Kapitel 18: Ein harmloser Tauchausflug… (Bis in die tiefsten Ozeane)

Am nächsten Tag berief der Kapitän ein Treffen ein. Alle hat­ten sich am runden Tisch versammelt, an dem Bo mit Coras Hilfe ein kleines Frühstück anrichtete. Niemand wollte die Früchte so recht anrühren. Müde und nervös saß Gibbli auf der Bank und starrte auf ihren Teller. Abyss erweckte nicht den Anschein, als würde er je irgendwann wieder etwas essen wollen. Ein riesiger blauer Fleck zog sich über seine linke Ge­sichtshälfte. Mit Augenringen und Haaren, die einem Schlachtfeld glichen, saß er am Tisch und ignorierte Gibbli vollkommen. Skys Verfassung wirkte ein wenig besser, jedoch ebenfalls nicht gerade fit. Nach ein paar Bissen schob er sei­nen Teller beiseite und blickte Abyss grimmig an, als wäre es seine Schuld. Was ja im Grunde auch den Tatsachen ent­sprach. Dann richtete er sich auf und fing mit heiserer Stimme an zu sprechen.
„Ich senke die Mara in den Tensegraben ab. Seid wachsam. Es ist fremdes Gebiet für Landmenschen. Niemand der Flotte wagte sich jemals dort hinunter und ist lebend wieder nach oben gekommen. Doch es gibt Berichte von einzelnen, zivilen Forschungsexpeditionen. Unsere Chancen stehen also gut. Wir werden Kontakt mit den Tiefseemenschen aufnehmen.“
„Reden?“, fragte Abyss missmutig und hielt seinen Kopf mit den Händen an beiden Seiten der Stirn fest, um nicht auf den Tisch zu kippen.
„Ja. Wenn Bo's Schwester wirklich noch lebt, muss es einen Grund geben, warum sie das Mädchen nicht gehen lassen. Bo, du hast erzählt, Nox kennt unsere Sprache?“
„Ja.“
„Gut. Abyss, du wirst hier bleiben. Und du ebenfalls Bo.“
Abyss zeigte keine Regung, während Bo Sky verständnislos anstarrte. „Was? Aber es geht hier um meine Schwester und Nox ist mein Bruder!“, rief sie entrüstet.
„Und er hat dir befohlen an die Oberfläche zurück zu keh­ren. Niemand weiß, wie er darauf reagieren wird, wenn du ihm stattdessen direkt in die Arme schwimmst. Wir wollen sie nicht erzürnen.“
Bo öffnete den Mund, schloss ihn wieder und nickte schließlich enttäuscht.
„Ich selbst werde zu ihnen tauchen.“ Sky machte eine Pau­se, dann fügte er noch hinzu: „Gibbli wird mich begleiten.“
Gibbli blickte auf. „Was? Nein!“
„Es war deine Bedingung Sam zu befreien, also kommst du mit“, sagte der Kapitän in einem Ton, der keine Widerrede zuließ.
Panisch krallten sich ihre Finger in die Sitzbank. Das konn­te er nicht machen! Gibbli blickte hilfesuchend zu Abyss, doch dieser ignorierte sie noch immer.
„Eine gute Gelegenheit, dich endlich zum Tauchen zu brin­gen“, fuhr Sky fort. „Abyss hat in diesem Punkt ja kläglich ver­sagt.“ Ohne eine weitere Reaktion der anderen abzuwarten, stieg der Kapitän über die Sitzbank und begab sich nach vorne in die Zentrale. Cora hüpfte ihm grinsend nach.
„Das wird schon“, flüsterte Bo ihr zu und begann den Tisch abzuräumen.
Warum hatte sie das nicht kommen sehen? Würde Sky sie wirklich dazu zwingen, mit ihm zu tauchen? Geschockt über seine Worte, bemerkte sie gar nicht, dass sie plötzlich alleine mit Abyss am Tisch saß, bis sie seine raue Stimme vernahm.
„Du frisst schon wieder irgendwas in dich rein. Es ist wegen ihm, nicht wahr? Dieser Wächter. Steven.“
Gibbli zuckte beim Gedanken an den Oceaner zusammen. Gleichzeitig freute sie sich, dass Abyss überhaupt wieder et­was zu ihr sagte, ohne ihr gleich ins Gesicht schlagen zu wol­len. Die Antwort auf die Frage, was schlimmer war, Steven oder Tauchen, war eindeutig Steven. Am liebsten hätte sie Abyss alles erzählt. Über Steven und die Abmachung mit ihm. Seiner Drohung, Spaß mit ihr zu haben. Über seine grausame Kälte. Dass er und Jeff, der andere Wächter, Gibbli mit großer Wahrscheinlichkeit nicht mehr gehen lassen würden, wenn sie in Ocea ankamen.
„Weißt du, was nicht in meinen Kopf geht?“, fragte Abyss langsam, sah Gibbli dabei jedoch nicht an. Stattdessen blickte er düster auf die Kugel über ihnen. „Steven arbeitete gegen uns. Wollte mich immer davon abbringen, mehr über Ocea rauszufinden. Dieser Volltrottel tat alles, um uns daran zu hindern, die Mara zu bergen. Und jetzt hilft er uns auf einmal und lenkt Jacks Flotte ab, damit wir entkommen können. Warum?“
Gibbli schwieg. Er fragte nicht, als würde es ihn kümmern. Seine Worte klangen eher anklagend, dass sie ihm schon wie­der etwas verheimlichte. Wie hatte sie nur annehmen können, ihm liege etwas an ihr? Es war dumm von ihr zu glauben, dass er auf ihrer Seite stand. Hatte er nicht immer wieder gesagt, dass er mit den Leuten spielte, um seinen Willen durchzuset­zen? Vielleicht hatte Steven ja recht und Abyss würde sich darüber freuen, wenn er sie endlich los war. Gibbli hatte Mist gebaut und er würde kein Mitleid mit ihr haben, wenn Steven sie zwang, bei ihm und diesem Jeff zu bleiben. Völlig versun­ken malte sie sich die schlimmsten Situationen aus, was Ste­ven tun würde. Doch all diese Gedanken dienten ihr nur dazu, sich von einem aktuell wichtigeren Problem abzulenken: Tau­chen. Als Gibbli aufblickte, saß sie alleine am Tisch.
Irgendwann stand Sky neben ihr. „In zwei Stunden will ich dich unten bei der rechten Ausstiegsluke sehen“, sagte er knapp, dann verschwand er in seinen Raum.
Gibbli schreckte hoch. Nur noch zwei Stunden! Wann hat­ten sie den Grund erreicht? Sie blickte nach vorne aus dem Frontfenster und tatsächlich, draußen herrschte völlige Dun­kelheit. Durch das Licht, das von innen nach draußen drang, konnte sie den Meeresboden erkennen, der in schwarzes Nichts führte. Wie lange saß sie hier überhaupt schon? Gibbli eilte nach vorne zu einer der Konsolen und traute ihren Augen kaum. 23.530 Meter Wasser lagen über ihnen! Im Kopf über­schlug sie schon, was das für den Druck dort draußen bedeu­tete. Nur der kleinste Fehler und sie würden zerquetscht wer­den. Zwei Stunden hatte Sky gesagt! Dies würden entweder die längsten oder die kürzesten zwei Stunden ihres Lebens werden...
Mit dem Gefühl beobachtet zu werden, stand Gibbli noch immer zitternd vor der Konsole. Ihre Gedanken bewegten sich langsamer, als ständen sie kurz davor einzufrieren. Gleichzeitig rasten sie und vollführten derartige Sprünge, dass sie selbst kaum noch mitkam. Sie würde diesen grausamen Mann wie­der spüren. Sie würde ertrinken! Nervös starrte Gibbli immer wieder auf die Tiefenanzeige. Wenn sie sich nur verstecken könnte! Und unverhofft kam ihr eine rettende Idee. Ohne wei­ter über die Folgen nachzudenken, machte Gibbli ihren Ent­schluss fest. Sie hörte Bo mit Cora oben bei den Pflanzen in der Galerie reden. Sky befand sich in seinem Raum. Und Abyss? Gibbli hatte keine Ahnung, vielleicht war er in seine Tauchkapsel zurückgekehrt. Niemand würde es also mitbe­kommen. Sie musste hier weg, und zwar schnell. Fliehen.
Mit laut klopfendem Herzen schlich sie nach hinten und betrat den MARM. Hastig setzte sie sich in den Steuersitz und schaltete das System ein.
„Ungemütlichen Situationen aus dem Weg gehn, das kannst du wirklich gut“, ertönte plötzlich eine Stimme am Ein­gang. Gibbli erstarrte in ihrer Bewegung. Dann drehte sie lang­sam ihren Kopf und erblickte seine Gestalt. Verdammt, dieser Idiot war ihr gefolgt! Abyss duckte sich unter einer Röhre hin­durch und kam näher auf sie zu. Gibbli schluckte. Sie wollte aufstehen, doch mit einem Satz stand er hinter ihrem Stuhl und seine großen Hände drückten sie an den Schultern zu­rück in den Sitz.
„Ich tauche nicht“, sagte Gibbli leise. Ihr Herz schlug abrupt schneller.
„Wirklich? Bist du dir sicher, dass es ums Tauchen geht? Oder kannst du es nicht erwarten, ihn wieder zu sehen?“, zischte ihr Abyss böse grinsend ins Ohr. „Du hast rausgefun­den, wo Ocea liegt und jetzt fährst du zu ihm.“
Sie schnappte laut nach Luft. Was verflixt noch mal dach­te er von ihr? Abyss wusste genau, was das Tauchen in ihr auslöste. Er hatte doch Maras Erinnerung in der Kugel gese­hen, wie Rod sie tauchte, wie er sie...
„Geh weg“, flüsterte Gibbli, woraufhin er sie nur noch fester in die Polster drückte. Sie spürte seinen heißen Atem an ihrer Wange.
„Vermisst du deinen Steven?“, fragte er lachend. „Du ge­hörst zu ihm.“ Jetzt lächelte er nur noch schwach. „Du magst ihn, oder?“ Dann änderte sich seine Miene schlagartig und die letzten Worte sprach er fast tonlos. „Ich muss gestehn, ich bin ziemlich eifersüchtig auf diesen Abschaum von Oceaner. Wie war das, so ganz allein, mit ihm?“
Gibblis Augen weiteten sich. Hatte Abyss jetzt völlig den Verstand verloren? Außerdem war sie nie allein mit Steven ge­wesen, Cora war doch auch da gewesen, als die anderen im MARM... Sie bemerkte sein zorniges Funkeln.
„Ich wette, du hast es genossen, als er dich berührte.“
„Du bist eklig!“, rief sie laut. „Ich will ihn nie wieder sehen! Er ist grausam und kalt! Wie kannst du so von mir denken?“
Jetzt grinste Abyss wieder. „Oh, keine Sorge, das denke ich nicht. Du vergisst da etwas Schwesterherz. Ich raste vielleicht schnell aus, aber wenn ich möchte, bekomm ich alles aus je­dem raus. Ich lüge, ich betrüge“, Gibbli spürte plötzlich etwas Kaltes an ihrem Hals, „und ich töte“, flüsterte er die letzten Worte in ihr Ohr. Währenddessen kam er um den Sitz herum.
Die Spitze seines Messers zeigte jetzt mitten auf ihre Brust.
„Weißt du, ich bin nicht sehr geduldig im Foltern. Die meis­ten meiner Opfer sterben, bevor ich richtig dazu komme. Aber wenn das der einzige Weg ist, dich zum Sprechen zu bringen, bleibt mir ja nichts anderes übrig.“
Gibbli blickte erstarrt auf das Metall in seiner Hand. Sie hatte ganz vergessen, dass er es hasste, wenn sie etwas für sich behielt. Dann noch die Sache mit dem Mönch, kein Wun­der, dass er sie nicht mehr ausstehen konnte.
„Steven ist also grausam, ja? Hat er dich bedroht? Was ver­schweigst du?“
„Es tut mir Leid“, wisperte sie und eine Träne brach aus ihr hervor. „Ich wollte ihn nicht töten! Ich wollte euch retten. Ich wollte euch helfen. Nur... helfen.“
„ES GEHT JETZT NICHT UM DEN MÖNCH!“, schrie er wü­tend und Gibbli zuckte zusammen.
Dann nahm sie all ihren Mut zusammen und legte ihre bei­den Hände auf die seine, die den Griff des Messers fest um­klammerte. „Du weißt genau wie er ist. Wie Oceaner sind! Er hat mir nur geholfen euch zu retten, weil ich zugestimmt habe zu ihm und dem anderen Wächter nach Ocea zu kommen. Euer Leben gegen meines als neuer Wächter. Das war die Ab­machung.“
Sie zwang ihren Kopf langsam nach oben und blinzelte eine Träne beiseite. Sein Blick brannte sich in ihr Gesicht. Er wirkte verletzt, besorgt und wütend zugleich. Und so traurig, so unendlich traurig.
Bevor Abyss den Mund öffnen konnte, redete Gibbli weiter: „Und jetzt wünsche ich mir nichts sehnlicher, als dass du end­lich zustichst, damit ich nicht tauchen und nicht zu ihm gehen muss und er gar nicht mehr die Möglichkeit hat mir weh zu tun, weil ich dann tot sein werde und nicht mehr in deine herzzerreißenden Augen blicken muss, die mir ständig vorhal­ten, was ich getan habe!“
Mit diesen Worten schloss sie ihre Hände fester um die sei­ne und zog diese mit einem Ruck auf sich zu. Sie spürte, wie die Spitze der Klinge durch ihre Kleidung in ihre Haut eindrang. Doch nicht weit. Abyss reagierte blitzschnell, packte ihre Arme mit seiner anderen Hand und riss sie weg. Das Messer fiel klir­rend auf den Metallboden. Der Schnitt auf ihrem Pullover war kaum zu sehen, aber Gibbli spürte, wie unter dem schwarzen Stoff Blut aus ihrer Wunde sickerte.
Er trat einen Schritt zurück und öffnete den Mund, um et­was zu sagen.
Gibbli schüttelte schnell den Kopf. „Lass es!“ Ihre Augen zu Schlitzen verengt, sprang sie auf, lief um den Sitz herum und verließ eilig den MARM.
 
Schön. Gut. Perfekt. Na warte. Sie würde es ihm beweisen! Sie war nicht schwach. Sie würde nicht mehr fliehen! Gibbli tram­pelte durch die Zentrale, vorbei an Cora, die jetzt um den großen Tisch herum sprang und Bo, die ihr etwas nachrief. Gibbli hörte ihr nicht zu. Wütend stieg sie die Rampe nach un­ten, in den Gang zwischen Maschinenraum und Badezimmer. Warum zog dieser Idiot überhaupt sein Messer, wenn er es dann nicht gegen sie einsetzen wollte? Erst führte er sie so vor, mit diesem Steven, belog sie und dann das! Er spielte mit ihr! Mit düsterem Blick stapfte sie den Gang entlang zu einer der Ausstiegsluken, die sich jeweils am Ende befanden.
Der Kapitän stand schon voll ausgerüstet vor dem kleinen Raum. „Du bist spät.“
Wortlos zog Gibbli die Stiefel aus und pfefferte ihr Werk­zeug in eine Ecke. Hatte Sky ernsthaft erwartet, dass sie über­haupt hier auftauchte?
„Ich befahl den anderen oben zu bleiben. Dachte, dass es das vielleicht leichter für dich macht.“
Ohne auf ihn zu achten, begann sie sich auszuziehen.
„Was-“, Sky brach ab und dreht sich von ihr weg, wodurch er ihre Wunde nicht bemerkte.
Sie war nicht tief, tat aber höllisch weh. Gibbli ignorierte das Blut und warf ihre gesamte Kleidung auf den Boden. Dann zwängte sie sich in einen der Thermoanzüge, die in einer Reihe in verschiedenen Größen an der Wand hingen. Der helle Stoff legte sich wie eine zweite Haut um ihren Körper. Als sie fluchend die stabilisierende Panzerung des Tiefseedruckan­zugs darüber anbrachte, drehte Sky sich wieder um und zeigte ihr, wie man die einzelnen Teile daran befestigte. Er setzte mehrere neongelbe Fläschchen in den Anzug ein, aber Gibbli war zu wütend, um zu fragen, was er da tat. Am liebsten hät­te sie irgendetwas kaputt geschlagen. Sie ließ ihn einfach ma­chen, was auch immer zu tun war. Schließlich packte er sie am Anzug und hielt kurz inne.
„Gibbli, hörst du mir überhaupt zu? Ich sagte, wir sind fertig. Wenn ich dir den Helm aufsetze, wirst du mich für ein paar Sekunden nicht mehr hören.“
Gibbli schwieg. Toll, gut gemacht. Jetzt trug sie also einen verdammten Tiefseeanzug.
„Was ist passiert?“
Ernsthaft? Wollte er das jetzt wirklich besprechen? Hier, kurz bevor sie in diesem scheiß Wasser sterben würde?
„Sieh mich an.“
Sie blickte stur zu Boden.
„Das ist ein Befehl!“
Gibbli blickte hoch und starrte ihm wütend ins Gesicht, ohne auch nur ein einziges Mal zu blinzeln.
„Also, was ist los?“
„Nichts“, sagte sie kalt.
„Nichts?“ Er zog die Augenbrauen hoch und seine Stirn leg­te sich in Falten, woraufhin Gibbli ihn noch böser ansah. „Du wirst nicht ertrinken. Du bist mit mir unterwegs. Vertraue dei­nem Kapitän.“
„Jetzt gib mir schon diesen verdammten Helm!“ Sie presste ihre Zähne fest aufeinander und wünschte sich seine Finger dazwischen. Bei dieser Vorstellung, konnte sie fast Skys Kno­chen knacken hören.
„Wenn du so weiter machst, wird es innerhalb deines An­zugs kälter sein, als da draußen“, sagte er ruhig, gab ihr den Helm und half ihr, ihn am Anzug zu befestigen. „Dass eines klar ist: Wenn du diesen Tauchgang überleben willst, wirst du genau das tun, was ich dir befehle! Solange du das machst, versichere ich dir, dass du am Leben bleibst. Es wird nicht so enden, wie bei meiner Tochter. Denn dieses Mal bin ich dabei.“
Gibbli blickte zu Boden. Langsam wurde ihr bewusst, was sie hier überhaupt tat. Er drückte ihr eine Lampe in die Hand. Ihre EAGs würden sie nicht mitnehmen, die Gefahr war zu groß, sie zu verlieren. Sky schob sie in die enge Schleuse. Jetzt gab es kein Zurück mehr. Sie spürte ihn nicht durch den An­zug, doch er musste dicht hinter ihr stehen, als er etwas auf eine Konsole an der Wand tippte. Er werkelte mit seinen Hän­den irgendwo an ihrem Helm herum, woraufhin dieser sich schloss. Mit einem Mal legte sich eine erdrückende Stille um sie. Sky zog ein dickes Kabel aus seinem Anzug heraus, das aussah wie eine lange Schlange und befestigte es an ihrem. Dann hörte sie seine Stimme aus einem Lautsprecher irgend­wo in ihrem Anzug.
„Bereit?“
„Nein“, hauchte Gibbli leise.
„Ich lasse das Wasser ein.“
Mit einem Schlag verflog ihre Wut völlig und machte einer Panik platz, die ihr nur all zu bekannt war. Warum nur hatte Abyss sie nicht einfach abgestochen? Sie wollte hier raus. Sie musste hier weg! Sofort!
„Atme langsamer“, durchbrach Skys Stimme ihre Gedan­ken.
Sie versuchte sich zu beruhigen, es gelang ihr nur schwer. Immer wieder schnappte sie tief nach Luft.
„Tiefseetauchen ist ein wenig anders, als du es dir vielleicht vorstellst. Schau zu deinen Füßen.“
Gibbli neigte ihren Kopf mit dem Helm nach unten. Ihre Au­gen weiteten sich vor Schreck. Das Wasser stieg unheim­lich schnell und ging bereits bis über ihre Knie! Nein! Verflucht, wann war es so weit hoch gekrochen? Sie fing an, unruhig von einem Bein auf das andere zu treten.
„Bleib einfach stehen. Du spürst das Wasser nicht, Gibbli. Noch nicht.“
Sie schloss die Augen und hörte auf, sich zu bewegen. Gibbli wollte das nicht sehen. Aber Sky hatte recht. Der äuße­re Anzug schirmte das Wasser vollkommen ab. Als sie die Au­gen wieder öffnete, erreichte es gerade den oberen Rand ihres Helms. Gibbli widerstand dem Drang, sich zur Decke hin ab­zustoßen. Es hätte nichts gebracht. Nach nur kurzer Zeit ver­drängte die Flüssigkeit auch das letzte bisschen Luft in der kleinen Schleuse. Sie hob ihre Hand. Es fühlte sich an, als ständen sie gar nicht unter Wasser. Lediglich der Bewegungs­widerstand war höher. Wenn es so blieb wie jetzt, dachte sie, wäre das Ganze vielleicht sogar auszuhalten. Doch ihr war ir­gendwie klar, dass das hier so nicht funktionierte.
Plötzlich vernahm sie ein leises Keuchen von Sky. Einige Minuten vergingen und als er wieder sprach, klang seine Stim­me anders als normal. Etwas langsamer und stumpfer. „Pass gut auf, jetzt folgt der lustige Teil.“
In Gibbli spannte sich alles an.
„Das Wasser hier in der Schleuse hat noch nicht annä­hernd den Druck, wie das dort draußen. Der Unterschied zur Luft im Anzug wäre zu groß. Weißt du wie es funktioniert?“
Sie schüttelte den Kopf. Gibbli hatte sich nie genauer damit beschäftigt. Schon alleine darüber zu lesen, gab ihr das Ge­fühl, keine Luft mehr zu bekommen. Und jetzt stand sie tat­sächlich hier, mitten im Wasser.
„Dein Anzug wird sich gleich mit einer Flüssigkeit füllen. Dabei handelt es sich um ein Perfluorcarbon-Gemisch, ange­reichert mit flüssigem Sauerstoff. Es wird kurz dauern, bis dei­ne Lunge sich umstellt. Du kannst es ganz normal atmen, ver­standen? Und los!“
Wovon sprach er da? Flüssigkeit? In ihrem Anzug? Sie spürte, wie er irgendwo an ihrer Panzerung etwas einstellte. Dann legte sich etwas Kühles um ihre Füße und stieg langsam an. Die Flüssigkeit sickerte durch ihren inneren Thermoanzug bis auf ihre Haut. Panisch krallten sich ihre Finger um etwas Langes. Nach einer Weile bemerkte sie, dass es Skys Arm war, der sie von hinten umschlungen hielt. Als das leicht rosafarbe­ne Gemisch ihr Gesicht erreichte, hielt Gibbli die Luft an und kniff ihre Augen zusammen. Weg! Sie wollte gegen die Wand vor ihr schlagen. Sie durchbrechen, einfach nur raus hier. Doch Sky hielt sie fest.
„Atme ein“, sagte er ruhig.
Gibbli dachte nicht im Traum daran! Sterne begannen vor ihr zu tanzen. Dann wagte sie es, die Augen zu öffnen. Die Flüssigkeit wirkte leicht undurchsichtig und ihre Pupillen brannten ein wenig. Gleichzeitig spürte sie einen Druck auf ih­ren Lungen, der sich mit jeder Sekunde verstärkte.
„Ich habe deine Werte hier am Schirm. Hör auf die Luft an­zuhalten“, ertönte Skys Stimme wieder dumpf durch den klei­nen Lautsprecher.
Alles in ihr schrie nach Sauerstoff! Ihr wurde langsam schwindlig. Ihre Brust begann zu schmerzen.
„Du wirst umkippen! Jetzt mach schon!“
Nein sie würde ersticken! Gleich würde sie sterben! Sie hielt es nicht länger aus! In ihrem Kopf tauchte das Gesicht von diesem Rod auf. Dem Erbauer des U-Bootes. Er würde ihr wehtun! Sie fing an, in Skys Armen zu zappeln.
„Atme, verflucht!“, rief er laut.
Gibbli würgte. Die verbrauchte Luft strömte aus ihr hinaus. Sie konnte den Atemreflex nicht länger unterdrücken. Hus­tend spürte sie, wie die kühle Flüssigkeit in ihren Körper ein­drang, begleitet von einem Schmerz, als ätzte eine Säure auf dem Weg zu ihrer Lunge alles weg. Gibbli schrie, wollte wild um sich schlagen, aber er hielt sie fest.
„Ruhig, das geht gleich vorbei. Es tut nicht lange weh. Du wirst gleich noch einen kurzen Stich im Ohr verspüren, dann ist es vorbei.“
Nach ein paar Atemzügen ließ der Schmerz nach. Schließ­lich verschwand er ganz. Allerdings konnte sie durch die Flüs­sigkeit noch immer nichts erkennen. Alles wirkte trüb und ver­schwommen. Unruhig umschloss sie seinen Arm noch fester mit ihren Fingern und tastete mit der anderen Hand in der en­gen Schleuse umher.
„Schon gut. Deine Augen werden sich gleich daran gewöh­nen. Es dauert nur einen Moment, dann kannst du wieder scharf sehen.“
So ganz konnte Gibbli nicht fassen, dass sie noch lebte. Sie fühlte jetzt das Wasser um sich herum, gleichzeitig atmete sie die kühle Flüssigkeit ein. Es fiel ihr schwerer zu atmen und Gibbli musste mehr Kraft dafür aufwenden als normal. Sie spürte Sky an ihrem Rücken. Noch immer hielt er ihren Körper umschlungen.
„Siehst du? Er ist nicht hier. Rod kann dir nichts tun. Wir sind allein“, sagte er langsam. „Du musst ruhiger werden. Dei­ne Blutgefäße verengen sich bei diesem Druck. Es ist nicht gut, wenn dein Herz so oft schlägt. Ich verdichte jetzt das Wasser in der Schleuse.“
Gibbli spürte, wie der Widerstand um sie herum weiter an­wuchs. Nach einer Weile ließ Sky sie los und legte einen Schalter an der Wand um.
„Bereit für einen kleinen Ausflug? Mach dir keine Sorgen, das ist wirklich leicht, wie fliegen.“
Was? Sie war noch nie geflogen! Nervös betrachtete Gibbli, wie die Außenwand sich unaufhaltsam öffnete. Ehe sie etwas tun konnte, griff Sky nach ihrem Arm, stieß sich ab und schob sie nach draußen ins schwarze Nichts.
 
Sie glitten immer weiter durch die Stille. Oder besser gesagt Gibbli ließ sich von ihm ziehen. Sie hatte keine Ahnung, wie man sich bewegen musste, um vorwärts zu gelangen. Irgend­wann verlor Gibbli die Orientierung und konnte nicht mehr einschätzen, wie weit sie sich bereits vom U-Boot entfernt hatten.
„Wie der erste Schritt auf einem fremden Planeten. Nicht viele können von sich behaupten diesen Anblick genossen zu haben. Siehst du das dort vorne?“, erklang Skys Stimme aus dem Lautsprecher.
Doch Gibbli, die bemüht war, das Verbindungskabel zu sei­nem Anzug nicht aus den Augen zu lassen, sah nicht einmal Sky in der Dunkelheit. Plötzlich spürte sie ihn irgendwo neben sich.
„Schalte deine Lampe ein“, sagte er.
Das kleine Gerät, das er ihr in der Schleuse in die Hand ge­drückt hatte, hatte sie völlig vergessen. Gibbli nestelte an der Lampe herum, um nach einem Schalter zu suchen, nur unter Wasser gestalteten sich die einfachsten Dinge viel schwieriger. Beinahe ließ sie das Ding fallen. Schließlich tauchten Skys Finger aus dem Nichts auf, hielten ihr Handgelenk fest und drückten einen kleinen Hebel an der Lampe zur Seite. Schein­werferlicht flammte auf und Gibbli wich keuchend vor seinem Gesicht zurück. So unvorhergesehen damit konfrontiert zu werden jagte ihr einen Schauer durch den Körper. Mit seinen schwarzen Implantaten und den Schatten, die der Helm auf sein Gesicht warf, sah er wahnsinnig gruselig aus! Schnell rich­tete sie die Lampe in eine andere Richtung. Ihre Hände kribbel­ten. Für einen Moment dachte sie gesehen zu haben, wie sich etwas Dunkles in Windeseile aus dem Lichtkegel schlängelte.
„Tiefseemenschen“, flüsterte Sky. „Wir sollten hier nicht lange bleiben. Ich messe leichte Strahlung. Muss von einer ih­rer Energiequellen stammen.“
Nach ein paar Metern erschienen vor ihnen Gebäude. Be­eindruckend ragten sie dunkel glitzernd empor. Das Licht von Gibblis Lampe brach sich an den unregelmäßigen Wänden wie an Kristallen. Zusätzlich ging von ihnen ein tiefblaues Glimmern aus.
„Das ist also Takkao. In meiner Flotte hat man sich Ge­schichten über diesen Ort erzählt. Ich hätte nie gedacht, ihn jemals selbst zu betreten. Man sagt dieser Außenbezirk ist der angebliche Stützpunkt von diesem Nox.“
„Und wie finden wir ihn?“, flüsterte Gibbli. Es war das erste Mal seit dem Ausstieg, dass sie sprach. Ihre Stimme klang seltsam dumpf in der Flüssigkeit.
„Wir schwimmen hinein und hoffen, dass sie uns nicht als Bedrohung ansehen. Ich wollte nicht ohne Grund nur zu zweit und vor Allem ohne U-Boot hier auftreten.“
Was? Er konnte doch nicht einfach so dort hinein! Ehe Gibbli etwas erwidern konnte, setzte sich Sky schon in Bewe­gung. Sie schaffte es gerade noch, sich mit einer Hand an der Seite seines Druckanzugs festzuklammern, um sich von ihm mitziehen zu lassen.
Plötzlich streifte erneut ein dunkles Wesen den Lichtstrahl. Viel zu schnell, um es genauer zu betrachten, verschwand es auch schon wieder. Instinktiv duckte sich Gibbli Richtung Sky und kniff die Augen zusammen, als zwei weitere Wesen er­schienen. Aber wie auch das erste Wesen, ignorierten sie Gibb­li und Sky vollkommen.
„Sie verwenden Biolumineszenz als Lichtquelle“, sagte er, als sie unter einem Torbogen hindurch schwammen. Sky streifte mit der Hand eine der Steinwände. „Höchst effizient.“
Misstrauisch betrachtete Gibbli seine Finger. Sie hatten et­was von dem tiefblau strahlenden Material aufgenommen.
„Das sind kleinste Lebewesen, vielleicht auch eine Art Pflanze.“
„Dieses leuchtende Zeug an den Wänden lebt?“
„Vielleicht. Ich bin kein Biologe. Man müsste es unter einem Mikroskop untersuchen.“
Sie tauchten weiter auf einen Platz, der von den tiefblau strahlenden Gebäuden umgeben war. Hier wimmelte es nur so von Tiefseemenschen. Ihre fast schwarze Haut wirkte rau und an einigen von ihnen klebten Spuren von dem biolumineszen­ten Material.
„Sieht so aus, als suchen sie etwas“, stellte Sky fest und be­trachtete interessiert die vielen Wesen. Einige gaben fremdarti­ge Laute von sich, als würden sie miteinander tu­scheln. Gut, dass Bo nur zur Hälfte ihr unheimliches Aussehen geerbt hatte, dachte Gibbli und sah sich nervös um. Keiner be­achtete die beiden.
„Sie sehen uns doch, oder?“, fragte Gibbli leise.
Im selben Augenblick schwamm eines der Wesen direkt auf sie zu und richtete einen glänzenden Gegenstand auf die beiden Taucher. Gibbli blickte sich um. Plötzlich fanden sie sich von mindestens fünf weiteren Tiefseemenschen umzin­gelt, die ebenfalls Waffen auf sie richteten. Sie spürte, wie Sky ihren Arm packte.
„Nicht bewegen.“ Das brauchte er ihr nicht erst sagen! Ihr Atem beschleunigte sich. „Wir dürfen sie nicht provozieren. Die Säure in ihren Waffen würde unsere Anzüge in wenigen Se­kunden auflösen.“
„Säure?“ Ein wirklich verlockender Gedanke! Sie würden sofort vom Druck zerquetscht werden. Das war ja viel besser als zu ertrinken...
„Ich verlor einst drei voll besetzte U-Boote durch diese Din­ger“, wisperte Sky.
Zwei der Meermenschen gaben aufgebrachte Laute von sich und wandten sich an einen dritten, größeren. Sie schienen kurz miteinander zu streiten. Wie es aussah, wies der dritte sie zurecht. Die beiden anderen wichen düster dreinblickend zu­rück, während der größere Tiefseemensch näher kam und Gibbli und Sky abschätzend betrachtete. Seine Augen lagen vertieft in den Höhlen, umgeben von einer hornartigen Struk­tur, wie bei allen Wesen seiner Art. Die Pupillen hoben sich durch ihre leuchtend orange Farbe von der dunklen Haut ab. Sein dürrer Körper täuschte allerdings nicht über die Stärke hinweg, die er ausstrahlte.
„Landmenschen! Was wollt ihr hier?“, fragte er schließlich. Die tiefe Stimme des Geschöpfs drang nur leise durch den Helm, dennoch klang sie verständlich.
„Bist du Nox?“, fragte Sky ihn direkt. Der hatte vielleicht Nerven! Sie hatte keine Ahnung, von Diplomatie, nur so funk­tionierte das bestimmt nicht, oder?
„Ich bin Elai. Was wollt ihr hier?“
„Wir suchen Nox.“
„Nox lud Landmenschen ein?“, fragte Elai verächtlich und fletschte seine spitzen Zähne. Gibbli stellte sich vor, wie er sie in ihrer Haut versenkte.
Plötzlich erfasste sie eine Gleichgültigkeit, die all ihre Angst verfliegen ließ. Wenn sie schon tauchte, dann schaffte sie das hier auch. „Wir sind seine Gäste und verlangen ihn sofort zu sprechen!“, rief sie ihm zu.
„Gibbli!“, zischte Sky.
Der Tiefseemensch wandte sich ihr zu und blickte sie an, als hätte er sie bis gerade eben gar nicht wahrgenommen. Sei­ne Pupillen flackerten kurz auf. „Nox hat jetzt keine Zeit“, krächzte er dann langsam. Während sie sprachen, versammel­ten sich immer mehr der Wesen um sie herum.
„In Ordnung, dann kommen wir später wieder“, versuchte Sky die Situation zu retten.
„Oh nein. Wenn ihr Nox' Gäste seid, dürft ihr nicht weg.“ Elai wandte sich abrupt ab, während er den anderen Tiefsee­menschen einen Befehl in einer fremden Sprache zurief.
Ohne zu zögern packten jeweils vier der Wesen Gibbli und Sky und zogen die beiden mit sich.
„Wehr dich nicht!“, befahl ihr der Kapitän leise, als Gibbli versuchte sich zu befreien und einer der Meermenschen mit seiner Waffe fast gegen ihren Helm stieß.
„Ihr Stinkfratzen!“, schrie Gibbli. „Ich hoffe, Nox hatte einen Unfall und ist jetzt damit beschäftigt seine Gedärme aus einer Schiffsschraube zu ziehen!“
„Gibbli, halt den Mund! Was ist los mit dir?“, murmelte Sky ihr eindringlich zu.
Elai machte noch einmal kehrt und schwamm knapp über ihren Köpfen vorbei.
„Nein“, drang seine Stimme leise in ihren Helm vor. „Seine kleine Braut verschwand.“ Er lachte und verschwand im schwarzen Nichts zwischen zwei tiefblauen Kristallwänden.
Schon zogen sie die Wesen weiter. Die Verbindung zwi­schen ihrem und Skys Anzug spannte sich und riss schließlich. Gibbli blickte sich panisch zu ihm um, drehte sich und hing im nächsten Moment kopfüber in den Griffen der Tiefseemen­schen. Sie erblickte Sky mit weit aufgerissenen Augen. Sein Gesicht wirkte verzerrt hinter der Sichtscheibe des Helms. Er brüllte, schrie ihr irgendetwas entgegen, doch kein Laut davon erreichte mehr ihren Anzug. Die Wesen schleppten sie durch einen Gang und sie verlor ihren Kapitän aus den Augen. Gibbli rutschte die Lampe aus den Fingern. Das Gerät fiel auf den Meeresgrund und alles wurde dunkel. Bis auf das tiefblaue Schimmern der Wände, konnte man nichts mehr erkennen.

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