Miniaturcomic ANTARES Seite 6 – 10 (Skizzen/Lines/WIPs)

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Es gab länger kein Update beim Comic. Das liegt an der Art der Coloration. Sie macht mir einfach keinen Spaß.

Warum? Ich verwende meine Vorskizzen für die Lines am Leuchttisch unter einem anderen dünnen Papier. Dieses kann ich nur mit Copics oder Farbstifte bemalen. Farbige Copics besitze ich eine zu geringe Auswahl und Farbstifte mag ich nicht besonders. Alles, was auch nur im Geringsten Wasser beinhaltet, verwandelt das Papier in ein stürmisches Meer aus Wellen.

Darum habe ich entschlossen, mich erst einmal auf Lines zu beschränken. Vielleicht motiviert mich das, demnächst wieder weiter zu zeichnen.

Nachfolgend findet ihr die Lines der Bilder 6-10.

miniaturcomic auf kakaokarten von sockenzombie - seite 6 (antares)

Storyboard und Vorskizze von Seite 6

miniaturcomic auf kakaokarten von sockenzombie - seite 6 (antares)

Lines von Seite 6 (gezeichnet mit Bleistift und Copic Multiliner SP)

miniaturcomic auf kakaokarten von sockenzombie - seite 7 (antares)

Storyboard und Vorskizze von Seite 7

miniaturcomic auf kakaokarten von sockenzombie - seite 7 (antares)

Lines von Seite 7 (gezeichnet mit Bleistift und Copic Multiliner SP)

miniaturcomic auf kakaokarten von sockenzombie - seite 8 (antares)

Storyboard und Vorskizze von Seite 8

miniaturcomic auf kakaokarten von sockenzombie - seite 8 (antares)

Lines von Seite 8 (gezeichnet mit Bleistift und Copic Multiliner SP)

miniaturcomic auf kakaokarten von sockenzombie - seite 9 (antares)

Storyboard und Vorskizze von Seite 9

miniaturcomic auf kakaokarten von sockenzombie - seite 9 (antares)

Lines von Seite 9 (gezeichnet mit Bleistift und Copic Multiliner SP)

miniaturcomic auf kakaokarten von sockenzombie - seite 10 (antares)

Storyboard und Vorskizze von Seite 10

miniaturcomic auf kakaokarten von sockenzombie - seite 10 (antares)

Lines von Seite 10 (gezeichnet mit Bleistift und Copic Multiliner SP)

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Kapitel 25: Meine Crew (Bis in die tiefsten Abgründe)

"Du kannst nicht vor mir weglaufen! Hör gefälligst auf, mir aus dem Weg zu gehen!"
"Höre du endlich auf, mir zu folgen, und hilf mir Steven zu finden!", knurrte Sky, als er um die Ecke trat, dicht gefolgt von Jack.
Der Kapitän erblickte sie und blieb abrupt stehen. Gibbli saß neben Abyss am runden Tisch. Dieser hatte es sich bequem gemacht und die Beine hochgelegt. Steven zeigte Bo gerade etwas auf der Kugel.
"Bo? Gibbli? Abyss! Du bist ... ihr seid doch ... ich hatte dafür gesorgt, dass ihr nicht hier sein solltet!"
"Tja, da hast du wohl was falsch gemacht", sagte Abyss und richtete sich auf. "Wir sind hier. Vorausgesetzt du bist wach und bildest dich uns nicht ein."
"Idiot! Was verflucht noch mal tut ihr hier?", fuhr der Kapitän sie an.
"Wir wohnen hier", sagte Bo fröhlich.
"Was ... Nein! Steven, wo warst du? Ich sagte, du sollst nicht ... und ihr, ihr solltet nicht hier sein!"
"Doch, das sollten wir. Wir sind deine Crew", sagte Gibbli. "Deine Crew ist hier. Genau da wo sie hingehört. Auf deinem Boot."
"Entweder wirst du uns retten oder wir werden mit dir untergehen", sagte Steven.
"Wie kann ein U-Boot untergehen?", fragte Bo. "Es ist doch schon im Wasser?"
"Ähm ...", Steven wandte sich Gibbli zu. "Vertauchen? Zerfließen?"
"Verschmelzen", sagte sie.
"Aber du wirst uns nicht verschmelzen lassen, oder Sky? Das willst du nicht. Du wirst uns retten", sagte Abyss leise.
"Ich ..." Skys Finger spannten sich an. "Ihr seid ... arrrg!" Er wandte sich von ihnen ab und stieg die Rampe zur Galerie hoch, dicht gefolgt von Jack.
 
Gibbli musste es tun. Es war ihre Pflicht und die einzige Möglichkeit, ihre Schuld wieder gut zu machen. Wegen ihr hatte die Maschine erst ausgelöst. Wenn sie Steven nicht durch das Portal geschubst hätte, wäre das alles nicht passiert. Sie war sich sicher, dass der Kapitän ihren Vorschlag ablehnen würde, aber sie musste es wenigstens versuchen. Alle warteten auf seinen Befehl. Doch Sky stand seit fast zwei Stunden seelenruhig ganz vorne am Geländer der Galerie und blickte aus dem großen Frontfenster. Nervös biss sie sich auf ihre Lippen. Er hatte mit niemandem gesprochen, seit sie zurück waren. Sky hob seinen Kopf, als sie näher an ihn heran trat.
"Ich werde schuld sein, wenn der Planet-"
"Gibbli, nein. Hör auf damit! Das ist schlicht und einfach Unsinn", unterbrach Sky sie und blickte wieder nach unten.
"Das weiß ich doch", sagte sie leise.
Sky lächelte. "Ich kann ihm nicht böse sein. Weißt du, ich bin froh, dass der Oceaner meinem Befehl hierzubleiben nicht gefolgt ist. Das ist okay. Es ging schließlich um sein Leben. Ich habe nicht das Recht, es zu opfern."
"Aber wir ... wir sollten das mit dem Schutzschild dennoch in Erwägung ziehen. Es bleibt nicht mehr viel Zeit. Es kann jeden Moment geschehen. Sky, wenn du die anderen wieder wegschickst, ich bleibe hier. Und ... und wenn du auch hierbleiben würdest, dann würde Jack dir sicher folgen. Drei Leute genügen für den Schild. Wir weiten ihn aus, um die Maschine herum. Wir ziehen deinen Plan durch, mit mir statt Steven."
"Willst du Abyss bewusstlos schlagen und von Bord tragen oder soll ich es tun?", fragte Sky belustigt. "Nein Gibbli. Keiner von euch wird dieses Boot noch einmal verlassen." Der Kapitän drehte sich zu ihr um. "Und das ist auch nicht deine Entscheidung."
"Was gibt es da zu entscheiden? Ich stimme zu", sagte Jack plötzlich. Er zog den Ärmel seiner Uniform zurecht.
Gibbli erschrak. Sie hatte nicht gehört, wie er an sie herangetreten war. Er kam ihr schon fast wie ein Schatten Skys vor, den er niemals verlieren würde. Sie blickte vorbei an den Pflanzen und sah wie erwartet Abyss, der jetzt auch näher kam. Gibbli wusste, er mochte es schon nicht, wenn Jack sich in Skys Nähe aufhielt und ihn in ihrer Nähe zu wissen, gefiel ihm absolut nicht.
Sky, der sich gar nicht erst umgedreht hatte, blickte hinab auf die Zentrale. Die drei Stühle vor den Konsolenreihen erleuchteten im schwachen Licht der Sonnenstücke. "Ich habe die Wahl. Meine Crew zu retten oder die gesamte Menschheit. Alle Wesen dort draußen. Den Planeten."
Gibbli wich zurück, als Jack energisch neben ihn trat und das Geländer mit einer Hand umklammerte. "Wie kannst du da überlegen?"
"Ich überlege nicht", gab der Kapitän frohmütig zurück. "Ich habe mich bereits entschieden."
"Gut. Dann los! Bevor es zu spät ist!"
Sky drehte sich ihm langsam zu. "Du hast Recht, Jack. Es gibt nichts zu überlegen."
"Was? Nein!", rief Abyss.
In diesem Moment kamen Bo und Steven aus dem Krankenzimmer. Das Marahang drehte sich gemächlich in ihrer Brust und Steven erzählte ihr gerade irgendetwas, was Bo zum Lachen brachte. Die beiden verstummten, als sie Gibbli und die anderen am Geländer erblickten.
"Natürlich nicht", sagte Jack und nickte. "Deine Entscheidung war richtig. Wir werden zusammen untergehen, Sky. Wir beide und das Mädchen. Und wenn die anderen wollen, dann können sie meinetwegen hierbleiben, ist mir egal. Damit bin ich einverstanden."
Der Kapitän schüttelte langsam den Kopf. "Ich frage mich, was deine Meinung geändert hat."
"Geändert? Sky, ich war immer dafür! Es muss getan werden! Das einzige, was ich vermeiden wollte, ist, dass du oder ich dabei sterben. Aber wenn die Landmenschen dadurch überleben, ist es für mich akzeptabel, mit dir zusammen zu sterben. Ich will nur bei dir sein, wenn es passiert."
Sky nickte und drehte sich wieder zum Frontfenster hin. "Es interessiert mich nicht, was du willst, Jack."
"Sky", sagte Bo leise. "Ich mag ihn nicht, aber er hat recht. Was sind unsere Leben gegen das von Milliarden wert? Wir werden sie alle retten. Wir stehen hinter dir."
"Ich wusste, dass es so kommen wird, Kapitän. Ich hab's dir gesagt, ja, das habe ich. Schon vor allen Zeiten, schon immer, ich bin schlau, ich wusste es."
"Damit sind es also bereits vier Stimmen. Jack. Gibbli. Bo. Steven. Was ist mit dir, Abyss?", fragte Sky, ohne sie anzublicken.
Abyss zuckte mit den Schultern. "Ich mag es nicht. Aber meinetwegen, wenn du so entscheidest. So lange Gibbli dabei ist, folge ich dir überall hin, Kapitän."
"Also ist dies das Ende. Wir dürfen nicht mehr länger warten, Sky. Wir müssen es jetzt tun, bevor es zu spät ist!", sagte Jack.
"Ach, sollten wir das?" Der Kapitän wandte sich ihnen wieder langsam zu. "Wie gut, dass es nicht eure Entscheidung ist. Denn ich wählte die Crew."
Alle hielten mitten in ihrer Bewegung inne.
"Meine Crew."
Mit einem Schlag war es totenstill. Mehr als das, Gibbli hatte das Gefühl durch negative Schallwellen erfasst zu werden. War so etwas überhaupt möglich?
"Ich wählte euch", sagte der Kapitän wieder und blickte belustigt in die ungläubigen Gesichter.
"Was?" Es war Jack, der als erstes seine Stimme wieder gefunden hatte. "Du sagtest ... du ..."
"Ich sagte, ich habe die Entscheidung getroffen. Eine leichte, darüber muss ich nicht nachdenken. Ich sagte nicht, dass ich mich für den Planeten entscheide."
Fassungslos öffnete Jack den Mund. "Sky!"
Er hob den Kopf und blickte ihn direkt an. "Jack."
"Das kannst du nicht ... Sky, nein!"
"Ich bin nicht der Führer der Landmenschen, das bist du, Jack. Und schon gar nicht trage ich die Verantwortung über den gesamten Planeten. Das täte ich, wenn du mich nicht gefeuert hättest. Dann hätte ich für die Menschheit entschieden. Ich hätte es gemusst, es wäre meine Pflicht gewesen. Doch jetzt ist meine Pflicht eine andere. Ich habe einen Eid geleistet. Einen Schwur, den jeder Flottenführer der Elite ablegt. Meine Crew über alles. Meine Crew ist das Wichtigste. Und für sie opfere ich alles. Ich habe versucht, es anders zu lösen, ich habe sie fortgeschickt, Jack. Aber sie sind zurückgekommen. Sie sind alle hier. Um ihr Überleben zu gewährleisten, war ich bereit, mein eigenes Leben zu geben. ICH BIN bereits für sie gestorben! Und für sie bin ich bereit, die Verantwortung der Vernichtung des gesamten Planeten zu tragen. Meine Crew ist hier. Nicht dort draußen, Jack. Ich bin ihr Kapitän und ihnen allein gilt meine Loyalität. Nicht der Welt dort draußen, nicht den Landmenschen. Und als Allerletztes dir."
Jack fuhr ihn zornig an: "Du ... du vernichtest die Menschheit, Milliarden von Wesen, Tiere, die Tiefseemenschen, Hochseemenschen, ..."
"Oh, bitte", warf Abyss ein, "die haben dich doch noch nie interessiert!"
"Sky, du vernichtest unsere Art! Einfach alles, nur um deine mickrige Crew vor dem Tod zu bewahren?"
"Ja, Jack. Genau das mache ich. Ich nehme eine Schuld auf mich, mit der ich leben kann. Eine Schuld, mit der ich klar komme. Wenn meiner Crew etwas passieren würde, dann könnte ich mir das nie verzeihen." Er trat einen Schritt auf ihn zu und Gibbli durchfuhr ein Frösteln. "Mit Djego bist du zu weit gegangen. Was du ihn hast tun lassen, ist unverzeihlich. Was DU getan hast, ist unverzeihlich. Und ich werde nicht zulassen, dass du auch nur einem meiner Leute noch ein einziges Haar ausreißt."
"Das kannst du nicht tun! Das bist nicht du! Verdammt, du hättest das Mädchen dort unten bei der Maschine vorschicken sollen!"
"Das bin nicht ich? Jack, Jack, Jack ... Angenommen, ich hätte es getan, angenommen, ich hätte meine Technikerin in den Tod geschickt."
"Nur über meine Leiche!", knurrte Abyss.
"Nicht mein Mädchen! Nein, nein, nein", rief Steven.
"Was wäre darauf gefolgt? Nun, zuerst hätte ich Abyss beseitigen müssen, der sich mir in den Weg stellen würde. Einen Freund, dem ich vertraue. Einen Freund, den ich mehr schätze als jeden anderen Menschen dieses Planeten zusammen. Und dann der Oceaner. Steven, der ihren Tod für verfrüht hält und ihn niemals zulassen würde. Und einen Tiefsee-Landmenschhybriden, Bo, die das Leben über alles schätzt, sie würde sicher nicht tatenlos zusehen. Sie hat mein Leben gerettet! Und dann, wenn ich alle aus dem Weg geräumt hätte, würde ich Gibbli sich opfern lassen. Eine junge Frau, über die ich die Verantwortung trage. Die sich zu diesem Zeitpunkt bereits weigern würde, es zu tun, aufgrund der Taten, die ich zuvor begangen hätte. Ich müsste sie also dazu zwingen. Das könnte ich natürlich. Und danach, wenn sie tot wäre und sie deine armselige Welt gerettet hätte, müsste ich mich letztendlich selbst umbringen. Da ich meine eigenen Leute ermordet hätte. Gerechtigkeit Jack. Tot gegen tot."
"Das würdest du nicht tun! Du würdest dich nicht selbst-"
"Ich habe mich bereits selbst geopfert!", fuhr er ihn an und sprach dann ruhig weiter: "Du vergisst da etwas, Jack. Ich liebe das Leben. Und noch mehr als all die Leben dort draußen, liebe ich das Leben meiner Crew. Ich liebe meine Crew, Jack. Meine Crew wird überleben! Um jeden Preis. Sie zu opfern ist keine Option für mich. Das war es nie. Und dieses U-Boot gehört mir. Die Mara ist ein sicherer Ort, unser zu Hause und wird es für alle Zeit bleiben."
"Sky, du vernichtest die Menschheit!", brüllte er den Kapitän an.
"DU VERNICHTEST DIE MENSCHHEIT! Ich habe dich gewarnt, Jack, immer und immer wieder! Es lag alles in deiner Hand!" Seine Stimme wurde wieder ruhiger. "Du hättest sie retten können, Jack. Den Planeten. Sie alle. Wenn du früher auf mich gehört hättest. Wenn du nach meinen Worten gehandelt hättest, wenn du nicht so egoistisch gewesen wärst, die Menschen voneinander fernzuhalten. Landmenschen. Hochseemenschen. Tiefseemenschen. All die Jahre hast du nie auf mich gehört. Wir sind eine Art und zusammen wären wir stark gewesen. Zusammen wäre es nie soweit gekommen. Jetzt ist es zu spät. Und du trägst die Schuld. Du allein."
"Sky, das ist Wahnsinn, das kannst du nicht machen! Das ist nicht fair, Sky. Ist das nicht immer dein Leitsatz gewesen? Gerecht ist, wenn einem passiert, was man anderen antut?"
Der Kapitän lachte kurz auf. "Das ist er noch immer. Was denkst du, was mit Djego passiert ist?"
Gibbli trat einen weiteren Schritt von ihnen zurück. Sie schluckte, als sie Abyss' bemerkte, der aussah, als stände er kurz davor zu explodieren. Sein Atem wurde schwerer, während er Jack und Sky zähneknirschend beobachtete.
Jack schüttelte den Kopf. "Nein. Das glaub ich dir nicht. So bist du nicht, so ..."
"... unbarmherzig? Abyss bleib ruhig. Ich habe nie behauptet, dass ich ein barmherziger Kapitän bin."
Einen Moment lang blickte Jack ihn an, dann grinste er. "Du kannst dich nicht an mir rächen."
Sky grinste zurück und schwieg.
"Abyss", flüsterte Gibbli. Er schnaufte bedrohlich laut und seine Muskeln spannten sich gefährlich an.
"Und er kann es auch nicht. Ich hab dir nichts getan, Sky."
"Das habe ich auch nie behauptet, Jack."
"Ich hab dich nicht angerührt, Sky! Nie!"
"Halt endlich dein Maul, du kranker Misthaufen!", brüllte Abyss plötzlich. Mit gefletschten Zähnen und einem Messer in der Hand stürzte er auf Jack zu.
Gibbli fragte sich, woher er das so schnell hatte, dann fiel ihr auf, um welches es sich handelte: Das Messer, das jetzt in ihrem Stiefel fehlte. Sein Lieblingsmesser.
Sky packte Abyss am Arm und hielt ihn mit dem Messer fest.
"Egoistischer Bastard! Dir sind die Leben dort draußen doch egal, du Mörder!", schrie Jack jetzt Abyss an. "Misch dich nicht ein! ICH habe deinem kranken Kapitän nichts getan! Absolut gar nichts!" Er wandte sich wieder Sky zu, der gerade abschätzend Abyss' Messer betrachtete, das dieser unter seiner Faust umklammert hielt. "Sky, mein ganzes Leben lang habe ich dich nicht einmal angefasst! Ich gab dir nie auch nur die Hand zur Begrüßung! Was also wirfst du mir vor? Was, Sky?"
Der Kapitän zog mit der freien Hand seinen Strahler und schoss.
Lange noch, nachdem Jack auf dem Boden auftraf, wagte es niemand, sich zu bewegen. Sky stand da, so unglaublich ruhig, als würde er so etwas jeden Tag machen. Stille legte sich wie ein schwarzer Nebelschleier über die Anwesenden. Für einen Moment dachte Gibbli, sie wäre taub.
Dann durchdrang seine raue Stimme die Galerie: "Kein Wort zu Abyss, sonst erschieße ich dich. Das sagte ich. Du hast soeben die Abmachung gebrochen, Jack."
Abyss öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Ein paar Strähnen seiner Haare hatten sich aus dem Band gelöst und hingen ihm in sein blasses Gesicht. "Ich hätte nicht erwartet, dass du es wirklich ... Ich ... bin ... beeindruckt, Kapitän."
Erst jetzt ließ Sky seine Faust mit dem Messer los. Dann lächelte er. "Er hätte längst sterben sollen. Die Maschine unten in der Mogbasis wäre seine Aufgabe gewesen. Er hat meinen Tod zu verantworten."
"Krank", sagte Steven. Er wirkte geschockt und begeistert zugleich, als würde er gerade das beste Theaterstück seines Lebens genießen. "Du bist das einzige Wesen im Universum, das ich kenne, welches sogar seinen eigenen Tod persönlich gerächt hat. Ich revidiere meine Aussage. Man kann jemanden zurück umbringen, nachdem man gestorben ist."
Sky seufzte. Er nahm Abyss' Arm mit dem Messer, das dieser noch immer wie erstarrt in der Luft erhoben hielt und drückte ihn nach unten. "Sei vorsichtig. Du verletzt sonst noch jemanden damit." Dann schritt er an ihnen vorbei durch die Galerie, zur Rampe, die hinunter führte. "Ich wäre euch überaus dankbar, wenn ihr dieses Stück Dreck von meinem Boot entfernen würdet."
Steven trat einen Schritt vor.
"Oh nein, Oca, der gehört mir", knurrte Abyss und grinste böse. Er bückte sich, packte Jacks Leiche an den Haaren und schleifte ihn mit sich davon.
Einen Moment betrachtete Steven irritiert die Blutspur, die er hinter sich herzog. Dann wandte er sich in die entgegengesetzte Richtung. "Kapitän! Hey, Sky, warte mal, ich habe Fragen ..." Steven trat nach vorne und sprang über das Gelände hinab in die Zentrale ins untere Stockwerk.
 
"Sie hat sich immer überall verlaufen, erinnerst du dich?"
"Ja", sagte Gibbli und blickte am Geländer hinab. Irgendwo unter ihnen hörte sie die Stimmen der Männer. Sie sprachen leise miteinander. Samantha würde sich nie wieder verlaufen. Wehmütig erinnerte sich Gibbli daran, wie die junge Frau immer versucht hatte, sie dazu zu bringen, mehr zu essen. Jetzt würde sie nie wieder ihre leckeren Kuchen probieren können.
Bo trennte ein dunkelgrünes Blatt einer Pflanze ab und versuchte, daran zu riechen. "Wir werden hier drin sterben, oder?"
Gibbli zuckte mit den Schultern. Wenn sie die Experimente sein ließ und nichts mehr kaputt machen würde, konnten sie bis in alle Ewigkeit hier leben. Die Mara lief völlig autark. Steven hatte ihr erzählt, dass sie außerdem die gleichen Regenerierungsenergiefelder besaß wie Ocea, gekoppelt mit dem Willen organischen Materials. Das bedeutete, niemand hier drin würde altern, der es nicht wollte.
"Denkst du, sie leben weiter? Irgendwo? Irgendwann?", fragte Bo.
"Nein. Sie sind dann anders." Die Menschen würden nie existiert haben und gleichzeitig immer existent sein. Aus ihrer Sicht von der Mara aus würden sie das aber nicht erkennen. Denn sie würden gefangen sein, in ihrer kleinen materiellen Blase des letzten Restes eines dreidimensionalen Raumes. Wer mit Bezugssystemen rechnete, erkannte niemals das Ganze. Auch das hatte der Oceaner ihr beigebracht. Man musste absoluter denken, um die wahre Natur der Existenz zu begreifen. Man müsste dafür die Mara und die Dimension des Lebens verlassen und sie von außen betrachten.
"Ich kann mir das nicht vorstellen."
Fragend hob Gibbli den Kopf.
"Das dort draußen", sagte Bo und nickte nach vorne. Ihr Blick glitt über das Geländer hinweg zum Fenster hinaus. "Dass dann alles gleichzeitig sein soll. All die Schmerzen deines ganzen Lebens, alle Verluste, immer da. Ich würde durchdrehen. Ich würde sterben wollen. Ich würde das nicht aushalten."
Gibbli überlegte, wie sich so eine Form der Existenz anfühlen würde. Jede Angst, jede Demütigung und die Ablehnungen ihr gegenüber der anderen auf der Akademie, immer das Gefühl nicht zu genügen, nicht genug getan zu haben, alles was ihr je widerfahren war, in einem Moment vereint.
Plötzlich bildeten sich tiefe Risse vor ihnen im Wasser. Stevens Maschine stellte offenbar die Scanvorgänge ab. Draußen am Frontfenster durchzogen die Löcher die Umgebung und stockten am Rande des Schutzschildes. Gibbli hatte mittlerweile begriffen, wie er funktionierte. Er war kein Schild um die Mara herum, der nur an den Außenseiten wirkte, nicht auf zwei Ebenen beschränkt. Er war mehr ein fünfdimensionales Feld, eine Raumzeitgravitationskugel. Er bestand überall auf dem Boot und bildetet dennoch eine Art Hülle.
Ein leichtes Ruckeln durchfuhr die Mara.
"Ist es so weit?", fragte Bo.
Sie rannten zur Rampe in die Zentrale hinunter. Das Wasser vor dem Frontfenster leuchtete jetzt in allen erdenklichen Farben auf. Abyss trat gerade zu Steven und Sky heran, die vor dem Abgang hinab zu den Konsolen hinter dem runden Tisch standen.
"Faszinierend", sagte der Oceaner. "Gleich passieren wir den Zeitpunkt, an dem alles zusammen bricht. Die Welt geht in eine neue Ebene über und mit ihr alles Leben. Bis zum Rand des Planeten. Vernichtet. Für immer."
Mit einem Schlag wurde alles dunkel, als würde irgendetwas die Mara mitziehen. Als würden sie in eine Art Strudel fallen. Doch sie fielen nicht wirklich, das alles passierte nicht im Raum. Die drei Raumebenen außerhalb verschmolzen zu einer. Gibbli hatte das Gefühl, nichts mehr zu sehen, doch die Besatzung der Mara befand sich noch immer hier, mitten in der Zentrale. Sie spürte ihre Anwesenheit in der Dunkelheit. Gibblis Gedanken erfassten ein paar Sonnenstücke und ließen diese heller strahlen. Abyss stand neben ihr. Die ganze Crew stand hier. Sie waren alle noch da. Nur das Außen war weg. Draußen gab es nichts mehr, was ihr Verstand erfassen konnte.
"Sie sind alle tot", raunte Skys Stimme leise durch das U-Boot.
Steven und Bo starrten wie versteinert an den Konsolenreihen vorbei nach draußen.
"Dein Plan, die Stadt zu retten, hat nicht funktioniert, Kapitän."
"Ich verrate dir etwas, Abyss. Bevor du in mein Leben getreten bist, hat jeder meiner Pläne funktioniert."
"Hm, dann hättest du mich wohl rauswerfen sollen. Ach, stimmt, das hattest du ja. Hat ebenfalls nicht funktioniert."
"Idiot." Sky stieß laut die Luft aus.
"Es ist meine Schuld", flüsterte Steven und schüttelte andächtig den Kopf. "Ich habe sie gebaut. Meine Maschine."
"Wann begreift ihr es endlich? Es ist immer die Schuld eures Kapitäns." Sky blickte sie alle durchdringend an. Seine Stimme klang müde. "Es wird immer die meine sein."
"Na dann", sagte Abyss. Er nickte, ohne den Blick vom Frontfenster abzuwenden. "Herzlichen Glückwunsch, Kapitän. Du hast dein Ziel erreicht. Eine tolle, leere Welt. Ohne Menschen. Ohne Leben. Ohne Materie. Ohne ... allem. Und sie gehört dir. Du bist der Führer der Innereien des letzten U-Bootes, das noch übrig geblieben ist. Da hast du deine Weltherrschaft."
Der Kapitän schwieg.
Abyss sprach weiter: "Wie war das mit, du würdest niemals einen Planeten vernichten?"
Skys Mundwinkel zogen sich nach oben. "Du hattest Recht, Abyss, auf dem Planeten der Mog, als du ihn fast zerstörtest. Ich an deiner Stelle hätte es auch getan. Nun, ich hätte es nicht nur getan."
Er hatte es getan.
 
Als Gibbli durstig die Rampen aus dem Maschinenraum hochstieg, erblickte sie den Kapitän. Er saß mit verschränkten Armen allein auf dem mittleren der drei Stühle. Die Navigationshebel hingen nutzlos auf der Seite. Es gab jetzt nichts mehr, wohin er sie steuern konnte. Für einen Moment verspürte sie den Drang, kehrtzumachen. Doch er hatte sie schon gesehen und es wäre jetzt komisch gewesen, wieder umzudrehen. Also trat Gibbli stattdessen langsam an das Frontfenster und blickte nach draußen, in das farblose Nichts.
Nach einer Weile begann Sky ruhig zu sprechen. "So wertvoll. Jede Seele. So verletzlich. So treu. So stark. So wertvoll." Er hielt kurz inne. "Es war nicht Jacks Schuld. Es war meine Entscheidung. Milliarden von Wesen. Da draußen gibt es nichts mehr. Ich habe tatsächlich einen ganzen Planeten ausgelöscht. Für euch."
"Bereust du es?", rutschte es ihr heraus.
"Keinen Augenblick", antwortete er sofort.
Wieder schwiegen sie. Nach einer Weile stand er auf und stellte sich neben Gibbli an das Fenster.
"Denkst du noch an ihn?", fragte er leise.
Sie schluckte und schüttelte schnell den Kopf.
"Gut. Das ist gut."
Gibbli wartete einen Moment, dann drehte sie sich um und trat an den Konsolen vorbei, hoch zum runden Tisch. Das aufbereitete Wasser in der Küche trat aus der Öffnung. Sie trank etwas davon. Stevens helle Stimme ertönte irgendwo im oberen Stockwerk. Wahrscheinlich nervte er Bo beim Schneiden der Pflanzen. Als Gibbli sich an den runden Tisch setzen wollte, merkte sie, dass Sky ihr gefolgt war. Er stand jetzt mit dem Rücken an das Geländer neben dem Abgang gelehnt und beobachtete sie. Gibbli trat neben ihn und stützte sich am Geländer ab. Ihr Blick blieb an den Baumstämmen hängen, die sich jeweils links und rechts neben den Stühlen nach oben in die Galerie erstreckten. Die letzten noch existierenden Bäume.
"Ich hätte besser aufpassen müssen", sagte der Kapitän. "Nachdem ich Djego ... verbannte, merkte ich nicht, dass er zurückkam. Ich ließ mich ablenken."
Gibbli blickte ihn nicht an. "Ich habe dich abgelenkt", sagte sie verlegen.
"Nein, damit meine ich nicht, dass es ein Fehler war für dich zu sorgen", gab Sky sofort zurück. "Nein, mein Fehler begann viel früher. Ich verlange immer, dass ihr mir vertraut. Dabei ... wäre es genau so wichtig, dass ich euch vertraue. Ich hätte auf Abyss hören sollen. Er wollte ihn umbringen. Er wollte es schon immer. Da wusste er noch nicht einmal, was Djego dir angetan hat oder was er Sam antun würde. Er wollte es von Anfang an, seit er ihn das erste Mal erblickte. Ich hätte Abyss nicht ständig aufhalten dürfen."
"Die Vergangenheit ist vorbei", sagte Gibbli. "Steven sagte mir, dass wir immer jetzt leben. Es ist nicht von Bedeutung, was war, nur was ist."
"Das ist ... eine schöne Einstellung. Ungewohnt, so etwas aus deinem Mund zu hören." Er lächelte. "Seine Art mag manchmal grausam sein, aber dieser Oceaner weiß, wie man lebt. Es ist gut, so wie es jetzt ist. Ich habe dich gerächt. Und Sam. Bleibt nur ein Punkt, eine einzige Sache, die ich jetzt nicht mehr ändern kann. Jack ist tot."
Gibbli betrachtete ihn erstaunt. Jack hatte es doch verdient. Sah Sky seinen Tod nicht als fair an?
"Ich schulde dir wohl eine Antwort auf eine Frage, die du nie gestellt hast."
Sie wandte sich ihm zu. Wovon sprach er? Gibbli wollte ihn tatsächlich etwas fragen. Seit einiger Zeit schon. Sky betrachtete die große Kugel, die halb durchsichtig über dem Tisch schwebte. Doch er schwieg. Als er nach ein paar Sekunden noch immer nicht weiter sprach, gab sich Gibbli einen Ruck.
"Liebst du ihn? Abyss?"
Er hob die Augenbrauen. Das war offensichtlich nicht die Frage, die er erwartet hatte. Sky schüttelte den Kopf. "Behauptet er das noch immer?" Er zögerte und ließ sich Zeit mit einer Antwort. Dann verzog der Kapitän den Mund zu einem Lächeln und schloss für einen Moment die Augen. "Wenn ich jetzt ja sage, würde es dir etwas ausmachen?"
Gibbli überlegte.
"Ich sage nicht ja." Er seufzte. "Es hätte mich nur interessiert. Gibbli, Abyss ist nicht dazu im Stande, Liebe von Freundschaft zu unterscheiden. Das war er noch nie."
"Das verstehe ich nicht."
"Sei mir nicht böse, aber du bist mies, was das angeht. Er hingegen ist unfähig im Begreifen von echtem, zwischenmenschlichem Verhalten. Bei ihm fällt es nur nicht auf, weil er seine Rollen hervorragend spielt. Es hat etwas gedauert, bis ich das begriff. Für ihn gibt es zwei Arten von Beziehungen. Feinde und Leute, die er mag. In die zweite Gruppe haben es bisher, soweit ich weiß, erst zwei Menschen geschafft."
"Der Mönch", sagte Gibbli leise.
"Ja. Und du."
"Das ist Unsinn. Er würde dich und Bo niemals auf die gleiche Stufe wie Jack stellen."
"Doch, Gibbli. Genau das tut er. Ich bin mir nicht sicher, ob er mich jemals als Kapitän ansehen oder Bo oder Steven als Freunde akzeptieren wird. Er sieht sich nicht als Teil der Crew. Er spielt diese Rollen lediglich. Kannst du dir nicht denken, warum?"
"Für ... mich?"
Sky nickte. "Nur darum ist er hier. Nur darum rammt er mir keines seiner Messer in den Rücken. Und das reicht mir. Solange du die Crew als deine Familie betrachtest, muss er zwangsläufig auch so tun, als ob er es täte."
"Woher weißt du das alles über ihn?"
"Weil er es mir sagte", antwortete Sky schlicht. Als Gibbli ihn mit großen Augen ansah, fügte er hinzu: "Er ist ehrlich zu mir, weil ihm bewusst ist, dass ich mich durch Lügen nicht manipulieren lasse. Wenn du ehrlich zu mir bist, lasse ich dir fast alles durchgehen. Und das weiß er. Eine meiner Stärken, die er gekonnt als Schwäche ausnutzt. Aber das ist okay. Letztendlich zählt für mich nicht, wie er es sieht, sondern wie er handelt. Er ist noch immer gefährlich. Vergiss das niemals."
Für eine Weile schwiegen sie. Nachdenklich ließ Gibbli ihren Blick hinab über die Konsolen schweifen, zu den drei Sitzen. Alles lag ruhig da, so endgültig und friedlich.
"Sky ... kann ich ... kann ich dich noch etwas fragen?" Es war ihr peinlich. Dennoch grübelte sie darüber bereits eine ganze Weile nach.
Er nickte. "Stell deine Frage."
"Woher wusstest du es? Dass Djego ... was er tat. Du kannst es nicht gesehen haben und ich hab es dir nie gesagt, aber du hast es sofort gewusst, nicht wahr? Schon als ich rein kam."
Der Kapitän musterte sie lange. Viel zu lange. War sie zu weit gegangen? Sie hätte sich nicht zu dieser Frage hinreißen lassen dürfen, dieses ganze Gespräch machte sie nervös. Es war ungewohnt offen. Sie wünschte sich zurück nach unten in den Maschinenraum. Es war schwer genug, Abyss' Fragen auszuweichen, aber mit dem Kapitän über Djego zu sprechen, das ging einfach nicht.
"In einem Punkt liegst du falsch", sagte er ruhig. "Ich sah es bereits, als du hereinkamst. Ich brauchte dich nur anzusehen, da war es mir klar."
Gibbli blickte zu Boden. "Nein. Du konntest das Blut nicht sehen. Nicht sofort."
"Richtig. Es war dein Blick. Ich sah es in deinen Augen."
Sie presste die Lippen zusammen. Abyss hatte einmal gesagt, dass man in ihrem Gesicht lesen konnte, wie in einem offenen Hologramm. War das wirklich so offensichtlich gewesen?
"Gibbli, du bist nicht die einzige, die auf diese Art verletzt wurde. Ich sah in deinen Augen, was ich jedes Mal sehe, wenn ich in einen Spiegel blicke."
Sie öffnete den Mund und hielt dann inne. Sie brauchte ein paar Sekunden, um zu realisieren, was er gerade gesagt hatte. Gibbli hob ungläubig den Kopf. "Jack?" Es war nur ein gehauchtes Wort, als sein Name ihre Lippen verließ.
Sky zögerte, dann nickte er. "Und ich kann mich nicht mehr rächen. Ich wüsste nicht, wie ich das anstellen soll, selbst wenn er noch leben würde. Ich kann es nicht und ich hoffe, Abyss verzeiht mir das eines Tages."
Fragend hing sie an seinen Worten. Was hatte Abyss damit zu tun?
"Das tragische daran ist, er dachte die ganze Zeit, ich müsste ihm verzeihen. Er war es, der ständig versuchte, es wieder gut zu machen, obwohl ich das hätte tun sollen. Von einem Feind, von mir abhängig zu sein, zu denken, in meiner Schuld zu stehen, hat sehr an ihm gezehrt. Dabei war es nie die seine. Und er war es, der sagte, wir sind quitt. Es ist nur, ich kann mir selbst nicht verzeihen, dass ich ihm das antat. Dass ich es zuließ, was Jack ihn hat tun lassen. Aber eins musste ich tun, verstehst du? Ich musste Jack töten."
"Tun lassen?" Gibbli kam nicht mehr mit.
"Erinnerst du dich an das Gefängnis, als wir im Zentrumsturm waren?"
Gibbli dachte daran, wie er Sky zugerichtet hatte, an die Wunden in seinem Gesicht, an seiner Schulter, an das gebrochene Bein und an die vielen nicht sichtbaren Verletzungen, die sie sich gar nicht genauer vorstellen wollte. "Warum hat Jack das getan? Warum hat er dich ..." Sie verstummte, als sie es begriff, noch bevor er ihr antwortete.
"Es war nicht Jack. Jack tut nicht. Er lässt tun. Jack log nicht, als er sagte, er hätte mich nie berührt. Jack dachte damals noch, wir hätten dich entführt. Er dachte zuerst, du hättest so getan, als würdest du auf unserer Seite stehen, damit wir dich am Leben lassen. Doch schnell merkte er, dass ich dich tatsächlich als Teil meiner Crew sah. Er erkannte, wie viel du Abyss bedeutest. Das allein hätte ihm nicht viel genutzt. Aber er erkannte außerdem etwas, was ihm gar nicht gefiel. Wie viel Abyss mir bedeutet. Er ist Teil meiner Crew und mein bester Freund und ich hoffe noch immer, dass er das irgendwann begreifen wird. Ich gab mein Leben für ihn. Für jeden von euch. Jack ließ uns im Glauben, er hätte dich ebenfalls gefangen genommen und würde dich verhören, dich verletzen, wenn wir nicht alles taten, was er uns befahl. Er wusste, dass Abyss alles tun würde, um das zu verhindern. Und er wusste, dass ich alles zulassen würde, was Abyss tat. Dass ich mich niemals gegen ihn stellen würde."
"Nein", flüsterte Gibbli betroffen.
"Du kannst dir denken, welche Macht ihm das über uns gab. Und warum er das tat? Weil Menschen eben dumme Dinge tun, wenn sie jemanden lieben, der diese Liebe nicht erwidert. Und zu erkennen, dass ich für euch alle, für dich und jemanden wie Abyss mein Leben geben würde, zu begreifen, dass ich ihn, Jack, niemals lieben würde, brachte ihn zur Verzweiflung. Ich konnte ihn noch nie leiden. Wie ich bereits sagte, Jack war niemand, der sich selbst die Finger schmutzig machte. Jack war kein Macher, er ließ machen. Er gab Befehle. Und die Leute taten, was er sagte. Und wenn sie es nicht taten, dann zwang er sie dazu. Er drohte ihnen. Er stellte sie vor eine Wahl, durch die sie gar nicht anders handeln konnten, als nach seinen Wünschen. Er erpresste sie."
Skys schwarzen Augen durchdrangen die ihren. Gibbli hörte, wie sich die Türen zum MARM hinaus öffneten und jemand die Zentrale betrat, als der Kapitän hinzufügte:
"Mit Dingen oder Personen, die man liebt. Für die man alles tun würde."
Abyss kam näher. In einer Hand hielt er seinen alten Geigenbogen. "Du hast es ihr gesagt", stellte er fest.
Sky wandte sich langsam von Gibbli ab. Dann trat er an Abyss vorbei. Als er ihn passierte, hielt er kurz inne. Er lächelte, drehte sich ihm zu und sagte leise: "Ihr könnt fallen, bis in die tiefsten Abgründe. Ihr könnt hinein springen. Ihr könnt euch gegenseitig hinabschubsen. Bedeutungslos. Denn ich stehe immer am Grund und warte unten, um euch aufzufangen. Verlasst euch darauf." Dann schritt er davon.
"Du wusstest das die ganze Zeit über. Du warst dabei, du ...", flüsterte Gibbli. Nein, er war nicht nur dabei. "...du warst das."
Abyss hob seinen Arm. Sanft strich er mit den Maschinenfingern über ihre Wange. "Für meine kleine Schwester würde ich alles tun, Gibbli."


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Kapitel 24: Der Plan des Kapitäns (Bis in die tiefsten Abgründe)

Sie stoppte die Tauchkapsel und leitete den Andockvorgang ein. Gibbli blickte auf ihr EAG, wo sein Signal aufblinkte. Wenn Abyss so etwas hinbekam, konnte sie das auch. Grinsend verfolgte sie einen Punkt auf der Karte. Es war leicht gewesen, sein Messer zu zerlegen und den Ortungsbot herauszufischen. Sie hatte keine Minute gebraucht, um ihn so umzuprogrammieren, dass seine Funktion sich umkehrte und er statt einem Sender zu einem Empfänger des eigentlichen Senders wurde. Gibbli hatte keine Ahnung, was sie sagen sollte, wenn sie auf Abyss traf. Sicher war, er wollte, dass sie ihm folgte. Vielleicht war es wieder eines seiner Spielchen. Vielleicht nicht. Es spielte keine Rolle. Gibbli erinnerte sich nicht mehr daran, wie lange es gedauert hatte, den Schock zu überwinden, nachdem Abyss ihr weismachen wollte, er sei nicht ihr Bruder und gegangen war. Sie wusste auch nicht mehr, wie sie überhaupt in den MARM gekommen war. Aber an diesen Streit mit Sky erinnerte sich Gibbli gut. Aufgebracht hatte sie den Kapitän angeschrien.
 
"Du sagtest, du lässt niemanden raus! Die Crew bricht auseinander! Du musst dafür sorgen, dass das nicht passiert, stattdessen tust du-"
"Beruhige dich, Gibbli."
"Ich will mich aber nicht beruhigen! Er ist weg verdammt! Abyss ist weg! Du hast ihn einfach gehen lassen!"
"Ja, verflucht!", fuhr Sky Gibbli an. Offensichtlich ließ ihn Abyss' Verschwinden doch nicht so kalt, wie er vorgab. "Es lag nicht in meiner Absicht, ich wollte das nicht, nicht so, okay? Und jetzt wirst du diese Berechnungen zur Menge der Körperenergie für den Schild-"
"Du hast ihm das eingeredet! Er würde mich nie - hey - nicht! Lass mich los!"
"Nein, du hörst mir jetzt zu! Er ist gefährlich, Gibbli! Wenn er nicht freiwillig gegangen wäre, hätte ich ihn fortgeschickt. Ich lasse nicht zu, dass so etwas wie mit Djego noch einmal-"

 
Ihre Faust schmerzte noch und die kleine Schramme an den Knöcheln war gut zu erkennen. Doch das war Gibbli egal. Sie hatte den Kapitän nicht ausreden lassen und ihn mitten in den Bauch getroffen. Damit hatte er nicht gerechnet. Pech für ihn, das hätte er ihr nicht beibringen sollen. Irgendetwas stimmte nicht mit ihm. Seit dem gescheiterten Versuch, die Maschine abzuschalten, verhielt er sich nicht mehr wie er selbst. Der Sky, den sie kannte, wusste, dass Abyss niemals so etwas wie Djego tun würde. Der Kapitän musste es ihm eingeredet haben. Er musste ihn davon überzeugt haben, dass er eine Gefahr für sie darstellte. Was für ein Unsinn. Seltsamerweise hatte Sky nicht einmal versucht, sie aufzuhalten. Sie hatte sich auch ganz schön erschrocken, als Sekunden vor ihrer Abreise plötzlich jemand mitten durch die Wand getreten war. Dieser Jemand stand gerade auf und entriegelte die Schleusen des MARM.
"Können wir nicht einer hübschen Qualle folgen statt diesem großen, blassen Blobfisch?", fragte Steven. Angewidert betrachtete er die dreckigen Boote um sie herum.
Gibbli ignorierte ihn und trat an ihm vorbei nach draußen. Insgeheim war sie froh, dass der Oceaner sie begleitete. Die beiden schritten durch einen alten Hafen in einem Außenbezirk von Mooks. Es glich einem Wunder, dass die Risse diesen Ort bisher verschont hatten. Andere Teile der Hauptstadt waren arg in Mitleidenschaft gezogen worden. Sie hatte die Gebiete auf dem Weg hier her mit einem unbehaglichen Gefühl betrachtet. Das Anwesen ihrer Eltern stand nicht mehr. Es hatte sich nur ein paar Abschnitte weiter in einem angrenzenden Teil von Mooks befunden. Allerdings hatte die Umgebung dort um einiges luxuriöser gewirkt als hier. Jetzt zog sich ein Riss aus verbundenen Raumdimensionen durch die pompösen Gebäude hindurch. Hier jedoch schien alles beim Alten zu sein. Lange Fensterfronten erstreckten sich mit schrägen Decken die schmal angelegten Straßen entlang. Es war früh am Morgen und nur wenige Bewohner waren um diese Zeit unterwegs. Bestimmt hatten sich auch viele irgendwohin zurückgezogen, wo sie dachten, es sei sicherer. Doch Gibbli wusste, dass es hier keinen sicheren Ort mehr gab.
"Da lang", murmelte sie und bog in einen Seitengang ein.
Steven folgte ihr genervt. Zu beiden Seiten des Weges befanden sich gläserne Auslagen zwischen verwinkelten Eingängen. Kleine Hologramme verkündeten die Öffnungszeiten der Läden. Die würden wohl nicht mehr aufmachen. Nicht in dieser Realitätsebene. Sie stiegen eine Rampe hinab in einen anderen Gang, der etwas düsterer wirkte. Ein orangefarbenes Neonschild blinkte in einer Ecke.
"Spürst du meine Macht? Ich könnte sie jetzt gegen dich einsetzen."
"Schön für dich", gab Gibbli in Gedanken versunken zurück.
Sie fürchtete ihn nicht mehr. Steven wollte ihr nicht schaden. Er hätte jederzeit alles machen können. Mit der ganzen Crew. Er hätte sie alle längst umbringen können. Aber das hatte er nicht getan. Gibbli dachte an das Spiel. Der Oceaner konnte grob sein, doch seine Absichten waren nicht die schlechtesten. Er hatte immer genau gewusst, wie weit er gehen durfte und die Grenzen nie so weit überschritten, um sie tiefgreifend zu verletzen. Er wollte ihnen nichts Böses und Gibbli war sich sicher, dass er aufgehört hätte, bevor er sie zerstörte. Eine Aufgabe an der sie nicht wuchs, nicht lernte, würde er nicht zulassen. Steven forderte sie heraus. Doch er ließ ihr immer eine Wahl, selbst zu entscheiden. Außerdem beantwortete er ihr jede Frage, erklärte ihr geduldig all die Technologie und wie etwas funktionierte.
"Danke", sagte sie leise.
Steven wandte sich ihr zu. "Oh ja, gern. Das hab ich gut gemacht, nicht wahr, mein Schatz?"
"Ja. Das hast du", bestätigte sie ihm und musste grinsen. Er hatte keine Ahnung, worum es überhaupt ging. Sie drehte sich um und folgte weiter dem Signal auf ihrem EAG.
Brizzelnde Laute deuteten auf beschädigte Leitungen irgendwo in ihrer Nähe hin. Diese Tunnel hatten auch einmal bessere Tage gesehen.
"Ich will nicht da runter, dort ist es dreckig", jammerte Steven, als Gibbli vor einem Abgang stehen blieb, der mitten in den Meeresboden hineinführte. "Außerdem gibt es dort unten keine Fenster. Warum sucht sich der blasse Schwachkopf ausgerechnet so ein hässliches Gebiet aus?"
"Ich habe dich nicht gebeten mitzukommen", gab sie mit düsterer Stimme zurück. "Und keine Fenster ist doch gut. Da draußen ist ja sowieso nur Wasser, das ist nass."
Mit zusammen gepressten Lippen folgte ihr Steven widerwillig. "Als wäre das etwas schlechtes", grummelte er.
Beunruhigt begutachtete Gibbli einen feinen Sprung in der Außenwand eines Ganges, den sie passierten. Wenigstens befand sich dahinter massiver Fels. Was andererseits gefährlich werden konnte, wenn eines der Beben diese Stelle durchschütteln sollte. Mit einem mulmigen Gefühl schritt sie weiter.
"Okay, sag's mir, Mädchen", hörte sie Stevens Stimme direkt hinter sich. "Was hab ich gut gemacht? Das passt nicht zu dir. Warum bedankst du dich?"
Gibbli blieb stehen. "Weil du mitgekommen bist. Weil du ... mich nicht allein lässt."
"So wie er?"
Auf diese Frage war sie nicht gefasst gewesen. Sie nickte betrübt. "Ja. Wie er."
Sie blickte auf das Gerät in ihren Händen. Das Signal des am EAG angeschlossenen Ortungsbots endete hinter einem metallenen Schiebetor, direkt vor ihnen. Dieses stand halb offen. Gibbli senkte die Arme und ließ das EAG dann in ihre Tasche gleiten. Im Inneren vernahm sie Stimmen.
"Wir können jederzeit neu anfangen, richtig? Deine Worte."
"Richtig, Mädchen. Das sagte ich."
"Du wolltest einfach nur, dass ich lebe. Du wolltest mich zum Leben bringen. Nichts anderes."
"Nichts anderes", wiederholte Steven.
"Und es macht Spaß. Zu leben."
Er runzelte die Stirn. "Ja, aber nicht in diesem Drecksloch hier."
"Sei still und komm mit", befahl Gibbli und wandte sich der Öffnung zu.
"Hm. Du warst zu lange mit dem Kapitän zusammen", murmelte der Oceaner. Dann riss er übertrieben die Augen auf und rief entsetzt: "Warte, nein! Das ist schrecklich! Nicht da rein! Das ist wahrscheinlich das abscheulichste Lokal, das je existiert hat. Hey, wir können noch immer umkehren."
Gibbli nahm einen tiefen Atemzug und trat in die Dunkelheit hinter dem metallenen Tor hinein.
Stickige Luft umgab sie sofort. Es roch nach Algen. Scheinbar funktionierten die Filter nicht mehr richtig oder der Sauerstoffaufbereiter war kaputt. Langsam gewöhnten sich ihre Augen an das schummrige Licht.
"So viel Schmutz! Ich werde hier sterben." Steven zwängte sich grummelnd hinter Gibbli an den eng angelegten Sitzbänken vorbei.
Diese verteilten sich in kleinen Nischen um Tische, deren Material nicht mehr richtig bestimmbar war. An einigen Stellen schimmerte Metall durch verrostete Flecken hervor. Eine Gruppe von Landmenschen unterhielt sich mürrisch über die viel zu hohen Preise des Meeresexpresses. Gibbli schnappte auf, wie jemand meinte, einer dieser Risse hätte ihn auseinandergebrochen und er wäre jetzt kürzer. Währenddessen knurrten andere scheinbar betrunken vor sich hin oder führten lallende Gespräche, die niemand verstand. Gibbli blickte sich um. Sie konnte Abyss nirgendwo entdecken. Aber er musste hier irgendwo sein. Steven trat an ihr vorbei und betrachtete neugierig einen kleinen Bildschirm mit verschiedenen Anschlüssen. Eine Rauchschwade schlängelte sich daraus hervor.
"Mit Reparaturarbeiten und ein paar Putzrobotern ließe sich hier bestimmt viel, wie nennt ihr das, Geld verdienen", sagte er.
"Seit wann interessiert dich Geld?", fragte Gibbli.
"Tut es nicht. Ich versuche nur meine Rolle als Landmensch zu spielen, Mädchen. Das mache ich gut, nicht wahr?" Steven bahnte sich den Weg an einer runzligen Frau vorbei, die gerade versuchte, etwas in eine Konsole einzutippen. "Bringen wir es schnell hinter uns."
Gibbli folgte ihm und duckte sich, als die Frau ausholte. Ihr zerschlissener Hut fiel dabei vom Kopf und gab ein vom Alter gezeichnetes Gesicht frei. Die Konsole, die an einer hervorstehenden Seitenwand angebracht war, gab ein zischendes Geräusch von sich, als die Frau aufgebracht darauf einschlug. Offensichtlich hatte das Computersystem einen falschen Betrag von ihrem Chip abgezogen. An einigen der Tische nahmen Arbeiter müde ein übel riechendes Frühstück zu sich. Gibbli atmete flacher, als der Gestank durch ihre Lunge kroch. Zu allem Überfluss fing jetzt auch noch ein kleines Mädchen an zu schreien. Die überforderte Mutter, die auch dafür zuständig war, den Leuten ihr Essen zu bringen, bemühte sich, das Kind zu beruhigen. Doch es hörte nicht auf und bevor sie weiter auf sie einsprechen konnte, wurde die Frau an einen Tisch gerufen, um eine Beschwerde eines Gastes entgegenzunehmen. Das kleine Mädchen schrie einfach weiter.
Dann erblickte Gibbli ihn. Er saß seitlich zu ihnen in einer Nische. Bewegungslos starrte er auf die gegenüberliegende Seite des Raumes. Er hatte sie noch nicht gesehen. Vor ihm stand ein Glas mit weißer Flüssigkeit. Gibbli spürte, wie sich etwas um ihre Füße wickelte, wie ein Seil und sie fühlte sich an diese seltsamen Kreise erinnert, mit denen die Mog sie damals an den Boden gefesselt hatten. Sie starrte dem Oceaner hinterher, der ihn ebenfalls erkannt hatte und jetzt direkt auf ihn zumarschierte. Abyss hob den Kopf, als er vor seinem Tisch stehen blieb.
"Seit wann gibt's dich doppelt?" Seine Stimme klang undeutlich.
"Zwei Stevens? Das wäre wundervoll! Oh ja!"
"Ich kann dich beruhigen, ihr goldenen Kackhaufen seid beide hässlich."
Steven schüttelte den Kopf. "Hat der beschränkte Mensch wieder etwas angefasst, was er nicht anfassen soll?" Er steckte währenddessen einen Finger in Abyss' Glas. "Was trinkst du da schon wieder?"
"Willst du sterben?", fragte Abyss, die Stirn in Falten gezogen, als würde er ihn gleich angreifen. Doch er bewegte sich nicht.
Steven beugte sich vor und roch an seinem Glas. "Gut gespielt, Mensch. Aber das ist ... Fischmilch?"
"Hm. Glückwunsch, das ist richtig", sagte Abyss düster. "Ich gebe es zu, ich bin nicht betrunken. Hässlich bist du trotzdem."
Steven spannte seine Finger an zu Krallen, die aussahen, als könnten sie durch Stahl greifen. "Ich bin der schönste, der genialste, der wunder-"
Gibbli gab sich einen Ruck. Schnell trat sie auf die beiden zu und schubste den Oceaner beiseite, bevor die Männer aufeinander losgehen konnten.
Abyss, der gerade aufspringen wollte, hielt sofort inne, als er sie erblickte. "Nein, das bist du nicht. Aber deine Begleitung ist bezaubernd." Seine Stimme war immer leiser geworden. "Perfekt, wie immer."
Nervös hielt Gibbli dem bohrenden Blick seiner grauen Augen stand. Es schien eine halbe Ewigkeit zu vergehen. Abyss wirkte zufrieden. Das ließ etwas in ihr hochbrodeln. Dieser dämliche Idiot war einfach gegangen! Erneut. Wütend trat sie an ihn heran. Er öffnete den Mund, doch bevor er etwas sagen konnte, holte sie aus und gab ihm eine Ohrfeige. Sein Gesicht zur Seite gedreht, verzog Abyss keine Miene. Langsam drehte er ihr den Kopf wieder zu, während sie ihre Stirn in Falten zog und genervt ausatmete.
"Darin ist sie heute wirklich gut", flüsterte Steven völlig begeistert.
Doch die beiden ignorierten ihn. Plötzlich verzog Abyss die Lider zu schmalen Schlitzen und legte den Kopf schief, als wollte er versuchen, mehr zu erkennen. Fragend hob Gibbli die Brauen.
Dann fing er an zu Grinsen und er fragte in einem Ton, der Skys bedrohlich nahe kam: "Was hast du angestellt?"
Gibbli nahm einen tiefen Atemzug. Für eine Sekunde zuckten ihre Mundwinkel nach oben. Etwas erleichtert schüttelte sie den Kopf und setzte sich einfach neben ihn. "Frag nicht."
"Sie hat den Kapitän verprügelt", rief Steven vergnügt.
Abyss lachte. "Nein, hat sie nicht", sagte er, ohne sich von ihr abzuwenden.
Niemand erwiderte etwas.
"Wartet, im Ernst? Du hast ... echt?"
Gibbli hob ruhig den Kopf und zuckte mit den Schultern.
"Mehrmals", sagte Steven.
Während er Gibbli weiter betrachtete, drückte Abyss ihm sein Glas in die Hand. "Ich nehme an, Sky hat dich auch davon gejagt, Goldhaufen. Geh und hol mir ein neues, da sind deine Bazillen drin."
"Pah! Nur, dass du's weißt, der Kapitän hat mir nicht erlaubt zu gehen. Oh, nein. Der Reiz des Verbotenen ist anziehend, das kennst du doch zu gut, Mensch. Der arme Kapitän, jetzt ist er ganz allein mit Jack. Außerdem bin ich hier, um mein Mädchen zu schützen." Zu Gibblis Überraschung drehte er sich mit dem Glas in der Hand um und machte sich auf den Weg zur Essensausgabe, wo die junge Frau neben dem schreienden Kind gerade etwas mit einer holografischen Tastatur notierte.
Es fiel Abyss sichtlich schwer, ihm nicht hinterherzurennen und ihm den Schädel einzuschlagen. "Du solltest nicht hier sein", sagte er leise.
Gibbli verzog keine Miene. "Denkst du, ich lass dich noch einmal so einfach geh'n? Hast du nicht gesagt, das soll ich nicht?"
Er antwortete nicht. Das Geschrei des Kindes drang in Gibblis Ohren. Langsam ging es ihr auf die Nerven. Sie stellte sich vor, was Sky tun würde. Er wäre bestimmt hinüber gegangen und hätte die Frau angesprochen und ihr ganz ruhig gesagt: Guten Tag, sorge dafür, dass es still ist, sonst schieße ich ihre niedlichen kleinen Ärmchen ab, das gibt eklige rote Flecken und das wollen wir ja nicht, danke. Eine Bewegung zog ihre Aufmerksamkeit auf sich. Abyss' Arm war immer weiter an den Rand gerutscht, ganz langsam. Jetzt verschwanden seine Finger unter dem Tisch. Stutzig folgte Gibbli seinen Fingern, als er etwas in den Mantel steckte.
"Abyss, was hattest du da in der Hand?"
Er antwortete nicht.
Das konnte doch nicht wahr sein! Dieser Idiot tat es schon wieder? Zornig sprang sie auf. "Das war ein Fläschchen von diesem Gift, nicht wahr?"
Mit erhobenem Kopf starrte er auf den Tisch.
"Abyss, sag mir, dass das nicht wieder dieses Gift war!", schrie sie ihn an. "Du hast es mir versprochen!"
"Ich dachte, du kommst nicht!", knurrte er. "Ich hab's nicht genommen, okay?"
"Deine Milch, kleines Baby", sagte Steven plötzlich und knallte ein Glas auf den Tisch, wo es überschwappte, und Flecken auf dem Metall hinterließ.
"Pass doch auf du Arschloch!", rief Abyss und sprang genervt auf.
"Du bist der Arsch", schrie Gibbli ihn wieder an.
Abyss wandte sich ihr zu, hob eine Faust und packte sie mit der anderen an der Schulter.
"STOPP!", brüllte Steven und übertönte damit das kleine Mädchen in der Ecke. Abyss hielt in seiner Bewegung inne und Gibbli, die ebenfalls wütend seinen Arm gegriffen hatte, bereit zum Kampf, starrte den Oceaner düster an, als dieser langsam fortfuhr: "Die Welt geht drauf und wir sitzen hier in einem stinkigen Loch." Er hob demonstrativ beide Arme. "Wir sollten nicht streiten, nein. Nicht an so einem hässlichen Ort. Gehen wir wohin, wo es sauberer ist, dort könnt ihr euch meinetwegen die Köpfe einschlagen."
Gibbli spürte, wie sich Abyss' Griff lockerte. Sich gegenseitig düster anstarrend, setzten sie sich langsam wieder an den Tisch.
"Was genau an den Worten sauberer Ort versteht ihr nicht?", fragte der Oceaner und fuchtelte genervt um sich. Dann sagte er fröhlich: "Oh ja, was für ein dreckiges Abenteuer. Planeten wurden aus Versehen beinahe in die Luft gesprengt."
"Nicht aus Versehen", murmelte Abyss dazwischen.
"Menschen wurden zufällig ermordet."
"Nicht zufällig", knurrte Abyss.
"Leute ganz unbeabsichtigt mit Messern beworfen."
"Das war Absicht, dämlicher Goldhaufen!"
"Stinkende Männer haben sich gegenseitig begrapscht und-"
Abyss packte ihn an den Haaren und unter dem Kinn, als würde er ihn würgen. "JETZT HALT DEIN VERFICKTES MAUL!"
"Hört ... hört auf!", sagte Gibbli und lehnte sich resignierend zurück.
Abyss stieß Steven genervt beiseite und nahm einen tiefen Atemzug. Langsam schien er sich zu beruhigen. Doch dann fing das kleine Kind plötzlich wieder lauter an zu schreien. Der Oceaner blickte Gibbli mitleidig an, als sie sich die Ohren zuhielt.
"Keine Sorge, Onkel Steven macht das wieder gut, ich gehe rüber und-"
Abyss drückte ihn zurück auf die Bank. "Bloß nicht, am Ende veranstaltest du noch ein Wettschreien mit ihr. Ich mach das."
Er erhob sich, wandte sich von ihnen ab, straffte seine Kleidung und schritt dann in Richtung der Frau mit dem Kind.
"Sei wenigstens nett zu ihr!", sagte Steven noch.
"Du kannst dich nicht einfach zum Onkel jedes Kindes erklären, mit dem du zusammen stößt, du kennst sie nicht mal, Idiot!", rief Abyss zurück, ohne sich umzudrehen.
Gibbli beobachtete Abyss, wie er bei der Essensausgabe mit der Frau sprach. Sein charmantes Lächeln dabei versetzte ihr einen schmerzhaften Stich. Nach einer Weile kam er zurück und setzte sich wortlos. Das Kind schrie noch immer.
"Und?", fragte Steven neugierig.
Abyss kratzte sich verlegen am Kopf. "Hm", machte er nur. Dann zuckte er mit den Schultern. "Tja, das habt ihr jetzt davon. Ihr wolltet, dass ich nett bin."
"Was?", fragte Gibbli und biss die Zähne zusammen. Eigentlich wollte sie es gar nicht hören.
"Weiß nicht wie das jetzt genau passiert ist, aber irgendwie hab ich morgen Abend wohl eine Verabredung mit ihrer Mutter."
Gibbli sprang auf. "Ich bring sie um."
Abyss verschränkte zufrieden grinsend die Arme, während Steven ihre Handgelenke festhielt.
"Du weißt, dass es wahrscheinlich kein Morgen Abend mehr geben wird", tönte seine belehrende Stimme hinter ihr.
Genervt riss sie sich los. "Schon gut. Nimm deine Finger von mir!" Sie wünschte sich fort, in irgendeinen Maschinenraum, wo es keine dämlichen Frauen gab. "Ich mag dieses Lokal nicht. Was wolltest du überhaupt hier drin?"
Gibbli musste sich zurückhalten, ihm nicht ein weiteres Mal ins Gesicht zu schlagen, als er noch immer grinsend den Kopf hob und begann: "Als ich ein unschuldiger Junge war-"
"Unschuldig?", fragte sie bissig dazwischen.
"Na schön, als ich noch ein kleiner Junge-"
"Du warst mal klein?", fragte Steven ungläubig.
"Jetzt lasst mich die Geschichte erzählen! Also, ich durfte hier in der Nähe in eine Wohnung einbrechen, weil sich darin ein paar hübsche Dinge befanden, die mir gehören könnten. Dabei traf ich auf diese untalentierte, junge Sängerin Namens Jessica Law, sie war die Schwester von Murphy, deren Taxi-"
"Ich will hier raus." Gibbli drehte sich um und ging. Sie konnte diesen Gestank nicht mehr ertragen.
 
"Hey! Kenne ich dich nicht? Wirst du nicht gesucht?", fragte eine Stimme, nachdem Gibbli das Lokal verlassen hatte. Vor ihr stand plötzlich eine Soldatin der Akademie.
Sie reagierte sofort und griff nach Abyss' Messer im Stiefel. Die Soldatin zog einen Strahler und brachte ihn in Position. Gibbli duckte sich und traf sie am Bein. Die Klinge blieb stecken. Ein Schuss zischte direkt an ihrer Schulter vorbei. Verdammt, diesen Kampf würde sie verlieren! Dann tauchten zwei goldene Hände wie aus dem Nichts auf. Steven ließ den Hals der überraschten Frau wieder los, die mit würgenden Lauten zusammenbrach. Gibbli zog zufrieden am Griff. Das Messer löste sich aus dem Fleisch und sie wischte es an der Hose ab. Diese Soldatinnen sollten sich bloß von ihr fernhalten.
Steven wirkte begeistert. "Ah, das würde dem Kapitän nicht gefallen, nein."
"Sky ist nicht hier", sagte Gibbli. "Außerdem hast du sie erwürgt. Nicht ich."
Abyss war hinter ihnen aus dem Gebäude getreten. "Genau solche Momente sind es, die mich vergessen lassen, dass du erst fünfzehn bist."
Gibbli ignorierte seine Worte, bückte sich und griff nach der Waffe der Soldatin. Gedankenversunken hielt sie den Strahler vor sich und betrachtete ihn.
Abyss grinste verwegen. "Besitzt du nicht bereits eine Waffe?"
"Kann man je genug davon haben?", fragte sie kalt zurück und richtete sich wieder auf.
"Willst du mich provozieren? Was du hier gerade abziehst, ist ziemlich gefährlich. Du spielst mit dem Feuer, kleine Schwester! Wenn ich dich verletze-"
"Das tust du doch längst. Immer und immer wieder", unterbrach Gibbli ihn. Das alles hier war einer seiner dämlichen Pläne. Sie waren hier, weil er es so wollte. Und sie hatte das so verdammt satt! "Wie wär's, wenn du damit aufhörst, mich manipulieren zu wollen? Vielleicht schenk ich sie dir ja dann eines Tages." Sie steckte den Strahler der Soldatin in ihre Werkzeugtasche zu dem anderen. "Und jetzt möchte ich gerne wo anders hin. Oder ist das hier der Ort, an dem ihr den Weltuntergang verbringen möchtet?"
Abyss schwieg einen Moment, dann sagte er: "Ich kenne da einen netten Platz, nicht weit von hier."
 
Allmählich verrauchte Gibblis Wut etwas. Sie versuchte Abyss nicht anzusehen, wissend, dass er sie beobachtete. Doch er schlich sich immer wieder in ihr Sichtfeld. Warum gab er sich überhaupt mit ihr ab? Die beiden saßen im hinteren Teil des MARM, den Steven gerade an einem großen Riss aus Nichts entlang steuerte. Gibbli verschränkte die Arme und blickte nach draußen.
"Lass mich das wieder etwas abkürzen", sagte Abyss. "Was denkst du, Gibbli? Nichts, Abyss. Du denkst sehr viele Nichtse und ich denke nicht, dass du in der Lage dazu bist, nichts zu denken. Und jetzt ...", Abyss streckte die Hand nach ihrem Arm aus und zog ihn zu sich heran. "Werde dir klar, wer hier neben dir sitzt."
Er umschloss die Finger ihrer linken Hand. Düster presste sie ihre Lippen aufeinander. Unsicher, ob sie sich losreißen sollte oder nicht, schloss Gibbli kurz die Augen.
"Du kannst mir alles sagen, das weißt du."
Ja, wenn er mal da war. Und nicht gerade wütend auf sie war oder sie anschrie. "Auch wenn es mit dir zu tun hat?", gab sie leise zurück.
"Dann möchte ich's erst recht wissen."
Was kümmerte es ihn, was sie beschäftigte? Gibbli schüttelte den Kopf. Er sagte etwas, um sie dann im nächsten Moment wieder zu verletzen. Das tat er doch immer. Wenigstens würde er nicht mehr viele Gelegenheiten dazu bekommen, dachte sie deprimiert, denn bald würden die Raumzeitrisse dort draußen sie alle verschlingen.
Abyss nahm einen tiefen Atemzug. "Dein Schweigen lässt mich durchdrehen. Du weißt, ich kann jede Rolle für dich spielen, die du möchtest."
Ja. Er konnte alles sein und haben. Es gab keinen Grund, jemanden wie sie zu beachten. Abyss tat immer das, wozu er gerade Lust hatte. Auf Gibbli hatte er aber sicher keine Lust. Das hatte er ihr immer wieder gezeigt. Und sie hatte keine Lust mehr auf seine Rollen.
Mit einem Ruck drehte er sich plötzlich, sodass er halb auf ihr saß. Erschrocken stieß Gibbli die Luft aus, als Abyss sie an den Schultern packte und gegen die Lehne des Sitzes presste. Sie keuchte auf, doch er hielt ihr sofort den Mund zu und ihr Schrei wandelte sich in ein ersticktes Wimmern.
"Hey, Menschlein", rief Steven vom Steuer aus. "Was ist dort hinten los?"
Schnell ein und ausatmend riss sie die Augen auf. Abyss' Gesicht war plötzlich dem ihren so nahe, dass sich ihre Nasenspitzen berührten. Wieder wimmerte sie. Abyss schüttelte den Kopf und legte seinen Maschinenfinger auf seine Lippen, um ihr zu bedeuten still zu sein. Doch es waren die grauen Augen, sein alles durchbohrender Blick, der sie verstummen ließ.
"Was treibt ihr da, ohne mich?", fragte Steven wieder. "Soll ich anhalten?"
"Nein", rief Abyss zurück. "Wenn ich das Teil steuere, fahr ich's zu Schrott. Deine Worte, Goldmännchen."
Gibblis Atem beruhigte sich ein wenig.
"Mädchen?"
Abyss nahm langsam seine Hand von ihrem Mund und legte beide stattdessen an ihre Schultern. Sein Griff wurde fester und er drückte ihren Körper noch stärker gegen die Rückenlehne. Erwartungsvoll nickte er nach vorne.
Gibbli dachte keinen Moment daran, Steven um Hilfe zu rufen. "Fahr weiter", rief sie mit heißerer Stimme. So wie sie den Oceaner kannte, hätte er sowieso nur genüsslich zugesehen.
Für den Bruchteil einer Sekunde zuckten Abyss' Mundwinkel nach oben. Dann wurde seine Miene wieder ernst. "Gibbli, was denkst du über mich?", fragte er leise, ohne auch nur einen Millimeter von ihr abzuweichen.
Gibbli spürte seinen warmen Atem an ihrer Haut. Erst würde er ihr einreden, sie sei wichtig und dann würde er sie alleine lassen. Wie immer. "Du wirst mir wehtun." Wieder und wieder und wieder. Und sie würde es ihm wieder und wieder verzeihen. Einfach nur, weil er er war.
Einen Moment schwieg er. Sein Griff wurde noch fester, fast schmerzhaft. "Willst du, dass ich dich verletze?", fragte er dann.
Nein, verdammt! Natürlich nicht! Was war das denn für eine bescheuerte Frage? "Ich halte das nicht mehr aus, Abyss. Ich möchte das nicht!", sagte sie leise.
"Ich möchte das auch nicht, Gibbli."
Sprachen sie überhaupt über das gleiche? "Ich meine nicht wie ... wie ..."
"... der Brotmensch es tat?"
Gibbli nickte.
"Wie meinst du es dann? Erklär's mir", forderte er mit ernster Stimme.
Mit zusammen gepressten Zähnen atmete sie ein. Am Ende würde er ja sowieso wieder gehen. Das hatte er ihr immer wieder gezeigt. Sie war nicht genug. Er war stark, anmutig, charmant, anziehend, einfach der perfekte Mensch. Er besaß die Kontrolle. Und Gibbli war ein kleines Kind, nicht würdig, dass man sich mit ihr abgab. Sie war es nicht wert, seine Schwester zu sein. "Abyss, bitte, lass mich los."
"Nein", sagte er ruhig. "Das willst du nicht."
"Woher weißt du das?"
"Weil ich Menschen lesen kann, jede kleinste Regung ihres Körpers, ihrer Mimik. Das ist mein Talent, Gibbli. Ich merke sofort, wenn was nicht stimmt. Ich weiß, wie sie denken und was sie wollen, besser als sie selbst. Das muss ich, wenn ich sie dazu bringen will, das zu wollen, was ich will. Wenn ich dich frage, wie es dir geht, dann kenne ich die Antwort bereits. Täte ich das nicht, dann könnte ich dich gar nicht fragen. Denn ich mag keine Überraschungen, Gibbli. Ich weiß durchaus auch jetzt, worum es geht."
"Wenn du es sowieso weißt, warum fragst du dann immer wieder, was ich denke?"
"Weil ich es verdammt noch mal von dir hören möchte! Du sollst nicht darüber nachdenken, was andere von dir erwarten. Ich will, dass du mir offen sagst, was immer dir durch den Kopf geht und nicht das, was du denkst, was ich oder irgendjemand von dir erwartet. Sprich mit mir. Jeder hat Geheimnisse. Willst du eins hören? Sky liebt mich."
Gibbli schluckte genervt.
"Natürlich würde er das niemals zugeben, weil er weiß, dass es mir scheiß egal ist. Aber es kümmert mich, wenn dich etwas bedrückt."
Wenn es ihn angeblich kümmerte, warum machte er dann alles, um genau dieses bedrückende Gefühl zu verstärken? Er wusste, dass seine Worte sie verletzten sowie die Tatsache, dass er sie ständig allein zurückließ. "Warum? Abyss, warum? Warum tust du so, als wär ich dir wichtig und hältst mir dann immer wieder vor, wie unbedeutend ich in deinen Augen bin! Das ist mir doch klar!"
"Genau darum, Gibbli. Weil ich will, dass dieses Gefühl so stark wird, dass du es aussprichst. Denn es bringt keinem von uns etwas, wenn ich das tue. Du würdest mir nicht glauben, wenn ich dir sage, diese lächerlichen Gedanken, die du schon dein ganzes Leben lang mit herumschleppst, sind Mist. Das musst du selbst herausfinden, um es zu begreifen. Ich will dich nicht verletzen! Denkst du, das fällt mir leicht? Ich liebe dich, verdammt! Und ich ... ich weiß langsam nicht mehr, was ich noch tun kann, wie weit ich selbst noch im Stande bin zu gehen, denn es tut mir auch weh, Gibbli. Es tut verdammt weh zu sehen, was es mit dir anstellt, was ich mit dir anstelle. Und was du über dich denkst." Abyss verstummte. Er hielt sie nicht mehr fest. Stattdessen nahm er wieder ihre Hand und strich behutsam ihre Finger entlang. "Und jetzt sag was! Sag was. Bitte. Wovor fürchtest du dich? Dass du keine Angst vor physischen Verletzungen hast, das wissen wir beide."
Sie blickte ihn offen an. "Ich bin nicht gut genug."
"Du bist nicht gut genug", wiederholte Abyss ernst.
"Ja." Ihre Aufmerksamkeit folgte seinen Fingern an ihrer Hand. "Nicht für den Kapitän, nicht für die Crew und ... und erst recht nicht für dich."
"Nicht für mich", sprach er leise nach.
"Ja!", sagte sie fest. "Ich könnte deine Erwartungen doch niemals erfüllen."
Abyss nickte und ihre Hand entglitt seinen Fingern. Er setzte sich wieder neben sie. Es fühlte sich an, als wäre ihr alle Wärme entzogen worden. Niedergeschlagen starrte Gibbli auf ihren Daumen, als könnte sie seine unsichtbare Spur darauf irgendwie festhalten.
"Woher willst du wissen, was ich erwarte?", fragte er nach einer Weile. Den Körper von ihr abgewandt drehte er ihr den Kopf zu. "Du hast mich nie gefragt."
"Ist das nicht offensichtlich?"
"Offensichtlich ist nur, was du denkst, was ich von dir erwarte."
Sie runzelte die Stirn. "Du bist ein Mann!"
Seine Mundwinkel zogen sich nach oben. "Offensichtlich."
Na toll, verspottete er sie jetzt? "Und du stehst eindeutig nicht auf ... andere Männer."
"Definitiv nicht." Sein Blick schien Gibbli wieder zu durchbohren, als würde er ihr alle Klamotten vom Leib reißen wollen.
"Du bist so viel älter als ich!"
"Ja", sagte er schlicht.
Wie konnte dieser Idiot nur so ruhig bleiben? Er hatte sie verdammt noch mal verletzt! "Du hast mir doch gerade bestätigt, was du von mir hältst!", fauchte sie ihn an.
"Nein", sagte er gelassen. "Ich habe nur wiederholt, was du selbst von dir hältst und was du denkst, was andere von dir halten."
Gibbli schüttelte fassungslos den Kopf. "Abyss, was ... was erwartest du von mir?"
"Gar nichts."
Sie starrte ihn an. Aha. Wozu dann das ganze? Warum war er überhaupt hier? Warum war sie so dämlich, ihm nachzulaufen? "Aber ... du ..."
"Es gibt kein Aber." Er kam wieder näher auf sie zu, hockte sich vor sie auf den Boden und stützte sich links und rechts an den Armlehnen ihres Sitzes ab. "Ich habe absolut keine Erwartungen an dich. Du bist perfekt. Egal, was du machst."
Gibbli öffnete den Mund und schloss ihn wieder. "Nein, du wirst ..." Sie brach ab.
"Was werde ich?", fragte er und hob erwartungsvoll die Augenbrauen.
"... eine andere ... du ... jetzt hilf mir doch, wenn du sowieso glaubst, zu wissen, was ich denke!" Sie hatte Angst vor seiner Antwort.
"Du denkst, ich werde dich fallen lassen und mir andere Menschen suchen, die älter sind, erfahrener als du, die mir geben können, was du nicht kannst oder möchtest?"
"Was ... ich ... ja!"
"Wie genau stellst du dir das vor?"
Gibbli schnappte nach Luft. Was war denn das wieder für eine dämliche Frage?
"Halt, nein. Stopp! Ich seh' dich schon denken." Abyss schloss für einen Moment die Augen. "Stell es dir lieber nicht vor. Ich kann es mir nämlich selbst nicht vorstellen. Gibbli, das ist unmöglich. Ich kann andere Menschen nicht ausstehen! Denkst du im Ernst, ich würde mich vor jemandem ausziehen und meine Messer ablegen? Niemals! Dafür müsste ich ... vertrauen." Er beobachtete sie mit dieser vollkommenen Aufmerksamkeit, wie nur er es konnte.
Beinahe zerstreuten sich Gibblis Zweifel. "Bedeutet das ... du hast noch nie ... aber deine Geschichten ... all diese Frauen, die du verführt hast ..."
"Sind das, was sie sind. Geschichten", erwiderte er "Ich spielte diese Rollen, um dich zu provozieren. Damit du endlich offen mit mir sprichst. Nur Geschichten, Gibbli. Nichts weiter. Alles was ich sage und mache, tu ich nur für mich und für dich. Nur für uns beide."
"Uns?", wiederholte sie leise.
Abyss lehnte sich weiter nach vorne. "Für niemanden sonst."
Nicht ganz sicher, was sie davon halten sollte, lehnte sich Gibbli zurück. Ein kleiner Fischschwarm bildete sich auf einer Seite des MARM. Wie eine düstere Wolke zogen sie an den Fenstern vorbei.
"Gibbli", sagte Abyss leise, um ihre Aufmerksamkeit zurückzugewinnen.
Als könnten sie Gedanken übertragen, änderten die einzelnen Tiere alle gleichzeitig ihre Richtung. Diese Art von Bewegung fand Gibbli schon immer faszinierend. Sie wandte sich ihm wieder zu. "Das widerspricht deinen Taten, Abyss. Du bist gegangen."
"Und wieder gekommen."
"Und wieder gegangen!", rief sie zornig. Gibbli hatte dieses Lügen so satt!
"Doch nur, damit es dich so sehr mitnimmt, dass du es mir ins Gesicht schreist!"
Die Hälfte der kleinen Fische draußen verfärbte sich plötzlich schwarz, als sich ein langer Riss bildete. Steven umsteuerte ihn sofort. Der Schwarm schien regelrecht von dem neu gebildeten Nichts aufgefressen zu werden. Mittlerweile verstreuten sich die Gravtiationszeitöffnungen über den ganzen Ozean.
"Gibbli, ich werde dich nie alleine lassen. Ich wäre wieder gekommen. Denn dass ich dich jagen würde, war ernst gemeint. Außerdem wollte ich, dass du mir folgst, egal welche Gefahr für dich von mir ausgeht. Ich musste wissen, ob du das tun würdest. Das war mir wichtig."
Gibbli beobachtete den übrig gebliebenen Teil der Tiere. Die überlebenden Fische schreckten verwirrt in alle Richtungen davon. "Was muss ich tun, damit du endlich damit aufhörst, mich zu testen?", fragte sie leise.
Ein paar Sekunden blickte er sie einfach nur an, dann sagte er: "Akzeptieren, dass du es wert bist. Denn das bist du. Ich hätte dich nie mitgenommen, wärst du es nicht."
Ungläubig schüttelte sie den Kopf. "Das ist krank, Abyss. Du bist ein Idiot."
"Dann musst du mit diesem Idioten klar kommen. Denn du wirst mich nicht mehr los. Niemals."
Gibbli schwieg.
Er zögerte einen Moment, als wäre er sich seiner Worte nicht sicher, doch dann sagte er mit fester Stimme: "Okay. Ich höre damit auf. Dafür wirst du aufhören, mir zu misstrauen und aussprechen, was immer dir auf dem Herzen liegt. Was hältst du davon?"
War das ein weiterer Trick von ihm? Beinahe unbewusst schüttelte sie den Kopf.
Er strich über ihre Stirn und schob vorsichtig ein paar der hellbraunen Haare beiseite. "Du hast noch immer Angst vor mir. Dafür gibt es keinen Grund. Lass sie los. Jetzt."
"Und dann wirst du mich nicht mehr manipulieren?" Sie versuchte, seine Berührung zu ignorieren.
"Nein, Gibbli." Schon wieder war er ihr viel zu nah. "Ich werde dich immer manipulieren und beeinflussen. Genauso, wie du mich."
Sie spürte die abstrahlende Wärme seiner blassen Haut in ihrem Gesicht. Gibbli legte ihre Hände auf Abyss' Oberarme und wollte ihn wegdrücken. Doch er redete einfach weiter, als würde sie ihn nur festhalten.
"Ich kann dir nicht versprechen, dich niemals mehr zu verletzen. Ich werde immer wieder Dinge sagen, die dir nicht gefallen. Aber ich versichere dir, dass alles, was ich tue, nur zu deinem Besten ist." Er hielt inne. "Gibbli, ich schenke dir mein Vertrauen, wenn du mir dein's schenkst."
Ihre angespannten Arme, mit denen sie noch immer versuchte, ihn auf Abstand zu halten, wurden lockerer. Abyss vertraute niemandem. Niemals. Und er wollte es ihr schenken?
"Hey meine vertrauten Menschlein! Wir sind gleich da. Der geniale Oca hat es geschafft, euch heil durch das Todeslabyrinth der Nichtse zu manövrieren. Macht euch bereit."
Abyss Stirn berührte die ihre, als er flüsterte: "Vertraust du mir, Gibbli?"
"Ja."
Abyss ließ sie los. Kurz sah er sie an, dann stand er auf und griff nach seinem Mantel.
Eine Glaskuppel kam in der Ferne zum Vorschein. Sie schien intakt zu sein. Gibblis Blick strich über Abyss' Schultern, die sich erleichtert entspannten. Der Strich einer Narbe hob sich von der blassen Haut ab. Sie konnte einen Teil des letzten Buchstabens auf seinem Rücken erkennen. Der Rest ihres Namens lag verborgen unter dem ärmellosen Hemd.
"Abyss?", überwand sich Gibbli zu fragen, während sie eine Schnalle ihrer Werkzeugtasche fester zog.
Ein leichtes Ruckeln ging durch das U-Boot. Steven leitete den Andockvorgang des MARM ein.
"Hm?", fragte er, ohne sie anzublicken, und schlüpfte in die dunkelblauen Ärmel.
Gibbli schloss die Augen. "Sind wir noch Geschwister?" Als er nicht antwortete, öffnete sie ihre Augen wieder und blickte plötzlich direkt in sein lächelndes Gesicht.
"Natürlich. Wir waren nie was anderes."
 
"Langsam", murmelte Abyss etwas später. Die drei hatten gerade die Hütte des Mönchs betreten und schritten durch den Gang in Richtung des großen Hauptzimmers.
"Ich habe mich immer gefragt, wie du hier nur leben konntest." Ungläubig hob Steven zwischen Daumen und Zeigefinger einen verdreckten Stiefel an, der verkehrt herum auf einem mit Stuck verzierten Seitentisch lag. Angeekelt betrachtete er ihn. "Uahh, hier gehört dringend aufgeräumt."
Abyss riss ihm den Stiefel aus der Hand und stellte ihn, ebenfalls verkehrt herum, zurück auf den Tisch. "Wenn deine Finger hier auch nur noch ein Haar anfassen, dann brech ich sie dir alle einzeln und-"
"Du wärst überrascht, wenn du wüsstest, was meine perfekten Finger hier schon alles berührt haben."
Abyss' Augen verzogen sich zu Schlitzen.
"Was ist, Mensch? Das hier war immer wie ein Ersatzteillager für mich. Hier konnte ich holen, wenn ich was brauchte und keine Lust auf suchen hatte. Ocea ist riesig und der Mönch hat doch alles netterweise vom Meeresgrund geborgen und hier gesammelt. Danke übrigens, das war sehr nett von euch, ihr habt mir damit viel Arbeit erspart."
Abyss ballte die Hände zu Fäusten. Dann atmete er tief ein und schien es sich anders zu überlegen. Abrupt wandte er sich von ihm ab. "Hier stimmt was nicht. Jemand war oder ist noch immer hier."
Sie folgten ihm zur Öffnung des Hauptraumes.
"Bo?", fragte Gibbli überrascht, als sie um die Ecke bogen. Bo stand vor dem Kamin und stocherte in ein paar Zweigen herum, offenbar nicht so recht wissend, was sie damit anstellen sollte.
"Gibbli! Steven, Abyss! Oh, ich bin so froh, euch zu sehen!" Sie sprang auf, rannte auf sie zu und breitete ihre Arme aus. Dann fiel sie Gibbli um den Hals.
Unbehaglich wartete Gibbli, bis die blasshäutige Frau endlich von ihr abließ.
"Weißt du was?", fragte Bo.
"Was?" Vorsichtshalber trat Gibbli einen Schritt zurück, bevor Bo sie wieder berühren konnte.
"Ich weiß nicht, das war eine Frage, ich hab's vergessen. Seht ihr, ich bin ganz durcheinander."
Abyss zündete das Feuer an, wobei Bo ihn neugierig beobachtete. Gibbli machte es sich auf einem der gepolsterten Sessel direkt davor gemütlich. Eine angenehme Wärme ging von den Flammen aus.
"Warst du bei den Tiefseemenschen?", fragte Steven von einer Couch aus, auf der er zwischen altmodischen Kissen lag.
"Ja! Ich war dort!", berichtete Bo. Sie saß ihm gegenüber und gestikulierte aufgeregt mit ihren Händen in der Luft herum. "Nox und Esjay geht es gut. Aber ein großer Teil ihrer Städte ist zerstört. Diese Risse sind fast überall! Und die Tiefseemenschen wollten mich nicht aufnehmen. Das hier ist der einzige Ort, den ich sonst noch kenne, ich wusste nicht, wo ich hinsoll. Ich verstehe einfach nicht, warum Sky das gemacht hat. Hat er euch auch fortgeschickt?"
"Mich nicht, mich schickt niemand fort, oh nein, ich bin sehr beliebt, weißt du?", sagte der Oceaner hochnäsig.
"Ja, warum eigentlich?", fragte Abyss und blickte von der heißen Tasse Tee auf, die er für Gibbli gerade an einer Konsole eingoss.
"Warum?" Entrüstet streckte Steven die Brust heraus. "Weil ich einfach großartig bin und-"
"Nein, du Trottel, warum hat er dich nicht weggeschickt, aber uns alle ließ er gehen?" Abyss stellte die Tasse auf einen kleinen Tisch vor ihnen und holte sich eine eigene.
"Er mag mich eben." Steven zuckte mit den Schultern. "Das bedeutet, euch mag er nicht. Haha! Er hat mich viel lieber als euch."
"Warum soll er dich lieber mögen?", fragte Bo.
Steven setzte zu einer Antwort an. Gibbli war sich sicher, er zählte der Hybridenfrau Gründe auf, warum er sich für ach so toll hielt. Doch Gibbli hörte ihm nicht mehr zu. Sie zog eine bunt gemusterte Decke um sich und lehnte sich in ihren Sessel. Währenddessen beobachtete sie Abyss, der sich neben ihr vor den Flammen auf den Boden setzte. Seine hellblonden Haare spiegelten das orange-rötliche Licht des Feuers wieder. Und er starrte zurück.
"Du hast das nicht ernst gemeint", sagte Gibbli leise, ohne dass die anderen beiden es hören konnten. Sie hatte lange darüber nachgedacht. Das hier war eindeutig eingefädelt von ihm, das hatte er bereits zugegeben.
"Was genau denkst du, habe ich nicht ernst gemeint?", fragte er ebenso leise zurück.
"Dass du dich nicht zurückhalten kannst. Dass du ... über mich herfallen wirst. Ich glaube dir nicht."
"Du kennst die Antwort. Wie kommst du jetzt darauf?"
"Weil alles, was du sagst, einen Grund hat." Es war nicht Sky, der ihn überredet hatte zu gehen. Er wollte es selbst und hatte den Kapitän dazu gebracht, zu glauben, dass er ihn wegschickte, doch irgendetwas störte sie daran, Gibbli kam nicht darauf was. "Du hast dich immer unter Kontrolle. Du würdest sie nie verlieren, oder?"
"Würde ich das?", fragte er leise und hob die Augenbrauen. Ein drohender Unterton schwang in seiner Stimme mit. "Was ist, wenn ich entscheide, sie zu verlieren?" Er grinste, drehte sich um und starrte ins Feuer. Sein Gesicht wurde wieder ernst. "Das hab ich bereits getan. Mehrmals."
Die Stimmen von Bo und Steven drangen wieder an ihre Ohren, doch Gibbli versuchte, sie auszublenden.
"Wirst du deine Messer bei mir ablegen?", fragte sie leise, als er ein Holzscheit nahm, um ihn in den Ofen zu werfen.
Abyss verbrannte sich an den Flammen und fluchte auf. Er wandte sich Gibbli wieder zu und atmete laut aus. "Dazu wird es nicht kommen! Niemals. Das lasse ich nicht zu. Darüber reden wir, wenn du älter bist."
"Das meinte ich nicht so", gab Gibbli kühl zurück und fast hätte sie ihn wiederholt einen Idioten geschimpft. "Und nur zu deiner Information. Wann hast du das letzte Mal aus dem Fenster gesehen? Ich werde nicht mehr recht viel älter. Keiner von uns."
Er stützte beide Arme auf der Lehne ihres Sessels ab, legte seinen Kopf darauf und blickte sie durchdringlich an. Dann murmelte er: "Nur zu deiner Information. Das einzige Messer, das zählt, steckt seit einer halben Ewigkeit in deinem Stiefel."
Gibbli lachte. "Das sagst du doch nur, um zu bekommen, was du willst."
Er nickte. "Ja."
Sie nahm die heiße Tasse vom Tisch, um sich von seinen bohrenden Augen abzulenken.
"Ist schön, eine Schwester zu haben, die jede Frau umbringen will, der ich zufällig, ganz unabsichtlich natürlich, zu nahe komme. Das ist gut. Lass dich nur nicht aufhalten, dann muss ich das nämlich nicht tun."
Gibbli stieß schnaubend die Luft aus. "Wenn ich dir nicht gefolgt wäre, wärst du also zurückgekommen und hättest dir einen neuen Plan ausgedacht", sagte sie, um wieder auf das Thema zurückzukommen, und trank vorsichtig einen Schluck.
"Klar. Worauf willst du hinaus?"
Gibbli war sich nicht sicher. Irgendetwas passte nicht zusammen. "Du hast das also alles geplant. Aber denkst du, Sky hätte zugelassen, dass du zurückkommst, wenn ich dir nicht gefolgt wäre? Er wollte, dass du gehst. Ich dachte erst sogar, er hätte es dir eingeredet."
"Nun, ja. Möglicherweise denkt er das", sagte Abyss.
"Also hat er nicht dich überredet, sondern du ihn so manipuliert, dass er wollte, dass du gehst?"
Abyss schüttelte den Kopf. "Ich wünschte, ich könnte dir sagen, ja. Aber Sky lässt sich nicht manipulieren. Frag mich nicht, wie er das anstellt, ich hab keine Ahnung, aber irgendwie funktioniert das bei ihm nie. Es ist schon schwer, ihn überhaupt soweit zu bringen, dass er die Kontrolle verliert. Ich denke, seine Pläne haben sich zum Teil mit meinen gedeckt, was auch immer für Pläne in seinem kranken Hirn herumgeistern."
"Und das heißt was?", fragte sie.
"Das heißt, eigentlich wollte er sogar, dass ich dich mitnehme. Seltsam, oder? Obwohl er immer versucht hat, mich von dir fernzuhalten. Nicht, weil er mich mag, sondern weil er dich vor mir beschützen wollte. Seine Worte, nicht meine. Ich hingegen wollte aber, dass du mir selber folgst. Darum war er wohl nicht begeistert, als ich ohne dich-"
"Moment! Warte!", unterbrach Gibbli ihn. "Er wollte ... warum wollte er, dass ich ... die ... Mara ... auch verlasse ... Oh verdammt", murmelte sie. Plötzlich ergab alles einen Sinn. Beinahe wäre ihr der heiße Tee über die Finger geschwappt. Sie stellte die Tasse schnell auf den Tisch.
"Was ist?", fragte Bo und blickte auf. Auch Steven war verstummt.
"Sky", flüsterte Gibbli.
"Ja ...", Abyss tat so, als würde er nachdenken. "Dieser Name kommt mir bekannt vor. So ein mächtiger Kerl, mit Bart und schwarzen Dreads, der andere gern rumkommandiert?"
"Ja ... Und vergiss seine gruseligen Augen nicht, Mensch", fügte Steven hinzu.
"Er versucht, sein Versprechen zu halten!", rief Gibbli betroffen. "Er hat sich entschieden."
"Entschieden?" Bo beugte sich neugierig nach vorne.
"Für uns! Er hat das geplant. Er hat uns weggeschickt, um uns zu retten. Uns und den Rest der Welt. Sky hat uns nicht rausgeworfen, er hat uns weggeschickt, um ... um ..." Gibbli stockte der Atem.
"... sich selbst zu opfern." Abyss stieß entgeistert die Luft aus. "Na toll, schon wieder."
Bo hielt entsetzt eine Hand vor ihren Mund.
"Die Beben haben aber nicht aufgehört", sagte Steven. "Wir hätten es vorhin fast nicht geschafft anzudocken, ihr erinnert euch, vergessliche Menschen? Und das nicht nur, weil ein gewisser gigantischer Kerl hier nicht im Stande dazu ist, die Mechanismen der Schleusen ordentlich zu bedienen."
"Ja, weil Skys Plan nicht funktioniert", erwiderte Gibbli, bevor Abyss reagieren konnte. "Er braucht mehrere lebende Energien an Bord, um den Schild aufrecht zu halten und die Maschine der Mogbasis zusammen mit der Mara darin einzuschließen. Mindestens drei. Er wählte natürlich Jack. Ich nehme an, weil er denkt, als Führer sei er dazu verpflichtet. Sie beide sind das. Und", Gibbli wandte sich Steven zu, "dich. Er wählte dich." Das ergab Sinn. Der Oceaner hatte die Maschine gebaut, er war dafür verantwortlich, dass sie überhaupt existierte. Also wäre sein Opfer nur fair für Sky.
"Oh", sagte Steven. Dann entspannte er sich wieder. "Nein." Er lachte und schüttelte wissend den Kopf. "Das kann nicht sein."
"Wieso nicht?", fragte Bo.
"Du weißt, wie der Schild funktioniert, Steven!", sagte Gibbli, bevor er antworten konnte. "Warum bist du da nicht eher drauf gekommen?"
"Na weil das unmöglich ist", gab der Oceaner zurück, als wäre es selbstverständlich.
"Warum?", fragte Gibbli.
Steven blickte sie verständnislos an. "Na, das ist doch wohl klar, Mädchen. Sky würde mich nicht opfern, oh nein, niemals. Er mag mich. Jeder mag mich. Das würde ja außerdem bedeuten, er hätte mich gar nicht viel lieber als euch. Wie unsinnig."
Abyss schnaubte und fuhr sich mit den Händen über das Gesicht. Dann sagte er grimmig: "Niemand von uns wird überleben. Weder wir, noch Sky, noch die Menschen dort draußen. Das bedeutet ..."
"... wir müssen sofort zurück auf die Mara", vollendete Gibbli den Satz. Nur dann gab es eine Wahl. Nur dann gaben sie Sky die Möglichkeit, zu entscheiden. Nur dann würden die Menschen dort draußen eine Chance haben, zu überleben.


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Kapitel 23: Abyss verliert die Kontrolle (Bis in die tiefsten Abgründe)

Fassungslos ballte Gibbli die Hände zu Fäusten. Sie konnte nicht aufhören, seine Leiche anzustarren.
"Steven mag das nicht", flüsterte der Oceaner und richtete sich auf. Seine klare Stimme wurde lauter und überschlug sich dabei fast. "Steven mag das nicht, überhaupt nicht! MAG DAS NICHT!" Er hatte sich von Sky abgewandt und starrte stattdessen auf Jack, der sich langsam zu regen begann.
"Okay ... Okay. Wir müssen hier weg", murmelte Abyss wieder. "Auf die Mara. Bevor die Maschine endgültig auslöst. Wir sollten dann nicht hier sein."
Alles kam Gibbli so unwirklich vor.
"Kommt mit. Gibbli, Bo", versuchte Abyss, sie zum Gehen zu bewegen. Doch gleichzeitig machte er selbst keine Anstalten, sich zu rühren.
Und Gibbli starrte noch immer Sky an, den Steven vor ihren Füßen so unsanft abgelegt hatte. Langsam hob sie den Kopf. Bo stand ihr gegenüber, auf der anderen Seite der Leiche. Gibbli blickte sie an. Bo blickte zurück, mit ihren leuchtend orangen Augen. Minuten schienen zu vergehen, doch Gibbli wusste, dass es nur Sekunden waren.
"Was treibt ihr? Raus hier!" Er hörte sich nicht an, als würde er gehen wollen. Abyss drehte sich von Sky weg und stützte sich an einer Wand ab. "Wir sollten weg. Wir sollten ..."
Gibbli ahnte, was Bo dachte. Und sie dachte dasselbe.
"Ich muss das tun", flüsterte Bo.
Gibbli nickte. Und schon spürte sie, wie Bo anfing, ihre Energie freizugeben. Das Marahang begann stärker zu leuchten. Immer schneller drehte sich das Gerät. Gibbli wusste, dass das nicht gut ausgehen würde. Wenn die Hybridenfrau ihr Vorhaben vollendete, wäre sie tot. Das war so falsch! Verzweifelt betrachtete sie Bo, wollte sie gleichzeitig abhalten und unterstützen.
"Verdammte Scheiße!", knurrte Abyss irgendwo, scheinbar weit weg.
Dann kam Gibbli eine Idee. Sie war mit Bo über das Marahang verbunden. Es konnte also Energie aus ihr beziehen. Bo würde nicht sterben, sie würden ihre Lebenskraft teilen!
"So was sagt ein Kapitän nicht, oh, nein, nein, nein!", hallte Stevens helle Stimme in Gibblis Ohren wieder, während sie versuchte sich zu konzentrieren. "Was? Energie ... diese Energie, nein! Mädchen! Nicht! Das ist nicht ... nein! Hört auf! Nicht!" NEIN!
Wie ein Echo bohrte sich sein letztes Wort durch ihren Kopf. Plötzlich sah sie alles doppelt. Gibbli schloss die Augen. Es musste funktionieren! Und dann spürte sie es. Ja! Es fühlte sich an, als würde einem die Luft aus der Lunge gezogen werden, mehr Luft, als darin überhaupt Platz hatte. Ein Stück ihrer selbst, lebendige Energie. Schwindel überkam sie. Etwas zog immer und immer weiter. Und dann hörte es plötzlich auf. Gibbli riss die Augen auf und kippte nach vorne. Bevor sie auf den Kapitän fallen konnte, hielten zwei große Hände sie fest, so sackte nur ihr Kopf nach unten.
Das hier war nicht der Tod. Sie lebte. Sie spürte, wie neue Energie in ihre Adern strömte, als würde ihr Körper den Verlust bereits ausgleichen. Aus den Augenwinkeln bemerkte sie Jack, der düster dreinblickend an eine Wand gelehnt saß und scheinbar noch nicht ganz bei Sinnen zu ihnen herüber starrte. Und da war Bo, die am Boden kniete, auf der anderen Seite Skys.
Neben der blauhäutigen Frau hockte Steven, der sie gepackt hielt und leise auf sie einsprach. Einer seiner Arme umschlang ihren Oberkörper, der andere stützte ihren blassen Kopf. Bo lebte. Bo atmete.
Ihr Blick glitt weiter am Boden entlang. Da lag er. Noch immer.
"Gibbli", hörte sie Abyss' Stimme irgendwo ganz nah.
Hatte es funktioniert? Erst jetzt merkte sie, dass sie gar nicht mehr standen. Langsam kehrte ihr Tastsinn zurück. Gibbli spürte Abyss' warmen Körper an ihrem Rücken. Sein Atem strich über die Seite ihrer Stirn.
"Gibbli", wiederholte er flüsternd, direkt neben ihrem Kopf. "Siehst du das?"
Sie sah es. Das Hemd unter der Uniform spannte sich an. Nur ganz leicht. Die Brust darunter hob sich. Langsam. Und sank wieder nach unten. Kaum sichtbar. Er atmete!
Ihre Mundwinkel zogen sich nach oben. Er lebte!
Und dann, ganz langsam, bewegten sich seine Lippen. "Du hättest sie aufhalten müssen, Abyss", durchdrang die raue Stimme die Basis der Mog.
Stevens Gemurmel verstummte. "Unmöglich", flüsterte er fasziniert.
Skys schwarze Implantate starrten offen an die Decke. "Sie wären fast gestorben. Wegen mir."
"Du bist ja auch der Kapitän", sagte Abyss leise. Er drückte Gibbli noch fester an sich.
"Wenigstens das. Es war ... etwas unheimlich."
Unheimlich? Gibbli kroch ein Schauer über den Rücken. Hatte Sky wirklich gesehen, was danach kam? Hatte der Kapitän tatsächlich einen Einblick erhascht, wie es weiter ging? Das war Wahnsinn!
"Tot sein ist also unheimlich?", sprach Abyss die Frage aus, die Gibbli im Kopf umher schwirrte. Sie fühlte sich noch viel zu schwach, um ihre Stimme zu benutzen.
"Nein", antwortete Sky und schloss erschöpft die Augen. "Dass du Kapitän sein sollst. Mir dich in Uniform vorzustellen war ... in der Tat etwas gruselig."
Gibbli lachte.
"Hm, Idiot", murmelte Abyss.
"Wir kehren zurück auf die Mara", befahl Sky entschlossen, nachdem er sich aufgerichtet hatte. Dann wandte er sich an Bo. "Du nicht."
"Was?", fragte die blasshäutige Frau verwirrt.
Steven, der noch immer hinter ihr stand, runzelte die Stirn.
"Du hast mich verstanden."
"Sky, ich verstehe nicht, was meinst du damit?", fragte Bo.
"Du wirst nicht bei uns bleiben. Du wirst die Mara nie wieder betreten."
"Bist du irre?", fuhr Abyss ihn an.
"Nein, aber du bist es, du hättest sie aufhalten sollen!"
"Sie hat dir dein verficktes Leben gerettet!"
"Ich habe sie nicht darum gebeten!"
Stille breitete sich in der Basis aus. Alle starrten ihn fassungslos an.
"Sie hätte sterben können und Gibbli mit ihr. Dass sie ihr eigenes Leben riskiert, kann ich nicht verhindern, aber das von jemand anderem ..."
"Das war meine Entscheidung", warf Gibbli leise ein.
"Halt den Mund!", fuhr der Kapitän sie an.
"Sky, bist du's wirklich?"
"Abyss, wenn Gibbli meinetwegen gestorben wäre, hättest du mir das nie verziehen."
"Ich ... sie ... sie ist es nicht!"
Der Kapitän starrte ihn eine Weile an. "Ganz genau. Du kannst sie übrigens jetzt loslassen, sie ist okay." Mit düsterem Blick betrachtete er Abyss' Hände, die noch immer Gibbli von hinten umklammerten. "Und Bo verschwindet."
 
Gibbli konnte nicht glauben, dass Bo tatsächlich fort war. Gedankenversunken blickte sie an den Pflanzen der Galerie vorbei nach draußen aus dem großen Frontfenster, über Sky hinweg. Dort unten in der Zentrale saß er, der Mann, der mit seiner kranken Einstellung zur Gerechtigkeit alle zur Verzweiflung trieb. Der Mann, von dem Gibbli gedacht hatte, dass er nie log und jetzt hatte er Bo fortgeschickt. Einfach so. Der Kapitän ließ die Steuerung los. Jack saß neben ihm und sprach leise auf ihn ein. Sky hatte das U-Boot in einiger Entfernung von der Mog Basis in eine Senke am Meeresgrund manövriert. Um sie herum brodelte das heiße Wasser und tausende von winzigen Luftblasen strömten aus dem schlammigen Boden nach oben. Es wäre ein wunderschöner Anblick gewesen. Doch Gibbli nahm das Naturschauspiel kaum wahr. Für einen Moment dachte sie an Steven. Er saß im hinteren Bereich der Zentrale auf dem runden Tisch. Die Kugel schwebte über seinem Kopf und der Oceaner schien darauf irgendetwas zu suchen. Gibbli hatte einige Zeit zugesehen, wie seine Berechnungen kreuz und quer durch den Nebel im Inneren flogen, gefolgt von bildhaften Szenarien, welche das Ergebnis darstellen sollten. Er versuchte, den Schild irgendwie zu modulieren, um daraus etwas zu bauen, was seine Maschine aufhalten könnte. Doch bisher funktionierte nichts davon. Außerdem war es sowieso viel zu spät. Ihnen blieb noch ein Tag, im besten Fall zwei. Offensichtlich hatte Skys Eingriff zwar alles etwas durcheinandergebracht, die Maschine jedoch nicht gestoppt. Gibbli drehte sich um und trat an den Pflanzen vorbei durch einen Durchgang. Abyss hatte sich schon wieder mit dem Kapitän gestritten. Ob es dabei um Bo ging oder um sie, hatte Gibbli nicht richtig mitbekommen. Aber sie wusste, dass er in seiner alten Kapsel hockte. Er hatte sich darin verkrochen, seit sie zurück auf der Mara waren und weigerte sich, herauszukommen. Schon zwei Mal hatte er Gibbli davon gejagt. Und noch immer schien er niemanden sehen zu wollen.
"Abyss?", fragte sie vorsichtig und betrat die Kapsel.
"Lass mich allein", knurrte er.
Das würde sie nicht tun. Es reichte! Er konnte das doch nicht alles so hinnehmen, er gab nie auf! Das passte nicht zu ihm. "Abyss, denkst du, Sky wird es einfach so passieren lassen?"
Er warf ihr einen düsteren Blick zu. "Frag ihn doch." Es schien ihn überhaupt nicht zu interessieren, dass entweder sie oder die Welt dort draußen bald nicht mehr existieren würden.
Gibbli nahm einen tiefen Atemzug. Abyss wusste genau, dass sie sich das nicht traute. Nicht, wenn Jack dabei stand. Und er stand immer dabei. Dazu kam noch, dass Sky sich richtig kalt verhielt, seit er von den Toten auferstanden war. Gibbli konnte es ihm nicht übel nehmen, in Anbetracht dessen, dass der Landmenschenführer ständig versuchte, seine Aufmerksamkeit zu erregen und ihm einzureden, dass er dazu verpflichtet wäre die Menschen zu retten, indem er seine Crew opferte. Dennoch, Skys Vorgehen, was Bo betraf, verstand sie nicht. Und Abyss offensichtlich auch nicht. Wahrscheinlich war es gut, dass er sich hier verkroch, so würde er wenigstens nicht mit Sky und Jack aneinandergeraten.
Abyss zog sich hoch und trat auf sie zu. Sie schluckte und lehnte sich an eine Wand in der kaputten Tauchkapsel.
"Du solltest jetzt wirklich besser gehen. Bitte", sagte er leise und einer seiner Finger zeigte bedrohlich auf den Eingang.
Sie wollte sich nicht schon wieder verjagen lassen. "Abyss, wir könnten Bo suchen und versuchen Sky zu-"
"Es geht nicht um Bo", unterbrach er sie.
"Dann sag mir doch wenigstens, was ich falsch gemacht habe!"
Er ließ sich vor ihr auf seine Knie fallen. Sein Gesicht war jetzt näher an dem ihren, doch es kam Gibbli nicht mehr so vor, als würde er von oben herab mit ihr sprechen. "Du hast nichts falsch gemacht", gab Abyss zurück. Er legte eine Hand auf ihre Schulter.
"Aber warum darf ich dann nicht bei dir sein? Warum bist du so abweisend?", fragte sie und versuchte, die aufsteigende Angst seiner Berührung zu vertreiben.
"Geh von mir weg", flüsterte er. Gleichzeitig spürte sie, wie sein Griff an ihrer Schulter fester wurde.
Gibbli schüttelte den Kopf. "Nein."
Abyss schnaufte betrübt aus. "Du musst, Gibbli." Sie spürte seinen warmen Atem im Gesicht, als er noch näher auf sie zu kam. Er wirkte erschöpft.
"Warum?", fragte sie wieder. So fest, wie seine Finger ihre Schulter gegen die Wand gedrückt hielt, hätte sie gar nicht mehr gehen können.
Abyss hob seinen anderen Arm und fuhr mit der Hand vorsichtig über ihre Schläfen. "Ich muss weg. Verstehst du?"
"Wo gehen wir hin?"
"Nicht wir."
"Nein. Du wirst nicht schon wieder ... du gehst nicht ohne mich!"
Ohne Vorwarnung überbrückte er den Abstand zwischen ihnen. Bevor sie weiter sprechen konnte, berührten seine Lippen die ihren. Gibbli erstarrte. Sie hätte sich nicht bewegen können, selbst wenn er nicht ihren Kopf festgehalten hätte. Ihr ganzer Körper schien plötzlich zu brennen.
Geschockt starrte sie ihn an, als er plötzlich ein paar Zentimeter zurückwich. Schnell wandte er sich von ihr ab und fuhr mit der Hand durch seine hellen Haare.
"Tut mir leid", flüsterte Abyss.
Gibbli war nicht in der Lage etwas zu erwidern. Ihre Finger verkrampften sich.
Abyss drehte sich wieder um. "Nein, ich lüge. Es tut mir nicht leid", sagte er, während er sich erneut auf den Knien niederließ, ihre Schultern packte und sie behutsam schüttelte. "Aber verstehst du jetzt?"
Panik stieg in ihr hoch. Sie wollte wieder nach dem Warum fragen. Wieso tat er das? Er wollte fort? Mit aufgerissenen Augen starrte sie ihn einfach nur an. Abyss schüttelte leicht den Kopf, als würde er ihre Gedanken lesen.
"Ich weiß doch, dass es falsch ist, Gibbli."
Was tat er mit ihr? Für einen Moment tauchte Djegos braun gebranntes Gesicht in ihren Gedanken auf und Gibbli drückte seinen dummen Lockenkopf beiseite. Abyss durfte hier nicht raus!
"Aber ich bin nicht Sky. Ich bin nicht jemand, der das Richtige tut. Ich mache, was ich will und ich bekomme, was ich will. Etwas anderes akzeptiere ich nicht, es geht nicht. Ich kämpfe darum, bis zum Tod."
Noch immer fehlten ihr die Worte. Zitternd presste sie sich an die Wand der Kapsel, während seine Finger sich weiter in ihre Schultern gruben.
"Ich würde dich jagen Gibbli, das weißt du."
Sie wusste es. Ihre Gedanken rasten wie glühende Lava durch sie hindurch. Halt, was genau wusste sie? Seine grauen Augen ließen sie alles vergessen. Welche Gedanken überhaupt? Sie konnte keine mehr klar erfassen. Abyss' Finger drückten sich auf ihre Haut. Es brannte. Er war zu nah. Viel zu nah. Aber es war okay, oder? Es war doch ... er. Er durfte nicht fort!
"Fürchtest du dich vor mir?", fragte er ruhig.
Gleich würde sie schmelzen. Sie versuchte, den Kopf zu schütteln, doch nicht einmal das gelang ihr richtig.
"Das solltest du", sagte er leise. "Denn ich bin nicht in der Lage, dir zu versprechen, dass ich das nie wieder mache. Ich würde es tun. Immer wieder. Darum solltest du dich von mir fernhalten."
Nervös schluckte sie.
"Hast du das verstanden?"
Sie öffnete den Mund und schloss ihn wieder.
"Gibbli?"
Er war doch ihr Bruder! Lautlos formten ihre Lippen das letzte Wort.
"Ja", sagte Abyss leise. "Ja ... ich bin ... Nein, Gibbli, das bin ich nicht und du weißt, das war ich nie."
"Aber du sagtest ... du ..." Ihre Stimme klang kaum hörbar.
"Ja. Ja verdammt! Ich sage, was andere hören wollen, um sie zu manipulieren, okay? Das bedeutet nicht, dass ich dir schaden wollte. Ich wollte dein Vertrauen. Darum sagte ich das. Ich will nur, dass es dir gut geht, dafür würde ich alles tun. Aber wenn ich weiter in deiner Nähe bin, dann wird es dir nicht mehr lange gut geh'n. Verstehst du das?"
"Abyss ..." Alle Kraft schien sie zu verlassen.
"Hey, ich ... ich tu dir nicht weh. Das würde ich niemals. Aber jede Sekunde in der ich dich sehe, fällt es mir schwerer, nicht über dich herzufallen. Und ich bin mir nicht sicher, wie lange ich es noch schaffe, mich zurückzuhalten. Nur ein kleiner Schubs. Wenn Jack wieder oder irgendjemand ... Nein Gibbli, das lasse ich nicht zu." Er hielt kurz inne. "Ich gehe jetzt, okay?"
Nein, das war nicht okay!
"Und ich werde nicht, ich kann nicht zurückkommen. Nie mehr."
Gibbli fühlte, wie ihre Beine leicht wegsackten. Das hielt sie nicht aus. Nie mehr. Diese Worte fühlten sich an, als würde eines seiner Messer mitten durch sie hindurch fahren.
"Bitte, lauf mir nicht nach. Ich will, ich darf dich nie wieder seh'n! Verstehst du das?"
Warum stellte er ihr immer wieder diese Frage? Sie konnte sich nicht mehr halten.
"Hey." Abyss packte sie, hielt sie fest und sackte mit ihr zu Boden. "Ich musste das tun." Vorsichtig drückte er ihren Kopf an seine Brust, wo sie wie erstarrt durch ihren offenen Mund atmete. "Ich hätte das nicht tun dürfen, aber ich muss, okay? Ich muss", flüsterte er immer wieder und strich über ihre Haare.
 
Eine raue Stimme drang in Gibblis Ohren: "Sag mir, was geschehen ist."
Mit starren Liedern realisierte sie aus den Augenwinkeln, dass Sky vor ihnen hockte. Noch immer hatte sie ihren Kopf an Abyss' Brust vergraben, wo er sie fest umklammert hielt. Noch immer hörte sie sein Flüstern. "Ich hätte das nicht tun dürfen. Ich hätte das nicht tun dürfen."
Und Gibbli fühlte sich wie versteinert. Sie war sich sicher, wenn sie sich bewegte, dann würde sie zerbrechen und zu Staub zerfallen.
"Abyss?", fragte der Kapitän besorgt.
"Es ist zu spät. Ich hätte das nicht-" Abyss verstummte mitten im Satz. "Sky", sagte er dann tonlos.
Für einige Sekunden war es still. Sky schien zu warten, doch es kam nichts mehr.
"Sky", flüsterte Abyss schließlich wieder.
"Ja?", fragte Sky ruhig.
Wieder schienen einige Sekunden zu verstreichen, dann hörte Gibbli Abyss' Stimme erneut: "Ich hab Mist gebaut."
"Sag mir, was geschehen ist", forderte der Kapitän ihn zum wiederholten Mal auf.
"Ich ... nichts. Ich ... ich weiß es nicht. Ich weiß es nicht, Sky."
Sky streckte vorsichtig eine Hand nach ihm aus. "Abyss, du erdrückst sie", sagte er ruhig. "Wie wäre es, wenn du Gibbli jetzt loslässt?"
"Nein. Nein!", rief Abyss sofort und Gibbli spürte, wie sein Griff fester wurde. "Ich will nicht." Und noch einmal flüsterte er: "Ich will nicht."
"Ruhig. Schon gut." Sky fuhr sich mit beiden Händen über das Gesicht. "Dann ... dann rede wenigstens mit mir. Ihr ... sitzt hier bereits länger."
Abyss nickte.
"Sag mir wie lange."
"Eine Stunde. Zwei? Fünf? Keine Ahnung."
"Okay. Gut. Und jetzt sagst du mir genau, was passiert ist."
Abyss öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Sky schien abzuwarten.
"Sky", flüsterte Abyss nach einer Weile erneut.
"Ich bin hier", gab der Kapitän leise zurück.
"Sky."
"Ich bin hier, Abyss", wiederholte er beruhigend.
"Ich wollte das nicht. Jack hat ... und sie wäre ... und du ...", Abyss brach ab.
"Er ist ein Monster."
Abyss schnaubte. "ICH bin das Monster! Wie kannst du damit einfach so ... Ich wollte nicht ... es ... ich ... ich hab die Kontrolle verloren."
"Nein, hast du nicht."
"Hab ich nicht", wiederholte Abyss Skys Worte.
"Es hätte nie passieren dürfen. Aber ich kann es nicht rückgängig machen, Abyss."
"Nein, kannst du nicht. Du hättest mich aufhalten müssen! Ich hätte das nie ... ich würd's wieder tun, Sky. Das darf nicht getan werden. Es ist falsch. Warum lässt du ihn hier sein? Wie kannst du ... wie hältst du das aus?" Der Tonfall, mit dem er sich immer weiter hineingesteigert hatte, sackte zu einem verzweifelten Flüstern ab. "Warum lässt du mich hier sein?"
"Dich trifft keine Schuld."
"Wie oft willst du mir das noch einreden?"
"Bis du es glaubst. Das habe ich dir damals auf dem Planeten der Mog schon gesagt und immer wieder. Und du wirst nie etwas anderes von mir hören. Du hast das gut gemacht!"
"Nein! Das war nicht gut. Das war krank! Und jetzt auch noch das mit dem Jungen! Sie ist völlig ... nein, ich bin ... ich ... Ich hasse euch! Ist es das, was ihr Eliteheinis tut? Ist das normal für euch?"
"Abyss, du hast nach meinem Befehl gehandelt!"
"Weißt du, was sie mich gefragt hat?", sagte Abyss leise. "Gibbli hat mich gefragt, ob sich Menschen weh tun, die zusammen sind."
Der Kapitän fuhr sich mit den Händen durch die Haare.
"Tun sie das, Sky? Tun sie das?"
"Nein! Natürlich nicht!", rief Sky eindringlich.
Für eine Weile herrschte Stille und Gibbli wünschte sich, Abyss würde wieder irgendetwas sagen, einfach nur um seine Stimme zu hören, um zu wissen, dass er noch da war. Sie realisierte gar nicht, über was sie eigentlich sprachen. Es hatte keine Bedeutung. Es war nicht der Kuss, welcher sie so geschockt hatte. Er wollte gehen. Wieder. Erst nahm er sie mit, spielte ihr vor, er wäre ein Freund, ihr Bruder! Und jetzt ließ er sie zurück. Wieder.
"Ich hätt's auch getan, wenn du nicht zugestimmt hättest", sagte Abyss dumpf.
Für einen Moment schwieg der Kapitän. Dann sagte er leise: "Ich weiß."
"Ich liebe sie."
"Ich weiß."
"Sky ... Sky?"
"Ich bin hier."
"Ich wollte nicht ... dich ... Sky?"
"Ich bin hier, Abyss", wiederholte er noch einmal die Worte.
"Es tut mir so leid", flüsterte Abyss kaum hörbar.
Stille breitete sich in der alten Tauchkapsel aus.
"Abyss, bitte erzähle mir jetzt, was passiert ist", verlangte der Kapitän nach einer Weile wieder. "Was hast du getan?"
"Gar nichts. Ich ... Sky du ... ich werd's wieder tun, verstehst du das? Du musst mich ...", begann Abyss und brach ab. Sein Griff um Gibbli lockerte sich etwas.
"Wirst du nicht. Sag mir, was ich muss."
"Du musst ... Ich ... Sky ... ich hab ..."
"Abyss", flüsterte Sky, "hast du sie verletzt?"
Abyss schüttelte den Kopf. "Aber ich werde! Sky, sie ist doch meine kleine Schwester! Was, wenn er ... wenn Jack einen Weg findet oder ... wenn ich ... ich verliere die Kontrolle, Sky. Du musst ... Siehst du nicht? Es hat schon begonnen! Ich schaffe es nicht! Und sie wird es nicht verkraften, erst recht nicht nachdem dieser dämliche Junge ... Nein ... Ich hab dir gesagt ... Ich ... warum willst du überhaupt, dass ich ... Nein! Ich kann das nicht, ich würde ... Ich will ihr nicht ... Scheißdreck! Lass mich in Ruhe, Sky! Hier."
Gibbli spürte, wie es plötzlich kälter wurde. Sie wollte es verhindern, zurück in die Wärme, doch sie schaffte nicht, sich zu bewegen.
Sky streckte überrascht die Hände aus. "Abyss was-"
Und dann lag sie in den Armen des Kapitäns. Sie hörte, wie Abyss aufstand.
"Warte! Wo gehst du hin?", fragte Sky scharf.
Abyss blieb stehen. "Du musst ... Halt mich von ihr fern. Bitte", sagte er, ohne sich umzudrehen.
"Abyss!", rief Sky und drückte Gibbli an sich. "Bleib stehen! Abyss! Verflucht!"
 
Gibbli lehnte mit dem Kopf regungslos an einem der goldenen Rohre. Sie saß am Boden vor dem MARM. Nicht weit von ihr standen drei Gestalten, direkt mitten im Durchgang zur Zentrale.
"Warum hast du ihn weggeschickt? Du machst alles kaputt!", rief Steven aufgebracht. "Du machst sie kaputt! Mein Mädchen."
"Steven, bitte."
"Diese dumme Göre sollte ebenfalls nicht hier sein", sagte Jack an Sky gewandt. Er stand etwas abseits an die Wand gelehnt.
"Wie hast du mein Mädchen genannt?"
"Gibbli kann nichts dafür", gab der Kapitän zurück.
Jack, bedacht darauf, nicht direkt zu Steven zu sprechen, blickte den Kapitän wütend an. "Sky, sie ist an allem schuld! Sie und dieses ... etwas von ... was auch immer er ist."
"Nein, nein, nein, so sprichst du nicht über uns!" Steven legte den Kopf schief und trat einen Schritt auf Jack zu.
"Steven", Sky ruckte warnend mit dem Kopf. "Fang du nicht auch noch an!"
"Ach, jemand muss das aber machen, ihn hast du ja weggeschickt!"
"Ohne die beiden wäre das hier alles nie geschehen!", sagte Jack wieder. "Sky, sie gehören nicht hierher! Er und dieses kleine Miststück sind daran schuld, wenn diese Welt auseinanderbricht!"
"Du gehst zu weit, Mensch, oh ja!"
"Schweig Jack!", rief der Kapitän und stellte sich zwischen Steven und Jack. "Und du", er wandte sich dem Oceaner zu und legte die Hände auf seine nackte Brust, "halte dich zurück. Wir haben eine Abmachung. Niemand von euch berührt ihn."
"Er hat uns beleidigt! Er hat mein Mädchen beleidigt!"
"Das sind nur Worte, Steven!", sprach er eindringlich auf ihn ein.
Die Augen zu Schlitzen verzogen, starrte er an Sky vorbei auf Jack, der noch immer an der Wand lehnte und von Steven keine Notiz nahm. "Du kannst mich nicht aufhalten, oh nein. Das weißt du, Kapitän."
"Das ist mir bewusst. Aber du wirst es nicht tun, weil ich es dir befehle. Du wolltest zur Crew gehören, du hast es dir ausgesucht, also tu was ich sage und beruhige dich. Wir brauchen ihn."
Wofür? Wofür brauchten sie ihn eigentlich?, fragte sich Gibbli, die das Gespräch nur mäßig interessiert verfolgte. Sie brauchte Abyss. Niemanden sonst. Doch der war ja wieder einmal weg.
Steven schnaufte genervt aus, hatte sich aber anscheinend etwas beruhigt. Sky ließ langsam seine Arme sinken.
"Glückwunsch", sagte Jack. "Wenigstens hast du ihn unter Kontrolle. Im Gegensatz zu diesem Muskelklops von Bleichgesicht, der nicht mal-"
Sky drehte sich um und schlug zu. Gibbli verzog keine Miene, hob jedoch jetzt etwas mehr interessiert den Kopf. Jack stöhnte auf und rutschte von der Wand ab.
"Ups", sagte der Kapitän tonlos, ganz nebenbei, als wäre es ein Versehen gewesen.
Jack richtete sich zähnefletschend auf. Doch als er in Skys Waffe blickte, hielt er inne.
"Das ist nicht fair", murmelte Steven. "Ich will auch!" Gleichzeitig trat er belustigt einen Schritt zurück. Flüchtig sah er zu Gibbli herüber, die sich jetzt langsam hochzog und die drei ausdruckslos betrachtete.
Jack nickte kurz, ohne Skys Waffe zu beachten. Dann fing er unbeeindruckt an zu grinsen. "Dieser Abgrund von Kerl hat keinen guten Einfluss auf dich, mein Freund. Aber wenigstens bringt dich das dazu, mich zu berühren."
Die Starre in Gibblis Kopf löste sich ein wenig, als Sky auf ihn zustürzte. Noch immer mit dem Strahler in einer Hand, packte er Jack und drückte ihn gegen die Wand.
"Noch ein Wort über Abyss und ich werde dich so durchlöchern, dass nichts mehr von dir übrig bleibt!" Der Kapitän hielt inne, um seinem Befehl Nachdruck zu verleihen. "Du hältst dich von meiner Crew fern, auch in deinen Gedanken!" Er schubste Jack beiseite, wandte sich von ihm ab und hielt sich erschöpft am Rahmen des Durchgangs fest.
"War das der Grund, Sky? Warum du ihn nicht aufgehalten hast? Um die beiden Menschlein voneinander fernzuhalten?"
"Du hast keine Ahnung!", fuhr der Kapitän Steven an. "Verschwindet. Beide! Lasst mich ... haut ab, ich will meine Ruhe!" Er ließ den Kopf hängen und taumelte einen Schritt nach vorne. "Wenigstens ein paar Minuten. Okay? Bitte. Geht, verflucht!" Dann verschwand er in der Zentrale.
Düster starrte Gibbli ihm nach. Plötzlich verspürte sie einen Ruck und eine gefährliche Absicht ergriff von ihr Besitz. "Warte!", rief sie.
Das war ihre Chance, Sky allein zu sprechen. Er war in einer verdammt miesen Laune und wahrscheinlich würde er sie sowieso nur böse anknurren, aber sie musste ihn zur Rede stellen. Jetzt oder nie! Wütend rannte sie dem Kapitän hinterher, vorbei an dem zufrieden dreinblickenden Jack und an Steven, der sie verdutzt musterte.


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Miniaturcomic ANTARES Seite 3 (Skizzen/Lines/WIPs)

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miniaturcomic auf kakaokarten von sockenzombie - seite 3 (antares)

Storyboard und Vorskizze von Seite 3

miniaturcomic auf kakaokarten von sockenzombie - seite 3 (antares)

Lines von Seite 3 (gezeichnet mit Bleistift und Copic Multiliner SP)

miniaturcomic auf kakaokarten von sockenzombie - seite 3 (antares)

WIP von Seite 3 (graue Copics, Neocolor II und Farbstifte)

miniaturcomic auf kakaokarten von sockenzombie - seite 3 (antares)

Größere Version / Scan von Seite 3

 

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Fertige Karte (6,4cm x 8,9cm)

 

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Miniaturcomic ANTARES Seite 2 (Skizzen/Lines/WIPs)

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miniaturcomic auf kakaokarten von sockenzombie - seite 2 (antares)

Storyboard und Vorskizze von Seite 2

miniaturcomic auf kakaokarten von sockenzombie - seite 2 (antares)

Lines von Seite 2 (gezeichnet mit Copic Multiliner SP)

miniaturcomic auf kakaokarten von sockenzombie - seite 2 (antares)

WIP von Seite 2 (graue Copics, Neocolor II und Farbstifte)

miniaturcomic auf kakaokarten von sockenzombie - seite 2 (antares)

Größere Version / Scan von Seite 2

 

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Fertige Karte (6,4cm x 8,9cm)

 

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Miniaturcomic ANTARES Seite 1 (Vorzeichnungen/WIPs, Material und Ergebnis)

Zum Comic: ANTARES - Miniaturcomic auf ATC

miniaturcomic auf kakaokarten von sockenzombie - seite 1 (antares)

Oben könnt ihr die Vorlage des Storyboards sehen. Für die erste "Seite" hatte ich anfangs noch ein anderes Bild vorgesehen, das Antares a und b zeigt. Da ein Abbild der beiden Sterne aber später noch in einem kleinen Ausschnitt einer späteren Karte vorkommt und im Grunde für die Story entbehrlich ist, dachte ich mir, ich schreib den Titel gleich auf die zweite Karte. Damit komme ich aktuell auf nur noch 36 geplante Bilder.

Das komplette Storyboard findet ihr hier (Achtung Story-Spoiler): Storyboard und Skizzen: Entstehungsprozess des Miniaturcomics "Antares" auf Artist Trading Cards

miniaturcomic auf kakaokarten von sockenzombie - seite 1 (antares)

Für die Lines habe ich Copic Multiliner SP verwendet. Die Zeichnungen in der Stärke 0,03 und für Texte / Sprechblasen 0,1.

miniaturcomic auf kakaokarten von sockenzombie - seite 1 (antares)

Normal arbeite ich hauptsächlich mit Farben auf Wasserbasis, allerdings verwende ich für diesen Comic ein sehr dünnes Papier, da man durch Aquarellpapier nicht so gut durchsieht, wenn ich mir die Vorskizzen drunter lege. Jede Art von Wasserfarbe würde sich darauf wellen. Darum musste ich das Material leider etwas einschränken.

Zunächst zeichne ich mit kalten Grautönen (Copic Marker) die ersten Schatten. Anschließend benutze ich Farbstifte (Albrecht Dürer von Faber Castell). Für mich sind diese eher ungewohnt und ich mag die Struktur nicht so, die damit entsteht. Darum habe ich meine Wachsmalkreiden wieder ausgepackt (Neocolor II) und mit diesen die Farben noch etwas verstärkt und verfeinert. Eigentlich verwende ich die auch oft mit Wasser zusammen, aber das muss ich dieses Mal leider weglassen und direkt ohne Pinsel zeichnen. Zum Aufhellen einiger Stellen verwendete ich außerdem meinen weißen POSCA Marker.

miniaturcomic auf kakaokarten von sockenzombie - seite 1 (antares)

Ich überlege, ob ich ggf. später irgendwann noch den per Hand geschriebenen Text in den Sprechblasen austausche. Ich habe versucht, ordentlich zu schreiben, dennoch fällt mir das etwas schwer, hoffe aber, dass es einigermaßen leserlich ist. Hier ein größeres Bild vom Scan:

miniaturcomic auf kakaokarten von sockenzombie - seite 1 (antares)

Da ich wahrscheinlich Auflagen davon drucken werde, habe ich für den Verschnitt in der Druckerei an den Rändern beim Zeichnen jeweils drei mm hinzugerechnet (7,0cm x 9,5cm). Die kommen dann natürlich noch weg.

Die fertige Karte ist viel kleiner als der oben abgebildete Scan, da es sich um eine Artist Trading Card handelt. Das bedeutet, dass ich auch im Original so winzig zeichne und nichts digial verkleinere.

Nachfolgend die fertige Karte (6,4cm x 8,9cm):

miniaturcomic auf kakaokarten von sockenzombie - seite 1 (antares)

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Kapitel 22: Die Maschine (Bis in die tiefsten Abgründe)

Gibbli hatte es sich auf der schrägen Sitzfläche in der alten Tauchkapsel des Mönchs gemütlich gemacht. Durch die gerissenen Scheiben drang das helle Licht der Sonnenstücke herein. Kaum vorstellbar, dass sie mit diesem Ding einst in den tiefen Graben nahe Noko hinabgetaucht waren, um die Mara zu bergen. Und jetzt lag die Kapsel hier, kaputt, in ihrem Hangar. Sie funktionierte zwar nicht mehr, gab aber ein gutes Versteck ab. Gibbli dachte an Bo. Die Hybridenfrau tat ihr Leid. Sie hatte sich verändert. Jedenfalls zum Teil. Es gab Momente, da schien sie die alte zu sein. Doch sie trug ihre Maske nicht mehr. Ihre Augen erschienen noch warm, aber ihre Worte ernster seit Samanthas Tod. Bo war stark, sie kam damit klar.
Abyss lehnte sich gegen die aufgeschraubten Konsolen. Einige Kabel hingen aus ihnen heraus. Er sah aus, als überlegte er gerade, welches Körperteil er ihrem erzwungenen Gast als erstes abhacken würde.
"Ich glaube, wir haben keine Axt an Bord", sagte Gibbli kühl.
Abyss grinste. "Hm ... du könntest mir eine bauen."
"Mir bitte auch", murmelte plötzlich eine raue Stimme.
Gibbli blickte erstaunt auf, als Sky sich in die Tauchkapsel zog und dann erschöpft an einer Wand zu Boden glitt.
Abyss kniff die Augen zusammen. "Hey, wenn du hier bist, wer steuert dann die Mara?"
"Steven. Bo ist bei ihm."
Der Kapitän hatte befohlen, dass niemand alleine im Schiff herum lief, so lange Jack sich an Bord befand. Doch seine Vorsichtsmaßnahme erwies sich als unnötig. Denn der einzige, der von Jack verfolgt wurde, war Sky selbst.
"Du überlässt ihm das Steuer? Ernsthaft? Diesem goldenen Dreck-" Abyss brach mitten im Wort ab und seine Aufmerksamkeit wanderte auf das lange Ding, das von Skys Finger baumelte. Es schillerte in gelblich gefärbter Fischhaut, mit der ein Teil des Bandes überzogen war. "Ähm ... was hast du da?"
Der Kapitän hob seine Hand und betrachtete es überrascht. "Oh verflucht", murmelte er und ließ das Ding angeekelt fallen, als hätte er sich daran verbrannt.
Abyss runzelte die Stirn. "Der gehört Jack." Er lachte schnaubend "Wann hast du ... Wie?"
Sky ließ seinen Kopf sinken und rieb mit beiden Händen über sein Gesicht. "Ich habe keine Ahnung."
Abyss versuchte angestrengt, sein Grinsen zu verbergen. "Du hast echt seinen Gürtel geklaut!", sagte er ungläubig.
"Erzählt ihm das bloß nicht", gab Sky müde zurück. "Ich will mir nicht vorstellen, wie er darauf reagieren würde."
"Während er ihn trug?"
Sky lehnte sich an die gebogene Wand und schwieg. Für einen Moment schloss er die Augen, als würde er die Ruhe vor Jack genießen.
Abyss öffnete den Mund.
Doch Sky kam ihm zuvor: "Nein, Abyss", sagte er mit noch immer geschlossenen Augen. "Ich werde nicht seine Unterhose stehlen."
Abyss schloss den Mund wieder.
"Nur ein Wort von dir, Kapitän", sagte er nach einer Weile ernst. "Nur ein einziges und ich mach es. Ich erledige ihn. Ich erwürge ihn damit." Abyss deutete auf den Gürtel.
Sky warf ihm einen kurzen Blick zu und schüttelte leicht den Kopf.
Abyss riss sich ein Haar aus und hielt es dem Kapitän vor die Nase. "Ich könnte das hier auf seine Uniform schmuggeln, was meinst du?"
"Ich meine, dass du dann gegen die Abmachung verstößt." Seufzend wandte er sich Gibbli zu und musterte sie prüfend. "Bist du okay?"
"Ja", antwortete sie leise.
Sky nickte und lehnte sich wieder zurück. "Gut. Das ist gut."
"Sky?", sagte Abyss nach einer Weile.
"Mh."
"Und wenn ich ihn anzünde? Darf ich ihn anzünden?"
Der Kapitän schüttelte den Kopf. "Das geht nicht."
"Doch. Mit altmodischen Streichhölzern und etwas Schwarzpulver, ist ganz leicht."
Gibblis linker Mundwinkel zuckte, als sie Abyss' Blick auffing.
"Nein", knurrte der Kapitän.
"Aber er ist widerlich! Komm schon, ich zünde ihn an, ich schlag ihm die scheiß Fresse ein!"
"Sei etwas netter, Abyss."
"Wie wäre es damit, Kapitän:", tönte plötzlich eine helle Stimme durch die Kapsel und Steven kroch herein, "Ich greife ihm unsanft mit meiner perfekten Faust in sein unästhetisches Gesicht?"
Stutzig blickte Gibbli auf, als Abyss nichts erwiderte. "Sollten jetzt keine Widerworte von dir kommen?", fragte sie. "Du widersprichst ihm doch sonst immer."
Abyss zuckte mit den Schultern. "Nein, wieso? Das hörte sich überaus reizend an, was das Goldmännchen sagte. Lass uns Jacks Antlitz liquidieren zu bildhübscher, roter Matschpampe. Hört sich das netter an, Sky?"
"Mich grauste immer vor dem Tag, wenn ihr einer Meinung seid", murmelte Sky. "Was machst du überhaupt hier, Steven? Du solltest bei Bo in der Zentrale bleiben und die Mara steuern!"
"Hatte keine Lust mehr. Das ist langweilig."
Der Kapitän schien zu müde, um ihn zurechtzuweisen. Er holte genervt Luft und verließ die Kapsel.
 
Die Maguna Quellen lagen auf halber Strecke zwischen der Meeresakademie und der Hauptstadt Mooks. Dort, verborgen unter heißen Wasserströmungen, befand sich Steven nach die Spionagebasis der Mog. Abyss hatte seinen Mantel ausgezogen und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Skys Hemd klebte nass an seinem Körper. Sogar Gibbli war ein wenig warm. Bo und dem Oceaner schien die Hitze überhaupt nichts auszumachen. Gibbli stand am Fenster und betrachtete in Gedanken versunken einen gigantischen Schwarm Cans, der an ihnen vorbeizog. Die wilden Geschöpfe trugen weder Gestelle noch darin enthaltene Nachrichten und wirkten verspielt.
"Nein Bo, wir behalten sie nicht und ich lasse sie sicher nicht alle an Bord", sagte Sky leise, als ahnte er, was die Hybridenfrau gerade dachte.
Bo folgte fasziniert den Bewegungen der Cans, als diese außer Sicht verschwanden.
"Ach, aber der Schwachkopf darf hier an Bord schlafen?", warf Abyss ein.
"Ich schlafe nicht", gab Steven zurück.
"Ich meinte nicht dich", sagte Abyss leise.
Er presste die Zähne aufeinander und funkelte Jack giftig an. Doch Jack hielt sich stur an die Abmachung und ignorierte bis auf Sky jeden aus der Crew. Gibbli betrachtete eine blinkende Konsole, die eine Warnmeldung wegen der Hitze abgab. Steven hatte die Temperatur im Inneren der Mara soweit herunter geregelt wie möglich. Mit Buchstaben konnte sie zwar noch nichts anfangen, aber mittlerweile war Gibbli dazu im Stande, die Zahlen der oceanischen Sprache ganz gut zu entziffern. Das Außenthermometer zeigte über 300 °C an einigen Stellen des Bodens. Erfrieren würden sie hier wahrscheinlich nicht.
"Wie praktisch, dass wir zwei lebende Kühlschränke an Bord haben", sagte Jack zufrieden. Er saß mit verschränkten Armen neben Sky.
Abyss ballte seine Hände zu Fäusten, sagte jedoch nichts. Der Kapitän ignorierte Jack. Seine Finger umklammerten die Steuerhebel, während er düster und mit steinerner Miene nach vorne blickte. Draußen, wo das kochende Wasser aus dem Boden auf die kühlen Strömungen traf, stieg schwarzer Rauch empor. Die feinen Partikel schlängelten sich durch das Licht der Scheinwerfer und trübten die Sicht am großen Frontfenster. Sky hatte das Steuer wieder übernommen und bugsierte sie sicher durch die Quellen, der Route des Oceaners folgend. Es war Gibbli ein Rätsel, wie Steven wissen konnte, wo sie sich befanden. Doch schließlich sendete er ein Signal nach draußen und direkt unter ihnen öffnete sich der Meeresboden. Sky navigierte sie durch einen gebogenen Tunnel hindurch. Das Geräusch von arbeitenden Maschinen durchdrang die Zentrale, abgedämpft durch das Wasser. Es war kein richtiger Schall, sondern Frequenzen anderer Ebenen, die ungehindert durch den Schutzschild dringen konnten. Am Ende des Tunnels tauchten sie auf und gemeinsam verließen sie das U-Boot.
 
Bis auf das ausfüllende Becken der Anlegestelle war die Basis recht klein und bestand lediglich aus einem Raum. Hinter ihnen trieb die Mara und schaukelte leicht in den Wellen auf und ab. Die Luft roch abgestanden und modrig. Gibbli blickte sich um, als Steven die Beleuchtung einschaltete. Das blaugrüne Licht ließ die Umgebung jedoch nicht viel gemütlicher erscheinen. In der schummrigen Luft waren kaum mehr als schwache Umrisse zu erkennen. Dunkle Schatten ihrer eigenen Körper bedeckten den gläsernen Boden. Entlang an den Wänden und Decken verliefen schwarze Rohre. In einigen bildeten sich bereits Risse. Dampf trat aus und verflüchtigte sich in der stickigen Halle. Abyss half Bo dabei, eine mitgebrachte Festluftflasche langsam abzulassen, damit der Raum sich mit genügend frischem Sauerstoff füllte. Die Mog hatten zwar das Wasser abgelassen, aber nicht darauf geachtet, Filter einzubauen. Sie benötigten keine Luft zum Atmen. Bo prüfte die Werte auf einem mitgebrachten Messgerät. Gibbli erkannte, dass es sich um einen medizinischen Sensor der Oceaner handelte. Steven musste ihr gezeigt haben, wie er funktionierte.
Dicht gefolgt von Jack, trat Sky auf ein Podest zu. Dieses dominierte den gesamten Raum. Darauf stand die Maschine, etwa in der Mitte der Basis. Gibbli folgte dem Blick des Kapitäns. Das Gebilde war etwa so hoch wie sie selbst. Kleine Zahnräder drehten sich hinter gläsernen Scheiben. An den Rändern befanden sich seltsame Öffnungen zwischen Schläuchen. Diese Löcher wirkten so ähnlich wie die Raumzeitgravitationsrisse. Es gab Sensoren, die aussahen, als würden sie Wellen verschiedener Frequenzen aussenden oder empfangen.
"Stopp, Kapitän. Nicht näher, Mädchen!" Steven tippte etwas in eine Tastatur, die zwischen zwei Rohren an einer Außenwand der Basis angebracht war.
Helle Strahlen entflammten plötzlich in bläulichem Licht. Abyss und Bo blickten auf. Gibbli wich einen Schritt zurück. Um die Maschine herum bildete sich in einigen Metern Entfernung eine runde Kuppel. Wie es aussah, gab es absolut keine Möglichkeit, die Vorrichtung im Inneren überhaupt auch nur zu berühren.
"Jetzt ist es sichtbar." Der Oceaner trat wieder zu ihnen.
"Und wie kommen wir da durch?", fragte Abyss und kam ebenfalls näher heran.
"Gar nicht, Mensch."
"Dann schießen wir die Maschine da drin doch einfach weg! Ich spreng das Teil von hier."
"Tss, zwecklos. Denkst du, daran hätte ich nicht gedacht? Keine Materie wird auf diese Art bis zur Vorrichtung gelangen. Sie wird verlangsamt. Dieses Feld ist unauflösbar. Ich habe es in einer für die Mog nicht zugänglichen Ebene verankert. Und jeder, der den Schild durchschreitet, stirbt. Ganz einfach. Ja, ja, ganz simpel."
"Du kannst es nicht von hier aus gemacht haben." Gibbli trat an das Bedienfeld heran, durch das der Oceaner die Schildoberfläche zum Leuchten gebracht hatte. Sie stellte fest, dass es weder eine Zeitschaltung noch eine Verbindung nach innen gab.
"Was hast du wie gemacht?", fragte Bo.
"Mit einem Schalter. Ein Knopfdruck. Oh ja, Steven kann gut Köpfe drücken. Ich meinte Knöpfe. Ach egal, Knöpfe, Köpfe, Gehirne, ist doch alles das gleiche."
Gibbli nickte genervt. "Aber nicht von hier. Sonst könntest du sie auch von hier aus abschalten."
"Natürlich nicht, Mädchen. Wozu auch? Sie sollte ja nie abgeschaltet werden können."
"Du hast sie also von innen eingeschaltet. Du warst dort drin. Das bedeutet, du kannst den Schutzschild durchqueren", schloss Sky.
"So schlau, so schlau. Ja, das seid ihr. Aber nicht schlau genug. Jeder kann hindurch. Hindurchlaufen und Sterben und Tanzen und Springen und was ihr wollt. Nur nicht in dieser Reihenfolge."
Gibbli beobachtete, wie Jack einen Finger ausstreckte, um die Hülle des Schildes zu berühren. Abyss musterte ihn mit abfälliger Miene. Es leuchtete kurz auf und kleine Blitze fuhren hindurch. Doch sonst passierte nichts. Jack zog den Finger wieder zurück.
"Na schön. Ich gehe rein", sagte Sky.
"Nein!", schrie Steven und packte ihn am Arm.
"Wenn es einen Grund gibt, warum nicht, dann rede endlich! Wir müssen sie abschalten!"
"Das sagte ich bereits Kapitän. Wer hindurch geht, stirbt."
"Du bist nicht gestorben! Ich will wissen, warum."
"Ein Schalter Sky, darum. Ja. Genau. Ich drückte nur einen einzigen Knopf, um die Maschine einzuschalten. Den dort hinten." Steven deutete durch den Schild hindurch zur Maschine hin und zog seinen Arm dann wieder heraus.
Auf einer Seite der Vorrichtung konnte Gibbli ein Kontrollpult erkennen. Ein Hebel befand sich über dem Display und kleine Schalter darum herum verteilt.
"Man stirbt nicht sofort, oh nein. Der Schutz ist raumübergreifend, eine Kugel. Ihr seht nur die leuchtende Hülle davon, aber er besteht voluminös im Inneren. Und er zögert bei organischen Verbindungen. Diese Verzögerung baute ich ein, um sie einzuschalten. Aber nicht, um sie wieder auszuschalten."
"Wie lange?", fragte Abyss.
"Ein paar Sekunden, nicht länger. Das schaffst du nicht Mensch. Okay, gut, möglich, dass es klappt, aber unwahrscheinlich. Und derjenige, der dort drin ist, wird dem Schild zu lange ausgesetzt sein. Oh ja, das Abschalten benötigt Zeit, mehr als das Anschalten. Jemand müsste den Hebel dort oben hinabdrücken und dann auf der Konsole die Vorrichtung herunterfahren. Das dauert um einiges länger als ein paar Sekunden. Der Hebel muss gerdrückt bleiben, während man die anderen einzeln abschaltet. Ich könnte die Strecke überbrücken, indem ich mich in die Ebene der Mog verschiebe. Aber das Bedienen der Vorrichtung selbst muss hier erfolgen, in dieser Ebene. Nicht einmal ich würde das überleben."
"Aber es ist möglich", stellte Sky fest.
Steven schüttelte den Kopf. "Hört doch auf Steven! Ich bin ein Genie! Selbst wenn man es schnell genug schaffen würde, was, wie ich bereits sagte, unwahrscheinlich ist, derjenige würde mit Sicherheit diese Welt verlassen."
"Es ist möglich", wiederholte Sky. Langsam drehte er sich um. "Deine Aufgabe, Jack."
Jack kniff die Augen zusammen, überrascht, so direkt von Sky angesprochen zu werden. Dann schüttelte er den Kopf. "Nein, sicher nicht. Ich bin oberster Anführer der Landmenschen."
"Ein aufgeblasener Wichtigtuer, der verzweifelt dem Kapitän seiner größten Feinde hinterherrennt, trifft es eher", fuhr Abyss ihn an.
Doch Jack ignorierte ihn, gemäß der Abmachung mit dem Kapitän. "Sky, ich gebe Befehle. Ich werde gebraucht. Mein Volk braucht mich! Jemand anderes sollte das tun."
"Mit jemand anderes bin dann wohl ich gemeint", gab Sky zurück, wandte sich wieder der Maschine zu und verschränkte die Arme. "Andere Ideen? Irgendjemand?"
Gibbli spürte auf einmal, wie jemand sie von hinten packte. Erschrocken stieß sie die Luft aus.
"Hey!", brüllte Abyss.
"Lass sie los!", schrie Bo.
"Keiner rührt sich!", rief Jack.
Steven grinste nur und bewegte sich nicht von der Konsole weg. Abyss zog sein Messer, doch Sky umschloss blitzschnell sein Handgelenk, um ihn aufzuhalten. Er raunte ihm etwas zu, woraufhin Abyss sein Messer sinken ließ. Gibblis Atem beschleunigte sich. Das durfte er nicht! Jack stand viel zu nahe hinter ihr!
"Mache keinen Fehler, Jack", sagte der Kapitän ruhig und hob beide Arme.
Gibbli wollte ihn treten, ihn schlagen, ihre Zähne in seine Haut rammen, in das eklige Fleisch, das sie fest umklammerte. Doch stattdessen stand sie nur da, erstarrt vor Schreck.
"Keinen Fehler? Sky, ich meinte nicht dich! Die Maschine muss abgeschaltet werden! Aber weder du, noch ich, sollten hierfür unser Leben geben! Sie soll es tun", sagte Jack. "Sie ist kein Mensch, sie gehört nicht hier her, sie ist Schuld an allem!"
Sky, der eben noch Jack gemustert hatte, ließ seinen Blick sinken. Und Gibbli sah auf, in sein Gesicht. Er fixierte sie mit den unheimlichen Implantaten.
"Gibbli", sagte Sky leise.
War das eine Zustimmung? Sollte sie es tun? Dort hinein gehen? Sie würde es sofort, wenn der Kapitän es befahl und wenn Jack sie dann endlich losließ. Doch je länger Sky sie musterte, desto mehr hatte sie das Gefühl, dass der Kapitän etwas anderes von ihr erwartete.
"Sky!", murmelte Abyss ungeduldig hinter ihm. Doch der Kapitän schüttelte kaum sichtbar den Kopf. Währenddessen ließ er Gibbli nicht aus den Augen, als wollte er ihr etwas sagen.
"Stopp, er kommt nicht näher, oder ich schubse sie in den Schild! Noch habe ich sie nicht verletzt. Ich habe die Vereinbarung nicht gebrochen und ich habe es auch nicht vor. Aber sie sollte es tun. Sky, sie ist kein Verlust für die Menschheit. Sie muss es machen!"
Der Kapitän starrte direkt in ihre Augen. Plötzlich begriff Gibbli. Sie schlug unvermittelt mit ihrem Stiefel in Jacks Schienbein. Er keuchte auf, für einen Moment lockerten sich seine Finger. Das nutzte sie. Schnell zog Gibbli ein Werkzeug aus ihrer Tasche hervor, wirbelte herum und schlug mit aller Kraft auf den Flottenführer ein. Überrascht taumelte er nach hinten und krallte sich an einem Rohr fest. Gibbli wich schnell einen Schritt von ihm weg, als er einen Arm nach ihr ausstreckte. Währenddessen eilte Sky an ihr vorbei. Er entriss ihr im Gehen den großen Schraubenschlüssel und schlug damit gegen Jacks Schädel. Benommen kippte dieser zur Seite und blieb dann am Boden liegen.
"Ein Anführer schickt seine Leute nicht in den Tod, Jack", sagte Sky leise zu seinem reglosen Körper. "Und das hier ist nicht Gibblis Schuld. Es ist deine. Und Stevens. Und damit auch meine."
Außer Atem starrte Gibbli den Flottenführer an. "Ist er ... ist er ..."
Bo trat mit ihrem Messgerät heran, kniete sich in einigem Abstand neben ihn und scannte seine Werte. "Nein. Er ist nur bewusstlos."
"Ich hab ihn nicht berührt", flüsterte Gibbli schnell. "Mein Schraubenschlüssel war das, ich hab deine Vereinbarung nicht gebrochen, er hat mich angefasst, nicht ich ihn, ich habe-"
"Gibbli", unterbrach Sky sie. Er drehte sich ihr langsam zu. "Du hast ja doch etwas von mir gelernt. Gut gemacht." Er warf ihr den Schraubenschlüssel zu. Dann trat er an ihr vorbei an den Schutzschild der Kugel heran.
Gibblis Mundwinkel zogen sich kaum merklich nach oben. Ihr Blick traf den von Abyss, der erleichtert zurücklächelte. Währenddessen stand Steven scheinbar gelangweilt ein paar Schritte hinter ihm.
"Ich mache es", sagte der Kapitän plötzlich mit fester Stimme und alle drehten sich zu ihm.
"Das darfst du nicht!", rief Bo sofort und sprang auf.
"Abyss, komm her", befahl Sky.
"Kapitän, das ist ein sinnloses Opfer", sagte Steven.
"Wir überlegen uns etwas anderes", meinte Bo.
"Wir gehen auf die Mara und dehnen die Schilde über die Maschine hinweg aus", schlug Gibbli vor. Es mussten sich sowieso mehrere Personen an Bord befinden, damit es funktionierte.
"Was?" Steven schüttelte wild den Kopf. "Nein, nein, nein, nein! Nicht mein Boot!"
"Nicht meine Crew. Im Übrigen ist die Mara mein U-Boot und jetzt schweigt, ich möchte sie nicht zerstören! Abyss, komm her."
"Aber dich?", fragte Abyss leise, "Sky, tu das nicht ... du ..."
"Verflucht, jetzt mach schon!"
Langsam setzte er sich in Bewegung und trat auf den Kapitän zu. Sky hob beide Arme und legte sie auf seine Schultern.
"Und jetzt?", fragte Abyss, als wäre der Kapitän völlig verrückt.
Sky schwieg für einen Moment und blickte ihn nur eindringlich an. Gibbli schluckte nervös. Die Sekunden schienen sich zu endlosen Minuten auszudehnen.
"Hey, falls du vorhast, mich jetzt zu küssen, dann ramme ich dir mein Messer in den Bauch", knurrte Abyss.
Der Kapitän lachte kurz, dann wurde seine Miene wieder ernst. "Abyss." Er legte eine Hand auf seine Wange. "Ich ernenne dich hiermit zum Kapitän der Mara."
Abyss packte ihn ungläubig am Arm. "Was ... nein Mann, Sky was ... das kannst du nicht ... Ich kann das nicht!"
"Du wirst deine Rolle gut spielen."
"Aber es bleibt eine Rolle!"
"Darin bist du doch perfekt. Ich kenne niemanden, der das besser hinbekommen würde. Falls ich es nicht schaffe die Maschine abzuschalten, trägst du die Verantwortung. Bring sie auf das U-Boot. Rette sie. Rette meine Crew."
"Sky ..."
"Ich muss es wenigstens versucht haben. Ich verlasse mich auf dich." Ohne ein weiteres Wort von Abyss abzuwarten, wandte er sich von ihm ab. Kurz blieb sein Blick an Gibbli und Bo hängen. Dann nickte er Steven zu und trat durch die leuchtende Hülle in die Kugel hinein.
Abyss öffnete ungläubig den Mund.
Gibblis Augen weiteten sich.
"Nein", hauchte Bo.
Steven schloss resignierend die Augen.
Sie beobachteten, wie Sky mit aller Kraft gegen Schmerzen anzukämpfen schien, nachdem er in das Feld eingetaucht war. Er setzte langsam einen Schritt vor den anderen, scheinbar unter großer Anstrengung. Der Kapitän taumelte leicht, doch seine Beine trugen ihn bis zur Konsole. Seine Finger umschlossen zuckend den Hebel der Maschine. Gibbli verfolgte gebannt, wie er sich ein Stück bewegte. Ein winziges Stück nur. Ganz langsam rastete er endlich am Ende ein. Sky sackte nach unten, doch er hielt sich am Hebel fest, während er zwei weitere Schalter drückte. Dann glitt seine Hand ab. Er stürzte zu Boden, zuckend, seine Augen weit offen.
Sky hatte es nicht geschafft.
Geschockt blickten sie auf ihren Kapitän. Das konnte nicht wahr sein. Das durfte nicht wahr sein! Das hier war nicht echt. Sicher träumte Gibbli wieder. Bestimmt. Doch Gibbli schlief nicht. Sie spürte, wie Abyss sich ihr näherte, fühlte seine Wärme direkt hinter ihr.
"Wir müssen hier weg", murmelte er.
"Wir können ihn nicht dort liegen lassen!", rief Bo.
Irritiert beobachtete Gibbli, wie im Inneren der Kuppel kleine Roboter auf den Kapitän zu tuckerten. Waren das Greifarme und Besen an ihrer Seite?
"Hol ihn da raus", sagte Bo tonlos.
Steven presste die Lippen zu einem schmalen Strich zusammen.
"Hol ihn raus!", schrie sie wieder an Steven gewandt.
Der Oceaner zuckte mit den Schultern. Dann zog er das Gerät aus seiner schillernden Hose, mit dem er durch Wände gehen konnte. Seine Finger lösten es aus. Gibbli beobachtete gebannt, wie er langsam mit seiner Umgebung verschmolz und vor ihren Augen beinahe unsichtbar wurde. Lediglich ein weißlicher Nebel blieb zurück. Dieser schien den Raum widerzuspiegeln. Der weiße Schleier, der sich auf Sky zubewegte, erinnerte Gibbli an einen Mog. Dann wurde Steven wieder sichtbar. Er stieß einen der Roboter beiseite, der sich an Sky zu schaffen gemacht hatte und schliff den leblosen Körper mit sich. Eine zweite Maschine verfolgte ihn und fuhr den Boden wischend hinter ihm her bis zum Rand der Schutzvorrichtung. Sie tauchten hindurch.
Steven ließ ihren ehemaligen Kapitän vor ihnen fallen. Dann fiel er selbst auf alle viere und rang angestrengt nach Luft. "Was?", fragte er, als er ihre ungläubigen Gesichter erblickte.
Abyss nickte ablehnend zu den Robotern hin.
"Na, ich kann doch da drin nicht putzen. Wer soll denn die ganzen ekligen Leichen wegmachen, wenn sich Eindringlinge hereinschleichen? Niemand beschmutzt meine wunderschöne Maschine!" Er verstummte und rollte sich auf den Rücken. Dann schloss er für einen Moment die Augen und stöhnte erschöpft auf.
"Er hat angefangen, wenn ich jetzt reingehe und-"
"Sinnlos", rief der Oceaner vom Boden aus.
"Du hast mir gar nichts zu sagen! Ich bin jetzt der Kapitän!", fuhr Abyss ihn an. "Ich bin ... ich ..." Er schien die Idee aufzugeben.
"Du weißt, dass es nicht geht. Du würdest es ebenfalls nicht lebend rausschaffen", sagte Steven leise. "Der Hebel ist bereits in seine Ausgangsstellung zurückgefahren."
Gibbli spürte eine Träne über ihr Gesicht laufen. Sky war tatsächlich tot.


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