Miniaturkunst + Minigeschichte – Artist Trading Card

sockenzombie die gondel sternenhimmel kakaokarte artist trading card


Entführung

Alles ist dunkel.
Ein monotones Surren dringt in deine Ohren.
Du liegst auf einer schmalen Bank.
Was ist passiert?

Langsam öffnest du die Augen.
Da ist jemand!
Dein Atem setzt für eine Sekunde aus.
Er starrt dich an.
Die Welt um dich herum dreht sich.
Er starrt dich an.
Nein, sie fährt an dir vorbei.
Er starrt dich an.
Oder fährst du an ihr vorbei?
Er starrt dich an.
Das orange Licht … dieser gefährlich nahe Stern dort draußen … Das hier ist nicht dein Planet.
Er starrt dich an.
Und du sitzt in dieser fremdartigen Gondel. Mit ihm.

Und er starrt dich an.

Originalgröße: 6,4cm x 8,9cm
Art: Miniaturbild (Kakaokarte/Artist Trading Card)
Kartennummer: 439


Dieser Blog ist werbefrei! Bestimme selbst, was dir meine Programme, Infos, Geschichten und Tutorials wert sind.
Unterstütze mich, indem du meinen PayPal Account fütterst!
Mit jedem Cent hilfst du, wiederkehrende Serverkosten dieses Blogs abzudecken & Material zum Erstellen neuer Artikel zu finanzieren. Vielen Dank!

Kapitel 11: Gefährliche Waffen (Bis in die tiefsten Abgründe)

Nachdem Sky die Rampe hinabgestiegen war, stand Gibbli neben Djego und wünschte, sie hätte den Kopf geschüttelt und wäre mit dem Kapitän mitgegangen. Unsicher beobachtete sie den jungen Soldaten.
„Wo geht der Kapitän hin?“, fragte er neugierig. „Und was ist die Mara?“
Gibbli schwieg. Dachte er wirklich, sie würde ihm das verraten? Verdammt, wenn er sie so anblickte und noch einmal fragen würde, täte sie das vielleicht sogar.
„Du traust mir nicht“, sagte er nach einer Weile und setzte ein Lächeln auf.
Selbst wenn, hätte sie kein Wort hervorgebracht. Sie schluckte.
Er griff in eine Tasche an der Seite seines Beines und zog seine leere Hand wieder hervor. „Dein Kapitän offensichtlich auch nicht. Ich wollte sie ablegen. Zur Sicherheit, du verstehst?“
Gibbli antwortete ihm nicht. Sky hatte es irgendwie geschafft, ihm seinen Strahler abzunehmen, bevor er gegangen war. Der Kapitän besaß ein besonderes Talent dafür, ausgerechnet immer Waffen zu stehlen.
„Also gut, Training“, sagte Djego. „Zeig mir, was du kannst Gibbli. Greif mich an.“
Nervös stand sie da. Sie sollte ihn einfach angreifen? Wie konnte sie in so ein Gesicht schlagen oder es auch nur versuchen? Treffen würde sie ja sowieso nicht, aber etwas in ihr weigerte sich, es zu tun. Er trat einen Schritt auf sie zu und Gibbli wich vor ihm zurück. Warum musste sie sich nur so dumm anstellen? Mit Sky war es leicht, ihn kannte sie. Djego war ein Fremder. Zugegeben, ein sehr gut aussehender Fremder. Unvermittelt sprang er auf sie zu und packte sie an der Schulter. Hastig riss sie sich los und wollte weglaufen. Er erwischte sie von hinten und legte einen Arm um ihren Hals, den anderen um ihren Bauch.
„Fass mich nicht an!“, schrie Gibbli und versuchte, ihn von sich loszumachen.
„Dafür ist es bereits zu spät.“
Sie wand sich und schlug wild um sich, doch sein Griff wurde nur enger. Die Stellen an ihrem Hals, die er mit der Haut seines Unterarmes berührte, kribbelten. Sie krallte sich mit beiden Händen an ihm fest, um ihn wegzudrücken. Wenn er noch stärker zudrückte, würde er ihr die Luft abschnüren! Der Arm um ihren Bauch wanderte langsam tiefer. Nein! Das durfte er nicht!
„Weg!“, brüllte sie panisch.
„Denkst du, ein Angreifer wird darauf hören? Du musst dir schon etwas Effizienteres ausdenken“, sagte er und sog die Luft über ihr ein, als würde er an ihren Haaren riechen. Seine Hand wanderte weiter nach unten und verschwand zwischen ihren Beinen.
Sie wimmerte. „Nicht!“
„Du fehlst mir, Gibbli. Was meint er damit?“
An Abyss‘ Messer kam sie nicht ran. Es steckte, Skys Worte unbeachtet, noch immer in ihrem Stiefel. Das Werkzeug, kam es ihr in den Sinn. Sie tastete mit einer Hand an ihren Oberschenkel zur Tasche und ergriff den ersten Gegenstand, der ihr zwischen die Finger kam. Hastig schwang sie ihn nach oben. Und traf. Djego keuchte, lockerte seinen Griff und stolperte nach hinten. Sofort fuhr Gibbli herum und trat ein paar Schritte zurück. Blut tropfte aus einer Platzwunde zwischen seinen Haaren und rann durch die rostroten Locken vor seinem linken Ohr hinab.
„Das … war gut. Unerwartet“, murmelte er und fasste sich an die Stirn.
Zitternd nahm Gibbli wahr, dass es sich bei dem Gerät in ihren Fingern um den Lötkolben handelte. Ausgerechnet den musste sie erwischen! Ein Werkzeug, das sie mittlerweile verabscheute. Dennoch, sie hatte ihn getroffen! Verblüfft über ihren Erfolg betrachtete sie seine Finger, mit denen er das Blut weggewischt hatte. Im nächsten Moment fixierte er sie wieder und sprang nach vorne. Djego riss sie mit sich. Der Lötkolben rutschte aus ihrer Hand und sie prallten beide am Boden auf. Gibbli mit dem Rücken voran und Djego auf sie. Mit aller Kraft wollte sie ihn wegdrücken. Doch es gelang ihr nicht. Er saß auf ihr und hielt sie unten.
„Ich hätte wirklich gerne eine Antwort auf meine Frage, Gibbli.“
Er war älter. Trainiert. Und ein Mann. Er war ein Elitesoldat. Und er presste ihre Hände über dem Kopf gegen das harte Metall. Sie würde an kein Werkzeug mehr herankommen.
„Geh weg“, flüsterte sie.
Warum hatte er nur diese verdammten, türkisblauen Augen, die jetzt ein paar Zentimeter über ihr auf sie herab funkelten? Gibbli schluckte, als seine Nasenspitze immer näher auf sie zukam. Viel zu nah! Sie streckte sich und versuchte, sich wegzudrehen. Es war zwecklos. Plötzlich traf ihn etwas von der Seite. Benommen kippte Djego weg.
„Runter von ihr!“, rief Sky, packte ihn noch während er fiel grob an den Schultern und warf ihn auf den Boden, wo er bewegungslos liegen blieb. „Bist du verletzt?“ Er half ihr hoch.
Gibbli schüttelte den Kopf. „Nein, ich … ich hab ihn getroffen!“, rief sie aufgeregt. „Hast du das gesehen? Er blutet!“
Der Kapitän nickte. Für einen Augenblick zogen sich seine Mundwinkel nach oben. Einen Moment lang dachte Gibbli, Sky wäre endlich einmal zufrieden mit ihr, doch er sagte nichts.
Djego richtete sich neben ihnen auf und stützte sich mit den Händen am Boden ab. „Kapitän Sky! Bitte, das war ein Missverständnis!“, sagte er röchelnd.
Sky zog wortlos Djegos Strahler aus seiner Uniformjacke und warf ihm die Waffe zu. Kurz verzog er seine Augenbrauen zusammen. „Zur Sicherheit, du verstehst.“
„Verzeiht, ich wollte nicht … ich dachte … ich hatte nicht vor, ihr etwas zu tun.“
Der Kapitän wollte gerade etwas erwidern, als ein lautes Donnergrollen um sie herum einsetzte. „Nicht gut“, knurrte er und blickte kurz nach oben.
Gibblis Miene änderte sich schlagartig. „Ist das …?“
Über ihnen erstreckte sich massiver Fels. Sie befanden sich mitten auf der Plattform. Sie würden es nicht bis zu einem Unterschlupf schaffen.
Bevor Gibbli etwas tun konnte, packte Sky sie, drückte sie an sich und schob sie Richtung Boden. Sie zog ihre Knie dicht an den Körper. Dann setzte schon das Beben ein. Fest an seine Uniform gepresst kniete Sky über ihr und zog den Kopf ein. Er verzog das Gesicht, als er von einem abgesplitterten Stück Fels getroffen wurde. Kleinere Brocken rieselten von der Decke herab. Einer verfehlte Djego knapp. Staub wirbelte auf. Einige der Sonnenstücke bewegten sich leicht in der Luft. Dann stoppten die ruckelnden Bewegungen so schnell, wie sie gekommen waren.
„Dieses Beben war stärker“, sagte Djego außer Atem und setzte sich auf.
„Erkläre mir das“, verlangte Sky, als sie wieder standen. Er rieb sich die Seite, schien jedoch nicht stark verletzt zu sein. „Stärker als was?“
Gibbli blickte beunruhigt über die Plattform. Gesteinsbrocken und ein paar getroffene Sonnenstücke lagen um sie verteilt. Einen weiteren Riss konnte sie nirgends entdecken.
„Als das zuvor“, sagte Djego „Vor drei Tagen. Und das vor einer Woche. Sie werden mit jedem Mal stärker. Jack hat bereits Untersuchungen eingeleitet und Ilias Plotz von den Kursen abgezogen. Er leitet die Geologengruppen. Sie kommen kaum noch mit den Messungen nach. Bisher blieben ihre Berechnungen aber ohne Ergebnisse. Niemand kann sich erklären, woher das kommt und warum. Es sollte nicht sein!“
Beunruhigt betrachtete Gibbli die Felswände. „Da war kein Beben.“
„Ich versichere euch, da waren welche, mehrere, wir verlieren ständig Leute deswegen!“, widersprach Djego.
„Möglicherweise haben wir es nicht bemerkt“, murmelte Sky. „Die Mara muss eine Schutzvorrichtung dagegen besitzen.“
„Kapitän, darf ich gehen? Ich bin da unten für ein paar Soldaten verantwortlich und sollte nachsehen, ob es ihnen gut geht.“
Sky nickte düster. „Verschwinde.“
Gibbli blickte ihm nach. Trotz des Bebens fühlte sie sich erleichtert, als Djego zum Rand der Plattform rannte. Er benutzte nicht die Rampe nach unten, stattdessen kletterte er die goldenen Wände hinab und verschwand hinter einem Vorsprung.
„Das ist meine Schuld“, sagte Sky mit zusammen gekniffenen Augen. „Ich dachte, ich kenne ihn. Ich hätte nicht erwartet, dass er das macht.“
Gibbli hob ihren Lötkolben auf und betrachtete das Werkzeug nachdenklich. „Aber ich hab ihn getroffen. War das … schlecht?“
„Nein. Aber du hättest trotzdem gegen ihn verloren. Und es hätte gar nicht erst soweit kommen dürfen.“ Er legt eine Hand auf ihre Schulter und blickte sie so durchdringend an, dass sie versucht war zurückzuweichen. „So etwas darf er nicht tun, auch nicht im Training. Verstehst du das, Gibbli?“
Sie presste beschämt die Lippen aufeinander. Natürlich hatte Sky Recht. Aber was konnte sie denn dafür, was Djego tat?
„Ich sorge dafür, dass du nicht mehr ohne mein Beisein auf ihn treffen wirst. Du wirst die Mara nicht mehr verlassen.“
Gibbli hob entrüstet den Kopf. „Was?“
„Wir alle werden die Mara nur noch verlassen, wenn es nötig ist. Ich verstehe jetzt, was Steven meinte. Sie ist er einzig sichere Ort. Er muss sie so konstruiert haben, dass diese … wie nannte er sie … Zeitgravitationserschütterungen, nicht hindurch dringen. Wir müssen überlegen, wie wir weiter vorgehen. Ohne die Tiefseemenschen brauchen wir einen neuen Plan. Diese Nachricht von Abyss wirft alles um.“
Der Kapitän hatte tatsächlich vor, die Mara in ein Gefängnis zu verwandeln! Gibbli wollte ihm gar nicht mehr zuhören. Doch als Abyss‘ Name zur Sprache kam, horchte sie auf. Im nächsten Moment bereute sie es.
„Wir beenden das Training. Ich muss einen Weg finden, diesen Oceaner zu erreichen, wo immer er auch steckt. Ich bin mir sicher, er weiß mehr über diese Risse, als er uns verraten will. Das nächste Mal, wenn er mir unter die Augen kommt, wird er reden, das versichere ich dir.“
Sky bedeutete ihr, ihm zu folgen. Seine Schritte hallten schon über die Plattform, doch Gibbli blieb auf der Stelle stehen. Das konnte er nicht machen! Erwartete der Kapitän ernsthaft, dass sie da mitspielte? Und die anderen erst. Wenn Steven und Abyss zurückkamen, würden sich die beiden gewiss nicht von ihm einsperren lassen.
Als er merkte, dass sie ihm nicht hinterherging, drehte er sich um und kam wieder näher. „Diese Beben sind gefährlich. Und wie es aussieht, ist es Djego vielleicht leider auch. Du bist doch sonst so sicherheitsbesessen, was hat sich geändert?“
Dieses dumme Spiel! Das hatte sich geändert. Dieses dämliche Spiel von Steven. „Zeig mir, wie man schießt. Jetzt“, sagte Gibbli kalt.
„Jetzt?“
„Ja! Jetzt!“ Sky öffnete den Mund, um etwas zu sagen. Doch Gibbli kam ihm zuvor. „Du hast gesagt, du bringst es mir bei! Ich hab alles mitgemacht, ich hab alles getan, was du verlangt hast und jetzt, wo ich das erste Mal jemanden getroffen habe, willst du das Training einfach so beenden? Das ist nicht fair!“
Für einen Moment harrte er bewegungslos aus, dann sagte er knapp: „Okay.“
Sie riss überrascht die Augen auf. „Wirklich?“
„Es widerspricht allem, was einem auf der Akademie beigebracht wird. Andererseits, in den vielen Tagen, die wir jetzt trainieren, bist du nicht ein einziges Mal darauf gekommen, etwas anderes einzusetzen, als dich selbst. Du hast es nicht gewagt, mich mit einer Waffe anzugreifen. Deinem Werkzeug, … irgendetwas. Das ist wenigstens ein kleiner Fortschritt.“
„Du sagtest, wir trainieren ohne Waffen. Ich sei noch nicht bereit dafür.“
„Richtig, solange du dachtest, wir trainieren ohne Waffen, warst du das auch nicht.“
„Warte, heißt das, ich hätte dir einfach nur den Strahler abnehmen müssen und …“
„Ja. Ich bin mir sicher, früher oder später hättest du es getan. Ich hoffte, dass du irgendwann die Geduld verlierst. Ich wollte, dass du selbst darauf kommst. Es hätte sich festgebrannt, mehr als wenn ich dir alles vorkaue. Ich trainiere dich nicht für einen Wettkampf. Du sollst dich verteidigen können, mit allem, was du hast. Ein Kampf im wirklichen Leben kennt keine Regeln. Dein Gegner wird nicht vermeiden, dir ins Gesicht zu schlagen oder unfaire Mittel anwenden, nur weil irgendein Gesetz das verbietet. Versteh das nicht falsch. Ich denke, du bist jetzt bereit dafür, schießen zu lernen. Doch um eine Schusswaffe bei dir zu tragen, wäre es zu früh. Aber das mit Djego ändert die Situation. Wir werden jetzt …“
Gibbli nickte und hörte ihm nicht mehr zu. Djego hatte ihr das hervorragend vorgeführt. Ob es das war? Eine Vorführung? Eine Show? Hatte er nicht gesagt, es sei ein Missverständnis? Wollte er sie vielleicht nur provozieren, damit sie sich wehrte?
„Hey! Deine Gedanken sind wieder irgendwo, aber nicht hier!“
Gibbli fuhr sich mit den Händen über das Gesicht. „Ich … ich bin hier“, flüsterte sie.
„Das, was wir gleich machen werden, lässt man einen Schüler nicht in den ersten Jahren tun. Eigentlich lässt man es ihn nie tun, bis er damit irgendwann konfrontiert wird. Ein Fehler, wenn du mich fragst. Aber wir sind ja auch nicht auf der Akademie und hier bin ich dein Lehrer. Also wirst du das jetzt lernen. Du musst. Und da es vorerst unser letztes Training ist, sollten wir es möglichst effizient gestalten.“
 
Die beiden schlichen an Räumen vorbei und zwischen Gebäuden die goldenen Gänge entlang. Gibbli fiel auf, dass überall Schrottteile herum lagen. Durch das Beben hatten sich offensichtlich einige Maschinen zerlegt. Goldstücke lagen verstreut auf den Wegen und in einigen Wänden hatten sich dünne Risse gebildet. Rohre, die an den Decken der Stockwerke über ihnen verliefen, waren gebrochen. Aus manchen trat heißer Dampf aus. Gibbli war sich sicher, dass es nicht klug sein konnte, sich so weit hinunter zu wagen und ihre Neugierde, was der Kapitän vor hatte, verwandelte sich langsam in Unbehagen. Bisher waren ihnen keine Soldaten begegnet. Im achten Stockwerk blieb Sky vor einer Ecke stehen. Er packte sie und zog sie in einen Seitengang zwischen zwei Häusern. Auf der anderen Seite der Ecke befand sich ein Hauptweg. Sie zogen sich zurück in die Schatten runder Säulen. Der Kapitän berührte mit einem Finger seine Lippen. Da drangen auch schon Stimmen durch die Luft.
Nervös blickte Gibbli auf die Waffe in ihrer Hand. Judy Bless‘ Name stand darauf. Scheinbar hatte Sky im selben Zug das Ding gestohlen, als er ihr den Strahler von Dixland ausgehändigt hatte. Das Gerät fühlte sich schwer an und gefährlich. Ehrfürchtig fuhr sie über die eingravierte Sonne. Das Zeichen der Flotte, das Zeichen der Regierung, das nur Elitesoldaten tragen durften. Es prangte auf den Uniformen, all den Besitztümern, allen Ausrüstungsgegenständen und allen U-Booten der Flotte. Gibbli hatte noch nie die echte Sonne gesehen. Manchmal drangen die wärmenden Strahlen ganz schwach durch die oberen Schichten des Ozeans.
„Schieße sie nieder“, flüsterte Sky kalt und riss Gibbli aus ihren Gedanken.
Mit geweiteten Augen stieß sie einen überraschten Laut aus, als der Kapitän sie einfach in den Gang hinein schubste. Die beiden Soldaten wirbelten herum. Einer öffnete verdutzt den Mund. Der andere fuhr mit der Hand an eine umgehängte Tasche seines Oberschenkels. Gleich würde er seine Waffe zu fassen bekommen! Gibbli hob beide Arme. Zitternd lag der Strahler in ihren Fingern. Doch die beiden Soldaten waren schneller. Bevor Gibbli etwas tun konnte, zischten zwei Schüsse an ihr vorbei. Die Männer schrien. Dann fielen sie um. Sky hatte selbst geschossen.
„Mitkommen“, knurrte der Kapitän, packte sie am Unterarm und zog sie mit sich, auf die leblosen Gestalten zu.
Gibbli wimmerte auf. Das ging ihr alles zu schnell! Knapp einen Meter vor den beiden Soldaten ließ er sie wieder los. Sky nahm ihnen die Waffen ab, während Gibbli hinter ihm stehen blieb.
„Warum?“, flüsterte sie.
„Das war dein Wunsch, schon vergessen? Wie weit hast du gedacht, als du das von mir verlangtest?“ Er trat auf Gibbli zu und stellte sich neben sie. „Schießen zu können, ohne jemanden erschießen zu können ist vollkommen sinnlos. Ich bringe dir bei, wie man überlebt. Ich zeige dir, was sie auf der Akademie versäumen. Das, was du im echten Leben brauchst. Denn in der Realität wirst du auf echte Menschen schießen, nicht auf irgendwelche Attrappen! Wenn du hier plötzlich zögerst, nur weil dein Ziel lebendig ist, bist du es bald nicht mehr. Behalte die beiden im Auge, sie werden gleich wieder aufstehen.“
„Nein!“, entfuhr es Gibbli. „Die sollen liegen bleiben!“
„Ich lasse dich kein unschuldiges Wesen umbringen“, knurrte er scharf.
„Dann lass uns gehen, bevor sie-“
„Nein“, sagte Sky bestimmt. „Wir gehen, wenn du es begriffen hast. Hier“, er deutete auf einen Schalter an ihrer Waffe. „Du musst es hier umstellen. So betäubst du deine Gegner nur. Erhöhst du die Stärke“, er schob den Schalter ein Stückchen weiter, „wird die Wirkung durchdringender. Je weiter du schiebst, desto mehr Energie löst sich und desto härter triffst du. Tödlich wird der Strahler erst, sobald der Schalter ganz links steht. Und das auch nur, wenn du deinen Gegner an der richtigen Stelle triffst. Mach dich bereit.“
„Was?“
Sky seufzte. Er packte ihre Hand, in der sie die Waffe hielt, umschloss ihre Fingern mit den seinen, richtete den Strahler auf die Soldaten und drückte ab. Einmal, zweimal. Dann ließ er sie los. Gibblis Finger zitterten. Sie hatte es tatsächlich getan! Ihre Gedanken erstarrten.
„Ich hab sie erschossen!“, murmelte sie, ohne diese Worte wirklich zu realisieren.
„Auf sie geschossen. Und ich tat es“, berichtigte der Kapitän. „Das nächste Mal wirst du abdrücken. Wir wiederholen das hier so lange, bis du das schaffst. Und glaub mir, für die beiden ist das alles andere als angenehm.“
„Warum machst du das?“
Der Kapitän kniete sich neben sie. „Sieh mich an.“ Er nahm ihr Gesicht und drehte es zu sich. Unbehaglich blickte Gibbli in die schwarzen Augenimplantate. „Weil ich nicht mit Bestimmtheit weiß, ob ich immer dabei sein werde, wenn du Djego oder sonst irgendeinem Soldaten begegnest. Gibbli, das ist wichtig. Ich kann nicht sicher sagen, ob das dort oben von ihm gespielt war oder nicht. Wir werden zwangsläufig weiter mit ihm zu tun haben. Egal ob er auf unserer Seite steht oder nicht, wenn der Fall eintreten sollte, dass du ihm noch einmal alleine begegnest, will ich, dass du auf ihn schießt. Das ist ein Befehl. Du wirst nicht abwarten, du wirst nicht zögern, du wirst ihn nicht auf dich zugehen lassen, er wird gar nicht erst so nahe kommen, dass er auch nur ein Haar von dir berühren könnte, denn du wirst auf ihn schießen. Hast du das verstanden?“
Gibbli wollte den Kopf schütteln. Djego hatte ihr geholfen, er hatte gesagt, dass er nicht vorhatte sie zu verletzen und das hatte er auch nicht getan, oder? Dank ihm hatte sie zum ersten Mal jemanden getroffen!
„Antworte!“ Ein Nein als Antwort würde Sky bestimmt nicht zulassen.
„Ja.“ Sie sah ihm an, dass er ihr nicht glaubte.
Doch er nickte leicht. „Zeig mir, dass das keine Lüge war. Dreh dich um und schieße.“
Gibbli wandte sich den Soldaten zu. Die beiden begannen sich gerade wieder zu regen. Sie hob den Strahler mit wackeligen Händen. Dann zwang sie sich zur Ruhe und drückte ab. Zwei Mal.
Demonstrativ erhob Gibbli die Waffe und drehte den Schalter auf ganz links. Entschlossen blickte sie Sky an. „Gehen wir jetzt, bitte? Denn wenn du mich noch einmal dazu zwingst, werde ich sie nicht mehr betäuben.“
„Manchmal vergesse ich, dass du auch ein Oceaner bist.“ Sky stützte sich an der goldenen Wand ab und stand auf. „Weg hier.“
Gibbli steckte den Strahler in ihre Werkzeugtasche und folgte ihm.
 
Sky hatte ihnen tatsächlich verboten, die Mara ohne ihn zu verlassen! Den Rest des Tages durchsuchte Gibbli genervt die Mara nach passenden Gegenstände, um mit dem Bau von Abyss‘ Hand zu beginnen. Oder eher einer Maschine, um später die Finger zu testen und sie mithilfe von elektrischen Impulsen bewegen zu können. Denn ohne Nervenzellen, die Steven für sie auftreiben sollte, würde sie nicht weit kommen. Von dem Oceaner fehlte noch immer jede Spur. Der Kapitän schickte einen Can los und versuchte, ihn mit verschiedenen Signalen oceanischer Technologie der Mara zu erreichen. Bisher vergeblich. Was Gibbli am meisten nervte, war, dass er sie kaum noch aus den Augen ließ. Am nächsten Tag versuchte sie, die Mara zu verlassen, um vor dem Mittagessen eine Runde durch die Stadt zu laufen, wie sie es mittlerweile gewohnt war. Das U-Boot erschien ihr dafür viel zu klein. Doch Sky erwischte Gibbli und schickte sie zurück in den Maschinenraum. Missmutig bemühte sie sich, eine Leitung so zu manipulieren, dass sie Botenstoffe eines organischen Körpers auffangen konnte und diese in eine Art Strom umwandelte. Wenn ihr dieser Mechanismus gelang, wäre es möglich mithilfe der Nervenzellen einen Übergang zu den Metallfingern zu schaffen. Gibbli fühlte sich unruhig. Immer wieder kreisten ihre Gedanken um etwas, was sie nicht richtig erfassen konnte. Sie musste sich bewegen, irgendetwas tun. Sie hatte überlegt, sich mit ihrem neuen Strahler zu beschäftigen. Er faszinierte sie, gleichzeitig flößte er ihr Respekt ein. Gibbli hatte ihn mehrmals hervorgeholt, um ihn dann wieder in ihrer Tasche verschwinden zu lassen. Sie schaffte es nicht, sich an das Gefühl gewöhnen, ihn in Händen zu halten. Warum kam Abyss nicht endlich zurück? Wo war dieser dämliche Steven? Warum meldeten sich Nox und Bo nicht mehr? Und welche Absichten hatte dieser Djego? Sicher würde er die Mara bald finden. Genervt packte sie zwei Kristalle viel zu fest und drückte sie in eine Öffnung. Fast wären die kleinen Steinchen zersprungen. Oh nein, das war die falsche Leitung!
„Achtung!“, rief Gibbli, als Samantha plötzlich um die Ecke kam.
Es knisterte. Funken flogen durch die Luft. Samantha hob schützend eine Hand und wich zurück, während Gibbli einen Draht zog, um die Verbindung zu unterbrechen.
„Verdammt, verdammt, verdammt“, murmelte sie und besah sich das Chaos.
Der Strom war von ihrem Experiment auf eine andere Maschine der Mara übergesprungen. Schwarzer Rauch stieg daraus empor und wurde vom angrenzenden Luftfilter eingesogen.
„Was war das?“, fragte Samantha. Sie hielt einen Teller mit frisch gebackenem Brot in Händen.
Mit einem flauen Gefühl betrachtete Gibbli die Maschine. Wie konnte das passieren? Sie war die Technikerin! Sie war gut darin! Sie war … abgelenkt. Sky würde ausrasten, wenn er das erfuhr. Nein, der ruhige Kapitän würde sie nicht anschreien. Er würde ihr einfach den Kopf abreißen!
„Ist es schlimm?“, fragte Samantha und trat näher.
„Nein“, antwortete Gibbli knapp. Es war verdammt schlimm!
„Kriegst du das wieder hin?“
„Ja“, sagte Gibbli und presste panisch die Zähne aufeinander. Mit etwas Zeit, Stevens Hilfe und einigen Ersatzteilen, von denen sie genau wusste, dass sich eins davon sicher nicht auf der Mara befand, würde sie das wieder hinbekommen. Vielleicht.
„Ich glaube, es hört auf zu rauchen“, sagte Samantha. „Das ist gut, oder?“
Gibbli nickte. Sie waren so gut wie tot.
„Was genau war das?“, fragte Samantha neugierig und hörte sich dabei ihrer Schwester Bo ziemlich ähnlich an.
„Nichts Wichtiges.“ Das Wichtigste! Gibbli hatte den Schutzschild der Mara zerstört! „Du solltest dir isolierende Stiefel zulegen.“
„Und du solltest aufhören, das U-Boot unter Strom zu setzen“, entgegnete Samantha. „Kein Wunder, dass du so mies drauf bist, wenn du kaum isst!“
Gibbli entfernte ein verschmortes Röhrchen mit durchgebrannten Drähten und zog einen Handschuh aus, um es genauer zu untersuchen. Sie glaubte sich daran zu erinnern, so etwas Ähnliches schon einmal gesehen zu haben. Oben in der Stadt, unter den Teilen, die Bo, Nox und Samantha zusammen getragen hatten. Wenn sie es schaffte, das Ding anzupassen, wäre es vielleicht möglich, den Schild wieder in Gang zu setzen.
„Ich muss hier raus“, sagte Gibbli. „Kannst du ihn ablenken?“
Samantha hielt ihr den Teller entgegen. „Du hast heute Morgen schon wieder nichts gefrühstückt.“
„Bitte!“ Sie musste das unbedingt vor dem nächsten Beben reparieren.
Samantha presste die Lippen aufeinander. „Dort draußen ist es gefährlich. Dein Kapitän sagte, wir sollten nicht-“
„Ich esse eins, okay, dafür lenkst du ihn ab!“ Gibbli nahm sich ein Stück Brot von Samanthas Teller.
„Meinetwegen. Ich kann dich ja doch nicht davon abbringen.“
 
Hastig rannte Gibbli durch die Gänge der Stadt. Die Waffe in ihrer Werkzeugtasche fühlte sich hier draußen doch ganz gut an. Die Erinnerung an Djego weniger. Gleichzeitig hoffte sie, ihm wieder zu begegnen. Gibbli konnte sich einfach nicht erklären, warum. Aber das war jetzt sowieso unwichtig. Sie hatte das Ersatzteil im obersten Stockwerk gefunden. Jetzt musste sie es nur rechtzeitig zurück zur Mara schaffen, um es zu modifizieren.
„Warte!“, rief plötzlich jemand.
Gibbli erkannte seine Stimme sofort. Ein Kribbeln stieg in ihrem Bauch hoch. Sicher hatte er die Mara gefunden und beobachtet und nur darauf gewartet, sie abzupassen. Gibbli ignorierte ihn und rannte einfach weiter. Erleichtert stellte sie fest, dass Djego ihr nicht folgte. Schade, dachte sie und scheuchte diesen Gedanken beiseite. Verflucht, was dachte sie, das war gut! Sie musste die Mara so schnell wie möglich reparieren. Hoffentlich erzählte Djego dem Kapitän nicht, dass er sie gesehen hatte. Sky würde so enttäuscht von ihr sein!
Plötzlich tauchte vor ihr eine Gestalt aus einem Seitenweg auf. Gibbli bremste erschrocken ab und kam schlitternd zum Stehen. Skys Worte in Erinnerung, zog sie ihren Strahler und richtete ihn direkt auf ihn. Oh nein! Er hatte einen anderen Gang genommen, um ihr den Weg abzuschneiden!
„Tu das nicht! Lass es mich erklären.“ Djego hob vorsichtig seine Arme.
„Lass mich vorbei!“, rief Gibbli mit hoher Stimme. Sie hatte dafür doch keine Zeit! Verdammt, sie hätte längst schießen sollen. Der Kapitän hatte es gesagt. Warum wollte ihr Finger einfach nicht auf diesen dummen Knopf drücken?
„Hör mir zu! Das mit gestern tut mir leid. Es war nicht meine Absicht, dich zu berühren. Ich wollte dir nicht zu nahe treten.“
Djego trat einen Schritt auf sie zu. Gibblis Hand fing an zu zittern. Was sollte sie tun? Sie erinnerte sich daran, die Waffe auf töten gestellt zu haben.
„Ich dachte nur, das würde dich dazu bringen, mich anzugreifen und damit lag ich richtig, oder? Bitte verzeih mir.“
Während er sprach, kam er noch näher und ihre Waffe berührte jetzt seine Uniform.
„Nicht!“, rief sie.
„Hab keine Angst.“ Seine Hände bewegten sich wie in Zeitlupe.
Die Waffe in ihren Fingern wackelte leicht. „Ich schieße!“
„So etwas kündigt man nicht an, so etwas tut man einfach“, sagte Djego argwöhnisch.
Dann umfasste er vorsichtig ihre Hände. Gibbli zuckte zusammen, als seine Haut auf die ihre traf. Doch er drückte sie nicht weg. Ihr Atem beschleunigte sich.
„Wenn du jetzt abdrückst, dann durchlöcherst du meine Brust. Knapp an der Lunge vorbei.“ Seine Stimme wurde fester, wahrscheinlich, weil sie es noch immer nicht geschafft hatte, abzudrücken. „Das tut weh, aber es würde mich nicht davon abhalten, über dich herzufallen. Es würde mich lediglich wütend machen und mich dazu bringen, dich zu verletzen.“ Er bewegte ihre Hand mit der Waffe ein Stück weiter. „Das hier wäre schon eher etwas, worauf du schießen solltest. Ich würde verbluten.“ Er bewegte ihren Arm weiter. „Halsschlagader und Luftröhre. Sofortiger Tod.“ Und jetzt führte er sie an seine Stirn. „Kopfschuss. Ich würde einfach umkippen.“ Gibbli schluckte. „Und jetzt zielst du direkt auf mein Herz. Du könntest jetzt abdrücken und wärst mich für immer los. Aber ich wäre sehr traurig, wenn du mir mein Herz brichst, Gibbli.“
Er ließ sie los. Gibblis Haut fühlte sich plötzlich kalt an, da wo er ihre Hände berührt hatte.
Dann streckte er ihr seinen Arm entgegen. „Freunde?“
Unsicher schüttelte sie den Kopf und wich ein Stück von ihm zurück.
„Lass mich das von gestern wieder gut machen.“ Djegos rostrote Locken fielen ihm über die Stirn, als er sich nach unten beugte und etwas in seiner Tasche suchte.
Die Waffe noch immer erhoben, beobachtete Gibbli, wie er sein EAG herauszog und darauf etwas tippte.
„Ich gebe euch eine nützliche Information, was hältst du davon? Hier, nimm ihn.“
Langsam ließ Gibbli ihre Waffe sinken und nahm sein EAG an sich. Der Bildschirm des Gerätes leuchtete hell. Djego hatte eine Datei geöffnet.
„Was ist das?“, fragte sie misstrauisch.
Die Abbildung sah ein wenig aus wie eine Karte mit Nummern. Diese Nummern fanden sich in angehängten Tabellen wieder, mit vielen Namen und Zeiten.
„Ich sage dir, was das ist. Das ist der Wachplan von Jacks Soldaten für die nächsten zwei Wochen. Es ist nicht jeder Gang eingezeichnet, aber grob die einzelnen Etagen. Damit wisst ihr, wann sie wo sein werden. Zeig es deinem Kapitän, das wird ihn freuen.“
Gibbli öffnete überrascht den Mund. Schnell holte sie ihr eigenes EAG heraus, bevor Djego es sich anders überlegen konnte. Sie steckte die beiden zusammen, um die Datei zu kopieren.
„Sind wir jetzt Freunde?“, fragte er, während er sein Gerät wieder an sich nahm.
„Vielleicht“, murmelte Gibbli unsicher, gleichzeitig freute sie sich. Er war nett. Er hatte sich entschuldigt. Und er hatte ihnen eine Information gegeben, die Sky von Nutzen sein konnte.
„Vielleicht also. Nun, Vielleichtfeunde hört sich besser an, als Keinefreunde. Es war mir wie immer eine Ehre, dich zu treffen. Bis bald, Gibbli.“ Djego grinste, dann drehte er sich um und verschwand in einem Seitengang.
Wahnsinn, wie lautlos er sich dabei bewegte! Seine Kampfstiefel erzeugten kaum Geräusche, wenn sie auf dem Metallboden auftrafen. Oh nein, dachte sie. Mit einem Mal wurde Gibbli klar, dass Sky von ihrem heimlichen Ausflug in die Stadt erfahren würde, wenn sie ihm diese Datei übergeben würde. Der Schutzschild kam ihr wieder in den Sinn. Die Reparatur hatte höchste Priorität! Eilig lief Gibbli den Gang weiter. Als sie den Weg zur Mara einschlug, wäre sie vor Schreck fast gestolpert. Hinter ihm standen die Schleusen des U-Bootes noch offen. Der Kapitän höchst persönlich schritt direkt auf Gibbli zu! Und er sah wütend aus! Verdammt wütend.
„Du hast die Mara verlassen“, knurrte er leise, als sie vor ihm stand.
„Ich …“, begann sie.
„Du hast meinen Befehl missachtet. Sag mir warum.“
„Ich wollte nicht … ich …“
„Du warst bei ihm“, sagte Sky kalt.
Sie biss die Lippen zusammen. Ein Schuldgefühl machte sich in ihr breit. Sie hatte doch nicht auf ihn schießen können!
„Verflucht! Gibbli, das ist kein Spiel! Bist du okay? Was hat er getan?“
„Gar nichts, es geht mir gut!“, versuchte sie ihn zu beruhigen. „Er ist auf unserer Seite! Hier!“ Sie beeilte sich, ihr EAG hervor zu ziehen und öffnete die kopierte Datei von Djego.
Im nächsten Moment fing der Boden unter ihren Füßen an zu wackeln. Die Wände des Ganges zitterten und ein drohendes Grollen brach über sie herein.
„Zurück auf die Mara!“, rief der Kapitän, während er Gibbli schon mit sich riss.
Sie stolperte hinter ihm her, hinein in die Schleusen. Hastig schloss Sky die Öffnung. Doch das Beben hörte nicht auf! Beunruhigt blickte Gibbli nach oben. Sky tat es ihr gleich, während er sie festhielt. Wenn die Außenwände brachen, würden sie unter Massen von Wasser begraben werden! Und wie stabil war eigentlich der mit Wasser gefüllte Höhlengang, der über der Andockstelle nach oben durch das Gestein führte? Sie riss die Augen auf. Würde das U-Boot ohne den Schild überhaupt noch dem Druck standhalten? Aber wenn es bis jetzt nicht implodiert war, musste es das.
Die Mara war robuster als erwartet. Nach ein paar Sekunden verstummte das grollende Geräusch und die goldenen Wände der Andockstelle draußen beruhigten sich langsam.
„Das sollte nicht möglich sein. Erkläre mir, was das bedeutet.“ Der Kapitän blickte Gibbli fragend an.hätt
Sie zuckte ängstlich mit den Schultern. Er durfte es nicht erfahren! Das mit dem Schutzschild war ihre Schuld. Wenn er es jetzt herausfand, wo er sowieso schon enttäuscht von ihr war, würde er sie sicher wegschicken!
Sky fragte sie nicht weiter aus. Er war sichtlich noch immer sauer auf Gibbli, wegen ihres heimlichen Ausflugs. Doch nach ein paar scharfen Worten ließ er sie in Ruhe und sie stahl sich hinab in den Maschinenraum.
 
Ein Gutes hatte das Beben: Sie durften die Mara wieder verlassen. Da Djego offensichtlich auf ihrer Seite stand und die Beben sich jetzt gleichermaßen auch auf das U-Boot erstreckten, gab es keinen Grund mehr, sich auf die Mara zurückzuziehen. Bis auf die Ruhe vor ungebetenen Gästen bot das U-Boot keine Vorteile. Sie waren nirgendwo mehr sicher. Während der Kapitän weiterhin versuchte, Steven zu erreichen, versuchte Gibbli den Schutzschild zu reparieren. Wenigstens hatte er nicht herausgefunden, dass es ihre Schuld war.
So sehr Gibbli sich auch Mühe gab, das Teil aus der Stadt zu bearbeiten, es wollte nicht funktionieren. Die Verbindungen passten nicht zusammen. Dafür wäre ein Adapter nötig. Gibbli fragte sich, warum bei Ocea dieser dumme Goldklumpen so viel Technologie miteinander vermischt hatte. Klar, es war stabil, aber das bedeutete auch, dass man ein Teil nicht einfach ersetzen konnte! Gibbli erinnerte sich an ein Bauteil, das in der Flotte verwendet wurde. Damit könnte es funktionieren. Doch sich von Jack einen Adapter zu besorgen wäre Wahnsinn. Sie überlegte kurz Djego zu fragen, aber so ganz traute sie ihm noch nicht. Was, wenn er Sky verraten würde, dass sie daran Schuld war, dass der Schutzschild der Mara nicht mehr funktionierte? Nein, niemand durfte das erfahren! Gibbli wünschte sich Abyss herbei. Ihm wäre es völlig egal, was für einen Mist sie gebaut hatte. Auch wenn er oft ausrastete, er hätte ihr sicher helfen können. Abyss hatte keine Ahnung von Technik, aber irgendwie zog er immer wieder Ideen scheinbar spontan aus dem Nichts hervor. Als würde er mit allem klar kommen. Als würde er mit allem rechnen, egal, um was es ging.


Dieser Blog ist werbefrei! Bestimme selbst, was dir meine Programme, Informationen, Geschichten und Tutorials wert sind.
Unterstütze mich, indem du meinen PayPal Account fütterst!
Damit hilfst du, wiederkehrenden Serverkosten dieses Blogs abzudecken und Material zum Erstellen zukünftiger Artikel zu finanzieren. Vielen Dank! <3

Eine Minecraft Landschaft Zeichnen – Fanart ATC

minecraft landschaft mit creeper - fanart von sockenzombie

Titel: Der einsame Creeper

Ich will doch nur eine winzig kleine Umarmung von dir! Bitte! Ich bin doch so allein! Jetzt komm schon her! Bäääm! Lektion eins in Minecraft: Umarme niemals einen Creeper …

Gestern hieß es: Blöcke in Perspektive quetschen. Eine kleine Minecraft – Fanart – Kunstkarte für einen Art-Tausch.

minecraft landschaft perspektive zeichnen - wip - kakaokarte von sockenzombie

Nummer:
438
Technik: Zentralperspektive
Material: Tubenaquarell, Aquarellfarbstifte
Größe: 6,4cm x 8,9cm
Status: Gezeichnet für CommanderIrma

minecraft landschaft von sockenzombie gezeichnet - miniaturlandschaft

Kapitel 10: Der Sportkurs (Bis in die tiefsten Abgründe)

Gibbli lehnte am Geländer und starrte auf das Frontfenster der Mara. Der Kapitän hatte die Mara sicher nach Ocea gebracht und angedockt. Sie befanden sich etwa auf halber Höhe der Stadt. Der mit Wasser gefüllte Hohlraum in den Felsen um sie herum war mit goldenen Platten ausgekleidet. Alles kam ihr verlassen und ruhig vor. Doch der Schein trog. Denn draußen lauerten die Soldaten in ihrem Lager am Fuße der kegelförmig aufgebauten Stadt.
Gibblis Finger spielten mit der kleinen Sonne in ihren Händen. Sie hatte den Uniformanstecker auf dem runden Tisch gefunden. C.D. stand auf der Rückseite. Cervantes Djego. Offensichtlich hatte Sky ihn dem Spion unbemerkt abgenommen.
„Sag mir, was dir Sorgen bereitet“, verlangte er und trat neben sie an das Geländer.
Gibbli erschrak. Sie hatte ihn gar nicht kommen hören. Der Anstecker rutschte ihr aus den Fingern. Sky fing ihn auf, bevor er in die Zentrale hinunter fallen konnte. Sie blickte ihn unsicher an, dann wanderte ihr Blick wieder hinab, auf die drei Sitze. Das Rascheln von Töpfen drang zu ihnen hoch. Samantha stand irgendwo unten beim Küchenbereich und backte tatsächlich Kuchen. Sie hatte in der Galerie hinter Gibbli einige Beeren gesammelt und Vorräte aus verschiedenen Kisten in den Lagerräumen aufgetrieben, die Sky auf der Akademie wieder gefüllt hatte. Nach einer Weile wurde ihr klar, dass er noch immer eine Antwort erwartete.
„Sie werden versuchen, sich gegenseitig umzubringen“, begann Gibbli leise. „Steven wird ihn provozieren. Abyss wird ihn angreifen. Dann wird Steven ihn zermatschen.“
Sky schüttelte den Kopf. „Nein. Steven will niemanden von uns töten. Wenn er das wollte, hätte er es längst getan. Er beschützt die Crew. Er will nur Aufmerksamkeit. Steven ist wie ein kleines Kind, das immerzu spielen möchte.“
„Ich mag seine Spiele nicht“, murmelte Gibbli.
„Abyss auch nicht. Aber er wird Steven ebenfalls nicht umbringen. Ich weiß nicht warum, doch aus irgendeinem Grund akzeptiert er ihn. Er hasst ihn, aber dennoch billigt er seine Anwesenheit. Vielleicht liegt es daran, dass oceanische Technologie nicht mehr funktioniert, dass er keine Macht mehr hat. Über dich. Über alles.“
„Ich kenne den Grund nicht. Aber das ist er nicht.“ Gibbli dachte an die toten Soldaten. Seine Stärke hatte Steven nie verloren. Und was auch immer die elektromagnetischen Felder in Ocea blockierte, war dort oben und auch hier nicht vorhanden.
„Wenn sie sich nicht gegenseitig die Köpfe einschlagen, will ich mich nicht beschweren. Ich werde noch herausfinden, was sie davon abhält.“ Sky musterte sie berechnend. „Es hat auch seinen Vorteil. Solange die beiden gegeneinander arbeiten, sind sie beschäftigt. Stell dir vor, was sie für einen Blödsinn anstellen könnten, wenn sie sich zusammenschließen würden.“
Das war in der Tat eine gruselige Vorstellung, dachte Gibbli.
„Was ist dort oben passiert, auf der Insel? Abyss wollte mir nichts erzählen.“
Gibbli schwieg.
„Du also auch nicht und Sam schweigt ebenfalls. Sie redet sich damit raus, dass sie das nichts angehe, weil sie nicht zur Crew gehört. Und aus Steven wird man nicht schlau. Er verschweigt etwas. Er mag Unsinn reden und ablenken, doch anders als Abyss sieht man ihm sofort an, wenn er Dinge verheimlicht. Ich bringe ihn noch dazu, es zu offenbaren. Es ist etwas Wichtiges und ich bin mir sicher, es hat mit diesen Rissen zu tun. Aber das muss warten, bis er zurückkehrt.“
Gibbli war zwar nicht glücklich darüber, dass Abyss fort war, aber Steven durfte sich gerne Zeit lassen auf seiner Mission zu den Tiefseemenschen. Andererseits wollte sie ebenfalls mehr über diese Risse erfahren.
„Ich bin es leid, immer alles aus euch herauszuquetschen. Ich befehle dir ein letztes Mal, sage mir, was dort oben geschehen ist. Sam hat recht, ich bin nicht berechtigt, sie dazu zu zwingen. Dich schon. Also?“
Gibbli dachte nach. Zum Gift würde sie kein Wort verlieren. „Ich habe seine Macht wieder gespürt. Über mich. Seine Kälte“, sagte sie nach einer Weile. „Oceanische Technologie funktioniert wieder. Jedenfalls dort oben. Und auch hier, auf der Mara.“
Sky schien besänftigt und nickte. „Ich musste zwar manuell andocken, aber das U-Boot scheint tatsächlich nicht betroffen zu sein. Draußen in der Stadt ist alles beim Alten, erstarrt. Ich war vorhin in der oberen Etage, um ein paar Sachen zu holen.“ Er betrachtete Djegos Anstecker und wiederholte nachdenklich: „Ich finde schon noch heraus, warum Abyss Steven akzeptiert.“ Der Kapitän tat es Gibbli gleich und stützte sich am Geländer ab. „Es war oceanische Technologie. Nichts anderes kann ihn so verletzen. Du hast ihn so zugerichtet.“
Gibbli schloss für einen Moment die Augen. Sie hatte gehofft, das würde nicht zur Sprache kommen. „Ja“, sagte sie leise und verspürte das Bedürfnis, sich in den Maschinenraum zu verziehen.
„Bist du dir im Klaren, was das bedeutet?“, fragte er ohne sie anzusehen.
Seine Auffassung von Gerechtigkeit kannte mittlerweile jeder. Sie nickte und krallte sich an den goldenen Stangen fest, als ihre Finger zu zittern begannen. Er würde Steven rächen.
Sky drehte den Uniformanstecker in seinen Händen. „Du bringst mich in eine missliche Lage.“
Ihr war doch nichts anderes übrig geblieben! Der Oceaner hatte wieder das Messer genommen. „Er hat mich bedroht und Abyss, weil …“ Sie brach ab. Sky sollte nicht erfahren, dass Abyss dieses Gift getrunken hatte. Fast hätte sie es verraten! Sie wandte sich ihm zu. „Was kann ich tun, damit er nicht mehr an mein Messer rankommt?“
Sky nahm einen tiefen Atemzug und nickte. Offensichtlich war er zu einer Entscheidung gelangt, was er mit ihr anstellen würde. „Gleiches mit Gleichem, Gibbli. Das gilt auch für dich. Du hast jemanden aus meiner Crew verletzt. Also stelle dich darauf ein, dass ich dich nicht schonen werde. Es wird Zeit für dein Training. Und wegen dem Messer, etwas zu tragen, mit dem du nicht umgehen kannst, ist gefährlicher als nichts mit dir zu führen. So, wie du momentan handelst, wirst du immer wieder von Gegnern mit deinen eigenen Waffen überrascht werden. Trage es nicht bei dir.“
Sie schluckte. Das kam nicht in Frage.
„Oder lasse ihn denken, dass du es nicht mehr bei dir trägst. Verstecke es an einer anderen Stelle. Und werde dir endlich deiner Waffe bewusst. Dir muss zu jeder Zeit klar sein, dass du eine besitzt. Vergiss es nicht und entziehe dich ihm. Beobachte seine Bewegungen und weiche von vorneherein in den richtigen Momenten unauffällig aus. Bewege dich scheinbar zufällig so, dass dein Gegner immer ungünstig steht und nicht sofort auf deine Waffe zugreifen kann. Aber vor allem, lerne das Messer zu führen. So etwas solltest du doch eigentlich wissen. Wer hat dich unterrichtet?“
„In was unterrichtet?“, fragte sie unsicher.
„Der Kampfkurs. Mir ist klar, über den Basiskurs hinaus bist du nicht gegangen.“
Gibbli dachte nach und biss sich auf die Unterlippe. Sie erinnerte sich an eine ältere, stämmige Frau. Das würde dem Kapitän nicht gefallen. „Also …“, begann sie langsam, „ich … glaube, sie hieß … ähm, Tanner.“
„Tanner. Unmöglich. Vielleicht in deinen Anfangsjahren. Tanner wurde in meinem Abschlussjahr an der Akademie eingestellt und das ist über zwanzig Jahre her. Aber soweit ich mich richtig erinnere, starb sie vor acht oder neun Jahren.“
„Vor acht. Ich war sieben, als sie starb.“
Sky betrachtete Gibbli abschätzend. „Du behauptest nicht ernsthaft, dass du seither kein einziges Mal den Kurs besucht hast!“
„Ich war dort! Also … zwei Mal.“ Sie fuhr sich nervös über die Arme und zuckte dann beschämt mit den Schultern. „Nachdem Miss Tanner die Akademie verlassen hat, trug ich mich nachträglich in ein paar ihrer Unterrichtseinheiten ein.“
„Ein paar? Der Basiskurs umfasst über zweitausend Einheiten!“
„Es ist nicht aufgefallen. Ich hab mir gerade so viele Punkte eingetragen, dass mein Basiskurs als abgeschlossen galt.“
„Du hast dich also in die Datenbank gehackt.“ Sky seufzte. „Und das mit sieben Jahren. Natürlich kann eine Tote nicht mehr prüfen, ob du tatsächlich dort warst. Zwei Mal. Das nachzuholen, grenzt an Wahnsinn.“ Er schüttelte den Kopf. „Mein Vater hat den Kurs vor ihr geleitet. Sie war ein Witz gegen ihn. Wenigstens anfangs hättest du es so leicht gehabt. Tanner vergab Punkte alleine für Anwesenheit.“
„Ich wollte mehr Zeit für die Technikkurse haben. Außerdem fängt man im Basiskurs mit Laufen an. Ich … mochte das nie besonders.“
„Einmal darfst du raten, was du die nächsten Stunden machen wirst.“
Gibbli schüttelte ungläubig den Kopf. „Nein.“
„Tage. Und wenn es sein muss, Wochen. Mach dich fertig, wir gehen in die Stadt.“
„Du sagtest, dass du mir schießen beibringst!“
„Das werde ich. Sobald du bereit dafür bist.“
„Ich bin bereit!“
„Nein.“ Sky lachte. „Nein, das bist du nicht.“ Sein Ausdruck wurde wieder ernst. „Du bist rebellischer geworden, das ist wahr. Noch vor ein paar Wochen hattest du Angst, überhaupt mit mir zu sprechen. Mir ist klar, dass es nicht ohne Einfluss bleibt, mit wem du zusammenlebst. Aber bevor du lernst anzugreifen, musst du lernen, dich zu verteidigen. Und um dich zu verteidigen, besitzt du schlicht zu wenig Ausdauer.“
Gibbli öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Er hatte recht, das konnte sie nicht bestreiten. Auch nicht die Tatsache, dass Abyss und Steven sie beeinflussten. Und das Spiel, dieses dämliche Spiel.
„Abyss behauptet immer, Schießen sei etwas für Feiglinge. Aber ich versichere dir, kein Ausbilder bei Verstand, wird jemandem eine Schusswaffe geben, der nicht bereit dafür ist zu töten. Hier.“ Er streckte ihr den Uniformanstecker entgegen. „Gib ihn Djego zurück, wenn du ihn siehst.“
„W… wann soll ich ihn sehen?“, stotterte sie.
„Glaub mir, er wird auftauchen. Das tut er immer. Dieser Junge ist süchtig nach Informationen.“
 
Das Training gestaltete sich absolut katastrophal. Am ersten Tag und auch in den darauf folgenden. Sky ließ Gibbli laufen. Immer und immer wieder, um die Plattform an der Spitze Oceas herum, durch die Gänge der Stadt, überall. Irgendwann schickte er sie nur noch los und kümmerte sich nicht mehr darum, ihr zu folgen, sondern blieb einfach auf der Mara zurück.
Nach ein paar Tagen begannen sie mit dem Training im Nahkampf. Mit seinem Versprechen, er würde sie nicht verschonen, behielt er recht. Gibbli war viel zu langsam. Sie schaffte es nicht, den einfachsten Schlägen auszuweichen. Samantha versuchte, sie aufzumuntern, und gab zu Bedenken, dass sie das versäumte Training von Jahren nicht in nur ein paar Tagen nachholen konnte. Doch das änderte nichts daran, dass Gibbli das Gefühl hatte, einfach mies darin zu sein. Der Kapitän sprach es nicht direkt aus, dennoch ließ er sie spüren, dass er es für hoffnungslos hielt. Er war kein Ausbilder, sondern jemand, dem normalerweise bereits ausgebildete Soldaten vor die Nase gesetzt wurden. Dagegen kam Gibbli nicht an.
„Steh auf!“, befahl er in einem Training, als sie wieder einmal regungslos am Boden liegenblieb.
Seit über zwei Stunden bemühte sie sich vergeblich, seinen Schlägen auszuweichen. Sie befanden sich auf der Plattform über dem obersten Stockwerk Oceas, zwischen den Konsolen, die um den Rand herum aufgebaut waren. Vor der Vorrichtung des ausgeschalteten Portals hatten sie genug Platz. Alle viere von sich gestreckt, lag Gibbli auf ihrem schmerzenden Rücken und rang nach Luft. Sie erinnerte sich nicht daran, jemals auf der Akademie jemanden gesehen zu haben, der nach dem Training so fertig war wie sie. Die Schüler jammerten hin und wieder. Aber keiner von ihnen war übersät von blauen Flecken gewesen und so schwach, dass sie kaum noch stehen konnten. Sie war sich sicher, dass Skys Training härter war als alles, was die Schüler auf der Akademie je in den Kampfkursen durchmachen mussten.
„Ich sagte, steh auf!“, fuhr er sie an und trat näher.
Gibbli rollte sich auf den Bauch und stemmte sich hoch, um dann wieder zu fallen. Verdammt, tat das weh.
„Wehre dich!“
„Ich versuche es!“, brachte sie hervor.
„Nicht genug. Du bist jetzt mindestens fünf Male gestorben, alleine in der Zeit, in der du nicht aufgestanden bist. Gerade stirbst du ein sechstes Mal.“
Sie versuchte es noch einmal und kam taumelnd auf die Beine. Mit ihren Händen auf den Knien abgestützt, blieb sie vor ihm gebeugt stehen.
„Bereust du es?“
„Nein“, flüsterte Gibbli.
Sky gab ihr einen leichten Schubs mit einer Hand. Vor lauter Erschöpfung fiel sie wieder nach hinten.
„Bist du dir sicher? Ich werde dich so lange umwerfen, bis du nicht mehr aufstehen kannst. Das hier ist nicht die Akademie. Keine feststehenden Kurszeiten. Es ist zu Ende, wenn du kaputt bist.“
„Ich bin sicher“, krächzte sie und versuchte, sich erneut aufzustemmen.
Er blickte sie kopfschüttelnd an, als sie völlig entkräftet zurück auf den Boden fiel. Dann drehte er sich um und ging weg.
„Warte!“, keuchte Gibbli. „Nicht! Ich steh auf! Ich … schaff das!“ Doch sie kam nicht mehr hoch. „Ich schaff es“, flüsterte sie noch einmal, das kühle Metall unter ihren Wangen.
Eine halbe Stunde später zog sich Gibbli auf und kroch an den Rand der Plattform, um sich gegen eine Konsole zu lehnen. Noch immer etwas schwindlig betrachtete sie die Säulen, die zur Galerie über dem Portal führten. Ein Geräusch ließ sie plötzlich erschaudern. Gibbli hätte gedacht, allein zu sein. Kam Sky zurück? Nein, der Gang des Kapitäns klang nicht so schleichend. Skys Schritte waren fest und immer mit Ziel, nicht so vorsichtig wie die, die da auf sie zukamen. Erschrocken zog sie Abyss‘ Messer. Oh nein, dachte sie, als sie seine Gestalt erblickte. Seine rostroten Locken erkannte Gibbli schon von weitem. Ihr Herz schlug schneller. Er trat näher, darauf bedacht ihre Aufmerksamkeit zu erregen, denn sie war sich sicher, wenn er gewollt hätte, wären seine Schritte lautlos gewesen. Djegos Arme hingen links und rechts offen zu ihr gewandt. Es lag in seiner Absicht, dass sie ihn bemerkte. Ein paar Meter vor ihr blieb er stehen. Sein Blick streifte das Messer in ihrer Hand und er ging in die Hocke.
„Ich tu dir nichts. Ich bleibe hier und du dort drüben, einverstanden?“
Gibbli nickte nervös. Verdammt, sie musste schrecklich aussehen! Warum kam er ausgerechnet jetzt? Sie war hässlich und völlig fertig vom Training. Und er, mit diesen leuchtenden Augen wie die oberen Schichten des Meeres bei Tageslicht …
„Tu das nicht“, sagte er. „Lass es in deinen Händen.“
Erstaunt hielt sie inne. Sie hatte das Messer wegstecken wollen.
„Du weißt ja nicht, auf welcher Seite ich stehe, oder? Was würde dein Kapitän denken, wenn du so unvorsichtig bist?“
Er hatte recht! Wieso verhielt sie sich so dumm?
„Ich bin Djego“, sagte er freundlich. „Doch das weißt du sicher schon. Eigentlich Cervantes, aber in der Flotte sprechen sich die Leute ja mit Nachnamen an. Bis auf Jack natürlich. Also bin ich Djego.“
Gibbli begann zu schwitzen. Bestimmt roch er es. Verdammt, ganz sicher sogar, nach dieser katastrophalen Trainingseinheit. Wahrscheinlich sah er es auf ihrer Haut. Wie sich seine Haut wohl anfühlte?
„Du sprichst nicht viel, oder? Ich nehme einfach einmal an, du hast dich vorgestellt, Gibbli. So darf ich dich doch nennen? Du fragst dich sicher, wie ich hier her komme.“
Sie schwieg. Wie kam er überhaupt auf die Idee mit ihr zu reden? Und sie saß einfach dumm hier und starrte ihn an, wie ein aufgeblasener Kugelfisch! Sag was, dachte sie verzweifelt, doch kein Laut kam über ihre Lippen.
„Nun, ich kann gut klettern.“
Ja, so wie er aussah, bestimmt. Er war Elitesoldat. Sie war unsportlich. Gibbli war mies im Klettern. Wahrscheinlich noch schlechter als im Laufen.
„Ich habe dir etwas über mich verraten, jetzt wäre es nur fair, wenn ich etwas über dich erfahre, findest du nicht?“
„Okay“, flüsterte sie atemlos.
Wie dumm sich das anhörte. Die Wörter aus ihrem Kopf schienen nicht mehr im Stande zu sein, ihren Mund zu erreichen.
Djego grinste breit und die makellosen Zähne kamen zum Vorschein. „Wo hast du deinen fluchenden Liebhaber gelassen?“
Irritiert blickte sie ihn an. „Abyss ist nicht … mein …“ Ihr Herz begann lauter zu klopfen.
„Natürlich nicht, bitte verzeih mir, das war dumm von mir. Ein interessanter Name, Abyss. Aber du bist natürlich zu jung. Wie alt bist du, Gibbli?“
„15?“, sagte sie mit hoher Stimme. Es klang eher wie eine Frage, als eine Antwort. Reiß dich zusammen, dachte sie entsetzt. Wieso verriet sie ihm überhaupt ihr Alter? Nein, warum wollte er das überhaupt wissen?
„15 Jahre. Ist es möglich, dass wir irgendwann einen Kurs zusammen hatten? Ich bin nur vier Jahre älter. Hm, nein wohl eher nicht. An jemanden wie dich hätte ich mich erinnert. Also … für dein Alter bist du gut im Nahkampf, Gibbli.“
Verdammt, hatte er sie beobachtet? Wie lange tat er das schon? Moment, sie war gut? Wollte er sie verarschen? Was sollte das überhaupt heißen, er hätte sich an sie erinnert? Ihre Gedanken überschlugen sich.
„Entschuldige, es war nicht meine Absicht, dich in Verlegenheit zu bringen. Vielleicht können wir ja irgendwann zusammen trainieren, ich würde mich sehr freuen. Jetzt allerdings, sollte ich besser gehen. Jack ist noch immer außer sich vor Wut und sucht das Ding überall. Er sagte nicht was genau, aber ihr habt ihm da wohl etwas sehr Großes vor der Nase weggeklaut. Verrätst du mir, was es war?“
Zusammen trainieren?, dachte Gibbli verdattert. Mit ihm? War das sein Ernst?
„Nicht? Nun, das macht nichts. Es war mir eine Ehre, dich zu treffen, Gibbli. Ich hoffe, wir sehen uns bald wieder.“
Sprachlos ließ er sie zurück. Es war ihm eine Ehre? Sie hatte sich doch so blöd verhalten! Und sie sah schrecklich aus! Und vor lauter Aufregung hatte sie auch noch völlig vergessen, ihm diesen sonnenförmigen Uniformanstecker zurückzugeben.
 
„Du siehst schrecklich aus“, bestätigte ihr Samantha zwei Stunden später.
„Ich weiß“, murmelte Gibbli niedergeschlagen. Sie saß neben ihr am runden Tisch in der Mara und begutachtete missmutig das Stück Garnelenkuchen, das ihr die junge Frau vor die Nase gestellt hatte. Sie mochte Garnelen.
„Nein, du weißt nicht, ich meine etwas ganz anderes!“, erwiderte Samantha aufgebracht. „Ich finde, euer Training geht zu weit.“
„Zu weit?“ Hier ging nichts zu weit! Sie musste noch viel stärker trainieren, vor allem, wenn sie irgendwann Djego gegenüber stehen sollte. Sie würde sich ja total blamieren!
„Sieh dich doch an! Er ist der Kapitän. Er darf dich nicht so zurichten, er sollte dir beibringen, dich genau gegen so etwas zu verteidigen. Ich werd ihm sagen-“
„Nein!“, unterbrach Gibbli sie. „Das ist meine Sache. Ich krieg das hin.“
Samantha blickte sie zweifelnd an.
„Ich meine … er … ist nur fair. Ich hab es verdient.“
„Verdient? Das sollst du verdient haben?“
„Das verstehst du nicht.“
„Niemand hat es verdient so geschlagen zu werden!“
„Du bist nicht hier aufgewachsen! Du hast keine Ahnung, wie das auf der Akademie funktioniert! Das hier ist nichts dagegen!“ Das war gelogen. Auf der Schule ging es zwar hart zu, aber gegen Skys Training war eher die Akademie ein Witz. Doch das würde sie Samantha sicher nicht unter die Nase reiben.
„Nein Gibbli, ich habe wirklich keine Ahnung davon.“
„Du hast gesehen, wie ich Steven verletzt habe. Sky muss so hart sein. Und … wie soll ich denn sonst je lernen, mich zu verteidigen?“
„Genau darum geht es doch, oder nicht? Du hast den Oceaner erwischt, so richtig! Du bist gut, du kannst dich auf deine Weise wehren. Mit Technologie. Du brauchst das hier doch gar nicht.“
„Und wenn sie nicht mehr funktioniert?“ So wie draußen, in der Stadt. Oder wenn Gibbli durch das Training verhindern könnte, dass so etwas überhaupt passierte? „Sky zeigt mir, wie ich ihm ausweichen kann. Ich will, ich muss das lernen. Er, ist der Kapitän, er weiß, was er tut.“
„Bist du sicher?“
„Ja“, antwortete Gibbli stur und schob den Kuchen beiseite.
Das hier war zu viel. Sie würde stark werden und schlank und schön. Dieses ganze Essen machte sie nur dick. Stolz, dem Drang widerstanden zu haben, betrachtete Gibbli zufrieden den Teller. Samantha blickte sie traurig an, sagte jedoch nichts dazu. Sie seufzte, zog den Teller zu sich heran und schob sich ein Stück Garnelenkuchen in den Mund. Täuschte sich Gibbli, oder aß Samantha in letzter Zeit ziemlich viel?
„Bin ich hässlich, Sam?“, rutschte es ihr heraus.
Samantha hielt inne. „Natürlich nicht. Meinst du, wegen dieser beiden Frauen? Bless und Dixland? Die sind doch in der Flotte. Die haben jahrelanges Training hinter sich. Bist du deswegen so versessen darauf, dich zu verändern? Denkst du, dass es dir hilft, so wenig zu essen?“
„Hör auf damit! Ich bin nicht versessen!“
„Dann iss diesen Kuchen. Sky sagte, ich soll darauf achten, dass du genug isst.“
„Was ich esse, geht ihn nichts an!“ Gibbli schnaubte und fuhr Samantha dann gereizt an: „Und dich auch nicht!“ Sie fuhr sich mit beiden Händen durch die Haare. Wie konnte man nur solche dicken Borsten haben? Grausam! Vielleicht sollte sie die Dinger einfach abschneiden? Ihr Blick fiel wieder auf Samantha und sie stutzte. „Sam? Weinst du? Ich … ich wollte dich nicht so anfahren. Ich meine … tut mir leid?“, fragte sie unsicher. Gibbli war es nicht gewohnt, dass jemand so auf sie reagierte. Sie redete ja mit kaum jemandem. Und wenn sie Abyss so anfuhr, dann schrie er einfach zurück oder sagte irgendetwas, um sie zum Lachen zu bringen.
Samantha schüttelte den Kopf. „Nein, schon gut, das ist nicht deine Schuld.“
Gibbli blickte sie fragend an. Sie hatte keine Ahnung, wie man jemanden aufmunterte.
„Es ist nur … wegen Nox. Ich will ihm etwas sagen, mit ihm reden, ich meine … er fehlt mir. Ich hoffe, es geht ihnen gut.“
Daran hatte Gibbli gar nicht gedacht. Das Training mit dem Kapitän hatte sie so abgelenkt, dass sie Nox und Bo völlig aus den Gedanken verloren hatte. „Sam?“, fragte sie vorsichtig. „Warum nimmt Sky dich nicht in die Crew auf?“
Samantha hob den Kopf. „Weil ich das nicht möchte. Und Nox auch nicht. Sky wollte das, aber wir haben sein Angebot abgelehnt.“
„Warum?“
„Ich will zurück nach Hause. Verstehst du das? Nach Takao. Ich mag die Tiefseemenschen und wenn man sie erst besser kennt, sind sie auf ihre Art wirklich nett und fürsorglich. Es ist nur … wir können nicht sofort zurück. Nox muss sie erst überzeugen, damit sie uns wieder aufnehmen.“
Gibbli nickte. „Wenn … also wenn ihr beide nicht hier sein wollt, warum führt Nox dann Skys Befehl aus?“
„Sky denkt, Nox sei ihm etwas schuldig, weil er ihn auf seinem U-Boot hier her mitgenommen hat.“
Wie Samantha diese Worte aussprach, ließ Gibbli aufhorchen. „Und … denkt Nox das auch?“
Sie erhielt keine Antwort.
„Sam? Wo ist Nox jetzt?“
Samantha schwieg.
„Er ist also nicht dort, wo der Kapitän ihn haben will. Sky sollte das wissen.“
„Nein!“, rief Samantha und sprang auf. „Du behältst das für dich!“
Gibbli sah die Tränen in ihrem Gesicht. „Okay“, sagte sie zögernd und fügte hinzu: „Wenn du ihm nicht erzählst, dass ich das Zeug hier nicht gegessen hab, sag ich Sky auch nichts.“
„Meinetwegen.“ Samantha setzte sich wieder. „Das Zeug wäre aber lecker“, flüsterte sie und nahm sich ein weiteres Stück vom Kuchen.
 
Am nächsten Tag schien es Samantha wieder besser zu gehen und Gibbli startete wie gewohnt mit dem Laufen. Noch bevor das Nahkampftraining mit Sky beginnen sollte, kam er zu ihr. Sie befand sich gerade auf dem zentralen Platz zwischen den drei Häusern in der obersten Etage Oceas, um sich etwas auszuruhen. Der Kapitän befahl ihr, mit ihm zu kommen. Wie sich herausstellte, hatte er ein Treffen vereinbart in einem der mittleren Stockwerke der Stadt. Sie traten in einen kleinen Raum. Gibbli hätte Djego erwartet oder Dixland mit dieser dämlichen, puppenartigen Frau.
„Mr. Plotz?“, fragte sie überrascht.
Vor ihnen stand tatsächlich Illias Michael Plotz, stellvertretender schulischer Direktor und Leiter der Geologieabteilung.
„Kapitän Sky.“ Er hob den Kopf, als die beiden eintraten und hielt irritiert inne. „de Orange. Was … Wer hat dich so zugerichtet?“
„Ich trainiere sie.“
„Sky, verdammt! Sie ist ein Kind! Du kannst doch nicht-“
„Du hast nicht das Recht, mir zu sagen, was ich kann und was nicht. Und falls du es vergessen hast, wäre sie bei euch, wäre sie jetzt tot.“
Plotz seufzte. „Ich hoffe, es ist wichtig. Wenn Jack mich hier in der Stadt erwischt, bin ich meinen Job los!“
„Es ist wichtig. Gibbli, gib mir dein EAG.“
Gibbli holte es umgehend aus ihrer Tasche und fragte sich, was Sky damit wollte.
Der Kapitän hielt ihn Plotz entgegen. „Hier sind Daten. Aufzeichnungen über ein Erdbeben und einer Anomalie. Ich will, dass du sie für mich auswertest.“
Richtig, sie hatte ja den Riss oben in der Stadt untersucht, dabei aber leider nichts neues herausgefunden, außer dass der Riss irgendwie mit der zweiten Anomalie in Verbindung stand, welche sie mit der Meeresgondel passiert hatten.
Plotz zog seinen EAG und steckte beide zusammen, um die Dateien zu überspielen. Dann öffnete er eine Datei davon. „Das sind Messungen. Warum bestellst du mich hier runter? Ich besitze solche Daten bereits und noch einige mehr.“
„Mehr?“, fragte Sky erstaunt. „Das ist gut. Ich benötige weitere Informationen, Plotz!“
Der Mann gab Gibbli das EAG zurück. „Na schön, ich lasse dir in den nächsten Tagen alles zusammenstellen, was wir haben. Aber lass um des Meeres Willen das Mädchen in Ruhe!“
 
Die Worte des Geologielehrers kümmerten den Kapitän nicht im Geringsten. Nachdem Plotz gegangen war, stiegen sie zur Plattform hinauf und trainierten weiter. Auch dieses Mal schaffte Gibbli es nicht, auch nur einem Schlag abzuwehren. Sie hielt die Arme falsch und reagierte viel zu langsam. Sicher hatten sich die unzähligen Kratzer und blauen Flecken auf ihrer Haut mittlerweile zu einem einzigen, gigantischen Farbklecks verwandelt. Und ihr war klar, dass der Kapitän sich noch zurückhielt. Wenigstens achtete er darauf, ihre Knochen nicht zu brechen.
„Arme hoch Gibbli, schütze dein Gesicht!“, ermahnte er sie.
Wieder lag sie auf dem Rücken. Sie hielt sich angespannt die Hände vor ihre Augen.
„Nicht so. Wie willst du deinen Gegner sehen, wenn du dich selbst blind machst? Nimm die Hände da weg und steh auf!“, knurrte Sky.
Gibbli bewegte sich nicht. Sie hätte es gekonnt. Sie war noch fit. Aber sie würde nie an die Soldaten der Elite herankommen. Nicht jetzt und nicht in fünfzig Jahren. Sie würde nie so aussehen und würde nie so stark und schnell werden. Und sie würde nie Djego gegenübertreten können, ohne vor Scham im Boden zu versinken.
„Hörst du mir zu? Ich sagte, steh auf!“ Sky trat an sie heran, als Gibbli schwieg. „Was ist los? Wir haben noch nicht einmal richtig angefangen.“
„Ich kann das nicht mehr“, sagte sie leise.
„Warum?“
„Ich will nicht mehr.“
„Du hörst dich an wie Abyss. Das ist kein Grund. Sag mir warum.“
Sollte sie zugeben, dass das hier alles keinen Sinn machte? Nein, das wäre schwach. Außerdem wusste er das doch längst! Warum ritt er dann noch darauf herum?
„Warum, Gibbli?“
„Du hörst dich auch an wie Abyss! Er hört nie auf, mir Fragen zu stellen.“
„Ja, weil er stur ist und nicht weiß, wann man lieber schweigen sollte. Jetzt zum Beispiel ist nicht der richtige Zeitpunkt dafür, also sprich mit mir.“
„Abyss hat mir gesagt, Gehirne neigen dazu, Dinge zu glauben, wenn sie begründet klingen und es spielt keine Rolle, ob diese Gründe der Wahrheit entsprechen. Also denk dir doch einfach einen Grund für mich aus.“
„Und darum solltest du ihm nicht trauen.“ Sky hockte sich neben sie auf den Boden. „Das sind genau die Dinge, von denen ich immer hoffe, dass du sie dir nicht von ihm abschaust. Sag mir, was du denkst. Du kannst mir vertrauen, Gibbli.“
„Das tu ich.“
„Das klingt nicht überzeugend.“
„Das tu ich, weil du der Kapitän bist?“
Sky schmunzelte. „Schluss mit diesem Unsinn. Ich belüge dich nicht, Gibbli und ich versichere dir, ich werde keinen Grund erfinden, der nicht der Wahrheit entspricht. Ich bin ehrlich zu dir. Lass uns eine Pause machen und reden.“
„Worüber?“, fragte sie. Sie redeten ja schon. Hatte er jetzt doch ein schlechtes Gewissen wegen Plotz? Nein, auf so etwas würde Sky nie hören.
„Ich habe dir von Anfang an gesagt, dass ich dich nicht wie ein Kind behandeln werde. Dazu gehört, dass du mit Tatsachen klar kommen musst. Und Tatsache ist, du hättest nie auch nur die geringste Chance in die Flotte aufgenommen zu werden. Wenn du noch auf der Akademie wärst, würde kein Flottenführer auch nur darüber nachdenken, dir eine Chance zu geben, nicht einmal auf dem langsamsten, kleinsten, schäbigsten U-Boot. Du bist nicht für die Elite geeignet.“
Das war absolut niederschmetternd. Diese Worte klangen schlimmer, als wenn er sich plötzlich um ihren Zustand kümmern würde, weil er möglicherweise zu fest zuschlug. „Ich weiß das. Du weißt das. Alle wissen das. Ich will nicht darüber reden.“
„Aber das machen wir jetzt. Du verstehst das nicht richtig. Nimm sofort die Hände aus dem Gesicht.“
Gibbli tat es zögernd.
„Dein Vorteil ist, du bist bereits in meiner Crew. Und ich bin Kapitän der Mara und kein Flottenführer mehr.“
Das machte es nicht besser. Sie war es nicht wert, hier zu sein. Gibbli starrte in die Luft nach oben.
„Weißt du, warum ich es zulasse, dass du hier bist? In meiner Crew? Sag es mir.“
„Weil …“, sie hielt inne. Ja, warum war sie eigentlich hier? „Weil ich mich gut mit oceanischer Technologie auskenne?“
„Sieh dich um! Diese Technologie funktioniert momentan nicht. Du wärst demnach nutzlos.“
„Ich bin nutzlos“, wiederholte sie tonlos.
„Falsche Antwort. Setz dich auf!“, befahl Sky.
Sie bewegte sich nicht.
„Hey! Was muss ich tun, um dich zu provozieren? Du widersprichst, wenn ich es nicht erwarte und wenn ich will, dass du es tust, auf Aussagen, auf die mich jeder normale Mensch anschreien würde, stimmst du mir einfach zu und gibst dich völlig selbst auf. Jetzt setze dich gefälligst auf!“
Widerwillig stützte sie sich am Boden ab und drückte sich hoch. Dann wurde ihr klar, mit wem sie hier sprach und setzte sich rasch aufrecht hin. Mit einem schlechten Gewissen, wie sie sich hier gerade gehen gelassen hatte, blickte sie auf ihre Hände. Sie mochte ja seine Ehrlichkeit. Und die Wahrheit war eben nicht immer schön.
„Ich bin kein normaler Mensch“, sagte Gibbli leise.
„Natürlich nicht und ich brauche keine normalen Menschen in meiner Crew. Darum frage ich dich noch einmal. Warum denkst du, lasse ich dich hier sein?“
„Ich … ich bin eine gute Technikerin?“, fragte sie unsicher.
„War das eine Frage?“
„Ich bin eine gute Technikerin.“
„In diesem Bereich bist du viel zu gut für die MA und das, egal, um welche Art von Technologie es sich handelt. Und was die Theorie angeht, hast du ja einen hervorragenden Lehrer. Steven mag kindisch sein, aber er ist gut in dem, was er tut. Er kann dir Dinge beibringen, von denen die Kursleiter der Meeresakademie nur träumen. Aber das ist nicht der einzige Grund.“
„Ist es nicht?“
Sky griff nach ihren Arm und bog ihn schmerzhaft nach hinten. „Tut das weh?“
Gibbli biss die Zähne aufeinander. „Ja.“
„Jammerst du deswegen herum?“
Sie schüttelte den Kopf.
„Natürlich nicht. Du bist fertig, weil du nicht schaffst, was ich von dir verlange oder besser gesagt, was du wolltest, dass ich von dir verlange. Das Kampftraining war im Grunde dein Wunsch.“ Er ließ ihren Arm los. „Du bist langsam. Schwach. Meine Schläge treffen dich wie ein Magnet, als würdest du sie leidenschaftlich sammeln statt ihnen auszuweichen. Aber über körperliche Schmerzen würdest du nie auch nur ein Wort verlieren. Du erträgst sie. Du hältst sie aus.“
„Das ist meine Schuld“, stammelte sie. „Meine Reflexe sind zu-“
„Gibbli, du steckst Schmerzen weg, da würde ausnahmslos jeder Mann und jede Frau aus meiner ehemaligen Flotte schreiend zusammenbrechen.“
War das sein Ernst? Und was, wenn sie das einmal nicht mehr schaffen würde? Sie wollte gerade etwas erwidern. Doch plötzlich sprang Sky auf. Er packte sie an den Schultern und zog sie mit sich ein paar Schritte zur Seite. Währenddessen griff er mit der anderen Hand nach seinem Strahler.
Gibbli wirbelte herum. Das Herz schlug ihr bis zum Hals, als sie in sein braungebranntes Gesicht blickte.
„Schon gut, alles ist gut, keine Panik, ich bin es nur, Kapitän!“, rief Djego mit erhobenen Händen.
Sky ließ seinen Strahler sinken. „Wie kommst du hier hoch? Okay, dumme Frage …“, fügte er sofort hinzu. „Sag mir, was du hier willst.“
„Was ich will? Ich … wollte zu euch“, sagte er langsam. Gibbli fiel auf, dass er vorsichtig sprach, als würde er jedes Wort genau abwägen. „Ich habe eine Nachricht abgefangen, bevor Jack an sie herankam. Ich wollte sie euch bringen. Schon … seit einer Weile. Aber ich habe euch nicht gefunden. Ihr wart nicht hier. Habt ihr die Stadt verlassen?“
„Nein. Nur den Standort geändert“, antwortete Sky. Die Mara erwähnte er nicht. Offensichtlich wusste Djego auch nichts von dem Treffen mit Ilias Plotz. „Gib mir die Datei.“
Djego holte einen Informationsstecker aus einer Innentasche seiner Uniform hervor.
Sky nahm den Stick nachdenklich an sich. „Du hast sie gesehen.“
„Ja. Ja, das habe ich“, bestätigte Djego und blickte Gibbli dabei seltsam feindselig an.
„Wenigstens bist du ehrlich. Oder weißt, wann es besser ist, so zu tun als wärst du es.“
„Jack hat keine Ahnung, wo er ist und ich werde es ihm nicht sagen. Beweist das nicht, dass ich auf eurer Seite stehe?“
Ohne ihm zu antworten, zog Sky sein EAG hervor und schob den Informationsstecker hinein. Gibbli versuchte nicht zu zittern, als sie Djego plötzlich ganz nah hinter sich spürte. Er berührte sie wie zufällig am Arm. Der Kapitän spielte die Aufzeichnung ab. Als sie Abyss auf dem Bildschirm erblickte, der sich vor ihnen in der Luft aufbaute, vergaß sie Djego sofort. Er sah schrecklich zugerichtet aus! Quer über sein Gesicht zogen sich tiefe Kratzer, weiter über seinen Hals hinweg, über die Schultern und unter das ärmellose Hemd hinein, das er trug. Seine Augen wirkten eingefallen. Er saß seitlich zur Kamera auf einem altmodischen Ohrensessel vor einem prasselnden Feuer eines offenen Kamins. Gibbli kannte diesen Raum. Sie war dort gewesen, damals, in Bo’s Körper. Zunächst sprach er nicht und blickte auch nicht direkt in die Kamera. Dann drehte er den Kopf vom Feuer weg und sah in die Aufnahme. Es schien ihm schwerzufallen.
Seine Stimme klang angekratzt. „Schlechte Nachricht Kapitän. Deine Mission ist gescheitert. Diese dämliche Hackfresse ist auf dem Weg hierher verschwunden. Keine Ahnung, wohin. Hab versucht allein mit den Tiefseemenschen zu sprechen. Naja, du siehst es ja bestimmt, es ist etwas eskaliert. Erinnerst du dich an dein kleines oceanisches Spielzeug? Tja, ich musste es einsetzen. Hat ihnen nicht gefallen.“ Er drehte seinen Kopf von der Kamera weg und lehnte sich nach hinten in den Sessel. Kurz schloss er die Augen und nahm einen tiefen Atemzug. Dann beugte er sich nach unten. Gibbli sah von der Seite, wie er etwas auf seinen Bauch presste. War das frisches Blut, das durch sein Hemd sickerte? Abyss‘ Gesicht verzerrte sich kurz und er unterdrückte ein Stöhnen. Er griff nach einer altmodischen Strickdecke, die neben ihm lag und zog sie um sich herum. Dann drehte Abyss seinen Kopf wieder der Kamera zu und sprach schwer atmend weiter. „Ich musste fliehen. Das ist alles die Schuld von diesem scheiß Goldklumpen! Er hätte dabei sein sollen. Ich bin hier in Sicherheit. Vorerst. Aber ich … also …“ Abyss lehnte sich zurück und blickte nicht mehr in die Kamera, als er anfing zu flüstern. So, als würde er das, was er aussprach nur ungern zugeben wollen. „Also ich schaff’s momentan nicht, das Boot allein bis zur Akademie zu steuern.“ Er hob einen Arm und hielt seine blutende Hand mit den fehlenden Fingern vor den Bildschirm, ohne sich ihnen zuzuwenden. Gibbli verzog das Gesicht bei diesem Anblick. „Ich hatte Glück, den MARM überhaupt bis hierher zu bringen. Das dumme Teil fährt einfach nicht dorthin, wo ich es will! Die Steuerung ist Schrott!“
„Natürlich, die Steuerung“, sagte Sky leise.
„Also, ich komm dann in ein paar Tagen. Wenn das hier aufhört zu bluten. Schick Bo vorbei, wenn du sie siehst. Ach und Sky …“ Er drehte den Kopf wieder und sein düsterer Ausdruck jagte einen Schauer durch Gibblis Körper. „Wenn dir dieser goldene Drecksack über den Weg läuft, sagt ihm, ich werd ihn einschmelzen!“
Abyss streckte seinen heilen Arm aus, in Richtung des Aufnahmegerätes und lehnte sich seitlich aus dem Sitz, so dass sein Gesicht jetzt ganz groß zu erkennen war. Gibbli hatte das Gefühl, dass seine grauen Augen sie durch das Gerät hinweg anstarrten.
Noch einmal öffnete er den Mund, zögerte kurz und sagte dann leise: „Du fehlst mir, Gibbli.“
Das Hologramm fiel in sich zusammen. Gibbli hob den Kopf. Djego blickte grimmig auf das EAG und verschränkte die Arme.
„Wir müssen ihn abholen“, verlangte sie sofort.
Doch Sky lehnte ab. „Das ist nicht notwendig. Er kann sich dort ausruhen. Und es ist nicht klug, schon wieder die Stadt zu verlassen.“
„Schon wieder?“, fragte Djego neugierig, doch Gibbli nahm ihn kaum noch wahr.
Sky ging nicht auf seine Frage ein. „Ich sollte Abyss antworten, bevor er noch auf dumme Ideen kommt. Gehen wir zurück auf die Mara. Das Training muss warten.“
Er ist in Sicherheit, wiederholte Gibbli in Gedanken.
„Ich kann das übernehmen. Ich hab etwas Zeit“, warf Djego ein.
Sky musterte ihn eine Weile. Dann nickte er und wandte sich ihr zu. „Gibbli? Ist das für dich okay?“
Sie nickte abwesend, noch immer versucht, das Blut auf Abyss‘ blasser Haut aus ihrem Kopf zu bekommen.
„Wenn ihr etwas passiert, werde ich dich dafür verantwortlich machen. Ich werde dich jagen. Bestätige das.“
„Ich hab verstanden, Kapitän. Ich passe auf. Wir verlassen die Plattform nicht, bis du zurück bist.“
Überrascht riss Gibbli die Augen auf, als der Kapitän großen Schrittes ohne sie davon eilte. Verdammt, das hatte sie jetzt irgendwie verpasst!


Dieser Blog ist werbefrei! Bestimme selbst, was dir meine Programme, Informationen, Geschichten und Tutorials wert sind.
Unterstütze mich, indem du meinen PayPal Account fütterst!
Damit hilfst du, wiederkehrende Serverkosten dieses Blogs abzudecken und Material zum Erstellen zukünftiger Artikel zu finanzieren. Vielen Dank! <3

Making Off: Eine Gitarre mit Posca Marker bemalen

sockenzombie - johnson gitarre bemalen mit posca marker

 

Material: schwarzer Posca Marker
Gitarre: Johnson EST.1993

 

sockenzombie - johnson gitarre bemalen mit posca marker

 

Ein kleines Projekt für zwischendurch. Vielleicht bemale ich demnächst noch mehr Gitarren. Ich hab da schon ein paar richtige Motive im Kopf, das hier war nur ein kleiner Test, ob es überhaupt funktioniert mit den Posca Markern. Es funktioniert!

 

sockenzombie - johnson gitarre bemalen mit posca marker

sockenzombie - johnson gitarre bemalen mit posca marker

sockenzombie - johnson gitarre bemalen mit posca marker

sockenzombie - johnson gitarre bemalen mit posca marker

sockenzombie - johnson gitarre bemalen mit posca marker

sockenzombie - johnson gitarre bemalen mit posca marker

 

Hat Spaß gemacht. Das einzig schwierige daran ist, dass man sich vom Spielen abhält und auch wirklich zeichnet. Und so sieht meine akustische Johnson Gitarre jetzt aus:

 

sockenzombie - johnson gitarre bemalen mit posca marker


Dieser Blog ist werbefrei! Bestimme selbst, was dir meine Programme, Informationen, Geschichten und Tutorials wert sind.
Unterstütze mich, indem du meinen PayPal Account fütterst!
Damit hilfst du, wiederkehrende Serverkosten dieses Blogs abzudecken und Material zum Erstellen zukünftiger Artikel zu finanzieren. Vielen Dank! <3

Kapitel 9: Elitesoldatinnen (Bis in die tiefsten Abgründe)

Gibbli schnappte erleichtert nach Luft, als sie erwachte. Dann fiel ihr ein, dass sie sich noch immer in dieser alten, klapprigen Meeresgondel befand. Wenigstens hatten Nox und Bo es geschafft zu entkommen! Sie erinnerte sich dunkel an einen Fangzahnfisch, der einen Teil der Siedlung ihres Wohngebietes zerstört hatte, als sie drei Jahre alt gewesen war. Dieses dumme Wasser!
Dann schrie Gibbli plötzlich entsetzt: „Unterbrechungen! Sam, weg da!“
Samantha fuhr erschrocken hoch. Gibbli packte sie am Arm und zog sie auf ihre Seite. Gerade rechtzeitig, die Gondel fuhr mitten in den Riss hinein. Die Seite, auf der Samantha gesessen hatte, wurde von dem seltsamen Gebilde durchzogen.
„Ist das wieder so ein Zeitgravitationsding?“, fragte Samantha und presste sich neben ihr an die Wand.
Gibbli nickte und starrte mit offenem Mund auf Samanthas geflochtene Zöpfe, die in Richtung des Risses gezogen wurden. Kleine Stücke von Dreck erhoben sich und blieben mitten in der Luft vor ihnen stehen. Getrocknete Überreste des Schlammes, der aus ihrer Kleidung gerieselt war. Fasziniert hob Gibbli ihren Arm und ihr Zeigefinger kam der Grenze ihrer Dimension näher. So verboten und interessant wie oceanische Technologie einst ihr Interesse geweckt hatte, zog sie dieses Phänomen an. Wie sich Zeitlosigkeit wohl anfühlte? Gewichtslos, ohne Gravitation und frei …
„Nicht!“ Samanthas Stimme brachte sie in die Realität zurück und Gibbli zog den Arm zur Seite, bevor sie den Riss berührte.
Ein paar Sekunden später passierten sie die Grenze der Anomalie. Die Dreckstücke in der Luft prasselten nach unten. Als sie am Boden aufprallten, zerfielen sie zu winzigen Staubkörnchen. Die Hälfte ihrer Gondel war ebenfalls schwarz gefärbt. Zu ihrem Glück hielt sie noch zusammen. Besorgt trat Gibbli an das Rückfenster und beobachtete die nachfolgende Gondel. Sie konnten absolut nichts tun. Hoffentlich hatten die anderen beiden es rechtzeitig bemerkt. Gibbli wollte sich nicht vorstellen, was passieren würde, wenn lebendiges Fleisch diese Dimension verließ oder auch nur ein Teil davon.
Die restliche Fahrt verlief ereignislos. Irgendwann tauchte in der Ferne der große Zentrumsturm auf. Die goldene Sonne an seiner Spitze überstrahlte die Lichter der unzähligen Gebäude rund herum. Ihre Gondel überflog einen Teil der medizinischen Forschungsstationen und kam schließlich in einem verlassenen Bereich in der Akademie an. Gibblis Sorgen erwiesen sich als unbegründet: Abyss sowie Steven stiegen heil aus der Gondel nach ihnen aus. Ihre Füße hinterließen Spuren auf dem staubigen Boden. Abyss schien komplett der alte zu sein, nur Steven wirkte noch etwas angeschlagen.
„Macht den Dreck weg! Ich bin hässlich! Hässlich! Hässlich!“, murmelte er immer wieder.
Allerdings nur, bis Abyss genervt ein Heizungsrohr abbrach und es ihm an den Schädel knallte. Etwas benommen humpelte Steven fortan hinter ihnen her. Während sie versuchten, sich zu orientieren, stand der Oceaner gedankenverloren neben ihnen. Ein seltsames Bild, ihn einmal nicht sprechen zu hören und so ganz in sich versunken zu beobachten, dachte Gibbli.
Die Gänge waren ungewöhnlich leer. Jack schien einen Großteil der Soldaten in die Stadt beordert zu haben und die Schüler standen zu dieser Zeit im Unterricht. Ihr erster Weg führte sie zum verbotenen Archiv. Gibblis Hoffnung, dass sie dort nicht auf die Mara stoßen würden, bestätigte sich. Das war gut. Denn die Soldaten hätten das U-Boot zerlegen müssen, um es dort unterzubringen.
„Diese Akademie ist riesig. Wie sollten wir die Mara hier je finden?“, fragte Samantha, während sie von einer Lagerhalle aus zu einem der größeren Hangarbereiche schlichen.
„Du warst nie in Mooks. Die Hauptstadt ist viel größer“, sagte Gibbli. „Das hier ist doch nur die Meeresakademie.“
„Und Zentrum der Eliteflotte“, murmelte Abyss, als plötzlich ein Soldat um die Ecke bog. „Ich mach das. Bleibt hinter mir und haltet den Mund.“
Der Soldat verharrte in einiger Entfernung vor ihnen und kniff misstrauisch die Augen zusammen. Eindringlinge, die etwas zu verbergen hatten, wären wohl weggerannt oder hätten versucht, sich zu verstecken. Doch Abyss marschierte einfach weiter, als würde ihm die Akademie persönlich gehören.
„Aus dem Weg“, knurrte Abyss. Er blieb vor dem Soldaten stehen und machte keine Anstalten, sich herabzulassen, um ihn herum zu treten.
Unsicher, wie der Soldat darauf reagieren sollte, roch er an Abyss und rümpfte die Nase. „Wer seid ihr? Ich kenne dich irgendwoher.“
„Wer ich bin? Du wagst es, so mit einem Vorgesetzten zu sprechen?“, brüllte Abyss ihn an, während er etwas aus seiner Tasche zog. „Sei froh, dass ich dich nicht degradiere!“ Er hielt dem Soldaten ein EAG vor die Nase.
Der Mann riss die Augen auf. „Oh. Flottenführer Guhl. Entschuldigt. Mein Fehler, Sir. Moment, ist das nicht das Mädchen? Du hast sie gefunden?“ Die Hände des Soldaten wanderten zu seiner Waffe.
Abyss packte ihn am Arm und schüttelte den Kopf. „Lass den Unsinn, Idiot. Das ist sie, siehst du doch! Ich fing sie ein. War mit den anderen da unterwegs. Ich liefere sie aus.“
Der Soldat kniff seine Augen zusammen. „Du … du trägst keine Uniform.“ Sichtlich angestrengt bemühte er sich, den Dreck zu ignorieren, den Abyss‘ Hände hinterließen.
„Ach und jetzt soll ich mich vor einem Wurm wie dir rechtfertigen? Geh mir gefälligst aus dem Weg!“
Der Mann bewegte sich nicht. Ablehnend deutete er auf Steven. „Ist der dort nicht ein Meermensch?“
„So ein gescheites Menschlein.“ Der Oceaner schüttelte den Kopf. „Immer das gleiche.“ Er nickte Abyss zu. „Ich bin sein Bruder Goggl.“
„Nein ist er nicht. Er ist krank“, sagte Abyss laut.
„Was, das bin ich gar nicht!“
Abyss warf ihm einen giftigen Blick zu. „Oh doch. Er stirbt“, sagte er dann langsam. Es bereitete ihm sichtlich Mühe, diese Worte mit Bedauern auszusprechen.
Steven seufzte. „Nun, damit hat er leider recht.“
Eine weitere Soldatin kam plötzlich um die Ecke. „Was ist hier los?“, fragte sie und trat hinter ihren Kollegen.
Abyss schnippte sofort mit einem Finger und die beiden Soldaten bekamen seltsam glasige Pupillen. Dann schenkte er der Frau ein charmantes Grinsen, für das Gibbli getötet hätte. „Es ist mir eine Freude.“ Irritiert blickte ihn die Soldatin an. Doch er wandte sich von ihr ab und schrie den Mann an: „Nimm dir gefälligst ein Beispiel an deiner reizenden Begleitung!“ Der Soldat öffnete verwirrt den Mund, doch Abyss drehte sich wieder der Frau zu. Seine Stimme klang ganz sanft. „Du siehst fantastisch aus, dein Training macht sich bezahlt.“ Bevor die Frau etwas erwidern konnte, wandte er sich dem Mann zu. „Sie sollte befördert werden, findest du nicht?“, fuhr er ihn an. Dann lehnte er sich lässig an die Wand und hauchte ihr Worte ins Ohr: „Ich mag deine Haut.“
Die Frau wich vor ihm zurück. „Ich … ach ja?“
Gibbli blickte auf ihre Hände. Ihre Haut war dreckig. Und dann an sich hinab. Warum hatte sie eigentlich nie trainiert?
Der Soldat schüttelte den Kopf und schien wieder zu sich zu kommen. „Das reicht! Flottenführer Guhl, ob Vorgesetzter oder nicht, das hier lasse ich nicht-„, rief er.
„Guhl? Das hier ist der legendäre Coobs“, berichtigte ihn die Soldatin. „Wir sollten ihn verhaften.“ Ihre Stimme klang jedoch nicht, als hätte sie das vor, mehr als würde sie Abyss anhimmeln.
Gibbli biss die Zähne aufeinander. Das gefiel ihr nicht.
„Wer ist Coobs?“, fragte der Soldat.
„Ich habs versucht.“ Abyss schnaufte genervt aus. „Sky kann mir nichts vorwerfen“, murmelte er und griff in seinen Mantel.
Samantha trat erschrocken zurück. Steven packte Gibbli und riss sie fort und aus ihren Gedanken.
„Guhl! Hey, da seid ihr ja!“, rief plötzlich jemand.
Abyss hielt in seiner Bewegung inne. Die Stimme gehörte einem Mann, der hastig auf sie zu rannte. Steven lachte. Abyss hingegen sah aus, als stäche er jeden Moment zu. Zu Gibblis Überraschung ließ er das Messer in seinem Mantel. Gibbli hatte den Mann noch nie gesehen und auch Abyss schien ihn nicht zu kennen. Er wirkte ein wenig älter, aber fit wie ein Elitesoldat. Seine Haare waren bereits etwas grau an den Seiten, ebenso wie sein Bart. In den Händen hielt er ein kleines Gerät, über dem ein Hologramm schwebte. Er klickte es weg und steckte es in seine Jackentasche.
„Ich habe euch gesucht. Sehr gut, sehr gut, ihr habt sie. Und wer seid ihr?“, schnauzte er die beiden Soldaten an. „Weg da!“
Er schien großen Respekt zu genießen, denn die beiden Soldaten traten zur Seite und ließen ihn vorbei.
„Kapitän Light?“, sagte die Frau und nickte ihm zu.
Light, der direkt auf Abyss zu getreten war, wandte sich zu ihr um. „Kapitän? Diesen Posten habe ich abgelehnt! Ich leite die Ermittlungen zur verbotenen Technologie, die ihr hier gerade behindert. Ich werde euren Vorgesetzten davon berichten, wenn ihr nicht sofort verschwindet!“
„Ja, Sir, Verzeihung“, sagte der Soldat. Die beiden drehten sich um und gingen.
Das war also der Mann, der die Suche nach ihnen koordinierte. Derjenige, der Gibbli finden sollte, damit sie hingerichtet werden konnte.
„James Light“, fuhr Abyss ihn mit fester Stimme an. „Flottenführer Rhyders befahl uns-“
„Lass das. Ein Flottenführer Rhyders existiert nicht. Und dein Mr. Guhl starb letztes Jahr bei einem Unfall, von dem ich mir sicher bin, dass es keiner war.“
„Ach, echt?“, fragte Abyss mit unschuldiger Miene.
„Man klaut keine geklauten Dinge“, antwortete Light scharf und entriss ihm den EAG. „Den hier ließ Sky vor einigen Monaten mitgehen. Was hast du deinem Kapitän noch gestohlen?“
„Frag doch meinen Mantel“, erwiderte Abyss.
Light schnaubte. „Oh, ich weiß genau, wer du bist.“
„Ach ja? Wer bin ich denn?“, fragte Abyss und zog die Augenbrauen hoch.
„Sky hat mich vor dir gewarnt. Ihr seid diejenigen, die sich jetzt umdrehen und in den südlichen Außenbezirk gehen, Hangar 9.“
Steven hob arrogant den Kopf. „Damit ihr uns von dort aus gleich in eure nette Colbspalte verfrachten könnt, zu den anderen toten Menschlein?“
„Nein, Oca. Dort befindet sich das goldene U-Boot, das ihr sucht. Und ihr solltet euch beeilen, die erste Kurseinheit ist bald zu Ende. Dann wird es hier von Schülern wimmeln.“ Light wandte sich von ihnen ab. „Dieses Treffen hat nie stattgefunden“, fügte er hinzu und schritt davon.
„Nett. Laden wir ihn zu unserer Weltuntergangsparty ein?“, fragte Steven.
 
Es dauerte keine halbe Stunde, bis sie die Mara in einer der verlassenen Hangarhallen des neunten Südbezirks im Wasser treibend fanden. Wobei sie eher halb über dem Wasser hing. Über ein Gerüst hatte man Seile befestigt, um sie herauszuziehen. Die oberen beiden Decks lagen frei an der Luft, lediglich das untere Deck mit dem Maschinenraum befand sich noch unter der Wasseroberfläche. Jack schien seine Pläne, die Mara auf Grund zu legen und sie in das verbotene Archiv zu verfrachten, vorerst unterbrochen zu haben. Ocea besaß oberste Priorität.
Mit Stevens Hilfe verschafften sie sich Zugang zu einer der seitlichen Schleusen im mittleren Deck. Sie betraten den Gang zwischen dem MARM und der Zentrale. Gibbli nahm einen tiefen Atemzug. Die Luft in ihrer Lunge fühlte sich an wie ein Löffel purer Freude. Den Geruch der Mara hatte sie so sehr vermisst. Es duftete nach exotischen Pflanzen, vermischt mit der metalligen Note von Maschinen.
In der Mitte des Ganges bogen sie ab und die Öffnung zur Zentrale glitt automatisch auf. Sie traten ein und blieben alle vier überrascht stehen.
Da war schon jemand!
 
Erhobenen Hauptes saß er mit dem Rücken zu ihnen am runden Tisch auf der Bank. Er trug ein cremeweißes Hemd mit den für ihn typisch berüschten Ärmeln. Seine zerrissene Kampfhose hatte er gegen eine neue ausgetauscht, ebenso wie die elegante Uniformjacke eines Flottenführers. Sie hing über dem Geländer, hinter welchem der Weg an den Konsolen vorbei hinab zu den drei Frontsitzen führte. Seine Dreadlocks hatte er ordentlich hochgebunden. Abyss‘ Mantel fiel zu Boden und seine heile Hand wanderte zum Griff eines seiner Messer, bereit es sofort zu packen. Er verzog die Augen zu Schlitzen, während die anderen Sky noch immer mit offenem Mund anstarrten. Ihr Kapitän war nicht alleine. Links und rechts von ihm stand je eine Frau, die sich beide zu ihnen umdrehten. Schon wieder weibliche Elitesoldaten, schoss es Gibbli sofort durch den Kopf. Sportlich und gutaussehend. Die Soldatin, der sie vorhin begegnet waren, hatte ihr gereicht. Die zwei trugen eine ähnliche Uniform wie Sky. Eine von ihnen hatte langes, rotblondes Haar das seidig glänzte. Dagegen wirkte Gibblis unkämmbare, dichte Mähne wie ein Seeschwamm. Die Frau hatte fast so helle Haut wie Abyss, nur glatter und frei von jeglichen Narben. Die rosafarbenen Wangen erinnerten Gibbli an eine Puppe. Sie schätzte ihr Alter auf etwa zwanzig Jahre. Die andere Soldatin schien nur ein paar Jahre älter zu sein und ihre Haare trug sie so kurz geschoren, dass es kaum möglich war, die Farbe zu erahnen.
Sky saß noch immer ruhig am Tisch. Ohne sich umzudrehen sprach er mit rauer und tiefer Stimme weiter. „Bevor ihr geht, sollten wir die sich soeben bietende Gelegenheit nutzen, euch mit jemandem bekannt zu machen. Im Befehle folgen sind sie mies und ihr Erscheinungsbild mag ungewöhnlich sein, aber ich versichere euch, ich würde jeden einzelnen von ihnen allen Soldaten der Flotte zusammen vorziehen.“ Ganz langsam stand er auf. „Vor euch stehen Leute aus meiner Crew.“ Er stieg über die Bank und wandte sich den Vieren zu. Sofort verdüsterte sich sein Blick. „Die mein U-Boot verunstalten. Sie … haben es … offensichtlich nicht so mit dem Waschen.“
Gibbli fühlte sich fehl am Platz mit ihren schlammverschmierten Gesichtern und den dreckigen Kleidungen. Steven hatte sich zwar als einziger etwas gesäubert, eitel wie er war, stand aber stattdessen blutbespritzt und übersät mit Wunden neben ihnen. Sein eigenes schien ihm nichts auszumachen.
Der Kapitän und die beiden Frauen traten näher an sie heran. Abyss stand vorne und wirkte, als wäre ihm sein Auftreten völlig egal und Gibbli wusste, wenn Sky ihn darauf ansprechen würde, würde er antworten, dass er immer perfekt aussähe. Irgendwie tat er das ja auch, dachte Gibbli. Sogar wenn er mit zerzausten Bartstoppeln und zerknitterter Kleidung aus einem dreckigen, feuchten Moor entstiegen war. Er legte den Kopf leicht schief und seine Hand ließ von dem Messer ab. Misstrauisch betrachtete Abyss die beiden Frauen.
„Dana Dixland“, Sky nickte der kurzhaarigen Frau zu, sie war kleiner als die andere Soldatin, dafür kräftiger und trainierter, „und Judy Bless“, er warf der rotblonden mit dem puppenartigen Gesicht einen kurzen Blick zu, „wollten uns soeben verlassen.“
Bless, die Jüngere der beiden, rümpfte die Nase, dann riss sie erstaunt die Augen auf und trat einen Schritt auf Abyss zu. „Oh du meine Güte“, rief sie, „du bist Aaron Coobs!“
Mit verschränkten Armen stand er bewegungslos vor ihr, unverrückbar, wie ein Felsen. „Nein“, sagte Abyss kalt.
„Nicht?“ Sie leckte sich mit ihrer Zunge über ihren perfekten Mund. „Doch, du bist es! Ich bin ein riesiger Fan von dir! Ich glaub es nicht, dass du hier wirklich vor mir stehst! Der berühmte Coobs!“
Abyss‘ Miene verfinsterte sich. „Ich kenne dich nicht.“
Sie warf ihre langen Haare nach hinten. „Ich war auf jedem deiner Konzerte! Ich bin mir sicher! Meine Güte, ich bin so nervös!“
Was bei Ocea war ein Konzert? Gibbli traute sich nicht, laut zu fragen.
„Wahnsinn, diese Muskeln, du hast dich sehr verändert! Meine Schwester glaubt mir das nie! Oh bitte, ich will unbedingt ein Autogramm von dir!“
Abyss blickte angeekelt auf sie herab. „Lass mich in Ruhe!“
„Bless!“, sagte die kurzhaarige Frau barsch und nickte zur Öffnung in den Gang hinaus. Dana Dixland war anscheinend ihre Vorgesetzte.
Erschrocken trat Judy Bless zurück. „Ja, Kapitän.“
Sie schritt betont langsam an Abyss vorbei, berührte ihn dabei wie zufällig am Arm und flüsterte ihm irgendetwas zu, das Gibbli nicht verstand. Abyss verzog keine Miene, doch Gibbli spürte plötzlich den Drang, sich auf sie zu stürzen und ihre makellose Haut mit einer Spitzzange zu zerfetzen. Als Bless an ihr vorbeihuschte, stieg der Duft frischer Blüten in ihre Nase und Gibbli presste die Lippen aufeinander, um sie nicht vollzukotzen.
„Kapitän Sky“, Dixland nickte ihm zu, „wir hören voneinander.“ Mit forschen Schritten folgte sie der jüngeren Soldatin nach draußen.
Gibblis Blick wanderte von der verwirrt dreinschauenden Samantha auf Steven, der das Geschehen grinsend verfolgt hatte und strahlte, als hätte Gibbli ihm gerade bestätigt, dass sie sein Mädchen sei. Offensichtlich fand er die beiden storchbeinigen Individuen auch noch lustig. Ein schwerer Stein schien in ihrem Magen zu wachsen. Mit diesen Frauen konnte sie nicht mithalten. Niemals. Um sie herum wurde es ruhig. Sky baute sich vor ihnen auf. Emotionslos betrachtete er seine Crew und Gibbli wurde wieder bewusst, wie viel Macht dieser Mann besaß. Er wirkte fast majestätisch in der neuen Uniform und den Kampfstiefeln. Sein Blick fiel auf Steven und die Kratzer auf der goldenen Haut. Eine der Wunden an seiner Stirn hatte sich geöffnet und dunkelrotes Blut rann ihm seitlich über die Wangen. Verdammt, das war ihre Schuld!
„Will ich es wissen?“, fragte Sky an Abyss gewandt.
Dieser schüttelte den Kopf. „Nein.“ Er lachte kurz auf. „Hey, ich war das nicht, Kapitän.“
Gibbli stutzte. Warum war Sky eigentlich nicht überrascht, sie zu sehen?
„Kapitän. Was tust du hier?“, sprach Steven ihren nächsten Gedanken laut aus, der ihr in den Kopf schoss.
„Ich führe mein U-Boot“, antwortete Sky ungerührt.
„Dein U-Boot? Die Mara-“
„-gehört mir!“, unterbrach er den Oceaner. „Ich habe sie rechtmäßig geborgen und in Besitz genommen. Jack stahl sie mir. Ich hole lediglich zurück, was mir gehört. Und um deine gleich folgende Frage zu beantworten, nein, ich bin nicht erbost darüber, dass ihr sie für mich stehlen wolltet.“ Das ‚mich‘ betonte er besonders.
„Für dich. Natürlich, nur für dich“, murmelte Steven.
„Du wusstest, dass wir hier her kommen wollten“, stellte Samantha fest.
„Es ist die Pflicht eines Kapitäns zu wissen.“
„Und du hast uns nicht aufgehalten?“ Der Oceaner blickte ihn zweifelnd an.
„Ich halte nichts auf, was den Zusammenhalt meiner Crew stärkt. Du und Abyss, fast freiwillig, zusammen auf einer Mission. Eine überaus seltene Begebenheit.“
Gibbli fiel auf, dass Abyss merkwürdig still war. „Das war nicht die ganze Wahrheit“, rutschte es ihr heraus. Er wusste etwas, was die anderen nicht wussten, oder?
Sky wandte sich ihr zu und ihr Herzschlag beschleunigte sich. „In der Tat. Ich gab Abyss den Auftrag, euch zu folgen.“
„Das war meine Entscheidung. Sie hat sich nur zufällig mit deinem Willen gedeckt“, warf Abyss ein.
Gibbli wurde mit einem Mal klar, dass er und der Kapitän mehr miteinander absprachen, als sie gedacht hatte.
„Ich wollte dich und Sam nicht alleine mit dem Oceaner gehen lassen“, sagte Sky zu ihr. Dann wandte er sich wieder Steven zu. „Du planst etwas und auch wenn du es nicht preisgeben möchtest, sei versichert, ich finde es noch heraus. Entweder das, oder du bist einfach nur tatsächlich geisteskrank.“
Der Oceaner drückte seinen Mund zu einem schmalen Strich zusammen. „Nein“, sagte er dann schnell. „Nichts, nichts, nichts. Ich bin geisteskrank, ja genau! Kein Plan. Oder doch? Ja, Steven plant eine Party!“ Begeistert klatschte er in die Hände.
Der Kapitän stöhnte genervt, dann befahl er: „Geht euch waschen, ihr stinkt!“
Keiner bewegte sich.
„Du hast mich zwar ihnen hinterhergeschickt, aber ich wusste nicht, dass du auch hierher kommst. Wie hast du das gemacht?“, fragte Abyss. „Und ich plädiere eindeutig für geisteskrank. Wir sollten ihn wegsperren. Für immer.“
Sky nahm einen tiefen Atemzug. „Na schön, setzt euch.“
Sie verteilten sich um den runden Tisch herum. Steven setzte sich direkt neben Gibbli. Offensichtlich hatte Abyss nichts dagegen. Er ließ sich auf ihrer anderen Seite nieder, neben dem Kapitän. Samantha saß zwischen Steven und Sky.
„Ich war mir nicht sicher, ob man Djego trauen kann“, begann Sky. Gibbli horchte auf, als er seinen Namen erwähnte. Das braun gebrannte Gesicht des Spions tauchte in ihrem Kopf auf. „Kurz nachdem ihr in die Rettungskapseln gestiegen seid, kam er zurück und erzählte mir, dass Dixland nicht unter den Soldaten in der Stadt wäre und es darum nicht möglich sei, mit ihr direkt zu sprechen. Das kam mir verdächtig vor. Ich musste das überprüfen. Ich … lieh mir einen Ausweis, von jemandem, der vorübergehend eine Weile schlafen wird und ihn darum im Moment nicht braucht.“
Abyss lachte auf. „Klar.“
„Schweig. Dann schlich ich als Soldat verkleidet unter Jacks Reihen in den Aufzug. Und wie es aussieht, sind sie tatsächlich auf unserer Seite, ebenso wie Light. Ich sprach vorhin kurz mit ihm. Das bedeutet, Djego log uns nicht an. Jack hat Dixland mit meiner ehemaligen Flotte hier als Aufsicht zurückgelassen.“
Erleichtert stieß Gibbli die Luft aus. Djego gehörte zu ihnen.
„Allerdings“, fuhr Sky fort, „hat er verschwiegen, dass die beiden nichts von ihm wussten. Weder Dixland noch Bless kennen Djego persönlich. Er verließ die Crew, bevor Dixland zum Kapitän ernannt wurde. Jack muss ihn befördert und auf sein eigenes Boot oder eines seiner Flotte geholt haben.“
„Das bedeutet, entweder hat Djego etwas erfunden, was zufällig der Wahrheit entsprach oder er hat Dixlands Leute ausspioniert und wirklich mitbekommen, dass sie auf deiner Seite steht, ohne sich selbst ihr zu offenbaren“, folgerte Samantha.
„Ja. Das wäre typisch für ihn. Er dealt mit Informationen. Das ist sein Job. Manchmal frage ich mich, für wen. Er ist talentiert darin, für sich selbst das Beste herauszuschlagen.“
Jemanden wie Djego in der Crew zu haben, wäre sicher nützlich, dachte Gibbli. Ob Sky ihn aufnehmen würde? Er war schon einmal in seiner Crew gewesen. Gibbli betrachtete nachdenklich die Kugel über ihnen. Sie konnte das Ding noch immer nicht leiden.
„Tick tack, tick tack“, flüsterte Steven ihr plötzlich ins Ohr. „Du bist eifersüchtig auf die zwei Frauen, nicht wahr?“
Gibbli erschrak. Während Sky gesprochen hatte, war der Oceaner näher an sie herangerückt und hatte die Lücke auf der Bank zwischen ihnen geschlossen. Schnell rutschte sie möglichst unauffällig ein Stück von ihm weg, näher zu Abyss.
„Und den beiden anderen kann man trauen?“, fragte Samantha.
„Ich denke schon. Light wäre mir lieber gewesen als Dixland, aber sie ist okay. Sie hat sich immer für die Tiefseemenschen eingesetzt, wo es ihr möglich war. Darum nahm ich sie damals in meine Crew auf. Und Judy Bless …“, Sky schüttelte leicht den Kopf, „ich kannte sie bis eben nicht. Sie ist unerfahren, aber offen. Dixland hat sie neu eingestellt. Ich nehme an, sie kam frisch von der Akademie.“
„Ich mag sie nicht.“
„Ich bitte dich, Abyss.“ Sky schloss für einen Moment die Augen, während er aufstand. „Du magst doch fast niemanden.“ Er nahm seine Uniformjacke vom Geländer.
Abyss erhob sich ebenfalls und sprach auf ihn ein. „Diese dürren Weibsbilder sehen aus wie sprechende Puppen. Leere Hüllen, die von nichts eine Ahnung haben!“
Auch wenn der Kapitän über Abyss‘ Meinung nicht erfreut war, der Stein in Gibblis Bauch fühlte sich mit einem Mal etwas leichter an.
„Gibbli, kannst du mir zeigen, wo das Badezimmer ist?“, fragte Samantha.
„Unten“, murmelte Gibbli und deutete auf die Rampe, die an den Konsolen vorbeiführte, nach vorne zu den Sitzen, von wo aus rechts und links ein Weg hinabführte.
Samantha blickte sie unsicher an, als würde sie erwarten, dass Gibbli aufstand und sie begleitete. „Ähm, okay“, sagte sie nach einer Weile und drehte sich schulterzuckend um.
Gedankenverloren sah Gibbli ihr hinterher. Wie diese Judy Bless Abyss angesehen hatte, mit diesen langen Wimpern und ihren auffällig großen Augen, das gefiel ihr nicht. Und die beiden Frauen waren fit und stark. Gibbli erinnerte sich daran, wie Somal sie einst als eine Seekuh bezeichnet hatte. Dabei war sie gar nicht dick, oder? Aber schlank auch nicht.
„Du kannst alles sein, was du willst. Du lebst. Du bist jetzt.“
Gibbli fuhr zusammen, als sie Stevens Stimme neben sich hörte. Musste er sie immer so erschrecken? „Kannst du meine Gedanken lesen?“, fragte sie verärgert und beobachtete, wie Abyss und Sky am Geländer miteinander sprachen.
„Nein. Aber das ist doch offensichtlich, oder? Lass nicht deine Vergangenheit entscheiden. Du musst keine Angst haben. Du kannst in jeder Sekunde neu anfangen. Nur der Augenblick zählt. Nicht irgendeiner, sondern der, der jetzt ist.“
Fing er wieder mit seinen Belehrungen an? „Ich kann nicht einfach jemand anderes sein“, flüsterte sie aufgebracht. Das Jetzt hatte immer Einfluss! „Das, was man tut oder ist, hat Konsequenzen und die Vergangenheit bestimmt, was man jetzt ist. Und Man kann sie nicht ändern!“
Er hob seinen Finger. „Wow, nicht so stürmisch. Das ist nicht richtig, Mädchen. Nein, ist es nicht. Die Vergangenheit hat nur Einfluss auf diesen Punkt der Dimension, wenn du es zulässt.“
„Das ergibt keinen Sinn. Nur weil du ein guter Physiker bist, bedeutet das nicht-“
„Nein, hör mir zu! Ich will, dass du das begreifst! Für einen Oca ist das sehr wichtig, um ihre Lebensweise zu verstehen! Wir leben zwar nicht in der Zeit, darum können wir sie nicht direkt beeinflussen. Wir existieren nur am Rand von ihr, an diesem einen Jetztpunkt, der an ihr entlang schrammt. Aber das bedeutet nicht, dass für uns die Zukunft feststeht. Es bedeutet, wir können alles tun und alles verändern, jetzt. Die Zukunft steht für uns noch nicht fest. Du kannst Dinge in den Raum legen, ebenso wie du Dinge in die Zeit legen kannst, wenn auch nur jetzt. Denn wir sind heute. Wir sind jetzt! Wir können die Zeit jetzt verändern. Jemand, der ihre Ebene nicht berührt, könnte das nicht.“
„Ich muss immer ich sein, ich kann nicht …“
„Du musst gar nichts!“, fuhr Steven sie an. „Niemand muss irgendetwas. Nein. Du willst nur nicht, Mädchen. Aber wenn du es wollen würdest, dann änderst du alles! Jeder kann das. Ich kann … ja, ich kann sogar ihn mögen! Pass auf, ich zeige es dir!“ Der Oceaner sprang mit einem Ruck auf und stieg von der Bank aus mitten auf den Tisch.
Abyss und Sky drehten sich zu ihm herum, während Gibbli ihm mit offenem Mund nachstarrte. Steven tapste vorbei an der schwebenden Kugel und stieg auf der anderen Seite wieder hinab. Dann schritt er weiter nach vorne, passierte die beiden Männer und schwang sich einfach über das Geländer. Gibbli lehnte sich überrascht zurück, als er anfing, die Wand zur Galerie hochzuklettern. In seinem Zustand hätte sie ihm das gar nicht zugetraut.
Abyss ging einige Schritte rückwärts, Richtung Tisch, blickte kurz zu Gibbli und beobachtete dann Steven misstrauisch. „Was tut er da?“, fragte er tonlos.
„Keine Ahnung, aber es verstärkt meinen Verdacht auf geisteskrank“, murmelte Sky mit zusammen gekniffenen Augen.
Abyss wandte sich ihm wieder zu. „Also, was hast du mitgehen lassen?“
„Was meinst du?“, fragte Sky, während er Steven weiterhin im Blick behielt.
„Ach komm schon, du klaust ständig was.“
Der Kapitän zog seine Augenbrauen zusammen und wandte sich Abyss zu. „Das ist meine Sache, Coobs.“
„Nenn mich nicht so!“
„Sag mir, warum du Bless belogen hast.“
„Ich hab niemanden angelogen!“, knurrte Abyss.
„Und jetzt belügst du mich. Bless hat dich angehimmelt. Das hätte uns von Nutzen sein können.“
Gibbli, die Stevens Kletteraktion verfolgt hatte, der jetzt über ihnen in der Galerie verschwand, blickte erstaunt zu Sky. Ein ungutes Gefühl kroch bei seinen Worten hoch. Bless hatte Abyss angehimmelt. Doch die Art des Kapitäns verwunderte sie noch mehr.
„Seit wann denkst du so hinterhältig?“, fragte Abyss.
„Mein Denken zeugt nicht von Hinterhältigkeit, wenn es den Tatsachen entspricht.“
„Ach, und woher willst du wissen, dass es wahr ist?“
„Ich informiere mich über Menschen, wenn ich ihnen begegne. Vor allem über diejenigen, die ich erwäge, in meine Crew aufzunehmen. Erst recht, wenn diese Informationen illegale Auftritte beinhalten. Obwohl ich zugeben muss, dass du deinen Ruf als kleine Berühmtheit gut verschleiert hast. Wie ein dürrer, zu lange geratener Rockstar siehst du wahrlich nicht mehr aus. War das dein richtiger Name, Aaron Coobs?“
Bevor Abyss etwas erwidern konnte, stoben die beiden Männer plötzlich auseinander. Direkt über ihnen durchdrang eine goldene Gestalt die Decke! Steven fiel und landete mit lautem Krachen zwischen ihnen auf dem Metallboden. Er schüttelte sich und drehte sich zu Abyss herum, während Sky ihn abschätzend musterte.
„Halt das“, murmelte Steven und drückte Abyss eine große Blüte in die Hand, die er offensichtlich in der Galerie oben gepflückt hatte.
„Was-“ Mit der roten Blume in seinen Fingern, trat Abyss völlig überrumpelt einen Schritt von ihm zurück.
Sky stellte sich neben ihn und wollte etwas sagen, doch dann hielt er inne. Der Oceaner ging plötzlich vor Abyss in die Knie. Verständnislos starrten beide Männer ihn an. Ebenso wie Gibbli, die noch immer wie erstarrt am Tisch saß.
„Abyss, mein warmherziger, gutmütiger … ähm … immer fröhlich dreinblickender Freund.“ Gibbli war sich sicher, dass allein Abyss‘ Blick ihn umbringen würde, wenn Steven nicht sofort da wegging. Doch der Oceaner fuhr in herzzerreißendem Ton fort: „Ich liebe dich, du … Mensch. Auch wenn du meiner unwürdig bist, ich liebe dich von ganzem Herzen, das ich nicht besitze! Ich liebe dich, mein Freund!“
Abyss öffnete ungläubig den Mund.
„Siehst du, so etwas passiert, wenn man mir nicht die Möglichkeit lässt, mich über die Leute zu informieren, bevor ich sie in die Crew aufnehme“, raunte der Kapitän ihm zu.
„Gibst du mir ein Autogramm?“, fragte Steven mit klimpernden Augen.
Abyss zog etwas aus Skys Tasche und ließ die Blume zu Boden fallen. Noch während sie hinab segelte, schoss er mit einem Strahler auf sie ein.
Sky schloss seufzend die Augen und verschränkte seine Arme.
Steven wich von ihm weg und trat mitten auf den Tisch. Er drehte sich zu Gibbli herum, die noch immer fassungslos auf der Bank saß.
„Siehst du, mein Mädchen? So funktioniert das. Ich kann mich immer wieder neu erfinden. Die Vergangenheit spielt keine Rolle.“ Begeistert funkelte er sie an. Dann wich sein Grinsen einem traurigen Blick, als sähe er in weite Ferne durch sie hindurch. „Wenn dein kleiner Menschenmann das nur auch so sehen würde, wären wir jetzt die besten Freunde.“ Er sprang vom Tisch. „Nicht.“
Gedankenverloren begann der Oceaner zu tanzen und murmelte irgendetwas von alten Freunden vor sich hin. Sie glaubte kurz, die Namen Jeff und Mara heraus gehört zu haben. Gibbli kniff die Augen zusammen, während Steven die filigransten Bewegungen vollführte und dabei den Schmerz seiner Wunden genoss.
Sky hob die verschmorte Blume vom Boden auf und hielt sie Abyss schmunzelnd vors Gesicht. „Unser Oceaner hat dir soeben seine unsterbliche Liebe gestanden, bist du dir sicher, dass du nicht auf Männer stehst?“
Abyss drehte sich zu Steven herum, als dieser plötzlich anfing, laut und falsch zu singen. „Absolut sicher“, knurrte er.
Sky betrachtete den Oceaner kopfschüttelnd.
„Trägst du deine Waffe nicht normalerweise rechts?“, fragte Abyss.
„In der Tat“, murmelte der Kapitän. „Und es beunruhigt mich, dass du das so gut im Gedächtnis hast.“
Abyss blickte auf den Strahler in seinen Händen. Gibbli atmete verdutzt ein, als er aufjubelte. „Ha! Ich wusste es! Die Gravur sagt Dana Dixland! Klaust dem Kapitän unsrer neuen Verbündeten die Waffe! Perfekt! Hey, kann ich die behalten?“
„Vergiss es. Gib schon her“, befahl Sky und hielt ihm fordernd die Hand hin.
Mürrisch gab Abyss den Strahler ab. Währenddessen erblickte Gibbli aus den Augenwinkeln Samantha, die gerade vom Maschinenraum hochkam. Vorne in der Zentrale ging sie verwirrt am großen Frontfenster entlang. Vor den drei Sitzen blieb sie kurz stehen, kratzte sich am Kopf, als wüsste sie nicht, wie sie dort hingekommen war und stieg dann die Rampe auf der gegenüberliegenden Seite wieder nach unten.
„Chaotischer Haufen. Werdet endlich diesen Gestank los“, sagte der Kapitän scharf und schritt erhobenen Hauptes an Abyss vorbei zu seinem Raum. „Und hört auf mein Boot vollzubluten!“, fügte er hinzu, als Steven an ihm vorbei tanzte.
„Hey, wir könnten den Goldklumpen mit Jack verkuppeln!“, rief Abyss dem Kapitän noch nach, bevor sich die Tür hinter ihm schloss. „Nein? Na dann eben nicht.“
Gibbli grinste, während Steven durch eine Wand in Richtung MARM verschwand.
 
Frisch gewaschen saß Gibbli am Boden im vorderen Teil der Zentrale. Sie lehnte an einer der Konsolen zwischen den Reihen und betrachtete gedankenverloren das Geländer über ihr, welches die Galerie begrenzte. Steven sprang im oberen Stockwerk herum und goss die Pflanzen. Samantha hatte damit begonnen, das U-Boot zu erkunden, was bedeutete, sie irrte irgendwo auf der Mara herum und hatte sich wahrscheinlich verlaufen. Und der Kapitän befand sich wohl noch immer in seinem Raum. Sie hörte, wie Abyss von unten hochkam. Dumpf hallten die Schritte durch die Zentrale. Er ging zur Rampe, die in der Mitte hinter den drei Sitzen zum runden Tisch hoch führte. Das Geräusch bewegte sich vorbei an den Konsolen und verstummte. Er trat ein paar Schritte zurück und blieb in ihrer Reihe stehen. Gibbli drehte ihren Kopf Richtung Gang. Die nassen Haare hingen zottelig in sein blasses Gesicht. Kurz zögerte er, dann trat er auf sie zu und ließ sich neben ihr auf dem Boden nieder.
„Mir wird die Crew langsam zu voll“, murmelte er dabei.
Er tat es ihr gleich, lehnte sich an die Rückwand der Konsole und blickte nach oben, wo hin und wieder Stevens aufgeweckter Schatten hinter einer Pflanze vorbeihuschte. Gibbli erinnerte sich daran, dass Abyss schon immer ein Einzelgänger gewesen war. Nein, sie hatte das nur gedacht. Bis diese blonde Puppe vorhin aufgetaucht war. Dieses Ding hatte mit ihren Wimpern geklimpert und ihn nach einem Autogramm gefragt. Konzerte waren Auftritte, das wusste sie mittlerweile. Natürlich gab es Musikkurse an der Akademie. Aber Musik diente nicht dem Zweck, anderen vorzuspielen, schon gar nicht vor mehr als einer Person. Man nutzte sie, um Kinder dazu zu bringen, ihre eigenen Emotionen im Zaum zu halten. Viele lernten ein Instrument in jungen Jahren und hörten dann wieder auf. Als Erwachsener brauchte man so etwas nicht. Jemand in Abyss‘ Alter, der Musik spielte, war überaus selten. Auftritte in der Öffentlichkeit waren nicht denkbar und sogar verboten. Dennoch gab es offenbar eine Szene im Untergrund, die sich dieser Regel widersetzte.
„Du bist doch vor so vielen Leuten aufgetreten. Wie kann dir die Crew zu voll werden?“, fragte Gibbli leise. Sie wartete, ob er wütend wurde, doch Abyss bewegte sich nicht.
„Ich stand dabei nicht in der Menge“, sagte er nach einer Weile. „Ich befand mich nie bei ihnen. Immer auf der anderen Seite. Wenn man auf der Bühne steht, hat man Platz. Viel Platz.“
Gibbli sah ihn erstaunt an. Also stimmte es. Er war tatsächlich berühmt gewesen! Eine geheime Berühmtheit. Dass es so etwas überhaupt geben konnte …
„Die Leute nimmst du dort oben gar nicht wahr. Du siehst sie nicht mal, weil das Licht nur auf dich strahlt. Und wenn du dann anfängst zu spielen, dann hört alles andere sowieso auf zu existieren. Es gibt nur noch dich und die Musik. Töne, die sprechen, die das sagen, was du mit deinem Mund nicht auszudrücken vermagst.“
„Wie bist du dazu gekommen?“
„Der Mönch hat das alles aufgezogen. Nachdem er daran gescheitert ist, mich auf der Akademie unterzubringen, nicht, dass ich das zu diesem Zeitpunkt noch gewollt hätte, spielte er meinen Manager. Dass Konzerte illegal sind, störte ihn überhaupt nicht. Höflichkeit war ihm immer wichtig, aber mit den Gesetzen hatte er so seine Probleme. Es hatte schon seinen Grund, warum er seine Behausung nicht auf Landmenschengebiet erbaute. Der dumme Kauz musste sich einfach überall einmischen. Vielleicht dachte er, er könnte was aus mir machen. Dabei hätte er doch wissen müssen, dass ich längst jemand war, der, der ich selbst entschied zu sein. Der, der ich noch immer bin. Aber nein, er wollte mich unbedingt groß rausbringen und mit dem Geld seine Suche nach Ocea finanzieren. Nur so funktioniert das nicht. Ich spiele nicht, weil andere wollten, dass ich es tue. Ich spiele, wann ich will und wo ich will.“
Gibbli konnte sich denken, worauf das hinauslief, warum er aufgehört hatte.
„Wir haben oft darüber gestritten. Abgesehen davon, dass wir uns ständig verstecken mussten, gab es ein paar Zwischenfälle. Plötzlich ausfallende Technik, weil ich keine Lust hatte. Kurzfristig abgesagte Auftritte, weil ich spurlos verschwand, was ein paar Leute ein Vermögen kostete. Aufgebrachte Menschenmassen, welche von meiner Crew gebändigt werden mussten. Oh, meine Leute haben mich gehasst. Enttäuschte Fans, die Rache schworen und dann ganz zufällig auf mysteriöse Weise verschwanden. Dennoch, die Leute liebten meine Musik. Ich hab so viele Gesichter im Untergrund an einen Ort gebracht, wie noch nie jemand zuvor. Sie verlangten immer wieder, mich zu hören. Idioten. Erst wollen sie, dass ich spiele und dann, sobald ich es tue, fangen sie an zu heulen, kannst du dir das vorstellen?“
Gibbli konnte sich das gut vorstellen. Sie hatte ihn damals gehört, in der Hangarhalle in seiner Tauchkapsel. Diese schrägen Töne, die alles durchdrangen und einen mitrissen. Zerrissen.
„Der Mönch wollte mich auf keinen Fall aufhören lassen. Wir machten gutes Geld. Nun, illegales Geld, aber es war immerhin so etwas wie eine Arbeit. Nur meine Sicherheitsleute mussten am Ende nicht mehr mich bewachen, sondern alle anderen um mich herum vor mir.“
Abyss schloss die Augen. Er wirkte zufrieden. Gibbli ahnte, dass ihm diese Auftritte durchaus Spaß gemacht hatten und dass er genau wusste, wie er zu spielen hatte, um andere zu manipulieren. Er liebte es, Menschen zu beeinflussen. Abyss mochte oft den Ahnungslosen geben, aber er war viel gerissener und intelligenter, als es den Anschein erweckte. Sky hatte recht, er war ein Schauspieler.
„Wie ging es weiter?“, fragte sie gespannt.
„Nach einigen gescheiterten Versuchen der elitären Flotte mich zu verhaften, wagte niemand mehr, mich auf die Bühne zu lassen. Nicht unbedingt wegen der Soldaten, die hinter mir her waren. Es gab bedauerlicherweise auch Tote auf unserer Seite. Leute, die dem bösen, blassen Hai zu lange auf die spitzen Zähne geblickt haben. Dreckige Heuchler. Und der Mönch gab letztendlich auf.“
„Ich hab nie etwas von illegalen Konzerten mitbekommen.“
„Natürlich nicht. In deinem Alter geht man da auch nicht hin. Und so was steht nicht in der Zeitung. Messer in Körpern von Journalisten hingegen, in denen sie laut der Meinung einiger dämlicher Soldaten nicht stecken sollten, können schon mal vorkommen.“
„Diese Untergrundszene, existiert sie noch immer?“
Abyss schüttelte den Kopf. „Ich war die Szene. Denkst du, es gibt noch jemanden, der so verrückt ist, sich vor so vielen Leuten auf die Bühne zu stellen, der sich offen präsentiert und die Soldaten auf sich hetzt? Nein. Es gab eine Hand voll anderer, die in kleinerem Rahmen ebenfalls im Verborgenen spielten, doch ich war der einzige, der das in diesem Umfang gewagt hat. Die Leute vergessen einen schnell, wenn man nicht mehr auftritt. Ich werde immer seltener erkannt. Nun, manchmal muss man natürlich etwas nachhelfen, damit sie vergessen.“
„Mit anderen Worten, du hast mehr Menschen beseitigt, als du zählen kannst“, sagte Sky und sein Gesicht tauchte plötzlich über ihnen auf. Mit verschränkten Armen stand er neben der Konsolenreihe auf der Rampe.
Abyss grinste ihn an. „Und das witzige daran ist, sollte es je rauskommen, werde nicht ich dafür grade steh’n müssen.“
„Ich wusste ja, worauf ich mich einlasse. In Anbetracht deiner Schandtaten erscheint es mir wie ein Tropfen auf heißem Stein, Dixland ihren Strahler zurückzubringen.“
Besorgt kniff Abyss die Augen zusammen. „Bist du krank?“
„Sie wird sich heimlich einen neuen zulegen. Wer gibt schon gerne zu, dass jemand seine Waffe verliert, das ist schwach und peinlich. Sieht man das so, hätte sie es sogar verdient, dass ich ihn behalte. Vielleicht mache ich das ja. Ich könnte ihn im Moment gut gebrauchen.“
„Wozu?“, fragte Gibbli interessiert.
„Später. Sucht den Oceaner.“
„Hey, Goldklumpen!“, schrie Abyss Richtung Galerie, ohne sich zu bewegen.
Das goldene Gesicht tauchte zwischen den Pflanzen auf. Er lehnte sich über das Gelände. Missmutig starrte er zu ihnen hinab. „Was willst du, bissiger Hai?“
„Idiot. Der Kapitän will dich seh’n.“
„Interessant. Ich werde gerne angesehen, oh ja“, gab Steven amüsiert zurück. „Und da draußen steht auch jemand, der jemanden sehen will.“
 
Gibbli schöpfte sich im Küchenbereich gerade etwas Fruchtsaft in eine Schüssel, als die rotblonde Frau hinter Steven in die Zentrale kam. Es war Judy Bless, das Crewmitglied von Dixland. Gibblis Finger krallten sich fester um den Henkel und der Saft schwappte leicht über den Rand. Sky trat fragend näher an Bless heran. Die Soldatin warf Abyss einen nervösen Blick zu, der Gibbli gar nicht gefiel.
„Ich wollte … also nun ja, Dixlands Waffe, ich glaube, sie hat ihren Strahler hier irgendwo liegen gelassen.“
Armselig, dachte Gibbli. Sie holt ihn nicht einmal selbst.
Der Kapitän nickte. „Zu ihrem Glück habe ich ihn gefunden.“
„Gefunden“, wiederholte Steven und lachte.
Währenddessen betrat Samantha die Zentrale. Erschöpft ließ sie sich auf der gebogenen Bank am runden Tisch nieder. Sky gab Dixlands Waffe zurück. Judy Bless zögerte noch, als wollte sie irgendetwas sagen, wusste aber nicht, wie sie beginnen sollte. Gibbli vergaß die Schüssel in ihren Händen und funkelte sie feindselig an. Der Kapitän hob die Augenbrauen, als Bless sich nicht rührte.
„Ich … ja, ich … gehe dann wieder. Danke.“ Sie drehte sich um, um die Zentrale zu verlassen. Als Bless an Abyss vorbei trat, hob sie den Kopf und lächelte ihn für Gibblis Geschmack etwas zu verführerisch an. Dieser streckte plötzlich den Arm aus und schnippte direkt vor ihrer Nase in die Finger.
„Abyss!“, rief Sky scharf.
Bless stolperte nach vorne, als hätte ihr jemand die Füße weggezogen. Währenddessen hing ihr Blick wie gefesselt an Abyss‘ Fingern. Er fing die Frau geschickt auf und hielt sie an den Schultern fest. Erstarrt verharrte Gibbli mitten in der Bewegung.
„Sky.“ Abyss nickte ihm frech zu.
„Oh … ich muss wohl gestolpert sein“, flüsterte Bless und hing mit ihrer Aufmerksamkeit noch immer gebannt an Abyss‘ Gesicht.
„Das kann passieren, meine Liebe.“ Er lächelte charmant und legte einen Arm um sie. „Ich bringe dich nach draußen.“
Gibbli presste ihre Hand zur Faust, als Abyss der Frau im Gehen irgendetwas ins Ohr flüsterte. Plötzlich knackte der Henkel des Behälters und scharfe Splitter schnitten in ihre Haut. Die Schüssel fiel zu Boden und der Saft verteilte sich vor ihren Füßen.
„Ich mag sie nicht“, flüsterte Gibbli, während Steven ihr vergnügt half, die Scherben aufzusammeln. Wobei er die Stücke nachdenklich in seinen Fingern wippte, als überlegte er, was er damit anstellen könnte.
 
Samantha schüttelte den Kopf. Sky, der sie gerade etwas gefragt hatte, richtete sich auf, als Abyss wieder kam. Der Kapitän trat auf ihn zu und schlug ihm genervt gegen die Brust.
„Was?“, fragte Abyss, als hätte er keine Ahnung. „Du wolltest das doch!“
„Du übertreibst. Und sie wurde nicht ohne Grund verboten! Ich befahl dir, deine Hypnosetechniken nicht mehr einzusetzen!“
„Nur bei Crewmitgliedern“, gab Abyss unschuldig zurück.
„Du treibst mich in den Wahnsinn.“ Sky schnaubte. Dann blickte er sich nach den anderen um. „Es wird Zeit, meinen Befehl zu befolgen.“ Über dem Kapitän schwebte die Unheil verkündende Kugel mit dem weißlichen Nebel.
Gibbli und Steven traten an den großen Tisch der Zentrale heran. Die Sonnenstücke in der Luft waren dabei, sich langsam abzudunkeln, was darauf hinwies, dass der Tag sich dem Ende zuneigte. Samantha saß, noch immer müde von ihrer Erkundungstour durch das U-Boot, hinter ihnen auf der runden Bank.
„Ich bringe die Mara nach Ocea. Ich muss schnellstmöglich zurück, bevor Jack merkt, dass er eine leere Stadt belagert. Ihr nehmt das Beiboot und begebt euch zu-“
„Ich geh da nicht hin“, maulte Abyss. „Hab keine Zeit.“
„Da ich über deine Zeit bestimme, hast du die“, gab Sky mehr als deutlich zurück.
„Zeit kann man nicht besitzen“, mischte sich Steven ein. „Und ich bin auch nicht dabei. Ich habe Dinge zu tun. Wichtige Dinge, wie … ähm Kuchen essen! Sam wollte doch einen machen. Ich mag Kuchen, oh ja.“
Samantha blickte interessiert auf und Gibbli schüttelte belustigt den Kopf. Steven konnte ja nicht einmal Nahrung zu sich nehmen. Dennoch fragte sie sich, was er eigentlich sagen wollte. Was verbarg er?
„In tausend Jahren wird in den Geschichtsbüchern stehen: Unser Volk wurde ausgerottet, weil ein gewisser Oca Kuchen essen wollte“, sagte Sky und verschränkte die Arme.
„Die können nicht drüber schreiben, wenn sie tot sind“, gab Abyss zurück.
Aufgeregt klatschte Steven in die Hände. „Ich werde in den Geschichtsbüchern dieses Planeten stehen?“
„Schweigt und hört euch die Details an. Also noch mal, ihr fährt mit dem MARM zu den Tiefseemenschen.“
„Tiefseemenschen?“, fragte Steven überrascht. „Nox und Bo sind doch bei denen.“
„Nein, sind sie nicht“, widersprach Sky. „Ich schickte sie zu den Hochseemenschen. Nox wird unter seinem Volk als Verräter angesehen. Und er wäre, noch dazu in Begleitung seiner Hybridenhalbschwester, nie im Stande, sie zu überzeugen. Das wird eure Aufgabe sein.“
„Ach und du denkst auf uns werden sie hören?“, fragte Abyss. „Hallo liebe Wasserheinis, ab sofort übernehmen wir das Kommando. Schließt uns euch an! Unser Kapitän ist zwar ein wenig verrückt, aber dafür ein ganz ehrlicher Mensch mit gruseligen Augenimplantaten. Die werden uns begeistert die Arme abreißen und uns auffressen.“
„Werden sie nicht“, sagte der Kapitän. „Nicht, wenn sie am Leben bleiben wollen.“
In der Zentrale der Mara breitete sich Stille aus. Niemand wagte es, sich zu bewegen, und alle starrten Sky entgeistert an.
„Du willst, dass wir sie erpressen“, folgerte Abyss nach einer Weile.
„Ja.“
Was? Gibbli hatte sich bestimmt verhört! Auch Abyss fixierte ungläubig den Kapitän, als wäre dieser ein Außerirdischer. Währenddessen verwandelte sich Stevens Miene in ein böses Grinsen.
„Ich sehe euch in Abgründe denken! Ihr solltet sie natürlich nicht umbringen. Es geht lediglich darum, sie zu überzeugen, sich mir anzuschließen. Dazu müssen sie euch zunächst zuhören. Und das wiederum funktioniert am besten mit etwas ganz Großem. Im verbotenen Archiv gibt es einige interessante Gegenstände. Zum Beispiel fand ich heute Morgen, zufällig, nach einem Spaziergang darin, das nette Gerät hier in meiner Tasche.“ Sky legte einen goldenen Gegenstand auf den Tisch. „Ob sie funktioniert oder nicht, spielt keine Rolle. Ihr sollt sie ja nicht einsetzen.“
Abyss hob die Augenbrauen. „Zufällig.“
„Eine ocanische Waffe auf materieller Basis. Sie ist im Stande winzigste Tond-Materieteilchen freizusetzen, welche sich mit allen organischen Molekülen verbindet und diese in simples Wasser umwandelt“, sagte der Oceaner. „Eine gute Wahl, ja. Lügen. Betrug. Täuschung. Der gerechtigkeitsversessene Kapitän bricht das Gesetz. So mag ich das.“
„Ich breche keine Regeln. Ich belüge sie auch nicht. Ihr werdet das tun. Wozu sonst nahm ich Leute wie euch in meine Crew auf? Damit ihr mir das U-Boot putzt?“
Sky konnte sich auch alles irgendwie gut reden, dachte Gibbli.
Abyss nahm das metallene Gerät und betrachtete es abschätzig. „Es fällt sowieso auf dich zurück, also ist es ja egal ob wir es tun, oder du.“
Steven schüttelte abwehrend den Kopf. „Ich mag deine Pläne Kapitän, ich liebe sie. Aber sie dauern lange.“
„Und?“, fragte Sky gereizt.
„Und wenn wir diese Zeit nicht haben?“
„Erkläre dich!“, verlangte der Kapitän.
„Der Riss. Die RISSE!“, sagte der Oceaner übertrieben verzweifelt und mit voller Hingabe begann er zu flüstern: „Was ist, wenn … wenn es wieder passiert?“
„Da wir nicht wissen, woher diese Phänomene kommen und du anscheinend nicht mehr darüber preisgeben möchtest, müssen wir dieses Risiko eingehen. Es sei denn, du hast eine bessere Idee.“
Sky blickte ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an.
„Nein“, erwiderte Steven schnell. „Ich bin ideenlos, oh ja, ich habe niemals nie irgendwelche Ideen.“ Plötzlich lachte er auf. „Ha, dein Plan ist ganz hervorragend, Kapitän!“
Abyss kniff misstrauisch die Augen zusammen.
Der Oceaner strahlte über das ganze Gesicht und plapperte weiter: „Wir überzeugen die Tiefseemenschen. Steven richtet das. Ich bin gut. Ich schaffe das, ICH bin ein Genie!“
Der Kapitän seufzte und Gibbli schüttelte abfällig den Kopf.
„Die Tiefseemenschen also“, murmelte Abyss Gibbli zu. „Da wirst du wohl wieder tauchen müssen.“
Gibbli sah ihn unsicher an. Verhielt er sich jetzt wieder normal? Nein, er setzte schon wieder diesen traurigen, abweisenden Blick ihr gegenüber auf.
„Gibbli bleibt hier“, erwiderte Sky mit fester Stimme.
„Warum?“, fragte sie. Nicht, dass sie unbedingt tauchen wollte, aber wenn Abyss ging, dann würde sie auch gehen. Ob oder was auch immer zwischen ihnen stand, spielte keine Rolle.
Die schwarzen Augen des Kapitäns blitzten kurz auf. „Du hast deine Ausbildung nicht abgeschlossen.“
Entrüstet schnappte Gibbli nach Luft. Warum fing er jetzt damit an? Sollte sie etwa zurück auf die Akademie gehen? Würde sie das jetzt für den Rest ihres Lebens verfolgen?
„Das hast du nicht zu entscheiden!“, knurrte Abyss.
„Meine Crew, meine Entscheidungen“, sagte Sky scharf, ohne sich von Gibbli abzuwenden. „Wolltest du nicht wissen, wie man schießt? Der erste Flottenführer und bald Herrscher des ganzen Planeten höchst persönlich wird dich das Kämpfen lehren.“
„Herrscher des Planeten? Wie bescheuert klingt das denn bitte? Deine Ex-Frau hat recht, du bist wahnsinnig, Sky.“ Abyss schüttelte grinsend den Kopf, während Steven den Kapitän ernst ansah.
„Das wird man zwangsläufig, wenn man eine Bande von Verbrechern wie ihr es seid, zusammen halten soll. Und jetzt verschwindet endlich, Abyss!“
Gibbli fuhr zusammen, als Steven plötzlich eine eiskalte Welle durch sie hindurch schickte, offensichtlich um ihre volle Aufmerksamkeit zu erhalten. „Gib auf die Mara acht, Mädchen. Sie ist der einzig sichere Ort.“ Ohne sich weiter zu erklären, drehte er sich um und trat durch die Wand, Richtung MARM.
Abyss nickte Sky zu, dann folgte er ihm langsam, ohne zurückzublicken, ohne sich von Gibbli zu verabschieden. Mitten in der offenen Tür blieb er stehen. Er zögerte kurz und drehte sich dann um. Gibbli durchfuhr ein Schauer, als ihre Blicke sich trafen und die graue Farbe der traurigen Augen sich in ihr Innerstes bohrte.
„Ich werde hinter dir stehen. Immer. Egal was du machst. Egal was du über mich denkst und egal was es wagt, sich zwischen uns zu stellen. Wenn du fällst, fange ich dich auf. Auch wenn du das nicht willst. Ich tu’s trotzdem.“
Eine Gänsehaut breitete sich über Gibblis ganzen Körper aus. Ohne eine Antwort abzuwarten, trat er in den Gang zum MARM hinaus und der Durchgang schob sich hinter ihm zu.
„Was meinte er damit?“, fragte Samantha vom Tisch aus.
„Ich … bin mir nicht sicher“, antwortete Gibbli mit den Gedanken noch immer bei ihm. Seine Worte schienen sich in ihrem Kopf festzubrennen: ‚Ich werde hinter dir stehen. Wenn du fällst, fange ich dich auf.‘
Währenddessen stieg der Kapitän schon hinab zum mittleren Steuersitz, um das U-Boot nach Ocea zurückzubringen.


Dieser Blog ist werbefrei! Bestimme selbst, was dir meine Programme, Informationen, Geschichten und Tutorials wert sind.
Unterstütze mich, indem du meinen PayPal Account fütterst!
Damit hilfst du, wiederkehrende Serverkosten dieses Blogs abzudecken und Material zum Erstellen zukünftiger Artikel zu finanzieren. Vielen Dank! <3

Kapitel 8: Grüner Tod (Bis in die tiefsten Abgründe)

„Sie hat diese flitschigen Dinger tatsächlich mit der Hand gefangen“, murmelte Steven eine Stunde später noch immer ungläubig. Dabei hatte er Samantha selbst zugesehen, wie sie in den tobenden Wellen stand.
Offensichtlich hatte Nox ihr das beigebracht. Man brauchte eben nicht für alles Maschinen, dachte Gibbli. Samantha hatte die Fische an Stöcken befestigt und jetzt brutzelten sie langsam über dem Lagerfeuer. Die silbernen Schuppen schimmerten in den Flammen wie die Hose des Oceaners. Abyss hatte etwas Holz zusammen getragen. Leider war fast alles feucht. Doch nach einer Weile war es Gibbli gelungen, die Stücke mit ihrem Schweißbrenner anzuzünden. Es knackste laut und immer wieder wirbelten Funken durch die Luft. Die vier saßen direkt am Strand. Hier war der Boden nicht so schlammig wie zwischen den abgestorbenen Pflanzen. Wenn auch nicht richtig trocken, bildete der Sand einen weichen Untergrund. Man sank nicht so ein, wie im angrenzenden Moor, in dem sie mit den Fluchtkapseln Oceas gelandet waren. Der Himmel verdunkelte sich und es wurde langsam Nacht. So viel Luft, dachte Gibbli immer wieder. So viel Platz. Sie konnten nicht für immer an Land bleiben, schon wegen der giftigen Schwefelpartikel, doch für eine Weile wäre es schön, hier zu leben, mit Abyss und den anderen. Abyss. Gibbli wagte es nicht, ihn auf seine Worte anzusprechen, nicht vor den anderen beiden. Glaubte er wirklich, dass sie so schlecht über ihn dachte? Was dachte er eigentlich und um welchen Abgrund ging es? Was sollte sie ihm vergeben? Er war es doch, der sie aus ihrer Hölle an der Akademie befreit hatte!
„Als ich das letzte Mal hier war, haben wir ein Boot gebaut mit weißen Tüchern. Oh, ihr hättet es sehen sollen! Jeff steuerte es am Luftübergang“, schwelgte Steven in Erinnerungen. „Das Wasser war türkisblau und der Himmel von wundervoller Frequenz, so klar und rein wie meine perfekte Stimme.“
„Deine Stimme klingt scheiße.“ Abyss stocherte müde mit einem Stück Ast im Sand herum.
„Die Sonne brannte auf uns herab und wärmte unsere Köpfe, wie dieses prasselnde Feuer!“
„Die Sonne brennt nicht“, berichtigte ihn Gibbli. „Sie ist ein Kernfusionsreaktor. Wasserstoff fusioniert mit Helium, dadurch wird elektromagnetische Energie frei, die sich umwandelt, in Licht und Hitze.“
„Das sind nur Worte, Mädchen. Ist doch egal welches Plasma sich in welches verwandelt. Ich war dabei, als ihr Menschen diese Reaktion als Energiequelle benutzt habt. Früher, vor vielen Jahren. Ihr hättet euch fast selbst damit vernichtet. Ja, das hättet ihr. Es ist einige Zeit vergangen, bis ihr die Kristallspeicher für euch entdeckt habt. Natürlich noch immer rückständig, an die DNA Quellen der Oca reichen sie nicht heran. Und über die Energie der Mog aus den anderen Ebenen, brauchen wir gar nicht erst zu sprechen.“
Gibbli versuchte, Stevens Geplapper auszublenden. Sie beobachtete Abyss, der sich damit abmühte, seine zusammenklebenden Haare vom Schlamm zu befreien. Stark verfilzt hingen sie über seine Schultern. Schließlich verlor er die Geduld, nahm eines seiner Messer und schnitt sie einfach ab. Grimmig betrachtete er die hellblonden Strähnen, dann warf er sie ins Feuer. Gibbli rutschte ein Stück zurück, als der verschmorte Gestank seiner Haare in ihre Nase stach.
„Wäh, das ist eklig!“, rief Samantha.
Abyss ignorierte sie und band seine restlichen Haare zusammen, während er mit ausdrucksloser Miene in die Flammen starrte.
Fröstelnd zog Gibbli ihre Knie zu sich heran. Die Nacht war nicht kalt. Der Oceaner war es schon. Sie wünschte sich weit weg von diesem wandelnden Eisklotz. Warum hatten sie Steven nicht einfach auf dem Planeten der Mog zurückgelassen? Warum war sie nur so blöd gewesen, Abyss davon abzuhalten auf ihn loszugehen? Und warum war Abyss so abweisend zu ihr?
„Was ist los?“, flüsterte er leise. Offensichtlich hatte er sie beobachtet und dieses Mal klang er sogar ein wenig besorgt.
„Nichts“, murmelte Gibbli, wohl wissend, dass er das nicht mochte.
Sie wollte es ihm sagen, ihm alles erzählen. Aber sie hatte nicht das Gefühl, als würde er es hören wollen. Seit sie die Höhle verlassen hatten, hatten sie nicht mehr miteinander geredet. Abyss schien, als würde er gleich etwas erwidern, dann überlegte er es sich anders. Gibbli schloss die Augen. Das unaufhörliche Rauschen der Wellen drang in ihre Ohren. Allmählich wurde sie müde. Steven plapperte munter vor sich hin. Irgendwann nickte sie ein. Doch sie schien nicht lange geschlafen zu haben. Als sie erwachte, redete er noch immer.
„… ist einmalig! Alles passiert ein einziges Mal und ist nicht mehr änderbar.“
„Nicht änderbar“, wiederholte Abyss betrübt. „Scheißdreck!“, schrie er plötzlich und schlug mit einer Faust in den Boden.
Gibbli zuckte zusammen. Samantha hob erschrocken den Kopf. Währenddessen sprang Abyss auf und watete durch den nassen Sand in die Dunkelheit.
Beunruhigt beobachtete Gibbli den Oceaner, der mit irritiertem Gesicht da hockte. Offenbar hatte er nicht damit gerechnet, dass ihm überhaupt jemand zugehört hatte. Die orangen Flammen warfen ein flackerndes Licht auf seine goldenen Wangen. Für einen Moment genoss Gibbli, dass er endlich schwieg. Sie hatte genug von seinen belehrenden Worten und seiner hochnäsigen Art auszudrücken, dass er mehr Ahnung von allem hatte oder zu haben glaubte, als jeder andere. Sie blickte über das Feuer hinweg in Samanthas sommersprossiges Gesicht. Ihre glatten Haare waren im Meer aufgegangen und sie hatte gerade damit begonnen, diese wieder zu zwei Zöpfen zu flechten. Die mitgebrachte Decke rutschte ihr von den Schultern. Sie sah hübsch aus, nicht wie Gibbli. Dieser Djego war sicher umgeben von Frauen der Elite und würde jemanden wie Gibbli gar nicht erst wahrnehmen. Samantha hingegen war schlank und konnte unglaublich schnell im Wasser schwimmen. Offenbar hatte Nox ihr das beigebracht. Gibbli erinnerte sich daran, dass sie das noch nicht gekonnt hatte, als sie für kurze Zeit in Samanthas Körper gesteckt hatte. Damals wäre sie fast im Meer ertrunken. Ob sie auch so werden konnte? So schlank und sportlich? Gibbli entschloss sich, lieber nichts von den Fischen zu essen.
Nach einer Weile kam Abyss zurück und ließ sich neben ihr in den Sand fallen.
„Was ist das?“, fragte Steven abschätzig.
„Lass mich in Ruhe“, knurrte Abyss.
Doch der Oceaner ließ nicht locker. „Was ist das, Mensch?“
Abyss schwieg und schraubte an dem kleinen Einmachglas in seinen Händen.
Gibbli glaubte die grüne Flüssigkeit darin zu erkennen. „Ist das nicht das Zeug, das ihr auf der Mara getrunken habt? Dieses Sekret von einem Pelikanaal?“, fragte sie leise.
Abyss nahm den Deckel ab und betrachtete die glänzende Oberfläche. „Ja“, sagte er langsam, ohne sie dabei anzusehen. „Sky hat es tatsächlich geschafft, mich zu beeindrucken. Ich hätte nicht erwartet, dass er es trinkt.“
Samantha hob neugierig den Kopf. Steven hielt sein Gesicht näher ans Feuer, um mehr zu erkennen. „Du lügst“, flüsterte er. „Sag mir, dass er lügt, Mädchen!“, fuhr er Gibbli plötzlich an.
Sie wich vor ihm zurück und schüttelte leicht den Kopf.
„Es war nur ein einziger Schluck. Aber Sky trank es. Und er überlebte. Was ist, Goldklumpen. Wirst du mit mir trinken?“
„Das wagst du nicht!“, sagte Steven hastig und zog sich lauernd auf seine Knie hoch.
Abyss erhob böse grinsend das Glas. „Du magst doch … Spiele.“ Das letzte Wort sprach er so deutlich aus, dass Gibblis Herz für einen Moment aussetzte. Ihre Hände krallten sich in den feuchten Boden. Er wusste es, oder?
Der Oceaner kniff seine Augen zu schmalen Schlitzen zusammen. „Leg es weg, Mensch.“
Sein Tonfall klang fordernd und er sprach jedes Wort so langsam und drohend aus, dass Gibbli das Gefühl hatte, jedes Sandkorn unter seinen Füßen würde sich in ein winziges Eiskorn verwandeln. Auch Samantha blickte besorgt von Steven zu Abyss und wieder zurück.
„Weißt du, was ich am meisten verabscheue, Goldklumpen?“, fragte Abyss und drehte das Glas in seinen Fingern.
„Mich?“, fragte Steven leise.
„Überraschenderweise nicht“, antwortete Abyss. „Es gibt nichts, was ich weniger ausstehen kann, als die Kontrolle über etwas zu verlieren.“
„Dann tu es nicht!“, beschwor der Oceaner ihn.
„Sie entgleitet mir, Oca. Und ich gebe sie lieber selber bewusst ab, bevor es, warum auch immer, geschieht.“
Gibbli sah unsicher zu Samantha, doch deren ratloser Ausdruck sagte ihr, dass sie ebenso wenig verstand, was hier ablief, wie Gibbli selbst.
Mit offenem Mund legte der Oceaner den Kopf schief, offensichtlich überrascht, dass Abyss ihn Oca genannt hatte.
„Wenn ich wütend bin, dann bin ich es mit Absicht. Wenn ich etwas vernichte, dann vernichte ich es mit Absicht. Wenn ich jemandem weh tu, wenn ich jemanden töte, dann geschieht das, weil ich es so bestimmt habe. In meinem ganzen Leben gab es lediglich zwei Momente, in denen ich keine Kontrolle besaß.“ Abyss schloss die Augen. „Und einer, in dem ich sie beinahe verlor. Der Grund sitzt neben mir.“ Er öffnete sie wieder. „In den beiden Momenten gab ich sie freiwillig ab, an diese Flüssigkeit hier. Zwei Mal. Und zwei Mal überlebte ich. Und ich denke, es wird Zeit für ein drittes Mal.“
„Das ist Gift!“, flüsterte Steven völlig überzogen. Doch seine nächsten Worte zeigten, dass seine Reaktion dieses Mal durchaus berechtigt war. „Ein überaus wirksames Gift. Die Chancen stehen bei nicht einmal 30%, dass du überlebst!“
„Schütte es weg!“, rief Gibbli entsetzt.
„Halt dich raus!“, fuhr Abyss sie an. Sie schnappte nach Luft und wich ein Stück vor ihm zurück. Abyss bewegte das Glas langsam auf seine Lippen zu. Grinsend starrte er Steven an. „Ich beginne …“, seine Stimme bekam einen ablehnenden Unterton, „… Freund.“
„Nicht!“, schrien Samantha und Gibbli gleichzeitig. Währenddessen sprang Steven mitten über das Feuer auf Abyss zu. Doch in diesem Moment trank er es. Der Oceaner schlug ihm das Glas aus der Hand. Es flog durch die Luft. Die restliche Flüssigkeit spritzte über den Boden und versickerte zwischen den feinen Sandkörnern.
„Du beschränkter Mensch!“, schrie Steven, während die beiden miteinander rangen.
„Du Schwächling! Ich denke, du magst Risiken!“, brüllte Abyss zurück. Gegen Stevens Stärke kam er nicht an.
„Du dachtest? Dein Ernst, Mensch? Du denkst? Mit dem Ding zwischen deinen Ohren, das du Kopf nennst? Wie lange, bis es wirkt?“ Der Oceaner war um einiges kleiner als Abyss, doch er hielt ihn mühelos auf den Boden gedrückt.
„Lass mich los!“, schrie Abyss, während er versuchte, sich von Stevens Griff zu befreien.
„Wie lange?“, wiederholte der seine Frage.
„WAS INTERESSIERT DICH DAS?“, brüllte Abyss zurück.
„Hört auf!“, rief Gibbli. Mit einem Schaudern dachte sie an das halbe Gehirn des Soldaten. Hilflos wanderte ihr Blick von dem leeren Glas am Boden zu Steven, dessen eiskalte Aura man fast um ihn herum flimmern sehen konnte. Sie sprang nach vorne, packte den Oceaner am Arm, um ihn wegzuziehen, was er völlig ignorierte. „Hilf mir!“, rief sie Samantha zu.
Die junge Frau trat ängstlich an sie heran und schien nicht recht zu wissen, was sie machen sollte. Dann krallte sie sich um einen Ast und zog ihn aus dem Boden heraus. Samantha holte aus und Gibbli wich zurück, als sie gegen Stevens Schädel schlug. Er zuckte ein kleines Stück von dem Ast weg, doch ansonsten schien es ihm absolut nichts auszumachen. Steven drehte ihr den Kopf zu, hob einen Arm und feuerte etwas ab. Gibbli erkannte sofort, um was es sich handelte. Samantha wurde nach hinten gedrückt und die dünnen Schnüre schlangen sich fest um ihren Körper. Gefesselt blieb sie auf der Seite liegen. Dann wandte er sich wieder dem Mann unter ihm zu.
„Geh weg von ihm!“, schrie Gibbli wieder und versuchte, seine Hände wegzureißen.
„Du willst die Kontrolle verlieren? Ich zeige dir, wie es sich anfühlt, die Kontrolle zu verlieren, mein törichter FREUND.“
Steven schubste Gibbli beiseite. Sie landete unsanft im feuchten Sand. Währenddessen fesselte er auch Abyss mit den Schnüren und verankerte sie tief im Boden. Gibbli bemerkte, wie Abyss‘ Bewegungen langsamer wurden. Es schien ihm Mühe zu bereiten, überhaupt die Augen offen zu halten. Sie rappelte sich auf und rannte wieder auf ihn zu, doch Steven stand schon hinter ihr und fing sie ab. Kurz bevor sie Abyss erreichte, hielt der Oceaner sie fest.
„Nicht“, knurrte Abyss müde. „Lass sie …“
Von weiter hinten hörte Gibbli Samantha irgendetwas rufen.
„Sieh hin, Mädchen“, sagte Steven und packte ihren Kopf, sodass sie ihn nicht mehr bewegen konnte. Seine eiskalten Finger bohrten sich in ihre Haut und Gibbli war sich sicher, dass das Blut unter ihnen gefror. „So sieht Verzweiflung aus. Wunderschöne Verzweiflung.“
„Was bezweckst du damit?“, flüsterte Gibbli.
„Ich weiß nicht, sag du es mir, das war seine Idee. Ich habe nur die Gelegenheit ergriffen.“
„Das war nicht … Lass sie … in … Ruhe … lass …“, brachte Abyss wieder hervor.
„Ich soll sie loslassen? Natürlich. Keine Sorge, ich muss sie nicht mehr festhalten.“ Steven trat einen Schritt zurück und Gibbli fiel vor Abyss auf die Knie. „Ja, so bleibst du jetzt, das ist gut.“ Er schlenderte langsam um sie herum und Gibbli spürte, wie sein Geist zu ihr vordrang, von ihr Besitz ergriff. Ihre Arme und Beine wurden immer schwerer, als befänden sie sich plötzlich wieder auf dem Planeten der Mog. Nur, dass es hier Steven war, der sie mit dieser Gedankenkraft zu Boden drückte.
„Gibbli“, flüsterte Abyss undeutlich.
Steven hockte sich neben Gibbli. „Was meinst du Mädchen, sollen wir ihn ein wenig ärgern?“
Sie brachte kein Wort hervor, als würde er ihre Zunge blockieren, als würde er alles an ihr blockieren. Das Einzige was sie tun konnte, war weiterhin in diese grauen Augen zu starren, diese traurigen, grauen Augen, die versuchten sie zu erreichen. Oder wollte er sie überhaupt noch erreichen? Was wollte Abyss eigentlich?
Gibbli spürte, wie Steven das Messer aus ihrem Stiefel zog. Abyss wurde unruhiger und versuchte, sich in seinen Fesseln zu bewegen. Doch es gelang ihm nicht.
Mit seinem sehnigen Finger fuhr der Oceaner an der scharfen Klinge entlang. „Für eine Weile war ich davon überzeugt, dass du meinem Mädchen ein Vorbild bist, dass du ihr näher bringst, was es bedeutet zu leben, zu leiden. Stattdessen zeigst du ihr nichts als den sinnlosen Tod!“
„Sie wird nie … dein Mädchen sein!“, knurrte Abyss schwach. Er schaffte es nur mit Mühe, seinen Kopf zu heben.
Warum hatte er dieses dumme Zeug getrunken, dachte Gibbli. Er würde nicht sterben, oder? Er durfte nicht!
„Nicht mein Mädchen?“, fragte Steven und grinste. „Wirklich? Ja? Bist du dir da ganz sicher? Denkst du nicht, dass es etwas gibt, was sie und mich untrennbar miteinander verbindet?“
Panisch riss Gibbli die Augen auf. Er würde es ihm nicht sagen, oder?
„Nein. Nein, du kack Goldklumpen!“, rief Abyss und zerrte an den Schnüren. Dann fiel sein Kopf wieder seitlich in den Sand. „Euch … verbindet gar nichts“, sagte er dann etwas leiser.
„Wann nennst du mich endlich bei meinem Namen?“, fragte der Oceaner und fuhr mit der Klinge an Gibblis Hals entlang. Sie wagte kaum, zu atmen.
Dieses Mal war es Abyss, der die Augen aufriss. „Hör auf damit! Weg … von ihr!“
„Steven. Ein schöner Name, nicht wahr? Wir sind beide Oca. Eine Tatsache, die uns immer zusammen schweißen wird. Oder löten? Gibbli und Steven. Steven.“
Gibbli presste die Lippen aufeinander, während er mit der Klinge über ihre Haut strich. Abyss durfte es nicht erfahren! Sie versuchte, ihre Finger zu bewegen. Doch die hingen an ihr hinab in den Sand, als wären sie festgefroren.
„Sag ihn, Mensch“ Er wandte sich wieder Abyss zu. „Sag meinen Namen.“
„Wer trägt schon so … einen dämlichen Namen?“, knurrte Abyss erschöpft.
„Hach, wer weiß, mein Freund, wenn du das hier überlebst, kommt vielleicht irgendwann der Tag, an dem du ihn öfter lesen wirst.“
Gibbli schluckte. Sie musste Steven unbedingt aufhalten! Sie fühlte, wie etwas in ihr zu kochen begann. Langsam ballte sie ihre rechte Hand zur Faust.
„Ich sterb nicht“, murmelte Abyss. „Die Wirkung wär … sofort eingetreten. Ich hab … zum dritten Mal … überlebt.“ Er begann zu flüstern. „Ich hab den … Tod erneut besiegt.“ Sein Kopf schwankte nach oben und Abyss‘ Tonfall wurde etwas klarer. „Und deinen Namen kannst du dir sonst wo hinschmieren. Ich versichere dir, dass ich mich von allem fernhalten werde, das diesen verfickten Namen trägt!“
Gibbli spürte, wie die festhaltende Aura plötzlich um sie herum schmolz. Sie holte aus und traf Steven mit voller Wucht mitten im Gesicht!
„Ha!“, entfuhr es Abyss.
Der Oceaner kippte überrascht weg, gleichzeitig rutschte Gibbli nach unten und landete auf allen vieren im Sand. Heftig atmend stützte sie sich im feuchten Boden ab. Irgendwo hörte sie erneut Samanthas Rufen in der Dunkelheit. Abyss lachte kurz auf. Und mit ihm Steven. Dann verstummte Abyss, während der Oceaner begeistert weiter lachte.
Steven hielt sich die Hände ans Gesicht und heulte taumelnd auf. „Ahhwwww, es tut so-ho weh!“
Gibbli hob den Kopf und blickte ihn voller Abscheu an. Er hörte auf mit seinem gespielten Stöhnen.
„Nein? Nicht lustig? Oh doch, ich finde schon. Genial!“, rief er. „Das war wundervoll! Ich bin so stolz auf dich, Mädchen!“ Plötzlich spürte sie seine eiskalten Hände. Er drehte sie herum und warf sich mit aller Kraft auf sie. „Gut gemacht.“
Abyss brüllte irgendetwas, was Gibbli nicht verstand. Steven drückte sie von hinten in den Boden. Sie spürte den kühlen Sand unter ihrer Wange. Das Messer in seinen Fingern glitzerte im Schein der Flammen, direkt vor ihren Augen.
„Pass auf, mein Mädchen, jetzt verliert er seine geliebte Kontrolle“, flüsterte Steven in ihr Ohr.
Gibbli stieß einen überraschten Laut aus, als die Spitze der Klinge in ihre Haut eindrang.
„Sie ist … NICHT DEIN!“, schrie Abyss. Verzweifelt wälzte er sich am Boden. „Nicht! Lass …“ Sein Kopf prallte plötzlich wieder seitlich im Sand auf.
In diesem Moment kam Gibbli die Idee. Abyss! Er hatte es ihr selbst übergeben. Sie hörte das leise Surren der Kugel, bevor es in der Luft fliegend aufleuchtete. Und es jagte mitten durch ihn hindurch. Steven schrie. Sein Griff lockerte sich und Gibbli ließ es erneut über seine Haut fahren. Die glühende Kugel warf ihn zurück. Schnell drehte sich Gibbli herum und krabbelte rückwärts von ihm fort. Währenddessen dachte sie es über sein Gesicht, über seine nackte Brust, an seinen Armen entlang und es gehorchte ihr, hinterließ brennend rote Furchen in der goldenen Haut.
 
„Kannst du nichts machen?“, Gibbli beugte sich besorgt über ihn und berührte seine leblosen Wangen.
„Ich bin kein Arzt, ich … ich hab doch keine Ahnung“, antwortete Samantha hilflos. „Aber er … er lebt.“
„Aber er wacht nicht auf!“
„Wacht nicht aaaaauuuf!“, heulte Steven mit heller Stimme. Er lag ein paar Meter weiter erschöpft und blutbespritzt im Sand.
Die beiden ignorierten ihn.
„Sicher wegen diesem Gift. Aber er sagte, wenn es gewirkt hätte, wäre er längst … er wird es schon schaffen, bestimmt. Und er sieht besser aus als Steven.“ Sie drehte sich zu dem Oceaner um, dessen leises Stöhnen jetzt über die Wellen des Meeres hinweg hallte.
Gibbli antwortete ihr nicht. Sie hatte die vergangene halbe Stunde vergeblich versucht, Abyss aufzuwecken.
„Wir warten ab, bis die ersten Gondeln kommen und dann bringen wir sie in die Akademie“, sagte Samantha bestimmt. „Dann suchen wir jemanden, der uns hilft. Von dort aus können wir eine Nachricht an Nox schicken. Vielleicht geht es Bo schon besser. Wenn oceanische Technologie hier oben funktioniert, dann geht vielleicht außerhalb der Stadt auch ihr Marahang wieder.“
Gibbli nickte. An Nox und Bo hatte sie gar nicht mehr gedacht.
„Er wird wieder. Und der andere auch.“ Zuversichtlich legte Samantha eine Hand auf ihre Schulter.
Eine Weile lauschten sie dem Rauschen des Ozeans und Stevens Gejammer, das immer wieder von seinem hysterischen Lachen durchbrochen wurde. Er konnte sich wohl nicht so recht entscheiden, ob er lieber der Schmerzen wegen klagen und heulen oder von Gibblis Angriff auf ihn begeistert sein wollte.
„Gibbli? Was denkst du?“, fragte Samantha leise.
Sie blickte in das sommersprossige Gesicht und atmete aus. Langsam gewöhnte sie sich an den schwefeligen Gestank. „Ich denke, wir brauchen einen Kapitän.“
Samantha schüttelte traurig den Kopf.
„Wir brauchen Sky“, murmelte Gibbli. Düster starrte sie in die Flammen.
Sie dachte darüber nach, wie man die beiden Männer am besten zu den Gondeln schaffen konnte. Doch in Abyss‘ Fall war das gar nicht mehr nötig. Zwei Stunden später kam er langsam zu sich. Er wirkte zwar etwas benommen, abgesehen davon, schien er okay zu sein.
„Abyss“, sagte Gibbli hastig, als sie bemerkte, dass er sich bewegte.
Er knurrte etwas Unverständliches. Plötzlich schreckte er hoch, riss die Augen auf und blickte sie direkt an. Überrascht wich sie ein Stück zurück. Scheinbar beruhigt, dass es ihr gut ging, ließ er seinen Kopf erleichtert in den Sand zurückfallen.
„Versprich mir was“, flüsterte sie.
„Alles“, murmelte er abwesend und hielt sich den Schädel fest.
„Trink dieses Zeug nie wieder.“
Er zögerte, blinzelte sie kurz an. „Meinetwegen“, brummte er dann knapp und legte die Arme über sein Gesicht. „Nie wieder.“
Nach ein paar Minuten wuchtete er sich auf. Sein Oberkörper schwankte leicht hin und her, während er abwesend ins Feuer starrte.
„Hey! Du! Mein liiiiiieber Freund!“, rief Steven vom Boden aus, der offensichtlich erst jetzt bemerkt hatte, das Abyss wieder wach war. „Hast du gesehen? Mein wundervolles Mädchen! So perfekt … Was sie … oh nein, schwindelig.“ Er stöhnte und schloss die Augen.
„Kannst du nicht eine Taste in ihn einbauen, die ihn abschaltet? Wir brauchen auch keinen Anschalter mehr“, murmelte Abyss. Doch bevor Gibbli etwas erwidern konnte, fragte er knapp: „Sam?“
Gibbli nickte zu den abgestorbenen Pflanzenresten hinüber, die ins Moor hinein führten. „Sie wollte schon ein paar Dinge aus den Rettungskapseln hinab bringen und nachsehen, ob die Gondeln-“
„Sie sind da, die ersten sind schon durch!“, rief Samantha aufgeregt hinter ihnen und rannte auf sie zu.
Erfreut blickte sie Abyss an, der sich aufrichtete. Überraschend sicher stand er im Sand und begann damit, diesen über das Feuer zu schütten.
 
„Wirst du es Sky erzählen? Dass du … von dem …“, begann Gibbli, als sie fertig zum Aufbruch waren.
„… dem Gift?“, vollendete Abyss den Satz. „Ich bin mir sicher, wenn er rauskriegt, dass ich das noch mal gemacht hab, wirft er mich aus der Crew.“
„Willst du, dass er das tut?“, fragte sie.
Er kniff die Augen zusammen. „Wirst du mit mir kommen, wenn er es tut?“
Gibbli blickte ihn mit offenem Mund an. Abyss wollte die Crew verlassen? Weg von der Stadt? Sich gegen den Kapitän stellen? Wenn sie ging, würde sie Djego nicht mehr sehen, kam es ihr plötzlich in den Sinn. Schnell verscheuchte sie die Gedanken an ihn. Warum musste sie nur ständig an ihn denken, sie hatte doch bisher kaum mit ihm zu tun gehabt? Als sie Abyss nicht antwortete, bückte er sich und packte Steven an den Haaren.
„Dumm Mensch … Nicht schön, nicht … nett“, murmelte der Oceaner abwesend.
Abyss‘ Mundwinkel zuckten nach oben, während er das eingetrocknete Blut und die vielen Schnitte auf Stevens Körper betrachtete. Dann hob er seinen Kopf und die grauen Augen funkelten Gibbli bedrohlich an. „Gut gemacht, kleine Schwester“, sagte er leise. Das letzte Wort betonte er besonders deutlich. Abyss setzte ein mörderisches Grinsen auf und wandte sich abrupt von ihr ab. Rücksichtslos schleifte er Steven durch den Sand zu den Gondeln.
Gibbli blickte nach oben, in den Himmel. Mittlerweile hatte er eine dreckige, dunkelgraue Farbe angenommen. Es wurde bereits heller. Dann folgte sie ihm ein wenig verunsichert.
„Er ist ganz schön grob zu Steven“, meinte Samantha neben ihr.
Gibbli zuckte mit den Schultern. „Nox frisst Menschen.“
„Stimmt. Du hast recht. Ich versuche das zu verdrängen.“
 
Nervös kaute sie an ihren Fingernägeln. Abyss drückte ihre Hände wortlos nach unten. Sie atmete tief ein. Mit einem lauten WUSCH schraubte sich das Ding heraus. Gibbli betrachtete den würfelförmigen Hohlkörper mit einem mulmigen Gefühl. Wie er langsam emporstieg und das Wasser der Vertiefung um sich herum in plätschernden Wellen ausschlug, das sah nicht nach etwas aus, in das man einsteigen sollte. Die Gondel hangelte sich an den Schienen entlang über den Weg.
„Die nicht“, rief Gibbli und packte Samantha am Arm, die gerade einsteigen wollte, als sich die Öffnung auf der Vorderseite aufschob.
„Das ist jetzt schon die fünfte! Die sieht doch sicher aus!“, widersprach Samantha.
Gibbli deutete auf einen Riss in einer der Sichtscheiben, die an allen vier Seiten eingearbeitet waren. Das Glas war dick und die Gondel innen trocken, nicht wie die davor, doch der kleine Sprung brachte Gibbli zum Zittern.
Sie warteten, während sich das Gefährt langsam weiter bewegte. Schließlich schlossen sich die Türen der Gondel. Dann tauchte sie auf der anderen Seite wieder ein, in den zweiten Weiher aus Wasser. Gibbli verfolgte die aufsteigenden Luftblasen, als das ramponierte Gefährt hinab in die Tiefe sank.
„Die nächste“, flüsterte Samantha und umklammerte ihre Decke, während die neue Gondel aufstieg.
Gibblis Blick wanderte zu Abyss, der ungeduldig schnaubte. Er hatte Steven achtlos neben sich auf den Boden geworfen. Sie schluckte. Diese kleinen Gefängnisse erinnerten sie an die runde Tauchkapsel, mit der sie zum ersten Mal zur Mara hinab getaucht waren. Genauso alt. Genauso zerschlissen. Genauso unsicher und nur danach schreiend, einfach zu implodieren.
„Nicht“, sagte Gibbli, als Samantha sofort hinein sprang, als sich der erste Spalt an der Öffnung bildete.
Gibbli schüttelte den Kopf und ihre Füße fühlten sich an, wie auf der Stelle festgewachsen. Plötzlich spürte sie seine großen Hände an ihren Schultern. Abyss schob sie mit einem ungeduldigen Knurren hinein. Hastig drehte sie sich um und starrte ihn an. Wortlos erwiderte Abyss ihren Blick. Seine Augen sagten, wenn sie sich bewegte, würde er sie fesseln und wieder hinein werfen. Na gut. Früher oder später mussten sie hinab fahren. Aber je später, desto besser. Doch jetzt konnte sie es nicht länger hinauszögern. Er nickte grimmig. Gibbli hätte erwartet, dass er auch Steven zu ihnen hereinzog. Doch stattdessen trat Abyss einen Schritt zurück.
„Was?“, flüsterte Gibbli. „Nein! Nicht. Nein!“
Hastig wollte sie wieder hinaus springen. Doch ihre Hände schlugen nur gegen das Glas der Öffnung, die sich verriegelte.
Ihre aufgerissenen Augen spiegelten sich in der Scheibe wieder. Ihr Atem beschleunigte sich. Sie wagte es nicht mehr, sich zu bewegen. Seine emotionslose Miene auf der anderen Seite brannte sich in ihr fest wie ein Hologramm. Ihr Kiefer zuckte und Gibbli erstickte ein leises Wimmern. Warum kam er nicht mit? Mit versteinertem Ausdruck beobachtete sie ihn, während das Wasser über das Glas spritzte. Langsam fuhr die Gondel nach unten und entfernte sich immer weiter von ihm. Sekunden später umgab das Wasser sie ganz und Abyss‘ Gestalt wirkte verschwommen. Er bewegte sich! Jetzt packte er Steven und drehte sich weg, machte sich bereit, in die nächste Gondel zu steigen. Warum fuhr er getrennt von ihr?
Gibbli bemerkte, wie Samantha sie besorgt musterte. „Unheimlich, wie schnell wir untertauchen, ohne es richtig zu spüren.“
Gibbli schwieg. Warum ließ er sie alleine? Dort oben, wie in einer anderen Welt, konnte sie den Umriss der nachfolgenden Gondel erkennen. Diese tauchte ebenfalls langsam in das dreckige Wasser ein.
„Was ist das?“, fragte Samantha plötzlich.
„Tangwälder“, antwortete Gibbli emotionslos, mit den Gedanken ganz wo anders.
Lange Algen schlängelten sich hinter den Fenstern. Die Gondel kämpfte sich durch federartige Pflanzen und Blätter in dreckigem Grün. Kleine Fischschwärme stoben aufgeregt davon.
„Bist du okay?“, fragte Samantha leise.
Gibbli stellte sich vor, wie die langen Ranken sich um ihren Hals wickelten. Sie würde ersticken, ertrinken, sterben! Es dauerte nur ein paar Sekunden, da trübte sich das Wasser. Tangwälder brauchten Licht, um zu überleben. Das verdreckte Wasser in den seichten Gebieten um die Insel herum, trug ebenfalls nicht zu einer großen Ausdehnung bei.
„Bo hat mir erzählt, dass du Tauchen nicht besonders magst.“
Sie tauchten tiefer und es wurde noch dunkler. Gibbli drückte die Augen aufeinander und sank langsam auf den Boden. Dann lehnte sie sich an die Außenwand und versuchte, ruhiger zu atmen. Flacher. Atme langsamer, hörte sie Stevens helle Stimme in ihrer Erinnerung. Das hatte er auf dem Planeten der Mog gesagt, immer und immer wieder. Gibbli wurde etwas ruhiger. Der Druck würde sich langsam erhöhen. Sie kannte das hier schon. Die Gondel würde sie zurück in die Akademie bringen. Dort gab es weite Gänge und Räume, mit viel Luft.
Warum ließ er sie alleine?
 
Die Zeit verstrich und Gibbli gewöhnte sich an das monotone Klackern der Schienen. Sie zog ihre Knie an sich und stützte ihren Kopf darauf ab.
„Hast du Angst?“, fragte Samantha nach einer Weile. Sie saß ihr gegenüber, die Füße ausgestreckt am Boden.
Gibbli zuckte mit den Schultern. Sie wusste es nicht. Die einzige Frage, die ihr im Kopf umher geisterte, war, warum sich Abyss so seltsam ihr gegenüber verhielt. Oder war er schon immer so? Natürlich war er das. Unberechenbar. Ein Mörder. Wahrscheinlich machte sie sich zu viele Gedanken, zerdachte nur wieder alles, wie er immer sagte. Aber all die Verbrechen und jetzt begingen sie ein weiteres und würden ein U-Boot aus dem Gewahrsam der elitären Flotte stehlen …
„Denkst du, wir tun das Richtige?“, fragte Gibbli.
Samantha dachte nach. „Du meinst, ob wir auf der richtigen Seite stehen? Glaub mir, Nox willst du nicht gegen dich haben. Und wir leben, oder?“ Sie zuckte mit den Schultern und nickte dann zum Rückfenster der Gondel hin. „Stell dir vor, die beiden da oben wären unsere Feinde.“
Das wäre ihr Untergang, dachte Gibbli. Samantha hatte recht. Und wer sich gegen Sky stellte, hatte sowieso schon verloren. Er war erfahren und er hatte seine Leute unter Kontrolle. Oder auch nicht. Zweifel stiegen in ihr hoch, als sie an die beiden toten Soldaten dachte. Und an ihr Vorhaben, ohne seine Zustimmung die Mara zu stehlen. Abyss, der wegen ihr fast einen Planeten zerteilt hätte, sich vor ein paar Stunden beinahe umgebracht hätte. Nein, der Kapitän hatte keine Ahnung, was seine Crew tat. Sie würden verdammten Ärger bekommen.
„Manchmal denke ich, nicht genug zu sein“, sagte Samantha leise.
Gibbli blickte überrascht auf. Nicht genug sein, das kannte sie gut. Aber warum sollte Samantha so etwas denken? Gibbli wartete, dass sie weitersprach. Doch das tat sie nicht. Erwartete Samantha, dass Gibbli nachfragte? Ein guter Trick, um jemanden zum Sprechen zu bringen. Doch darauf würde Gibbli nicht hereinfallen. Du warst schon immer egoistisch, kam es ihr plötzlich in den Sinn. Hatte das nicht Abyss einmal gesagt? Samantha konnte es wirklich ernst meinen, oder?
„Warum?“, fragte Gibbli nach ein paar Minuten, doch neugierig geworden.
Samantha blickte aus dem Sichtfenster und schloss für einen Moment die Augen. „Ich bin nur ein Landmensch.“
„Und?“ Gibbli verstand nicht, worauf sie hinaus wollte.
„Nichts und. Genau das.“
„Ich bin auch ein Landmensch.“
„Du bist zum Teil ein Oceaner. Du bist unter dem Meer aufgewachsen. Du warst auf der Akademie. Ich gehöre hier nicht her. Und zurück kann ich auch nicht. Außerdem bist du die Technikerin, du gehörst zur Crew.“
„Du gehörst auch … dazu.“
„Nein. Für die anderen bin ich nichts weiter als ein Anhängsel von Nox.“
„Du-„, Gibbli brach ab. Sie wusste gar nicht, was sie darauf erwidern sollte.
„Ist okay. Es macht mir nichts aus. Denn Nox gehört ebenfalls nicht hier her. Er gehört ins Wasser. Zu seinem Volk. Weißt du, Bo denkt, wir sollten bleiben. Sie ist davon überzeugt, dass wir bei Sky sicher sind. Sie hat ständig auf Nox eingeredet, dass er die Crew nicht verlassen dürfe. Dabei war er doch nie richtig dabei. Ich habe ihr schon fast geglaubt. Aber jetzt, wo ich euren Kapitän kenne, denke ich, dass Nox Recht hat. Weder ich noch Nox gehören dazu. Merkst du, wie sinnlos das ist, Gibbli? Ich merke es ja selbst. Sich schlecht zu reden, obwohl man es gar nicht ist? Ich habe nie geplant, hier her zu kommen, unter das Wasser. Ich wollte etwas ganz anderes machen.“
„Kuchenbäcker“, murmelte Gibbli.
„Ja, genau! Woher weißt du das?“
„Ich … Bo hat mir das erzählt“, log Gibbli.
„Bo … ich hoffe, es geht ihr gut.“ Samantha sah wieder aus dem Fenster. „Sie ist stark. So wie du.“
„Ich bin nicht stark.“
„Ich glaube, du bist stärker, als du denkst.“
Nachdenklich blickte auch Gibbli hinaus. Hier in der Tiefe wurde das Wasser klarer. Das Licht der Gondel zog ein paar Fische an, die aufgeweckt an die Scheiben stupsten. Gibbli stellte sich vor, wie ein gigantischer Rochen sein Maul aufriss und ihre Kapsel mit einem Happs verschlang. Nein, sie war klein. Sie waren alle schwach und klein, so winzig klein im Angesicht dieser unendlichen Weite dort draußen. Dieser weite Raum, der in dieser ihr so verhassten Flüssigkeit bis in die finstersten Gräben reichte …
 
Gewaltige Trommelschläge durchdrangen das schwarze Wasser. Zischende Geräusche von umher flitzenden Körpern, die sie bedrohlich streiften. Zwecklos, dachte Bo.
„Wir umzingelt sind!“, rief Nox in ihren Gedanken.
In atemberaubendem Tempo rauschten die Wesen an ihnen vorbei, um sie herum. In der Ferne erblickte Bo riesige Kristalle, bestimmt drei Mal so groß wie sie selbst, die sich um den Eingang einer Höhle erstreckten.
„Ich sagte dir, das war ein Fehler!“, hörte sie seine Stimme wieder. „Wir sein könnten jetzt bei meinem Volk!“
„Da hinten, eine Lücke!“, gab sie telepathisch zurück.
Der Rhythmus der Trommeln änderte sich, wurde tiefer und schneller. Bo spürte es mehr, als dass sie es hörte. Das Geräusch durchdrang ihren ganzen Körper und erschütterte ihre Knochen. Waren das die Maschinen der Hochseemenschen? Bo hatte keine Ahnung von ihrer Technologie, geschweige denn von ihrer Lebensweise.
Die beiden tauchten durch die Dunkelheit. Bo hielt auf den gigantischen Berg zu. Er erstreckte sich mitten über dem Meeresboden. Seine Umrisse waren kaum zu erkennen. Irgendwo vor ihnen leuchteten orange Kugeln auf. Waren das Fenster? In dem Berg musste sich eine Behausung befinden!
„Nein!“, drang es durch ihren Kopf. Sie spürte Nox neben sich. Ihr Bruder war schneller. Er packte sie am Arm und riss sie mit sich nach vorne, wirbelte dann mit ihr herum, um sie zum Halten zu bringen.
Bo überschlug sich im Wasser. „Was tust du? Die Hochseemenschen kriegen uns!“
„Das kriegt uns!“, brüllte er und zog sie mit sich in die andere Richtung, zurück zu den Hochseemenschen.
„Das?“ Und plötzlich erkannte Bo, dass der Berg gar kein Berg war. Die orangefarbenen Kugeln bewegten sich! Und die spitzen Kristalle fuhren weiter auseinander wie ein …
„In dieses Maul passt ja eine ganze Stadt!“, rief sie fasziniert in Gedanken.
„Ein kleiner Fangzahn.“
„Fangzahnfische werden nicht länger als 15 Zentimeter!“ Das Ding war sicher über hundert Meter lang und das größte Lebewesen, das Bo je erblickt hatte! Die Erde bebte, als es sich erhob.
„Denken das Küstenlandmenschen? Sogar Landmenschen im Meer wissen, das nicht stimmt. Er ist Baby.“
Wahnsinn! Wie groß war dann erst ein ausgewachsener Fangzahn? Ein tiefes Grummeln durchbrach die Trommelgeräusche und die Hochseemenschen huschten auseinander. Wieder änderte sich der Rhythmus der Schläge und kam jetzt von einer anderen Seite aus.
„Warum tun sie das?“, fragte Bo, während sie zwischen hunderten von Meermenschen vor dem Wesen flüchteten.
„Sie führen es“, hörte sie Nox ihr zudenken. „Weg von uns und ihren Städten.“
Bo nickte erfreut. So funktionierte das also. „Gut. Weiter?“
Missmutig folgte er ihr.


Dieser Blog ist werbefrei! Bestimme selbst, was dir meine Programme, Informationen, Geschichten und Tutorials wert sind.
Unterstütze mich, indem du meinen PayPal Account fütterst!
Damit hilfst du, wiederkehrende Serverkosten dieses Blogs abzudecken und Material zum Erstellen zukünftiger Artikel zu finanzieren. Vielen Dank! <3

Kapitel 7: An die Oberfläche (Bis in die tiefsten Abgründe)

Gibbli saß auf einer der Kisten am zentralen Platz, als Samantha zu ihr kam. Sie sammelten schweigend die leeren Teller zusammen. Sky und die beiden Tiefseemenschen, Nox trug die schlafende Bo, hatten die Luke durchquert und sich aufgemacht zur Andockstelle der Mara. Abyss war wieder einmal verschwunden. Gibbli nahm an, dass er nach oben auf die Plattform gegangen war. Sie riskierte nicht, ihm jetzt zu folgen, so wütend wie er ausgesehen hatte. Gedankenverloren zog sie ihr EAG aus einer der Werkzeugtaschen und begann sich Notizen zu machen. Sie würde viel Material brauchen, um für ihn diese Maschinenfinger zu bauen. Material, das es hier nicht gab. Vielleicht war es möglich, diesen Djego zu überreden, ihr etwas zu bringen? Damit hätte Gibbli gleich einen Grund, mit ihm zu sprechen. Djego schien nett zu sein. Fast zu nett. Nun, für einige der Bauteile wäre er damit wohl nicht der richtige Mann.
Gibbli fertigte gerade die ersten Konstruktionsskizzen über ein Hologramm an, als eine glänzende Gestalt ihre Aufmerksamkeit erregte.
„Es wird Zeit“, sagte Steven.
„Ich hab da eine Idee“, erwiderte Gibbli schnell, um ihm zuvorzukommen und von dem Spiel abzulenken.
„Eine Idee? Erzähl deinem Oca davon!“
Gibbli blickte auf. Sie hatte nicht erwartet, dass er darauf einging. „Kannst du das für dich behalten?“
Der Oceaner lachte hysterisch auf und sagte dann ganz ernst: „Nein.“
Sie stieß genervt die Luft aus und wandte sich wieder den Skizzen und ihren Berechnungen zu.
„Die Aufgabe, Mädchen. Jetzt“, sagte Steven tonlos.
Gibbli sah auf. „Schön. Ich habe eine Aufgabe für dich.“ Das war gar nicht schlecht, dachte sie, auch wenn ihr Djego lieber gewesen wäre. „Du wirst mir etwas besorgen. Hier ist eine Liste.“
Steven öffnete den Mund und atmete aus. Dann packte er ihren Arm, in dem sie das EAG hielt, verdrehte ihn und zog ihn zu sich heran, um die Liste zu lesen. Gibbli biss sich nervös auf die Lippen und wartete auf seine Reaktion.
„Golddrähte … findest du hier an jeder Ecke … Kondermagnete, nett …“, murmelte er vor sich hin. „Uhhh, konservierte Nervenfasern? Das ist … faszinierend.“ Er ließ ihren Arm los. „Diese Liste ist beeindruckend. Dir ist bewusst, dass ich dafür einem lebenden Menschen die Hand abhacken muss?“
„Ja …“, sagte sie langsam.
Sein Blick fiel auf die holografischen Skizzen. „Hm … das muss da … und das …“ Interessiert veränderte er darin einige Schaltkreise, während er vor sich hin murmelte. „Du hättest mehr eurer Biologiekurse besuchen sollen, von menschlicher Anatomie hast du keine Ahnung. Tss, ich muss dir noch einiges beibringen. Hm, wenn du älter bist. Ach nein, ich vergaß, das wirst du nicht mehr. Egal. So ist es besser. Wirklich nettes Spielzeug, das ich dir hier besorgen soll. Ich mag deine Idee, Mädchen.“ Dann wandte er sich von dem Hologramm ab und seine Stimme wurde aggressiver. „Aber du bist nicht dran.“
Gibblis Herz rutschte ihr in die Hose. Sie wollte keine neue Aufgabe! Er würde bestimmt etwas ganz Dummes verlangen. Nein, von ihm würde sie sich nicht mehr demütigen lassen! Er besaß jetzt keine Macht mehr! „Du besorgst mir dieses Zeug!“, fuhr Gibbli ihn an.
Steven lachte. „Langsam wirst du zu einem richtigen Oca. Das gefällt mir. Ich beschaffe dir, was du willst. Nachdem du meine Aufgabe ausgeführt hast.“
„Ich will nicht-“
Doch Steven sprach einfach weiter: „Um das alles zu bekommen, müssen wir hier sowieso raus. Also warum nicht die beiden Dinge miteinander verbinden?“
„Was meinst du?“, fragte sie mit hoher Stimme. Raus aus ihrer sicheren Etage hier oben? Doch nicht etwa zu den Soldaten hinunter?
„Beantworte mir eine Frage, Mädchen. Denkst du, es funktioniert, die Meermenschen auf unsere Seite zu ziehen? Alle Arten zu vereinen? Was hältst du von Skys Plan?“
Da brauchte Gibbli nicht lange nachdenken. Er hatte sie alle von einem fremden Planeten zurückgeholt und dafür sein Leben riskiert. Wenn Sky der Ansicht war, dass es klappte, dann konnte er es auch schaffen. Und selbst wenn nicht, Sky war der Kapitän, sie mussten alles versuchen, um seine Pläne in die Tat umzusetzen.
„Er ist Mist“, sagte eine Stimme hinter Gibbli, bevor sie antworten konnte. Samantha trat an die beiden heran. „Seine Absichten in allen Ehren, aber ich kenne die Tiefseemenschen. Nox mag anders sein, aber genau aus diesem Grund haben die Tiefseemenschen ihn verstoßen und sie werden sich niemals mit den Landmenschen einigen. Ebenso wenig wie die Hochseemenschen.“ Sie funkelte Steven böse an. „Und dich mag ich nicht, du hast mich entführt! Lass Gibbli in Ruhe!“
Der Oceaner grinste. „Ich will meinem Mädchen doch nichts Schlimmes, im Gegenteil. Ich helfe ihr.“
Samantha blickte ihn zweifelnd an. „Ach. Und wobei?“
Gibbli nahm einen tiefen Atemzug. Sie wollte Samantha nicht in die Sache mit hineinziehen. Am Ende zwang er sie noch, dieses idiotische Spiel mitzumachen.
„Was willst du?“, fragte sie zähneknirschend, bevor Steven Samantha antworten konnte.
Der Oceaner wandte sich ihr wieder zu. „Ich will, dass du mich begleitest.“
Gibbli steckte ihr EAG in ihre Tasche zurück. „Wohin?“
„Zunächst auf die Mara.“
„Die Mara liegt in einem Hangar der Meeresakademie. Sie wurde von Jack konfisziert.“
„Ganz recht. Und ich brauche die Mara für … eine Sache. Wir werden sie also stehlen. Und du hilfst mir dabei.“
„Ich komme mit!“, rief Samantha begeistert dazwischen. „Nox hat mir von dem U-Boot erzählt, ich will es sehen!“
Gibbli blickte sie überrascht an, als Samantha sofort anfing, einige Dinge aufzusammeln, die sie mitnehmen wollte. Wie konnte sie ihre Meinung über Steven so schnell ändern?
„Das wird Sky nicht gefallen“, murmelte Gibbli an Steven gewandt. Er wäre sicher enttäuscht von ihr. Die Mara damals zu bergen war schon grenzwertig gewesen, aber es verstieß ganz sicher gegen das Gesetz, das U-Boot jetzt zu kapern. Sie wusste, was Sky von Verbrechen hielt, besonders vom Stehlen fremden Eigentums.
„Lass den Kapitän Kapitän spielen. Wenn er zurück ist, sind wir längst da draußen.“
„Jack wird sie bestimmt bewachen lassen“, wandte Gibbli ein.
„Und du denkst, ich komme mit diesen Witzfiguren nicht klar? Deine blonde Menschenfreundin begleitet uns auch.“
„Ich-„, setzte Gibbli an, doch er sprach schnell weiter.
„Und dieser Menschenführer hat die meisten seiner Soldatchen am Fuße der Stadt positioniert. Dort oben gibt es nicht mehr viele, die meine Mara bewachen könnten.“
„Ich komme-“
„Einige Dinge, die ich dir besorgen soll, von dieser Liste, warten direkt auf der Mara.“
„Ich komme ja-“
„Und es ist deine Aufgabe. Du musst sie annehmen oder die Konsequenzen über dich ergehen lassen. Und ich versichere dir, dieses Mal wirst du mehr als Schmerzen verspüren. Die Sache mit dem Lötkolben war absolut nichts dagegen!“
„Jetzt halt endlich die Klappe!“, schrie sie ihn an. „Ich komme ja mit, okay?“
„Okay.“
„Ich bin bereit“, sagte Samantha neben ihnen. Sie trug eine Decke, in die sie verschiedene Dinge eingewickelt hatte.
Steven grinste zufrieden.
 
„Warum ausgerechnet die Mara?“, fragte Samantha. Sie schlichen durch die Gänge der Stadt, um den Steg zu erreichen, der sich fünf Stockwerke unter ihrem Lagerplatz befand.
„Sie ist wichtig. Das ist sie“, sagte Steven und beugte sich vorsichtig um die nächste Ecke. „Die Mara ist ein ganz besonderes U-Boot. Oh ja. Und ich muss es wissen, ich habe sie-“
„Du hast sie nicht gebaut“, unterbrach ihn Gibbli leise. „Du hast keine Ahnung, wie man etwas baut.“
„Ich besitze durchaus Kenntnisse davon!“, erwiderte er mit beleidigter Miene. „Na schön, Rod hat sie gebaut. Aber ich habe sie entwickelt. Ich sagte Rod, was er zu bauen hatte. Ich habe die Konstruktionspläne erstellt. Die Physik, all die Technologien dahinter ausgearbeitet. Eine perfekte Mischung technischer Errungenschaften verschiedenster Völker. Von allen das Beste. Und dazu meine eigenen, genialen Erfindungen.“
Er bedeutete Samantha, einen breiten Hauptweg zu durchqueren und voraus zu rennen.
„Wieso ich?“, fragte sie.
„Weil ich ein Genie bin. Ich bin schlau, oh ja.“
„Was soll daran schlau sein, wenn du den Weg besser kennst als wir?“, fragte Samantha wieder.
„Damit ich nicht rückwärts laufen muss. Da sähe ich doch dämlich aus und ich sehe immer gut aus, merkt euch das.“ Nachdem ihn die beiden verständnislos ansahen, fügte er hinzu: „So habe ich euch im Blick und kann eingreifen, falls Soldaten auftauchen.“
Samantha zuckte mit den Schultern und schlich um die Ecke in den Hauptweg hinein.
„Nicht in diesen, nicht diesen“, murmelte Steven vor sich hin. „Nicht in- und sie ist in den falschen Gang.“ Samantha auf der gegenüberliegenden Seite drehte sich zu ihnen um. Steven fuchtelte wild mit den Armen, um ihr zu deuten, sie sollte noch einen Quergang weiter schleichen.
Angespannt fuhr Gibbli über die Rillen im Metall. Ihre Finger folgten den eingravierten Schriftzeichen, die sich überall winzig klein über die goldenen Wände erstreckten. „Ich verstehe den Aufbau dieser Stadt nicht. Warum habt ihr nicht einfach alles in die Felsen geschlagen?“, fragte sie leise und beobachtete Samantha, die jetzt wieder aus dem Gang heraus schlich, zurück in den Hauptweg. „Warum dieser Aufwand? Dieser riesige Hohlraum und die Kegelform?“
„Oca sind sehr auf Ästhetik und Materielles bedacht.“ Auch Stevens Blick folgte Samantha, während er sprach. „Im Gegensatz zu den Mog ist ihnen ihr Auftreten unglaublich wichtig. Und wie du siehst, habe ich mich hervorragend daran angepasst. Ich sehe perfekt aus, oder?“
Gibbli rollte mit den Augen und wollte sich gerade ein passendes Schimpfwort für ihn überlegen, als zwei Soldaten aus einem anderen Seitengang in den langen Hauptweg einbogen. Erschrocken blickte Gibbli zu Samantha, doch die schaffte es gerade noch zwischen zwei Gebäuden zu verschwinden.
„Da haben wir das Desaster!“, regte sich Steven leise auf. „Das kommt davon, dass der Kapitän uns zu braven Jungs erziehen will. Jetzt trauen sie sich schon wieder hier hoch. Der Tiefseemensch sollte unbedingt wieder anfangen, sie zu fressen, wenn er zurückkommt.“
„Wenn wir die Mara erreichen, was hast du dann vor?“, flüsterte Gibbli und blickte misstrauisch zurück, während Steven die Soldaten im Gang vor ihnen beobachtete.
„Stell keine Fragen, die ich nicht beantworten möchte und ich erzähle anderen nicht von Dingen, die du sie nicht wissen lassen willst“, antwortete er konzentriert.
Gibbli dachte niedergeschlagen an Stevens Namen auf ihrem Rücken. „Ich hasse dich“, flüsterte sie.
„Ich bin mir sicher, du liebst mich, mein Mädchen. Jeder liebt mich. Sie sind vorbei. Los, jetzt du.“ Der Oceaner winkte mit der Hand in Richtung des Weges hinein.
Gibbli warf ihm einen giftigen Blick zu, dann rannte sie los. Nervös blickte sie sich um und wurde dabei immer schneller. Heftig atmend erreichte sie den ersten Seitengang und rannte weiter zum nächsten, in dem Samantha wartete. Sie schlitterte vorbei an einer Maschine mit einer Konsole. Orange Kontrolllämpchen leuchteten auf und zeigten irgendetwas an, was sie nicht lesen konnte. Eine Schnalle ihrer linken Tasche um ihren Oberschenkel verhedderte sich an einem abstehenden Hebel der Maschine. Quietschend rückte der Hebel ein Stück nach unten. Gibbli wollte sich festhalten und abbremsen. Sie stolperte. Währenddessen rutschte auch noch ein Schraubenzieher aus ihrer Werkzeugtasche! Er flog durch die Luft und prallte mit klirrendem Geräusch direkt vor ihr Gesicht. Noch bevor Gibbli aufstehen konnte, hörte sie Stiefel auf Metall in schneller Folge aufschlagen.
„Pack sie!“, schrie einer der Soldaten.
Steven stand plötzlich hinter einem und hielt ihn fest.
„Nicht!“, schrie Gibbli.
Bevor irgendjemand etwas tun konnte, nahm der Oceaner mit nur einer Hand den Kopf des Soldaten und schlug ihn mit einem fürchterlichen Geräusch gegen die Wand. Gibbli lief es eiskalt den Rücken hinab. Dem Knacken nach zu urteilen, hatte er den Schädel zertrümmert. Einfach so, als würde der Soldat nichts wiegen! Ein Teil seiner blutigen Hirnmasse klebte an der Gebäudemauer und rann zwischen den oceanischen Schriftzeichen hinab. Der andere Teil lag verstreut am Boden beim Rest seines Körpers. Rote Sprenkel bedeckten Stevens Oberkörper. Verdammt, so sah es also aus, wenn der Oceaner tatsächlich jemanden verletzen wollte. Er hatte sich bei ihnen allen wirklich zurückgehalten.
„Wäh, abscheulich, fremdes Blut.“ Angewidert blickte Steven an sich hinab.
„Passt auf!“, rief Samantha von Weitem.
Gibbli warf sich herum und erblickte den anderen Soldaten. Sie kroch rückwärts und stieß gegen eine Mauer aus goldenem Metall. Der Soldat streckte seine Hände nach ihr aus. Noch ein winziges Stück und er würde sie berühren! Irgendwo blitzte es silbern auf. Ein leises Zischen schoss durch die Luft. Kurz bevor der Mann sie erreichte, erstarrte er. Im nächsten Moment fiel er direkt vor ihre Füße. Hastig zog sich Gibbli auf die Beine. Aus seinem Rücken ragte der Griff eines Messers. Völlig außer Atem vor Schreck, hob sie ihren Kopf. Abyss kam auf sie zugestapft und in aller Ruhe zog er sein Messer aus der Leiche.
Wild mit den Händen fuchtelnd, trat Steven näher. „Das ist deine Schuld, Mädchen! Wenn du nicht so ungeschickt wärst, hätten sie uns nicht gesehen! Und du beschränkter Mensch!“, fuhr er Abyss an, der seelenruhig daneben stand. „Ich hätte den zweiten lebend gebraucht! Jetzt muss ich noch einen finden! Eine tote Hand nützt mir doch nichts!“
„Verschon mich mit deinen kranken Experimenten“, murmelte Abyss, ohne ihn anzublicken.
Gibbli schluckte. Wenn er wüsste, wofür sie die Hand verwendet hätte … Doch auch sie hatte nicht erwartet, dass Steven so schnell vorgehen würde mit seiner Aufgabe und schon gar nicht, wenn sie dabei war.
Der Oceaner sprach weiter auf ihn ein. „Ich wollte den Rest von diesem Menschlein verschließen und entkommen lassen! Er sollte die anderen warnen, damit nicht noch mehr von ihnen hier auftauchen!“
Abyss ignorierte den Oceaner und wischte das Blut auf der Klinge an der Kleidung des Soldaten ab. „Du enttäuscht mich“, sagte er leise.
Gibbli fühlte, wie etwas in ihr zerbrach, als seine grauen Augen sie dabei traurig musterten. Sie öffnete den Mund, wusste aber nicht, was sie sagen sollte. Ihr Kopf schien wie leer gefegt, als hätte jemand ihr Gehirn durch einen Wasserentsalzer laufen lassen. Sie hatte ihn enttäuscht?
„Wie kannst du es wagen, mich einfach zu ignorieren? Ich spreche mit dir, Mensch!“, rief Steven theatralisch und drängte sich zwischen Gibbli und Abyss.
„Wie könnt ihr es wagen, ohne mich hier runter zu geh’n!“, fuhr Abyss ihn an.
„Du warst nicht da“, sagte Gibbli, in der Hoffnung, dass es wie eine Entschuldigung klang.
„Ja genau, du warst nicht da!“, wiederholte Steven und Gibbli hätte am liebsten eine Faust in ihn gerammt. In Anbetracht des halb zermatschten Kopfes neben seinen Füßen ließ sie es lieber bleiben. Sie nahm sich vor, ab sofort noch mehr Abstand zu ihm zu halten.
„Vielleicht wollte ich allein sein, um deine bescheuerte Fresse nicht mehr ertragen zu müssen“, fauchte Abyss ihn an.
„Dann darfst du dich aber auch nicht beschweren, dass wir dich nicht mitnehmen!“, sagte Samantha unerwartet und blickte angewidert auf die beiden Soldaten am Boden.
Gibbli fühlte sich elend. Abyss hatte schon wieder gemordet. Das durfte nie wieder passieren! Es ging ihr weniger um die toten Männer. Mehr darum, dass es ihre Schuld war, dass die beiden Soldaten sie erwischt hatten. Gibbli musste sich ändern. Sie würde nie wieder so tollpatschig sein. Hätte sie nur mehr von diesen dummen Sportkursen besucht!
„Ich hörte euch reden“, sagte Abyss leise und fixierte dabei Gibbli mit einem Gesichtsausdruck, den sie nicht zu deuten vermochte.
Sofort beschleunigte sich ihr Herzschlag. Was hatte er mitbekommen? Wusste er von dem Spiel? Sie versuchte sich daran zu erinnern, über was genau sie mit dem Oceaner gesprochen hatte. Abyss hasste doch Geheimnisse.
Steven schnaubte genervt. „Oh Wahnsinn Mensch, du besitzt Ohren, ich bin ja so stolz auf dich! So unglaublich stolz! Und jetzt? Willst du sie mir ausreißen? Willst du, dass ich einen Kopfstand für dich mache? Ich kann das gut, ja, das kann ich.“
„Zwei Worte Goldie, Mara und stehlen.“ Während er sprach, ließ er Gibbli nicht aus den Augen.
Stevens Miene änderte sich schlagartig und er musterte Abyss berechnend. „Sprich weiter, Mensch.“
„Ihr habt Sky nichts von eurem Vorhaben erzählt.“
„Die Frage ist nicht, was der Kapitän darüber denkt. Was denkst du darüber, mein Freund?“, fragte der Oceaner.
„Ich denke, ich würde dir am liebsten ein Auge rausreißen und drauf treten. Würde sich gut neben dem halben Gehirn dort machen.“
Steven grinste und sagte dann theatralisch: „Das wäre nicht nett, nein. Ich denke, jemand sollte dir Manieren beibringen. Ich könnte machen, dass du ihm Gesellschaft leistest, ja das-“
„Steven, die Mara! Wir stehlen die Mara“, zischte Gibbli verzweifelt.
Ihr war klar geworden, wenn der Oceaner wollte, konnte er sie alle jederzeit umbringen. So kindlich er sich verhielt, wenn man ihn zum Feind hatte, gab es nichts, was ihn aufhalten konnte. Steven musterte sie überrascht. Dann nickte er strahlend und betrat den Gang, der zum Steg in den Felsen hineinführte. Düster und etwas erleichtert starrte sie ihm nach. Gut, dachte Gibbli, ein Problem erledigt. Sie hatte es satt, dass die beiden ständig stritten und dieser Blick von Abyss brachte sie fast um den Verstand. Sie wollte das doch nicht! Dachte er, das tat sie mit Absicht? Ihre Angst wandelte sich plötzlich in Wut. Angriffslustig wandte sie sich Abyss zu. Sie hatte es auch satt, sich ständig zu fragen, was er von ihr dachte. Warum sah er sie seit kurzem nur immer so vorwurfsvoll an? Diese neue Art an ihm ließ sie immer wieder darüber nachdenken, was sie tun konnte, um ihn glücklich zu machen. Aber falls er von dem Spiel wusste, dann war es jetzt ohnehin egal. Er würde sie hassen. Und falls nicht, nun, dann hasste er sie auch, weil sie ohne ihn gegangen war.
„Was ist? Kommst du mit oder nicht?“, fragte Gibbli und ihre Stimme hörte sich aggressiver an, als sie es beabsichtigt hatte.
Abyss öffnete verdutzt den Mund und verharrte für einen Moment. Sein bohrender Blick ließ sie erschaudern. Sie war zu weit gegangen, sicher würde er sie gleich angreifen! Doch Gibbli irrte sich.
„Mit dir würde ich überall hingehen“, sagte er leise.
Er wandte sich von ihr ab, rauschte an Samantha vorbei und folgte Steven. Samantha zuckte mit den Schultern und ging hinter ihnen her. Etwas baff lauschte Gibbli den Schritten der drei. Dann beeilte sie sich, die junge Frau einzuholen.
„Verrätst du mir, wie du es schaffst, dass sie tun, was du sagst?“, murmelte Samantha ihr zu.
„Ich hab keine Ahnung“, flüsterte Gibbli zitternd und fragte sich, was hier soeben passiert war. Mit einem Kribbeln im Bauch hallten Abyss‘ Worte in ihrem Kopf wieder: Mit dir würde ich überall hingehen.
 
Gibblis Kopf dröhnte, als sie aufwachte. Es kam ihr so vor, als seien sie eben erst in die Rettungskapsel gestiegen. Ein Rauschen drang in ihre Kugel. Sie schnallte sich vom Sitz ab und blickte sich um. Samantha hing bewegungslos im zweiten Sitz. Sie schien noch bewusstlos zu sein von der abrupten Druckveränderung, sonst jedoch keinen Schaden erlitten zu haben. Sie atmete normal und Gibblis EAG zeigte keine auffälligen Werte. Gibbli schlug auf den Öffnungsmechanismus und die runde Kugel, in der sie sich befanden, teilte sich entzwei. Das Rauschen wurde lauter. Gibbli kam es vor, als würde sie in eine andere Atmosphäre eintauchen. Ein dichter, gelblicher Schleier lag in der Luft. In der Ferne konnte sie blasse Äste erkennen, als lösten sie sich auf. Gibbli dachte erst, ihre Augen wären kaputt, dann erinnerte sie sich daran, dass es sich um so etwas wie Nebel handeln musste. Sie hatte davon im Unterricht gehört, jedoch soetwas noch nie selbst erlebt. Gibbli taumelte nach draußen. Sofort versanken ihre Stiefel in matschigem Sand. Überall erstreckten sich lange Schlingen und Äste von verdorrten Bäumen in alle Richtungen. Soweit die eingeschränkte Sicht es erlaubte, konnte sie nichts Lebendes entdecken. Die Pflanzen hatten jegliche Art von Blättern verloren. Keine Blüten, keine Tiere, gar nichts. Nur braune Überreste von was auch immer und schlammiger Boden unter ihren Füßen. Die Luft war feucht. Gibbli hätte erwartet, dass es nach Salz roch, wie in Räumen mit kaputten Filteranlagen, doch hier oben stank alles nach Schwefel. Ein paar Meter weiter erblickte sie Stevens Umrisse. Er kniete vor einer großen Gestalt. Offensichtlich hatte er Abyss aus seinem Sitz gezogen. Sie stutzte. War da ein Riss in der anderen Kugel? Irgendwie wirkte sie verformt.
Steven schien sie zu bemerken und blickte auf. „Bei uns ist Wasser eingedrungen. Die Rettungskapsel war nicht mehr intakt. Keine Sorge Mädchen, mir geht es blendend.“
Erschrocken kämpfte sich Gibbli durch den Matsch zu ihnen durch, vorbei an Wurzeln, an denen sie immer wieder mit der Kleidung hängen blieb. Fast wäre sie ausgerutscht. Ihre Hände schlangen sich um ein Stück rostigen Metalls, das aus dem Boden ragte. Gibbli kletterte über ein mit Gummi beschichtetes Rad. Dunkel glaubte sie sich an irgendein Fortbewegungsmittel der Landmenschen über dem Wasser zu erinnern. Sie hatte von diesen vierrädrigen Kästen gehört, irgendwann in einem der Geschichtskurse. Ein paar Schritte vor den beiden blieb Gibbli stehen. Steven nahm angeekelt ein lebloses Handgelenk zwischen zwei seiner Finger und hob es an. Ein paar Tropfen rannen über Abyss‘ blasse Haut.
„Pfff, Menschen.“ Der Oceaner ließ seine Hand wieder los. Brauner Dreck spritze über Abyss‘ Arm, als dieser am Boden auftraf. „Halten nichts aus. Die kleinste Druckveränderung macht ihnen zu schaffen.“
Gibbli hatte das Gefühl zu fallen, als sie Abyss‘ schlammbespritztes Gesicht betrachtete. Ihr blieb der Atem weg. „Ist er …“, sie wagte nicht weiterzusprechen. Warum war er nicht zu ihr in die Kapsel gestiegen? Sie hätte ihn nicht so anfahren sollen. Aber er schien sich wieder beruhigt gehabt zu haben. Es war ihre Schuld! Wäre er nicht wütend auf sie gewesen und wäre mit ihr geflogen statt mit Steven, würde jetzt Samantha dort liegen.
„Nein, leider nicht. Zu meinem Bedauern wird er wohl schon bald erwachen und meine Ohren mit unhöflichen Worten verschmutzen.“
Erleichtert atmete Gibbli auf. Er lebte.
Steven stand auf und blickte sich um. „Als wäre hier nicht schon genug Dreck. Eklige Pampe! Irgendetwas ist hier passiert.“
Gibbli öffnete entsetzt ihren Mund und wich vor ihm zurück. Eine eisige Kälte ging von dem Oceaner aus. Sie spürte ihn wieder! Steven hatte wieder Macht über ihre Emotionen! War er sich dessen bewusst? Was immer daran schuld war, dass in Ocea nichts mehr funktionierte, besaß hier über dem Meer keinen Einfluss. Schnell trat sie weitere Schritte zurück und beobachtete Steven, der über einen Baumstamm kletterte und scheinbar nach etwas suchte.
Plötzlich wehten ihre Haare beiseite, wie vom Zug eines Belüftungssystems. Sie drehte sich herum, um die Ursache zu finden, und reckte ihren Kopf in den dunklen Himmel empor. Wahnsinn, wie hoch war dieser Raum hier eigentlich? Die Oberseite schien irgendwo in einem grauen Nichts zu enden.
„Was ist das? Diese Luftmaschine? Wo … steht sie?“, fragte Gibbli unsicher, als ein weiterer Luftzug ihr Gesicht streifte.
„Wind“, murmelte Steven und wühlte im Schlamm herum.
Gibbli schloss die Augen und atmet die stinkende Luft ein. Auch wenn es hier nicht gut roch, es kam ihr vor, als würde ihr jemand die Luft geradezu entgegen werfen. Mitten ins Gesicht, durch ihre Nase, in die Lunge hinein. Wie ein wundervolles Geschenk.
„Ich mag Wind“, flüsterte sie.
Fasziniert betrachtete Gibbli die Umgebung. Sie mochte den großen Hohlraum, in dem die Stadt Ocea errichtet worden war. Doch das hier war unglaublich! Ihr war nicht klar gewesen, wie viel Luft es auf diesem Planeten gab. Sie hatte zwar über den schier unendlichen Raum über dem Wasser gelesen und in ihrem Geologiekurs Bilder von der Oberfläche studiert, doch diese gaben nicht im Entferntesten wieder, wie weit sich hier alles erstreckte. Es war ihr immer eher wie ein Traum aus einer anderen Welt vorgekommen. Erst jetzt realisierte sie, dass das hier alles echt war!
„Hier ist es!“, rief Steven. „Ah ja. Das hab ich gut gemacht.“
Im nächsten Moment spürte sie, wir ihr der Boden unter den Füßen weggezogen wurde. Gibbli krallte sich gerade noch an einer Wurzel fest, als alles plötzlich absackte. Unter ihr hatte sich eine Öffnung gebildet! Sie versuchte, sich am Rand des Loches nach oben zu ziehen. Aber alles war so glatt und Gibbli rutschte ab. Sie fiel! Keine Sekunde später wurde sie von zwei sehnigen Händen gepackt. Sie starrte direkt in seine goldenen Augen, als er sie hochzog. In diesem Moment wurde ihr klar, dass er es spürte. Sein gemeines Grinsen bestätigte ihr, dass er wusste, dass seine Macht zurückgekehrt war. Zu ihrem Erstaunen wandte sich der Oceaner ab.
„Komm schon Mädchen, das musst du dir ansehen!“ Steven schwang sich über den Rand der Öffnung im Boden und begann hinein zu klettern.
Gibbli erkannte, dass an der Seite kleine Metallgriffe befestigt waren. Unsicher zog sie ihr EAG hervor und leuchtete nach unten. Es ging nicht weit hinab. Der Oceaner hatte schon den Boden erreicht. Sie warf einen kurzen Blick zu Abyss, der noch immer bewegungslos im Schlamm lag. In ihrem Kopf tauchten seine traurigen Augen auf, sein vorwurfsvoller Blick, den er sicher wieder aufsetzen würde, sobald er aufwachte. Dann siegte ihre Neugierde und sie folgte Steven.
Wie konnte man Klettern nicht hassen? Vorsichtig suchte Gibbli die Wand nach den Griffen ab. Die Oberfläche war nass und rutschig. Kleine Pilze wuchsen an den Rändern und bedeckten teilweise das Metall. Kurz vor dem Ende rutschte sie ab und stieß mit dem Ellbogen gegen einen der Griffe. Sie landete mitten auf dem Bauch. Gibbli keuchte auf, während sie sich aufrappelte und rieb sich den Arm. Das würde eine schöne Beule geben! Unter ihr zog sich eine Art Gitter den Gang entlang, zum Teil von Erde und Sand bedeckt. Zitternd stand sie auf und leuchtete mit ihrem EAG in die feuchte Höhle hinein. Dort am Ende stand Steven und drückte einen Hebel nach unten. Um sie herum leuchtete Licht auf. Eine Maschine schien hochzufahren. Gibbli trat weiter ins Innere des kleinen Raumes. Durch die Decke drangen Tropfen und hinterließen feuchte Rinnsale an den metallenen Wänden. Links und rechts von ihnen ging es weiter hinab. Diese beiden Vertiefungen waren gefüllt mit dreckigem Wasser. Gibbli blickte nach oben. Aus den zwei braunen Seen ragte jeweils eine dicke Eisenstange, die an der Decke entlang, wie eine Art Schiene über ihren Kopf hinweg führte und sich in der Mitte des Weges traf. Sie trat unter der Schiene hindurch auf Steven zu, der auf der anderen Seite vor einer Konsole stand. Er schlug auf eine Schaltung ein und Funken stoben daraus hervor.
Sie duckte sich und ging näher heran. „Das ist nicht das, was ich denke, was es ist“, flüsterte Gibbli.
„Zu wenig Energie“, stellte der Oceaner fest und betätigte mehrmals einen Hebel. Nichts passierte.
„Eine alte Meeresgondel!“
„Nur, wenn du es schaffst, ihr Leben einzuhauchen, Mädchen. Wenn nicht, ist das hier nichts weiter als antiker Schrott“, sagte Steven.
Noch während er sprach, öffnete Gibbli die Konsole.
„Ich krieg sie ganz sicher wieder hin“, murmelte sie in Gedanken versunken. Eine willkommene Ablenkung vom Oceaner. Er schien mehr Interesse daran zu haben die Mara zu erreichen, als mit Gibbli zu spielen. Das war gut. Sie kontrollierte die Drähte, die dahinter verlegt waren. „Wahnsinn, das sind richtig alte Kabel!“
Steven strahlte sie an. „Ich wusste, dass dir das hier gefallen wird!“
Ohne auf ihn zu achten, suchte Gibbli in ihren durchweichten Taschen nach den isolierenden Handschuhen.
„Hey! Goldklumpen! Wo ist dieses Inselparadies, von dem du uns vorgeschwärmt hast?“
Stevens begeisterter Gesichtsausdruck erlosch, als hätte man ihn wie eine Kerze ausgepustet. „Ich hätte ihn wenden sollen. Vielleicht wäre er dann mit dem Kopf nach unten im Sand erstickt.“
Er drehte sich mit verächtlicher Miene herum. Ein wenig erinnerte seine Bewegung dabei an einen Tänzer mit arrogant erhobenen Armen. Abyss stapfte näher heran. Dann schüttelte er den Kopf wie ein Hund. Nasser Schlamm spritzte durch den Raum von seinen Haaren und landete auf Stevens Gesicht. Der Oceaner wischte ihn mit einem missbilligenden Laut von den goldenen Wangen.
„Ich mag diese Dinger nicht“, sagte Abyss leise, während er misstrauisch die Schiene betrachtete, die sich direkt über seinem Kopf an der Decke entlang erstreckte.
Gibbli erinnerte sich an die Geschichte, die er ihr damals im Gefängnis der Akademie erzählt hatte, wie er seine Eltern verlor, seine ganze Umgebung, sein zu Hause mit allem, was er je besessen hatte. Und jetzt waren die Vulkane erneut ausgebrochen, dachte sie. Es würde Wochen dauern, bis sich der Staub legte. Wenn er sich überhaupt wieder legte. Schade, denn sie hätte gerne die Sonne gesehen.
Steven funkelte Abyss böse an. „Die Welt hat sich verändert, Mensch. Ihr könnt die Asche in der Luft riechen.“
„Abyss, ich brauche einen deiner EAGs“, sagte Gibbli, bevor die beiden wieder anfingen zu streiten. Sie erinnerte sich daran, dass er auch eines vom Mönch besaß. „Wir können die Kristalle darin benutzen, um die Energie der Konsole aufzuladen.“
Abyss zog ihn wortlos hervor und zögerte einen Moment.
„Die Daten gehen nicht verloren. Auf der Mara kann ich neue Kristalle einbauen, wenn du möchtest“, sagte sie.
„Nein, schon gut.“ Abyss gab ihn ihr.
Schweigend sahen die beiden Männer zu, wie Gibbli das EAG zerlegte und die kleinen Steinchen heraus zog. Sie leuchteten halbdurchsichtig in einer hellblauen Farbe. Man musste aufpassen, dass man sich nicht an ihnen schnitt. Vorsichtig legte Gibbli die scharfkantigen Kristalle neben die Abdeckung der Konsole.
„Ich bin mir nicht sicher, ob die Kristalle dafür ausreichen“, sagte sie mehr zu sich selbst als zu den anderen.
Abyss nahm einen und drehte ihn nachdenklich zwischen den Fingern. „Ich hab so ein Ding. Etwas größer, aber“, er suchte in seinem Mantel und zog dann einen dicken, blauen Kristall hervor, „sieht fast genauso aus.“
Gibbli machte große Augen. Der Stein, den ihr Abyss mürrisch entgegenhielt, hatte fast die Ausmaße ihre eigene Faust! „Woher hast du … weißt du, was der Wert ist?“
„Ich nehme an viel“, sagte er emotionslos. „Weißt du, vor einigen Jahren, war da eine Frau mit langen Locken. Hm, etwas dunkler als deine. Sie trug diese seltsame neue Mode. Diese kurzen Kleider mit den winzigen Mustern.“ Gibblis Begeisterung über den Kristall erstarb, als Abyss sie prüfend musterte. „Diese gewisse Lady schien davon auszugehen, damit ein Vermögen zu machen. Glücklicherweise konnte ich sie davon überzeugen, ihn mir zu schenken.“
„Wie nett. Und weiß sie davon, dass sie ihn dir schenkte?“, fragte Steven interessiert.
Abyss grinste wortlos. Gibbli nahm genervt einen tiefen Atemzug. Sie hielt ihr EAG über seine Hand mit dem Kristall, um die Aufladung zu überprüfen. Diese Energie würde ganz sicher ausreichen.
Während sie weiter arbeitete, sagte Steven provozierend: „Hast du sie bestochen? Erstochen? Liegt deine Lady jetzt unter der Erde? Wie hast du sie umgebracht?“
Gibbli versuchte, ihn zu ignorieren. Konnte der Oceaner nicht still sein? Seine Lady … als würde jede Frau Abyss gehören.
Abyss antwortete mit unschuldigen Augen: „Wie willst du verrecken, mein Freund?“
„Zeig es mir, Mensch.“
„Hm. Nein, ich befürchte, so etwas mache ich nicht … mit Männern. Oder Individuen, die … deinen Namen tragen.“
Gibbli hatte sich gerade an den spitzen Drähten zur Energieversorgung zu schaffen gemacht und stach sich dabei fast in ihre Finger. Verdammt, wusste er es? Sie nahm einen tiefen Atemzug, um sich nichts anmerken zu lassen. Vorsichtig verband sie die Drähte mit den kleinen Steinchen aus dem EAG des Mönchs.
„Was du vor ihrem Tod mit ihr gemacht hast, kümmert mich nicht. Ich studiere den Tod. Er interessiert mich. Also, wie? Sag es mir“, verlangte der Oceaner wieder.
„Nun, ich bin ein charmanter Kerl, mit sehr überzeugenden Muskeln … ich meine Worten. Netten Typen wie mir überlässt man so was doch gerne freiwillig.“ Abyss lehnte sich an die Konsole, während Gibbli ihm grob den Kristall aus den Händen riss. „Sei vorsichtig. Das ist ein gefährlicher Gegenstand, könnte jederzeit explodieren, dafür braucht man starke Hände.“
Gibbli warf ihm einen giftigen Blick zu. „Energiekristalle sind so gefährlich wie ein flauschig weiches Kissen.“
„Das wusste meine Lady aber nicht. Und ja, flauschig weiche Kissen hatte sie einige in ihrem Schlafzimmer.“
Gibbli schluckte, doch an dem Kloß in ihrem Hals änderte das nichts. Sie griff nach dem Lötkolben und versuchte, sich auf die Kabel vor ihr zu konzentrieren.
„Danke für den Kristall Abyss, nichts zu danken Gibbli, hab ich doch gern gemacht“, murmelte er sarkastisch. Dann fügte er kalt hinzu: „Mit Kissen kann man gut Leute ersticken.“
„Erstickt also. Nett.“ Mischte sich Steven lachend wieder ein.
„Dämlicher Goldklumpen. Ich sagte, kann. Man muss die Opfer nicht immer abkratzen lassen, um zu bekommen, was man will“, gab Abyss zurück. „Sie hat mir höflich für ihre Rettung gedankt und mir neben diesem hochexplosiven blauen Teil da sogar noch ein Essen spendiert.“
„Lecker. Und du bist natürlich hungrig über sie hergefallen, Mensch.“
Gibbli verbrannte sich die Finger am geschmolzenen Lot. Sie keuchte auf, atmete tief durch und schloss die Augen. Kurz hatte sie das Gefühl, Abyss‘ alarmierten Blick auf sich zu spüren. Doch sie wagte es nicht den Kopf zu heben und setzte die heiße Spitze wieder an. Warum konnten die beiden nicht draußen weiter reden? Sie wollte nicht hören, was er mit irgendwelchen Frauen gemacht hatte.
„Das habe ich nie behauptet“, sagte Abyss leise. „Diese unterbelichtete Fratze war froh, ihn an einen heldenhaften Bombenentschärfer der Eliteflotte abgeben zu dürfen.“
„Du. Ein Held“, wiederholte Steven abfällig. Er schüttelte den Kopf und beugte sich zu Gibbli hinab, um einen heraushängenden Draht zu begutachten.
„Ja. Ich, du hirnverbranntes-“
„Hört auf!“, rief Gibbli gereizt. Sie schubste Steven beiseite, weil er ihr im Weg stand.
Abyss verschränkte knurrend die Arme.
„Wenn du ein Held bist, dann bin ich ein … Schöpflöffel! Verstehst du? Wahahaha, ja genau, Steven ist ein Schöpflöffel!“, rief der Oceaner und seine Stimme überschlug sich, als wollte er ihm unbedingt etwas Bedeutendes erklären.
Abyss öffnete den Mund, schien sich dann aber zu entscheiden, dass dies keiner Entgegnung würdig wäre, und schloss ihn wieder.
„Ich sehe nach dem Menschenmädchen“, murmelte der Oceaner nach einer Weile.
Gibbli kaufte ihm diese Ausrede nicht ab, um zu verschwinden. Doch es war ihr Recht. Nachdem sie ihn weitere Male beiseite geschubst hatte und weder sie noch Abyss auf seine Bemerkungen eingingen, wurde es ihm offenbar zu langweilig. So gut er sich mit theoretischer Physik auskannte, von der praktischen Umsetzung hatte er absolut keine Ahnung. Oder er wollte keine davon haben.
Als Steven die Leiter nach oben kletterte, stieg die Temperatur sofort ein wenig. Gibbli spürte ihn zwar noch dort draußen, aber seine gefrierende Aura nicht mehr in ihrer direkten Nähe zu haben, war eine Erleichterung. Mit was sie nicht gerechnet hatte, war die drückende Stille, die sich zwischen ihr und Abyss in dem höhlenartigen Raum ausbreitete. Er stand direkt hinter ihr auf dem Weg und verfolgte alles, was sie tat. Links und rechts von ihm befanden sich die beiden mit Wasser gefüllten Vertiefungen. Mit einem unbehaglichen Gefühl konzentrierte sich Gibbli wieder auf die Drähte. Diese Frau schlich sich in ihren Kopf. Sie stellte sich vor, wie Abyss sich mit ihr unterhielt und sie um den Finger wickelte. Warum hatte er das nur erzählen müssen? Er hatte das mit Absicht getan, kam es ihr plötzlich in den Sinn. Gibbli hielt in ihrer Arbeit inne.
„Du wolltest meine Reaktion testen“, rutschte es ihr heraus. Sie wagte nicht, sich zu ihm umzudrehen.
Es dauerte etwas, bis er antwortete. „Es scheint mir, du kennst mich mittlerweile zu gut. Ich habe mein ganzes Leben nach jemandem wie dir gesucht.“
Gibbli fühlte sich unwohl bei diesen Worten. Abyss tat nichts ohne Plan. Sky war es, der ihr das gesagt hatte. Der Kapitän kannte ihn. Gibbli hingegen hatte keine Ahnung mehr, wer dieser Kerl hinter ihr eigentlich war. Sie kam sich selbst Abyss gegenüber plötzlich fremder vor. Als stände er jetzt noch weiter weg. Schweigend machte sie sich wieder an die Arbeit. Nach ein paar Minuten brachte sie die Konsole zum Laufen. Der Mechanismus startete und es quietschte kurz. Die Räder neben den Maschinen begannen sich zu drehen. Dann setzte ein leises Surren ein, wie von kleinen Flügelschlägen.
„Es funktioniert“, flüsterte Gibbli.
Abyss trat auf sie zu und betrachtete die Konsole, vor der Gibbli stand. „Wie lange wird es dauern, bis die Gondeln vom Meeresboden hier ankommen?“, fragte er tonlos.
Gibbli erschauderte. Er war undurchschaubar, wenn er so emotionslos sprach. „Vielleicht ein paar Stunden. Aber die Maschine muss erst warm laufen, bevor sie von unten aus starten. Diese Art von Technik wird heute gar nicht mehr gebaut. Es ist ein sehr altes Modell. Ich schätze, es dauert mindestens einen halben Tag.“
Als sie verstummte, spürte sie erneut ein unbehagliches Kribbeln. Sie wurde das Gefühl nicht los, dass er ihr etwas verheimlichte. Es war ihr schon seltsam vorgekommen, dass er mit Steven in die Rettungskapsel gestiegen war, statt mit ihr. Mit seinem größten Feind! Abyss schwieg und starrte noch immer auf die Konsole. Jetzt war es das monotone Surren an den Gondelschienen, das den Raum erfüllte. Hin und wieder vermischte sich das Geräusch mit dem leisen Ploppen von Tropfen, die auf einem der beiden Wasserbecken aufprallten. Gibbli trat einen Schritt zurück. Er bewegte sich nicht.
„Abyss?“, fragte sie nach einer Weile vorsichtig. „Sollen wir oben warten?“
Eigentlich wollte sie nicht zu Steven. Aber Samantha war vielleicht schon aufgewacht. Es war sicher nicht ratsam, sie mit dem Oceaner alleine zu lassen. Niemand sollte mit diesem Monster alleine sein.
„Wenn du meinst. Dann sollten wir das.“ Doch er machte keine Anstalten die Höhle zu verlassen.
Ohne sie anzusehen, öffnete Abyss den Mund und schloss ihn wieder. Offensichtlich dachte er über etwas nach und Gibbli ahnte, dass es sich um etwas handelte, was ihm nicht gefiel, so traurig wie er dreinblickte. Diesen Ausdruck an ihm mochte sie gar nicht. Gibbli wurde den Eindruck nicht los, dass irgendetwas zwischen ihnen stand, seitdem sie heute Morgen aufgewacht waren. Gestern, als sie vom Planeten Oca zurückgekehrt waren, hatte er sich noch nicht so seltsam verhalten.
Plötzlich drehte er sich ihr zu. Ein paar Sekunden schien sein Blick sie zu durchdringen, als würde er erwarten, dass sie etwas tat.
„Abyss …“ Gibbli wusste nicht, was sie sagen sollte.
„Du zitterst“, durchbrach er ihre Gedanken. Es kam Gibbli mehr wie eine nüchterne Feststellung vor, als Besorgnis. „Vielleicht finden wir oben etwas trockenes Feuerholz.“
Er drehte sich um.
„Abyss warte, das ist doch-“
Er hob die Hand ohne sich umzudrehen, wie Sky es manchmal tat, wenn er wollte, dass sie verstummten.
Gibbli hielt inne.
Langsam drehte Abyss sich wieder um. Dann presste er die Lippen aufeinander und zog sie zu einem gezwungenen Lächeln. „Ich hab was für dich.“ Er holte etwas aus einer Tasche seines Mantels. Dann sprach er weiter, ohne sie anzusehen. „Sky hat mir erzählt, heute ist dein Geburtstag.“
Überrascht riss sie die Augen auf. Daran hatte sie gar nicht mehr gedacht! War es wirklich heute? Sie hatte die Tage im Gefängnis der Mog nicht gezählt.
„Hab halb Ocea danach abgesucht. Hier.“ Er streckte die Hand aus und hielt sie ihr entgegen.
Mit offenem Mund nahm Gibbli das kleine Fluggerät.
Abyss beobachtete sie wieder und sagte: „Damit hast du uns aus dem Gefängnis geholt.“
„Ich dachte, ich hätte es verloren“, flüsterte Gibbli. „Steven nahm es mir ab, er hat erzählt-„, sie brach ab, als sich seine Miene verdüsterte.
Sie senkte den Kopf und betrachtete das kugelförmige Gebilde in ihren Händen. Ihr kleines Glühwürmchen. Das zweite hatte der alte Brummer sicher längst zerstört. Kurz überlegte sie, ob sie es fliegen lassen sollte. Aber Gibbli verwarf den Gedanken schnell wieder. Am liebsten hätte sie Abyss von der Kälte erzählt, von dieser Wolke aus drohender Gefahr, die jetzt erneut von dem Oceaner ausging. Doch sie wollte nicht schwach erscheinen und irgendetwas in Abyss‘ traurigen Augen hielt sie davon ab. Seine abwehrende Haltung, wenn nur jemand Stevens Namen erwähnte, zeigte, wie sehr er absolut alles verabscheute, was mit dem Oceaner zu tun hatte. Andererseits redete er inzwischen sogar mit ihm. Doch sicher nur auf Skys Befehl hin. Gibbli erschauderte bei dem Gedanken daran, wie sehr Abyss sie hassen würde, wenn er je erfuhr, dass ausgerechnet sein größter Feind sich auf ihrem Rücken verewigt hatte.
„Danke Abyss, danke dass du es gefunden hast“, sagte er leise.
„Ich-“
„Schon gut. Ist okay.“ Sein Ton verriet Gibbli, dass, worum immer es gerade ging, etwas ganz und gar nicht okay war. „Wenn ich mich nicht mögen würde, wahrscheinlich würd ich’s dann an deiner Stelle auch nicht sagen wollen. Ich falle in meinen eigenen Abgrund, Gibbli. Und vielleicht, komme ich dieses Mal nicht mehr hoch. Also … halte es gut in Erinnerung.“
Bevor sie etwas erwidern konnte, fuhr er herum und ließ sie sprachlos stehen.


Dieser Blog ist werbefrei! Bestimme selbst, was dir meine Programme, Informationen, Geschichten und Tutorials wert sind.
Unterstütze mich, indem du meinen PayPal Account fütterst!
Damit hilfst du, wiederkehrende Serverkosten dieses Blogs abzudecken und Material zum Erstellen zukünftiger Artikel zu finanzieren. Vielen Dank! <3

Kapitel 6: Jacks größte Schwäche (Bis in die tiefsten Abgründe)

Als Abyss und Gibbli hinab stiegen, hörten sie die Stimmen der anderen schon von weitem. Sie hatten es sich mitten am zentralen Platz bequem gemacht. Steven diskutierte mit Sky. Die Umschnalltaschen und die Uniformjacke des Kapitäns lagen neben ihm. Aus den nassen Dreadlocks rannen ab und an ein paar Wassertropfen über seinen nackten Oberkörper. Offensichtlich hatte er sich gewaschen. Nox hockte nahe der Luke, die nach unten führte. Missmutig starrte er auf einen Teller von undefinierbarem Etwas, der vor ihm am Boden stand. Es war wohl weniger das Aussehen, das ihm daran nicht gefiel, sondern mehr die Tatsache, dass es sich nicht bewegte. Zwischen ihnen dampfte auf glühenden Metallbrocken ein großer Behälter vor sich hin. Sie traten näher. Bo lag neben dem Tiefseemenschen auf einer Decke und schlief.
„Sie war kurz wach“, sagte Samantha und reichte Gibbli eine Schüssel. „Hier. Es ist nicht besonders gut. Aber mehr war aus den Dingen, die Djego gebracht hat, nicht zu machen.“
Der Duft von zu lange gekochtem Gemüse trat in Gibblis Nase. Es roch wahnsinnig lecker! Abyss setzte sich mit einer Schüssel neben Sky und lehnte sich an eine der goldenen Maschinen.
„Seid ihr reingekommen?“, fragte Gibbli, als Steven verstummte.
Der Kapitän schüttelte grimmig den Kopf.
Gibbli bemerkte, wie der Oceaner sie mit zusammen gekniffenen Augen musterte. Er schien immer noch schlechte Laune zu haben und Gibbli war sich sicher, dass er ihr bei nächster Gelegenheit eine Aufgabe für dieses kranke Spiel stellen würde. Sie setzte sich möglichst weit weg von ihm, neben Abyss. Misstrauisch beobachtete sie Steven, als er wieder anfing, leise auf Sky einzureden. Sie bewunderte es, wie ruhig der Kapitän mit ihm sprach. Abyss wäre sicher längst ausgerastet. Gibbli lehnte sich an seinen Mantel, den er hinter ihr über eine Maschine geworfen hatte.
„Iss was“, sagte er, als ihre Blicke sich trafen. „Schmeckt gut.“
Ihr fiel auf, dass seine Schüssel schon fast leer war, während sie ihre noch immer voll in Händen hielt. Wieder sah er sie kurz an, wie er es immer tat, ließ sie nie lange aus den Augen. Gibblis Mundwinkel zuckten und eine Wärme stieg in ihr auf. Beruhigt atmete sie den aufsteigenden Geruch des Essens ein. Während sie langsam ein Stück Gemüse kaute, kam ihr ein Gedanke: Auf der Akademie gab es Küchen, in denen mehrmals täglich gekocht wurde und ihre Eltern hatten Bedienstete gehabt, die das erledigten. Gibbli hatte nie richtig auf Nahrung geachtet, es gab immer mehr als genug. Vielleicht sollten sie es sich hier besser einteilen. Die Wärme in ihr ließ plötzlich nach. Sie war sowieso zu dick, kam es ihr in den Sinn. Gibbli stellte die Schüssel neben sich auf den Boden.
„Möchtest du noch etwas?“, fragte Samantha.
Sie schüttelte den Kopf und betrachtete Bo. Ihre Haut schien etwas von dem bläulichen Schimmer verloren zu haben und wirkte jetzt eher matt und gräulich. Das Marahang an Bo’s Brust leuchtete nicht mehr. Beunruhigt suchte Gibbli Abyss‘ Blick. Entweder starrte er sie die ganze Zeit an oder er hatte zufällig denselben Zeitpunkt erwischt. Seine grauen Augen wirkten besorgt und sie fühlte sich ertappt, wobei auch immer. Schnell senkte sie den Kopf wieder. Samantha strich mit einer Hand über Bo’s Stirn. Gibbli fiel ein, dass auch die beiden Geschwister ihre Eltern verloren hatten. Sie erinnerte sich daran, wie stark Samantha geblieben war, als sie mit ansehen musste, wie ein Trümmerstück ihre Mutter getroffen hatte. Wenigstens war ihr Mörder nicht lebendig gewesen. Gibblis Hass auf Jack wuchs. Sie hörte, dass Steven seinen Namen erwähnte, und sah auf.
„Ich bin vorsichtig. Das bin ich immer, ja. Und wenn er mich erwischt, dann töte ich ihn. So einfach. Komm schon, er ist ein Verbrecher, Kapitän!“
„Nicht unbedingt, Steven. Für ihn sind wir die Verbrecher. Wahrscheinlich sind wir das wirklich. Jack hält sich schließlich an die Gesetze“, sagte Sky mit rauer Stimme.
Abyss neben ihr verschluckte sich an seinem Essen und hustete.
Der Kapitän blickte ihn an und schüttelte leicht den Kopf. Dann wandte er sich wieder dem Oceaner zu. „Nun, seine Interpretation der Gesetze.“
„Aber Jack macht diese lächerlichen Menschengesetze!“
„Du irrst, Steven. Dafür sah er sich nie zuständig. Ich habe die Gesetze geschrieben. Geändert. Formuliert. Jack segnete sie nur ab oder verwarf sie. So wie er andere für sich in den Kampf schickt. Jack redet. Jack befiehlt. Jack lässt töten. Er ist kein Mensch, der sich die Hände schmutzig macht. Jack ist gerne mit dabei, aber er macht nichts. Er lässt machen.“
„Ah, wie aufregend! In diesem Punkt ist er mir sympathisch. Der makellose Steven macht sich auch nicht gerne dreckig, nein das tut er nicht“, sagte der Oceaner.
Abyss musterte ihn düster, doch Sky fuhr unbeirrt fort: „Jack interpretierte sie immer möglichst so, dass er etwas fand, um mir zu widersprechen. Nicht um Gesetzeslücken auszunutzen, die ich dann wieder und wieder versuchte zu schließen. Was nicht leicht war, denn letztendlich brauchte ich seine Zustimmung dafür. Nein, Jack liebte es, Vorwände zu finden, Meinungen in denen wir nicht übereinstimmten, um darüber zu diskutieren, allein des Diskutierens wegen.“
„Wie die Ablehnung gegenüber Tiefseemenschen?“, fragte Samantha.
„Ja“, bestätigte Sky und sein Blick fiel auf Nox, dessen leuchtend orange Augen zu ihnen herüber starrten. „Ich bemühte mich, ihn davon zu überzeugen, dass sie nicht unsere Feinde sind. Und von Ocea.“ Der Kapitän legte seinen leeren Teller beiseite. „Tatsache ist, diese Stadt dient ihm als Mittel zum Zweck. Wäre ich nicht hier, würde er nie so viele Ressourcen aufwenden, so viel Mühe und Geld. Er würde nicht einmal im Traum daran denken, hier her zu kommen.“
„Wie meinst du das?“, fragte Steven verständnislos.
„Jack würde die Stadt von oben zerstören, Bomben herab werfen und sie aus der Geschichte heraus löschen. Für die Öffentlichkeit wäre sie dann nichts weiter als ein Mythos. Nicht existent.“
„Und das tut er nicht, weil du ein bedeutender Mann bist“, stellte Samantha fest.
„Das ist nicht sein Grund, nein. Aber in der Tat, meine Anwesenheit hier hat für die Menschen dort draußen immense Bedeutung.“
„Ach, so wichtig bist du doch nicht“, warf Abyss ein.
„Ich war sein Nachfolger. Ich war im Begriff der Anführer des gesamten Landmenschengebietes unter dem Meer zu werden.“
Abyss zuckte mit den Schultern. „Na schön, du warst wichtig. Aber jetzt bist du das nicht mehr. Du solltest es nicht mehr sein!“
Einen Moment schwieg der Kapitän. „So wie du?“
Gibbli wich alarmiert ein Stück zurück, als Abyss laut die Luft ausstieß.
„Mein Einfluss ist noch immer größer, als du denkst. Nicht nur auf ihn. Abyss, wenn in der Zeitung stehen würde, dass du Ocea finden willst, dann interessiert das niemanden. Dein Wort hat dort draußen kaum Gewicht. Nicht mehr“, fügte er hinzu. Gibbli fragte sich, was er damit andeuten wollte und warum er ihn überhaupt provozierte.
Die Schüssel in Abyss‘ Händen bebte. Sky musste sich des giftigen Blickes bewusst sein, den er ihm zuwarf. Doch der Kapitän sprach ruhig weiter.
„Die Leute würden denken, du seist nur ein weiterer Spinner, der sicher bald hinter Gitter landen wird. Aber das, was ich in der Öffentlichkeit sage, hinterlässt Spuren. Wenn ein Mann wie ich behauptet, dass die Stadt nicht nur existiert, sondern nützliche Technologien enthält, die es wert sind erforscht zu werden, wenn ich behaupten würde, diese Stadt sogar gefunden zu haben, dann bringt das die Leute nicht nur zum Nachdenken. Es erregt Aufsehen. Großes Aufsehen. Es wird ihren Widerstand wecken. Etwas, was Jack ganz und gar nicht gefallen wird.“
„Du treibst sie damit zu einer Entscheidung“, stellte Steven fest.
„Ja. Eine Wahl, die jeder für sich treffen muss. Für oder gegen das aktuelle Gesetz. Für mich, der die Gesetze gezwungenermaßen machte oder für Jack, der diese Gesetze mit Freuden absegnete. Wenn rauskommt, dass Jack und ich hier unten auf verschiedenen Seiten stehen, die beiden mächtigsten Männer im Landmenschengebiet, wird das die Bevölkerung auseinandertreiben. Das könnte zu einem Krieg führen. Nicht zwischen Rassen oder anderen Arten. Auch kein Krieg, an dem nur Soldaten beteiligt sind.“
„Ach komm“, sagte Abyss skeptisch. Offensichtlich hatte er sich wieder etwas beruhigt. „Wen interessiert das, abgesehen von den Soldaten, die euch folgen?“
Sky seufzte. „Du bist außerhalb unserer Gesellschaft aufgewachsen. Versetz dich in ihre Lage, Abyss.“
„Ein Bürgerkrieg“, sagte Gibbli leise.
„Ganz genau. Und Jack weiß das. Darum will er meine Anwesenheit hier unten so lange wie möglich geheim halten. Und nicht nur meine. Ich bin mir sicher, niemand dort oben weiß, wo sich ein Teil seiner Soldaten in diesem Moment aufhält. Nämlich mitten in der verbotenen Stadt Ocea.“
Abyss runzelte verständnislos die Stirn. „Wie soll bitte so was geheim bleiben?“
„Gar nicht. Wenn die Menschen dort oben erfahren, dass es Ocea tatsächlich noch gibt und ich Recht behalte, wird die Bevölkerung meinen Verrat anzweifeln. Jack zögert es nur hinaus. Das gibt ihm vielleicht ein paar Wochen. Es ist eine Frage der Zeit, bis es zum Krieg kommen wird, falls wir keine Einigung erzielen.“
Der Oceaner lachte auf. „Das beeindruckt mich, Mensch. Dir war von Anfang an klar, dass diese Meinungsverschiedenheit mit ihm dazu führen würde und du hast dennoch nach meiner Stadt gesucht. Was für ein tolles Ende. Der perfekte Abschluss, das gefällt mir. Eine letzte Schlacht.“
„Mein Ziel ist kein Krieg, Steven!“
„Bo erzählte mir von Letitia. Sie sagte, du hast wegen deiner Tochter nach Ocea gesucht“, warf Samantha ein. Gibblis Kopf fuhr herum. Sie hätte ihr nicht zugetraut, so etwas direkt vor dem Kapitän auszusprechen. Nein, verbesserte sie sich in Gedanken. Sie hätte sich selbst nicht getraut. Samantha war jemand anderes. Jemand den Gibbli eigentlich nicht richtig kannte und irgendwie doch.
„Am Anfang ja“, sagte Sky gelassen und lehnte sich zurück. „Bis ich merkte, dass es um viel mehr geht. Technologien zu verheimlichen, die uns voranbringen, die dazu führen, dass wir uns weiterentwickeln, das ist völlig absurd. Genauso wie es falsch ist, dass die Arten dieses Planeten noch immer gegeneinander kämpfen, wo es da draußen Wesen gibt, denen wir angesichts dieser Uneinigkeit hoffnungslos unterlegen sind. Wesen, die so viel weiter sind, so viel intelligenter als wir. Wesen, wie die wir einst sein könnten. Wir dürfen den Fortschritt nicht aufhalten. Ich bin davon überzeugt, dass diese Stadt die Völker auf diesem Planeten einen wird.“
„Und wie willst du das anstellen?“, fragte Samantha interessiert.
„Nun, es gibt zwei Wege.“
„So viele gleich“, warf Abyss sarkastisch ein.
„Schweig. Möglichkeit eins, wir machen uns zum Feind. Ocea, ein übermächtiger Gegner, für den sich alle Arten einen müssten, um ihn zu besiegen.“
„Netter Gedanke, Kapitän, oh ja. Ein Plan, der Jack sogar gefallen könnte“, sagte der Oceaner fröhlich.
„Ein Plan, der unseren Tod bedeuten würde und nein, Jack würde nicht darauf eingehen. Er würde sich nie mit den Meermenschen zusammenschließen. Selbst, wenn er es täte, dieser Weg würde ein Volk erschaffen, das auf andere herabsieht, ein Volk das Fremde als Feinde betrachtet und das nur auf weiteren Krieg aus ist. Darum verfolge ich Möglichkeit zwei.“
Alle blickten ihn fragend an.
„Ocea ist ein Tabu. Menschen waren schon immer von Natur aus neugierig. Und sie sind rebellisch genug, um unsinnige Vorschriften zu brechen. Wie das Gesetz der Landmenschen, das nicht erlaubt, sich mit oceanischen Dingen zu beschäftigen. In meiner Vision gibt es kein derartiges Gesetz der Landmenschen unter dem Meer mehr. Damit meine ich, es wird ein anderes geben. Das Gesetz eines geeinten Planeten. Eines, das für alle gilt, nicht nur für die Landmenschen. Das Gesetz, Wissen zu ehren. Keine lächerlichen Tabus mehr. Technologie wird für friedliche Zwecke eingesetzt, nicht für Krieg. Nicht von den Landmenschen, sondern von allen Arten. Das ist mein Ziel. Ocea wird als neutrale und leitende Basis dieses Planeten anerkannt werden. Doch das ist nur ein weiterer Schritt, der bald folgen wird. Ihr wart der erste.“
„Wir?“, fragte Steven.
„Eine Crew, auf die ich mich verlassen kann. Eine Gruppe von Individuen, bestehend aus verschiedenen Arten. Ein Vorbild dafür, dass eine derartige Vereinigung möglich ist.“
Gibbli musste unfreiwillig grinsen. „Vorbilder?“, flüsterte sie.
„Oh, ich bin das perfekte Vorbild“, sagte Abyss mit fester Überzeugung. Gibbli war sich nicht sicher, ob er das tatsächlich ernst meinte.
„Ich bin kein Teil dieser Gruppe“, murmelte Nox.
„Ich auch nicht“, sagte Samantha.
Steven jedoch betrachtete Sky mit einer Mischung aus Faszination und Neugierde. „Und mit Crew meinst du …?“ Er ließ den Satz unvollendet.
„Eine führende Organisation. Wir werden die neue Regierung dieses Planeten bilden.“
Ich will kein Teil einer Regierung sein, dachte Gibbli.
„Wir. Eine Regierung“, wiederholte Abyss ungläubig. „Mit dir als …?“
„Anführer“, bestätigte Sky.
Abyss wandte sich Steven zu. „Er ist größenwahnsinnig.“
Der Oceaner lachte kurz auf, doch im nächsten Moment wurde er wieder ernst. „Wir brauchen noch einen Hochseemenschen“, sagte er nur.
Abyss stieß einen überraschten Laut aus und hob in einer abwehrenden Geste einen Arm. Dabei blickte er Steven kopfschüttelnd an, als wäre dieser genauso wahnsinnig wie Sky. Eine Zeit lang sprach niemand und jeder hing seinen Gedanken nach. Gibbli war sich sicher, dass sie, so wie sie alle hier saßen, vor allem zueinanderstanden, niemals so etwas wie einen Zusammenschluss bilden konnten. Steven hasste Abyss. Abyss hasste Steven. Gibbli hasste Steven. Nox wollte jedes Lebewesen fressen, das nicht seiner Meinung war, er war nur wegen seiner Freundin hier, nicht wegen der Crew. Samantha war nur wenige Jahre älter als Gibbli und Sky hatte die junge Frau nie offiziell aufgenommen. Oder hatte Gibbli das verpasst? Und Bo lag hier neben ihnen, halb tot am Boden. Und da gab es noch etwas, was Gibbli nicht verstand. Nach einer Weile wagte sie es, das Schweigen zu brechen, und sprach ihre Gedanken laut aus.
„Wenn du nur etwas gewartet hättest, dann wärst du der Anführer aller Landmenschen geworden“, sagte sie langsam zu Sky. Gleichzeitig fühlte sie sich unbehaglich, als alle ihre Köpfe hoben und sie anblickten. „Du wärst an der Macht und hättest alles haben und bewirken können, was du dir wünschst.“
Der Kapitän lächelte. „So einfach hätte es sein können, ja. Wäre da nicht Jack gewesen. Jack hätte niemals zugelassen, dass ich je seinen Posten übernehme.“
Gibblis Blick fiel auf Abyss, der Sky nicht ansah und stattdessen abwesend wirkte, als würde ihn das Ganze nicht interessieren.
„Warum nicht?“, fragte Samantha.
„Weil Ocea gegen das Gesetz spricht. Ein Gesetz, das ich jahrelang versuchte abzuschaffen. Außerdem würde er niemals jemanden an die Macht lassen, der bereit ist, sich mit Meermenschen an einen Tisch zu setzen. Er wollte nie, dass ich sein Amt irgendwann übernehme.“
„Aber du bist, nein, warst der zweite Mann der Elite. Er ernannte dich zum Nachfolger. Menschen sind unlogisch“, sagte Steven.
Sky zögerte. „Es gibt einen Grund, warum er mich zu seinem Stellvertreter und Nachfolger machte.“
Alle starrten ihn an, gespannt darauf den Grund zu erfahren. Doch der Kapitän schwieg. Lediglich Abyss schien das Interesse verloren zu haben und holte sich aus dem dampfenden Behälter eine weitere Portion Gemüse. Dann setzte er sich wieder und fing konzentriert an zu Essen. Gibblis Blick fiel auf die goldenen Maschinen hinter ihnen. Maschinen, die Jack zerstören wollte.
„Bedeutet das“, flüsterte Gibbli mehr zu sich selbst, als an Sky gewandt, „dass er dich so hasst, dass der Dreckskerl diese Stadt zerstören würde, nur weil du sie erhalten möchtest?“
„Nein. Jack hasst mich nicht“, sagte Sky mit rauer Stimme. „Ich wünschte, er täte es.“ Er blickte über den zentralen Platz zwischen den drei Häusern und dann auf Abyss, der gerade in eine schuppige Flosse biss, die er aus seiner Schüssel mit undefinierbaren Stücken hervorgezogen hatte. „Das Gegenteil ist der Fall. Er will die Stadt nicht meinetwegen zerstören. Im Augenblick bleibt ihm nichts anderes übrig, als sie zu erhalten. Das Einzige was er im Moment nicht ausstehen kann, ist die Tatsache, dass ich mich in dieser Stadt befinde. Denn das zwingt ihn, sich mit Ocea zu beschäftigen. Einen Ort, mit dem er nichts zu tun haben möchte, den er am liebsten ausradieren würde.“
„Pahh!“ Steven kniff seine goldenen Augen zusammen. „Ich sagte es dir schon einmal: Du bist wirklich gut darin, Kapitän. Im nicht Lügen. Im Herumreden um Dinge, die du nicht aussprechen willst!“
Sky schloss die vernarbten Lieder über seinen schwarzen Augen.
„Vorhin bist du dieser Frage gut ausgewichen. Tanzt um sie herum, ohne dass sie es merken. Um es auf den Punkt zu bringen: Jack zerstört meine Stadt nicht, weil du hier bist.“ Steven grinste böse. „Also, warum, Kapitän? Warum tut er das nicht?“
Gibbli bemerkte, wie Abyss langsam den Kopf hob und den Oceaner drohend über die Schüssel hinweg anblickte. Doch Sky schwieg.
„Da unten steht dieser Irre“, fuhr Steven fort und fuchtelte selbst wie ein Irrer mit den Händen in der Luft herum, dann wandelte sich seine Stimme in etwas träumerisches, „mit seinen zauberhaften Soldaten und will uns zusammen mit MEINER Stadt vernichten. Dennoch tut er es nicht. Deinetwegen!“ Mit einem kalten Unterton fügte er hinzu: „Wenn unser sowieso nur noch kurz bemessenes Leben von deinem abhängt, Kapitän, verlange ich eine Antwort. Oh ja, das tue ich. Antworte!“
Abyss sprang ruckartig auf. Während seine Schüssel auf dem Metall aufschlug und sich das restliche Essen über den Boden verteilte, schrie er ihn an: „Halts Maul du blöder Goldklumpen! Halt dich da raus! Das geht dich einen Scheißdreck an!“
Gibbli wich erschrocken zurück. Samantha und Nox blickten sich genauso verwirrt an, wie Steven jetzt Abyss‘ wutverzerrte Miene betrachtete. Einzig Sky hatte sich nicht bewegt. Plötzlich hämmerte es an der Luke. Alle drehten sich zur Rampe, die nach unten führte.
„Ich nehme an, da kommt eure Antwort“, sagte der Kapitän ruhig. Er stand auf und zog in einer fließenden Bewegung seinen Strahler hervor.
Gibbli beobachtete, wie Steven seine Arme verschränkte und sitzen blieb, als wäre das alles nichts weiter als ein lustiges Theaterstück für ihn.
„Was ist los?“, fragte eine brüchige Stimme vom Boden aus. Bo war aufgewacht! Samantha kniete sich zu ihr hinab und flüsterte ihr etwas zu.
Abyss rempelte Gibbli an. Er zog das Messer aus ihrem Stiefel, packte ihre Hand und bog grob ihre Finger um den Griff. „Vergiss es nicht immer“, knurrte er.
Wieder hämmerte jemand an die Außenseite des Durchgangs. Sky nickte dem Tiefseemenschen zu, der direkt davor lauerte. Nox zog an dem Rad und öffnete die Luke.
„Wo steckt er?“ Sofort kam eine schlanke Gestalt hereingestürmt. Die aufgeweckte Frau rannte an Nox vorbei. Ihre langen Locken wehten wild in ihr Gesicht. Sie war alleine.
Der Kapitän ließ langsam seine Waffe sinken. Abyss trat misstrauisch einen Schritt zurück, steckte seine Messer jedoch nicht beiseite.
„SKY! DU BIST WAHNSINNIG!“, schrie die Frau und blieb vor ihnen stehen.
„Das hast du mich öfter wissen lassen, als es Boote in meiner Flotte gab. Ich nehme an, mir dies mitzuteilen, ist nicht der Grund deiner Anwesenheit“, sagte der Kapitän tonlos. „Sei gegrüßt, Dessert.“ Er trat einen Schritt auf sie zu.
„ICH-“ Sie brach ab und starrte auf seine nackte Brust.
Sky zog die Augenbrauen hoch. „Ja? Du?“
„Wo … wo ist deine Uniform?“, fragte sie erzürnt. Gibbli hatte plötzlich das Gefühl, Zeuge eines Gespräches zu werden, das sie gar nichts anging.
Sky lächelte. „Wie du sicher bemerkt hast, gehöre ich nicht mehr der Elite an. Eure Kleidungsvorschriften kümmern mich nicht mehr.“
„Verflucht, das meinte ich nicht! Diese ganzen Wunden! Die Narben! Wie ist das passiert? WER WAR DAS?“
Sky betrachtete sie berechnend. „Du weißt genau, wer dafür die Verantwortung trägt.“
Dessert schüttelte den Kopf. „Nein.“
Skys Mundwinkel zuckten für eine Sekunde nach oben. „Du solltest vorsichtig sein. Du weißt nicht, wozu er fähig ist.“
„Jack würde mir so etwas nie antun!“
„Jack liebt dich nicht, Dessert.“
„Wie kannst du es wagen, so etwas zu behaupten! Du hast keine Ahnung!“
Sky hob schulterzuckend die Arme. „Geh und frag ihn.“
„Du bist doch nur eifersüchtig, weil er hat, was du nicht halten konntest!“, fuhr Dessert ihn an.
Sky verzog keine Miene. „Es berührt mich nicht im Geringsten, dass du jetzt mit ihm zusammen bist. Im Gegenteil, ich empfinde Mitleid mit dir.“
„Mitleid? Jack ist mein Ehemann!“
„Da täuschst du dich gewaltig“, sagte Sky ruhig. „Was glaubst du, warum er noch nicht angegriffen hat? Was glaubst du, warum ich noch lebe, warum er mich damals lediglich rauswarf, wo er jedem anderen auf der Stelle die Arme abgehackt hätte?“
„Du warst nicht nur Flottenführer, du warst sein Stellvertreter! Sky, sein Nachfolger! Du warst berühmt, du warst angesehen. Alle Landmenschen liebten dich! Darum ließ er Gnade vor Recht-“
„Nicht darum.“ Skys Tonfall wurde feindseliger. „Kein Posten dieser Welt würde Jack davon abhalten, gegen die Gesetze zu verstoßen. Er liebt es, Lücken zu finden, aber würde nie gegen sie handeln. Ich versichere dir, stünde ein anderer an meiner Stelle, wären wir längst alle Geschichte.“
„Du arroganter Bastard! Du kennst ihn nicht!“
Sky fletschte die Zähne. „ICH kenne ihn besser, als jeder andere dieses Planeten ihn kennt!“ Er hielt kurz inne. „Jack ließ mich nur aus einem Grund am Leben.“
„Nein“, flüsterte Dessert.
„Doch.“
„NEIN!“, schrie sie ihn an.
„Du kennst die Antwort, auch wenn du sie nicht wahrhaben willst!“
Dessert schüttelte abwehrend den Kopf.
„Warum?“, fragte plötzlich Bo mit schwacher Stimme vom Boden aus.
Sky zögerte einen Moment, blickte kurz zu Bo und dann wieder zu Dessert. „Weil ich es bin, den er begehrt.“
Gibbli wäre beinahe das Messer aus der Hand gefallen. Ein Gefühl der Erkenntnis überkam sie. Bei der Befragung in Dr. Fenchels Büro war Jack nicht so versessen darauf gewesen, ihr nahe zu kommen, wie andere es ständig versuchten. Er wollte nur Informationen. Gibblis Blick streifte Steven, der aussah, als stände er kurz davor, begeistert Beifall zu klatschen und dann zu Abyss. Erstaunt öffnete sie den Mund. Abyss war absolut ruhig geblieben und wirkte keineswegs überrascht. Er drehte ihr den Kopf zu. ‚Du hast das gewusst?‘, formte sie lautlos mit den Lippen. Abyss schluckte, sagte jedoch nichts und blickte wieder zu Sky und seiner Ex-Frau.
„Jack ernannte mich zu seinem Stellvertreter und Nachfolger, um mich in seiner Nähe zu haben!“
„Nein. Nein, nein, nein“, flüsterte Dessert immer wieder. Dann sah sie feindselig auf. „Jack ist wütend auf dich, er ist … enttäuscht von dir! Du hast gegen alle Gesetze verstoßen! Er muss dich beseitigen! Wie kann er dich begehren? DU BIST EIN LÜGNER!“
Sky musterte sie mitleidig. „Natürlich ist er wütend auf mich. Seine große Liebe hält sich nicht an seine Regeln und er kann nichts dagegen tun. Er kann mich nur anschreien, kann mir drohen, er kann mich foltern. Aber er würde es nicht wagen, mich zu töten. Niemals. Denn das würde bedeuten, dass ich endgültig für ihn verloren wäre.“
„Ich glaube dir nicht! Jack steht da unten, versammelt mit einem Großteil der Flotte und greift nicht an, weil er dich … liebt? Warum ist er dann überhaupt hier, wenn er gar nicht vor hat, gegen dich zu kämpfen?“
„Sag du es mir, du bist immerhin seine … wie immer man das … nennen mag.“
„Das passiert nicht wirklich. Nicht schon wieder. Nicht …“
„Dessert“, sagte Sky besänftigend.
„Ich … ich …“
„Ich sage es dir, warum er dort unten abwartet. Weil er verzweifelt ist. Weil er seinen verblendeten Kopf durchsetzen will. Er will es nicht begreifen.“
Dessert blickte ihn völlig aufgelöst an. „Begreifen? Was denn begreifen?“
„Dass ich nicht auf Kerle stehe.“
Abyss schnaubte verächtlich, als würde er ihm nicht glauben.
„Und schon gar nicht auf ihn“, fuhr Sky fort, ohne ihn zu beachten. „Ich sagte nie, dass Jacks Liebe zu mir auf Gegenseitigkeit beruht.“
Das hier war also nicht der Grund, warum Sky ebenfalls nie auf sie reagierte, wie andere es auf Oceaner taten. Und das, obwohl er mit ihr zusammen im Gefängnis gesessen, Gibbli sogar berührt hatte. Wahrscheinlich war er einfach stärker. Kalt und emotionslos stand er immer etwas über allen Dingen.
„Ich mochte Jack noch nie. Und du sagtest noch immer nicht, warum du hier bist“, fuhr er ruhig fort.
Dessert wirkte aufgrund der Neuigkeit über Jack noch immer aus dem Konzept gebracht. „Ich wollte … ich meine … Ich wollte herausfinden, was du vor hast!“
„Du lügst“, knurrte Sky.
„Er wird euch alle umbringen!“
„Du hast es nicht verstanden. Aber du wirst es noch begreifen. Nun gut. Geh. Du kannst meinetwegen zurückkommen, wenn dir wieder einfällt, warum du mich sprechen wolltest. Und was mein Vorhaben betrifft, richte deinem Jack aus, dass ich vorhabe, die Weltherrschaft an mich zu reißen.“
Steven klatsche breit grinsend seine Hände aufeinander und starrte den Kapitän bewundernd an.
„Du bist wahnsinnig“, flüsterte Dessert. Ihre Miene sagte eindeutig, dass sie ihn nicht ernst nahm.
„Das bin ich.“
Sie wandte sich von ihm ab, Richtung Luke, und hielt wieder inne. „Ich … ich werde ihm gar nichts ausrichten. Jack weiß nicht, dass ich hier bin.“ Dessert zögerte, dann fragte sie flüsternd: „Wo ist sie, Sky? Wo ist meine Tochter?“
Er schüttelte langsam den Kopf. „Es hat nicht funktioniert.“
Dessert verzog ihren Mund zu einem schmalen Strich und schloss gequält die Augen. Mit einer Mischung aus Wut und Enttäuschung ballte sie die Hände zu Fäusten.
„Komm nicht wieder“, sagte Sky.
Sie drehte sich um und schritt auf die Luke zu, ohne noch einmal aufzusehen.
„Und sprich Jack nicht darauf an!“, rief Sky ihr nach. „Bring dich nicht weiter in Gefahr“, fügte er leise hinzu, während Nox den Durchgang verschloss.
„Wir sind hier also nicht sicher. Nur du bist es“, flüsterte Samantha. Sie hielt Bo’s Hand, die offenbar wieder eingeschlafen war. „Er wird nicht locker lassen, bis er kriegt, was er will.“
„Jack befolgt die Gesetze“, sagte Sky. „Er wird ein paar Versuche starten, mich auf seine Seite zu ziehen. Doch irgendwann wird er zugeben müssen, was er bereits weiß: Dass ich niemals nachgeben werde. Früher oder später wird er sich etwas überlegen, um die Stadt dennoch zu zerstören. Und euch. Doch solange er Hoffnung hegt, dass er mit mir verhandeln könnte, solange sollte er mich in Ocea wissen. Denn meine Anwesenheit hier ist der einzige Grund, der ihn davon abhält hier alles zu sprengen.“
„Wie fies“, sagte Steven anerkennend. „Du nutzt seine Liebe aus. Oh, das mag ich, Kapitän!“
„Reiz mich nicht!“, Sky wandte sich ihm zu. „Ich werde dich auf eine Mission schicken.“
„Eine Mission? Mich? Hervorragend! Ja! Ja! Wohin?“
„Abyss wird dich begleiten.“
Stevens Grinsen gefror.
„Bist du irre?“, fuhr Abyss Sky empört an. „Ich geh nicht mit diesem hirnlosen Arsch!“
Gibbli stimmte ihm im Stillen zu. Das war wirklich keine gute Idee. Die beiden würden sich gegenseitig umbringen!
„Du wirst“, befahl Sky knapp.
„Nein, verdammt!“, rief Abyss aufgebracht.
Sky trat einen Schritt auf ihn zu und Abyss verstummte.
„Abyss, diese Technologie zu erforschen und Oceas Existenz in die Öffentlichkeit zu rücken, ist von großer Bedeutung und wir müssen das gut vorbereiten. Alles, was hier unten geschieht, unterliegt strengster Geheimhaltung und Jack wird sich hüten, ein Wort davon in der Öffentlichkeit zu erwähnen. Wir werden genau das tun.“
„Aber das wird doch sowieso irgendwann von allein passieren“, protestierte Abyss.
„Und du sagtest vorhin, das würde …“, Steven fing wieder an, genüsslich zu grinsen, „… das würde einen Krieg auslösen.“
„Nicht, wenn wir davor genug Menschen auf unsere Seite ziehen. Wir veröffentlichen das ja nicht sofort. In diesem Punkt ist unser Weg mit dem von Jack der gleiche. So lange Ocea noch geheim bleibt, haben wir Zeit.“
„Und was hast du in dieser Zeit vor?“, fragte Abyss misstrauisch.
„Die Landmenschen werden uns folgen, wenn sie erkennen, wie viele wir sind. Und sobald Jack alleine da steht, wird er einsehen müssen, dass es keinen Sinn mehr macht, sich gegen uns zu stellen.“
„Wie viele?“ Steven schüttelte den Kopf. „Kannst du nicht zählen, Mensch? Wir sind sieben!“
„Die Meermenschen“, sagte Gibbli leise, die plötzlich erkannte, was der Kapitän vor hatte.
„Ja.“ Sky nickte dem Oceaner zu. „Ihr werdet zu ihnen reisen und ihnen eine Botschaft von mir überbringen. Nox, du wirst denselben Auftrag erhalten. Wir brauchen die Hochseemenschen und die Tiefseemenschen.“
Nox starrte ihn düster an. Im ersten Moment wirkte er, als würde er ablehnen, dann krächzte er langsam: „Aber das nicht einfachwird.“
„Nimm Bo mit. Möglicherweise funktioniert das Marahang etwas weiter weg von hier wieder.“
„Sinnlos“, warf Abyss ein.
„Erkläre mir, was genau du daran als sinnlos erachtest“, forderte Sky ihn auf.
Abyss zuckte mit den Schultern. „Na, einfach alles.“
„Das ist keine Erklärung. Ich gebe dir einen direkten Befehl und du wirst ihn ausführen.“
Abyss schüttelte den Kopf. „Schön, angenommen, es funktioniert und wir überzeugen die Meermenschen, was ich bezweifle. Was dann? Wie willst du die Landmenschen bestechen, die jahrelang ihren Angriffen ausgesetzt waren? Die Familien und Freunde durch sie verloren! Willst du dich mit einem Megafon auf die Straßen stellen und sie missionieren wie ein geisteskranker Sektenführer?“
„Man muss nicht schreien, um gehört zu werden. Es reicht, zur richtigen Zeit das Rechte zu sagen“, antwortete Sky ruhig. „Die Nachrichtenfirmen werden es bis ins letzte Eck verbreiten. Nicht jeder ist gegen die Meermenschen. Die Landmenschen wissen, dass die anderen, genauso wie sie, vieles verloren haben durch unsere Flotten. In einem Krieg gibt es niemals Sieger und die Menschen werden das erkennen. Wer gewinnt oder verliert, hat in einem solchen Kampf keine Bedeutung, denn die Gewinner sind genauso schuldig des Mordes. Es ist vollkommen sinnlos, sich gegenseitig abzuschlachten. Das muss enden! Mein Einfluss ist groß und ich werde die Landmenschen davon überzeugen, mit Worten, Abyss. Und um deren Macht solltest gerade du am besten wissen.“
Abyss schwieg. Dann sagte er: „Hm. Mit den Tiefsee- und Hochseemenschen zusammen wären wir ganz nebenbei in der Überzahl.“
„Das klappt nicht. Egal was wir tun, wir müssten erst an Jack vorbei“, gab Samantha zu bedenken. „Es gibt keinen Weg aus der Stadt heraus. Wir sind hier gefangen.“
„Das ist nicht richtig. Erzähle ihnen, was du mir vorhin gezeigt hast“, befahl Sky an Steven gewandt.
Der Oceaner richtete sich auf. „Es ist möglich, über die Andockstelle der Mara zu tauchen. Tiefseemenschen halten den Druck dort aus. Sie liegt etwas außerhalb der Stadt, mitten im Gestein und führt über ein Höhlensystem hoch durch den Meeresboden.“
„Warte“, knurrte Abyss, „es gibt einen Zugang für die Mara?“
„Wir hätten mit der Mara direkt hier her tauchen können?“, fragte Gibbli mit zusammen gebissenen Zähnen. Sie hätten sich gar nicht über den Zentrumsturm zu diesem Aufzug durchkämpfen müssen!
„Klar, mein Schatz.“ Der Oceaner zuckte mit den Schultern. „Außerdem gibt es Rettungskapseln. Von der Stadt aus führen mehrere Stege in den Felsen hinein. Ein paar Stockwerke unter uns liegt einer davon. Diese Übergänge gehen zu jeweils fünf Kapseln, mit denen man sich durch das Gestein nach oben schießen kann. Sie sind nicht steuerbar und die Wucht ist stark, aber die Strecke genau berechnet. Sie landen direkt auf einer tropischen Insel über dem Ozean.“ Während er sprach, wurde seine Stimme schwärmerischer, dafür Abyss‘ Miene immer zorniger. „Eine wundervolle Insel! Es ist traumhaft dort, Mädchen! Es gibt feinsten Sand, saftig grüne Palmen und singende, fliegende Wesen, könnt ihr euch das vorstellen?“ Steven fuhr mit den Armen weit in die Luft. „So winzige, bunte Tierchen. Man kann ihnen sprechen beibringen. Natürlich sind sie dumm, aber sie plappern alles nach, was man ihnen sagt! Und die Luft erst, sie duftet nach süßen Früchten! Oh, ich liebe dieses kleine Stück Land.“
„Du verdammter Mistkerl setzt uns tausenden von Soldaten aus, lässt uns in die Gefängnisse der Akademie einbrechen und von diesem Clown foltern, um uns jetzt zu erzählen, dass es einen geheimen ZUGANG FÜR DIE MARA GEGEBEN HÄTTE?“, donnerte Abyss‘ Stimme über den zentralen Platz.
Steven grinste gequält und blickte ihn gespielt unsicher an. „Es war sehr amüsant, euch zuzusehen?“
„Du bist tot.“ Abyss griff nach einem seiner Messer.
Sky packte wie beiläufig seinen Arm und zog ihn von dem Oceaner weg. „Nox, nimm Bo mit. Ihr schwimmt durch die Andockstelle der Mara. Ich zeige euch den Zugang. Anschließend werden wir diesen Streit hier endgültig klären. Nein, Abyss, du wirst ihn nicht skalpieren, ihr beide werdet die Rettungskapseln nehmen und euch dann auf den Weg zu den Meermenschen begeben.“
Abyss blickte den Kapitän fassungslos an, riss sich dann von ihm los und machte auf der Stelle kehrt. Fluchend verschwand er in dem Raum hinter Cora.
Gibbli fragte sich, an welcher Stelle sie selbst in diesem Plan mitspielen würde. Und was sollte Samantha machen, die jetzt leise mit Nox diskutierte? Anscheinend wollte der Tiefseemensch nicht, dass sie ihn begleitete. Das war ja auch gar nicht möglich, wegen des hohen Drucks in der Andockstelle. In dieser Tiefe konnte man nicht einmal mit einem Tiefsee-Druckanzug tauchen.


Dieser Blog ist werbefrei! Bestimme selbst, was dir meine Programme, Informationen, Geschichten und Tutorials wert sind.
Unterstütze mich, indem du meinen PayPal Account fütterst!
Damit hilfst du, wiederkehrende Serverkosten dieses Blogs abzudecken und Material zum Erstellen zukünftiger Artikel zu finanzieren. Vielen Dank! <3

Kapitel 5: Schlechte Nachrichten (Bis in die tiefsten Abgründe)

Ein paar Stunden später schreckte Gibbli hoch. Stevens Stimme erklang schrill in ihren Ohren: „Hey! Kapitän! Dein Partygast ist daha!“
„Setzen wir ihm eine Narrenkappe auf und schubsen ihn dann hinter dem Gebäude runter“, murmelte Abyss, während er sich mürrisch aufsetzte. „Platsch. Ein goldener Fleck auf goldenem Boden. Niemand würde ihn finden.“
Er schüttelte seinen Kopf, um wach zu werden, was seine Haare zerzauster wirken ließ als zuvor sowieso schon. Irrte sich Gibbli oder sah er sie irgendwie seltsam an? Wo war sein sonst so hingebungsvoller Blick abgeblieben? Sie drehte sich beunruhigt um. Sky stand schon. Achtung gebietend zog er seine Uniformjacke zurecht und band die Dreadlocks ordentlich nach hinten.
„Bleibt hier.“ Der Kapitän holte seinen Strahler aus der Umschnalltasche. Dann verließ er erhobenen Hauptes den Raum.
Während Abyss sitzen blieb und nach seinem Mantel griff, auf dem Sky geschlafen hatte, trat Gibbli leise zum Eingang. Sie versuchte zu erkennen, was draußen auf dem Zentrumsplatz vor sich ging. Hinten, beim anderen Gebäude, befand sich noch immer der Riss. War er größer geworden? Nein, sicher täuschte sie sich. Gegenüber, bei der Rampe erblickte sie Steven und Nox. Und noch jemand stand dabei, mit dem Rücken zu ihr. Dieser Jemand sah recht locker aus, wie er gemütlich ein paar verschlissene Decken auf den Armen balancierte, sowie zwei große Säcke, als wäre alles, was er anfasste, ein Kinderspiel. Er ließ sie achtlos fallen. Mit dumpfen Schlägen landeten die Säcke auf den am Boden verteilten Splitterstücken. Jetzt drehte er sich etwas und Gibbli konnte sein Gesicht erkennen. Verstohlen beobachtete sie den Neuankömmling. Der junge Mann trug kurze Locken in der Farbe von rostigem Eisen und einen kleinen Bart am Kinn sowie über dem Mund. Seine Form zeugte davon, dass er gerne und viel aß. Doch er wirkte nicht dick, eher etwas stämmig.
Nox zog einen Fisch aus einem der Säcke. „Was soll das?“, krächzte der Tiefseemensch empört. „Völlig ungenießbar! Die sind tot, alle!“
„Das sind sie. Tot. Landmenschen essen keine lebenden Wesen.“ Seine Stimme klang leicht.
Er hob abwehrend den Arm, der in einem weißen Leinenhemd steckte, als Nox die orangen Augen zu Schlitzen verzog. Die Haut des Fremden erschien dunkler, als sie eigentlich sein sollte, so als hätte sie sich verfärbt. Das kannte Gibbli nur von Menschen, die behaupteten, sich oft an der Oberfläche aufzuhalten. Über dem Wasser! Wie es dort wohl aussah? Dieses braun gebrannte Gesicht brachte sie zum Träumen. Sie stellte sich die unendliche Menge an Luft vor, die es an Land geben musste und Licht. Nicht wie auf der Nachtseite von Oca. In Gedanken hatte sie den Planeten der Mog so getauft. Immerhin gehörte er einst auch den Oceanern und Steven bezeichnete so ihre Vorfahren. Nox hob den Kopf, als er Sky bemerkte. Dieser schritt mit erhobener Waffe vom Haus aus an Steven vorbei auf sie zu. Der Tiefseemensch warf den Fisch zurück in den Sack und trat ein paar Schritte zurück, um nicht in der Schussbahn zu stehen. Der fremde Mann blickte hoch. Er hatte ebenfalls den Klang wahrgenommen, den die Kampfstiefel verursachten, als sie auf den goldenen Metalluntergrund trafen. Stiefel, die auch er selbst trug. Entschlossen streckte er seine Brust heraus und ging direkt auf Sky zu. Der Gang des Neuankömmlings war stramm und bedacht, als wäre er stolz auf jeden einzelnen Schritt, den er tat. Stevens sehnige Beine wirkten neben ihm fast dünn. Dennoch erschien der junge Mann keineswegs unsportlich.
„Cervantes Djego“, sagte Sky langsam.
„Kapitän! Ich freue mich. Endlich!“ Er warf einen kurzen Blick auf den Strahler und sprach dann lauter, als würde er seine Angst überspielen. „Ich überbringe eine Nachricht.“
„Ich nehme an von Jack.“
„Von Jack? Nein, nicht von ihm. Nun, das auch, aber da gibt es noch etwas anderes.“ Djegos Blick wanderte wieder auf die Mündung von Skys Waffe. Dieser zielte noch immer direkt auf seine Stirn. „Bitte, ihr habt von mir nichts zu befürchten.“
Sky ignorierte seine Worte und verharrte bewegungslos. „Sprich!“, verlangte er.
„Ich bin auf deiner Seite!“, rief Djego. „Ihr habt meine Unterstützung, Kapitän. Und ich bin nicht alleine. Es gibt viele aus der Flotte, die Jacks Ansichten nicht teilen. Wir wollen nicht, dass Jack die Stadt zerstört.“
„Gib mir einen Grund, deinen Worten zu trauen.“
Djego dachte kurz nach. „Du solltest meinen Worten trauen, weil wir unter dir standen und noch immer stehen. Jack mag der erste Mann der Flotte sein, aber du warst … bist unser Kapitän.“
„Ich erinnere mich an dich. Du warst der Neue. Ich wählte dich aus, weil du nützlich warst. Du hattest erst drei Monate in meiner Crew verbracht, als ich gefeuert wurde.“
„Ja, drei Monate. Und ich kann euch wieder von Nutzen sein, Kapitän. Ihr wollt etwas wissen? Ich sage es euch. Ich finde alles heraus. Und das Beste, Jack vertraut mir.“
„Erzähle mir mehr.“
„Natürlich, Kapitän. Ich erzähle dir gerne mehr. Fast deine komplette, ehemalige Crew steht geschlossen hinter dir.“ Djego hielt kurz inne. „Nun, nicht die 200 Boote, die du damals befehligt hast. Aber alle Frauen und Männer des Führungsbootes, die noch übrig sind.“
„Wenn das so ist, möchte ich mit dem neuen Führer das weitere Vorgehen besprechen. Nenne mir den Namen“, verlangte Sky.
„Gut, den nenne ich dir. Es ist Dana Dixland. Ich werde ihr über unser Treffen berichten und sie mitbringen. Und vielleicht“, fügte er bittend hinzu, „könnten wir dann ohne Waffen miteinander sprechen.“
„Dana Dixland. Ich hätte erwartet, es wird James Light. Dixland ist zu jung, zu unerfahren.“
„Ja, in der Tat.“ Djego hielt inne und dachte nach. „Doch Light hat gekündigt, nachdem du gegangen warst. Kapitän, ich sollte jetzt nicht so lange hierbleiben. Jack erwartet mich. Er wird sonst misstrauisch. Ich musste noch heimlich für euch diese ganzen Dinge besorgen“, er nickte zu den Decken und den Säcken hinüber. „Darf ich gehen?“
Sky überlegte kurz. Gibbli war nicht entgangen, dass er seine Waffe für keinen Moment gesenkt hatte. Offenbar war er sich nicht sicher, ob man dem jungen Mann trauen konnte. Sie beobachtete Djego. Er schien Respekt vor dem Strahler zu haben und blickte diesen immer wieder verunsichert an. Es kam ihr auch ein wenig seltsam vor, wie er sprach, immer wieder innehielt und Dinge wiederholte, die Sky bereits gesagt hatte, als würde er manchmal Zeit schinden wollen. Djegos Blick wanderte jetzt an dem Kapitän vorbei zum Eingang des Raumes, an dem Gibbli stand und er streifte den ihren. Für einen Moment, der sich plötzlich in ein Stück Ewigkeit verwandelte. Warum sah er sie nur so lange an? Ein Kribbeln breitete sich in ihrem Bauch aus. Ungewöhnlicherweise schaffte es Gibbli, seinem Blick standzuhalten. Sie zuckte zusammen, als sie plötzlich Abyss‘ kraftvolle Hand auf ihren Schultern spürte. Er schien sie ein Stück zurückziehen zu wollen, in das Gebäude hinein. Doch Gibbli blieb stehen. Die strahlenden Augen von Djego schienen sie anzuziehen. Waren sie grün oder türkis? Aus der Entfernung konnte sie es nicht genau erkennen.
„Sage mir erst, warum Jack dich schickte“, verlangte Sky in seiner befehlenden Art.
Für einige Sekunden dachte Gibbli, er würde nicht antworten. Doch dann wandte Djego den Blick von ihr ab und schenkte Sky seine volle Aufmerksamkeit. Langsam und bedacht öffnete er den Mund. „Warum? Jack schickte mich, um euch etwas zu bringen. Ich habe es hier, in meiner Tasche. Ich hole es heraus. Ist das in Ordnung?“
Sky stimmte zu. „Langsam.“
Djego zog ein zylinderförmiges Gerät aus seiner Uniform und warf es dem Kapitän zu. Dieser fing den Informationsstecker mit der freien Hand auf, ohne den Blick dabei von dem jungen Mann abzuwenden.
„Geh und berichte Dixland. Und sag Jack, ich werde das hier lesen“, befahl der Kapitän.
„Das mache ich.“ Wieder sah Djego an Sky vorbei Gibbli direkt an. Er verzog seinen Mund zu einem breiten Lächeln.
Es fühlte sich an, als würde Gibbli plötzlich ein Stück emporschweben. Ungewollt zogen sich ihre Mundwinkel für einen kurzen Augenblick ebenfalls nach oben. Dann wandte sich Djego ohne einen weiteren Blick auf Sky von ihnen ab und ging sicheren Schrittes auf die Rampe zu, die nach unten führte. Nox drehte an einem runden Steuerrad und verriegelte den Durchgang hinter Djego. Das Geräusch des Einrastens der Luke gab ihr das Gefühl aufzuwachen. Ein wenig durcheinander sah sich Gibbli nach Abyss um. Sie hatte nicht bemerkt, als seine Hand von ihrer Schulter verschwunden war. Er rauschte eilig an ihr vorbei und stieg über Cora hinweg nach draußen. Gibbli hob ihre Werkzeugtaschen auf und band sie an ihren Oberschenkeln fest. Dieser dämliche Oceaner war nachts irgendwann vorbeigekommen und hatte sich einige ihrer Geräte ausgeliehen. Jetzt lagen sie verstreut auf dem Boden.
Von draußen drang Abyss‘ Stimme in den Raum herein: „Das ist kacke. Ich mag ihn nicht.“
Ich mag ihn auch nicht, dachte Gibbli und begann, ihr Werkzeug einzusammeln. Steven hätte es wenigstens in ihre Taschen zurücklegen können!
„Wen?“, fragte Sky draußen.
„Dieses blöde Brot! Bin dafür, wir werfen ihn auch da hinter dem Haus runter.“
„Ich kann dir nicht folgen, Abyss.“
„Brot. Bred … Brett?“
„Du meinst Djego.“
„Wen den sonst? Allein schon sein Name! Abszes Pedo. Wer denkt sich denn so was aus?“
„Sein Name lautet Cervantes Djego und er steht offensichtlich auf unserer Seite“, wies ihn der Kapitän zurecht.
„Natürlich, darum hattest du auch durchgehend deinen Strahler auf ihn gerichtet. Wie alt ist er, 17?“
„Zur Sicherheit. Ich will abwarten, was Dixland dazu sagt. Und er ist 19.“
„Aha! Also minderjährig!“
„Seit wann interessiert dich das?“, fragte Sky scharf.
„Seit wann interessiert dich das nicht mehr?“
„Er hat die Akademie abgeschlossen. Und er war einer der besten, sonst hätte ich ihn nicht auf meinem Führungsboot eingestellt.“
„Hm. Und was kann der Hohlkopf so?“
Gibbli steckte ihren Schraubenschlüssel in die Tasche und horchte auf. Das würde sie auch interessieren. Für welchen Bereich war dieser Djego zuständig?
„Er findet alles heraus. Djego besitzt Talent im Beschaffen von Informationen jeglicher Art. Dinge, die anderen verborgen bleiben oder die sie verschweigen. Stelle ihm eine Frage, egal was und ein paar Stunden später liefert er dir die Antwort.“
Das hörte sich nach etwas an, was Abyss zu schätzen wissen sollte, dachte Gibbli.
„Du hast bereits jemanden, der das macht“, knurrte Abyss ablehnend. „Mich! Und ich liefere die Antwort, bevor du eine Frage stellst.“
Oh ja, Abyss war Meister darin, Dinge herauszufinden, die andere ihn nicht wissen lassen wollten. Allerdings war er auch gut darin, Offensichtliches zu ignorieren oder Sachen, die ihm nicht gefielen, skrupellos zu beseitigen.
„Das ist nicht deine Aufgabe, Abyss“, gab Sky zurück. „Zusätzliche Informationen sind hilfreich. Die kurze Zeit, die ich ihn kannte, war mir Djego immer ein guter Spion.“
Gibbli schloss ihre Werkzeugtaschen und blickte nach draußen. Die beiden Männer standen einige Meter weiter, nahe der Kisten, vor ein paar Maschinen.
Abyss schien unbeeindruckt von Skys Worten. „Pfff. Dieser hirnlose Arsch fällt um, wenn ich nur einmal ausatme.“
Der Kapitän trat näher auf ihn zu. „Sprich es aus! Wenn du mir etwas sagen willst, dann komm zum Punkt!“
„Er hat sie komisch angesehen“, knurrte Abyss.
„Genauer. Ich schwöre dir, wenn du jetzt auch damit anfängst, dass ich dir jedes Wort aus der Nase ziehen muss, dann-“
„Gibbli! Ich mag nicht, wie er sie ansieht!“
Schnell zog sie sich in den Schatten des Raumes zurück.
„Du kannst nicht jedem, der sie ansieht, die Augen herausreißen“, hörte sie Sky sagen.
„Warum nicht?“
Gibbli lächelte. Manchmal konnte Abyss es wirklich übertreiben. Offensichtlich hielt der Kapitän es nicht für nötig zu antworten. Nach ein paar Sekunden schaute sie vorsichtig an Cora vorbei nach draußen.
„Sky! Das kannst du nicht so stehen lassen! Merkst du es nicht? Nein, ich weiß du merkst es, warum ignorierst du es? Er lügt, sobald er den Mund aufmacht!“
„Und du nicht?“, fragte Sky sarkastisch.
„Schon gut, ich weiß, dass du weißt, dass ich vielleicht nicht immer, also ganz selten, nicht die Wahrheit sage, aber du weißt, dass ich weiß, dass du weißt, ich meine es immer gut. Also meistens. Okay, fast nie. Aber diese Fratze von-“
„Lass diesen Unsinn!“, unterbrach ihn der Kapitän.
„Hey, ich bin auf deiner Seite! Wir dürfen ihm nicht trauen! Er verschafft sich Zeit, indem er das Gesagte wiederholt, er denkt zu langsam für einen Lügner. Das muss dir doch auffallen!“
„Ist es. Lass den Jungen in Ruhe, Abyss.“
„Ja, ich bringe ihn zur Ruhe“, knurrte Abyss. „Zur ewigen.“
Skys Blick verdüsterte sich. „Abyss, sei gewarnt, denke nicht einmal daran!“
„Meine Gedanken hast du nicht zu bestimmen. Und du willst, dass ich ihn töte, nicht wahr? Du magst mich.“
„Das habe ich nicht behauptet.“ Gibbli bemerkte den drohenden Unterton, den Skys Stimme plötzlich angenommen hatte. Doch dann entspannte er sich wieder. „Hör auf, wie Steven zu reden!“
Abyss grinste ihn provozierend an und ahmte die Stimme des Oceaners nach: „Du liebst mich.“
„Idiot“, murmelte Sky und schüttelte den Kopf.
Abyss hob triumphierend einen Finger und seine grauen Augen blitzten mörderisch auf. „Hah! Du fluchst. Das bedeutet, du willst, dass ich ihn töte!“
„Lerne, dich besser zu kontrollieren!“, sagte Sky ruhig.
„Und wie? Sag es mir! Ich kann nicht mehr spielen. Die Geige, ich kann’s nicht mehr! Ich kann diesen verdammten Bogen nicht mehr richtig halten!“, fuhr Abyss ihn an. Dann wurde seine Stimme ruhiger. „Und sag mir nicht, dass du nichts dafür kannst. Denn es ist deine Schuld.“
Ob Sky etwas darauf erwiderte, bekam Gibbli nicht mit. Sie wollte gerade den Raum verlassen, als Steven vor ihr auftauchte und sie zurückhielt.
„Wie sieht es aus, Mädchen, bereit für deine Aufgabe?“, fragte er.
Gibbli antwortete ihm nicht und blickte an dem Oceaner vorbei zu Sky, der noch immer draußen stand. Er steckte Jacks Informationsstecker in sein EAG.
„Ich mag ihn nicht“, sagte Abyss noch einmal und setzte sich mit verschränkten Armen auf eine der Maschinen neben ihm.
Beide betrachteten mit düsterer Miene das Hologramm. Es baute sich mitten in der Luft über dem EAG auf. Doch von der Seite war es flach und man konnte den Inhalt nicht ausmachen.
„Unser kleines Spiel, schon vergessen?“, erinnerte Steven sie wieder daran, dass er vor ihr stand.
„Ich hab keine Lust auf das dumme Spiel!“, murmelte Gibbli genervt. Sie wollte hinausgehen und wissen, was in dem Hologramm stand.
„Das tut nichts zur Sache. Du kannst nicht einfach aussteigen. Wenn du meine Aufgabe nicht annimmst, muss ich dich bestrafen, so sind die Regeln. Es ist verdammt langweilig hier und Sky lässt mich nicht gehen. Also komm schon, wir hauen ab.“
„Abhauen? Wohin? Warum willst du überhaupt weg?“, fragte Gibbli abwesend.
„Das, mein Schatz, kann ich dir leider nicht verraten. Du würdest mich hassen und ich will nicht, dass du mich hasst.“
„Ich hasse dich längst.“ Ein paar Meter hinter dem Oceaner zog Sky den Stecker heraus und das Hologramm brach in sich zusammen.
„Ich sollte es ihr jetzt zeigen“, hörte sie den Kapitän sagen.
„Nein. Ich mach das. Später“, meinte Abyss.
Steven lenkte sie wieder ab: „Niemand hasst mich! Du bist unhöflich! Sein Einfluss tut dir wirklich nicht gut!“
„Meinetwegen, stell mir diese blöde Aufgabe, aber nicht jetzt! Ich bin gerade aufgestanden und ich …“ Gibbli überlegte, wie sie das Spiel hinauszögern konnte. „… will mich jetzt waschen.“
Steven schnaubte. „Nein, du wirst-“
„Steven!“, rief Sky plötzlich hinter ihm.
Der Oceaner fuhr herum. „Was?“
„Ich habe dir gestern ein paar Fragen gestellt und erwarte noch immer Antworten. Erzähl mir mehr über die Energieversorgung.“ Gibbli erinnerte sich daran, dass der Kapitän ihn um Informationen über Ocea gebeten oder eher verlangt hatte.
„Alle wollen sie etwas von mir, hach ist das toll. Aber das ist sinnlos, Kapitän. Wir sollten lieber feiern und herum springen, solange wir noch die Beine dazu besitzen.“
Er war wirklich verrückt, dachte Gibbli.
„Nein. Du tust, was ich dir befehle. Jetzt“, sagte Sky auffordernd.
„Na gut, ich werde mein überlegenes Wissen mit euch teilen. Ich weiß ja so viel. Also, es gibt einen zentralen Maschinenraum“, begann der Oceaner langsam zu erklären. Überheblich blickte er die beiden an. „Er befindet sich im Zentrum von Stockwerk acht bis zwölf. Dort liegt die Steuerung, der Kern, der Haupt-DNA-Speicher, der Beginn aller Versorgungsleitungen.“
„Also hat Jack möglicherweise von dort aus alles still gelegt“, schloss Sky.
Steven schüttelte den Kopf. „Nein. Nein, nein, nein. Es gibt keine manuelle Steuerung, um hinein zu gelangen. Ein Zugriff zu diesem Bereich ist nicht einmal über Gedankenübertragung möglich. Es wird der direkte Kontakt ocanischer DNA benötigt, wie bei der zentralen Informationskugel auf der Mara. Außerdem ist der Maschinenraum mit einem Kraftfeld gesichert, das jeden Nicht-Oca, sollte er sich darin aufhalten, tötet. Eine nette Absicherung, findet ihr nicht? Regt zum Stehlen an, oh ja.“
Sky verschränkte die Arme. „Das bedeutet, du könntest von dort aus die Geräte wieder zum Laufen bringen.“
Steven lachte hysterisch auf. „Nein“, sagte er dann ernst.
„Nein“, wiederholte Sky. „Und das bedeutet was?“
„Dass er keine Ahnung hat, wovon er spricht“, warf Gibbli ein.
„Ich bin kein Fehlersucher, Mädchen! Und ich bin kein Bauer. Ich bringe keine Dinge zum Laufen. Ich erkläre und erfinde die Theorie der physikalischen Möglichkeiten von Maschinen.“
„Aber ich kann es“, sagte Gibbli. „Wenn du mir erklärst, wie alles genau funktioniert, wird das sicher nicht lange dauern.“
Sky nickte. „Gut. Wir steigen hinab und ihr geht dort-“
„Nein, nein, nein, nein! Dummköpfe!“, unterbrach Steven den Kapitän. „Ihr seid so unwissend! Wie ich bereits sagte, es ist sinnlos.“
„Dann erkläre mir Dummkopf, was genau daran sinnlos ist!“
Steven zuckte mit den Schultern. „Die Maschinen laufen. Es ist nichts kaputt. Es muss nichts repariert werden.“
„Hier funktioniert nichts. Hier muss alles repariert werden!“, widersprach Sky.
„Genau! Nichts funktioniert, nichts, nichts, nichts, Kapitän. Keine elektromagnetische Übertragung mehr, egal welcher Art. Ob durch die Luft oder durch direkte Berührung ist nicht von Bedeutung.“
Plötzlich wurde Gibbli klar, was Steven meinte. „Das schließt den Zugangsmechanismus zum zentralen Maschinenraum mit ein. Wir kommen nicht rein.“
Sky fuhr sich nachdenklich mit einer Hand durch die Haare. „Na schön. Du wirst vorerst hier oben bleiben, Gibbli. Ich will den Zugang trotzdem sehen, Steven. Und wenn wir schon dabei sind, ich brauche einen Überblick über die Stadt. Zeige mir, wo sich was befindet“, befahl er.
Steven warf einen kurzen Blick auf Gibbli, der ihr unmissverständlich sagte, dass sie mit dem Spiel noch nicht durch waren. Dann brach er missmutig mit Sky in die unteren Stockwerke auf. Sehnsüchtig blickte Gibbli ihnen nach und dachte an all die Maschinen. Wie gerne würde sie in diese Zentrale hinein gelangen. Aber wenn nichts funktionierte, war das tatsächlich sinnlos. Gibbli sah sich um. Abyss schien ebenfalls verschwunden zu sein.
 
Gibbli stand am zentralen Platz zwischen den drei Häusern. Sie blickte zur Tür des dritten Gebäudes, die offen stand. Samantha saß drinnen am Boden und sprach leise. Offensichtlich hoffte sie, ihre Schwester könnte sie trotzdem verstehen, obwohl Bo noch immer bewusstlos war. Ein Stück blaue Haut lugte unter einer der Decken hervor, die der junge Mann vorhin mitgebracht hatte. Scheinbar hatten Samantha oder Nox sie damit zugedeckt. Jetzt saß der Tiefseemensch mit halb geschlossenen Augen vor der Luke, hinter der die Rampe weiter hinab in die unteren Stockwerke führte. Der Kapitän wollte dort immer jemanden haben, der den Zugang bewachte und nur Leute aus ihrer Crew einließ.
Gibbli nahm sich eine Frucht aus einem der beiden Säcke: Ein Apfel. Sie mochte seinen süßen Geschmack sehr gerne. In einer verrückten Unterrichtseinheit eines Geschichtskurses hatte ihnen die Lehrerin tatsächlich Bilder gezeigt, auf denen Äpfel nicht die typisch hellblaue Farbe aufwiesen, welche die heutigen Züchtungen besaßen. Angeblich waren sie früher grün und gelb und manchmal sogar rot gewesen. Gibbli biss hinein. Sie dachte kurz daran, sich wirklich noch einmal zu waschen, verwarf den Gedanken jedoch sofort wieder. Stattdessen ging sie langsam an dem Riss im Raum vorbei, in Richtung Rampe, die nach oben führte. Das Waschen am gestrigen Abend war schmerzhaft genug gewesen. Der Wasseraufbereiter, den dieser Djego laut Samanthas Worten vor zwei Tagen unter ihnen abgestellt hatte, reichte gerade aus, um sie mit Trinkwasser zu versorgen. Samantha hatte Gibbli erzählt, dass Bo gerade ihre Kleidung waschen wollte, als alles stecken blieb. Seitdem rann das Wasser im hinteren Raum des Gebäudes, in dem die Hybridenfrau jetzt lag. Und es ließ sich nicht mehr ausstellen. Unaufhörlich lief die Pumpe, die immer neuen Nachschub aus dem Meer irgendwo weit über ihnen bezog. Salzwasser, das höllisch gebrannt hatte auf Gibblis Rücken. Sie hatte fest die Zähne aufeinandergepresst, um nicht aufzuschreien, als es über die Wunde des eingebrannten Namens gelaufen war. Dabei sollten sie glücklich darüber sein, dass Bo gerade in diesem Moment das Wasser aufgedreht hatte. Denn wenn sie es nicht getan hätte, ständen sie jetzt völlig ohne Wasser da.
Während sie den Apfel aß, ließ Gibbli den Riss hinter sich und stieg die Rampe empor, über die Gebäude der letzten Etage. Auf der Plattform blieb sie wieder kurz stehen. Sie dachte, ein Geräusch gehört zu haben. Doch alles um sie herum wirkte wie ausgestorben. Weiter hinten stand eine Kiste am Rand der Vorrichtung des ausgeschalteten Portals. Gibbli erkannte sie sofort. Es handelte sich um das Ding, das der Kapitän immer mit sich herum geschleppt hatte. Letitias Sarg. Jemand hatte die Leiche des kleinen Mädchens wieder hinein gelegt und ihn verschlossen. Gibbli fragte sich, was Sky mit ihr anstellen würde. Die Colbspalte kam dafür sicher nicht mehr in Frage. Nicht, solange Jack mit seinen Soldaten ihnen am Fuß der Stadt auflauerte.
Sie ging zu den Säulen und schlenderte nach oben, am Geländer der Galerie entlang. Von hier aus konnte man weit über all die glänzenden Dächer der verschiedenen Stockwerke unter ihnen blicken. Alles wirkte ruhig und friedlich. Ihr fiel auf, dass einige Gänge von der kegelförmig angelegten Stadt aus mitten in die felsigen Wände hinein führten. Ob Sky ihr böse wäre, wenn sie einmal dort hinunter stieg und die verschiedenen Gebäude erkunden würde? Die Soldaten trauten sich schließlich laut Nox nur noch selten über die dritte Etage hinaus.
Plötzlich nahm Gibbli wieder eine Bewegung wahr. Stand da nicht jemand? Ja, dort drüben, auf der anderen Seite der Galerie, eine Gestalt! Ihr Herz fing an zu rasen, als sie glaubte, rostfarbene Locken zu erkennen. War das dieser Djego? Völlig erstarrt beobachtete sie, wie er bedacht am Geländer entlang schritt und auf sie zukam. Die Hände hatte er beide erhoben, als wollte er ihr zeigen, dass er keine Gefahr darstellte. Freundlich strahlte er sie an. Wahnsinn, dachte Gibbli, wie kann jemand nur so türkisfarbene Augen besitzen? Ihr Atem beschleunigte sich und nervös dachte sie daran, dass sie vielleicht nicht bewegungslos dastehen sollte. Bestimmt sah sie gerade ziemlich blöd aus. Ein paar Meter vor ihr blieb er stehen. Wie war er überhaupt hier hochgekommen, vorbei an Nox? Sky hatte gesagt, er war gut im Entdecken verborgener Dinge. Offensichtlich gehörten geheime Wege auch dazu. Verdammt, schoss es Gibbli durch den Kopf, dieser Djego durfte gar nicht hier sein! Und sie stand nur da und lieferte sich ihm schutzlos aus! Sie versuchte nicht einmal, ihr Messer aus dem Stiefel zu ziehen. Wie konnte man auch nur daran denken, so ein Gesicht wie das seine verletzen zu wollen? Nein, das ging nicht.
„Was … was … t-tust du hier?“, flüsterte Gibbli stotternd. Was für eine dämliche Frage, das hörte sich ja total fies an! Was würde er jetzt nur von ihr denken? Sie hatte ihm noch nicht mal ihren Namen genannt. Sie hätte sich ihm vorstellen sollen. Sicher konnte er sie nicht ausstehen!
„Beobachten“, flüsterte er zurück und legte einen Finger an seine Lippen. Es hörte sich mehr wie ein sanfter Hauch an als ein Flüstern.
„Mich?“
Djego schüttelte leicht den Kopf und seine Locken fielen ihm vor die Stirn. Er verzog den Mund kurz zu einem gequälten Lächeln. Irgendwie wirkte es bitter. Dann zeigte er hinab, auf die Plattform. Gibblis Blick folgte seiner Geste. Doch Djego stand auf der anderen Seite der Galerie am Geländer. Von hier aus konnte sie nicht sehen, auf was er deutete. Djego ging ein paar Meter zurück, dabei ließ er Gibbli nicht aus den Augen. Unsicher blickte sie ihn an. Dann trat Gibbli an das Geländer, an ihm vorbei, um auf die Seite hinab zu sehen, die sich hinter der Vorrichtung des Portals befand.
Sofort erkannte sie die blasse Gestalt, die dort unten stand: Abyss. Neben ihm lag seine Geige am Boden und der Dolch, Nu. Seinen alten Bogen hielt er fest umklammert. Plötzlich lockerten sich seine Finger und er ließ ihn fallen. Kein gutes Gefühl bei dem Gedanken, Djego länger als ein paar Sekunden unbeobachtet in ihrer Nähe zu wissen, blickte Gibbli wieder auf. Doch der junge Mann war verschwunden! Sie legte ihre Hände um die goldene Stange der Begrenzung und suchte verwirrt die Galerie ab. Sie konnte ihn nirgendwo entdecken.
„Scheißdreck!“, drang Abyss‘ Stimme zu ihr hoch, gefolgt von einem dumpfen Schlag. Hastig fuhr sie herum. Er hatte schreiend gegen seinen Geigenkoffer getreten, der jetzt quer über die Plattform flog. Krachend schlug das dunkle Holz ein paar Meter entfernt am Boden auf.
Gibbli durchfuhr ein Schaudern. Abyss hob den Kopf und sein bohrender Blick traf den ihren. Ihr Herz zog sich zusammen. Die Verzweiflung, die er ausstrahlte, fühlte sich an wie ein schwerer Stein, der sich in ihrem Hals manifestierte.
„Hey! Was treibst du da oben?“, fuhr er sie an. „Warst du schon wieder mit diesem goldenen Idioten unterwegs?“
Gibbli öffnete den Mund. „Ich …“ Sie brach ab. Sogar von hier oben konnte sie das Blut sehen, das von seiner Hand tropfte. Offensichtlich hatte er versucht zu spielen und dabei seine Wunde aufgerissen.
„Verdammt, jetzt komm endlich runter oder sag was, bevor ich hochkomme und die Worte aus dir raus prügle!“
Erschrocken zog sie die Luft ein.
Abyss schloss die Augen und wandte sich von ihr ab. „Ach, vergiss es“, knurrte er und ging unter der Vorrichtung hindurch, sodass sie ihn nicht mehr sehen konnte.
Für einen Moment starrte Gibbli auf seine Geige. Dann drehte sie sich um und lief die Galerie entlang, vorbei an den Säulen hinab. Als sie vor der Vorrichtung des Portals stand, ballte sie die Hände zu Fäusten. Unsicher hielt sie nach ihm Ausschau. Langsam ging sie zur Rampe, die nach unten führte. Dort saß er, oben beim Abgang, mit dem Rücken zu ihr. Mit einer fließenden Bewegung wickelte er Verband um seine rot getränkte Hand. Gibbli schluckte nervös und trat auf ihn zu. Sie setzte sich daneben, ein Stück versetzt über ihm, wo sich der Weg begann nach unten zu neigen. Ohne aufzublicken, zog Abyss den Verband fest. Gibbli ließ ihren Blick über die Dächer der Stadt schweifen. Unter ihnen, am Ende der Rampe, lag die kleine Gasse, die zum zentralen Platz des obersten Stockwerkes führte, mit den drei Gebäuden.
„Hey, ich … ich würde dich nie schlagen, das weißt du doch, oder? Ich will nicht so zu dir sein. Ich sollte es nicht. Vor allem jetzt nicht.“ Abyss lehnte sich zurück und stützte sich mit den Unterarmen am Boden ab. „Aber ich bin es.“
„Das ist mir egal“, sagte Gibbli. Ich mag dich trotzdem, dachte sie.
Er schloss für einen Moment die Augen. Er wirkte verletzt. Verwirrt blickte sie ihn von der Seite an. Hatte sie etwas Falsches gesagt?
„Ich weiß“, murmelte Abyss. „Und es macht mich wahnsinnig, dass es dir egal ist.“
„Ich meine, du musst nicht so tun, als wenn du nett wärst“, fügte sie hinzu und hatte sofort das Gefühl, es nur schlimmer zu machen.
Einige Minuten lang erwiderte er nichts und sie wünschte sich, er würde sie wenigstens ansehen. Er wirkte müde, als hätte er die ganze Nacht nicht geschlafen.
„Geht es … dir gut?“, fragte sie nach einer Weile. Seine Finger machten ihr Sorgen.
„Nein. Mir geht’s beschissen“, antwortete er langsam und Gibbli hatte das Gefühl, dass er von etwas ganz anderem redete als über seine Wunde. „Keine Sorge, ich … ich werde die Kontrolle nicht verlieren. Aber das ist jetzt auch nicht wichtig. Es sollte nicht wichtig sein.“
Gibbli runzelte die Stirn. „Was ist denn jetzt wichtig?“
„Na schön, hör zu. Es ist sinnlos, das länger hinauszuzögern. Es ändert nichts an der Tatsache und macht sie weder besser noch schlechter. Sky wollte es dir sagen. Aber er hat ein Talent dafür, mit tausend Worten zu verschweigen, was man mit einem einzigen Satz sagen könnte.“ Abyss drehte seinen Kopf zu ihr hin. „Ich mach’s kurz.“
Mit einem unbehaglichen Gefühl, was jetzt kam, beobachtete sie ihn. Er griff in eine Tasche seines Mantels, der neben ihm auf der Rampe lag und holte einen kleinen Informationsstecker hervor.
„Er enthielt zwei Nachrichten.“ Abyss streckte seine Hand aus.
Unsicher nahm Gibbli den Stecker und wog ihn in ihren Händen. Dann zog sie ihr EAG aus der Tasche. Sie zögerte einen Moment und schob dann den Stecker in den Schlitz. Auf dem Datenträger lag jedoch nur eine Datei.
„Wo ist die zweite Nachricht?“, fragte sie sofort.
„Sky hat sie gelöscht“, antwortete Abyss.
„Warum?“
„Stell mir bitte keine Fragen dazu.“
„Hast du sie gelesen?“
„Ja“
„Von wem war sie?“
„Von Jack.“
„Und was stand drin?“
„Vergiss, dass sie existiert hat.“
„Warum sagst du mir dann überhaupt, dass es zwei Nachrichten waren?“
Er zuckte mit den Schultern. „Lies die andere.“
Gibbli wollte ihn mit ihrer Neugierde nicht weiter verärgern und wählte die verbleibende Datei aus. Das Hologramm baute sich vor ihr auf. Für einen Augenblick erschrak sie. Es handelte sich weniger um eine Nachricht, sondern einen Zeitungsartikel. Sogar mit Bild. Auf diesem starrte ihr das dunkelhäutige Gesicht ihres Vaters entgegen. Gibbli begann zu lesen.
 
„Mooks – Warnstufe zwei noch immer aktiv. Die von den drei Führern angesetzten DNA Tests im gesamten Landmenschengebiet unter dem Meer sind abgeschlossen. Von der Hauptstadt aus werden erste Entwarnungen an die verschiedenen Städte geschickt. Wie uns der schulische Leiter der Meeresakademie, Markus Brummer, mitteilte, gab es lediglich eine Verhaftung. Der berühmte Grambold de Orange wies einen positiven Test auf oceanische DNA auf. Seine Frau wurde bei der Verhaftung getötet, als er sich mit Gewalt widersetzte. Das Urteil über de Orange wurde bereits vollstreckt. Unsere Quellen berichten, dass der oberste Flottenführer Jack Kranch die Hinrichtung persönlich beaufsichtigte. Wir freuen uns, euch mitteilen zu können, dass von de Orange keinerlei Gefahr mehr droht. Die Lage bleibt jedoch angespannt. Nach seiner Tochter Gibbli de Orange wird weiterhin gefahndet. Jegliche Hinweise auf ihren Verbleib sind sofort an die elitären Einheiten zu melden. Achtung, niemand sollte selbst versuchen, sie festzuhalten! Aufgrund ihrer Abstammung können wir davon ausgehen, dass sie gefährlich ist. Das Mädchen wurde zuletzt mit einer Gruppe Verbrecher gesehen, die von dem korrupten Kapitän Skarabäus Sky geführt wird. Mehr über Skys grausame Taten und seinem Verrat an unserem Volk, gibt es in der nächsten Ausgabe zu lesen. Die leitenden Ermittlungen führt James Light, ehemaliges Mitglied der obersten Flotteneinheit.
Alissa Kleinfeld, Chefredakteurin, 2. Bezirk, Mooks“

 
Ihr Kopf fühlte sich wie leer gefegt an und füllte sich von Sekunde zu Sekunde mit neuen Gedanken. Gibbli schaltete das EAG ab und steckte es in ihre Tasche. Sie wollte das dunkle Gesicht ihres Vaters nicht länger sehen. Was sollte sie jetzt tun? Was tat man normalerweise, wenn man so etwas las? Sollte sie weinen? Es kamen keine Tränen. Ihr fiel auf, dass Abyss sie prüfend musterte. Sollte sie lachen? Abyss mochte ihr Lachen. Vielleicht würde es ihm besser gehen, wenn sie lachte. Was Djego wohl von ihrem Lachen hielt? Schnell drückte sie die Gedanken an den Soldaten beiseite. Was hatte der jetzt in ihrem Kopf zu suchen?
„Hast du verstanden, was da drin steht?“, fragte Abyss.
Gibbli nickte.
„Deine Eltern sind tot.“
Sie erwiderte nichts darauf.
„Du wirst ebenfalls hingerichtet werden, wenn sie dich erwischen.“
„Ich hab’s verstanden.“
„Gut.“ Er wandte seinen Blick von ihr ab. „Wollte nur sicher geh’n.“
Gibbli verfolgte eine Gruppe Soldaten, die wie Ameisen viele Etagen unter ihnen am Rand der kegelförmigen Stadt eine Gasse entlang schritten.
„Abyss“, sagte sie nach einer Weile.
„Hm?“
„Kann ich dich etwas fragen?“
„Alles.“
„Warum magst du mein Lachen?“
Er kniff die Stirn zusammen und zwischen seinen Augenbrauen entstanden kleine Falten. Abyss‘ schräg gehaltener Kopf zeigte ihr, dass das eine Frage war, die er nach dem Lesen dieses Artikels von ihr wohl nicht erwartet hatte. Doch dann entspannte er sich und blickte sie offen an. Und Gibbli versank in seinen grauen Augen.
„Wenn du lachst, fühlt sich das an wie frei sein. Du trägst keine Maske, wie all die anderen. Du tust es mit deinem ganzen Gesicht, nicht nur mit deinem Mund. Du lachst mit den Augen, mit deinen Wangen, mit deiner Nase, mit jedem kleinsten Stück Haut. Und dein Blick wird so tief, als würdest du in mich reinschaun. Als wäre ich … bedeutend. Wichtig. Kein Niemand. Kein Junge mehr, der alles verloren hat und eigentlich gar nicht hierher gehört ins Meer. Sondern der Mann, der ich sein sollte.“
Gibbli blickte ihn überrascht an und wandte sich dann nachdenklich ab. Was für eine seltsame Erklärung. Wie konnte dieser riesige Kerl jemals denken, kein Mann zu sein?
„Vermisst du deine Eltern?“, fragte sie leise.
„Nein“, antwortete er bestimmt.
Sie streckte den Arm aus und fing eines der schwebenden Sonnenstücke ein. Die kalt glühende Lichtkugel leuchtete in ihren Handflächen wie ein kleiner Stern. Ob sie jemals echte Sterne am Himmel sehen würde?
„Ich vermisse meine auch nicht“, sagte Gibbli und versuchte, den Artikel aus ihrem Kopf zu verdrängen. Doch die Worte hallten darin wieder, als hätte sie jemand laut ausgesprochen. „Dieser Light, hat Sky nicht seinen Namen erwähnt?“
„James Light war Skys erster Offizier auf seinem Führungs-U-Boot“, bestätigte Abyss. „Aber Sky meinte, er steht auf unserer Seite. Wenn Light wirklich die Ermittlungen führt, haben wir keine Probleme.“
Wenn der Kapitän ihm vertraute, schien das zu stimmen. Kurz kam ihr der Mönch in den Sinn. Ihn vermisste Abyss sicher. Oder? Gibbli wollte ihn nicht fragen. Wieder dachte sie an Sky. Er war jetzt der einzige, der über sie noch bestimmen durfte. Er trug die Verantwortung. Nicht wie ein Vater, nein. Würden sie sich in der Eliteflotte befinden, wäre er so etwas wie ihr Vorgesetzter. Und dennoch, hier war er mehr als das. Er war derjenige, der sie alle zusammen hielt, wie der Kapitän einer dreckigen Piratenbande. Abgesehen von dem einen Punkt, der sie von Piraten unterschied: Sky war ehrlich. Er hatte von Anfang an klar gestellt, dass er nicht mit Kindern umgehen konnte, dass er sie nicht als Kind sah.
„Vielleicht fehlen sie mir doch ein wenig“, flüsterte Gibbli.
Ein paar Sekunden verstrichen.
„Wenn ich Geige spiele“, sagte Abyss nach einer Weile, „zerfließt jeder Schmerz zwischen den klaren und schrägen Tönen. Aber wenn du mich anlachst, dann vergesse ich alles. Selbst wenn es nur der Ansatz eines Lächelns ist.“
Sie hob den Kopf. In dem Moment kam ihr eine Idee, wie sie Abyss aufmuntern konnte. Was ihm fehlte, waren Finger. Abyss brauchte Finger. Das würde eine tolle Überraschung für ihn werden!
„Ja. Genau so, Gibbli.“ Mit entspannten Augenbrauen erwiderte er ihr Grinsen.


Dieser Blog ist werbefrei! Bestimme selbst, was dir meine Programme, Informationen, Geschichten und Tutorials wert sind.
Unterstütze mich, indem du meinen PayPal Account fütterst!
Damit hilfst du, wiederkehrende Serverkosten dieses Blogs abzudecken und Material zum Erstellen zukünftiger Artikel zu finanzieren. Vielen Dank! <3