Kapitel 25: Steven (Bis in die tiefsten Ozeane)

Sie standen in einem gigantischen Hohlraum, dessen Dach sich kuppelförmig über ihnen erstreckte. Vor ihnen türmten sich unzählige Maschinen und Eingänge von hausähnlichen Gebilden aus blass goldenem Metall. Diese führten zur Mitte hin wie Treppenstufen immer weiter nach oben. Die komplette Stadt war kegelförmig angelegt und Skys Crew stand gerade einmal am Fuß dieses Kegels. In weiter Ferne konnte man auf der Spitze eine abgeflachte Plattform erkennen. In der Luft schwebten Milliarden der glühenden Sonnenstücke. Diese lie­ßen alles andere um sie herum erstrahlen. Die Wände, die Git­terböden, die runden Türöffnungen, die Wege und all die fas­zinierenden Maschinen schimmerten ihnen golden entgegen. Gibbli schirmte für einen Moment das Licht mit ihrer Hand ab. Alles leuchtete so hell, dass es sie blendete. Einzig Sky konnte seine implantierten Augen sofort an die Umgebung anpassen. Bo presste ihr Ocea-Buch fest an sich. Die erste Zeichnung auf der Platte zeigte zwar genau diese Stadt, dennoch wirkte sie in der Realität ganz anders. Viel größer und nahezu er­schlagend. Pflanzen existierten hier auf den ersten Blick keine und auch sonst gab es nirgendwo ein Lebenszeichen zu ent­decken. Alles schien ausgestorben, als hätte jegliches Leben diese Stadt vor hunderten von Jahren verlassen. Trotz dem warmen Licht und dem schimmernden Gold, packte eine ste­chende Kälte all ihre Glieder und ergriff Besitz von ihnen. Fröstelnd blickte Gibbli umher, als ihr neben dem Anblick der beeindruckenden Stadt wieder einfiel, dass es hier noch zwei Bewohner gab, die jederzeit vor ihnen stehen könnten. Steven und Jeff.
„Wie sollen wir hier Sam je finden?“, fragte Bo in die Stille hinein. „Das müssen tausende von Häusern sein!“
„Und am höchsten Punkt, in der Mitte der Stadt, liegt der Dolch des Nu“, wiederholte Abyss eine Passage aus ihrem Buch.
„Dann sollten wir dort mit der Suche beginnen“, sagte Sky und deutete auf die abgeflachte Spitze des goldenen Berges aus Gebäuden. „Wenn wir etwas finden, dann dort oben.“
„Und wie kommen wir da hoch?“, fragte Bo wieder.
„Im oceanischen System ist alles auf eine Mitte ausgerich­tet“, erklärte Abyss. „Alles ist kreis- oder kugelförmig angelegt. Also...“
„... begeben wir uns in das Zentrum der Stadt“, vollendet Sky den Satz.
 
Sie betraten das Innere des gigantischen Komplexes, passierten rund angelegte Gänge und durchquerten lange, röhrenförmige Wege, die alle zur Mitte hin ausgerichtet waren. Sehnsüchtig betrachtete Gibbli all die Maschinen, an denen die Crew vor­beizog. Am liebsten hätte sie an einigen von ihnen herum ge­schraubt und ihre Funktion erforscht. Beim Anblick all dieser Schätze konnte sie diesen Steven fast vergessen. Ohne ihn wäre das hier ein Paradies. Der Hass auf den Oceaner durch­zuckte Gibbli, wie ein plötzlich auftretendes Gewitter. Sie spürte eine Wut in sich brennen, die für einen Augenblick die Kälte in ihrem Körper vertrieb. Im selben Moment begann es um die Mannschaft herum zu surren. Eine Maschine am Rand des Ganges brizzelte auf und kleine Funken stoben aus ihr hervor.
„Au“, stöhnte Bo, die diese gerade passierte und wich vor der Maschine zurück.
Sky richtete seinen Strahler auf das Ding.
Gibbli beachtete die anderen nicht mehr. Eine weitere Welle aus Hass durchströmte ihren Körper. Sie würde diesen Ocea­ner töten. Er würde ihr nie wieder Angst einjagen. Er würde sie nicht anfassen! Währenddessen hoben um sie herum weitere Geräte vom Boden ab. Einige apfelgroße Maschinen kamen näher auf die anderen zu.
„Komm raus, Steven!“ Der Kapitän wich gerade noch einem der Fluggeräte aus, das an ihm vorbeiflitzte.
Nox duckte sich, als ihm eine Maschine beinahe den Kopf abschlug.
„Bleib ruhig, Gibbli“, sagte Abyss leise. Er hatte sie beobach­tet und sofort erkannt, dass es nicht Steven war, der die Gerä­te zum Leben erweckte.
Sky drehte sich zu ihnen um, zielte mit seinem Strahler auf Gibbli und ließ ihn dann sinken. Sie schreckte aus ihren Ge­danken hoch. Im selben Moment brachen alle Maschinen um die Crew herum zusammen, als hätte jemand ihnen die Ener­gie abgedreht. Mit lautem Poltern fielen sie auf den goldenen Metallboden.
„Pass auf, was du hier denkst“, sagte Sky ruhig.
Gibbli blickte auf ihre Füße, während die Schuld auf ihr lastete. Die Maschinen hätten jemanden verletzen können! Sie musste sich wirklich besser kontrollieren. Steven spielte mit ihr. Für einen kurzen Augenblick hatte er die Angst von ihr ge­nommen, nur um zu sehen was passierte. Sie hatte sich von ihrem Hass gegen ihn überrumpeln lassen, während er sie von irgendwo aus beobachtete.
„Es war ein Test. Wir kommen ihm langsam näher. Weiter jetzt!“, befahlt der Kapitän.
Gibbli spürte Abyss' besorgten Blick auf sich ruhen, wäh­rend sie Sky hinter den anderen folgten.
 
Es dauerte keine fünfzehn Minuten mehr, dann standen sie im Zentrum und fanden-
„Noch so ein Fahrstuhl. Ich hab die Nase voll von den Drecksteilen!“, grummelte Abyss und blickte missmutig auf das ringförmige Gebilde.
„Du kannst ja den langsamen Weg wählen.“ Sky machte eine Handbewegung zu einem der abführenden Gänge hin, die von der Mitte aus steil empor führten.
Während sie alle in das runde Gefährt stiegen, wünschte sich Gibbli, sie hätten wirklich die Rampen benutzt. Wenn dort oben Steven und Jeff auf sie warteten, hätte das ihr Zusam­mentreffen noch etwas hinausgezögert.
Der Mechanismus war einfach zu verstehen. Es dauerte nicht lange, da ruckelte die Gondel und setzte sich gemäch­lich in Bewegung, der Spitze entgegen. Kleine Rädchen dreh­ten sich im Antrieb und hangelten sich unaufhaltsam an den in der Mitte angebrachten Schienen entlang. Ihm entgegen. Steven würde ihr wehtun. Er würde sie anfassen. Steven wür­de alle umbringen. In Gedanken spürte Gibbli schon seine eis­kalten Finger um ihren Hals. Nervös trat sie von einem Fuß auf den anderen. Sie erschrak kurz, als Abyss eine Hand auf ihre Schulter legte. Doch er zog sie mit seinem Gewicht nicht nach unten, wie es Steven mit seiner Aura tat. Abyss' Finger strömten eine Wärme aus, die sie ruhiger werden ließ.
„Ich vernichte ihn“, erinnerte er sie flüsternd.
 
Oben angekommen, führte ein breiter Aufgang zur Plattform hoch. Um diese herum ragten viele Säulen in die Höhe, welche eine kreisförmige Galerie über ihren Köpfen trugen. Der An­blick war einmalig, auch wenn die dunkle Kugel im Zentrum der Plattform den Ausblick über die goldene Stadt etwas trübte. Sie besaß einen Durchmesser von etwa fünf Meter und ließ die Luft um sich herum gefährlich flimmern. Im Schutz ei­ner goldenen Wand, über die abgeflacht zwei Aufgänge zur Galerie hoch führten, schien sie alles Licht aufzusaugen. Die Kugel war von einer metallischen Vorrichtung umgeben, die man nur von der Vorderseite aus begehen konnte und wirkte weder fest noch irgendwie berührbar. Jeder hielt lieber Ab­stand zu ihr. Dennoch strahlte sie eine seltsame Faszination aus, die ihre Blicke immer wieder anzog. Etwas entfernt von der Kugelvorrichtung standen einige Podeste mit verschiede­nen Gerätschaften und Konsolen. Von Steven oder Jeff fehlte noch immer jede Spur. Ebenso wie von Sam.
„Sie ist nicht hier“, sagte Nox enttäuscht, während er sich ungeduldig umsah.
„Abyss? Was hast du?“, fragte Sky plötzlich und Gibbli blickte von einer Konsole auf, die sie gerade genauer betrach­ten wollte.
Abyss hatte seinen Koffer am Boden abgestellt und das Messer weggesteckt. Mit offenem Mund schritt er langsam auf ein Podest zu.
„Das ist er.“ Seine Stimme klang erregt. „Das ist der Dolch Nu!“
Sie traten näher an ihn heran, als Abyss vorsichtig einen länglichen Gegenstand hoch hob. Es beeindruckte Gibbli, wie furchtlos er ihn einfach berührte. Elegant glänzte das goldene Ding in seinen langen Fingern. Feinste Haare spannten sich schimmernd über das Metall.
„Ein Geigenbogen“, sagte Sky ungläubig.
„Ja.“
„Du... nimmst all das hier auf dich wegen eines... Geigenbo­gens?“
Abyss grinste. „Was dagegen?“
Sky blickte ihn misstrauisch an. „Nein. Ich... ich dachte nur... unter einem Dolch stelle ich mir eher... eine Waffe vor.“
„Oh, aber das ist eine Waffe.“ Abyss öffnete seinen Koffer, um seinen eigenen Bogen hervorzuholen und die beiden mit­einander zu vergleichen. „Glaubst du, ich lernte Geige, nur weil der Mönch das wollte? Sicher nicht. Ich lernte sie spielen we­gen dieses Bogens. Dieser Bogen ist in der Lage, einen so mächtigen Klang zu erzeugen, dass er tötet. Seine Töne durchschneiden nicht nur Luft, sondern feste Materie. Wie die Klinge eines Dolches dringen sie in den Körper ein und-“
„Nett, nicht wahr?“
Alle schraken zusammen und wirbelten herum, als Stevens Stimme klar über den Platz hallte. Gibblis Atem beschleunigte sich, obwohl sie ihn nirgendwo entdecken konnte.
„Ich schenke ihn dir“, sagte er. Dann erblickte sie ihn, als er über ihren Köpfen an das Geländer trat. Mit nacktem Ober­körper stand er hinter der Kugelvorrichtung, oben auf der Mauer, die in die ringförmige Galerie mündete. Von dort aus betrachtete er fröhlich seine Gäste. „Stell dir den atemberau­benden Klang unter den erhöhten Druckverhältnissen dieser Kolonie vor. Er klingt viel tiefer hier unten, wegen der Kälte. Die Schallwellen breiten sich langsamer aus. Was ist los? Willst du nicht spielen, Mensch?“
Bo legte den Kopf schief und sah böse zu Steven auf. Sky zielte mit seiner Waffe auf den Oceaner.
„Es würde jeden hier töten“, antwortete Abyss.
„Nein. Nicht jeden, nein. Deine kleine Freundin könnte dem Klang wohl widerstehen.“ Er nickte Gibbli zu, die wie paraly­siert da stand. „Und ich natürlich auch. Unsere Spezies mag die Musik, musst du wissen. Wir lieben die todbringenden Töne. Dich selbst würdest du damit natürlich auch umbrin­gen“, fügte er schnell hinzu.
Steven hielt inne, bis Abyss seinen Fehler begriff. Dieser ließ den Bogen langsam sinken.
„Da hältst du ihn endlich in der Hand, nach all den Strapa­zen und dann wirst du nie in der Lage sein, ihn mehr als ein einziges Mal zu spielen. Na, doch nicht mehr so begeistert von Nu? Ein Jammer, ich hätte den Dolch so gerne gehört. Es klingt wirklich bezaubernd, wenn seine Melodie auf organi­sche Materie trifft und sie im Takt der Musik zerfetzt.“
„Schieß ihn nieder“, murmelte Abyss Sky zu.
„Nein!“, rief Bo.
„Wo ist Sam?“, schrie Nox.
Steven drehte sich ihm langsam zu. „Ah, wie ich sehe, bringst du zurück, was dein Vater mir stahl. Das heilende Auge.“
Nox zog Bo einen Schritt zurück. „Bleib hinter mir.“
„Ich danke dir. Wir haben es wirklich vermisst. Das haben wir.“ Mit einem Lächeln auf den Lippen stolzierte Steven die Galerie entlang und kam langsam den Abgang herunter.
Gibbli wich einen Schritt auf die andere Seite zurück. Sie bemerkte, wie Abyss ein Messer aus seiner Tasche zog und Sky Steven mit seinem Strahler folgte.
„Mein... unser Erzeuger war hier?“, fragt Nox.
„Oh ja. Mehrmals. Woher dachtet ihr hat er all die Infor­mationen, die er in diesem lächerlichen Buch niederschrieb?“ Bo drückte ihr Ocea-Buch fest an sich. „Er hat mich wirklich gut unterhalten. Nur leider, leider brachte er dann jemanden mit. Ist hier eingedrungen mit seinem Bruder, Elai und dieser Menschenfrau. Wie hieß sie noch gleich? Kassandra. Wollte unbedingt unser heilendes Auge, für ihr kleines Baby.“
„Meine Mum war hier?“, fragte Bo überrascht.
Steven schwang sich elegant über das Geländer und sprang das letzte Stück Mauer hinab. Es sah leichtfüßig aus, aber als seine nackten Füße am Boden aufsetzten, ertönte ein lautes ‚TONK’. Gibbli trat weiter zurück. Jetzt stand er direkt vor Nox.
„Wie ich sehe, konnten deine Eltern ihr Vorhaben doch noch in die Tat umsetzen“, sagte er zu Bo. „Ich dachte, Elai hätte deiner Mutter das heilende Auge verwehrt, nachdem ich seinen Bruder umbrachte.“
„DU WARST DAS?“ Im nächsten Moment fuhr Nox seine Krallen aus und stürzte sich auf Steven.
Anstatt sich zu wehren, ließ er sich von dem Tiefseemen­schen einfach an die goldene Wand drücken und fing an, laut zu lachen. Dann wurde sein Gesicht plötzlich ernst. „Ich war das.“ Er drückte Nox mit Leichtigkeit von sich.
Nox krachte einige Meter entfernt zu Boden. Entsetzt be­obachtete Gibbli, wie Bo auf ihn zueilte und sich neben ihrem Halbbruder niederkniete. Einen Tiefseemenschen so einfach durch die Gegend zu schleudern, war so gut wie unmöglich.
„Hör auf damit!“, schrie Bo Steven an.
„Hör auf damit“, äffte der Oceaner sie nach.
Abyss holte aus und sein Messer flog durch die Luft. Ob­wohl es sich in der zähen, oceanischen Atmosphäre langsa­mer fortbewegte als normal, traf es Steven mit voller Wucht und bohrte sich durch seinen Arm. Dieser ignorierte es voll­kommen. Er schien nicht die geringste Spur an Schmerz zu verspüren.
„Ich habe Lio... wie sagt man so schön? Erluftet.“ Steven zog sich das Messer grinsend aus dem Arm und Gibbli fühlte Panik in sich aufsteigen, als sie sah, wie sich die Wunde in Se­kundenschnelle schloss. Währenddessen fing das Marahang an, kräftig zu leuchten und Bo keuchte auf. Sie presste eine Hand gegen ihre Brust und blickte den Oceaner gequält an. „Und du dachtest, die Landmenschen tragen Schuld daran. Du hast den Krieg gegen sie neu entfacht. Ahhh, der Hass steckte noch tief in euch. Dein Volk ist mit Freuden darauf eingestiegen.“
„Elai erzählte mir nichts davon!“, presste Nox hervor.
„Natürlich nicht, er hat den Krieg befürwortet. Oh, das war so lustig euch zuzusehen. Hach, letzten Endes wurde er schwach. Elai verriet dir also, wo er das heilende Auge ver­steckt hatte und ihr habt das Vorhaben von Lio und Kassan­dra zu Ende gebracht. Er fühlte sich wohl schuldig wegen all dieser toten Kriegsopfer.“ Steven lachte laut auf, dann schüt­telte er mit tragischer Miene den Kopf. „Was für ein Jammer. Dann ist der Kampf ja jetzt wohl vorbei. Wie langweilig.“
Im nächsten Augenblick warf Abyss erneut ein Messer nach ihm. Während Bo Nox hoch half, fing Steven es einfach mitten im Flug auf.
„Sei doch nicht so grausam zu mir. Ich hab dir immerhin Nu überlassen.“ Grinsend musterte er dann Gibbli. In ihr zog sich alles zusammen. Sie fühlte sich wie festgefroren an ihrem Platz. „Ich spüre, du willst mich töten. Oh, das ist lustig, das mag ich. Das ist mein Mädchen. Hat es dir gefallen, die Ma­schinen zu kontrollieren? Wir werden viel Spaß haben mit­einander, ich werde dir Dinge zeigen, die du dir-“
„Gib mir Sam zurück!“, schrie Nox wieder.
„Jaja.“ Steven wirbelte sichtlich genervt herum und ver­schwand hinter der Vorrichtung, welche die große, schwarze Kugel umgab.
„Warum hast du nicht auf ihn geschossen?“, fuhr Abyss Sky an, der noch immer mit erhobener Waffe da stand. Doch Sky ignorierte ihn.
„Da mein Mädchen hier ist, bekommst du deines“, sagte Steven, als er auch schon wieder auftauchte. „Ich halte mein Wort, das tue ich. Du kannst sie haben.“ Er warf einen leblo­sen Körper direkt vor Nox Füße.
„Sam!“, rief Bo und stürzte auf sie zu.
„Was antatest du ihr?“, fauchte Nox, während er ihren re­gungslosen Kopf vorsichtig anhob und versuchte, sie aufzuwe­cken.
„Betäubt. Keine Sorge, die wird schon wieder.“ Steven schritt an den Podesten vorbei, Richtung Abyss und Gibbli. Dabei passierte er ihren Kapitän. Skys erhobene Waffe und dessen Kiste ignorierte er einfach. „Wisst ihr, sie war so ruhig. Hat ständig von euch gesprochen. Meine Schwester ist tot, Nox wird mich retten, uh uhh“, jammerte er. „Wie langweilig. Ich mag es, wenn sie SCHREIN!“ fuhr er Gibbli an.
„Weg von ihr!“, rief Abyss, stellte sich vor sie und hob eine Faust, um auf ihn einzuschlagen.
Gibbli schrie auf, als er im nächsten Moment durch die Luft flog und an eine Säule gepresst wurde. Zappelnd versuchte er sich zu befreien, während sich die goldenen Fäden eng um seinen Körper wanden. In Stevens Hand blitzte ein kleines Me­tallgerät auf, das er zurück in seine Hose steckte.
„Sie braucht dich jetzt nicht mehr. Sie hat jetzt mich. Und Jeff. Wenn er wieder da ist.“ Er trat langsam auf Gibbli zu. Seine Kälte fuhr durch sie hindurch und sie zuckte zusammen. Ihr Herz begann zu rasen. Abyss brüllte, doch niemand beach­tete ihn. „Du wirst schreien, nicht wahr? Mein Mädchen wird schreien.“
Verzweifelt versuchte Gibbli sich zu bewegen, aber ihr Kör­per schien wie erstarrt. Er würde ihr wehtun! Er würde ihr die Kleidung vom Leib reißen und die Haut abziehen! Etwas be­wegte sich hinter Steven. Dann erblickte Gibbli die Waffe. Sky hielt ihm seinen Strahler direkt an den Kopf.
„JETZT SCHIESS ENDLICH!“, brüllte Abyss ihn an.
Steven verzog seinen Mund zu einem Grinsen. „Er wird nicht schießen. Der putzige U-Bootführer.“ In Schneckentem­po drehte er sich genüsslich zu Sky um. „Du willst etwas von mir, hab ich nicht Recht, Kapitän?“
„WORAUF WARTEST DU!“, schrie Abyss wieder und zerrte an seinen Fesseln.
„Sag es ihnen“, forderte Steven ihn auf.
Skys Hand zitterte leicht.
„SAG ES!“, wiederholte er ungeduldig.
Sky schwieg.
„Nein? Nicht? Hm, dann zeige ich es ihnen.“
Der Oceaner stolzierte an ihrem Kapitän vorbei, während dieser langsam seine Waffe sinken ließ, ohne sich umzudrehen oder irgendeine Anstalt zu machen, ihm zu folgen. Mit einem gequälten Gesichtsausdruck schloss Sky seine Augen. Steven kam bei der Kiste an, die der Kapitän immer mit sich ge­schleppt hatte und riss den Deckel mit einem Ruck beiseite.
„Darf ich vorstellen? Letitia Sky!“ Der Oceaner gab der Kiste mit dem Fuß einen Tritt.
Sie fiel um und eine türkise Flüssigkeit plätscherte daraus hervor, gefolgt von einem kleinen Körper, der über den Boden rollte und dann mit dem Gesicht nach oben liegen blieb. Ihre wächserne Haut schimmerte halb verdeckt von langen, schwarzen Haaren. Es handelte sich um ein Kind, vielleicht neun oder zehn Jahre alt. Ein fürchterlicher Gestank drang in Gibblis Nase. Bo richtete sich langsam auf und Nox, der die bewusstlose Sam in den Armen hielt, zog diese weiter vom Geschehen weg. Mit offenem Mund starrte Gibbli auf den kleinen Körper, während Abyss schlaff in seinen Fesseln hing. Sky hingegen wagte es nicht, sich umzudrehen und stand noch immer mit dem Rücken zu Steven und der Kiste.
„Möchte niemand etwas dazu sagen? Ihr seid ja plötzlich so still. Keine Fragen? Oh Kapitän, du schleppst eine Leiche mit dir herum? Was hast du mit deinem Kind gemacht? Wie kann es sein, dass ein ach so perfekter Kapitän, der sich immer streng an die Gesetze hielt, ein kleines, unschuldiges Kind um­bringt? Nein? Keiner?“
„Ich dachte... ich dachte, das war nicht ernst gemeint, als du sagtest... deine Tochter sei... da drin“, sagte Abyss leise.
„Oh, ich mag dich Sky. Der Anführer, der Kapitän, das große Vorbild, immer fair und gerecht! Wie du mit ihnen ge­spielt hast. Sie hintergangen hast, ohne auch nur einziges Mal zu lügen. Das war ein Meisterstück.“ Steven wandte sich ihm zu. „Nicht, dass es einen Sinn gehabt hätte“, fügte er hinzu.
Gibbli blickte zu Sky. Seine Miene wirkte leer und aus­druckslos, als erwarte er etwas Unvermeidliches, was ihm nicht gefiel.
„Warum erzählst du ihnen nicht, was passiert ist, Kapitän? Alle hielten es für einen Unfall, nur es war keiner, nicht wahr? Sag ihnen, dass ihr toter Anblick dir das Herz brach Sky. Dass du mit deinen eigenen Augen durch die Scheibe hindurch zu­sehen musstest, wie sie ertrank, unfähig sie zu retten, aus dem Becken, in dem du hättest sein sollen!“ Er begann zu flüstern. „Dass du dir selbst die Augen herausgerissen hast, weil du die Schuld nicht mehr ertragen konntest.“ Dann wurde seine Stimme wieder lauter. „Warum erzählst du ihnen nicht, was dich wirklich dazu brachte, hier her zu kommen?“
Steven stolzierte langsam um ihn herum und stellte sich dann neben Gibbli. Sie hätte am liebsten ihre Faust in ihm ver­senkt. Doch seine Nähe machte sie bewegungslos.
„Pass gut auf, mein Schatz, jetzt kommt das Beste“, wis­perte er ihr ins Ohr und sie erschauderte. Sein eisiger Atem raubte ihr fast den Verstand.
„Hör auf damit!“, fuhr Bo ihn an. „Lass Gibbli in Ruhe und Sky auch!“
Steven lachte und schritt aufgeregt um Sky herum. „Da spricht genau die Richtige. Nicht wahr, Kapitän?“
Skys Arm regte sich. Langsam hob er seine Waffe wieder und zielte auf Steven. „Funktioniert es?“, fragte er leise.
„Oh ja“ Steven nickte und blickte ihn erwartungsvoll an. „Also, wie sieht es aus, würdest du sie opfern?“
„Nein“, antwortete Sky knapp.
„Nein? Aber das ist er doch, dein geheimer Plan. Der Grund, warum du hier bist. Genau deswegen hast du Bo mit dir genommen! Das ist es, was du immer wolltest.“
„Jetzt nicht mehr.“
„Sky, was bedeutet das? Was meint er?“, fragte Bo.
„Nun, er möchte dich eintauschen“, antwortete Steven an seiner Stelle.
„Ich will das nicht mehr!“, rief Sky und die Waffe in seiner Hand zitterte wieder.
„Weißt du“, sagte Steven zu Bo gewandt, „das heilende Auge hält dich am Leben. Aber es kann noch etwas anderes. Es entzieht dir Energie, um diese auf andere zu übertragen. Mit jeder Verletzung, die es heilt, gibst du ein klein wenig dei­ner Lebenskraft ab. Dein Kapitän lebt die absolute Gerechtig­keit. Du bist ein Hybrid. Von Natur aus nicht lebensfähig. Und dennoch lebst du. Seine Tochter war jung und hatte ihr gan­zes Leben noch vor sich. Und trotzdem starb sie. Das findet er nicht fair, der Kapitän. Gerecht wäre es, deine gesamte Le­bensenergie zu übertragen, um seine Tochter wieder zum Le­ben zu erwecken. Du stirbst, im Austausch für ihr Leben. Ist es nicht so, Sky?“
Bo sah den Kapitän ungläubig an. „Du willst mich opfern, um... um sie zu retten?“
„Das wollte ich“, sagte er leise. Dann blickte er Steven an. „Aber jetzt habe ich meine Meinung geändert. Ich bin zum Ka­pitän dieser Crew geworden und deswegen wirst du mein Le­ben nehmen. Nicht das ihre.“
„Wie rührend. Tja, du hast da leider, leider etwas falsch verstanden. Pass auf, ich erkläre es dir. CORA!“
Oben auf der Galerie hüpfte die kleine Kind-KI lachend nach vorne, sprang über das Geländer und drückte den Boden ein Stück ein, als sie landete. Dann tapste sie zu Steven und starrte ihn unterwürfig an.
Währenddessen fiel Gibblis Blick auf Abyss. Er nickte ihr ungeduldig zu und sein eindringlicher Blick war es, der ihr wie­der ein Gefühl in ihre Füße zurückgab. ‚Dein Messer‘, formte er mit dem Mund und blickte nach unten. Gibbli blickte eben­falls an sich hinab. Dann fiel es ihr wieder ein: Das Messer, das Abyss in ihren Stiefel gesteckt hatte. Unauffällig versuch­te sie näher an ihn heran zu kommen.
„Cora ist Bewusstsein in einer KI. Sie ist nicht nur eine Ma­schine. Sie ist der Geist eines echten Kindes. Transferiert durch Lebensenergie. Maras Lebensenergie“, erhob Steven wieder das Wort. „Rod hat Mara nicht getötet. Er war nicht nett zu ihr, nein. Aber er hat sie nicht umgebracht. Er tötete Cora, sein ei­genes Kind, weil sie ihm nicht gehorchte. Weil Cora ihren eige­nen Kopf besaß und ihre oceanischen Vorfahren viel lieber hatte, als ihn. Stattdessen konstruierte er eine KI nach der an­deren, von denen er glaubte, sie wären sein.“
Gibbli stand fast vor Abyss. Noch ein kleines Stück.
„Schließlich hatte er sie perfektioniert. Doch Cora war nicht mehr, als eine Maschine. Jeff erfand das heilende Auge, als Geschenk für Mara. Es enthielt seine und Maras DNA. Er nannte es Marahang. Dieses Gerät war in der Lage, Schmerz auf den Träger zu übertragen und ihn aufzuteilen, sogar ein Stück von ihm zu verschlingen. Jeff konnte sich damit nicht nur in Maras Körper versetzen, um zu sehen, dass es ihr gut ging. Es diente auch zur Übertragung. Nein, es kann keine to­ten Körper wieder erwecken. Aber es ist in der Lage, den Geist zu versetzen. In Maschinen, die dafür geschaffen wurden.“
„Das ist nicht wahr“, unterbrach ihn Bo. „Das Marahang hat Gibblis Verbrennungen an der Hand geheilt. Es hat tote Haut-“
„Bei normalen Menschen wird es immer Narben hinterlas­sen. Oceaner hingegen besitzen von sich aus regenerierende Kräfte und das heilende Auge wirkt auf sie stärker als auf an­dere.“ Er blickte über Skys Waffe hinweg in seine schwarzen Augen. „Ich kann den Körper deiner Tochter nicht wieder bele­ben. Er ist nicht mehr verwendbar. Zu lange unbewohnt. Sie war nur ein einfacher Mensch. Aber an Bord der Mara befinden sich die Konstruktionspläne von Cora. Wir bauen eine zweite KI, die aussieht wie Letitia Sky. Die Energie geht von Bo aus, sie ist jetzt die Trägerin. Ich kann ihre Energie verwenden, um den Geist deiner Tochter zurück zu holen und in eine KI zu versetzen, so wie es mit Cora geschah. Vorausgesetzt, er existiert noch in dieser Ebene.“
„Sky, du kannst meine Lebensenergie haben“, flüsterte Bo überraschend. „Ich opfere mich für sie.“
„Nein“, knurrte Sky.
Währenddessen zog Gibbli das Messer aus dem Stiefel, um Abyss' Fesseln zu durchtrennen.
„Oh, sie hat es begriffen. Bo hat es verstanden. Deine Mannschaft ist ja so schlau! Wenn die Trägerin des heilenden Auges stirbt, bin ich verwundbar. Zwar trage ich nicht Jeffs DNA in mir, was es mir nicht ermöglicht, durch das heilende Auge zu sehen. Dennoch bin ich in der Lage, den Schmerz zu übertragen. Warum gehst du also den Deal nicht ein? Im Kampf hättet ihr dann eine Chance gegen mich. Und du hät­test dein Kind zurück, unsterblich.“
Sky verzog den Mund zu einem Lächeln. „Nein. Du bist es, der da etwas falsch verstanden hat. Ich sprach nicht von mei­ner Tochter! Letitia ist tot. Ich habe das jetzt verstanden. Ich sprach von dem, was jetzt ist. Ich sprach von meiner Crew, als ich sagte, du wirst mein Leben nehmen. Ich sprach von allen hier. Abyss lass das, er wird sich wieder heilen und Bo dafür schwächen.“
Abyss ließ das Messer sinken, das er soeben auf Steven werfen hatte wollen.
„Ich verlange, dass du sie gehen lässt. Du kannst mit mir machen was du willst. Du kannst mich foltern und du kannst mich töten. Aber die anderen wirst du nicht anrühren. Du lässt Bo gehen, mit dem Marahang. Nox, Sam, Abyss und Gibbli. Und auch Cora, wenn sie das möchte. Mein Leben ge­gen das meiner Leute. Ich bleibe hier.“
Totenstille breitete sich unter der goldenen Kuppel der Stadt aus.
Dann fing Steven verstört an zu lachen. „Nein, nicht Gibbli!“ Der Oceaner kniff die Zähne zusammen und etwas Bedrohli­ches blitzte in den Pupillen seiner zornigen Augen auf. „Mein Mädchen ist nicht verhandelbar.“
„Sie ist nicht dein Mädchen!“, fuhr Abyss ihn an.
„Ich habe ihre DNA geprüft! In ihr fließt das Blut von Mara und Jeff. Sie ist ein Nachfahre von ihnen beiden. Sie gehört hier her! SIE GEHÖRT MIR!“
„Oh nein, das ist nicht der Grund“, sagte Sky ruhig, seine Waffe noch immer auf Steven gerichtet. „Gibbli mag ein Nachfahre von Oceanern sein, aber größtenteils ist sie immer noch ein Landmensch. Ich werde dir sagen, warum du sie hier behalten willst. Weil du alleine bist. Du fühlst dich einsam und sehnst dich nach deinesgleichen. Du hättest uns hier längst alle umbringen können. Aber das hast du nicht getan. Stattdessen beantwortest du bereitwillig unsere Fragen. Dein Volk verließ vor langer Zeit diesen Planeten und ließ euch zu­rück. Mara ist tot. Jeff befindet sich ebenfalls nicht mehr hier. Schon lange nicht mehr. Und er wird auch nie zurückkehren, ist es nicht so?“
Steven drehte sich um und blickte ausdruckslos auf die große Vorrichtung mit der dunklen Kugel. Langsam schüttelte er den Kopf und begann weinerlich zu jammern. „Er ging durch das Portal. Ein paar Jahre nachdem Mara starb.“ Seine Miene wirkte gespielt, doch bei Steven konnte man das nie so genau wissen.
„Wohin führt es?“, fragte Bo.
„Wie funktioniert es?“, entfuhr es Gibbli. Sie bereute ihren Wissensdrang sofort.
Steven drehte sich ihr zu und strahlte sie an. „Indem du zwei Ebenen weiter denkst, mein Schatz. Durch die Stau­chung der Raumzeit. Verstehst du? Gravitation. Es ist auf eine bestimmte Struktur ausgelegt und auf einem gewissen Fre­quenzbereich ist eine beidseitige Kommunikation möglich. Es führt direkt zu unserem Heimatplaneten. Für feste Materie allerdings auch nur dort hin. Einen Weg zurück gibt es nicht. Mein Volk errichtet dieses Portal in jeder Kolonie. Zur Sicher­heit und als schnelle Fluchtmöglichkeit. Die Vorrichtung schirmt das Gravitationsfeld des Portals ab und sorgt dafür, dass die Körper, die es betreten weder zerquetscht werden noch in der Zeit stecken bleiben.“
„Warum hat dein Volk diesen Planeten verlassen?“, fragte Bo neugierig.
„Weil wir gerufen wurden, um Raumschiffe zu besetzen. Für die große Schlacht gegen einen Feind, der eure Vorstel­lungskraft sprengt.“
„Dafür warst du Trottel wohl zu schwach. Ein Feigling bist du!“ sagte Abyss verächtlich.
„Nein. Wir blieben, um die Stadt zu bewachen und damit mein Volk eines Tages, mit einem neuen Raumschiff, zurück­kehren kann. Es ging viele Jahre lang gut, dann mischten sich die Menschen ein. Mara bekam ein Kind mit diesem Mensch­lein, Rod. Von dem zweiten Kind mit Jeff wusste ich nichts und Jeff hat es offensichtlich selbst nicht gewusst, sonst wäre er nicht gegangen. Er liebte Mara. Wir beide taten das. Ihr mögt es vielleicht nicht glauben, aber Oceaner können Liebe empfinden. Ja, das können wir.“ Er blickte Gibbli an und sie hatte das schreckliche Gefühl zu fallen. „Laut meinem Blut­test bist zu einem Viertel eine von uns. Das bedeutet, dein Vater oder deine Mutter war ein Enkel von Maras Kind. Sie muss es bei den Menschen versteckt haben. Es ist sicher längst tot. Ohne unsere Technologie würden wir nicht älter werden, als normale Menschen. Spürt ihr es nicht? Diese Ener­gie umgibt die ganze Stadt. Selbst euer Leben könnte sich um Jahre verlängern, wenn ihr hier wohnen würdet.“
„Und dann opferte sich Mara für Cora und Jeff verließ die­sen Planeten. Ich nehme an, du hast das U-Boot mit Cora vergraben“, schloss Sky.
„Ja. Dieser Rod ist an allem Schuld. Wäre er nicht gewe­sen-“
„-dann wärst du nicht allein.“
„Aber warum gehst du nicht einfach auch durch das Por­tal?“, fragte Bo.
„Weil sie nicht mehr antworten, du dumme Frau“, jammer­te Steven. „Der Kontakt zu meinem Heimatplaneten brach ab. Ich nehme an, wir verloren den Krieg. Das Gegenstück zu die­sem Portal könnte in Feindeshand geraten sein. Vielleicht exis­tiert es auch gar nicht mehr. Im besten Fall ist einfach nur die Übertragung fehlerhaft. Wenn ich hindurch schreite, könnte das vielleicht meinen Tod bedeuten.“
„Wie tragisch“, grummelte Abyss. Und Gibbli wusste sofort, dass er an das gleiche dachte wie sie. Diese Kugel war die Möglichkeit, Steven loszuwerden!
„Allerdings. Sehr tragisch.“ Steven grinste plötzlich wieder böse und drehte sich zu ihm um. „Cora, töte ihn.“
Gibbli schnappte erschrocken nach Luft. Im nächsten Au­genblick sprang Cora auf Abyss zu, warf ihn um und um­schloss seinen Hals mit ihren kleinen, goldenen Fingern.
„Nein!“, schrie Bo.
Während alle Augen auf die schwere Kind-KI blickten, die auf Abyss' Brust hockte und ihn röchelnd festhielt, spürte Gibbli, wie etwas Eiskaltes sich um ihren Mund legte, ihren Schrei erstickte und sie dann von den anderen wegzog.
„Stopp! Cora, hör auf! Das ist ein Befehl!“, rief Sky und die KI hielt inne. Dann ließ sie Abyss los, der kaum noch Luft be­kam und hüpfte von ihm herunter.
„Cora versteht nicht! Ich will nicht zwei Kapitäns!“ Verwirrt blickte das Kind Sky an, während Gibbli verzweifelt versuchte, sich Stevens Griff zu entwinden. In ihrem Bauch kribbelte alles und es fühlte sich an, als wäre sie schwerelos.
„Nimm deine dreckigen Finger von ihr!“, krächzte Abyss und alle drehten sich zu Steven um.
Er stand jetzt mit Gibbli kurz vor der Kugel. „Sonst was?“
„ICH REISS DIR DEIN VERFICKTES HERZ RAUS!“, schrie er und warf ein Messer knapp an Stevens Ohr vorbei.
„Nett von dir. Aber ich besitze keins“, sagte der Oceaner er­freut.
Sky packte Abyss am Arm, als dieser ein weiteres Messer aus seinem Mantel zog. „Nicht, das wird Bo schwächen!“ Gleichzeitig hielt er jedoch seinen Strahler auf Stevens Kopf gerichtet.
„Lass mich! Das ist mir verdammt noch mal scheiß egal!“, blaffte Abyss ihn an.
Steven grinste. „Drehen wir das Ganze einfach einmal um. Dann wird das hier gleich viel interessanter, nicht wahr? Ihr tut was ich sage oder ich reiße meinem Mädchen hier ihr kleines Herz heraus.“
Gibblis Körper fühlte sich an, als würde er auseinander ge­zogen und gleichzeitig zusammen gedrückt. Sie hielt dieses Gefühl, das er ihr übermittelte nicht mehr aus! Sie wünschte sich selbst zu zerspringen, wie ein Tropfen Wasser, der auf eine Oberfläche traf.
„Das tust du nicht“, sagte Sky.
„Nein? Nun, mein Mädchen hält viele Schmerzen aus. Und ich bin ein Oceaner, wie ihr uns nennt. Was denkst du, was ich mache?“ Steven zog eines von Abyss' Messern hervor und rammte es Gibbli in die Schulter.
Sie krümmte sich vor Schmerzen in seinen Armen.
Abyss brüllte.
„Hm. Noch eins?“ Steven hielt schon das nächste in der Hand. „Du hättest mich nicht mit so vielen von den Dingern bewerfen sollen. Danke auch.“
„NEIN!“, schrie Abyss erneut.
„Steven, tu das nicht!“, redete Sky auf ihn ein.
„Waffe runter, Kapitän.“
Sky senkte langsam seinen Strahler. Währenddessen zog Steven Gibbli weiter zurück, näher an die dunkle Kugel heran. Die Klinge in ihrer Schulter pochte schmerzhaft.
Der Oceaner nickte Abyss zu. „Die Geige. Na los Mensch, heb sie auf! Und Nu.“
Abyss warf ihm einen giftigen Blick zu, als Steven Gibbli näher an sich presste und sie versuchte, ein gequältes Wim­mern zu unterdrücken. Dann bückte er sich und nahm das In­strument, sowie den Bogen.
„Nein!“, rief Bo erzürnt. „Steven, wenn du sie tötest, werde ich ihr mein Leben schenken und dann wirst du verwundbar sein! Ich habe Skys Bein geheilt, im Aufzug. Ich weiß wie es funktioniert!“
„Das wird dir, zu meinem tiefsten Bedauern, nichts nützen, wenn ich sie einfach mit mir ins Portal ziehe.“ Steven nickte mit dem Kopf hinter sich, auf die schwarze Kugel. „Wie ich be­reits sagte, es ist nicht auf eure Struktur ausgelegt und mein Mädchen ist nun mal leider zum Teil ein Landmensch. Sie würde den Durchgang nicht überleben. Ich könnte es. Also los! Ich will die Musik hören.“
Sky blickte Steven mit offenem Mund an. „Steven, nein. Du willst dort gar nicht durch“, sagte er leise.
„Spiel für uns, Abyss. Spiel die Melodie des Todes.“
Gibbli fing an zu zappeln und schrie. Das durfte er nicht! Abyss durfte nicht sterben! Die anderen durften nicht ihretwe­gen sterben!
„Es ist ganz leicht, Abyss. Entweder spielst du oder ich bringe sie um. Du kannst es dir aussuchen.“
Abyss zögerte, blickte Gibbli an. Sie schüttelte verzweifelt den Kopf, doch seine Miene verriet ihr, dass er es tun würde.
„SOFORT!“, schrie der Oceaner.
„Ich... ich spiele.“
Gibbli hörte auf zu zappeln, als seine grauen Augen sich in die ihren bohrten.
„Abyss“, flüsterte sie und spürte eine Träne langsam über ihre Wange kriechen.
Er verzog seinen Mund zu einem traurigen Lächeln, wäh­rend er die Haare des Bogens mit einem Drehknopf fester ein­spannte.
Steven schnaubte ungeduldig.
Seelenruhig ging Abyss in die Hocke. Einige seiner blonden Strähnen warfen düstere Schatten auf seine helle Haut, als sie ihm ins Gesicht rutschten. Er zog eine kleine Dose aus seinem Koffer. Kolophonium stand auf dem Deckel. Er öffnete ihn und begann damit, die Haare des goldenen Bogens langsam mit Harz zu bestreichen. Steven wirkte, als würde er jeden Moment explodieren, dennoch wartete er geduldig. Dann ver­gaß Gibbli ihn, nahm den Oceaner kaum noch wahr. Wie hyp­notisiert folgte sie Abyss' langen Fingern. Alles um sie herum schien zu verschwimmen und die Zeit dehnte sich wie zäher Gummi. Sie sah nur noch ihn. Abyss. Schließlich, eine halbe Ewigkeit später, stellte er die Dose beiseite, stand auf und blickte wieder hoch, direkt in ihr Gesicht.
„Für dich“, sagte er leise.
Dann erhob er seine Geige, ohne sie dabei aus den Augen zu lassen.
Gibbli bemerkte, wie Sky weiter hinten ebenfalls seine Waffe hob und sie langsam auf Abyss richtete.
Für einen Moment lockerte Steven zufrieden seinen Griff. Das nutzte Gibbli sofort aus. Mit einem Ruck riss sie sich los, wirbelte herum und stieß ihn mitten in das Portal hinein.
Die Kraft, mit der er sie in seiner Anwesenheit zu Boden drückte, verschwand. Geschafft! Steven war besiegt! Fort!
Für einen kurzen, wunderbaren Moment, dachte sie, ihn für immer los zu sein. Dann spürte Gibbli seine frostigen Finger an ihrem Handgelenk. Er umschloss es, fest wie eine Maschine.
„GIBBLI!“ Abyss rannte auf die Kugel zu.
Sie drehte sich noch in seine Richtung, doch da wurde sie schon mitgerissen.
Eine unsichtbare Kraft zog Gibbli in ein lichtloses Loch hinein, weg von den anderen. Weg von Abyss. Immer kleiner wurde die Öffnung. Weit entfernt sah sie die Stadt Ocea und die Crew der Mara auf der Plattform. Durch den schrumpfen­den Eingang erblickte sie Abyss' große Gestalt. Er stand direkt davor, seine Geige und den oceanischen Bogen noch immer in der Hand und verzweifelt auf die Kugel starrend.
Er richtete sich auf und straffte fest entschlossen seinen Körper. Mit angespannten Muskeln legte er sich das Instru­ment unter sein Kinn, hob den Arm und schloss seine Augen.
Dann setzte er den goldenen Bogen an, zum ersten Ton.

 

Wenn du möchtest, ist die Geschichte hier zu Ende. Aber wenn dir die Crew der Mara auch so sehr auf die Nerven geht wie mir, wenn sie einfach nicht mehr aus deinem Kopf raus möchte, egal was du tust, um sie loszuwerden, dann merk dir diesen Blog und lies in ein paar Wochen im zweiten Teil weiter: "Bis in die tiefsten Abgründe"

Ich verspreche dir, es wird noch düsterer, noch tiefer und noch fieser. Denn ich werde Kapitän Sky und seine Crew in jeden Abgrund werfen, den ich finden kann, vielleicht verschwinden sie dann ja endlich.

Socke, Dezember 2018

Ich freue mich über jeden Pieps deiner Anwesenheit hier. Schreib mir doch einen Kommentar. Was denkst du gerade?

 

 

„Licht ist hell und blendet.
Ich komme in der Dunkelheit.“

Abyss

 

→ Unterstütze Sockenzombie, indem du diesen PayPal Account fütterst.

Alle Geschichten, Tutorials, Programme und Infos auf diesem Blog sind kostenlos und werbefrei! Mit jedem Euro hilfst du, wiederkehrende Serverkosten abzudecken und Material zum Erstellen zukünftiger Artikel zu finanzieren.

Vielen Dank!

Schreibe deine Gedanken zu diesem Artikel:


(Weitere Infos unter "Kommentarfunktion" im Impressum.)