Kapitel 6: Erwachen in der Tiefsee (Bis in die tiefsten Ozeane)

Schwarzes Nichts umgab sie. Ihr Körper schwebte, irgendwo. Langsam veränderte sich etwas. Punkte tauchten vor ihren Augen auf, wandelten sich zu verschwommenen, bläulich schimmernden Schemen.
Irgendetwas war um ihren Kopf befestigt und sie fühlte einen dicken Schlauch im Mund. Das Krankenhaushemd trug sie nicht mehr. Und sie schwebte wirklich mitten im Wasser. Schwebte in einem runden Raum, dessen Wände aus fluores­zierendem Material zu bestehen schienen.
Langsam erinnerte sie sich. Bo. Das war ihr Name. Immer mehr Gedanken strömten ihr durch den Kopf. Dann kam ein neuer dazu. Ein Gedanke über ihre Halbschwester Sam. Sam, die sie aus dem Krankenhaus geführt hatte. Sam, die sie zum Wasser hinunter gebracht hatte. Und Nox, ihr Bruder.
„Halbbruder“, hörte sie eine Stimme in ihrem Kopf sagen.
Er hatte sie und Sam mitgezogen, jedenfalls glaubte sie das. Fast genauso, wie sie es vorher schon einmal geträumt hatte, als sie noch im Krankenhaus gelegen hatte. Oder hatte sie es jetzt erneut geträumt? War das hier alles ein weiterer Traum?
„Nein. Du wachst“, hallte die Stimme in ihrem Kopf er­neut.
‚Nox’, wollte sie erwidern, doch der Schlauch in ihrem Mund hinderte sie daran.
„Ja.“
Wo war er? Sie wollte sich drehen, spürte aber ihren Körper noch nicht richtig. Alles fühlte sich taub an und sie schaffte es nicht.
„Ich befinde mich neben dir.“
Sie hörte seine Worte nicht mit den Ohren, sondern irgend­wo in ihr drin. Wie machte er das nur? Langsam wurden die Schemen um sie herum klarer, wenn auch nicht recht viel hel­ler. Die Wände und die Decke erglühten in einem dunklen Blau. Doch im Raum um Bo herum befand sich nichts. Nox hielt sich scheinbar irgendwo außerhalb ihres Gesichtsfeldes auf.
„Tiefseemenschen, in denen das gleiche Blut fließt, können telepathisch miteinander kommunizieren. Wusstest du das nicht?“
Nein, das wusste sie nicht. Woher auch? „Wir haben den­selben Dad“, dachte sie dann.
„hatten“, verbesserte Nox‘ Stimme sie.
„Was ist mit ihm-“
„Das angeht dich nichts. Ich darüberdenke nicht mit dir.“
Wieder versuchte sich Bo zu bewegen. Sie fühlte sich schwach, müde.
„Du bewusstlosest einige Zeit“, hörte sie erneut die Stimme ihres Halbbruders.
„Was ist passiert? Wo sind wir hier?“
„In Takkao. Ich hier herbrachte dich.“
„Warum? Wo ist Sam?“
„Du lebst. Ich rettete dich. Und jetzt hör auf zu denken, ich muss überlegen!“
Beunruhigt versuchte sie sich zu erinnern, doch es existierte nichts in ihrem Kopf, was auf ihren Verbleib hinwies.
„Wo ist sie?“, fragte Bo wieder in ihren Gedanken. „Sam! Wo ist meine Schwester?“
Nox ignorierte ihre Frage. Andere Gedanken strömten in ihren Kopf. Er dachte sie nicht bestimmt, nicht klar an sie ge­richtet. Irgendetwas von einem MA-Express und in Bo ent­stand das Bild eines Unterwasser-Zuges. Was meinte er da­mit?
„Wo ist Samantha?“, dachte sie verzweifelt. Sie erinnerte sich daran, wie Sam neben ihr auf dem Bett gesessen und sie angelacht hatte. Sam, mit der sie zusammen ihr Ocea-Buch durchforscht hatte. Sam, die zu ihr gesagt hatte ‚Mit deinem Lachen wirst du die Meere erobern.’ „WO IST SIE?“ Bo schrie die Worte in Gedanken, Nox musste es doch verstehen!
„Weg“, hörte sie seine Stimme wieder. „Du atmest jetzt für deine Schwester.“
Was? Was meinte er damit? Verwirrt versuchte sich Bo aufzurichten. Es gelang ihr ein wenig, ganz langsam. Dabei spürte sie etwas an ihrer Brust. Sie blickte neugierig an sich hinab, schaffte es ihre Hand zu heben und befühlte es. Der goldene Anhänger, den Sam vor kurzem noch um eine Kette getragen hatte, steckte in ihr drin! Er leuchtete noch immer schwach orange. Das Ding, das sich im Inneren gedreht hatte, drehte sich jetzt etwas schneller als vorher.
„Was ist das? Ist das von Sam? Warum steckt es in mir drin? Warum tut das nicht weh?“ Sie wollte es heraus ziehen.
„Finger weg! Es verheilt. Das Marahang. Elai stahl es für dich. Es musste sich auf dich einstellen, deswegen gab er es eigentlich Kassandra.“
„Wer ist Elai?“, dachte Bo.
„Mein… unser Onkel.“ Nox kam jetzt in ihr Sichtfeld. Seine orangen Augen hoben sich von der dunkelblauen Haut ab. „Du verdankst dein Leben den Wächtern.“
„Wächter?“
„Ja. Deine Lunge funktionierte nicht. Elai tauschte sie aus.“
Sams Lunge? Sie trug doch nicht etwa ihre-
„Dein Körper annahm sie nicht. Deswegen traf Elai weitere Maßnahmen. In dir befindet sich jetzt oceanische Technologie. Wir erwarteten nicht, dass es funktioniert. Aber das Mara­hang hält dich jetzt am Leben. Also lass es. Wenn du das Marahang heraus ziehst oder verlierst, stirbst du.“
Irgendetwas stimmte nicht und Bo kam nicht darauf, was es war. Sie war noch immer nicht richtig fit. „Wo ist Sam?“, fragte sie ihn wieder.
„Das dachte ich bereits. Weg.“
Er log. Bo konnte es nicht glauben. „Du bist ein Lügner!“
„Du seinsolltest noch gar nicht wach. Aufpasse einfach nur auf das Marahang. Ich werde nicht auf dich achten. Je­mand anderes muss das übernehmen. Ich bin kein Nachwuchswächter.“
„Ich brauche niemanden! Ich bin 41!“
„Eben. Ein Kind. Ich bringe dich in den MA-Express. Er fährt bis an die Oberfläche.“
„Nein! Ich will nicht zurück!“
„Du bist hier im Meer in zu großer Gefahr. Du lebst. Ich ver­sprach es.“ Für einen kurzen Augenblick sah Bo wieder Sams Gesicht in Gedanken.
„Was meinst du damit? An der Küste gibt es nichts mehr. Der Vulkan ist sicher schon ausgebrochen. Ich will hier blei­ben!“
„Das ist mir egal! Du gehörst nicht zu uns, LAND­MENSCH!“ Sein letztes Wort ertönte wahnsinnig laut in ihrem Kopf. Nox hatte seine Hand auf ihre Stirn gelegt. Wahrschein­lich wurden seine Gedanken dadurch verstärkt. Im nächsten Moment spürte Bo, wie ihr ganzer Körper wieder taub wurde. Ihre Wahrnehmung schwand und schließlich spürte sie gar nichts mehr.

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