Kapitel 6: Jacks größte Schwäche (Bis in die tiefsten Abgründe)

Als Abyss und Gibbli hinab stiegen, hörten sie die Stimmen der anderen schon von weitem. Sie hatten es sich mitten am zentralen Platz bequem gemacht. Steven diskutierte mit Sky. Die Umschnalltaschen und die Uniformjacke des Kapitäns lagen neben ihm. Aus den nassen Dreadlocks rannen ab und an ein paar Wassertropfen über seinen nackten Oberkörper. Offensichtlich hatte er sich gewaschen. Nox hockte nahe der Luke, die nach unten führte. Missmutig starrte er auf einen Teller von undefinierbarem Etwas, der vor ihm am Boden stand. Es war wohl weniger das Aussehen, das ihm daran nicht gefiel, sondern mehr die Tatsache, dass es sich nicht bewegte. Zwischen ihnen dampfte auf glühenden Metallbrocken ein großer Behälter vor sich hin. Sie traten näher. Bo lag neben dem Tiefseemenschen auf einer Decke und schlief.
„Sie war kurz wach“, sagte Samantha und reichte Gibbli eine Schüssel. „Hier. Es ist nicht besonders gut. Aber mehr war aus den Dingen, die Djego gebracht hat, nicht zu machen.“
Der Duft von zu lange gekochtem Gemüse trat in Gibblis Nase. Es roch wahnsinnig lecker! Abyss setzte sich mit einer Schüssel neben Sky und lehnte sich an eine der goldenen Maschinen.
„Seid ihr reingekommen?“, fragte Gibbli, als Steven verstummte.
Der Kapitän schüttelte grimmig den Kopf.
Gibbli bemerkte, wie der Oceaner sie mit zusammen gekniffenen Augen musterte. Er schien immer noch schlechte Laune zu haben und Gibbli war sich sicher, dass er ihr bei nächster Gelegenheit eine Aufgabe für dieses kranke Spiel stellen würde. Sie setzte sich möglichst weit weg von ihm, neben Abyss. Misstrauisch beobachtete sie Steven, als er wieder anfing, leise auf Sky einzureden. Sie bewunderte es, wie ruhig der Kapitän mit ihm sprach. Abyss wäre sicher längst ausgerastet. Gibbli lehnte sich an seinen Mantel, den er hinter ihr über eine Maschine geworfen hatte.
„Iss was“, sagte er, als ihre Blicke sich trafen. „Schmeckt gut.“
Ihr fiel auf, dass seine Schüssel schon fast leer war, während sie ihre noch immer voll in Händen hielt. Wieder sah er sie kurz an, wie er es immer tat, ließ sie nie lange aus den Augen. Gibblis Mundwinkel zuckten und eine Wärme stieg in ihr auf. Beruhigt atmete sie den aufsteigenden Geruch des Essens ein. Während sie langsam ein Stück Gemüse kaute, kam ihr ein Gedanke: Auf der Akademie gab es Küchen, in denen mehrmals täglich gekocht wurde und ihre Eltern hatten Bedienstete gehabt, die das erledigten. Gibbli hatte nie richtig auf Nahrung geachtet, es gab immer mehr als genug. Vielleicht sollten sie es sich hier besser einteilen. Die Wärme in ihr ließ plötzlich nach. Sie war sowieso zu dick, kam es ihr in den Sinn. Gibbli stellte die Schüssel neben sich auf den Boden.
„Möchtest du noch etwas?“, fragte Samantha.
Sie schüttelte den Kopf und betrachtete Bo. Ihre Haut schien etwas von dem bläulichen Schimmer verloren zu haben und wirkte jetzt eher matt und gräulich. Das Marahang an Bo’s Brust leuchtete nicht mehr. Beunruhigt suchte Gibbli Abyss‘ Blick. Entweder starrte er sie die ganze Zeit an oder er hatte zufällig denselben Zeitpunkt erwischt. Seine grauen Augen wirkten besorgt und sie fühlte sich ertappt, wobei auch immer. Schnell senkte sie den Kopf wieder. Samantha strich mit einer Hand über Bo’s Stirn. Gibbli fiel ein, dass auch die beiden Geschwister ihre Eltern verloren hatten. Sie erinnerte sich daran, wie stark Samantha geblieben war, als sie mit ansehen musste, wie ein Trümmerstück ihre Mutter getroffen hatte. Wenigstens war ihr Mörder nicht lebendig gewesen. Gibblis Hass auf Jack wuchs. Sie hörte, dass Steven seinen Namen erwähnte, und sah auf.
„Ich bin vorsichtig. Das bin ich immer, ja. Und wenn er mich erwischt, dann töte ich ihn. So einfach. Komm schon, er ist ein Verbrecher, Kapitän!“
„Nicht unbedingt, Steven. Für ihn sind wir die Verbrecher. Wahrscheinlich sind wir das wirklich. Jack hält sich schließlich an die Gesetze“, sagte Sky mit rauer Stimme.
Abyss neben ihr verschluckte sich an seinem Essen und hustete.
Der Kapitän blickte ihn an und schüttelte leicht den Kopf. Dann wandte er sich wieder dem Oceaner zu. „Nun, seine Interpretation der Gesetze.“
„Aber Jack macht diese lächerlichen Menschengesetze!“
„Du irrst, Steven. Dafür sah er sich nie zuständig. Ich habe die Gesetze geschrieben. Geändert. Formuliert. Jack segnete sie nur ab oder verwarf sie. So wie er andere für sich in den Kampf schickt. Jack redet. Jack befiehlt. Jack lässt töten. Er ist kein Mensch, der sich die Hände schmutzig macht. Jack ist gerne mit dabei, aber er macht nichts. Er lässt machen.“
„Ah, wie aufregend! In diesem Punkt ist er mir sympathisch. Der makellose Steven macht sich auch nicht gerne dreckig, nein das tut er nicht“, sagte der Oceaner.
Abyss musterte ihn düster, doch Sky fuhr unbeirrt fort: „Jack interpretierte sie immer möglichst so, dass er etwas fand, um mir zu widersprechen. Nicht um Gesetzeslücken auszunutzen, die ich dann wieder und wieder versuchte zu schließen. Was nicht leicht war, denn letztendlich brauchte ich seine Zustimmung dafür. Nein, Jack liebte es, Vorwände zu finden, Meinungen in denen wir nicht übereinstimmten, um darüber zu diskutieren, allein des Diskutierens wegen.“
„Wie die Ablehnung gegenüber Tiefseemenschen?“, fragte Samantha.
„Ja“, bestätigte Sky und sein Blick fiel auf Nox, dessen leuchtend orange Augen zu ihnen herüber starrten. „Ich bemühte mich, ihn davon zu überzeugen, dass sie nicht unsere Feinde sind. Und von Ocea.“ Der Kapitän legte seinen leeren Teller beiseite. „Tatsache ist, diese Stadt dient ihm als Mittel zum Zweck. Wäre ich nicht hier, würde er nie so viele Ressourcen aufwenden, so viel Mühe und Geld. Er würde nicht einmal im Traum daran denken, hier her zu kommen.“
„Wie meinst du das?“, fragte Steven verständnislos.
„Jack würde die Stadt von oben zerstören, Bomben herab werfen und sie aus der Geschichte heraus löschen. Für die Öffentlichkeit wäre sie dann nichts weiter als ein Mythos. Nicht existent.“
„Und das tut er nicht, weil du ein bedeutender Mann bist“, stellte Samantha fest.
„Das ist nicht sein Grund, nein. Aber in der Tat, meine Anwesenheit hier hat für die Menschen dort draußen immense Bedeutung.“
„Ach, so wichtig bist du doch nicht“, warf Abyss ein.
„Ich war sein Nachfolger. Ich war im Begriff der Anführer des gesamten Landmenschengebietes unter dem Meer zu werden.“
Abyss zuckte mit den Schultern. „Na schön, du warst wichtig. Aber jetzt bist du das nicht mehr. Du solltest es nicht mehr sein!“
Einen Moment schwieg der Kapitän. „So wie du?“
Gibbli wich alarmiert ein Stück zurück, als Abyss laut die Luft ausstieß.
„Mein Einfluss ist noch immer größer, als du denkst. Nicht nur auf ihn. Abyss, wenn in der Zeitung stehen würde, dass du Ocea finden willst, dann interessiert das niemanden. Dein Wort hat dort draußen kaum Gewicht. Nicht mehr“, fügte er hinzu. Gibbli fragte sich, was er damit andeuten wollte und warum er ihn überhaupt provozierte.
Die Schüssel in Abyss‘ Händen bebte. Sky musste sich des giftigen Blickes bewusst sein, den er ihm zuwarf. Doch der Kapitän sprach ruhig weiter.
„Die Leute würden denken, du seist nur ein weiterer Spinner, der sicher bald hinter Gitter landen wird. Aber das, was ich in der Öffentlichkeit sage, hinterlässt Spuren. Wenn ein Mann wie ich behauptet, dass die Stadt nicht nur existiert, sondern nützliche Technologien enthält, die es wert sind erforscht zu werden, wenn ich behaupten würde, diese Stadt sogar gefunden zu haben, dann bringt das die Leute nicht nur zum Nachdenken. Es erregt Aufsehen. Großes Aufsehen. Es wird ihren Widerstand wecken. Etwas, was Jack ganz und gar nicht gefallen wird.“
„Du treibst sie damit zu einer Entscheidung“, stellte Steven fest.
„Ja. Eine Wahl, die jeder für sich treffen muss. Für oder gegen das aktuelle Gesetz. Für mich, der die Gesetze gezwungenermaßen machte oder für Jack, der diese Gesetze mit Freuden absegnete. Wenn rauskommt, dass Jack und ich hier unten auf verschiedenen Seiten stehen, die beiden mächtigsten Männer im Landmenschengebiet, wird das die Bevölkerung auseinandertreiben. Das könnte zu einem Krieg führen. Nicht zwischen Rassen oder anderen Arten. Auch kein Krieg, an dem nur Soldaten beteiligt sind.“
„Ach komm“, sagte Abyss skeptisch. Offensichtlich hatte er sich wieder etwas beruhigt. „Wen interessiert das, abgesehen von den Soldaten, die euch folgen?“
Sky seufzte. „Du bist außerhalb unserer Gesellschaft aufgewachsen. Versetz dich in ihre Lage, Abyss.“
„Ein Bürgerkrieg“, sagte Gibbli leise.
„Ganz genau. Und Jack weiß das. Darum will er meine Anwesenheit hier unten so lange wie möglich geheim halten. Und nicht nur meine. Ich bin mir sicher, niemand dort oben weiß, wo sich ein Teil seiner Soldaten in diesem Moment aufhält. Nämlich mitten in der verbotenen Stadt Ocea.“
Abyss runzelte verständnislos die Stirn. „Wie soll bitte so was geheim bleiben?“
„Gar nicht. Wenn die Menschen dort oben erfahren, dass es Ocea tatsächlich noch gibt und ich Recht behalte, wird die Bevölkerung meinen Verrat anzweifeln. Jack zögert es nur hinaus. Das gibt ihm vielleicht ein paar Wochen. Es ist eine Frage der Zeit, bis es zum Krieg kommen wird, falls wir keine Einigung erzielen.“
Der Oceaner lachte auf. „Das beeindruckt mich, Mensch. Dir war von Anfang an klar, dass diese Meinungsverschiedenheit mit ihm dazu führen würde und du hast dennoch nach meiner Stadt gesucht. Was für ein tolles Ende. Der perfekte Abschluss, das gefällt mir. Eine letzte Schlacht.“
„Mein Ziel ist kein Krieg, Steven!“
„Bo erzählte mir von Letitia. Sie sagte, du hast wegen deiner Tochter nach Ocea gesucht“, warf Samantha ein. Gibblis Kopf fuhr herum. Sie hätte ihr nicht zugetraut, so etwas direkt vor dem Kapitän auszusprechen. Nein, verbesserte sie sich in Gedanken. Sie hätte sich selbst nicht getraut. Samantha war jemand anderes. Jemand den Gibbli eigentlich nicht richtig kannte und irgendwie doch.
„Am Anfang ja“, sagte Sky gelassen und lehnte sich zurück. „Bis ich merkte, dass es um viel mehr geht. Technologien zu verheimlichen, die uns voranbringen, die dazu führen, dass wir uns weiterentwickeln, das ist völlig absurd. Genauso wie es falsch ist, dass die Arten dieses Planeten noch immer gegeneinander kämpfen, wo es da draußen Wesen gibt, denen wir angesichts dieser Uneinigkeit hoffnungslos unterlegen sind. Wesen, die so viel weiter sind, so viel intelligenter als wir. Wesen, wie die wir einst sein könnten. Wir dürfen den Fortschritt nicht aufhalten. Ich bin davon überzeugt, dass diese Stadt die Völker auf diesem Planeten einen wird.“
„Und wie willst du das anstellen?“, fragte Samantha interessiert.
„Nun, es gibt zwei Wege.“
„So viele gleich“, warf Abyss sarkastisch ein.
„Schweig. Möglichkeit eins, wir machen uns zum Feind. Ocea, ein übermächtiger Gegner, für den sich alle Arten einen müssten, um ihn zu besiegen.“
„Netter Gedanke, Kapitän, oh ja. Ein Plan, der Jack sogar gefallen könnte“, sagte der Oceaner fröhlich.
„Ein Plan, der unseren Tod bedeuten würde und nein, Jack würde nicht darauf eingehen. Er würde sich nie mit den Meermenschen zusammenschließen. Selbst, wenn er es täte, dieser Weg würde ein Volk erschaffen, das auf andere herabsieht, ein Volk das Fremde als Feinde betrachtet und das nur auf weiteren Krieg aus ist. Darum verfolge ich Möglichkeit zwei.“
Alle blickten ihn fragend an.
„Ocea ist ein Tabu. Menschen waren schon immer von Natur aus neugierig. Und sie sind rebellisch genug, um unsinnige Vorschriften zu brechen. Wie das Gesetz der Landmenschen, das nicht erlaubt, sich mit oceanischen Dingen zu beschäftigen. In meiner Vision gibt es kein derartiges Gesetz der Landmenschen unter dem Meer mehr. Damit meine ich, es wird ein anderes geben. Das Gesetz eines geeinten Planeten. Eines, das für alle gilt, nicht nur für die Landmenschen. Das Gesetz, Wissen zu ehren. Keine lächerlichen Tabus mehr. Technologie wird für friedliche Zwecke eingesetzt, nicht für Krieg. Nicht von den Landmenschen, sondern von allen Arten. Das ist mein Ziel. Ocea wird als neutrale und leitende Basis dieses Planeten anerkannt werden. Doch das ist nur ein weiterer Schritt, der bald folgen wird. Ihr wart der erste.“
„Wir?“, fragte Steven.
„Eine Crew, auf die ich mich verlassen kann. Eine Gruppe von Individuen, bestehend aus verschiedenen Arten. Ein Vorbild dafür, dass eine derartige Vereinigung möglich ist.“
Gibbli musste unfreiwillig grinsen. „Vorbilder?“, flüsterte sie.
„Oh, ich bin das perfekte Vorbild“, sagte Abyss mit fester Überzeugung. Gibbli war sich nicht sicher, ob er das tatsächlich ernst meinte.
„Ich bin kein Teil dieser Gruppe“, murmelte Nox.
„Ich auch nicht“, sagte Samantha.
Steven jedoch betrachtete Sky mit einer Mischung aus Faszination und Neugierde. „Und mit Crew meinst du …?“ Er ließ den Satz unvollendet.
„Eine führende Organisation. Wir werden die neue Regierung dieses Planeten bilden.“
Ich will kein Teil einer Regierung sein, dachte Gibbli.
„Wir. Eine Regierung“, wiederholte Abyss ungläubig. „Mit dir als …?“
„Anführer“, bestätigte Sky.
Abyss wandte sich Steven zu. „Er ist größenwahnsinnig.“
Der Oceaner lachte kurz auf, doch im nächsten Moment wurde er wieder ernst. „Wir brauchen noch einen Hochseemenschen“, sagte er nur.
Abyss stieß einen überraschten Laut aus und hob in einer abwehrenden Geste einen Arm. Dabei blickte er Steven kopfschüttelnd an, als wäre dieser genauso wahnsinnig wie Sky. Eine Zeit lang sprach niemand und jeder hing seinen Gedanken nach. Gibbli war sich sicher, dass sie, so wie sie alle hier saßen, vor allem zueinanderstanden, niemals so etwas wie einen Zusammenschluss bilden konnten. Steven hasste Abyss. Abyss hasste Steven. Gibbli hasste Steven. Nox wollte jedes Lebewesen fressen, das nicht seiner Meinung war, er war nur wegen seiner Freundin hier, nicht wegen der Crew. Samantha war nur wenige Jahre älter als Gibbli und Sky hatte die junge Frau nie offiziell aufgenommen. Oder hatte Gibbli das verpasst? Und Bo lag hier neben ihnen, halb tot am Boden. Und da gab es noch etwas, was Gibbli nicht verstand. Nach einer Weile wagte sie es, das Schweigen zu brechen, und sprach ihre Gedanken laut aus.
„Wenn du nur etwas gewartet hättest, dann wärst du der Anführer aller Landmenschen geworden“, sagte sie langsam zu Sky. Gleichzeitig fühlte sie sich unbehaglich, als alle ihre Köpfe hoben und sie anblickten. „Du wärst an der Macht und hättest alles haben und bewirken können, was du dir wünschst.“
Der Kapitän lächelte. „So einfach hätte es sein können, ja. Wäre da nicht Jack gewesen. Jack hätte niemals zugelassen, dass ich je seinen Posten übernehme.“
Gibblis Blick fiel auf Abyss, der Sky nicht ansah und stattdessen abwesend wirkte, als würde ihn das Ganze nicht interessieren.
„Warum nicht?“, fragte Samantha.
„Weil Ocea gegen das Gesetz spricht. Ein Gesetz, das ich jahrelang versuchte abzuschaffen. Außerdem würde er niemals jemanden an die Macht lassen, der bereit ist, sich mit Meermenschen an einen Tisch zu setzen. Er wollte nie, dass ich sein Amt irgendwann übernehme.“
„Aber du bist, nein, warst der zweite Mann der Elite. Er ernannte dich zum Nachfolger. Menschen sind unlogisch“, sagte Steven.
Sky zögerte. „Es gibt einen Grund, warum er mich zu seinem Stellvertreter und Nachfolger machte.“
Alle starrten ihn an, gespannt darauf den Grund zu erfahren. Doch der Kapitän schwieg. Lediglich Abyss schien das Interesse verloren zu haben und holte sich aus dem dampfenden Behälter eine weitere Portion Gemüse. Dann setzte er sich wieder und fing konzentriert an zu Essen. Gibblis Blick fiel auf die goldenen Maschinen hinter ihnen. Maschinen, die Jack zerstören wollte.
„Bedeutet das“, flüsterte Gibbli mehr zu sich selbst, als an Sky gewandt, „dass er dich so hasst, dass der Dreckskerl diese Stadt zerstören würde, nur weil du sie erhalten möchtest?“
„Nein. Jack hasst mich nicht“, sagte Sky mit rauer Stimme. „Ich wünschte, er täte es.“ Er blickte über den zentralen Platz zwischen den drei Häusern und dann auf Abyss, der gerade in eine schuppige Flosse biss, die er aus seiner Schüssel mit undefinierbaren Stücken hervorgezogen hatte. „Das Gegenteil ist der Fall. Er will die Stadt nicht meinetwegen zerstören. Im Augenblick bleibt ihm nichts anderes übrig, als sie zu erhalten. Das Einzige was er im Moment nicht ausstehen kann, ist die Tatsache, dass ich mich in dieser Stadt befinde. Denn das zwingt ihn, sich mit Ocea zu beschäftigen. Einen Ort, mit dem er nichts zu tun haben möchte, den er am liebsten ausradieren würde.“
„Pahh!“ Steven kniff seine goldenen Augen zusammen. „Ich sagte es dir schon einmal: Du bist wirklich gut darin, Kapitän. Im nicht Lügen. Im Herumreden um Dinge, die du nicht aussprechen willst!“
Sky schloss die vernarbten Lieder über seinen schwarzen Augen.
„Vorhin bist du dieser Frage gut ausgewichen. Tanzt um sie herum, ohne dass sie es merken. Um es auf den Punkt zu bringen: Jack zerstört meine Stadt nicht, weil du hier bist.“ Steven grinste böse. „Also, warum, Kapitän? Warum tut er das nicht?“
Gibbli bemerkte, wie Abyss langsam den Kopf hob und den Oceaner drohend über die Schüssel hinweg anblickte. Doch Sky schwieg.
„Da unten steht dieser Irre“, fuhr Steven fort und fuchtelte selbst wie ein Irrer mit den Händen in der Luft herum, dann wandelte sich seine Stimme in etwas träumerisches, „mit seinen zauberhaften Soldaten und will uns zusammen mit MEINER Stadt vernichten. Dennoch tut er es nicht. Deinetwegen!“ Mit einem kalten Unterton fügte er hinzu: „Wenn unser sowieso nur noch kurz bemessenes Leben von deinem abhängt, Kapitän, verlange ich eine Antwort. Oh ja, das tue ich. Antworte!“
Abyss sprang ruckartig auf. Während seine Schüssel auf dem Metall aufschlug und sich das restliche Essen über den Boden verteilte, schrie er ihn an: „Halts Maul du blöder Goldklumpen! Halt dich da raus! Das geht dich einen Scheißdreck an!“
Gibbli wich erschrocken zurück. Samantha und Nox blickten sich genauso verwirrt an, wie Steven jetzt Abyss‘ wutverzerrte Miene betrachtete. Einzig Sky hatte sich nicht bewegt. Plötzlich hämmerte es an der Luke. Alle drehten sich zur Rampe, die nach unten führte.
„Ich nehme an, da kommt eure Antwort“, sagte der Kapitän ruhig. Er stand auf und zog in einer fließenden Bewegung seinen Strahler hervor.
Gibbli beobachtete, wie Steven seine Arme verschränkte und sitzen blieb, als wäre das alles nichts weiter als ein lustiges Theaterstück für ihn.
„Was ist los?“, fragte eine brüchige Stimme vom Boden aus. Bo war aufgewacht! Samantha kniete sich zu ihr hinab und flüsterte ihr etwas zu.
Abyss rempelte Gibbli an. Er zog das Messer aus ihrem Stiefel, packte ihre Hand und bog grob ihre Finger um den Griff. „Vergiss es nicht immer“, knurrte er.
Wieder hämmerte jemand an die Außenseite des Durchgangs. Sky nickte dem Tiefseemenschen zu, der direkt davor lauerte. Nox zog an dem Rad und öffnete die Luke.
„Wo steckt er?“ Sofort kam eine schlanke Gestalt hereingestürmt. Die aufgeweckte Frau rannte an Nox vorbei. Ihre langen Locken wehten wild in ihr Gesicht. Sie war alleine.
Der Kapitän ließ langsam seine Waffe sinken. Abyss trat misstrauisch einen Schritt zurück, steckte seine Messer jedoch nicht beiseite.
„SKY! DU BIST WAHNSINNIG!“, schrie die Frau und blieb vor ihnen stehen.
„Das hast du mich öfter wissen lassen, als es Boote in meiner Flotte gab. Ich nehme an, mir dies mitzuteilen, ist nicht der Grund deiner Anwesenheit“, sagte der Kapitän tonlos. „Sei gegrüßt, Dessert.“ Er trat einen Schritt auf sie zu.
„ICH-“ Sie brach ab und starrte auf seine nackte Brust.
Sky zog die Augenbrauen hoch. „Ja? Du?“
„Wo … wo ist deine Uniform?“, fragte sie erzürnt. Gibbli hatte plötzlich das Gefühl, Zeuge eines Gespräches zu werden, das sie gar nichts anging.
Sky lächelte. „Wie du sicher bemerkt hast, gehöre ich nicht mehr der Elite an. Eure Kleidungsvorschriften kümmern mich nicht mehr.“
„Verflucht, das meinte ich nicht! Diese ganzen Wunden! Die Narben! Wie ist das passiert? WER WAR DAS?“
Sky betrachtete sie berechnend. „Du weißt genau, wer dafür die Verantwortung trägt.“
Dessert schüttelte den Kopf. „Nein.“
Skys Mundwinkel zuckten für eine Sekunde nach oben. „Du solltest vorsichtig sein. Du weißt nicht, wozu er fähig ist.“
„Jack würde mir so etwas nie antun!“
„Jack liebt dich nicht, Dessert.“
„Wie kannst du es wagen, so etwas zu behaupten! Du hast keine Ahnung!“
Sky hob schulterzuckend die Arme. „Geh und frag ihn.“
„Du bist doch nur eifersüchtig, weil er hat, was du nicht halten konntest!“, fuhr Dessert ihn an.
Sky verzog keine Miene. „Es berührt mich nicht im Geringsten, dass du jetzt mit ihm zusammen bist. Im Gegenteil, ich empfinde Mitleid mit dir.“
„Mitleid? Jack ist mein Ehemann!“
„Da täuschst du dich gewaltig“, sagte Sky ruhig. „Was glaubst du, warum er noch nicht angegriffen hat? Was glaubst du, warum ich noch lebe, warum er mich damals lediglich rauswarf, wo er jedem anderen auf der Stelle die Arme abgehackt hätte?“
„Du warst nicht nur Flottenführer, du warst sein Stellvertreter! Sky, sein Nachfolger! Du warst berühmt, du warst angesehen. Alle Landmenschen liebten dich! Darum ließ er Gnade vor Recht-“
„Nicht darum.“ Skys Tonfall wurde feindseliger. „Kein Posten dieser Welt würde Jack davon abhalten, gegen die Gesetze zu verstoßen. Er liebt es, Lücken zu finden, aber würde nie gegen sie handeln. Ich versichere dir, stünde ein anderer an meiner Stelle, wären wir längst alle Geschichte.“
„Du arroganter Bastard! Du kennst ihn nicht!“
Sky fletschte die Zähne. „ICH kenne ihn besser, als jeder andere dieses Planeten ihn kennt!“ Er hielt kurz inne. „Jack ließ mich nur aus einem Grund am Leben.“
„Nein“, flüsterte Dessert.
„Doch.“
„NEIN!“, schrie sie ihn an.
„Du kennst die Antwort, auch wenn du sie nicht wahrhaben willst!“
Dessert schüttelte abwehrend den Kopf.
„Warum?“, fragte plötzlich Bo mit schwacher Stimme vom Boden aus.
Sky zögerte einen Moment, blickte kurz zu Bo und dann wieder zu Dessert. „Weil ich es bin, den er begehrt.“
Gibbli wäre beinahe das Messer aus der Hand gefallen. Ein Gefühl der Erkenntnis überkam sie. Bei der Befragung in Dr. Fenchels Büro war Jack nicht so versessen darauf gewesen, ihr nahe zu kommen, wie andere es ständig versuchten. Er wollte nur Informationen. Gibblis Blick streifte Steven, der aussah, als stände er kurz davor, begeistert Beifall zu klatschen und dann zu Abyss. Erstaunt öffnete sie den Mund. Abyss war absolut ruhig geblieben und wirkte keineswegs überrascht. Er drehte ihr den Kopf zu. ‚Du hast das gewusst?‘, formte sie lautlos mit den Lippen. Abyss schluckte, sagte jedoch nichts und blickte wieder zu Sky und seiner Ex-Frau.
„Jack ernannte mich zu seinem Stellvertreter und Nachfolger, um mich in seiner Nähe zu haben!“
„Nein. Nein, nein, nein“, flüsterte Dessert immer wieder. Dann sah sie feindselig auf. „Jack ist wütend auf dich, er ist … enttäuscht von dir! Du hast gegen alle Gesetze verstoßen! Er muss dich beseitigen! Wie kann er dich begehren? DU BIST EIN LÜGNER!“
Sky musterte sie mitleidig. „Natürlich ist er wütend auf mich. Seine große Liebe hält sich nicht an seine Regeln und er kann nichts dagegen tun. Er kann mich nur anschreien, kann mir drohen, er kann mich foltern. Aber er würde es nicht wagen, mich zu töten. Niemals. Denn das würde bedeuten, dass ich endgültig für ihn verloren wäre.“
„Ich glaube dir nicht! Jack steht da unten, versammelt mit einem Großteil der Flotte und greift nicht an, weil er dich … liebt? Warum ist er dann überhaupt hier, wenn er gar nicht vor hat, gegen dich zu kämpfen?“
„Sag du es mir, du bist immerhin seine … wie immer man das … nennen mag.“
„Das passiert nicht wirklich. Nicht schon wieder. Nicht …“
„Dessert“, sagte Sky besänftigend.
„Ich … ich …“
„Ich sage es dir, warum er dort unten abwartet. Weil er verzweifelt ist. Weil er seinen verblendeten Kopf durchsetzen will. Er will es nicht begreifen.“
Dessert blickte ihn völlig aufgelöst an. „Begreifen? Was denn begreifen?“
„Dass ich nicht auf Kerle stehe.“
Abyss schnaubte verächtlich, als würde er ihm nicht glauben.
„Und schon gar nicht auf ihn“, fuhr Sky fort, ohne ihn zu beachten. „Ich sagte nie, dass Jacks Liebe zu mir auf Gegenseitigkeit beruht.“
Das hier war also nicht der Grund, warum Sky ebenfalls nie auf sie reagierte, wie andere es auf Oceaner taten. Und das, obwohl er mit ihr zusammen im Gefängnis gesessen, Gibbli sogar berührt hatte. Wahrscheinlich war er einfach stärker. Kalt und emotionslos stand er immer etwas über allen Dingen.
„Ich mochte Jack noch nie. Und du sagtest noch immer nicht, warum du hier bist“, fuhr er ruhig fort.
Dessert wirkte aufgrund der Neuigkeit über Jack noch immer aus dem Konzept gebracht. „Ich wollte … ich meine … Ich wollte herausfinden, was du vor hast!“
„Du lügst“, knurrte Sky.
„Er wird euch alle umbringen!“
„Du hast es nicht verstanden. Aber du wirst es noch begreifen. Nun gut. Geh. Du kannst meinetwegen zurückkommen, wenn dir wieder einfällt, warum du mich sprechen wolltest. Und was mein Vorhaben betrifft, richte deinem Jack aus, dass ich vorhabe, die Weltherrschaft an mich zu reißen.“
Steven klatsche breit grinsend seine Hände aufeinander und starrte den Kapitän bewundernd an.
„Du bist wahnsinnig“, flüsterte Dessert. Ihre Miene sagte eindeutig, dass sie ihn nicht ernst nahm.
„Das bin ich.“
Sie wandte sich von ihm ab, Richtung Luke, und hielt wieder inne. „Ich … ich werde ihm gar nichts ausrichten. Jack weiß nicht, dass ich hier bin.“ Dessert zögerte, dann fragte sie flüsternd: „Wo ist sie, Sky? Wo ist meine Tochter?“
Er schüttelte langsam den Kopf. „Es hat nicht funktioniert.“
Dessert verzog ihren Mund zu einem schmalen Strich und schloss gequält die Augen. Mit einer Mischung aus Wut und Enttäuschung ballte sie die Hände zu Fäusten.
„Komm nicht wieder“, sagte Sky.
Sie drehte sich um und schritt auf die Luke zu, ohne noch einmal aufzusehen.
„Und sprich Jack nicht darauf an!“, rief Sky ihr nach. „Bring dich nicht weiter in Gefahr“, fügte er leise hinzu, während Nox den Durchgang verschloss.
„Wir sind hier also nicht sicher. Nur du bist es“, flüsterte Samantha. Sie hielt Bo’s Hand, die offenbar wieder eingeschlafen war. „Er wird nicht locker lassen, bis er kriegt, was er will.“
„Jack befolgt die Gesetze“, sagte Sky. „Er wird ein paar Versuche starten, mich auf seine Seite zu ziehen. Doch irgendwann wird er zugeben müssen, was er bereits weiß: Dass ich niemals nachgeben werde. Früher oder später wird er sich etwas überlegen, um die Stadt dennoch zu zerstören. Und euch. Doch solange er Hoffnung hegt, dass er mit mir verhandeln könnte, solange sollte er mich in Ocea wissen. Denn meine Anwesenheit hier ist der einzige Grund, der ihn davon abhält hier alles zu sprengen.“
„Wie fies“, sagte Steven anerkennend. „Du nutzt seine Liebe aus. Oh, das mag ich, Kapitän!“
„Reiz mich nicht!“, Sky wandte sich ihm zu. „Ich werde dich auf eine Mission schicken.“
„Eine Mission? Mich? Hervorragend! Ja! Ja! Wohin?“
„Abyss wird dich begleiten.“
Stevens Grinsen gefror.
„Bist du irre?“, fuhr Abyss Sky empört an. „Ich geh nicht mit diesem hirnlosen Arsch!“
Gibbli stimmte ihm im Stillen zu. Das war wirklich keine gute Idee. Die beiden würden sich gegenseitig umbringen!
„Du wirst“, befahl Sky knapp.
„Nein, verdammt!“, rief Abyss aufgebracht.
Sky trat einen Schritt auf ihn zu und Abyss verstummte.
„Abyss, diese Technologie zu erforschen und Oceas Existenz in die Öffentlichkeit zu rücken, ist von großer Bedeutung und wir müssen das gut vorbereiten. Alles, was hier unten geschieht, unterliegt strengster Geheimhaltung und Jack wird sich hüten, ein Wort davon in der Öffentlichkeit zu erwähnen. Wir werden genau das tun.“
„Aber das wird doch sowieso irgendwann von allein passieren“, protestierte Abyss.
„Und du sagtest vorhin, das würde …“, Steven fing wieder an, genüsslich zu grinsen, „… das würde einen Krieg auslösen.“
„Nicht, wenn wir davor genug Menschen auf unsere Seite ziehen. Wir veröffentlichen das ja nicht sofort. In diesem Punkt ist unser Weg mit dem von Jack der gleiche. So lange Ocea noch geheim bleibt, haben wir Zeit.“
„Und was hast du in dieser Zeit vor?“, fragte Abyss misstrauisch.
„Die Landmenschen werden uns folgen, wenn sie erkennen, wie viele wir sind. Und sobald Jack alleine da steht, wird er einsehen müssen, dass es keinen Sinn mehr macht, sich gegen uns zu stellen.“
„Wie viele?“ Steven schüttelte den Kopf. „Kannst du nicht zählen, Mensch? Wir sind sieben!“
„Die Meermenschen“, sagte Gibbli leise, die plötzlich erkannte, was der Kapitän vor hatte.
„Ja.“ Sky nickte dem Oceaner zu. „Ihr werdet zu ihnen reisen und ihnen eine Botschaft von mir überbringen. Nox, du wirst denselben Auftrag erhalten. Wir brauchen die Hochseemenschen und die Tiefseemenschen.“
Nox starrte ihn düster an. Im ersten Moment wirkte er, als würde er ablehnen, dann krächzte er langsam: „Aber das nicht einfachwird.“
„Nimm Bo mit. Möglicherweise funktioniert das Marahang etwas weiter weg von hier wieder.“
„Sinnlos“, warf Abyss ein.
„Erkläre mir, was genau du daran als sinnlos erachtest“, forderte Sky ihn auf.
Abyss zuckte mit den Schultern. „Na, einfach alles.“
„Das ist keine Erklärung. Ich gebe dir einen direkten Befehl und du wirst ihn ausführen.“
Abyss schüttelte den Kopf. „Schön, angenommen, es funktioniert und wir überzeugen die Meermenschen, was ich bezweifle. Was dann? Wie willst du die Landmenschen bestechen, die jahrelang ihren Angriffen ausgesetzt waren? Die Familien und Freunde durch sie verloren! Willst du dich mit einem Megafon auf die Straßen stellen und sie missionieren wie ein geisteskranker Sektenführer?“
„Man muss nicht schreien, um gehört zu werden. Es reicht, zur richtigen Zeit das Rechte zu sagen“, antwortete Sky ruhig. „Die Nachrichtenfirmen werden es bis ins letzte Eck verbreiten. Nicht jeder ist gegen die Meermenschen. Die Landmenschen wissen, dass die anderen, genauso wie sie, vieles verloren haben durch unsere Flotten. In einem Krieg gibt es niemals Sieger und die Menschen werden das erkennen. Wer gewinnt oder verliert, hat in einem solchen Kampf keine Bedeutung, denn die Gewinner sind genauso schuldig des Mordes. Es ist vollkommen sinnlos, sich gegenseitig abzuschlachten. Das muss enden! Mein Einfluss ist groß und ich werde die Landmenschen davon überzeugen, mit Worten, Abyss. Und um deren Macht solltest gerade du am besten wissen.“
Abyss schwieg. Dann sagte er: „Hm. Mit den Tiefsee- und Hochseemenschen zusammen wären wir ganz nebenbei in der Überzahl.“
„Das klappt nicht. Egal was wir tun, wir müssten erst an Jack vorbei“, gab Samantha zu bedenken. „Es gibt keinen Weg aus der Stadt heraus. Wir sind hier gefangen.“
„Das ist nicht richtig. Erzähle ihnen, was du mir vorhin gezeigt hast“, befahl Sky an Steven gewandt.
Der Oceaner richtete sich auf. „Es ist möglich, über die Andockstelle der Mara zu tauchen. Tiefseemenschen halten den Druck dort aus. Sie liegt etwas außerhalb der Stadt, mitten im Gestein und führt über ein Höhlensystem hoch durch den Meeresboden.“
„Warte“, knurrte Abyss, „es gibt einen Zugang für die Mara?“
„Wir hätten mit der Mara direkt hier her tauchen können?“, fragte Gibbli mit zusammen gebissenen Zähnen. Sie hätten sich gar nicht über den Zentrumsturm zu diesem Aufzug durchkämpfen müssen!
„Klar, mein Schatz.“ Der Oceaner zuckte mit den Schultern. „Außerdem gibt es Rettungskapseln. Von der Stadt aus führen mehrere Stege in den Felsen hinein. Ein paar Stockwerke unter uns liegt einer davon. Diese Übergänge gehen zu jeweils fünf Kapseln, mit denen man sich durch das Gestein nach oben schießen kann. Sie sind nicht steuerbar und die Wucht ist stark, aber die Strecke genau berechnet. Sie landen direkt auf einer tropischen Insel über dem Ozean.“ Während er sprach, wurde seine Stimme schwärmerischer, dafür Abyss‘ Miene immer zorniger. „Eine wundervolle Insel! Es ist traumhaft dort, Mädchen! Es gibt feinsten Sand, saftig grüne Palmen und singende, fliegende Wesen, könnt ihr euch das vorstellen?“ Steven fuhr mit den Armen weit in die Luft. „So winzige, bunte Tierchen. Man kann ihnen sprechen beibringen. Natürlich sind sie dumm, aber sie plappern alles nach, was man ihnen sagt! Und die Luft erst, sie duftet nach süßen Früchten! Oh, ich liebe dieses kleine Stück Land.“
„Du verdammter Mistkerl setzt uns tausenden von Soldaten aus, lässt uns in die Gefängnisse der Akademie einbrechen und von diesem Clown foltern, um uns jetzt zu erzählen, dass es einen geheimen ZUGANG FÜR DIE MARA GEGEBEN HÄTTE?“, donnerte Abyss‘ Stimme über den zentralen Platz.
Steven grinste gequält und blickte ihn gespielt unsicher an. „Es war sehr amüsant, euch zuzusehen?“
„Du bist tot.“ Abyss griff nach einem seiner Messer.
Sky packte wie beiläufig seinen Arm und zog ihn von dem Oceaner weg. „Nox, nimm Bo mit. Ihr schwimmt durch die Andockstelle der Mara. Ich zeige euch den Zugang. Anschließend werden wir diesen Streit hier endgültig klären. Nein, Abyss, du wirst ihn nicht skalpieren, ihr beide werdet die Rettungskapseln nehmen und euch dann auf den Weg zu den Meermenschen begeben.“
Abyss blickte den Kapitän fassungslos an, riss sich dann von ihm los und machte auf der Stelle kehrt. Fluchend verschwand er in dem Raum hinter Cora.
Gibbli fragte sich, an welcher Stelle sie selbst in diesem Plan mitspielen würde. Und was sollte Samantha machen, die jetzt leise mit Nox diskutierte? Anscheinend wollte der Tiefseemensch nicht, dass sie ihn begleitete. Das war ja auch gar nicht möglich, wegen des hohen Drucks in der Andockstelle. In dieser Tiefe konnte man nicht einmal mit einem Tiefsee-Druckanzug tauchen.


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Kapitel 5: Schlechte Nachrichten (Bis in die tiefsten Abgründe)

Ein paar Stunden später schreckte Gibbli hoch. Stevens Stimme erklang schrill in ihren Ohren: „Hey! Kapitän! Dein Partygast ist daha!“
„Setzen wir ihm eine Narrenkappe auf und schubsen ihn dann hinter dem Gebäude runter“, murmelte Abyss, während er sich mürrisch aufsetzte. „Platsch. Ein goldener Fleck auf goldenem Boden. Niemand würde ihn finden.“
Er schüttelte seinen Kopf, um wach zu werden, was seine Haare zerzauster wirken ließ als zuvor sowieso schon. Irrte sich Gibbli oder sah er sie irgendwie seltsam an? Wo war sein sonst so hingebungsvoller Blick abgeblieben? Sie drehte sich beunruhigt um. Sky stand schon. Achtung gebietend zog er seine Uniformjacke zurecht und band die Dreadlocks ordentlich nach hinten.
„Bleibt hier.“ Der Kapitän holte seinen Strahler aus der Umschnalltasche. Dann verließ er erhobenen Hauptes den Raum.
Während Abyss sitzen blieb und nach seinem Mantel griff, auf dem Sky geschlafen hatte, trat Gibbli leise zum Eingang. Sie versuchte zu erkennen, was draußen auf dem Zentrumsplatz vor sich ging. Hinten, beim anderen Gebäude, befand sich noch immer der Riss. War er größer geworden? Nein, sicher täuschte sie sich. Gegenüber, bei der Rampe erblickte sie Steven und Nox. Und noch jemand stand dabei, mit dem Rücken zu ihr. Dieser Jemand sah recht locker aus, wie er gemütlich ein paar verschlissene Decken auf den Armen balancierte, sowie zwei große Säcke, als wäre alles, was er anfasste, ein Kinderspiel. Er ließ sie achtlos fallen. Mit dumpfen Schlägen landeten die Säcke auf den am Boden verteilten Splitterstücken. Jetzt drehte er sich etwas und Gibbli konnte sein Gesicht erkennen. Verstohlen beobachtete sie den Neuankömmling. Der junge Mann trug kurze Locken in der Farbe von rostigem Eisen und einen kleinen Bart am Kinn sowie über dem Mund. Seine Form zeugte davon, dass er gerne und viel aß. Doch er wirkte nicht dick, eher etwas stämmig.
Nox zog einen Fisch aus einem der Säcke. „Was soll das?“, krächzte der Tiefseemensch empört. „Völlig ungenießbar! Die sind tot, alle!“
„Das sind sie. Tot. Landmenschen essen keine lebenden Wesen.“ Seine Stimme klang leicht.
Er hob abwehrend den Arm, der in einem weißen Leinenhemd steckte, als Nox die orangen Augen zu Schlitzen verzog. Die Haut des Fremden erschien dunkler, als sie eigentlich sein sollte, so als hätte sie sich verfärbt. Das kannte Gibbli nur von Menschen, die behaupteten, sich oft an der Oberfläche aufzuhalten. Über dem Wasser! Wie es dort wohl aussah? Dieses braun gebrannte Gesicht brachte sie zum Träumen. Sie stellte sich die unendliche Menge an Luft vor, die es an Land geben musste und Licht. Nicht wie auf der Nachtseite von Oca. In Gedanken hatte sie den Planeten der Mog so getauft. Immerhin gehörte er einst auch den Oceanern und Steven bezeichnete so ihre Vorfahren. Nox hob den Kopf, als er Sky bemerkte. Dieser schritt mit erhobener Waffe vom Haus aus an Steven vorbei auf sie zu. Der Tiefseemensch warf den Fisch zurück in den Sack und trat ein paar Schritte zurück, um nicht in der Schussbahn zu stehen. Der fremde Mann blickte hoch. Er hatte ebenfalls den Klang wahrgenommen, den die Kampfstiefel verursachten, als sie auf den goldenen Metalluntergrund trafen. Stiefel, die auch er selbst trug. Entschlossen streckte er seine Brust heraus und ging direkt auf Sky zu. Der Gang des Neuankömmlings war stramm und bedacht, als wäre er stolz auf jeden einzelnen Schritt, den er tat. Stevens sehnige Beine wirkten neben ihm fast dünn. Dennoch erschien der junge Mann keineswegs unsportlich.
„Cervantes Djego“, sagte Sky langsam.
„Kapitän! Ich freue mich. Endlich!“ Er warf einen kurzen Blick auf den Strahler und sprach dann lauter, als würde er seine Angst überspielen. „Ich überbringe eine Nachricht.“
„Ich nehme an von Jack.“
„Von Jack? Nein, nicht von ihm. Nun, das auch, aber da gibt es noch etwas anderes.“ Djegos Blick wanderte wieder auf die Mündung von Skys Waffe. Dieser zielte noch immer direkt auf seine Stirn. „Bitte, ihr habt von mir nichts zu befürchten.“
Sky ignorierte seine Worte und verharrte bewegungslos. „Sprich!“, verlangte er.
„Ich bin auf deiner Seite!“, rief Djego. „Ihr habt meine Unterstützung, Kapitän. Und ich bin nicht alleine. Es gibt viele aus der Flotte, die Jacks Ansichten nicht teilen. Wir wollen nicht, dass Jack die Stadt zerstört.“
„Gib mir einen Grund, deinen Worten zu trauen.“
Djego dachte kurz nach. „Du solltest meinen Worten trauen, weil wir unter dir standen und noch immer stehen. Jack mag der erste Mann der Flotte sein, aber du warst … bist unser Kapitän.“
„Ich erinnere mich an dich. Du warst der Neue. Ich wählte dich aus, weil du nützlich warst. Du hattest erst drei Monate in meiner Crew verbracht, als ich gefeuert wurde.“
„Ja, drei Monate. Und ich kann euch wieder von Nutzen sein, Kapitän. Ihr wollt etwas wissen? Ich sage es euch. Ich finde alles heraus. Und das Beste, Jack vertraut mir.“
„Erzähle mir mehr.“
„Natürlich, Kapitän. Ich erzähle dir gerne mehr. Fast deine komplette, ehemalige Crew steht geschlossen hinter dir.“ Djego hielt kurz inne. „Nun, nicht die 200 Boote, die du damals befehligt hast. Aber alle Frauen und Männer des Führungsbootes, die noch übrig sind.“
„Wenn das so ist, möchte ich mit dem neuen Führer das weitere Vorgehen besprechen. Nenne mir den Namen“, verlangte Sky.
„Gut, den nenne ich dir. Es ist Dana Dixland. Ich werde ihr über unser Treffen berichten und sie mitbringen. Und vielleicht“, fügte er bittend hinzu, „könnten wir dann ohne Waffen miteinander sprechen.“
„Dana Dixland. Ich hätte erwartet, es wird James Light. Dixland ist zu jung, zu unerfahren.“
„Ja, in der Tat.“ Djego hielt inne und dachte nach. „Doch Light hat gekündigt, nachdem du gegangen warst. Kapitän, ich sollte jetzt nicht so lange hierbleiben. Jack erwartet mich. Er wird sonst misstrauisch. Ich musste noch heimlich für euch diese ganzen Dinge besorgen“, er nickte zu den Decken und den Säcken hinüber. „Darf ich gehen?“
Sky überlegte kurz. Gibbli war nicht entgangen, dass er seine Waffe für keinen Moment gesenkt hatte. Offenbar war er sich nicht sicher, ob man dem jungen Mann trauen konnte. Sie beobachtete Djego. Er schien Respekt vor dem Strahler zu haben und blickte diesen immer wieder verunsichert an. Es kam ihr auch ein wenig seltsam vor, wie er sprach, immer wieder innehielt und Dinge wiederholte, die Sky bereits gesagt hatte, als würde er manchmal Zeit schinden wollen. Djegos Blick wanderte jetzt an dem Kapitän vorbei zum Eingang des Raumes, an dem Gibbli stand und er streifte den ihren. Für einen Moment, der sich plötzlich in ein Stück Ewigkeit verwandelte. Warum sah er sie nur so lange an? Ein Kribbeln breitete sich in ihrem Bauch aus. Ungewöhnlicherweise schaffte es Gibbli, seinem Blick standzuhalten. Sie zuckte zusammen, als sie plötzlich Abyss‘ kraftvolle Hand auf ihren Schultern spürte. Er schien sie ein Stück zurückziehen zu wollen, in das Gebäude hinein. Doch Gibbli blieb stehen. Die strahlenden Augen von Djego schienen sie anzuziehen. Waren sie grün oder türkis? Aus der Entfernung konnte sie es nicht genau erkennen.
„Sage mir erst, warum Jack dich schickte“, verlangte Sky in seiner befehlenden Art.
Für einige Sekunden dachte Gibbli, er würde nicht antworten. Doch dann wandte Djego den Blick von ihr ab und schenkte Sky seine volle Aufmerksamkeit. Langsam und bedacht öffnete er den Mund. „Warum? Jack schickte mich, um euch etwas zu bringen. Ich habe es hier, in meiner Tasche. Ich hole es heraus. Ist das in Ordnung?“
Sky stimmte zu. „Langsam.“
Djego zog ein zylinderförmiges Gerät aus seiner Uniform und warf es dem Kapitän zu. Dieser fing den Informationsstecker mit der freien Hand auf, ohne den Blick dabei von dem jungen Mann abzuwenden.
„Geh und berichte Dixland. Und sag Jack, ich werde das hier lesen“, befahl der Kapitän.
„Das mache ich.“ Wieder sah Djego an Sky vorbei Gibbli direkt an. Er verzog seinen Mund zu einem breiten Lächeln.
Es fühlte sich an, als würde Gibbli plötzlich ein Stück emporschweben. Ungewollt zogen sich ihre Mundwinkel für einen kurzen Augenblick ebenfalls nach oben. Dann wandte sich Djego ohne einen weiteren Blick auf Sky von ihnen ab und ging sicheren Schrittes auf die Rampe zu, die nach unten führte. Nox drehte an einem runden Steuerrad und verriegelte den Durchgang hinter Djego. Das Geräusch des Einrastens der Luke gab ihr das Gefühl aufzuwachen. Ein wenig durcheinander sah sich Gibbli nach Abyss um. Sie hatte nicht bemerkt, als seine Hand von ihrer Schulter verschwunden war. Er rauschte eilig an ihr vorbei und stieg über Cora hinweg nach draußen. Gibbli hob ihre Werkzeugtaschen auf und band sie an ihren Oberschenkeln fest. Dieser dämliche Oceaner war nachts irgendwann vorbeigekommen und hatte sich einige ihrer Geräte ausgeliehen. Jetzt lagen sie verstreut auf dem Boden.
Von draußen drang Abyss‘ Stimme in den Raum herein: „Das ist kacke. Ich mag ihn nicht.“
Ich mag ihn auch nicht, dachte Gibbli und begann, ihr Werkzeug einzusammeln. Steven hätte es wenigstens in ihre Taschen zurücklegen können!
„Wen?“, fragte Sky draußen.
„Dieses blöde Brot! Bin dafür, wir werfen ihn auch da hinter dem Haus runter.“
„Ich kann dir nicht folgen, Abyss.“
„Brot. Bred … Brett?“
„Du meinst Djego.“
„Wen den sonst? Allein schon sein Name! Abszes Pedo. Wer denkt sich denn so was aus?“
„Sein Name lautet Cervantes Djego und er steht offensichtlich auf unserer Seite“, wies ihn der Kapitän zurecht.
„Natürlich, darum hattest du auch durchgehend deinen Strahler auf ihn gerichtet. Wie alt ist er, 17?“
„Zur Sicherheit. Ich will abwarten, was Dixland dazu sagt. Und er ist 19.“
„Aha! Also minderjährig!“
„Seit wann interessiert dich das?“, fragte Sky scharf.
„Seit wann interessiert dich das nicht mehr?“
„Er hat die Akademie abgeschlossen. Und er war einer der besten, sonst hätte ich ihn nicht auf meinem Führungsboot eingestellt.“
„Hm. Und was kann der Hohlkopf so?“
Gibbli steckte ihren Schraubenschlüssel in die Tasche und horchte auf. Das würde sie auch interessieren. Für welchen Bereich war dieser Djego zuständig?
„Er findet alles heraus. Djego besitzt Talent im Beschaffen von Informationen jeglicher Art. Dinge, die anderen verborgen bleiben oder die sie verschweigen. Stelle ihm eine Frage, egal was und ein paar Stunden später liefert er dir die Antwort.“
Das hörte sich nach etwas an, was Abyss zu schätzen wissen sollte, dachte Gibbli.
„Du hast bereits jemanden, der das macht“, knurrte Abyss ablehnend. „Mich! Und ich liefere die Antwort, bevor du eine Frage stellst.“
Oh ja, Abyss war Meister darin, Dinge herauszufinden, die andere ihn nicht wissen lassen wollten. Allerdings war er auch gut darin, Offensichtliches zu ignorieren oder Sachen, die ihm nicht gefielen, skrupellos zu beseitigen.
„Das ist nicht deine Aufgabe, Abyss“, gab Sky zurück. „Zusätzliche Informationen sind hilfreich. Die kurze Zeit, die ich ihn kannte, war mir Djego immer ein guter Spion.“
Gibbli schloss ihre Werkzeugtaschen und blickte nach draußen. Die beiden Männer standen einige Meter weiter, nahe der Kisten, vor ein paar Maschinen.
Abyss schien unbeeindruckt von Skys Worten. „Pfff. Dieser hirnlose Arsch fällt um, wenn ich nur einmal ausatme.“
Der Kapitän trat näher auf ihn zu. „Sprich es aus! Wenn du mir etwas sagen willst, dann komm zum Punkt!“
„Er hat sie komisch angesehen“, knurrte Abyss.
„Genauer. Ich schwöre dir, wenn du jetzt auch damit anfängst, dass ich dir jedes Wort aus der Nase ziehen muss, dann-“
„Gibbli! Ich mag nicht, wie er sie ansieht!“
Schnell zog sie sich in den Schatten des Raumes zurück.
„Du kannst nicht jedem, der sie ansieht, die Augen herausreißen“, hörte sie Sky sagen.
„Warum nicht?“
Gibbli lächelte. Manchmal konnte Abyss es wirklich übertreiben. Offensichtlich hielt der Kapitän es nicht für nötig zu antworten. Nach ein paar Sekunden schaute sie vorsichtig an Cora vorbei nach draußen.
„Sky! Das kannst du nicht so stehen lassen! Merkst du es nicht? Nein, ich weiß du merkst es, warum ignorierst du es? Er lügt, sobald er den Mund aufmacht!“
„Und du nicht?“, fragte Sky sarkastisch.
„Schon gut, ich weiß, dass du weißt, dass ich vielleicht nicht immer, also ganz selten, nicht die Wahrheit sage, aber du weißt, dass ich weiß, dass du weißt, ich meine es immer gut. Also meistens. Okay, fast nie. Aber diese Fratze von-“
„Lass diesen Unsinn!“, unterbrach ihn der Kapitän.
„Hey, ich bin auf deiner Seite! Wir dürfen ihm nicht trauen! Er verschafft sich Zeit, indem er das Gesagte wiederholt, er denkt zu langsam für einen Lügner. Das muss dir doch auffallen!“
„Ist es. Lass den Jungen in Ruhe, Abyss.“
„Ja, ich bringe ihn zur Ruhe“, knurrte Abyss. „Zur ewigen.“
Skys Blick verdüsterte sich. „Abyss, sei gewarnt, denke nicht einmal daran!“
„Meine Gedanken hast du nicht zu bestimmen. Und du willst, dass ich ihn töte, nicht wahr? Du magst mich.“
„Das habe ich nicht behauptet.“ Gibbli bemerkte den drohenden Unterton, den Skys Stimme plötzlich angenommen hatte. Doch dann entspannte er sich wieder. „Hör auf, wie Steven zu reden!“
Abyss grinste ihn provozierend an und ahmte die Stimme des Oceaners nach: „Du liebst mich.“
„Idiot“, murmelte Sky und schüttelte den Kopf.
Abyss hob triumphierend einen Finger und seine grauen Augen blitzten mörderisch auf. „Hah! Du fluchst. Das bedeutet, du willst, dass ich ihn töte!“
„Lerne, dich besser zu kontrollieren!“, sagte Sky ruhig.
„Und wie? Sag es mir! Ich kann nicht mehr spielen. Die Geige, ich kann’s nicht mehr! Ich kann diesen verdammten Bogen nicht mehr richtig halten!“, fuhr Abyss ihn an. Dann wurde seine Stimme ruhiger. „Und sag mir nicht, dass du nichts dafür kannst. Denn es ist deine Schuld.“
Ob Sky etwas darauf erwiderte, bekam Gibbli nicht mit. Sie wollte gerade den Raum verlassen, als Steven vor ihr auftauchte und sie zurückhielt.
„Wie sieht es aus, Mädchen, bereit für deine Aufgabe?“, fragte er.
Gibbli antwortete ihm nicht und blickte an dem Oceaner vorbei zu Sky, der noch immer draußen stand. Er steckte Jacks Informationsstecker in sein EAG.
„Ich mag ihn nicht“, sagte Abyss noch einmal und setzte sich mit verschränkten Armen auf eine der Maschinen neben ihm.
Beide betrachteten mit düsterer Miene das Hologramm. Es baute sich mitten in der Luft über dem EAG auf. Doch von der Seite war es flach und man konnte den Inhalt nicht ausmachen.
„Unser kleines Spiel, schon vergessen?“, erinnerte Steven sie wieder daran, dass er vor ihr stand.
„Ich hab keine Lust auf das dumme Spiel!“, murmelte Gibbli genervt. Sie wollte hinausgehen und wissen, was in dem Hologramm stand.
„Das tut nichts zur Sache. Du kannst nicht einfach aussteigen. Wenn du meine Aufgabe nicht annimmst, muss ich dich bestrafen, so sind die Regeln. Es ist verdammt langweilig hier und Sky lässt mich nicht gehen. Also komm schon, wir hauen ab.“
„Abhauen? Wohin? Warum willst du überhaupt weg?“, fragte Gibbli abwesend.
„Das, mein Schatz, kann ich dir leider nicht verraten. Du würdest mich hassen und ich will nicht, dass du mich hasst.“
„Ich hasse dich längst.“ Ein paar Meter hinter dem Oceaner zog Sky den Stecker heraus und das Hologramm brach in sich zusammen.
„Ich sollte es ihr jetzt zeigen“, hörte sie den Kapitän sagen.
„Nein. Ich mach das. Später“, meinte Abyss.
Steven lenkte sie wieder ab: „Niemand hasst mich! Du bist unhöflich! Sein Einfluss tut dir wirklich nicht gut!“
„Meinetwegen, stell mir diese blöde Aufgabe, aber nicht jetzt! Ich bin gerade aufgestanden und ich …“ Gibbli überlegte, wie sie das Spiel hinauszögern konnte. „… will mich jetzt waschen.“
Steven schnaubte. „Nein, du wirst-“
„Steven!“, rief Sky plötzlich hinter ihm.
Der Oceaner fuhr herum. „Was?“
„Ich habe dir gestern ein paar Fragen gestellt und erwarte noch immer Antworten. Erzähl mir mehr über die Energieversorgung.“ Gibbli erinnerte sich daran, dass der Kapitän ihn um Informationen über Ocea gebeten oder eher verlangt hatte.
„Alle wollen sie etwas von mir, hach ist das toll. Aber das ist sinnlos, Kapitän. Wir sollten lieber feiern und herum springen, solange wir noch die Beine dazu besitzen.“
Er war wirklich verrückt, dachte Gibbli.
„Nein. Du tust, was ich dir befehle. Jetzt“, sagte Sky auffordernd.
„Na gut, ich werde mein überlegenes Wissen mit euch teilen. Ich weiß ja so viel. Also, es gibt einen zentralen Maschinenraum“, begann der Oceaner langsam zu erklären. Überheblich blickte er die beiden an. „Er befindet sich im Zentrum von Stockwerk acht bis zwölf. Dort liegt die Steuerung, der Kern, der Haupt-DNA-Speicher, der Beginn aller Versorgungsleitungen.“
„Also hat Jack möglicherweise von dort aus alles still gelegt“, schloss Sky.
Steven schüttelte den Kopf. „Nein. Nein, nein, nein. Es gibt keine manuelle Steuerung, um hinein zu gelangen. Ein Zugriff zu diesem Bereich ist nicht einmal über Gedankenübertragung möglich. Es wird der direkte Kontakt ocanischer DNA benötigt, wie bei der zentralen Informationskugel auf der Mara. Außerdem ist der Maschinenraum mit einem Kraftfeld gesichert, das jeden Nicht-Oca, sollte er sich darin aufhalten, tötet. Eine nette Absicherung, findet ihr nicht? Regt zum Stehlen an, oh ja.“
Sky verschränkte die Arme. „Das bedeutet, du könntest von dort aus die Geräte wieder zum Laufen bringen.“
Steven lachte hysterisch auf. „Nein“, sagte er dann ernst.
„Nein“, wiederholte Sky. „Und das bedeutet was?“
„Dass er keine Ahnung hat, wovon er spricht“, warf Gibbli ein.
„Ich bin kein Fehlersucher, Mädchen! Und ich bin kein Bauer. Ich bringe keine Dinge zum Laufen. Ich erkläre und erfinde die Theorie der physikalischen Möglichkeiten von Maschinen.“
„Aber ich kann es“, sagte Gibbli. „Wenn du mir erklärst, wie alles genau funktioniert, wird das sicher nicht lange dauern.“
Sky nickte. „Gut. Wir steigen hinab und ihr geht dort-“
„Nein, nein, nein, nein! Dummköpfe!“, unterbrach Steven den Kapitän. „Ihr seid so unwissend! Wie ich bereits sagte, es ist sinnlos.“
„Dann erkläre mir Dummkopf, was genau daran sinnlos ist!“
Steven zuckte mit den Schultern. „Die Maschinen laufen. Es ist nichts kaputt. Es muss nichts repariert werden.“
„Hier funktioniert nichts. Hier muss alles repariert werden!“, widersprach Sky.
„Genau! Nichts funktioniert, nichts, nichts, nichts, Kapitän. Keine elektromagnetische Übertragung mehr, egal welcher Art. Ob durch die Luft oder durch direkte Berührung ist nicht von Bedeutung.“
Plötzlich wurde Gibbli klar, was Steven meinte. „Das schließt den Zugangsmechanismus zum zentralen Maschinenraum mit ein. Wir kommen nicht rein.“
Sky fuhr sich nachdenklich mit einer Hand durch die Haare. „Na schön. Du wirst vorerst hier oben bleiben, Gibbli. Ich will den Zugang trotzdem sehen, Steven. Und wenn wir schon dabei sind, ich brauche einen Überblick über die Stadt. Zeige mir, wo sich was befindet“, befahl er.
Steven warf einen kurzen Blick auf Gibbli, der ihr unmissverständlich sagte, dass sie mit dem Spiel noch nicht durch waren. Dann brach er missmutig mit Sky in die unteren Stockwerke auf. Sehnsüchtig blickte Gibbli ihnen nach und dachte an all die Maschinen. Wie gerne würde sie in diese Zentrale hinein gelangen. Aber wenn nichts funktionierte, war das tatsächlich sinnlos. Gibbli sah sich um. Abyss schien ebenfalls verschwunden zu sein.
 
Gibbli stand am zentralen Platz zwischen den drei Häusern. Sie blickte zur Tür des dritten Gebäudes, die offen stand. Samantha saß drinnen am Boden und sprach leise. Offensichtlich hoffte sie, ihre Schwester könnte sie trotzdem verstehen, obwohl Bo noch immer bewusstlos war. Ein Stück blaue Haut lugte unter einer der Decken hervor, die der junge Mann vorhin mitgebracht hatte. Scheinbar hatten Samantha oder Nox sie damit zugedeckt. Jetzt saß der Tiefseemensch mit halb geschlossenen Augen vor der Luke, hinter der die Rampe weiter hinab in die unteren Stockwerke führte. Der Kapitän wollte dort immer jemanden haben, der den Zugang bewachte und nur Leute aus ihrer Crew einließ.
Gibbli nahm sich eine Frucht aus einem der beiden Säcke: Ein Apfel. Sie mochte seinen süßen Geschmack sehr gerne. In einer verrückten Unterrichtseinheit eines Geschichtskurses hatte ihnen die Lehrerin tatsächlich Bilder gezeigt, auf denen Äpfel nicht die typisch hellblaue Farbe aufwiesen, welche die heutigen Züchtungen besaßen. Angeblich waren sie früher grün und gelb und manchmal sogar rot gewesen. Gibbli biss hinein. Sie dachte kurz daran, sich wirklich noch einmal zu waschen, verwarf den Gedanken jedoch sofort wieder. Stattdessen ging sie langsam an dem Riss im Raum vorbei, in Richtung Rampe, die nach oben führte. Das Waschen am gestrigen Abend war schmerzhaft genug gewesen. Der Wasseraufbereiter, den dieser Djego laut Samanthas Worten vor zwei Tagen unter ihnen abgestellt hatte, reichte gerade aus, um sie mit Trinkwasser zu versorgen. Samantha hatte Gibbli erzählt, dass Bo gerade ihre Kleidung waschen wollte, als alles stecken blieb. Seitdem rann das Wasser im hinteren Raum des Gebäudes, in dem die Hybridenfrau jetzt lag. Und es ließ sich nicht mehr ausstellen. Unaufhörlich lief die Pumpe, die immer neuen Nachschub aus dem Meer irgendwo weit über ihnen bezog. Salzwasser, das höllisch gebrannt hatte auf Gibblis Rücken. Sie hatte fest die Zähne aufeinandergepresst, um nicht aufzuschreien, als es über die Wunde des eingebrannten Namens gelaufen war. Dabei sollten sie glücklich darüber sein, dass Bo gerade in diesem Moment das Wasser aufgedreht hatte. Denn wenn sie es nicht getan hätte, ständen sie jetzt völlig ohne Wasser da.
Während sie den Apfel aß, ließ Gibbli den Riss hinter sich und stieg die Rampe empor, über die Gebäude der letzten Etage. Auf der Plattform blieb sie wieder kurz stehen. Sie dachte, ein Geräusch gehört zu haben. Doch alles um sie herum wirkte wie ausgestorben. Weiter hinten stand eine Kiste am Rand der Vorrichtung des ausgeschalteten Portals. Gibbli erkannte sie sofort. Es handelte sich um das Ding, das der Kapitän immer mit sich herum geschleppt hatte. Letitias Sarg. Jemand hatte die Leiche des kleinen Mädchens wieder hinein gelegt und ihn verschlossen. Gibbli fragte sich, was Sky mit ihr anstellen würde. Die Colbspalte kam dafür sicher nicht mehr in Frage. Nicht, solange Jack mit seinen Soldaten ihnen am Fuß der Stadt auflauerte.
Sie ging zu den Säulen und schlenderte nach oben, am Geländer der Galerie entlang. Von hier aus konnte man weit über all die glänzenden Dächer der verschiedenen Stockwerke unter ihnen blicken. Alles wirkte ruhig und friedlich. Ihr fiel auf, dass einige Gänge von der kegelförmig angelegten Stadt aus mitten in die felsigen Wände hinein führten. Ob Sky ihr böse wäre, wenn sie einmal dort hinunter stieg und die verschiedenen Gebäude erkunden würde? Die Soldaten trauten sich schließlich laut Nox nur noch selten über die dritte Etage hinaus.
Plötzlich nahm Gibbli wieder eine Bewegung wahr. Stand da nicht jemand? Ja, dort drüben, auf der anderen Seite der Galerie, eine Gestalt! Ihr Herz fing an zu rasen, als sie glaubte, rostfarbene Locken zu erkennen. War das dieser Djego? Völlig erstarrt beobachtete sie, wie er bedacht am Geländer entlang schritt und auf sie zukam. Die Hände hatte er beide erhoben, als wollte er ihr zeigen, dass er keine Gefahr darstellte. Freundlich strahlte er sie an. Wahnsinn, dachte Gibbli, wie kann jemand nur so türkisfarbene Augen besitzen? Ihr Atem beschleunigte sich und nervös dachte sie daran, dass sie vielleicht nicht bewegungslos dastehen sollte. Bestimmt sah sie gerade ziemlich blöd aus. Ein paar Meter vor ihr blieb er stehen. Wie war er überhaupt hier hochgekommen, vorbei an Nox? Sky hatte gesagt, er war gut im Entdecken verborgener Dinge. Offensichtlich gehörten geheime Wege auch dazu. Verdammt, schoss es Gibbli durch den Kopf, dieser Djego durfte gar nicht hier sein! Und sie stand nur da und lieferte sich ihm schutzlos aus! Sie versuchte nicht einmal, ihr Messer aus dem Stiefel zu ziehen. Wie konnte man auch nur daran denken, so ein Gesicht wie das seine verletzen zu wollen? Nein, das ging nicht.
„Was … was … t-tust du hier?“, flüsterte Gibbli stotternd. Was für eine dämliche Frage, das hörte sich ja total fies an! Was würde er jetzt nur von ihr denken? Sie hatte ihm noch nicht mal ihren Namen genannt. Sie hätte sich ihm vorstellen sollen. Sicher konnte er sie nicht ausstehen!
„Beobachten“, flüsterte er zurück und legte einen Finger an seine Lippen. Es hörte sich mehr wie ein sanfter Hauch an als ein Flüstern.
„Mich?“
Djego schüttelte leicht den Kopf und seine Locken fielen ihm vor die Stirn. Er verzog den Mund kurz zu einem gequälten Lächeln. Irgendwie wirkte es bitter. Dann zeigte er hinab, auf die Plattform. Gibblis Blick folgte seiner Geste. Doch Djego stand auf der anderen Seite der Galerie am Geländer. Von hier aus konnte sie nicht sehen, auf was er deutete. Djego ging ein paar Meter zurück, dabei ließ er Gibbli nicht aus den Augen. Unsicher blickte sie ihn an. Dann trat Gibbli an das Geländer, an ihm vorbei, um auf die Seite hinab zu sehen, die sich hinter der Vorrichtung des Portals befand.
Sofort erkannte sie die blasse Gestalt, die dort unten stand: Abyss. Neben ihm lag seine Geige am Boden und der Dolch, Nu. Seinen alten Bogen hielt er fest umklammert. Plötzlich lockerten sich seine Finger und er ließ ihn fallen. Kein gutes Gefühl bei dem Gedanken, Djego länger als ein paar Sekunden unbeobachtet in ihrer Nähe zu wissen, blickte Gibbli wieder auf. Doch der junge Mann war verschwunden! Sie legte ihre Hände um die goldene Stange der Begrenzung und suchte verwirrt die Galerie ab. Sie konnte ihn nirgendwo entdecken.
„Scheißdreck!“, drang Abyss‘ Stimme zu ihr hoch, gefolgt von einem dumpfen Schlag. Hastig fuhr sie herum. Er hatte schreiend gegen seinen Geigenkoffer getreten, der jetzt quer über die Plattform flog. Krachend schlug das dunkle Holz ein paar Meter entfernt am Boden auf.
Gibbli durchfuhr ein Schaudern. Abyss hob den Kopf und sein bohrender Blick traf den ihren. Ihr Herz zog sich zusammen. Die Verzweiflung, die er ausstrahlte, fühlte sich an wie ein schwerer Stein, der sich in ihrem Hals manifestierte.
„Hey! Was treibst du da oben?“, fuhr er sie an. „Warst du schon wieder mit diesem goldenen Idioten unterwegs?“
Gibbli öffnete den Mund. „Ich …“ Sie brach ab. Sogar von hier oben konnte sie das Blut sehen, das von seiner Hand tropfte. Offensichtlich hatte er versucht zu spielen und dabei seine Wunde aufgerissen.
„Verdammt, jetzt komm endlich runter oder sag was, bevor ich hochkomme und die Worte aus dir raus prügle!“
Erschrocken zog sie die Luft ein.
Abyss schloss die Augen und wandte sich von ihr ab. „Ach, vergiss es“, knurrte er und ging unter der Vorrichtung hindurch, sodass sie ihn nicht mehr sehen konnte.
Für einen Moment starrte Gibbli auf seine Geige. Dann drehte sie sich um und lief die Galerie entlang, vorbei an den Säulen hinab. Als sie vor der Vorrichtung des Portals stand, ballte sie die Hände zu Fäusten. Unsicher hielt sie nach ihm Ausschau. Langsam ging sie zur Rampe, die nach unten führte. Dort saß er, oben beim Abgang, mit dem Rücken zu ihr. Mit einer fließenden Bewegung wickelte er Verband um seine rot getränkte Hand. Gibbli schluckte nervös und trat auf ihn zu. Sie setzte sich daneben, ein Stück versetzt über ihm, wo sich der Weg begann nach unten zu neigen. Ohne aufzublicken, zog Abyss den Verband fest. Gibbli ließ ihren Blick über die Dächer der Stadt schweifen. Unter ihnen, am Ende der Rampe, lag die kleine Gasse, die zum zentralen Platz des obersten Stockwerkes führte, mit den drei Gebäuden.
„Hey, ich … ich würde dich nie schlagen, das weißt du doch, oder? Ich will nicht so zu dir sein. Ich sollte es nicht. Vor allem jetzt nicht.“ Abyss lehnte sich zurück und stützte sich mit den Unterarmen am Boden ab. „Aber ich bin es.“
„Das ist mir egal“, sagte Gibbli. Ich mag dich trotzdem, dachte sie.
Er schloss für einen Moment die Augen. Er wirkte verletzt. Verwirrt blickte sie ihn von der Seite an. Hatte sie etwas Falsches gesagt?
„Ich weiß“, murmelte Abyss. „Und es macht mich wahnsinnig, dass es dir egal ist.“
„Ich meine, du musst nicht so tun, als wenn du nett wärst“, fügte sie hinzu und hatte sofort das Gefühl, es nur schlimmer zu machen.
Einige Minuten lang erwiderte er nichts und sie wünschte sich, er würde sie wenigstens ansehen. Er wirkte müde, als hätte er die ganze Nacht nicht geschlafen.
„Geht es … dir gut?“, fragte sie nach einer Weile. Seine Finger machten ihr Sorgen.
„Nein. Mir geht’s beschissen“, antwortete er langsam und Gibbli hatte das Gefühl, dass er von etwas ganz anderem redete als über seine Wunde. „Keine Sorge, ich … ich werde die Kontrolle nicht verlieren. Aber das ist jetzt auch nicht wichtig. Es sollte nicht wichtig sein.“
Gibbli runzelte die Stirn. „Was ist denn jetzt wichtig?“
„Na schön, hör zu. Es ist sinnlos, das länger hinauszuzögern. Es ändert nichts an der Tatsache und macht sie weder besser noch schlechter. Sky wollte es dir sagen. Aber er hat ein Talent dafür, mit tausend Worten zu verschweigen, was man mit einem einzigen Satz sagen könnte.“ Abyss drehte seinen Kopf zu ihr hin. „Ich mach’s kurz.“
Mit einem unbehaglichen Gefühl, was jetzt kam, beobachtete sie ihn. Er griff in eine Tasche seines Mantels, der neben ihm auf der Rampe lag und holte einen kleinen Informationsstecker hervor.
„Er enthielt zwei Nachrichten.“ Abyss streckte seine Hand aus.
Unsicher nahm Gibbli den Stecker und wog ihn in ihren Händen. Dann zog sie ihr EAG aus der Tasche. Sie zögerte einen Moment und schob dann den Stecker in den Schlitz. Auf dem Datenträger lag jedoch nur eine Datei.
„Wo ist die zweite Nachricht?“, fragte sie sofort.
„Sky hat sie gelöscht“, antwortete Abyss.
„Warum?“
„Stell mir bitte keine Fragen dazu.“
„Hast du sie gelesen?“
„Ja“
„Von wem war sie?“
„Von Jack.“
„Und was stand drin?“
„Vergiss, dass sie existiert hat.“
„Warum sagst du mir dann überhaupt, dass es zwei Nachrichten waren?“
Er zuckte mit den Schultern. „Lies die andere.“
Gibbli wollte ihn mit ihrer Neugierde nicht weiter verärgern und wählte die verbleibende Datei aus. Das Hologramm baute sich vor ihr auf. Für einen Augenblick erschrak sie. Es handelte sich weniger um eine Nachricht, sondern einen Zeitungsartikel. Sogar mit Bild. Auf diesem starrte ihr das dunkelhäutige Gesicht ihres Vaters entgegen. Gibbli begann zu lesen.
 
„Mooks – Warnstufe zwei noch immer aktiv. Die von den drei Führern angesetzten DNA Tests im gesamten Landmenschengebiet unter dem Meer sind abgeschlossen. Von der Hauptstadt aus werden erste Entwarnungen an die verschiedenen Städte geschickt. Wie uns der schulische Leiter der Meeresakademie, Markus Brummer, mitteilte, gab es lediglich eine Verhaftung. Der berühmte Grambold de Orange wies einen positiven Test auf oceanische DNA auf. Seine Frau wurde bei der Verhaftung getötet, als er sich mit Gewalt widersetzte. Das Urteil über de Orange wurde bereits vollstreckt. Unsere Quellen berichten, dass der oberste Flottenführer Jack Kranch die Hinrichtung persönlich beaufsichtigte. Wir freuen uns, euch mitteilen zu können, dass von de Orange keinerlei Gefahr mehr droht. Die Lage bleibt jedoch angespannt. Nach seiner Tochter Gibbli de Orange wird weiterhin gefahndet. Jegliche Hinweise auf ihren Verbleib sind sofort an die elitären Einheiten zu melden. Achtung, niemand sollte selbst versuchen, sie festzuhalten! Aufgrund ihrer Abstammung können wir davon ausgehen, dass sie gefährlich ist. Das Mädchen wurde zuletzt mit einer Gruppe Verbrecher gesehen, die von dem korrupten Kapitän Skarabäus Sky geführt wird. Mehr über Skys grausame Taten und seinem Verrat an unserem Volk, gibt es in der nächsten Ausgabe zu lesen. Die leitenden Ermittlungen führt James Light, ehemaliges Mitglied der obersten Flotteneinheit.
Alissa Kleinfeld, Chefredakteurin, 2. Bezirk, Mooks“

 
Ihr Kopf fühlte sich wie leer gefegt an und füllte sich von Sekunde zu Sekunde mit neuen Gedanken. Gibbli schaltete das EAG ab und steckte es in ihre Tasche. Sie wollte das dunkle Gesicht ihres Vaters nicht länger sehen. Was sollte sie jetzt tun? Was tat man normalerweise, wenn man so etwas las? Sollte sie weinen? Es kamen keine Tränen. Ihr fiel auf, dass Abyss sie prüfend musterte. Sollte sie lachen? Abyss mochte ihr Lachen. Vielleicht würde es ihm besser gehen, wenn sie lachte. Was Djego wohl von ihrem Lachen hielt? Schnell drückte sie die Gedanken an den Soldaten beiseite. Was hatte der jetzt in ihrem Kopf zu suchen?
„Hast du verstanden, was da drin steht?“, fragte Abyss.
Gibbli nickte.
„Deine Eltern sind tot.“
Sie erwiderte nichts darauf.
„Du wirst ebenfalls hingerichtet werden, wenn sie dich erwischen.“
„Ich hab’s verstanden.“
„Gut.“ Er wandte seinen Blick von ihr ab. „Wollte nur sicher geh’n.“
Gibbli verfolgte eine Gruppe Soldaten, die wie Ameisen viele Etagen unter ihnen am Rand der kegelförmigen Stadt eine Gasse entlang schritten.
„Abyss“, sagte sie nach einer Weile.
„Hm?“
„Kann ich dich etwas fragen?“
„Alles.“
„Warum magst du mein Lachen?“
Er kniff die Stirn zusammen und zwischen seinen Augenbrauen entstanden kleine Falten. Abyss‘ schräg gehaltener Kopf zeigte ihr, dass das eine Frage war, die er nach dem Lesen dieses Artikels von ihr wohl nicht erwartet hatte. Doch dann entspannte er sich und blickte sie offen an. Und Gibbli versank in seinen grauen Augen.
„Wenn du lachst, fühlt sich das an wie frei sein. Du trägst keine Maske, wie all die anderen. Du tust es mit deinem ganzen Gesicht, nicht nur mit deinem Mund. Du lachst mit den Augen, mit deinen Wangen, mit deiner Nase, mit jedem kleinsten Stück Haut. Und dein Blick wird so tief, als würdest du in mich reinschaun. Als wäre ich … bedeutend. Wichtig. Kein Niemand. Kein Junge mehr, der alles verloren hat und eigentlich gar nicht hierher gehört ins Meer. Sondern der Mann, der ich sein sollte.“
Gibbli blickte ihn überrascht an und wandte sich dann nachdenklich ab. Was für eine seltsame Erklärung. Wie konnte dieser riesige Kerl jemals denken, kein Mann zu sein?
„Vermisst du deine Eltern?“, fragte sie leise.
„Nein“, antwortete er bestimmt.
Sie streckte den Arm aus und fing eines der schwebenden Sonnenstücke ein. Die kalt glühende Lichtkugel leuchtete in ihren Handflächen wie ein kleiner Stern. Ob sie jemals echte Sterne am Himmel sehen würde?
„Ich vermisse meine auch nicht“, sagte Gibbli und versuchte, den Artikel aus ihrem Kopf zu verdrängen. Doch die Worte hallten darin wieder, als hätte sie jemand laut ausgesprochen. „Dieser Light, hat Sky nicht seinen Namen erwähnt?“
„James Light war Skys erster Offizier auf seinem Führungs-U-Boot“, bestätigte Abyss. „Aber Sky meinte, er steht auf unserer Seite. Wenn Light wirklich die Ermittlungen führt, haben wir keine Probleme.“
Wenn der Kapitän ihm vertraute, schien das zu stimmen. Kurz kam ihr der Mönch in den Sinn. Ihn vermisste Abyss sicher. Oder? Gibbli wollte ihn nicht fragen. Wieder dachte sie an Sky. Er war jetzt der einzige, der über sie noch bestimmen durfte. Er trug die Verantwortung. Nicht wie ein Vater, nein. Würden sie sich in der Eliteflotte befinden, wäre er so etwas wie ihr Vorgesetzter. Und dennoch, hier war er mehr als das. Er war derjenige, der sie alle zusammen hielt, wie der Kapitän einer dreckigen Piratenbande. Abgesehen von dem einen Punkt, der sie von Piraten unterschied: Sky war ehrlich. Er hatte von Anfang an klar gestellt, dass er nicht mit Kindern umgehen konnte, dass er sie nicht als Kind sah.
„Vielleicht fehlen sie mir doch ein wenig“, flüsterte Gibbli.
Ein paar Sekunden verstrichen.
„Wenn ich Geige spiele“, sagte Abyss nach einer Weile, „zerfließt jeder Schmerz zwischen den klaren und schrägen Tönen. Aber wenn du mich anlachst, dann vergesse ich alles. Selbst wenn es nur der Ansatz eines Lächelns ist.“
Sie hob den Kopf. In dem Moment kam ihr eine Idee, wie sie Abyss aufmuntern konnte. Was ihm fehlte, waren Finger. Abyss brauchte Finger. Das würde eine tolle Überraschung für ihn werden!
„Ja. Genau so, Gibbli.“ Mit entspannten Augenbrauen erwiderte er ihr Grinsen.


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Kapitel 4: Der Dimensionsriss (Bis in die tiefsten Abgründe)

Gibbli nahm wahr, wie Sky neben ihr aus der Dunkelheit taumelte. Er ließ ihren Arm los. Sie stürzte hinein ins Licht und landete mit dem Bauch voran auf dem goldenen Metalluntergrund. Abertausend Sonnenstücke hingen überall in der Luft Oceas herum und alles strahlte so hell, dass es fast weh tat. Gibbli fühlte sich unglaublich leicht. Obwohl die Luft der Stadt dichter war als in den Städten der Landmenschen unter dem Meer, gegen die zähe Atmosphäre bei den Mog glich das hier einem Traum. Dazu kam die geringere Schwerkraft. Gibbli war sich sicher, wenn sie jetzt springen würde, käme sie mindestens fünf Meter weit! Die plötzliche Druckveränderung ließ Übelkeit in ihr hochsteigen. Sie schluckte. Es dauerte jedoch nicht lange und das mulmige Gefühl in ihrem Magen verschwand. Ein paar Schritte weiter hörte sie, wie Abyss sich lautstark, auf allen vieren krabbelnd, erbrach.
„Tss, eklige Menschen, können nichts bei sich behalten, wäh … verschmutzen meine schöne Stadt und Steven muss wieder putzen, bah …“, murmelte der Oceaner genervt.
Gibbli schirmte ihre Augen mit einer Hand ab und blickte sich am Boden sitzend um. Hinter sich erkannte sie den Kapitän, dem das blendende Licht absolut nichts ausmachte mit seinen Implantaten. Auch die Druckveränderung beeinflusste ihn wie gewohnt nicht so sehr wie die anderen. Natürlich nicht, dachte Gibbli, die Elitesoldaten wurden für so etwas trainiert. Er stand beim Portal und legte konzentriert nach Stevens Anweisungen einige Hebel um, während dieser etwas auf einer Konsole einstellte. Kurze Augenblicke darauf dehnte sich die Kugel des Durchgangs geräuschlos aus und wurde durchsichtiger. Dann zog sich das schwarze Objekt in der Vorrichtung in sich selbst zusammen, bis es ganz verschwand.
„Jetzt müssen sie andere Wege finden“, hörte Gibbli die klare Stimme des Oceaners. „Wie die Oca früher. Ich wage zu behaupten, wir haben ein paar Jahre gewonnen.“
„Erkläre das!“, verlangte Sky.
„Tss, ihr Menschen seid so naiv. Denkt ihr wirklich, die Mog lassen einen Oca lebend davonkommen? Niemals. Die Abmachung war, uns durch das Portal gehen zu lassen. Und das taten sie. Aber sie werden sichergehen wollen, dass wir tot sind, darauf könnt ihr euch verlassen. Die Mog vergessen nie etwas und sind sehr nachtragend. Sie werden mich jagen. Mein Mädchen. Und ihren Menschen.“ Weinerlich schüttelte er sich. Dann lachte er und sagte: „Na gut, um den ist es nicht schade.“
Gibbli wollte gerade aufstehen, als lange Finger sich ihr entgegenstreckten. Erschrocken hob sie den Kopf und erkannte Abyss‘ lächelndes Gesicht über ihr. Sie ergriff seine Hand und er zog sie hoch.
„Wo ist unser Willkommensfest?“, fragte Steven überschwänglich.
„Vielleicht hatte keiner Lust auf einer Party zu erscheinen, auf der du anwesend bist“, murmelte Abyss und zog zwei seiner Messer.
Irgendetwas stimmte nicht, doch Gibbli war zu benommen, um festzustellen, um was es sich handelte. Die komplette Plattform erschien wie ausgestorben und alles wirkte leer. Gibbli bemerkte, wie Sky abschätzend seinen Strahler hob und auf den nach unten führenden Weg richtete. Wenige Sekunden später tauchte dort ein schlanker Schatten auf. Sie kniff die Augen zusammen, um die näher kommende Gestalt zu erkennen. Seine dunkelblaue Haut hob sich von den orange leuchtenden Pupillen in den Höhlen ab. Ein Anblick, an den sich Gibbli wohl nie gewöhnen würde.
Sky und Abyss senkten die Waffen und sie gingen langsam auf ihn zu. Nox betrachtete die vier der Reihe nach, während er auf einer blass rosafarbenen Frucht kaute. Steven musterte er besonders ablehnend, sagte jedoch nichts.
„Wo sind die anderen?“, fragte Sky und Nox wandte sich ihm zu.
„Unten“, antwortete der Tiefseemensch knapp. Währenddessen kaute er weiter, als ginge ihn das alles nichts an.
„Berichte!“, befahl der Kapitän.
Scheinbar genervt nahm er die Frucht aus dem Mund. „Ihr fortwart lange. Viele Tage. Wir abriegelten die oberste Etage. Wie befohlen von dir. Wir beobachteten die Soldaten.“
„Also ist er da? Jack?“ Abyss Finger spannten sich gefährlich an.
Nox nickte.
„Sag mir wie viele“, verlangte Sky.
„Hunderte. Vielleicht tausende. Sie beschränken sich auf die untersten drei Ebenen von Stadt. Manchmal höherwandern ein paar von ihnen. Aber sie untenbleiben meistens.“
Gibbli erinnerte sich daran, dass sie beim Hochfahren damals etwa dreißig nach oben hin immer kleiner werdende Abschnitte durchquert hatten. Ocea war ein riesiges Labyrinth aus Gängen, Räumen und Maschinen.
„Was isst du da eigentlich?“, fragte Abyss. Er schien begierig darauf, wieder richtige Nahrung zu sich zu nehmen. Bestimmt hatten er und Sky ebenfalls diese komischen Energiekugeln essen müssen.
„Weiß nicht“, antwortete Nox. „Bo kochte es. Vor zwei Tagen. Schmeckt eklig. Angeblich bekommen wir morgen Fisch.“
„Woher?“ Gibbli blickte ihn besorgt an. Fisch bedeutete Wasser.
Der Tiefseemensch wandte sich ihr zu, überrascht, dass sie das Wort an ihn richtete. „Ein komischer Mensch erschien. Mehrmals. Bringt uns Essen und Wasser. Wollte mit dir sprechen.“ Er nickte Sky zu.
„Wer?“, wollte der Kapitän wissen.
„Merkte mir nicht seinen Namen.“ Nox zuckte mit den Schultern. „Lockenkopf. Landmenschenfratze aus dem Süden.“
„Kennst du ihn?“, fragte Abyss.
„Südländische Gesichtszüge schränkt die Auswahl ein, ich bin mir nicht sicher. Ihr habt ihm aber nicht erzählt, dass ich weg war?“, fragte Sky scharf.
„Wir reinlassen ihn nicht. Er kommt wieder mit neuem Essen. Fragt immer nach dir. Er stellt es in die Etage unter uns. Die Soldaten trauen sich nicht mehr zu uns. Verirren sich nicht gerne in die oberen Bereiche. Ein paar von ihnen zurückkehrten vielleicht nicht.“ Nox‘ spitze Zähne blitzten bedrohlich auf.
„Gute Arbeit. Das ist wundervoll!“ Steven lachte. „Endlich wieder Leben in der Stadt. Und Kampf. Und Leichen.“
Sky schien nicht erfreut zu sein, sagte jedoch nichts dazu.
Sie gingen von der Plattform aus zur hinabführenden Rampe, vorbei an dem verrammelten Aufzug, Richtung oberste Etage der Stadt.
Nox und Sky schritten voraus.
„Hier stimmt etwas nicht“, hörte Gibbli Steven hinter ihr flüstern. Doch niemand schien ihn zu beachten. Bis auf Abyss, der ihn hin und wieder argwöhnisch musterte und darauf aufpasste, dass er Gibbli ja nicht zu nahe kam.
„Erzähle mir, was sonst noch passiert ist“, verlangte der Kapitän.
„Eine Frau“, antwortete Nox knapp.
„Genauer“, forderte Sky.
Er fasste an seinen Hals, um das Atmungsgerät neu zu justieren. Gibbli erinnerte sich daran, dass Nox noch nie viel gesprochen hatte. Den Tiefseemenschen schien das an der Luft schwerzufallen.
„Die so schrie, auf Mara. Versuchte zu gelangen in unseren Bereich. Versuchte wehzutun der Tür. Dagegenschlug immer.“
„Dessert? Meine Ex-Frau war hier?“
„Ja.“
„Was wollte sie?“
Nox zuckte wieder mit den Schultern. „Verlangte nach dir. Sollst dich melden. Sonst zerstört Jack die Stadt. Wir reinließen sie nicht. Ging wieder.“
„Wann?“, fragte ihn Sky weiter aus.
„Gestern.“
„Und das war alles?“
„Nein. Gab Erdbeben. Kleines.“
Steven blickte alarmiert auf, was Gibbli misstrauisch machte. Seit wann war der Oceaner ängstlich? Erdbeben waren mitten im Wasser bei der Akademie zwar eher ungewöhnlich, konnten aber vorkommen. An den küstennahen Unterwasserstädten gab es stärkere. Hin und wieder erschütterten kleinere Wellen den Meeresboden, doch die Gebäude waren so angelegt, dass sie leichten Schwankungen standhielten. Gibbli hatte allerdings keine Ahnung, wie sich so etwas auf Ocea auswirkte, eine Stadt, die im Untergrund in ausgehöhlten Felsen errichtet worden war. Hoffentlich hatten die Oceaner das beim Bau bedacht. Sky schien es keine Sorgen zu bereiten und Steven sah aus, als hätte er das Beben schon vergessen. Aufgeregt sprang er jetzt neben Nox her.
„Du wirst diesen goldenen Flummi nicht wirklich behalten, oder?“, raunte Abyss Sky im Gehen zu.
„Er ist Mitglied der Crew.“
„Jaja, aber der bleibt nicht für immer, oder?“, hakte Abyss erneut nach.
Der Kapitän antwortete ihm nicht. Sie passierten die goldenen Wände im letzten Stück der Plattform. Dann stiegen sie hinab, an den ersten Dächern der Häuser vorbei. Die Rampe führte direkt auf einen breitflächigen Platz ins Zentrum der obersten Etage. Dort blieben sie stehen. Von hier verlief die Rampe weiter nach unten in einen Gang zu einer runden Tür. Diese hatten Bo, Nox und Samantha anscheinend verriegelt. Vom Zentrumsplatz aus, auf dem sie standen, führten drei Türen ab in verschiedene Bauten. Vor einem der Gebäude lag ein riesiges Trümmerstück, das den Eingang versperrte. Nein! Gibbli rieb sich die Augen. Es lag da nicht, es schwebte davor! Und daneben schwebten weitere Bruchstücke. Sie blickte nach oben. Aus der felsigen Seitenwand des Untergrundes hatte sich ein großer Teil gelöst. Das waren aber sehr seltsame Auswirkungen für ein kleines Erdbeben! Gibbli trat näher heran, um den schwebenden Felsen genauer zu begutachten.
„Weg da, Mädchen!“, schrie Steven, hastete nach vorne und zog sie zurück.
Abyss hob alarmiert den Kopf. „Fass sie nicht an!“
Doch der Oceaner hatte Gibbli längst wieder losgelassen und betrachtete verwirrt seine sehnigen Hände. „Oh nein“, flüsterte er.
„Oh nein?“ Abyss musterte ihn feindselig.
Überrascht wurde auch Gibbli klar, dass Stevens Einfluss weg war. Ja, er war sogar seit dem Verlassen des Portals kein einziges Mal zu ihr durchgedrungen.
„Seltsame Auswirkung. Es hat tatsächlich begonnen“, sagte der Oceaner mit hoher Stimme. Dann begann er zu lachen. „Wir sterben! Wahahaha!“
„Was ist das?“, fragte der Kapitän. Er trat neben Gibbli und betrachtete ebenfalls den Felsen, ohne sich ihm weiter zu nähern.
„Veränderte Ebenen. Drei werden zu einer. Andere kommen hinzu. Wunderschön! Ein Riss zur Gravitationszeit. Diese Felsstücke sind nicht mehr jetzt, Zeit und Gravitation werden zu Orten. Jeder, der sich ihnen nähert, wird aufhören, hier zu existieren.“ Aus Stevens Stimme sprach gleichzeitig Begeisterung und Bedauern.
„Das sind nicht nur andere Dimensionen, das ist ein Riss im Gesetz“, murmelte Gibbli.
„Die Naturgesetze können sich nicht so einfach ändern. Wie ist das möglich?“, fragte Sky.
Gibbli zuckte mit den Schultern und schüttelte dabei nachdenklich den Kopf.
„Hey, Goldhaufen, was heißt das?“, rief Abyss. „Was hat begonnen? Rede!“
Doch der Oceaner beachtete ihn nicht und wandte sich an den Tiefseemenschen. „Wo ist Cora?“
„Aus.“ Nox tappste auf einen der zwei anderen Eingänge zu. „Da drin.“ Er krallte sich an den Rand des Metalls und begann damit, die Tür mit aller Kraft zur Seite zu schieben.
Gibbli beobachtete ihn irritiert, bis ihr einfiel, dass er ja keine oceanische Technologie beherrschen konnte. Oceaner öffneten Türen normalerweise mit elektromagnetischen Wellen ihrer Gedanken.
„Sam findet sie gruselig. Wir gehen nicht in dieses Haus. Rückwand einstürzte.“
Während er angestrengt zog, sah Gibbli durch den sich öffnenden Spalt in der Tür ein paar der kleinen Sonnenstücke schweben. Und mitten im einzigen Raum des halb eingestürzten Gebäudes stand die bewegungslose Kind-KI.
Steven schob den Tiefseemenschen mit überlegener Miene beiseite, als würde er nichts wiegen, packte die Eingangstür und riss sie kurzerhand heraus. „Schwache Menschen“, murmelte er dabei. Nun, so konnte man auch Türen öffnen.
Wie immer grinste Cora breit und zeigte ihre angebrochenen Zähne. Ihre Glubschaugen starrten regungslos vor sich hin, wie versteinert.
Steven stürzte in den Raum hinein und kniete sich vor ihr nieder. Er umfasste ihre Schultern und legte seinen Kopf auf den ihren. „Was haben sie mit dir nur gemacht? Was haben die beschränkten Menschen dir angetan? Meine Cora!“, flüsterte er mit weinerlicher Stimme.
„Niemand fasste sie an!“, krächzte Nox genervt. „Schaltete sich ab. Vor zwei Tagen.“
„Von nichts haben sie eine Ahnung, nein das haben sie nicht. Ich bringe dich zurück und dann feiern wir, wirst schon seh’n, Steven besorgt Luftballons“, murmelte der Oceaner an die KI gewandt vor sich hin.
„Idiot. Wir brauchen keine Luftballen, wir haben hier genug davon. Wie kann man die überhaupt ballen? Er ist durchgeknallt“, sagte Abyss müde hinter ihnen und Gibbli drehte sich zu ihm um.
Er hatte sich auf eine der goldenen Maschinen gesetzt, die am zentralen Platz zwischen den drei Häusern standen. Mit schmerzverzerrtem Gesicht rieb er über seine verstümmelte Hand. Dann hob er den Kopf. Gibbli folgte seinem Blick. Sky stand noch immer vor den schwebenden Trümmern des anderen Gebäudes. Wenn man genau hinsah, konnte man erkennen, wie die Luft vor den betroffenen Stellen flimmerte. Es sah aus wie ein kleiner Riss mitten im Raum, als würde die Welt an dieser Stelle aufplatzen. Mit zusammengekniffenen Augen hob der Kapitän ein kleines Goldstück vom Boden auf, der übersät war mit weiteren Splittern. Nachdenklich wog er es in seiner Hand, dann warf er es hinein. Gibbli beobachtete fasziniert, wie das Ding im Riss stehen blieb und sich dunkel färbte. Anschließend schwebte es, wie die anderen Felsstücke darin, mitten in der Luft. Unerreichbar. Es hatte die Gravitationszeit betreten und existierte nicht mehr an diesem Ort.
„Das ist nicht gut, nein ist es nicht“, murmelte Steven.
Gibbli erschrak, als sie seine klare Stimme direkt neben sich vernahm. Unbemerkt hatte er den Raum verlassen, in dem Cora stand. Sie trat einen Schritt von ihm davon. Doch er folgte ihr. Irgendwie wirkte er angestrengt. Gibbli blickte ihn verwirrt an und seine Miene verfinsterte sich.
Abyss verzog seine Augen zu Schlitzen und sprang auf.
Der Kapitän drehte sich zu ihnen um. „Erkläre das genauer!“, verlangte er. Kurz zuckte sein Kopf zu Abyss, der daraufhin mürrisch seine Hände sinken ließ. Diese hatte er gerade krallenartig erhoben, um den Oceaner am Hals zu packen und ihn zu würgen.
Steven schüttelte den Kopf, Abyss völlig ignorierend und musterte Gibbli erneut.
„Du wolltest Mitglied meiner Crew werden, also verhalte dich auch so! Erzähle uns, was dieser Riss zu bedeuten hat! Wie kann ein Beben die Gravitationszeit aushebeln?“
„Ich … ich weiß es nicht, Kapitän. Es passt nicht, es darf nicht sein, wir sind hier. Doch es ist“, sagte der Oceaner. „Aber vergesst diese Felsen, Materie macht komische Dinge. Ja, das tut sie. Ich meine, nur jetzt, für einen Moment. Spürt ihr denn nichts, beschränkte Menschen?“
Niemand wusste eine Antwort auf seine Frage oder wovon er überhaupt sprach.
„Er ist verrückt, Sky. Ich könnte machen, dass er schläft“, sagte Abyss leise. „Für alle Ewigkeit. Was meinst du?“
Noch immer betrachtete Steven sie alle auffordernd, als erwarte er eine Antwort.
„Ich spüre nichts“, flüsterte Gibbli schließlich.
„Gutes Mädchen!“
Der Kapitän blickte ihn berechnend an. „Vielleicht sollte ich jemandem erlauben, doch ein kleines Stück von dir abzuschneiden, damit du anfängst klare Worte zu gebrauchen. Gibbli, prüfe die Gravitationswerte und-“
Sky hielt inne. Während Abyss aufsprang, lag auch schon ein Messer in dessen erhobenen Fingern, jederzeit bereit auf Steven einzustechen, als hätte er nur darauf gewartet. Sky machte eine missbilligende Handbewegung in seine Richtung, als hätte er es wissen müssen. Er ruckte verneinend mit dem Kopf, woraufhin Abyss enttäuscht seinen Arm senkte.
„Ja! Das ist eine hervorragende Idee, ich brauche etwas Scharfes.“ Bevor irgendjemand reagieren konnte, bückte sich Steven und zog das Messer aus Gibblis Stiefel.
„Hey!“, schrie Abyss.
Jetzt hob auch Sky drohend seine Waffe und richtete sie auf den Oceaner, der mit dem Messer in der Hand von ihnen wegtrat, näher an den Riss heran, während Gibbli einen Schritt zurückwich.
Abyss, der gerade zum Wurf ausholte, hielt inne, als der Oceaner mit einer fließenden Bewegung feierlich den Arm erhob und sich in seine eigene Handfläche schnitt. Diese fing sofort an zu bluten. Dunkle Tropfen fielen auf das goldene Metall unter ihren Füßen und rannen zwischen den Splittern durch das darunter liegende Gitter hindurch.
Nox stand ein paar Meter weiter vor Coras Hauseingang. Er betrachtete Steven mit verschränkten Armen, während der Kapitän seinen Strahler wieder senkte.
„Du machst den Boden dreckig“, sagte Abyss abfällig, noch immer mit erhobenem Messer.
„Nein, nicht diesen Boden, nicht hier, nicht … jetzt …“, murmelte Sky. Sein Blick verfolgte einige der blutigen Tropfen, die sich gelöst hatten und in den Riss geraten waren. Sie verfärbten sich schwarz, sowie das Goldstück zuvor und schwebten jetzt bewegungslos auf der Stelle.
Doch Gibbli war sofort aufgefallen, was Steven im Sinn hatte. Es ging ihm nicht um den Riss. „Es heilt nicht“, sagte sie leise.
„Es heilt nicht“, wiederholte Steven. „Danke! Danke, mein Schatz, endlich ein sinnvoller Satz. Wenigstens eine, die mitdenkt!“
„Bo ist krank“, sagte Nox und alle blickten ihn an. „Das Marahang funktioniert nicht mehr.“
„Das konntest du natürlich nicht sagen, bevor ich mir die Hand aufschlitzte.“
Nox grinste und seine unheimlichen Zähne kamen zum Vorschein. Gibbli war sich sicher, dass er den Oceaner schon immer bluten sehen wollte, immerhin hatte dieser seine Braut entführt. Steven grinste jedoch nur zurück.
Der Tiefseemensch hob seine spitzen Finger und zeigte auf die dritte Tür. „Sie sind da drin.“
 
Gibbli hob den Kopf, als die junge Frau auf sie zuschritt. Samantha war gerade aus der Hütte getreten, in der sich der Kapitän jetzt mit Bo befand. Gibbli schätzte Bo’s Schwester auf drei oder vier Jahre älter als sie selbst. Die Augen auf Samanthas sommersprossiger Haut standen halb offen und wirkten müde. Eine Strähne hatte sich aus ihren blonden Zöpfen gelöst.
„Hallo“, sagte Samantha und ließ sich zwischen Gibbli und Nox nieder.
Sie hatten es sich mitten auf dem Hauptplatz bequem gemacht. Abyss versuchte gerade mit Skys Strahler, die Überreste von Nox‘ Essen genießbar zu machen. Der Tiefseemensch lehnte mit verschränkten Armen neben ihm an einer Kiste und musterte angeekelt das verkohlte Etwas, das von Abyss‘ Fingern baumelte.
„Ach, mach es doch besser“, sagte Abyss genervt. Er stand auf und ging davon.
„Was tut er da?“, fragte Samantha und blickte Abyss nach. Er blieb vor dem anderen Haus stehen, das nur aus einem Raum bestand. Belustigt beobachtete er den Oceaner. Durch die jetzt türlose Öffnung konnte man Steven darin erkennen, der an Cora schraubte.
Gibbli zuckte mit den Schultern. „Es wird nicht funktionieren.“
Sie hatte es Steven schon gesagt, aber der glaubte ihr nicht. Konzentriert tippte er irgendwelche Berechnungen auf ein paar tragbare Konsolen ein. Natürlich waren diese nutzlos, ohne Verbindung zum System der Stadt. Die meisten funktionierten gar nicht mehr. Konsolen, die aus oceanischer Technologie bestanden, ließen sich nicht einschalten und eingeschaltete Konsolen gingen nicht mehr aus. Steven kontrollierte immer wieder die Zahnräder an der kleinen Kind-KI.
„Wie geht es Bo?“, fragte Nox.
„Nicht besonders. Sie schläft noch immer.“ Samantha zog ihre Lippen zu schmalen Strichen zusammen. Dann sprach sie leise an Gibbli gewandt weiter. „Seit gestern wacht sie kaum noch auf, immer nur ganz kurz und sie hat Probleme mit dem Atmen.“
Gibbli kam es seltsam vor, mit Samantha zu sprechen. Die Art, wie sie sich um andere sorgte und sich überall einmischte, wirkte vertraut. Sie tat das nicht auf die kindliche Weise wie Bo, sondern ganz beiläufig, als wäre es selbstverständlich und als wäre sie immer Teil der Crew gewesen, auch wenn sie es letztendlich nie war. Das gab Gibbli das Gefühl, Bo’s Schwester ewig zu kennen. Vielleicht, lag das aber daran, dass sie durch das Marahang einmal in ihrem Körper gesteckt hatte.
Gibbli bemerkte, wie Cora plötzlich ruckartig einen Schritt vor trat. Es quietschte und ein klackerndes Geräusch drang zu ihnen herüber. Abyss trat abschätzend einen Schritt vom Eingang zurück.
„Ja! Verneigt euch vor mir!“, rief der Oceaner und sein Blick aus dem Haus heraus traf direkt Gibblis Augen. „Ich hoffe, du fühlst dich minderwertig, Mädchen, in Anbetracht meines Genies!“
Gibbli blieb regungslos sitzen. Die Kind-KI machte einen weiteren Schritt nach vorne. Dann blieb sie stehen und das klackernde Geräusch erlosch.
„HA! Versager!“, jubelte Abyss schadenfroh.
„Ich sagte doch, es funktioniert nicht“, meinte Gibbli unbeeindruckt.
Der Oceaner beugte sich hinab. „Unsinn. Ich bin unfehlbar!“ Er warf eine flackernde Konsole beiseite, zog eine Schraube an Coras offenem Hinterkopf fest und begann erneut an ihr herum zu basteln.
„Nichts funktioniert“, murmelte der Tiefseemensch mit seiner kratzigen Stimme. „Wir raussollten aus Stadt.“
„Es fing vor zwei Tagen an“, erklärte Samantha. „Nox erzählte mir, dass Oceaner alles mit Gedankenkraft machen. Wir fanden heraus, dass es versteckte Hebel gibt. Damit konnten wir einige der Geräte manuell bedienen. Doch diese Hebel funktionierten plötzlich nicht mehr. Ich war zwei Etagen weiter unten fast eine Stunde lang in einem Raum gefangen, bis Nox mich fand. Diese dumme Tür ging einfach nicht mehr auf. Dabei verlaufe ich mich doch sowieso ständig. Ich hätte nicht gedacht, dass die Gebäude unter dem Meer alle so verwinkelt angelegt wurden.“
Gibbli blickte sie fragend an. „Was habt ihr dort unten gemacht?“
„Maschinen gesammelt. Geräte und Bauteile hier hoch geschleppt, die uns nützlich erschienen.“ Samantha nickte zu den Kisten, die hinter Nox standen. „Aber es funktioniert gar nichts. Wir dachten, es liegt daran, dass wir keine Oceaner sind und dieses Zeug einfach nur nicht steuern können. Aber dann hörten auch die automatischen Dinge auf zu arbeiten. Nicht einmal die Sonnenstücke werden in der Nacht noch dunkel. Es ist, als wären sie in ihrem Zustand stecken geblieben. Zum Schlafen mussten wir sie einfangen und aus dem Haus tragen, weil sie nicht mehr ausgingen.“
Sky trat aus dem Gebäude, in dem Bo lag und Samantha verstummte.
„Bo hält durch. Vorerst“, sagte der Kapitän mit rauer Stimme. Als er Abyss erblickte, trat er genervt auf ihn zu, riss ihm den Strahler aus der Hand und schlug diesen gegen seine Brust. „Hör auf, mein Zeug anzufassen, ohne mich zu fragen!“
Abyss wollte etwas erwidern, doch im nächsten Moment schrie Steven erfreut auf und zog damit alle Blicke auf sich. Wieder ruckelte Cora ein Stück nach vorne und fiel erneut aus.
„Gut gemacht“, grummelte Abyss, „jetzt steht die dämliche Fratze mitten im Eingang!“
„Steven, komm heraus“, befahl Sky. „Ich brauche eine Übersicht über die Stadt.“
Der Oceaner blickte von Cora auf. „Ihr habt sie durchquert. Sie ist kegelförmig angelegt, über dreißig Stockwerke hoch und-“
„Das sehe ich. Sage uns etwas, was ich nicht weiß. Woher bezieht sie die Energie? Gibt es eine zentrale Steuerung? Einen Maschinenraum?“
„Oh, du stellst immer die falschen Fragen, Kapitän. Wenn du mich nur gehen lassen würdest, dann könnte ich-“
„Ich sagte nein“, unterbrach Sky ihn und Steven schnaubte beleidigt. Gibbli erinnerte sich an die hitzige Diskussion, die er mit dem Oceaner geführt hatte, bevor er in Bo’s Hütte verschwunden war. Sie hatten etwas abseits gestanden und Gibbli hatte nicht genau verstanden, um was es gegangen war. Offensichtlich wollte Steven irgendwohin.
„Ihr bleibt dort, wo ich euch befehle zu sein und im Moment ist das genau hier. Ich werde morgen entscheiden wie wir weiter vorgehen. Bis dahin, Oceaner, solltest du über dein Verhalten nachdenken.“
Dass er ihn einen Oceaner genannt hatte, schien Steven wieder etwas milder zu stimmen. Gibbli unterdrückte ein Gähnen und starrte hungrig auf die verkohlten Überreste des ungenießbaren Essens, das Abyss neben die Kisten geworfen hatte.
„Für heute verordne ich Ruhe. Wir warten ab, bis dieses angeblich ehemalige Crewmitglied von mir hier auftaucht. Versucht etwas zu schlafen.“
„Ich brauche so etwas nicht.“ Steven erhob sich, als hielte er sich für etwas Besseres.
„Ich schlief gestern bereits“, krächzte Nox und Samantha erklärte, dass sie mit Bo abwechselnd geschlafen hatten, immer einer, um sich gegenseitig vor möglichen Eindringlingen zu warnen. Sie natürlich öfter als Nox, denn Tiefseemenschen benötigten nicht so viel Schlaf wie Landmenschen.
„Gut. Nox, Steven, ihr behaltet den Eingang dort im Auge. Falls irgendjemand, sei es dieser Mensch aus meiner alten Crew oder sonst jemand auftaucht, will ich sofort informiert werden.“ Er runzelte die Stirn und knurrte genervt. „Und hört auf, die Soldaten zu töten!“, fügte er hinzu. Scheinbar erschien ihm das Grinsen des Tiefseemenschen und des Oceaners etwas zu bösartig.
 
Da Oceaner wie die Mog keinen Schlaf benötigten, gab es in der Stadt zwar Sitzgelegenheiten aber keine bettenähnlichen Gebilde. Steven erklärte, dass sein Volk keine Decken benutzte, ebenso wenig wie Kleidung oder andere Stoffe. Er trug lediglich eine Hose, weil Rod einst darauf bestanden und Mara die schillernde Fischhaut, aus der sie bestand, gefallen hatte. Sky und seine Crew fanden blaue Planen, welche einige der Maschinen schützend bedeckten. Der Stoff fühlte sich an wie eine Gummibeschichtung. Als wärmende Unterlage eignete es sich nicht. Nachdem das Material anfing, direkt in ihren Händen zu zerbröseln, untersuchten sie es genauer. Es stellte sich heraus, dass sich die Planen auflösten, sobald sie eine Temperatur über 25°C annahmen.
In dem kleinen Raum standen nur ein paar Maschinen an den Wänden. Es war unbequem, auf Metall zu schlafen. Doch immer noch besser, als bei den Mog, wo Gibbli sitzend in einer Ecke gekauert hatte, um jederzeit in eine andere flüchten zu können, wenn Steven ihr zu nahe gekommen war. Sie befanden sich im Gebäude der Kind-KI, mit der eingestürzten Rückwand. Dadurch, dass Cora so klein war, stellte es kein Problem dar, sich an ihr vorbeizuzwängen, oder wie Abyss es tat, einfach über sie drüber zu steigen. Dennoch hatte sich die KI an einer eher ungünstigen Stelle abgeschaltet und stand jetzt mitten im Eingang. Die Tür konnte man dank Steven also sowieso nicht zuschieben. Sky hatte eine der Planen über die offene Rückseite des Gebäudes gespannt, um ihren Schlafbereich abzudunkeln. Dadurch konnten sie von innen allerdings auch nicht mehr hinab sehen, in die anderen Stockwerke der Stadt. Samantha lag im anderen Haus bei Bo. Gibbli war durchaus bewusst, dass der Kapitän sie ebenfalls dort drüben haben wollte. Doch sie dachte nicht daran, von Abyss‘ Seite zu weichen. Ihr zu Hause war genau hier. Bei ihm. Er hatte es sich neben ihr am Boden gemütlich gemacht. Offensichtlich war er der einzige, dem der harte Untergrund nichts ausmachte, er schien es gewohnt zu sein, so zu schlafen.
„Sky?“, fragte Abyss.
„Nein“, antwortete der Kapitän, ohne sich anzuhören, was er fragen wollte.
Gibbli blickte nach oben an die Decke. Irgendwo in einer Ecke leuchtete ein Sonnenstück, das sie vergessen hatten nach draußen zu bringen. Es warf einen schwachen Schein gegen das goldene Metall. Einerseits sollte sie ja froh sein, denn vor dem Oceaner musste sie nun keine Angst mehr haben. Ja, er war nicht ungefährlich und sie war sich sicher, dass er sie früher oder später an dieses dumme Spiel erinnern würde, um es fortzuführen, aber ansonsten gehörten ihre Gedanken und Emotionen jetzt ihr alleine. Andererseits, ein wenig traurig machte es sie schon, dass nichts mehr funktionierte. Sie hatte sich darauf gefreut, all die Maschinen zu erforschen und ihre Funktionsweise zu ergründen. Wenn sie doch nur funktionieren würden! Ob es wohl mit diesem seltsamen Riss und dem Beben zusammen hing? Die Energie war schließlich da. Gibbli hatte einige Messungen mit ihrem EAG durchgeführt. Nur die Übertragung schien nicht mehr zu klappen, als wären alle elektromagnetischen Verbindungen unbrauchbar. Wie auf dem Planeten der Mog. Aber die Mog befanden sich weit weg. Diese Gedanken führten zu nichts und Gibbli wischte sie beiseite. Die Berechnungen dafür konnten bis morgen warten. Müde schloss sie die Augen.
„Hey, Sky“, hörte sie Abyss flüstern. „Schläfst du schon?“
„Wenn ich ja sage, bist du dann endlich still?“, murmelte der Kapitän.
„Ja auf meine erste Frage oder auf die Frage ob du schläfst?“
„Lass mich schlafen, Abyss.“
Plötzlich spürte Gibbli einen Stich an ihrem Rücken. Der Name! Sofort war sie wieder hellwach. Jemand war an sie herangerückt und hatte einen Arm um sie gelegt. Erschrocken drehte sie sich herum und starrte in das blasse Gesicht. Das schwache Licht spiegelte sich in seinen grauen Pupillen wieder. Doch er sagte nichts. Er wirkte zufrieden und strahlte Zuversicht aus. Etwas in seinem Ausdruck schien zu schreien, dass er alles erreichen konnte und dass jeder, der an seiner Seite stand, siegen würde. Ihr Atem beruhigte sich etwas. Es war nur Abyss. Er würde auf sie aufpassen. Er würde sie beschützen. Sie vergrub ihren Kopf an seiner Brust, um das Klopfen seines Herzens zu hören, das ihr erneut bewies, dass er lebte. Die Zeit verstrich und Gibbli döste langsam ein. Doch nur ein paar Minuten später weckte sie das Rascheln von Abyss‘ Mantel wieder. Die vielen versteckten Messer darin schlugen dumpf auf den Boden, als sich weiter hinten im Raum jemand herum warf. Sky war es nicht ganz gelungen, seinen Missmut über ihre gegenwärtige Situation zu verbergen. Nicht, dass er sich beschwert hätte. Doch seine Miene wirkte noch düsterer als sonst und er schien einfach keine bequeme Position zu finden. Abyss hatte irgendwann eine spitze Bemerkung fallen lassen, dass er als Flottenführer wohl besseres gewohnt war. Daraufhin hatte Sky ausgesehen, als würde er ihn gleich erschießen. Schließlich hatte Abyss ihm zur Versöhnung angeboten, sich auf seinen Mantel zu legen. Doch Gibbli ahnte, dass dem Kapitän etwas völlig anderes durch den Kopf ging als ein harter Metallboden. So wie sie ihn kannte, sah er es als seine Verantwortung an, sie hier alle heil herauszubringen. Dieser Riss schien ihm nicht weniger Sorgen zu bereiten als ihr. Ein Stück außer Kontrolle geratene Physik. Unberechenbar. Und dann gab es da noch die Bedrohung der Landmenschen. Gibbli dachte an Jack und die tausenden von Soldaten, welche die unteren Stockwerke der Stadt besetzten. Bestimmt würden sie irgendwann zu ihnen hochkommen. Es war nur eine Frage der Zeit. Sie saßen hier in der Falle.
Wieder hörte sie, wie Sky sich herum drehte, dann begann er leise zu sprechen. „Ich warne dich. Lass sie in Ruhe.“
„Kommt jetzt wieder dieser ganze, sie ist deine Technikerin Verantwortungsblabla Mist?“ Abyss Stimme hörte sich müde an. „Du bist nicht ihr Vater.“
„Du wirst sie verletzen.“
„Das denkst du von mir?“
„Ich kenne dich, Abyss. Und ich denke von dir, dass du zu allem fähig bist.“
„Falsch und richtig. Und an meinem Plan hast du nichts Verwerfliches gefunden.“
Der Kapitän warf sich wieder herum und Gibbli hörte wieder das Rascheln von Abyss‘ Mantel, auf dem er lag. „Du bist ein Lügner.“
„Ja, bin ich. Lass mich verdammt noch mal schlafen, Sky.“
Der Kapitän knurrte etwas unverständliches und drehte sich wieder von ihnen fort.


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Kapitel 3: Zwei Hälften (Bis in die tiefsten Abgründe)

„Wach auf, mein Schatz …“ Steven rief nach ihr.
Sie lag zusammengerollt am Boden, die Knie eng an ihren Körper gezogen. Das Tackern der Maschine drang in ihre Ohren.
„Mädchen!“
Was wollte er denn jetzt wieder? Wie viel Zeit war vergangen? Gibbli konnte sich nicht daran erinnern. Wann war sie eingeschlafen? Sie wusste nicht einmal, ob sie gerade träumte. Egal. Sie entschloss sich, einfach weiterzuschlafen.
„Hey, Mädchen, wach endlich auf! Sie kommen wieder!“
Müde hob Gibbli den Kopf und kniff die Augen zusammen. Die Wesen leuchtenden durch das milchige Glas. Schön. Sollten sie doch. Es war ihr gleichgültig. Nein. Moment. Da war jemand bei ihnen! Sie zog sich hoch, ignorierte dabei ihren schmerzenden Rücken und blickte zu Steven. Dieser beobachtete misstrauisch den Eingang, vor dem sie eben noch gelegen hatte. Die sich nähernde Gestalt war bestimmt einen halben Kopf zu groß für Sky und zu stofflich für einen Mog. Er schien sich zu wehren. Doch gegen so viele dieser Leuchtwesen standen seine Chancen gering. Es sah aus, als fuhr hin und wieder eines davon mitten durch ihn hindurch, woraufhin er jedes Mal gekrümmt zusammen zuckte.
„Halt dich fern vom Eingang“, rief Steven, packte sie von hinten und zerrte sie rückwärts zur gegenüberliegenden Wand.
Die Mog schienen Mühe zu haben, den Mann zu bändigen. Kämpfend kamen sie durch die Öffnung gestolpert. Gibbli hörte auf zu atmen. Als er sie und Steven erkannte, hielt er inne und betrachtete die beiden reglos. Gibbli hatte das Gefühl, dieser Augenblick würde Stunden dauern. Die Mog zogen sich vorsichtig zurück und der Eingang verschloss sich hinter ihm. Ganz langsam richtete er sich auf, ohne sich von ihr auch nur eine Sekunde abzuwenden. Der dunkelblaue Mantel fiel dabei zu Boden. Er beachtete ihn nicht. Seine düstere Miene füllte den gesamten Raum und vereinnahmte ihn, als würde alles hier ihm gehören. Schnell holte Gibbli Luft, als ihr wieder einfiel, dass sie weiter atmen sollte, wenn sie nicht irgendwann ersticken wollte. Seine Haare waren ein ganzes Stück gewachsen und das Gesicht blasser, als in ihrer Erinnerung. Um seine rechte Faust hatte er einen blutdurchweichten Fetzen weißen Stoffes gewickelt.
„Weg von ihr“, verlangte er nachdrücklich und der Klang seiner Stimme spießte sie regelrecht auf. So voller Energie, so unnachgiebig, so unwiderstehlich wie immer.
Nein, Gibbli dachte nur, seine Stimme zu hören. Sie versuchte, die Worte aus ihrem Kopf zu drängen. Weg von ihr. Weg von ihr. Weg von ihr, hallte es immer wieder durch ihre Gedanken. Gequält schloss Gibbli ihre Augen. Warum tat er das? Was spielte dieser Steven für ein Spiel? Sie wollte sich von ihm losreißen. Doch im nächsten Moment spürte sie eine metallene Klinge an ihrem Hals. Sein Messer! Der Oceaner musste es unbemerkt aus ihrem Stiefel gezogen haben. Das hier war echt. Oder? Gibbli zwang sich, die Augen wieder zu öffnen. Die durchtrainierten Umrisse seines Körpers befanden sich nur ein paar Meter vor ihnen. Einfach so. Fest. Unverrückbar.
„Hallo Abyss“, sagte Steven freundlich hinter ihr.
„Ich sagte weg“, wiederholte Abyss fast flüsternd und so bedrohlich, dass Gibbli fürchtete, allein seine Worte könnten sie umbringen.
Sie spürte eine Träne über ihr Gesicht laufen. Ohne es zu wollen, verzog sich ihr Mund zu einem Lächeln und sie vergaß Steven völlig, bis er wieder zu sprechen begann.
„Oh, ich lasse sie los. Aber bevor ich das tue, solltest du dir etwas ins Bewusstsein rufen, mein Freund. Komm zu uns. Tritt näher!“
„Du hast es ihr nicht gesagt.“ Abyss zog die Augen zu schmalen Schlitzen. Doch keinen Augenblick wandte er sich von den ihren ab. Er sprach mit Steven, ohne ihn anzusehen. Während sein Gesicht ihr immerzu sagte: Ich fresse dich auf, Gibbli. „Du weißt es seit Tagen und hast ihr nicht mitgeteilt, dass wir leben.“
„Oh nein, unterstelle mir nichts! Ich erzählte es ihr, mehrmals! Sie hielt alles für einen Traum“, rechtfertigte sich der Oceaner hinter ihr. Steven drückte das Messer stärker an sie. Es war Gibbli egal. Ja, das war der beste Traum seit langem! „Worauf wartest du, mein Freund? Hier ist niemand, der dich aufhält. Keiner, der dir befehlen wird, es nicht zu tun. Kein Kapitän, der dir sagt, lass es.“
„Ich bin nicht dein Freund“, sagte Abyss deutlich.
„Ahh, nein, nein, nein. Sei nett zu mir, komm näher, großer Mensch. Ihr Einfluss auf mich ist hier nicht präsent. Ich tue ihr nichts, keine Sorge. Aber du, du wirst es, nicht wahr? Ja, das wirst du.“
Abyss trat langsam näher und fing an zu grinsen, während er Gibbli abschätzend betrachtete. Gibblis Miene gefror und ihre Mundwinkel sackten nach unten, als ihr plötzlich die Gier in seinen grauen Augen bewusst wurde. Und sein Ausdruck wurde mit einem Mal wieder düsterer. Er stand jetzt so dicht vor ihr, dass sie seinen vertrauten Geruch wahrnahm, altes Holz, vielleicht leicht angekokelt.
„Nicht.“ Betrübt hob Abyss seine linke Hand. Ein Stromstoß durchfuhr Gibbli, als er ganz behutsam mit einem Finger über ihre Lippen fuhr. „Hör nicht auf damit. Ich liebe es doch, wenn du das tust. Eine reizende Gesellschaft hast du dir hier ausgesucht … Freund“, raunte er.
„Ja, nicht wahr?“, erwiderte Steven. „Reiß ihr die Kleider vom Leib und nimm dir, was du begehrst. Mach das, was du schon immer mit ihr machen wolltest“, rief Steven wieder hinter ihr und drückte sie fester an sich.
Gibbli blickte überrascht in Abyss‘ blasses Gesicht, als er sich zu ihr hinabbeugte. Ihre Augen weiteten sich entsetzt. Flehend formte ihr Mund seinen Namen. Doch kein Laut schaffte es an ihren Lippen vorbei nach draußen.
Steven lachte zufrieden auf. „Du willst sie. Du wolltest sie immer. Jetzt kannst du sie haben. Deine Chance, Mensch. Diese Möglichkeit bekommst du vielleicht nie wieder!“
Gibbli schluckte, als plötzlich eine Erinnerung in ihr hochstieg: ‚Ich würd am liebsten in deine Haut beißen und sie mir auf der Zunge zergehen lassen, wie Schokolade. Etwas an dir wirkt so anziehend, dass ich mich zurückhalten muss, um dir nicht sofort alle Klamotten von deinem zerbrechlichen Körper zu reißen.‘ Das hatte er gesagt. Damals, im Gefängnis der Akademie. Dieser Traum schien sich zu einem Alptraum zu entwickeln.
Abyss hob seinen anderen Arm, mit dem Stofffetzen an der Hand und schob eine Strähne ihrer hellbraunen Haare beiseite. Sie fühlte die feuchte Spur aus Blut, seinem Blut, die er dabei auf ihrem Gesicht hinterließ. Er würde nicht … er würde nie …
Er war ein Verbrecher. Er würde.
Behutsam fuhr Abyss über ihre Stirn. Plötzlich packte er Gibbli an den Schultern. Sie schnappte panisch nach Luft.
Seine Mundwinkel zogen sich nach oben und kleine Grübchen bildeten sich auf seinen Wangen. „Du glaubst doch nicht ernsthaft, den Planeten verlassen zu können, ohne mich mit zu nehmen?“
„Worauf wartest du, Mensch? Ich halte sie für dich fest.“
Sanft strich Abyss eine weitere Haarsträhne aus ihrem Gesicht und legte beide Hände an ihre Wangen. Sie nahm sofort die Wärme wahr, die von ihnen ausging.
„Du bist eiskalt, Gibbli“, sagte er tonlos.
Sie schloss zitternd die Augen, als er sich an sie drückte, ohne Steven weiter zu beachten. Er flüsterte etwas in ihr Ohr, das wie eine Entschuldigung klang. Hatte er wirklich ‚Es tut mir leid‘ gesagt? Gibbli war sich nicht sicher. Sie spürte seinen warmen Körper an ihrem. Und Stevens eiskalten hinter ihr.
„Die Wände könnten einen neuen Anstrich vertragen, was meinst du … Freund?“, hörte sie Abyss direkt neben ihrem Kopf sagen.
Der Oceaner lachte. „Zugegeben, mein Freund, dieser Raum ist ein wenig eng für drei, aber-“
„-aber was macht das schon, wenn man mit dem faszinierendsten Mädchen, das zufälligerweise auch noch die schönste Frau im ganzen Universum ist, darin eingeschlossen wurde.“ Abyss küsste sie auf die Seite ihrer Stirn.
Gibbli zuckte zusammen. Das passierte nicht wirklich. Das durfte nicht passieren!
„Willst du wissen, was mit Leuten geschieht, die meine kleine Schwester anfassen?“ Wieder spürte sie Abyss‘ Lippen an ihrem Kopf.
„Natürlich, zeig es mir, Mensch.“
„Gar nichts.“ Abyss richtete sich auf und drückte sich fester an Gibbli. Dann raunte er Steven ins Ohr: „Denn es macht Plopp und sie hören ganz zufällig auf zu existieren.“
„Hm? Das musst du mir genauer erklären, Mensch.“
Gibbli wimmerte verängstigt, als sie spürte, wie Abyss‘ ganzer Körper sich anspannte. „Nun, ich hatte da an rot gedacht. Für die Wände hier mein ich. Oder ist der pampige Schleim in dir golden? Ich bin mir nicht mehr ganz sicher.“ Abyss‘ Hand schnellte abrupt nach vorne.
Steven heulte auf und ließ das Messer fallen.
„Ah, es ist rot.“ Spritzer von Stevens Blut hatten sich auf Abyss‘ blassem Gesicht verteilt. Er wirkte damit wie jemand, dem man lieber nicht begegnen sollte, wenn man länger als ein paar Sekunden überleben wollte.
Gibbli sackte nach unten. Sie tauchte hastig zwischen Abyss‘ Beinen hindurch und kroch von den Männern weg. Im nächsten Moment packte Abyss den Oceaner und presste ihn mit aller Kraft gegen die Wand.
„Mach keinen Fehler!“, schrie Steven gespielt ängstlich auf.
„Genau so“, Abyss schlug wieder zu, „läuft das ab, wenn jemand versucht“, wieder schlug er auf ihn ein, „MEIN“, ein weiterer Schlag traf den Oceaner, „Mädchen anzufassen!“
Steven brüllte, doch dann verwandelte sich sein Schrei in ein fürchterliches Lachen. „Ihr braucht mich, um hier raus zu kommen!“, krächzte er. Ein hässlicher Riss lief quer über seine goldene Wange.
Tief einatmend drückte sich Gibbli in eine Ecke der Zelle und beobachtete die beiden.
„Bedauerlicherweise … stimmt das vielleicht sogar.“ Abyss‘ Nasenspitze berührte fast die des Oceaners und seine Stimme ließ alle Haare auf Gibblis Haut aufstellen, als er weiter sprach: „Wenn du goldener Scheißhaufen sie noch einmal berührst und sei es nur mit der Spitze einer deiner verfickten Finger, dann zerfetze ich dich. Ich zieh dir die Haut ab. Ich schlitze dich auf. Ich werde die Wände dieser Zelle mit deinem rotzigen Blut streichen. Hast du das verstanden!“
Das war keine Frage. Doch Steven grinste nur. Abyss schrie wütend auf und biss die Zähne zusammen. Mit einem heftigen Ruck warf er den Oceaner erneut gegen die Wand. Ein dumpfer Schlag ertönte und Stevens Kopf prallte dagegen.
„Halt deinen dreckigen Schwanz von ihr fern! Gib mir einen Grund, dir nicht auf der Stelle alle Knochen zu brechen.“
„Den gebe ich dir gerne, alter Freund“, sagte Steven und schüttelte freudestrahlend und gepeinigt zugleich den Kopf. „So etwas besitze ich nicht. Und Knochen übrigens auch nicht, nicht solche, wie ihr denkt. Aber tu’s nur, brich mir alles! Oca lieben Schmerzen!“
Als wäre er sich nicht sicher, ob er erleichtert oder angewidert sein sollte, ließ Abyss ihn los und trat zurück.
Steven sank laut lachend zu Boden. „Verzeih mir den Ausdruck, du bist so hirnlos. Du hattest sie! Du hättest alles mit ihr tun können.“ Sein Kopf sackte an die Wand. Die Wunde schien ihn mehr zu erschöpfen, als er zugeben wollte. „Du enttäuscht mich, Mensch“, seufzte er leise.
Abyss ballte die Hände zu Fäusten. „Du hast keine Ahnung! Du kennst mich nicht! Und du kennst sie nicht! Gibbli ist … sie … GIBBLI!“, schrie er, als wäre er sich plötzlich wieder ihrer Anwesenheit bewusst geworden. Hastig drehte er sich um, eilte auf sie zu und ließ sich vor ihr fallen. Auf den gespreizten Beinen kniend rückte er an sie heran und hob mit einer Hand vorsichtig ihren Kopf.
„Idiot“, flüsterte Gibbli mit halb geschlossenen Augen.
Abyss zuckte mit den Schultern. „Hey, ich musste ihn doch irgendwie ablenken, um an dich … ihn ranzukommen.“
„Wahahaha, na klar.“ Stevens Stimme drang schwach von der anderen Seite aus herüber. „Du hast das auch überhaupt nicht ausgenutzt.“
„Noch ein Wort und ich reiß dir die Zunge raus, du scheiß Goldklumpen!“, schrie er zurück.
„Deine Hand blutet“, stellte Gibbli erschöpft das Offensichtliche fest.
„Ich blute auch“, rief Steven fröhlich irgendwo hinter ihm am Boden liegend.
„Ja, das tut sie manchmal. Ist nicht richtig verheilt. Ich glaub, diese Nebelwesen mögen mich nicht besonders. Bin mir sicher, sie wären in der Lage, Finger nachwachsen zu lassen. Mit dem Marahang wär’s besser zugewachsen. Aber Bo ist noch in Ocea.“ Er riss den durchtränkten Fetzen von seiner rechten Hand, mit dem er sie notdürftig umwickelt hatte.
„Dir fehlen zwei Finger!“, rief Gibbli halb schockiert, halb erstaunt. Die Wunde war zum Teil zugewachsen und sah eklig aus. Der Schmerz musste unvorstellbar sein, und er saß einfach da und ignorierte ihn, so gut es eben ging. Kurz hatte Gibbli das Gefühl, seine Finger würden vor ihren Augen verschwimmen.
„Ja. Egal, mach dir darum keine Gedanken! Bist du okay? Hat er dir was angetan?“
Schnell schüttelte Gibbli den Kopf. Ihr wurde leicht schwindelig. Gleichzeitig verspürte sie ein seltsames Kitzeln im Bauch, wie kleine Würmer, die darin umher krabbelten. Und dieser eine Gedanke durchdrang ihren Geist: Stevens Name stand auf ihrem Rücken. Abyss durfte es nie erfahren! Sie wollte keine Schwäche zeigen und schon gar nicht vor ihm. Sie zwang sich, ihre Mundwinkel zu heben.
„Mach das nicht. So siehst du aus wie Bo. Soll ich ihm was abschneiden? Vielleicht seine Nase? Die mochte ich noch nie.“ Abyss erwiderte, ihr dieses Mal echte Lächeln. „Schon viel besser. Wie wär’s, wenn ich ihm ein paar Finger abhacke? Er soll nicht mehr haben als ich, meinst du nicht auch?“
Er hatte ihr so sehr gefehlt! Seine beschützende Ausstrahlung, seine aufmunternden Worte, seine fesselnden Blicke, einfach alles was er tat und von sich gab. „Ich will nicht mehr aufwachen“, sagte Gibbli müde und lehnte ihren Kopf nach vorne, an seine Brust.
Abyss legte seine Arme um ihren Rücken und drückte sie an sich. Sie zuckte zusammen, als sie die Berührung auf der Wunde unter ihrem Pullover spürte und hoffte, er würde es auf ihr Frösteln schieben. Sie fror ja auch bitterlich.
„Du bist doch wach, Gibbli“, vernahm sie seine Worte.
Gibbli schloss die Augen. Endlich konnte sie richtig schlafen. Ohne Angst vor diesem … was immer Steven auch war. Ohne ständig aufpassen zu müssen, wo er sich gerade befand. Abyss würde nicht zulassen, dass er herkam. Endlich hatte sie Ruhe. Wenigstens diesen einen Traum lang.
„Ich mag nicht tanzen“, murmelte sie.
„Tanzen?“, fragte Abyss irritiert. Seine große Hand auf ihrer Stirn und die geflüsterten Worte „Du bist eiskalt“, waren das letzte, was Gibbli noch mitbekam, bevor sie einschlief.
 
Eine Stimme in der Dunkelheit drang in ihr Bewusstsein: „Wie schaffst du es, in ihrer Nähe die Kontrolle nicht zu verlieren? Sag es mir, Mensch. Ich meine auf eurem Planeten, wo ihre Kräfte nicht unterdrückt werden?“
Da hatte Gibbli den schönsten Traum, seit die beiden in diesem dummen Glasraum saßen und Steven weckte sie auf! Konnte er nicht einfach still sein? Dicker Stoff lag auf ihr und verwundert stellte sie fest, dass sie nicht mehr fror. Etwas um ihren Körper herum bewegte sich. Große, kräftige Arme und Beine! Gibbli fühlte sich eingezwängt, doch sie überwand den Impuls aufzustehen. Es war so schön warm wie seit einer Ewigkeit nicht mehr.
„Bist du immun? Und Sky? Auf ihn wirkt sie auch nicht, nein. Er ist mir ein Rätsel. Hey du, Mensch! Antworte mir! Ich weiß, dass du wach bist, oh ja!“
„Wenn ich deinen Kopf noch mal gegen die Wand ramme, hörst du dann auf zu reden?“, fragte Abyss düster. Als wäre er wirklich hier, dachte Gibbli. Sie saß zwischen seinen Beinen und er hielt sie fest umschlungen.
„Die Mog unterdrücken Oca Technologie und damit auch ihre Kräfte“, sprach Steven weiter. „Hier wirkt ihre Anziehung jedenfalls nicht, nein.“
„Dummkopf. Sie wirkt immer“, sagte Abyss leise.
„Nein, Mensch. Du kannst es hier nicht spüren.“
„Ich spüre sie immer.“
„Selbst wenn du nicht in ihrer Nähe bist?“
„Immer.“
Ein regelmäßiges Trommeln drang an ihr Ohr, als die Stimmen verstummten. Beruhigende Schläge, stetig und stark. Nach ein paar Sekunden realisierte Gibbli, dass es sich um das Schlagen eines Herzens handelte. Ein lebendiges, echtes Herz.
„Abyss“, flüsterte Gibbli. „Es … schlägt.“
„Es gehört dir. Ich bin da“, sagte Abyss sanft. „Schlaf weiter. Du warst unterkühlt. Jetzt bist du wieder warm.“
Weiterschlafen. Weiterschlafen war gut, nie wieder aufwachen und für immer in seinen Armen gefangen sein.
 
‚WAMM!‘ Ein ohrenbetäubender Knall weckte Gibbli. Sie hatte an der Wand sitzend gelehnt. Wäre sie nicht in etwas Schweres eingewickelt worden, wäre sie sicher vor Schreck einen Meter in die Luft gesprungen. So fiel sie einfach nur um wie ein Sack Reis.
„Du beschränkter Mensch! Ich sagte doch, da geht nichts durch!“, schrie Steven aufgebracht.
Gibbli kämpfte sich aus dem dunkelblauen Stoff frei und stellte überrascht fest, dass es sich um Abyss‘ Mantel handelte. Er war noch da! Sie blickte auf und kroch sofort in eine Ecke zurück, um nicht zwischen die beiden Männer zu geraten. Er und Steven standen sich mitten in dem kleinen Raum gegenüber und brüllten sich gegenseitig an. Offenbar hatte Abyss versucht, eine der glasartigen Wände zu sprengen, ohne jedoch den geringsten Kratzer in dem milchigen Material hinterlassen zu haben. Verdammt, das hier war wirklich echt! Abyss lebte!
„Du bist wahnsinnig! Was war das, Mensch?“
„Nach was hörte es sich denn an? Dämlicher Goldhaufen! Eine Mischung aus unphlegmatisiertem Aluminiumstaub und … anderem Zeug.“
Das war typisch, dachte Gibbli. Hätte man ihn gefragt, was H2O bedeutete, hätte er keinen Plan, dass es sich um Wasser handelte, aber so etwas wusste Abyss natürlich.
„Dieses Material ist hoch entzündlich bei Luftkontakt!“, fuhr Steven ihn an.
„Das war der Sinn, du Narr!“
„Mein Mädchen könnte tot sein!“
Die beiden stürzten aufeinander zu und stoben sofort wieder auseinander. Der Eingang öffnete sich. Erst jetzt bemerkte Gibbli den Mann in Begleitung der hellen Gestalten. Da stand er, in seiner Uniform und den Kampfstiefeln.
„Was ist mit deinem Gesicht passiert?“, fragte sie. Es sah nicht viel besser aus als das von Steven. Abgesehen von den Narben um seine schwarzen Augen war es von dunkelbraunen Flecken bedeckt, als hätte ihn jemand geschlagen. Bei ihrem Treffen waren ihr diese gar nicht so genau aufgefallen.
Sky musterte Gibbli prüfend von oben bis unten. „Frag deinen kleinen Freund“, knurrte er dann, als hätte er beschlossen, dass es ihr gut ging.
„Hey, selbst Schuld, das hattest du verdient! Wie kannst du mir den Bogen auch einfach aus den Händen schießen, du hättest Nu beschädigen können!“, fuhr Abyss ihn an.
„Ich zielte auf deine Finger, nicht auf Nu. Ich habe meine Waffe im Griff. Immer! Du wolltest uns alle umbringen!“
„Ich war …“, Abyss brach ab.
„Verzweifelt? Dumm? Ein Arschloch?“, gab ihm der Kapitän ein paar Möglichkeiten, seinen Satz zu vollenden.
Gibbli traute ihren Ohren nicht. Solche Worte aus Skys Mund?
„Was tust du hier überhaupt?“ Abyss nickte zu den Wesen hinüber, die vor der Zelle standen und warteten. „Wolltest du nicht mit diesen durchsichtigen Leuchtfuzzis da verhandeln?“
„Genau das mache ich. Und wolltest du sie nicht befreien?“ Der Kapitän nickte zu Gibbli hinüber.
„Das war nie mein Plan, mein Plan war lediglich sie zu finden und das hab ich doch!“
„Das sehe ich. Ich will nicht wissen, was du verbrochen hast, dass sie dich hier eingesperrt haben. Und woher kommt eigentlich schon wieder das ganze Blut auf dir?“
„Keine Sorge, ist nicht meins, Kapitän.“ Gibbli fiel auf, dass er das Wort, Kapitän etwas ablehnend aussprach.
„Das gehört mir! Oh ja! Meins!“, rief Steven dazwischen.
Skys Blick glitt zu ihm hinüber. „Er lebt ja noch“, sagte er dann an Abyss gewandt. „Ich bin stolz auf dich.“
„Oh, das hole ich gleich nach.“ Abyss hatte schneller ein Messer in der Hand, als Gibbli schauen konnte.
„Nicht!“ Hastig schüttelte sie den Mantel ab, sprang auf und stellte sich vor Steven. Sofort bereute sie ihre Kurzschlussreaktion und murmelte: „Er … er schuldet mir etwas.“
Abyss öffnete entgeistert den Mund. Ungläubig ließ er sein Messer sinken und starrte Gibbli an, als könnte er nicht begreifen, dass sie tatsächlich hier stand. Zwischen ihnen.
Sky betrachtete sie fragend. „Hört zu, ich bin noch immer am Verhandeln. Wir werden das regeln und dann-“
„Nimm mich in deine Crew auf!“, unterbrach Steven den Kapitän.
„Nein“, sagte Sky kalt. „Damit würde ich riskieren, dass zwei meiner Crewmitglieder sich gegenseitig zerfleischen.“
„Damit bringst du mich um! Bitte, nimm mich auf! Sie werden mich für immer einsperren! Das Leben eines Mog ist lang! Sehr lang!“
Sky öffnete den Mund, doch Gibbli kam ihm zuvor: „Ich will, dass er mitkommt.“
Mit der Crew an ihrer Seite fühlte sie sich mutiger. Sie hatte eine Rechnung mit dem Oceaner offen. Seine Demütigung würde sie nicht auf sich sitzen lassen. Sie würde sich rächen, sie würde … Verdammt, was hatte sie da eben gesagt? Was dachte sie sich nur dabei? Gibbli spürte die misstrauischen Blicke von Abyss und Sky und senkte beschämt den Kopf. Steven hingegen fing an zu grinsen.
„Okay, was geht hier ab, was hast du mit ihr gemacht?“ Abyss packte Gibbli am Arm und schob sie grob beiseite, während Steven an die Wand zurückwich. „Ich bring dich um, ich reiß dir deine scheiß-“
Sky umklammerte Abyss von hinten. Die beiden rangen kurz miteinander. Gibbli starrte sie überrascht an. Sie war sich sicher, dass Abyss stärker war, doch gegen die Kampferfahrung des Kapitäns kam er nicht an. Abyss hörte auf sich zu wehren und begnügte sich damit, Steven böse anzufunkeln, während Sky ihn festhielt.
„Du wirst gar nichts!“, zischte er. „Du wirst ihn nicht anfassen. Du wirst ihn nicht explodieren lassen. Du wirst ihn nicht mit Messern bewerfen und auch nicht mit anderen Dingen, die dir gerade einfallen“, fügte der Kapitän hinzu, als wüsste er genau, was Abyss dachte. „Du stellst nichts Dummes an, das ist ein Befehl! Keine Gewalt! Das würde weitere Verhandlungen unmöglich machen. Ihr bleibt ruhig! Verstanden? Gibbli ist nur zu einem Viertel oceanisch. Ich bin dabei, die Mog davon zu überzeugen, Menschen zu akzeptieren. Und ich bin mir nicht sicher, ob dies jetzt, nach deinem Verhalten, noch möglich ist!“
„Na dann ist’s eh schon zu spät. Wie wolltest du das überhaupt anstellen?“, fragte Abyss mürrisch und rieb sich den Hals, als Sky ihn losließ.
„Reden Abyss, so etwas nennt man reden. Und das sollte eigentlich deine Aufgabe sein!“
Genervt verschränkte Abyss die Arme und lehnte sich an eine Wand neben Gibbli.
„Und was ist jetzt mit mir?“, fragte Steven leise aus einer Ecke.
„Was soll mit dir sein? Du bist ein Verräter“, erwiderte Sky und drehte sich zu ihm um. „Sie werden dich nicht gehen lassen.“
„Ihr braucht mich!“
„Niemand braucht dich“, warf Abyss ein.
Doch Steven beachtete ihn nicht. „Ich schwöre dir, wenn ich nicht mitkomme, wird es deine Welt nicht mehr lange geben, mein Kapitän! Euer Planet wird so nicht mehr existieren! Nein, ich meine es ernst, das ist die Wahrheit. Und Sie“, er deutete auf Gibbli, „steht in meiner Schuld. Ich habe ihr Leben gerettet. Außerdem schulde ich ihr einen Gefallen, wie sie vorhin gesagt hat.“
Sky wandte sich nachdenklich Gibbli zu. „Ich überlege es mir.“
Abyss schüttelte verständnislos den Kopf.
„Gehen“, wisperte einer der Mog am Eingang.
Sky nahm einen tiefen Atemzug und trat langsam auf die Wesen zu. Kurz bevor er den Raum verließ, drehte er sich noch einmal um zu Steven. Dann fixierte sich sein Blick auf Abyss‘ graue Augen, der düster zurück starrte. „Ich warne euch, bisher habe ich es toleriert, wenn ihr außerhalb der Crew gemordet habt. Ich war nachsichtig. Aber in meiner Crew werde ich das nicht dulden. Ihr kennt meine Regeln. Meine Gesetze. Wenn einer von euch den anderen verletzt, egal wie, wenn einer von euch den anderen umbringt, dann werde ich Gerechtigkeit walten lassen. Schmerz gegen Schmerz. Tod gegen Tod.“
Die Glaswand verschloss sich hinter ihm und seine Gestalt entfernte sich zwischen den leuchtenden Mog. Eine drückende Stille breitete sich in dem kleinen Raum aus. Gibbli hatte keine Ahnung, was sie machen sollte. Als sich die beiden Männer nach einer Weile noch immer nicht bewegt hatten, setzte sie sich auf den Boden und wickelte Abyss‘ Mantel wieder um sich, wie eine Decke. Abyss‘ Mundwinkel zuckten leicht, nur für einen kurzen Augenblick, das war jedoch auch schon das einzige. In den nächsten Minuten beobachtete Gibbli ihn und Steven misstrauisch, wie sie jeweils an der gegenüberliegenden Wand standen, möglichst weit voneinander entfernt und sich gegenseitig niederstarrten. Jeder bereit, sich sofort auf den jeweils anderen zu stürzen. Wie zwei Vulkane, die jederzeit ausbrechen konnten.
„Was für einen Gefallen schuldet er dir?“, fragte Abyss plötzlich, ohne die Augen von Steven abzuwenden.
Gibbli schreckte hoch. Wie viel Zeit war vergangen? Stunden? Die beiden Männer hatten sich noch immer keinen Millimeter bewegt.
„Das, mein Freund, ist eine Sache zwischen mir und meinem Mädchen“, antwortete Steven ihm, bevor Gibbli den Mund aufmachte.
Abyss drehte den Kopf zu Gibbli und sein Blick bohrte sich in den ihren. „Was für einen Gefallen schuldet er dir?“, wiederholte er so bedrohlich, dass ein Frösteln in ihr aufstieg.
Zitternd blickte sie ihn an. Wenn er von ihrem Spiel erfuhr, hielt er sie bestimmt für dumm. Es war so verlockend gewesen, dass Steven ihren Wunsch befolgen würde und überhaupt, der Oceaner hatte ihr ja gar keine andere Wahl gelassen. Dass es sie gleichzeitig an ihn binden würde, war ihr nicht bewusst gewesen. Dieser verdammte Name! Abyss würde das nicht akzeptieren. Er würde durchdrehen, wenn er das erfuhr. Sie trug den Namen seines größten Feindes! Er würde Gibbli hassen!
„GIBBLI! Ich hab dich was gefragt!“, brüllte Abyss und sie fuhr erschrocken zusammen.
„Ein Geheimnis, an das du nicht herankommst.“ Steven lachte und Abyss wandte sich ihm wieder zu. „Du kannst das nicht ausstehen, wenn sie etwas vor dir verschweigt. Nein, das kannst du nicht.“ Jetzt würde er es ihm gleich erzählen, dachte Gibbli panisch. Doch Steven verriet nichts. Beunruhigt blickte der Oceaner nach oben, als das leise Hintergrundtackern erneut verstummte. „Du warst das, Mensch! Nicht wahr? Du bist in den innersten Maschinenraum eingebrochen.“
„Vielleicht war ich das.“ Abyss trat vor. Mit zusammen gekniffenen Augen schnaufte er verächtlich aus. „Vielleicht wurden … aus Versehen ein paar Schalter gedrückt.“
Steven kam hastigen Schrittes auf ihn zu. „Ein paar? Welche Schalter?“
„ALLE Schalter!“, brüllte Abyss ihn an.
„Was hast du getan?“, flüsterte der Oceaner.
„Nun, anscheinend genug, damit sie mich endlich hierher brachten. Technische Geräte machen seltsame Dinge, wenn auf wundersame Weise plötzlich Kabel herausgerissen werden. Manchmal gehen kleine Rädchen kaputt. Weißt du, das kann schon mal passieren, wenn sie einer gewissen gutaussehenden Faust im Weg stehen.“
„Wahahah!“ Steven lachte, dann sagte er ganz ernst: „Wir werden sterben.“
„Na klar. Antworte, du verrückter Narr und lenk nicht ab! Was verheimlicht ihr mir?“
Das leise Tackern setzte wieder ein.
„Ah, wie der Meeresexpress. Er hält an und fährt weiter. Leute steigen ein und aus. Wir bleiben drin, bis er explodiert, oder vielleicht doch nicht? Du willst unser Geheimnis wissen, Mensch? Ich verrate dir nur so viel, wenn … falls wir durch das Portal zurückkehren, geht es erst richtig los.“
Ruckartig schoss Gibblis Kopf hoch. „Wir können zurück? Durch das Portal?“, fragte sie, auch in der Hoffnung, es würde Abyss von dem Spiel ablenken.
Und es funktionierte. „Sagtest du nicht, es führt nur in eine Richtung?“, fragte er Steven gereizt.
„Warum sollte es das? Es wäre unsinnig, so etwas zu bauen, oder? Die Polung lässt sich mit etwas Aufwand und einem Genie, wie ich es bin, umkehren.“
„Du hast uns belogen!“, schrie Abyss ihn sofort an.
„Sicher. Ich bin ja nicht Sky. Ach … Ich bin ja so gemein! Ihr habt mir doch keine andere Wahl gelassen! Seid mit eurer Partygesellschaft in meiner Stadt aufgetaucht, was hätte ich anderes tun sollen als mitzufeiern?“ Steven grinste.
Gibbli presste sich beunruhigt an die Wand, als die zwei wieder anfingen, sich gegenseitig anzubrüllen. Sie würde die Männer sicher nicht voneinander fernhalten können, wenn sie sich zum Kampf entschlossen. Abyss warf ihm Schimpfwörter gegen den Kopf und Steven beschwerte sich darüber. Ihre Worte wurden immer lauter. Dann holten beide zum Schlag aus, doch ein Geräusch ließ sie abrupt auseinanderfahren. Auch Gibbli sprang schnell auf. Die Wand öffnete sich und alle starrten gebannt auf die eintretende Gestalt: Kapitän Skarabäus Sky. Mit Zornesfalten auf der Stirn und seinem Strahler in einer Hand. Dieses Mal ohne Mog, er war allein. Seine furchterregenden Augen funkelten ihnen entgegen. Steven trat leise zurück an die Wand.
„Was machst du hier?“, fragte Abyss unbeeindruckt.
„Ich hole meine Technikerin zurück, während mein Kommunikationsoffizier so verflucht dämlich war, sich einsperren zu lassen.“
„Verflucht? Im Ernst, Schimpfwörter aus deinem Mund hören sich gruselig an!“
Sky bückte sich und hob den langen Mantel auf, der von Gibblis Schultern gefallen war. Dann trat er auf Abyss zu.
„Wie wäre es, wenn du endlich lernst, auf deinen Kapitän zu hören und dich mit ihm abzusprechen, bevor du solche blödsinnigen Entscheidungen triffst? Ich hatte sie fast soweit gehabt! Nun, jetzt haben wir ein Problem. Was immer du angestellt hast, dass sie dich hier einsperrten, hat ihre Meinung geändert. Die Mog haben sich entschlossen, Gibbli aufgrund meiner Überzeugungskünste gehen zu lassen. Dich hingegen nicht.“
„Kacke.“
„Ja, Abyss, kacke. Das trifft es gut. Und um es auch in für dich verständlichen Worten auszudrücken“, der Kapitän drückte ihm grob den Mantel entgegen, wobei er Abyss beinahe umwarf, „nimm jetzt dein scheiß Zeug, du verdammter Idiot und folgt mir.“ Sky hob seine Waffe und schon hatte er sich wieder dem Ausgang zugewandt. „Alle. Und zwar schnell.“
Steven lachte hysterisch auf. „Ich mag ihn“, murmelte er dann völlig ernst. Er drehte sich einmal im Kreis herum und sprang dem Kapitän begeistert hinterher.
Gibbli brauchte ein paar Sekunden, um zu realisieren, dass mit Skys Aufforderung auch sie gemeint war. Hastig sammelte sie ihre Werkzeuge auf und verstaute sie. Sie blickte Abyss kurz an. Er stand noch immer düster dreinschauend in der Zelle. Dann beeilte sich Gibbli, um hinter Steven und Sky herzulaufen, die bereits im gläsernen Gang draußen um die nächste Ecke schlichen.
„Ja, Sir, Kapitän“, sagte Abyss leise hinter ihr und folgte ihnen genervt.
 
Ihre Flucht durch die gläsernen Gänge war beunruhigend ruhig verlaufen. Es schien, als wären die Mog weniger geworden und sie hatten ihnen leicht ausweichen können. Der Kapitän hatte Abyss und Steven befohlen, sich in die Transportkontrollräume zu schleichen. Laut Steven ließ sich von dort aus der Kasten steuern, der sie in großer Höhe an dem dicken Seil stadtauswärts bringen würde. Gibbli wäre gerne mitgekommen, um zu sehen, wie es funktionierte, doch Sky ließ sie nicht mehr aus den Augen. Sie genoss die Stille, während ihre halb durchsichtige Gondel sich über verlassene Gebäude hinweg von der Stadt entfernte. Der Kapitän saß ihr gegenüber in der engen Kapsel. In einer Hand hielt er seine Waffe, in der anderen sein EAG, das er als Lichtquelle verwendete.
„Die werden sich gegenseitig die Köpfe abreißen“, gab Gibbli zu bedenken.
„Vielleicht. Aber wenn er wirklich dabei sein möchte, müssen sie lernen, miteinander auszukommen. Erzähl mir von Steven“, verlangte Sky. Auch wenn er dadurch oft bedrohlich wirkte, mochte Gibbli seine ruhige Art. „Berichte mir, was er dir antat.“
„Nichts.“ Sie wollte nicht über Steven reden. Sie wollte die letzten Tage am liebsten vergessen.
„Sag mir, warum ich dir nicht glaube.“
„Weil ich lüge?“ Mit Ehrlichkeit kam man bei ihm immer weit, das wusste sie mittlerweile, auch wenn es oft unangenehm war.
Seine Mundwinkel zuckten für einen Moment nach oben. „Hätte ich eher gewusst, dass sie euch zusammen einsperren, hätte ich versucht die Mog davon zu überzeugen, euch zu trennen.“
„Die Mog wollten mich umbringen. Er … hat mir das Leben gerettet.“ Das wusste der Kapitän bereits. Aber über Stevens dämliches Spiel würde sie sicher nichts freiwillig preisgeben.
„Die Mog sind im Grunde sehr friedliche Wesen. Emotionslos und kollektiv. Lediglich mit Oceanern kommen sie nicht klar. Und Gewalt. Und Abyss.“
Gibbli lächelte nervös und blickte nach unten. Draußen herrschte Finsternis und von der schwindelerregenden Höhe, in der sich die beiden befinden mussten, war im Inneren des Kastens bis auf das leichte Schaukeln nichts zu spüren. Das hier verlief zu glatt. Sie ahnte, dass irgendetwas nicht stimmte, als würde sich ein Sturm zusammen brauen. Das schwache Grinsen auf ihrem Gesicht erstarb.
„Vertraust du ihm?“, fragte der Kapitän.
Die finsteren Implantate auf sie gerichtet, versuchte Gibbli Skys grimmigen Gesichtsausdruck zu deuten. Wie konnte man jemandem vertrauen, der seine Entscheidungen und Absichten alle paar Augenblicke änderte? Sie zuckte mit den Schultern und ignorierte das kurze Stechen an ihrem Rücken. „Steven ist … er …“
„Verzeihe mir, ich meinte nicht ihm. Vertraust du Abyss?“
Gibbli verstummte. Warum wollte er das wissen? Einige Sekunden verstrichen. „Ja“, sagte sie dann schlicht.
„Abyss ist ein gefährlicher Mann.“ Sky lehnte seinen Kopf gegen die Wand hinter sich und blickte seitlich nach draußen, wo sich die Lichter der Mogstädte immer weiter entfernten. „Es mag ein Zeitpunkt kommen, an dem ich dich nicht mehr vor ihm zu schützen vermag.“
Was meinte er damit? Sky musste sie doch nicht vor ihm beschützen! „Er würde mir nie wehtun.“
„Gibbli, er hat dich bereits verletzt.“
„Er tut mir nichts. Er ist mein bester Freund.“ Sie zog ihre Knie zu sich heran und umschlang sie mit den Armen.
Sky lehnte sich wieder nach vorne. „Ich bin mir nicht sicher, ob Abyss das Wort Freunde kennt. Um es klar auszudrücken: Das ist eine Warnung. Vergiss nicht, er spielt mit den Menschen, um zu bekommen, was er will. Das tat er schon immer. Er mag dir vielleicht direkt erscheinen, aber Abyss ist ein guter Schauspieler. Der Beste, den ich je traf. Das ist sein größtes Talent, anderen weiszumachen, jemand zu sein, der er nicht ist. Also wenn es auch nur den geringsten Zweifel gibt, dann muss ich das wissen. Das ist wichtig, denn … es entscheidet, wie ich weiter vorgehe. Ich frage dich noch einmal, bist du dir sicher? Vertraust du Abyss?“
Gibbli fragte sich, um was genau es ihm ging. Abyss plante nichts voraus. Gut, fast nichts. Er war ehrlich. Okay, nein, wohl eher nicht. Aber er beschützte sie und er war wie ein Bruder für sie. Oder? Er mochte ihr Lachen. „Ich vertraue ihm.“
Der Kapitän schien nicht erfreut zu sein, doch er nickte. „Gut.“
 
„Ich will auch so ein Ding“, sagte Gibbli und nickte zum Strahler, den Sky schon die ganze Fahrt über in einer Hand hielt. Die beiden hockten am Boden, nicht weit vom Portal entfernt und warteten auf Abyss und Steven, die hoffentlich mit einem weiteren Kasten bald ankommen sollten. Sicher war den Mog ihr Verschwinden bereits aufgefallen, doch komischerweise hatte sich ihnen noch keiner in den Weg gestellt und hier draußen, so weit außerhalb der Stadt wirkte alles wie ausgestorben.
„Laut meinen Unterlagen wirst du am 20. Dezember fünfzehn“, murmelte der Kapitän mit seiner rauen Stimme. „Nach den Akademie Regeln dürftest du also erst in über einem Jahr an den fortgeschrittenen Kampfkursen mit Schusswaffen teilnehmen. Du kannst noch nicht damit umgehen.“
„Bring es mir bei.“ Gibbli hatte dieses ständige eingesperrt werden satt. Sie wollte sich endlich wehren können!
Sky beobachtete, wie sich ein zweiter Kasten aus der Ferne näherte. „Ich bin kein Lehrer.“
Sie blickte zu ihrem linken Stiefel hinab, in dem Abyss‘ Klinge steckte. „Der Kampf mit einem Messer ist weitaus gefährlicher als ein Strahler.“
Sky seufzte. „Meinetwegen. Besser ich, bevor Abyss es tut und dabei aus Versehen ein Arm abgeschnitten wird. Wenn wir zurück auf unserem Planeten sind. Falls wir zurückkehren.“
Gibbli nickte zufrieden. Einer der bedeutendsten Männer der Elite würde ihr Kampfunterricht geben. Würde er nicht im ganzen Meer gesucht werden, wären ihre Eltern sicher erfreut darüber gewesen.
Sky sprang auf, als der Kasten anlegte. „Und wenn sich die beiden in diesem Ding nicht zerfleischt haben“, fügte er hinzu.
Abyss und Steven stiegen nicht sonderlich fröhlich aussehend aus, aber noch mit ihren Köpfen an der richtigen Stelle sitzend. Der Oceaner hopste voran. Gibbli wich sofort von ihm zurück, als sie seinen Einfluss spürte. Er schien es ebenfalls bemerkt zu haben, sah sie an und zog kurz die Augenbrauen hoch. Dann grinste er. Mit einem unguten Gefühl im Bauch trat sie einen weiteren Schritt zurück.
Abyss schubste Steven beiseite und stapfte an ihm vorbei zu Gibbli und dem Kapitän. „Lass mich seine Hand abschneiden, Sky!“, waren seine ersten Worte. „Bitte, nur einen kleinen Finger, den braucht er doch nicht. Er spreizt sie immer so komisch ab, ich mag das nicht!“
„Wir schneiden keine Stücke von Leuten ab, nur weil wir sie nicht mögen, Abyss“, belehrte ihn der Kapitän. „Außer, sie schneiden dir etwas ab, dann hast du meine Erlaubnis.“
„Was soll das heißen, ihr mögt mich nicht?“, fragte Steven aufgebracht, während er dem düster dreinblickenden Abyss folgte. „Ihr liebt mich! Ihr müsst mich lieben, ICH bin ein Genie!“
Sky ging nicht auf ihn ein. Kurz vor der Kugel blieb er stehen und gab Steven den Befehl, die Polung des Portals umzukehren.
„Sie folgen uns noch immer nicht“, sagte Gibbli beunruhigt. Sie konnte nicht glauben, dass die Mog sie so einfach gehen ließen.
Abyss stand mit gezogenem Messer neben Sky und suchte mit wachsamen Blickes die Umgebung ab. „Vielleicht können die sich nicht einigen, ob sie links oder rechts abbiegen, um uns zu folgen und brauchen ein paar Stunden, um das auszudiskutieren.“
„Hinab in die Tiefe, immer weiter, immer weiter“, murmelte der Oceaner und wischte fröhlich auf einer Konsole ein paar Zahlen beiseite, in denen Gibbli Positionsangaben zu erkennen glaubte. „Sie sind abgelenkt, oh ja, das sind sie.“
Abyss grinste und stimmte ihm überraschenderweise zu. „Ja.“
Stirnrunzelnd sah Sky ihn an, als erwarte er eine Erklärung. Abyss setzte zu einer Antwort an, doch Gibbli kam ihm zuvor.
Sie deutete auf einen metallfarbenen Seitengang. „Die Mog kommen!“
Sky und Abyss erhoben ihre Waffen, während Steven sich mit emotionslosem Blick umdrehte. Ein quirliger Leuchtkörper erschien in der Öffnung. Mit schlängelnden Bewegungen schwebte er auf sie zu. Gibbli erwartete weitere Wesen aus dem Gang, doch niemand folgte ihm. Es handelte sich lediglich um einen einzelnen Mog. Er schwirrte näher und schwenkte mit dem Kopf.
„Was-„, begann Abyss und seine Hand zuckte plötzlich zurück. Mit schmerzverzerrtem Gesicht ließ er das Messer los, das noch im Fallen zu einer silbrigen Masse schmolz und sich auflöste.
Dann wandte sich der Mog Sky zu. Doch offensichtlich verspürte das Wesen im Kapitän keine Gefahr, denn die Waffe in seinen Fingern, die bedrohlich auf ihn zeigte, ließ es kalt. Ein schräges Geräusch zischte durch die Luft. Gibbli war versucht, sich die Ohren zuzuhalten.
„Steven, übersetze das!“, befahl Sky.
Der Oceaner wandte sich ihm zu. „So langweilig. So gerecht. So fair. Nur nicht für den lieben Steven. Nein, nein, nein, nicht für Steven.“
„Steven!“, fuhr der Kapitän ihn an.
„Ich liebe diesen Namen, oh ja. Es sagt, die Mog erlauben euch zu gehen, wohin immer ihr wollt, Kapitän. Dir und meinem Mädchen. Sollte jemand anderes das Portal betreten, werden sie es nehmen, wie das Messer des gemeinen Menschen.“
„Sag dem Mog, dass ich nicht ohne meine Crew-“
„Was heißt die Menschenwelt ist verschoben?“, warf Abyss ein, bevor Sky den Satz zu Ende sprechen konnte.
Steven blickte Abyss überrascht an. „Das ist beeindruckend, Mensch meines Mädchens! In so wenig Tagen begreifst du bereits Bruchstücke der Mog Sprache?“
„Was meint dieser Leuchtfuzzi damit?“, knurrte Abyss. Gibbli war sich sicher, wenn Steven noch einmal das Wort Mädchen erwähnte, würde er ihn aufessen.
„Keine Wörter sind es, nein, sie kennen keine Buchstaben, nur Töne und Frequenzen.“
„Lenk nicht ab!“
„Wovon, Mensch? Davon, dass wegen dir dieser Planet auseinanderfallen wird? Wirklich gut gemacht, ja das hast du.“
Richtig, erinnerte sich Gibbli. Abyss hatte die Maschine zerstört, welche die beiden Hälften der Tag- und Nachtseite zusammen hielt. Die Mog würden ihn niemals gehen lassen.
„Der Planet wird … was?“, fauchte Sky. „Abyss, was hast du-“
Steven lachte und wieder unterbrach Abyss den Kapitän: „Beantworte die Frage, dämlicher Goldhaufen!“
„Steven?“, fragte Gibbli leise dazwischen. Sie bemerkte Sky, der die Arme verschränkte, einen Schritt zurück trat und ungläubig den Kopf schüttelte.
„Mog reden Unsinn. Höre nicht auf sie, nein, niemals, hört auf Steven, hört auf mich.“
„Steven“, sagte Gibbli erneut.
„Du bist ein Verräter deines Volkes“, fuhr Abyss ihn an.
„Nein, nein, nein, ich liebe das Leben! Ich lebe. Richtig, ja das tue ich. Die Mog verstehen das nicht! Nun, es liegt wohl auch daran, dass ich mich weigerte, deinen Schaden zu reparieren.“
„Diese dämlichen Leuchtfuzzis erschaffen Materie. Die können alles, warum sollen sie die Hilfe deiner hässlichen Fratze dazu brauchen?“
„Steven!“, rief Gibbli.
„Materie erschafft man nicht, du beschränkter Mensch! Mog verschieben und ziehen die Frequenz der Materie in den Ebenen. Das bedeutet nicht, dass sie wissen! Es ist zum Teil Oca Technologie. Materielle Dinge sind kompliziert. Ich musste lange lernen, um es zu verstehen. Aber ich schaffte es. Ich bin der schlauste, größte, stärkste und-“
Abyss spuckte ihm auf den Kopf. „Das können nur Leute die größer sind als du.“
Der Oceaner fuchtelte wild mit den Armen in der Luft herum und fuhr entsetzt immer wieder über seine goldenen Haare. „Ich sterbe! Tu es weg! Ich verfaule, ich merke es schon! Wah! Mach es weg, du ekliger Fleischberg!“
Gibbli atmete tief ein und packte den Oceaner. „Steven! Jetzt hör mir endlich zu!“
Abyss verzog sofort die Augen zu Schlitzen und Gibbli spürte seinen wütenden Blick auf sich. Doch der Oceaner hielt inne und wandte sich ihr zu.
„Sag ihnen, ich repariere es.“
„Mein Mädchen will es richten?“, fragte Steven interessiert.
„Ja! Sag ihnen, ich repariere es, wenn sie dich und Abyss gehen lassen. Wenn sie uns alle zusammen durch das Portal gehen lassen.“
Das leuchtende Wesen gab ein schräges Geräusch von sich.
„Das Ding ist einverstanden“, sagte Abyss, während er noch immer Gibblis Finger fixierte.
Hastig ließ sie Steven los. Das ging schnell, dachte Gibbli. Der einzelne Mog hatte sie verstanden und sofort zugestimmt. Diese Wesen waren nicht langsam, sie brauchten nur immer so lange, um sich zu einigen und mit einer Stimme zu sprechen. Gibbli zögerte. Sollte sie jetzt einfach mitgehen?
Abyss betrachtete den Mog misstrauisch und blickte sich fragend um. „Kapitän?“
„Ach, jetzt bin ich plötzlich wieder Kapitän. Ich existiere also wieder.“
„Kapitän, ich kann auch-“
„Schweig“, unterbrach Sky den Oceaner. „Du arbeitest weiter am Portal. Wenn wir zurückkommen, will ich, dass es fertig eingestellt ist. Und du“, er schlug genervt gegen Abyss‘ Schädel, „kommst mit. Gibbli.“ Sky deutete ihr mit einer Kopfbewegung dem Mog zu folgen, während er selbst sich schon in Bewegung setzte. Abyss und Gibbli beeilten sich, ihm und dem Wesen hinterherzulaufen. Dieses führte sie durch die gläsernen Gänge und in eine Kapsel, welche sie weit hinab in die Tiefe beförderte und dann durch weitere Gänge. Schweigend standen sie in einer zweiten Gondel, die sie tief in den Planeten hinein brachte.
„Lektion Menschenkenntnisse“, flüsterte Abyss ihr plötzlich ins Ohr. „Was habe ich dir über Leute erzählt, deren Adern an den Schläfen so deutlich hervortreten wie seine gerade?“
Gibbli bedeutete ihm still zu sein, denn Skys Finger knackten bedrohlich.
„Na los, sag schon.“ Abyss blickte sie auffordernd an. „Was meinst du, ist er verwirrt, wütend, hungrig?“
Sie unterdrückte ihr Lächeln, als der Kapitän stehen blieb. Er zog seinen Strahler und Gibbli wich einen Schritt zurück.
„Weitere Lektion in Menschenkenntnissen.“ Sky hob den Arm und drückte die Seite seiner Waffe fest gegen Abyss‘ Stirn. „Wenn man keine Löcher in Gehirnen haben möchte, sollte man wütende Menschen besser nicht weiter provozieren und sie-“
„Du an meiner Stelle hättest es auch getan!“
„Schweig! Wütende Menschen sind gefährlich. Sie verzichten nicht auf Gerechtigkeit und-“
„Sky, du wüsstest gar nicht, wie-“
„Ich schwöre dir, wenn du mich heute noch einmal unterbrichst, wird das weder dir noch Jack gefallen!“
Abyss‘ Grinsen erstarb. „Das wagst du nicht.“
„Hör auf, meine Befehle zu missachten, oder ich werfe dich in einen noch tieferen Abgrund als den, in dem du sowieso schon drin steckst.“
Abyss fletschte die Zähne, starrte ihn düster an und schwieg. Sky wandte sich von ihnen ab. Gibbli hatte nicht verstanden, was er damit meinte, doch sie wagte es nicht, etwas zu sagen. So grimmig wie die Männer dreinblickten, wollte sie keine Aufmerksamkeit erregen. Sie schwiegen den ganzen Weg über. Je weiter die drei hinabstiegen, desto mehr Mog begegneten ihnen. Offensichtlich befanden sich die meisten in den Räumen um die zerstörte Maschine herum.
 
Um sie herum wuselte es nur so von Mog. Blinkende Lichter signalisierten unterbrochene Warnmeldungen. Aus einigen der goldenen Leitungen hinter durchsichtigen und größtenteils zerbrochenen Abdeckungen stoben Funken.
„Da hat sich wohl vielleicht zufällig ein Kabel gelöst“, sagte Gibbli und betrachtete ungläubig den großen Raum.
„Oder zwei“, gab Sky mit rauer Stimme zurück. „Ich frage mich, woher du diesen ganzen Sprengstoff nimmst, Abyss.“
„Die hatten was, was mir gehört“, murmelte er kaum hörbar, als wäre das eine Erklärung dafür.
Bomben basteln war wirklich eine seiner Spezialitäten, dachte Gibbli. Mit einem mulmigen Gefühl betrachtete sie das Chaos. Das hier waren mindestens fünf größere Explosionen gewesen. „Was hast du dir dabei gedacht?“, fragte sie leise.
Den Mog war es gelungen, bereits einen Großteil von Abyss‘ Deinstallationen, wie er die kleinen Schrottbrocken so liebevoll bezeichnete, zu reparieren. Dennoch steckten einige Leitungen nicht dort, wo sie sein sollten. Gibbli packte unter dem überwachenden Blick des Kapitäns ihr Werkzeug aus. Ein Teil davon war aufgrund ihres ersten Fluchtversuchs nicht mehr verwendbar. Doch sie fand alles nötige unter den oceanischen Geräten. Konzentriert machte Gibbli sich an die Arbeit. Abyss zeigte ihr weitere zerstörte Stellen und übersetzte einige der oceanischen Texte. Dann sah er ihr schweigend zu. Sie versuchte, die sich schlängelnden Mog um sie herum zu ignorieren. Die Wesen sprachen hin und wieder und jedes Mal bekam Gibbli eine Gänsehaut bei den schrägen Klängen ihrer Stimmen.
„Ich stelle mir gerade vor, wie du hier breitbeinig stehst, den Mog fröhlich zuwinkst und dann alles kurz und klein schlägst, in der Absicht gesehen zu werden“, sagte Sky. „Du besitzt ein Talent dafür, eingesperrt zu werden.“
Abyss zuckte mit den Schultern. Es hatte jedenfalls gut funktioniert, dachte Gibbli und schloss ein paar Drähte an. Er hatte genau das erreicht, was er wollte.
„Dafür nimmst du die Vernichtung eines ganzen Planeten in Kauf.“
Abyss blickte den Kapitän nicht an, als er knapp antwortete: „Ja.“
Sky schüttelte den Kopf. „Das ist krank.“
Während Gibbli an der Maschine herum schraubte und verschiedene Teile ersetzte, drang in ihr Bewusstsein, was Abyss hier eigentlich getan hatte. Was er beabsichtigt hatte zu tun: Millionen von Mog, sie alle und sich selbst vernichten, einen ganzen Planeten auseinanderbrechen lassen, nur ihretwegen. Das war kein harmloser Streich und langsam konnte sie Skys Wut nachvollziehen und auch seine Warnung. Aber Abyss hatte es wegen ihr getan. Nur um sie noch ein einziges Mal zu sehen. Ein kleines Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht, während sie weiter arbeitete.
 
Es dauerte nicht länger als drei Stunden, um die Maschine zu reparieren. Dennoch kam es Gibbli wie eine halbe Ewigkeit vor, bis das Tackern wieder regelmäßig und ohne Unterbrechung einsetzte. Die Mechanismen waren simpel doch effektiv. Gibbli verstand nicht, warum die Mog damit solche Probleme hatten. Offensichtlich fiel es ihnen wirklich schwer, mechanische, materielle Vorgänge zu begreifen.
„Gut gemacht“, sagte der Kapitän mit rauer Stimme, als sie sich bereits auf dem Rückweg befanden.
Die Mog ließen die drei ungehindert gehen und hielten sich an die Abmachung. Die Umgebung, um das Portal herum, schienen sie sowieso möglichst zu meiden. Es befand sich außerhalb der Stadt und die Abschirmung der oceanischen Technologie reichte nicht bis dort hin. Schweigend stiegen sie in die Kapsel, die sie wieder hinauf bringen sollte.
„Abyss“, sagte Sky. „Hör auf damit.“
„Okay.“ Er nickte, ohne ihn anzusehen. „Ich höre auf damit, Planeten in die Luft zu jagen.“
Der Kapitän verschränkte die Arme. „Du weißt, was ich meine. Denk nicht dran.“
Abyss schwieg.
Gibbli lehnte sich an die gläserne Wand. Sie spürte, wie sich die Kapsel nach oben bewegte. Weg von den Mog. Endlich fort von ihnen.
„Sky, du solltest wissen, dass er was verschweigt“, sagte Abyss nach einer Weile leise. „Der Mog vorhin meinte, dass wir alle sterben, wenn wir zurückkehren. Nur darum stimmte er so schnell zu. Er denkt, unser Planet existiert nicht mehr.“
Sky dachte einige Sekunden nach und das Tackern der reparierten Maschinen drang in ihre Ohren. „Vielleicht meinte der Mog diesen Planeten, nicht unseren. Eine Vernichtung, so unvorstellbar groß … Wie hättest du je mit dieser Schuld leben können?“
„Gar nicht. Ich hätte ja nicht mehr gelebt.“
Gibbli bemühte sich, ihren brennenden Rücken zu ignorieren und schloss erschöpft die Augen.
„Dank deines wahnsinnigen Plans sind jetzt nicht nur wir frei, sondern auch Steven“, sagte Sky, als die Kapsel anhielt.
Mürrisch schnaufte Abyss aus. „Musst du es mir auch noch reinwürgen?“
„Komm mit ihm klar. Denn er ist jetzt ganz offiziell Mitglied meiner Crew.“
„Warte, du hast das ernst gemeint? Wir stopfen ihn nicht in eine dieser fahrenden Kapseln und schneiden dann das Seil durch?“, fragte Abyss, als wäre er fest davon ausgegangen, dass sie das tun würden.
„Mittlerweile solltest du mich so gut kennen, dass du weißt, dass ich alles ernst meine, was ich sage.“
 
„Wir kommen sicher durch?“, fragte Sky und umschloss Gibblis Oberarm mit seinen Fingern, während sie zusammen auf das Portal zutraten.
„Natürlich. Ich habe die Polung neu justiert“, antwortete Steven mit fester Stimme. „Ich bin so gut.“ Er hob den Kopf, blickte kurz Gibbli an und dann zu Abyss, der neben ihm stand. „Spürst du ihre Eiseskälte? Die Meermenschen eures Planeten scheinen dagegen immun zu sein. Aber wir Oca gleichen euch Landmenschen sehr. Die Begrenzer der Mog auf eurem Planeten habe ich vor langer Zeit vernichtet. Sie störten mich.“
„Du störst mich! Hör auf, mir die Scheiße, die du Worte nennst, an den Kopf zu werfen!“ Abyss hob seine heile Hand und hielt ihm Daumen und Zeigefinger vors Gesicht. „Ich bin so kurz davor, dir den Schädel einzuschlagen.“
Steven lächelte nur und blickte ihn mit unveränderter Miene an.“Verschone mich mit deinem Geblubber, Mensch. Was ich damit sagen will, wenn wir durch sind, musst du mich von ihr fernhalten.“ Ohne eine Antwort abzuwarten, schritt er mitten in die dunkle Kugel hinein.
Abyss wandte kurz den Kopf zu Sky um, dann folgte er dem Oceaner. Hinter ihm traten der Kapitän und Gibbli zusammen in das Portal.


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Kapitel 2: Das Spiel (Bis in die tiefsten Abgründe)

„Er ist tot“, flüsterte sie und schreckte schweißüberströmt hoch. Sie hatte wieder von ihm geträumt.
Stevens Blick ließ sie ein weiteres Mal erschrecken. Keine grauen Pupillen, sondern goldene. Richtig, dieses Monster befand sich ja auch noch hier. Da hockte er und starrte sie an, hatte sich kein Stück von seinem Platz wegbewegt. Anscheinend benötigte er keinen Schlaf. Gibbli wollte sich nicht vorstellen, was er tat, während sie es nicht mitbekam. Schnell atmend lehnte sie sich zurück und versuchte sich zu beruhigen.
„Er war ein interessantes Individuum, nicht wahr? Dein Mensch.“ Mit einem Ausdruck, als würde jeden Moment die Welt untergehen, fuhr Steven fort. „Er hatte keine Angst vor mir. Widersprach mir jedes Mal, wenn wir uns begegneten, selbst wenn er ganz genau wusste, dass er nicht im Recht war. Das machte Spaß. Ein lustiger Kerl und nervig. Ich habe verfolgt, wie er aufwuchs. Wie er wurde, was er ist … war. Vergiss ihn. Du wirst ihn nie wieder sehen.“
Düster hob sie den Kopf. Dieses dumme Wasser prasselte noch immer auf die Decke, aber wenigstens nicht mehr so stark.
„Es war nicht die Geige“, sagte Steven nach einer Weile.
„Was?“
„Nu. Der Ton. Denkst du, ich erkenne den Klang nicht? Den wunderschönen Klang …“
Gibbli blickte ihn überrascht an. „Er hat … nicht gespielt? Aber dieser schräge Ton …“ Sie hatte ihn doch gehört! Kurz bevor Ocea aus ihrer Sicht verschwunden war und das Portal sie aufgesogen hatte.
„Du täuschst dich. Hörst du sie erst, wird dir klar, du hast nie etwas Schöneres wahrgenommen! Du wirst dich schwerelos fühlen, du wirst schweben, wenn die Töne durch dich hindurch strömen, dein Herz wird schmelzen, die Zeit wird für dich still stehen, für eine halbe Ewigkeit.“ Seine träumerische Miene verschwand. „Nein. Der Ton, den du hörtest, war hässlich. Ich sage dir, was es war. Ein Schuss, Mädchen.“
„Ein Schuss?“, fragte sie ungläubig.
„Eure Waffen klingen anders in Ocea. Der Druck, du verstehst?“
Gibbli öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Sie begriff und lehnte sich betrübt zurück.
„Es war Sky. Dein ehrenhafter Kapitän. So nobel, so anständig, so pflichtbewusst. Tut das, was getan werden muss. Der gigantische Held“, fuhr Steven theatralisch seufzend fort. „Hat ihn erschossen, bevor der erste Ton erklang. Tragisch.“
Sie nahm einen tiefen Atemzug und flüsterte: „Was macht es für einen Unterschied, wie er starb?“
„Den, dass dein Kapitän wahrscheinlich noch am Leben ist.“
Was kümmerte sie all das noch, sie würde ihren Planeten nie wieder sehen. Sie würde ihn nie wieder sehen. „Das Portal hätte mich umbringen sollen.“
„Tss. Unsere Portale arbeiten immer zuverlässig. Warum sollte es das tun?“
„Weil du sagtest, die Struktur muss übereinstimmen, es sei nur für oceanische Spezies gedacht?“
Steven zuckte mit den Schultern. „Ich log eben.“
„Ich will sterben“, sagte sie leise. „Ich hasse dich.“
„Nein, nein, nein, du liebst mich.“ Seine weinerliche Miene änderte sich abrupt und die goldenen Zähne blitzten auf, als er sie anstrahlte. „Ja, das tust du.“
Gibbli schwieg. Irgendwann würde sie ihren Schraubenzieher nehmen und so lange auf ihn einschlagen, bis er aufhören würde zu existieren.
„Komm schon Mädchen, was hätte ich denn tun sollen? Ihr wart so viele und ich allein. Ich brauchte ein Druckmittel. Ihr hättet mich umgebracht! Aber hier her zurückzukommen, war das letzte, was ich wollte. Aber vergiss, was war. Denk nicht darüber nach, was sein wird. Wir sind jetzt. Solange du lebst, wirst du dich nie in einer anderen Zeit befinden als jetzt“, sagte Steven munter.
Ein Satz, der von Abyss stammen könnte, dachte sie verbittert und flüsterte müde: „Ich mag das jetzige Jetzt nicht.“
„Darum ändern wir es. Wir machen es schöner. Ich helfe dir. Lass uns etwas spielen.“
„Spielen?“, fragte Gibbli ungläubig.
„Ja genau. Das machen wir. Du hast Angst, die Kontrolle zu verlieren, oh ja. Du fürchtest dich davor, ein Oca zu sein. Aber ich versichere dir, du wirst die Kontrolle verlieren. Und du wirst es lieben, wenn du erst einmal schwerelos warst. Ich bringe dich zum Schweben. Ich stelle dir eine Herausforderung!“
„Ich will nicht herausgefordert werden.“
„Doch mein Schatz, das willst du. Mara und Jeff haben es geliebt, das Spiel. Und ich liebte es. Du wirst es ebenfalls mögen. Pass auf!“ Er hob theatralisch seinen Zeigefinger in die Höhe. „Vielleicht werde ich immer ein Mog sein, aber ich fühle mich nicht wie einer. Jedenfalls meistens. Ich bin wahnsinnig gerne ein Oca. Ein Verräter meines Volkes. Das ist es wert. Ich habe dir mein größtes Geheimnis verraten. Jetzt bist du dran. Spiel mit mir! Traust du dich, wie ein Oca zu sein?“
„Ich trau mich nicht.“ Sie wandte sich von ihm ab.
„Nein! Nein, nein, nein! So funktioniert es nicht, Mädchen! Ich stelle dir eine Aufgabe und du musst sie lösen!“
„Warum sollte ich?“
„Ja. Das ist die große Frage. Ich sage dir warum.“ Er kam näher auf sie zu. „Weil du mir dann auch eine stellen darfst. Wer die Herausforderung löst, ist als nächstes dran.“
„Du wirst jede Aufgabe erfüllen, die ich dir stelle?“, fragte sie ihn ungläubig.
„Jede“, antwortete er, ohne zu zögern. „Das ist die Regel.“
In ihrem Kopf entstanden ganz neue Möglichkeiten. War das sein Ernst? Nein, war das ihr Ernst? Wie konnte sie auch nur in Erwägung ziehen, bei so etwas mitzumachen? Etwas freiwillig zu tun, was er ihr befahl zu tun, das war Wahnsinn! Es handelte sich um Steven! Auf seine kranken Vorstellungen konnte sie verzichten.
„Ich will das Spiel nicht spielen“, sagte Gibbli, obwohl sie ahnte, dass ihm das nicht interessierte.
Er lachte hysterisch, hielt dann inne und sagte ernst: „Zu spät Mädchen, du steckst schon mitten drin.“
„Wir haben noch gar nicht angefangen!“, rief sie aufgebracht.
Bevor Gibbli reagieren konnte, packte er ihre Arme und presste sie gegen eine Seitenwand. Angeekelt betrachtete sie sein Gesicht.
Ihre Nasenspitzen berührten sich, als er zu sprechen begann: „Ich mag vielleicht meinen Einfluss auf dich verloren haben, aber ich versichere dir, von meiner Stärke habe ich nichts eingebüßt. Ich bin ein Oca. Ich könnte dich zu ganz anderen Dingen zwingen, wenn ich wollte. Wie wäre es, wenn ich sein Messer nehme und damit ein paar nette Dinge in deine Haut ritze? Ein paar neue Knochenbrüche würden auch nicht schaden. Oder weißt du was, ich wollte schon immer wissen, wie du von innen aussiehst.“
Gibbli schluckte. Streichend wanderte eine seiner Hände an ihrem Körper hinunter, über ihre Brust, ihren Bauch, hinab über ihren Oberschenkel, bis hin zu ihrem Stiefel.
„Das wagst du nicht“, flüsterte Gibbli.
„Nicht? Halt mich auf.“ Er begann Abyss‘ Messer hervorzuziehen. Stück für Stück.
„Fass es nicht an! Es gehörte ihm!“
Steven hielt inne. „Wenn du möchtest, bleibt es, wo es ist. Vorerst. Im Moment genügt es mir, zu spielen. Wir spielen das Spiel! Ich will spielen! Also wirst du spielen! Sind wir uns einig?“
Gibbli nickte schnell. „Aber ich beginne das Spiel, nicht du“, verlangte sie.
Mit einem Ruck schob er das Messer zurück in ihren Stiefel. Dann löste er sich von ihr und trat einen Schritt nach hinten. Zufrieden blickte er Gibbli an. „Das ist mein Mädchen. So verhält sich ein wahrer Oca. Ich bin einverstanden. Du darfst anfangen.“
„Du wirst mich nie wieder anfassen“, sagte sie sofort. „Das ist meine erste Aufgabe an dich. Du wirst mich nie wieder berühren, mir nie wieder nahe kommen!“
„Nein.“
„Nein?“ Entrüstet blickte sie Steven an. „Es war deine Idee! Also halte dich an die Regeln.“
Er schüttelte den Kopf. „Keine nie wieder Aufgaben. Das ist eine Regel.“
„Die hast du gerade erfunden!“
„Habe ich nicht. Die Herausforderungen müssen in absehbarer Zeit abschließbar sein. Natürlich kannst du auch langweilige Aufgaben stellen. Und wenn du willst, dass ich dich für ein paar Minuten eurer Zeiteinheit nicht mehr ansehe, bitte. Aber wo bleibt dann der ganze Spaß? Es geht um das Gefühl, das man dabei hat, etwas Verbotenes zu tun oder etwas, was man sonst nie machen würde. Um die Angst, die Aufregung! Es geht um die Schwerelosigkeit, die man spürt, wenn man etwas macht, wovon man genau weiß, dass man es nicht tun darf oder sollte. Kurz, darum zu leben wie ein Oca.“
Gibbli verschränkte die Arme. Darauf hatte sie keine Lust.
Steven schloss die Augen und seufzte. „Na schön. Eine Menschenstunde. Ich lasse dich eine Stunde eurer Zeitrechnung lang in Ruhe.“
Steven ließ mit sich handeln? Das war neu, das musste sie ausnutzen! „Zwei“, versuchte Gibbli die Zeit zu verdoppeln.
„Meinetwegen.“
Sie schluckte überrascht. Das war besser als nichts.
 
Aus den geplanten zwei Stunden wurden zwei schöne, ruhige Minuten. Dann kamen die Mog. Gibbli sah ihre leuchtenden Körper schon von weitem. Sie sprachen kurz mit Steven. Gibbli verstand kein Wort, bis die Wesen ihn packten und mit sich rissen.
„Ich komme wieder“, vernahm sie seine Stimme noch.
Dann war sie allein. Alles spielte sich so schnell ab und es traf Gibbli völlig unvorbereitet.
Sie war allein!
War es nicht das, was sie wollte? Allein sein, ohne ihn? Ohne diesen grausamen Narren? Zugegeben, ein Narr, der sich gut schlug in letzter Zeit. Immerhin brachte er sie auf andere Gedanken und stillte ihren Wissensdrang. Steven konnte nicht widerstehen zu antworten, wenn man ihn etwas fragte. Halt, so durfte sie nicht denken! Er war Steven, er war ein Oceaner. Nein, ein Möchtegern-Oceaner, der so tat, als wäre er einer. Dennoch lenkte er sie von Abyss und den anderen ab, von der Crew, einer Familie, die sie verloren hatte. Jetzt, wo Steven weg war, war Gibbli ihrem Schmerz des Verlusts völlig ausgeliefert …
 
Da ging er, das blonde Menschlein seines geliebten Mädchens, in einem halb durchsichtigen Gang, mit Sky. Beide schienen in gereizter Stimmung zu sein. Steven unterdrückte ein Lachen.
„Ich sagte nein. Wir verhandeln“, knurrte der Kapitän im befehlenden Ton. Er hatte seine schwarzen Dreadlocks ordentlich nach hinten gebunden und trug die edle Uniform eines Flottenführers. Nur wenn man genauer hinsah, konnte man ein paar Risse und getrocknete, rötliche Flecken darin erkennen.
Bah, ekliger Dreck! Den Oceaner schüttelte es bei dem Gedanken daran.
„Dein Plan ist Mist!“, rief Abyss. Er wirkte zerzaust und seine fahle Haut blutleer.
„Verhandeln ist ein guter Plan, bei dem niemand zu Schaden kommt.“
„Aber meiner ist besser und schneller! Ich bin noch nie gescheitert! Die haben mein Mädchen! Ich werde jeden Einzelnen von ihnen auslöschen!“
Verstohlen beobachtete Steven die beiden Gestalten. Sie stritten. Er schlich näher an sie heran, als die zwei Männer an einer Ecke stehen blieben. Das Leuchten der Mog aus angrenzenden Gebäuden drang durch die milchigen Räume zu ihnen hindurch.
„Du klingst manchmal wie dieser Oceaner.“ Der Kapitän war ihm sympathisch.
„Vergleich mich noch mal mit dem scheiß Goldhaufen und ich werde-“
„Abyss, jetzt beruhige dich! Wir waren uns einig darüber!“
„Irrtum, du warst dir einig!“, schnauzte er Sky an.
„Du warst dir einig? Was soll denn das für ein Satz sein?“
„Ach, lass mich doch in Ruhe!“
„Nein“, sagte der Kapitän mit rauer Stimme. Er stand mit dem Rücken zu Steven.
„Ich hätte nie … Ich würd sie nie anfassen! Ich würd sie nie verletzen! Das weißt du!“, schrie er den Kapitän aufgebracht an.
Sky nahm einen tiefen Atemzug. „Nicht sie, nein. Und möglicherweise nicht auf diese Art, nein.“
Abyss biss die Zähne aufeinander. „Siehst du, du erkennst es nicht, das war eine Lüge! Ich würde, verflucht!“
„Abyss, du bist nur-“
„- ein Idiot“, unterbrach er Sky. „Ja! Ich bin ein Idiot! Es ist meine Schuld! Es war mein verdammter Plan, bist du jetzt zufrieden? Was soll ich denn noch tun?“
Steven wich belustigt einen Schritt zurück, als der Kapitän zum Schlag ausholte. Kurz vor Abyss‘ Gesicht stoppte seine Hand. Er ballte sie zur Faust und ließ sie langsam sinken. Mit offenem Mund schüttelte Sky den Kopf.
„Tu es! Mach es endlich, verdammt!“ Abyss funkelte ihn zornig an und war nicht einen Millimeter zurückgewichen.
Sky blickte kurz zu Boden und legte dann eine Hand auf Abyss‘ Schulter. „Du trägst nicht die Schuld.“
„Ich merk doch, wie du mich ansiehst.“ Abyss‘ Stimme klang jetzt leise, fast als wirkte er beschämt.
Der Kapitän versuchte, ihn weiterzuziehen. „Es ist die meine und die von Jack. Und jetzt hör auf damit! Komm schon mit. Ein neuer Versuch. Und dann noch einer. Und noch einer.“
Ungläubig starrte er Sky an. „Bei dir hört sich das alles so leicht an.“
„Es ist nicht leicht, Abyss.“
„Ich mein, immer wenn du redest, dann klingt das wie nebenbei, als wär das alles nur ein Spiel. Ganz einfach. Als hättest du alles im Griff.“
Steven musste grinsen, als der große Mensch das Wort Spiel erwähnte.
„Genau das ist doch der Sinn davon“, gab Sky zurück. „Wenn es dich beruhigt, es ist nicht so. Ich habe nicht immer alles im Griff, im Gegenteil und schon gar nicht euch.“
„Aber du bleibst so ruhig. Sogar wenn du mal schreist klingt das, als würde alles gut werden, als wär alles gar nicht so schlimm. Das macht mich wahnsinnig!“
Sky schmunzelte. „Hey, ich bin schließlich euer Kapitän, ich muss zuversichtlich klingen.“
„Nein verdammt, jetzt schlag mich endlich!“, fauchte Abyss ihn wieder an.
„Nein, du hörst jetzt auf damit! Es ist passiert und wir können es nicht ändern, okay? Das Jetzt ist wichtig, nicht die Vergangenheit. Lass uns noch einmal mit ihnen reden.“
„Pah! Wie oft denn noch?“ Abyss knurrte verächtlich. „Das ist sinnlos. Diese Mogse lügen.“
„Es heißt die Mog. Es gibt keinen Grund für sie zu lügen.“
„Wesen, die ich nicht mag, haben es nicht verdient, dass ich mir ihre richtigen Namen merke“, sagte Abyss müde. „Es funktioniert nicht, es ist Tage her.“
„Es wird funktionieren“, erwiderte Sky mit fester Stimme. „Sie sind langsam, aber sobald sie sich einig-“
„Hab ich dir schon gesagt, dass dein Plan bescheuert ist?“
„Hast du.“
„Sky, wir sollten lieber …“ Er ließ den Satz unvollendet.
„Was? Was sollen wir sonst tun, Abyss?“
„Ich weiß es doch nicht!“, schrie er zurück. Steven nahm die Verzweiflung in seiner Stimme wahr. Der blonde Mann schien lustigerweise jede Hoffnung verloren zu haben. Oder war er nur wütend? Oh ja, er plante. Er spielte. Er manipulierte.
Sky packte ihn, drückte ihn mühelos an die glasartige Wand und fuhr Abyss an: „Lass das! Denke nicht einmal darüber nach, darüber nachzudenken! Ich weiß es! Wir finden sie! ICH finde sie!“
Der große Mensch wehrte sich nicht. Traurig blickte er den Kapitän an. Steven schlich näher heran, um seine Worte zu verstehen, als Abyss kaum hörbar sagte: „Bis dahin ist sie tot! Sie ist tot. Aber ich versichere dir, ich werde so viele von ihnen mitreißen wie möglich. Also alle.“
Sky ließ ihn mit einem Ruck los und erhob die Faust. „Das ist nicht möglich! Versteh das endlich! Ich bin euer Kapitän. Ich gebe die Befehle und sie stirbt erst, wenn ich befehle, dass sie stirbt! Und das gleiche gilt für dich!“
Abyss lachte verächtlich. „Das ist immer deine Antwort auf alle Fragen, die ich dir stelle. Du bist unser verfluchter Kapitän. Du kannst natürlich alles kontrollieren, wie ein Gott, du bist ja so-“ Im nächsten Moment verstummte er und seine Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen.
Ein Grinsen breitete sich auf Stevens Gesicht aus und die Vorfreude in ihm stieg. Wurde auch Zeit. Ihre Blicke hatten sich gekreuzt.
Abyss‘ Brauen rückten bedrohlich zusammen. „DU!“, brüllte er mit einer Verachtung, die einen fast umkippen ließ.
Oh, wie er das liebte! Dieser riesige Mensch war so witzig! Steven schob die Mundwinkel noch weiter nach oben.
Sky wirbelte herum, während er seine Waffe zog, und erblickte ihn ebenfalls.
„ICH ZERFETZ DICH!“, brüllte Abyss, stürzte am Kapitän vorbei, direkt auf Steven zu.
„Stopp! Warte!“, rief Sky und packte ihn. Doch der lange Mantel entglitt seinen Fingern. „Bleib sofort stehen!“, schrie der Kapitän wieder. Doch statt ihm zu folgen, blickte er ihm nur wütend hinterher, atmete tief durch und entschied sich dann, energischen Schrittes in die andere Richtung zu gehen.
Steven hastete los. Und die Jagd begann. Abyss war vielleicht größer und schneller, doch der Oceaner kannte sich hier aus. Sie schossen durch die Gänge, vorbei an leuchtenden, aufgebrachten Mog, die hektisch aus dem Weg schlängelten.
 
Gibbli wachte auf. Was für ein seltsamer Traum. Abyss und Sky stritten und dann kam Steven dazu. Jetzt, wo der Oceaner verschwunden war, träumte sie also auch von ihm. Abyss hätte ihn erwischt, da war sie sich sicher.
„Nimmst du mich nächstes Mal mit in deine Träume? Ich hoffe, du hast schlecht geschlafen, Mädchen? Wär schade um die schöne Zeit, wenn nicht“, holte eine klare Stimme sie aus ihren Gedanken. Steven stand an der gegenüberliegenden Wand.
Sofort sprang Gibbli hoch. Er war zurück! „Hast du ihn gesehen? Hat er dich verfolgt?“
„Wie oft soll ich dir das noch erzählen? Ich wurde verhört. Von den Mog.“ Er wirkte erschöpft, aber es war ihr egal.
„Du bist den Mog nicht entkommen?“
„Wie du bereits wiederholt bemerkt hast, bin ich immer noch hier“, sagte er gelangweilt. Dann strahlte er sie an. „Hast du mich vermisst?“
Verächtlich stieß Gibbli die Luft aus. „Ich will eine weitere Aufgabe stellen“, verlangte sie, als ihr sein dummes Spiel in den Sinn kam. „Du warst nicht da, du hast die Aufgabe nicht erfüllt!“
„Ich bin dran!“, sagte er gereizt. „Ich war länger als zwei deiner Stunden fort!“
„Das war zu einfach.“ Wenn er hier gewesen wäre, hätte er es nicht geschafft, seine Aufgabe zu erfüllen. „Ist es nicht das, was du sagtest, was das Spiel ausmacht?“
„Mir scheint, du hast es begriffen. Und du bekommst deine Aufgabe. Versprochen … Nachdem du meine gelöst hast.“ Bedrohlich beugte er sich zu ihr hinab.
Gibbli drückte sich gegen die Wand, in der Hoffnung er würde sie nicht wieder würgen oder festhalten.
Er berührte sie nicht. Stattdessen begann er direkt in ihr Ohr zu flüstern: „Bist du bereit?“
Sie schüttelte den Kopf und spürte, wie ihr Herz schneller schlug.
„Hm, ich könnte dich schreien lassen, bis deine Stimme versagt oder von dir verlangen, dass du tanzt, bis du umfällst. Aber nein, ich bin nett. So nett, oh ja. Deine erste Herausforderung wird leicht. Nun ja, nicht für dich. Es soll schließlich etwas sein, was dir schwerfällt, sonst wäre es ja langweilig. Du verabscheust Berührungen. Ich will, dass du mich umarmst und dabei wirst du lachen.“
„Was? Nein!“
„Zwei Stunden lang. Mir hätte ja eine genügt, aber du hast die Zeit vorhin so schön verdoppelt.“
„Ich umarme dich nicht!“ Und schon gar nicht würde sie für ihn lachen.
„Das ist deine Aufgabe. Lebe Mädchen, sei ein Oca!“
Gibbli schüttelte den Kopf. „Ich fasse dich nicht an.“
„Du wirst. Wenn nicht, lernst du eine weitere Regel kennen.“
„Welche?“
„Ausziehen“, befahl er.
Sie wich vor ihm zurück und starrte ihn schockiert an. „Ich mag dein dämliches Spiel nicht!“
„Eine Aufgabe ablehnen bedeutet, ich darf dich bestrafen. Und ich habe mir eine zauberhafte Strafe für dich ausgedacht. Du hast zwei Möglichkeiten. Du ziehst deinen Pullover aus oder ich zerreiße ihn. Aber ich versichere dir, wenn ich mit dir fertig bin, wirst du das Ding wieder anziehen wollen, deswegen rate ich dir zu ersterem.“
Sie atmete flach und immer schneller durch den Mund. Ihre Gedanken überschlugen sich. Plötzlich packte er Gibbli und schmiss sie auf den Boden. Bevor sie davon kriechen konnte, warf er sie herum und zog ihren Pullover von hinten über den Kopf. Ihre Arme, die noch in den Ärmeln steckten, wurden dadurch fest an ihren Körper gepresst und sie konnte sich kaum noch bewegen. Gibbli versuchte sich freizukämpfen und schaffte es, dass ihr Pullover so weit nach unten rutschte, um wieder sehen und wenigstens durch die Nase atmen zu können. Ihre Wange berührte die kalte Platte des halb durchsichtigen Untergrundes. Sie lag auf dem Bauch. Stevens eisiger Atem streifte ihren frei liegenden Rücken und Gibbli zuckte zusammen. Verdammt! Was tat er? Aus den Augenwinkeln erblickte sie seine Hand, die nach ihrem Stiefel griff.
Gibbli schrie. „Nicht!“ Ihre Stimme klang dumpf und undeutlich hinter dem dicken Stoff des Pullovers.
„Nicht das Messer, nein? Ja, du hast natürlich recht, das ist viel zu leicht. Immerhin ist das hier eine Strafe. Ich habe eine bessere Idee.“
Er machte irgendetwas auf der anderen Seite hinter ihrem Kopf. Hatte er eines der am Boden liegenden Werkzeuge genommen?
„Es ist völlig in Ordnung, wenn du eine Aufgabe nicht lösen willst, oh das macht Spaß! Die Konsequenzen, die sich daraus ergeben, sind meistens viel schöner als die Aufgabe selbst. Und keine Sorge, sollte ich einmal deine Aufgabe ablehnen, darfst du mich ebenfalls bestrafen.“
Für einen Moment hielt er still. Das Herz schlug ihr bis zum Hals. Gibbli wollte sich nach oben drücken, um sich zu befreien, doch schon war Steven wieder über ihr.
„Ich würde dir raten, dich nicht zu bewegen. Du willst doch nicht, dass ich einen Fehler mache, oder?“
Im nächsten Moment krampfte ihr ganzer Körper zusammen. Ein brennendes Stechen jagte über ihre Haut in sie hinein. Gibbli riss ihren Mund auf, wollte brüllen, währenddessen schob sich etwas vom Stoff ihres Oberteils zwischen ihre Zähne. Das Stechen fuhr ein Stück weiter, quälend langsam. Nach drei Strichen hielt er kurz inne. Für einen Moment fühlten sich die Stellen an ihrem Rücken taub an, als gäbe es nichts mehr, was den Schmerz registrieren konnte. Der Lötkolben, schoss es Gibbli durch den Kopf. Dieser Bastard hatte sich ihren scheiß Lötkolben geschnappt!
Gibbli biss wimmernd in das Stück Pullover vor ihrem Mund, als er wieder ansetzte und sich weiter durch ihre dunkle Haut brannte. Es fühlte sich an, als würde er sie abziehen, einzelne Streifen daraus lösen. Nach dem Stechen wurden die Stellen gefühllos. Dann, ein paar Sekunden später, setzte unvermittelt der Schmerz ein. Der Geruch von verbranntem Fleisch stach ihr in die Nase.
Sie wagte nicht, sich zu bewegen, aus Angst, er würde den Lötkolben tiefer in sie hinein rammen, statt ihn nur über ihre Haut zu ziehen. In diesem Moment war Gibbli sich sicher, sie würde jede seiner verdammten Aufgaben erfüllen, wie gemein diese auch sein mochten, wenn er nur aufhören würde. Doch Steven zeichnete unbeirrt weiter. Nein, er schrieb, quer auf ihrem gesamten Rücken entlang!
Sie war nicht im Stande, das Wort zu verfolgen. Es war ihr auch egal. In diesem Moment war einfach alles gleichgültig! Das Brennen der einzelnen Buchstaben verschmolz zu einem einzigen, großen Feuer und es kam ihr vor, als stände ihr ganzer Rücken in Flammen.
Nachdem er endlich fertig war, blieb Gibbli einfach liegen.
„Steven“, flüsterte der Oceaner begeistert. „Klingt perfekt, nicht wahr? Jetzt trägst du meinen wunderschönen Namen. Jetzt gehörst du mir. Endgültig.“
 
Zitternd kauerte Gibbli einige Stunden später in einer Ecke der Zelle und versuchte, sich nicht gegen die Wand zu lehnen. Die Haut unter ihrem Pullover schmerzte bei der kleinsten Bewegung. Sie hielt ihre Augen geschlossen, wollte ihn nicht ansehen, am liebsten nie mehr. Sicher beobachtete er jede ihrer Regungen und lauerte auf einen Funken von Schwäche. Doch auf diese Genugtuung würde er lange warten müssen. Gibbli hatte die Wunde nicht berührt, kam nicht einmal richtig dran. Der physische Schmerz war ihr fast egal, den konnte man ignorieren. Die Schande, jetzt für immer seinen Namen zu tragen, tat mehr weh als das Brennen auf ihrem Rücken.
„Ich bin stolz auf dich“, sagte der Oceaner vom anderen Ende der Zelle aus und seine klare Stimme hinterließ ein dumpfes Dröhnen in ihrem Kopf. Konnte er nicht einfach seinen dummen Mund halten? Nein, natürlich nicht, nicht Steven. „Eine lachende Umarmung wäre so viel leichter gewesen. Aber du hast den schweren Weg gewählt. Ich danke dir und warte, mein Schatz. Siehst du, wie geduldig ich bin?“
„Unterentwickelter Mog“, flüsterte sie.
„Ich bin ein Oca! Du weißt, wie du mich treffen kannst. Stelle mir endlich deine Aufgabe. Gib sie mir.“
„Schweig“, verlangte sie schwach. Aber das war wohl etwas, wozu er nicht im Stande war.
„Ich soll schweigen?“
„Und wenn es nur fünf Minuten sind, halt dein kack Maul!“, rief sie genervt.
„Dein Ernst?“, fragte er und fuhr sich missmutig über die Stirn. „Das ist die Aufgabe, die du mir stellst?“
„Ich höre dich noch sprechen“, murmelte Gibbli leise. Sie wollte nicht mehr über dieses dumme Spiel nachdenken. Ihr fielen genügend Aufgaben ein, die ihm richtig weh tun würden. Aber was brachte das? Schmerzen würde er ja doch nur genießen.
„Komm schon, Mädchen, das ist zu einfach!“
„Reicht es dir nicht, mich für den Rest meines Lebens entstellt zu haben? Lass mich einfach in Ruhe!“
„Das ist doch keine Herausforderung für mich!“
„Du hast den Mund aber noch immer offen.“
„Hmpf, na schön.“ Er drehte sich gespielt beleidigt von ihr weg.
Gibbli grinste gequält. Er hielt wirklich den Mund! Für den Moment. Fünf Minuten würde er nie durchhalten. Und Sie würde schon noch herausfinden, wie sie ihn zappeln lassen konnte. Mit Schmerzen war er nicht kleinzukriegen. Aber es gab sicher andere Möglichkeiten. Wie wäre es, wenn sie zur Abwechslung sprach und er zuhören musste, ohne etwas erwidern zu dürfen?
„Du bist kein Oca“, sagte Gibbli.
Steven drehte sich zu ihr um, öffnete seinen Mund und schloss ihn dann wieder. Wütend ließ er die Zähne aufblitzen.
„Es gibt also Strafen, wenn man eine Aufgabe nicht annimmt oder nicht versucht sie zu lösen“, fuhr sie fort.
Er nickte.
„Was passiert, wenn man alles gibt und trotzdem versagt? Was passiert, wenn man die Herausforderung nicht schafft?“
„Nun, dann darf der Aufgabensteller einen Gefallen einfordern wie zum … oh.“
Gibbli schnaubte bitter auf. Natürlich war er dieser Aufgabe nicht gewachsen. Sie hätte allerdings nicht gedacht, dass es so schnell gehen würde.
„Sehr hinterhältig von dir. Du hast mich reingelegt“, sagte Steven. Sein Tonfall klang jedoch, als hätte er mit Absicht verloren. So ein Idiot! „Aber es freut mich zu erleben, dass das Spiel beginnt dir Spaß zu machen. Na dann, fordere deinen Gefallen ein.“
Gibbli dachte nach. Es brachte nichts, ihm erneut den Mund zu verbieten. Ihr kam eine andere Idee. „Ich habe etwas gut bei dir“, sagte sie. Vielleicht war es so ja sogar möglich, einer seiner nächsten Aufgaben oder Strafen zu entgehen. „Du wirst das tun, was ich sage, zu einem Zeitpunkt, den ich bestimme.“
„Ich bin dir also etwas schuldig?“
„Was ich will, wann ich will, wo ich will.“
„Schön. Das gefällt mir. Ich bin gerne von dir abhängig.“
Ablehnend blickte sie ihn an. Dann nahm Gibbli einen tiefen Atemzug. Fast hätte sie ihm gesagt, dass er wieder an der Reihe wäre. Verdammt, hätte sie es doch nur länger hinausgezögert!
Steven öffnete den Mund, dann glitt sein Blick an ihr vorbei. „Deine nächste Herausforderung wird auf später verschoben. Vielleicht. Wenn du dann noch lebst.“
Sie fuhr hastig herum. Das unheimliche Leuchten ihrer Gestalten erhellte den Tunnel vor dem Eingang der Zelle. Die Mog waren wieder da.
„Oca folgen“, wisperte einer von ihnen.
Die Worte hörten sich leicht an, wie ein Hauch, doch nicht leise. Und zu ihrer Verwunderung konnte Gibbli sie verstehen. Offensichtlich hatten die Mog mittlerweile einiges dazu gelernt. Unsicher blickte sie Steven an.
„Sie meinen dich. Geh schon, Mädchen! Mich würden sie niemals als Oca bezeichnen“, sagte er leise.
Steven schien es schwerzufallen, sie gehen zu lassen. Schweigend blieb der sonst so vorlaute Oceaner zurück, als sich der Eingang des Gefängnisses hinter ihr verschloss. Sie konnte nicht aufhören, ihn als Oceaner zu sehen. Er verhielt sich wie das komplette Gegenteil der emotionslosen Mog. Eigentlich sollte Gibbli sich freuen von ihm fortzukommen, nach allem was er ihr angetan hatte. Doch sie wusste nicht, was vor ihr lag. Auch Steven war sich nicht sicher gewesen, ob und wenn ja, welchen Entschluss die Mog gefasst hatten. Würden sie Gibbli jetzt umbringen? Wackelnden Schrittes folgte sie den durchsichtigen Wesen.
 
Gibbli stand erleichtert auf den Kreisen, ihre Beine gefesselt von diesem nebelartigen Material. Wie es aussah, sollte sie noch nicht getötet, sondern lediglich verhört werden. Hinter den halb transparenten Seiten der Halle huschten hin und wieder leuchtende Schemen vorbei. Nur der Eingangsbereich bestand aus undurchsichtigem Metall und sie konnte nicht erkennen, was sich dahinter verbarg.
„Bezeichnung?“, fragte der Mog direkt vor ihr. Außer ihm war ein weiterer anwesend, der sich in der Nähe des Durchgangs hin und her bewegte.
„Gibbli“, sagte sie, in der Hoffnung ihn richtig verstanden zu haben. Ihr Kopf schien wie leer gefegt.
„Art Glibi unbekannt.“
„Das ist mein Name. Ich bin ein Mensch.“ Unangenehm fühlte sie sich an die Schüler auf der Akademie erinnert, die ständig mit Absicht ihren Namen falsch ausgesprochen hatten. Ihr wurde schlecht.
„Mog nicht Bezeichnung“, wisperte das Wesen.
Die Mog führten also keine Namen? Das bedeutete, Steven hatte sich seinen selbst gegeben, als er ein Oceaner wurde. Der Name, der jetzt auf ihrem Rücken brannte, schoss es ihr durch den Kopf. Gibbli wurde leicht schummrig und sie zwang ihre Gedanken wieder auf das Wesen.
Es streckte sein handähnliches Glied aus und legte ein Sonnenstück mitten in die Luft. „Erzählen.“
Das musste das aus ihrer fahrenden Kapsel gewesen sein, welches irgendwie mit ihnen den Weg durch das Portal gefunden hatte. Aber es sah seltsam verbogen aus. Was die Mog mit dem kleinen Ding angestellt hatten, versetzte ihr einen Stich. „Technologie zu zerstören ist, ähm … schlecht?“, brachte sie unsicher hervor. Gibbli hatte keine Ahnung, was der Mog erwartete.
„Technologie tot Mog.“ Er zeigte direkt auf sie. „Böse?“
„Ich bin nicht böse.“
„Oca böse.“
„Ich bin ein Mensch“, sagte Gibbli erschöpft. Obwohl sie sich unter den Menschen früher immer fremd gefühlt und nie richtig dazu gehört hatte.
Der Mog wandte sich um und schien sich mit dem Mog am Eingang wispernd zu beraten. Sie mochte nicht, wie sich diese Wesen verständigten und nichts alleine entschieden, sondern immer im Einverständnis mit anderen. Das ging alles so quälend langsam voran! Und die wirren, fließenden Bewegungen ließen Gibbli kaum einen klaren Gedanken fassen. Dieses Verhör wirkte fast einschläfernd.
Einer der beiden wandte sich ihr wieder zu: „Steven töten Mog! Steven Oca! Glibi Mensch. Steven Freund?“
„Ich hasse ihn!“ Sie wollte am liebsten schlafen. Für immer. „Steven erzählte mir, elektromagnetische Felder beeinflussen die Dimension, in der ihr lebt. Ich mag die oceanische Technologie, aber ich … ich will euch nicht töten!“
Das war eine Lüge. Würden sie es merken? Ihr Rücken tat weh, wegen diesem Monster, mit dem die Mog sie eingesperrt hatten! Wieder berieten sich die beiden Wesen. Steven hatte recht, so gerne Gibbli ihm in diesem Punkt auch widersprechen wollte, dieses zombiehafte, seelenlose Verhalten, verabscheute sie zutiefst. Gibbli wollte die Mog verletzen, mit jeder Faser ihres Herzens und es interessierte sie absolut nicht, was ihre geliebte Technologie ihnen antat.
Der Mog vor ihr begann zu sprechen. „Mog erlauben. Mensch Kommunikation.“
Gibblis Puls erhöhte sich. „Kommunikation? Mit … mit wem?“
Er antwortete nicht mehr. Stattdessen führte der zweite Mog jemanden vom angrenzenden Raum herein: Eine nicht leuchtende Gestalt. Gibbli riss die Augen auf. Ein echter Mensch, aus Fleisch und Blut! Seine Uniformjacke lag offen über den nackten Schultern. Das elegant berüschte Hemd hatte er ausgezogen. Sie erinnerte sich daran, wie es einst von Jacks Folter blutdurchtränkt in Fetzen von seinem Körper gehangen hatte.
„Gibbli“, sagte er erleichtert und blieb in einiger Entfernung vor ihr stehen. Bis auf ein paar dunkle Flecken schienen wenigstens seine offenen Wunden einigermaßen verheilt zu sein. Ob die Mog dabei nachgeholfen hatten?
„Mensch Sprechen“, wisperte das Wesen neben ihm. Dann begaben sich die beiden in fließenden Bewegungen nach hinten in den Raum. Gibbli war sich sicher, dass sie die Situation genau beobachteten.
Der Kapitän lächelte schwach oder versuchte es eher.
Gibblis Gesicht blieb ohne jegliche Regung. Er hatte Abyss erschossen. Er war alleine hier. Also hatte er Abyss erschossen. Stand er wirklich hier, vor ihr? Er hatte Abyss erschossen. Er blickte sie einfach an, mit seinen schwarzen, unheimlichen Augen. Er hatte Abyss erschossen. In ihrem Kopf drehten sich die Gedanken. Er hatte verdammt noch mal Abyss erschossen!
„Bitte entschuldige, die Mog erlauben es nicht, dass ich näher komme. Bist du verletzt?“, fragte der Kapitän ruhig.
„Es geht mir gut“, log sie. Er musste ihre Lüge erkennen, so elend wie sie sich fühlte.
Sky sah nicht besorgt aus, wirkte eher zufrieden. „Es geht dir nicht gut. Aber wie ich sehe, bist du stark. Steven konnte dir nichts anhaben.“
Gibbli fragte sich, was der Kapitän tun würde, wenn er erfuhr, dass der Oceaners sie als seinen Besitz gekennzeichnet hatte, sie gebrandmarkt hatte, als gehörte sie ihm. Was für eine Demütigung! Natürlich würde sie es Sky niemals sagen. Niemals würde sie es irgendjemandem erzählen! Gibbli schämte sich zutiefst dafür.
„Es ist alles okay. Ich verhandle mit ihnen.“ Sie hatte fast vergessen, wie rau seine Stimme immer klang.
„Das ist ein Traum“, flüsterte sie und wünschte es sich so sehr.
„Nein. Du bist wach und ich bin hier. Gibbli, ich hole dich hier heraus!“
„Ich habe entschlossen, dass das hier lieber ein Traum ist.“ Abyss war nicht dabei. „Gleich werde ich aufwachen. Es ist kein schöner Traum. Aber er ist okay. Er tut nicht so weh wie die von ihm, wenn er stirbt, Kapitän.“
„Niemand wird sterben. Wir werden alle zurück auf unseren Planeten kehren. Ich sorge dafür! Wir werden-“
„Unser Planet …“, flüsterte Gibbli und Sky verstummte. „Ich wollte immer heim. Ich war mir sicher, dass das Leben dort nur etwas Kurzes, Vorübergehendes war, dass ich nicht lange dort bleiben muss, bis jemand kommt und mich abholt. Und jetzt, jetzt bin ich hier, daheim. Nur um zu merken, dass das hier nicht daheim ist und dass ich längst abgeholt wurde. Abyss hat mich abgeholt und heimgebracht. Ich war längst daheim. Bei ihm. Und bei dir. Kapitän.“
„Ich bringe dich heim, Gibbli. Ich schwöre es dir, ich bringe euch alle heim!“
 
Er war tot! Heftig atmend wurde sie sich ihres Körpers bewusst. Gibbli schrie. Er war tot! Ihre Haut fühlte sich schmierig an. Er war tot!
Jemand wischte über ihre nasse Stirn. „Nicht so oft, Mädchen!“
Er war tot! Sie konnte nicht aufhören, langsamer zu atmen. Ihr wurde schwindlig und eine Welle aus Stichen durchfuhr ihre Lunge. Sie krampfte zusammen. Ein lautes Klatschen ertönte. Unmittelbar folgte der Schmerz an ihrer Wange. Jemand hatte sie geschlagen! Gibbli riss die Augen auf.
„Du bringst dich um!“, rief Steven. „Was ist passiert?“
„Nichts“, antwortete Gibbli und versuchte angestrengt Abyss‘ blasses Gesicht aus ihren Gedanken zu verscheuchen. Sie zwang sich, flacher zu atmen, und fuhr mit der Hand über die schmerzende Stelle neben ihrer Nase. Gibbli wünschte sich, das Brennen wäre stärker, damit seine grauen Augen aus ihrem Schädel verschwanden. Wie war sie eigentlich hier hergekommen? Hatte sie das Bewusstsein verloren? War sie überhaupt je weg gewesen? Verwirrt blickte Gibbli zu Steven hoch.
Er kniete vor ihr. „Bereit für deine nächste Aufgabe?“
„Steck dir deine scheiß Aufgabe sonst wohin“, murmelte sie und lehnte ihren Kopf an die Wand.
„Was haben die Mog mit dir angestellt, Mädchen?“, fragte Steven wieder.
Sie überlegte und fing dann an zu flüstern: „Ich hab ihn gesehen.“
Gibbli fielen die Augen zu. Er packte sie an den Schultern. Doch es war ihr egal. Sie spürte die Kälte seiner Hände nicht. Sogar das Brennen an ihrem Rücken ließ langsam nach, als wäre es einfach eingefroren. Alles war hier kalt. Eisig kalt. Konnte er sie nicht einfach schlafen lassen? Am besten für immer?
Doch der Oceaner ließ nicht locker: „Wen hast du gesehen?“
„Sky“, sagte Gibbli leise. „Der Kapitän ist hier.“
„Du bist Sky begegnet?“
„Es war nur ein Traum. Oder?“
Das letzte Wort klang auf eine unheimliche Art lauter. Danach war es still. Eine Stille, die unangenehm auf ihren Kopf drückte. Mit einem Finger im Ohr versuchte Gibbli, es zu begreifen. War sie jetzt taub? Steven starrte mit offenem Mund in die Luft, als hätte er sich in eine Statue verwandelt. Es dauerte etwas, bis Gibbli realisierte, dass das Tackern der Maschine aufgehört hatte. Für einen Moment fühlte es sich an, als hätte eine Uhr aufgehört zu ticken.
„Nein, nein, nein, nein“, flüsterte Steven. „Nicht gut. Das … da stimmt was nicht … das …“ Unruhig blickte er sich um. Dann setzte es plötzlich wieder ein. Der Oceaner griff sich erleichtert an die Brust. Langsam verschwamm er vor ihren Augen. „Mädchen?“, hörte sie seine klare Stimme noch, bevor alles dunkel wurde.


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Kapitel 1: Die Mog (Bis in die tiefsten Abgründe)

Der Schuss erstarb und Stille durchdrang die Stadt. Bo hob den Kopf. Bläuliche Schuppen schimmerten auf ihren dürren Armen. Der Kapitän ließ seinen Strahler fallen. Er landete nicht weit des Geigenbogens Nu auf dem goldenen Metallboden. Daneben schmorten die Überreste von langen Fingern: Ein Zeigefinger und ein Mittelfinger. Die restliche Hand, ebenso blass, schoss mit den übrigen drei Fingern durch die dichte Luft Oceas. Abyss traf sein Gesicht mit voller Wucht. Dabei hinterließ er eine Spur aus blutigen Spritzern. Skys Augenimplantate blitzten für einen Moment auf. Umrundet von Narben, zuckten seine Lieder zusammen und ein paar schwarze Dreadlocks lösten sich aus dem Zopf.
Ein Kind mit goldenen Locken tanzte lachend um die zwei herum und schrie: „Darf nicht mit, darf nicht, darf nicht, …“
Bo schenkte Cora keine Beachtung. „Tu das nicht!“ Sie sprang auf die Männer zu und wollte Abyss fortzureißen.
Der blonde Riese schubste Bo beiseite. Wieder griff er nach Nu. Bevor er den Bogen erreichte, stürzte sich der Kapitän auf ihn und die beiden kämpften erneut. Als die Kraft seinen jetzt achtfingrigen Kommunikationsoffiziers verließ, stieß Sky ihn von sich und brüllte ihn an. Abyss sackte verzweifelt auf die Knie in eine rote Pfütze seines eigenen Blutes.
 
Ein Traum, wurde ihr bewusst, noch ehe sie aufwachte. Ein schöner Traum, in dem er lebte. Gibbli verdrängte die schmerzhaften Gedanken. Realer Schmerz lenkte sie ab, verursacht durch ihr Atmen. Sie fühlte sich eingezwängt, als würde sie zerquetscht werden. War das der Tod?
Langsam erwachten ihre Sinne und klare Empfindungen durchströmten ihren Geist. Ein tackerndes Geräusch erfüllte den Raum. Es ähnelte einer antiken Taschenuhr, die man unaufhörlich aufzog. Ihre Ohren funktionierten noch.
Gibbli öffnete die Augen und erblickte: Nichts.
Der Boden unter ihren Füßen vibrierte leicht. Sie hob ihre Arme und wurde von Wänden gestoppt, die sich direkt links und rechts von ihr erstreckten. Jede kleinste Bewegung verursachte einen Widerstand und Gibblis Kopf lag schwer auf den Schultern, gleichzeitig wurde er fast von der Luft getragen. Das Gasgemisch erschien so dicht, dass man sich dagegen lehnen konnte, und drückte von allen Seiten auf ihren Körper ein. Schwindel überkam Gibbli und sie wollte sich hinsetzen, doch es klappte nicht. Jemand hielt ihren Oberkörper fest umschlungen, sodass sie aufrecht auf den Beinen stand.
„Ich implodiere“, hörte sie ihre eigenen Worte in die frostige Kälte hinein flüstern.
„Du bist den Druck nicht gewohnt.“ Schneidend drang seine klare Stimme durch die Dunkelheit.
Gibbli wich sofort zurück und knallte an eine Wand dicht hinter ihr. Kurz verlor sie das Gleichgewicht. Mit Mühe gelang es ihr, nicht zu fallen. Die sehnigen Finger stützten sie jetzt nicht mehr und es fiel ihr schwer, gegen die nach unten drückende Kraft anzukämpfen. Gibbli suchte umherschwebende Sonnenstücke, die man erhellen konnte. Ihre Gedanken erfassten ein einziges. Es begann zu glühen.
Eiskalte Augen flackerten im schwachen Licht auf. Die goldene Gestalt hockte direkt vor ihr!
Hastig drückte sie ihren Rücken fester gegen die eingearbeiteten Metallelemente. Die Seiten links und rechts von ihnen bestanden aus milchigem Glas. Draußen, außerhalb ihres Raumes, war es dunkel. Schmerzhaftes Stechen durchzog Gibblis Lunge und sie versuchte sich an den beiden Scheiben festzuhalten.
Die kurzen Haare zerzaust, lehnte sein Hinterkopf an der gegenüberliegenden Wand. Der Kasten, in dem sie steckten, war winzig. Dieses Monster brauchte nur seinen Arm auszustrecken, um Gibbli zu berühren.
„Steven.“
„Ein wundervoller Name, nicht wahr, Mädchen?“ Düster betrachtete er das Sonnenstück und sagte dann müde: „Tja, das Ding wurde wohl übersehen, als sie uns hier hinein steckten.“
„Sie?“, fragte Gibbli und bereute es sofort. Sie presste eine Hand gegen ihre Brust und verzerrte das Gesicht.
Steven antwortete nicht. Stattdessen verzog er den Mund zu einem schmalen Strich.
„Wo sind wir? Bin ich tot?“
Ausdruckslos starrte er sie an. „Ja, mein Schatz. Du bist tot.“
Gibbli schnappte panisch nach Luft, was ihre Lunge fast zerriss. Ein Ruckeln durchfuhr alle Seiten der Kammer. Mit dieser Bewegung setzte ein weiterer Schmerz in ihrer rechten Schulter ein, der sich ausgesprochen lebendig anfühlte.
„Du bist zu Hause, Mädchen. Oder besser gesagt an dem Ort, der einst unser zu Hause war.“ Gemächlich stand er auf. „Du musst langsamer atmen.“
Nicht näher! Sie stellte sich vor, wie sein goldener Kopf sich aufblies und in tausend Stücke zersprang. „Wo ist die Luft?“, fragte sie und nahm einen weiteren Atemzug.
„Ich habe sie dir geklaut. Tss, ich muss dir wohl einiges von meinem genialen Wissen beibringen. Du atmest Luft! Dieser Planet ist größer als die Menschenwelt und seine Atmosphäre dicker. Ähnlich wie wir sie in der Kolonie schufen, nur noch dichter. Hier wirkt außerdem die stärkere Anziehung der Schwerkraft auf dich ein.“
„Mach sie weg!“, wimmerte Gibbli, als der Raum leicht hin und her schaukelte und eine weitere Welle aus Schmerz durch sie hindurch raste.
„Ich mache die Schwerkraft weg. Natürlich. Schwerkraftexperimente sind gefährlich, Mädchen.“ Steven stützte sich links und rechts an dem milchigen Glas ab und kam näher. „Wir befinden uns auf der abgewandten Seite. Warte nicht auf die Sonne, hier wird es niemals hell. Die Tageshälfte des Planeten wäre viel zu heiß für … materielle Wesen.“
Gibbli schwankte. Für einen Augenblick war sie sich nicht sicher, ob sich ihre Kapsel wieder kurz schräg gelegt oder sich der Gleichgewichtssinn in ihren Ohren verabschiedet hatte. Steven packte sie an den Oberarmen und seine eiskalten Finger bohrten sich in ihre Haut.
„Nicht! Geh!“, brachte sie hervor.
„Klar, ich gehe. Wie hättest du es gerne? Durch die Wand? Durch den Boden? In den Abgrund hinab?“
„Ja!“
„Tja. Zu deinem Glück kann ich nicht fort“, sagte er. „Und du auch nicht. Ich wollte nicht, dass es so weit kommt. Jetzt ist es geschehen. Und wir können nichts mehr daran ändern.“
Schwarze Punkte tanzten vor ihren Augen. Wovon sprach er? Ihr Kopf pochte. Der Druck um sie herum war so hoch! Gibbli wollte seine Hände wegreißen, ihn irgendwie wegstoßen, doch es gelang ihr nicht.
„Lass mich!“, schrie sie mit aller Kraft, die sie aufbringen konnte. Der Schmerz in ihrer Schulter wuchs. Jede Bewegung verursachte einen erneuten Stich. Dann erblickte Gibbli das Messer. Abyss‘ Messer steckte noch immer in ihr. Steven hatte es auf der Plattform Oceas durch den Pullover in ihre Haut gerammt, kurz bevor er sie durch das Portal mitgerissen hatte. Gibbli wollte es heraus ziehen, doch der Oceaner hielt ihre Arme fest an den Körper gepresst.
„Hol es raus!“, verlangte sie.
„Ganz sicher nicht.“ Seine Stimme klang so eisig, als wäre ihr Klang selbst eine Klinge, die durch Gibbli hindurchschnitt.
Heftig atmend rang sie nach Luft und wartete, bis die Punkte vor ihren Augen verschwanden. Das dichte Gas war kaum auszuhalten. Ihr Kopf schien aus Matsch zu bestehen. Wie hoch war wohl der Sauerstoffgehalt dieses Planeten?
„Oca mögen Schmerzen. Warum soll ich dich dessen berauben? Genieße ihn.“
„Ich bin ein Mensch. Zieh es raus“, verlangte Gibbli wieder und merkte, wie ihre Stimme sich brach.
Steven näherte sich ihrem Gesicht und fletschte die Zähne. „Es tut weh und das magst du nicht, oder? Schade, so schade. Aber gut. Denn dann sind wir ja jetzt quitt!“
„Ich hab dir nichts getan!“ Wieder ruckelte es und das Messer in ihrer Schulter bewegte sich leicht. Sie presste die Lippen zusammen. Doch ihr Blick blieb klar.
„Nichts? Nein, nein, nein! Du hast mich in das Portal gestoßen!“, fuhr er sie an.
Gibbli ballte eine Faust und hatte dabei das Gefühl Luft zu zerdrücken wie Watte. „Du hast mich in das Portal gerissen!“
„ES IST DEINE SCHULD, DASS WIR HIER SIND!“ Während er sie anbrüllte, erlosch das glühende Licht.
Gibbli wimmerte vor Angst, doch die Kraft, die sie nach unten zog, schien sich zu verringern. Sie versuchte, das Sonnenstück zu erfühlen, fand es aber nicht mehr. Schwebte sie jetzt? Wohin war Stevens Kälte verschwunden? Wo war er überhaupt? Weg? Nein. In der Dunkelheit spürte sie noch immer seine Finger an ihren Armen.
„Ich sterbe.“ Es war eher eine Feststellung, als dass sie es zu ihm sagte. Ihr Innerstes fühlte sich an, als würde es verbrennen.
„Ja, jetzt stirbst du“, flüsterte er zurück.
Die Kraft in ihren Beinen ließ nach. Gleich würde sie umfallen.
„Willkommen im Reich der Geister“, vernahm sie seine Stimme dicht über ihr. „Nein. Natürlich stirbst du nicht. Schließe deine Augen, mein Schatz. Das sind nur die Auswirkungen des Übergangs. Man verlässt nicht jeden Tag seine gewohnten physikalischen Parameter.“ Stevens Atem strich über ihre Stirn. „Du gewöhnst dich daran. Du bist mein Mädchen. Glaubst du, ich lasse dich so schnell gehen? Wär doch langweilig. Ohne dich könnte ich gar keinen Spaß mehr mit dir haben.“
Dieser Drecksack! Sie wollte ihn anschreien, brachte jedoch nur ein Wimmern zustande.
„Du verkrampfst zu sehr. Entspann dich, wir werden hier noch eine halbe Ewigkeit zusammen sein. Vielleicht.“ Seine Worte waren schlimmer als die Stiche, die durch ihren Körper hindurch jagten.
„Lass mich … fallen.“ Gibbli hätte sich am liebsten zusammengerollt, sich ganz klein gemacht.
„Wenn ich das jetzt täte, würdest du anfangen zu ersticken und ekliges Blut auf mich spucken, bäh. Du würdest dich krümmen vor Schmerzen, wegen des Messers. Das wäre schön, aber leider viel zu kurz. Andererseits, deine Lunge würde dann gequetscht werden und durchbrechen. So etwas wollte ich schon immer einmal sehen. Aber nein, das geht nicht. Sie muss frei sein, sonst geht sie kaputt. Verstanden? Sonst gehst du kaputt, Mädchen!“
„Ich kippe um.“ Ihre Knie gaben nach. Sie konnte ihr eigenes Gewicht nicht mehr tragen.
„Tust du nicht. Dafür reicht der Platz nicht. Ich halte dich fest.“ Steven stützte sie mit seinem ganzen Körper aufrecht an die Wand gepresst.
„Ich … will das nicht“, murmelte sie mit sich brechender Stimme.
„Gut. Die Dinge, von denen man nicht will, dass sie passieren, führen zu den interessantesten Erlebnissen. Es fühlt sich an, als würdest du schweben. Ja, das tut es, nicht wahr?“ Seine haarlosen Augenbrauen hoben sich und er schwärmte: „Oh, stell dir vor, du würdest nichts wiegen. Einfach fliegen.“
Ihr schrecklichster Alptraum schien Realität zu werden. Sie ertrank in Luft, auf einem Planeten mit hoher Schwerkraft und einer Atmosphäre, scheinbar dichter als Wasser, in einem winzigen Raum gefangen, mit ihrem schlimmsten Feind: Steven. Aber war das überhaupt noch Steven? Sie spürte seine Anwesenheit nicht mehr. Seine kalte Ausstrahlung war mit dem Sonnenstück erloschen.
„Ich will schlafen“, flüsterte Gibbli. „Geh weg.“
„Du hast es gleich geschafft. Siehst du Mädchen, es wird schon langweiliger.“
Nach ein paar Minuten spürte sie tatsächlich, wie die Beine ihren restlichen Körper wieder trugen. Fast hätte sie Steven vergessen, als wäre Gibbli alleine in der Dunkelheit. Wie konnte man ihn nur vergessen? Hier stimmte doch etwas gewaltig nicht!
„Halt still. Es ist so weit“, sagte er unvermittelt und Gibbli wurde sich bewusst, dass er noch immer an sie gepresst stand.
Er lockerte seinen Griff und trat einen Schritt zurück. Endlich! Gibbli schrie, während der Oceaner ohne Vorwarnung das Messer aus ihrer Schulter zog. Gemächlich, Stück für Stück. Sie war sich sicher, dass er jeden Millimeter genoss.
„Verdammt!“, rief sie mit verzerrter Miene und bemühte sich wieder langsamer zu atmen, als neue Stiche ihre Lunge durchzuckten.
Steven wischte mit den Fingern über ihre Wange und strich dabei krause Strähnen ihrer hellbraunen Haare zur Seite. „Ruhig, mein Mädchen. Du hast es leider schon überstanden.“
Sie spürte, wie er ihre Hand nahm und zum Griff der Klinge führte. Gibbli kniff die Augen zusammen. Seine Klinge. Das blasse Gesicht tauchte grinsend in ihren Gedanken auf. Ein letztes Stück von Abyss, das ihr neue Kraft gab und gleichzeitig ihr Herz zerriss.
„Fühlst du das? Es ist noch warm, ja das ist es. Dein Blut klebt daran. Du lebst.“ Vorsichtig berührte Steven ihr Handgelenk, als könnte es gleich zerbrechen. Dann bog er ihre Finger um den Griff des Messers und drückte sie zusammen. „Halte es fest, mein Schatz. Sie werden es dir nicht wegnehmen.“
Ein Zug durchfuhr die schwere Luft. Der bewegte Raum änderte mit den beiden die Richtung. Steven hielt Gibbli mit einer Hand gepackt, damit sie nicht nach unten sackte. Draußen, hinter dem halbdurchsichtigen Glas, tauchten hellere Schemen auf: Lichter, an denen sie in rasantem Tempo vorbeiglitten. Oder schwebten. Was auch immer, es war ihr egal.
„Du kannst dir nicht vorstellen, Mädchen, wie viel Kraft es mich gerade kostet, mich davon abzuhalten, dir das Ding erneut in deine Schulter zu rammen. Vor ein paar Sekunden hätte ich das nicht geschafft, oh nein.“
Abwesend starrte Gibbli ihn an. Sollte er machen, was er wollte. Aber das Messer würde er nicht dafür benutzen. Nicht dieses Messer. Es gehörte ihm! Ihrem besten Freund. Ihrem Bruder. Hatte ihm gehört, verbesserte sie sich in Gedanken.
„Ja, schneide in meine Schokoladenhaut, denn es sieht ja so gut aus, wenn ich blute“, murmelte sie. Langsam ging ihr der Oceaner richtig auf die Nerven!
„Du hast dich verändert seit unserem ersten Treffen. Das ist gut, oh ja. Aber es reicht nicht. Es scheint, du gewöhnst dich allmählich hier dran. Ich nehme an, dein Kopf ist bereit, neue Informationen aufzunehmen. Also hör mir gut zu, Mädchen. Wir befinden uns in einer Art Gondel. Sie transportieren uns in ihr Gefängnis. Nun ja, nur mich natürlich. Dich werden sie umbringen.“
„Gut, dann ist es vorbei“, sagte sie resigniert.
„Das ist nicht gut! Glaub mir, es wird schnell gehen, sogar ohne Schmerzen! Stell dir das vor! So gemein! Sie mögen keine Oca. Die Oca sind ihre Todfeinde. Nein, waren es, denn wir beide sind hier die letzten, das sind wir! Und falls du es noch immer nicht begriffen hast, wir stehen auf derselben Seite.“
Ihr Verstand schien einzurasten. Die veränderten Einflüsse um Gibbli herum machten es ihr schwer, darüber nachzudenken. Doch jetzt hatte sie es verstanden: Der Heimatplanet der Oceaner befand sich in Feindeshand. Und sie beide waren darauf gefangen. Ihr wurde schlecht. Gibbli wünschte sich zurück in das Gefängnis der Akademie, das ihr plötzlich wie ein Paradies vorkam. Dort war sie zum ersten Mal auf ihn getroffen. Dort hatte er sie aufgeweckt, aus einem Traum, einem langen Schlaf, den sie Leben genannt hatte. War es genau dieses Messer in ihrer Hand, mit dem er sie damals bedroht hatte? Er besaß so viele. Und jetzt war er weg. Für immer. Gibbli konnte sich nicht vorstellen, ihn nie wieder zu sehen. Abyss würde sie jetzt mit irgendetwas Dummem zum Lachen bringen. Er fand in jeder Situation etwas, um sie aufzumuntern. Gab es hier etwas Positives? Nun, Steven gefiel es ebenfalls nicht, hier zu sein. Und alles was Steven nicht gefiel, gab ihr eine Genugtuung.
Gibbli grinste ihn böse an. „Ich hoffe, sie fangen mit dir an.“
Die Lichter von draußen warfen jetzt schwache Schatten durch das milchige Glas. Diese spiegelten sich in seinen goldenen Augen wider.
„Das wäre schön.“ Steven blickte Gibbli traurig an. „Aber so sehr ich es mir auch wünsche, würde es doch bedeuten, dass sie mich akzeptieren, besitze ich leider nicht das Recht zu sterben.“
Die wollten sie umbringen, aber ihn nicht und er wünsche sich sogar, dass sie ihn umbrachten? Was sollte der Unsinn? Hielt er sie schon wieder zum Narren?
„Warum tötest du mich nicht gleich?“, flüsterte Gibbli.
„Soll ich? Könnte ich natürlich. Aber das mag ich nicht, nein.“ Steven schloss die Augen und nahm einen tiefen Atemzug der verdickten Luft. „Du bist mein Mädchen. Ich will alles mit dir tun. Nur dich sterben zu sehen, dafür ist es zu früh. Ich will, dass du etwas erlebst. Ich will, dass du leidest.“
„Du bist krank!“
„Nein, mein Schatz. Leiden heißt Leben. Ich will dir zeigen, was es bedeutet, ein Oca zu sein. Hab ich dir das nicht immer gesagt? Ja, das hab ich. Komm zu mir, komm zu Steven, er lehrt dich, ein Oca zu sein.“
„Warum nennst du sie Oca?“
„Oceaner. Die Menschen gaben ihnen diesen Namen. Doch wir selbst bezeichnen uns als Oca. Die beste Art zu Leben ist die eines Oca, das ist es. Und ich werde dir zeigen wie, denn du bist einer von ihnen. Von uns. Du wirst nicht sterben, nicht so, nicht ohne Schmerzen und nicht, ohne gelebt zu haben. Wenn du genau meine Anweisungen befolgst, dann kann ich es vielleicht verhindern. Ich kann sie davon abhalten. Tust du das Mädchen? Ja? Nicht für mich, sondern für deine Spezies?“ Seine Worte klangen so überzogen emotional, als spielte er in einem Theaterstück mit.
„Wer sind sie?“, fragte Gibbli.
„Die Mog.“
Wieder fuhr ein Ruck durch den kleinen Raum. Im nächsten Moment stand die Gondel unvermittelt still. Der Boden vibrierte nicht mehr und ein Zischen vermischte sich mit dem leiser werdenden Dröhnen in ihren Ohren. Lediglich das schwache Tackern blieb zurück. Gibbli war sich nicht sicher, ob sie es sich einbildete. Die Wand an ihrem Rücken bewegte sich und glitt nach oben. Steven riss Gibbli weg und zog sie zurück in eine Ecke. Hastig drückte er sich an ihr vorbei zur Öffnung.
„Bleib hinter mir, Mädchen.“
Verwirrt kniff sie ihre Augen zusammen. Wer war dieser unheimliche Mann? Wo befand sich der grausame Eishaufen, der ihr das Blut in den Adern gefrieren ließ? Vorsichtig spähte sie an ihm vorbei. Von draußen drang ein blendendes Licht zu ihnen herein. Und am Eingang erschienen die ungewöhnlichsten Wesen, die Gibbli je erblickt hatte. Wie gebannt betrachtete sie die halb durchsichtigen Gestalten.
„Langweilige Leuchtschleier, findest du nicht?“, flüsterte Steven vor ihr.
Gibblis Blick erfasste ein einzelnes der Wesen, die jetzt näher kamen. Anmutig und faszinierend waren die ersten Gedanken, die ihr in den Sinn kamen, doch nur für eine Sekunde, dann empfand sie es regelrecht abstoßend. Der Mog ähnelte von der Form her einem Menschen, doch die Details stimmten nicht. Die haarlose Haut wirkte glatter und leichter, auf eine gewisse Art dünner und nicht fest. Auf den zweiten Blick fiel ihr die Flüssigkeit auf, die sich darunter in den Adern bewegte. Diese floss durch verschiedene Organe, welche unter der halb durchsichtigen Haut leicht schimmerten. Geräusche durchdrangen die dicke Luft, dem Knacken von Metall eines beinahe berstenden U-Boots nicht unähnlich. Die schrägen Töne ließen Gibbli erzittern. Handelte es sich um eine Art Sprache? Das ungewöhnlichste waren die Bewegungen der Mog. Ein einzelnes Wesen löste sich aus der Menge und stand jetzt direkt vor ihrer Kapsel. Richtig stehen konnte man das nicht nennen. Das Ding bewegte sich immerzu und glich dabei immerfließendem Wasser in einem Rohr. Es wiegte hin und her und schien keinen Augenblick an einer Stelle zu verweilen. Gibbli umklammerte Abyss‘ Messer noch fester.
„Ist es … hier?“, fragte sie und war sich nicht sicher, wie sie ausdrücken sollte, was ihr in den Sinn kam.
„Nicht ganz stofflich, das ist es, nicht wahr? Das liegt daran, dass die Mog zum Teil auch in einer anderen Ebene leben. Sie sind nicht auf die drei materiellen Ebenen beschränkt. Ihr seht sie als Ort: Länge, Breite, Höhe. Aber es gibt so viele andere.“
„Wie Zeit?“
Hinter dem ersten Wesen schwirrten zwei weitere heran. Ihre fließenden Bewegungen passten sich einander nicht an und Gibbli wurde schwindlig vom Zusehen.
„Nein, nicht Zeit“, hörte sie Stevens klare Stimme vor sich. „Du hast recht, Zeit ist eine Ebene. Aber über diese haben die Mog genauso wenig Kontrolle, wie die Menschen. Die Oca fanden früh raus, dass die Mog mit der zeitlichen Ebene nichts anfangen können. Nein, sie leben in zwei der unseren sowie in drei anderen. Die Ebenen der Materie, Gravitation und die Zwischenebene, welche Zeit und Gravitation sowie die drei materiellen Ebenen verbindet. Die Mog sind nicht fest gebundene Materie, Energie Mädchen. Sie existieren hier nur zum Teil. Es ist schwer, das jemandem zu erklären, der nie in anderen Ebenen lebte oder sich nicht daran erinnert.“
„Das ist nicht der richtige Zeitpunkt für Physikunterricht“, flüsterte Gibbli, als die zwei hinteren Gestalten zu sprechen begannen und die schräg gehauchten Töne sich mit denen des ersten Mog vermischten.
„Physik.“ Steven lachte auf. „Ich bin ein Genie, merk dir das gut. In eurer Welt wäre ich wohl tatsächlich so etwas wie ein Physiker. Ein Träumer. Ein Visionär. Ein Gott.“
„Ein Angeber, das bist du“, murmelte Gibbli und beobachtete, wie noch mehr Mog hinter den anderen erschienen. „Was tun sie?“
„Sie verlangen und beraten“, antwortete er knapp. „Weißt du, ich bin kein Bauer, auch wenn ich Rod mit der Mara geholfen habe. Ich bin jemand, der sagt, was gemacht werden soll. Jemand, der bestimmt, wie etwas gebaut wird. Ein Erfinder. Weil ich die Gesetze durchschaue. Ich war … sehr wertvoll für sie.“
„Für die Mog?“ Gibbli fragte sich, was er mit ihnen zu schaffen gehabt hatte. Hatte er mit ihnen zusammen gearbeitet?
Die Laute der Wesen wurden fordernder.
„Ja, für die Mog. Ich finde es immer wieder erstaunlich, mit welcher Geduld sie an Dinge herangehen. Sie sind so langweilig! Hast du es bemerkt? Ja? Sie beraten, was sie tun, bis jeder gleich denkt. Am Ende sprechen sie mit einer Stimme“, sagte Steven und schüttelte ablehnend den Kopf. „Keine Meinungsverschiedenheiten diese Mog, nein, niemals.“
Das Wesen ganz vorne richtete ein silbernes Gerät auf Steven.
„Was will es?“, fragte Gibbli, als er sie hastig zurück an die Wand drängte.
„Sie haben entschieden, dass es Zeit für uns wird, den Kasten zu verlassen.“
Ein scheinbar halb flüssiger, halb gasförmiger Schleier verließ das Gerät des Mog und stob direkt auf Steven zu, der sie noch immer vom Eingang abschirmte. Gibblis Finger taten fast weh, so fest umklammerte sie den Griff von Abyss‘ Messer.
Stevens Körper spannte sich an. Für einen Augenblick schienen all seine Muskeln steif zu werden. Er keuchte auf und presste die Zähne zusammen. „Oh nein, ihr zieht mich nicht in eure Ebene!“, rief er. Es wirkte nicht, als hätte er Schmerzen, eher als würde er sich anstrengen.
Steven riss Gibbli plötzlich zwischen den geisterhaften Gestalten hindurch auf eine freie Fläche hinaus. Ein neuer Schwindelanfall überkam sie, als ihr bewusst wurde, wo sie sich befanden. Die Wände, Decken und Böden bestanden überwiegend aus halb durchsichtigem Glas. An einigen Stellen verliefen glänzende Leitungen und maschinenartige Konstruktionen. Ein paar Bereiche bestanden aus klarem, komplett transparentem Material, das teilweise auch im Fußboden eingelassen war. Unter sich erblickte Gibbli unzählige Räume. Außerhalb der Wände gab es gläserne Gänge, welche die einzelnen Gebäude verbanden und in alle Richtungen konnte sie endlose Bauten erkennen: Nach links, nach rechts, nach vorne, nach hinten und teilweise auch noch weit nach oben, bis diese mit der Dunkelheit des Himmels verschmolzen. Jedenfalls nahm Gibbli an, dass es sich um einen Himmel handelte, denn eine Wasseroberfläche war das nicht. Es wirkte mehr wie eine schwarzgraue Ansammlung von scheinbar bauschigem Material dort oben. Einige der angrenzenden Räume waren erleuchtet durch weitere umherwuselnde Wesen in ihnen.
Die Mog umzingelten sie und bewegten sich um die beiden herum. Gibblis Blick wanderte von einem zum anderen, während sie leicht taumelte. In ihrem Kopf drehte sich alles. Sie trat unbeholfen einen Schritt zurück und stieß an Stevens Rücken.
Überall hörte man dieses schräge Gewisper, wenn sie miteinander sprachen. Nach einer Weile einten sich die überlappenden Töne zu einer einzigen Stimme. Eines der Wesen hob jetzt ein silbernes Gerät und richtete es auf Gibblis Brust.
„Nein! NEIN!“ Steven warf sich verzweifelt herum. „Ihr lasst die Frequenzen, wo sie sind!“
Seine Stimme überschlug sich, während er schrie und sich zwischen Gibbli und die silberne Waffe in den leuchtenden Fingern des Mog drängte. Die Wesen fingen wieder an, abwechselnd zu wispern, und ihre wobbelnden Bewegungen vernebelten Gibblis Sinne. Es war schwer, einem einzelnen Geschöpf zu folgen, weil sie ständig die Position wechselten. Gibbli stolperte fast, als ein Stich in ihrer Schulter sie in die Realität zurückholte. Die Wunde vom Messer hätte sie beinahe vergessen. Einer der Mog kam näher und streifte Stevens Brust. Er wich zurück. Gibbli erfasste das schräge Wispern, das von dem Wesen ausging, während das der anderen langsam verstummten.
„Ich denk nicht dran!“, schrie Steven zurück.
Wieder kam ein Wesen von der anderen Seite auf Gibbli zu. Steven wirbelte herum und im nächsten Moment hielt er sie fest umklammert. Ihr Gesicht an seine nackte Brust gepresst, schloss Gibbli die Augen. Gleichzeitig wünschte sie sich fort von ihm.
„Mein Mädchen gehört euch nicht! Sie gehört mir“, hörte Gibbli ihn rufen.
Und dann passierte etwas, was Gibbli noch mehr irritierte als alles andere. Ein Zittern fuhr durch ihren Körper, als sie seine Stimme wahrnahm. Steven fing plötzlich an zu wispern. Genau wie die Mog! Gibbli fragte sich, wie der Oceaner es schaffte, solche Laute von sich zu geben. Er klang aufgebracht und sein Tonfall nicht ganz so gehaucht, wie der von den Mog, dafür umso emotionaler. Die Mog ihrerseits fingen nun wieder an, miteinander zu kommunizieren. Gibbli betrachtete Stevens goldene Haut mit halb zugekniffenen Augen. Seine negative Kraft war nicht mehr vorhanden, als würde er gar nicht vor ihr stehen und sie umklammern. Stevens Körper war durchaus kalt, doch sein psychischer Einfluss auf Gibbli schien seit der Gondelfahrt erloschen zu sein. Und obwohl es sich noch immer um Steven handelte, duckte sie sich unter seinen Armen, um die leuchtenden Wesen nicht mehr ansehen zu müssen. Wollten die Mog sie wirklich umbringen, nur weil sie zum Teil ein Oceaner war? Sie kannten Gibbli doch nicht! Nach einiger Zeit wurde Stevens Griff lockerer. Er schob sie von sich.
„Stell dich dort drauf!“, befahl er.
Sie hob den Kopf und ihr Blick folgte seinem sehnigen Finger. Dieser zeigte auf zwei kreisrunde Flächen am Boden. Gibbli schien ihm zu langsam zu reagieren, denn schon schubste er sie zu den Kreisen. Als sie mit ihren Füßen die beiden Flächen berührte, zuckte silbriger Nebel aus den Fugen hervor. Dieser wand sich um ihre Stiefel herum, über ihre Knie, bis zu ihren Oberschenkeln. Trotz der gasartigen Form hielt das Material sie auf eine gewisse Art fest, als wären Gibblis Beine mit dem Boden verschmolzen. Gleichzeitig kam es ihr so vor, als befänden sich ihre Füße nicht mehr ganz hier, sondern in einer anderen Dimension.
Gibbli blickte auf und sah Steven neben sich stehen. Seine Beine waren ebenfalls auf Kreisen am Boden gefesselt. Er kommunizierte weiter mit den Wesen in diesen schrägen Lauten.
„Was sagen sie?“, schrie Gibbli, um Wispern der Mog zu übertönen. „Was hast du ihnen gesagt?“
„Sie beraten sich über deine Existenzform“, antwortete der Oceaner mit heller Stimme. Dann blickte er sie traurig an. „Ich erklärte ihnen, dass du … dass du kein vollständiger Oca bist. Das war die einzige Möglichkeit. Noch bist du keine Gefahr für sie, aber das das macht nichts. Du wirst eine werden. Ich werde dich dazu machen, oh ja.“
Eines der Wesen sprach Gibbli an und kam ihr gefährlich nahe. Sie wollte sich nicht ausmalen, wie es sich anfühlte, diese Dinger zu berühren. Das schräge Wispern tat ihr in den Ohren weh.
„Sie versteht euch nicht!“, rief Steven. Das Wesen wandte sich ihm schlängelnd zu und sagte etwas. Der Oceaner schüttelte den Kopf. „Oh nein, nein nein. Dann lernt unsere Sprache!“
„Was wollen sie?“ Gix bbli verlor langsam die Geduld. Diese Ungewissheit, was die Mog taten, machte sie fertig und diese ständige Bewegung um sie herum verursachte ihr Kopfschmerzen.
„Sie wollen, dass ich übersetze. Aber ich mag nicht, oh nein. Das hält sie auf. Ich weigere mich, hört ihr? Und mit mir braucht ihr auch nicht mehr reden! Die können vielleicht Oca, Mädchen, aber die Sprache der Landmenschen auf eurem Menschenplaneten ist ihnen fremd.“
Gibblis schwieg und wünschte sich zurück. Zurück zur Crew und zu ihm, zu Abyss. Doch es gab kein Zurück mehr. Und kein ihm.
„Du brauchst Geduld mit den Mog, Mädchen. Sie handeln erst, wenn sie eins sind. Sie sind so langweilig, nicht wahr? Doch man kann ihre Entscheidungen dadurch hinauszögern. Das macht es leichter, sie aus dem Konzept-“
Wieder schien eines der Wesen Steven etwas zu fragen und dieser verstummte mitten im Satz.
„Nein … das ist nicht …“ Er starrte den Mog vor ihm entsetzt an und wandte sich Gibbli zu. „Nein“, wiederholte er noch einmal ungläubig.
Es wurde leiser um sie herum. Gibbli hob müde den Kopf und blickte in seine ausdruckslosen Augen. Er wirkte schockiert, wie jemand der soeben eine schreckliche Nachricht erhalten hatte. Er sah nicht Gibbli an, sondern geradewegs durch sie hindurch, als wäre er nicht mehr anwesend.
„Steven?“, fragte sie schwach. Eine unheimliche Stille drückte auf ihren Kopf. Die Mog hatten aufgehört zu wispern. Das leise Tackern trat wieder in ihre Ohren, wie ein unaufhörliches Uhrwerk.
Der Oceaner antwortete ihr nicht. Die Wesen musterten Steven erwartungsvoll.
„Was ist passiert?“, fragte Gibbli wieder.
Er öffnete den Mund und flüsterte: „Das hatte ich verdrängt.“
„Was?“, murmelte Gibbli erschöpft.
Doch er beachtete sie nicht. Leise hallte seine Stimme durch den gläsernen Saal: „Sie war die letzte.“
Die Bewegungen der Mog änderten sich und wurden hektischer. Einige von ihnen wandten sich Gibbli zu, um dann aber sofort wieder die Richtung zu wechseln. Was meinte er mit seinen Worten? Die letzte ihrer Art? Es gab doch andere. Steven selbst, ihren Vater und war nicht Cora ebenfalls eine Oceanerin? Auf diesem Planeten hingegen hatten die Mog alle ausgelöscht, die durch das Portal zurückgekehrt waren. Steven starrte Gibbli weiter ausdruckslos an. Und sie öffnete erstaunt den Mund. Da rann tatsächlich eine Träne über seine Wange! Der Oceaner hatte ja schon immer emotional reagiert auf, nun ja, eigentlich alles. Aber Gibbli dachte bisher, dass er das lediglich spielte. Erst jetzt begriff sie, dass seine Reaktionen nur aus ihrer Sicht übertrieben wirkten. Für ihn waren sie alle echt. Gibbli konnte kaum glauben, was sie sah. Steven weinte!
Dann ertönte seine sonst so klare Stimme erneut. Aufheulend schrie er in die Stille hinein: „DU WARST DIE LETZTE!“
 
Kurze Zeit später stand Gibbli in einem Raum, der nur ein wenig größer war, als der Kasten, der sie vom Portal her gebracht hatte. Das milchige Material der Wände war halb transparent und befand sich überall um sie herum, auch der Boden und ein Teil der Decke bestanden daraus. Die restliche Hälfte der Oberseite wurde aus komplett durchsichtigem Platten bedeckt. Direkt über ihnen befand sich kein weiteres Gebäude. Die bauschigen Gebilde zogen weit entfernt, an irgendeiner Oberfläche entlang. Was auch immer das für ein Material war, es sah düster aus.
Steven hockte an der Wand ihr gegenüber, mit dem Kopf in die Ecke gelehnt und redete leise vor sich hin: „Dein Vater … Nein … Die DNA in ihm war nicht stark. Nicht wie in dir. Aber es ist … Es muss reichen, es … muss …“
Ihr Verstand sagte, dass es klüger wäre, so lange wie möglich nicht seine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Es war immerhin Steven! Doch außer ihm gab es hier niemanden. Gibbli sprach ihn an und rief mehrmals seinen Namen. Er reagierte nicht auf ihre Versuche, als nähme er sie gar nicht wahr. Sie steckte das Messer in ihren Stiefel. Die Mog hatten es ihr tatsächlich nicht weggenommen, wie Steven vorhergesagt hatte. Auch nicht ihr Werkzeug, gar nichts. Materielle Dinge schienen diese Wesen nicht zu kümmern. Gibbli stellte sich vor, wie die Klinge einfach durch die Leuchtschleier gleiten würde als beständen sie aus Wasser. Wahrscheinlich würde sie sogar selbst mitten durch einen Mog durchgehen können, ohne Schaden zu erleiden. Gibbli nahm einen tiefen Atemzug. Es fiel ihr noch immer schwer, den Atemreflex unter Kontrolle zu halten, und sie musste sich immer wieder vom Einatmen abhalten. Doch allmählich gewöhnte sie sich an das Gewicht und die dichte Luft. Sie analysierte die Zusammensetzung der Atmosphäre mit ihrem EAG. Der hohe Sauerstoffgehalt reichte laut der Anzeige aus, um hier pro Minute nur zwei, vielleicht drei Mal atmen zu müssen. Wenn sie es öfter tat, wurde ihr schwindlig. Gibblis Schulter schmerzte kaum noch. Sie hatte fasziniert zugesehen, wie eines der Wesen ihre Wunde mithilfe eines silbernen Zylinders in Sekundenschnelle geschlossen hatten. Die Geräte der Mog würde sie wahnsinnig gerne genauer erforschen. Sie konnten jegliche von Materie verändern, egal ob künstlich erzeugte oder biologische.
„Warum haben sie mich geheilt?“, fragte Gibbli in einem neuen Versuch, Steven aus seinen Gedanken zu reißen. Und er hob den Kopf.
„Grausam, nicht wahr? Die schöne Wunde. Die wundervollen Schmerzen! Sie taten das, naja, weil … ich hab doch keine Ahnung warum! Aber das beweist es nur! Es sind Monster! Seelenlose Wesen, die verlernt haben zu leben! Emotionslos. Ohne Gefühl! Sei mir dankbar, Mädchen. Ich habe dir gerade das Leben gerettet. Jedenfalls … vorerst.“ Der Oceaner schüttelte den Kopf und schien schon wieder mit den Gedanken ganz wo anders zu sein. Er wisperte vor sich hin, von irgendeiner Feier und Luftballons. Wörter wie „Katastrophe“ und „Übergang“ fielen. Seine unzusammenhängenden Sätze ergaben keinen Sinn.
Gibbli wandte sich von ihm ab. Hinter den Wänden und unter ihnen konnte man hin und wieder schemenhafte Bewegungen erkennen, doch keine genaueren Details. Sie begann den verschlossenen Eingang zu untersuchen. Er war lückenlos. Jedes glasartige Stück schloss nahtlos an das nächste an. Nach einer Weile wurde ihr bewusst, dass Stevens Stimme verstummt war und plötzlich hatte sie das Gefühl, er starrte sie an. Hastig drehte sich Gibbli um. Der Oceaner hatte seinen Kopf erhoben und beobachtete sie nachdenklich.
„Du kannst durch Mauern laufen! Mach den Durchgang auf!“, verlangte sie und klopfte gegen die Wand. Es handelte sich eindeutig nicht um Glas.
Er machte keine Anstalten, sich zu bewegen. „Denkst du, das wissen die Mog nicht? Denkst du nicht, sie hätten Vorkehrungen getroffen? Denkst du überhaupt? Dieses Material ist unpassierbar! Es wurde nicht auf die stofflichen Ebenen beschränkt. Selbst die Mog müssen den Eingang öffnen, um hier rein zu kommen. Hier geht nichts durch, auch nicht auf anderen Ebenen. Höchstens in der Zeit, doch die zu durchqueren vermag ich nicht.“
Gibbli hatte keine Lust auf seine arroganten Antworten, die nichts anderes sagten, als du bist dumm und ich nicht. Doch sie musste es wissen, wenn es ihr half, eine Fluchtmöglichkeit zu finden. „Wie funktioniert es?“
Stevens Mundwinkel zuckten nach oben. Er liebte es, seine Überlegenheit zur Schau zu stellen. „Es ist schwer, das in deiner Sprache zu erklären. Kurz ist das falsche Wort, auch nicht örtlich gebunden und gleichzeitig passt beides. Verstehst du? Wie eine Brücke der Ebenen, die Räume, Materie und Gravitation verbindet. Dieses Material ist nicht durchdringbar. Außer mit Oca Technologie.“
Ihr selbst gebautes Fluggerät, kam es Gibbli in den Sinn, mit dem sie die Zelle der Akademie geöffnet hatte. Sie wühlte in ihren Taschen und versuchte, es mit Gedanken zu erfassen, vergeblich.
„Du suchst das kleine Glühwürmchen, nicht wahr? Ich muss dir mein Kompliment aussprechen. Dafür, dass du unter Menschen aufgewachsen-“
„Wo ist es?“, unterbrach sie ihn.
„Das hast du in Ocea verloren.“
„Verloren?“
„Ja. Ich musste es dir unbemerkt abnehmen. Es liegt irgendwo in der Stadt.“ Er zuckte mit den Schultern. „Du hättest es dort gegen mich einsetzen können, nicht wahr? Es war zu gefährlich. Es hörte nur auf deine Frequenz. Das war gemein von dir, so etwas zu bauen! Sehr fies. Gute Arbeit, die du da geleistet hast. War nicht einfach, das zu erfassen, nein.“
„Ich … ich hatte nicht daran gedacht …“ Es fühlte sich wie ein Schlag an. Wie konnte sie nur so blöd sein? Gibbli hätte es dort oben auf der Plattform gegen ihn wenden können!
„Das liegt an deinen Menschengenen. Menschen vergessen zu denken. Oder sie denken das falsche. Sie sind so lustig, aber dumm.“ Er seufzte theatralisch. „Egal. Dein Glühwürmchen würde dir hier nichts bringen. Merkst du es nicht? Mein Einfluss auf dich ist weg. Weg! Meine Energie kann dich nicht mehr berühren, deinen Geist manipulieren … ich … ich kann es nicht.“ Er ballte eine Hand zur Faust und blickte Gibbli dann vom Boden aus wieder an. „Es funktioniert nur außerhalb der Städte. Das Sonnenstück hat geleuchtet, erinnerst du dich? Bis zu einem gewissen Punkt. Aber in ihren Zentren würden die Mog es nie zulassen. Das Einzige, was mir bekannt ist, wovor sich die Mog fürchten. Abgesehen von Zeit vielleicht. Die Mog haben es geschafft, ihren unterdrückenden Mechanismus auszudehnen, und die Oca damit nicht nur zurückweichen lassen, sondern sie komplett zu besiegen. Diese Stadt hier war einst golden, nicht durchsichtig, sie gehörte den Oca. Alles auf dieser Seite gehörte einst ihnen.“
Das war es also. Die Mog unterdrückten oceanische Technologie und damit auch seine Kraft. Er konnte ihr keine Angst mehr einjagen und sie nicht mehr zu Boden drücken! Jedenfalls nicht über Gehirnwellen. „Sie entziehen also ihre Basis. Die Technologie der Oceaner beruht auf elektromagnetischen Feldern. Ist das die Brücke von, der du gesprochen hast?“
„Nicht Felder, sondern Strahlen“, berichtigte er. „Entscheidend ist der Energietransport. Und es geht nicht nur um diese Frequenzen, die Geräte selbst funktionieren mit allen möglichen Bereichen des Spektrums, je nachdem welchen Zweck eine Maschine erfüllt. Was allerdings das Zusammenspiel von Oca Technologie betrifft, liegst du richtig, Mädchen. Das findet zum Großteil in elektromagnetischen Frequenzen statt. Die Mog sind im Stande, die Felder in genau diesem Bereich zu unterdrücken. Und sie müssen es tun. Sie ertragen sie nicht. Diese Felder strahlen in ihre Ebene, blockieren sie, verhindern ihren Weitergang, ihre Ausbreitung.“
„Das bedeutet, die Technologie kann nicht mehr kommunizieren. Die Steuerungen versagen. Ist das der Grund? Warum die Mog und die Oca verfeindet sind?“
„Es ist komplizierter als das. Aber ja, das ist wohl der Hauptgrund. Die Mog gehören nicht hier her. Nicht auf diese Seite des Planeten. Ihre Struktur ist nicht sehr dicht, nicht so stofflich wie die der Oca. Aber die Mog sind unglaublich anpassungsfähig, oh ja, wirklich … Wirklich, das sind sie. Ihnen gehörte die Tagesseite des Planeten. Und den Oca … diese hier. Die Atmosphäre ist hier dichter als drüben im Licht. Sehr viel dichter. Ist es dir nicht aufgefallen? Deine Knochen sind stabiler und halten mehr aus, als die der Menschen. Ich wette, du hast dir noch nie etwas gebrochen.“
„Du hast mir mein Bein gebrochen!“, widersprach Gibbli empört.
„Ach ja“, er schloss grinsend seine Augen, als würde er die Erinnerung daran genießen.
Angewidert schüttelte sie den Kopf und wollte ihn lieber nichts mehr fragen. Am besten, sie provozierte ihn nicht weiter, solange Steven dort einigermaßen friedlich in seiner Ecke saß und sich von ihr fernhielt.
 
Eine Stunde später lag Gibblis ganzes Werkzeug verstreut am Boden. Einiges davon kaputt oder zerbrochen. Sie wollte nicht glauben, dass ein Material existierte, das absolut nichts durchließ. Sie versucht es mit dem Schweißbrenner, mit dem Hammer, mit einfach allem, was sie bei sich trug. Nichts davon klappte. Niedergeschlagen starrte Gibbli auf den verschlossenen Eingang und stellte sich vor, wie das Ding unter Abyss bohrenden Blicken schmelzen würde.
„Du kannst es nicht ändern. Ruh dich aus“, sagte Steven müde.
Genervt warf sie einen Schraubenzieher in seine Richtung. Er duckte den Kopf lässig zur Seite. Das lange Metall knallte hinter ihm an die Wand und fiel dann zu Boden.
„Hm, dummer Reflex“, murmelte der Oceaner, als wünschte er sich, dass ihn das Ding getroffen hätte.
Gibbli sackte erschöpft auf die Knie. Ihre Finger glitten über das glasartige Material. Nicht der winzigste Kratzer ließ sich darin einritzen.
„Wer hat Angst vor dem großartigen Steven? Es ist okay, wenn du schläfst. Ich tu dir nichts, mein Schatz.“
Düster funkelte sie ihn an und lehnte sich an die Eingangswand. „Wenn ich einschlafe, wirst du über mich herfallen. Du bist ein verdammter Oceaner!“
Zufrieden nickte er. „Ah, wie nett, danke. Vielleicht mache ich das.“
Gibbli schnaubte verächtlich. „Warum fällt der Planet nicht auseinander?“, fragte sie mit mehr Nachdruck als beabsichtigt. Diese Frage lag ihr schon die ganze Zeit auf den Lippen. Die Unterschiede der beiden Hälften waren so gravierend, das konnte nicht lange gut gehen.
Steven hob stirnrunzelnd den Kopf, verwundert über ihren Themenwechsel. „Hörst du es nicht, Mädchen? Tak tak tak tak.“
Das leise Tackern drang wieder in ihr Bewusstsein. Gibbli hatte sich beinahe schon an das Hintergrundgeräusch gewohnt und es kaum noch wahrgenommen.
„Es entspringt dem Inneren des Planeten. Das ist die Maschine.“
Sehr informativ, dachte sie. Die Maschine also, welche immer er auch meinte von den Konstruktionen, die es hier gab. Auf dem Weg zu ihrem Gefängnis hatte sie unzählige davon ausmachen können.
„DIE Maschine!“, wiederholte Steven überschwänglich. „Erbaut vor vielen tausend Zyklen, noch vor dem Krieg. Die einzig gemeinsame Entwicklung der beiden Völker. Das einzige, was die Mog mit den Oca verband. Eine Maschine, die diesen Planeten zusammenhält. Aber was verstehst du davon, ist doch egal.“
Angestrengt versuchte Gibbli, ihre Augen offen zu halten, und beobachtetet ihn misstrauisch. Steven wirkte resigniert. Vielleicht hatte er keine Erfahrung mit Gefängnissen, aber sie hatte genug davon. Sie war schon gefangen gewesen, mit Abyss und Sky. Bis auf die Tatsachen, dass die Wände hier aus diesem ihr fremden Material bestanden und ihr gegenüber ihr größter Feind saß, kam Gibbli diese Situation zu bekannt vor. Sie hätte nicht erwartet, ihr halbes Leben eingesperrt in winzigen Räumen verbringen zu müssen.
Steven nahm den Schraubenzieher und hob ihn vor sein Gesicht. Während er ihn betrachtete, erstarb sein Grinsen und machte einem traurigen Blick Platz. „Meine Kraft ist weg. Was soll ich denn tun? Eine neue Art finden, um Spaß mit dir zu haben? Nun, ich könnte dir hiermit den Schädel zertrümmern, das könnte ich. Denkst du, das macht Spaß? Vielleicht. Aber ich … ich weiß es nicht. Verstehst du? Durch das Unterdrücken der Oca Technologie durch die Mog ist dein Einfluss auf mich ebenso verschwunden. Du könntest hier sein wie jeder beliebige Mensch auf deinem Planeten. Deine Anziehung auf andere ist hier nicht existent. In diesem Augenblick bist du für mich wie irgendein langweiliger Mensch. Wären andere Menschen hier, sie würden dich behandeln wie ihresgleichen.“ Er warf den Schraubenzieher von sich fort.
Das Klirren hallte noch Minuten später in Gibblis Kopf und vermischte sich mit dem monotonen Tackern der Maschine. Es wandelte sich in schräge Klänge. Lange Finger tanzten über metallene Saiten, hielten elegant einen goldenen Bogen, erschufen energiegeladene, herzzerreißende Töne einer Geige. Seiner Geige. Dort stand er, in dem langen Mantel. Der dunkelblaue Stoff folgte seinen Bewegungen. Er spielte mit schmerzverzerrtem Gesicht und krampfte immer wieder zusammen. Jedes Mal, wenn die feinen Haare des Bogens die Saiten berührten. Mit jedem Schnitt, den die Melodie verursachte, floss dunkelrotes Blut aus seinem Körper. Er wand sich, zuckte und die Töne wurden immer schiefer und kratziger. Bis alles fiel. Bis er fiel. Und Sky. Bo. Nox. Samantha. Tot. Für immer. Für immer. Für immer … Für immer.

Entsetzt riss Gibbli die Augen auf, als Steven sie packte. Sie war eingeschlafen. Der Oceaner riss sie vom Eingang weg, als dieser sich öffnete. Die Arme schützend erhoben, stelle er sich direkt vor den eintretenden Mog. Das Wesen wisperte etwas, und legte einen kleinen Gegenstand mitten in die Luft, wo dieser schweben blieb. Steven entspannte sich und kurze Zeit später waren sie wieder allein. Er trat einen Schritt zurück und lehnte sich gegen die Wand.
„Was ist das?“, fragte Gibbli und betrachtete misstrauisch die blass rosafarbene Kugel. Ablehnend roch sie daran. Es roch nach nichts.
„Essen“, murmelte er. „Das ist eine Nahrungskugel. Reinste Energie, umgewandelt in materielle, für euch … dich verdaubare Form“, sagte Steven.
„Euch? Mich? Was ist mit dir?“
„Ich brauche das nicht. Habe ich noch nie.“
„Erklär mir das.“ Sie streckte ihren Arm aus, griff danach und das kleine Ding fiel in ihre Handfläche. Die Oberfläche war weich wie Watte.
„Nein.“
Vorsichtig biss Gibbli ein Stück von der Kugel ab. Dabei ließ sie Steven nicht aus den Augen. Die Energie breitete sich sofort in ihr aus und sie fühlte sich besser, satt. „Essen Oceaner nichts?“ Diese Frage ging ihr nicht aus dem Kopf.
Steven betrachtete sie berechnend. „Oca nehmen Energie in unterschiedlicher Form auf. Auch durch Nahrung. Aber normalerweise essen sie nicht. Sie lernten diese Art der Energieaufnahme erst durch euch Menschen kennen. Auf diesem Planeten gibt es seit vielen Zyklen keine Pflanzen mehr.“
„Und Mog?“
„Mog benötigen keine Energie in dieser Form.“
Und er ebenfalls nicht. Konnte sie es wagen, ihre Gedanken auszusprechen? Er sah sie nicht als Mensch und doch redete er manchmal, als würden sie nicht derselben Spezies angehören. Die beiden Völker waren Todfeinde. Darum wollten sie Gibbli umbringen. Doch warum ihn nicht? Sie zögerte, dann kam die Frage über ihre Lippen: „Du bist kein Oceaner, oder?“
Stevens Augen verzogen sich zu bedrohlichen Schlitzen. Sein Blick erinnerte sie an die Gefahr, die noch immer von ihm ausging, auch wenn er sie das jetzt nicht mehr direkt spüren lassen konnte. „Ich bin ein Oca.“
„Denkst du, ich bin blind?“ Gibbli wollte ihn nicht gegen sich aufbringen und gleichzeitig mehr erfahren. „Du kennst ihre Sprache, du isst nicht, du verhältst dich wie … wie …“ Ihr wurde plötzlich bewusst, dass sie hier mit dem Feuer spielte oder bei ihm eher mit Eis.
„Ich bin ein Oca“, erwiderte Steven in einem Ton, der ihr das Blut in den Adern gefrieren ließ.
Gibbli trat einen Schritt von ihm zurück, auf die andere Seite des Raumes und biss ein weiteres Stück von der Kugel ab. Man konnte das Ding nicht als lecker bezeichnen, aber sie fühlte sich stark und voller neuer Energie. „Euer Nahrungsimitat schmeckt nach nichts“, murmelte sie rebellisch.
„EUER Nahrungsimitat? Sprich nicht, als würde ich zu ihnen gehören! Unsere Energie? Ja? Du stellst mich mit ihnen gleich!“
Provozierend wandte sie sich ihm zu. Abyss hatte sie immer aufgefordert zu leben, mutiger zu sein. „Aber das bist du, nicht wahr? Einer von ihnen. Denkst du, ich merke das nicht? Du bist einer von ihnen! Du bist ein Mog.“ Noch während sie den letzten Satz aussprach, wurde ihr klar, dass es ein Fehler gewesen war, das zu sagen.
Steven sprang auf sie zu und legte seine Hände um ihren Hals. „Nein!“, schrie er. Der vorgebliche Oceaner schüttelte den Kopf und presste die Zähne aufeinander.
Gibbli packte ihn und wollte seine Finger lösen, doch diese schlossen sich immer fester und drückten zu. Sie bekam keine Luft!
„Nein! Nein!“, brüllte er sie wieder an.
Entsetzt weiteten sich ihre Augen. Sie konnte keinen Laut mehr von sich geben. Er brach ihre Luftröhre, er riss ihr den Kopf ab! Gleich würde das Blut aus ihrem Hals spritzen! Minuten schienen zu vergehen.
Unvermittelt ließ Steven sie los.
Gibbli lehnte sich zurück an die Wand und röchelte nach Luft. Einatmen. Pause. Und noch einmal. Fast war sie froh, so viel Sauerstoff auf einmal abzubekommen. Ihr wurde schwindlig und sie sackte auf den Boden. Als sie aufblickte, stand er mit dem Rücken zu ihr an der gegenüberliegenden Seite. Dort stützte er sich mit beiden Händen ab und blickte sie nicht einmal mehr an. Nach einer Weile drehte sich Steven um und setzte sich auf seine Knie. Erschöpft starrte er seine Arme an. Dann hob er grinsend den Kopf und Gibbli erwiderte zitternd seinen Blick.
Plötzlich kroch er auf sie zu!
Gibbli drückte sich in eine Ecke und schloss die Augen. Es gab kein Entkommen. Sie hatte gespielt und verloren. Sie spürte, wie er ihre rechte Hand packte, auf sein Gesicht legte und genüsslich einatmete. Dann nahm er sie in beide Hände und ließ sie sinken, während er verträumt über ihre Haut strich. Gibbli öffnete die Augen und rutschte so weit weg wie möglich. Doch ihre Finger gab er nicht frei.
„Ebenen sind im Grunde nur ein Vergleich, damit man es sich vorstellen kann. Eigentlich gibt es keine fest begrenzten Einheiten, es ist mehr ein schleichender Übergang.“
Warum erzählte er ihr das jetzt? Sie hatte ihn doch gar nichts gefragt, dachte Gibbli und wünschte sich, er würde ihr Handgelenk loslassen. Steven starrte weiterhin auf ihre Finger, während er gedankenverloren mit ihnen spielte.
„Die Veränderung der Frequenzen geschieht nicht abgestuft. Du kannst eine Wellenlänge stufenweise erhöhen, in dem du plus Eins rechnest. Aber was ist mit den Zahlen zwischen Eins und Null? Es gibt unendlich viele. Wie ein Kreis, eine Rampe, keine Treppen.“
Er verstummte. Irgendwo in ihrem Kopf begriff Gibbli, wovon Steven sprach und gleichzeitig wollte sie ihm gar nicht folgen. Es fiel ihr zunehmend schwerer, die einzelnen physikalischen Begriffe, die er verwendete, mit den ihren entsprechenden zu verbinden.
„Sie veränderten meine DNA“, sagte er nach einer Weile und Gibbli fiel auf, dass sie fror. „Ich musste aussehen wie ein Oca und dafür meine Frequenz verschieben, um alle drei eurer räumlichen Ebenen zu erreichen. Es war nicht leicht, mich loszulassen. Ich war angesehen, besaß Wissen. Doch dieses Wissen über Physik und über die Oca machte mich zur perfekten Wahl. So, wie einige andere. Überall hin wurden wir geschickt, um die Kolonien der Oca zu vernichten. Und für mich wählten wir die Menschenwelt.“
Er hob den Kopf. Gibbli erkannte, dass er wieder weinte.
„Sie dachten, es wäre eine Qual für uns, so sein zu müssen wie ein Oca. Wir alle dachten das, auch ich. Am Anfang jedenfalls“, sprach er weiter. „Aber bald merkte ich, das Gegenteil war der Fall. Dein Menschenplanet war schön. Ganz anders als hier, wo wir uns von den Oca fernhalten mussten.“
Er ließ sie los, sprang auf und trat an das Milchglasfenster hinan. Sofort rutsche Gibbli auf die andere Seite der Zelle. Ihre Knie zitterten. Die glasartige Wand an ihrem Rücken fühlte sich kalt an. Steven hob seinen Arm und wies um sie herum.
„Hier waren wir immer von den Oca abgeschnitten.“ Er ließ seine Hände sinken und starrte nach draußen. „Wir lebten auf der Tagseite, ihr in der Dunkelheit. Euer Menschenplanet war dagegen bevölkert von den verschiedensten Wesen. Die Menschen sind lustig, aber die Oca noch anziehender. In meiner neuen Form konnte mich eure Technologie nicht mehr verletzen. Ich konnte sie sogar beherrschen und ich drang in die materielle Welt ein, wie kein anderer Mog zuvor. In eure Welt. Ich begegnete Mara und Jeff. Und ich liebte sie. Ich lernte die Oca lieben. Ihre Art zu leben. Die Gefahr. Die Risiken, die sie ständig eingingen. Diese wunderbaren Schmerzen. Und ihre grausamen Taten, die mir plötzlich nicht mehr grausam erschienen. Sie waren brutal und so befreiend. Es machte mich frei. Ich konnte Dinge tun, die ein Mog nie tun würde. Ich fühlte!“ Er hielt für einen Moment inne und sprach langsam weiter. „Und ich vergaß mein altes Leben. Ich wurde zu einem von euch und ich wollte nie wieder zurück. Für immer ein Oca bleiben. Dann gingen sie, gaben die Kolonie auf. Wegen dem Krieg mit den Mog, unserem Krieg. Einer nach dem anderen betrat das Portal, um zu kämpfen. So etwas zog die Oca schon immer an. Doch keiner von ihnen kehrte je zurück. Mara, Jeff und ich, wir waren die letzten. Wir sollten die Kolonie bewachen und sie beschützen. Bis sie starb. Mara. Meine geliebte Mara. Durch Menschenhand.“
„Rod“, flüsterte Gibbli und schlang fröstelnd die Arme um ihre Knie. Es schien kälter zu werden in ihrem halb durchsichtigen Gefängnis.
„Ja. Da waren es nur noch zwei.“ Steven drehte sich um und setzte sich ihr gegenüber. „Und natürlich Cora. Aber sie ist ein Kind in einer Maschine. Nicht wie wir. Und dann ging auch Jeff. Mein Jeff.“
„Und du warst allein“, sagte Gibbli. Sie kannte diese Geschichte bereits.
„Allein.“ Er blickte nach unten.
Über sein Gesicht zog sich eine glänzende Linie von seinen Augen aus hinab und Gibbli fragte sich, woher sein Körper das Wasser nahm. Die Mog bezogen anscheinend Energie aus ihrer Umgebung und er nutzte diese, wandelte sie um, um einen Oceaner nachzuahmen. Um ein Oceaner zu sein.
„Wenn du denkst, damit mein Mitleid zu wecken, dann täuschst du dich.“
Steven fing an zu grinsen. „Natürlich nicht. Oca verspüren kein Mitleid und sie würden es niemals annehmen. Das wäre schwach. Und du wirst es nicht geben, denn du bist nicht schwach. Und jetzt bist du da. Bei mir.“
Wie aus dem Nichts erstrahlte ihre Umgebung. Gibbli schreckte auf. Der Lichtblitz bohrte sich für den Bruchteil einer Sekunde in ihre Augen. Gleichzeitig krachte es. Im nächsten Moment stand sie aufrecht und presste sich erschrocken mit dem Rücken an eine der Wände.
Steven saß noch immer bewegungslos am Boden und beobachtete sie abschätzend.
„Was war das?“ Gibbli sah sich hektisch um. Ihr wurde etwas schummrig im Kopf.
„Donner?“, fragte er verständnislos und ein Rascheln setzte ein.
Gibbli wandte ihr Gesicht panisch nach oben auf die gläserne Decke. „Wasser! Wir werden begraben! Wir werden sterben! Es tötet uns!“, schrie sie und sprang von einem Eck in das andere.
„Das ist Regen, mein Schatz“, erklärte Steven belustigt. „Ein Gewitter. Hast du in deiner Welt so etwas nie … oh. Du warst noch nie an der Oberfläche deines Planeten, oder?“
„Nein“, flüsterte sie zitternd. Sie kauerte sich in einer Ecke nieder und machte sich so klein wie möglich. Schnell hin und her blickend, verfolgte Gibbli die Tropfen, die an der Außenseite des Gefängnisses nach unten rannen. „Es soll aufhören! Warum passiert das?“
„Wundervoll, nicht wahr? Die Kälte.“ Er lehnte sich zurück an die Wand und schloss die Augen. „Fast so, als würde ich dich spüren. Wusstest du, dass Oca eigentlich keine Kälte abstrahlen? Sie saugen die Wärme aus ihrer Umgebung auf. Es hat ewig gedauert, bis ich das begriff. Als Oca spürte ich sie zum ersten Mal. Die Mog sind nicht im Stande, Temperaturen wahrzunehmen. Sie verstehen den Sinn von Kleidung nicht. Haha, Materie. Wenn du sie um eine wärmende Decke bittest, geben sie dir wahrscheinlich eine steife Fläche aus löchrigem Metalldraht.“
Gibbli wünschte sich, dass er endlich den Mund hielt. Ihr Kopf tat weh. Jeder Blitz und jedes Grollen ließen sie zusammenfahren. Nein, Gewitter mochte sie nicht. Sie hatte immer gedacht, dass das ein Scherz des Lehrers gewesen war, als sie verschiedene Wetterarten in einem Kurs durchgenommen hatten!


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Kapitel 6: Offline Werbung (Wie wird meine Künstlerseite bekannter?)

Diese Tipps sind Teil des E-Books:

 

Spätestens wenn du anfängst, offline Werbung für deine Künstlerseite zu machen, wird sie auch für dich selbst greifbarer. Es ist nicht mehr nur etwas, was weg ist, sobald man den Computer ausschaltet. Deine Seite fühlt sich dann realer, echter an.

6.1 Rede über deine Seite

Es gibt viele Wege, auch offline auf deine Künstlerseite aufmerksam zu machen. Die beste Möglichkeit ist schlicht und einfach über deine Seite zu reden. Bringe sie ins Gespräch und erzähle anderen davon. Allen voran deinen Verwandten und Freunden.

Du wirst überrascht sein, was diese Leute alles für Marketingideen haben. Sie können dir Tipps und Verbesserungsvorschläge geben. Viele sind stolz auf dich und erzählen es dann auch weiter. So kommst du an neue Besucher.

6.2 Visitenkarten

Praktisch ist es, dass du gleich eine schön gestaltete Visitenkarte zur Hand hast.

Du hast doch eine Visitenkarte?

Wenn nicht, dann entwerfe eine! Schreibe all deine Kontaktinformationen und am wichtigsten deine Künstlerseiten-Adresse drauf. Vor allem wenn du jemandem zu ersten Mal von deiner Seite erzählst, solltest du immer eine zur Hand haben.

Die Karte kannst du dann anderen mitgeben, damit sie die Adresse deiner Künstlerseite nicht vergessen. Möglicherweise wird deine Karte eine größere Reise machen, als du denkst. Denn manche geben Visitenkarten auch an Freunde weiter, wenn sie denken, dass diese für sie hilfreich sind.

6.3 Postkarten

Gestalte Postkarten mit einem persönlichen Motiv von dir und deiner Künstlerseiten-Adresse. Diese kannst du dann selbst verschicken oder allen Briefen beilegen, die du verschickst. Nutze dafür alle möglichen Anlässe. Geburtstagsglückwünsche, Weihnachtskarten, Genesungswünsche, … denk dir einen Anlass aus, wenn gerade keiner aktuell ist!

Menschen freuen sich, über schöne Post. Die Postkarten machen deine Briefe nicht nur stabiler, sondern auch einen guten Eindruck beim Empfänger. Diese sehen dann, da gibt es online noch mehr von dir.

6.4 Nützliche Produkte

Erschaffe mit deinen Bildern etwas, was die Menschen brauchen. Nicht nur ein simples Bild, das man sich aufhängt oder nur am Computer ansehen kann. Gib den Leuten etwas, was sie auch verwenden können.

Kinder sammeln zum Beispiel gerne Sticker. Mach deine eigenen Stickermotive zum Sammeln und Tauschen.

Oder Lesezeichen mit deinen eigenen Bildern. Vielleser brauchen schöne Lesezeichen und nicht nur eins davon.

Drucke deine Bilder auf Kleidung, Taschen oder Schuhe. Wenn du es schaffst, eine Person zu überzeugen, deine Motive in der Öffentlichkeit zu tragen, ist das gute Werbung für dich. Noch besser ist es, wenn es sich dabei um eine Person handelt, die in der Öffentlichkeit bekannt ist.

Wie wäre es mit Kugelschreiber, Schlüsselanhänger oder Handyhüllen? Sei kreativ und denke dir weitere Produkte aus! Überlege dir, womit deine Kunst richtig gut zur Geltung kommt und bringe sie mithilfe von Produkten unter die Leute.

6.5 Sei Präsent

Wer immer präsent ist, bleibt irgendwann im Gedächtnis der Menschen hängen. Das gilt online, so wie auch offline. Präsent sein kannst du überall, zum Beispiel auf Treffen, Messen und Conventions.

Um bekannt zu werden, solltest du dich auch in der Öffentlichkeit blicken lassen. Wenn du dort natürlich nur in einer Ecke herum stehst, bringt das nichts. Sei mutig und rede mit den Leuten. Stell dich vor, frag was jemand so macht und erzähle von dem, was du machst. Ihr könnt eure Kontakte und Informationen austauschen. Wenn du es geschickt anstellst, werden sich viele nach dem Treffen an dich erinnern und auch deine Künstlerseite besuchen.

Schließe außerdem Kontakte zu anderen Künstlern und nimm an ihren Aktionen Teil. So könnt ihr euch gegenseitig unterstützen und weiterempfehlen.

6.6 Unvergessliche Erlebnisse

Hierbei handelt es sich um eine Werbung der ganz besonderen Art. Sie ist sehr individuell und es ist unmöglich, eine konkrete Vorgabe zu machen, wie so etwas aussehen soll, denn sie ist einzigartig.

Biete den Leuten ein Erlebnis, das sie nicht vergessen. Etwas, das sie so aufregend, überraschend oder lustig finden, dass sie es auf jeden Fall weiter erzählen, fotografieren oder aufnehmen werden. Manche nennen das auch Guerilla Marketing.

Der „Push to add drama“-Button ist ein Beispiel dafür. Oder gigantische Bilder auf der Straße, die Dinge unerwartet, lustig, groß oder klein erscheinen lassen.

Diese Tipps sind Teil des E-Books:


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Kapitel 5: Suchmaschinen – Wege auf deine Seite (Wie wird meine Künstlerseite bekannter?)

Diese Tipps sind Teil des E-Books:

 

Wenn du ein Programm installiert hast, das deine Seite überwacht, wirst du merken, dass viele der Besucher über eine Suchmaschine kommen, wie zum Beispiel über Google. Um durch Suchmaschinen an noch mehr Besucher zu kommen, gibt es einige Punkte zu beachten.

Sinnloses Spamen bringt kaum etwas und versteckte Werbung ist sogar verboten.

Vergiss auch niemals, dass du die Seite für Menschen machst, nicht für Suchmaschinen. Eine Optimierung darf keine negativen Auswirkungen für deine Besucher haben! Sie sind viel wichtiger, als jede Suchmaschine.

5.1 Links

Je weiter oben eine Suchmaschine deine Seite bei der Suche listet, desto mehr Besucher erhältst du. Und damit du weiter oben gelistet wirst, muss eine Suchmaschine erkennen, dass du wichtig bist. Wichtig machst du dich mit Links.

Das heißt, du benötigst viele Links, die von anderen Seiten auf deine Künstlerseite führen. Sorge also dafür, dass andere auf dich verlinken. Das machst du am besten mit gutem Inhalt. Du brauchst Inhalt, den andere Leute freiwillig und gerne verlinken. Ein Link, den andere thematisch gut unterbringen können.

Es ist sehr wichtig, dass es gute Links sind. Links, denen auch Menschen folgen würden. Viele Suchmaschinen erkennen, wenn es sich um Spam handelt oder ein Link an einer Stelle nicht angebracht ist. Schlechte Links erkennt man zum Beispiel daran, dass sie an einer Stelle einfach nicht zum Inhalt des Textes passen. Aus diesem Grund ist es auch oft sinnlos, Links zu kaufen oder zu tauschen.

5.2 Überschriften und Keywords

Die Leute suchen etwas und eine Suchmaschine findet es für sie. Das geschieht größtenteils über deine Keywords und Überschriften.

Um gefunden zu werden, benötigst du also Keywords und Überschriften, auf die deine Besucher gerne klicken. Sie sollten neugierig machen und die Wörter beinhalten, nach denen sie suchen und zu denen sie Antworten auf deiner Seite finden.

Hier eine Beispielüberschrift aus meiner Künstlerseite:

  • „Wie bringe ich mehr Leben in meine Bilder?“

Die Zielgruppe für den Artikel zu dieser Überschrift sind Zeichner. Und Zeichner klicken diese Überschrift an, weil sie die Antwort darauf wissen wollen. Gute Überschriften können also Fragen sein, deren Antwort deine Leser brennend interessiert. Und die du natürlich im Text darunter auch beantwortest, sonst wären deine Leser enttäuscht.

Auch Aufzählungen sind beliebt, etwa in der Form:

  • „10 Tipps über …“ oder „20 Dinge, die man …“

Das zeigt deinen Lesern, in diesem Text gibt es viele Informationen für sie. Eine meiner Überschriften lautet:

  • „15 Ideen um Skizzenbücher mit Inhalt zu füllen“

Dieser Beitrag ist bei meinen Besuchern sehr beliebt. Sie klicken darauf, weil sie wissen, dort finden sie genau das, wonach sie gesucht haben. Nämlich Ideen für Skizzenbücher und sogar 15 Stück davon. Ich sage ihnen eindeutig, was sie bekommen und gebe es ihnen dann.

Wenn du Wörter aus den Überschriften hin und wieder in deinen Text miteinbaust, wirkt sich das ebenfalls positiv auf dein Suchmaschinenranking aus. Übertreibe aber nicht und verwende zusätzlich Synonyme.

5.3 Einzigartiger Inhalt

Suchmaschinen mögen keinen doppelten Content und stufen Seiten, die größtenteils wie Kopien aussehen oder viel kopierten Text enthalten, schlechter ein.

Vermeide also ähnliche Seiten und schreibe einzigartige Texte. Auf keinen Fall solltest du längere Textabschnitte von irgendwoher kopieren und auch eigene Texte nicht zwei oder mehrere Male auf deiner Seite einfügen.

Formuliere alles immer mit deinen eigenen Worten und biete deinen Besuchern etwas Einzigartiges an, das man sonst nirgendwo im Internet findet.

5.4 Starker Inhalt

Schwacher Inhalt einer Seite heißt, dass diese kaum Text und wenig Information enthält. Sie wirkt leer. Damit ist nicht deine komplette Künstlerseite gemeint. Du musst hier jede Unterseite einzeln betrachten. Eine Seite, auf der kaum etwas zu finden ist, wird von einer Suchmaschine als schwach eingestuft und nicht sehr gut gerankt. Das betrifft vor allem Seiten, auf denen sich überwiegend Bilder und kaum oder gar kein Text befinden.

Schaue also, dass deine einzelnen Seiten möglichst gefüllt sind und nicht leer aussehen. Wenn du nur Bilder herzeigst, versuche immer einen kleinen Text dazu zu schreiben. Ein paar knappe Sätze reichen schon. Beschreibe zum Beispiel, was das Bild darstellen soll, eine kleine Geschichte die dahinter steckt oder wie es entstanden ist. Das kommt auch deinen Besuchern zugute. Gib ihnen nützliche Informationen, Tipps und Ideen.

5.5 Thematische Aufteilung

Teile deine Seiten auf und macht sie nicht zu groß. Das hört sich jetzt an, als würde es der Regel vom starken Inhalt widersprechen. Tut es aber nicht.

Du brauchst viel Inhalt ja, aber die einzelnen Themen teilst du lieber auf mehrere Seiten auf. Das ist zum einen für den Benutzer besser, der dann nicht lange nach unten scrollen muss, um dahin zu gelangen, wohin er möchte. Zum anderen ist das für Suchmaschinen wichtig. Denn je mehr verschiedene Themen sich auf einer Seite befinden, desto schwerer wird es für eine Suchmaschine, die einzelnen Themen zu finden.

Sorge also für eine gute Struktur und mache deine Seiten inhaltlich übersichtlich.

Diese Tipps sind Teil des E-Books:


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Kurzgeschichte: Rache (Der Geschichtensammler im All – Kapitel 12)

Diese Kurzgeschichte ist Teil einer längeren Geschichte:


 

sockenzombie
Motiv zum Kapitel – Zum Tutorial: Rache

 

Dree saß in einem dunklen Raum, gefesselt, auf einem Stuhl.

„Warum hast du das getan?“, fragte Alex. Er hatte das Pech, den Gefangenen verhören zu müssen.

„Weil ich es kann“, trotzig blickte er Alex an. Er meinte es eigentlich ironisch, doch Alex schien ihn ernst zu nehmen.

„Was dachtest du dir dabei?“

Dree starrte ihn finster an und schwieg. Was brachte es, zu reden? Alex glaubte ihm nicht. Und auch niemand sonst tat es.

„Du hast 56 Menschen getötet!“, schrie Alex jetzt. „Ich will einen Grund!“

Doch Dree grinste nur. Ein unheimliches Grinsen, das Alex zurückschrecken ließ.

„Du weißt was das heißt. Willst du nicht vorher dein Gewissen erleichtern?“

„Nein.“

„Du-“, Alex brach ab und begann aufgebracht im Raum hin und her zu gehen. „Es waren Frauen darunter!“

Dree ließ ihn nicht aus den Augen. Einen letzten Versuch war es wert, er würde hingerichtet werden „Ich war es nicht.“

„Es gibt Beweise!“

Dree war es leid, sich zu verteidigen. „Das ist nicht wahr!“

„Es gibt Fotos!“

„Die sind gefälscht! Und wer soll sie bitte gemacht haben, wenn niemand an Bord überlebt hat?“

„Sag du es mir!“, schrie Alex wieder.

Es hatte keinen Zweck. All seine Versuche, jemanden von seiner Unschuld überzeugen, waren sinnlos. Das hatte er jetzt von seiner Hilfe. Sein ganzes Leben waren immer die anderen wichtiger gewesen. Tu dies und tu jenes. Immer wollten alle seine Hilfe. Und er half. Immer gute Laune verbreiten. Alles tun, um andere voran zu bringen. Das wurde verlangt. Und jetzt hatte er es wieder getan. Das Lüftungsventil war beschädigt worden. Er hatte sich einen Raumanzug geschnappt. Er riskierte sein Leben beim Versuch es zu reparieren. Hätte er es nicht getan, wären sie doch auch gestorben. Während er daran herumschraubte, passierte das Unglück. Jemand musste es manipuliert haben. Jemand musste weitere Ventile verschwinden lassen haben. Und jemand musste ihm bewusst diese Verbrechen untergeschoben haben!

„Wie kann man so grausam sein? Verdammt, Vakuum, das ganze Raumschiff! Sie sind alle erstickt!“

„Nein, Gefrierbrand. Die Körperflüssigkeiten beginnen zu-“

„Das will ich gar nicht wissen! Dree! Du warst nie so! Wieso verdammt?“

Es war nicht seine Schuld. Er hatte nie etwas Negatives getan und immer versucht es anderen recht zu machen. Jetzt wurde er plötzlich selbst zum Opfer. Das war nicht fair. Und Fairness war sein oberstes Prinzip! Deswegen würde er sich jetzt rächen. Das war fair. Alle guten Taten ausgleichen, die er all die Jahre sinnlos verschwendet hatte.

„Deine Hinrichtung beginnt in einer Stunde. Eine Stunde, die du nutzen könntest!“

Kein Dank. Keine Anerkennung. Sein Entschluss stand fest. Die Dinge rückgängig machen. Für alles andere war es jetzt sowieso zu spät.

„Nenn mir den Grund!“

Diesmal hob Dree den Kopf und sah Alex direkt in die Augen. „Ich nenne dir den Grund für das was jetzt kommt. Gerechtigkeit.“

Im selben Moment explodierte die Station. Mit ihr Dree. Mit ihr Alex. Mit ihnen über hundert weitere Soldaten und Wissenschaftler.

 

Du fragst dich jetzt sicher, wie diese Geschichte zu mir gelangte, oder? Tut mir Leid, das darf ich dir nicht sagen. Das ist nämlich streng geheim, ja so ist das. Streng dein Gehirn an und versuch es doch herauszufinden! Da kommst du sicher nie drauf!

Wie muss das Leben von Dree verlaufen sein, um so etwas zu tun? Er wurde sicher oft enttäuscht. Wenn dir der Geist von Dree begegnen sollte, frag ihn unbedingt danach. Aber sei vorsichtig, Dree ist wirklich ein gefährliches Wesen! Er lebte nach dem absoluten Prinzip der Gerechtigkeit. Das schließt Rache mit ein. Lügen mit Lügen. Tod mit Tod. Ich kann seine Geschichte gut nachvollziehen, anders als die meisten. Sein Handeln ist logisch oder was denkst du?

 

Nachwort

Ich bin es, Robo-Einheit B340. Erinnerst du dich an mich? Der Roboter mit dem lebendigen Gehirn.

Und du sitzt ja immer noch hier, in meiner kleinen Bar. Da hast du ja viele Geschichten meiner Gäste gehört. Aber ich kenne noch immer nicht deine. Eine Geschichte musst du hier lassen. Los, los, erzähl! Mein Speicher bietet noch viel Platz!

Weißt du, was das Schlimmste hier ist?

Ich fühle nichts. Ich sehe die Gäste, wie sie aufgeregt plaudern und mir ihre emotionalsten Erlebnisse berichten. Aber ich spüre sie nicht. Ich bin immer noch ein Roboter.

Und doch ist da dieser klitzekleine Funke an Hoffnung. Einmal zu lachen. Einmal zu weinen, traurig zu sein. Wütend zu werden. Ich warte auf die richtige Geschichte, die diese Emotionen in mir wecken kann. Vielleicht ist es deine?

 


 

Diese Kurzgeschichte ist Teil einer längeren Geschichte:


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Kapitel 4: Das gewisse Etwas (Wie wird meine Künstlerseite bekannter?)

Diese Tipps sind Teil des E-Books:

 

Kleine Mitbringsel aus dem Urlaub sind immer schön, man freut sich darüber, erinnert sich an eine schöne Zeit und reicht sie bei Freunden und Bekannten herum. Genau das kannst du auch für deine Seite nutzen! Gib den Leuten eine Art Mitbringsel von ihrem Besuch auf deiner Seite.

4.1 E-Books

Versuche etwas Hilfreiches anzubieten, das man sich gerne herunterlädt. Das können zum Beispiel kleine E-Books sein. Du musst hier gar nicht viel schreiben, auch kurze E-Books sind dafür geeignet. Schreibe einfach ein paar hilfreiche Texte, die sich deine Besucher mitnehmen können, um sie dann jederzeit zu lesen.

Um was es dabei geht, musst du selbst bestimmen und hängt vom Thema deiner Seite ab. Das können Anleitungen sein oder Beschreibungen. Auch kleine Geschichten zu deinen Bildern eignen sich gut dafür. Wichtig ist, dass es mit deiner Seite zu tun hat.

Wenn deine E-Books gut sind, werden solche Texte gerne an Freunde weitergegeben. Dadurch verbreiten sie sich sehr schnell. Baue also in deine E-Books immer einen Hinweis ein, der auf deine Seite führt. So können neue Besucher durch dein Buch auf dich aufmerksam werden.

4.2 Programme und Diagramme

Auch kleine Programme sind hilfreich, wenn du programmieren kannst. Oder wie wäre es mit Bilddiagrammen die Tipps geben? Irgendetwas, was deine Künstlerseite hervorhebt? Suche nach etwas, was andere Seiten nicht haben und was deinen Besuchern hilft.

Mein Zeichner-Ideen-Generator ist zum Beispiel so ein Programm. Durch ihn finden Zeichner (und auch Schreiber) neue Motivideen. Er erfreut sich großer Beliebtheit bei anderen Künstlern, die nur wegen ihm auf meine Seite kommen und er zieht immer wieder neue Besucher an.

4.3 Videos

Eine gute Möglichkeit, deine Seite zu verbreiten, sind Videos. Gerade der künstlerische Bereich bietet sich dazu an, Videos zu drehen. Ein Video macht deine Seite zu etwas Besonderem und bringt dich deinen Besuchern näher. Es ist viel persönlicher, als einen Text zu lesen oder unbewegte Bilder zu betrachten.

Du kannst dich zum Beispiel aufnehmen, wie du zeichnest oder bastelst. Die Leute schauen gerne dabei zu, wie langsam ein Kunstwerk entsteht. Vor allem Speedpainting und Zeitrafferaufnahmen sind bei Zuschauern beliebt.

Oder du sprichst direkt zu deinen Besuchern und erklärst ihnen verschiedenste Dinge über Zeichentechniken oder Künstlermaterial und Basteltipps. Auf Videos kann man komplizierte Dinge viel einfacher darstellen, als wenn man sie in einem Text beschreiben müsste.

Teile dein Video, damit es gesehen wird! Stelle es auf YouTube und anderen Plattformen online. Natürlich immer mit einem kurzen Hinweis und Link zu deiner Künstlerseite. Auf diesen Plattformen finden sich unzählige Menschen zusammen, die es sich ansehen können und auch auf deine Seite gehen werden, wenn es ihnen gefällt. Über die Suche lässt sich ein Video leicht finden und macht so nach Jahren noch immer Werbung für dich und deine Künstlerseite.

4.4 Hintergründe

Gestalte ein großes Bild, das deine Besucher als Desktop- oder Handyhintergrund herunterladen können. Menschen stellen sich fast immer Hintergründe ein, auf denen Dinge abgebildet sind, die sie mögen. Deine Fans werden dieses Geschenk von ihrem Lieblingskünstler gerne annehmen. Einen coolen Hintergrund zu haben, den die Leute gerne herzeigen, ist gute Werbung für dich. Vergiss also nicht, auf dem Bild irgendwo deine Signatur oder Seitenadresse unterzubringen.

4.5 Sonstiges

Du bist Künstler und somit hoffentlich auch kreativ. Denk doch mal drüber nach, was du mit deiner Kunst alles für andere erschaffen kannst. Vielleicht ein kleiner Comic zum Download, der deinen Lesern deine Arbeit näher bringt? Eine coole Fotomontage, in der du mit deinen Fähigkeiten beeindruckst? Sei kreativ!

Hier sind noch ein paar Ideen:

  • Informative Schaubilder über deine Arbeit
  • Farbtabellen deiner Zeichenmaterialien
  • Bilder von deinem Arbeitsplatz mit Zeichenmaterial und Beschreibungen
  • Liste mit kurzen Beschreibungen deiner persönlichen Künstlerempfehlungen
  • Anleitungen zu was auch immer, zum Ausdrucken und Nachmachen

Diese Tipps sind Teil des E-Books:


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