA befindet“, fügte Sky hinzu und nickte zu ihr hinüber. „Du hast es gespürt, nicht war? Lass uns gehen und wir nehmen dich mit.“
Nox trat einen Schritt zurück in den Gang hinaus. „Ich abspreche das mit Elai.“
 
Sky atmete erschöpft aus, als er außer Sicht war. Zufrieden leckte er das Blut von seinem Mund. Gibbli schüttelte ungläu­big den Kopf.
„Was ist?“
„Der lässt uns nie gehn“, sagte sie leise.
„Wir kommen hier heraus, Gibbli. Nox begleitet uns. Du wirst schon sehen.“ Gibbli glaubte ihm fast, so felsenfest über­zeugt schien er von dem was er sagte.
Doch Nox kehrte nicht zurück.
 
Nach ein paar Stunden, so kam es ihr vor, schreckte Gibbli auf und sah ihren Kapitän im Raum stehen. Erneut suchte er die Wände nach irgendeinem Ausweg ab. Sie war durstig und ihr Bauch tat weh vor Hunger. Gibbli lehnte noch immer an der Wand und wagte sich kaum zu bewegen, aus Angst davor, dass sich der Stich an ihrer Brust wieder öffnete. Ihr Körper fühlte sich merkwürdig steif an.
„Ich werde hier sterben“, flüsterte sie leise, als Sky mit aller Wucht gegen die Eingangswand schlug.
Sofort hatte er sich wieder unter Kontrolle. „Nein. Nein, das wirst du nicht. Das ist nicht möglich“, sagte er leicht gereizt und in einem Ton, der keine Widerworte duldete. „Ich bringe euch nach Ocea. Ich bin dein Kapitän und das habe ich ver­sprochen. So lange ich lebe, wirst du nicht sterben!“
Niedergeschlagen starrte sie auf den steinernen Boden. „Dann wirst du eben vor mir sterben“, sagte sie deprimiert.
Sky seufzte und schüttelte langsam den Kopf.
Diese Situation war aussichtslos. Sie würden hier drin um­kommen, ganz sicher. Und es gab absolut nichts, was sie da­gegen unternehmen konnten. Gibbli fühlte sich leer.
„Ich habe es nicht verdient, Ocea zu sehen. Vielleicht sollte es so kommen. Vielleicht ist es gut so.“
„Unsinn!“ Zornig beugte sich Sky zu ihr hinab, doch seine Stimme blieb ruhig. „Erinnere dich daran, dass ich sagte, ich werde dich nicht wie ein Kind behandeln!“
Gibbli wich seinem Blick aus.
„Das wäre der richtige Zeitpunkt zu beweisen, dass du kei­nes mehr bist.“
„Ich weine nicht“, sagte sie leise.
„Gut. Du hast keinen Grund, dich zu fürchten. Ich bin hier. Und wir kommen hier raus, klar?“
„Ich habe keine Angst.“
Er nickte zufrieden.
 
Als Gibbli erwachte, stand Sky mit verschränkten Armen in der Zelle.
„Er wurde bestimmt aufgehalten“, murmelte er. Wachsam blickte er umher.
„Er kommt nicht zurück“, flüsterte Gibbli wieder und der Kapitän drehte sich zu ihr um.
„Nox ist ihr Anführer. Er kann nicht so einfach mit uns hier hinaus spazieren. Sicher sucht er nach einer Möglichkeit. Er muss das genau planen.“
Gibbli war überzeugt davon, dass Sky das nur sagte, um sie zu beruhigen. Das glaubte er doch selbst nicht, dass Nox je zurückkehren würde. Sie wollte etwas erwidern, im selben Au­genblick durchzog eine Eiseskälte den Raum. Ihre Augen wei­teten sich. Er konnte nicht hier sein! Nicht er! Nicht jetzt!
„Sky? Ich glaube, jetzt hab ich doch Angst“, sagte sie tonlos und eine Gestalt trat mitten durch die Seitenwand. Gibbli presste sich an die Wand. „DU!“, schrie sie auf und erstarrte.
So überraschend auf ihn zu treffen, ließ alles in ihr gefrie­ren. Er leuchtete für einen Moment golden auf und warf ein helles Schimmern auf seine ganze Umgebung. Sky, der ihren geschockten Ausdruck und die Lichtveränderung im Raum bemerkte, wirbelte herum und stand einem oceanischen Wächter höchst persönlich ge­genüber.
„Ich.“ Grinsend hob er einen Arm. Sky wurde sofort nach hinten an die Wand gedrückt und von einem Netz festgehal­ten. Gibbli erinnerte sich daran, dass er dies schon einmal ge­tan hatte, im Zug, mit Abyss.
„Ahh. In euer primitiven Physik nennt man so etwas wohl Dichteveränderung. In meiner Welt könnte man es mit einer Art Phasenverschiebung übersetzen. Oh, ich liebe es durch Wände zu gehen.“ Während er langsam auf den Kapitän zutrat, versuchte dieser sich vergeblich zu befreien. Als der Wächter kurz vor ihm stand, griff Sky nach ihm. Seine Finger verfehlten ihn um Millimeter. „Skarabäus Sky. Ich hab von dir gehört. Guter Mann. Guter Kapitän. Ich mag, wie du mit ihnen spielst, wie du ihnen weismachst, dass-“
„Steven, nehme ich an“, unterbrach Sky seine Worte.
„Ganz recht.“ Er streckte seine Finger aus, um Skys Kratzer im Gesicht zu berühren. Sky keuchte vor Schmerz auf und Steven war zu schnell wieder in sicherer Entfernung, als dass er ihn mit seinen Händen erwischen konnte. „Oh, wie nett. Da hat er dich ja ganz schön erwischt.“ Er lachte. „Ein wildes Temperament dieser Nox. Vor allem, wenn es um seine Sam geht.“
„Steven. Ich bin dir dankbar, dass du Jacks Flotte abge­lenkt hast, aber das hier ist nicht-“
„Das hab ich gut gemacht, nicht wahr? Ja! Dafür solltest du auch meinem Mädchen hier danken“, unterbrach der Wächter seine Worte.
„Deinem…Gibbli?“
Den Kopf nach unten gerichtet, hörte sie den beiden schweigend zu. Sie blickte Sky nicht an und hoffte, dass das hier nur ein Traum war. Ein langer, böser, grauenhafter Alp­traum.
„Binde mich sofort los!“, befahl der Kapitän.
„Oh, dieses Gefasel will ich mir nicht anhören.“ Steven streckte seine Hand aus und ein weiteres Netz verließ seine Waffe, diesmal ein ganzes Büschel, mitten in Skys Mund. Es fixierte seinen Kopf damit an der Wand. Der Kapitän schrie dumpf gegen die Knebel an und versuchte sie mit seinen Fingern zu lösen. Gibbli wusste, dass sie nicht nachgeben würden. Man brauchte mindestens ein Messer dafür.
„Oh ja. Du wirst sie alle in meine Stadt führen, davon bin ich überzeugt. Da vertraue ich ganz auf deine Fähigkeiten. Den kleinen Umweg hierher verzeihe ich dir, keine Sorge. Ich bin nicht wegen dir hier. GIBBLI!“
Er wandte sich von Sky ab, der angestrengt versuchte sich zu befreien. Dann schenkte er Gibbli seine volle Aufmerksam­keit.
„Hallo, mein Schatz.“
Gibblis Herz raste und die Schweißtropfen auf ihrer Stirn gefroren unter seinem Blick. Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie ihn an, in der Hoffnung, ein zufällig herabfallender Blauwal würde ihn auf der Stelle erdrücken.
„Hatten wir nicht eine Abmachung? Ich rettete deinen klei­nen Freunden das Leben. Mein Teil ist erfüllt. Und was tust du? Zögerst es hinaus, indem du hier her kommst. Oh, ja, ich weiß genau, was bei euch an Bord geschieht, ich beobachte euch. Du forderst mich ja geradezu heraus. Magst du Schmer­zen, Mädchen?“
Gibbli atmete nur noch flach und schnell. Die Luft drang kaum bis in ihre Lungen vor.
„Nein? Aber ich muss dich bestrafen, das verstehst du doch, oder?“ Sie wimmerte, als Steven sie grob am Hals packte und nach oben zog.
Skys Bewegungen wurden hektischer.
Steven hielt sie mit einer Hand am Hals fest gegen die Wand gepresst. Sie versuchte ihn wegzudrücken, doch das kam dem Kampf gegen einer Maschine gleich.
„Interessant. Wer war das denn?“ Er nickte fragend auf ihre Brust. „Das will ich sehen.“ Mit seiner freien Hand riss er ihren Thermoanzug mit einem Ruck herunter und begutach­tete ihre Wunde.
Sky schrie mit verschlossenem Mund gegen die Schnüre an, während Gibbli kein Wort hervor brachte. Eine Träne brach aus ihr hervor und hinterließ eine weiße Spur auf ihrem Gesicht, als sie langsam über ihre Wangen rollte. Ein kalter Lufthauch streifte ihren nackten Oberkörper und sie erzitterte.
„Das gefällt deinem U-Boot Kapitän wohl nicht“, sagte Ste­ven grinsend. „Hm. Dann wird ihm das hier noch weniger gefallen.“
Gibbli brüllte vor Schmerz auf, als er einen seiner goldenen Finger mitten durch den hellen Stoff tief in ihren Oberschenkel rammte. Ein Knochen splitterte und für einen Moment wurde ihr schwarz vor Augen. Dann folgte ein zweiter Finger und ein dritter.
„Merkt euch das gut. So etwas passiert, wenn man sich mit einem meiner Art anlegt. Oh, ich freue mich! Was für ein Spaß! Ihr wollt diese Sam. Ihr kriegt sie. In meiner Stadt. Ich gebe dir eine Woche Gibbli, dann stirbt die Kleine. Und um es mit Rods Worten zu sagen: Wenn du nicht freiwillig zu uns kommst, werde ich dich zerfetzt und zerbrochen vor die Tore der Stadt schleifen, Mädchen!“
Er ließ Gibbli los. Sie rutschte stöhnend zu Boden. Mit ver­zerrtem Gesicht hielt sie ihr Bein fest umklammert.
Steven wandte sich an Sky, packte eine der Schnüre und riss seine Fesseln mit einem Schlag beiseite. Noch während Sky zu Boden sackte, trat er einfach wieder durch eine Seiten­wand und verschwand.
Der Kapitän zog sich hoch und hechtete auf Gibbli zu. Er sagte irgendetwas, aber sie hörte ihn nicht. Sie bekam kaum mit, dass er sich beide Ärmel seines Thermoanzugs abriss und damit ihr Bein abband. Es tat so verdammt weh! Ihre Brust schmerzte von Abyss‘ Messer und ihr Kopf und ihr Bein. Vor allem ihr Bein. Irgendwann dämmerte sie einfach weg.
 
Gibbli schlug die Augen auf. Ihr entfuhr ein qualvolles Stöh­nen, als sie sich dem schmerzhaften Pochen in ihrem Ober­schenkel bewusst wurde. Sie lag auf etwas Warmem, Leben­dem. Skys blutverschmiertes Gesicht erschien über ihr. Panik durchströmte sie, während die Erinnerungen der letzten Stun­den durch ihren Kopf schwirrten. Oder waren es Tage? Als sie ihren Kopf hob, wurde ihr schwindlig.
„Nicht, ruhig“, sagte er mit rauer Stimme. „Bleib liegen.“ Gibbli sackte auf die Beine des Kapitäns zurück. „Du hast viel Blut verloren.“
„Wasser“, brachte sie kaum hörbar hervor.
Sky schüttelte den Kopf. Gibbli fror. Im Raum herrschten noch immer bitterkalte Temperaturen vor. Sie fühlte sich wie ausgetrocknet und hatte so einen verdammten Durst! Hätte sie nicht einfach während ihrer Bewusstlosigkeit sterben kön­nen? Sie wünschte sich wieder einzuschlafen. Schwer atmend versuchte sie ihr Bein zu ignorieren.
„Solche Deals sind meine Aufgabe, merk dir das. Meine. Nicht deine“, sagte er leise.
„Ich… schenke ihn… dir gerne.“
Seine Mundwinkel zuckten leicht. Auch Sky wirkte mehr als erschöpft. Seine Lippen sahen blass aus, fast weiß und noch immer klebte ihm Blut im Gesicht.
Plötzlich drang ein Klopfen durch die Wand, an der er lehnte und die beiden zuckten zusammen. „Pssst, hey Sky! Seid ihr das?“ Gibbli schnappte nach Luft. Diese Stimme ge­hörte doch-
„Abyss!“, krächzte der Kapitän „Was tust du hier?“
„Du sagtest ja mal, du willst über unsere Handlungen in­formiert werden. Also hier ist Info. Ich hab die Mara gegen dei­nen Befehl verlassen. Mir war langweilig, also bin ich euch nachgetaucht. Ach ja und ich hab irgendwas in die Luft ge­sprengt, keine Ahnung was genau das war, so eine blau leuch­tende Maschine. Aber hier unten ist ja alles blau. Kann’s sein, dass diese Tiefseemenschen grad alle irgendwie durchdrehn?“
„Bevor du etwas machst! Ich will vorher Bescheid wissen!“, knurrte Sky, während er Gibbli half sich aufzusetzen.
„Freut mich dich zu sehen Abyss, du bist unser Held! Wir haben dich ja so vermisst, Abyss!“, klang Abyss‘ Stimme wie­der stumpf durch die Wand. „Ist Gibbli bei dir?“
„Ja, sie ist da.“
„Geht zurück, ich schlag das Ding hier ein.“
„Warte.“ Sky packte Gibbli und half ihr, sich zur gegen­überliegenden Wand zu ziehen. Kurz erblickte sie Abyss‘ Ge­sicht und ihre Blicke trafen sich durch die durchsichtige Wand. Seine Haut wirkte merkwürdig staubig und irgendwie so, als hätte er sich verbrannt. Dann kniete sich Sky vor ihr nieder, um sie von der Wandöffnung abzuschirmen und drückte ihren Kopf nach unten.
Im nächsten Moment krachte es laut und die Wand zerriss in tausende kleine Stücke, die in alle Richtungen durch den Raum geschleudert wurden.
Sky zog sich einen Splitter aus dem Arm. „Verflucht Abyss! Das nennst du einschlagen?“
„Explodieren, ich meinte, ich lass es explodieren. Wusstest du, dass man mit Festluft kleine Sprengladungen bauen kann?“
„So was machst du also, wenn du allein auf der Mara bist? Bomben basteln?“
„Mir war langweilig.“ Er hielt inne, als er die beiden muster­te. Sie mussten ein erbärmliches Bild abgeben. Ausgemergelt, in zerrissenen Anzügen und blutverschmiert. Sein Blick fiel auf Gibbli, die müde zu ihm hoch sah. „Wer-“
„Steven“, murmelte Sky düster und zog sich erschöpft hoch.
Abyss holte ein Gefäß mit Wasser aus einer Tasche, öffne­te es und stürzte auf Gibbli zu.
„Es… tut mir… Leid“, brachte Gibbli unter Anstrengungen hervor. „Ich… “ Sie brach ab, als Abyss versuchte ihr etwas von dem Wasser einzuflößen. Gibbli fühlte sich so schwach und bekam kaum einen Schluck davon runter. Doch es tat gut, als das flüssige Nass über ihre Lippen und ihre Kehle hinab ran. „Ich bin… getaucht… hast du… gesehn?“
„Das bist du“, sagte er leise und reichte Sky das Gefäß. Die­ser trank den Rest aus, während Abyss seinen Mantel auszog und ihn um Gibblis zitternden Körper wickelte. „Ich schlag je­den zu Brei, der es wagt dich anzufassen! Hörst du? Ich werd diesen Abschaum von Oceaner zermatschen. Komm schon, hoch.“
Abyss nahm ihre Arme und legte sie um seinen Nacken. Dann griff er unter ihre Knie und hob sie hoch. Gibbli ließ stöhnend ihren Kopf auf seine Schulter fallen. Ihr Bein fühlte sich wie abgerissen an und selbst ohne die Wunde wären ihre Füße wahrscheinlich eingeknickt. Doch sie spürte seine ver­traute Nähe und drückte sich erleichtert an den warmen Kör­per. Ein paar gelöste Strähnen aus seinem Zopf kitzelten ihre Nasenspitze.
„Lustig. Vor ein paar Tagen hättest du mir nicht mal deine Hand gegeben und jetzt lässt du dich schon von mir rumtra­gen.“
„Halt… Fresse“, murmelte Gibbli an seiner Schulter.
„Wie nett von dir. Kannst du dir vorstellen, wie sehr ich das hier gerade genieße?“
„Lass das, Abyss!“ Sie bemerkte, wie der Kapitän ihm einen warnenden Blick zuwarf. Dann wandte er sich von ihnen ab und sah sich draußen im Gang vorsichtig um. „Wie lange?“
„Fast drei Tage“, antwortete Abyss knapp und kam mit Gibbli ebenfalls nach draußen. „Hier lang.“
„Ich bete, das ist nicht dein Taucheranzug, den du da trägst“, sagte Sky, als sie eilig durch den Gang schlichen. Er taumelte mehr, als dass er ging und musste sich immer wieder an der Wand abstützen.
„Nein. Wir, das heißt Cora und ich, sind mit dem MARM hier. Bo bewacht die Mara.“
„Cora ist auch hier?“
„Ja. Keine Ahnung woher, aber sie wusste genau, wo wir andocken mussten, um hier rein zu kommen. Es gibt einen zweiten Zugang, außerhalb von Takkao.“
„Sie muss diese Info von Steven haben“, murmelte Sky leise.
Sie schlichen an verschlossenen Türöffnungen vorbei und durchquerten einen weiteren Gang. Gibbli bekam kaum mit, worüber die beiden Männer sprachen. Immer wieder wurde ihr schwarz vor Augen.
Vor ihnen tauchten plötzlich zwei Tiefseemenschen auf und versperrten ihnen den Weg. Als Abyss abrupt stehen blieb, durchzuckte ein Stich ihr gebrochenes Bein und sie schreckte erneut auf. „Hm, also das war so nicht geplant“, sagte er.
„Als wenn du je irgendetwas planen würdest“, knurrte der Kapitän.
Sie wendeten, um in die andere Richtung zu laufen. In die­sem Moment sauste ein Schuss haarscharf an Gibblis Kopf vorbei. Sie spürte, wie sich die Spitzen ihrer Haare in der Säure auflösten. Sky blickte hektisch den Gang zurück, auf dem jetzt zwei weitere Wesen Stellung nahmen. Er und Abyss blie­ben Rücken an Rücken stehen. Es gab kein Entkommen mehr, sie waren umzingelt.
„In meinem Stiefel steckt ein Messer“, raunte Abyss Sky zu.
Plötzlich zischte ein Strahl durch den Raum. Gibbli erwar­tete das Schlimmste, als Abyss sie fest an sich drückte. Dann stürzte einer der Tiefseemenschen zu Boden. Überrascht wir­belte ein anderer herum. Während Sky etwas auffing, fiel schon der Zweite. Im nächsten Moment erledigte der Kapitän die anderen beiden mit gezielten Schüssen.
„Damit abschreibenkann ich es, je wieder zurückzukehren hier her“, ertönte die kratzige Stimme von Nox, als er näher trat. „Wer von euch sprengte unsere Photobakterienzucht?“
Abyss blickte ihn misstrauisch an.
Sky hingegen nickte ihm müde zu. „Gutes Timing. Will­kommen in meiner Crew.“
„Nur bis ich wiederhabe Sam.“
Vor Gibblis Augen verschwamm wieder alles. Bilder blitzten in ihrem Kopf auf. Im einen Augenblick rannten sie noch durch einen Gang, im nächsten spürte sie, wie Abyss sich mit ihr im MARM niederließ.
„Was soll das? Was hast du mit dem MARM angestellt? Sie ist ein halber Schrotthaufen!“, rief Sky von irgendwoher wütend.
„Sind doch nur ein paar Kratzer. Hab vielleicht ein paar Mal was gerammt auf dem Weg hier her“, murmelte Abyss über ihr. Irgendwo im Hintergrund hüpfte Cora aufgeregt umher.
Dann wurde Gibbli erneut schwarz vor Augen. Im nächsten Moment bekam sie mit, wie jemand den MARM in einem waghalsigen Manöver durch eine Schar Tiefseemenschen steuerte und ihren Säurestrahlen geschickt auswich.
Wieder trieb der Schmerz Gibbli in eine Ohnmacht und diesmal blieb sie lange bewusstlos.

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