Kapitel 20: Überraschender Besuch (Bis in die tiefsten Ozeane)

Gibbli wachte einige Stunden später auf den weichen Kissen in ihrer Hängematte auf. Ihr Bein tat kaum noch weh. Jemand hatte es geschient und einen Verband um ihren Oberschenkel gelegt. Abyss saß im Halbdunkeln auf dem Boden und lehnte an einer Maschine. Das Glühen der schwebenden Sonnen­stücke spiegelte sich schwach auf seinem blassen Gesicht und den hellen Haaren wieder. Es musste mitten in der Nacht sein.
Als er bemerkte, dass sie nicht mehr schlief, fing er an zu lächeln. „Hey.“
„Hat Sky wirklich noch den MARM gesteuert?“, war die erste Frage, die ihr durch den Kopf schoss.
„Er bestand darauf. So wie der getaucht ist, kann ich mir vorstellen, dass er das Teil selbst im Schlaf steuern könnte. Unser Kapitän ist wirklich gut darin, das muss ich leider zuge­ben. Hat sogar noch die Mara aus dem Gebiet der Tiefsee­menschen herausmanövriert. Wir befinden uns jetzt auf hal­ber Höhe zum Hochseemenschengebiet.“ Abyss legte etwas beiseite und reichte ihr dann eine Schüssel hoch. „Hier. Iss alles auf, das ist eine Anordnung von Bo. Sie wollte dich eigentlich im Krankenzimmer behalten. Aber ich dachte, du wärst viel­leicht lieber hier unten.“
Gibblis Augen leuchteten auf. Essen! Sie richtete sich auf, kämpfte einen kurzen Schwindelanfall nieder und begann dann die Gemüsesuppe in sich hinein zu löffeln. Obwohl die Brühe bereits kalt war, fühlte es sich dennoch so an, als wäre das die leckerste Suppe ihres ganzen Lebens! Einen Moment lang spürte sie Abyss‘ zufriedenen Blick auf sich ruhen, dann griff er wieder nach seinem Lappen und fuhr mit seiner Tätig­keit fort, irgendetwas zu polieren. Nach einer Weile fiel Gibblis Blick auf seinen Koffer, der geöffnet neben ihm am Boden lag und dann auf das Gerät in seinen Händen. Es bestand aus Holz, das an einem Ende kunstvoll gebogen war. Darüber spannten sich vier Stahlsaiten. An einigen Stellen blätterte der Lack bereits ab und es wirkte sehr alt. Die hohe Luftfeuchtig­keit unter dem Meer schien dem Instrument stark zuzusetzen.
„Eine Geige?“, fragte sie erstaunt.
„Ja. Dachtest wohl, ich schleppe eine Waffe mit mir rum?“
Gibbli blickte beschämt auf ihr Essen. Das erklärte die selt­samen Geräusche, die sie vor Kurzem aus der Tauchkapsel wahrgenommen hatte. Sie wusste zwar, was eine Geige war, an der Akademie gab es freiwillige Kurse in denen man ver­schiedene Instrumente lernen konnte, allerdings hatte sie nie einen davon besucht. Sie hätte auch nie erwartet, dass Abyss Musik spielte.
„Schusswaffen sind was für Feiglinge“, fuhr er fort, wäh­rend er das Instrument mit dem Lappen behutsam weiter ab­wischte. „Wie Sky.“
Gibbli grinste kurz und löffelte schweigend ihre Suppe wei­ter. Nach allem was sie erlebt hatten, konnte er die Sticheleien gegenüber ihrem Kapitän noch immer nicht lassen.
„Der Mönch schenkte sie mir, kurz nachdem er mich auf­nahm“, sagte Abyss nach ein paar Minuten leise und Gibbli verschluckte sich fast. Doch Abyss sprach ruhig weiter. „Viel­leicht dachte er, damit kann er mich beschäftigen und von Dingen abhalten, die es besser wäre nicht zu tun.“
Vorsichtig blickte sie auf. „Hat… wohl nicht so ganz funk­tioniert.“
„Oh, doch. Besser als er wahrscheinlich ahnte“, meinte Abyss wehmütig und begann die Geige wieder im Koffer zu verstauen. Gibbli erschauderte. Er war ein skrupelloser Mörder. Wenn er jetzt schon Leute umbrachte, was würde er wohl ohne die Musik im Stande sein zu tun? „Es… hilft mir die Kon­trolle nicht zu verlieren. Eines Tages wird diese Geige die stärkste Macht unter dem Meer sein.“
Das wäre wirklich schön, dachte Gibbli. Sie stellte sich vor, wie all die Soldaten statt ihren Strahlern mit verschiedensten Instrumenten ausgerüstet wurden und statt zu schießen ein­fach Musik spielten.
Abyss kam näher, nahm ihr die leere Suppenschüssel ab und stellte sie beiseite. Dann setzte er sich direkt vor ihre Hän­gematte. „Lass uns reden, Gibbli.“
Gibbli ließ ihre Schultern hängen. Unsicher blickte sie auf ihre Finger, nicht so recht wissend, was sie mit ihren Händen machen sollte. In Büchern folgte nach solchen Sätzen immer ein sehr unangenehmes Gespräch. Sie spürte seinen stechen­den Blick auf sich ruhen und ließ sich zurück auf die Kissen ihrer Hängematte fallen, um ihn nicht ansehen zu müssen. Stattdessen starrte sie an die niedrige Decke nach oben. Si­cher wollte er über den Mönch sprechen. Aber Gibbli irrte sich.
„Erzähl mir von Steven.“
Überraschtes Schweigen breitete sich aus. Was sollte sie über dieses Monster erzählen? Nach einer Weile wurde ihr klar, dass Abyss noch immer vor ihr saß und etwas auf seine Aufforderung erwartete.
„Du bist ihm doch schon begegnet“, sagte sie leise.
„Ich stieß ein paar Mal mit ihm zusammen, ja. Aber nach­dem was Sky mir erzählte, verhält er sich dir gegenüber an­ders. Beschreib ihn mir.“
Sie dachte einen Moment nach und versuchte sich an die erste Begegnung mit ihm im Zug zu erinnern. Wahrscheinlich hatte er sie dort nicht einmal gesehen. Dennoch hatte er Gibbli gespürt und war sich ihrer Gegenwart sofort bewusst gewesen.
„Ich fühle es, wenn er in der Nähe ist, noch bevor er sich zeigt. Alles wird kalt und ich beginne zu frieren.“
„Du strahlst diese Kälte auch manchmal aus.“
„Und hast du Angst vor mir?“, fragte Gibbli in die Dunkel­heit.
„Nein“, antwortete Abyss. „Aber ich hab auch keine Angst vor Steven.“
„Also hältst du mich für schwach?“
„Nein. Du hast vor vielen Dingen Angst, die andere als selbstverständlich betrachten. Dennoch schaffst du es in manchen Situationen klar zu denken, wenn andere sich längst tot glauben.“ Er hielt kurz inne. „Ich bin dafür, wir bringen Ste­ven einfach um. Fertig.“
Gibbli schwieg. Ja, das war eine hervorragende Idee. Warum wollte Abyss Stevens Auftreten überhaupt bis ins kleinste Detail besprechen? Das sah ihm gar nicht ähnlich.
„Aber der Kapitän befahl mir, mit dir darüber zu reden. Als würde er sich um dich sorgen. Es bringt nichts die Dinge zu zerdenken. Er ist der Meinung, dass Steven dazu im Stande ist, mit Gefühlen zu spielen, allein mit seinen Gedanken. Nur bei Stevens Verhalten dir gegenüber… er hat dich ja bedroht, oder? Ich kann mir vorstellen, dass sowas einem irgendwie Angst einjagt. Weißt du, ich glaub Sky ist nur so lange um dein Wohlergehen besorgt, bis wir in Ocea sind. Er ist wie besessen von dieser Stadt! Ich weiß nicht, was ihn antreibt, aber ich bin mir sicher, sobald er sein Ziel erreicht, wird es ihn einen Dreck interessieren, was Steven mit dir vor hat.“
Gibbli spürte Abyss‘ Zorn. Einen Moment überlegte sie, ob er vielleicht genauso dachte. Was er allerdings dann sagte, ließ ihr Misstrauen ihm gegenüber ein für alle Mal verschwinden.
„Ich wollte immer nach Ocea wegen dem Dolch. Das mächtigste Artefakt von allen. Und am höchsten Punkt, in der Mitte der Stadt, liegt der Dolch des Nu. So steht es im Buch Ocea geschrieben.“
„Dieses Buch von Bo?“
„Ja. Es gibt nicht viele Abschriften davon. Der Mönch be­saß ebenfalls ein Exemplar. Es stammt von einem Tiefseemen­schen, wusstest du das?“ Er hielt kurz inne. „Aber Gibbli, ver­giss das Buch und den Dolch. Wir könnten uns jetzt einfach den MARM schnappen und fliehen. Wir müssen nicht dort hin. Wir verstecken uns und die anderen werden uns nie fin­den.“
Überrascht richtete sie sich auf. Meinte er das ernst? Er, dem ständig langweilig war und von einem Abenteuer ins nächste stolperte? Er, der Mann, der das Risiko liebte, von Ge­fahren magisch angezogen wurde und sich nirgendwo heraus­halten konnte, bot ihr an, einfach abzuhauen?
„Du bist wichtiger“, sagte er leise.
Sie suchte sein Gesicht in der Dunkelheit. Abyss‘ graue Au­gen funkelten im schwachen Licht der Sonnenstücke. „Nein… Wir müssen Sam retten“, flüsterte sie.
„Du weißt, dass ich erkenne, wenn du lügst.“ Er grinste und sie fühlte sich ertappt, zwang sich jedoch weiter ihn anzuse­hen. Irgendwie kam ihr das mittlerweile gar nicht mehr so schwer vor. Wenigstens bei Abyss bekam sie den Drang weg­zublicken langsam unter Kontrolle. „Du warst schon immer egoistisch, Gibbli. Vor mir musst du keinen Grund erfinden. Bo und dieser Nox wollen sie retten. Aber dich interessiert diese Sam doch nicht im Geringsten. Gib es zu, das Tauchen hat dich mutiger gemacht.“
„Das ist es nicht.“ Mit aufgerissenen Augen starrte sie ihn an und schüttelte dann langsam den Kopf. Ihr war ein schrecklicher Gedanke gekommen. Ein Gedanke, der sich falsch anfühlte und dennoch richtig. Sie drängte ihn beiseite und wendete sich beschämt von Abyss ab.
„Mein Angebot steht. Lass es dir durch den Kopf gehn“, sagte er noch einmal.
 
Ein paar Stunden später humpelte Gibbli zwar noch, konnte aber bereits wieder fast ohne Schmerzen auftreten. Als sie und Abyss früh am Morgen den Maschinenraum verlassen wollten, stapfte Nox gerade pitschnass aus der linken der bei­den Ausstiegsluken. Er hatte sich darin einquartiert, da man sie jederzeit mit Wasser füllen konnte. So musste er nicht durchgehend sein Atemgerät tragen, während er schlief.
„Warst du draußen?“, fragte Abyss.
„Ja“, antwortete Nox knapp und blickte ihn düster an.
„Was ist? Hab ich dir was getan?“, grummelte Abyss.
„Nein.“
„Dann starr mich nicht so an. Du bist komisch.“ Er drehte sich um und wollte in den Gang einschlagen, der nach oben führte.
„Nein“, sagte Nox leise. „Das U-Boot, das da draußen di­rekt neben der Mara schwimmt, das ist komisch.“
Abyss hielt inne und wirbelte herum. „Was? Welches U-Boot?“
„Eckig. Flach.“
„Das könnte zu Jacks Flotte gehören“, rief Gibbli alarmiert.
„Nur eines?“, fragte Abyss.
Nox nickte. „Und es schickte ein Beiboot in unser Hangar.“
„Es ist rein?“ Abyss zog blitzschnell sein Messer und be­gann die Rampe zur Zentrale hoch zu rennen. „Welcher hirn­rissige Narr hat das Hangartor geöffnet?“
Gibbli und Nox folgten ihm. Als sie das Frontfenster er­reichten, wehte ihnen von oben eine zornige Frauenstimme entgegen.
Bo stand am runden Tisch mit ein paar Früchten im Arm, die sie fürs Frühstück seelenruhig in Stücke schnitt. Sie strahl­te, als die drei an den Konsolen vorbei zu ihr kamen. „Gibbli du bist ja wach! Wie geht…“
„Was ist da oben los?“, unterbrach Abyss sie.
Bo lachte gezwungen auf, warf einen nervösen Blick zur Rampe, die nach oben führte und begann schnell zu sprechen. „Sie streiten! Der Kapitän und diese Frau. Die ist vor ein paar Minuten aufgekreuzt mit einem einzelnen U-Boot aus der Flotte. Sky schien nicht sehr erfreut sie zu sehen, hat sie aber dann trotzdem reingelassen. Doch dann hat er sie ganz böse angeknurrt, als sie durchs Hangartor kam. Und sie so WÄÄHH“ Bo fuchtelte mit ihren Armen wild gestikulierend in der Luft herum. „Dann hat er sie beschimpft. Und die Frau dann wieder so WAAHHH! Das geht jetzt schon ein paar Mi­nuten so, man versteht kaum ein Wort. Ich glaube, es geht um die Schlacht bei den Hochseemenschen. Oh, ich hoffe, sie ma­chen mir keine von den Pflanzen kaputt!“
„Pflanzen, wie eklig. Ich bevorzuge rohen Fisch.“ Nox ließ seine spitzen Zähne aufblitzen und setzte sich mit verschränk­ten Armen an den Tisch, als ginge ihn das nichts an. Bo warf ihm einen bösen Blick zu.
Abyss hingegen wandte sich von ihnen ab und stieg die Rampe hoch. Unsicher folgte ihm Gibbli. Oben angekommen streckte er seinen Arm aus, um ihr anzudeuten nicht näher zu kommen. Gibbli blieb hinter ihm stehen. Sie erblickte Cora, die in einer Ecke umhersprang und aufgeregt in ihre kleinen Hän­de klatschte, als wollte sie die Streitenden anfeuern. Mitten in der Galerie standen sich zwei Menschen gegenüber und die Frau schrie so laut, dass Gibbli versucht war, sich die Ohren zuzuhalten. Mit Zornesfalten auf der Stirn und zusammen gezogenen Augenbrauen sah Sky aus, als würde er jeden Mo­ment zuschlagen. Gibbli hatte ihn noch nie so wütend erlebt. Obwohl seine Worte oft einen befehlenden Unterton aufwie­sen und er sie immer wieder scharf zurechtwies, blieb er dabei normalerweise ruhig und überlegt. Wenn Gibbli es sich recht überlegte, hatte sie ihn noch nie schreien gehört. Auch jetzt schien er sich zu beherrschen. Nur so bedrohlich, wie er diese fremde Frau anfuhr, trat er seiner Mannschaft gegenüber nie auf.
Der schlanke Körper der Frau bebte. Sie hatte ihre Hände zu Fäusten geballt und stand in Kampfstellung, jederzeit be­reit, sich auf ihn zu stürzen. Ihre schwarzen Locken lagen wild um ihren Kopf. Der Anzug, den sie trug, wies sie als einen ein­fachen U-Boot Kommandanten der Elite aus. Gerade be­schimpfte sie Sky als einen Verräter und beschuldigte ihn, einen Krieg ausgelöst zu haben.
„…es gibt keine andere Möglichkeit!“, fuhr Sky sie an.
„WIE VIELE LEBEN WILLST DU NOCH OPFERN? DU HAST DICH NICHT GEÄNDERT! WIE KANNST DU HIER SO RUHIG STEHEN UND IMMER NOCH DEINEN DUMMEN PLAN VERFOLGEN?“
„Ich mache das nur für sie. Es war fair.“
„WAR ES NICHT! RACHE IST NICHT GERECHT! WANN KAPIERST DU DAS ENDLICH, DU KRANKER MANN? OH, WIE ICH DEINE KRANKHAFTE GLEICHGÜLTIGKEIT VERAB­SCHEUE!“
„Ich beherrsche mich. Etwas was du nie gelernt hast!“
„DU BIST WAHNSINNIG! FAST 50 U-BOOTE SIND GEFAL­LEN! DIE HOCHSEEMENSCHEN HABEN UNS REGELRECHT AUSGELÖSCHT!“
„Dein Jack hätte sich eben nicht einmischen dürfen.“
„WIE IMMER SCHIEBST DU DIE SCHULD ANDEREN ZU! ICH WARTE NUR NOCH DARAUF, DASS DU BEHAUPTEST, LETITIAS TOD SEI AUCH NICHT DEINE SCHULD GEWESEN!“
Ein metallenes Gerät flog plötzlich haarscharf an der Frau vorbei und direkt auf Abyss zu. Er duckte sich und es prallte gegen die Wand.
„War das sein Strahler? Sky hat seine Waffe nach ihr ge­worfen?“, fragte Gibbli ungläubig.
„DEIN ERNST? JETZT WIRST DU AUSFALLEND? JAHRE­LANG HAT ELVIRA VERSUCHT DIR EINZUTRICHTERN, DASS DEINE VERDAMMTE KLEPTOMANIE NUR DARAN LIEGT, DASS DU DEINEM ÄRGER NIE LUFT MACHST UND ALLES IN DICH HINEIN FRISST! ICH HAB DIR IMMER GE­SAGT, SPRICH MIT DEN LEUTEN UND SCHREIE SIE AN! Dei­ne zwanghafte Zurückhaltung tut dir nicht gut, aber du hörst ja nicht! Und jetzt fängst du auf einmal damit an, mich mit diesem Ding zu…“ Während sie sprach, war die Frau im­mer leiser geworden. Schließlich brach sie ganz ab.
„So redest du nicht mit mir.“ Sky stand da, alle Muskeln angespannt, als würde er ihr gleich jedes Haar einzeln ausrei­ßen und die Frau trat einige Schritte von ihm weg. „Nicht hier und schon gar nicht vor meiner Crew. Verlasse sofort meinem Boot, Dessert!“
Es war Gibbli ein Rätsel, wie er das in seiner Verfassung so ruhig aussprechen konnte. Doch gerade weil er nicht schrie, klangen seine Worte umso furchteinflößender.
Dann donnerte seine Stimme durch die Galerie: „VER­SCHWINDE!“
Gibbli war sich sicher, dass er ihr das kein zweites Mal be­fehlen würde und der Frau schien das ebenfalls klar zu sein.
„Dann geh doch unter, du Narr!“ Sie wirbelte herum und eilte zur Tür, die zum Hangar führte.
Gibbli wich zurück, als ihr Kapitän sich schlagartig in ihre Richtung drehte. Seine Finger wirkten so angespannt, als könnten sie Stahl brechen. Mit gefletschten Zähnen kam er auf sie zu.
„Was war das denn eben?“, fragte Abyss mit erhobenen Augenbrauen.
„Meine Exfrau“, knurrte Sky. Er schubste Abyss zur Seite, rauschte an ihnen vorbei und stapfte die Rampe hinab. Cora hüpfte ihm lachend hinterher und ahmte dabei seine wüten­den Bewegungen nach.
Als Gibbli und Abyss ebenfalls in die Zentrale hinabstiegen, half der Kapitän gerade dabei den Tisch zu decken. Mit lau­tem Klirren knallte er eine Schüssel vor Nox, der genervt nach hinten rutschte. Der Inhalt schwappte über und hinterließ eine gelbliche Pfütze. Bo stand bewegungslos da und sah ihm zu, während sie ihren Mund zu einem schmalen Strich zusammen presste. Ihr fiel es immer schwer, nichts zu sagen und auch jetzt konnte sie dem Drang kaum widerstehen. Bo öffnete den Mund, doch Sky schlug schon die nächste Schüssel auf den Tisch und fuhr sie dann scharf an. „Tu mir einen Gefallen und halte heute einfach dein Maul, Bo!“, presste er hervor.
„Maul!“, wiederholte Cora. Begeistert von seiner Art, das Geschirr aufzutischen, warf die kleine KI eine Hand voll Löffel mit voller Wucht auf den Tisch. Scheppernd prallten sie davon ab und verteilten sich quer über die Oberfläche. Einer rutschte über die Kante und fiel zu Boden.
Als sie sich zum Essen setzten, herrschte ein unangeneh­mes Schweigen. Gibbli fiel allerdings auf, dass neben Cora auch Abyss leicht grinste.
„Hey Schreihals, du hast deinen Strahler in der Galerie lie­gen lassen“, sagte er in die Stille hinein.
Gibbli betete, dass sie sich verhört hatte. Sky, der mit einer Hand seinen Kopf hielt und in der anderen eine Gabel, sah ihn mit düsterem Ausdruck an.
„Reiz mich nicht“, zischte er leise.
Gibbli war sich sicher, dass er darüber nachdachte, die Ga­bel in Abyss‘ Augen zu rammen. Erst jetzt bemerkte sie die langen, vernarbten Linien auf Skys Gesicht: Überbleibsel von Krallenspuren. Unwillkürlich rutschte sie ein Stück von Nox weg, als die Erinnerungen in ihr hochstiegen.
Abyss zog eine Schüssel Brei aus undefinierbarem Etwas zu sich heran und blickte diesen nachdenklich an, dann wandte er sich flüsternd an Gibbli: „Was meinst du, angenom­men dieses Zeug hier klebt in seinem Gesicht, würde es dann verdampfen?“
„Lass es“, flüsterte sie energisch zurück, dennoch zogen sich ihre Mundwinkel kurz nach oben.
In ihrer Vorstellung sah sie Abyss schon einen Löffel seines Breis Richtung Sky schleudern. Als der Kapitän aufstand, zog er etwas Metallisches aus seiner Tasche und betrachtete es genervt.
„Großartig. Das auch noch.“ Er warf den Strahler auf den Tisch. „Die wird sich freuen“, murmelte er und verließ die Zen­trale.
„Ich mag es, wenn er das macht“, sagte Abyss und lachte schadenfroh, als Gibbli die Waffe genauer betrachtete, die Sky hatte mitgehen lassen. ‚Dessert K.‘ stand in kleinen Buch­staben auf einer Seite eingraviert.
 
Nach dem Essen folgte Gibbli Bo nach oben, um sich den Ver­band wechseln zu lassen. Sie dachte an das, was ihr bevor­stand. Diese blöde Position der Stadt musste auf diese dum­me Kugel! Niemand an Bord brachte das zu Stande, außer Gibbli. Aber vielleicht gab es da noch eine andere Möglichkeit.
„Bo?“, fragte sie und setzte sich nervös auf den Stuhl im Krankenzimmer. „Nox hat doch dieses Marahang von den Wächtern gestohlen, oder? Dann war er dort, er muss wissen, wo Ocea liegt!“
„Nein“, sagte Bo traurig und holte ein Messer aus einem Regal, um frischen Verband von einer Rolle abzuschneiden. „Nox und Elai waren nie dort. Eins der wenigen Dinge, die ich aus ihm herausbekommen hab. Enttäuschend, nicht? Sie ha­ben es aus dem Archiv der Meeresakademie entwendet. Dachten wohl, es hört sich eindrucksvoller an, wenn sie es so ausdrücken.“
Gibbli ließ den Kopf hängen und legte ihr Bein hoch, wäh­rend sie darauf wartete, dass Bo ihr weitere Sätze entgegen­warf, wie sie es immer tat. Doch überraschenderweise sagte sie kein Wort mehr. Schweigend nahm Bo Gibbli den Verband ab. Als sie ihre Wunde desinfizierte, begann Bo dann doch wieder zu sprechen.
„Ich glaube, er mag mich nicht“, murmelte sie.
„Wer?“, fragte Gibbli und blickte erstaunt auf.
„Nox. Er redet kaum mit mir und wenn er sich dann doch dazu herablässt, antwortet er mir meist nur knapp in Gedan­ken. Er verhielt sich so komisch, als er gestern hier auftauchte. Mit seinem ersten Satz machte er mir einen Vorwurf, kannst du dir das vorstellen? Kein ‚Hallo Schwester!‘ oder ‚Wie geht es dir?‘ nein, er dachte mir ein Vorwurf an den Kopf! Weil er mir ja befahl, an die Oberfläche zurück zu kehren. Aber was soll ich denn dort? Kannst du dir vorstellen, wie langweilig es in diesem Krankenhaus an der Küste war?“
Gibbli schüttelte den Kopf und Bo begann damit, ihr den neuen Verband umzulegen.
„Und dann sagte er, ich sei dumm, weil ich die Warnung ignorierte. Welche Warnung denn bitte? Er hat mir nicht drauf geantwortet! Meinte nur, dass unser Onkel das sagte, dieser Elai. Du bist ihm begegnet, nicht wahr? Wie ist er so?“
Gibbli zuckte mit den Schultern. Bei Bo kam man sowieso nicht zum Sprechen. Schon hatte sie wieder den Mund offen und redete weiter.
„Nox erzählt mir gar nichts über Elai! Er sagt überhaupt nur wenig. Ich wollte ihn zur Rede stellen, warum sie immer die Landmenschenstädte angreifen. Er hat einfach nur mit den Schultern gezuckt, als sei es ihm völlig egal! Weißt du, ich glaube Nox hat noch immer nicht ganz überwunden, dass un­ser Dad angeblich von Landmenschen getötet wurde. Glaubst du Nox‘ Mum lebt noch? Ich hab ihn gefragt. Er meinte, das geht mich nichts an. Und dann die Sache mit Sam. Er sagt kein Wort dazu! Kannst du dir vorstellen, dass Sam ihn wirk­lich mag? Glaubst du, er redet mit ihr auch so wenig? Er hat ihr ja anscheinend nicht mal erzählt, dass ich noch am Leben bin. Das ist komisch, mir meine Halbschwester zusammen mit meinem Halbbruder vorzustellen. Aber es ist auch irgendwie schön, oder? Vielleicht verringert das den Konflikt zwischen unseren Arten. Ich hoffe es so sehr und dass wir bald nach Ocea kommen, um sie zu treffen.“
Das hörte sich an, als sei Bo ganz sicher, dass sie die Stadt erreichen würden. Dabei wussten sie ja noch nicht einmal, wo sie sich befand. Als Bo fertig war, öffnete sie erneut den Mund, um noch etwas zu sagen, doch dann ließ sie es bleiben. Sie schien etwas zurück zu halten, aber Gibbli fragte nicht weiter nach. Sicher war Bo nur besorgt wegen Sam.
 
Sky schien den ganzen Tag über gereizt und Gibbli rechnete jeden Moment damit, dass er ihr befehlen würde, die Kugel zu benutzen. Während sie mit einem Kribbeln im Bauch an Cora herum schraubte, um nach einer Verbindung zu Steven zu su­chen, manövrierte er das U-Boot weiter aus dem Durchgang des Tensegraben heraus.
Gibblis Suche blieb erfolglos und auch eine direkte Befra­gung von Abyss in verschiedenen Sprachen, brachte nichts aus Cora hervor. Sie verhielt sich wie das kleine Kind, das sie schon immer war und hatte keine Ahnung, von was sie überhaupt sprachen. Gegen Nachmittag war es dann schließlich so weit.
„Alle abgezogen“, murmelte Sky, als sie am Rand dessen entlang fuhren, was vor einigen Tagen noch einem Schlacht­feld geglichen hatte. Weit und breit gab es keine Spur von der Landmenschenflotte und auch die Hochseemenschen schie­nen sie zu meiden. „Wir warten hier. Ein gutes Versteck. Nie­mand würde uns an diesem Ort vermuten.“
„Folgen uns die Tiefsemenschen noch?“, fragte Abyss.
„Sieht nicht so aus.“ Der Kapitän schob die Steuerbedie­nungen beiseite.
Nox verschränkte die Arme. „Ich vereinbarte mit Elai, dass er sie ablenkt.“
„Dann tun wir es jetzt. Gibbli, zeige uns die Position.“

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Kapitel 19: … wird zum Verhängnis (Bis in die tiefsten Ozeane)

Die Tiefseemenschen brachten Gibbli in einen kleinen Raum. Es dauerte etwas, bis sich ihre Augen an die Dunkelheit ge­wöhnten. Sie erkannte Sky, dessen Anzug schwach von dem tiefblauen Glimmern der Organismen an den Steinwänden be­leuchtet wurde. Er stand neben ihr in der sonst leeren Kam­mer. Plötzlich wurde alles um sie herum schwerer und Gibbli stützte sich an der Wand ab, um nicht nach unten gedrückt zu werden. Um sie herum erhellte sich die Umgebung etwas und sie spürte, wie das Gewicht ihres Anzugs auf ihren Körper drückte, als jemand das Wasser abließ. Im nächsten Augen­blick öffnete sich eine Seitenwand der Kammer und andere Tiefseemenschen kamen hereingetappt. Sie trugen seltsame Geräte an ihren Hälsen, dort wo sich ihre Kiemen befanden. Offensichtlich ermöglichten diese ihnen, an der Luft zu at­men. Dunkelblaue Hände rissen ihr den Helm vom Kopf und die Flüssigkeit in ihrem Anzug platschte zu Boden.
Gibbli fiel mit den Knien voran auf harten Stein und huste­te das restliche Perfluorcarbon-Gemisch aus ihren Lungen. Sky, neben ihr, fasste sich an seine Brust und würgte ebenfalls das Zeug heraus. Mit schmerzverzerrtem Gesicht drückte sie die Hände an ihre Ohren.
„Du musst schlucken. Oder versuch zu gähnen!“, krächzte Sky.
Gibbli fühlte einen Stich an ihrer Brust und schon wurden sie wieder hochgerissen. Alles wirkte verschwommen. Sicher würde es wieder einige Zeit dauern, bis sich ihre Augen an die Luft gewöhnten. Alles war jetzt etwas heller. Die Biolumines­zenz der Organismen an den Wänden schien durch die Luft verstärkt zu werden. Man nahm ihnen die Druckpanzer ab sowie all ihre Ausrüstung und Skys Waffe. Dann zerrten die Wesen sie weiter durch mehrere Gänge. Mit wackeligen Bei­nen versuchte Gibbli nicht hinzufallen, als die Tiefseemen­schen sie in einen Raum stießen. Eine Wand fuhr vom Boden aus nach oben und Stille breitete sich um die beiden herum aus. Sie waren gefangen. In einem eckigen, blau glimmernden Raum aus kristallartigem Stein. In einer Tiefe von über 23.500 Metern. Die Thermoanzüge waren das einzige, was man ih­nen gelassen hatte.
„Setz dich“, wies Sky sie an.
Gibbli nickte schwer atmend, ließ sich an einer Wand nie­der und presste eine Hand gegen ihre Brust. Etwas über ihrer Lunge brannte fürchterlich.
„Wolltest du uns umbringen? Erkläre mir, was das eben sollte!“, befahl er, während er bereits die Mauern abtastete.
Die Wandseite, durch die sie herein gekommen waren und welche sich hochgefahren hatte, wurde zur Decke hin dünner und teilweise durchsichtig. Im Stehen konnte man nach draußen in den Gang blicken. Nun, Sky konnte das, Gibbli war zu klein dafür.
„Ich weiß nicht, ich… ich wollte mutig sein?“
„So etwas nennt man nicht mutig, sondern lebensmüde.“ Nach der erfolglosen Suche einer Fluchtmöglichkeit, ließ er sich ebenfalls nieder. Erschöpft grinste er. „Nur, weil Abyss nicht dabei ist, musst du ihn nicht vertreten. Wirklich, du soll­test aufhören, sie zu provozieren.“
„Dieser Elai hat mich komisch angesehen“, murmelte Gibbli.
Skys Augen weiteten sich. „Du blutest! Wann ist das pas­siert?“
Gibbli blickte an sich hinab und dann auf ihre blutver­schmierte Hand, die sie an sich gepresst hielt. Es sickerte durch den Thermoanzug.
„Abyss‘ Messer“, flüsterte sie leise. „Die Wunde ist nicht tief“, fügte sie hinzu, als der Kapitän versuchte, sie genauer anzusehen.
„Sticht es, wenn du atmest?“
„Nein“, log Gibbli und wich vor ihm zurück.
„Du hättest mir das sagen müssen!“ Sky sank wieder zu Boden. Wahrscheinlich, weil es sowieso nichts gab, was er da­gegen machen konnte. „Erinnere mich daran, dass ich ihn von Bord werfe, wenn wir zurück sind.“
„Nein, das ist meine Schuld. Er kann nichts dafür“, sagte Gibbli leise.
Der Kapitän schüttelte leicht den Kopf. „Er hat meinen Be­fehl missachtet, dir nicht mehr nahe zu kommen. Ich kann ihm das nicht durchgehen lassen. Gibbli, er…“, Sky brach ab und musterte sie eindringlich. „Er ist zu weit gegangen“, mur­melte er stattdessen und rieb sich die Augen. Dann schloss er sie und lehnte sich an die Wand.
 
Gibbli wusste nicht, wie lange sie so dasaßen. Ihr Bauch knurr­te vor Hunger, als die Wand vor ihnen abrupt nach unten fuhr. Kraftlos blieb sie einfach sitzen, während Sky alarmiert hoch­schreckte und sich ihnen entgegen stellte, als drei Wesen ein­traten.
Vor ihnen stand ein dürrer, hochgewachsener Meermensch mit stechend orangen Augen. Gibbli erkannte sie sofort: Bo’s Augen. Er wirkte sehniger und jünger als Elai. Bis auf das Ge­rät an seinen Kiemen, trug er keine Kleidung. Auch Waffen schien er keine bei sich zu haben. Dafür begleiteten ihn zwei Tiefseemenschen, behangen mit Fischhäuten und mit ihren Säurestrahlern in den Händen.
„Was wollt ihr von mir?“, fragte Nox mit rauer, ausgetrock­neter Stimme.
„Wir suchen jemanden, der nicht hier her gehört. Ihr Name ist Samantha Evens. Hältst du sie hier gefangen?“, kam Sky ohne Umschweife auf den Punkt.
„Schickte Bo euch? Ist sie wieder an die Oberfläche? Ich befahl ihr, nicht hier unten zu bleiben!“
„Bo hat dich nicht zu interessieren“, sagte Sky scharf.
„Sie ist meine Schwester.“ Gibbli bemerkte, wie einer der an­deren Tiefseemenschen Nox einen bösen Blick zuwarf.
„Und Mitglied meiner Crew. Es geht hier aber um Saman­tha. Ist sie noch am Leben?“, lenkte ihr Kapitän das Thema wieder auf den eigentlichen Grund ihrer Anwesenheit.
„Sam ist nicht hier“, krächzte Nox knapp. „Sonst noch was?“
„Du lügst! Warum flutet ihr hier alles mit Luft wenn nicht ihretwegen? Ich verlange eine Antwort!“
Nox ignorierte seine Worte und wandte sich Gibbli zu. Sei­ne Miene änderte sich, wurde misstrauisch, als hätte er so­eben etwas Gefährliches entdeckt. Sky wollte ihn packen, hielt dann aber inne, als Nox‘ Begleiter sofort näher traten und ihre Säurewaffen bedrohlich auf ihn richteten. Langsam schritt der Tiefseemensch auf Gibbli zu und ging vor ihr in die Hocke.
„Du bist kein Landmensch.“ Seine spitzen Finger legten sich um ihr Kinn und drehten ihren Kopf prüfend zur Seite. „Du ge­hörst zu ihm. Steven.“
„Weg von ihr“, befahl Sky tonlos.
Im nächsten Moment sprang Nox hoch und schlug ihm quer übers Gesicht. Der Kapitän schrie auf und taumelte zur Seite. Nox‘ Krallen hatten tiefe Striemen in seiner Haut hinter­lassen. Sky wollte sich auf ihn stürzen, aber die beiden ande­ren Meermenschen packten ihn von hinten und hielten ihn zurück. Ihre Waffen berührten seinen Termoanzug und ätzten kleine Löcher in ihn hinein. Langsam wandte sich Nox wieder Gibbli zu, die noch immer am Boden kauerte und sich jetzt zitternd gegen die Wand drückte.
„WO IST SAM?“, schrie er sie an. „Ich töte dich auf der Stelle, wenn du mir nicht sofort sagst, WAS STEVEN MIT IHR MACHTE!“
Gibbli erschauderte und sie konnte eine Träne nicht mehr zurück halten. Steven war hier? Hektisch atmete sie ein. Ihre Augen weiteten sich. Nein, bitte er nicht auch noch!
Nox drehte sich betrübt um und starrte in den Gang hinaus. Er sagte irgendetwas zu den beiden, die Sky festhielten. Sie ließen ihn los. Sky trat einen Schritt zurück und stützte sich an der Wand ab. Einer der Tiefseemenschen rief Nox wü­tend etwas zu, doch dieser wies ihn zurecht. Daraufhin verlie­ßen die beiden schnaubend den Raum.
„Keine gute Idee. Jetzt bist du schutzlos“, sagte Sky und fletschte die Zähne.
Nox wandte sich ihnen zu, während Gibblis Blick zur offe­nen Wand wanderte.
„Versucht es nicht. Ihr weitkämet nicht“, zerstörte der Tief­seemensch ihre Pläne. Sein Blick wanderte abwechselnd von Gibbli zu Sky, dem jetzt Blut übers Gesicht lief. Nox‘ Augen wirkten plötzlich seltsam leer. „Der oceanische Wächter nahm Sam mit.“
„Also hast du sie hier gefangen gehalten.“, schloss Sky.
„Nein. Sie blieb hier, weil sie es wollte. Sam verlassenkonnte mich jederzeit.“ Er drehte sich wieder von ihnen weg.
Gibbli blickte lauernd auf, das war ihre Chance! Doch Sky schüttelte leicht den Kopf.
„Freiwillig?“, fragte der Kapitän. „Das erklärt nicht, was mit Bo ist. Ich bin mir sicher, Sam hätte nach ihrer Schwester gesucht.“
„Sam dachte, dass Bo nicht überlebte den Einsatz des Marahangs.“
„Ich verstehe. Und du hast sie in diesem Glauben gelassen.“
„Ich wollte Sam keinen Grund geben, von hier weg zu ge­hen. Mein Volk verfölgte Sam. Sie missbilligen unsere Ver­bindung. Sie erinnern sich, wie es war. Damals, mit meinem Er­zeuger und Kassandra“, fuhr Nox fort, während er auf den Gang hinaus blickte.
„Bo’s Eltern“, schloss Sky.
„Die Landmenschen töteten meinen Erzeuger.“ Er ballte die Hände zu Fäusten. „Aber das ist jetzt egal. Alles ist egal. Ich zurückmöchte nur Sam.“
„Du magst sie“, sagte Sky leise.
„Ich mag sie“, gab Nox zu und drehte sich wieder zu ihnen um. „Mein Volk hält das für eine Schwäche. Sie sind in Auf­ruhr, weil Sam verschwand. Sie denken, Sam flüchtete mit geheimen Informationen über uns und geben mir die Schuld. Nur Elai weiß Bescheid, dass dieser Steven mit drin steckt. Doch auch er nicht gutfindet es. Lio, mein und Bo’s Erzeuger, war sein Bruder. Und jetzt auftaucht ihr hier! Es war schwer, Sam zu schützen vor den anderen. Aber wenn ich gehenlasse euch jetzt, nicht mehr akzeptieren sie mich als ihren Anführer. Sie erwarten, dass ich töte euch.“
Eine drückende Stille breitete sich aus, als er aufhörte zu sprechen.
„Dann komm mit uns nach Ocea“, schlug Sky unvermittelt vor. „Komm mit uns und hol sie dir zurück!“
Gibbli starrte ihn entsetzt an. Auch Nox schien sich nicht sicher, was er davon halten sollte.
„Wir haben die Mara geborgen. Und wir haben Gibbli, in deren Körper sich oceanische DNA befindet“, fügte Sky hinzu und nickte zu ihr hinüber. „Du hast es gespürt, nicht war? Lass uns gehen und wir nehmen dich mit.“
Nox trat einen Schritt zurück in den Gang hinaus. „Ich abspreche das mit Elai.“
 
Sky atmete erschöpft aus, als er außer Sicht war. Zufrieden leckte er das Blut von seinem Mund. Gibbli schüttelte ungläu­big den Kopf.
„Was ist?“
„Der lässt uns nie gehn“, sagte sie leise.
„Wir kommen hier heraus, Gibbli. Nox begleitet uns. Du wirst schon sehen.“ Gibbli glaubte ihm fast, so felsenfest über­zeugt schien er von dem was er sagte.
Doch Nox kehrte nicht zurück.
 
Nach ein paar Stunden, so kam es ihr vor, schreckte Gibbli auf und sah ihren Kapitän im Raum stehen. Erneut suchte er die Wände nach irgendeinem Ausweg ab. Sie war durstig und ihr Bauch tat weh vor Hunger. Gibbli lehnte noch immer an der Wand und wagte sich kaum zu bewegen, aus Angst davor, dass sich der Stich an ihrer Brust wieder öffnete. Ihr Körper fühlte sich merkwürdig steif an.
„Ich werde hier sterben“, flüsterte sie leise, als Sky mit aller Wucht gegen die Eingangswand schlug.
Sofort hatte er sich wieder unter Kontrolle. „Nein. Nein, das wirst du nicht. Das ist nicht möglich“, sagte er leicht gereizt und in einem Ton, der keine Widerworte duldete. „Ich bringe euch nach Ocea. Ich bin dein Kapitän und das habe ich ver­sprochen. So lange ich lebe, wirst du nicht sterben!“
Niedergeschlagen starrte sie auf den steinernen Boden. „Dann wirst du eben vor mir sterben“, sagte sie deprimiert.
Sky seufzte und schüttelte langsam den Kopf.
Diese Situation war aussichtslos. Sie würden hier drin um­kommen, ganz sicher. Und es gab absolut nichts, was sie da­gegen unternehmen konnten. Gibbli fühlte sich leer.
„Ich habe es nicht verdient, Ocea zu sehen. Vielleicht sollte es so kommen. Vielleicht ist es gut so.“
„Unsinn!“ Zornig beugte sich Sky zu ihr hinab, doch seine Stimme blieb ruhig. „Erinnere dich daran, dass ich sagte, ich werde dich nicht wie ein Kind behandeln!“
Gibbli wich seinem Blick aus.
„Das wäre der richtige Zeitpunkt zu beweisen, dass du kei­nes mehr bist.“
„Ich weine nicht“, sagte sie leise.
„Gut. Du hast keinen Grund, dich zu fürchten. Ich bin hier. Und wir kommen hier raus, klar?“
„Ich habe keine Angst.“
Er nickte zufrieden.
 
Als Gibbli erwachte, stand Sky mit verschränkten Armen in der Zelle.
„Er wurde bestimmt aufgehalten“, murmelte er. Wachsam blickte er umher.
„Er kommt nicht zurück“, flüsterte Gibbli wieder und der Kapitän drehte sich zu ihr um.
„Nox ist ihr Anführer. Er kann nicht so einfach mit uns hier hinaus spazieren. Sicher sucht er nach einer Möglichkeit. Er muss das genau planen.“
Gibbli war überzeugt davon, dass Sky das nur sagte, um sie zu beruhigen. Das glaubte er doch selbst nicht, dass Nox je zurückkehren würde. Sie wollte etwas erwidern, im selben Au­genblick durchzog eine Eiseskälte den Raum. Ihre Augen wei­teten sich. Er konnte nicht hier sein! Nicht er! Nicht jetzt!
„Sky? Ich glaube, jetzt hab ich doch Angst“, sagte sie tonlos und eine Gestalt trat mitten durch die Seitenwand. Gibbli presste sich an die Wand. „DU!“, schrie sie auf und erstarrte.
So überraschend auf ihn zu treffen, ließ alles in ihr gefrie­ren. Er leuchtete für einen Moment golden auf und warf ein helles Schimmern auf seine ganze Umgebung. Sky, der ihren geschockten Ausdruck und die Lichtveränderung im Raum bemerkte, wirbelte herum und stand einem oceanischen Wächter höchst persönlich ge­genüber.
„Ich.“ Grinsend hob er einen Arm. Sky wurde sofort nach hinten an die Wand gedrückt und von einem Netz festgehal­ten. Gibbli erinnerte sich daran, dass er dies schon einmal ge­tan hatte, im Zug, mit Abyss.
„Ahh. In euer primitiven Physik nennt man so etwas wohl Dichteveränderung. In meiner Welt könnte man es mit einer Art Phasenverschiebung übersetzen. Oh, ich liebe es durch Wände zu gehen.“ Während er langsam auf den Kapitän zutrat, versuchte dieser sich vergeblich zu befreien. Als der Wächter kurz vor ihm stand, griff Sky nach ihm. Seine Finger verfehlten ihn um Millimeter. „Skarabäus Sky. Ich hab von dir gehört. Guter Mann. Guter Kapitän. Ich mag, wie du mit ihnen spielst, wie du ihnen weismachst, dass-“
„Steven, nehme ich an“, unterbrach Sky seine Worte.
„Ganz recht.“ Er streckte seine Finger aus, um Skys Kratzer im Gesicht zu berühren. Sky keuchte vor Schmerz auf und Steven war zu schnell wieder in sicherer Entfernung, als dass er ihn mit seinen Händen erwischen konnte. „Oh, wie nett. Da hat er dich ja ganz schön erwischt.“ Er lachte. „Ein wildes Temperament dieser Nox. Vor allem, wenn es um seine Sam geht.“
„Steven. Ich bin dir dankbar, dass du Jacks Flotte abge­lenkt hast, aber das hier ist nicht-“
„Das hab ich gut gemacht, nicht wahr? Ja! Dafür solltest du auch meinem Mädchen hier danken“, unterbrach der Wächter seine Worte.
„Deinem…Gibbli?“
Den Kopf nach unten gerichtet, hörte sie den beiden schweigend zu. Sie blickte Sky nicht an und hoffte, dass das hier nur ein Traum war. Ein langer, böser, grauenhafter Alp­traum.
„Binde mich sofort los!“, befahl der Kapitän.
„Oh, dieses Gefasel will ich mir nicht anhören.“ Steven streckte seine Hand aus und ein weiteres Netz verließ seine Waffe, diesmal ein ganzes Büschel, mitten in Skys Mund. Es fixierte seinen Kopf damit an der Wand. Der Kapitän schrie dumpf gegen die Knebel an und versuchte sie mit seinen Fingern zu lösen. Gibbli wusste, dass sie nicht nachgeben würden. Man brauchte mindestens ein Messer dafür.
„Oh ja. Du wirst sie alle in meine Stadt führen, davon bin ich überzeugt. Da vertraue ich ganz auf deine Fähigkeiten. Den kleinen Umweg hierher verzeihe ich dir, keine Sorge. Ich bin nicht wegen dir hier. GIBBLI!“
Er wandte sich von Sky ab, der angestrengt versuchte sich zu befreien. Dann schenkte er Gibbli seine volle Aufmerksam­keit.
„Hallo, mein Schatz.“
Gibblis Herz raste und die Schweißtropfen auf ihrer Stirn gefroren unter seinem Blick. Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie ihn an, in der Hoffnung, ein zufällig herabfallender Blauwal würde ihn auf der Stelle erdrücken.
„Hatten wir nicht eine Abmachung? Ich rettete deinen klei­nen Freunden das Leben. Mein Teil ist erfüllt. Und was tust du? Zögerst es hinaus, indem du hier her kommst. Oh, ja, ich weiß genau, was bei euch an Bord geschieht, ich beobachte euch. Du forderst mich ja geradezu heraus. Magst du Schmer­zen, Mädchen?“
Gibbli atmete nur noch flach und schnell. Die Luft drang kaum bis in ihre Lungen vor.
„Nein? Aber ich muss dich bestrafen, das verstehst du doch, oder?“ Sie wimmerte, als Steven sie grob am Hals packte und nach oben zog.
Skys Bewegungen wurden hektischer.
Steven hielt sie mit einer Hand am Hals fest gegen die Wand gepresst. Sie versuchte ihn wegzudrücken, doch das kam dem Kampf gegen einer Maschine gleich.
„Interessant. Wer war das denn?“ Er nickte fragend auf ihre Brust. „Das will ich sehen.“ Mit seiner freien Hand riss er ihren Thermoanzug mit einem Ruck herunter und begutach­tete ihre Wunde.
Sky schrie mit verschlossenem Mund gegen die Schnüre an, während Gibbli kein Wort hervor brachte. Eine Träne brach aus ihr hervor und hinterließ eine weiße Spur auf ihrem Gesicht, als sie langsam über ihre Wangen rollte. Ein kalter Lufthauch streifte ihren nackten Oberkörper und sie erzitterte.
„Das gefällt deinem U-Boot Kapitän wohl nicht“, sagte Ste­ven grinsend. „Hm. Dann wird ihm das hier noch weniger gefallen.“
Gibbli brüllte vor Schmerz auf, als er einen seiner goldenen Finger mitten durch den hellen Stoff tief in ihren Oberschenkel rammte. Ein Knochen splitterte und für einen Moment wurde ihr schwarz vor Augen. Dann folgte ein zweiter Finger und ein dritter.
„Merkt euch das gut. So etwas passiert, wenn man sich mit einem meiner Art anlegt. Oh, ich freue mich! Was für ein Spaß! Ihr wollt diese Sam. Ihr kriegt sie. In meiner Stadt. Ich gebe dir eine Woche Gibbli, dann stirbt die Kleine. Und um es mit Rods Worten zu sagen: Wenn du nicht freiwillig zu uns kommst, werde ich dich zerfetzt und zerbrochen vor die Tore der Stadt schleifen, Mädchen!“
Er ließ Gibbli los. Sie rutschte stöhnend zu Boden. Mit ver­zerrtem Gesicht hielt sie ihr Bein fest umklammert.
Steven wandte sich an Sky, packte eine der Schnüre und riss seine Fesseln mit einem Schlag beiseite. Noch während Sky zu Boden sackte, trat er einfach wieder durch eine Seiten­wand und verschwand.
Der Kapitän zog sich hoch und hechtete auf Gibbli zu. Er sagte irgendetwas, aber sie hörte ihn nicht. Sie bekam kaum mit, dass er sich beide Ärmel seines Thermoanzugs abriss und damit ihr Bein abband. Es tat so verdammt weh! Ihre Brust schmerzte von Abyss‘ Messer und ihr Kopf und ihr Bein. Vor allem ihr Bein. Irgendwann dämmerte sie einfach weg.
 
Gibbli schlug die Augen auf. Ihr entfuhr ein qualvolles Stöh­nen, als sie sich dem schmerzhaften Pochen in ihrem Ober­schenkel bewusst wurde. Sie lag auf etwas Warmem, Leben­dem. Skys blutverschmiertes Gesicht erschien über ihr. Panik durchströmte sie, während die Erinnerungen der letzten Stun­den durch ihren Kopf schwirrten. Oder waren es Tage? Als sie ihren Kopf hob, wurde ihr schwindlig.
„Nicht, ruhig“, sagte er mit rauer Stimme. „Bleib liegen.“ Gibbli sackte auf die Beine des Kapitäns zurück. „Du hast viel Blut verloren.“
„Wasser“, brachte sie kaum hörbar hervor.
Sky schüttelte den Kopf. Gibbli fror. Im Raum herrschten noch immer bitterkalte Temperaturen vor. Sie fühlte sich wie ausgetrocknet und hatte so einen verdammten Durst! Hätte sie nicht einfach während ihrer Bewusstlosigkeit sterben kön­nen? Sie wünschte sich wieder einzuschlafen. Schwer atmend versuchte sie ihr Bein zu ignorieren.
„Solche Deals sind meine Aufgabe, merk dir das. Meine. Nicht deine“, sagte er leise.
„Ich… schenke ihn… dir gerne.“
Seine Mundwinkel zuckten leicht. Auch Sky wirkte mehr als erschöpft. Seine Lippen sahen blass aus, fast weiß und noch immer klebte ihm Blut im Gesicht.
Plötzlich drang ein Klopfen durch die Wand, an der er lehnte und die beiden zuckten zusammen. „Pssst, hey Sky! Seid ihr das?“ Gibbli schnappte nach Luft. Diese Stimme ge­hörte doch-
„Abyss!“, krächzte der Kapitän „Was tust du hier?“
„Du sagtest ja mal, du willst über unsere Handlungen in­formiert werden. Also hier ist Info. Ich hab die Mara gegen dei­nen Befehl verlassen. Mir war langweilig, also bin ich euch nachgetaucht. Ach ja und ich hab irgendwas in die Luft ge­sprengt, keine Ahnung was genau das war, so eine blau leuch­tende Maschine. Aber hier unten ist ja alles blau. Kann’s sein, dass diese Tiefseemenschen grad alle irgendwie durchdrehn?“
„Bevor du etwas machst! Ich will vorher Bescheid wissen!“, knurrte Sky, während er Gibbli half sich aufzusetzen.
„Freut mich dich zu sehen Abyss, du bist unser Held! Wir haben dich ja so vermisst, Abyss!“, klang Abyss‘ Stimme wie­der stumpf durch die Wand. „Ist Gibbli bei dir?“
„Ja, sie ist da.“
„Geht zurück, ich schlag das Ding hier ein.“
„Warte.“ Sky packte Gibbli und half ihr, sich zur gegen­überliegenden Wand zu ziehen. Kurz erblickte sie Abyss‘ Ge­sicht und ihre Blicke trafen sich durch die durchsichtige Wand. Seine Haut wirkte merkwürdig staubig und irgendwie so, als hätte er sich verbrannt. Dann kniete sich Sky vor ihr nieder, um sie von der Wandöffnung abzuschirmen und drückte ihren Kopf nach unten.
Im nächsten Moment krachte es laut und die Wand zerriss in tausende kleine Stücke, die in alle Richtungen durch den Raum geschleudert wurden.
Sky zog sich einen Splitter aus dem Arm. „Verflucht Abyss! Das nennst du einschlagen?“
„Explodieren, ich meinte, ich lass es explodieren. Wusstest du, dass man mit Festluft kleine Sprengladungen bauen kann?“
„So was machst du also, wenn du allein auf der Mara bist? Bomben basteln?“
„Mir war langweilig.“ Er hielt inne, als er die beiden muster­te. Sie mussten ein erbärmliches Bild abgeben. Ausgemergelt, in zerrissenen Anzügen und blutverschmiert. Sein Blick fiel auf Gibbli, die müde zu ihm hoch sah. „Wer-“
„Steven“, murmelte Sky düster und zog sich erschöpft hoch.
Abyss holte ein Gefäß mit Wasser aus einer Tasche, öffne­te es und stürzte auf Gibbli zu.
„Es… tut mir… Leid“, brachte Gibbli unter Anstrengungen hervor. „Ich… “ Sie brach ab, als Abyss versuchte ihr etwas von dem Wasser einzuflößen. Gibbli fühlte sich so schwach und bekam kaum einen Schluck davon runter. Doch es tat gut, als das flüssige Nass über ihre Lippen und ihre Kehle hinab ran. „Ich bin… getaucht… hast du… gesehn?“
„Das bist du“, sagte er leise und reichte Sky das Gefäß. Die­ser trank den Rest aus, während Abyss seinen Mantel auszog und ihn um Gibblis zitternden Körper wickelte. „Ich schlag je­den zu Brei, der es wagt dich anzufassen! Hörst du? Ich werd diesen Abschaum von Oceaner zermatschen. Komm schon, hoch.“
Abyss nahm ihre Arme und legte sie um seinen Nacken. Dann griff er unter ihre Knie und hob sie hoch. Gibbli ließ stöhnend ihren Kopf auf seine Schulter fallen. Ihr Bein fühlte sich wie abgerissen an und selbst ohne die Wunde wären ihre Füße wahrscheinlich eingeknickt. Doch sie spürte seine ver­traute Nähe und drückte sich erleichtert an den warmen Kör­per. Ein paar gelöste Strähnen aus seinem Zopf kitzelten ihre Nasenspitze.
„Lustig. Vor ein paar Tagen hättest du mir nicht mal deine Hand gegeben und jetzt lässt du dich schon von mir rumtra­gen.“
„Halt… Fresse“, murmelte Gibbli an seiner Schulter.
„Wie nett von dir. Kannst du dir vorstellen, wie sehr ich das hier gerade genieße?“
„Lass das, Abyss!“ Sie bemerkte, wie der Kapitän ihm einen warnenden Blick zuwarf. Dann wandte er sich von ihnen ab und sah sich draußen im Gang vorsichtig um. „Wie lange?“
„Fast drei Tage“, antwortete Abyss knapp und kam mit Gibbli ebenfalls nach draußen. „Hier lang.“
„Ich bete, das ist nicht dein Taucheranzug, den du da trägst“, sagte Sky, als sie eilig durch den Gang schlichen. Er taumelte mehr, als dass er ging und musste sich immer wieder an der Wand abstützen.
„Nein. Wir, das heißt Cora und ich, sind mit dem MARM hier. Bo bewacht die Mara.“
„Cora ist auch hier?“
„Ja. Keine Ahnung woher, aber sie wusste genau, wo wir andocken mussten, um hier rein zu kommen. Es gibt einen zweiten Zugang, außerhalb von Takkao.“
„Sie muss diese Info von Steven haben“, murmelte Sky leise.
Sie schlichen an verschlossenen Türöffnungen vorbei und durchquerten einen weiteren Gang. Gibbli bekam kaum mit, worüber die beiden Männer sprachen. Immer wieder wurde ihr schwarz vor Augen.
Vor ihnen tauchten plötzlich zwei Tiefseemenschen auf und versperrten ihnen den Weg. Als Abyss abrupt stehen blieb, durchzuckte ein Stich ihr gebrochenes Bein und sie schreckte erneut auf. „Hm, also das war so nicht geplant“, sagte er.
„Als wenn du je irgendetwas planen würdest“, knurrte der Kapitän.
Sie wendeten, um in die andere Richtung zu laufen. In die­sem Moment sauste ein Schuss haarscharf an Gibblis Kopf vorbei. Sie spürte, wie sich die Spitzen ihrer Haare in der Säure auflösten. Sky blickte hektisch den Gang zurück, auf dem jetzt zwei weitere Wesen Stellung nahmen. Er und Abyss blie­ben Rücken an Rücken stehen. Es gab kein Entkommen mehr, sie waren umzingelt.
„In meinem Stiefel steckt ein Messer“, raunte Abyss Sky zu.
Plötzlich zischte ein Strahl durch den Raum. Gibbli erwar­tete das Schlimmste, als Abyss sie fest an sich drückte. Dann stürzte einer der Tiefseemenschen zu Boden. Überrascht wir­belte ein anderer herum. Während Sky etwas auffing, fiel schon der Zweite. Im nächsten Moment erledigte der Kapitän die anderen beiden mit gezielten Schüssen.
„Damit abschreibenkann ich es, je wieder zurückzukehren hier her“, ertönte die kratzige Stimme von Nox, als er näher trat. „Wer von euch sprengte unsere Photobakterienzucht?“
Abyss blickte ihn misstrauisch an.
Sky hingegen nickte ihm müde zu. „Gutes Timing. Will­kommen in meiner Crew.“
„Nur bis ich wiederhabe Sam.“
Vor Gibblis Augen verschwamm wieder alles. Bilder blitzten in ihrem Kopf auf. Im einen Augenblick rannten sie noch durch einen Gang, im nächsten spürte sie, wie Abyss sich mit ihr im MARM niederließ.
„Was soll das? Was hast du mit dem MARM angestellt? Sie ist ein halber Schrotthaufen!“, rief Sky von irgendwoher wütend.
„Sind doch nur ein paar Kratzer. Hab vielleicht ein paar Mal was gerammt auf dem Weg hier her“, murmelte Abyss über ihr. Irgendwo im Hintergrund hüpfte Cora aufgeregt umher.
Dann wurde Gibbli erneut schwarz vor Augen. Im nächsten Moment bekam sie mit, wie jemand den MARM in einem waghalsigen Manöver durch eine Schar Tiefseemenschen steuerte und ihren Säurestrahlen geschickt auswich.
Wieder trieb der Schmerz Gibbli in eine Ohnmacht und diesmal blieb sie lange bewusstlos.

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Kapitel 18: Ein harmloser Tauchausflug… (Bis in die tiefsten Ozeane)

Am nächsten Tag berief der Kapitän ein Treffen ein. Alle hat­ten sich am runden Tisch versammelt, an dem Bo mit Coras Hilfe ein kleines Frühstück anrichtete. Niemand wollte die Früchte so recht anrühren. Müde und nervös saß Gibbli auf der Bank und starrte auf ihren Teller. Abyss erweckte nicht den Anschein, als würde er je irgendwann wieder etwas essen wollen. Ein riesiger blauer Fleck zog sich über seine linke Ge­sichtshälfte. Mit Augenringen und Haaren, die einem Schlachtfeld glichen, saß er am Tisch und ignorierte Gibbli vollkommen. Skys Verfassung wirkte ein wenig besser, jedoch ebenfalls nicht gerade fit. Nach ein paar Bissen schob er sei­nen Teller beiseite und blickte Abyss grimmig an, als wäre es seine Schuld. Was ja im Grunde auch den Tatsachen ent­sprach. Dann richtete er sich auf und fing mit heiserer Stimme an zu sprechen.
„Ich senke die Mara in den Tensegraben ab. Seid wachsam. Es ist fremdes Gebiet für Landmenschen. Niemand der Flotte wagte sich jemals dort hinunter und ist lebend wieder nach oben gekommen. Doch es gibt Berichte von einzelnen, zivilen Forschungsexpeditionen. Unsere Chancen stehen also gut. Wir werden Kontakt mit den Tiefseemenschen aufnehmen.“
„Reden?“, fragte Abyss missmutig und hielt seinen Kopf mit den Händen an beiden Seiten der Stirn fest, um nicht auf den Tisch zu kippen.
„Ja. Wenn Bo’s Schwester wirklich noch lebt, muss es einen Grund geben, warum sie das Mädchen nicht gehen lassen. Bo, du hast erzählt, Nox kennt unsere Sprache?“
„Ja.“
„Gut. Abyss, du wirst hier bleiben. Und du ebenfalls Bo.“
Abyss zeigte keine Regung, während Bo Sky verständnislos anstarrte. „Was? Aber es geht hier um meine Schwester und Nox ist mein Bruder!“, rief sie entrüstet.
„Und er hat dir befohlen an die Oberfläche zurück zu keh­ren. Niemand weiß, wie er darauf reagieren wird, wenn du ihm stattdessen direkt in die Arme schwimmst. Wir wollen sie nicht erzürnen.“
Bo öffnete den Mund, schloss ihn wieder und nickte schließlich enttäuscht.
„Ich selbst werde zu ihnen tauchen.“ Sky machte eine Pau­se, dann fügte er noch hinzu: „Gibbli wird mich begleiten.“
Gibbli blickte auf. „Was? Nein!“
„Es war deine Bedingung Sam zu befreien, also kommst du mit“, sagte der Kapitän in einem Ton, der keine Widerrede zuließ.
Panisch krallten sich ihre Finger in die Sitzbank. Das konn­te er nicht machen! Gibbli blickte hilfesuchend zu Abyss, doch dieser ignorierte sie noch immer.
„Eine gute Gelegenheit, dich endlich zum Tauchen zu brin­gen“, fuhr Sky fort. „Abyss hat in diesem Punkt ja kläglich ver­sagt.“ Ohne eine weitere Reaktion der anderen abzuwarten, stieg der Kapitän über die Sitzbank und begab sich nach vorne in die Zentrale. Cora hüpfte ihm grinsend nach.
„Das wird schon“, flüsterte Bo ihr zu und begann den Tisch abzuräumen.
Warum hatte sie das nicht kommen sehen? Würde Sky sie wirklich dazu zwingen, mit ihm zu tauchen? Geschockt über seine Worte, bemerkte sie gar nicht, dass sie plötzlich alleine mit Abyss am Tisch saß, bis sie seine raue Stimme vernahm.
„Du frisst schon wieder irgendwas in dich rein. Es ist wegen ihm, nicht wahr? Dieser Wächter. Steven.“
Gibbli zuckte beim Gedanken an den Oceaner zusammen. Gleichzeitig freute sie sich, dass Abyss überhaupt wieder et­was zu ihr sagte, ohne ihr gleich ins Gesicht schlagen zu wol­len. Die Antwort auf die Frage, was schlimmer war, Steven oder Tauchen, war eindeutig Steven. Am liebsten hätte sie Abyss alles erzählt. Über Steven und die Abmachung mit ihm. Seiner Drohung, Spaß mit ihr zu haben. Über seine grausame Kälte. Dass er und Jeff, der andere Wächter, Gibbli mit großer Wahrscheinlichkeit nicht mehr gehen lassen würden, wenn sie in Ocea ankamen.
„Weißt du, was nicht in meinen Kopf geht?“, fragte Abyss langsam, sah Gibbli dabei jedoch nicht an. Stattdessen blickte er düster auf die Kugel über ihnen. „Steven arbeitete gegen uns. Wollte mich immer davon abbringen, mehr über Ocea rauszufinden. Dieser Volltrottel tat alles, um uns daran zu hindern, die Mara zu bergen. Und jetzt hilft er uns auf einmal und lenkt Jacks Flotte ab, damit wir entkommen können. Warum?“
Gibbli schwieg. Er fragte nicht, als würde es ihn kümmern. Seine Worte klangen eher anklagend, dass sie ihm schon wie­der etwas verheimlichte. Wie hatte sie nur annehmen können, ihm liege etwas an ihr? Es war dumm von ihr zu glauben, dass er auf ihrer Seite stand. Hatte er nicht immer wieder gesagt, dass er mit den Leuten spielte, um seinen Willen durchzuset­zen? Vielleicht hatte Steven ja recht und Abyss würde sich darüber freuen, wenn er sie endlich los war. Gibbli hatte Mist gebaut und er würde kein Mitleid mit ihr haben, wenn Steven sie zwang, bei ihm und diesem Jeff zu bleiben. Völlig versun­ken malte sie sich die schlimmsten Situationen aus, was Ste­ven tun würde. Doch all diese Gedanken dienten ihr nur dazu, sich von einem aktuell wichtigeren Problem abzulenken: Tau­chen. Als Gibbli aufblickte, saß sie alleine am Tisch.
Irgendwann stand Sky neben ihr. „In zwei Stunden will ich dich unten bei der rechten Ausstiegsluke sehen“, sagte er knapp, dann verschwand er in seinen Raum.
Gibbli schreckte hoch. Nur noch zwei Stunden! Wann hat­ten sie den Grund erreicht? Sie blickte nach vorne aus dem Frontfenster und tatsächlich, draußen herrschte völlige Dun­kelheit. Durch das Licht, das von innen nach draußen drang, konnte sie den Meeresboden erkennen, der in schwarzes Nichts führte. Wie lange saß sie hier überhaupt schon? Gibbli eilte nach vorne zu einer der Konsolen und traute ihren Augen kaum. 23.530 Meter Wasser lagen über ihnen! Im Kopf über­schlug sie schon, was das für den Druck dort draußen bedeu­tete. Nur der kleinste Fehler und sie würden zerquetscht wer­den. Zwei Stunden hatte Sky gesagt! Dies würden entweder die längsten oder die kürzesten zwei Stunden ihres Lebens werden…
Mit dem Gefühl beobachtet zu werden, stand Gibbli noch immer zitternd vor der Konsole. Ihre Gedanken bewegten sich langsamer, als ständen sie kurz davor einzufrieren. Gleichzeitig rasten sie und vollführten derartige Sprünge, dass sie selbst kaum noch mitkam. Sie würde diesen grausamen Mann wie­der spüren. Sie würde ertrinken! Nervös starrte Gibbli immer wieder auf die Tiefenanzeige. Wenn sie sich nur verstecken könnte! Und unverhofft kam ihr eine rettende Idee. Ohne wei­ter über die Folgen nachzudenken, machte Gibbli ihren Ent­schluss fest. Sie hörte Bo mit Cora oben bei den Pflanzen in der Galerie reden. Sky befand sich in seinem Raum. Und Abyss? Gibbli hatte keine Ahnung, vielleicht war er in seine Tauchkapsel zurückgekehrt. Niemand würde es also mitbe­kommen. Sie musste hier weg, und zwar schnell. Fliehen.
Mit laut klopfendem Herzen schlich sie nach hinten und betrat den MARM. Hastig setzte sie sich in den Steuersitz und schaltete das System ein.
„Ungemütlichen Situationen aus dem Weg gehn, das kannst du wirklich gut“, ertönte plötzlich eine Stimme am Ein­gang. Gibbli erstarrte in ihrer Bewegung. Dann drehte sie lang­sam ihren Kopf und erblickte seine Gestalt. Verdammt, dieser Idiot war ihr gefolgt! Abyss duckte sich unter einer Röhre hin­durch und kam näher auf sie zu. Gibbli schluckte. Sie wollte aufstehen, doch mit einem Satz stand er hinter ihrem Stuhl und seine großen Hände drückten sie an den Schultern zu­rück in den Sitz.
„Ich tauche nicht“, sagte Gibbli leise. Ihr Herz schlug abrupt schneller.
„Wirklich? Bist du dir sicher, dass es ums Tauchen geht? Oder kannst du es nicht erwarten, ihn wieder zu sehen?“, zischte ihr Abyss böse grinsend ins Ohr. „Du hast rausgefun­den, wo Ocea liegt und jetzt fährst du zu ihm.“
Sie schnappte laut nach Luft. Was verflixt noch mal dach­te er von ihr? Abyss wusste genau, was das Tauchen in ihr auslöste. Er hatte doch Maras Erinnerung in der Kugel gese­hen, wie Rod sie tauchte, wie er sie…
„Geh weg“, flüsterte Gibbli, woraufhin er sie nur noch fester in die Polster drückte. Sie spürte seinen heißen Atem an ihrer Wange.
„Vermisst du deinen Steven?“, fragte er lachend. „Du ge­hörst zu ihm.“ Jetzt lächelte er nur noch schwach. „Du magst ihn, oder?“ Dann änderte sich seine Miene schlagartig und die letzten Worte sprach er fast tonlos. „Ich muss gestehn, ich bin ziemlich eifersüchtig auf diesen Abschaum von Oceaner. Wie war das, so ganz allein, mit ihm?“
Gibblis Augen weiteten sich. Hatte Abyss jetzt völlig den Verstand verloren? Außerdem war sie nie allein mit Steven ge­wesen, Cora war doch auch da gewesen, als die anderen im MARM… Sie bemerkte sein zorniges Funkeln.
„Ich wette, du hast es genossen, als er dich berührte.“
„Du bist eklig!“, rief sie laut. „Ich will ihn nie wieder sehen! Er ist grausam und kalt! Wie kannst du so von mir denken?“
Jetzt grinste Abyss wieder. „Oh, keine Sorge, das denke ich nicht. Du vergisst da etwas Schwesterherz. Ich raste vielleicht schnell aus, aber wenn ich möchte, bekomm ich alles aus je­dem raus. Ich lüge, ich betrüge“, Gibbli spürte plötzlich etwas Kaltes an ihrem Hals, „und ich töte“, flüsterte er die letzten Worte in ihr Ohr. Währenddessen kam er um den Sitz herum.
Die Spitze seines Messers zeigte jetzt mitten auf ihre Brust.
„Weißt du, ich bin nicht sehr geduldig im Foltern. Die meis­ten meiner Opfer sterben, bevor ich richtig dazu komme. Aber wenn das der einzige Weg ist, dich zum Sprechen zu bringen, bleibt mir ja nichts anderes übrig.“
Gibbli blickte erstarrt auf das Metall in seiner Hand. Sie hatte ganz vergessen, dass er es hasste, wenn sie etwas für sich behielt. Dann noch die Sache mit dem Mönch, kein Wun­der, dass er sie nicht mehr ausstehen konnte.
„Steven ist also grausam, ja? Hat er dich bedroht? Was ver­schweigst du?“
„Es tut mir Leid“, wisperte sie und eine Träne brach aus ihr hervor. „Ich wollte ihn nicht töten! Ich wollte euch retten. Ich wollte euch helfen. Nur… helfen.“
„ES GEHT JETZT NICHT UM DEN MÖNCH!“, schrie er wü­tend und Gibbli zuckte zusammen.
Dann nahm sie all ihren Mut zusammen und legte ihre bei­den Hände auf die seine, die den Griff des Messers fest um­klammerte. „Du weißt genau wie er ist. Wie Oceaner sind! Er hat mir nur geholfen euch zu retten, weil ich zugestimmt habe zu ihm und dem anderen Wächter nach Ocea zu kommen. Euer Leben gegen meines als neuer Wächter. Das war die Ab­machung.“
Sie zwang ihren Kopf langsam nach oben und blinzelte eine Träne beiseite. Sein Blick brannte sich in ihr Gesicht. Er wirkte verletzt, besorgt und wütend zugleich. Und so traurig, so unendlich traurig.
Bevor Abyss den Mund öffnen konnte, redete Gibbli weiter: „Und jetzt wünsche ich mir nichts sehnlicher, als dass du end­lich zustichst, damit ich nicht tauchen und nicht zu ihm gehen muss und er gar nicht mehr die Möglichkeit hat mir weh zu tun, weil ich dann tot sein werde und nicht mehr in deine herzzerreißenden Augen blicken muss, die mir ständig vorhal­ten, was ich getan habe!“
Mit diesen Worten schloss sie ihre Hände fester um die sei­ne und zog diese mit einem Ruck auf sich zu. Sie spürte, wie die Spitze der Klinge durch ihre Kleidung in ihre Haut eindrang. Doch nicht weit. Abyss reagierte blitzschnell, packte ihre Arme mit seiner anderen Hand und riss sie weg. Das Messer fiel klir­rend auf den Metallboden. Der Schnitt auf ihrem Pullover war kaum zu sehen, aber Gibbli spürte, wie unter dem schwarzen Stoff Blut aus ihrer Wunde sickerte.
Er trat einen Schritt zurück und öffnete den Mund, um et­was zu sagen.
Gibbli schüttelte schnell den Kopf. „Lass es!“ Ihre Augen zu Schlitzen verengt, sprang sie auf, lief um den Sitz herum und verließ eilig den MARM.
 
Schön. Gut. Perfekt. Na warte. Sie würde es ihm beweisen! Sie war nicht schwach. Sie würde nicht mehr fliehen! Gibbli tram­pelte durch die Zentrale, vorbei an Cora, die jetzt um den großen Tisch herum sprang und Bo, die ihr etwas nachrief. Gibbli hörte ihr nicht zu. Wütend stieg sie die Rampe nach un­ten, in den Gang zwischen Maschinenraum und Badezimmer. Warum zog dieser Idiot überhaupt sein Messer, wenn er es dann nicht gegen sie einsetzen wollte? Erst führte er sie so vor, mit diesem Steven, belog sie und dann das! Er spielte mit ihr! Mit düsterem Blick stapfte sie den Gang entlang zu einer der Ausstiegsluken, die sich jeweils am Ende befanden.
Der Kapitän stand schon voll ausgerüstet vor dem kleinen Raum. „Du bist spät.“
Wortlos zog Gibbli die Stiefel aus und pfefferte ihr Werk­zeug in eine Ecke. Hatte Sky ernsthaft erwartet, dass sie über­haupt hier auftauchte?
„Ich befahl den anderen oben zu bleiben. Dachte, dass es das vielleicht leichter für dich macht.“
Ohne auf ihn zu achten, begann sie sich auszuziehen.
„Was-“, Sky brach ab und dreht sich von ihr weg, wodurch er ihre Wunde nicht bemerkte.
Sie war nicht tief, tat aber höllisch weh. Gibbli ignorierte das Blut und warf ihre gesamte Kleidung auf den Boden. Dann zwängte sie sich in einen der Thermoanzüge, die in einer Reihe in verschiedenen Größen an der Wand hingen. Der helle Stoff legte sich wie eine zweite Haut um ihren Körper. Als sie fluchend die stabilisierende Panzerung des Tiefseedruckan­zugs darüber anbrachte, drehte Sky sich wieder um und zeigte ihr, wie man die einzelnen Teile daran befestigte. Er setzte mehrere neongelbe Fläschchen in den Anzug ein, aber Gibbli war zu wütend, um zu fragen, was er da tat. Am liebsten hät­te sie irgendetwas kaputt geschlagen. Sie ließ ihn einfach ma­chen, was auch immer zu tun war. Schließlich packte er sie am Anzug und hielt kurz inne.
„Gibbli, hörst du mir überhaupt zu? Ich sagte, wir sind fertig. Wenn ich dir den Helm aufsetze, wirst du mich für ein paar Sekunden nicht mehr hören.“
Gibbli schwieg. Toll, gut gemacht. Jetzt trug sie also einen verdammten Tiefseeanzug.
„Was ist passiert?“
Ernsthaft? Wollte er das jetzt wirklich besprechen? Hier, kurz bevor sie in diesem scheiß Wasser sterben würde?
„Sieh mich an.“
Sie blickte stur zu Boden.
„Das ist ein Befehl!“
Gibbli blickte hoch und starrte ihm wütend ins Gesicht, ohne auch nur ein einziges Mal zu blinzeln.
„Also, was ist los?“
„Nichts“, sagte sie kalt.
„Nichts?“ Er zog die Augenbrauen hoch und seine Stirn leg­te sich in Falten, woraufhin Gibbli ihn noch böser ansah. „Du wirst nicht ertrinken. Du bist mit mir unterwegs. Vertraue dei­nem Kapitän.“
„Jetzt gib mir schon diesen verdammten Helm!“ Sie presste ihre Zähne fest aufeinander und wünschte sich seine Finger dazwischen. Bei dieser Vorstellung, konnte sie fast Skys Kno­chen knacken hören.
„Wenn du so weiter machst, wird es innerhalb deines An­zugs kälter sein, als da draußen“, sagte er ruhig, gab ihr den Helm und half ihr, ihn am Anzug zu befestigen. „Dass eines klar ist: Wenn du diesen Tauchgang überleben willst, wirst du genau das tun, was ich dir befehle! Solange du das machst, versichere ich dir, dass du am Leben bleibst. Es wird nicht so enden, wie bei meiner Tochter. Denn dieses Mal bin ich dabei.“
Gibbli blickte zu Boden. Langsam wurde ihr bewusst, was sie hier überhaupt tat. Er drückte ihr eine Lampe in die Hand. Ihre EAGs würden sie nicht mitnehmen, die Gefahr war zu groß, sie zu verlieren. Sky schob sie in die enge Schleuse. Jetzt gab es kein Zurück mehr. Sie spürte ihn nicht durch den An­zug, doch er musste dicht hinter ihr stehen, als er etwas auf eine Konsole an der Wand tippte. Er werkelte mit seinen Hän­den irgendwo an ihrem Helm herum, woraufhin dieser sich schloss. Mit einem Mal legte sich eine erdrückende Stille um sie. Sky zog ein dickes Kabel aus seinem Anzug heraus, das aussah wie eine lange Schlange und befestigte es an ihrem. Dann hörte sie seine Stimme aus einem Lautsprecher irgend­wo in ihrem Anzug.
„Bereit?“
„Nein“, hauchte Gibbli leise.
„Ich lasse das Wasser ein.“
Mit einem Schlag verflog ihre Wut völlig und machte einer Panik platz, die ihr nur all zu bekannt war. Warum nur hatte Abyss sie nicht einfach abgestochen? Sie wollte hier raus. Sie musste hier weg! Sofort!
„Atme langsamer“, durchbrach Skys Stimme ihre Gedan­ken.
Sie versuchte sich zu beruhigen, es gelang ihr nur schwer. Immer wieder schnappte sie tief nach Luft.
„Tiefseetauchen ist ein wenig anders, als du es dir vielleicht vorstellst. Schau zu deinen Füßen.“
Gibbli neigte ihren Kopf mit dem Helm nach unten. Ihre Au­gen weiteten sich vor Schreck. Das Wasser stieg unheim­lich schnell und ging bereits bis über ihre Knie! Nein! Verflucht, wann war es so weit hoch gekrochen? Sie fing an, unruhig von einem Bein auf das andere zu treten.
„Bleib einfach stehen. Du spürst das Wasser nicht, Gibbli. Noch nicht.“
Sie schloss die Augen und hörte auf, sich zu bewegen. Gibbli wollte das nicht sehen. Aber Sky hatte recht. Der äuße­re Anzug schirmte das Wasser vollkommen ab. Als sie die Au­gen wieder öffnete, erreichte es gerade den oberen Rand ihres Helms. Gibbli widerstand dem Drang, sich zur Decke hin ab­zustoßen. Es hätte nichts gebracht. Nach nur kurzer Zeit ver­drängte die Flüssigkeit auch das letzte bisschen Luft in der kleinen Schleuse. Sie hob ihre Hand. Es fühlte sich an, als ständen sie gar nicht unter Wasser. Lediglich der Bewegungs­widerstand war höher. Wenn es so blieb wie jetzt, dachte sie, wäre das Ganze vielleicht sogar auszuhalten. Doch ihr war ir­gendwie klar, dass das hier so nicht funktionierte.
Plötzlich vernahm sie ein leises Keuchen von Sky. Einige Minuten vergingen und als er wieder sprach, klang seine Stim­me anders als normal. Etwas langsamer und stumpfer. „Pass gut auf, jetzt folgt der lustige Teil.“
In Gibbli spannte sich alles an.
„Das Wasser hier in der Schleuse hat noch nicht annä­hernd den Druck, wie das dort draußen. Der Unterschied zur Luft im Anzug wäre zu groß. Weißt du wie es funktioniert?“
Sie schüttelte den Kopf. Gibbli hatte sich nie genauer damit beschäftigt. Schon alleine darüber zu lesen, gab ihr das Ge­fühl, keine Luft mehr zu bekommen. Und jetzt stand sie tat­sächlich hier, mitten im Wasser.
„Dein Anzug wird sich gleich mit einer Flüssigkeit füllen. Dabei handelt es sich um ein Perfluorcarbon-Gemisch, ange­reichert mit flüssigem Sauerstoff. Es wird kurz dauern, bis dei­ne Lunge sich umstellt. Du kannst es ganz normal atmen, ver­standen? Und los!“
Wovon sprach er da? Flüssigkeit? In ihrem Anzug? Sie spürte, wie er irgendwo an ihrer Panzerung etwas einstellte. Dann legte sich etwas Kühles um ihre Füße und stieg langsam an. Die Flüssigkeit sickerte durch ihren inneren Thermoanzug bis auf ihre Haut. Panisch krallten sich ihre Finger um etwas Langes. Nach einer Weile bemerkte sie, dass es Skys Arm war, der sie von hinten umschlungen hielt. Als das leicht rosafarbe­ne Gemisch ihr Gesicht erreichte, hielt Gibbli die Luft an und kniff ihre Augen zusammen. Weg! Sie wollte gegen die Wand vor ihr schlagen. Sie durchbrechen, einfach nur raus hier. Doch Sky hielt sie fest.
„Atme ein“, sagte er ruhig.
Gibbli dachte nicht im Traum daran! Sterne begannen vor ihr zu tanzen. Dann wagte sie es, die Augen zu öffnen. Die Flüssigkeit wirkte leicht undurchsichtig und ihre Pupillen brannten ein wenig. Gleichzeitig spürte sie einen Druck auf ih­ren Lungen, der sich mit jeder Sekunde verstärkte.
„Ich habe deine Werte hier am Schirm. Hör auf die Luft an­zuhalten“, ertönte Skys Stimme wieder dumpf durch den klei­nen Lautsprecher.
Alles in ihr schrie nach Sauerstoff! Ihr wurde langsam schwindlig. Ihre Brust begann zu schmerzen.
„Du wirst umkippen! Jetzt mach schon!“
Nein sie würde ersticken! Gleich würde sie sterben! Sie hielt es nicht länger aus! In ihrem Kopf tauchte das Gesicht von diesem Rod auf. Dem Erbauer des U-Bootes. Er würde ihr wehtun! Sie fing an, in Skys Armen zu zappeln.
„Atme, verflucht!“, rief er laut.
Gibbli würgte. Die verbrauchte Luft strömte aus ihr hinaus. Sie konnte den Atemreflex nicht länger unterdrücken. Hus­tend spürte sie, wie die kühle Flüssigkeit in ihren Körper ein­drang, begleitet von einem Schmerz, als ätzte eine Säure auf dem Weg zu ihrer Lunge alles weg. Gibbli schrie, wollte wild um sich schlagen, aber er hielt sie fest.
„Ruhig, das geht gleich vorbei. Es tut nicht lange weh. Du wirst gleich noch einen kurzen Stich im Ohr verspüren, dann ist es vorbei.“
Nach ein paar Atemzügen ließ der Schmerz nach. Schließ­lich verschwand er ganz. Allerdings konnte sie durch die Flüs­sigkeit noch immer nichts erkennen. Alles wirkte trüb und ver­schwommen. Unruhig umschloss sie seinen Arm noch fester mit ihren Fingern und tastete mit der anderen Hand in der en­gen Schleuse umher.
„Schon gut. Deine Augen werden sich gleich daran gewöh­nen. Es dauert nur einen Moment, dann kannst du wieder scharf sehen.“
So ganz konnte Gibbli nicht fassen, dass sie noch lebte. Sie fühlte jetzt das Wasser um sich herum, gleichzeitig atmete sie die kühle Flüssigkeit ein. Es fiel ihr schwerer zu atmen und Gibbli musste mehr Kraft dafür aufwenden als normal. Sie spürte Sky an ihrem Rücken. Noch immer hielt er ihren Körper umschlungen.
„Siehst du? Er ist nicht hier. Rod kann dir nichts tun. Wir sind allein“, sagte er langsam. „Du musst ruhiger werden. Dei­ne Blutgefäße verengen sich bei diesem Druck. Es ist nicht gut, wenn dein Herz so oft schlägt. Ich verdichte jetzt das Wasser in der Schleuse.“
Gibbli spürte, wie der Widerstand um sie herum weiter an­wuchs. Nach einer Weile ließ Sky sie los und legte einen Schalter an der Wand um.
„Bereit für einen kleinen Ausflug? Mach dir keine Sorgen, das ist wirklich leicht, wie fliegen.“
Was? Sie war noch nie geflogen! Nervös betrachtete Gibbli, wie die Außenwand sich unaufhaltsam öffnete. Ehe sie etwas tun konnte, griff Sky nach ihrem Arm, stieß sich ab und schob sie nach draußen ins schwarze Nichts.
 
Sie glitten immer weiter durch die Stille. Oder besser gesagt Gibbli ließ sich von ihm ziehen. Sie hatte keine Ahnung, wie man sich bewegen musste, um vorwärts zu gelangen. Irgend­wann verlor Gibbli die Orientierung und konnte nicht mehr einschätzen, wie weit sie sich bereits vom U-Boot entfernt hatten.
„Wie der erste Schritt auf einem fremden Planeten. Nicht viele können von sich behaupten diesen Anblick genossen zu haben. Siehst du das dort vorne?“, erklang Skys Stimme aus dem Lautsprecher.
Doch Gibbli, die bemüht war, das Verbindungskabel zu sei­nem Anzug nicht aus den Augen zu lassen, sah nicht einmal Sky in der Dunkelheit. Plötzlich spürte sie ihn irgendwo neben sich.
„Schalte deine Lampe ein“, sagte er.
Das kleine Gerät, das er ihr in der Schleuse in die Hand ge­drückt hatte, hatte sie völlig vergessen. Gibbli nestelte an der Lampe herum, um nach einem Schalter zu suchen, nur unter Wasser gestalteten sich die einfachsten Dinge viel schwieriger. Beinahe ließ sie das Ding fallen. Schließlich tauchten Skys Finger aus dem Nichts auf, hielten ihr Handgelenk fest und drückten einen kleinen Hebel an der Lampe zur Seite. Schein­werferlicht flammte auf und Gibbli wich keuchend vor seinem Gesicht zurück. So unvorhergesehen damit konfrontiert zu werden jagte ihr einen Schauer durch den Körper. Mit seinen schwarzen Implantaten und den Schatten, die der Helm auf sein Gesicht warf, sah er wahnsinnig gruselig aus! Schnell rich­tete sie die Lampe in eine andere Richtung. Ihre Hände kribbel­ten. Für einen Moment dachte sie gesehen zu haben, wie sich etwas Dunkles in Windeseile aus dem Lichtkegel schlängelte.
„Tiefseemenschen“, flüsterte Sky. „Wir sollten hier nicht lange bleiben. Ich messe leichte Strahlung. Muss von einer ih­rer Energiequellen stammen.“
Nach ein paar Metern erschienen vor ihnen Gebäude. Be­eindruckend ragten sie dunkel glitzernd empor. Das Licht von Gibblis Lampe brach sich an den unregelmäßigen Wänden wie an Kristallen. Zusätzlich ging von ihnen ein tiefblaues Glimmern aus.
„Das ist also Takkao. In meiner Flotte hat man sich Ge­schichten über diesen Ort erzählt. Ich hätte nie gedacht, ihn jemals selbst zu betreten. Man sagt dieser Außenbezirk ist der angebliche Stützpunkt von diesem Nox.“
„Und wie finden wir ihn?“, flüsterte Gibbli. Es war das erste Mal seit dem Ausstieg, dass sie sprach. Ihre Stimme klang seltsam dumpf in der Flüssigkeit.
„Wir schwimmen hinein und hoffen, dass sie uns nicht als Bedrohung ansehen. Ich wollte nicht ohne Grund nur zu zweit und vor Allem ohne U-Boot hier auftreten.“
Was? Er konnte doch nicht einfach so dort hinein! Ehe Gibbli etwas erwidern konnte, setzte sich Sky schon in Bewe­gung. Sie schaffte es gerade noch, sich mit einer Hand an der Seite seines Druckanzugs festzuklammern, um sich von ihm mitziehen zu lassen.
Plötzlich streifte erneut ein dunkles Wesen den Lichtstrahl. Viel zu schnell, um es genauer zu betrachten, verschwand es auch schon wieder. Instinktiv duckte sich Gibbli Richtung Sky und kniff die Augen zusammen, als zwei weitere Wesen er­schienen. Aber wie auch das erste Wesen, ignorierten sie Gibb­li und Sky vollkommen.
„Sie verwenden Biolumineszenz als Lichtquelle“, sagte er, als sie unter einem Torbogen hindurch schwammen. Sky streifte mit der Hand eine der Steinwände. „Höchst effizient.“
Misstrauisch betrachtete Gibbli seine Finger. Sie hatten et­was von dem tiefblau strahlenden Material aufgenommen.
„Das sind kleinste Lebewesen, vielleicht auch eine Art Pflanze.“
„Dieses leuchtende Zeug an den Wänden lebt?“
„Vielleicht. Ich bin kein Biologe. Man müsste es unter einem Mikroskop untersuchen.“
Sie tauchten weiter auf einen Platz, der von den tiefblau strahlenden Gebäuden umgeben war. Hier wimmelte es nur so von Tiefseemenschen. Ihre fast schwarze Haut wirkte rau und an einigen von ihnen klebten Spuren von dem biolumineszen­ten Material.
„Sieht so aus, als suchen sie etwas“, stellte Sky fest und be­trachtete interessiert die vielen Wesen. Einige gaben fremdarti­ge Laute von sich, als würden sie miteinander tu­scheln. Gut, dass Bo nur zur Hälfte ihr unheimliches Aussehen geerbt hatte, dachte Gibbli und sah sich nervös um. Keiner be­achtete die beiden.
„Sie sehen uns doch, oder?“, fragte Gibbli leise.
Im selben Augenblick schwamm eines der Wesen direkt auf sie zu und richtete einen glänzenden Gegenstand auf die beiden Taucher. Gibbli blickte sich um. Plötzlich fanden sie sich von mindestens fünf weiteren Tiefseemenschen umzin­gelt, die ebenfalls Waffen auf sie richteten. Sie spürte, wie Sky ihren Arm packte.
„Nicht bewegen.“ Das brauchte er ihr nicht erst sagen! Ihr Atem beschleunigte sich. „Wir dürfen sie nicht provozieren. Die Säure in ihren Waffen würde unsere Anzüge in wenigen Se­kunden auflösen.“
„Säure?“ Ein wirklich verlockender Gedanke! Sie würden sofort vom Druck zerquetscht werden. Das war ja viel besser als zu ertrinken…
„Ich verlor einst drei voll besetzte U-Boote durch diese Din­ger“, wisperte Sky.
Zwei der Meermenschen gaben aufgebrachte Laute von sich und wandten sich an einen dritten, größeren. Sie schienen kurz miteinander zu streiten. Wie es aussah, wies der dritte sie zurecht. Die beiden anderen wichen düster dreinblickend zu­rück, während der größere Tiefseemensch näher kam und Gibbli und Sky abschätzend betrachtete. Seine Augen lagen vertieft in den Höhlen, umgeben von einer hornartigen Struk­tur, wie bei allen Wesen seiner Art. Die Pupillen hoben sich durch ihre leuchtend orange Farbe von der dunklen Haut ab. Sein dürrer Körper täuschte allerdings nicht über die Stärke hinweg, die er ausstrahlte.
„Landmenschen! Was wollt ihr hier?“, fragte er schließlich. Die tiefe Stimme des Geschöpfs drang nur leise durch den Helm, dennoch klang sie verständlich.
„Bist du Nox?“, fragte Sky ihn direkt. Der hatte vielleicht Nerven! Sie hatte keine Ahnung, von Diplomatie, nur so funk­tionierte das bestimmt nicht, oder?
„Ich bin Elai. Was wollt ihr hier?“
„Wir suchen Nox.“
„Nox lud Landmenschen ein?“, fragte Elai verächtlich und fletschte seine spitzen Zähne. Gibbli stellte sich vor, wie er sie in ihrer Haut versenkte.
Plötzlich erfasste sie eine Gleichgültigkeit, die all ihre Angst verfliegen ließ. Wenn sie schon tauchte, dann schaffte sie das hier auch. „Wir sind seine Gäste und verlangen ihn sofort zu sprechen!“, rief sie ihm zu.
„Gibbli!“, zischte Sky.
Der Tiefseemensch wandte sich ihr zu und blickte sie an, als hätte er sie bis gerade eben gar nicht wahrgenommen. Sei­ne Pupillen flackerten kurz auf. „Nox hat jetzt keine Zeit“, krächzte er dann langsam. Während sie sprachen, versammel­ten sich immer mehr der Wesen um sie herum.
„In Ordnung, dann kommen wir später wieder“, versuchte Sky die Situation zu retten.
„Oh nein. Wenn ihr Nox‘ Gäste seid, dürft ihr nicht weg.“ Elai wandte sich abrupt ab, während er den anderen Tiefsee­menschen einen Befehl in einer fremden Sprache zurief.
Ohne zu zögern packten jeweils vier der Wesen Gibbli und Sky und zogen die beiden mit sich.
„Wehr dich nicht!“, befahl ihr der Kapitän leise, als Gibbli versuchte sich zu befreien und einer der Meermenschen mit seiner Waffe fast gegen ihren Helm stieß.
„Ihr Stinkfratzen!“, schrie Gibbli. „Ich hoffe, Nox hatte einen Unfall und ist jetzt damit beschäftigt seine Gedärme aus einer Schiffsschraube zu ziehen!“
„Gibbli, halt den Mund! Was ist los mit dir?“, murmelte Sky ihr eindringlich zu.
Elai machte noch einmal kehrt und schwamm knapp über ihren Köpfen vorbei.
„Nein“, drang seine Stimme leise in ihren Helm vor. „Seine kleine Braut verschwand.“ Er lachte und verschwand im schwarzen Nichts zwischen zwei tiefblauen Kristallwänden.
Schon zogen sie die Wesen weiter. Die Verbindung zwi­schen ihrem und Skys Anzug spannte sich und riss schließlich. Gibbli blickte sich panisch zu ihm um, drehte sich und hing im nächsten Moment kopfüber in den Griffen der Tiefseemen­schen. Sie erblickte Sky mit weit aufgerissenen Augen. Sein Gesicht wirkte verzerrt hinter der Sichtscheibe des Helms. Er brüllte, schrie ihr irgendetwas entgegen, doch kein Laut davon erreichte mehr ihren Anzug. Die Wesen schleppten sie durch einen Gang und sie verlor ihren Kapitän aus den Augen. Gibbli rutschte die Lampe aus den Fingern. Das Gerät fiel auf den Meeresgrund und alles wurde dunkel. Bis auf das tiefblaue Schimmern der Wände, konnte man nichts mehr erkennen.

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Kapitel 17: Ihre Schuld (Bis in die tiefsten Ozeane)

Sky kam völlig außer Atem in die Zentrale gerannt. Er schien erleichtert, als er Gibbli erblickte. „Der Mönch, Andreas, ist tot. Er wurde beim Aufprall des U-Bootes an die Wand geschleu­dert. Die Abdeckung löste sich und sie war darin einge­klemmt.“ Er zeigte auf die Säge, die vor Gibbli am Boden lag. „Sie hat ihn durchbohrt, wir konnten nichts mehr tun.“
Mit einem Schlag spürte Gibbli ein Kribbeln in ihrem Bauch und es kam ihr vor, als würde sie in ein tiefes, dunkles Loch fallen. Oh nein! Was hatte sie getan?
„Ich hab sie dort vergessen… ich hab nicht… ich wollte nicht…“ Sie zog sich vom Boden rückwärts hoch, auf die Sitz­bank am runden Tisch.
Sky trat auf sie zu. „Du hast das gut gemacht, Gibbli. Ohne dich wären wir alle tot.“
Er blickte Abyss nach. Der schlug gerade mit voller Wucht gegen eine Konsole, als er diese passierte. Funken stoben aus ihr heraus und erhellten für einen Moment sein furchteinflö­ßendes Profil.
Plötzlich wurde das ganze U-Boot erschüttert und die Wände erzitterten. Helles Licht blitzte durch das Frontfenster. Steven schien eines von Jacks Booten in nächster Nähe zur Explosion gebracht zu haben. Gibbli wäre Abyss am liebsten hinterher gelaufen, doch ihr war klar, dass er sie jetzt sicher nicht sehen wollte. Wahrscheinlich würde er sie nie wieder se­hen wollen. Wenn sie nicht die Mara gesteuert hätte und ge­gen dieses U-Boot gestoßen wäre, wenn sie gestern noch die­se dämliche Säge gesucht hätte, wenn sie nicht… ohne ihr, würde der Mönch jetzt noch leben.
„Steven war hier“, flüsterte sie. „Er ist einer der Wächter.“
Vorne in der Zentrale blieb Abyss stehen und erstarrte. Bo, die gerade hereinkam, ließ ihren Taucherhelm fallen. Sky fing ihn auf, ehe er den Boden berührte und legte ihn auf den run­den Tisch, dann kniete er sich vor Gibbli nieder. Sie hielt sich die Hände vor ihre Augen und versuchte nicht in Tränen aus­zubrechen. Es war ihre Schuld, sie hatte ihn getötet! Sie hatte den Mönch umgebracht!
„Was wollte er?“, fragte Sky ruhig.
‚Mich‘, wollte Gibbli sagen. Irgendetwas hielt sie davon ab. Stille breitete sich in der Zentrale aus. Dann hörte Gibbli seine Schritte. Abyss kam zurück. Er blieb in einiger Entfernung zu ihr stehen. Sie zog ihren Kopf hoch, blickte vorbei an Sky und zwang sich dazu, Abyss anzusehen. Düster starrte er zurück. Seine anklagende Miene brach ihr das Herz. Sie hatte das doch nicht gewollt!
„Was sagte er? Was tat er? Wie war er?“, fragte ihr Kapitän wieder.
„Kalt“, antwortete Gibbli knapp.
„Jetzt erzähl schon!“, befahl Sky ungeduldig.
„Er meinte, ihr wollt mich hier nicht haben“, wisperte Gibbli und schaute weiterhin in Abyss‘ Gesicht. Sein Schweigen machte sie wahnsinnig. „Ich wollte euch helfen. Das war ein Fehler. Ihr braucht nicht mich, ihr braucht nur meine DNA. Ich… ich sollte gar nicht mehr hier sein. Ihr haltet mich für un­fähig!“, brach es aus Gibbli hervor und sie sprach damit die Worte aus, die sie schon lange loswerden wollte.
Für einen winzig kurzen Moment glaubte Gibbli einen ge­quälten Ausdruck auf Skys Gesicht zu erkennen. Doch sie hielt ihren Blick weiter auf Abyss‘ stechende Augen gerichtet, so schwer es ihr auch fiel.
„Hat er dir das eingeredet? Will er uns gegeneinander auf­hetzen? Gibbli, lass dich nicht von ihm beeinflussen! Du hast richtig gehandelt“, stellte Sky mit fester Stimme klar.
Sie schwieg.
„Es ist wegen dem Tauchen“, sagte der Kapitän jetzt leise. „Gibbli, verstehst du nicht? Sie war jung, viel jünger als du, aber hätte ich meine Tochter schon eher in den Tauchkurs ge­schickt, hätte sie… sie wäre nicht…“ Er brach ab. Drehte sich energisch um und ballte die Hände zu Fäusten. „Sie hätte überlebt.“
Und Gibbli begriff es. Sky wollte, dass sie tauchen lernte wegen seinem Kind. Seine Tochter, die ertrunken war, weil sie es nicht konnte. Er wollte, dass Gibbli überlebte. Doch all das besaß jetzt keine Bedeutung mehr. Abyss hasste sie!
„Ich habe ihn umgebracht“, flüsterte Gibbli, noch immer in seine Augen blickend.
„Es ist nicht deine Schuld!“, fuhr Sky sie gereizt an. „Abyss, sag es ihr, sie kann nichts dafür!“
Aber Abyss schwieg. Von seiner Faust, mit der er gegen die Konsolen geschlagen hatte, tropfte Blut.
„Ich bin deine Freundin. Du kannst mit mir über alles re­den!“ Plötzlich spürte Gibbli Bo’s Hände um sich. Sie zuckte zusammen, starrte jedoch über Bo’s Schultern hinweg noch immer in Abyss ausdruckslose Augen und Bo brach die Umar­mung ab. „Tut mir Leid, ich weiß ja, dass du das nicht magst.“
Eine Idee formte sich in Gibblis Kopf und ihr war klar, dass dieser Gedanke eigennütziger nicht sein konnte. Es würde auch nicht die Schuld von ihr nehmen, aber damit ließe sich noch etwas Zeit schinden. Ohne den Blick von Abyss abzu­wenden, fing sie leise an zu sprechen. „Suchen wir Sam. So heißt sie doch, deine Schwester?“
„Ja.“ Bo nickte überrascht. Die Augen in ihrem bläulichen Gesicht leuchteten begeistert auf.
Doch Skys Worte ließen ihre Hoffnung schwinden. „Nein, verflucht! Meine Crew fährt nach Ocea. Ohne weitere Umwe­ge! Wer von euch nicht dieses Ziel verfolgt, verlässt die Mara! Auf der Stelle!“
Bo sah ihn traurig an. „Warum? Warum willst du so verbis­sen dort hin? Wir könnten doch zuerst-“
„Nein! Wir müssen herausfinden, wo sich diese Stadt befin­det!“, unterbrach Sky sie.
„Ich weiß es“, sagte Gibbli leise und alle verstummten.
„Du weißt, wie man Ocea auf der Kugel erscheinen lässt?“, fragte Bo. Gibbli war sich sicher, kurz eine Träne auf ihrer Wange zu spüren. Schnell blockierte sie den Gedanken, jetzt in sie einzutauchen. Sie drehte sich nicht zu Bo hin, starrte nur weiter in Abyss‘ Gesicht.
„Steven zeigte es mir.“
„Tu es!“, verlangte Sky sofort. Er fragte nicht einmal nach dem Warum.
Gibbli schüttelte langsam den Kopf. „Wir retten zuerst Bo’s Schwester. Das ist meine Bedingung.“
Sky zögerte, drehte sich von ihr weg. Dann wandte er sich ihr wieder zu, überlegte kurz und nickte. „Meinetwegen.“
„Danke“, flüsterte Bo.
Eine weitere Explosion erschütterte plötzlich das U-Boot. Gibblis Finger krallten sich an die Kante der Sitzbank. Sie hät­te beinahe vergessen, dass sie sich noch immer am Rand des Schlachtfelds befanden.
„Ich bringe uns besser hier weg.“ Sky sprang auf und eilte nach vorne. Bo folgte ihm mit einem breiten Lächeln im Ge­sicht.
Abyss sagte nichts. Noch immer starrte Gibbli ihn an. Sein düsterer Blick hatte sich verändert und wirkte jetzt traurig. Ein Ausdruck, der Gibbli noch mehr schmerzte und den sie noch weniger ertragen konnte. Beinahe wünschte sie sich, er hätte einfach eines seiner Messer genommen und es ihr mitten ins Herz gerammt.
Flehend sah sie ihn an und kaum hörbar hauchte sie sei­nen Namen. Dann schüttelte er leicht den Kopf, dreht sich um und entfernte sich. Sie ließ den Kopf hängen und fasste sich mit den Händen an die Stirn. Stille Tränen rannen über ihre Wange. Coras Küken kam heran gehüpft und flatterte auf ihre Knie. Abwesend streichelte Gibbli über den Kopf des me­chanischen Tieres. Das würde sie nie wieder gut machen kön­nen.
 
Gibbli zog sich zurück in den Maschinenraum. Unfähig, irgen­detwas zu tun, lag sie in ihrer Hängematte und grübelte. Abyss tauchte den restlichen Tag nicht mehr auf. Sein Koffer war verschwunden, ebenso wie die Decke am Boden.
Ihr Magen knurrte, doch sie wollte nichts essen und auch nicht zu den anderen hoch gehen. Eigentlich wollte sie über­haupt nirgendwo mehr hinfahren. Irgendwann tauchte Bo an ihrer Seite auf, mit einer Schüssel dampfender Krabbensuppe.
„Hast du Abyss gesehen?“, fragte Gibbli leise.
Bo schüttelte den Kopf. „Nein. Er ist seit dem Begräbnis verschwunden. Sky erzählte, hier im Meer ist es üblich, dass die Toten abgeholt und in die Colbspalte versenkt werden. Aber das ging nicht, wir sind ja auf der Flucht. Unser Kapitän wird jetzt auch gesucht. Also haben wir Andreas im Meeres­boden begraben. Es hätte ihm bestimmt gefallen, nicht bei den Landmenschen zu enden, sondern hier im Hochseemenschen­gebiet.“
Gibbli senkte den Kopf. Die Colbspalte war ein Riss im Bo­den, nahe der Meeresakademie. Natürlich konnten sie es nicht riskieren den Mönch von der Bestattungsfirma abholen zu lassen. Niemand hatte ihr erzählt, dass sie ihn begruben. Also wollte Abyss sie nicht dabei haben. Nur mit Mühe schaffte Gibbli es, ein paar Löffel der heißen Suppe in sich hinein zu zwängen, während Bo’s Augen sie besorgt musterten.
„Es gibt auch gute Neuigkeiten. Cora ist wieder da“, sagte Bo mit einem Lächeln, versucht sie wieder aufzumuntern. „Das Kind kam einfach in die Zentrale spaziert. Sky hat ver­sucht sie über diesen Steven auszuquetschen, aber Cora mein­te nur, dass sie ihm geholfen hat, Jacks Flotte abzulenken, damit wir entkommen können. Das war nett von ihm, findest du nicht?“
Gibbli schwieg und das Kribbeln in ihrem Bauch schien sich zu verstärken. Das war nicht nett, das war der Deal. Jetzt wäre es an der Zeit ihren Teil zu erfüllen und nach Ocea zu fahren. Bestimmt hatte er Cora als Spion geschickt. Sie wollte sich nicht ausmalen, was er tun würde, wenn Steven erfuhr, dass die Crew sich stattdessen auf dem Weg zu den Tiefsee­menschen befand.
„Willst du nicht zu uns in die Zentrale kommen? Sky mein­te, wir erreichen irgendwann heute Nacht den Durchgang zum Tensegraben. Danach tauchen wir weiter nach unten. Er will länger wach bleiben, damit wir hier so schnell wie möglich ver­schwinden. Ich glaube, die Hochseemenschen sind über unsere Anwesenheit ebenfalls nicht sehr erfreut.“
Gibbli schwieg. Bo machte noch einige Versuche, ihr ein paar Worte zu entlocken, ließ es dann jedoch bleiben. Irgend­wann verschwand sie wieder nach oben. Gibbli bekam gar nicht mit, wann.
Nach einer paar weiteren Stunden verlor sie das Zeitgefühl. Das Einschlafen klappte nicht, ebensowenig konnte sie sich auf irgendetwas anderes konzentrieren. Immer wieder dachte sie an Abyss und was sie ihm angetan hatte, was sie dem Mönch angetan hatte. Diese verdammte Säge! Dieser dumme Schubser mit dem U-Boot. Es brachte Gibbli durcheinander, wie konnte man nur so leben? Als sie noch keine Freunde be­saß, ging es ihr eindeutig besser. Sie schüttelte den Kopf. Hatte sie die Crew in Gedanken eben ernsthaft als Freunde bezeich­net? Sie hielt das nicht mehr aus! Sie musste etwas tun. Also sprang sie auf und wanderte ziellos das komplette untere Deck ab. Zwei Mal. Vergebens. An ihrem Gefühl, alles zerstört zu haben, änderte sich nichts. Sie musste Abyss finden. Gibbli gab sich einen Ruck und stieg die Rampe hoch in die Zentrale. Die Sonnenstücke, die in der Luft hingen, glühten nur noch schwach.
Sky saß hinter dem Steuer. Er blickte nicht auf, als Gibbli an ihm vorbeitrabte. Erst als sie die Konsolen passierte, hörte sie seine Stimme. Und er stellte die Frage, die sie ständig er­wartet hatte, über die sie nicht nachdenken wollte: „Warum hilft er uns?“
Sie blieb stehen. ‚Weil Steven mich will. Weil ich sein Mäd­chen bin‘, dachte Gibbli. Steven würde sie anfassen. Steven würde ihr wehtun. Steven würde sie mit seiner Kälte er­drücken. Sollte sie Sky davon erzählen? Nein, das würde nichts ändern. Was immer den Kapitän antrieb, er würde sein Ziel, Ocea zu erreichen, nicht aufgeben. Und Gibbli würde ihm folgen. Denn auf die Akademie zurück zu gehen, war keine Option. Nicht nach dieser Offenbarung in der Zeitung. An die Konsequenzen, die ihre Eltern daraus ziehen würden, wollte sie nicht denken. Sie konnte nicht zurück und einfach normal weiter machen. Nicht nach alldem. Nicht nach… Abyss.
„Gibbli?“, unterbrach Sky ihre Gedanken.
„Ich weiß es nicht“, sagte sie und ging einfach weiter.
Bo und Cora waren nirgends zu sehen.
Einer Ahnung folgend, stieg Gibbli hoch in die oberste Ebe­ne und wandte sich Richtung Hangar. Als sie den ersten Schritt auf den Rundlochgitterboden setzte, drang ein heulen­des Geräusch in ihr Ohr. Oder war es ein durchgehendes Schreien? Nein, es hörte sich nicht menschlich an, mehr wie ein unheimlicher, lang gezogener Ton. Und so unglaublich traurig! Sie hatte so etwas noch nie gehört! Das Geräusch kam aus dem Inneren der kaputten Tauchkapsel, die, bis auf die kleine Rettungskapsel aus der Akademie, als einziges ein­sam in der kleinen Halle stand. Gibbli trat vorsichtig einen wei­teren Schritt auf die Kapsel zu. Mit einem Mal änderte sich der Ton, hörte sich quälend schräg an und brach anschließend ganz ab.
Zitternd zwang sie ihre Beine zur Luke der Tauchkapsel und trat hinein. Sie konnte kaum noch klar denken.
Abyss kniete mit dem Rücken zu ihr und schloss seinen Holzkoffer. Dann richtete er sich langsam auf, drehte sich je­doch nicht um.
„Geh weg“, knurrte er leise.
„Nein“, sagte sie schlicht. Die Sekunden Stille, die danach folgten, fühlten sich an wie eine halbe Ewigkeit.
„Weißt du, rechtlich gesehen gehört diese Kapsel jetzt mir und ich kann hier drin alles machen, was ich will.“ Abyss drehte sich um.
Im nächsten Moment spürte Gibbli, wie er sie an die innere Wand der Tauchkapsel schleuderte. Sie konnte sich gerade noch aufrecht halten.
„ICH SAGTE GEH!“, schrie er sie an. Sein Gesicht sah aus, als könnte man Spiegeleier darauf braten.
„Nein.“
„Du musst.“ Er kam auf sie zu und blieb vor ihr stehen.
„Ich gehe nicht“, brachte sie mit zusammen gekniffenen Zähnen hervor, versucht den Schmerz des Aufpralls zu igno­rieren.
„Ich werde dir wehtun.“
Gibbli sagte nichts. Sie hatte es verdient, dass er ihr wehtat. Ihr war klar, dass er jeden anderen längst getötet hätte. Warum also tat er es nicht einfach?
„Du stehst vor einem Mörder“, sagte er drohend.
„Du auch“, antwortete Gibbli.
Er öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Schwer at­mend ballte Abyss eine Hand zur Faust. Gibbli erkannte Reste seines eigenen Blutes an den Fingern. Er erhob den Arm. In diesem Augenblick wurde ihr klar, dass sie ihm nicht auswei­chen würde. Die Faust schoss direkt auf ihr Gesicht zu. Bewe­gungslos starrte sie zu ihm hoch. Im nächsten Moment krach­te es knapp über ihrem Kopf und kleine Metallstücke regneten auf ihre Haare nieder. Seine Hand hatte mit voller Wucht die Wand getroffen. Frisches Blut tropfte von seinen Fingern auf ihre Stirn.
„Der nächste Schlag wird deine Rippen zertrümmern“, knurrte Abyss kalt.
„Es kümmert mich nicht. Weil du es bist, der es tut.“ Hatte sie das gerade ernsthaft gesagt? Gibbli erkannte sich selbst nicht mehr wieder.
„Wir haben den Tensegraben erreicht“, ertönte jäh eine Stimme von draußen.
Sky steckte seinen Kopf durch die runde Kapselöffnung. Er erfasste die Situation sofort. Im Bruchteil einer Sekunde zog der Kapitän seine Waffe und richtete den Strahler direkt auf Abyss‘ Kopf.
„Verschwinde Gibbli“, befahl Sky, ohne den Blick von ihm abzuwenden.
Als wäre sie plötzlich aus einer Trance erwacht, schlüpfte Gibbli hastig unter Abyss‘ Arm hindurch und an Sky vorbei, nach draußen.
Ein dumpfes Krachen hallte von der Tauchkapsel aus durch den Hangar, als Gibbli durch diesen zum Eingang lief. Es hörte sich so an, als wäre Abyss zusammengebrochen, doch einen Schuss hatte Gibbli nicht vernommen.
 
In der Galerie blieb Gibbli völlig außer Atem stehen und sank an einer Wand zu Boden. Das hatte ihr noch gefehlt. Jetzt war sie nicht nur für den Tod von diesem Mönch verant­wortlich, sondern auch noch für Abyss‘ blutende Hand. Zu al­lem Überfluss mischte sich auch noch der Kapitän persönlich ein. Alles ihretwegen! Völlig aufgelöst spürte Gibbli kaum die bläulichen Finger an ihren Schultern. Nur am Rande realisierte sie, wie dünne Arme sie sanft durch den Raum schoben.
 
Als Gibbli aufwachte, sah sie sich orientierungslos um. Sie be­fand sich alleine in einem niedrigen Raum. Ein Viertel eines der runden Fenster bedeckte einen Teil der Wand, aber von draußen drang nur schwach dunkelblaues Licht in das Zim­mer. Sie lag in weichen Polstern unter einer dicken Decke und der Boden um sie herum war mit verschiedensten Spielzeugen übersäht. Lag da hinten nicht das Ocea-Buch von Bo? Sie richtete sich auf und betrachtete die Bilder an der Wand. Ne­ben einer Karte hingen hier selbst gemalte Kinderzeichnungen und Bilder von Meerespflanzen. Dies musste Coras Kinderzim­mer sein, in dem Bo schlief.
Dann krochen die Erinnerungen der letzten Nacht in ihren Kopf und Gibbli erschauderte. Mit einem mulmigen Gefühl suchte sie nach einer Öffnung nach draußen und fand schließlich eine Strickleiter, die nach unten führte, in einen ebenso niedrigen Raum. Hier lagen Puppen und weitere Spiel­zeuge verstreut auf einem Teppich. Ein niedriger Tisch und kleine Kinderstühle standen auf der Seite, außerdem gab es ei­nige Geräte, deren Funktion Gibbli nicht kannte.
Sie wusste, dass es keine gute Idee war, aber sie musste unbedingt mit Abyss sprechen! Außerdem knurrte ihr Bauch vor Hunger. Also durchquerte Gibbli das anschließende Kran­kenzimmer. Ein ekliger Geruch drang ihr in die Nase, als sie die Tür öffnete, um in die Galerie zu gehen. Mit dem Gefühl ge­gen eine Wand zu laufen, trat sie dennoch hinaus zu den Pflanzen. Dort stieß Gibbli auf Bo, die sie sanft in das Kran­kenzimmer zurück drückte.
„Wenn ich du wäre, würde ich da jetzt nicht runter gehen“, wisperte sie Gibbli ins Ohr.
Cora schlüpfte knapp hinter Bo noch durch die Tür, bevor sie sich schloss. Das Küken saß wieder auf ihrem Kopf.
„Abyss stinkt!“, rief das kleine Kind, wie immer grinsend. „Und Sky auch! Bäh!“
In Gibblis Kopf formten sich Bilder der verwesenden Körper der beiden Männer.
„Die zwei haben sich betrunken… nun, wenn man das so nennen kann, so ganz trifft es das nicht“, klärte Bo sie auf, die Gibblis entsetzten Blick bemerkte. „Ich habe uns Essen mitge­bracht. Es ist wohl das Beste, wir machen es uns in Coras Kin­derzimmer bequem. Ich glaube nicht, dass Sky heute in der Verfassung ist, das U-Boot auch nur einen Zentimeter weit zu bewegen.“
Gibbli folgte Bo durch das Krankenzimmer und Cora hüpf­te ihnen nach. Sie setzten sich an den niedrigen Tisch im unte­ren Bereich von Coras Zimmer, wo Bo munter weiter sprach und ihr mitgebrachtes Essen ausbreitete. Es roch unglaublich lecker!
„Laut dem Gestopsel, das Abyss hervorbrachte, hat Sky zwar nur zwei Gläser getrunken, aber das ist für ihn wohl schon knapp am Tod vorbei. Er verträgt ja kaum was. Vor al­lem wenn man bedenkt, dass das etwas völlig anderes ist, als das Zeug, das man bei uns bekommen kann. Ich hab so was noch nie gesehen. Alkohol war es jedenfalls nicht. Und dann haben sie noch so ein komisches Sekret getrunken, das die Hochseemenschen angeblich aus Pelikanaalen gewinnen. Abyss hat es tatsächlich geschafft, ihnen einen ganzen Eimer von dieser grünen Giftbrühe abzuschwatzen! Ich glaube aber nicht freiwillig. Hier, gebratener Fisch, magst du?“
Gibbli nickte und nahm sich ein Stück.
„Wilder Granatbarsch. Ich hab gehört, die biologische Ab­teilung der Meeresakademie fand einen Weg, ihn zu züchten. Aber so gut finde ich ihn nicht, er schmeckt fast gar nicht nach Fisch.“
Schweigend aß Gibbli Bo’s mitgebrachtes Essen und hing ihren Gedanken nach. Sie war sich nicht sicher, wie sie die Si­tuation einschätzen sollte. Cora saß neben ihnen am Boden und bekrizzelte eine Folie mit einem blauen Etwas, das an­scheinend Bo darstellen sollte.
„Wie… geht es Abyss?“, fragte Gibbli nach einer Weile.
„Nicht besonders und dem Kapitän auch nicht. Ich bin mir nicht sicher, doch ich hab das Gefühl, dass sie sich geprügelt haben“, antwortete Bo. „Aber weißt du was? So sehr sich die beiden auch angeblich nicht leiden können, wenn sie vergiftet sind, verstehen sie sich prächtig!“ Bo sah sie prüfend an. „Du gibst doch nicht etwa dir die Schuld? Denk erst gar nicht dran! Gibbli, für ihre Taten sind sie selbst verantwortlich! Und das mit dem Mönch war ein Unfall, okay? Abyss ist einfach nur fertig deswegen. Ich glaube, er hat Andreas nicht mal rich­tig gemocht.“
Bo’s Worte munterten Gibbli nicht wirklich auf, dennoch fühlte sie sich etwas besser nach dem Essen. „Erzählst du mir von Sam?“, bat sie nach einer Weile, woraufhin Bo sie begeis­tert anstrahlte. Von ihrer Schwester oder Halbschwester, wie Gibbli mittlerweile wusste, redete die Frau gerne.
Sie verbrachten den ganzen Tag in Coras Zimmer. Gibbli vertrieb sich die Zeit damit, Coras Geruchschip zu untersu­chen, den Bo ganz neidisch musterte. Es war erstaunlich, wie all die menschlichen Sinne in der KI nachgestellt wurden, so real! Während sie Bo’s Worten lauschte, merkte sie gar nicht, wie schnell die Zeit verstrich und als Gibblis Blick auf die Uhr an ihrem EAG fiel, war es bereits mitten in der Nacht. Sie überlegte, wieder bei Bo im Zimmer zu übernachten, entschied sich dann aber doch dafür, hinunter in den Maschinenraum zu gehen. Zwischen den Maschinen fühlte sie sich einfach wohler. Also verabschiedete sie sich von Cora und Bo und schlich sich nach draußen. Leise tappste Gibbli über die Galerie und hinunter in die Zentrale. Alles wirkte still und verlassen. Sky schien schon zu schlafen und unten im Maschinenraum fehlte ebenfalls jede Spur von Abyss. Gibbli lag noch lange wach in ihrer Hängematte und starrte in die Dunkelheit.

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Kapitel 16: Der Deal (Bis in die tiefsten Ozeane)

Ein eisiger Lufthauch streifte Gibblis Gesicht. Erschrocken blickte sie hoch, direkt aus dem Frontfenster der Mara. Sie be­fand sich wieder in ihrem eigenen Körper. Warum war es hier plötzlich so kalt? Ihr war nicht klar gewesen, dass Sky mit ih­nen so ein hohes Risiko einging. Dabei hätte sie es besser wis­sen müssen. Fröstelnd schlang sie ihre Arme um sich. Jack hatte ihnen eine Falle gestellt. Aber wieso ließ er sie gehen? Wieso hielt er sie nicht auf? Unruhig trat sie einen Schritt vom Fenster zurück. Wo befanden sich eigentlich all die kleinen Fi­sche, die das U-Boot da draußen sonst immer umgaben? Eine gespenstische Stille durchdrang ihren ganzen Körper und ihr wurde langsam bewusst, dass Cora aufgehört hatte zu sin­gen. Sie wünschte sich, Abyss würde jetzt neben ihr stehen. Ir­gendetwas zog Gibbli nach unten. Etwas, gegen das sie sich mit aller Kraft stemmen musste, um aufrecht stehen zu blei­ben. Da war es wieder, dieses Gefühl, als würde sich die Schwerkraft verändern. Und zum zweiten Mal in ihrem Leben spürte sie seine Anwesenheit. Die Zeit dehnte sich wie zäher Teig, als sie sich langsam umdrehte.
Cora stand noch immer auf dem Stuhl und strahlte. Doch sie blickte nicht Gibbli an, sondern nach oben.
Dort stand jemand, nur wenige Meter von ihr entfernt, vor dem runden Tisch. Der Mann, der diese unheimliche Kälte in ihr erzeugte. Der Mann, der für diese bedrückende, nach un­ten ziehende Kraft verantwortlich war. Der eisige Mann aus dem Zug. Die dichten Haare standen ihm wirr vom Kopf ab und seine Haut glänzte blass golden. Er war weder dünn noch dick, weder groß noch klein, dennoch gab er ein eindrucksvol­les Bild ab. Dabei trug er nichts weiter als eine schillernde Hose. Eine seiner Hände hatte das mechanische Küken von Cora mit festem Griff umschlungen. Seine nie zwinkernden Augen strahlten wie zwei heiße Sterne, die alles verbannten, was ihnen zu nahe kam. Gibbli spürte den starrenden Blick, der sie zu durchleuchten schien, durch ihre Kleidung hindurch und ihre Haut, bis auf die Knochen.
Sie öffnete den Mund, doch nur ein Hauch verließ ihre Lip­pen: „Steven.“
Er grinste dreckig und ihr Atem beschleunigte sich. Mit ei­ner schnellen Bewegung warf er das Küken achtlos beiseite. Es fing sich in der Luft und flatterte zu Boden, wo es aufge­regt hin und her lief.
Dann begann er zu sprechen: „Du besitzt Kraft, wenn es darauf ankommt. Ich wollte dich testen und hoffte so sehr, dass du zuschlägst. Ich zählte die Sekunden, du hast wirklich lange gezögert. Dennoch hast du dich letztendlich dazu auf­gerafft, es zu tun. Gut gemacht.“
Gibbli wurde sofort klar, wovon er sprach. Er wusste, dass sie es war, die ihn mit der Eisenstange niedergeschlagen hatte. Der Mann setzte sich langsam in Bewegung und trat näher. Sein Gang wirkte schwer und gleichzeitig elegant, als seine nackten Füße auf dem Metallboden aufsetzten.
„Ich mag das, weißt du? Diese brutale Gewalt. Ich wusste, du würdest etwas tun, aber diese Stange hat mich überrascht, das hatte ich nicht erwartet. So kaltblütig. Ich bin stolz auf dich.“
Gibbli fing an zu zittern. Er WOLLTE, dass sie ihn damit schlug? Was tat er hier überhaupt? Wer war er? Warum war er hier? „Wie-“
„-ich hier reinkomme?“, unterbrach er sie und schritt lang­sam an den Konsolen vorbei. „Ich bitte dich. Ist das nicht of­fensichtlich?“ Seine Worte jagten wie Blitze durch ihren Kör­per. Er sprach leise, doch seine Stimme hallte so klar durch die Zentrale, dass man diese wahrscheinlich sogar oben in der Galerie noch deutlich hören konnte. Jetzt wandelten sich sei­ne Worte zu einem geisterhaften Flüstern. „Ich habe Rod ge­holfen dieses U-Boot zu bauen.“
‚Lauf!‘, schrie eine Stimme in Gibblis Kopf. Aber ihr Körper gab dem Drang loszurennen nicht nach. Ihre Beine schienen sich mit dem Boden verbunden zu haben. Panisch schnappte sie nach Luft. Einen halben Meter hinter ihr befand sich das große Frontfenster. Wenn sie zur Seite auswich, könnte sie vielleicht in den Maschinenraum entkommen. Gibbli wollte sich umdrehen, um ihn nicht mehr sehen zu müssen, doch er hielt ihre Aufmerksamkeit gefangen.
„Wer-“
„-ich bin? Komm schon Mädchen, du spürst es.“ Steven stolzierte um die drei Stühle herum. Auf einem stand Cora, die ihm aufmerksam mit ihren Glubschaugen folgte. Das Kind strahlte ihn bewundernd an, wie ein unterwürfiger Diener, der all seine Befehle befolgen würde, mochten sie noch so grau­sam sein.
Gibblis Augen weiteten sich, als sie es begriff. Steven war Oceaner. Für einen Moment konnte sie ihr eigenes Herz so laut schlagen hören, dass sie sich wunderte, dass es nicht auf der Stelle zersprang. Steven war einer der drei Wächter von Ocea!
„Geht doch“, sagte Steven zufrieden. Er stand jetzt direkt vor ihr und es fühlte sich an, als hätte seine Kälte alles an ihr erstarren lassen. „Du hast es erkannt, nicht wahr?“
Er schlich um sie herum und musterte sie mit seinem durchdringenden Blick. Dann beugte er sich zu ihr herab. Sein Gesicht stoppte nur einen knappen Zentimeter von ihr ent­fernt, doch er berührte sie nicht.
„Ich möchte dir ein Angebot unterbreiten“, hörte Gibbli sein Flüstern an ihrem Ohr.
Sie hielt die Luft an, nicht fähig auch nur ein Wort zu sa­gen.
„Begleite mich in meine Stadt.“ Er bewegte sich, bis er hinter ihr stand und sein kalter Atem an ihren Hals strich. Noch im­mer fühlten sich ihre Beine an wie festgeklebt. Im nächsten Augenblick spürte Gibbli seine sehnigen Finger auf ihren Schultern. „Das ist es doch, was du immer wolltest. Oder etwa nicht?“
Als sie nicht antwortete, beugte er sich um sie herum, um ihr Gesicht zu sehen. Er fing an, mit offenem Mund zu grin­sen.
„Ich zeige dir etwas. Folge mir.“ Steven ließ sie los und stol­zierte zurück nach oben.
Wie in Trance setzten sich Gibblis Füße in Bewegung. Cora sprang vom Stuhl und hüpfte ihr aufgeregt hinterher. Am run­den Tisch blieb der Mann stehen. Gibbli hielt einigen Abstand zu ihm und betrachtete seine Hand, die sich bedächtig auf die milchige Kugel legte. Mit geweiteten Augen und offenem Mund starrte Gibbli das Bild an, das sich im Inneren formte.
„Ja“, sagte Steven leise. „Ocea. Die Landmenschen gaben unserer Stadt diesen Namen. Vermutlich wegen dem Ort, den sich unsere Kolonie dafür aussuchte. Und hier befindet sich der Eingang.“
Bevor Gibbli die genaue Position erkennen konnte, ließ er das Bild mit einem Wisch seiner Hand wieder verschwinden.
„Berühre die Kugel.“
Sie streckte automatisch die Hand aus, im selben Moment wurde ihr bewusst, was sie tat und schreckte zurück.
„Nein“, antwortete Gibbli sofort.
Auf keinen Fall würde sie dieses Ding noch einmal anfas­sen. Diese Technologie zog sie an, aber sie tat ihr auch weh. Sie wollte das nicht! Gibbli fühlte, dass ein Stück in ihr anfing, sich ihm zu widersetzen. Am liebsten wäre sie losgerannt, weg von ihm, weg von dieser Kälte, doch ihre Beine gehorchten ihr noch immer nicht.
„Es tut weh, nicht wahr mein Schatz?“ Steven grinste und fing wieder an, um sie herum zu gehen, dabei ließ er sie nicht aus den Augen. „Je grausamer deine Taten sind, desto stärker wirst du sein“, flüsterte er ihr ins Ohr. „Je wütender du bist, desto besser kannst du es kontrollieren. Je mehr Schmerzen du bereits in dir trägst, desto weniger wird dich diese Techno­logie verletzen.“
Steven ließ von ihr ab. Er blickte nach vorne aus dem Frontfenster und ignorierte das goldene Kind, das ihn folgsam anstarrte.
„Du kannst dir nicht vorstellen, was für eine Überraschung es für mich war, im Zug deine Anwesenheit zu spüren. Zu er­fahren, dass du existierst… Ich kann es mir nicht erklären. Mara ist tot. Cora hat keine Nachfahren. Aber du hast durch das heilende Auge geblickt, nicht wahr? Ja, das hast du, ich sah es dir vorhin an deinem Gesicht an, dein Geist befand sich nicht an diesem Ort. Nur Jeff war dazu im Stande. Das heißt du stammst von ihm ab. Also muss er… vielleicht mit Mara? Ein zweites Kind, von dem Rod nichts wusste? Nun, ich werde es herausfinden, doch das hat Zeit.“ Wieder wandte er sich Gibbli zu und machte nur wenige Millimeter vor ihrem Gesicht halt. „Wir können einen neuen Wächter gut gebrauchen. Auch wenn menschliches Blut in dir fließt, bist du eine von uns. Komm mit mir nach Hause und ich zeige dir, welche Macht in dir steckt!“
Gibbli ertappte sich dabei, wie sie tatsächlich über sein An­gebot nachdachte. Sie könnte ihre Reise nach Ocea verkürzen und sofort in die verbotene Stadt gelangen. Dennoch spürte sie die Gefahr, die Grausamkeit, die von ihm ausging. Und was war mit den anderen? Sky, dessen Absicht ihr noch nicht ganz klar war. Bo, die unbedingt diese Stadt sehen wollte. Und Abyss. Was war mit ihm? Abyss, der sich freiwillig gefangen nehmen ließ, nur um dem Geheimnis Oceas näher zu kom­men? Abyss, der mit ihr redete wie sonst niemand, Abyss, der sie akzeptierte.
Steven lachte auf. „Warum zögerst du, Mädchen?“ Dann schien er plötzlich zu verstehen. „Ou. Du machst dir Gedan­ken über deine lächerliche Crew, nicht wahr?“ Seine bedau­ernde Miene bei diesen Worten schien offensichtlich gespielt und sofort grinste er wieder. „Keine Sorge, die sind in wenigen Minuten Geschichte.“
„Was?“, fragte Gibbli entsetzt.
„Du überrascht mich. Dir liegt doch nicht etwa was an ih­nen?“ Er fasste sie von hinten an den Schultern und Gibbli zuckte zusammen. „Jeff und ich werden deine Freunde sein. Du gehörst nicht hier her. Du hast hier niemanden.“
„Das ist nicht wahr“, flüsterte sie leise.
„Du glaubst doch nicht ernsthaft, dass sie dich hier haben wollen?“
„Du lügst!“ Sie dachte an Abyss. Abyss, der sie ständig dazu aufforderte, mit ihm zu reden. War er vielleicht genervt von ihr? Gibbli versuchte ihn aus ihrem Kopf zu drücken, doch sein Gesicht tauchte so klar in ihren Erinnerungen auf, als würde er vor ihr stehen.
„Für sie bist du nichts weiter als Dreck. Eine Belastung. Sie wollen dich nicht. Sie brauchen dich nicht“, sagte Steven wie­der.
Während er abermals um sie herum schlich, überschlugen sich Gibblis Gedanken. Das entsprach nicht der Wahrheit! Oder? Sie hatte das Schiff repariert! Aber der Kapitän hatte Gibbli nicht mitgenommen, weil sie nicht tauchte. Er hielt sie für unfähig.
„Hast du dich nie gefragt, warum du von den Menschen abgelehnt wirst? Warum sie dich entweder meiden oder ver­folgen, nein? Von außen gesehen wirken wir kalt. Dein Ein­fluss reicht vielleicht nicht soweit wie der meine, aber er exis­tiert. Auch wenn du nicht in der Lage bist, ihn zu steuern. Wenn du es wünschst, kann ich dir beibringen, ihn zu kontrollieren. Komm mit mir! Merkst du es nicht? Du beeinflusst sogar mich. Komm schon, du bist mein Mädchen, denk nach! Sind dir nie Dinge aufgefallen, Veränderungen, wenn sie sich dir nähern?“
Gibbli dachte an Mr. Plotz, der Sir Brummer davon über­zeugt hatte, ihre Strafe abzumildern. An Somal, dem die Gier plötzlich ins Gesicht geschrieben stand, als er sich auf sie hat­te stürzen wollen. An Abyss. Und die Frage, die er ihr im Ge­fängnis gestellt hatte, hallte durch ihre Gedanken und mähte alles andere nieder: ‚Wirst du meine kleine Schwester sein?‘
Abyss war nicht so. Abyss mochte sie. Niemals würde sie Steven folgen! Gibbli wollte nicht mit ihm kommen. Er war kalt. Er war grausam. Er war schlimmer, als dieser Rod, Coras Vater! Was hatte sie ihm entgegenzusetzen? Was würde er tun, wenn sie sich weigerte? Würde er sie trotzdem mitschlei­fen?
„Nein? Das ist schade. Wenn du mich nicht freiwillig be­gleitest, hast du keinen Wert für mich.“
„Wirst du mich dann umbringen?“, flüsterte sie zitternd.
„Nein. Wozu soll ich mir dann die ganze Mühe machen? Du verstehst nicht ganz, wenn du nicht mitkommst, gehe ich.“
Überrascht sah sie ihn an. Steven würde verschwinden? Einfach so?
„Vorerst. Und nachdem ich meinen Spaß hatte, versteht sich.“ Er packte mit beiden Händen ihren Kopf und drückte mit dem Daumen gegen ihre Luftröhre.
Gibbli würgte und versuchte seine Finger wegzureißen. Die­se schlossen sich um ihr Kinn und ihre Wangen, wie kleine Maschinen. Sie spürte, wie ihre Haut unter ihnen gefror. Pa­nisch bohrten sich Gibblis Hände in seinen Arm.
„Weißt du, unsere Spezies besitzt die Gabe der Erinnerung. Wir können die emotionalsten Erinnerungen unserer Vorfah­ren verspüren. Ich sehe sie vor mir, als wäre es gestern gewe­sen. Wie sie einer nach dem anderen durch das Portal ver­schwinden und in ihr Verderben laufen. Wir beide haben den Feind nicht in Aktion erlebt Mädchen, aber ich trage die Erin­nerung meiner Vorfahren in mir. Ihr Menschen könnt beten, dass der Feind diesen Planeten niemals findet. Nun, ich bin mir sicher, du siehst etwas anderes, nicht wahr? Du bist zu jung, um weiter zurück zu blicken.“
Gibbli verstand nicht wovon er sprach, nahm seine Worte kaum noch wahr. Aber das mit den Erinnerungen hatte sie begriffen. Das war er also. Der Grund, warum sie immer wie­der diese Alpträume hatte, von Mara. Warum sie immer wie­der diese Erinnerung von ihr durchlebte, in der Rod… sie zwang ihre Gedanken wieder zur Kontrolle. Sie bekam kaum noch Luft!
„Die Frage ist nicht ob du zu mir kommst, die Frage ist wann. Im Übrigen, wenn ich dich jetzt einfach hier zurück las­se, würdest du sterben, genau wie deine… Freunde.“ Das letzte Wort sprach er spöttisch aus, beinahe abstoßend.
Dann ließ er sie los und Gibbli taumelte einen Schritt zu­rück. Nach Atem ringend brachte sie mehr Abstand zwischen sich und ihm.
„W-was hast du ihnen angetan?“, schrie sie laut und ver­suchte ihre Tränen zurück zu halten.
Steven richtete sich auf und verschränkte die Arme.
„Gar nichts“, sagte er fröhlich. „Ihr Menschen vernichtet euch selbst. Ich muss sagen, dieser Jack wird mir langsam richtig sympathisch. Oh ja! Wenn er mich nicht ständig mit einem Wassermenschen verwechseln würde, könnten wir gut miteinander auskommen.“
Gibbli trat einen Schritt zurück. Jack Kranch, oberster Füh­rer der U-Boot Flotte und leitender Direktor der Meeresaka­demie war hier! Sie hätte ihn beinahe vergessen. Aber hatte sie nicht eben in Bo’s Körper miterlebt, dass sie ihm entkommen waren? Zusammen mit dem Mönch?
„Vergiss sie Mädchen“, sagte Steven und legte eine Hand erneut auf die Kugel.
Der Nebel begann sich zu verformen und nahm langsam den Umriss von vier Gestalten an. Sky, Abyss, Bo und der Mönch Andreas Guglhupf befanden sich im Inneren des MARM. Steven bewegte seinen Arm leicht auf der Kugel und das Bild änderte sich. Der MARM war jetzt von außen zu se­hen und dann von noch weiter weg. Mit vor Schreck geweite­ten Augen erkannte Gibbli die vielen eckigen Gebilde, zu de­nen sich der Nebel formte: U-Boote. Sehr viele U-Boote. Un­glaublich viele U-Boote! Und nicht nur irgendwelche, sondern Kampfboote der Akademie, von denen jedes kleinste Stück der flachen Oberseite mit Waffen ausgerüstet worden war. Sie befanden sich nicht weit von ihnen entfernt und bedeckten weitläufig den Meeresboden. Im Zentrum der Flotte, bei der kleinen Kuppel, startete gerade das Beiboot der Mara.
„200 Stück“, bestätigte ihr Steven und grinste. „Wie tragisch.“
Sky und die anderen hatten keine Chance! Fieberhaft überlegte Gibbli, wie sie ihnen helfen konnte. Ihr fiel einfach nichts ein. Das waren viel zu viele! Gegen Jacks Flotte gab es nichts auszurichten. Steven würde ihr wehtun. Aber Jack wür­de die anderen umbringen, wenn er mit so vielen Kriegsbooten hier auftauchte! Sky und Bo. Jack würde Abyss töten! Schließlich wandte sie sich in ihrer Verzweiflung an den einzi­gen Mann, der die Macht besaß, etwas zu tun.
„Hilf ihnen!“, verlangte Gibbli mit fester Stimme und über sich selbst überrascht, dass sie ihm so gegenüber trat.
„Was?“ Steven sah sie belustigt an. „Das könnte ich.“
Sein Anblick ließ puren Hass in ihr hochsteigen. „Rette sie!“
„Na gut. Ohne deinen Menschen wäre es langweilig und ich liebe es, wenn man mich um Hilfe bittet, oh ja. Wie kann ich da widerstehen? Aber das ganze hat seinen Preis, mein Schatz… Ahh. Spürst du es? Die Kälte, die jetzt von dir ausgeht?“, fragte er zufrieden.
Gibbli nahm all ihren Mut zusammen und sprach die Wor­te aus, von denen sie wusste, dass sie sie bereuen würde: „Ich komme nach Ocea. Wenn du sie rettest.“
Er öffnete den Mund und wollte etwas sagen, doch sie kam ihm zuvor.
„Aber ich begleite dich nicht. Ich möchte selbst dort hin, ohne deine Hilfe“, fügte Gibbli hinzu. Wenn sie schon zu ihm kam, würde sie es so lange wie möglich hinauszögern.
„Einverstanden“, sagte Steven knapp und deutete nach vor­ne auf die drei Sitze. „Du weißt, wie das U-Boot funktioniert. Mara selbst ist die Waffe. Steuere auf den Feind zu, der Auf­prall eines einzelnen Bootes wird Mara kaum etwas anhaben. Während du die ängstlichen Menschlein einsaugst, werde ich, heldenhaft wie ich bin, an die Front treten. Wir lenken die anderen ab.“
Er drehte sich um und wies Cora mit einem Nicken an, mit ihm zu kommen. Dann stolzierte er davon, ohne einen weite­ren Blick auf sie zu werfen. Die Kind KI folgte ihm glücklich mit den Armen rudernd.
 
Gibbli hastete Richtung Frontfenster in den vorderen Teil der Zentrale, während ihr Coras Küken aufmerksam folgte. Als sich Gibbli auf den mittleren Stuhl fallen ließ, hüpfte es flat­ternd auf ihren Schoß. Sie packte das mechanische Tier und setzte es zurück auf den Boden. Es fühlte sich ungewohnt an, hier zu sitzen. Denn dieser Platz gehörte normalerweise dem Kapitän. Mit laut klopfendem Herzen zog Gibbli die Steuerge­räte um sich herum und packte die zwei Hebel an den Seiten. Bisher beschränkten sich ihre Fahrstunden auf kleine Tauch­kapseln. Sie hatte erst zwei Mal so ein großes U-Boot bewegt. Das erste Mal im Steuergrundkurs, an einem Simulator. Das zweite Mal bei den Testfahrten für ihre Prüfung.
Langsam manövrierte sie die Mara aus dem Tal heraus und befand sich plötzlich mitten im Getümmel. Sofort lenkte Gibbli mehr Energie auf die Schilde. Sie hatte nicht erwartet, auch auf Hochseemenschen zu treffen. Zu Hunderten flitzten sie zwischen den U-Booten hindurch. Natürlich, dieses Gebiet gehörte ihnen. Ein kleines U-Boot wie die Mara schien für sie keine große Gefahr darzustellen, doch eine so große Flotte mit Landmenschen in ihrem Gebiet, kam einer Kriegserklärung gleich! Mit säurehaltigen Geschossen feuerten die Hochsee­menschen auf die Kampfboote von Jacks Flotte und zerstör­ten ihre Außenhaut. Weiter entfernt blitzte ein helles Licht auf. Irgendetwas großes explodierte und erschütterte alles in der Umgebung. Kampfboote sowie Hochseemenschen gleicherma­ßen trieben auseinander. Gibbli spürte die Erschütterung bis in ihren Sitz und schrammte knapp an einem Fels im Boden vor­bei. Stevens Werk, dachte sie grimmig, vielleicht auch das von Cora.
Es dauerte nicht lange, bis sie die Steuerung der Mara einigermaßen verstand, sie musste schließlich keine komplizier­ten Manöver vollbringen. Ohne weiter zu zögern, bewegte Gibbli sich auf die Kuppel des Mönchs zu. Die Mara war viel kleiner als die Kampfschiffe der Flotte und stieß unter den Hochseemenschen kaum auf Beachtung. Diejenigen, die trotzdem versuchten anzugreifen, wurden vom Schutzschild abgehalten.
Unverhofft erschien der MARM vor dem großen Frontfens­ter. Das Beiboot wurde von mehreren Kampfeinheiten bedroht! Eine weitere Explosion erschütterte das Gebiet. Zwei der an­greifenden Boote zogen sich zurück und fuhren auf die Ex­plosion zu. Nur eines von Jacks U-Booten blieb zurück. Gibbli zögerte nicht lange und steuerte die Mara direkt darauf zu. Sie rammte es mit voller Wucht.
Obwohl es viel größer war als die Mara, spürte Gibbli kaum etwas von dem Zusammenprall. Das U-Boot brach mitten entzwei. Luftblasen zischten heraus und schlängelten sich Richtung Wasseroberfläche. Ein absplitternder Brocken traf den MARM. Das kleine Beiboot wurde durch den Aufprall zur Seite geschleudert, schien jedoch keinen Schaden erlitten zu haben. Bevor es irgendwo dagegen prallte, bekam Sky es wieder unter Kontrolle. Er war wirklich der beste Steuermann, den Gibbli je getroffen hatte!
Nach ein paar Minuten schaffte er es in dem Durch­einander an die Mara anzudocken.
 
Währenddessen manövrierte Gibbli die Mara weiter an den Rand der Schlacht. Dann riss sie die Bedienelemente der Steuerung beiseite, sprang auf und rannte hoch in den oberen Teil der Zentrale. Sie erreichte das Schleusentor zum MARM, als dieses sich gerade öffnete. Vor ihr stand Abyss und starrte sie an. Mit Zornesfalten im Gesicht und geröteten Flecken un­ter den Augen, sah er aus, als würde er gleich jemanden um­bringen. So wütend hatte Gibbli ihn noch nie erlebt. Ehe sie zurück weichen konnte, schubste er sie mit aller Kraft beiseite. Ihre Schulter krachte gegen die Sitzbank des runden Tisches und Gibbli schrie vor Schmerz auf. Er warf ihr einen gefährlich aussehenden Gegenstand vor die Füße, dann stapfte Abyss wortlos an ihr vorbei. Was war in ihn gefahren? Verängstigt rieb sie sich die Schulter und betrachtete das spitze Werkzeug. Es handelte sich um die Handstichsäge, die gestern irgend­wann aus ihrer Tasche verschwunden war. An der beidseitig gezackten Klinge klebten Hautfetzen und Blut.

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Kapitel 15: Herzliches Willkommen (Bis in die tiefsten Ozeane)

Am nächsten Tag manövrierte Sky die Mara hinein ins Gebiet der Hochseemenschen. An Bord herrschte eine angespannte Stille. Nervös stand Gibbli hinter einer der Konsolen.
Einige der Meereswesen, die draußen am Fenster vorbei­huschten, warfen ihnen böse Blicke zu. Die Anwesenheit des U-Bootes schien ihnen nicht zu gefallen, doch sie griffen auch nicht an. In einem kleinen Tal stellte Sky schließlich die Ma­schinen ab. Es bot ihnen ein wenig Deckung.
Während Abyss und Bo ein paar Vorratskisten in dem MARM verstauten, kam der Kapitän auf Gibbli zu und nahm sie beiseite.
„Du bleibst hier“, sagte er entschlossen. „Jemand muss das U-Boot bewachen.“
Aber das könnte ja Cora tun? Verwirrt blickte Gibbli in sei­ne schwarzen Augen. Sie würde gerne Abyss‘ Ziehvater ken­nen lernen. Der Mann, der wahrscheinlich mehr über Ocea wusste, als alle Landmenschen zusammen.
„Du glaubst nicht ernsthaft, dass ich Abyss oder Bo hier alleine lasse. Die zerlegen mir noch das Boot!“
Was sollte das? Gibbli war die Technikerin, wenn jemand dieses U-Boot zerlegt, dann sie! Sky drehte sich um und ging. Gibbli rang mit sich selbst, ob sie sich ihm widersetzen sollte. Am liebsten hätte sie laut geflucht. Es war die gleiche Situati­on wie immer. Wie sie das hasste! Am Ende hielt Gibbli immer ihren Mund und nahm alles stillschweigend hin. Aber das hier war nicht mehr die Akademie. Er konnte sie doch nicht ein­fach hier lassen!
„Warum ich?“, rief Gibbli ihm doch noch hinterher.
Vor dem Eingang zum MARM drehte Sky sich noch ein­mal um und blickte sie so ablehnend an, dass Gibbli einen Schritt zurück trat.
„Warum?“, wiederholte er ihre Frage mit gebleckten Zäh­nen. „Weil ich dich nicht dabei haben will, klar? So lange du nicht tauchst, weigere ich mich, dich irgendwohin mit zu neh­men. Ich sagte bereits, ich brauche Leute, auf die ich mich ver­lassen kann.“ Mit diesen Worten ließ der Kapitän sie stehen und Gibbli blieb mit der kleinen Kind-KI im U-Boot zurück.
 
Seine Worte fühlten sich an, wie ein Schlag ins Gesicht. Mit dem Gefühl versagt zu haben, stand Gibbli einige Minuten einfach nur da und betrachtete den verschlossenen Zugang zum MARM. Wusste Abyss Bescheid? Bestimmt hätte er Gibbli mitgenommen.
Nach einer Weile trottete sie langsam am runden Tisch in der Zentrale vorbei. Eine der Konsolen im vorderen Teil zeigte den Start vom MARM. Gibbli stellte sich vor das große Front­fenster und starrte nach draußen, dem kleinen Beiboot hinter­her. Sie hörte, wie Cora hinter ihr auf einen der Stühle sprang und anfing zu lachen. Leise sang die KI ein oceanisches Lied vor sich hin, dessen Text Gibbli nicht verstand.
Einige Minuten vergingen, als Gibbli unverhofft ein Einfall kam. Bo! Sie war schon öfter in ihren Körper geschlüpft. Bisher noch nie bewusst, aber sie schaffte es mittlerweile erfolgreich, sich diesen Körperwanderungen zu entziehen. Vielleicht klappte es auch umgekehrt, wenn sie sich anstrengte. Einen Moment rang sie mit sich, ob es rechtens wäre, ob es für Bo okay wäre. Gibbli würde nicht wollen, dass das jemand bei ihr machte. Sky hätte es ihr sicher verboten. Aber sie war nicht der Kapitän und sein kranker Zwang zur Gerechtigkeit konnte ihr gestohlen bleiben. Ihre Neugierde siegte.
Also schloss Gibbli die Augen und stellte sich vor, wie es sich anfühlte, den Körper zu verlassen. Mit Bo’s Augen zu se­hen und ihren Ohren zu hören…
 
Die drei hatten an der kleinen Kuppel angedockt, die einsam zwischen zwei Hügeln am Meeresboden lag. Sie standen in der Schleuse und warteten, bis ein stämmiger Mann auf dem Bildschirm erschien. Er trug einen stoppeligen Bart und seine leicht ergrauten Haare standen wirr in alle Richtungen. Die kleinen Augen zu Schlitzen verengt, funkelte er sie misstrau­isch an.
„Ja?“, fragte er unwirsch.
„Wir stören nicht lange, bitte lass uns ein. Es geht-“, be­gann Sky, doch der Mönch unterbrach ihn.
„Wer seid ihr? Was wollt ihr hier?“
Abyss hielt sich im Hintergrund und machte keine Anstal­ten ihm zu antworten. Bevor Sky erneut etwas sagen konnte, trat Bo einfach direkt vor die Kamera. „Ich bin Bo“, sagte sie lächelnd.
„Bo? Und wie noch? Bist du ein Hochseemensch? Siehst nicht aus wie einer? Woher kommst du?“
„Bothilda Bamba Sir. Ich bin ein Landmensch-Tiefsee Hy­brid und ich komme vom Land. Woher kommst du?“
„Hm… von hier.“ Er musterte sie erneut. „Wirklich? Du hast über dem Wasser gelebt?“
„Ja. Es war nicht besonders schön dort. An der Küste steht ein großes Krankenhaus und-“
„Könnten wir das drin besprechen?“, mischte sich Sky wie­der ein.
„Und wer bist du?“, fragte der Mönch wieder.
„Skarabäus Sky. Lass uns bitte eintreten“, drängte er.
„Sky? Dieser Flottenführer von der Akademie?“
„Ehemaliger Flottenführer“, verbesserte der Kapitän ihn. „Wir müssen dir ein paar Fragen stellen. Sofort.“
Seine plötzliche Eile überraschte Bo. Normalerweise besaß ihr Kapitän ziemlich viel Geduld.
„Was ist los?“, murmelte Abyss von hinten.
„Irgendetwas stimmt hier nicht“, wisperte Sky zurück.
„Aha. Und wer steht da hinten noch?“, rief der Mönch laut. Sein Kopf kam so nah an den Bildschirm, dass Bo jede einzel­ne Pore seiner Nase erkennen konnte.
„Das ist Abyss“, sagte sie und strahlte ihn an.
„Abyss wer?“
„Du kennst mich“, grummelte Abyss und trat endlich nach vorne.
„Aaron, ich hab dir gesagt, ich lasse niemanden rein, der mir nicht seinen Namen nennt, also?“
„Jetzt mach schon auf, alter Schwachkopf!“
Der Mönch ging nicht auf seine Beschimpfung ein. „Nein.“
„Sag einfach deinen Namen“, wies ihn Sky ungeduldig zu­recht.
„Ja, wie heißt du eigentlich richtig?“, fragte jetzt Bo neugie­rig.
Abyss sah sie grimmig an. „Aaron“, murmelte er genervt.
„Aaron und weiter?“, ertönte jetzt die Stimme des Mönchs wieder aus dem Lautsprecher. Er schien nicht sehr erfreut zu sein.
„Guglhupf, du dummer Kackschwanz und jetzt lass uns rein!“, schrie Abyss ihn wütend an. Der Blick des Mönchs ver­düsterte sich weiter.
„Du heißt Aaron Guglhupf?“, flüstert Bo grinsend.
„Halt die Klappe“, schnauzte Abyss sie an. „Das ist nicht mein richtiger Name!“
„Bothilda Bamba. Skarabäus Sky. Aaron Guglhupf. Will­kommen in den Schleusen meines wunderschönen Heims. Mein Name ist Andreas Guglhupf. Ganz recht, ich besitze einen Namen, also hör endlich auf, mich als ‚der Mönch‘ zu bezeichnen Aaron! Und jetzt lebt wohl.“
„Mr. Gugl…“, begann Sky, überlegte es sich jedoch nach Abyss‘ Schnauben anders und sagte stattdessen: „Andreas, würdest du uns bitte einlassen?“
„Nein. Ich weigere mich. Verschwindet!“
Sky blickte sich hilfesuchend zu Abyss um. Der ver­schränkte die Arme und schwieg.
„Warum dürfen wir nicht?“, fragte Bo stattdessen an den Mönch gewandt.
Dieser blickte sich unruhig um, zögerte, begann dann aber wieder scheinbar wütend zu sprechen. „Ich werde euch sagen warum. AARON DU HAST MEINE TAUCHKAPSEL GE­KLAUT!“
„Die lag in Nokos Schrottplatz, du hättest sie nie von dort abgeholt“, sagte Abyss genervt. „Siehst du jetzt, dass das hier eine blöde Idee war? Gehn wir wieder“, wandte er sich dann an Sky.
„Nein“, sagte der Kapitän.
„Und was ist mit meinem Geld, Junge?“, fragte der Mönch jetzt wütend aus dem Bildschirm. Es war schon ein starkes Stück, Abyss als einen Jungen zu bezeichnen, nahm er doch fast die halbe Schleuse an Platz ein. „Ich habe hier Abrech­nungen von Festluftflaschen, Neodymmagneten und einem Stabilisierungsgenerator! Wo bei allen guten Geistern hast du den aufgetrieben? Was bei Oceas Wächtern hast du schon wieder ausgeheckt?“ Genervt rollte Abyss mit den Augen, doch der Mönch war noch nicht fertig. „Du hast schon wieder jemanden umgebracht! Keine Ausrede, es stand in der Zeitung! Hatten wir nicht ausgemacht keine Morde mehr?“
„Der Punkt geht an ihn“, sagte Sky leise, woraufhin ihm Abyss den Rücken zukehrte.
Das Gesicht des Mönchs auf dem Bildschirm war mittler­weile rot angelaufen.
„Andreas“, ergriff Sky jetzt wieder das Wort, „bitte öffne die Schleuse, sicher hat mein Kommunikationsoffizier da et­was missverstanden.“
„Kommunikationsoffizier?“, fragte der Mönch misstrauisch, als könnte er nicht glauben, dass Abyss an einen anständigen Job gekommen war.
„Ja und ich bin die Krankenschwester“, rief Bo dazwischen und versuchte begeistert auszusehen. „Wir fahren nach Ocea!“
„Achso?“ Etwas genervt nahm der Mönch einen tiefen Atemzug. „Sagt das doch gleich!“ Sein Gesichtsausdruck än­derte sich jetzt schlagartig. Er richtete sich auf, straffte sein weißes Gewand und lachte sie freundlich an. Dann schaltete sich der Bildschirm aus. Das Schleusentor fuhr knackend auf und gab ihnen den Weg frei.
„Irgendetwas stinkt hier“, sagte Sky, als sie den Gang betra­ten.
Bo versuchte den Geruch zu erschnuppern, von dem ihr Kapitän sprach. „Ich rieche nichts.“
„Kannst du das mit deiner Nase überhaupt?“, fragte Abyss und blickte sich verächtlich um. Man merkte ihm an, dass er nicht gerne hier war.
„Manchmal glaube ich es“, sagte Bo. „Der Kuchen von mei­ner Schwester hat nach Erdbeeren und-“
„Still“, unterbrach Sky ihre Worte. „Dieser Gestank kommt mir vertraut vor. Wo ist jetzt der Mönch?“
Bo zwang ihren Mund zu einem Grinsen und folgte ihrem Kapitän den Gang entlang. Ständig erinnerte sie sich an Sam und immer wieder kamen ihr Zweifel, ob sie wirklich noch leb­te. Da sie das nicht beweisen konnte, würde Sky keine Ret­tungsaktion zulassen. Aber sobald er Ocea erreicht hatte, würde Bo ihn darum bitten, ihr zu helfen Sam zu finden. Bis dahin wollte sie sich so gut es ging ablenken und glücklich aussehen. Das war sie ihrer Schwester schuldig. Und Ablen­kung war hier unter dem Meer so leicht zu finden. Allein die­ser Weg zum Wohnraum des Mönchs bot so viele interessan­te Dinge. Besetzt mit den seltsamsten Gerätschaften, reihten sich die Regale an den Wänden aneinander. Am liebsten wäre Bo stehen geblieben, um alles genauer zu erkunden, doch Sky schien es eilig zu haben.
Die drei betraten den größeren der zwei Räume, welcher fast die gesamte Innenfläche der Kuppel einnahm.
Neugierig sah sich Bo um. Alles war mit altmodischen Ver­täfelungen verziert. Es wirkte etwas unordentlich und düster, dennoch gemütlich. Der hintere Wohnbereich lag völlig im Dunkeln.
Ein leises Knistern durchdrang den Raum. „Feuer? Das ist nicht euer Ernst!“, sagte Sky, der fassungslos vor einem offe­nen Steinofen stehen geblieben war. Dieser bildete nicht nur die Wärme-, sondern auch die Lichtquelle der Kuppel. Er be­leuchtete den gesamten vorderen Teil des Wohnbereiches.
Abyss zuckte mit den Schultern und blickte Sky düster an.
Bo tapste beeindruckt durch den Raum. Das Feuer flacker­te hell und ließ die dunklen Schatten der Möbel umhertanzen. Da standen mehrere bequeme Sofas, mit eingerollten Armleh­nen und geknöpfter Polsterung, um einen aufwendig gestalte­ten Holztisch. Auf diesen Sofas lagen bemusterte Stoffkissen und einige dicke Decken. Unter einer Theke befand sich ein kleiner Kühlschrank, außerdem standen überall Regale mit unzähligen Karten, verschiedensten Gerätschaften und Sammlerstücken aller Art.
„Abyss, sind das echte Bücher? Aus richtigem Papier?“, fragte Bo erstaunt und betrachtete eines der Bücher, das auf­geschlagen auf einer weißen Spitzentischdecke lag. Die meis­ten der Bücher trugen schillernde Einbände und wirkten zer­schlissen.
„Fischhaut“, antwortete Abyss knapp.
„Hier bist du also aufgewachsen? Es ist wunderschön!“, rief Bo, während sie auf die Außenwand zuging. Sie schob einen mit Kordeln behangenen Rüschenvorhang zur Seite. Dahinter befand sich ein Schlaflager am Boden und eines der vielen, großen Fenster am Rand der Kuppel. Draußen stob ein Fisch­schwarm hektisch davon und machte einem größeren Hai Platz.
„Aufgewachsen? Pah! Der Junge war kaum hier. Immer un­terwegs und verstrickt in irgendwelche Schwierigkeiten und il­legale Geschäfte.“ Der Mönch trat aus dem hinteren, nicht be­leuchteten Bereich des Raumes hervor. Er reichte Bo gerade einmal bis zum Hals. Mit seinem weißen Gewand wirkte er leicht deplatziert in dieser Umgebung. „Und wo wir gerade bei Schwierigkeiten sind“, er warf Abyss einen wütenden Blick zu, „wo ist das Mädchen, Aaron? Das du entführt hast! Was hast du mit ihr angestellt, hä?“
„Das geht dich nichts an“, grummelte Abyss, der mit ver­schränkten Armen noch immer in der Türöffnung zum Gang stand.
„Andreas, ich kann dir versichern, dem Mädchen geht es gut“, sagte Sky.
„Hmf. Ach ja? Und was wollt…“ Der Mönch stutzte und machte plötzlich große Augen. „Bei Oceas Wächtern, Aaron, wer ist sie?“
„Wer ist wer?“, fragte Abyss genervt.
„Die Frau natürlich! Meine Güte, dass man dir immer alles aus der Nase ziehen muss! Dass ich das noch erlebe! Das ist ja wundervoll! Überraschend, ja, aber wirklich unglaublich!“
„Du sprichst wie immer in Rätseln, alter Mann!“
„Ach komm schon, ich sehe es dir an, du bist verliebt Junge! Erzähl mir von ihr, ist sie hübsch? Ich will alles hören!“
„Bin ich gar nicht, du Dummbeutel“, knurrte Abyss.
„Oh, ich finde schon noch raus, wer sie ist. Ich bin entzückt! Das ist phantastisch, endlich hört man mal etwas Gutes von dir, Junge! Herrlich! Jetzt schau mich nicht an, als würdest du mich gleich zerfleddern, diesen Blick kannst du dir bei mir sparen!“
Abyss fletschte die Zähne, doch bevor die Situation außer Kontrolle geriet, räusperte sich Sky und zog die Aufmerksam­keit des Mönchs auf sich.
„Ah natürlich, ihr wollt also nach Ocea? Dann setzt euch.“
Bo strahlte den alten Mann begeistert an und ließ sich so­fort auf dem weichen Polster einer Couch nieder. Sie federte leicht zurück. Sky blieb vor dem Feuer stehen und auch Abyss rührte sich keinen Millimeter von der Türöffnung weg. Der Mönch goss sich eine grüne Flüssigkeit in ein Glas, das auf dem Tisch stand.
„Ich freue mich ja, dass ihr an einen alten Mann wie mich denkt“, sagte er und ließ den Blick abschätzend über seine Gäste schweifen. „Aber warum genau kommt ihr damit zu mir?“
Bo bemerkte, wie Sky sich beunruhigt zu Abyss umdrehte, als wollte er ihm etwas sagen, dann ergriff sie das Wort. „Wir dachten, du könntest uns helfen Ocea zu finden. Wir wissen nicht, wo genau sich die Stadt befindet.“
Andreas lachte nervös auf. „Pah! Ich habe Jahre nach die­ser Stadt gesucht und sie nie gefunden. Denkt ihr, ich würde noch hier sitzen, wenn ich wüsste, wo sie liegt?“
„Du musst doch irgendetwas herausgefunden haben, gibt es gar keine Hinweise?“, fragte Bo enttäuscht.
„Der Junge hat sich zwar immer dagegen gesträubt, aber ich habe Aaron nicht umsonst die oceanische Sprache beige­bracht. Ein Leben reicht eben nicht aus, um den gesamten Meeresboden dieses Planeten abzusuchen. Nun, meine Hoff­nung, er würde die Suche nach meinem Ableben fortsetzen-“
„Er war hier“, unterbrach Sky den Mönch mit tiefer Stimme.
Dieser zuckte nervös zusammen. „Was? Wer? Wovon sprichst du Flottenmensch?“
„Jack war hier“, fuhr Sky fort und drehte sich zum Feuer hin. „Ich rieche ihn.“
„Jack ist immer noch hier“, erklang plötzlich eine raue Stim­me aus dem dunklen Bereich des Wohnraums. Im selben Augenblick spürte Bo, wie jemand hinter dem Sofa einen Strahler an ihren Kopf hielt.
Abyss zog ein Messer aus seinem Stiefel, als der Mönch ruckartig aufsprang. „Ich hab euch gewarnt! Aaron, du dum­mer Junge, warum hast du das nicht bemerkt? Ich wollte euch nicht einlassen! Ihr hättet wieder verschwinden sollen!“
„Ach, aber ihn hast du einfach so reingelassen?“
„Er nannte mir seinen vollen Namen!“
„Vollpfosten! Du hättest uns vorhin einfach sagen können, dass er hier ist!“, brüllte Abyss ihn an.
„Ich habe dich doch wegen deinen Einkäufen ausge­schimpft, du weißt genau, dass ich zuerst nach dem entführ­ten Mädchen gefragte hätte, das war der Hinweis!“, schrie der Mönch zurück.
„Hinweis? Wie hätte ich DAS denn bitte erraten sollen? Du benimmst dich ständig wie ein Irrer!“
„Vielleicht hat er mich ja bedroht, du dummer-“
„Ruhe!“, rief der Mann hinter Bo. Sie wollte sich umdrehen, um ihn auch zu sehen. Aber er packte sie an den kurzen hell­blauen Haarstoppeln an ihrem Kopf, die ihr in den letzten Ta­gen gewachsen waren.
Ihr Kapitän, der noch immer am Feuer stand, drehte sich jetzt langsam um und machte nicht einmal den Versuch seine Waffe zu ziehen. Stattdessen steckten seine Hände in den Ta­schen und ein abfälliges Lächeln bildete sich auf seinem Mund.
„Sky“, sagte Jack leise. „Ich hätte es wissen müssen.“
„Lass sie los!“, knurrte Abyss und blickte von Sky zu Jack, während der Mönch sich langsam rückwärts in Abyss‘ Rich­tung bewegte.
Jack beachtete ihn nicht und sprach weiterhin nur zu Sky. „Die Gerüchte stimmen also. Man hat dich in Noko mit die­sem Abschaum von Meermensch hier gesehen. Du suchst also immer noch nach Ocea. Ich hätte gehofft, dass dich der Raus­wurf zur Vernunft bringt. Stattdessen heuerst du eine Mannschaft an, die dir bei deinem wahnwitzigen Plan behilf­lich ist.“
„Meine Angelegenheiten gehen dich nichts mehr an“, sagte Sky ruhig.
„Es hätte mir von Anfang an klar sein müssen, dass du da­hinter steckst. Wenn es um die verbotene Stadt geht, bist du nicht weit. Die gestohlenen Gegenstände aus dem Archiv. Das Mädchen. Eine Entführung Sky! Ehrlich, das hätte ich nicht von dir erwartet.“
„Es interessiert mich nicht mehr, was du von irgendwem er­wartest, Jack.“
„Mein Gott, du warst Flottenführer! Noch zwei Jahre und du hättest meinen Posten erhalten. Oberster Direktor aller mi­litärischen Einheiten, war das nicht immer dein Ziel?“
„Pläne ändern sich.“
„Ich will dich sehen!“, rief Bo aufgeregt dazwischen und zappelte herum, um sich zu befreien. Es gelang ihr nicht.
„Ich dachte, hier den meist gesuchten Mann unter dem Meer zu erwischen. Stattdessen stellt sich heraus, dass mein berühmter Nachfolger hinter dieser Entführung steckt. Gratu­liere Abyss. Du kannst dich glücklich schätzen. Skarabäus Sky hat dir deinen Titel soeben abgenommen.“
Abyss warf plötzlich sein Messer knapp über Bo hinweg, direkt auf Jack zu. Dieser ließ Bo los und wich ihm geschickt aus. Währenddessen sprang Bo auf und wirbelte herum, um ihn endlich anzusehen. Doch im nächsten Moment packte Sky ihren Arm und zog sie nach hinten, weg von Jack. In der anderen Hand hielt er seinen Strahler auf die Gestalt hinter dem Sofa gerichtet. Bo konnte ihn nicht richtig erkennen. Dunkle Schatten lagen über seinem Gesicht, nur das flackern­de Feuer spiegelte sich in Jacks Augen wieder. Seine Umrisse wirkten wie bei allen Soldaten der Akademie durchtrainiert unter der Kampfmontur. Er grinste.
„Raus“, befahl Sky, während er rückwärts Richtung Türöff­nung ging.
„Lass mich ihn töten, Sky!“, knurrte Abyss hinter Bo.
„Ich sagte raus! Du hast genug Menschen auf dem Gewis­sen. Wir brechen auf. Sofort.“
Der Mönch öffnete bereits die Schleusen am Ende des Flu­res, während Bo, zusammen mit Abyss, den Gang noch entlang rannte und Sky ihnen Rückendeckung gab. Aber Jack folgte ihnen nicht. In der Ferne hörten sie ihn leise lachen.
„Wieso denkt Jack, du hättest Gibbli entführt? Und was meint er damit, ich kann mich glücklich schätzen?“, fragte Abyss, als sie eilig in die Schleuse stiegen und Sky als letztes die Tür erreicht hatte.
„Es heißt, dass du am Leben bleibst. Also freue dich.“
„Was?“
„Ich bin der Kapitän.“
„Versteh ich nicht. Denkt er etwa du hättest mir befohlen sie zu entführen? Was soll der Mist? Erklär’s mir!“, verlangte er von Sky, als sie den MARM betraten.
„Vielleicht denkt er das. Doch es hat keine Bedeutung. Die­ses Verbrechen werden sie mir anlasten. Der Kapitän trägt im­mer die Schuld an den Taten seiner Crew. Wenn du Scheiße baust, ist es mir erlaubt, dich dafür zu maßregeln. Erstreckt sich deine Tat jedoch auf etwas außerhalb der Leute, für die ich die Verantwortung trage, muss ich auch nach außen hin als Konsequenz die Strafe in Kauf nehmen. Kurz gesagt, wenn du jemanden umbringst, der unter meinem Schutz steht, ist es mir erlaubt dich zu töten. Wenn du allerdings jemanden um­bringst, der nicht zu meiner Crew gehört, werden sie mich da­für hinrichten.“
„Ich hab diesen Kerl umgebracht, bevor wir aus dem Ge­fängnis flohen, da kanntest du mich nicht mal. Und mit Gibb­lis angeblicher Entführung hattest du nichts zu tun.“
„Es spielt keine Rolle, wann du deine Verbrechen begangen hast. Ein Kapitän wählt seine Mannschaft sorgfältig, es ist sei­ne Pflicht, ihre Vergangenheit zu prüfen. Ich bin für euch und eure Taten verantwortlich.“
„Das ist krank!“
„Nein, das ist das Gesetz! Es ist für alle Landmenschen im Meer gültig! Du warst nie auf der Akademie Abyss, sonst würdest du das begreifen. Du bist als Außenseiter aufgewach­sen. Du kennst die Mentalität der Menschen hier unten nicht.“

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Inktober 2018 – Skizenbuch Art Challenge – Erfahrungsbericht

inktober 2018 sockenzombie skizzenbuch

Was ist Inktober?
Inktober bedeutet, jeden Tag im Oktober ein Bild mit Tusche zu zeichnen. Dieses Jahr habe ich zum ersten Mal an der Inktober Herausforderung teilgenommen. Ich nahm mir vor jeden Tag eine Seite eines Skizzenbuchs zu füllen. Es gibt eine Themenliste, an die man sich halten kann, aber nicht muss. Ich habe diese völlig ignoriert und mir eigene Themen gesucht.

Obwohl es technisch nicht das beste Bild ist, mag ich meine Seite mit den Skizzen der Teleskop-Motive am liebsten.

inktober 2018 sockenzombie the grey book hahnemühle

Mein Material:

  • Chinaesstäbchen + Washi Tape (als selbst gebastelter Federhalter)
  • Hiro Leonardt Röhrchenfeder 801
  • Hahnemühle The Grey Book
  • Winsor & Newton Black Indian Ink
  • Rohrer & Klinger Zeichentusche in Schwarz
  • graue Copic Marker (C-1, C-3, V-5)
  • Albrecht Dürer Aquarellstifte (Weiß, Kaltgrau I, Kaltgrau III, Kaltgrau V)
  • weiße Posca Marker mit (meistens den PC-1M oder PC-3M)

Challenge geschafft?
Ja, sogar vor der Zeit, am 27.10.2018. Ich habe fast jeden Tag im Oktober gezeichnet, mit einer kleinen Pause von drei Tagen, als ich mir neue Tinte besorgen musste. Viele der entstandenen Bilder könnt ihr euch auf meinem Instagram Account ansehen.

Hier noch ein Video des fertigen Skizzenbuchs mit allen 31 Zeichnungen:

Die Bilder sind übrigens nicht in der Reihenfolge zu sehen, wie ich sie gezeichnet habe. Ich schlug immer irgendeine Seite auf beim Zeichnen und habe mich nicht an die Reihenfolge der leeren Blätter im Skizzenbuch gehalten.

Was habe ich gelernt?

  • Murphys Gesetzt gilt auch für Tintenfässer. Diese fallen grundsätzlich immer um und färben alles schwarz. Absolut alles.
  • Tusche macht schwarze Finger. Immer. Egal wie man die Feder hält. Egal wie viele Handschuhe man trägt. Immer.
  • In einem Monat kann man ganz schön viele Seiten schaffen. Das Skizzenbuch ist wirklich voll geworden, so schnell.
  • Das Hahnemühle Skizzenbuch frisst Copicfarbe wie ein schwarzes Loch. Meine Copics waren nach ca. fünf Seiten fast alle leer.
  • Weiße Posca Highlights auf grauem Papier sehen cool aus.
  • Es ist sehr motivierend, ein komplettes Skizzenbuch in so kurzer Zeit zu vollenden. Das nächste steht schon bereit. Für die nächste Zeit plane ich viele Menschen zu zeichnen.
  • Ich mag eigentlich keine reinen schwarz-weiß Zeichnungen. Einsame Lines ganz ohne Schatten gefallen mir nur selten. Eigentlich nur, wenn sie etwas skizzenhaft und chaotisch sind, dann mag ich sie. Aber leuchtende Farbe ist viel cooler. Schwarz natürlich auch, aber so eine dünne Feder braucht viel zu lange, um ein Bild so dunkel zu machen, dass es mir gefällt. Für meine letzte Zeichnung habe ich darum als Abschluss keine Tusche verwendet und bin wieder auf Farbe umgestiegen:

inktober sonne sockenzombie the grey book hahnemühle skizzenbuch posca marker

Sonnen sind ja überhaupt meine absoluten Lieblingsmotive. Diese Sonne zu erschaffen, hat mehr Spaß gemacht als alle anderen Inktober Bilder zusammen. Stellt euch den Leuchteffekt jetzt noch auf schwarzem Hintergrund vor…

Ihr habt noch Fragen oder wollt einfach ein wenig Blablubb loswerden? Dann schreibt mir gerne einen Kommentar hier drunter :)

Kapitel 14: Entdeckungstour auf der Mara (Bis in die tiefsten Ozeane)

Anfangs noch grübelnd, begann Gibbli die Sache nach einer Weile sogar etwas Spaß zu machen und langsam vergaß sie den Schmerz in ihrer linken Hand völlig. Die Mara bestand aus 3 Ebenen. In der Obersten befanden sich der Hangar und die große Galerie mit den vielen Pflanzen, von der aus man hinunter zur Zentrale blicken konnte. Außerdem ein Kranken­zimmer, an das Coras Kinderzimmer anschloss. Die mittlere Ebene beinhaltete neben der Zentrale eine kleine Küche und das Schlafzimmer von Coras Eltern. Sie fanden heraus, dass der komplette hintere Teil dieser Ebene abtrennbar war und als kleines Beiboot fungierte. Die unterste Ebene gefiel Gibbli am besten. Neben einem Badezimmer, das sich direkt unter dem vorderen Teil der Zentrale befand, wurde fast der gesam­te restliche Platz von verschiedenen Maschinen vereinnahmt. Außerdem befand sich hier jeweils links und rechts am Ende des Ganges, in den die beiden Rampen hinunter führten, eine kleine Ausstiegsluke. Auf dem verwinkelten Maschinendeck gab es einen großen Bereich für den Antrieb, verschiedene Flüssigkeitstanks, Filteranlagen und viele weitere Systeme so­wie einige Materiallager.
Irgendwann bemerkte Gibbli, dass das goldene Kind ihnen bei ihrer Entdeckungstour vergnügt folgte. Fröhlich hüpfte sie hinter den beiden her. Sie fanden heraus, dass die kleine KI ab­solut keine Ahnung über die Technik des Bootes besaß. Cora wusste nichts über das Energiefeld, das die Außenwände um­gab und welches Gibbli als sehr beruhigend empfand. Ein klei­ner Riss würde ihnen hier drin nichts anhaben können.
„Sag mal Cora, welchem Zweck diente dieses U-Boot ei­gentlich?“, fragte Abyss, während Gibbli einige Behälter begut­achtete, die in einem Abschnitt des hinteren Maschinenrau­mes standen. Sie waren randvoll mit verschiedensten Ersatz­teilen und goldenen Metallstücken.
„Es bewacht Stadt“, sagte das Kind mit klarer Stimme und ihre Augen blickten weit aufgerissen zu Abyss hoch.
„Ocea?“, fragte er.
„Ja, zu Hause.“
Gibbli blickte auf. Wenn dieses U-Boot erschaffen wurde, um die Stadt zu bewachen, wie konnte es dann mögliche An­greifer abwehren? Sie hatten auf ihrem Rundgang bisher kei­nerlei Waffensysteme entdeckt.
Abyss schien Ähnliches zu denken, denn er fragte Cora, ob es irgendwelche Geschütze an Bord gab.
„Kämpfen?“ Sie grinste ihn an.
„Ja, wie kämpft dieses U-Boot?“
Das Kind hielt eine Handfläche seitlich nach oben und schlug mit der anderen Hand zur Faust geballt ein. „Bumm!“, rief sie laut lachend.
Gibbli beschlich ein ungutes Gefühl und Abyss sprach aus, was sie dachte: „Mara selbst ist die Waffe.“
Hoffentlich würden sie nie in eine Situation geraten, in der sie angreifen oder sich verteidigen mussten, dachte Gibbli, als sie sich auf den Weg hoch in die Zentrale machten.
 
Am Ende der Rampe blieb Gibbli stehen und sah sich um. Bo stand hinter einer Konsole und blätterte interessiert in einem Hologramm, das verschiedene Pflanzensorten zeigte. Es muss­te sich dabei um den Informationszylinder handeln, den Sky ihr mitgebracht hatte. Sie nickte Gibbli freundlich zu, als sie ihre Anwesenheit bemerkte. Sky blickte nicht auf. Er saß auf dem mittleren Stuhl und steuerte das U-Boot mithilfe ver­schiedener Gerätschaften um ihn herum. Sie bewegten sich nahe am Meeresgrund entlang, um nicht so schnell entdeckt zu werden. Cora hüpfte auf den rechten Stuhl neben dem Ka­pitän zu, kletterte hoch und stellte sich drauf. Gibbli setzte sich leise ans Ende der Rampe. Sie fühlte sich erschöpft und der Schlafmangel machte ihr zu schaffen.
Währenddessen stellte sich Abyss provokativ mitten vor das Sichtfenster ganz vorne. „Sind wir bald da?“
Müde musste Gibbli kurz lächeln.
„Wenn du nicht der meist gesuchte Mann unter dem Meer wärst, könnten wir uns das weitläufige Umfahren der Meeres­akademie sparen“, sagte Sky beiläufig und ganz auf eine Steuerkonsole konzentriert. „Ich würde sagen, übermorgen.“
Abyss schnaubte.
Gibbli schlang die Arme um ihre Knie und betrachtete in Gedanken versunken die vorbei ziehende Landschaft. Sie be­fanden sich mittlerweile wieder auf einer Höhe, in der schwa­ches Licht von der Oberfläche durch das Wasser drang. Gera­de als sie dachte, dass es sich gut anfühlte, zur Abwechslung einmal nicht im Mittelpunkt zu stehen und einfach nur die Aussicht zu genießen, spürte sie einen unangenehmen Blick auf sich ruhen. Cora gaffte sie mit großen, runden Augen von ihrem Stuhl aus an. Gibbli wandte sich von ihr ab und schäm­te sich dafür. Nicht einmal einem kleinen Kind konnte sie in die Augen sehen. Schlimmer, einer KI! Ein Gerät, das sie jeder­zeit zerlegen konnte.
„Weißt du, wer auch Angst vor Wasser hatte? Meine Mami“, tönte ihre helle Stimme jäh durch die Zentrale.
Bo lugte neugierig an dem Hologramm mit den Pflan­zenabbildungen vorbei und Abyss drehte sich um. Als er Co­ras Blick folgte, zu ihr hin, sah Gibbli schnell zu Boden.
„Wirklich? Du kanntest deine Mum? Hast du nicht gesagt, dein Dad hätte dich gebaut?“ Bo beugte sich über die Konsole und stützte sich darauf ab.
Cora wandte sich ihr zu. „Das hat er. Papa hat mich ge­baut. Und Mara.“
Wissbegierig stellte Bo ihr weitere Fragen. „Deine Mum hieß Mara, richtig? Er hat dieses U-Boot nach ihr benannt, oder?“
„Ja.“
„Erzähl uns mehr“, forderte Sky, während er sich weiter auf die Steuerung des U-Bootes konzentrierte.
Nervös wippte Gibbli hin und her. Sie war sich nicht sicher, ob sie das hören wollte. Sie spürte, dass Abyss ihr einen flüch­tigen Blick zuwarf. Gleichzeitig fühlte sie sich so unglaublich müde und erschöpft. Sie wollte nur noch zurück zu ihren Ma­schinen, in ihre Hängematte.
„Oceaner kehrten auf ihren Planeten zurück.“ Cora streck­te ihre Arme weit in die Luft.
„Dein Volk kommt nicht von hier? Ihr seid Außerirdische?“, fragte Bo begeistert.
„Oceaner sind Maden.“
Abyss lachte. „Maden?“
„Ich glaube, sie meint Nomaden“, warf Sky ein.
„Ja! Sie ließen meine Mami als Wächter von Ocea zurück. Mami war anders, sie wollten Mami nicht dabei haben, weil schwach. Und sie brauchten Wächter für ihre Stadt auf die­sem Planeten. Also ließen sie Mami zurück, zusammen mit zwei anderen unseres Volkes.“
„Deinem Dad?“, fragte Bo.
„Nein. Mein Papa war kein Oceaner. Papa war Land­mensch.“
Gibbli, die gerade aufstehen wollte, um nach unten zu ge­hen, erstarrte überrascht. Dieses Monster war also ein Mensch? Der Erbauer von Cora, der Erbauer dieses U-Bootes, war ein Mensch? Nur nebenbei bekam Gibbli mit, wie Abyss sich neben ihr ans Ende der Rampe setzte.
„Papa wollte Mamis DNA“, sagte die KI.
„Als Schlüssel. Um die Tore Oceas zu öffnen“, folgerte Sky und steuerte das U-Boot ruhig weiter, den Meeresboden ent­lang.
„Ja!“ Cora sprang auf ihrem Sitz lachend in die Luft.
„Und weiter? Was ist dann passiert?“, fragte Bo.
„Mein Papa hat Mami gestohlen“, wisperte Cora jetzt. Und ihr immer grinsendes Gesicht wirkte dabei unheimlich, beinahe brutal.
„Er hat sie entführt?“, fragte Bo entsetzt.
Gibbli lehnte sich zurück an die Wand. Nein, das wollte sie nicht hören! Ihr Blick glitt die Rampe hinunter. Sie könnte ein­fach aufstehen und zurück in den Maschinenraum gehen. Nur dann musste sie an Abyss vorbei, der direkt neben ihr saß. Er schüttelte leicht den Kopf, als hätte er ihre Gedanken erra­ten. Seine Hand schloss sich blitzartig um ihren linken Ober­schenkel. Gibbli zuckte zusammen und alles in ihr schrie, er sollte seine langen Finger da wegnehmen! Sie wollte ihren Arm heben, um ihn wegzudrücken, doch dieser gehorchte ihr nicht und pochte nur schmerzhaft unter den Tüchern. Der Rund­gang hatte ihr die letzten Kräfte geraubt, also blieb sie einfach regungslos und mit wild schlagendem Herzen sitzen.
„Die Wächter wollten Papa nicht reinlassen“, erzählte Cora weiter. „Er wollte oceanische Technologie beherrschen, er wollte sie für Landmenschen verwenden, um Krieg gegen Meermenschen zu gewinnen. Also hat er Mami gestohlen. Mami wollte ihm nicht helfen. Aber er hat gesagt, wenn es sein muss, schleppe ich dich zerfetzt und zerbrochen vor Tore der Stadt!“
„Er hat sie geschlagen“, sagte Bo leise.
„Natürlich“, verkündete das kleine Kind mit nach hinten ge­streckten Schultern. In ihrer Stimme schwang ein Stolz mit, der einen erschaudern ließ.
In Gibblis Gedanken tauchte jetzt sein Gesicht auf. Die ge­meinen, grünen Augen und der schmale Mund. Ihr Herzschlag beschleunigte sich noch mehr. Cora erzählte weiter, doch ihre Stimme klang jetzt ganz fern. Panisch zog Gibbli die Luft ein. Er hielt sie fest! Er tat ihr weh! Er tauchte sie unter! Sie würde ertrinken! Ihre Lungen füllten sich mit diesem verdammten Wasser! Gibbli spürte, wie Abyss‘ Hand sich fester um ihr Bein schloss und es gegen den harten Metallboden drückte. Sein fast schmerzhafter Griff trieb sie in die Realität zurück. Nie­mand der anderen schien etwas davon mitbekommen zu ha­ben.
„… war er beinahe grausamer als Oceaner selbst und ande­re Wächter haben Papa akzeptiert“, sagte Cora gerade. „Mit mir wollte er Mami abhängig machen, weil sie immer wegge­laufen ist.“
Gibbli spürte, dass Abyss sie anstarrte. Und ohne es zu wollen, hob sie langsam den Kopf. Er fühlte sich so schwer an, doch irgendetwas ließ sie nicht stoppen. Dann sah sie in seine eisgrauen Augen und sein Blick bohrte sich in den ihrigen. Se­kundenlang, ohne sich abzuwenden, ohne zu zwinkern, schaute sie ihn an. Dann legte Abyss seine freie Hand an seine Brust, als wollte er ihr etwas mitteilen. Gibbli wandte ihr Ge­sicht ab.
Schwer atmend vernahm sie von Weitem Bo’s Stimme. „Also warst du am Anfang gar keine Maschine?“
„Ich verstehe Frage nicht“, sagte Cora. „Ich bin kaputt ge­gangen. Und dann ist Mami kaputt gegangen und ich habe wieder gelebt. Und am Ende hat oceanische Technologie Papa kaputt gemacht. Er konnte sie nicht richtig beherrschen ohne Mami.“
„Du bist nicht sie. Du bist nicht Mara“, flüsterte Abyss ne­ben ihr eindringlich, ohne dass die anderen es hörten.
Irgendwo in weiter Ferne stellte Bo eine weitere Frage an Cora. Aber Gibbli bekam die Antwort nicht mehr mit. Ihre Au­gen fielen zu und sie merkte noch, wie ihr Atem tiefer wurde, regelmäßiger. Schließlich schlief sie ein.
 
Als Gibbli erwachte, spürte sie einen Arm an ihrem Rücken. Ihr Kopf lehnte an etwas Warmen. Vorsichtig öffnete sie ihre Au­gen einen kleinen Schlitz weit und erkannte, dass sie noch im­mer in der Zentrale saß. Das Licht hatte sich abgedunkelt und nur vereinzelt schwebten ein paar schwach glühende Sonnen­stücke umher. Bei dem warmen Etwas an ihrer Wange han­delte es sich um Abyss‘ nackte Schulter. Sie verschluckte sich fast und ein flaues Gefühl breitete sich in ihr aus. In seinem ärmellosen Hemd saß er neben ihr auf der Rampe und lehnte mit dem Rücken an der Wand. Für eine Sekunde setzte ihr Herz aus und sie erkannte, dass sein langer Mantel vor ihm über dem Geländer hing. Gibbli wagte nicht, sich zu bewegen.
Von irgendwoher aus der Dunkelheit drang Skys ruhige Stimme an ihr Ohr. „… vielleicht hat er Mara ertränkt. Sie ist mit ihrer Tochter gestorben, dann hat er Cora gebaut. Oder er hat Cora umgebracht? Coras Mutter war einer der drei Wächter. Wenn sie starb, gibt es wahrscheinlich keine Nach­kommen in ihrer Linie. Also muss einer der anderen beiden Wächter ein Kind gezeugt haben.“
„Glaubst du sie leben noch? Die Wächter?“, fragte Abyss leise. Wieder wurde Gibbli sich seiner Nähe bewusst und sie unterdrückte den Drang, sofort aufzuspringen.
„Gut möglich. Bo erzählte mir, dass diese Tiefseemenschen ihr das Marahang von den Wächtern stahlen. Und es besitzt noch immer die Kräfte.“
„Kräfte?“, fragte Abyss.
Sky schwieg und Gibbli spürte, dass er überlegte, was er antworten sollte. Dieses Thema war etwas Brisantes, etwas Geheimnisvolles, über das der Kapitän anscheinend etwas wusste, was die anderen nicht wussten.
„Es heilt Wunden von allen Lebewesen in der näheren Um­gebung“, sagte er schließlich. „Ist es dir noch nicht aufgefallen? Um die Mara herum schwirren ungewöhnlich viele Quallen und kleine Fische. Das Marahang zieht sie an, weil es Bo’s Le­benskraft ausstrahlt. Es ist außerdem in der Lage, Bo’s Kraft zu lenken. Natürlich erschöpft es sie ein wenig. Aber die Wun­de an deinem Kopf ist kaum noch zu sehen. Und Gibblis Hand. Das sah nach Verbrennungen 3. Grades aus, nur dann hätte sie vorhin kaum Schmerzen verspürt. Das Marahang hat die Verbrennung abgeschwächt. Es ist in der Lage, irreversible Verletzungen zu heilen. Du wirst sehen, schon morgen wird sie die Finger wieder bewegen können.“
„Das macht Bo wohl zur perfekten Ärztin.“
„Ich schlafe noch ein paar Stunden.“ Gibbli hörte, wie Sky aufstand.
„Sicher werden uns die Wächter nicht freiwillig in die Stadt lassen. Wenn sie erfahren, dass wir das Marahang haben und dieses U-Boot…“
„Es ist zu früh, um darüber nachzudenken. Erst sollten wir überhaupt einmal herausfinden, wo sich Ocea befindet. Ich hoffe, dein Mönch kann uns dabei weiterhelfen.“
„Er…“, Abyss zögerte. „Er wird nicht erfreut sein, mich zu sehn.“
„Solange er dich nicht umbringt, sollte das kein Problem darstellen.“ Skys Schritte entfernten sich.
„Tja. Vielleicht bring ich ja ihn um“, murmelte Abyss, als der Kapitän die Zentrale verlassen hatte.
Einige Minuten vergingen. Noch immer traute sich Gibbli nicht, sich zu rühren. Es stimmte! Die Haut an ihrer Hand un­ter den Tüchern fühlte sich mittlerweile ledrig an und tat kaum noch weh.
„Wir sollten uns auch noch ein wenig hinlegen, was meinst du, Gibbli?“, fragte Abyss plötzlich in die Stille hinein und zog seinen Arm hinter ihrem Rücken hervor.
Gibbli erschrak. Er wusste, dass sie nicht mehr schlief! Wie lange schon? Warum hatte er nichts gesagt? Bevor sie ir­gendetwas tun konnte, stand Abyss schmunzelnd auf, griff nach seinem Mantel und begab sich auf den Weg nach unten in den Maschinenraum. Langsam folgte sie ihm.
 
Früh am Morgen wachte Gibbli in ihrer Hängematte auf. Die kleinen leuchtenden Sonnenstücke, die überall umherflogen, waren dabei sich zu erhellen. Ihr Leuchten folgte dem Tag-Nacht-Zyklus an der jeweilig aktuellen Position des U-Bootes. Abyss schlief noch tief und fest am Boden. Auf Zehenspitzen stieg sie über ihn hinweg und begab sich in das große Bade­zimmer, das sich ganz vorne direkt unter der Zentrale befand.
Einige Baumwurzeln wuchsen von oben herab an den gol­denen Wänden entlang. Gibbli setzte sich an den Rand einer Badewanne und wickelte vorsichtig ihre linke Hand aus den Tüchern. Die komplette Innenfläche hatte jetzt eine dreckig braune Farbe angenommen und war sogar dunkler als die Haut an ihrer Außenseite. Sie versuchte ihre Finger zu bewe­gen. Es fiel ihr schwerer als sonst, doch es klappte und schmerzte auch kaum mehr.
Als sie das Badezimmer etwas später verließ, traf sie auf Bo, die darauf bestand, ihre Verbrennung neu zu verbinden. Gibbli ließ sie machen, auch wenn es eigentlich gar nicht mehr nötig gewesen wäre. Anschließend verabschiedete sich Bo nach oben, während Gibbli nach Cora suchte. Sie fand das goldene Kind im hinteren Bereich der Maschinenräume, in der Nähe des Antriebs. Es jagte gerade ihrem mechanischen Kü­ken hinterher. Gibbli wollte mehr über die kleine KI herausfin­den und bat das Kind, ihre Funktionen zu erklären. Cora ließ sie sogar bereitwillig an ihr herumschrauben und da gab es ei­niges zu entdecken. Das Kind wog knapp eine viertel Tonne und besaß einen Erinnerungs-Chip, der ähnlich dem Langzeit­gedächtnis eines Menschens funktionierte. Außerdem besaß sie verschiedene Programme, die ihre Reaktion und Bewegun­gen bestimmten sowie einen Emotions-Chip, der es Cora er­möglichte zu Lachen, und zwar nur zu Lachen. Auf ihm wa­ren alle möglichen Arten von Lachfunktionen festgelegt, von leichtem Grinsen, bis hin zu hysterischen Lachanfällen. Als Gibbli Cora fragte, warum sie überhaupt gebaut wurde, sah das Kind sie mit ihren großen Kugelaugen an. „Ich bin Kind von Papa. Ich mache Mami glücklich.“
Darüber wollte Gibbli allerdings lieber nicht reden, also hörte sie auf, an ihr herum zu schrauben und ließ sie weiter dem Küken nachjagen.
Plötzlich flammte ein Bild in ihren Gedanken auf. Da be­fand sich jemand im Wasser! Jemand schwamm vorbei, an den goldenen Wänden des U-Bootes. Wasser, hier drin? Im In­neren? Das klang nicht nur schrecklich, sondern war absolut unmöglich. Einfach absurd! Erschrocken drückte Gibbli die Bil­der beiseite.
Gegen Mittag bekam sie Hunger und begab sich nach oben. Sky saß wieder auf dem mittleren der drei Sitze in der vorderen Zentrale und steuerte das U-Boot. Den Blick zu Bo­den gewandt, ging Gibbli wortlos an ihm vorbei. Er ignorierte sie und konzentrierte sich voll und ganz auf die Gerätschaf­ten um ihn herum. Als sie die zwei Konsolenreihen passieren wollte, fiel ihr auf einem der Bildschirme etwas ungewöhnli­ches auf: Da blinkte ein rotes Licht! Gibbli stürzte auf die Kon­sole zu.
„Kacke!“, entfuhr es ihr.
Sie konnte zwar die Schrift nicht entziffern, doch das Schaubild reichte aus, um zu erkennen, was nicht stimmte. Mit geweiteten Augen starrte sie auf das blinkende Lämp­chen. Sky stoppte das U-Boot, ließ die Steuerhebel los und drehte sich dann zu ihr um.
„Was ist los?“, fragte er, als er ihren Gesichtsausdruck be­merkte.
„Das Hangardeck!“ Sie deutete auf die Konsole. „Es steht halb unter Wasser.“
Der Kapitän knurrte genervt, sprang auf und eilte nach oben. Unsicher folgte sie ihm mit einigem Abstand, vorbei an dem goldenen Tisch, die Rampe neben der Küche hoch, durch die Pflanzengalerie und nach hinten zum Hangartor in der oberen Ebene.
Es stellte sich heraus, dass Abyss und Bo das Deck geflu­tet hatten, um ein Wettschwimmen zu veranstalten. Gibbli kam gerade noch rechtzeitig, um sich Skys Moralpredigt an­zuhören über Abyss‘ unverantwortliche Handlungen. Während Bo noch immer fröhlich im Wasser planschte, grummelte Abyss genervt vor sich hin.
„Ich bin der Kapitän und ihr habt mich gefälligst über sol­che Dinge zu informieren!“
„Ach ja? Und ich bin ein sehr ungeduldiger Mann, der keine Lust hat, stundenlang tatenlos herum zu sitzen!“ Abyss‘ Miene nach zu schließen, stand er kurz davor, Sky anzugreifen.
Als der Kapitän ihm den Rücken zuwandte, um eine Kon­sole zu bedienen und das Wasser abzulassen, ballte Abyss eine Hand zur Faust. Dann überlegte er es sich anders und wirbelte herum. Wortlos rauschte er an Gibbli vorbei, dabei lösten sich ein paar Tropfen von Abyss‘ nassen Haaren und klatschten in ihr Gesicht. Mit einem unguten Gefühl blickte sie ihm hinterher. Eines hatte sie inzwischen gelernt: Abyss‘ abstruse Ideen zogen meist weitreichende Folgen nach sich.
 
Den ganzen Tag über herrschte eine angespannte Stimmung im U-Boot. Nur Bo schien den Vorfall längst vergessen zu ha­ben und half Cora beim Pflegen der Pflanzen in der Galerie. Sky saß wieder hinter dem Steuer und es schien ihn nicht zu interessieren, dass Abyss spurlos verschwunden war. Gibbli hatte ihn seit Stunden nicht mehr gesehen und langsam machte sie sich Sorgen.
Grübelnd half sie dem Kapitän bei einigen Systemtests. Die Druckanzeigen der einzelnen Bereiche funktionierten perfekt, ebenso wie die Notversorgung.
„Pass auf“, mahnte Sky sie und riss Gibbli wieder aus den Gedanken daran, wo sich Abyss wohl befand. Sie versuchte ihre Aufmerksamkeit auf die Anzeigen vor sich zu lenken.
Am Nachmittag testeten sie den ‚MARM‘. So taufte Bo das kleine Beiboot der Mara, nach ‚Maras Arm‘. Es handelte sich dabei um den abkoppelbaren Bereich in der hinteren, mittleren Ebene. Sky wollte damit zu diesem Mönch fahren. Er hielt es für klüger, nicht mit dem kompletten Haupt-U-Boot dort aufzutauchen. Während Gibbli die Andockklammern überprüfte, klemmte sie sich fast ihr Bein ein. Der Kapitän zog sie gerade noch rechtzeitig zurück. Der MARM funktionierte tadellos und sie mussten nur ein paar kleinere Anpassungen in den Energieleitungen vornehmen. Nachdem Gibbli gedan­kenversunken die Abdeckung festschraubte, kehrten sie in die Mara zurück.
Während Sky später wieder vorne saß, auf dem mittleren Sitz des U-Bootes und sie weiter ihrem Ziel entgegen steuerte, testete Gibbli noch die Schilde. Sie ertappte sich wieder dabei, an Abyss zu denken. Hatte ihn die Sache mit dem gefluteten Hangar so sehr aufgeregt, dass er niemanden von ihnen mehr sehen wollte?
„Gibbli, es überhitzt. Noch ein paar Sekunden und du rös­test uns die Außenhaut weg“, sagte Sky scharf. Schnell nahm sie Energie vom Schild und leitete sie ab.
 
Als sie abends hinunter in den Maschinenraum stieg, fiel ihr auf, dass eine Handstichsäge nicht mehr in ihrer Werkzeugta­sche steckte. Sie musste sie irgendwo verloren haben. Vielleicht während der Arbeit am MARM. Gibbli würde morgen nach ihr suchen. Bei ihrem Schlafplatz angekommen, stellte sie fest, dass Abyss‘ Koffer ebenfalls fehlte. Das Herz rutschte ihr in die Hose und mit einem unguten Gefühl legte sie sich in ihre Hängematte. Nein, sie würde nicht nach ihm suchen. Er war keine dumme Säge, er war ein erwachsener Mann! Sicher heckte er irgendetwas aus, um ihrem Kapitän das Leben schwer zu machen. Was sollte ihm schon passieren? Ein schrecklicher Gedanke kam ihr in den Sinn. Ja, was sollte ei­nem so leicht provozierbaren Menschen wie ihm passieren? Was würde jemand anstellen, der keine Ahnung von techni­schen Dingen hatte, nicht wusste wie man eine Tauchkapsel steuerte und nicht davor zurückschreckte andere zu verlet­zen? Abyss war ein Mörder! Im nächsten Moment saß sie ker­zengerade in ihrer Hängematte. Sie musste ihn finden! Er wür­de etwas ganz Dummes tun!
Gerade als Gibbli aufstehen wollte, tauchte sein Umriss hinter einer Maschine auf. Grinsend kam er näher und stellte seinen Koffer ab, als wäre er nur mal eben auf der Toilette ge­wesen.
Gibbli fühlte sich erleichtert und wütend zugleich. Er schien guter Laune zu sein, sagte aber nichts. Tausend Gedanken schossen ihr durch den Kopf. Warum sprach er nicht? Erwar­tete Abyss, dass sie etwas sagte? Was sollte sie ihm erzählen? Ignorierte er sie jetzt? Worte? Gleichzeitig wusste Gibbli, dass diese Gedanken dumm waren. Sie benahm sich albern und musste sich unbedingt wieder unter Kontrolle bekommen. Warum war ihr das nur auf einmal so wichtig? Misstrauisch beobachtete sie, wie er langsam seinen Mantel auszog.
Dann sah er Gibbli plötzlich direkt an und sein Grinsen lös­te sich mit einem Schlag in Luft auf. Beschämt richtete sie ih­ren Blick zu Boden, um ihm auszuweichen. Er wirkte auf ein­mal so ernst. Langsam näherte er sich ihr, wie ein Raubtier, das sich an seine Beute anpirscht. Als er sich zu ihr hinunter beugte, lehnte sie sich nach hinten. Sein Gesicht berührte fast das ihre, dann hielt er inne und begann tonlos zu sprechen.
„Hallo Abyss. Hallo Gibbli. Wo warst du Abyss? Ich war Spaß haben. Ich hab dich vermisst, Abyss. Freut mich zu hö­ren, Gibbli. Abyss, bringst du mir bei, wie man tanzt? Das mach ich doch gerne, Gibbli.“
Einen Moment herrschte Stille, dann konnte sie es nicht mehr zurück halten und lachte kurz auf.
„Ich mag es, wenn du das tust“, sagte Abyss, wandte sich von ihr ab und machte es sich auf seiner Decke bequem.
„Hast du Sky getötet?“, fragte Gibbli und ließ sich zurück in die Hängematte fallen.
Jetzt grinste er wieder. „Du denkst zu viel, Gibbli. Fang endlich an zu leben!“

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Kapitel 13: Schreckliche Erinnerungen (Bis in die tiefsten Ozeane)

Sie saßen alle beisammen in der Zentrale. Bo hatte mit Coras Hilfe ein leckeres Essen gezaubert. Sky schien nicht gerade glücklich darüber, dass die beiden alles auf dem runden Tisch abgestellt hatten, der graviert war mit vielen oceanischen Schriftzeichen und Symbolen. Er sagte jedoch nichts dazu. Es gab honigfarbene Kartoffeln, knusprig gebratenen Fisch von draußen und sogar frisches Gemüse.
„Ich habe es von der Galerie. Hier wächst wirklich alles“, rief Bo begeistert.
Sky hatte während seines kleinen Ausflugs einen Informa­tionszylinder besorgt, der Daten über verschiedene essbare Pflanzen und Früchte enthielt. Misstrauisch untersuchte Gibb­li einen khakifarbenen Brocken auf ihrer Gabel und biss dann hinein. Er schmeckte saftig und ein wenig süß.
Trotz den lachenden und auch ein wenig gezwungen klin­genden Bemerkungen von Bo, stieg niemand in das Gespräch mit ein und so verbrachten sie den größten Teil des Essens schweigend. Aber es tat gut. Zum ersten Mal seit langem, fühlte sich Gibbli wieder richtig satt.
„Was ist da drin?“, fragte Bo, als sie fertig waren und deu­tete auf eine etwas dunklere Kiste mit Rädern unten dran, die neben vielen anderen Kisten vor der Küche stand. „Ich hab sie nicht aufbekommen.“
Gibbli realisierte, dass sie das Ding schon einmal gesehen hatte. Damals, in der Rettungskapsel in der Akademie, als sie vor den Soldaten geflüchtet war.
„Die Leiche meiner Tochter“, sagte Sky emotionslos und stand auf.
„Sehr witzig“, murmelte Abyss düster.
„Meine Angelegenheiten gehen euch einen Scheißdreck an.“
„Scheißdreck“, äffte Cora ihn nach.
„Entschuldigt diese Worte. Ich bin es nicht gewohnt, dass man so mit mir spricht.“ Die anderen sahen zu, wie ihr Kapitän zufrieden die Kiste zu einer Tür schob, die aus der Zentrale in sein Zimmer führte.
 
Während Abyss das Ocea-Buch von Bo durchblätterte, räum­ten die anderen den Tisch ab.
„Etwas gefunden?“, fragte Sky nach ein paar Minuten und setzte sich zu ihm.
„Nein“, antwortete er knapp.
„Geht das auch ausführlicher?“
„Nein.“ Abyss blickte ihn böse an.
„Abyss!“
„Ich kenn dieses Buch. Der Mönch, der mich aufnahm, be­sitzt auch so ein Teil. Er ist besessen von diesen alten Ge­schichten. Damals hat er es mir übersetzt, damit ich die Spra­che lernen konnte.“
„Sieh an, du bist also doch nicht der einzige, der oceanisch beherrscht“, sagte Sky interessiert. Gibbli beobachtete ihn, als er die Karte hervorholte. Die Metallscheibe glänzte golden in seinen Händen.
„Glaub mir, den Typen willst du nicht an Bord haben“, mur­melte Abyss. „Es überrascht dich vielleicht, aber ein großer Teil in diesem Buch ist gar nicht auf oceanisch. Viele Texte da drin wurden in der Sprache der Tiefseemenschen verfasst.“
„Also könnte der Autor ein Tiefseemensch gewesen sein?“
„Das bringt uns nicht weiter.“ Abyss schlug auf eine Taste und schaltete das Buch aus. „Hier drin stehen allgemeine Techniken über Ocea. Informationen über verschiedenste Le­bewesen. Aber nichts über dieses U-Boot.“
Bo schnappte sich das Buch und ihre Hände umklammer­ten die runde Platte, als würde sie es ungern wieder hergeben. Gibbli wusste, dass es ihr viel bedeutete.
„Dann versuchen wir es einfach selbst.“ Sky legte die Karte in die Einkerbung in der Mitte des Tisches. Sie passte perfekt hinein, aber nichts passierte. „Gegen den Uhrzeigersinn, rich­tig?“, fragte er und Gibbli nickte. Doch auch, als er versuchte die Karte zu bewegen, blieb alles still. „Ich kriege sie nicht ein­mal mehr heraus.“
„Kann Cora nicht-“
„Cora hat keine Ahnung von all dem hier, sie ist eine dum­me kleine Göre“, unterbrach Abyss Bo’s Worte.
„Dumme Göre“, wiederholte Cora grinsend.
Sky wandte sich Bo zu. „Du hast die Karte schon benutzt, als du das Hangartor geöffnet hast. Versuche es noch ein­mal.“
Sie nickte, trat nach vorne und legte ihr Buch vorsichtig zur Seite. Das Gold des Tisches schien sich leicht auf ihrer bläuli­chen Haut zu spiegeln. Als Bo versuchte den Mechanismus zu drehen, glühte unter der Kleidung an ihrer Brust etwas schwach auf. Angestrengt schob sie an der Kartenoberfläche.
„Geht nicht“, sagte Bo dann enttäuscht. Die Scheibe hatte sich nicht einen Millimeter bewegt.
„Gibbli, dein Job“, befahl Sky schließlich.
Gibbli blickte auf. Ihr fiel ein, was Abyss über ihre DNA ge­sagt hatte. Nervös begann sie auf ihren Lippen zu kauen und fühlte sich noch schwächer als sonst. Was, wenn sie es nicht schaffte? Als ihr bewusst wurde, dass alle sie anstarrten, wag­te sie langsam einen Schritt nach vorne. Sie beugte sich über den Tisch zur Mitte und legte ihre linke Hand auf die runde Scheibe. Das Metall fühlte sich warm an. Dann begann plötz­lich der ganze Tisch aufzuglühen.
Gibbli wollte zurückweichen, doch Sky schüttelte den Kopf. „Weiter.“
Sie spürte, wie sich das Metall unter ihren Fingern langsam erhitzte. Gibbli erinnerte sich, dass ihr dies schon bei einigen Geräten im verbotenen Archiv passiert war. Teile, die sie be­rührt hatte, waren auf einmal so heiß geworden, dass sie sich fast daran verbrannt hatte. Ihr Atem beschleunigte sich.
„Drehe sie“, forderte Sky.
Mit zitterndem Arm schob Gibbli an der Scheibe. Sie gab nach und begann sich ganz langsam zu drehen. Das Metall brannte an ihrer Handfläche und kleine Rauchschwaden stie­gen auf.
„Aufhören!“, rief Abyss dazwischen.
„Nein“, sagte Gibbli, über sich selbst überrascht.
Ihre Begeisterung für diese Technologie war wieder er­wacht. Es funktionierte! Sie achtete nicht auf den Schmerz und schob so fest es ging, um die Drehung endlich zu Ende zu bringen. Gibbli bemerkte kaum, dass Bo rennend den Raum verlassen hatte. Sie bekam kaum mit, wie Cora neben ihr be­gann, aufgeregt auf und ab zu hüpfen. Sie nahm auch kaum wahr, wie Abyss mit sich rang, ob er sie packen und vom Tisch wegziehen sollte. Mit schmerzverzerrtem Gesicht drückte Gibbli die Scheibe weiter. Nur noch ein kleines Stück! Plötzlich spürte sie Angst aufkeimen und ein Gedanke kroch ihr in den Kopf, wie ein Parasit, der nur darauf gewartet hatte, ihn zu er­obern. Sie würde es nicht schaffen! Das Brennen breitete sich aus, weiter den Arm entlang, bis in ihre linke Schulter.
„Ich spüre meine Finger nicht mehr“, hörte sich Gibbli flüs­tern, aber sie wollte nicht zurückweichen.
Sky packte abrupt ihren Arm und drückte ihre Hand noch fester auf das glühende Metall. Und ehe Abyss ihn aufhalten konnte, brachte er die Drehung zu Ende. Abyss wurde nach hinten gerissen und fiel zu Boden. Sogar die tonnenschwere Cora wich ein Stück zurück. Die Karte rastete ein und Gibbli spürte einen Sog durch ihren ganzen Körper hindurch, der sie mit der Scheibe verband. Als Sky sie wegriss, wurde ihr kurz schwarz vor Augen. Gibbli schwankte. Seine stützende Hand an ihrer Schulter spürte sie fast gar nicht. Ihr linker Arm fühlte sich an, als hätte ihn jemand abgeschlagen.
Bo kam von oben herunter gerannt mit Tüchern und einem Eimer, gefüllt mit einer strahlend türkisen Flüssigkeit. „Hier rein“, rief sie und warf ein paar Blüten in die Lösung.
Gibbli spürte, wie Sky ihren Arm hob und in den Eimer tauchte. Sofort begann ihr Blick wieder klarer zu werden. Die Schmerzen ließen ein wenig nach und ihr ganzer Arm wurde taub. Dann lenkte sie ein brizzelndes Geräusch ab und sie wandten ihre Köpfe dem Tisch zu, über den sich kleine Blitze ausbreiteten. Ausgehend von der Mitte zuckten sie über die runde Fläche bis an den Rand. Die Metallscheibe in der Mitte begann zu sinken und teilte sich überraschend auf. Alle wi­chen zurück, als der Tisch auseinander stob und sich öffnete. Fasziniert betrachtete Gibbli die durchsichtige Kugel, die von unten heraus hoch fuhr und dann in der Mitte des Tisches zum Stillstand gelangte. Weiße Nebelschwaden bewegten sich in ihrem Inneren. Gibbli schätzte ihren Durchmesser auf knapp zwei Meter.
Sky ging langsam um die Kugel herum.
„Warum?“, fragte Gibbli leise und starrte auf das durch­sichtige Ding, während Bo kalte Tücher um ihren Arm wickel­te. Warum hatte es bei ihr funktioniert?
„Also ist es wahr. Du kannst diese Technologie steuern. Ich bin oft mit oceanischen Geräten in Kontakt gekommen. Meis­tens passierte absolut gar nichts, wenn ich sie berührte“, sagte Sky.
„Viel Zeug der oceanischen Technologie lässt sich nur durch die richtige DNA steuern. Die DNA eines Oceaners. Das steht in diesem Buch“, erklärte Abyss.
„Gut, dass die Steuerung dieses U-Bootes nicht dieser Be­schränkung unterliegt. Einiges hier an Bord scheint auf Men­schen ausgerichtet zu sein.“
„Die Menge der DNA ist entscheidend. Für manche Geräte braucht es mehr, für manche weniger“, sagte Abyss mit ver­schränkten Armen.
So ein Unsinn, dachte Gibbli. Sie war ein Mensch! Ein stink-normaler Landmensch! Oder konnte es sein, dass einer ihrer Vorfahren ein Oceaner gewesen war? Am liebsten hätte sie ihre Eltern gefragt, nur in ihrer gegenwärtigen Situation schien es sicher keine gute Idee zu sein, ihnen unter die Augen zu treten. Wenn sie erfuhren, dass sie nicht entführt, sondern so­gar von sich aus abgehauen war, würde ihr Vater ausrasten!
Sky legte seine Hand auf die Kugel. „So zerstörerisch. Kein Wunder, dass sie verboten wurde. Sie ist gefährlich. Sowohl für denjenigen der sie benutzt, als auch für denjenigen gegen den sie eingesetzt wird. Berühre sie, Gibbli.“ Auffordernd sah er sie an.
„Nein!“ Abyss warf ihm einen drohenden Blick zu. „Hör auf unsere Technikerin zu grillen!“
Zu spät. Gibbli konnte gar nicht anders. Sie fühlte sich von der Kugel angezogen und ohne zu zögern, hatte sie automa­tisch ihren noch heilen Arm ausgestreckt, um die Oberfläche zu berühren.
„Sie ist eiskalt“, flüsterte sie. Milchiger Nebel begann sich im Inneren zu bewegen und schien langsam ein Bild zu formen. Er wurde immer dichter und plötzlich starrte ihr das wütende Gesicht ihres Vaters entgegen. „Vater!“
„Fischkopf!“, rief das kleine goldene Kind im selben Augen­blick und zeigte auf den Mann in der Kugel.
Erschrocken wich Gibbli zurück. Sofort verschwand das Bild und der Nebel verteilte sich wieder in der Kugel. „Ich hab eben noch an ihn gedacht!“, sagte sie fassungslos.
„Heißt das, diese Kugel zeigt Gedanken?“, fragte Bo.
Ein panisches Kribbeln durchfuhr Gibbli. Ihre Gedanken ge­hörten ihr allein! Niemand durfte sie sehen! Niemand hatte das Recht dazu! Ihre rechte Hand zur Faust geballt, trat sie weiter zurück. Sie spürte, wie langsam die Betäubung der tür­kisen Flüssigkeit nachließ und ihre linke Hand zu stechen be­gann.
Sky kam hinter der Kugel hervor. „Gibbli, ich möchte, dass du die Kugel berührst und dir vorstellst, wo wir uns gerade be­finden.“
Sie schüttelte langsam den Kopf.
„Das war ein Befehl!“ sagte Sky nachdrücklich.
Zögernd trat Gibbli wieder näher. Sie blickte kurz zu Abyss, der ebenfalls nicht begeistert davon schien. Doch er hielt sie nicht auf.
Dann berührte ihre rechte Hand erneut die Kugel. Behut­sam, als könnte sie jeden Moment brechen. Gibbli versuchte nicht mehr an ihre Eltern zu denken und konzentrierte sich auf den Ort, wo sie sich befanden. Der Nebel wirbelte herum und setzte sich langsam wieder zu einem Bild zusammen. Er formte sich zu einem goldenen Gebilde, das einem liegenden Ei ähnlich sah. Ihr U-Boot! An der Seite konnte Gibbli eine Aufschrift in oceanischen Buchstaben erkennen.
„Mara“, übersetzte Abyss die Schriftzeichen.
„Mami!“, rief Cora aufgeregt dazwischen.
Das U-Boot schwebte im dunklen Riss knapp über dem Meeresboden.
„Es funktioniert!“, rief Bo begeistert.
Sky lächelte. „Und jetzt geh weiter weg. Lasse es kleiner werden.“
Gibbli versuchte sich von dem Bild des U-Bootes in Gedan­ken zu entfernen und der Nebel in der Kugel veränderte sich. Das goldene Ei wurde kleiner. Irgendwann erschien der Mee­resgrund am oberen Rand des Grabens und winzig klein tauchte die erste Stadt auf. Noko. Je weiter sie sich in Gedan­ken entfernte, desto schwieriger wurde es für Gibbli, sich darauf zu konzentrieren.
Abyss schien zu merken, dass es ihr nicht leicht fiel. „Er­hitzt sich die Kugel?“, fragte er.
Gibbli schüttelte leicht den Kopf. Die Kugel fühlte sich nicht mehr eiskalt an, aber auch nicht richtig warm.
„Ich will, dass du mitsprichst, wie du dich fühlst! So was wie vorhin darf nicht noch mal passieren“, sagte Abyss in scharfem Ton.
Gibbli konzentrierte sich stärker und immer mehr Städte tauchten auf, wurden kleiner, bis schließlich fast das gesamte Landmenschengebiet in der Kugel erschien. Sie spürte, wie der Schmerz in ihrer linken Hand immer mehr zurück kehrte und der Nebel flackerte kurz.
„Mach den Mund auf!“, rief Abyss laut.
Doch auszusprechen, was sie fühlte, traute sich Gibbli nicht. Erneut verschwamm das Bild. Sie hatte Angst vor dieser Kugel, weil dieses Ding ihre Gedanken zeigte.
„Meine linke Hand tut nur weh, ich bin okay“, sagte sie, versucht keine Schwäche zu zeigen, so wie es auf der Akade­mie erwartet wurde. Gibbli konzentrierte sich und das Bild im Nebel wurde wieder schärfer.
„Noch weiter weg“, forderte Sky sie auf.
Das Gebiet in der Kugel wurde kleiner. Unbekannte Orte erschienen. Gebiete, die viel weiter im Meer lagen, viel tiefer, als sie je ein Landmensch zuvor erblickt hatte. Da gab es Städte von den Hochseemenschen. Exotische Bauwerke aus verschiedenen Felsformationen. Und dann erschienen noch tiefere Bereiche. Bereiche, in denen nur Tiefseemenschen über­leben konnten. Bereich, die offensichtlich vollkommene Schwärze umgab. Gibblis Kopf begann zu schmerzen.
„Sehr gut! Diese Karte zeigt Orte, von denen du gar nichts wissen kannst!“, rief Sky begeistert.
Auch Abyss schien beeindruckt. Bo betrachtete die Karte mit offenem Mund. Angestrengt versuchte Gibbli das Bild zu halten. Sie fühlte, dass irgendetwas sich ihr entgegensetzte. Sie erinnerte sich an Abyss‘ Aufforderung mitzusprechen und sagte laut: „Da ist eine Art Widerstand. Kann… es nicht mehr lange halten!“
„Du machst das gut, Gibbli“, versuchte Sky sie zu motivie­ren. „Noch ein letzter Versuch. Stelle dir folgende Frage: Wo liegt die Stadt Ocea?“
Wieder zuckte ein stechender Schmerz durch ihren Kopf. Ihr Herz begann schneller zu pochen, als sie all ihre übrige Kraft in die Gedanken dieser Frage steckte. Der Nebel in der Kugel fing an, kleine Wellen zu schlagen, schien ein Bild for­men zu wollen, tat es aber nicht und Gibbli spürte, dass etwas nicht stimmte. Der Schmerz in ihrer linken Hand wurde immer stärker und ihre rechte Hand fühlte sich an wie festgeklebt. Überstürzt durchschwemmten plötzlich andere Gedanken ih­ren Kopf. Gedanken an ihre Alpträume.
„Nein!“, schrie sie verzweifelt und versuchte sie zu verdrän­gen.
Die anderen durften es nicht sehen! Der Nebel in der Kugel wirbelte herum. Da war Wasser! Viel zu viel Wasser! Gibbli versuchte panisch ihre Hand wegzuziehen. Es klappte nicht. Kurz formten sich die Nebelschwaden zu einer kleinen Gestalt mit weit aufgerissenen Augen, die denen des goldenen Kindes gar nicht so unähnlich waren und dann zu einem Mann. Sie befand sich wieder im Körper der Frau aus ihren Träumen, sei­ner Frau. Und Gibbli zuckte zusammen vor Pein, der durch sie hindurch raste. Das war er! Er sollte weg! Dieser grausame Mann durfte das nicht!
„WEG!“, schrie Gibbli, schnappte panisch nach Luft und kippte beinahe nach hinten, doch ihre Hand blieb fest an der Kugel. Sie spürte, wie Wasser in ihre Lungen drang, nahm die Kugel kaum noch war. Ein zweiter Ruf bohrte sich in ihre Oh­ren und drohte ihren Kopf zu zerreißen.
„Papa!“ Cora deutete breit grinsend auf die Kugel. „Papa! Papa! Papa!“
Große Hände packten Gibbli grob an den Schultern und rissen sie nach hinten. Ihre Hand löste sich von der durchsich­tigen Oberfläche. Der Mann aus ihren Träumen verschwand und sofort ließ auch der Schmerz in ihrem Körper nach. Nur noch ihr linker Arm brannte unter den Tüchern. Heftig atmend wurden ihr die Gesichter der anderen bewusst. Bo sah besorgt aus, während Sky nachdenklich auf sie herabblickte. Cora stand neben ihm, wie immer breit grinsend. Gibbli fragte sich, wo Abyss war, bis ihr klar wurde, dass sie in seinen Armen lag. Abyss hatte sie von der Kugel weggerissen und aufgefangen.
„Lass mich los!“, rief sie, wand sich aus seinem Griff, sprang auf und rannte davon. Gibbli hastete nach vorne zu den Schaltpulten, stolperte fast und lief dann die Rampe hinunter in den Maschinenraum.
 
Ihn so wirklich gesehen zu haben, nicht nur in ihren Träumen, sondern in echt, in dieser Kugel, ließ erneut Panik in ihr auf­steigen. Sie lief nicht zu ihrer Hängematte, wo Abyss sie sofort gefunden hätte, sondern in einen anderen Abschnitt. Noch immer schnell atmend, sank sie an einer Wand nieder. Nie­mand war ihr gefolgt.
Ihre linke Hand pochte und Gibbli wunderte sich, dass sie ihre Finger überhaupt noch spürte. Ihr Arm fühlte sich an, als stände er kurz davor abzufallen. Bo’s Betäubung war beinahe vollkommen verschwunden. Nach ein paar Minuten schaffte sie es, wieder regelmäßig zu atmen.
Gibbli hatte sich schon fast wieder beruhigt, als eine halbe Stunde später das Geräusch von näher kommenden Schritten in ihr Ohr drang. Sofort fing ihr Herz an, wild zu klopfen. Sie wollte nicht reden, mit niemandem! Schnell konzentrierte sie ihre Gedanken auf die herumfliegenden Sonnenstücke, die so­fort erloschen. Mit einem Schlag wurde es stockdunkel. Es gab also doch Vorteile, diese Technologie zu beherrschen. Aber trotz der völligen Abwesenheit von Licht kamen die Schritte unaufhaltsam näher.
„Du kannst dich nicht vor mir verstecken“, hallte Skys Stimme durch den Raum.
Gibbli drückte sich in eine Ecke an der Seite einer Maschi­ne. Vergeblich.
„Ich sehe dich.“ Skys Kampfstiefel machten ‚Klonk Klonk Klonk‘ und waren nur noch ein paar Schritte von ihr entfernt.
Schließlich hielt er direkt vor ihr an.
„Implantate“, sagte der Kapitän leise und setzte sich den Geräuschen nach zu urteilen vor sie auf den Boden. Also han­delte es sich bei seinen schwarzen Augen nicht nur um einen Sehersatz. Gibbli fragte sich, ob er diese Implantate schon immer trug. Wie hatte er wohl seine Augen verloren? Aber sie stellte die Frage nicht laut.
„Das hat auch etwas Gutes“, sagte er nach einer Weile. „So lange ich bei dir bin, brauchst du die Dunkelheit nicht zu fürchten.“
„Ich fürchte die Dunkelheit nicht“, flüsterte Gibbli und be­reute es sofort. Sie wollte eigentlich gar nichts sagen. Doch ohne Licht fiel es ihr leichter zu reden.
„Aber vor dem Wasser hast du Angst.“
Gibbli schwieg.
„Siehst du diesen Mann, wenn du tauchst?“, fragte er wei­ter.
Ihr Atem beschleunigte sich und ein Kribbeln breitete sich in ihrem Bauch aus. Wenn sie tauchte. Wenn sie schlief. Wenn sie träumte. Immer! Sie sah ihn nicht nur, sie erinnerte sich an ihn, was er ihr, was er seiner Frau antat, als hätte sie es selbst erlebt. Gibbli versuchte die schrecklichen Bilder in ihrem Kopf zu verdrängen.
„Er ist böse! Er ist abgrundtief böse!“, schrie sie panisch auf.
„Das ist er. Nur dieser Mann ist seit vielen Jahren tot. Und weißt du, Abyss ist ebenfalls kein guter Mensch“, entgegnete Sky. „Dennoch kannst du Gift darauf nehmen, dass er in ein paar Minuten hier auftauchen wird. Sicher denkt er ich zer­fleische dich.“
Gibbli zuckte entsetzt zusammen und drückte sich weiter in die Ecke. Würde er sie wirklich zerfleischen?
Sky lachte auf. „Auch wenn du es vielleicht nicht glaubst, ich bin ein guter Kapitän. Ich achte auf meine Leute. Niemand an Bord wird dir unter meinem Kommando so etwas antun.“
Schmerzlich erinnerte sie ihre pochende Hand daran, dass er sie auf die Scheibe gedrückt hatte. Aber wollte sie das nicht auch selbst? Gibbli wollte diese Scheibe drehen! Er hatte sie nur dabei unterstützt.
„Ich verlange viel von meinen Leuten. Meine Erwartungen an euch sind hoch. Dennoch sorge ich dafür, dass ihr am Le­ben bleibt. Das, was du bei der Kugel geleistet hast, war gute Arbeit.“
Überrascht atmete Gibbli ein. Hatte er sie soeben tatsäch­lich gelobt? Der ehemalige Flottenführer war der Meinung, sie leistete gute Arbeit? Sofort fühlte sie sich etwas besser.
„Ich denke, dass du von einem Oceaner abstammst. Das ist die einzig mögliche Erklärung dafür, dass du diese Technolo­gie teilweise steuern kannst. Ich verstehe nur nicht, warum du diesen Mann siehst. Wie es scheint, ist er Coras Vater. Der Er­bauer dieses U-Bootes.“
Wenn das der Wahrheit entsprach, handelte es sich bei dem Vater der KI um eine kranke Bestie! Warum sah sie ihn immer wieder? Warum fand sie sich immer wieder im Körper dieser Frau, seiner Frau, wieder? Gibbli begann zu zittern. Sky schien es zu bemerken.
„Bo hat gut mitgedacht. Sie hat es sofort begriffen, das mit deiner Hand“, versuchte er sie abzulenken.
Und Gibblis Gedanken schweiften zu Bo. Die Frau mit der bläulichen Haut, in deren Körper sie ebenfalls mehrmals einge­taucht war. Sie hatte alles miterlebt, was um Bo herum pas­sierte. „Warum war ich in Bo?“ Nach einer Weile wurde ihr klar, dass sie diesen Satz laut ausgesprochen hatte.
Sky schwieg. Er schien nachzudenken, doch Gibbli sah ihn in der Dunkelheit nicht. Dann begann er langsam zu sprechen: „Bo besitzt etwas, das sich Marahang nennt. Ich vermute, dass sich in diesem Marahang die DNA eines Oceaners befindet. Das würde auch erklären, warum Bo im Stande war, den Hangar mit der Karte zu öffnen. Es könnte sich dabei um DNA deiner Vorfahren handeln.“
Das war die Verbindung! Das Marahang! Sam hatte es um den Hals hängen, als Gibbli in ihren Körper geschlüpft war. Und jetzt befand es sich in Bo. Dieses U-Boot trug den Na­men Mara. Cora hatte es als Mami betitelt. Der Mann, den sie immer wieder sah, war also Coras Erbauer. Dies alles schien irgendwie miteinander verbunden zu sein. Gibbli zuckte wieder zusammen. Sie wollte nicht mehr an diesen Mann denken! Ihre Kehle fühlte sich auf einmal wie zugeschnürt an. Bildete sie es sich nur ein oder war der Sauerstoffgehalt plötzlich ge­sunken? Sie schnappte nervös nach Luft.
„Abyss hat von einem Mönch erzählt. Von ihm lernte er oceanisch“, wechselte Sky abrupt das Thema. „Dieser Mönch ist ein Historiker. Er kennt die Geschichte der Oceaner besser als jeder andere und weiß angeblich von alten Legenden. Er lebt abgeschieden im Gebiet der Hochseemenschen. Mir ist klar, dass wir so nicht weiter kommen. Also werden wir zu ihm fahren und ihn um Rat bitten.“
Gibbli schwieg. Langsam beruhigte sie sich wieder. Das be­deutete, sie musste vorerst nicht mehr diese unheimliche Kugel berühren.
„Gibbli, du sollst eins wissen. Ich brauche dich. Ich brauche deine Fähigkeiten. Du hast es selbst erlebt, diese Kugel hätten wir ohne dich nie aktivieren können. Du bist 14 Jahre alt und hast Dinge gesehen, die man in deinem Alter nicht sehen soll­te. Dinge, die nie irgendjemand sehen sollte. Ich bin bereit, dich als vollwertiges Mitglied der Crew zu akzeptieren. Das bedeu­tet aber auch, dass ich dich nicht behandeln werde wie ein Kind. Gibbli, du musst tauchen lernen! Ich bestehe darauf! Das ist mir sehr wichtig, klar?“
Sofort kauerte sie wieder zitternd in der Ecke. Ihr Magen verkrampfte sich und ihre Gedanken schienen wie leer gefegt.
„Weißt du… du wärst jetzt im gleichen Alter wie meine Tochter, wenn sie nicht-“, er brach ab.
Hinter ihm tauchte ein schwacher Lichtpunkt auf. Eine große Hand warf den Punkt nach vorne, wo er mitten in der Luft schweben blieb und düstere Schatten in Abyss‘ Gesicht warf. Er hatte eines der Sonnenstücke von oben eingefangen und mitgenommen.
Mit einem ‚Hab ich es dir nicht gesagt?‘-Gesicht stand Sky auf. Ohne Abyss auch nur anzusehen, schritt er wortlos an ihm vorbei und verließ den Maschinenraum.
Abyss setzte sich neben sie, lehnte seinen Kopf an die Wand und wartete, bis Gibbli sich etwas beruhigte. Sie fühlte, dass er ihr am liebsten tausend Fragen gestellt hätte. Doch er schwieg. Nach einer Weile spürte sie einen leichten Auftrieb. Offensichtlich hatte Sky das U-Boot in Bewegung gesetzt. Abyss zog sich hoch.
„Ich finde, wir sollten mehr über dieses Boot herausfinden. Was hältst du von einem Rundgang?“, fragte er und streckte ihr seinen Arm entgegen.
Unsicher blickte sie seine Hand an. Lieber wäre sie jetzt al­lein gewesen, aber Gibbli wusste, wie Abyss darauf reagieren würde. In einem Augenblick verhielt er sich nett, im nächsten könnte seine unberechenbare Laune schon umschwenken.
„Was ist? Bist du eingeschlafen?“
Misstrauisch umschloss sie seine Hand und er zog sie mit einem Ruck hoch. Schnell ließ sie ihn wieder los. Abyss lächel­te zufrieden. Dann machten sie sich auf den Weg.

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Kapitel 12: Machtkampf (Bis in die tiefsten Ozeane)

Abyss hatte vor wenigen Sekunden das Bewusstsein wiederer­langt und saß auf einer der beiden Liegeflächen in einem hell erleuchteten Raum. Sie befanden sich in der obersten der drei Ebenen des U-Bootes.
An einer Wand reihten sich mehrere Regale und medizini­sche Instrumente. Die gegenüber liegende Wand lag an der Außenseite, an der auch eine Öffnung in ein angrenzendes Zimmer führte. Über die beiden Räume verteilt, erstreckte sich ein großes, rundes Fenster. Sie steckten noch immer im Mee­resboden fest. Der untere Fensterbereich war mit Sand be­deckt, während der obere unzählige kleine Organismen zeigte, die von der U-Boot Beleuchtung angezogen im Wasser um­hertrieben.
„Halt still“, mahnte Bo, während sie die Wunde an seiner Stirn desinfizierte. „Sky wird böse, wenn du wieder umkippst und Dellen in sein U-Boot haust.“
Abyss schnaubte und murmelte etwas in einer Sprache, die Bo noch nie gehört hatte. Aber sie war sich sicher, dass es sich um einen wahnsinnig schlimmen Fluch handelte.
„Wie lang war ich bewusstlos?“
„Nicht lange“, sagte Bo. „Es war aber gar nicht so einfach, dich hier her zu bringen. Das goldene Kind hat mir geholfen, sie ist so stark! Du hast viel Blut verloren. Eigentlich rechnete ich nicht damit, dass du heute noch aufwachst. Das ist ko­misch, deine Wunde ist sogar schon etwas zugeheilt. Ich muss nur noch drei Stiche machen.“
Sie erhob eine Nadel. Neben ihr stand das kleine Kind, breit grinsend und ahmte sie nach. Während Bo an Abyss herum­dokterte, stachen die goldenen Finger des Mädchens mit einer imaginären Nadel durch die Luft. Ihre Augen standen dabei weit offen und blinzelten kein einziges Mal, als würde sie per­manent überrascht dreinschauen.
„Wer ist das?“, fragte Abyss.
„Sie ist so lustig, ihr Mund hört gar nicht auf zu grinsen! Sie ist das einzige lebende Wesen an Bord. Also bis auf die Pflan­zen. Und das Roboküken natürlich. Aber Gibbli sagt, dass das Kind eine Maschine sei. Und das Küken, das auf ihrem Kopf sitzt, auch“, sagte Bo und konzentrierte sich dann wieder auf seine Wunde. Sie durfte wirklich eine echte Wunde vernähen! So etwas wollte sie schon immer einmal machen!
„Eine Kind KI? Ahh! Verdammt, pass doch auf!“
„Tut mir Leid, ich nähe zum ersten Mal“, sagte Bo glücklich und setzte zu einem neuen Stich an. „Keine Sorge, ich wuchs in einem Krankenhaus auf und habe dort viel gelernt. Nach 41 Jahren weiß ich wie das geht“, fügte sie hinzu, als sie seinen empörten Gesichtsausdruck wahrnahm.
„Und was treibt diese Blechbüchse so?“, fragte Abyss und klopfte gegen den Schädel des goldenen Kindes. Es schien der KI nichts auszumachen. Grinsend ahmte sie seine Bewe­gungen nach.
„Wir hatten gehofft, du könntest mit ihr kommunizieren. Sky meinte, sie redet oceanisch, aber er versteht kaum ein Wort davon. So, fertig.“
Bo legte die Nadel in ein Becken und beobachtete dann neugierig das goldene Kind. Abyss fing an, mit der KI zu reden. Die Stimme der Kleinen klang hell und klar. Obwohl Bo die Bedeutung der Laute nicht begriff, wirkten sie aus dem Mund des Mädchens sehr deutlich und perfekt geformt. Auch Abyss‘ Worte klangen faszinierend und so wunderschön fremdartig, dass Bo sich wünschte, diese Sprache auch zu be­herrschen. Die ersten Sätze sprach er noch vorsichtig, dann wurde seine Stimme mürrischer. Schließlich verschränkte das goldene Kind die Arme, jetzt nur noch leicht grinsend. Es drehte sich ruckartig um und verließ den Raum in das angren­zende Zimmer.
„Hast du sie etwa beleidigt?“, fragte Bo sofort.
„Diese drecks KI hat an meinen Haaren herumgenörgelt“, maulte Abyss und versuchte aufzustehen.
Bo half ihm hoch. „Hä? Warum das denn?“
„Sind ihr zu unordentlich. Das Maschinenkind ist so dumm wie es aussieht.“
„Aber sie sieht gar nicht dumm aus. Oder meinst du wegen ihrem Alter? Sie ist eben ein Kind, oder? Für einen Landmen­schen sieht sie nicht älter als 7 Jahre aus. Jetzt erzähl schon! Was sagte sie noch? Ist sie ein Avatar vom U-Boot?“ Bo sah ihn ungeduldig an. Sie hatte noch so viele Fragen!
„Sie sagte, sie bezieht Energie vom U-Boot, ist aber ansons­ten nicht mit ihm verbunden. Sie heißt Cora und redet wie ein verwöhnter Kackhaufen, der an allem was auszusetzen hat. Du bist ihr übrigens zu blau. Ach und sie fragt, ob wir hier sind, um sie nach Hause zu bringen.“
„Haha! Sie sollte mich mal im Wasser sehen, da wird meine Haut noch blauer! Bringen wir Cora nach Hause? Sie kommt aus Ocea richtig? Sind alle Oceaner golden? Denkst du, wir finden Ocea? Und was hast du ihr gesagt?“
„Nachdem ich ihr auf charmante Weise klar gemacht habe, dass meine Haare perfekt aussehen, hat sie nichts mehr gesagt“, meinte Abyss grimmig. „Wo sind eigentlich die ande­ren?“
Bo deutete auf eine kreisförmige Tür, während ihr Magen laut grummelte. Sie hatte den ganzen Tag noch nichts geges­sen. „Unten in der Zentrale. Neben der Zentrale gibt es eine kleine Küche, leider haben wir nirgendwo Nahrung gefunden. Sky meinte, das U-Boot liegt hier schon über 200 Jahre, da wäre sowieso alles verdorben. Aber Cora hat sich um die Pflanzen gekümmert.“
Abyss trat auf die Tür zu, die sich zu beiden Seiten auto­matisch öffnete und Bo folgte ihm nach draußen in eine große Galerie. Sie hatte diesen Platz sofort gemocht. Es war der Ort, an dem das goldene Mädchen Pflanzen aller Art anbaute. In der Mitte des Raumes befand sich ein rundes Fenster in der Decke, das nach oben ins offene Meer zeigte. Viele Gewächse zierten die Wände. Sehnsüchtig betrachtete sie im Vorbeige­hen die exotischen Früchte an den Sträuchern und verschie­dene Arten von Kräutern. Sie waren noch nicht dazu gekom­men, alles genauer zu untersuchen. Größere Bäume wuchsen von unten herauf am Geländer vorbei und zwischen den Blät­tern schwebten leuchtende Kugeln, wie winzig kleine Sonnen­stücke, die alles in ein warmes Licht tauchten. Wenn man nach vorne sah, erblickte man das riesige Fenster, das sich über die komplette Vorderseite des U-Bootes erstreckte. Der größte Teil davon war jetzt natürlich mit dunklem Sand be­deckt.
Bo trat auf das Geländer zu, an dem Abyss hinab auf die Zentrale blickte. Sky kniete vor einem der drei Stühle ganz vorne und schraubte an ein paar Schaltern der Armlehne her­um. Dann kroch Gibbli aus einem der Schaltpulte unter einer der beiden hinteren Konsolenreihen hervor. Ihre Hände steck­ten in isolierenden Handschuhen und ein paar Drähte bau­melten über ihre Schulter.
„Energiezufuhr wieder ein. Jetzt nochmal.“ Sie legte ein Lötgerät zur Seite. Ihre Stimme klang müde und selbst von weitem konnte Bo die dunklen Ringe um ihre Augen erken­nen.
Sky stand auf und setzte sich in den mittleren der drei Stühle. Seine Finger schlossen sich fest um die Steuerhebel links und rechts von ihm. Nichts passierte. Langsam schüttelte er den Kopf.
Gibbli tippte auf einen Schalter und kroch wieder unter das Pult. Sky wurde jetzt auf Bo und Abyss aufmerksam und blickte zu ihnen hoch.
„Was steht ihr da herum? Kommt sofort herunter!“, rief er ihnen zu.
 
„Ich glaub, ich mochte diesen Militärfuzi lieber, als er noch be­trunken war“, grummelte Abyss, als sie die Rampe betraten, die auf der gegenüberliegenden Seite des Krankenzimmers nach unten führte.
„Er muss sich erst an uns gewöhnen“, sagte Bo zuversicht­lich. „Als Flottenführer hatte er viele Bedienstete unter sich.“ Sie kamen unten an und durchquerten einen offenen Raum, der sich im Zentrum des U-Bootes befand. In der Mitte stand ein goldener Tisch aus Metall, umgeben von einer kreisrunden Bank ohne Lehne. Von hier aus hatte man einen guten Blick auf das Frontfenster des U-Bootes. Nach vorne hin neigte sich die Zentrale nach unten zu den Schaltpulten und den drei Stühlen.
„Das ganze U-Boot muss von diesem Platz aus zu steuern sein“, sagte Sky. Er stand auf der freien Fläche zwischen dem mittleren Stuhl und der Glasscheibe nach draußen. „Gibbli, was ist los?“
Gibbli steckte den Kopf unter einem Schaltpult hervor, die Hände jeweils mit irgendeinem Werkzeug bestückt. Sie nahm einen Schraubenzieher aus dem Mund und wirkte gehetzt. „Ich bekomme keine Energie.“
Bo und Abyss traten nach vorne, in die hinterste Reihe der Konsolen. Aus irgendeinem Grund warf Gibbli ihm einen bösen Blick zu. Dann verschwand sie wieder unter dem Schaltpult und machte sich an einem Draht zu schaffen.
„Es stinkt“, sagte Abyss.
„Gibbli hat die Luftfilter zum Laufen gebracht. Der Geruch wird sich bald verflüchtigen.“ Sky wandte sich abschätzend Abyss zu und Bo bemerkte, wie seine Hand automatisch in die Nähe seiner Waffe glitt.
Die Augen zu Schlitzen verengt, wanderte Abyss‘ Arm langsam in eine Innentasche seines Mantels. Bo spürte die Spannung zwischen den beiden Männern.
„Ist das nicht herrlich? Wir haben es geschafft! Der Aus­blick von hier wird so spektakulär sein, wenn wir aus dem Bo­den schwimmen“, versuchte Bo die Situation zu retten.
Skys anklagender Blick wandte sich ihr zu. Die Implantate seiner Augen glänzten furchteinflößend. Während er sprach, wurde seine Stimme immer lauter. „Bo! Du hast vorhin unge­fragt das Tauchboot verlassen. Du hättest sterben können! Dein Verhalten war eigensinnig, so etwas könnte uns alle in Gefahr bringen! Ich möchte, dass das nicht mehr vorkommt! Ich bin für euch verantwortlich und ihr habt mich über eure Handlungen zu informieren! Verstanden?“
„Tut mir Leid“, sagte Bo leise, doch ihre Worte gingen in Abyss‘ Erwiderung unter.
„Jetzt müssen wir uns also schon bei dir abmelden? Nur, weil du so ein Oberheini in der U-Boot Flotte warst, fühlst du dich zu unserem Kapitän berufen? Willst du uns vielleicht auch noch vorschreiben, wann wir aufs Klo gehen dürfen?“
Sky schien unbeeindruckt von seinen Worten. Obwohl er etwas kleiner war als Abyss und durch die Neigung des Bo­dens weiter unten stand, wirkte seine berechnende Art be­drohlicher. „Ich bin der Kapitän“, sagte er ruhig. „Ich steuere dieses U-Boot. Jeder hier an Bord hat meinen Befehlen Folge zu leisten.“
„Lächerlich. Soll mich das jetzt-“, begann Abyss, doch Sky ließ ihn nicht ausreden und sprach einfach weiter.
„Ich bringe jedes Mitglied meiner Mannschaft lebend nach Ocea. Das ist ein Versprechen. Wenn du diese Crew verlassen willst, dann verschwinde. Ich bin mir sicher, dass ein paar Ein­zelteile deines Körpers diese Stadt auch ohne mich erreichen können. Vielleicht ein Arm? Oder ein Bein?“
Eine Totenstille legte sich über die Zentrale. Für einen Au­genblick dachte Bo, Abyss würde ihn anspringen und gegen die Scheibe rammen. Dann meldete sich ihr Bauch wieder und knurrte laut. Im selben Augenblick knackste es und ein schmerzhaftes Keuchen unter dem Schaltpult, an dem Gibbli herumwerkelte, ließ sie alle aufhorchen. Eine kleine Rauch­schwade stieg empor und kurz streifte ein beißender Geruch von verschmorten Drähten Bo’s Nase. Sie versuchte den Ge­ruch in Erinnerung zu behalten, doch schon verblasste er wie­der. Das mit dem Riechen musste sie wirklich noch üben!
Ohne Sky weiter zu beachten, ging Abyss vor dem Schalt­pult in die Hocke. Bo konnte ihm richtig ansehen, dass ihm tausend Dinge durch den Kopf schossen, was ihr passiert sein könnte. Aber sie schien in Ordnung zu sein.
„Geh weg“, sagte Gibbli tief durchatmend.
Bo’s Blick wanderte kurz zu Sky, der mit erhobenem Kopf da stand und Abyss interessiert musterte. Dann fiel ihr aus den Augenwinkeln eine Veränderung auf. Neugierig trat Bo an die Konsole vor ihr. Auf einem der Bildschirme konnte sie ein kompliziertes Schaubild erkennen. Ein Text war jetzt darunter erschienen.
„Hier blinkt etwas auf!“ rief sie aufgeregt und betrachtete die Schriftzeichen. Sie sahen genauso aus, wie die in ihrem Buch!
Abyss zögerte kurz, wandte sich dann von Gibbli ab und kam zu ihr nach oben.
„Übersetzen!“, befahl Sky.
Und zu Bo’s Überraschung tat er es: „Hier steht was von Magnetfeldern.“
„Das U-Boot wird mit einem magnetohydrodynamischen Generator betrieben“, sagte Gibbli von unten herauf. „Aber mit der Energiezufuhr stimmt etwas nicht.“
„Fluid inaktiv“, las Abyss weiter. „Was bedeutet das?“
Gibbli kroch unter dem Schaltpult hervor und stand auf.
„Möglicherweise eine Sicherheitssperre, wenn das U-Boot für längere Zeit außer Betrieb ist“, meinte Sky. Bo hatte keine Ahnung, wovon er redete.
„Ich kann die Flüssigkeit manuell einleiten“, sagte Gibbli mit unsicherer Stimme.
„Worauf wartest du? Los!“, fuhr der Kapitän sie an.
Gibbli nickte, ließ eines ihrer Werkzeuge fallen und lief mit wackeligen Schritten nach vorne und dann eine der beiden Rampen hinunter, die jeweils seitlich links und rechts in die unterste Ebene führten. Abyss wollte ihr nachlaufen, doch Sky hielt ihn davon ab.
„Nein“, sagte er. „Ich brauche dich hier. Du musst diese Tex­te übersetzen und Gibbli die Werte des Generators durchge­ben. Ich will dieses U-Boot so schnell wie möglich bergen und noch einmal kurz nach Noko hoch.“
„Das ist keine gute Idee.“ Widerwillig verschränkte Abyss die Arme.
„Bringst du das geklaute Tauchboot in den Hafen zurück?“, fragte Bo dazwischen. Sie wollte nicht, dass die bei­den schon wieder das Streiten anfingen.
Abyss‘ Blick wanderte ungläubig zu Sky. „Warte, ihr habt das Teil, mit dem ihr runter gekommen seid, gestohlen?“
„War keine Absicht“, murmelte der Kapitän.
„Du hast ein militärisches Tauchboot geklaut, ohne es zu merken?“ Bo war sich nicht sicher, ob es Empörung oder Be­wunderung war, mit der Abyss diese Worte aussprach.
Sky drehte sich um und blickte aus dem großen Frontfens­ter gegen die Sandwand. „Es war eben da.“
Abyss stellte sich neben Bo an die Konsole. „Klar, kann ja mal passieren.“
„Ich bringe es morgen zurück.“
„Was? Nein verdammt! Das behalten wir!“
„Meine Crew. Meine Regeln“, sagte Sky, den Rücken zu ih­nen gewandt. Dann drehte er sich langsam um und fügte hin­zu. „Abyss, weißt du wie frustrierend das ist, ständig die Leute finden zu müssen, denen die ganzen Sachen gehören, um sie ihnen wieder zurück zu geben?“ Er zog ein Gerät aus einer seiner Umschnalltaschen, das aussah, wie ein altmodischer Haartrockner. „Ich habe bis heute keine Ahnung, woher das Ding kommt und wem es gehört.“ Er steckte es zurück in sei­ne Tasche, setzte sich auf den mittleren Stuhl und umschloss mit seinen Fingern die Steuerhebel. „Sobald Gibbli fertig ist, bringen wir dieses Boot auf Fahrt.“
„Er ist verrückt, oder?“, wisperte Abyss Bo zu.
 
Verrückt war das richtige Wort, dachte Gibbli, als sie die Ma­schinenräume betrat. Hatte sie sich gerade tatsächlich selbst durch Bo’s Augen gesehen? Hatte sie geträumt, während sie wach war? Während sie Gibbli war und gleichzeitig in Bo? Ein angenehmes Kribbeln im Bauch lenkte sie ab. Gänsehaut brei­tete sich auf ihrem Körper aus und es fühlte sich an, als wür­de ein Traum wahr werden. Hier fühlte sie sich endlich zu Hause, zum ersten Mal in ihrem Leben! Das war so unglaub­lich! Sie wollte schreien, sie wollte tanzen! Sie wollte jeden Mil­limeter dieses Reiches erforschen. All die Erschöpfung, all die Müdigkeit fielen scheinbar von ihr ab. Sie vergaß, dass sie ta­gelang kaum geschlafen hatte. Erst das Nachsitzen, dann die schlaflose Nacht, in der sie von den Soldaten der Akademie verfolgt wurde. Das Gefängnis. Dann Abyss und das Wasser. Es fühlte sich an, als würde sich die Erde nach jahrelangem Stillstand endlich weiter drehen. In einem Zug wischte sie all die schrecklichen Erinnerungen beiseite und machte sich auf die Suche nach dem Generator.
Sie fand ihn in einer der hinteren Kammern. Sofort über­blickte Gibbli die Funktion. Das hier war leicht. Und sie brauchte die Angaben nicht, die ihr Abyss‘ Stimme durch einen Lautsprecher an der Wand durchsagte. Das hier war ihr Reich. Während sie spielerisch einige Leitungen überprüfte und dann die Flüssigkeitstanks justierte, dachte sie über ihre Situation nach. Sky würde sie nach Ocea führen. Er besaß Er­fahrung, doch sie traute ihm nicht. Er verheimlichte etwas, schien aber dennoch fair zu sein. Sie hatte ein schlechtes Ge­wissen wegen der Lüge über ihr Alter. Aber der Mann hasste Kinder. Wie würde er darauf reagieren, wenn er es heraus­fand? Bo hingegen war okay, bis auf die unheimliche Tatsa­che, dass sie manchmal durch ihre Augen sah und bestimmt würde sie Gibbli auf die Nerven gehen. Diese Frau stellte un­unterbrochen Fragen! Und obwohl Bo ständig von allem be­geistert schien, befand sich da immer etwas Trauriges in ihrem Blick. Sicher vermisste sie ihre Halbschwester, Sam. Mit dem goldenen Kind kam Gibbli auch klar. Mit ihr würde sie sicher noch Spaß haben. Sie wollte unbedingt mehr über diese KI er­fahren. Abyss hingegen war gefährlich. Er würde sie töten. Auf einmal war er da und in ihr Leben eingetaucht, wie die Antwort auf eine Frage, die sie sich noch nie zu stellen ge­traut hatte.
Viel zu schnell konnte Gibbli die Arbeiten am Generator beenden. Sie überprüfte alle Maschinen dreimal, doch es half nichts. Irgendwann musste sie zurück zu den anderen. Der Schweiß rann über ihr Gesicht, als sie sich auf den Weg nach oben begab. Mit jedem Schritt wurden ihre Füße schwerer und sie musste sich dazu zwingen, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Als sie die Rampe hochstieg zur Zentrale, fielen ihr fast die Augen zu. Sie war so unglaublich müde!
Die anderen schauten auf, als sie Gibbli erblickten. Doch sie beachtete niemanden. Erschöpft ließ sie sich in den linken der drei Stühle nieder.
„Hoch“, sagte sie knapp.
„Funktioniert der Antrieb jetzt? Steht das Magnetfeld? Hast du das Fluid-“
„Sicher“, unterbrach Gibbli Skys Worte und wünschte sich endlich schlafen zu dürfen.
„Abyss?“, fragte Sky nach hinten.
„Keine Meldung mehr“, sagte Abyss langsam.
Sky setzte sich in den mittleren Stuhl und packte die Steu­erhebel. „Ist ungewöhnlich, das im Sitzen zu erledigen“, mur­melte er. Gibbli erinnerte sich daran, dass in den Booten der Flotte niemand auf die Idee kommen würde, bei solchen Ar­beiten nicht zu stehen.
Ein Ruck fuhr durch das ganze U-Boot. In der nächsten Sekunde legte sich erneut Stille über alles. Durch das Front­fenster erkannte Gibbli, dass sich draußen etwas bewegte. Nein, nicht draußen, sie selbst bewegten sich. Völlig lautlos nahmen die Maschinen Fahrt auf. Sand wurde aufgewirbelt und trübte die Sicht im Wasser. Und dann waren sie draußen.
Sky stoppte die Maschinen. „Träume sind stärker als der Druck.“ Er ließ das Steuer los, richtete sich auf und trat einen Schritt nach vorne. „Träume sind stärker als die Kälte des Meeres. Träume sind stärker als der Tod. Ich werde das bewei­sen. Wir fahren nach Ocea“, sagte er mit geballten Fäusten.
Abyss stand mit verschränkten Armen eine Konsole weiter. „Spar dir deine ach so bedeutungsvollen Worte“, murmelte er müde.
Gibbli erblickte Bo, die mit offenem Mund dastand. Die leicht blauhäutige Frau stützte sich an einem der Schaltpulte ab und beobachtete, wie sich draußen der Staub langsam leg­te. Dieses Mal sah Gibbli sich nicht gleichzeitig selbst durch ihre Augen. Sie sah nur Bo. Und Gibbli blieb in ihrem eigenen Körper. Sie hatte das Gefühl, langsam die Kontrolle darüber zu erlangen, auch wenn sie noch nicht verstand, wie es funktio­nierte und überhaupt, warum. Draußen im Wasser tauchten kleine Fische im Scheinwerferlicht auf. Viele von ihnen erschie­nen leicht durchsichtig. Hinter ihren unheimlichen Formen und den weit aufgerissenen Augenkugeln verbargen sich spitze Zähne. Diese wirkten so kräftig, dass sie bestimmt mit einem kleinen Biss die Außenschicht eines normalen U-Bootes durchlöchern konnten.
Sky drehte sich um und zog die runde Metallkarte aus dem verbotenen Archiv aus seiner Tasche. Er musste sie vom Hangardeck mitgenommen haben.
„Der Tisch dort oben ist ein Mechanismus“, sagte er und deutete in den hinteren Teil der Zentrale. „Es hat etwas mit dieser Karte zu tun. Gibbli, ich will, dass du dir das ansiehst. Und Bo, du holst dein Buch. Abyss soll es übersetzen. Es wird-“
„Nein“, unterbrach ihn Abyss. Seine blonden Haare hingen ihm schon wieder wild ins Gesicht.
Sky atmete tief durch. „Wir hatten das geklärt. Ich gebe die Befehle. Wenn du unfähig bist-“
„Nein verdammt, halt dein Maul!“, schrie ihn Abyss jetzt an und Gibbli, die beinahe eingeschlafen wäre, schreckte hoch. „Wir sind nicht deine Soldaten!“
„Ihr wollt nach Ocea, also seid ihr meine Crew“, sagte Sky ruhig.
„Deine Crew, ja?“, spie ihm Abyss entgegen. „Deine Crew fällt vor Müdigkeit gleich aus dem Stuhl.“ Er nickte mit dem Kopf in Gibblis Richtung. „Deine Crew hat Hunger.“ Sein Blick streifte Bo, die neben ihm stand und sich den Bauch rieb. „Deine Crew ist verletzt.“ Er deutete auf die Wunde an seiner Stirn. „Wenn du uns wirklich lebend in diese verdammte Stadt bringen willst, dann solltest du besser auf DEINE CREW AUFPASSEN!“
Unsicher beobachtete Gibbli die beiden Männer. Schuld stieg in ihr hoch. Hatte sie sich nicht genug angestrengt? Sie wollte nicht schwach erscheinen und versuchte sich aufrecht hinzusetzen.
„Denkst du, das ist mir nicht klar? Denkst du wirklich, mir fällt das nicht auf?“ Sky drehte sich von ihm weg. Seine schwarzen Augen wandten sich der großen Frontscheibe zu. „Der Weg nach Ocea wird nicht leicht sein. Und Ocea ist alles andere als ungefährlich. Ich brauche eine Crew, auf die ich mich verlassen kann. Eine Mannschaft, die sich durch solch lächerliche Dinge, wie du sie nanntest, nicht aufhalten lässt!“ Er wirbelte wieder herum und blickte sie alle der Reihe nach an. „Ich brauche Leute, die alles aufs Spiel setzen, um das Ziel zu erreichen, wenn es sein muss, das eigene Leben. Denkt darüber nach, ob ihr dazu bereit seid. Ich erwarte eure Antwort in neun Stunden. Bis dahin sprecht mich nicht mehr an und steht nicht im Weg. Das ist ein Befehl.“
Erhobenen Hauptes schritt Sky nach hinten, an Abyss und Bo vorbei, zu dem großen runden Tisch, setzte sich und fing an, die eingravierten Symbole darauf zu studieren.
 
Gibbli machte es sich in der hintersten Ecke der unteren Ebene des U-Bootes bequem. Hier unten fühlte sie sich stark. Sie lag mit ein paar Kissen auf einer Hängematte, die sie im Lager ge­funden und zwischen zwei Maschinen gespannt hatte. Hier, in der Nähe der Heizungsanlagen war es angenehm warm. Auf jeden Fall wollte sie nach Ocea reisen. Die Alternative war, wieder zurück auf die Akademie zu gehen. Und dort erwarte­te sie Sir Brummer. Nach dem Gefängnisausbruch konnte er gar nichts anderes mehr tun, als sie rauszuwerfen. Nachdem er ihr die Finger abgehackt hätte natürlich. Und was dann? Wo sollte sie wohnen? Ihren Eltern würde sie nie wieder unter die Augen treten können.
Plötzlich hörte Gibbli Schritte näher kommen.
„Du bist nicht leicht zu finden, weißt du das?“ Eine große Gestalt tauchte hinter einer Maschine auf.
Vor Schreck wich sie zurück, die Hängematte taumelte und fast wäre sie mit ihr umgekippt. Es war Abyss. Idiot! Sie biss ihre Zähne fest aufeinander. Geduckt stapfte er auf sie zu, um nicht an die, an dieser Stelle niedrigen, Decken des Maschi­nenraums zu stoßen. Unter einem Arm trug er eine Decke. In der anderen Hand hielt er seinen Koffer, den er offenbar aus der kaputten Tauchkapsel im Hangar geborgen hatte. Ver­stand er nicht, dass sie vielleicht gar nicht gefunden werden wollte?
Er stellte den Koffer ab. Gibbli hatte ihn nie nach dem In­halt gefragt. Bestimmt befand sich darin irgendeine Waffe.
„Also ich bräuchte langsam mein Tuch wieder. Wenn das für dich okay ist“, sagte er.
Gibbli wurde plötzlich bewusst, dass sie den Schnitt an ih­rem Arm völlig vergessen hatte. Sie knotete es schnell auf. Überraschenderweise war von dem Schnitt absolut nichts mehr übrig. Sie reichte es ihm, doch er steckte es nicht weg. Stattdessen behielt er es in der Hand, sah es nur an und lä­chelte leicht. Beschämt erkannte Gibbli ein paar Reste ihres Blutes, die darauf klebten und sich dunkel auf dem hellen Stoff abhoben.
„Willst du wirklich hier unten bleiben?“ Nachdenklich strich er sich durch seine hellen Haare und löste das Band, das sie zusammen hielt. Dann sah er sich zweifelnd um. Er wirkte müde. Die Wunde an seiner Stirn schien ebenfalls unglaublich schnell zu heilen.
Gibbli antwortete ihm nicht und drehte sich zur Wand, um ihn nicht mehr sehen zu müssen. Konnte er nicht einfach weg gehen?
Er ignorierte ihre Geste und sprach einfach weiter. „Das U-Boot scheint auf eine 3-Mann Besatzung ausgelegt zu sein. Bo schläft in einer Art Kinderzimmer von dieser goldenen Blechbüchse. Es liegt in der obersten Ebene und schließt an einen kleinen Krankenraum an. Und dieser aufgeblasene Wichtigtuer hat sich das Schlafzimmer von Coras Eltern ne­ben der Zentrale geschnappt.“
Tja, wenigstens wusste ihr Kapitän, wie man U-Boote steu­ert, dachte Gibbli. Sie mochte Sky zwar nicht besonders, aber der schlug immerhin keine Scheiben in Tauchkapseln ein.
„Wir könnten eine zweite Liegefläche in Bo’s Raum stellen, wenn du magst.“
Gibbli schwieg weiter. Sie wünschte sich, er würde einfach platzen. Schnell riss sie sich wieder zusammen. Zerstörerische Gedanken waren gefährlich, vor allem mit oceanischer Tech­nologie in der Nähe.
„Nicht? Na schön.“ Zu ihrem Entsetzen breitete er seine Decke auf dem Boden vor ihrer Hängematte aus. Bewegungs­los hörte sie, wie er sich darauf niederließ.
Ihr Magen verkrampfte sich und ihr Herz begann schneller zu schlagen. Er lag am Boden und starrte sie sicher an. Be­stimmt tat er das, Gibbli spürte seinen stechenden Blick im Nacken. Verdammt! Wie sollte sie denn jetzt noch schlafen können?
„Wärst du lieber gestorben?“, fragte er nach einer Weile in die angespannte Stille hinein.
Sie wusste genau, worauf er anspielte. Warum fragte er das? Sie wollte nicht darüber nachdenken, aber die Antwort erforderte das auch nicht. Tauchen war schlimmer als der Tod. Tauchen war der Ursprung allen Übels.
Sie zögerte, dann kam das Wort doch über ihre Lippen, ganz leise nur: „Ja.“
Gibbli wartete auf die eine Frage, die er gleich stellen wür­de. Die Frage nach dem Warum, die er schon einmal im Ge­fängnis gestellt hatte. Einige Minuten vergingen. Doch Abyss stellte die Frage nicht. Trotz der Erleichterung darüber, fühlte sie sich ein klein wenig enttäuscht. Sie wollte es ihm erzählen und gleichzeitig irgendwie auch nicht. Es war ihr Geheimnis.
Als sie schon dachte, er sei eingeschlafen, sprach er leise in die Dunkelheit: „Faszinierend. Ich mag es, wie du alles um dich herum gefrieren lässt.“
Was? Wovon redete er jetzt schon wieder?
„Du verbreitest einen eisigen Hauch, wo immer du auch hingehst. Deine Art, wie du dich bewegst, wie du sprichst. Wenn du sprichst. Wie eine zerbrechliche Eisskulptur. Ich mag den Hass, den du ausstrahlst. Aber weißt du, was ich noch viel lieber hab? Dein Lachen. Ich akzeptier nicht, dass du lieber tot wärst. Ich pass auf dich auf, ob du das willst oder nicht. Ich mag dich, Gibbli. Und ich finde, du solltest öfter lachen.“
Ihr Kopf war wie leer gefegt und es dauerte etwas, bis sie realisierte, dass ihr warme Tränen über die Wangen liefen.
„Dir ist schon klar, dass Sky dich zum Tauchen zwingen wird, oder?“, fragte Abyss nach einer Weile.
Ja, es war ihr klar. Der ehemalige Flottenführer hatte deut­lich zum Ausdruck gebracht, dass er von seiner Crew alles forderte. Andererseits würde er nie einen Techniker mit ihren Fähigkeiten finden.
Gibbli lag noch lange wach, doch die Antwort auf seine Frage blieb sie ihm schuldig. Stundenlang wälzte sie sich hin und her, blickte immer wieder auf ihren EAG, um die Zeit zu prüfen, bis sie endlich in einen glücklicherweise traumlosen Schlaf versank.
 
Als Gibbli nur drei Stunden später die Augen aufschlug, lag die Decke von Abyss leer vor ihrer Hängematte am Boden. Von Weitem vernahm sie Stimmen. Sie zog sich an und folgte ihnen.
Im Gang vor dem Maschinenraum, in dem die Rampe nach oben führte, fand sie Abyss. Er saß an einem kleinen Tisch, re­dete mit der Kind-KI und brachte ihr neue Wörter bei. Gibbli trat näher auf die beiden zu. Erstaunt fiel ihr auf, dass von Abyss‘ Wunde nur noch eine kleine Narbe übrig geblieben war.
„Dein Mund komisch. Er ist wurstig“, sagte das goldene Kind und starrte sie mit weit aufgerissenen Augen an.
Erschrocken fasste sich Gibbli an ihren Mund. Was stimm­te nicht damit? War er angeschwollen? Ihre Lippen fühlten sich ganz normal an.
„Hör nicht auf sie. Sie ist ein kleiner verwöhnter Fischkopf, der an allem was auszusetzen hat“, sagte Abyss, der ihren verängstigten Blick sofort wahrnahm.
„Fischkopf“, wiederholte das Kind und plapperte auch gleich weiter. „Ich nicht Cora. Du übersetztetestes Name falsch!“
„Es heißt ‚Ich bin nicht‘ und ‚Du übersetztest meinen Na­men falsch‘!“, berichtigte Abyss. „Dummer Stinkstiefel! Noch ein paar Minuten, dann hat sie die richtige Grammatik auch drauf.“
„Stinkstiefel“, wiederholte Cora.
„Ja und sicher eine Menge Schimpfwörter mehr“, murmelte Gibbli und musste dabei fast schmunzeln.
„Meine Bezeichnung lautet picocore a314 e91x86 SN1011337101 v03016901037891X-“
„Sag ich ja, Cora“, unterbrach Abyss das grinsende Kind.
Gibbli ließ die beiden alleine und begab sich hungrig in die Zentrale, wo sie auf Bo traf. Die blauhäutige Frau stand am Rand neben den Konsolen vor einem Baum, der bis nach oben in die Galerie wuchs. Seine Krone breitete sich an der goldenen Decke, entlang des oberen Stockwerkes, aus. Vorsichtig betas­tete Bo die Rinde. Als sie Gibbli bemerkte, blickte sie erfreut auf und drückte ihr ein Büschel Pflanzen in die Hand.
„Gibbli! Hier, halt das mal.“ Bo bückte sich, hob vom Boden eine runde Frucht auf und schnupperte daran. „Die ist da run­ter gefallen. Ich rieche leider fast gar nichts. Kennst du dich damit aus? Denkst du, man kann sie essen?“
Gibbli beäugte die Frucht. „Vielleicht.“ Natürlich hatte sie auf der Akademie den Basis-Pflanzenkurs besucht und einige bekannte Gewächse kennen gelernt. Sie glaubte, die violette Frucht schon einmal gesehen zu haben. Aber bei den meisten Pflanzen hier an Bord handelte es sich um sehr exotische Ex­emplare, die sicher nicht alle in den Gewächshäusern der Aka­demie existierten.
„Hilfst du mir? Ich kenne ein paar von den Pflanzen, die für medizinische Zwecke gedacht und einige die giftig sind. Hast du die mit den langen Nadeln gerochen? Kannst du mir sagen, wie sie riecht? Sie müsste stinken oder? Ich glaube, sie ist böse. Denkst du, Pflanzen haben ein Bewusstsein und können ei­nem wirklich böse sein, wenn man sie nicht mag? …“
Gibbli folgte Bo, die jetzt hoch in die Galerie stieg und fort­während Fragen stellte, ohne überhaupt eine Antwort abzu­warten. Mit ihr zu sprechen war wirklich leicht, denn man konnte einfach nur den Mund halten. Sie spürte, wie ihre Ge­danken sich verselbstständigten. Mit einem Ruck schüttelte Gibbli den Kopf und versuchte es zu verhindern. Es klappte. Sie schaffte es, ihren Geist davon abzuhalten, durch Bo zu se­hen. Gibbli fühlte sich mit einem Mal schuldig. Bo wusste wahrscheinlich gar nichts davon, dass sie sich hin und wieder in ihrem Körper wiederfand. Sicher wäre die Hybridfrau nicht erfreut darüber, das zu hören. Sie wollte es ihr sagen, nur wie? Wieder einmal fand sie nicht die richtigen Worte dafür. ‚Hey Bo, manchmal bin ich in deinem Körper, seh durch deine Au­gen und weiß was du denkst. Ich hab keine Ahnung wieso, aber mach dir keine Sorgen, ich kann dich nicht kontrollieren, ich kann dich nur miterleben.‘ … Das hörte sich doch dämlich an! Das konnte sie nicht sagen, Bo würde sie für verrückt hal­ten!
„Der Kapitän ist mit dem Tauchboot losgefahren. Er will es zurückbringen. Glaubst du, die Soldaten sind sauer, weil wir es ausgeliehen haben? Sky sagte, er nimmt etwas mit, damit wir die Pflanzen hier bestimmen können. Oh, die Gelbe da drüben ist essbar! Meine Schwester hat mir mal so eine ins Kranken­haus mitgebracht, sie hat ihren Kuchen damit gebacken!“, rief Bo begeistert und rannte darauf zu. Schweigend trug Gibbli ihr das Grünzeug hinterher und sah zu, wie sie einige Blätter der gelben Pflanze abschnitt. „Kannst du Kuchen backen? Ich lie­be Kuchen! Glaubst du, wir können Sky überreden ein paar Hühner hier zu halten? Ich bin mir sicher, Cora mag Hühner. Sie hat doch dieses mechanische Küken, oder? Stell dir vor, es würde Metalleier legen! …“
Plötzlich ertönte ein Geräusch.
Bo blickte auf. „Das ist bestimmt Sky. Ich hoffe, er hat Es­sen mitgebracht!“
Ein Hämmern drang vom Gang aus Richtung Hangar kom­mend zu ihnen in die Galerie. Seine Kampfstiefel hallten auf dem Metallboden wider. Konnten sich Schritte wütend anhö­ren? Sie wurden lauter, als er scheinbar eilig durch die Schleu­sen stapfte. Gibbli ahnte sofort, dass etwas nicht stimmte, als sich die Tür der Zentrale aufschob. Seine furchterregenden Augen funkelten die beiden böse an. Der Kapitän hatte wirk­lich ein Talent für dramatische Auftritte!
„Wo ist Abyss?“, fragte er ohne Umschweife und seine Stimme klang dabei alles andere als nett.
„Er ist im Maschinenraum und bringt Cora unsere Sprache bei“, antwortete Bo eifrig.
„Bo, geh in den Hangar. Dort wirst du eine Rettungskapsel mit Kisten finden. Bring sie in die Küche.“
„Essen!“, rief Bo und machte sich begeistert auf den Weg zum Hangar.
Gibbli wollte ihr folgen, als Sky ihr den Weg versperrte. „Mitkommen.“
Ehe sie etwas tun konnte, packte er sie mit festem Griff am Handgelenk. Das ganze Grünzeug, das ihr Bo in die Hän­de gedrückt hatte, fiel zu Boden. Während er sie mit sich zog, versuchte Gibbli sich loszureißen, hatte jedoch keine Chance. Wie sie das hasste! Er brachte sie durch den vorderen Teil der Zentrale und anschließend hinunter in die untere Ebene.
Abyss blickte auf, als sie in den Gang vor dem Maschinen­raum traten und Sky sie zu dem kleinen Tisch schleifte. Lang­sam begann ihr Handgelenk zu schmerzen und er ließ sie noch immer nicht los. Mit der anderen Hand knallte Sky seinen EAG mit voller Wucht vor Abyss auf den Tisch. Ein kleiner elektronischer Datenzylinder steckte darin. Das goldene Kind hüpfte auf die Bank und stupste vorsichtig mit einem Finger gegen das Gerät.
„Primitiver Speicher“, sagte Cora.
„Erkläre mir das!“, forderte Sky mit drohender Stimme.
Abyss schob die kleine KI grob beiseite, was einiges an Kraft erforderte, dann drückte er einen Knopf des EAGs. Ent­setzt starrte Gibbli auf das Hologramm des Bildschirms, das sich vor ihnen in der Luft aufbaute. Es handelte sich um einen Zeitungsartikel. Auf einem kleinen Bild prangte ihr eigenes Ge­sicht. Daneben ein größeres Bild von Abyss. Sie las die Schlag­zeile:
 
‚Skrupelloser Mörder tötet Mithäftling und entführt 14-jähriges Mädchen!‘
 
‚…bekannt unter dem Namen „Abyss“ bringt auf brutalste Weise einen Mithäftling um. Der militärische Direktor der MA, Jack Kranch fand die Leiche leblos und mit verstüm­meltem Gesicht in seiner Zelle. Anschließend flüchtete der Mörder aus dem Gefängnis. Dabei entführte er die 14-jäh­rige Gibbli de Orange, Tochter des berühmten Firmengrün­ders von „Orange Drive“, die eine von Sir Markus Brummer verhängte Strafe…‘

 
In dem Artikel stand alles. Dass sie den Tauchkurs ge­schwänzt und mit verbotener Technologie einen älteren Mit­schüler attackiert hatte. Was für eine Schande! Gibbli wollte sich gar nicht vorstellen, wie sauer ihre Eltern sein mussten, dass dieser Vorfall auch noch öffentlich in der Zeitung stand.
„Auf dich ist ein Kopfgeld ausgesetzt“, sagte Sky ruhig zu Abyss. „Kindesentführung! Das hier macht dich zum meist ge­suchten Mann unter dem Meer!“
Abyss fing an zu grinsen, als wäre er stolz darauf.
Blitzschnell raste Skys Faust nach vorne und traf Abyss so heftig, dass er nach hinten kippte und zu Boden krachte. Gibbli wollte ein paar Schritte zurückweichen, doch der Kapi­tän hielt sie noch immer fest.
„Das ist nicht lustig!“, rief er.
„Verdammt, Sky!“ Abyss stützte sich mit einer Hand am Boden ab und rang nach Luft.
Dann wurde Gibbli schlagartig etwas bewusst. „Du hast mich angelogen! Du hast gesagt, er schläft nur!“, rief sie wü­tend und zog damit alle Blicke auf sich.
Abyss‘ Augen verengten sich zu Schlitzen und er richtete sich auf. „Ich hab dir dort im Gefängnis vermutlich mehr als dein Leben gerettet! Klar?“
Sie wusste nicht, was sie antworten sollte. Das hatte er. Abyss kam auf sie zu. Gibbli wollte weg, doch sie stieß mit dem Rücken an Sky, der jetzt hinter ihr stand.
„Ich bin kein guter Mensch, das hab ich dir von Anfang an offen dargelegt. Wärst du etwa mitgekommen, wenn ich ge­sagt hätte, ich hab dem Typen seinen verfickten Schädel zer­trümmert?“
„JA!“, rief Gibbli ohne nachzudenken. Ihr war schlecht. Schlecht vor Hunger und schlecht von dem Zeitungsausschnitt und von Skys Griff, der sie noch immer umklammert hielt.
„Wirklich?“, fragte Abyss überrascht. Im nächsten Augen­blick hob er erschrocken die Arme und trat einen Schritt zu­rück. Gibbli spürte, wie etwas Eiskaltes gegen ihre Stirn stieß. Und dann einen kräftigen Arm, der sich von hinten um sie leg­te.
„Es reicht“, sagte Sky leise. „Hört auf, mich zu ignorieren! Ich bin euer Kapitän!“ Sein Strahler bohrte sich bedrohlich in ihre Haut.
„Kapitän“, wiederholte Cora mit heller Stimme. Die goldene KI ahmte fröhlich Skys Bewegungen in der Luft nach und starrte ihn mit ihren Kugelaugen an. „Dir kommen Schlangen aus Kopf!“
„Das sind meine Haare!“, knurrte Sky das Kind an. „Geh in die Küche und hilf Bo.“
Ruckartig drehte sie sich um, sprang von der Bank und stapfte zur Rampe. Gibbli starrte dem mechanischen Küken nach, das sich von Coras Kopf erhob und ihr jetzt halb flie­gend, halb hüpfend nach oben folgte.
„Wie soll ich eine Crew nach Ocea bringen, die beinahe vollkommen aus Gesetzesbrechern besteht? Eine perfektionis­tische, beleidigende KI. Ein Hybrid, die sich wegen ihrer Ab­stammung hier nicht aufhalten darf. Eine 14-jährige Ausreiße­rin, die nicht einmal taucht!“ Sein Arm schloss sich noch enger um Gibbli. „Und ein skrupelloser Mörder, der im ganzen Meer gesucht wird! Wegen euch wird bald die gesamte Flotte hinter uns her sein!“
„Wenn ich mich recht erinner, warst du es, der die Karte aus dem Archiv gestohlen hat“, murmelte Abyss und ver­schränkte seine Arme.
„Geborgt! Ich habe sie geborgt!“
„Weißt du, ich hab mir Gibbli auch nur geborgt.“
Trotz ihrer Lage zuckten Gibblis Mundwinkel leicht. Ja, da­für hatte es sich gelohnt mit ihm zu kommen. Sie riss sich zu­sammen. Was dachte sie nur? Obwohl diese Situation weitaus bedrohlicher war, als damals mit Kor und Somal, kam es ihr nicht ganz so schlimm vor. Als würde Abyss einen Teil ihrer Angst einfach aufsaugen! Doch dann sprach der Kapitän wie­der mit düsterer Stimme und ihr Herz begann wild zu klopfen. Sky würde sie erschießen!
„Als Soldat wäre es meine Pflicht, euch auszuliefern. Aber ich bin kein Flottenführer mehr“, fuhr er ruhig fort.
„Lass sie los“, forderte Abyss. Er krempelte die Ärmel seines Mantels hoch, bereit zum Angriff.
„An deiner Stelle würde ich das nicht tun. Ich bin der einzi­ge, der dieses U-Boot steuern kann. Oder kannst du dieses Boot steuern, Gibbli?“, wandte er sich mit freundlicher Stimme an sie. Vielleicht würde sie das schaffen. Aber sicher nicht so gut wie er. Gibbli schüttelte zitternd den Kopf. „Gerechtigkeit ist für mich das oberste Gebot. Man bekommt was man gibt, ist es nicht so, Abyss? Du hast einen Mann getötet. Ist dir klar, was das heißt? Tot gegen tot.“
„Du… Tu das nicht“, krächzte Abyss.
„Warum nicht? Ein großes Loch durch den Kopf deiner kleinen Freundin, das wäre doch nur fair?“
Gibbli zuckte in seiner Umklammerung zusammen.
„Sky, hör auf!“, schrie Abyss.
„Du akzeptierst mich als Kapitän oder sie stirbt.“
„Du brauchst sie!“
„Lebend? Ich brauche ihre DNA.“
Abyss blickte ihn fassungslos an. Und Gibbli erinnerte sich an seine Worte, als sie das U-Boot zum ersten Mal betraten. ‚Sie besitzt die DNA.‘ Doch dies war nicht der richtige Mo­ment, um sich darüber Gedanken zu machen.
„Ich akzeptier dich“, grummelte Abyss mit zusammen ge­kniffenen Zähnen.
„Und das mit dem Morden wird aufhören. Klar?“
„Ich… versuch’s. Vielleicht“, murmelte Abyss undeutlich.
„Und du“, der Kapitän wandte sich an Gibbli, die bebend in seinem Arm hing, „wirst lernen zu tauchen. Ich brauche eine funktionierende Crew.“
„Nein!“, rief sie stur. Sollte er sie doch töten!
„Bitte?“, fragte Sky leise und drückte seine Waffe schmerz­haft fest an ihren Kopf. Gibblis Finger krallten sich in seine Kampfmontur.
„Ich… tauche… nicht“, presste sie hervor.
„Sie wird tauchen! Ich sorg dafür. Hör auf ihr weh zu tun!“, schrie Abyss ihn an.
Sky lockerte seinen Griff. „Schön. Ihr folgt ab jetzt meinen Befehlen. Ich möchte ab sofort über all eure Handlungen in­formiert werden. Das gilt auch für Bo und Cora, ich werde ih­nen das noch mitteilen. Und jetzt gehen wir alle in die Zentra­le und essen.“ Sky ließ Gibbli los und schubste sie nach vorne. Abyss fing sie auf und hielt sie an den Schultern fest, wäh­rend Sky sich schon umdrehte und zur Rampe schritt. „Da­nach sehen wir uns die Karte an. Wir müssen hier weg, bevor Jack auftaucht“, sagte er noch, dann verschwand er aus ihrer Sicht.
Abyss nahm seine Hände von ihren Schultern. „Hast du Hunger?“
Gibbli schwieg. Abyss hatte einen Mann getötet, es würde ein Leichtes für ihn sein, sie zum Tauchen zu zwingen.
„Wir finden schon einen Weg“, sagte er, als würde er ihre Gedanken erraten.
Er hatte eben zum wiederholten Mal bewiesen, dass er auf sie aufpassen würde. Sie nickte, noch nicht ganz überzeugt und gemeinsam folgten sie Sky nach oben.

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