Kapitel 5: Die Strafe (Bis in die tiefsten Ozeane)

Leises Tropfen durchdrang die Stille und Gibbli schnappte nach Luft. Die drei Gestalten in ihrem Kopf begannen sich aufzulösen. Sie hatte wieder geträumt. Einen dieser klaren Träume, die sich so sehr von den anderen unterschieden. Nur dieses Mal war es gar nicht so schlimm gewesen. Es handelte sich nicht um den einen Alptraum. Da war ein dunkelblauer Tiefseemensch und eine Hybridenfrau. Langsam wurde ihr klar, dass sie nicht im Körper dieses Menschenmädchens steckte, mit den zwei blonden Zöpfen und der Ponyfrisur. Sie besaß keine Sommersprossen und ihre Haut war nicht so blass, wie die von Samantha. Sie war Gibbli, mit ihren unbän­digen, hellbraunen Haaren und einer dunklen Haut im selben Farbton. Und sie befand sich auf der Meeresakademie.
Am Boden des Tunnels hatten sich einige Pfützen gebildet. Schnell sprang Gibbli hoch. Sie durfte nicht träumen, nicht jetzt. Das Wasser spritzte zu ihren Füßen auf, als sie durch die Lachen hindurch hastete. Die hohe Luftfeuchtigkeit in diesem Gebiet war typisch. Sie rannte durch einen Gang und an einer Abzweigung vorbei, die zu den Gewächshauskuppeln führte. Ein modriger Geruch stach in ihre Nase. Das laute Dröhnen der Röhren hörte sich noch bedrohlicher an, als sonst.
Es war Montag und der Unterricht hatte vor fünf Minuten begonnen. Doch Gibbli stand nicht im Klassenzimmer für den fortgeschrittenen Energiekurs. Sie hatte auch nicht ihr Früh­stück im Versammlungsraum mit den anderen Schülern zu sich genommen. Stattdessen lief sie schnell atmend an einem Sauerstofftank vorbei. Immer wieder sah sie sich um. Somal und Kor hatten sie gemeldet und sie hatte die Nacht damit verbracht, immer wieder zu flüchten, sich zu verstecken und nicht einzuschlafen. Es gab nur eine Möglichkeit: Sie musste hier verschwinden, die Akademie verlassen. Abhauen.
Gibbli wollte nicht darüber nachdenken, was man mit ihr machen würde, wenn man sie erwischte. Die Meeresakademie war kein Spielplatz. Sie lag streng in der Hand der drei Direk­toren. Und die Schüler-Aufsicht verfolgte sie. Sir Brummer hatte zwar nicht die Macht über die U-Boot Flotten oder an­dere militärische Einrichtungen der Akademie, doch die Auf­sicht war eine Gruppe von Soldaten, die dem schulischen Di­rektor persönlich unterstanden. Gibbli war ihnen schon zwei Mal nur knapp entwischt. Sie standen nicht unweit des Zu­gangs zum verbotenen Archiv, das sie vor ein paar Stunden wegen dem anderen Einbrecher fluchtartig verlassen hatte. Das zweite Mal lauerten sie ihr vor ihrem eigenen Quartier auf, aus dem Gibbli ein paar persönliche Gegenstände holen wollte. Sie musste schleunigst eines der Rettungsbote errei­chen. Es handelte sich dabei um kleine Tauchkapseln, verteilt auf die gesamte Schule. Wenn sie eine davon stahl, konnte sie der Aufsicht vielleicht entkommen.
Sie sah Brummers Soldaten nicht, spürte aber, dass sie ih­nen nur wenige Meter voraus war. Noch eine Schleuse, dachte sie verzweifelt.
Die Tür vor ihr öffnete sich automatisch und für Gibblis Geschmack viel zu langsam. Sie zwängte sich hindurch und erblickte am Ende des Ganges einen Mann in Kampfmontur, die er unter seinem Taucheranzug trug. Er wirkte schlank, dennoch durchtrainiert und auf eine gewisse Art autoritär. Der Mann trat wie jemand auf, der nicht nur sämtliche Mus­keln seine Körpers, sondern jede Situation fest in seiner Kon­trolle wusste. Seine schwarzen Dreadlocks bildeten einen Streifen auf seinem Kopf. Er hatte sie nach hinten gebunden und die dunklen, runden Gläser einer Art Sonnenbrille bedeck­ten sein Gesicht. Gibbli erkannte, dass er soeben einen Fuß in die Tauchkapsel setzte, während er einen abweisenden Blick über seine Schulter warf, um zu sehen, wer ihn störte. In der Kapsel befand sich zudem eine große Holzkiste mit Rädern, die er irgendwie in sie hinein gezwängt hatte. Auf der Kiste lag sein Tauchhelm. So ein Mist!
Sie musste zurück in einen anderen Gang mit einer ande­ren Kapsel. Doch ein Zurück gab es nicht. Sie würde diesen verdammten Soldaten direkt in die Arme laufen.
Dann erkannte Gibbli ihn. Jeder kannte ihn. Er war be­rühmt und wurde von allen nur Sky genannt. Sky war kein Lehrer. Er gehörte zu den Soldaten. Nicht zur Schüleraufsicht von Sir Brummer, sondern zur richtigen Elite, zur U-Boot Flot­te von Direktor Jack. Als zweiter Mann der militärischen Ein­heiten trug er die Verantwortung für rund 200 Boote und de­ren Besatzungsmitglieder. Allerdings unterschied ihn etwas von den anderen. Er besaß ein Geheimnis. Und Gibbli kannte es. Das war ihre Chance, sie musste es riskieren! Es blieb ihr keine Wahl, als sich dazu zu überwinden, den Mund aufzu­machen.
„Warte!“, rief sie ihm im Rennen zu.
Sky zögerte zunächst, drehte sich dann jedoch um. Gibbli kam ein paar Meter vor ihm zum stehen und sah ihn nervös an. „Du bist Flottenführer, du befehligst einen Teil der U-Boot Flotte der MA“, sagte Gibbli und musste dabei all ihren Mut zusammen nehmen. Das Sprechen mit anderen Menschen ge­hörte nicht zu ihren Stärken.
„War“, berichtigte er sie schroff.
„Ich hab dich gesehen! Heute Nacht!“, rief sie und wünschte sich gleichzeitig im Boden zu versinken. Sicher würde er sie falsch verstehen, schoss es ihr durch den Kopf, aber sie zwang sich dazu, weiter zu sprechen. „Du warst im verbotenen Ar­chiv.“
Er blickte sie misstrauisch an, soweit man das erkennen konnte. Denn Sky trug immer seine Sonnenbrille. Es gab das schreckliche Gerücht, dass er gar keine Augen besaß.
„Du weißt ganz schön viel.“ Er stieg aus der Kapsel und kam langsam auf Gibbli zu.
„Du hast die Karte gestohlen!“, rutschte es ihr heraus und am liebsten hätte sie sich auf die Zunge gebissen.
„Zu viel.“ Im nächsten Augenblick hatte er seine Waffe ge­zogen und richtete sie direkt auf Gibblis Herz.
Verdammt! Nicht gut! Hätte sie nur nichts gesagt! Ich bin doch so blöd, dachte sie. Wie kam sie dazu, einen Flottenfüh­rer des Diebstahls zu bezichtigen? Wie kam sie überhaupt dazu mit jemandem seines Standes zu reden? Er würde sie er­schießen! Mit einem lauten Knall, Peng! Einfach so. Er würde sie umbringen.
Skys Arm sank langsam nach unten. „Aber wir wissen bei­de, dass du das niemandem verrätst. Denn dann müsstest du zugeben, dass auch du dort unten warst. Im Übrigen habe ich mir die Metallscheibe geborgt, nicht gestohlen.“
Fassungslos schaute ihm Gibbli zu, wie er wieder zurück in die Kapsel stieg. Schritte hallten durch den Tunnel. Hinten im Gang tauchten die ersten Soldaten auf.
„Bitte, nimm mich mit!“, flehte Gibbli ihn an und ging näher auf die Kapsel zu.
Er schüttelte den Kopf. „Ich mag keine Kinder.“
„Die werden mir meine Finger abhacken!“
Er sah sie überrascht an, schien kurz nachzudenken und fuhr sich mit einer Hand durch seine Dreadlocks. Dann schüt­telte er den Kopf. „Das geht nicht.“ Er drückte einen Schalter und die Kapsel verriegelte sich.
Nein! Verzweifelt sprang Gibbli nach vorne und hämmerte gegen die Luke. Nein! Nein! Ein Schleusentor fuhr vor der Kap­sel hinab. Sie drückte sich schnell weg, um nicht von der Tür eingeklemmt zu werden und stolperte nach hinten.
Die Soldaten der Schüler-Aufsicht erreichten Gibbli, als sie versuchte aufzustehen. Ihre orange-gestreiften Uniformen un­terschieden sie von den richtigen Elitesoldaten. Dennoch grif­fen sie mindestens genauso hart durch. Sie spürte die ekligen Hände der Männer auf ihrem Körper, die sie zurück auf den Boden drückten. Gibblis Finger griffen ins Leere, in Richtung der Rettungskapsel.
„Bitte!“, flehte sie ein letztes Mal, auch wenn sie wusste, dass es aussichtslos war.
Hinter dem kleinen Sichtfenster des Schleusentors löste sich die Tauchkapsel. Sky hatte die Akademie verlassen. Gibbli wurde herum gewirbelt. Die Männer verdrehten schmerzhaft ihre Arme auf ihrem Rücken. Sie erhaschte einen kurzen Blick auf ihre Gesichter. Niemand von ihnen kam ihr bekannt vor. Die Soldaten waren mindestens zu dritt und so nah. Viel zu nah! Jemand legte ein kaltes Metall um ihre Handgelenke. Mit einem leisen Klicken rasteten die Fesseln ein. Dann riss man Gibbli hoch. Sie versuchte sich auf ihre Wunde am Arm zu konzentrieren. Der lange Schnitt hatte sich wieder geöffnet. Doch die Wunde war ein Schmerz, den man leichter ertragen konnte, als die Berührungen der Hände, die sie packten und mit sich schliffen. Es war nur ein leichter Trost, dass sie um diese Zeit wenigstens den neugierigen Blicken der Schüler ent­ging, die jetzt verteilt in den Klassenzimmern standen.
 
Die Soldaten schubsten Gibbli in einen runden Raum im Zen­trumsturm. Es war das Büro von Sir Brummer. Mit ihm hatten hier zwei weitere Direktoren ihre Büros.
Die medizinische Direktorin Dr. Elvira Fenchel, deren durchbohrenden Blick Gibbli als sehr unbehaglich empfand, hatte sich im Erdgeschoss eingerichtet. Sie leitete einen der größeren Komplexe der Akademie: Die Krankenstation und alle daran hängenden Forschungseinrichtungen.
Jack hingegen saß im obersten Stockwerk, an der Spitze, mit seinem Stellvertreter, dem Flottenführer Skarabäus Sky. Nun, jetzt wohl eher Ex-Flottenführer. Dass alle den militäri­schen Direktor Jack Kranch mit seinem Vornamen anspra­chen, war keine Respektlosigkeit ihm gegenüber, im Gegenteil. Er bestand sogar darauf. Es war allgemein bekannt, dass man ihn mit diesem Kinderspielzeug verglich, diesem Clown aus der Box. Kein lustiger Clown, sondern eine dieser bösen, gruseligen Fratzen, vor denen sich jedes Kind fürchtete. Jemand, der aus der Box sprang, wenn das Lied zu Ende war und immer das letzte Wort hatte. Gibbli hatte Jack bisher nur zwei Mal kurz gesehen. Als Oberbefehlshaber der U-Boot Flotte und Leiter aller militärischen Einrichtungen hielt er sich nur jeweils kurz an der Akademie auf und war meist irgendwo im Landmen­schengebiet oder an der Front zu den Meermenschen unter­wegs.
Markus Brummer beanspruchte als Schulleiter die mittlere Etage für sich, zusammen mir Mr. Ilias Plotz. Von hier aus konnte der Direktor die gesamte Akademie überblicken. Er saß hinter seinem Schreibtisch und schien in ein Gespräch mit seinem Stellvertreter vertieft zu sein. Als zwei der Soldaten Gibbli vor seinen Tisch zerrten, verstummten sie.
Sir Brummer sah sie abschätzend an. Gibbli fühlte sich bloßgestellt unter seinem Blick. Nach gefühlt mehreren Minu­ten, fing er direkt an zu schreien: „WAS DACHTEST DU DIR DABEI?“
Gibbli zeigte keine Regung. Starr blickte sie zu Boden und schwieg. Am liebsten hätte sie seinen Kopf gepackt und ihn, wie den Blopp einer Luftpolsterfolie, einfach zerdrückt.
„Deine Eltern sind Eliteabgänger! Den Tauchkurs schwän­zen! Ständig träumst du im Unterricht und jetzt das? DU WURDEST MIT VERBOTENER TECHNOLOGIE ERWISCHT!“ Er fing an, hinter seinem Schreibtisch auf und ab zu gehen, wischte sich über die Glatze und schien zu überlegen, wie es weiter ging.
Gibbli spähte vorsichtig hoch und erkannte eines ihrer Fluggeräte. Es lag auf Sir Brummers Tisch. Armselig, verbogen und kaputt. Somal musste es ihm gegeben haben.
„Wie konntest du es wagen, das Ding hier als Waffe zu benutzen?“
Das war eine Frage. Erwartete er eine Antwort? Sie musste wenigstens versuchen sich zu verteidigen. Somal und Kor hat­ten sie bedroht. Dieses Mal waren sie zu weit gegangen! Kor wollte ihre Haare abschneiden! Somal hätte sie beinahe ge­küsst. Die beiden wollten Gibbli verletzen!
„Keine Ahnung“, flüsterte sie stattdessen.
„KEINE AHNUNG? DAS IST HOCHVERRAT! DIESER DRECK HAT HIER NICHTS ZU SUCHEN!“, brüllte er, sodass sein ganzer Tisch erbebte.
Sie schwieg. Sir Brummer stapfte mit hochrotem Kopf um seinen Schreibtisch herum und packte sie an den Haaren. „Wenn Jack dich erwischt hätte, würde er dich auf der Stelle von der Schule werfen!“
Sein Griff schmerzte und Gibbli brauchte etwas, um seine Worte zu erfassen. Er warf sie nicht wirklich raus, oder? Das durfte er nicht! Ihr Vater würde sie umbringen!
„SAG MIR SOFORT WOHER DU DIESE MASCHINEN HAST!“, schrie der Direktor ihr so laut ins Ohr, dass Gibbli dachte, es würde platzen.
„Ich hab sie gebaut“, sagte sie leise. Das hatte er nicht er­wartet. Sie hätte es nicht aussprechen dürfen. Doch sie war verdammt noch mal stolz darauf! Diese dämlichen Menschen hatten ja keine Ahnung!
Fassungslos starrte er sie an, dann wandelte sich seine Miene und sofort wurde ihr klar, was jetzt kam. Gibbli wollte zurückweichen, doch hinter ihr standen Brummers Soldaten. Im nächsten Augenblick brannte ihr Gesicht. Der Direktor hat­te zugeschlagen.
„DU WAGST ES, DAMIT ZU EXPERIMENTIEREN?“
Gibbli traute sich nicht mehr, sich zu bewegen. Der Bereich unter ihrem linken Auge brannte höllisch. Früher oder später hätte er es sowieso herausgefunden.
„Verbotene Technologie zu besitzen ist das eine, sie auch noch selbst zu konstruieren ist Wahnsinn. Ist dir klar, welche Strafe darauf angesetzt ist?“
Natürlich wusste sie das. Jeder wusste das. Aber erst jetzt drang ihr die Tatsache ins Bewusstsein, dass es soweit war. Sie würde nie wieder dazu im Stande sein, etwas zu konstruieren. Verzweifelt blickte sie zu Boden. Sie brauchte ihre Finger doch!
„Meine Güte, du hättest so viel erreichen können, Kind! Es bleibt mir keine andere Wahl.“ Er zog sich kopfschüttelnd zu­rück und begab sich wieder hinter seinen Schreibtisch.
„Sir ist das nicht etwas heftig? Sie ist so jung! Gibt es keine andere Möglichkeit?“, ergriff nun sein Stellvertreter Mr. Plotz das Wort.
„Wir sind hier an einer elitären Einrichtung und ich dulde keinen Ungehorsam an meiner Schule! Sie muss bestraft wer­den! Das hier ist nicht nur ein einfaches Verbrechen, sie hat verbotene Technologie entwickelt!“
„Wir könnten sie stattdessen einsperren. Wer glaubt ihr schon, dass sie das Ding selbst gebaut hat? Und Jack muss es nie erfahren.“
Der Direktor sah seinen Stellvertreter nachdenklich an und senkte seine Stimme. „Wir können sie nicht in den Todestrakt stecken, sie hat niemanden getötet und die oberen Gefängnis­se sind voll.“
„Dann müssen wir die Zellen eben doppelt besetzen, Sir.“
„Meinetwegen. Heute Nacht nahmen wir diesen Abyss fest. Er ist harmlos, hatte keine Berechtigung sich hier auf der Aka­demie aufzuhalten. Wir haben ihn in den Heizungsräumen aufgegriffen.“
„Schon wieder? Saß der nicht schon öfter bei uns im Ge­fängnis?“
„Einige Male. Letztendlich ließen wir ihn immer wieder lau­fen. Jack beharrt darauf, dass er angeblich Menschen umge­bracht hat. Er wird langsam paranoid, wenn du mich fragst. Wir konnten es diesem Abyss nie beweisen.“ Sir Brummer machte sich einige Notizen auf seinem EAG und wandte sich dann an die Soldaten hinter Gibbli. „Bringt sie weg. Zelle 17. Drei Tage Arrest! MACHT SCHON, SCHAFFT SIE MIR AUS DEN AUGEN!“
Einer der Soldaten packte Gibbli grob an der Schulter und sie winselte auf. Fasst mich nicht an, dachte sie flehend. Nur am Rande bekam sie das Gespräch noch mit, während man sie Richtung Ausgang führte.
„Gut“, sagte Sir Brummer. „Und jetzt zu Sky.“
„Was ist mit Sky?“, fragte Mr. Plotz.
„Jack musste ihn feuern. Wir brauchen einen neuen Flot­tenführer. Jack will die Schülerabgangslisten der letzten…“
 
Das Gefängnis lag direkt unter dem runden Zentrumsturm. Es gab mehrere unterirdische Ebenen, in denen jeweils zwölf Zel­len als kleine Segmente an der Außenseite rundherum ange­ordnet waren, wie bei einer Uhr. Jede Zelle grenzte an zwei andere, nur durch Gitter getrennt, während der Platz in der Mitte für den Aufzug frei blieb.
Zelle 17 befand sich in der zweiten Gefängnisebene von oben. Als sie aus dem Lift stiegen, drang ihnen sofort ein me­talliger Geruch entgegen. Irgendwo tropfte Wasser auf Stahl. Sie befanden sich einige Meter unter dem Meeresboden und Fenster nach draußen gab es hier keine.
Gibbli musste ihre halbe Kleidung ausziehen, an der ihre Taschen befestigt waren. Nur noch mit einer dünnen Hose und ihrem, an einem Arm aufgeschlitzten, Pullover stand sie da und sah sich zitternd um, während ein Soldat ihre Sachen auf einem Tisch verstaute. Ohne ihre Stiefel kroch die Kälte aus dem feuchten Boden ungehindert ihre Beine hoch. Licht gab es hier kaum. Nur ein paar wenige, schwache Neonröhren, rundherum an der Decke entlang vor den Zellwänden ange­bracht, strahlten ein düsteres Licht aus. Viele davon funktio­nierten gar nicht mehr.
Gibbli bemerkte Schatten hinter den Gittern kauern. Einige lagen nur herum, viele waren jedoch nicht zu erkennen und hatten sich in die Dunkelheit, an den äußeren Wänden des Turms, zurückgezogen.
„Zurück!“, rief einer der Soldaten, bevor er die Zelle mit einer elektronischen Karte aufschloss. Nichts rührte sich.
Gibbli spürte, wie ihr die Handschellen abgenommen wur­den. Am liebsten hätte sie die Haut an den Händen des Solda­ten abgezogen, der sie packte und in die Zelle schubste. Sie fiel zu Boden und kroch schnell in eine Ecke.
Die Männer schlugen das Gitter zu. Es klickte und eilig verließen sie den Kerker. Als ihre Schritte verklungen waren, hörte Gibbli nur noch leises Tropfen auf Metall, zusammen mit ihrem eigenen Herzschlag. Dieser erklang so schnell, als hätte sie gerade einen Marathon hinter sich. Etwas rührte sich in ihrer Zelle. Ihre Eingeweide verkrampften sich und wie ein Stromstoß bohrte sich die Tatsache in ihr Bewusstsein, welche sie längst wusste, aber nicht wahr haben wollte: Sie war nicht allein!
 
„Verdammt“, knurrte ein Mann. Dann tauchte sein blasses Ge­sicht aus dem Schatten heraus auf. Er bewegte sich langsam auf Gibbli zu und er war riesig. Bestimmt über zwei Meter groß! Einige Strähnen seines langen blonden Haares hatten sich aus dem Band gelöst und standen wild in alle Rich­tungen ab. Sein düsterer Blick verhieß nichts Gutes. Kurz vor ihr hielt er inne.
„Guten Tag.“ Seine Stimme klang gespielt höflich und pass­te absolut nicht zu seinem Auftreten.
Gibbli drückte sich näher an die Gitterstäbe an ihrem Rücken. Dieser scheiß blöde Direktor sperrte sie wirklich zu ei­nem Verbrecher! Fast wünschte sie sich, er hätte ihr stattdes­sen doch die Finger abgehackt.
Der Mann ging vor ihr in die Hocke und blickte sie erwar­tungsvoll an. Er hielt ihr seine gigantische Hand entgegen. Gibbli versuchte ihn nicht anzusehen und schlug sie panisch beiseite. Im nächsten Augenblick lag sie auf dem Boden. All seine Muskeln angespannt, saß er auf ihr und hielt sie an ih­ren Handgelenken umklammert. Diese drückte er mühelos über ihrem Kopf auf den kalten Untergrund. Der Mann war schwer wie ein Wal. Und stark.
Gibbli wand sich hin und her und schrie: „WEG!“
Er bewegte sich nicht den kleinsten Millimeter. Sein Gesicht stand jetzt so nah über ihrem, dass ein paar Strähnen seines Haares ihre Wangen streiften. Sie rochen nach altem Holz.
„Du hältst nichts von Nettigkeiten? Das ist gut, ich auch nicht. Dann eben anders“, sagte er drohend. „Ich bin Abyss, dein persönlicher Abgrund. Und du wirst dich nicht in meine Pläne einmischen, hast du verstanden?“
Gibbli versuchte ihre aufkommenden Tränen wegzublinzeln und nickte schnell.
„Schön. Name?“
Ihre dunkle Haut kribbelte und fühlte sich an, als ginge sie gleich in Flammen auf. Sie würde sterben. Trotz des kalten Bodens, brannte alles in ihr. Er würde sie töten!
„NAME?“, schrie der Mann noch einmal.
„Gibbli“, sagte sie zitternd.
„Gibbli. Hallo Gibbli. Ich hab nicht erwartet diese verfluchte Zelle mit jemandem teilen zu müssen. Also, wir stellen das jetzt von Anfang an klar, du wirst nichts tun, was meine Pläne zerstört, verstanden?“
Sie hatte keine Ahnung wovon er sprach und nickte ein­fach, in der Hoffnung er würde sie dann in Ruhe lassen. Plötz­lich weiteten sich für einen Moment seine Augen, als hätte er etwas Ungewöhnliches wahrgenommen.
„Du bist… faszinierend“, sagte er überrascht. „Diese Kälte…“ Er brach ab.
Gibbli wagte kaum zu atmen, als ihr die Gier in seiner Mie­ne bewusst wurde. Abyss hingegen nahm tief Luft und stieß sie laut aus. Grimmig schüttelte er langsam den Kopf.
„Ich lass dich jetzt los.“
Loslassen, ja. Loslassen war gut. Loslassen war sehr gut! Und er ließ sie los. Gibbli blieb liegen und traute sich nicht, sich zu bewegen.
Als sie sich nach ein paar Minuten aufsetzte, stand er noch immer mitten in der Zelle und blickte sie böse an. Er be­obachtete sie mit seinen stechenden Augen. Der Mann war so groß, dass Gibbli sich nicht wohl dabei fühlte, so weit unten zu sitzen. Sie zog sich an den Gitterstäben hinter ihr empor. Dabei fiel sein Blick auf den Schnitt an ihrem Arm. Die Wun­de blutete wieder.
„War ich das?“, fragte er und kam näher. Sie reichte ihm gerade einmal bis zur Brust. Nicht schon wieder, dachte Gibbli und bleckte ihre Zähne. Als er nach ihrem Arm griff, konnte sie sich nicht zurückhalten. Sie hasste das! Panisch versuchte Gibbli ihre Hände wegzureißen. Dabei erwischte sie ihn mit den Fingernägeln. Er hielt kurz inne. Ein roter Strich zog sich unter seinem Kinn am Hals entlang.
Oh nein! Was hatte sie getan? Gibbli fühlte sich auf einmal schwerelos, vor Angst was er jetzt mit ihr anstellen würde.
Der Ausdruck auf seinem Gesicht änderte sich langsam von böse zu unglaublich böse. Schließlich starrte er sie an, als würde er sie jeden Moment mit seinem Blick durchbohren. Zit­ternd versuchte Gibbli ihm auszuweichen.
Das Tropfen des Wassers hallte durch die Zelle, als er leise zu sprechen begann: „Das war nicht nett.“ Dann riss der Mann sie hoch und drückte Gibbli gegen die Gitter, sodass ihre Füße mitten in der Luft hingen. Sie versuchte sich zu be­freien, aber im nächsten Moment hielt er ihr ein langes Messer an die Kehle.
„HALT STILL!“, schrie er sie an. „Dein Gezappel macht mich wahnsinnig! Ich will dir nicht wehtun.“
Das tat er doch längst! Aber zu ihrer Überraschung blieb der Würgereflex aus, den sie jedes Mal gespürt hatte, wenn jemand sie berührte. Gibbli schloss die Augen. Dieser Mann war verrückt. Und er hatte irgendwie eine Waffe hereinge­schmuggelt. Sie wollte gar nicht wissen, wie er das geschafft hatte. Er hielt sie fest. Mit seinen riesigen Händen! Er fasste sie an! Sie wollte das nicht. Niemand durfte das!
„Dann töte mich endlich“, flüsterte sie leise. Eigentlich hat­te sie es nur denken wollen. Warum brachte er es nicht end­lich zu Ende? Das wäre nicht so schlimm wie seine Hände an ihrer Haut.
Er ließ sie los und Gibbli sackte zu Boden.
„Ich… wollte nur helfen.“ Er betrachtete sie mit einem über­raschten Blick und ging einen Schritt zurück. „Wir sind beide hier drin und auf derselben Seite, okay?“
Gibbli versuchte sich aufs Atmen zu konzentrieren.
„OKAY?“, schrie er jetzt.
Sie nickte schnell.
Abyss legte sich in die andere Ecke der Zelle. Demonstrativ drehte er sich von ihr weg. Und für Gibbli war es das Beste, was er machen konnte.
Sie rieb sich das Handgelenk. Der Schnitt in ihrem Arm tat wieder weh. Er hatte sie nicht getötet. Vielleicht schaffte sie es doch noch, durchzuhalten. Drei Tage. Gibbli lehnte sich er­schöpft an die Gitter der Nachbarzelle und blickte misstrau­isch auf Abyss. Hoffentlich blieb er auf seiner Seite da drüben.
 
Nach ein paar Stunden fühlte sich ihr Mund rissig und tro­cken an. Sie hatte Durst. Immer wieder schlug Gibbli schnell die Augen auf, sobald sie merkte, dass sie ihr zufielen. Doch langsam dämmerte sie weg. Sie durfte nicht schlafen, nicht so lange er da war. Dieser gewaltige Mann.
Plötzlich saugte etwas die gesamte Luft ab. Jemand schrie, eine Frauenstimme. Gibbli atmete Wasser. Sie ertrank! Ihre Lungen füllten sich mit kalter Flüssigkeit. Verschwommene Umrisse eines zierlichen Körpers verdeckten ihre Sicht. Sie blickte in weit aufgerissene Augen. Starr, tot! Dann veränderte sich ihr Traum und sie wurde zur Hybridenfrau, die schon ein­mal in ihrem Kopf aufgetaucht war.

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Kapitel 4: Nox (Bis in die tiefsten Ozeane)

Samantha konnte sich nicht mehr daran erinnern was sie dachte, während sie zum Krankenhaus rannte. Irgendwann war sie einfach da. Das Gebäude wirkte verlassen, doch in­takt. Bestimmt hatte sich das Notstromaggregat eingeschal­tet. Im Inneren gab es, bis auf die Abwesenheit von Menschen, kaum Anzeichen von der vorhergegangenen Katastrophe. Trä­nen überströmt fuhr Samantha in den ersten Stock hoch und lief den Flur entlang zu Bo’s Zimmer. Dr. Bloom kam ihr ent­gegen und fing sie ab.
„Sam, was machst du hier? Das letzte Beben hat Bo sehr geschwächt. Sie…“, er hielt inne, als er ihr Gesicht sah und musterte sie dann besorgt. „Was ist passiert?“
„Ich muss zu Bo!“, schrie sie ihn an und versuchte an ihm vorbei zu kommen.
„Schhh, ruhig. Beruhig dich.“ Dr. Bloom hielt sie an den Schultern fest. Die Tränen rannen jetzt frei über ihr Gesicht. Sie konnte sie nicht mehr zurückhalten.
„Mum ist… tot!“ Samantha wäre beinahe umgekippt.
Der Arzt zog sie in seine Arme und strich vorsichtig über ihren Kopf. „Mein Gott“, entfuhr es ihm. „Wo ist dein Vater?“
„Mum wurde getroffen, sie ist tot! Ich muss zu Bo! Bitte!“, flehte sie jetzt.
„Sam, das geht nicht, okay? Du musst jetzt stark sein. Es würde Bo umbringen, sie darf sich nicht aufregen. Komm, wir gehen jetzt ins Ärztezimmer und versuchen deinen Vater-“
„Nein!“, unterbrach ihn Samantha und versuchte sich los zu reißen.
„Ruhig. Na schön. Ich lasse dich zu ihr. Aber du darfst es Bo nicht sagen. Verstanden?“
Samantha hielt inne. „Okay“, flüsterte sie.
„Du bist ein tapferes Mädchen. Ich versuche jetzt deinen Vater zu erreichen. Du gehst zu Bo und bleibst bei ihr, ja?“
Samantha nickte erleichtert. Er würde sie zu Bo lassen. Dr. Bloom ließ sie los und eilte davon.
 
Samantha wischte sich ihre Tränen mit dem eingestaubten Stoff ihres T-Shirts ab. Ihr Gesicht war gerötet und die Klei­dung zerknittert. Bo würde Fragen stellen. Mit wackeligen Beinen betrat sie das Zimmer. Als erstes erblickte sie die Ka­mera. Die war neu. Man hatte sie anscheinend nach Bo’s letz­tem Anfall heute installiert, um sie permanent zu überwachen. Da lag ihre Schwester, noch blasser als sonst. In diesem Mo­ment schlug sie die Augen auf.
„Sam.“
„Hallo Bo“, sagte sie und ihre Stimme klang heißer, doch Bo schien es gar nicht zu merken.
„Es kommt Feuer“, sagte Bo abwesend.
„Feuer?“, verwirrt blickte Samantha ihre Schwester an und sie erinnerte sich an Kassandras Worte. Sie musste Bo die Nachricht überbringen. „Bo, Mum hat gesagt-“
„Es wird alles gut, Sam. Es kommt Feuer“, unterbrach Bo sie. „Aber wir gehen ins Wasser.“
„Wovon redest du?“
„Der Vulkan wird ausbrechen. Ich habe es im Traum gese­hen.“
„Ich weiß. Sie brachten es in den Nachrichten. Bo, Mum hat gesagt, du sollst nicht nach-“
Wieder unterbrach Bo sie: „Was ist das?“
Offensichtlich war ihr die Kette um Samanthas Hals auf­gefallen, die ihre Mutter ihr vor wenigen Stunden umgehängt hatte. Sie tauchte ihre Hand unter das T-Shirt und zog den Anhänger daran hervor. Zum ersten Mal sah sie sich das scheibenförmige Stück Metall an der Kette genauer an. Es schimmerte golden. In seiner Mitte war oranges Glas eingelas­sen, durch das ein schwaches Leuchten drang und irgendet­was im Inneren schien sich zu drehen.
„Es ist von Elai, deinem Onkel“, sagte Samantha. „Er hat es Mum gegeben. Und sie hat es-“
„Es kommt mir bekannt vor“, unterbrach Bo ihren Satz. „Ich hab es schon mal gesehen. Denkst du, es hat Dad gehört?“
Ihre Worte rissen eine Spur aus Schmerz durch Samanthas Herz. Sie musste an ihren eigenen Vater denken, den sie so­eben zurückgelassen hatte. Dabei meinte er es doch nur gut. Warum war alles so kompliziert?
„Nein“, antwortet Samantha und versuchte einen klaren Kopf zu bewahren. Bo hatte ihren Vater nie getroffen. Und ihre Mutter hatte erzählt, dass dieser Elai und ein gewisser Nox es gestohlen hatten. Ihre Mutter war tot, schoss es ihr wieder in den Kopf. „Bo, Mum hat gesagt, du darfst nicht-“
Plötzlich begann Bo sich im Bett zu winden. „Sam, ich… krieg keine Luft mehr!“
„Bo!“, schrie Samantha und wandte sich zur Kamera. „Hil­fe!“
Dr. Bloom kam ins Zimmer gerannt, hinter ihm noch zwei weitere Ärzte. Sie machten sich am Wasseratmungsgerät zu schaffen.
In diesem Moment wandte Bo den Kopf zu Samantha und sah sie direkt an. „Sam, ich werde alle Unterwasserstädte be­suchen und nach Ocea reisen, wie mein Dad. Was hat Mum gesagt?“
„Nicht so wichtig“, sagte Samantha leise. Sie konnte ihr das nicht antun. Dr. Bloom hatte vorhin gesagt, Bo durfte sich nicht aufregen. Sie konnte Bo diesen Traum nicht nehmen.
„Ja, Bo. Du wirst noch unzählige Abenteuer erleben“, sagte sie stattdessen und umklammerte mit ihren Fingern die Me­tallscheibe an ihrem Hals, um sich irgendwie abzulenken.
Dr. Bloom wandte sich an Samantha, während die beiden anderen Ärzte Bo das Gerät aufsetzten. „Bitte warte draußen, Sam. Ich habe mit deinem Vater gesprochen. Er kommt in etwa einer Stunde und holt dich ab, okay?“
Samantha antwortete ihm nicht. Sie wandte sich um und verließ das Zimmer.
 
Im Gang ließ sie sich auf einen Stuhl sinken. In ihrem Kopf tobte ein Sturm, Chaos. Die letzte Aufforderung ihrer Mutter, ihr letzter Wunsch, konnte Samantha ihr nicht erfüllen. Sie musste Bo diesen Anhänger geben und ihr sagen, dass sie nicht nach Ocea durfte. Aber es würde Bo umbringen. Ihre Schwester wollte doch unbedingt dort hin. Sie fühlte sich schuldig. Wegen ihrer Mutter. Wegen ihrem Vater, auf den sie nie gehört hatte, obwohl er ja nur das Beste für sie wollte. Wegen Bo, der sie nicht die Wahrheit sagen konnte. Bo, die wahrscheinlich niemals richtig leben würde.
Zwei Stimmen warfen Samantha aus ihren Gedanken. Sie dachte, das Krankenhaus wäre nach der Evakuierung so gut wie verlassen. Es schienen jedoch weitere Menschen anwe­send zu sein. Zwei Frauen saßen im Zimmer nebenan. Die wei­ße Tür stand einen kleinen Spalt breit offen. Samantha schlich näher heran. Sie fühlte sich einige Stunden zurückversetzt, als sie ihre Mutter bei Bo belauscht hatte.
„Sie hält das nicht mehr länger durch“, meinte eine der Frauen.
„Wie lange?“
„Ein paar Minuten? Stunden? Es kann jeden Moment pas­sieren. Sie wird den Morgen nicht mehr erleben.“
„Es hat keinen Sinn. Wir sollten uns selbst in Sicherheit…“
Und da wurde Samantha klar, dass sie von Bo redeten. Bo würde sterben. Noch heute Nacht. Ohne weiter auf das Ge­spräch der Frauen zu achten, wirbelte sie herum. Sie rannte. Rannte den neonbeleuchteten Flur entlang, vorbei am Aufzug, ins Treppenhaus, überflog die Stufen förmlich und hastete dann nach draußen. Sie lief den Eingangsbereich hinunter, über die menschenleere Straße, sprang über einen Riss, der sich am Boden beim letzten Beben gebildet hatte und rannte der untergehenden Sonne entgegen, hinunter zum Meer, wo sie weinend zusammenbrach.
 
Die Wellen schäumten im aufkommenden Abendwind und Samantha wurde von Hass übermannt. Ihr Kopf drohte zu platzen von all den schrecklichen Ereignissen. Mit einer Kraft, die sie noch nie zuvor gespürt hatte, packte sie einen großen Stein so fest, dass es ihr unter normalen Umständen wehge­tan hätte.
„Monster! Ungeheuer!“, schrie sie und schleuderte ihn ins Meer hinaus.
Doch der Stein berührte nicht das Wasser. Wie aus dem Nichts tauchte von unten eine dunkelblaue, fast schwarze, kräftige Hand auf. Sie fing den Stein ab und umschloss ihn mit langen, spitzen Fingern. Samantha hielt kurz inne. Dann kochte die Wut erneut in ihr hoch.
„Du bist schuld!“, schrie sie die Hand an, die jedoch schon wieder ins Wasser verschwunden war. Zornig watete sie ins Meer hinaus. „Ihr alle seid Schuld, ihr blöden Meermenschen!“
Mit einem Mal wurden ihr die Füße weggerissen und Sa­mantha fiel auf den schlammigen Boden. Wasser spritzte zur Seite. Etwas zog sie weiter hinaus. Sie versuchte dagegen an­zukämpfen, aber die beiden Hände, die ihre Fußgelenke um­klammerten, waren stark wie Maschinen. Sie tauchte mit dem Kopf unter und kämpfte sich panisch wieder an die Oberflä­che. Immer weiter wurde sie nach draußen gezogen, der Bo­den war längst nicht mehr zu erkennen. Dann rissen sie die blauen Hände in die Tiefe. Die letzte Luft entwich ihrer Lunge und sie schluckte Wasser.
In dem Moment, als Samantha glaubte zu ertrinken, drückte sie jemand hoch an die Oberfläche. Gierig sog sie die salzige Luft ein. Sie spürte seine kräftigen Hände an ihren Oberarmen. Dürre Finger, die sich wie Krallen in ihr Fleisch bohrten. Als sie die Augen öffnete, starrte sie direkt in sein Gesicht. Er schaute aus dem Wasser, nur wenige Zentimeter vor ihr. Das Geschöpf besaß keine Nase, dafür leuchtend orange Augen, genau wie die von Bo. Nur, dass sie sich bei ihm durch die dunkle, teils schuppenartige Haut bedrohlich abhoben.
„Du bist Sam“, seine Stimme klang rau, wie ausgetrocknet. Es schien ihm schwer zu fallen, an der Luft zu sprechen.
Samantha musste husten und spuckte Wasser.
„Du ähnelst deiner Mutter sehr“, fuhr er fort.
„Du… kanntest meine Mum?“
„Nein“, sagte er und tauchte kurz unter, um dann gleich wieder aufzutauchen. Währenddessen ließ er sie jedoch nicht los. „Mein Erzeuger besaß ein Bild von ihr. Als er noch lebte.“
Und dann begriff Samantha. Er hatte die gleichen Augen. „Nox. Du bist Bo’s Bruder!“
Er hielt den Kopf schief. Offenbar bedeutete das, dass sie richtig lag.
„Ich mag deine Stimme“, sagte er.
„Ich hasse dich!“, schrie Samantha ihn an und versuchte sich loszureißen. Doch aus seinem festen Griff gab es kein Entkommen.
„Ich könnte dich töten“, meinte er und tauchte wieder kurz unter. Er zog sie mit, brachte sie beide aber schnell wieder an die Oberfläche.
Es kam unerwartet für Samantha, wieder hustete sie Was­ser. Ja, warum eigentlich nicht? „Dann tu es doch!“, rief sie er­schöpft. All das machte sie kaputt. Ihre Mutter war tot. Bo würde sterben. Welchen Grund gab es jetzt noch für sie, wei­ter zu leben?
„Das Marahang“ sagte Nox leise.
„Was?“ Sein Griff wurde fester. Es tat weh.
„Der goldene Zylinder an deinem Hals“, murmelte er weiter.
„Mum hat mir diese Kette gegeben“, presste Samantha her­vor.
„Wo ist Kassandra?“
Und wieder zog sich Samanthas Herz zusammen. „Tot.“ Als sie es aussprach, kam ihr eine verrückte Idee, wie ein kleiner Funke Hoffnung, der sie warm hielt.
„Dann ist das hier sinnlos.“ Nox ließ sie los und Samantha sackte zurück ins Wasser.
„Warte!“ Sie klammerte sich an ihm fest, bevor er davon schwimmen konnte. Er riss ihren Körper einfach mit sich, als würde sie nichts wiegen und tauchte in das offene Meer hin­aus.
„Lass los. Du ertrinkst.“ Fasziniert lauschte Samantha seiner Stimme. Unterwasser klang sie tief und nicht mehr so kratzig wie an der Luft.
‚Du kannst Bo retten!‘, wollte Samantha sagen, doch ledig­lich ein Schwall Luftblasen brach aus ihrem Mund hervor.
„Du ertrinkst. Loslass mich!“
Samantha schüttelte den Kopf und klammerte sich noch fester an ihn. Sie bekam kaum noch Luft. Dann riss er sich los. Gegen ihn war sie viel zu schwach, um sich zu wehren. Er schüttelte sie ab, wie ein lästiges Blatt, das ihm auf den Kopf gefallen war.
Samantha begann zu sinken.
Es fiel ihr immer schwerer, oben von unten zu unterschei­den. Langsam wurde ihr schwarz vor Augen.
Nach einer halben Ewigkeit, so kam es ihr vor, spürte sie wieder seine Hände. Sie zogen Samantha in irgendeine Rich­tung. Und dann atmete sie plötzlich wieder. Kalte Abendluft durchdrang ihre Lungen. Nox blickte sie erneut direkt an. Sei­ne spitzen Zähne blitzten hervor, als er anfing zu grinsen.
„Du schwimmst nicht“, stellte er fest.
„Dad… hat es mir… verboten… will nicht… dass ich… ins Meer… gehe…“ Immer wieder schnappte sie erschöpft nach Luft.
„Das Meer ist nichts für Landmenschen.“ Nox brachte sie näher ans Ufer, bis sie wieder stehen konnte und ihr das Was­ser nur noch bis zur Taille reichte.
„Wie funktioniert es? Wie wollt ihr Bo retten?“, fragte Sa­mantha ihn.
Er antwortete nicht.
„Wenn es eine Möglichkeit gibt, dann sag es mir! Bitte“, flehte sie.
Er strich ein paar nasse Haarsträhnen aus ihrem Gesicht. Erst jetzt bemerkte sie, dass seine Hände gar nicht kalt waren. Nur ein wenig glitschig an der Luft. Und zu Samanthas Über­raschung antwortete er ihr: „Es erfordert ein Opfer. Eine funk­tionierende Lunge. Deine Mutter, sie stirbt, Bo lebt. Sie eingelassenhätte sich darauf.“
„Und dieses Marahangteil?“, fragte sie und blickte hinab auf den Anhänger der Kette.
„Ein Versuch. Es wird nicht funktionieren. Elai meint, man braucht die richtige DNA. Das ist… zu kompliziert. Es ist mir egal, ob Bo lebt oder stirbt.“
„Ist es nicht.“
„Bo ist kein Wassermensch. Sie gehört nicht zu uns.“ Nox drehte sich um und watete wieder ins Meer hinaus.
„Aber sie ist deine Schw- Halbschwester! So wie sie meine ist“, rief ihm Samantha hinterher.
Er war jetzt fast wieder vollkommen im Wasser.
„WARTE!“ Samantha stapfte ihm nach, bis sie wieder bei ihm war.
„Lebe wohl.“ Er drehte sich zu ihr um, schien zu zögern, nur einen kurzen Augenblick.
„Ich opfere mich“, sagte Samantha, als er gerade eintau­chen wollte.
Er hielt inne, bewegungslos. Sein Grinsen verschwand. Dann schloss er gequält die Augen, als täte ihm etwas weh.
„ICH OPFERE MICH!“, schrie sie im direkt ins Gesicht. So laut, dass er hätte zurückweichen müssen. Doch Nox wich nicht zurück. Er öffnete seine Augen wieder und sein Blick durchdrang sie. Nox sah sie an, wie noch nie jemand zuvor sie angesehen hatte. Alle Haare auf ihrer Haut stellten sich auf. Sie konnte sich nicht erklären, was gerade geschah.
„Dann herhol sie.“
 
Samantha stand vor Bo’s Bett. Draußen war es bereits dunkel. Der Wind hatte nachgelassen. 41 Jahre. Dabei sah sie noch so jung aus. Sie bewunderte die Meermenschen für ihre lange Le­benszeit. Das war etwas, was Bo allem Anschein nach von ih­rem Vater geerbt hatte.
„Sam?“, sagte sie mit schwacher Stimme.
„Ich bin da.“
„Geh nicht weg.“
„Das tu ich nicht. Ich nehme dich mit, Bo.“
„Ich darf raus?“ Ihre Stimmung änderte sich schlagartig.
„Ja.“
Samantha hatte Bo noch nie so glücklich erlebt. Ihre Au­gen leuchteten wie zwei Sonnen.
„Versprich mir, dass du immer so lachen wirst, Bo“, sagt Sa­mantha. „Mit deinem Lachen wirst du die Meere erobern.“
Taumelnd versuchte ihre Schwester auf die Beine zu kom­men. „Schwindlig.“
Samantha warf einen schnellen Blick zur Kamera und be­eilte sich, ihr hoch zu helfen. „Geht es?“
„Ja.“ Die Aussicht, dieses Krankenhaus nach all den Jahren einmal von außen zu sehen, schien ihr Kraft zu geben.
„Du bewegst dich wie ein Zombie.“
Bo grinste sie an. „Vielleicht sind meine Beine nicht zum Gehen gedacht.“
Ihre Schwester stützend, schleppte Samantha sie zur Tür, als Bo aufschrie: „Warte! Das Buch!“
Samantha ging zurück, es lag auf dem Nachttisch. Der Ocea-Schriftzug strahlte ihr entgegen. „Hab es“, sagte sie, schnappte sich die runde Platte und zusammen schlichen sie aus dem Zimmer. Mit jedem Schritt wurde es leichter. „Dr. Bloom darf uns nicht sehen.“
„Oh, eine geheime Wanderung?“, freute sich Bo.
„So was in der Art“, antwortete Samantha schmunzelnd. Der Gedanke daran, dass Nox Bo retten konnte, gab ihr neue Hoffnung.
 
Sie schafften es bis zum Ende des Ganges.
„Sam? Bo? Seid ihr das?“ Es war Dr. Bloom.
„Nein, wir sind Zombies“, rief Bo mit verstellter Stimme und lachte.
„Schhhht“, zischte Samantha.
„Ich freu mich so! Ich freu mich, Sam!“
„Lasst den Unsinn!“ Dr. Bloom kam näher.
Dann tauchte Samanthas Vater hinter ihm auf. „Saman­tha? Was wird das hier?“
Die beiden Geschwister schwiegen.
Nach ein paar Sekunden erhob ihr Vater wieder das Wort. Oder waren es Minuten? Samantha wusste es nicht. Die Zeit schien sich für einen Augenblick zu langem zähen Gummi ge­wandelt zu haben. „Samantha, wir reisen ab. Sofort!“
Sie erwachte aus ihrer Starre. „NEIN!“, schrie Samantha und hoffte, dass es Bo neben ihr nicht aufbrachte. Sie durfte sich nicht aufregen. Sie schwebte immer noch in Lebensgefahr. Nur Bo kümmerte das scheinbar nicht das kleinste bisschen.
Samanthas Vater schoss nach vorne, um seine Tochter mit sich zu ziehen, doch Dr. Bloom hielt ihn an der Schulter fest. „Lass die beiden gehen, Thomas.“
Samantha konnte sehen, dass er ihm etwas ins Ohr flüs­terte. Sie hörte es nicht, konnte sich aber vorstellen, was er sagte. Es war Bo’s letzte Nacht. Er hatte ihm gesagt, dass Bo den Morgen nicht erleben würde. Samantha sah ihren Vater abwartend an. Er schien mit sich zu ringen, ob er sie gehen ließ oder nicht.
„Mr. Evens. Ich werde sterben“, sagte Bo laut. Ihre Stimme klang dabei so klar wie nie. Es kam unerwartet für alle. „Ich möchte das Meer sehen. Ein einziges Mal in meinem Leben will ich das Wasser berühren.“
Sie sahen sich an. Ein Blickduell, das scheinbar niemand gewinnen konnte. Samantha spürte das Knistern in der Luft zwischen ihnen und sie wusste, Bo würde nicht nachgeben, bis sie zusammenbrach.
„Dad, bitte“, unterbrach sie flüsternd die Stille, als sie es nicht mehr aushielt.
Er wandte sich mit fragendem Blick seiner Tochter zu. „Sa­mantha?“
„Wenn ich zurück komme, reisen wird ab. Versprochen“, versuchte sie ihn zu überreden. Es war nicht gelogen, denn Samantha würde nicht zurückkommen.
Ihr Vater nickte.
 
Und dann standen sie im Lift und fuhren nach unten. Saman­tha legte stützend den Arm um Bo. Sie konnte es noch gar nicht glauben, die beiden Geschwister waren frei. Niemals hät­te je irgendjemand gedacht, dass Bothilda Bamba das Kran­kenhaus irgendwann einmal verlassen dürfte. Aber jetzt, nach 41 Jahren war sie frei. Und Samantha, die nicht einmal halb so alt war, stand neben ihr. Der Fahrstuhl hielt im Erdgeschoss an. Noch ein Flur und sie würden den Ausgang schon sehen können. Als sie um die nächste Ecke bogen, brach Bo zusam­men.
„Du bist ein guter Schauspieler“, sagte Samantha leise.
„War ich schon immer.“
„Hast du Angst?“
„Nein. Niemals. Es gibt keinen Grund dafür. Ich möchte hier raus, Sam. Jetzt.“
„Komm. Hoch. Wir schaffen das. Zusammen.“ Samantha half ihrer Halbschwester wieder auf die Beine und sie schlepp­ten sich nach draußen.
Die Luft war trüb und der Wind pfiff ihnen um die Ohren. Aber in ihren Gedanken stellten sie sich den Himmel Sternen­klar vor. Bo nahm einen tiefen Atemzug und Samantha tat es ihr gleich. Erst jetzt bemerkte sie, dass der sonst salzige Ge­ruch sich verändert hatte. Ein leicht schwefliger Gestank lag in der Luft. Doch die orangen Augen ihrer Schwester leuchteten. Samantha spürte, wie die Anspannung von ihr wich. Nur noch bis zum Wasser hinab. Nur noch ein kleines Stück.
Am Strand angekommen, wateten die beiden zusammen in das aufgewühlte Wasser hinein. Die tobenden Wellen bra­chen sich an ihren Körpern, doch sie störten sich nicht daran und kämpften dagegen an.
„Spürst du das, Sam?“, sie nahm einen weiteren, tiefen Atemzug. „Ich bin zu Hause.“
Samantha wich zurück und ließ vor Schreck Bo’s Buch ins Wasser fallen, als er auftauchte. Obwohl sein Anblick nicht neu für sie war, spürte sie Angst in sich aufsteigen. Ein Krib­beln kroch von ihrem Bauch bis in ihre Zehenspitzen. Die Sze­ne, welche sich ihr bot, war so überwältigend. Bo wich nicht zurück. Sie starrte Nox an. Und Nox starrte Bo an. Zum ersten Mal in ihrem Leben bekamen sich die Geschwister zu Gesicht und Samantha hatte das unbehagliche Gefühl, etwas zwi­schen den beiden nicht mehr mitzubekommen, als würden sie nur mit ihren Blicken miteinander sprechen. Nach einer Weile öffnete Bo den Mund, um etwas zu sagen. Doch kein Laut verließ ihre Lippen.
„Ich möchte dir jemanden vorstellen“, flüsterte Samantha. „Das ist-“
Von einem Augenblick zum anderen sackte Bo in sich zu­sammen und hing im nächsten Moment schlaff in seinem glit­schigen Arm. Es ging alles zu schnell für Samanthas Augen. Ein Griff von ihm und ihre Halbschwester war umgekippt, er beachtete Bo gar nicht weiter. Jetzt gab es kein Zurück mehr. Sie würde ihr Leben für Bo geben. Nox wandte sich Samantha zu und sein Gesicht brannte sich in ihren Kopf. Er wirkte so fremd und gleichzeitig so vertraut, als sähe sie nicht in die sei­nen, sondern in die Augen ihrer Halbschwester. Und dennoch fühlte sich sein Blick anders an. Durchdringender, so als wür­de er sie auffressen wollen. Sie spürte seine glitschige Hand auf ihrer Wange.
„Vertrau mir Sam“, sagte er mit seiner ausgetrockneten Stimme.
Hatte sie einen Fehler gemacht? Im letzten Moment fing sie an, zu zweifeln und ihr Herz begann zu schlagen, immer schneller und schneller. Dann wurde alles schwarz.

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Kapitel 3: Im verbotenen Archiv (Bis in die tiefsten Ozeane)

Nach der Flucht vor Somal und Kor, fand sich Gibbli in einem großen Komplex wieder, der sich zwischen dem Bahnhof des Meeresexpresses und den Gebäuden der biologischen Tiersta­tion erstreckte. Hier beinhalteten meterhohe Regale, die sich auf mehrere Stockwerke verteilten, unzählige Stecker und elektronische Buchplatten. Doch es war nicht die öffentlich zugängliche Bibliothek, die sie immer wieder anzog, sondern die gesperrten Lagerhallen, die sich darunter befanden: Das verbotene Archiv.
Das Umgehen der Türverriegelungen war für Gibbli ein Kin­derspiel. Ehrfurchtsvoll schlich sie die hohen Gerüstreihen ent­lang, während sie ihr EAG als Taschenlampe vor sich erhob. Niemand durfte sich hier aufhalten, nicht einmal die Soldaten der Elite. Einzig ausgewählte Archäologen hatten für jeweils kurze Zeit die Erlaubnis, diese Hallen zu betreten und das auch nur, um das jeweilige Fundstück hier zu deponieren. An den Artefakten zu forschen, war strengstens verboten. Hier bewahrten die Landmenschen ihre, in Gibblis Augen, bedeu­tendsten Funde überhaupt auf. Dieser Ort war ein Museum der ganz besonderen Art. Eine Grabstädte für oceanische Ge­genstände, deren zerstörerische Macht für immer hinter ver­schlossener Tür bleiben sollte. Gibbli kannte jedes Staubkorn hier. Sie brach seit vielen Jahren immer wieder ins Archiv ein und hatte so gut wie alles davon gesehen. Nicht, dass sie die Sprache der Oceaner je begriffen hätte, dennoch war es ihr gelungen, die Technologie einiger hier lagernder Maschinen für sich zu nutzen. Hier fühlte sie sich wohl. Hier genoss sie ihre Ruhe. Hier konnte sie ihrem Drang nachgehen, all die faszinie­renden Kräfte zu erforschen.
Sie schlenderte an einem gigantischen Bruchstück vorbei und fuhr dabei mit dem Finger an einer darin enthaltenen Gravur entlang. Die ihr so fremden und gleichzeitig vertrauten Schriftzeichen begeisterten sie immer wieder aufs Neue. Es war nicht ungefährlich, mit dieser Art von Technologie zu ex­perimentieren. Dennoch fand Gibbli sie so viel aufregender, als die der Landmenschen. Man musste nur immer gut aufpassen, was man dachte. Die Kommunikation über niederfrequente Gehirnwellenmuster stellte einen Grundpfeiler oceanischer Physik dar. Gibbli hatte heimlich Experimente an Mitschülern durchgeführt. Erstaunlicherweise schien niemand von ihnen die erforderliche Anzahl an Neurotransmitter abzusondern, welche nötig war, um die Schnittstellen der kleinen Maschinen hier im Archiv ansprechen zu können. Gibbli hingegen war dazu in der Lage. Natürlich nicht immer und nicht bei jedem Gerät. Manche Gegenstände wurden so heiß, wenn sie diese berührte, dass sie sich die Finger verbrannte. Andere bewegten sich gar nicht. Doch ein paar wenige ließen sich mit ihren Ge­danken steuern. Gibbli liebte es, einzelne Fundstücke zu zerle­gen und diese neu zusammen zu bauen. Bei ihren beiden murmelgroßen Fluggeräten war ihr die Anpassung auf ihre ei­genen Denkmuster besonders gut gelungen. Deswegen be­dauerte sie den Verlust einer ihrer beiden Schätze sehr.
Ein überraschendes Geräusch riss sie aus ihren Gedanken auf. Leise Schritte drangen durch die Halle und kamen lang­sam näher. Schnell schaltete Gibbli ihre Lampe aus und er­kannte den schwachen Schein eines anderen EAGs, nicht weit von ihr entfernt.
„Wo ist dieses verfluchte Marahang…“, murmelte ein Mann jetzt ganz in ihrer Nähe.
Hastig tastete sich Gibbli um die Ecke eines Gerüsts herum. Im nächsten Moment streifte ein Lichtstrahl ihren Stiefel. Sie wich blitzartig zurück. Hoffentlich hatte er sie nicht gesehen!
Sie stand jetzt hinter einem Vorsprung des goldenen Bruch­stücks einer Maschine und traute sich kaum, sich zu bewegen. Nur ein kleines Geräusch und er würde sie sofort bemerken.
Der Strahl seines EAGs leuchtete knapp an ihr vorbei. Of­fensichtlich suchte er etwas. Gibbli hatte noch nie von einem Marahang gehört.
Verdammt, er kam noch näher auf sie zu! Jetzt konnte sie schon seinen Umriss wahrnehmen. Irgendwie kam er ihr be­kannt vor. Unter seinem Arm blitzte etwas Goldenes auf und Gibbli erkannte darin sofort die runde Scheibe. Ganz sicher handelte es sich um diese Karte. Sie hatte das neue Fundstück erst bei ihrem letzten Einbruch entdeckt. Auf dem beigelegten Log stand, dass die Archäologen es in der Nähe der Küste fanden, auf halbem Weg zur ersten Unterwasserstadt des Landmenschengebietes.
Gibbli hielt den Atem an, als der Mann unweit an ihr vorbei schlich. Dann bog er in einen anderen Gang ab. Sie musste hier weg, sofort!

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Kapitel 2: Abgelehnt (Bis in die tiefsten Ozeane)

Wie jeden Tag, besuchte Samantha nach der Schule ihre Halbschwester Bo. Schweigend ging sie mit ihrer Mutter den Gang zu den einzelnen Zimmern im ersten Stock entlang. Es roch nach Desinfektionsmittel, doch sie hatte sich längst daran gewöhnt. Als die beiden die Tür des Krankenzimmers erreichten, hinter der Bo lag, hielt ihre Mutter Samantha da­von ab, die Tür zu öffnen.
„Warte noch“, sagte sie und holte etwas aus ihrer Tasche. Es war ein scheibenförmiges Stück Metall an einer Kette. „Das ist für deine Schwester. Aber bevor sie es bekommt, muss ich noch etwas klären. Passt du bitte darauf auf?“
„Was ist das?“, fragte Samantha und betrachtete neugierig den Anhänger, den ihr ihre Mutter um den Hals legte. Doch ihre Mutter zog den Kragen von Samanthas cremefarbenem T-Shirt hervor und ließ es darunter verschwinden. Das Metall fühlte sich gar nicht kalt an und sie spürte es kaum, als es auf ihrer Haut lag.
„Elai sagt, das heißt Marahang. Er und Nox haben es ge­stohlen. Nox hat das entschieden. Nach dem Tod von Lio hat er das Recht dazu.“
„Das verstehe ich nicht, wovon redest du?“ Was sollte das heißen? Wer hatte was gestohlen? Samantha wusste, dass mit Lio Bo’s Vater gemeint war. Er lebte schon lange nicht mehr. Aber wer waren Elai und Nox?
„Das musst du nicht verstehen, Schatz.“ Sie strich ihrer Tochter den blonden Pony aus dem Gesicht. „Geh schon vor. Ich bin noch kurz draußen, ja?“
Samantha sah ihrer Mutter nach und öffnete dann die Tür des Krankenzimmers.
 
Im weißen Bett vor ihr lag eine, dem Anschein nach, junge Frau, mit leicht bläulicher Hautfarbe und blätterte gelangweilt in einer runden Buchplatte.
Samantha wusste, dass es sich dabei um das Lieblingsbuch ihrer Schwester handelte. Eins der wenigen Dinge, die Bo in diesem Krankenhaus etwas Abwechslung boten. Es steckte voller Geheimnisse über eine Unterwasserstadt, U-Boottechni­ken und anderer Dinge und zeigte kleine Details einer faszi­nierend fremden Welt. Nach all den Jahren musste Bo das Buch schon auswendig kennen, jede einzelne Seite. Natürlich nicht den Text, denn der war in einer ihnen unbekannten Schrift verfasst. Dennoch liebte Bo die Bilder darin und Sa­mantha freute sich, wenn ihre Halbschwester von der gehei­men Stadt Ocea schwärmte. Ocea musste der Name sein, denn er stand unter dem beeindruckenden Bild vieler goldener Bauten auf der Deckseite, so wie auch am Rand der Platte in goldenen Lettern und als einziges klar lesbar.
Heute hatte Bo allerdings eine Seite geöffnet, die Saman­tha weniger gefiel. Sie zeigte ein Schaubild mit der Übersicht über verschiedene Wesen. Es waren drei Arten abgebildet: Landmenschen, Hochseemenschen und Tiefseemenschen. Darunter gab es Bilder ihrer Nachkommen. Natürlich war es bei allen drei Arten nicht gerne gesehen, wenn jemand mit ei­ner anderen Art eine Verbindung einging. Und doch passierte es hin und wieder. Dann entstand ein Hybridkind.
Während das Zeugen von Kindern zwischen Landmen­schen und Hochseemenschen eher unproblematisch verlief, da Hochseemenschen eine Lunge und Kiemen besaßen, konnten bei Nachkommen von einem Landmenschen und einem Tief­seemenschen Probleme auftreten. Denn Tiefseemenschen hat­ten nur Kiemen und konnten nicht über Wasser atmen. Wenn zum Beispiel ein Landmensch und ein Tiefseemensch ein Kind zeugten, gab es vier Möglichkeiten: Das Kind besaß eine Nase mit funktionierender Lunge. Das Kind besaß nur Kiemen. Drit­tens, es hatte beides. Oder, die vierte Möglichkeit, es besaß keins von beiden und war somit nicht lebensfähig. Bei ihrer Halbschwester handelte es sich um so einen Fall. Also fast. Bo besaß zwar beides, aber irgendwie waren weder ihre Lunge noch ihre Kiemen richtig funktionstüchtig, jedenfalls nicht für längere Zeit. Sie musste immer wieder abwechselnd Luft und Wasser atmen. Es war ein Wunder, dass ihr Körper das schon so viele Jahre durchhielt. Samantha hatte wahnsinnige Angst, sie zu verlieren. Sie liebte ihre große Schwester über alles.
„Bothilda, du siehst schrecklich aus.“
Bo hob den Kopf und ein Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus.
„Nenn mich nicht so, Sam. Die Ärzte sagen, meine Haare wachsen wieder.“
Doch Samantha wusste es besser. Ihr fiel nichts ein, was sie darauf erwidern sollte. Schließlich senkte sich ihr Blick er­neut auf das Buch. „Bitte mach es aus. Ich mag diese Seite nicht. Sie macht mich traurig.“
Samantha drehte sich um und blickte aus dem Fenster. Sie wollte nicht, dass Bo ihre aufsteigenden Tränen sah und ver­suchte, diese zu unterdrücken. Sie verfolgte ein Blatt, das wir­belnd vom Baum fiel. Es wurde langsam Herbst. Samantha schob den Drang, das Fenster zu öffnen, zur Seite. Wie gerne hätte sie jetzt den Wind an ihrem Gesicht gespürt. Aber das war hier nicht möglich. Ihre Schwester brauchte reine Luft, die salzige Meeresluft, an der Küste von draußen, tat ihr angeb­lich nicht gut.
„Das was hier steht, gehört zu mir“, meinte Bo und drückte langsam auf eine Pfeiltaste, um die nächste Seite auf der run­den Oberfläche erscheinen zu lassen. „Alles darin. Es ist das einzige, was ich von Dad besitze. Ich glaube fest daran, dass Ocea existiert.“
Erschrocken blickte sich Samantha um. „Pass auf, dass Mum dich nicht so sprechen hört.“
„Mum ist nicht hier.“
„Du weißt, sie mag es nicht. Das alles ist… Geschichte. Die Sache mit deinem Vater fand ihr Ende noch vor deiner Ge­burt.“ Samantha hasste es darüber nachzudenken. Sie wünschte sich, Bo wäre kein Hybrid, sondern ein ganz norma­ler Landmensch. Dann wäre alles so einfach.
„Aber ich bin nicht Geschichte, Sam. Ich lebe! Siehst du?“ Bo wedelte mit ihrer Hand vor ihrem Gesicht.
Samantha beruhigte sich und konnte nicht anders, als zu lächeln. Bo brachte sie immer zum Lachen. „Das weiß ich doch.“
Ein leichtes Grummeln durchfuhr auf einmal den Raum und Samantha blickte alarmiert auf ein Glas Wasser, das auf Bo’s Nachttisch stand. Die Flüssigkeit schwappte hin und her.
„Da ist es wieder. Es wird stärker“, flüsterte Bo und um­klammerte ihr Ocea-Buch.
„Ist sicher gleich vorbei.“
Plötzlich warf ein heftiges Ruckeln des Bodens sie fast um. Samantha konnte sich gerade noch an der Bettkante festhal­ten. Es dauerte nur ein paar Sekunden, dann hörte es wieder auf.
„Bist du okay?“, hörte sie Bo’s besorgte Stimme.
Samantha ließ sich auf einen Stuhl fallen. „Ja.“
Einen Moment lang war es still.
„Ich fühle mich krank, Sam.“
Sie sah ihrer Halbschwester in die Augen. Und dann gab sie sich einen Ruck. Sie musste es Bo sagen. Sie konnte es nicht mehr geheim halten, es wäre gemein. „Die Ärzte sagen, du schaffst es nicht. Mum will nicht, dass ich dir das sage. Aber ich lüge dich nicht an.“
Es war raus. Und es tat weh. Doch Bo schien nicht davon beeindruckt.
„Das weiß ich doch längst“, sagte sie leise. Dann fing sie an zu grinsen, was Samantha noch mehr verwirrte. „Ich glaube, mittlerweile kenne ich mich mehr aus mit Medizin und Krank­heiten, als alle Ärzte hier zusammen.“
„Nach ein paar Jahrzehnten solltest du das wohl auch.“
Und dann lachten sie beide los. Es war ein selten schöner Moment. Leider dauerte er nicht lange an. Plötzlich fing Bo an zu röcheln. Samantha hielt sofort inne.
„Sam… Ich krieg keine Luft!“
Nein, das war viel zu früh! Das durfte nicht sein. Samantha schlug auf einen Knopf an der Wand. Sie spürte, wie ihre Au­gen wieder feucht wurden. Hilflos musste sie zusehen, wie ihre Halbschwester sich an den Hals griff. Bo reckte ihren Kopf und versuchte nach Luft zu schnappen. Und Samantha konn­te nichts tun. Absolut gar nichts.
„Ich hab mich so gefreut, als du gekommen bist“, krächzte Bo.
„Sag nichts, das macht es schlimmer.“
Doch Bo öffnete erneut den Mund. „Mit dir an meiner Sei­te, bin ich nicht mehr allein.“
„Bo! Halt durch!“
Sekunden später eilten ein paar Ärzte ins Zimmer und setzten ein Gerät neben Bo’s Bett in Gang. Es fing laut an zu Blubbern. Das Wassergerät, so nannten sie es immer.
Einer der Ärzte nahm Samantha an den Schultern und versperrte ihr die Sicht auf Bo. Es war Dr. Bloom. „Sam, geh bitte nach draußen“, sagte er leise.
„Aber Bo…“
„Sie schafft es. Geh. Dein Vater wartet draußen.“ Er schob sie sanft Richtung Gang hinaus. Samantha erkannte noch, dass man Bo eine Maske aufsetzte und etwas um ihren Hals legte, damit sie Wasser atmen konnte. Dann schloss Dr. Bloom die Tür.
Mit hängenden Schultern sah sie ihren Vater an, der nicht weit entfernt im Gang stand. Sie konnte ihre Tränen nicht mehr zurückhalten. Ihr Vater presste den Mund zusammen, sagte jedoch nichts.
„Könntest du sie nicht wenigstens einmal besuchen? Bo würde sich freuen!“, brachte Samantha hervor, als sie den Gang entlang zum Aufzug gingen, vorbei an leeren Kranken­zimmern.
„Sie ist nicht meine Tochter“, antwortete er knapp.
„Bo ist meine Schwester!“
„Halbschwester. Und ich wünschte es wäre nicht so.“
Samantha blieb stehen und ballte die Fäuste. Wie konnte er nur so etwas sagen? „Dad, das ist gemein! Ich würde ihr mein Leben geben, wenn ich könnte!“
„Tut mir Leid. Es war ein Fehler, das zu sagen.“
Sie wusste, dass er das nicht ernst meinte. Es tat ihm nicht Leid. Er hielt sich zurück. Er mochte Bo nicht.
„Wie sieht es mit deiner Anmeldung aus? Hast du dich bei der Stanis Universität eingetragen?“, versuchte er sie abzulen­ken.
Ihre Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen. Wie konnte er so taktlos sein und jetzt damit anfangen? „Ich wer­de Kuchenbäcker! Das sagte ich dir bereits!“
„Pah. Du landest noch auf der Straße, wie deine Mutter damals!“
„Das hat gar nichts damit-“
„Kassandra?“, unterbrach sie ihr Vater und Samantha dreh­te sich um. Ihre Mutter kam den Gang entlang. Irgendetwas stimmte nicht mit ihr. Das Haar hatte sich teilweise aus ihrem Zopf gelöst und hing ihr in Strähnen ins Gesicht.
„Mum, warum bist du so nass?“
Samanthas Vater sah sie missbilligend an. „Du warst wie­der unten am Meer“, stellte er fest. Sie ignorierte es und drückte Samantha ein entrolltes Blatt in die Hand. Die Fla­sche behielt sie bei sich. Dann wandte sie sich an ihren Mann.
„Thomas, geht schon vor. Ich verabschiede mich noch von Bo.“
Ihr Vater nickte, wandte sich um und stapfte stur Richtung Aufzug, während ihre Mutter sich Bo’s Zimmer näherte. Sa­mantha folgte ihm nicht und blieb alleine im Gang zurück. Stattdessen las sie den Brief, den ihre Mutter ihr in die Hand gedrückt hatte. Er war an der Seite durchnässt, aber noch les­bar.
 
Sehr geehrte Frau Kassandra Evens,
 
leider können wir Ihre Tochter Bothilda Bamba nicht an der Akademie zulassen, da sie nicht unseren Anforderun­gen entspricht. Zudem müssen wir Ihnen mitteilen, dass es uns nicht möglich ist, sie auf unserer Krankenstation auf­zunehmen.
 
1. Alle Studiengänge und das Betreten unserer Räumlich­keiten ist Landmenschen vorbehalten.
 
2. Das Maximalalter für die Erstaufnahmen beträgt 7 Jah­re. Wir sind uns im Klaren, dass Bothilda unter ihresglei­chen noch nicht als ausgewachsen gilt, umgerechnet auf die Entwicklungsstufe eines Landmenschen hat sie dieses Alter dennoch weit überschritten.
 
3. Wir behandeln nur Mitglieder der Akademie und Land­menschen in unseren medizinischen Einrichtungen.
 
Wir bitten um Ihr Verständnis. Sollten Sie uns Spenden zu­kommen lassen wollen, steht Ihnen unser schulischer Leiter Markus Brummer gerne zur Verfügung.
 
Mit besten Grüßen
Dr. Elvira Fenchel
Medizinische Direktorin der Meeresakademie
 

Abgelehnt. Sie hatten Bo einfach abgelehnt! Samantha spürte, wie es in ihr brodelte. Dann blickte sie hoch und schlich zu­rück zu Bo’s Krankenzimmer. Die Tür stand halb offen. Durch einen kleinen Spalt beobachtete sie, wie ihre Mutter sich setz­te. Die Ärzte waren schon weg und Bo schien zu schlafen.
„Mein Baby. Es tut mir so Leid“, flüsterte Kassandra. Sie weinte leise.
Irgendetwas hielt Samantha davon ab, den Raum zu betre­ten. Es fühlte sich falsch an, als würde sie stören. War ihre Mutter wirklich unten am Meer gewesen? Samantha be­obachtete, wie Bo sich im Schlaf auf die Seite drehte. Sie be­kam von alldem nichts mit.
„Ich habe ein Abkommen geschlossen“, flüsterte Kassandra wieder. „Sie versuchen dich zu retten. Halte durch. Ich komme wieder, heute Nacht.“
Verwirrt lauschte Samantha ihren Worten. Ihre Mutter würde sich heute Nacht ins Krankenhaus schleichen? Warum? Wie konnte Bo das helfen?
„Es tut mir so Leid“, hörte sie ihre Stimme wieder. „Ich war doch noch ein Kind. Ich wollte nicht, dass du so leben musst. Eigentlich wollte ich dich damals gar nicht. Es tut mir so Leid. Aber ich mache es wieder gut. Ich hab dich lieb Bothilda.“
 
Es war später Nachmittag. Der Wind draußen verstärkte sich zunehmend und Samantha wünschte sich, sie wäre bei Bo im Krankenhaus geblieben. Stattdessen saß sie jetzt neben ihrer Mutter im Wohnzimmer. Im Fernseher liefen die aktuellen Nachrichten aus der Region. Ein beunruhigt aussehender Sprecher mit Brille hatte das Wort.
„…wird begleitet durch kleinere Erdbeben. Der Vulkan könnte jeden Moment ausbrechen. Die Bevölkerung wurde angewiesen, das Gebiet weiträumig zu verlassen.“
„Hier.“ Ihr Vater betrat den Raum und knallte einen riesigen Koffer auf den Tisch. Damit stellte er seine Absicht klar.
„Nicht ohne Bo“, sagte Samantha sofort und sprang auf.
„Jetzt seid endlich vernünftig! Bothilda kann nicht verlegt werden, das hatten wir besprochen!“
„Thomas, bitte“, versuchte ihn Kassandra zu beruhigen. „Noch eine Nacht. Morgen reisen wir ab. Ich hab den Ruck­sack für Sam schon gepackt.“
Entsetzt dreht sich Samantha um. Sie hatte was? „Mum!“, schrie sie empört. Was sollte das? Sie konnte das doch selbst erledigen! Sie war alt genug zum Koffer packen und außer­dem würde sie nicht ohne Bo hier weggehen.
Ihr Vater schien sich etwas zu beruhigen. „Na gut. Wenn es morgen mal nicht zu spät…“
Und dann brach die Hölle los.
 
Der Boden vibrierte und ein lautes Grollen setzte unvermittelt ein. Das Beben erschütterte das gesamte Haus. Der Fernseher knackte und ging aus. Samantha versuchte sich festzuhalten und spürte den Griff ihrer Mutter an ihren Schultern. Sie sah, wie ihr Vater nach hinten stolperte, in den Gang hinaus und in einer Staubwolke verschwand. Vom Tageslicht draußen drang kaum noch etwas durch. Trümmer lösten sich aus der Decke, brachen und fielen zu Boden. Samantha spürte, wie ihre Mut­ter sie unter den Tisch schubste. Doch sie kam nicht nach.
Kassandra wurde von einem der Trümmer getroffen.
„MUM!“
Verzweifelt versuchte Samantha sie unter den Tisch zu zie­hen. Da lag ihr Kopf, verkehrt herum und ihre Augen blickten in Samanthas Gesicht. Sie war eingeklemmt. Mit gebrochener Stimme versuchte sie Worte hervorzuwürgen. „Sam… sag Bo… sie darf nicht nach Ocea!“
„Was? Mum!“ Samantha sah in Gedanken das Ocea-Buch vor sich. Sprach ihre Mutter von der Stadt? Sie existierte wirk­lich?
„Elai hat… das gesagt.“
„Mum! Wer ist Elai?“, schrie Samantha. Noch immer riesel­ten größere Brocken zu Boden und einige trommelten laut über ihr auf den Tisch.
„Ihr Onkel“, würgte Kassandra hervor. „Elai ist Bo’s Onkel.“
„Mum! Du darfst nicht… Mum!“
„Bo… darf nicht in die Stadt. Sag es ihr. Und gib ihr den An­hänger.“ Ihr Blick streifte die Kette der runden Metallscheibe, die Samantha noch immer um den Hals trug. Dann fielen ihre Augen zu.
„MUM! Bitte! Wach auf!“, rief Samantha.
Ein weiterer Brocken stürzte direkt auf Kassandra. Saman­tha zucke erschrocken zurück.
„Mummi…“
Ihre Mutter bewegte sich nicht mehr. Kassandra war tot.
Nach ein paar Sekunden, die Samantha wie Stunden vor­kamen, hörte das Beben auf. Es wurde still. Samantha wollte weinen, aber es kamen keine Tränen. Ihr Kopf schien völlig leer gefegt und ihr starrer Blick verlief ins Nichts.
„Kassandra? Samantha? Wo seid ihr?“, schrie ihr Vater. Er tauchte aus einer Staubwolke auf, die sich jetzt langsam legte.
Es dauerte etwas, bis Samantha ihn wahrnahm. „Dad! Sie ist… Mum ist…“, sie schaffte es nicht den Satz zu vollenden. Völlig verzweifelt kroch sie unter dem Tisch hervor und sah zu, wie ihr Vater ein großes Trümmerstück zur Seite hob und sich vor ihrer Mutter niederkniete.
„Kassandra. Nein. Komm zurück“, brachte er unter Tränen hervor.
Ihre Augen verwässerten sich. Sofort blinzelte Samantha ihre Tränen weg. „Ich muss zu Bo“, flüsterte sie.
Ihr Vater sah auf. „Nein.“
Doch bevor er sie festhalten konnte, rannte sie los.
Er zögerte, blickte kurz zu seiner Frau, dann wieder zu sei­ner Tochter. Er schien nicht mehr zu wissen, was er denken sollte. „Dann lauf doch weg!“ Verzweifelt schüttelte er den Kopf. Samantha realisierte noch, wie er sich wieder ihrer Mut­ter zuwandte. Völlig am Ende umschloss er deren bleiche Hand. „Kassandra, tu mir das nicht an!“
Und Samantha rannte.
Bo war jetzt alles was zählte. Es musste ihr gut gehen. Sie musste am Leben sein. Sie war doch ihre Schwester!

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Kapitel 1: Die Meeresakademie (Bis in die tiefsten Ozeane)

 

 

„Licht ist hell und blendet.
Sie kommen in der Dunkelheit!“

Gibbli de Orange

 

 

Vor dem dunkelhäutigen Mädchen schwebte ihr wertvollster Besitz: Ein kleines, quadratisches Gerät aus Metall.
An der Seite prangten in goldener Schrift die Buchstaben ‚EAG‘ und eine 20-stellige Nummer dahinter. Es war flach, etwa drei Zentimeter dick und darin befanden sich sämtliche persönliche Informationen und all das Wissen, was sie seit Geburt an sammelte. Der Bildschirm an der Oberfläche des Gerätes leuchtete hell und unbeschrieben, während von der Rückseite aus eine Tastatur nach unten, auf die Tischoberflä­che, projiziert wurde. Diese sollte Gibbli eigentlich benutzen, um niederzuschreiben, was der glatzköpfige Mann an der Ta­fel ihnen entgegen schrie.
Sir Brummer schrie ununterbrochen. „LOS JETZT!“, brüllt er die Klasse an, die aus Schülern unterschiedlichsten Alters be­stand. „Schreibt das in euer EAG! Eine Verbindung zwischen uns Land- und den Meermenschen, ist streng verboten. Ihr wollt doch nicht, dass euer Kind ein idiotischer Hybrid wird, der…“
Ihre Gedanken konnten sich einfach nicht auf dieses un­sinnige Geschrei konzentrieren. Als schulischer Leiter der Meeresakademie, hatte Sir Brummer alles fest im Griff und achtete darauf, dass sich jeder streng nach den schulischen Vorschriften richtete. Wer dagegen verstieß, musste in den Strafunterricht. So wie Gibbli gerade. Denn leider besagte eine der Vorschriften, dass dieser dumme Tauchkurs Pflicht war und zur Basisausbildung gehörte. Sie hatte es mehrere Jahre erfolgreich geschafft, immer neue Gründe vorzuschieben und sich so dem Tauchkurs irgendwie zu entziehen. Sie absolvierte Fortgeschrittenen- und sogar Meisterkurse, für die sie noch viel zu jung war, die aber zur selben Zeit stattfanden, wie der Tauchkurs. Und sie spielte krank. Das ging so weit, dass Gibbli sich sogar einmal ein Ohr durchgestochen und das als Unfall getarnt hatte, nur um nicht tauchen zu müssen.
Doch früher oder später hatte es einfach auffallen müs­sen. Zusammen mit ein paar anderen ungehorsamen Schülern stand sie nun in einem Klassenzimmer und durfte sich die Moralpredigt von ihrem Direktor anhören. Der nutzte diese Zeit am liebsten dazu, über Meermenschen herzuziehen. Hinter sich hörte Gibbli ein paar Schüler tuscheln. Neben ihr wollte niemand stehen. Gut so, denn sie mochte andere Menschen nicht besonders.
So etwas wie Stühle existierten in den vielen hundert Klas­senzimmern der Meeresakademie nicht. Natürlich hatte man an einigen Stellen Sitzflächen angebracht, aber während dem Unterricht standen die Schüler ausschließlich vor Stehtischen. Das diente dazu, sie auf die Arbeit vorzubereiten. Sie gehörten schließlich zur Elite.
Verträumt blickte Gibbli aus dem großen Fenster, das sich von der elektronischen Tafel vorne bis über die Bankreihen nach ganz hinten zum Eingangstunnel erstreckte. Eine dieser Quallen dort draußen zu sein, würde all ihre Probleme lösen. Dann müsste sie keine Angst mehr haben und könnte unter Wasser atmen. Wie in Zeitlupe blähte sich das Tier auf und bewegte ihre kleinen Tentakel langsam im dunklen Blau da­hin. Gibbli hingegen würde da draußen ertrinken! Tauchen sprach gegen die Natur eines Landmenschen.
„GIBBLI!“ Der Direktor Markus Brummer stand plötzlich breitbeinig vor ihrem Tisch. Eine Hand zur Faust geballt, mit der anderen direkt auf ihr Gesicht zeigend, so dicht, dass er sie beinahe berührte.
Die Qualle draußen schrumpfte in sich zusammen und Gibbli mit ihr. Angeekelt blickte sie auf seinen dicken Wurst­finger, in der Hoffnung, er würde nicht näher kommen. Beina­he wäre sie nach hinten gefallen, sie konnte sich gerade noch halten. Zurückzucken galt als Schwäche und Sir Brummer mochte das nicht.
„TRÄUM NICHT!“, schrie er aufgebracht. „Du nimmst so lange am Strafunterricht teil, bis du anfängst, zu tauchen!“
Gibbli schwieg und wünschte sich im Stillen, seine Gedärme würden sich an den Wänden des Klassenzimmers verteilen. Missmutig begann sie, auf der projizierten Tastatur in ihr EAG zu tippen. Ihm zu widersprechen würde es nur schlimmer ma­chen, das hatte Gibbli schon in frühen Jahren begriffen. Ob­wohl der Direktor keine eigenen Kurse mehr gab, ließ er es sich nicht nehmen, seine Predigten höchst persönlich abzuhalten. Die Aussicht darauf, auch in den nachfolgenden Wochen an seinem Strafunterricht teilzunehmen, gefiel ihr gar nicht. Denn er fand 10 Stunden lang statt und das jeden Sonntag. Der ein­zige Tag in der Woche, den sich die Schüler frei halten durf­ten. Ein Eliteschüler musste allen Befehlen Folge leisten, doch Gibbli würde niemals tauchen. Nie, nie, nie, nie. Dieses ver­dammte Wasser! Wie lange würde Sir Brummer das mitma­chen, bevor er sie von der Akademie warf? Wie viele Monate? Jahre? Eines stand fest: Den Abschluss konnte sie vergessen.
Noch schlimmer war der Gedanke an ihre Eltern. Allein schon ihres hohen Standes wegen, würden sie nicht tolerieren, dass ihre einzige Tochter sich eine Strafe eingehandelt hatte. Bestimmt wussten sie es schon, die Schule hatte die beiden si­cherlich bereits darüber informiert. Trotz Gibblis Spitzennoten in den Technikkursen, schaffte sie es kaum, den Erwartungen ihrer Eltern gerecht zu werden. Die beiden fanden immer et­was an ihr auszusetzen. Dennoch erbrachte Gibbli diese An­strengungen nicht für ihre Eltern. Sie hatte sich so sehr ins Zeug gelegt, um unabhängig von ihnen zu werden und um ir­gendwann vielleicht sogar unabhängig von allen Menschen zu sein. Um in der Gesellschaft der Landmenschen unter dem Wasser zu überleben, war es unerlässlich, mit ihnen zusam­men zu arbeiten. Das bedeutete, ihnen zu vertrauen. Vertrau­en wiederum war etwas, was Gibbli beinahe genauso schlimm fand wie Tauchen. Denn von jemandem abhängig zu sein, be­deutete, dass etwas schief gehen konnte, was man selbst nicht im Stande war zu kontrollieren. Gibbli musste noch sie­ben weitere Jahre durchstehen, bis sie als volljährig galt. Bis dahin würden andere über ihr Leben bestimmen. Ihre Eltern, ihre Lehrer, der glatzköpfige Schulleiter, … und nach dieser Ausbildung auf der Akademie, würde der militärische Direktor Jack und seine Flottenführer übernehmen. Vorausgesetzt, sie würde die Laufbahn einschlagen, die ihr Vater für sie vorsah. Das musste sie auf jeden Fall verhindern. Tatsächlich war Gibbli ihrem Alter so weit voraus, dass sie im Grunde noch heute die Prüfungen ablegen könnte und die Schule damit abgeschlossen hätte. Wäre da nicht dieser verdammte Tauch­kurs…
Ein Zischen lenkte ihre Aufmerksamkeit ab und auch der Direktor hob wütend den Kopf. Außen im Meer stoben Luft­blasen nach oben, als der Luftdruckmechanismus der Tür be­tätigt wurde. Verträumt blickte Gibbli den kleinen Bläschen hinterher, während sich die Tür hinten im Klassenzimmer au­tomatisch aufschob und Mr. Plotz hereinstürmte.
Mithilfe von elektromagnetischen Empfängern wäre das viel effektiver, dachte Gibbli. Dann könnte man die Tür allein mit Gedankenkraft öffnen. Aber das zählte sicher als oceani­sche Technologie und war somit verboten. Alles ohne sichtba­re Verbindung galt bei den Landmenschen als gefährlich. Stattdessen arbeiteten diese Dummköpfe mit Wärmesenso­ren, was die Türen in den Heizräumen jedes Mal verrückt spie­len ließ.
Mr. Plotz trug eine offene Flasche in der Hand, während er an ihnen vorbei zur Tafel eilte. Gibbli kannte ihn nur vom Se­hen her. Als erster Stellvertreter Sir Brummers, bestand eine seiner Aufgaben darin, ihn zu beraten. Außerdem leitete er den Geologiebereich. Mr. Plotz koordinierte die Lehrer der da­zugehörigen Kursmodule, darunter Rohstoffkunde, Klimafor­schung und Katastrophenvorsorge. Einmal im Jahr reiste er sogar mit ausgewählten Schülern der Meisterkurse an die Oberfläche, um dort ihre praktischen Wetterexperimente zu beaufsichtigen. Er war nett und die meisten Schüler mochten ihn, weil er sich für sie einsetzte. Gibbli war leider nie dazu ge­kommen, einen seiner Kurse zu belegen.
„Flaschenpost Sir, ein Brief von einer Frau Evens. Es geht um ihre Tochter, Miss Bamba.“ Mr. Plotz reichte dem Direktor eine Rolle Papier.
Gibbli musste zwei Mal hinsehen. Tatsächlich, echtes Pa­pier! Wie altmodisch. Sir Brummer beugte sich darüber und während er las, hörte man nur das leise Tippen der Finger eini­ger Schüler auf den Tischen, die etwas in ihre EAGs schrieben.
„ABGELEHNT!“, schrie er seinen Stellvertreter abrupt an und zerriss dabei das Schreiben. „Wir nehmen hier keine Miss­geburten auf!“
„Ja Sir, ich schicke einen Can los, um es ihr mitzuteilen.“ Und Mr. Plotz eilte zurück in den Tunnel. Sir Brummer wandte sich währenddessen erneut der Klasse zu und führte sein Ge­schrei fort.
 
Im Kommunikationsbereich der Meeresakademie war um die­se späte Zeit nichts mehr los. Es handelte sich dabei um den einzigen Ort, an dem man mit Menschen aus verschiedenen Gebieten reden konnte. Denn er war, durch am Meeresgrund verlegte Kabel, mit den Kommunikationsbereichen anderer Unterwasserstädte verbunden. Die Tagessimulationslampen, die das Meer außen aufhellten, standen jetzt auf der niedrigs­ten Stufe. In ein paar Minuten würden sie sich vollkommen abschalten. Die meisten Schüler befanden sich schon in ihren Schlafbereichen. Eine gute Gelegenheit für Gibbli, mit ihren El­tern zu sprechen, ohne von nervigen Schülern gestört zu wer­den. Auch wenn sie es nicht gerne tat. Es hatte keinen Sinn, das Gespräch länger hinaus zu zögern.
Sie stand alleine in der lang gestreckten Halle, an deren Wand sich auf einer Seite Bildschirme reihten, die bis an die Decke reichten. Ein bedrückendes Rauschen machte sich um sie herum breit, wie es nur hier unten vorkam. Nahe der Sau­erstoffaufbereiter rauschte es immer besonders stark. Gibbli dröhnte noch der Kopf von Brummers Geschrei und sie ver­suchte die schneidende Stimme ihres Vaters auszublenden. Es gelang ihr nicht. Überlebensgroß abgebildet, musste sie die wüsten Beschimpfungen ihrer Eltern über sich ergehen lassen.
„Strafstunden! Was für eine Schande! Wir tun alles für dich, ich investiere mein ganzes Vermögen, um dir diese Aus­bildung zu ermöglichen und so dankst du uns?“
Gibbli schnaubte. Einen Dreck tat er. Ihre Eltern besaßen Geld ohne Ende. Wenn sie wollten, könnten sie die gesamte Akademie aufkaufen und hätten immer noch etwas übrig. Grambold de Orange, Gibblis Vater, leitete die Firma ‚Orange Drive‘, der bekannteste Hersteller von U-Boot-Antrieben im ganzen Landmenschengebiet unter dem Meer. Ihre Mutter hingegen arbeitete für eine Bank, als Botschafterin zur Über­wasserwelt.
„Erst schockierst du uns mit deinen katastrophalen Bewer­tungen deiner Basisprüfungen und jetzt erfahren wir, dass du eine nicht einmal abgelegt hast!“, warf ihre Mutter ein.
Wie immer übertrieb diese dumme Frau. Gibbli stand in vie­len Basiskursen nicht gerade an der Spitze, dennoch war sie auch nicht schlechter als der Durchschnitt. Ihr medizinisches Grundwissen ließ vielleicht zu wünschen übrig und sie hatte Probleme gehabt, im Kampfkurs mitzuhalten, aber im Steuern von U-Booten besaß sie Talent. Zugegeben, in den meisten Sozialgrundkursen hätte sie beinahe komplett versagt und die Note ihrer Kommunikationsprüfung hatte sie sich schlicht er­hackt, indem sie sich in einer nächtlichen Aktion ins System des Prüfers einklinkte, um ihre Punkte im Nachhinein unbe­merkt zu erhöhen. Doch die erste Technikerprüfung hatte sie schon vor Jahren mit der höchstmöglichen Punktezahl abge­schlossen. Nicht nur das. Allein die Tatsachen, dass Gibbli be­reits die fortgeschrittenen Technikerkurse besucht hatte und sich in den nachfolgenden Meisterkursen langweilte, schienen ihre Eltern wie immer völlig zu übersehen. Gibbli war in der Lage einen U-Boot Antrieb blind zusammenzusetzen und technische Steuerungen jederzeit umzuprogrammieren. Tech­nik bedeutete Macht. Technik bedeutete Kontrolle. Wer brauchte schon Worte? Wozu sich mit anderen Menschen abgeben, wenn es doch so viel einfacher ging? Nicht nur ein Mal musste sich Gibbli zurückhalten, um nicht heimlich die Lehrerquartiere unter Strom zu setzen. Ohne die Sicherheits­funktionen, könnte sie jetzt auf der Stelle, innerhalb von weni­ger als einer Minute, die gesamte Frischluftzufuhr der Akade­mie lahmlegen. All diese beschränkten Menschen würden jämmerlich ersticken. Nun, der Alarm ließe sich überbrücken. In Gedanken war sie das Szenario schon öfter durchge­gangen. Es wäre ein Spiel auf Zeit, bis die Soldaten Gibbli er­reichen würden. Ihren Berechnungen zufolge, stand die Chan­ce bei 50%, dass es klappte.
„Du wirkst schon wieder abwesend! Rede mit uns! Wegen diesem Unsinn lassen sie dich nicht weiter machen, das geht so nicht!“, rief ihre Mutter erbost und riss Gibbli aus ihren Ge­danken.
„Reiß dich zusammen! Der Tauchkurs gehört zur Basisaus­bildung“, schrie jetzt ihr Vater wieder, während er angewidert vom Bildschirm auf sie herab blickte. „Wir sind schwer ent­täuscht von dir!“ Als wäre das etwas Neues. Sie konnte es nicht mehr hören. „Du wirst tauchen!“
Sie schüttelte den Kopf. Warum verstanden ihre Eltern das nicht? Gibbli hatte sich nie widersetzt. Noch nie! Es war ihr einziger Wunsch und das erste Mal, dass sie sich wehrte. Es machte ihr Angst! Es erinnerte sie an diesen fürchterlichen Traum, der immer wieder kehrte.
„Miststück! Du kannst was erleben, wenn du nach Hause kommst! Ich dulde keinen Feigling als Tochter! Und mach end­lich den Mund auf, wenn man mit dir spricht!“
Düster blickte Gibbli ihren Vater an. Obwohl sie seine ag­gressiven Ausbrüche gewohnt war, fühlte sie jedes Mal aufs Neue, wie etwas in ihr sich auf ihn warf und ihn zerfleischen wollte. Ihn so sprechen zu hören, tat weh und sie hasste seine Kälte. Gibbli war kein Feigling! Sie war stark. Sie gehörte zur Elite. Nicht jeder genoss das Privileg, auf der Meeresakademie ausgebildet zu werden!
„Gibbli de Orange, mach was dein Vater dir sagt!“
„NEIN!“, brach es aus ihr hervor und mit voller Wucht schlug Gibbli auf einen runden Schalter am Pult. Der Bild­schirm blitzte kurz auf und erlosch schließlich. Die Verbindung brach ab. Ein tolles Gespräch, das war ja super gelaufen!
Die karge Beleuchtung, entlang der Fensterfront hinter ihr, war jetzt die einzige Lichtquelle. Eine der Lampen flackerte leicht, sie würde nicht mehr lange durchhalten.
Konnte niemand verstehen, dass sie Tauchen verabscheu­te? Dass sie es nicht aushielt? Der Strafunterricht war wohl wieder einmal zu viel für ihre ach so perfekten Eltern. Doch in diesem Punkt würde sie nicht nachgeben. Wenn ihr Vater bei ihrer Rückkehr in den nächsten Ferien seine Hand gegen sie erhob, wieder, würde sie aufrecht stehen bleiben.
Das Schlimme daran für Gibbli selbst war, dass sie versagt hatte. Nicht, durch ihre Nichtteilnahme am Tauchkurs, dieser stand für sie gar nicht zur Debatte. Es war einfach etwas an­deres, sich in einem Kurs für eine abgelegte Prüfung ein paar Punkte mehr zu verpassen, als sich in einen Kurs einzutragen, bei dem sie bisher noch gar nicht teilgenommen hatte. Nicht, dass es ihr an Programmierkenntnissen gefehlt hätte, nein, sie hatte es wirklich versucht. Die Anwesenheitslisten zu ändern, stellte für Gibbli kein Problem dar. Das Gedächtnis eines Leh­rers zu manipulieren, der sich nicht daran erinnern konnte, sie jemals in seinem Unterricht gesehen zu haben, war allerdings unmöglich.
Plötzlich fiel ein Schatten auf das Bedienpult vor Gibbli. Hastig drehte sie sich um und blickte direkt in Somals Gesicht.
„Hallo Glibber“, sagte er leise und pustete sich eine seiner roten Haarsträhnen aus dem blassen Gesicht. Somal war ein junger Mann aus ihrem Technikkurs und in seinem letzten Jahr. Sir Brummer vertrat die Ansicht, dass er einen guten Bootstechniker abgab. Gibbli war der Ansicht, sein Gehirn be­stand aus Nasenpopel.
Sie duckte sich schnell weg und schlüpfte geschickt an ihm vorbei. Er griff nach ihrem Pullover, dieser entglitt seinen Fingern. Sie war schneller, überraschend, denn ihre sportliche Leistung ließ zu wünschen übrig. Gibbli lief die Bildschirmrei­hen entlang, Richtung Tunnel. Fast hatte sie den Ausgang er­reicht, als ein anderer Mann aus dem Schatten heraus trat und sich ihr in den Weg stellte. Seine kurzen Haare ragten sta­chelig in die Luft, wie die Zacken einer Krone. Gibbli erkannte ihn sofort. Er hatte beim heutigen Strafunterricht zwei Reihen hinter ihr gestanden. Schlitternd kam sie zum Stehen und blickte ihn ängstlich an. Auf seinem T-Shirt prangte in protzi­gen Großbuchstaben die Aufschrift ‚MED KOR’. Dieser Mensch trug seine Dummheit wirklich auf der Kleidung! Es war Gibbli ein Rätsel, wie man sich auf Medizin spezialisieren konnte, wenn man, wie er, nicht einmal den Grundkurs schaffte.
„So spät noch wach?“ Grinsend packte Kor ihre Handge­lenke.
„WEG!“, brüllte sie. Normalerweise ließ schon ein einfacher Händedruck sie zusammenzucken. Und jetzt hielt dieses hirn­lose Etwas ihr Handgelenk umklammert.
„Hat Glibber etwa Angst vor Wasser?“, flüsterte er in ihr Ohr und seine stacheligen Haare berührten fast ihre Stirn. Zu nah!
„Sie hat wohl eher Angst vor uns“, sagte Somals Stimme hinter ihr.
„LASS MI- mmmpf…“ Bevor Gibbli weiter schreien konnte, hielt ihr Somal von hinten den Mund zu. Gibbli biss ihm in die Hand. Der Rothaarige schrie auf und auch Kor ließ sie er­schrocken los. Schnell schlüpfte sie an ihm vorbei zum Durch­gang, der verschlossen war. Hastig drückte sie auf den Schal­ter, doch nichts rührte sich.
„Hab ich im Technikkurs gelernt“, sagte Kor.
Beeindruckend, dachte Gibbli, er konnte Türen verschließen. Damit hatte er den Geistesstand eines Zweijährigen erreicht. Drei Sekunden und sie könnte das Ding öffnen, doch diese Zeit würden sie ihr nicht geben. Den Kopf gesenkt drehte sich Gibbli um und starrte den beiden feindselig entgegen. Somal hielt seinen Finger im Mund, er schien zu bluten. Gut gemacht, bedankte sie sich im Stillen bei ihren Zähnen.
„Du kleine, dreckige Schlampe. Das wirst du mir büßen“, sagte Somal leise und funkelte sie bedrohlich an. Er zog sei­nen Finger aus dem Mund und Gibbli erkannte ihre Zahnab­drücke darauf. Er würde sie foltern! Er würde sie töten! Nein, noch viel schlimmer, er würde sie berühren! Er packte sie grob und drückte sie an die verschlossene Tür. „Wer so spät noch wach ist, muss mit den Konsequenzen rechnen.“
Nur im Augenwinkel nahm sie wahr, dass Kor eine Schere aus seiner Tasche zog. Doch Somal lenkte Gibbli ab. Sein Atem strich über ihr Gesicht. Voller Ekel spürte Gibbli den ihr allzu bekannten Würgereflex. Gleich würde sie ihn vollkotzen! Sein Gesicht kam noch näher.
Sollte sie es wagen?
„Wir könnten ihr diese wuscheligen Haare abschneiden“, warf Kor ein.
„Ich weiß etwas Besseres.“ Somals Lippen befanden sich nur noch wenige Zentimeter von den ihren entfernt. Schlagartig änderte sich seine Miene. Eine furchteinflößende Gier trat in seine Augen, als wollte er sie jeden Moment verschlingen.
„Scheiße Mann, Somal! Was tust du da?“, rief Kor über­rascht.
Gleich würde Somal sie küssen! Gibbli würgte und spuckte ihm mitten ins Gesicht. Damit hatte er nicht gerechnet. Gibbli auch nicht. Aber sofort erkannte sie ihre Chance, nutzte den Moment und sackte nach unten.
Sie musste es tun. Kor und Somal würden sie nie gehen lassen. Jetzt!
Gibbli spürte, wie Somal erneut ihren Arm packte. Auch Kor stürzte jetzt auf sie zu. Gleichzeitig begann es in ihrer lin­ken Tasche am Oberschenkel zu surren. Etwas bewegte sich, bahnte sich einen Weg zwischen ihren Werkzeugen hindurch. Schließlich schossen zwei murmelgroße, metallene Flugkörper, leuchtend wie Glühwürmchen, hinter ihrem Lötkolben hervor. Kor schrie verwirrt auf, während Somal an Gibblis Arm riss und ihn so in die Flugbahn eines der kleinen Leuchtkugeln brachte. Es brannte sich durch ihren Pullover und hinterließ eine lange Schnittwunde tief in ihrer Haut. Somal ließ über­rascht ihren Arm los. Sie spürte den Schmerz kaum und blick­te panisch abwechselnd auf Kor und Somal. Dann griffen die Flugkörper die beiden Männer an und zerkratzten ihre Ge­sichter. Während Gibbli sie umrundete, schlug Kor einen der Angreifer zu Boden. Die Metallflügel der kleinen Murmel wa­ren verbogen. Sie blitzte noch einmal kurz auf und blieb dann liegen.
Wehmütig über ihr verlorenes Spielzeug, fing Gibbli im Weglaufen das zweite Gerät auf und steckte es zurück in ihre Tasche. Tja Jungs, dachte sie, das hatte sie durch ihren eige­nen Technikkurs gelernt.
Im Davonrennen sah sie, wie Somal das zerstörte Fluggerät aufhob und es mit zusammengebissenen Zähnen betrachtete. „Das ist verbotene Technologie!“
„Das werden wir melden!“, rief Kor ihr nach.
So schnell sie konnte, lief Gibbli an den letzten Bildschir­men vorbei und verließ die Halle auf der anderen Seite. Die beiden folgten ihr nicht. Ein paar Tunnel weiter ließ sie sich er­schöpft in einer Nische nieder. Sie war geliefert. So was von er­ledigt! Wenn der alte Brummer von ihrem kleinen Technolo­gieexperiment erfuhr, war es aus. Vorbei. Und Somal und Kor würden es ihm nicht verschweigen. Zu allem Überfluss setzte jetzt auch der pochende Schmerz ein, den der lange Schnitt an ihrem Unterarm verursachte.

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September News – Sockenzombies Bücher und Comics

sockenzombie instagram skizzen gesture drawing figure painting

Instagram

Bevor ich zu einer kleinen Überraschung für euch komme, noch ein Hinweis: Ich bin in letzter Zeit weniger auf Facebook aktiv. Dafür könnt ihr mich jetzt auf Instagram finden. Dort poste ich hin und wieder meine neusten Bilder und Skizzen:

https://www.instagram.com/s0ckenz0mbie/

 

„Bis in die tiefsten Ozeane“ kostenlos online lesen

Ihr habt richtig gelesen! Ich habe mich dazu entschieden, die digitale Version des Buches ab 10.9.2018 direkt hier in meinem Blog online zu veröffentlichen. Jede Woche werden zwei Kapitel erscheinen, jeweils Montags und Donnerstags, ihr könnt also live mitlesen und gerne auch kommentieren. Die Übersicht dazu findet ihr hier:

http://blog.sockenzombie.de/bis-in-die-tiefsten-ozeane/

Parallel dazu werde ich nach und nach außerdem das Wiki zu Deepest Oceans überarbeiten. Es gibt dort ja bereits einige Artikel und Bilder. Manche der Texte sind jedoch veraltet und natürlich fehlt auch noch eine ganze Menge. Wer mag, kann mir Illustrationen schicken oder diese in den kommenden Kapitel-Artikel zum Buch in den Kommentaren verlinken. Ich veröffentliche diese auch gerne mit eurem Namen und einer Verlinkung auf eure Seite / Künstlerprofil im Wiki.

DO-Wiki: http://blog.sockenzombie.de/do-wiki/
 

sockenzombie - bis in die tiefsten abgründe - deepest oceans - abyss und gibbli - skizzeIch habe übrigens wieder einige Fehler ausgemerzt und eine 2. Auflage des Buches erstellt. Diese ist auch bereits bei Amazon hochgeladen und als Druckversion erhältlich:

Bis in die tiefsten Ozeane

Ich weiß allerdings nicht, ab wann diese Version dann auch tatsächlich erhältlich ist bzw. ob Amazon erst noch vorhandene vorherige Versionen verschickt.

Mit Teil zwei „Bis in die tiefsten Abgründe“ müsst ihr euch noch etwas gedulden. Die Veröffentlichung wird sich wohl noch etwas verschieben. Die Rohfassung ist fertig, muss jedoch ein paar Korrekturdurchläufe über sich ergehen lassen. Aber sie wird kommen! :)

 

Comics

Wie ihr an den Bildern dieses Beitrags schon erkennen könnt, bin ich in letzter Zeit viel am Menschen zeichnen üben. Das ganze mit dem Ziel, vielleicht doch irgendwann mal ein paar kurze Comics zu zeichnen, in denen die Hauptperson nicht ein Pixelfehler ist. Ich weiß noch nicht, ob es klappt, aber vielleicht könnt ihr irgendwann in ferner Zukunft wieder ein paar Bildergeschichten von mir erwarten. Dieses Jahr möchte ich auch unbedingt wieder am 24 hour comic day am 6.Oktober 2018 mitmachen. Vielleicht finden sich ja noch ein paar Zeichner, die sich ebenfalls der Herausforderung stellen wollen?

 

Posca Marker Test – deckende Farben auf Wasserbasis

sockenzombie - posca marker test - deckende farben auf wasserbasis

Nachfolgend stelle ich euch die Posca Marker etwas genauer vor. Sie sind nach nur einer Woche Ausprobieren mittlerweile zu meinem Hauptmedium fürs Colorieren geworden. Ich habe mir verschiedene Stifte in mehreren Sets gekauft. Sie sind gut verpackt bei mir angekommen, jeweils ich einem Mäppchen und einer Box. Die Marker waren jeweils noch einzeln verppackt. Nachteil: jede Menge Müll. Vorteil: Man weiß, dass die Stifte unbenutzt sind. Das kann man allerdings auch an den noch weißen Spitzen erkennen.

 

Start / vor dem ersten Benutzen

Damit erste Farbe in die Spitzen gelangt, muss man die Stifte zunächst kurz schütteln. Durch die Kugel im Inneren wird die Farbe gemischt und bleibt gleichmäßig. Anschließend werden die Stifte eingedrückt. Dieser Vorgang kann jederzeit wiederholt werden, falls die Spitzen einmal eintrocknen sollten.

Tipps: Verwendet dazu ein Schmierblatt mit Unterlage und legt euch ein feuchtes Tuch bereit falls etwas daneben geht. Die 1MR Spitzen brauchen etwas bis die Farbe nach unten rinnt, aber bei den anderen Spitzenarten kommt sehr viel Farbe raus. Drückt die Stifte am besten nur ganz kurz und nicht zu weit runter ein, sonst habt ihr schnell eine Farbpfütze vor euch.

sockenzombie - posca markersockenzombie - posca marker - auspacken - taschenmesser

 

Eigenschaften und Malverhalten

Die Farben in den Stiften sind auf Wasserbasis. Ihr könnt sie gut mit einem feuchten Pinsel vermalen. Man muss allerdings schnell dabei sein, denn ist die Farbe erst einmal getrocknet, lässt sie sich nicht mehr vermalen oder anlösen. Jedenfalls nicht auf dem Papier. Da ich sowieso eher schnell male und viel zu ungeduldig bin (mit Aquarell versaue ich mir regelmäßig Bilder, indem ich über nasse Flächen male…) sind sie für meine Art zu zeichnen perfekt. Für diejenigen, die mehr Zeit benötigen, es macht gar nichts dass die Stifte schnell trocknen. Und auch nicht, wenn ihr mal einen Fehler macht. Das tolle an den Marker ist nämlich dass sie decken. Man kann also einfach mit einer anderen Farbe drüber gehen. Für mich war das auch der ausschlaggebende Grund sie mir genauer anzusehen. Man bekommt ein wenig das Gefühl wie auf einem Tablet zu zeichnen, von hell auf dunkel auf hell auf dunkel…

 

Posca Marker auf verschiedenen Papieren

Dünnes Papier (die meisten Skizzenbücher, Kopierpapier)
Ich zeichne zwar mit ihnen in mein Skizzenbuch, allerdings ist es mir auch egal, wenn sich da das Papier mal wellt. Ansonsten würde ich euch eher dickeres Aquarellpapier empfehlen. Es kommt viel nasse Farbe raus und vor allem dünnere Papiere saugen sich schnell voll und wellen sich und fusseln ab. Nachfolgend seht ihr ein paar schnelle Skizzen mit den Markern in mein Skizzenbuch:

sockenzombie - posca marker skizzen in skizzzenbuch

Tipp: Klebt Washi Tape vor dem Malen in euer Skizzenbuch, um ein Bild zu begrenzen. So bekommt ihr tolle, glatte Ränder.

Aquarellpapier
Für diesen kleinen Test habe ich Fabriano Artistico Extra White in der Dicke 300g/m² verwendet. Es lässt sich ganz gut damit Malen. Die Farbe trocknet schnell und hält gut. Ich gehe davon aus, dass sich auch andere dicke Aquarellpapier für die Marker eignen. Auf nachfolgendem Bild könnt ihr die Spitze des dickeren PC-5M sehen.

sockenzombie - posca marker auf aquarellpapier

Dunkles/Farbiges Papier
Auf dunklem Papier könnt ihr die Farben richtig zum leuchten bringen. Sie sehen gefühlt kräftiger aus, als auf weißem Papier. Hier seht ihr ein paar schnelle Skizzen. Ich habe Molotow Basic black pad 150g/m² verwendet. Es wellt sich etwas, da es nicht besonders dick ist. Ich werde mir wohl irgendwann noch farbiges, dickeres Aquarellpapier zulegen müssen. Über meine Begeisterung vor allem über die schwarze Farbe habe ich ja schon im anderen Test mit den Pinselstiften geschrieben.

sockenzombie - posca marker auf schwarzem papier

Lanavanguard 100% Hi-Tech 200g/m²
Kommen wir zu einem „Papier“ das mich sehr überrascht hat. Ich dachte, dass die Farben hier nicht halten, weil es so glatt ist. Aber das Malen darauf klappt erstaunlich gut. In meinem Papiertest dazu habe ich ja geschrieben, dass die mit den meisten Bilder sehr schwer zu fixieren sind und sie sich mit dem Finger einfach wegwischen lassen. Das ist bei den Posca Markern nicht der Fall. Jedenfalls nicht nachdem sie trocken sind. Die Trockenzeit selbst dauert ein paar Sekunden länger als auf anderen Papieren. Man muss sich also nicht so sehr beeilen mit dem Mischen und vermalen. So lange die Farben noch nass sind kann man sie wie bei Copic Markern auch vermischen und schieben, bis alles passt. Perfekt für winzigste Details. Sobald die Farbe dann trocknet, ist es problemlos möglich, mit anderen Markern drüber zu malen, ohne dass sie sich wieder anlöst.

Steinpapier
Auch bei Steinpapier dauert das Trocknen der Farbe etwas länger. Getestet habe ich dieses Mal auf On Point Steinpapier, 144g/m². Mit genug Wasser und schräg gehaltener Zeichenfläche beim Trocknen entsteht das typische granulierende Muster. Allerdings ganz fein. An den Rändern bilden sich dann auch Farbansammlungen, also ich würde sagen, Malverhalten ähnlich wie bei Aquarell.

 

Miniaturbilder

Ja, man kann auch klein und winzigste Details zeichnen. Diese Inchies sind mit den Markern entstanden. Ich verwendete dazu einen Wassertankpinsel. Für ganz kleine Details nehme ich die Farbe direkt von den Spitzen ab. Aber Achtung: Je mehr Wasser ihr dabei verwendet, desto weniger decken die Stifte.
sockenzombie - inchies mit posca marker
 

Spitzenformen und verfügbare Farben

In meinem Test über die Pinselmarker von Posca schrieb ich schon, dass ich es schade finde, dass es nur so wenig Farbauswahl gibt. Daran hat sich nicht recht viel geändert, beachtet man nur die Pinsel. Betrachtet man aber alle Spitzenarten, wird die Auswahl schon größer, meiner Meinung nach dürfte es aber trotzdem noch mehr geben. Allerdings lässt sich in diesem Umfang schon einigermaßen gut alles abdecken. Eine Übersicht über alle Spitzenarten und jeweils dazu verfügbaren Farben findet ihr auf der Posca Seite.

Ihr habt Fragen zu den Stiften? Schreibt mir einen Kommentar und ich versuche sie zu beantworten. Wer mich mal bei einem Zeichnertreffen sehen sollte: Ihr könnt mich gerne auch auf Material ansprechen das ich besitze oder dabei habe, wenn ihr es selber einmal ausprobieren wollt.

Kunstkarten – WIPs: EXIT: Eine Szene am Flughafen

Eine der beiden oberen kennt ihr vielleicht schon aus meinem letzten Beitrag. Nachfolgend gibt es jetzt aber ein paar Bilder zum Entstehungsprozess der unteren Karte: Eine Szene am Flughafen.

kunstkarten sockenzombie atc kakao karten artist trading cards wips

Zuerst entstand die Skizze mit Bleistift.

kunstkarten sockenzombie atc kakaokarten

Ich habe auf Steinpapier gearbeitet. Es handelt sich nicht um den Skizzenblock von Boesner, vom Malverhalten her gleicht es dem Papier jedoch sehr.

kunstkarten sockenzombie atc kakaokarten

Linen funktioniert auf Steinpapier nicht bzw. das Papier verstopft die Stifte, darum gibt es auch keine Lines.

kunstkarten sockenzombie atc kakaokarten

Verwendet habe ich Tubenaquarellfarben und Aquarellfarbstifte für die Schatten.

kunstkarten sockenzombie atc kakaokarten

Eine normale Szene wäre langweilig, also dachte ich mir, ich mach die Luft und die ganze Umgebung dort draußen etwas giftiger. Auf dem nachfolgenden Scan leider nicht ersichtlich: Die Innenbereiche habe ich noch mit Finetec Farben zum schimmern gebracht.

kunstkarten sockenzombie atc kakaokarten

Titel: „Exit“
Nummer: 414
Originalgröße: 6,4cm x 8,9cm

Bunte Kunstkarten zeichnen – STA Kugeln

Ich hatte Lust auf bunte Kunstkarten und Kugeln und Ayreon hören… XD

kunstkarten sockenzombie atc kakaokarten

Wie ihr seht, bin ich mein Steinpapier fleißig am ausnutzen. Drei dieser Karten (Originalgrößen: 6,4cm x 8,9cm) sind vergeben an meine Sammel- und Tauschaktion zum Thema Kugeln / kugelförmige Objekte. Diese leite ich momentan auf kakao-karten.de. Sie werden als kleines Extra unter den Teilnehmern verlost.

Von der Karte links unten zeige ich euch demnächst noch ein paar WIPs. Die Karte links oben ist noch nicht fertig. Mal schaun, was draus wird. Die anderen hab ich für euch eingescannt:

 


The Theory of Everything
the theory of everything - sockenzombie - kunstkarte

 

Halluzination
the theory of everything - sockenzombie - kunstkarte

 

The meaning of life …
the theory of everything - sockenzombie - kunstkarte
…is to give life meaning

 

Titel: Doom, gloom…
the theory of everything - sockenzombie - kunstkarte
…the world goes boom

Pokemon Inchies zeichnen – 2 Stück pro Tag?

Aktueller Stand / Übersicht:
Pokedex – Pokemon auf Inchies zeichnen

Ich habe mir wieder ein paar Pokemon „gefangen“. Mein Plan, zwei Inchies pro Tag zu zeichnen ist schon gescheitert. Ich schaffe nicht mal eines. Aber ganz langsam werden es trotzdem mehr. Auch wenn es wohl länger als zwei Jahre dauern wird, bis mein Pokedex dann ganz gefüllt sein wird ^_^‘

pokemon zeichnen - pokedex - inchies - sockenzombie

Neu dazu gekommen sind in den letzten Tagen:

012 Smettbo
013 –
014 Kokuna
015 Bibor
016 Taubsi
017 Tauboga
018 Tauboss
019 Rattfratz
020 Rattikarl

Das böseste Pokemon bisher war für mich Rattfratz. Ich habe mehrmals neu anfangen müssen, weil es einfach nicht gefangen werden wollte und dabei gleich 3 Rohlinge verbraucht. Wegradieren hat irgendwann nichts mehr gebracht und die Linien nur noch verschmiert. Ich bin so froh, dass ich das kleine Monster endlich hinter mir habe. Und Hornliu hab ich noch keins gefunden. Da muss ich wohl noch etwas im tiefen Gras umherschleichen XD