Papier-Test des halbtransparenten Grafix Dura-Lar Matte

Erster Eindruck und ein paar Infos: Das transparente Papier wirkt sehr stabil und scheint wasserfest zu sein. Auf beiden Seiten befindet sich eine milchig weiße Beschichtung. Es ist in verschiedenen Größen, Dicken und Ausführungen je nach Material erhältlich. Das Dura-Lar Papier besteht aus Polyesterfolie und besitzt eine sehr glatte Oberfläche.

Für diesen Test verwende ich die matte Version in Stärke 005, welche hauptsächlich für trockene Medien wie Farbstifte oder Graphit geeignet ist.

 
grafix dura lar matte - papiertest von sockenzombie
 
Tipp: Dadurch, dass das Papier durchscheinend ist und beide Seiten bemalbar sind, kann man dies einsetzen, um räumliche Effekte zu unterstützen.

In meiner Beispielkarte stellte ich eine Unterwasserstation dar. Die Außenbereiche zeichnete ich auf der Rückseite und die Innenbereiche auf der Vorderseite.

 

unterwasser kakaokarte von sockenzombie - gezeichnet auf grafix dura lar matte

 
Tipp: Der durchscheinende Effekt kann hervorragend genutzt werden, um den Lichteinfall eines Motivs interessanter zu gestalten.

Für diese kleine Miniaturkunstkarte habe ich schwarzes Papier ausgeschnitten und auf die Rückseite geklebt, um einige Stellen weniger bzw. mehr lichtdurchlässiger zu gestalten. In folgendem Video könnt ihr euch das noch einmal genauer ansehen:

Für die Coloration der Karte verwendete ich verschiedene Farben und Stifte, um sie zu testen.

Farbstifte bzw. Aquarellfarbstifte: Eignen sich sehr gut für das Papier und lassen sich mit dem Finger zu einer schönen Fläche verwischen. Beim Vermalen mit Wasser zieht sich die Farbe zusammen, das sollte also eher vermieden werden, wenn man diesen Effekt nicht haben möchte. Ich konnte die Farbe mit einem nassen Lappen gut vom Papier entfernen. Ebenso funktionierte radieren ganz gut und der Oberflächenfilm wurde dadurch nicht beschädigt.

Copic Marker: Marker konnte ich nicht so leicht wieder vom Papier entfernen wie Farbstifte, es bleiben hier immer Reste zurück. Allgemein erscheinen sie heller auf dem Dura-Lar als auf anderen Oberflächen. Es entstehen ähnlich interessante Effekte wie auf dem Lanavanguard Papier mit gestochen scharf abgegrenzten Rändern. Es macht Spaß, mit ihnen darauf zu experimentieren.

Posca Marker: Ich habe keinen großen Unterschied festgestellt zu anderen Oberflächen. Mit den Teilen kann man einfach auf allem Zeichnen ...

Aquarelltubenfarben: Die Farbe zieht sich zusammen (ähnlich wie auf fettigen Flächen) und scheint leider nicht so gut zu halten. Für Aquarell ist das Dura Lar meiner Meinung nach eher weniger geeignet. Es soll aber ein ähnliches Papier für nasse Medien geben.

Alternativ könnt ihr das Papier auch mit einer Schicht Aquarellgrund überziehen. Dieser Tipp stammt von Cynea und sie hat ihn bei ihrer Kunstkarte "Kristallschmetterling" angewendet. Das folgende Motiv hat sie auf Dura-Lar Matte mit Aquarell und Dr. Ph. Martins Pen White gezaubert und wurde von ihr auf weißen Hintergrund aufgeklebt.

kakaokarte von cynea auf dura lar papier


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Kapitel 13: Mooks (Bis in die tiefsten Abgründe)

Während Gibbli aufgebracht in den Gängen der Stadt umherirrte, wurde sie immer unvorsichtiger. Sie hielt nach Djego Ausschau und hoffte gleichzeitig, ihn nicht zu finden. Verdammt, was tat sie hier eigentlich? Was würde Abyss nur über sie denken? Wie konnte sie ernsthaft in Erwägung ziehen, diese dämliche Aufgabe anzunehmen? Noch ein Problem, mit dem sie sich jetzt herum schlagen musste. Als gäbe es nicht schon genug. Außerdem verabscheute sie Berührungen jeglicher Art! Wenigstens hatte Steven nicht verlangt, dass sie Djego umarmen sollte. Das wäre ja noch schlimmer gewesen.
"Hey, hey, hey, vorsichtig!", rief er, als sie um die nächste Ecke bog und mitten in ihn hinein rannte.
Djego nahm sie an den Oberarmen und schob Gibbli ein Stück von sich weg. Oh nein! Schnell trat sie einen weiteren Schritt zurück. Irgendwie schlich dieser Kerl ständig in ihrer näheren Umgebung herum.
"Was ist los? Kann ich dir helfen?"
"Ich ... nichts ... ich meine ... ich ... ich brauche etwas ... also", stammelte sie.
"Du brauchst etwas", wiederholte Djego und fixierte sie prüfend. "Was brauchst du, Vielleichtfreundin?"
Gibbli biss sich auf die Lippen. Warum war es in seiner Nähe so schwer, erst zu denken und dann zu sprechen? "Hast du es Jack gesagt? Wird er sie abschalten?", fragte sie schnell, um ihn von sich abzulenken.
"Wird er es abschalten, du meinst die Störsender? Eine gute Frage. Ich ... weiß es nicht. Jack hält sich derzeit in der Akademie auf. Immerhin hat er neben seiner Belagerung hier ein ganzes Volk zu führen. Er kommt erst in einer Stunde zurück. Was brauchst du?"
Gibbli öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Nervös betrachtete sie seine Lippen.
Djego legte den Kopf schief und grinste. "Das war unhöflich von mir. Entschuldige. Lass mich die Frage anders formulieren. Wo befindet sich, was du brauchst?"
In der Hütte des Mönchs, war ihr erster Gedanke. Dann kam ihr eine Idee. "In Jacks Ausrüstungslager."
Djego betrachtete sie nachdenklich. Mit dieser Antwort hatte er wohl nicht gerechnet. Gibbli trat einen weiteren Schritt zurück. Sie hatte zu viel gesagt. Jetzt würde er nachfragen. Er würde wissen wollen, was sie brauchte und warum und wenn sie ihm erzählen musste, dass sie den Schutzschild kaputt gemacht hatte, würde er es Sky erzählen und Steven würde fragen, warum sie vor ihm stand und ihre Aufgabe nicht erledigte und eigentlich wünschte sie sich im Moment nichts sehnlicher, als in die Hütte des Mönchs. Dort befand sich, was sie jetzt wirklich brauchte. Dort war Abyss.
"Wenn du möchtest, kann ich dich dort hinbringen", sagte Djego.
Gibbli brauchte ein paar Sekunden, um seine Worte zu realisieren. "Du fragst mich nicht, warum ich dort hin will? Du fragst mich nicht, was ich von dort brauche? Du willst nicht wissen ... was ich ... was ..."
"Nun, normalerweise stelle ich die Fragen nicht, die Fragen werden mir gestellt. Ich finde nur Antworten. Ich biete Lösungen und Informationen."
Er bot ihr eine Lösung. Eine gute. Oder nicht? "Die Soldaten, wie sollen wir dort ungesehen hineinkommen?", fragte sie flüsternd.
"Ich bin Spion, Gibbli. Frag mich nach einem Eingang und ich treibe zehn weitere Wege auf, wie du dort hingelangst. Also was ist, sollen wir uns holen, was du brauchst?"
Gibbli zögerte. War es eine gute Idee, mit ihm mitzugehen? Konnte sie ihm trauen? "Ich weiß nicht, ich ..." Der kaputte Schutzschild musste repariert werden! "Okay."
 
Mit einem unbehaglichen Gefühl schlich Gibbli hinter ihm durch die Gänge, Stockwerk für Stockwerk, immer weiter nach unten. Sie hatte längst den Überblick verloren, wo genau sie sich befanden. Als sie von einem Hauptgang aus in einen schmaleren Weg zwischen zwei Gebäuden einbogen, blieb Djego plötzlich stehen.
"Warte. Hier kommt gleich eine größere Gruppe durch." Er blickte sich suchend um.
"Wohin jetzt?", fragte Gibbli leise.
Djego deutete auf einen Raum ein paar Meter weiter. "Geh da rein."
"Aber-"
Er kam ihr plötzlich unangenehm nah und legte eine Hand auf ihre Wange. Ihre Haut kribbelte unter seinen Fingern. "Gibbli. Vertrau mir. Ich lenke sie ab."
Vor Aufregung zitternd tat sie, was er sagte und schlich in den Raum. Dieser war klein und besaß nur den einen Eingang.
Djego drückte das Tor hinter ihr zu. "Ich bin gleich zurück!"
"Warte, man kann das nur von ..."
Die Luke verriegelte sich.
"... außen öffnen."
 
Ein paar Minuten vergingen. Die Sonnenstücke in der Luft leuchteten schwach. Es waren nur sieben Stück. Gibbli hatte sie bereits mehrmals gezählt. Sonst gab es hier kaum etwas. Zwei Maschinen verbanden eine Konstruktion und ein paar goldene Rohre führten neben weiteren nutzlosen Leitungen an der Decke entlang. Den Sinn des Raumes hatte sie nicht ergründen können. Um sich die Zeit zu vertreiben, drehte Gibbli an den Schaltern der beiden Maschinen herum. Natürlich rührte sich nichts. Wann kam er endlich zurück? Ungeduldig ging sie auf und ab. Hatte er sie reingelegt? Verdammt, er würde sie sicher Jack ausliefern! Oder? Nein, Djego war auf ihrer Seite. Gibbli legte ihre Hand auf eine der Wände, als diese rings um sie herum zu vibrieren begannen. Nach ein paar Sekunden ebbte es ab. Das Beben musste weiter entfernt stattgefunden haben. Beunruhigt betrachtete sie die Öffnung der Luke. Warum brauchte er denn so lange? Ein Geräusch ertönte und der Eingang bewegte sich. Na endlich!
Oh verdammt, das war nicht Djego! Mit aufgerissenen Augen starrte Gibbli auf die beiden Soldaten. Die Soldaten starrten zurück. So ein Mist! Bevor Gibbli reagieren konnte, ertönten zwei gewaltige Schüsse und die Männer kippten vornüber zu Boden. Sie waren tot! Rauch stieg aus den verschmorten Löchern in ihren Körpern auf. Doch hinter ihnen tauchte jemand auf, der noch viel gefährlicher aussah, als die Soldaten: Skarabäus Sky.
Seine Hände umfassten eine Waffe, viel größer als sein Handstrahler. Das Ding sah aus, als könnte es sogar Oceas Wände durchbohren. Doch Gibbli war sich sicher, dass die bis auf's äußerste angespannten Finger, die es hielten, im Moment auch Wände durchschlagen konnten.
"Du bist wahnsinnig!", fuhr er sie mit bedrohlich ruhiger Stimme an. "Sag mir sofort, was du hier unten treibst!"
Sie wich vor ihm zurück und stotterte: "W-Was treibst du hier unten?"
"Dich hier rausholen! Was hab ich dir beigebracht? Jetzt zieh deine Waffe!"
Sie beeilte sich, seinem Befehl zu folgen, bevor er auf die Idee kam, ihr dieses große Ding um die Ohren zu hauen. "Woher wusstest du, dass ich hier bin?"
"Ich habe doch keine Ahnung, was ihr alle ständig treibt! Ich versuche, den Feind im Auge zu behalten, dabei schaffe ich es nicht einmal, meine eigene Crew nicht aus den Augen zu verlieren!"
"Woher wusstest du es?"
"Ich will jetzt kein Wort mehr von dir hören! Komm mit."
Ehe sie etwas tun konnte, drehte er sich um und ging. Gibbli eilte hinterher.
"Du hast ungehöriges Glück, dass ich das hier mitbekam!", fauchte er leise. "Wenn ich nicht wieder den Soldaten hinterherspioniert hätte, um mehr über Jacks Vorhaben herauszufinden, wärst du jetzt sicher in seiner Gewalt!"
Nein, wäre sie nicht. Oder? Djego wäre zurückgekommen! Warum spionierte der Kapitän eigentlich? War das nicht Djegos Aufgabe? Traute er ihm nicht? Sky musste öfter hier unten umher schleichen. Beschämt blickte Gibbli zu Boden. Sie blieben an einer Ecke stehen, als ein paar Soldaten aus einem Gebäude rannten. Sky hob seine gigantische Waffe und schoss. Gibbli schluckte. Er tötete. Sky tötete Soldaten! Er musste verdammt wütend sein! Merkte er überhaupt, was er da tat? Was würde er mit ihr machen, wenn sie es zurück auf die Mara schafften? Gibbli hatte schon wieder Mist gebaut. Wie unvorsichtig konnte ein Mensch sein? Was, wenn Djego sie tatsächlich absichtlich eingesperrt hatte? Wie kam sie nur auf die dämliche Idee, ihm zu folgen?
"Woher hast du dieses Teil?", fragte sie zitternd.
"Ich weiß es nicht. Da ging wohl einer von Jacks Männern unvorsichtig mit seinem Besitz um." Er schoss wieder. Dann lächelte er sie düster an. Ein Lächeln, das sich nicht über seine Augen erstreckte. "Wir sollten sie besser nicht Abyss zeigen."
"Okay", flüsterte Gibbli und nickte schnell. Weil Abyss ja so viel mehr damit machen würde, als der Kapitän gerade. Aber wenn Sky so drauf war, würde sie allem zustimmen, was er sagte, selbst wenn er behaupten würde, Bananen seien gelb. Mit weichen Knien folgte sie ihm und hoffte, er würde das Ding niemals auf sie richten.
"Diese Soldaten haben nie existiert", murmelte Sky.
Es war ruhiger um sie herum geworden. Plötzlich ertönte ein weiterer Schuss. Es klang mehr wie ein schussartiges Zischen, als das tiefe Wummern aus der neuen Waffe des Kapitäns.
Sky zuckte.
Gibbli öffnete den Mund.
Sky ebenfalls. Als hätte jemand am Rad der Zeit gedreht, schwankte er quälend langsam ein Stück zur Seite.
Gibbli zog die Luft ein.
Die Waffe löste sich aus seinen Fingern.
Gibbli nahm das ohrenbetäubende Klirren nicht wahr, als sie am Boden auftraf.
Er blickte sie an.
Und sie blickte zurück. Fassungslos, während Blut durch sein weißes Hemd drang.
"Gibbli", befahl er ruhig und dann mit beinahe tonloser Stimme: "Lauf!" Seine Füße gaben nach. Er fiel. Lautlos.
In ihrer Starre erreichten die Geräusche des Aufpralls ihr Innerstes nicht. Sie starrte auf seinen leblosen Körper. Gibbli wollte schreien und bekam den Mund nicht auf. Einige Sekunden vergingen, die ihr vorkamen wie Stunden. Ihre Stiefel schienen mit dem Boden zu einer homogenen Masse verschmolzen zu sein.
"Sky", flüsterte sie ungläubig.
Dann schlug etwas gegen ihren Schädel. Dumpfer Schmerz durchzuckte Gibblis Kopf. Und alles wurde dunkel.
 
Ihr Kopf tat weh. Gibbli richtete sich vorsichtig auf, tastete an den Hinterkopf und befühlte die Beule. Langsam wurde ihr bewusst, dass sie sich in einem kleinen Raum befand. Die Schlaffläche, auf der sie eben noch gelegen hatte, war weich gepolstert. Eine dunkelgelbe Decke lag am Boden. Sie musste hinab gefallen sein, während sie bewusstlos gewesen war. Gibbli blickte sich im Zimmer um. Die Einrichtung wirkte modern und klar. Silberfarbene Regale und Schubfächer bedeckten eine der Wände. Kabelschläuche führten aus allen Richtungen zu einem Kontrollkasten mit abgedunkeltem Display. Auf der gegenüberliegenden Seite erstreckte sich ein eckiges Fenster. Kleine Quallen schlängelten sich zwischen aufsteigenden Blubberblasen hindurch, ins Licht der Tagessimulationslampen. Diese verdunkelten sich zusehends. Es musste später Abend sein. Gibbli konnte schemenhafte Gestalten im Gebäude gegenüber erkennen. Noch weiter in der Ferne ragten riesige Bauten im Wasser empor. Verbunden mit Gängen erstreckten sie sich über jeweils mehrere Stockwerke. Dazwischen gab es kleinere Gebäude und ein paar öffentliche Plätze, in denen die Gänge zusammen liefen. Mooks. Das hier war Mooks, die Hauptstadt der Landmenschen. Die größte je unter dem Meer errichtete Ansammlung von Gebäuden. Nicht direkt das Stadtzentrum, es musste sich um einen der unzähligen Außenbezirke handeln. Diese waren in sich geschlossen und besaßen jeweils einen kleinen Hafen sowie einen zentralen Kommunikationsbereich. Der Kapitän, schoss ihr durch den Kopf. Gibbli eilte zur Tür. Sie fuhr automatisch auf. Dahinter lag ein enger Wohnraum. Auch hier gab es eine Steuerkonsole für die Einrichtung. Auf einer Seite stand ein Becken, in das ein Rohr führte, gerade so dick, dass ein einzelner Can hindurch flitzen konnte. Es befand sich etwas Wasser darin, doch kein Lebewesen. Es gab einen kleinen Tisch aus silbernem Metall mit zwei glatten Hockern. Auf einem saß ein Soldat. Er blickte auf und seine rostroten Locken fielen ihm in die Stirn. Djego. Gibblis Herz schlug schneller. Vor ihm dampfte ein Teller mit gebratenem Lachs. Der Duft ließ ihr das Wasser im Mund zusammenlaufen. Doch sie durfte jetzt nicht daran denken, sie musste hier weg! Von diesem Raum aus gab es zwei Durchgänge. Einer führte vermutlich in ein Badezimmer, der andere hinaus zur Eingangsschleuse, in die Gänge der Siedlung. Gibbli rannte an ihm vorbei, in der Hoffnung die richtige Öffnung zu erwischen. Sie zog an der Luke. Doch diese war verschlossen.
"Hey, ganz ruhig." Djego sprang auf und trat an sie heran.
Gibbli fuhr herum und presste sich an die Tür. Sie tastete nach ihren Werkzeugtaschen. Doch diese waren nicht mehr an ihren Oberschenkeln befestigt.
"Deine persönlichen Gegenstände liegen dort auf dem Tisch."
"Lass mich gehen!", flüsterte sie befehlend.
Er kam näher.
Gibbli schnappte panisch nach Luft. Das war zu nah! "Lass mich raus!"
"Du möchtest raus?"
Ja, verdammt, das hatte sie doch gesagt! Seine Art, alles zu wiederholen was jemand sagte, ging ihr auf die Nerven. Er hob die Hände und wischte ihre Haare aus dem Gesicht, wie er es sonst immer mit den Locken auf seiner Stirn tat. Gibblis Haut fing bei seiner Berührung an zu Kribbeln.
"Ich möchte aber nicht, dass du raus gehst. Jetzt wo du endlich wach bist. Du hast fast einen ganzen Tag geschlafen, da hatte ich doch gar nichts von dir. Die Druckveränderung im Aufzug bekam dir wohl auch nicht so gut. Du solltest dich ausruhen."
"Ich bin nicht müde!", hauchte sie kaum hörbar.
"Du bist nicht müde? Aber du wirkst erschöpft. Die Soldaten sind hinter dir her. Ich habe dich bewusstlos vor einem Gebäude gefunden, ein Stockwerk über der Kammer, in der du warten solltest. Du warst verletzt. Du solltest dich jetzt hinsetzen und mit mir essen. Es ist frisch vom Marktplatz. Ich habe noch die letzten Lachse erwischt, bevor sie geschlossen haben."
"Ich hab keinen Hunger!" Ihr Bauch protestierte gegen diese Worte. Doch wie konnte sie jetzt etwas essen, wenn Sky möglicherweise ... Nein, er durfte nicht tot sein, er war der Kapitän! "Wo ist Sky?"
"Warum fragst du nach Kapitän Sky? In Ocea nehme ich an. Ich kann verstehen, dass du durcheinander bist." Er streckte die Hände aus und nahm sie an den Schultern. "Ich wollte dich holen und dann kam dieses Beben und du warst nicht mehr da. Ich habe mir Sorgen gemacht!"
Unsicher blickte Gibbli ihn an. Meinte er das ernst? Also hatte er sie nicht eingeschlossen, um sie Jack auszuliefern? Djego schob sie zu einem der Stühle und drückte sie nach unten. Ihre Füße gaben unter seiner Berührung nach und sie sackte auf den Hocker am Tisch.
"Ich hatte Angst, die Soldaten hätten dich erwischt."
"Sky hat mich erwischt", sagte Gibbli leise und wünschte sich, er würde nicht so nahe vor ihr stehen.
"Sky ... das ist ... gut? Hey, wir sind doch noch Vielleichtfreunde?" Fragend legte er den Kopf schief.
Sie durfte sich nicht von diesen anziehenden Augen beeinflussen lassen! "Wo ist er?", fragte sie hartnäckig.
Djego setzte sich ihr gegenüber und Gibbli atmete erleichtert aus. Seine Nähe machte sie nervös.
"Ich weiß nicht, wo dein Kapitän ist. Er war nicht da, als ich dich gefunden habe. Du hast vor diesem Gebäude gelegen. Allein."
"Aber er war da! Jack hat ihn", flüsterte Gibbli entsetzt.
"Jack soll ihn haben? Jack will dich tot sehen, warum sollte er ihn mitnehmen und dich nicht?"
"Ich ... ich weiß es doch nicht ... Wir müssen ihn suchen! Wir müssen ... lass mich raus!", schrie sie ihn an und sprang wieder auf. "Warum hast du mich überhaupt hier her gebracht? Warum nicht zur Mara?"
"Warum ich das getan habe? Vielleicht, weil ich mich dort nicht erwünscht fühle? Vielleicht, weil ihr mich nie in euer Boot rein lasst? Und vielleicht, weil ich dachte, du wärst gerne in meiner Nähe?"
"Was?"
Djego schüttelte den Kopf. "Hör zu, du ... du hast doch gesagt, du brauchst etwas. Ich frage auch nicht nach, warum du es brauchst, versprochen. Aber wenn du mir wenigstens sagen würdest, wonach genau wir suchen, dann ..."
Gibbli hörte ihm nicht mehr zu. Er lenkte nur ab. Er dachte, sie wäre gerne in seiner Nähe? Was sollte denn das bedeuten? Warum dachte er überhaupt Dinge über sie? Warum dachten Menschen immer solche komischen Sachen? Gibbli schloss die Augen. Verdammt, das war doch jetzt nicht wichtig! Sky war wichtig. Sie musste Sky finden. Sie blickte auf und direkt in Djegos Augen. Erschrocken zog sie die Luft ein. Er stand wieder vor ihr.
"Lass mich geh'n", sagte Gibbli leise.
"Es sind Verbrecher. Mörder! Dein Kapitän kann dich nicht schützen! Er war der beste Flottenführer der Elite. Aber jetzt hat er sich verändert. Er ist selbst zur Gefahr geworden!"
Gibbli dachte an die toten Soldaten. Hatte Djego recht? Sky hatte sie eiskalt erschossen. Warum? Nur weil er ihretwegen wütend war? Oder möglicherweise weil er sie beschützen wollte. Sky war ihr Kapitän. Sky hielt sie am Leben. Sky hielt sie zusammen.
Djego nahm sie an den Schultern. "Bleib hier. Bei mir. Ich verstecke dich. Jack wird dich nicht finden. Und die anderen auch nicht. Du musst nicht zurück."
Abyss würde Gibbli überall finden, egal wohin Djego Gibbli bringen würde. Und sie wollte, dass er sie fand. "Ich will zurück!", sagte sie mit fester Stimme.
"Zurück", wiederholte er ihre Worte und kam näher auf sie zu. Gibbli schluckte, als Djego ihr Kinn berührte. "Das ist schade."
Ohne ihn aus den Augen zu lassen, griff sie nach ihrer Werkzeugtasche.
"Wirklich schade", wiederholte Djego leise. Seine Hand wanderte von ihrem Gesicht hinab und strich sanft über ihren Hals.
Ihre Finger krallten sich um die Schnallen. Sie stellte sich vor, wie sie ausholte und ihm das Ding samt Inhalt über den Schädel zog. Das konnte sie tun. Oder? Dann wurde sie sich Djegos Gesicht direkt vor ihrem bewusst. Wann hatte er es geschafft, ihr unbemerkt so nahe zu kommen? Stevens Aufgabe kam ihr in den Sinn. Wäre das nicht der perfekte Moment dafür? Nein, verdammt, sie musste Sky finden!
Plötzlich hämmerte etwas gegen die Eingangstür.
Djego erschrak und wich sofort von ihr zurück. Währenddessen zog Gibbli schnell die Tasche zu sich heran. Sie überlegte es sich anders und zog Abyss' Messer aus dem Stiefel.
Erneut hämmerte es an der Tür.
Djego stand mit seinem Strahler seitlich davor. Er führte einen Finger zu seinem Mund, und bedeutete ihr, leise zu sein. Zitternd schlich sie näher und erhob die Klinge Richtung Tür, nicht sicher, ob sie ihn, damit angreifen wollte oder den, der dort draußen stand. Egal wen, sie war bereit zuzustechen!
Im nächsten Augenblick krachte es wieder.
Gibbli nickte ihm zu. Djego betätigte den Öffnungsmechanismus und die Luke glitt auf. Der Eindringling schlug den jungen Soldaten ohne zu zögern die Waffe aus den Händen und ihn gleich mit zu Boden, noch bevor er reagieren konnte. Dann wandte er sich Gibbli zu. Das Messer noch immer erhoben, starrte sie ihn an. Er hob den Arm und fuhr über die Klinge, dann über den Griff zu ihrer Hand. Gibblis Finger lockerten sich, als er sie packte.
"Ich bin froh, dass er es dir geschenkt hat. Einer, seiner guten Pläne. Zur Abwechslung einmal."
Er trug noch immer das blutverschmierte Hemd. Es war eingetrocknet. Sky wirkte angeschlagen, doch entschlossener denn je. Kurz grinste er und schloss zufrieden die Augen. Dann wurde seine Miene wieder ernst und Gibbli spürte, dass er noch immer wütend war.
Währenddessen zog sich Djego am verbogenen Metall des Eingangs hoch. "Kapitän", sagte er röchelnd. "Ich habe sie vor den Soldaten gerettet!"
Sky schubste ihn beiseite. "Geh mir aus dem Weg." Er zog Gibbli mit sich zum Tisch. Dort schob er sie auf einen der Hocker und ließ sich erschöpft auf den anderen fallen. Währenddessen griff er sich an die Seite. Ein Verband blitzte unter seinem Hemd hervor. Offensichtlich hatte ihn jemand oder er sich selbst verarztet.
Djego trat auf sie zu. "Kapitän Sky, ich bin nicht euer Feind! Ich habe sie gerettet! Ich-"
"Das war nicht deine Aufgabe!", fuhr er ihn an. "Mein Befehl an dich war klar! Richte Jack endlich aus, dass er die Störsender abschalten soll! Sofort! Und wenn du ihm erzählst, dass ich hier bin und nicht in der Stadt, bist du ein toter Mann! Bestätige das!"
"Ich ... ja." Sein Blick wanderte zu Gibbli. Dann drehte er sich um und verließ ohne ein weiteres Wort die Wohnung.
Sie war mit dem Kapitän allein. Sky hatte wieder einmal seine Macht demonstriert. Doch im Augenblick wirkte er gar nicht wie der unbesiegbare Flottenführer.
"Nur einen Moment", murmelte er mit geschlossenen Augen und atmete tief ein.
Konnte sie es wagen, ihm eine der tausend Fragen zu stellen, die ihr durch den Kopf schossen? "Ich dachte, sie hätten dich erwischt", flüsterte Gibbli.
Langsam hob er den Kopf. Seine Implantate wirkten so bedrohlich! "Das haben sie. Aber sie begingen einen Fehler. Sie vergaßen, wer ich bin."
"Wie bist du hier her gekommen?", fragte Gibbli. Eigentlich wollte sie etwas ganz anderes fragen. Wie war es ihm gelungen, sie hier zu finden? Aber die Worte kamen wieder so verdreht aus ihrem Mund, als würde ein kleines Männchen auf ihrer Zunge sitzen und diese umformen.
"Wassertaxi."
Ungläubig zog Gibbli die Stirn zusammen. Es war unwahrscheinlich, dass ihn einfach so ein Taxi mitgenommen hatte. Jeder hätte ihn doch sofort erkannt!
"Von der Akademie aus. Eine gewisse Murphy Law nahm mich mit."
"Ähm ...", mehr schaffte sie nicht zu sagen.
"Sicher nicht ihr echter Name. Aber diese tollpatschige Frau half mir. Mit freundlicher Empfehlung von Abyss. Frag nicht. Sobald er zurückkommt, wird er sich einiges von mir anhören müssen. Sonderbarerweise scheint es noch immer Leute aus dieser Untergrundszene zu geben, die ihm wohlgesonnen sind. Law betreibt ihr Geschäft nicht ganz ... legal. Sie stellt keine Fragen und befördert jeden zahlungsfähigen Gast. Ihr Taxi, sie nennt die Schrottkiste Rüdiger, fällt bereits fast auseinander. Armes Ding."
Gibbli wollte lieber nicht mehr über diese Frau erfahren. Dafür, dass Abyss ein Einzelgänger war, kannte er ziemlich viele Leute.
Der Kapitän drückte ihr grob sein EAG in die Hände. "Sag mir, was du hier drauf siehst."
"W-Was genau ist das?", fragte sie stotternd. An der Seite des Gerätes steckte ein Datenspeicher.
"Die Aufzeichnungen der geologischen Abteilung. Ich dachte mir, wenn ich schon hier bin, nutze ich die Gelegenheit und statte Plotz einen Besuch ab. Ich bin mir sicher, sie wären genauer, wenn wir auf die Messinstrumente Oceas zurückgreifen könnten, aber Jack hat die Störsender ja noch immer nicht abgeschaltet, also müssen die hier genügen." Er tippte auf eine Datei und eine verschachtelte Liste baute sich über dem Gerät auf. "Das hier sind alle registrierten Beben im gesamten Landmenschengebiet der letzten Tage. Hier die Zeitpunkte, Koordinaten und die jeweiligen Stärken. Sieh sie dir an und sag mir dann, was du davon hältst." Skys Worte klangen, als fiele es ihm schwer, ruhig zu bleiben.
Gibbli war klar, dass er versuchte, seine Wut ihr gegenüber zu unterdrücken. Schuldbewusst beugte sie sich über sein EAG. "Also ... einige der Beben sind ... anders."
"Stärker?"
Sie schüttelte den Kopf.
"Sprich schon!"
"Es ... also es ist nicht die Stärke, es ist die Art." Sie fuhr durch das Hologramm und verband die Liste mit einer intern gespeicherten Karte des EAGs, um die betroffenen Gebiete zu markieren. "Ein Teil hiervon sind normale Beben, wie wir sie kennen. Ein weitaus größerer Teil verhält sich von den Auswirkungen her völlig abnormal. Ich muss sie herausfiltern und einige Berechnungen anstellen. Das wird eine Weile dauern." Während sie sprach, zog Gibbli ihr EAG, um die Daten zu übertragen.
Sky nickte. "Tu das. Später. Wir müssen zurück nach Ocea." Er stützte sich am Tisch ab und stand auf. "Da ist lediglich eine Sache, die ich davor gerne geklärt hätte. Ich will wissen, warum du dort unten warst."
Gibbli, die ebenfalls aufgestanden war, hielt in ihrer Bewegung inne.
"Antworte!"
Sie zuckte zurück und presste die Lippen aufeinander.
Der Kapitän packte sie an den Schultern. "Warum, bei Ocea, sage es mir!"
Sie kniff schützend die Augen zusammen. Würde er sie jetzt schlagen, wie ihre Eltern es immer getan hatten? Würde er sie zusammenbrüllen, wie der Direktor, Brummer?
Sky tat nichts davon. Stattdessen ließ er sie wieder los und schüttelte betrübt den Kopf. Er wandte sich von ihr ab und fuhr sich mit einer Hand über seine Dreadlocks. Mit der anderen stützte er sich an einer Wand des Quartiers ab.
"Wirfst du mich jetzt raus?", fragte sie zitternd.
Langsam drehte er sich zu ihr um. Er sprach so deutlich und betonte jedes Wort, dass Gibbli ein Schauer über den Rücken lief. "Ich befahl dir, mir zu sagen, was du dort wolltest."
"Es tut mir leid."
Er trat auf sie zu. "Gibbli, ich habe es dir schon einmal gesagt, damit ich jemanden hinauswerfe, muss viel passieren. Abyss ist ein Mörder und Steven ist ... nun ja, Steven. Und sie sind noch immer in meiner Crew."
"Du bist auch ein Mörder", flüsterte sie.
"JA! JA VERFLUCHT! Siehst du, wozu du mich bringst, wozu ihr mich bringt!"
"Ich streng mich an, ich tu alles!"
"Hör auf damit!", fuhr er sie erschöpft an.
"Es reicht nicht, ich bin schwach, ich ..."
"Schweig", sagte er plötzlich ruhig.
Gibbli verstummt.
Er hatte sich dem Fenster zugewandt und blickte nach draußen in die Dunkelheit. Es war mittlerweile Nacht geworden. In der Ferne waren schwache Lichter anderer Gebäudeteile zu erkennen.
Langsam sprach Sky weiter, ohne sie dabei anzusehen. "Ich kann damit leben, wenn du Mist baust. Aber ich kann es nicht ausstehen, wenn du mich belügst und mir sagst, da ist nichts, wenn es doch etwas Wichtiges zu erzählen gäbe." Er wandte den Kopf und fixierte sie wieder eindringlich mit seinen schwarzen Augen. "Das sehe ich als persönlichen Angriff. Du hintergehst mich. Wenn du jemanden aus der Crew verletzt, dann verletze ich dich. Damit habe ich kein Problem. Aber wenn du mich als Kapitän nicht respektierst, wenn du meine Befehle missachtest, meine Fragen nicht wahrheitsgemäß beantwortest, dann haben wir ein Problem, Gibbli. Ich frage dich jetzt ein letztes Mal. Was hast du angestellt? Warum rennst du dort hinab zu Jacks Soldaten? Was verschweigst du mir?"
Gibbli öffnete den Mund. "Ich ..." Für einen Moment wollte sie sprechen, ihm alles erzählen, doch sie wusste gar nicht, wo sie anfangen sollte. Sie traute sich nicht zu sagen, dass das mit dem kaputten Schutzschild ihre Schuld war, aber irgendwann musste er es erfahren, oder? Und all die anderen Dinge? Sie überlegte, ihm von Stevens Spiel zu erzählen. Von dem Namen auf ihrem Rücken. Von seinen fiesen Aufgaben. Von Djego, der sie ständig ablenkte, allein wenn sie an ihn dachte und sein seltsames Verhalten, das ihr irgendwie unheimlich erschien. Ihr seltsames Verhalten, wenn sie in seiner Nähe war, korrigierte sie sich in Gedanken.
"Es ist wegen ihm", murmelte Sky und sah sich im Raum um. "Der Junge."
Sollte sie ihm von dem Druck erzählen, nicht gut genug zu sein, dass sie sich hässlich vorkam, zu dick, zu tollpatschig, zu unfähig, dass sie Angst hatte, all dem hier nicht zu genügen? Wie schlecht sie war im Laufen, im Klettern, im Kämpfen, einfach in allem, was Sky versuchte ihr beizubringen? Oder von Abyss.
"Er lernt es nie." Sky knurrte genervt auf.
Doch Gibbli nahm es gar nicht richtig wahr. Abyss, der nicht im Stande war ein U-Boot zu steuern, dachte sie und beobachtete, wie ein rauchendes Fahrzeug draußen am Fenstern vorbei schrammte. Abyss, der ihr so wahnsinnig fehlte. Den sie so sehr vermisste, selbst die Tatsache, dass er sie immer quälte mit seinen Fragen und sogar seinen Blick, der ihr sagte, er würde sie zerlegen, wenn sie ihm nicht antwortete. Gibbli schüttelte den Kopf, als ein dumpfer Knall ertönte. Nein, das würde sie nicht sagen, nicht vor dem Kapitän, das bedeutete, sie würde Schwäche zeigen! Sie konnte ihm nichts davon verraten, nicht von Abyss. Für eine Sekunde vibrierte der Boden. Abyss, dem sie alles erzählen würde, was er wissen wollte, weil er es sowieso herausfinden würde oder weil er sie so lange nerven würde, bis sie es ihm erzählte. Abyss, der sie nur einmal anzusehen brauchte, damit sie genau das tat, was auch immer er wollte, dass sie tat oder sagte. Wahrscheinlich war das rauchende Ding draußen irgendwo dagegen geprallt. Abyss, der sie hassen würde, wenn er je das mit diesem dämlichen Namen erfahren würde. Abyss, der Djego nicht ausstehen konnte und dessen Stimme sie sogar jetzt in ihrem Kopf hörte. Man, war Abyss wütend. Als würde er gegen Steven anschreien ...
Gibbli blickte auf. Sie sah nur noch den Rücken von Skys Uniform, der in den Gang draußen hinter der offenen Schleusentür einbog und um die nächste Ecke verschwand. Der Kapitän war gegangen. Was? Er konnte doch nicht ohne sie abhauen! Sie sollte aufhören zu träumen. Verdammt, jetzt war er sicher noch schlechter auf sie zu sprechen. Gibbli beeilte sich, ihm nach draußen zu folgen, doch sie kam nur bis vor die Tür, als Djego ihr entgegen hastete.
"Ich war im zentralen Kommunikationsbereich und habe mit Jack gesprochen. Er will über die Störsender nachdenken und überlegen ob ... Hey, wo willst du hin? Wo hat sich dein Kapitän versteckt?"
Gibbli antwortete nicht und spitzte stattdessen die Ohren. War da nicht gerade ...
"Was hältst du davon, du beschreibst mir, was du brauchst und ich hole es dir persönlich aus Jacks Lager. Was meinst du? Und möglicherweise, könnten wir dann ja Vielleichteinwenigmehrfreunde sein?"
"Ich ..." Sie brach ab. Da, wieder! Ihr Herz schlug schneller.
"Du?", fragte Djego vorsichtig.
"Wo ist sie? WO IST SIE?"
Gibbli riss die Augen auf. Ja!
"Beruhige dich", hörte sie Sky sagen.
Hastig rauschte Gibbli an Djego vorbei und eilte den Gang entlang. Links und rechts führten Abzweigungen zu verschiedenen Behausungen.
"WOHIN?", schrie er wieder.
"Hey, halt, du kannst doch nicht mitten im Gespräch abhauen!", rief Djego und lief ihr hinterher.
"Du solltest lieber fragen mit wem", ertönte die lachende, klare Stimme von Steven.
Sie bogen um die Ecke und Gibbli kam schlitternd zum Stehen. Da stand er, unter einer schwach leuchtenden, alten Leuchtröhre und brüllte den Kapitän an. Wie ein Riese. Mit ein paar Narben mehr als gewohnt und felsenfest. Steven stand etwas abseits an einer Wand und grinste, während Abyss' Miene so düster wirkte, wie noch nie.
"Ich habe es mir anders überlegt, führen wir dieses Gespräch später fort", sagte Djego leise hinter Gibbli.
Sie beachtete ihn gar nicht mehr und ging auf Abyss zu. Als er aufblickte, blieb sie wie versteinert stehen und starrte in seine grauen Augen. Rote Adern hoben sich bedrohlich in ihnen ab. Sein wutverzerrtes Gesicht war bis aufs Äußerste angespannt. Sein Blick glitt an ihr vorbei auf Djego.
"DU!", schrie Abyss so laut, dass Gibbli erschrak. Im nächsten Augenblick erhob er eines seiner Messer.
"Lass das!", befahl Sky und zog an seinem Arm.
Abyss versuchte, ihn abzuschütteln, und wollte auf Djego und Gibbli zustürzen. "Ich werde dich aufschlitzen und DEINE SCHEISS ORGANE - HEY!"
Während der junge Soldat kehrtmachte und flüchtete, packte der Kapitän Abyss von hinten. "Das wirst du nicht! Du hast nicht zu entscheiden, mit wem sie spricht!", knurrte Sky und versuchte mit aller Kraft zu verhindern, dass er Djego folgte.
"Idiot! Lass mich los! Ich zerfetz ihn!"
"Abyss", sagte Gibbli wimmernd.
Sky hatte Mühe, ihn festzuhalten. Doch er schaffte es trotz seiner Verletzung.
"Abyss, Abyss, Abyss!", mit wutverzerrten Falten im Gesicht funkelte er sie an. "Wie kannst du es wagen, wie kannst du mit diesem dummen Lockengesicht, du warst in seiner Wohnung, du - JETZT LASS MICH LOS, VERDAMMT!"
"Verschwinde", rief Sky ihr mit schmerzverzerrtem Gesicht zu, während er mit Abyss rang. "Nehmt den MARM!"
Unfähig sich zu bewegen, spürte Gibbli, wie Steven sie am Pullover ergriff und vorsichtig von ihnen fortzog. "Komm schon, Mädchen."
"FASS SIE NICHT AN!", brüllte Abyss. "Sie bleibt hier!"
Doch der Oceaner zog sie mit sich, während Sky Abyss in die andere Richtung schleifte.
 
Belustigt schob er sie durch den kleinen Hafen. Gibbli ließ sich nur widerwillig von Steven in den MARM schubsen. Sie lehnte mit dem Kopf an der Scheibe, während er das kleine Beiboot Richtung Meeresakademie steuerte.
"Ich bin so dumm", flüsterte Gibbli.
"Ja, das bist du, mein Schatz", sagte Steven abwesend. Kurz blickte er zu ihr auf. "Hey, keine Sorge Mädchen, Steven richtet das." Er wandte sich wieder dem Steuer zu. "Ich richte alles, oh ja. Ein wenig Kleber drauf und schon hält es wieder" Sie war viel zu aufgewühlt, um ihm zu sagen, er sollte sein Maul halten. "Du hast nur einen winzig kleinen Fehler gemacht. Aber das macht nichts."
"Nein Steven, ich bin der Fehler", murmelte Gibbli.
"Ich bin mir sicher, der Kapitän klaut aus Versehen irgendeine Tauchkapsel. Damit kommen sie schnell hinter uns her."
"Er hasst mich. Abyss hasst mich."
"Dein kleiner Mensch ist wie ein Hüpfball, verstehst du? Er hüpft und hüpft und hüpft. Und irgendwann bleibt er liegen."
Gibbli versuchte, sein Geplapper zu ignorieren, und fragte sich, wie Abyss sie eigentlich gefunden hatte. Auch Sky hatte ihr diese Frage nicht beantwortet. Woher wussten eigentlich alle, dass Djego sie zu sich in sein Quartier nach Mooks gebracht hatte? Steven konnte sie natürlich über die Kugel auf der Mara verfolgen. Plötzlich ging Gibbli ein Licht auf. Sie zog Abyss' Messer aus dem Stiefel und einen kleinen Schraubenzieher aus ihrer Werkzeugtasche. Damit löste sie vorsichtig den Griff von der Klinge. Sekunden später plumpste das Objekt zu Boden.
"Ein Ortungsbot", murmelte Gibbli leise. Das Ding war so winzig, das man es zwischen zwei Fingern verschwinden lassen konnte. Sie hob es mit einer Pinzette auf und zog ein Sonnenstück zu sich heran, um es genauer zu betrachten.
"Oh, ja. Hab gehört, wie er dem Kapitän davon erzählte. Schon vor einer halben Ewigkeit. Würde mich nicht wundern, wenn wir alle noch mehr dieser kleinen Dinger an uns haben. Dieser riesige Kerl ist ein Kontrollfreak, ja das ist er."
"Ein Kontrollfreak", wiederholte Gibbli geistesabwesend. Ihre Finger spielten mit dem Bot und rollten ihn hin und her, als wären es nicht ihre eigenen.
Sein breites Lächeln tauchte in ihrem Kopf auf. Die langen, zerzausten Haare, wenn er keine Lust hatte sie zu binden. Das blasse Gesicht, das immer wieder ihre Aufmerksamkeit auf sich zog. Der Seitenblick, den er ihr ständig zuwarf, egal womit er sich gerade beschäftigte, als gäbe es nichts Wichtigeres als sie. Ach, war doch sowieso alles egal. Sollte Abyss so viele Sonden anbringen, wie es ihm gefiel. Sie steckte das kleine Ding zurück in sein Messer.


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Kapitel 12: Unheil bringende Erfindungen (Bis in die tiefsten Abgründe)

Immer wieder kreisten Gibblis Gedanken um den kaputten Schild der Mara. Sie aß kaum noch. Mit Samantha sprach sie auch fast nicht mehr. Gibbli sah ihr an, dass sie sich Sorgen machte. Aber sie wollte Samantha da nicht mit hinein ziehen. Der jungen Frau schien es selbst nicht so gut zu gehen.
"Bist du wach?"
Während Gibbli durch die oberen Stockwerke Oceas rannte, versank sie immer weiter in Gedanken und zerbrach sich den Kopf über den Adapter. Sie konnte versuchen, ihn zu bauen. Aber das würde zu lang dauern.
"Du siehst krank aus, mein Schatz."
Es wäre möglich, sich hinunter zu schleichen und einen von den Soldaten zu stehlen. Jemand wie Sky könnte das schaffen, vorausgesetzt Jack hatte so ein Ding im Materiallager dabei. Es befand sich am Fuße der Stadt, irgendwo unter ihr.
"Unsinniges Gelaufe! Wozu soll das denn gut sein, Mädchen?"
Wenn es dort keinen gab, müsste man sich über den Aufzug in die Akademie schmuggeln und dort danach suchen. Gibbli spielte mit der Überlegung, es dem Kapitän doch zu erzählen, und verwarf diese Möglichkeit wieder. Er würde sie rauswerfen, wenn er es erfuhr, ganz sicher.
"Im Ernst, das ist so langweilig! Ich mag nicht mehr."
Aber sie selbst war viel zu langsam. Die Soldaten würden sie erwischen. Gibbli fühlte sich unfähig und tollpatschig. Dabei hätte es so einfach sein können. Sie wusste genau, sie besaß sogar selbst so einen Adapter. Er lag unerreichbar in Mooks, im Haus ihrer Eltern, in einer Kiste unter dem Werkzeugtisch.
Wieder ertönte seine klare Stimme: "Wenn ich dir sein Messer in deine Knie ramme, wirst du dann stehen bleiben?"
Erschrocken blieb Gibbli stehen und nahm ihn erst jetzt richtig wahr. "Was tust du hier? Wie hast du mich gefunden?"
Ihr fiel auf, dass er unversehrt war, anders als Abyss in der Aufzeichnung. Um seinen nackten Oberkörper trug er eine Umhängetasche aus glänzender Fischhaut.
"Das ist meine Stadt, schon vergessen? Außerdem bist du drei Mal an mir vorbeigelaufen, ohne mich zu bemerken. Träumst du wieder? Ich renne seit einer halben Stunde neben dir her und du beachtest mich nicht! Das ist nicht nett, Mädchen, nein das ist es gar nicht!"
"Ich ... tut mir leid", rutschte es ihr heraus, mit den Gedanken wieder beim Kapitän.
"Du entschuldigst dich? Du bist tatsächlich krank. Moment, bedeutet das, du hast mich vermisst? Ah, natürlich hast du. Ein gutaussehendes Wesen wie mich muss man einfach vermissen!"
"Sky ist nicht gut auf dich zu sprechen", murmelte Gibbli. Und am liebsten hätte sie umgehend mit ihrem Lötkolben auf ihn eingeschlagen. Er war Schuld an Abyss' Verletzungen!
"Oh ja. Das kann ich mir gut vorstellen", sagte Steven begeistert, dann sanken seine Mundwinkel und verwandelten sich in einen grimmigen Ausdruck. "Und er wird noch weniger gut auf mich zu sprechen sein, wenn er erfährt, was ich zu berichten habe." Jetzt lachte er wieder "Hach, all diese unterdrückte Wut, herrlich." Seine Miene änderte sich in Besorgnis. "Aber du gefällst mir trotzdem nicht, nein, wirklich nicht, hm, so schwach."
"Wo warst du?", fragte Gibbli, um von sich abzulenken. "Du verheimlichst etwas."
"Du auch", gab Steven zurück.
Gibbli stützte sich erschöpft an einer Wand ab und schwieg. Sie spürte ihn nicht. Das war gut und schlecht zugleich. Die Blockade wirkte noch immer in der Stadt.
"Komm schon, Mädchen. Lass uns zu den anderen gehen. Dieses Herumgerenne nervt. Und währenddessen erzähle mir, was los ist, abgesehen davon, dass du dürrer aussiehst."
"Ich bin dünner geworden?", fragte sie erstaunt. Also half das Laufen doch? Es war ihr noch gar nicht aufgefallen. Gibbli nahm sich vor, noch weniger zu essen.
"Du hast Energie verloren. Das ist nicht gut", sagte er, als sie sich auf den Weg zur Mara machten.
Musste er sich immer überall einmischen? "Wie seid ihr eigentlich hier hergekommen?", fragte sie, um ihn auf ein anderes Thema zu bringen. Sie hatte sich schon immer gefragt, wie es möglich war, so eine große Strecke zu bewältigen.
"Hier runter? Wir haben die Stadt erbaut. Nun, ich nicht, ich habe lediglich einige Verbesserungen vorgenommen, denn ich kam später, durch das Portal."
"Ich meinte die Oceaner von eurem Planeten zu unserem, hierher."
"Sie haben Technologien entwickelt, um den Raum zu krümmen. Die Strecke ihrer Reisen verkürzte sich dadurch erheblich. Natürlich würde das alleine nicht ausreichen. Seit wann interessiert dich das Mädchen, du willst mir doch sonst nie zuhören?"
"Jetzt interessiert es mich eben." Vor allem, wenn das andere Thema darum gehen würde, über ihren aktuellen Zustand zu sprechen. "Haben sie die Zeit auch gekrümmt?"
Steven betrachtete sie für einen Moment. Er wäre dabei fast gegen eine Wand gelaufen, dann ging er zögernd auf ihre Frage ein. "Das funktioniert so nicht. Nicht mit einem materiellen Körper. Wenn du ihn verlässt und die Zeit entlanggehst, das könnten wir, dann würden wir ihn zurücklassen und sterben. Du nimmst den Verlauf der Zeit wahr, weil du einen Körper hast."
"Das verstehe ich nicht. Also muss man die materielle Form ja doch verlassen", folgerte Gibbli.
"Das überrascht mich nicht, du bist ja auch nicht annähernd so schlau wie ich und wenn du noch dünner wirst, wirst du deinen Körper eher verlassen, als dir lieb ist, Mädchen."
Ihr Blick verdüsterte sich. "Du lenkst ab."
"Ich lenke ab von deiner Ablenkung?"
"Ich bin dumm und du nicht. Zufrieden? Erklärst du es mir jetzt?"
Steven grinste. "Na gut, Mädchen, weil du so nett bist. Eine Zeitkrümmung wäre durchaus möglich, jede Ebene kann gebeugt werden. Aber nur wenn man in ihr lebt und die entsprechenden Technologien dafür entwickelt. Und dann muss man sie verlassen, um es zu ermöglichen. Von außerhalb, du verstehst? Aber du musst in der Lage sein, zurückzukehren. Und das sind wir nicht. Es wäre für uns also sinnlos die Zeit zu krümmen, wir können sie nicht verlassen und zurückkehren, weil wir gar nicht erst in ihr drin sind. Wir nehmen nur den Rand ihrer Ebene wahr."
Gibbli verstand. Die Oceaner fanden also andere Methoden für die fehlenden zwei Zeitdimensionen. "Wie habt ihr es dann gemacht?"
"Wie dir bereits aufgefallen sein dürfte, gibt es hier Energiefelder in der Stadt, die bewirken, dass man hier nicht altert. Das funktioniert mithilfe von lebenden Willens gekoppelter Technologie, die sich in den Teil der von uns begehbaren Zeitebene einhakt, sich festkrallt. Der umgebende Fortschritt selbst wird dabei nicht berührt."
Also hatten die Oceaner diese Felder verwendet, um ihr Leben zu verlängern und um am Ende der Reise noch zu leben, wenn sie lange Strecken zurücklegten. Die beiden stiegen ein Stockwerk tiefer. Gibbli kannte Djegos Plan der Wachen auswendig. Bis zur Mara hatten sie mit einem kleinen Umweg um diese Zeit freie Bahn. Vielleicht konnte sie sich diesen Plan zunutze machen, um in Jacks Lager hinabzuschleichen. Sofort verwarf sie den Gedanken. Hier oben mochte es Lücken geben, aber dort unten waren die Soldaten rund um die Uhr unterwegs. Immer und überall. Es gab keine Möglichkeit, unentdeckt zu bleiben.
"Weißt du was, Mädchen? Ich weiß es! Oh ja", plapperte Steven munter weiter. Er klang dabei so übertrieben, als würde er von einer epischen Schlacht berichten. "Hier auf eurem Planeten gibt es Geschöpfe, die in der Lage sein könnten, unsere Grenze der Zeitebene zu überschreiten. Geschöpfe, die vielleicht sogar zum Teil hinein leben könnten. Gib den Tiefseemenschen ein paar Generationen und ihre Eigenfrequenz wird sich soweit verschieben, dass Zeit für sie begehbar wird wie für uns Raum. Die Landmensch-Tiefsee-Hybriden scheinen besonders sensibel dafür zu sein." Seine Stimme wurde trauriger. "Wäre schön gewesen, das mitzuerleben. Einer der Gründe, warum ich hier auf eurem Planeten bleiben wollte. Hach, so ein-"
"Warte", unterbrach sie ihn. "Was meinst du mit, wäre schön gewesen?"
"Nun, wir sterben."
"Das behauptest du ständig. Warum?", fragte Gibbli missmutig.
"Das ist eine der Fragen, die du nicht stellen sollst."
"Aha. Und warum nicht?"
"Im Gegenzug dafür, dass ich dir auch keine Fragen mehr stelle, die du nicht beantworten willst?"
Gibbli nickte. "Hm. Okay."
Sie überquerten die Überführung, die in den Felsen hinein zur Andockstelle führte. Von der Stadt aus war das Energiefeld des Sichtfensters getarnt, welches sich zwischen dem mit Luft gefüllten Hohlraum Oceas und dem Wasser befand.
"Ja, schweig mich tot. Darin bist du unschlagbar", sagte Steven nach einer Weile. "Willst du jetzt plötzlich nichts mehr von meinem überragenden Wissen abhaben, wo ich dich nicht mehr ausfrage?"
Gibbli ging genervt neben ihm her. Endlich neigte sich der letzte Gang dem Ende zu. Sie erreichten die Schleuse zur Mara. Der Oceaner drehte das Rad, um den Eingang hinter ihnen zu schließen. Gibbli wollte auf der anderen Seite gerade ein Signal schicken, damit jemand das Tor zum U-Boot öffnete, doch Steven hielt ihren Arm fest und schüttelte den Kopf.
"Warte, Mädchen" Er nahm seine schillernde Tasche ab. "Keine gute Idee, das dem Kapitän zu zeigen, oh nein. Er würde vor unterdrückter Wut viereckige Purzelbäume schlagen. Hm, das wäre sogar lustig. Egal. Öffne es dennoch lieber nicht vor seinem Gesicht." Steven holte aus dem fischhautartigen Material eine Box hervor und überreichte sie Gibbli.
Das Ding war schwer und nicht ganz so lang wie ein Taucherhelm. "Ist das ...?" Mit geweiteten Augen starrte sie es an.
"Die konservierte Hand eines Soldaten. Vor einer Stunde frisch abgehackt. Natürlich nur für dich, Mädchen. Bilde dir bloß nicht ein, dass ich das für dein dämliches Menschlein mache!"
Gibbli strahlte. Steven hatte die Aufgabe tatsächlich gelöst! Sie würde die Finger endlich bauen können! Natürlich erst, nachdem das Problem mit dem Schutzschild beseitigt war. Schnell steckte sie die Box in ihre Werkzeugtasche. Plötzlich hämmerte es hinter ihnen gegen die Scheibe. Dort draußen stand Djego! Er schrie, doch durch die schalldichte Schleuse drang kein Laut. Der Oceaner legte den Kopf schief und blickte ihn abschätzend an. Nervös trat Gibbli einen Schritt auf den Schleusendurchgang zu und schüttelte den Kopf. Sky wollte nicht, dass Fremde ohne sein Beisein das U-Boot betraten. Djego sagte irgendetwas und blickte sie mit diesen unglaublichen Augen an. Dann grinste er und Gibbli versank in seinem Lächeln. Warum musste er das nur immer machen? Sie spürte Stevens interessierten Blick auf sich und wollte sich umdrehen. Doch Djego hämmerte wieder gegen die Scheibe der Luke. Jetzt hob er sein EAG. "Nachricht für Kapitän", stand darauf. Gibbli konnte sich denken, worum es ging. Bei jeder sich bietender Gelegenheit überbrachte Djego die Nachricht von Jack, dass er Sky treffen und mit ihm verhandeln wollte. Doch der Kapitän hatte sich bisher geweigert, darauf einzugehen. Gibbli überlegte. Es gab mehrere Möglichkeiten, die Mara zu öffnen. Zum einen von innen. Dann mit der Karte, die Bo jetzt bei sich trug, das runde Metallstück aus dem Archiv der Akademie. Und natürlich konnte Steven jederzeit mit seinem Frequenzverschieber durch die Wände hindurchlaufen. Das bedeutete, sie müssten nicht einmal warten, bis Sky oder Samantha ihr Signal bemerkten. Gibbli zögerte, dann fuhr sie herum, als sich plötzlich die Innenschleuse der Mara hinter ihr öffnete. Aufrecht und mit festen Schritten trat der Kapitän durch die Luke aus der Mara heraus. Sofort nahm er die ganze Schleuse für sich ein. Alle wichen vor ihm zurück, sogar Steven. Samantha war ihm gefolgt, leise, fast unscheinbar. Sie wirkte etwas verschlafen.
"Folgt mir", befahl Sky mit emotionsloser Stimme. Sein missmutiger Blick streifte Djego auf der anderen Seite. "Alle."
 
"Hallo Vielleichtfreundin", raunte ihr der junge Soldat zu, als sie die Schleuse verließen.
Gibbli schwieg und sie gingen hinter dem Kapitän her, der sie weiter nach oben in die Stadt führte. Samantha schien mehr zu schwanken. Sofort war Djego zur Stelle und bot ihr einen Arm an. Gibbli ließ sich ein Stück zurück fallen und beobachtete die beiden.
"Das ist interessant", flüsterte Steven neben ihr, sodass nur Gibbli es hören konnte.
"Was?", fragte sie zurück, in Gedanken noch immer bei Djego. Sie wünschte sich fast, er würde neben ihr hergehen, statt dort vorne neben Samantha.
"Dieser Blick des Lockenkopfes und wie du ihn erwiderst, Mädchen", sagte der Oceaner leise. "Abyss wird das nicht gefallen. Nein, das wird es ganz und gar nicht. Oh, das ist lustig."
Gibbli stellte sich vor, wie sie Stevens Mund mit dem Schweißgerät versiegelte.
"Als würde sich die Geschichte wiederholen. Jeff und Rod und Mara."
Sie hatte keine Lust, ihm zuzuhören. An Rod wollte sie auf keinen Fall denken. Gibbli musste Steven beschäftigen, bevor er wieder mit unbequemen Themen anfing. "Du redest ständig von Ebenen. Was bedeutet das, was sind diese Ebenen?", fragte sie.
"Finde es heraus, Mädchen."
Konnte er nicht einmal seine dummen Spielchen lassen? "Wie?"
"Stell mir die richtigen Fragen."
Gibbli schnaubte. "Und welche?"
Kaum war dieses goldene Monster zurück, ging er ihr wieder auf die Nerven. Aber er würde antworten. Dafür war er ein zu großer Angeber, als dass er es einfach gut sein lassen konnte.
"Du könntest den hinreißenden Steven fragen, auf was der größte Teil oceanischer Technologie beruht, Mädchen."
"Das weiß ich längst. Elektromagnetische Felder. Du hast sie einmal als die Verbindungsebene bezeichnet."
"Du merkst dir tatsächlich, was ich sage? Ah, das erfüllt mich mit Freude! Elektromagnetische Wechselwirkung. Ja, die Verbindung zwischen Raum, Zeit und Gravitation. Und wie entsteht sie?"
"Strahlung."
"Aus was besteht elektromagnetische Strahlung?"
Gibbli zuckte mit den Schultern. "Photonen?"
"Möglich, wenn ihr es so bezeichnet. Manchmal kann man diese Photonen sehen, nicht wahr?"
"Photonen sind keine Teilchen."
"Nein, natürlich nicht, es ist nicht stofflich. Aber du siehst es, oh ja. Nicht nur das, du nimmst es nicht wahr, wie die anderen Menschen deiner Art das tun. Du siehst es wie ein Oca. Du siehst nicht nur ihr begrenztes Spektrum und die Anwesenheit. Du spürst die Veränderungen. Die Energie." Er spannte seine Finger an, erhob sie wie Krallen und tat so, als würde er während des Gehens etwas Unsichtbares in der Luft packen.
"Ich spüre ihre Frequenzen", murmelte Gibbli und beobachtete Djego, der Samantha vor ihnen gerade eine Rampe hoch half.
"Ja! Du kannst sie beeinflussen, weil du zum Teil ein Oca bist. Die Oca leben nicht nur in den drei Raumebenen, sondern auch in der elektromagnetischen Zwischenebene."
"Mit den Mog."
"Richtig, Mädchen. Nur dass die Mog eine Ebene weiter leben, versetzt. Ihnen fehlt eine Raumebene, dafür leben sie zusätzlich in der Ebene, die wir als Materie wahrnehmen."
Sie passierten eines der großen Kühlaggregate, die überall verteilt in der Stadt standen und unaufhörlich ihre eisige Luft verbreiteten. Steven hatte irgendwann erwähnt, dass man sie früher nicht brauchte, als sich noch mehr Bewohner in Ocea befanden. Doch mittlerweile wäre es ohne die Maschinen in dieser Tiefe unerträglich heiß.
"Was passiert, wenn man ein, du nanntest es Photonenstück, stoppt? Wenn man es anhält?"
"Es hört auf zu existieren." Gibbli verstand nicht, worauf er hinaus wollte.
"Nein. Nein, Mädchen. Du nimmst es nur nicht mehr wahr, innerhalb deines Bereichs. Fehlende Frequenz, die du nicht spürst oder mit der beschränkten Mathematik deiner Ebenen nicht beschreiben kannst, bedeutet nicht, dass sie nicht mehr existiert. Wenn du die Frequenzen mit Gedanken veränderst, um oceanische Technologie zu steuern, dann sieht es aus deiner Sicht so aus, als würden sie stoppen oder wie aus dem Nichts erschaffen werden. Doch das passiert nicht. Du nimmst oder übergibst sie lediglich an eine andere Ebene."
"In welche?" Gibbli dachte an die schleierhaften Leuchtwesen auf Oca. Sie bewegten sich im oder am Raum. "Ich nehme nicht an, die Mog leben in so etwas wie einer Fläche, obwohl ihnen eine Raumebene fehlt?"
"Ja und nein. Aber jetzt stellst du die richtigen Fragen, Mädchen. Denk an die Kraft der Gravitation." Steven hob im Gehen einen Golddraht vom Boden auf und fing an, ihn zu zerfeckeln.
"Gravitation ist keine Kraft."
"Natürlich nicht, das sind nur Worte deiner beschränkten Sprache. Ebenen, Dimensionen, Kräfte, wie immer du sie bezeichnest, es sind alles nur Vergleiche. Worauf ich hinaus möchte, es gibt keine fest begrenzten Ebenen, nur schleichende Übergänge. Die Frequenzen verändern sich nicht abgestuft. Du kannst eine Wellenlänge nicht stufenweise erhöhen, indem du einfach plus Eins rechnest."
"Weil es unendlich viele Zahlen zwischen Eins und Null gibt", murmelte Gibbli.
"Genau. Wie ein Kreis, eine Rampe, keine Treppen. Aber eigentlich ist es noch eine Ebenensicht zusätzlich. Das alles sind nur beschreibende Scheinbilder, um sie in deiner begrenzten Wahrnehmung vorstellbar zu machen. Nenne es, wie du willst. Doch Gravitation ist auch keine Ebene."
"Als was nimmst du Gravitation wahr? Ich meine, als Mog?"
Steven verzog das Gesicht, als würden ihn ihre Worte anekeln. "Ich unterliege ihr, weil ich kein Mog mehr bin. Aus menschlicher und aus der Sicht der Oca ist es die in ihrem Weltstück spürbare Auswirkung einer anderen Ebene. Und diese Ebene ist deine Antwort."
"Masse", sagte Gibbli.
"Materie." Steven warf die Stücke des Golddrahtes durch die Luft. "Materie ist eine Ebene, die wir ... ihr als stofflich wahrnehmt, ist für die Mog nichts anderes als eine weitere Ebene wie Länge oder Breite. Im Grunde lassen sich die Ebenen nicht einteilen. Sie sind eins. Wir nehmen sie nur als Stücke wahr, haben gelernt sie zu unterteilen, um die Umgebung besser beschreiben zu können."
"Darum also können die Mog alles Stoffliche ändern. Darum kannst du durch Räume gehen?"
"Da ich meine Physiologie veränderte, um mich den Oca anzugleichen, benötige ich technische Hilfsmittel, um das zu bewerkstelligen. Aber wäre ich nur ein Mog, dann ja, dann könnte ich das."
"Also sind wir selbst nichts weiter als Teile, Hindernisse einer Ebene?"
"Du kommst den Tatsachen näher. Zu unserem Glück sind wir mehr als das. Du hast dich durch dein Leben lediglich einem Teil dieser Materie bemächtigt. Doch ja, wir stellen einen Verbund dar. Und diese Ebene, dieses Weltstück, schluckt die Frequenzen, mit der Veränderung auf dem elektromagnetischen Spektrum. Um ocanische Technologie zu steuern, greifst du, greifen die Oca in ihre Ebene der Existenz ein. Es ist, als würdest du plötzlich eine Mauer erschaffen oder den Boden unter deinen Füßen verschwinden lassen. Nur eben auf ihrer Ebene. Du veränderst damit ihren Lebensraum."
Langsam begriff Gibbli, was die Oceaner mit ihrer Technologie unter den Mog anrichteten. Als Konsequenz waren die Mog nicht weniger grausam zu den Oceanern. Diese Leuchtwesen hatten ihr ganzes Volk beinahe vollkommen vernichtet. "Leben die Mog auch am Rand der Zeit?"
"Ja, Mädchen. Für sie liegen die Zeitebenen nur auf der anderen Seite ihres bekannten Lebensraums und es fällt ihnen schwerer, sie zu erfassen als uns."
"Es gibt Reihenfolgen?", fragte Gibbli, als sie die letzte Rampe hochstiegen, die zu den drei Häusern im obersten Stockwerk führte.
"Nicht direkt. Sie liegen nicht auf einer Linie, wenn du das meinst. Denk räumlich und weiter, umfassender."
Gibbli nickte. "Wie weit gehen diese Ebenen? Wie viele gibt es? Ich meine, wie weit reichen die Frequenzbereiche und was ist jenseits von ihnen, von ...?"
"... von weit weg und doch nicht örtlich gebunden und ganz nah, du verstehst es jetzt, Mädchen. Nach meiner Kenntnis gibt es kein Ende. Es gibt keinen Anfang. Unendlichkeit, in alle Richtungen."
"Woher weißt du das?" Sie hatte nicht erwartet, dass er auf diese Frage eine Antwort besaß.
"Als ich meine Frequenz von einem Mog zum Oca änderte, bekam ich Einblicke, wie nur wenige vor mir." Steven zögerte. "Ich kam während der Umwandlung mit Wesen in Kontakt, deren Daseinsform mehrere hundert Ebenen umfasst, inklusive der unseren."
Der Gedanke, dass es eine derartige Lebensform gab verursachte Gibbli eine Gänsehaut. Einige Meter vor ihnen öffnete der Kapitän die Luke zum obersten Stockwerk der Stadt.
"Frag nicht, was ich tun musste, damit sie mir den Übergang erlaubten, diese Geschichte ginge jetzt zu weit. Jede Spezies besitzt ihren Frequenzbereich, welcher verschieden definierte Ebenen umfasst, in denen sie lebt. Manche überschneiden sich, leben miteinander oder kommen sich in die Quere. Es gibt auch Lücken. Aber ein Großteil des Alls ist bewohnt."
"So viel Leben", murmelte Gibbli fasziniert. Und ihre beiden Spezies hatten das Pech, von den unendlichen Möglichkeiten des Seins, gerade diese Frequenzbereiche zu treffen, die sie auf so unterschiedliche Weiße wahrnahmen, dass sie nicht miteinander klar kamen.
 
Sie setzten sich im obersten Stockwerk auf den zentralen Platz zwischen den zwei Häusern. Einzig Sky zog es vor, zu stehen. Er wirkte weder wütend noch erfreut über Stevens Erscheinen.
Mit verschränkten Armen forderte er den Oceaner auf, sich zu erklären: "Wegen dir ist mein Plan mit den Tiefseemenschen gescheitert. Gib mir einen Grund, Abyss nicht zu rächen, außer, dass er es selbst tun wird, wenn er hier auftaucht."
Steven grinste. "Ich gebe dir einen guten, Kapitän. Einen sehr guten. Nun, nein, gut ist er nicht." Steven schloss die Augen. "Und ich gebe ihn dir auch nicht. Außerdem", Steven grinste, "habe ich ihm doch nichts getan, oder?"
"Ich bin mir sicher, du weißt, warum wir dieses Gespräch hier führen und nicht auf der Mara." Sky nickte zu dem Riss hinüber, der eines der drei Häuser am Platz unbegehbar machte. "Ich nehme an, dein Grund hat mit diesem Ding zu tun. Ich gehe jetzt dort hinein und werde herausfinden, was er zu bedeuten hat."
"Nein!" Steven sprang auf und stellte sich mit ausgestreckten Armen vor den Kapitän, um ihm den Weg abzuschneiden. "Du stirbst, wenn du das tust!"
"Dann sag mir, was hier los ist! Sofort!"
Steven zögerte. "Na gut, Kapitän." Er setzte sich auf den Boden vor den Riss. "Ich war in der Spionagebasis der Mog."
"Die Mog haben hier eine Basis?", fragte Gibbli erstaunt und beunruhigt zugleich.
"Wer sind die Mog?", fragte Djego.
Sky kniff die Augen zusammen.
"Ich war damals nicht der Einzige, der hier her kam. Aber die anderen wollten die Oca zusammen mit dieser Stadt zerstören. Ich musste sie aufhalten, oh ja, ihr versteht? Meine Mara, meine geliebte Mara, mein geliebter Jeff, wie konnte ich sie ihnen überlassen? Ich musste das tun!"
"Weiter", befahl der Kapitän, als Steven innehielt und Gibbli traurig angrinste.
Sie schluckte, blickte kurz zu Djego, der ihr gegenüber saß, um dann schnell wieder wegzusehen, als sie bemerkte, dass er sie beobachtete. Steven hüpfte auf die Beine und fing an vor dem Riss hin und her zu gehen. Gibbli fiel auf, dass mittlerweile mehr von der Wand gelöste Bruchstücke darin schwebten als noch vor ein paar Tagen.
"Es war einmal vor sehr langer Zeit, an einem wunderschönen Tag ..." Er blieb stehen. "Hach, das erinnert mich an eure Märchen."
"Kannst du nicht einfach normal erzählen, um was es geht?", fragte Samantha müde. Sie lehnte an einer Kiste neben Gibbli.
"Ihr wollt die kalte, seelenlose Geschichte hören? Nun gut. Es existiert eine Schutzvorrichtung, eine Maschine. Meine Maschine. Mein Meisterwerk. Ich mochte die Oca zu sehr, als dass ich sie vernichten konnte. Also vernichtete ich stattdessen die anderen Spione. Meine Brüder. Die Mog, die mit mir hier her kamen. Und ich baute die Maschine. Ein Mechanismus, der mein Volk daran hindern sollte, die Oca auf diesem Planeten zu zerstören. Ein Mechanismus, der bewirkte, dass die Mog sie hier ein für alle Mal zufriedenlassen mussten und nie wieder hier her kommen würden."
"Das ist doch gut, oder?", fragte Gibbli leise.
"Nein, nein nein. Nein, Mädchen. Du verstehst nicht! Ihr seid unwissend."
"Diese Beben sind deine Schuld", stellte Sky ruhig fest und betrachtete die Öffnung der Dimension hinter ihm. "Deine Maschine verursacht diese Risse."
Steven zögerte, dann nickte er seufzend. "Ja. Meine. Mein Versuch Leben zu retten, wird es vernichten." Er schüttelte langsam den Kopf. "Kapitän, es war die einzige Waffe, die gegen Mog hilft. Ich errichtete meine Maschine in ihrer ehemaligen Basis und ließ ihnen durch das Portal eine Nachricht über ihre Funktionsweise zukommen. Das, was gerade passiert, sollte nie passieren!"
"Eine Waffe soll helfen, Leben zu retten? Die Mog schätzen das Leben", sagte Sky. "Ich habe mit ihnen verhandelt. Sie ehren es."
Steven lachte. "Genau das brachte mich auf die Idee. Sie schätzen es nicht nur, sie lieben das Leben. Jedenfalls solange es ihnen nicht in die Quere kommt."
"Erkläre das", verlangte der Kapitän.
"Meine Maschine brachte die Mog dazu, keine Spione mehr hier her zu schicken. Leider zog ihr Krieg die Oca zurück in ihre Heimat, wovon ich verzweifelt versuchte, sie abzuhalten", fügte er theatralisch hinzu, "aber sie sind so stur, die Oca. Hier wären sie sicher gewesen! Meine Freunde, meine geliebten-"
"Komm zum Punkt!", knurrte Sky genervt.
Steven verstummte und stellte sich direkt vor den Kapitän. Furchtlos starrte er ihn an. "Meine Maschine scannt einen Teil dieses Planeten. Diese Stadt, Ocea, die Akademie über uns, die Hauptstadt Mooks und einige weitere Unterwasserstädte in der näheren Umgebung. Sie sucht nach lebender DNA der Oca, nach den elektromagnetischen Wellen, welche von ihnen ausgestrahlt werden. Registriert die Maschine sie, passiert gar nichts. Doch sollte ihre DNA jemals von diesem Planeten verschwinden, wird der Mechanismus ausgelöst. Die Mog verachten Zerstörung. Doch genau das macht dieser Mechanismus. Er zerstört. Die Oca hingegen werden angezogen von Gewalt, Kampf und Schmerzen. Ich liebte ihre Art, so aufregend, so neu, so ungewohnt. Darum baute ich diesen Schutz. Die Mog waren nicht mehr im Stande, die hier lebende Oca Kolonie zu vernichten. Denn damit hätten sie mit ihnen Milliarden Tiere ebenfalls ausgelöscht, das heißt auch alle Völker der Menschen. Das sollte sie für immer fernhalten. Genau das passiert jetzt. Diese Maschine wird den gesamten Planeten vernichten. Die Maschine wurde ausgelöst."
Stille breitete sich um sie herum aus. Gibbli blickte Steven fassungslos an. Sky runzelte die Stirn.
"Warum hast du sie nicht abgeschaltet?", fragte Samantha.
"Ich war dort, denkst du nicht, ich hätte es getan, wenn ich es gekonnt hätte? Die Maschine lässt sich nicht so einfach abschalten!"
"Nein", sagte Sky ruhig.
"Es gibt absolut nichts, was wir dagegen tun könnten, Kapitän. Ich sicherte das Überleben der Oca, die ich liebte. Und jetzt wird dieser Schutz euer Verderben sein. Dein Plan, die Menschen zu einen, ist hinfällig. Sinnlos."
"Das kann nicht sein", wiederholte Sky. "Du sprachst von oceanischer DNA. Und diese ist hier."
"Sie war hier", berichtigte Steven ihn. "Nachdem Mara starb, hat Jeff lange gezögert, bis er sich überwand zu gehen. Er hatte Angst, dass Coras Geist nicht ausreichen würde. Doch letztendlich verschwand er durch das Portal."
"Also reichte Cora aus", sagte der Kapitän.
"Oh nein, es war nicht Cora. Nicht sie allein. Es war das Kind von Mara und Jeff, von dem er nichts wusste." Steven wandte sich zu Gibbli um. "Es war die Anwesenheit deiner Vorfahren Mädchen, die den Mechanismus stoppten. Doch außerhalb der Stadt altert auch mein Volk. Dieses Kind ist längst gestorben. Und du bist nur zu einem Viertel Oca. Dein Vater war es zur Hälfte. Das reichte aus, mit Cora und mir zusammen. Doch Jack ließ deinen Vater hinrichten und du warst weg, wir beide gingen durch das Portal. Offensichtlich reichte das nicht mehr aus. Kein ganzer Oca mehr da. Die Maschine wurde in Gang gesetzt."
"Also hat Abyss es doch richtig verstanden. Darum ließen sie uns einfach gehen. Die Mog wussten es. Die Mog dachten, dieser Planet sei längst zerstört. Die Mog dachten, wenn wir durch das Portal gehen, landen wir im Nichts."
"Ja, Kapitän."
"Aber er wurde nicht zerstört. Und jetzt ist sie wieder da. Gibbli ist wieder da", sagte Sky nachdrücklich.
"Ja, umgeben von ... was auch immer alle elektromagnetischen Strahlen hier blockiert. Die Maschine dringt nicht mehr durch. Sie registriert weder mich noch mein Mädchen, wobei auch ich nicht als ganzer Oca zähle. Und Cora ist abgeschaltet. Ich ... ihr Geist ... ihre Seele vielleicht für immer verloren", flüsterte der Oceaner. Eine Träne rann über seine goldenen Wangen. "Meine kleine Cora. Meine Cora ..."
Djego schien plötzlich unruhig zu werden.
"Aber es passiert nicht sofort", stellte Sky fest. "Deine Maschine löst nur einzelne Beben aus. Warum?"
Steven schüttelte den Kopf. "Ich denke, zum Teil, eben weil sie hier nicht durchdringt. Die Maschine zögert es selbst hinaus, vielleicht hat sie doch irgendwo Reste aufgeschnappt oder drang für einen Moment durch, ich brauche Zeit für Berechnungen, ich ..."
"Was hast du?", fragte Gibbli an Djego gewandt und alle Blicke wandten sich ihm zu.
"Störsender." Er hob den Kopf. "Jack hat Störsender entwickelt, die oceanische Technologie unterbinden sollten. Darum funktioniert hier nichts. Ich ... ich hätte es früher erwähnt, aber ich wusste nicht, dass es wichtig ist." Djego zuckte mit den Schultern.
"Er muss sie abschalten", befahl Sky. "Sofort!"
Der junge Soldat sprang auf, als wäre er froh, von ihnen wegzudürfen. "Ich richte es ihm aus. Aber Kapitän, wenn ihr endlich miteinander reden würdet-"
"Nein."
"Ich verstehe das nicht, warum? Er will verhandeln! Er-"
"Das will er nicht. Das ist lediglich ein Vorwand. Jack will diskutieren des Diskutierens Willen, aber eine Verhandlung kommt für ihn niemals in Frage. Er will etwas anderes, was er nur über meine Leiche bekommen wird. Geh jetzt!"
 
"Krank", sagte Samantha, als er gegangen war. "Glaubst du, es hilft?"
Gibbli blickte ihm gedankenverloren nach und zuckte mit den Schultern. Sie hatte keine Ahnung. Vor allem war nicht einmal klar, ob Jack die Störsender auch wirklich abschalten würde. Sie beobachtete Steven, der er leise auf Sky einsprach. Dieser Oceaner war ein verdammtes Genie. Dass er Wissen über diese Art von Mechanismus besaß, war klar. Doch daraus so etwas faszinierendes zu bauen, das hätte sie ihm nicht zugetraut.
"Sam, begleite Steven zurück auf die Mara", befahl Sky plötzlich.
Gibbli stand auf, doch der Kapitän bedeutete ihr zu warten. "Steven bringt Cora auf die Mara. Er versucht, sie wieder in Gang zu bekommen. Vielleicht funktioniert es dort. Das U-Boot scheint gegen Jacks Störsender abgeschirmt zu sein."
War abgeschirmt, dachte Gibbli düster.
Sky blickte Samantha nach, die Steven zum Haus folgte, wo er Cora mühelos hochhob. "Ist dir etwas an ihr aufgefallen?"
"An Sam?", fragte Gibbli.
"Ja. Sie scheint krank zu sein. Sam ist fast durchgehend müde. Das einzige was sie noch macht, ist essen und schlafen. Ich sprach sie mehrmals darauf an, aber sie will mir nichts erzählen. Sag mir, was du darüber weißt."
"Nichts."
Er nickte. "Okay. Es geht mich auch nichts an." Sky trat näher an sie heran. "Und bei dir? Ist alles okay, Gibbli?"
Verwirrt blickte sie zum Kapitän auf. Das war eine seltsame Frage aus seinem Mund.
"Du isst wenig. Und das geht mich sehr wohl etwas an. Steven hat mich eben darauf angesprochen. Natürlich drückte er es wie immer etwas übertrieben aus. Er meinte, du siehst, wie nenne ich es ... schwach aus. Jetzt, wo er es sagte, er hat recht. Ich habe nicht bemerkt, wie du dich langsam veränderst, weil ich durchgehend hier war."
Gibbli zuckte mit den Schultern. Jetzt fing er auch noch damit an. Jetzt, wo sie endlich dünner wurde, jetzt wo sie möglicherweise vielleicht sogar irgendwann einmal auch nur annähernd zu einer ansehbaren Form kommen konnte.
"Erzähl mir, was los ist."
"Nichts", sagte Gibbli schnell.
"Ich mag dieses Wort nicht, Gibbli."
"Es ist ... nichts."
Sky stieß laut die Luft aus. "Übertreibe es nicht mit dem Laufen." Er wandte sich von ihr ab und folgte Steven und Samantha nach unten.
Erleichtert atmete Gibbli auf. Wenigstens ließ er sie in Ruhe. Sie war sich sicher, dass Abyss nicht so leicht nachgegeben hätte, er hätte alles aus ihr herausgequetscht. Darüber, warum sie so viel trainierte, so wenig aß, einfach alles, was sie dachte und ihre Gedanken verstopfte. Und über den Schutzschild, dass es ihre Schuld war. Dass sie zu nichts nutze war und alles falsch machte. Gibbli lockerte ihre Fäuste, als sie bemerkte, wie ihre Fingernägel in ihre Haut stachen.
 
Die Plattform Oceas schien weitaus besser für den Bau der Maschinenhand geeignet zu sein, als die Mara. Gibbli hatte alle Teile zum ausgeschalteten Portal hochgeschleppt. Ein paar Funken würden hier nichts kurzschließen können. Wie auch, es lief ja nichts mehr. Außerdem konnte sie hier oben konzentriert an den Fingern schrauben und die Nervenfasern der abgetrennten Hand einarbeiten, ohne dass der Kapitän bemerkte, was sie tat. Es fehlten nur noch ein paar Golddrähte und die gab es hier tatsächlich an jeder Ecke. Gibbli befand sich gerade im 28. Stockwerk, drei Etagen unter der Plattform. Dort hatte sie einen Raum mit vielen Bauteilen entdeckt, die gut zu gebrauchen waren. Gibbli steckte einige davon ein und trat hinaus in den Gang. Der Eingang gegenüber erregte ihre Aufmerksamkeit. Ein Torbogen leuchtete auf, als sie hindurch schritt. Warum reagierte er? Unheimliches Rauschen durchdrang den Raum. Er war rund angelegt mit einem Durchmesser von etwa fünf Metern. Langsam trat Gibbli direkt in die Mitte. Irgendwie fühlte es sich komisch an, hier zu stehen. Ein machtvolles Kribbeln ergriff von ihr Besitz. Über ihr blitzten goldene Lämpchen auf. Das war seltsam, bekamen sie plötzlich Energie? Fast hätte sie aufgeschrien, als ein durchdringendes Dröhnen ihr durch Mark und Beine fuhr. Das Geräusch ähnelte einem tiefen Donnerschlag, wie sie es auf dem Planeten der Mog erlebt hatte. Nur etwas kürzer. Unter ihren Stiefeln begann sich etwas zu bewegen. Es klang wie aufeinander reibendes Metall, das sich alle zwei bis drei Sekunden wiederholte. Gibbli wischte ein paar Sonnenstücke beiseite und ging auf die Knie. Zwischen dem Bodengitter hindurch konnte sie ein riesiges Rad erkennen, welches den gesamten Raum ausfüllte. Es hatte angefangen, sich zu drehen! Täuschte sie sich, oder begann die Luft um sie herum dichter zu werden? Das ungute Gefühl, plötzlich im Inneren eines gigantischen Motors zu stehen, breitete sich in ihr aus. Gibbli spürte, wie ihr Körper ein paar Zentimeter vom Boden abhob. Der Sauerstoff wandelte sich! In Wasser! Sie würde gleich ersticken! Gibbli hielt die Luft an.
 
In rasendem Tempo zog sich das Wasser durch ihre Kiemen. Sie war allein. Das runde Amulett an ihrer Brust drehte sich. Es leuchtete orange auf und heilte die Wunden durch ihre eigene Kraft. Bo bemühte sich, die Schmerzen an ihren Beinen zu ignorieren. Die Kratzer der spitzen Krallen, denen sie gerade entkommen war, zogen sich quer über die bläulichen Schuppen ihrer Haut. Erschöpft schlängelte sie sich am Rand der vielen Felserhebungen entlang. In diesen Steinen befanden sich einige Behausungen der Hochseemenschen. Hätte sie auf Nox hören sollen? Ihm folgen sollen? Nein, sie führte Skys Befehl aus! Der Kapitän hatte Vorrang. Sie musste zurück und es noch einmal versuchen. Das Marahang drehte sich schneller und die Wunden begannen zu heilen. Um ihren Halbbruder konnte sie sich später kümmern.
 
Gibbli schlug die Augen auf. Verdammt, so etwas war ihr eine ganze Weile nicht mehr passiert, das letzte Mal in der Meeresgondel. Sie hatte die Kontrolle verloren und war wieder dem Marahang gefolgt, Maras DNA, in Bo's Körper. Moment, was war das? Nein! Sie befand sich ja noch immer im Wasser! Ihre Finger wanden sich um ihren Hals. Das waren ihre eigenen Finger, nicht die von Bo! Gibbli würgte und die Luft entwich ihren Lungen. Panisch strampelte sie mit den Beinen. Kurz verschwamm die Sicht vor ihren Augen. Die Umgebung war vollkommen ausgefüllt mit Wasser. Dann erblickte sie die Gestalt. Dort, ganz oben in der kuppelförmigen Decke des Raumes trieb er dahin. Oh nein! Nein, nein, nein, nein! Mit aufgerissenen Augen schwamm sie auf ihn zu. Doch Gibbli kam kein Stück vorwärts. Sie musste ihn erreichen! Mit aller Kraft wollte sie sich vom Boden abstoßen, doch ihre Füße berührten ihn nicht mehr. Es war, als hielte irgendetwas sie auf der Stelle fest. Langsam wurde ihr schwindlig. Verzweifelt versuchte sie, den Drang einzuatmen abzuwehren. Wenn sie das tat, würde sich ihre Lunge mit füllen! Das durfte nicht passieren! Nicht bevor sie ihn erreichte! Gibbli spürte, wie ihr die Kontrolle über das Bewusstsein immer mehr entglitt. Alles vor ihr verdunkelte sich. Das Wasser um sie herum verlor jegliche Bedeutung. Er starb! Er war tot! Sie wollte ertrinken.
Sie fiel mit Knien und Ellbogen voran auf den Gitterboden. Der Schmerz des Aufpralls jagte durch ihren Körper. Hustend spürte Gibbli die eiskalten Finger an ihren Schultern. Langsam hob sie den Kopf und starrte in sein goldenes Gesicht. Er hatte seine Macht wieder erlangt. Seine Kälte schoss durch jede Zelle ihres Körpers und ihr Blut schien zu gefrieren.
Völlig erschöpft starrte Gibbli Steven an. "Wo bin ich?"
Er richtete sie auf, sodass sie auf ihren Knien zum Sitzen kam. "Eine nette Vorrichtung, nicht wahr? Du bist noch immer in Ocea. Das hier ist ein Gedankenraum. Eine meiner genialsten Erfindungen."
Gibbli rang nach Luft und frischer Sauerstoff strömte durch ihre schmerzende Lunge. "Wo ... ist das Wasser? Habe ich es mir ... eingebildet?"
"Wasser also. Interessant", drang seine helle Stimme durch den runden Raum. "Nein, für dich war das durchaus echt. Das hier sind keine Hologramme, Mädchen. Es passiert in den Gedanken deiner Realität. Ein Stück Mog-Technologie, vermischt mit der Physik der Oca. Erstaunlich, was sie zusammen bewirken hätten können. Ich habe an ihm mit gebaut, durch mein Wissen konnte dieser Trainingsraum erst entstehen. Nach außen hin ist er komplett abgeschirmt, damit sie ungestört sind. Keine Beeinflussung, du verstehst? Oh ja, die Oca liebten ihn, auch wenn viele von ihnen diesen Raum nicht überlebten. Sie mussten von vorne beginnen. Hey, Fall mir nicht um, Mädchen."
Gibbli war nach vorne geschwankt. Noch immer außer Atem blickte sie zur Decke hinauf. Der leblose Körper war verschwunden. Ebenso wie das Wasser. Völlig am Ende bemühte sie sich, zu beruhigen. Steven war ihr egal. Sie wollte hier nur noch raus. Als sie sich hochdrücken wollte, schoss ein fürchterliches Stechen durch ihre Beine. Ihre aufgeschlagenen Knie wollten sie nicht mehr tragen.
Der Oceaner hielt sie fest und plapperte munter weiter. "Das Wasser um dich herum war nicht echt. Jedenfalls für andere. Alles hier drin ist echt und ist es nicht. Dieser Raum formt es in deinem Kopf. Beeinflusste Materie über den Geist, eine geniale Idee, findest du nicht? Nur für dich war es echt. Wir sollten uns öfter hier treffen, meinst du nicht auch? Ja, das sollten wir. Spürst du sie, die Kälte? Spürst du mich?"
"Steven?", fragte Gibbli mit hoher Stimme. Sich von ihm helfen zu lassen war gerade das letzte, was sie tun wollte, aber ihr blieb nichts anderes übrig. Sie zitterte noch immer am ganzen Körper und seine Kälte machte es nicht besser.
"Ja, mein Schatz?"
"Bring mich hier raus. Bitte." Gibbli schloss die Augen und versuchte, die Bilder in ihrem Kopf zu verdrängen.
Irgendwann spürte sie, wie er sie hochhob und nach draußen trug.
Es dauerte eine Weile, bis sie wieder klar sehen konnte. Steven sprang um sie herum im obersten Stockwerk Oceas und sammelte ein paar Dinge vom Boden auf. Gibbli lehnte an einer Maschine am zentralen Platz zwischen den drei Häusern. Sie spürte seine Kälte nicht mehr. In ihren Gedanken brannte sich fest ein rotes Kreuz auf den Erinnerungen an diesen schrecklichen Gedankenraum ein. Dieser Ort gehörte verboten. Gibbli würde nie wieder dort hinein gehen!
"Was passiert mit mir?" Sie verstand es nicht. Was stellte dieser riesige, blasse Kerl nur mit ihr an? "Ich zerreiße", hörte sie sich leise murmeln.
"Du solltest mehr Energie zu dir nehmen. Nicht, dass ich etwas dagegen hätte, dich herum zu tragen, ich bin der stärkste, oh ja." Steven wandte sich von ihr ab. In seinen Armen trug er mittlerweile einen großen Haufen Schrott. Gibbli fragte gar nicht erst, was er damit vor hatte.
"Ich breche auseinander." Es fühlte sich an, als hätte Abyss eine dieser Festluftbomben in sie hineingestopft und explodieren lassen. Sie hatte keine Angst mehr. Wenn Sky sie jetzt hinaus schicken würde ins Wasser, sie hätte nichts dagegen zu ertrinken, damit dieses Gefühl endlich aufhörte. Gibbli wollte nur noch rennen, doch wusste nicht wohin. "Ich kann mich nirgendwo mehr festhalten. Ich falle."
"In einen blassen Abgrund", flüsterte der Oceaner nach einer Weile und warf den Schrott in seinen Armen auf einen größeren Haufen direkt vor dem Riss.
"Ja. Nein. Nein." Sie wollte fallen, in diesen Abgrund. Aber sie fiel nicht. Niemand schubste sie und einfach hinein springen, das traute sie sich nicht. Es ging auch gar nicht. Er war nicht da.
"Ja, nein nein? Du hattest keine Angst vor dem Wasser, nicht wahr, Mädchen? Nein, das hattest du nicht." Er nahm ein langes Rohr von dem Haufen und warf es in den Riss hinein.
Sie blickte auf, antwortete ihm jedoch nicht.
"Dieser Raum existiert, um zu lernen, mit Dingen zurechtzukommen. Er lässt die größte Angst eines Wesens Realität werden."
Wieder warf er ein paar Dinge hinein. Gibbli starrte geradeaus, an ihm vorbei auf das flimmernde Nichts, wo sich ihre Beschaffenheit zusehends veränderte.
"Du hast ihn gesehen", flüsterte Steven und drehte sich zu ihr um.
Sie blickte zu Boden. "Ich konnte nichts tun", sagte Gibbli leise und sie spürte, wie ihr die Kontrolle erneut entglitt. "Er ist ... er trieb im Wasser und hat die Augen nicht mehr geöffnet. Ich konnte ihn nicht erreichen, ihm nicht helfen. Sie waren zu. Das Wasser hielt mich davon ab, ich bekam keine Luft mehr. Sein Mund stand offen und ich konnte ihn nicht erreichen! Steven, er hat sie nicht mehr aufgemacht! Seine Haut war weiß. Ich konnte seine Augen nicht mehr sehen. Seine grauen Augen. Er ist ... ertrunken." Verzweifelt biss sie die Zähne aufeinander.
Steven starrte sie emotionslos an. "Schön zu wissen, wie man dich zum Reden bringt, Mädchen. Du weißt, dass er das nicht war. Das war der Raum, die gespielte Realität nach deinen Gedanken." Er hielt kurz inne, dann fügte er hinzu: "Deine größte Angst."
Langsam dämmerte es ihr, dass Abyss lebte. Er war nicht hier. Er war in Sicherheit, in der Unterkunft des Mönchs. Sie wünschte sich so sehr, er würde endlich zurückkehren. Ohne seine zuversichtlichen Worte erschien ihr jedes Problem gleich drei Mal so groß.
"Das ist so schrecklich!", jaulte Steven plötzlich los. "Das bedeutet, ich bin nicht deine größte Angst. Das macht mich traurig, Mädchen!" Er stieß ein langgezogenes Heulen aus. Dann seufzte er scheinbar gespielt, nahm einen großen Topf und befüllte ihn mit verschiedensten Dingen. "Willst du etwas noch traurigeres hören? Sie ist weg. Cora ist gegangen."
"Wohin?", fragte Gibbli, während Steven den Topf samt den Teilen darin in den Riss warf.
"Woher soll ich das wissen, Mädchen? Wohin auch immer man geht, wenn man dieses Stück Welt verlässt. Ihre Maschine läuft wieder, die Verbindung funktioniert auf der Mara. Aber die KI ist leer."
Gibbli verzog bedauernd das Gesicht. Sie hatte nichts anderes erwartet. Wer würde schon freiwillig tagelang in einem Körper bleiben, ohne Aussicht darauf, je wieder zu funktionieren? Natürlich hatte Cora ihn verlassen. Jeder hätte das. Es beruhigte sie, dass auf der Mara wenigstens der Teil des Schildes noch funktionierte, der Jacks Störsender davon abhielt, die Oca Technologie zu unterdrücken. Nur der Gravitationszeitschild war von ihrer Beschädigung betroffen.
"Du und ich", flüsterte Steven betrübt. "Wir sind die letzten." Wieder warf er ein Stück in den Riss. "Und keiner von uns ist ein reiner Oca. Es ist fraglich, ob die Maschine uns zusammen anerkennen wird, sobald Jack die Störsender abschaltet."
"Es muss doch einen Weg geben, die Maschine umzuprogrammieren."
"Ein Mechaniker hätte wahrscheinlich etwas eingebaut, um sie abzuschalten. Aber ich bin kein Mechaniker. Ich bin ein, wie nennt ihr das noch mal, theoretischer Physiker. Ich tat, was ich kann. Es funktionierte. Das reichte. Es gibt keine Möglichkeit."
"Ich will sie sehen."
"Sky wird nicht erlauben, dass wir gehen. Er denkt noch immer, er könnte die Stadt retten. Er setzt darauf, dass der Mechanismus uns erkennt, sobald Jack die Störsender abschaltet. Vielleicht glaubt er mir auch gar nicht. Warum glaubt mir nur keiner? Ich bin doch ein Genie!" Steven nahm einen ganzen Haufen und ließ ihn in dem Riss verschwinden.
Gibbli glaubte, ein paar Schüsseln und Besteck zwischen den Schrottteilen zu erkennen. "Was bei Ocea treibst du da eigentlich?", fragte sie ihn jetzt doch.
"Hä?" Er drehte sich zu ihr um, eine der Decken in der Hand, die Djego ihnen einst gebracht hatte und blickte sie an, als würde sie von einem anderen Planeten kommen. "Was ist? Na, irgendwohin müssen wir unseren Müll doch entsorgen." Jetzt warf er das Stück Stoff hinein.
"Die hätten wir noch brauchen können!", rief sie empört, obwohl es auf der Mara sicher genug Decken gab.
"Ach, der kleine Menschenjunge bringt dir bestimmt eine neue, wenn du ihn nett darum bittest."
Ungläubig schüttelte sie den Kopf, während er seelenruhig mit seiner Tätigkeit fortfuhr.
"Idiot", flüsterte Gibbli.
Er erinnerte sie ungewollt ein wenig an Abyss. Sie schwieg und sah ihm eine Weile zu. Ihre Gedanken wanderten zu Abyss' Hand, oben auf der Plattform. Sie dachte an die Drähte, die aus den nachgebauten Fingern heraushingen und darauf warteten, mit seinen Nervenenden verbunden zu werden. Sie musste unbedingt hierbleiben, bis er zurückkehrte. Wie kam sie überhaupt auf die Idee, mit dem Oceaner zu seiner Maschine gehen zu wollen? Es war verdammt noch mal Steven! Ohne seine Kraft vergaß sie immer wieder die Gefahr, die von ihm ausging. Doch dieser Vorfall im Gedankenraum hatte ihr seine Macht wieder in Erinnerung gebracht. Plötzlich realisierte sie, dass er direkt vor ihr stand. Sofort sprang Gibbli auf und trat einen Schritt von ihm weg.
"Wir müssen abwarten was passiert, wenn Jack diese Sender abschaltet", sagte Steven. "Aber keine Sorge Mädchen, uns wird nicht langweilig, nein. Ich habe die perfekte Idee, um uns die Zeit zu vertreiben. Der Moment für deine nächste Aufgabe ist gekommen."
Gibbli legte wütend die Stirn in Falten. Abyss war noch immer nicht zurückgekehrt. Sie hatte den Schutzschild der Mara zerstört. Hinter ihnen zog sich der Gravitationszeitriss durch den Raum, in dem Steven so hingebungsvoll ihre Sachen entsorgt hatte. "Der Planet wird angeblich vernichtet, wegen deiner dämlichen Maschine und du willst noch immer dieses dumme Spiel spielen?"
"Sie ist nicht dämlich, das weißt du. Und das Spiel ist nicht dumm. Du magst es, gib es zu. Es macht dich mutiger. Es macht dich risikofreudiger."
"Einen Dreck tut es, ich hasse es!"
"Küss ihn."
"Was?" Verwirrt schüttelte Gibbli den Kopf.
"Du hast richtig gehört, Mädchen, das ist meine neue Aufgabe an dich. Küss ihn. So etwas tut ihr Menschen doch?"
"Ich soll ...", begann sie, "ich soll Abyss ..."
"Wäh!", rief Steven und riss schockiert die Augen auf. Gibbli war sich sicher, dass er wieder übertrieb. "Doch nicht dieses eklige Individuum. Wie kannst du nur an ihn denken? Ich meinte natürlich Djego."
Gibbli schnappte nach Luft "Was? Nein! Ich will ihn nicht küssen!"
Steven lachte. "Abyss wäre erfreut das zu hören. Und ich auch. Denn dann hast du deine Aufgabe nicht bestanden und du erhältst eine Strafe."
"Das ist gemein! Du bist ein Idiot."
"Das sagtest du bereits und nein. Ich bin ein Oca."
"Du wärst gerne einer."
Er fletschte die Zähne "Wie nett du heute wieder bist, mein Schatz! Reibe es mir noch unter die Nase. Also, was ist jetzt, Mädchen?"
Ungläubig starrte sie ihn an. Ihr Kopf schien wie leer gefegt. Sie konnte doch nicht ... nicht Djego ... nicht ... Seine türkisfarbenen Augen kamen ihr in den Sinn und die Art, wie er lässig die rostroten Locken von seiner Stirn strich.
"Okay. Gut, ich mache es", sagte Gibbli entschlossen.
Überrascht verzog er das Gesicht. "Dein Ernst?"
"Immer noch besser als dir einen Gefallen zu schulden."
"Du meinst Strafe, einen Gefallen gibt es nur, wenn du es versuchst und scheiterst. Strafen gibt es, wenn du die Aufgabe ablehnst."
"Ach, lass mich doch in Ruhe damit!", grummelte sie, drehte sich um und eilte zur Rampe. Bloß weg von Steven, bevor seinem kranken Hirn noch etwas Schlimmeres einfiel, um sich die Zeit zu vertreiben. Na warte, mit der nächsten Aufgabe würde sie sich an ihm rächen!


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Kakaokarten Tutorial/WIPs – Miniaturlandschaft zeichnen

kakaokarte - sockenzombie - miniatur landschaft zeichnen - tutorial

Originalgröße: 6,4cm x 8,9cm
Kartennummer: 440

"Papa, sind wir bald da?"
"Gleich, laut Navi sind wir ganz nah. Wo ist der Plan, Schatz?"
"Hier Papa! Woa, dort oben ist es! Eine fliegende Insel!"
"Scheiße, das stand nicht in der Ausschreibung!"
"Hält dort oben auch der Schulbus oder muss ich morgens dann immer runter springen?"

Nachfolgend zeige ich euch, wie das Bild entstanden ist und gebe euch ein paar Tipps, die ihr auch für eure Miniaturzeichnungen verwenden könnt.

miniaturlandschaft zeichnen - tutorial - kakaokarte - sockenzombie

Zuerst färbe ich den Hintergrund mit ein paar ersten Strukturen ein, welche bereits den ungefähren Verlauf der Landschaft andeuten sollten. Das geht am schnellsten mit Aquarellfarben.

Tipp: Nutzt kleine Änderungen der Farbtöne, um die Perspektive zu unterstützen.

Ich mache das hier zum Beispiel, indem ich in die unteren/vorderen Grüntöne des Bildes mehr Gelb hinein mische und in die hinteren/oberen eher ein bläulicheres Grün verwende.

miniaturlandschaft zeichnen - tutorial - kakaokarte - sockenzombie

Jetzt hauchen wir dem Motiv etwas Leben ein. Eine einfache Landschaft wirkt etwas trostlos. Es fehlen noch viele Pflanzen

Tipp: Anzeichen von menschlicher Zivilisation machen eure Zeichnung interessant, denn daraus ergeben sich erst die Geschichten.

Ich hab hier zunächst die Strukturen und Elemente etwas angedeutet und erste Linien für die Straße eingezeichnet.

miniaturlandschaft zeichnen - tutorial - kakaokarte - sockenzombie

Tipp: Legt frühzeitig fest, aus welcher Richtung das Licht kommt, um die Schatten einzelner Elemente setzen zu können.

In meinem Fall zeichne ich hier rechts/oben die helleren Bereiche ein und den sich daraus ergebenden Schatten mit den dunkleren Bereichen links/unten. An den Dächern der Gebäude könnt ihr das später gut erkennen.

miniaturlandschaft zeichnen - tutorial - kakaokarte - sockenzombie

Um die Details weiter auszuarbeiten verwende ich bei dieser Karte deckende Marker (Posca Marker). Damit kann man immer mehr einzeichnen und das Bild so langsam aufbauen.

Tipp: Denkt ans Wetter, das schafft viel Atmosphäre. Ich habe mich hier für einen sonnigen Tag mit nur wenig Wolken am Himmel entschieden. Aber hinten, vor den Bergen zieht bereits etwas Nebel auf.

miniaturlandschaft zeichnen - tutorial - kakaokarte - sockenzombie

Ich füge immer mehr Details hinzu und arbeite auch die Strukturen des Grases, der Straße und des Himmels weiter aus. Dazu gibt es ein paar Blumen, verschiedene Baumarten und ein paar Häuser sowie eine angedeutete Stadt hinter einem der Hügel. Ganz hinten deute ich ein paar Wälder und Wiesen an.

Tipp: Mit etwas Abwechslung wirkt euer Bild lebendiger. Seht euch echte Fotos von Landschaften an oder geht raus in die Natur, um verschiedene Arten von Bäumen und Pflanzen zu studieren.

miniaturlandschaft zeichnen - tutorial - kakaokarte - sockenzombie

Trotz den reisenden Menschen neben dem Auto da am Straßenrand fehlte mir noch das gewisse Etwas an dem Motiv. Darum entschied ich mich, noch eine fliegende Insel mit einem winzigen Häuschen miteinzubauen, auf der sich außerdem das Palmenmotiv aus dem Vordergrund noch einmal wiederholt.

Tipp: Ein gutes Bild braucht eine Geschichte. Überlegt euch vor oder während dem Zeichnen, was an eurem Ort alles passieren könnte. Welche Abenteuer könnte man dort erleben und wer ist dort alles unterwegs? Was geschah dort schon alles? Denk dabei vor allem an Dinge, die Spuren in der Landschaft hinterlassen haben könnten.

kakaokarte - sockenzombie - miniatur landschaft zeichnen - tutorial


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Miniaturkunst + Minigeschichte – Artist Trading Card

sockenzombie die gondel sternenhimmel kakaokarte artist trading card


Entführung

Alles ist dunkel.
Ein monotones Surren dringt in deine Ohren.
Du liegst auf einer schmalen Bank.
Was ist passiert?

Langsam öffnest du die Augen.
Da ist jemand!
Dein Atem setzt für eine Sekunde aus.
Er starrt dich an.
Die Welt um dich herum dreht sich.
Er starrt dich an.
Nein, sie fährt an dir vorbei.
Er starrt dich an.
Oder fährst du an ihr vorbei?
Er starrt dich an.
Das orange Licht ... dieser gefährlich nahe Stern dort draußen ... Das hier ist nicht dein Planet.
Er starrt dich an.
Und du sitzt in dieser fremdartigen Gondel. Mit ihm.

Und er starrt dich an.

...

Originalgröße: 6,4cm x 8,9cm
Art: Miniaturbild (Kakaokarte/Artist Trading Card)
Kartennummer: 439


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Kapitel 11: Gefährliche Waffen (Bis in die tiefsten Abgründe)

Nachdem Sky die Rampe hinabgestiegen war, stand Gibbli neben Djego und wünschte, sie hätte den Kopf geschüttelt und wäre mit dem Kapitän mitgegangen. Unsicher beobachtete sie den jungen Soldaten.
"Wo geht der Kapitän hin?", fragte er neugierig. "Und was ist die Mara?"
Gibbli schwieg. Dachte er wirklich, sie würde ihm das verraten? Verdammt, wenn er sie so anblickte und noch einmal fragen würde, täte sie das vielleicht sogar.
"Du traust mir nicht", sagte er nach einer Weile und setzte ein Lächeln auf.
Selbst wenn, hätte sie kein Wort hervorgebracht. Sie schluckte.
Er griff in eine Tasche an der Seite seines Beines und zog seine leere Hand wieder hervor. "Dein Kapitän offensichtlich auch nicht. Ich wollte sie ablegen. Zur Sicherheit, du verstehst?"
Gibbli antwortete ihm nicht. Sky hatte es irgendwie geschafft, ihm seinen Strahler abzunehmen, bevor er gegangen war. Der Kapitän besaß ein besonderes Talent dafür, ausgerechnet immer Waffen zu stehlen.
"Also gut, Training", sagte Djego. "Zeig mir, was du kannst Gibbli. Greif mich an."
Nervös stand sie da. Sie sollte ihn einfach angreifen? Wie konnte sie in so ein Gesicht schlagen oder es auch nur versuchen? Treffen würde sie ja sowieso nicht, aber etwas in ihr weigerte sich, es zu tun. Er trat einen Schritt auf sie zu und Gibbli wich vor ihm zurück. Warum musste sie sich nur so dumm anstellen? Mit Sky war es leicht, ihn kannte sie. Djego war ein Fremder. Zugegeben, ein sehr gut aussehender Fremder. Unvermittelt sprang er auf sie zu und packte sie an der Schulter. Hastig riss sie sich los und wollte weglaufen. Er erwischte sie von hinten und legte einen Arm um ihren Hals, den anderen um ihren Bauch.
"Fass mich nicht an!", schrie Gibbli und versuchte, ihn von sich loszumachen.
"Dafür ist es bereits zu spät."
Sie wand sich und schlug wild um sich, doch sein Griff wurde nur enger. Die Stellen an ihrem Hals, die er mit der Haut seines Unterarmes berührte, kribbelten. Sie krallte sich mit beiden Händen an ihm fest, um ihn wegzudrücken. Wenn er noch stärker zudrückte, würde er ihr die Luft abschnüren! Der Arm um ihren Bauch wanderte langsam tiefer. Nein! Das durfte er nicht!
"Weg!", brüllte sie panisch.
"Denkst du, ein Angreifer wird darauf hören? Du musst dir schon etwas Effizienteres ausdenken", sagte er und sog die Luft über ihr ein, als würde er an ihren Haaren riechen. Seine Hand wanderte weiter nach unten und verschwand zwischen ihren Beinen.
Sie wimmerte. "Nicht!"
"Du fehlst mir, Gibbli. Was meint er damit?"
An Abyss' Messer kam sie nicht ran. Es steckte, Skys Worte unbeachtet, noch immer in ihrem Stiefel. Das Werkzeug, kam es ihr in den Sinn. Sie tastete mit einer Hand an ihren Oberschenkel zur Tasche und ergriff den ersten Gegenstand, der ihr zwischen die Finger kam. Hastig schwang sie ihn nach oben. Und traf. Djego keuchte, lockerte seinen Griff und stolperte nach hinten. Sofort fuhr Gibbli herum und trat ein paar Schritte zurück. Blut tropfte aus einer Platzwunde zwischen seinen Haaren und rann durch die rostroten Locken vor seinem linken Ohr hinab.
"Das ... war gut. Unerwartet", murmelte er und fasste sich an die Stirn.
Zitternd nahm Gibbli wahr, dass es sich bei dem Gerät in ihren Fingern um den Lötkolben handelte. Ausgerechnet den musste sie erwischen! Ein Werkzeug, das sie mittlerweile verabscheute. Dennoch, sie hatte ihn getroffen! Verblüfft über ihren Erfolg betrachtete sie seine Finger, mit denen er das Blut weggewischt hatte. Im nächsten Moment fixierte er sie wieder und sprang nach vorne. Djego riss sie mit sich. Der Lötkolben rutschte aus ihrer Hand und sie prallten beide am Boden auf. Gibbli mit dem Rücken voran und Djego auf sie. Mit aller Kraft wollte sie ihn wegdrücken. Doch es gelang ihr nicht. Er saß auf ihr und hielt sie unten.
"Ich hätte wirklich gerne eine Antwort auf meine Frage, Gibbli."
Er war älter. Trainiert. Und ein Mann. Er war ein Elitesoldat. Und er presste ihre Hände über dem Kopf gegen das harte Metall. Sie würde an kein Werkzeug mehr herankommen.
"Geh weg", flüsterte sie.
Warum hatte er nur diese verdammten, türkisblauen Augen, die jetzt ein paar Zentimeter über ihr auf sie herab funkelten? Gibbli schluckte, als seine Nasenspitze immer näher auf sie zukam. Viel zu nah! Sie streckte sich und versuchte, sich wegzudrehen. Es war zwecklos. Plötzlich traf ihn etwas von der Seite. Benommen kippte Djego weg.
"Runter von ihr!", rief Sky, packte ihn noch während er fiel grob an den Schultern und warf ihn auf den Boden, wo er bewegungslos liegen blieb. "Bist du verletzt?" Er half ihr hoch.
Gibbli schüttelte den Kopf. "Nein, ich ... ich hab ihn getroffen!", rief sie aufgeregt. "Hast du das gesehen? Er blutet!"
Der Kapitän nickte. Für einen Augenblick zogen sich seine Mundwinkel nach oben. Einen Moment lang dachte Gibbli, Sky wäre endlich einmal zufrieden mit ihr, doch er sagte nichts.
Djego richtete sich neben ihnen auf und stützte sich mit den Händen am Boden ab. "Kapitän Sky! Bitte, das war ein Missverständnis!", sagte er röchelnd.
Sky zog wortlos Djegos Strahler aus seiner Uniformjacke und warf ihm die Waffe zu. Kurz verzog er seine Augenbrauen zusammen. "Zur Sicherheit, du verstehst."
"Verzeiht, ich wollte nicht ... ich dachte ... ich hatte nicht vor, ihr etwas zu tun."
Der Kapitän wollte gerade etwas erwidern, als ein lautes Donnergrollen um sie herum einsetzte. "Nicht gut", knurrte er und blickte kurz nach oben.
Gibblis Miene änderte sich schlagartig. "Ist das ...?"
Über ihnen erstreckte sich massiver Fels. Sie befanden sich mitten auf der Plattform. Sie würden es nicht bis zu einem Unterschlupf schaffen.
Bevor Gibbli etwas tun konnte, packte Sky sie, drückte sie an sich und schob sie Richtung Boden. Sie zog ihre Knie dicht an den Körper. Dann setzte schon das Beben ein. Fest an seine Uniform gepresst kniete Sky über ihr und zog den Kopf ein. Er verzog das Gesicht, als er von einem abgesplitterten Stück Fels getroffen wurde. Kleinere Brocken rieselten von der Decke herab. Einer verfehlte Djego knapp. Staub wirbelte auf. Einige der Sonnenstücke bewegten sich leicht in der Luft. Dann stoppten die ruckelnden Bewegungen so schnell, wie sie gekommen waren.
"Dieses Beben war stärker", sagte Djego außer Atem und setzte sich auf.
"Erkläre mir das", verlangte Sky, als sie wieder standen. Er rieb sich die Seite, schien jedoch nicht stark verletzt zu sein. "Stärker als was?"
Gibbli blickte beunruhigt über die Plattform. Gesteinsbrocken und ein paar getroffene Sonnenstücke lagen um sie verteilt. Einen weiteren Riss konnte sie nirgends entdecken.
"Als das zuvor", sagte Djego "Vor drei Tagen. Und das vor einer Woche. Sie werden mit jedem Mal stärker. Jack hat bereits Untersuchungen eingeleitet und Ilias Plotz von den Kursen abgezogen. Er leitet die Geologengruppen. Sie kommen kaum noch mit den Messungen nach. Bisher blieben ihre Berechnungen aber ohne Ergebnisse. Niemand kann sich erklären, woher das kommt und warum. Es sollte nicht sein!"
Beunruhigt betrachtete Gibbli die Felswände. "Da war kein Beben."
"Ich versichere euch, da waren welche, mehrere, wir verlieren ständig Leute deswegen!", widersprach Djego.
"Möglicherweise haben wir es nicht bemerkt", murmelte Sky. "Die Mara muss eine Schutzvorrichtung dagegen besitzen."
"Kapitän, darf ich gehen? Ich bin da unten für ein paar Soldaten verantwortlich und sollte nachsehen, ob es ihnen gut geht."
Sky nickte düster. "Verschwinde."
Gibbli blickte ihm nach. Trotz des Bebens fühlte sie sich erleichtert, als Djego zum Rand der Plattform rannte. Er benutzte nicht die Rampe nach unten, stattdessen kletterte er die goldenen Wände hinab und verschwand hinter einem Vorsprung.
"Das ist meine Schuld", sagte Sky mit zusammen gekniffenen Augen. "Ich dachte, ich kenne ihn. Ich hätte nicht erwartet, dass er das macht."
Gibbli hob ihren Lötkolben auf und betrachtete das Werkzeug nachdenklich. "Aber ich hab ihn getroffen. War das ... schlecht?"
"Nein. Aber du hättest trotzdem gegen ihn verloren. Und es hätte gar nicht erst soweit kommen dürfen." Er legt eine Hand auf ihre Schulter und blickte sie so durchdringend an, dass sie versucht war zurückzuweichen. "So etwas darf er nicht tun, auch nicht im Training. Verstehst du das, Gibbli?"
Sie presste beschämt die Lippen aufeinander. Natürlich hatte Sky Recht. Aber was konnte sie denn dafür, was Djego tat?
"Ich sorge dafür, dass du nicht mehr ohne mein Beisein auf ihn treffen wirst. Du wirst die Mara nicht mehr verlassen."
Gibbli hob entrüstet den Kopf. "Was?"
"Wir alle werden die Mara nur noch verlassen, wenn es nötig ist. Ich verstehe jetzt, was Steven meinte. Sie ist er einzig sichere Ort. Er muss sie so konstruiert haben, dass diese ... wie nannte er sie ... Zeitgravitationserschütterungen, nicht hindurch dringen. Wir müssen überlegen, wie wir weiter vorgehen. Ohne die Tiefseemenschen brauchen wir einen neuen Plan. Diese Nachricht von Abyss wirft alles um."
Der Kapitän hatte tatsächlich vor, die Mara in ein Gefängnis zu verwandeln! Gibbli wollte ihm gar nicht mehr zuhören. Doch als Abyss' Name zur Sprache kam, horchte sie auf. Im nächsten Moment bereute sie es.
"Wir beenden das Training. Ich muss einen Weg finden, diesen Oceaner zu erreichen, wo immer er auch steckt. Ich bin mir sicher, er weiß mehr über diese Risse, als er uns verraten will. Das nächste Mal, wenn er mir unter die Augen kommt, wird er reden, das versichere ich dir."
Sky bedeutete ihr, ihm zu folgen. Seine Schritte hallten schon über die Plattform, doch Gibbli blieb auf der Stelle stehen. Das konnte er nicht machen! Erwartete der Kapitän ernsthaft, dass sie da mitspielte? Und die anderen erst. Wenn Steven und Abyss zurückkamen, würden sich die beiden gewiss nicht von ihm einsperren lassen.
Als er merkte, dass sie ihm nicht hinterherging, drehte er sich um und kam wieder näher. "Diese Beben sind gefährlich. Und wie es aussieht, ist es Djego vielleicht leider auch. Du bist doch sonst so sicherheitsbesessen, was hat sich geändert?"
Dieses dumme Spiel! Das hatte sich geändert. Dieses dämliche Spiel von Steven. "Zeig mir, wie man schießt. Jetzt", sagte Gibbli kalt.
"Jetzt?"
"Ja! Jetzt!" Sky öffnete den Mund, um etwas zu sagen. Doch Gibbli kam ihm zuvor. "Du hast gesagt, du bringst es mir bei! Ich hab alles mitgemacht, ich hab alles getan, was du verlangt hast und jetzt, wo ich das erste Mal jemanden getroffen habe, willst du das Training einfach so beenden? Das ist nicht fair!"
Für einen Moment harrte er bewegungslos aus, dann sagte er knapp: "Okay."
Sie riss überrascht die Augen auf. "Wirklich?"
"Es widerspricht allem, was einem auf der Akademie beigebracht wird. Andererseits, in den vielen Tagen, die wir jetzt trainieren, bist du nicht ein einziges Mal darauf gekommen, etwas anderes einzusetzen, als dich selbst. Du hast es nicht gewagt, mich mit einer Waffe anzugreifen. Deinem Werkzeug, ... irgendetwas. Das ist wenigstens ein kleiner Fortschritt."
"Du sagtest, wir trainieren ohne Waffen. Ich sei noch nicht bereit dafür."
"Richtig, solange du dachtest, wir trainieren ohne Waffen, warst du das auch nicht."
"Warte, heißt das, ich hätte dir einfach nur den Strahler abnehmen müssen und ..."
"Ja. Ich bin mir sicher, früher oder später hättest du es getan. Ich hoffte, dass du irgendwann die Geduld verlierst. Ich wollte, dass du selbst darauf kommst. Es hätte sich festgebrannt, mehr als wenn ich dir alles vorkaue. Ich trainiere dich nicht für einen Wettkampf. Du sollst dich verteidigen können, mit allem, was du hast. Ein Kampf im wirklichen Leben kennt keine Regeln. Dein Gegner wird nicht vermeiden, dir ins Gesicht zu schlagen oder unfaire Mittel anwenden, nur weil irgendein Gesetz das verbietet. Versteh das nicht falsch. Ich denke, du bist jetzt bereit dafür, schießen zu lernen. Doch um eine Schusswaffe bei dir zu tragen, wäre es zu früh. Aber das mit Djego ändert die Situation. Wir werden jetzt ..."
Gibbli nickte und hörte ihm nicht mehr zu. Djego hatte ihr das hervorragend vorgeführt. Ob es das war? Eine Vorführung? Eine Show? Hatte er nicht gesagt, es sei ein Missverständnis? Wollte er sie vielleicht nur provozieren, damit sie sich wehrte?
"Hey! Deine Gedanken sind wieder irgendwo, aber nicht hier!"
Gibbli fuhr sich mit den Händen über das Gesicht. "Ich ... ich bin hier", flüsterte sie.
"Das, was wir gleich machen werden, lässt man einen Schüler nicht in den ersten Jahren tun. Eigentlich lässt man es ihn nie tun, bis er damit irgendwann konfrontiert wird. Ein Fehler, wenn du mich fragst. Aber wir sind ja auch nicht auf der Akademie und hier bin ich dein Lehrer. Also wirst du das jetzt lernen. Du musst. Und da es vorerst unser letztes Training ist, sollten wir es möglichst effizient gestalten."
 
Die beiden schlichen an Räumen vorbei und zwischen Gebäuden die goldenen Gänge entlang. Gibbli fiel auf, dass überall Schrottteile herum lagen. Durch das Beben hatten sich offensichtlich einige Maschinen zerlegt. Goldstücke lagen verstreut auf den Wegen und in einigen Wänden hatten sich dünne Risse gebildet. Rohre, die an den Decken der Stockwerke über ihnen verliefen, waren gebrochen. Aus manchen trat heißer Dampf aus. Gibbli war sich sicher, dass es nicht klug sein konnte, sich so weit hinunter zu wagen und ihre Neugierde, was der Kapitän vor hatte, verwandelte sich langsam in Unbehagen. Bisher waren ihnen keine Soldaten begegnet. Im achten Stockwerk blieb Sky vor einer Ecke stehen. Er packte sie und zog sie in einen Seitengang zwischen zwei Häusern. Auf der anderen Seite der Ecke befand sich ein Hauptweg. Sie zogen sich zurück in die Schatten runder Säulen. Der Kapitän berührte mit einem Finger seine Lippen. Da drangen auch schon Stimmen durch die Luft.
Nervös blickte Gibbli auf die Waffe in ihrer Hand. Judy Bless' Name stand darauf. Scheinbar hatte Sky im selben Zug das Ding gestohlen, als er ihr den Strahler von Dixland ausgehändigt hatte. Das Gerät fühlte sich schwer an und gefährlich. Ehrfürchtig fuhr sie über die eingravierte Sonne. Das Zeichen der Flotte, das Zeichen der Regierung, das nur Elitesoldaten tragen durften. Es prangte auf den Uniformen, all den Besitztümern, allen Ausrüstungsgegenständen und allen U-Booten der Flotte. Gibbli hatte noch nie die echte Sonne gesehen. Manchmal drangen die wärmenden Strahlen ganz schwach durch die oberen Schichten des Ozeans.
"Schieße sie nieder", flüsterte Sky kalt und riss Gibbli aus ihren Gedanken.
Mit geweiteten Augen stieß sie einen überraschten Laut aus, als der Kapitän sie einfach in den Gang hinein schubste. Die beiden Soldaten wirbelten herum. Einer öffnete verdutzt den Mund. Der andere fuhr mit der Hand an eine umgehängte Tasche seines Oberschenkels. Gleich würde er seine Waffe zu fassen bekommen! Gibbli hob beide Arme. Zitternd lag der Strahler in ihren Fingern. Doch die beiden Soldaten waren schneller. Bevor Gibbli etwas tun konnte, zischten zwei Schüsse an ihr vorbei. Die Männer schrien. Dann fielen sie um. Sky hatte selbst geschossen.
"Mitkommen", knurrte der Kapitän, packte sie am Unterarm und zog sie mit sich, auf die leblosen Gestalten zu.
Gibbli wimmerte auf. Das ging ihr alles zu schnell! Knapp einen Meter vor den beiden Soldaten ließ er sie wieder los. Sky nahm ihnen die Waffen ab, während Gibbli hinter ihm stehen blieb.
"Warum?", flüsterte sie.
"Das war dein Wunsch, schon vergessen? Wie weit hast du gedacht, als du das von mir verlangtest?" Er trat auf Gibbli zu und stellte sich neben sie. "Schießen zu können, ohne jemanden erschießen zu können ist vollkommen sinnlos. Ich bringe dir bei, wie man überlebt. Ich zeige dir, was sie auf der Akademie versäumen. Das, was du im echten Leben brauchst. Denn in der Realität wirst du auf echte Menschen schießen, nicht auf irgendwelche Attrappen! Wenn du hier plötzlich zögerst, nur weil dein Ziel lebendig ist, bist du es bald nicht mehr. Behalte die beiden im Auge, sie werden gleich wieder aufstehen."
"Nein!", entfuhr es Gibbli. "Die sollen liegen bleiben!"
"Ich lasse dich kein unschuldiges Wesen umbringen", knurrte er scharf.
"Dann lass uns gehen, bevor sie-"
"Nein", sagte Sky bestimmt. "Wir gehen, wenn du es begriffen hast. Hier", er deutete auf einen Schalter an ihrer Waffe. "Du musst es hier umstellen. So betäubst du deine Gegner nur. Erhöhst du die Stärke", er schob den Schalter ein Stückchen weiter, "wird die Wirkung durchdringender. Je weiter du schiebst, desto mehr Energie löst sich und desto härter triffst du. Tödlich wird der Strahler erst, sobald der Schalter ganz links steht. Und das auch nur, wenn du deinen Gegner an der richtigen Stelle triffst. Mach dich bereit."
"Was?"
Sky seufzte. Er packte ihre Hand, in der sie die Waffe hielt, umschloss ihre Fingern mit den seinen, richtete den Strahler auf die Soldaten und drückte ab. Einmal, zweimal. Dann ließ er sie los. Gibblis Finger zitterten. Sie hatte es tatsächlich getan! Ihre Gedanken erstarrten.
"Ich hab sie erschossen!", murmelte sie, ohne diese Worte wirklich zu realisieren.
"Auf sie geschossen. Und ich tat es", berichtigte der Kapitän. "Das nächste Mal wirst du abdrücken. Wir wiederholen das hier so lange, bis du das schaffst. Und glaub mir, für die beiden ist das alles andere als angenehm."
"Warum machst du das?"
Der Kapitän kniete sich neben sie. "Sieh mich an." Er nahm ihr Gesicht und drehte es zu sich. Unbehaglich blickte Gibbli in die schwarzen Augenimplantate. "Weil ich nicht mit Bestimmtheit weiß, ob ich immer dabei sein werde, wenn du Djego oder sonst irgendeinem Soldaten begegnest. Gibbli, das ist wichtig. Ich kann nicht sicher sagen, ob das dort oben von ihm gespielt war oder nicht. Wir werden zwangsläufig weiter mit ihm zu tun haben. Egal ob er auf unserer Seite steht oder nicht, wenn der Fall eintreten sollte, dass du ihm noch einmal alleine begegnest, will ich, dass du auf ihn schießt. Das ist ein Befehl. Du wirst nicht abwarten, du wirst nicht zögern, du wirst ihn nicht auf dich zugehen lassen, er wird gar nicht erst so nahe kommen, dass er auch nur ein Haar von dir berühren könnte, denn du wirst auf ihn schießen. Hast du das verstanden?"
Gibbli wollte den Kopf schütteln. Djego hatte ihr geholfen, er hatte gesagt, dass er nicht vorhatte sie zu verletzen und das hatte er auch nicht getan, oder? Dank ihm hatte sie zum ersten Mal jemanden getroffen!
"Antworte!" Ein Nein als Antwort würde Sky bestimmt nicht zulassen.
"Ja." Sie sah ihm an, dass er ihr nicht glaubte.
Doch er nickte leicht. "Zeig mir, dass das keine Lüge war. Dreh dich um und schieße."
Gibbli wandte sich den Soldaten zu. Die beiden begannen sich gerade wieder zu regen. Sie hob den Strahler mit wackeligen Händen. Dann zwang sie sich zur Ruhe und drückte ab. Zwei Mal.
Demonstrativ erhob Gibbli die Waffe und drehte den Schalter auf ganz links. Entschlossen blickte sie Sky an. "Gehen wir jetzt, bitte? Denn wenn du mich noch einmal dazu zwingst, werde ich sie nicht mehr betäuben."
"Manchmal vergesse ich, dass du auch ein Oceaner bist." Sky stützte sich an der goldenen Wand ab und stand auf. "Weg hier."
Gibbli steckte den Strahler in ihre Werkzeugtasche und folgte ihm.
 
Sky hatte ihnen tatsächlich verboten, die Mara ohne ihn zu verlassen! Den Rest des Tages durchsuchte Gibbli genervt die Mara nach passenden Gegenstände, um mit dem Bau von Abyss' Hand zu beginnen. Oder eher einer Maschine, um später die Finger zu testen und sie mithilfe von elektrischen Impulsen bewegen zu können. Denn ohne Nervenzellen, die Steven für sie auftreiben sollte, würde sie nicht weit kommen. Von dem Oceaner fehlte noch immer jede Spur. Der Kapitän schickte einen Can los und versuchte, ihn mit verschiedenen Signalen oceanischer Technologie der Mara zu erreichen. Bisher vergeblich. Was Gibbli am meisten nervte, war, dass er sie kaum noch aus den Augen ließ. Am nächsten Tag versuchte sie, die Mara zu verlassen, um vor dem Mittagessen eine Runde durch die Stadt zu laufen, wie sie es mittlerweile gewohnt war. Das U-Boot erschien ihr dafür viel zu klein. Doch Sky erwischte Gibbli und schickte sie zurück in den Maschinenraum. Missmutig bemühte sie sich, eine Leitung so zu manipulieren, dass sie Botenstoffe eines organischen Körpers auffangen konnte und diese in eine Art Strom umwandelte. Wenn ihr dieser Mechanismus gelang, wäre es möglich mithilfe der Nervenzellen einen Übergang zu den Metallfingern zu schaffen. Gibbli fühlte sich unruhig. Immer wieder kreisten ihre Gedanken um etwas, was sie nicht richtig erfassen konnte. Sie musste sich bewegen, irgendetwas tun. Sie hatte überlegt, sich mit ihrem neuen Strahler zu beschäftigen. Er faszinierte sie, gleichzeitig flößte er ihr Respekt ein. Gibbli hatte ihn mehrmals hervorgeholt, um ihn dann wieder in ihrer Tasche verschwinden zu lassen. Sie schaffte es nicht, sich an das Gefühl gewöhnen, ihn in Händen zu halten. Warum kam Abyss nicht endlich zurück? Wo war dieser dämliche Steven? Warum meldeten sich Nox und Bo nicht mehr? Und welche Absichten hatte dieser Djego? Sicher würde er die Mara bald finden. Genervt packte sie zwei Kristalle viel zu fest und drückte sie in eine Öffnung. Fast wären die kleinen Steinchen zersprungen. Oh nein, das war die falsche Leitung!
"Achtung!", rief Gibbli, als Samantha plötzlich um die Ecke kam.
Es knisterte. Funken flogen durch die Luft. Samantha hob schützend eine Hand und wich zurück, während Gibbli einen Draht zog, um die Verbindung zu unterbrechen.
"Verdammt, verdammt, verdammt", murmelte sie und besah sich das Chaos.
Der Strom war von ihrem Experiment auf eine andere Maschine der Mara übergesprungen. Schwarzer Rauch stieg daraus empor und wurde vom angrenzenden Luftfilter eingesogen.
"Was war das?", fragte Samantha. Sie hielt einen Teller mit frisch gebackenem Brot in Händen.
Mit einem flauen Gefühl betrachtete Gibbli die Maschine. Wie konnte das passieren? Sie war die Technikerin! Sie war gut darin! Sie war ... abgelenkt. Sky würde ausrasten, wenn er das erfuhr. Nein, der ruhige Kapitän würde sie nicht anschreien. Er würde ihr einfach den Kopf abreißen!
"Ist es schlimm?", fragte Samantha und trat näher.
"Nein", antwortete Gibbli knapp. Es war verdammt schlimm!
"Kriegst du das wieder hin?"
"Ja", sagte Gibbli und presste panisch die Zähne aufeinander. Mit etwas Zeit, Stevens Hilfe und einigen Ersatzteilen, von denen sie genau wusste, dass sich eins davon sicher nicht auf der Mara befand, würde sie das wieder hinbekommen. Vielleicht.
"Ich glaube, es hört auf zu rauchen", sagte Samantha. "Das ist gut, oder?"
Gibbli nickte. Sie waren so gut wie tot.
"Was genau war das?", fragte Samantha neugierig und hörte sich dabei ihrer Schwester Bo ziemlich ähnlich an.
"Nichts Wichtiges." Das Wichtigste! Gibbli hatte den Schutzschild der Mara zerstört! "Du solltest dir isolierende Stiefel zulegen."
"Und du solltest aufhören, das U-Boot unter Strom zu setzen", entgegnete Samantha. "Kein Wunder, dass du so mies drauf bist, wenn du kaum isst!"
Gibbli entfernte ein verschmortes Röhrchen mit durchgebrannten Drähten und zog einen Handschuh aus, um es genauer zu untersuchen. Sie glaubte sich daran zu erinnern, so etwas Ähnliches schon einmal gesehen zu haben. Oben in der Stadt, unter den Teilen, die Bo, Nox und Samantha zusammen getragen hatten. Wenn sie es schaffte, das Ding anzupassen, wäre es vielleicht möglich, den Schild wieder in Gang zu setzen.
"Ich muss hier raus", sagte Gibbli. "Kannst du ihn ablenken?"
Samantha hielt ihr den Teller entgegen. "Du hast heute Morgen schon wieder nichts gefrühstückt."
"Bitte!" Sie musste das unbedingt vor dem nächsten Beben reparieren.
Samantha presste die Lippen aufeinander. "Dort draußen ist es gefährlich. Dein Kapitän sagte, wir sollten nicht-"
"Ich esse eins, okay, dafür lenkst du ihn ab!" Gibbli nahm sich ein Stück Brot von Samanthas Teller.
"Meinetwegen. Ich kann dich ja doch nicht davon abbringen."
 
Hastig rannte Gibbli durch die Gänge der Stadt. Die Waffe in ihrer Werkzeugtasche fühlte sich hier draußen doch ganz gut an. Die Erinnerung an Djego weniger. Gleichzeitig hoffte sie, ihm wieder zu begegnen. Gibbli konnte sich einfach nicht erklären, warum. Aber das war jetzt sowieso unwichtig. Sie hatte das Ersatzteil im obersten Stockwerk gefunden. Jetzt musste sie es nur rechtzeitig zurück zur Mara schaffen, um es zu modifizieren.
"Warte!", rief plötzlich jemand.
Gibbli erkannte seine Stimme sofort. Ein Kribbeln stieg in ihrem Bauch hoch. Sicher hatte er die Mara gefunden und beobachtet und nur darauf gewartet, sie abzupassen. Gibbli ignorierte ihn und rannte einfach weiter. Erleichtert stellte sie fest, dass Djego ihr nicht folgte. Schade, dachte sie und scheuchte diesen Gedanken beiseite. Verflucht, was dachte sie, das war gut! Sie musste die Mara so schnell wie möglich reparieren. Hoffentlich erzählte Djego dem Kapitän nicht, dass er sie gesehen hatte. Sky würde so enttäuscht von ihr sein!
Plötzlich tauchte vor ihr eine Gestalt aus einem Seitenweg auf. Gibbli bremste erschrocken ab und kam schlitternd zum Stehen. Skys Worte in Erinnerung, zog sie ihren Strahler und richtete ihn direkt auf ihn. Oh nein! Er hatte einen anderen Gang genommen, um ihr den Weg abzuschneiden!
"Tu das nicht! Lass es mich erklären." Djego hob vorsichtig seine Arme.
"Lass mich vorbei!", rief Gibbli mit hoher Stimme. Sie hatte dafür doch keine Zeit! Verdammt, sie hätte längst schießen sollen. Der Kapitän hatte es gesagt. Warum wollte ihr Finger einfach nicht auf diesen dummen Knopf drücken?
"Hör mir zu! Das mit gestern tut mir leid. Es war nicht meine Absicht, dich zu berühren. Ich wollte dir nicht zu nahe treten."
Djego trat einen Schritt auf sie zu. Gibblis Hand fing an zu zittern. Was sollte sie tun? Sie erinnerte sich daran, die Waffe auf töten gestellt zu haben.
"Ich dachte nur, das würde dich dazu bringen, mich anzugreifen und damit lag ich richtig, oder? Bitte verzeih mir."
Während er sprach, kam er noch näher und ihre Waffe berührte jetzt seine Uniform.
"Nicht!", rief sie.
"Hab keine Angst." Seine Hände bewegten sich wie in Zeitlupe.
Die Waffe in ihren Fingern wackelte leicht. "Ich schieße!"
"So etwas kündigt man nicht an, so etwas tut man einfach", sagte Djego argwöhnisch.
Dann umfasste er vorsichtig ihre Hände. Gibbli zuckte zusammen, als seine Haut auf die ihre traf. Doch er drückte sie nicht weg. Ihr Atem beschleunigte sich.
"Wenn du jetzt abdrückst, dann durchlöcherst du meine Brust. Knapp an der Lunge vorbei." Seine Stimme wurde fester, wahrscheinlich, weil sie es noch immer nicht geschafft hatte, abzudrücken. "Das tut weh, aber es würde mich nicht davon abhalten, über dich herzufallen. Es würde mich lediglich wütend machen und mich dazu bringen, dich zu verletzen." Er bewegte ihre Hand mit der Waffe ein Stück weiter. "Das hier wäre schon eher etwas, worauf du schießen solltest. Ich würde verbluten." Er bewegte ihren Arm weiter. "Halsschlagader und Luftröhre. Sofortiger Tod." Und jetzt führte er sie an seine Stirn. "Kopfschuss. Ich würde einfach umkippen." Gibbli schluckte. "Und jetzt zielst du direkt auf mein Herz. Du könntest jetzt abdrücken und wärst mich für immer los. Aber ich wäre sehr traurig, wenn du mir mein Herz brichst, Gibbli."
Er ließ sie los. Gibblis Haut fühlte sich plötzlich kalt an, da wo er ihre Hände berührt hatte.
Dann streckte er ihr seinen Arm entgegen. "Freunde?"
Unsicher schüttelte sie den Kopf und wich ein Stück von ihm zurück.
"Lass mich das von gestern wieder gut machen." Djegos rostrote Locken fielen ihm über die Stirn, als er sich nach unten beugte und etwas in seiner Tasche suchte.
Die Waffe noch immer erhoben, beobachtete Gibbli, wie er sein EAG herauszog und darauf etwas tippte.
"Ich gebe euch eine nützliche Information, was hältst du davon? Hier, nimm ihn."
Langsam ließ Gibbli ihre Waffe sinken und nahm sein EAG an sich. Der Bildschirm des Gerätes leuchtete hell. Djego hatte eine Datei geöffnet.
"Was ist das?", fragte sie misstrauisch.
Die Abbildung sah ein wenig aus wie eine Karte mit Nummern. Diese Nummern fanden sich in angehängten Tabellen wieder, mit vielen Namen und Zeiten.
"Ich sage dir, was das ist. Das ist der Wachplan von Jacks Soldaten für die nächsten zwei Wochen. Es ist nicht jeder Gang eingezeichnet, aber grob die einzelnen Etagen. Damit wisst ihr, wann sie wo sein werden. Zeig es deinem Kapitän, das wird ihn freuen."
Gibbli öffnete überrascht den Mund. Schnell holte sie ihr eigenes EAG heraus, bevor Djego es sich anders überlegen konnte. Sie steckte die beiden zusammen, um die Datei zu kopieren.
"Sind wir jetzt Freunde?", fragte er, während er sein Gerät wieder an sich nahm.
"Vielleicht", murmelte Gibbli unsicher, gleichzeitig freute sie sich. Er war nett. Er hatte sich entschuldigt. Und er hatte ihnen eine Information gegeben, die Sky von Nutzen sein konnte.
"Vielleicht also. Nun, Vielleichtfeunde hört sich besser an, als Keinefreunde. Es war mir wie immer eine Ehre, dich zu treffen. Bis bald, Gibbli." Djego grinste, dann drehte er sich um und verschwand in einem Seitengang.
Wahnsinn, wie lautlos er sich dabei bewegte! Seine Kampfstiefel erzeugten kaum Geräusche, wenn sie auf dem Metallboden auftrafen. Oh nein, dachte sie. Mit einem Mal wurde Gibbli klar, dass Sky von ihrem heimlichen Ausflug in die Stadt erfahren würde, wenn sie ihm diese Datei übergeben würde. Der Schutzschild kam ihr wieder in den Sinn. Die Reparatur hatte höchste Priorität! Eilig lief Gibbli den Gang weiter. Als sie den Weg zur Mara einschlug, wäre sie vor Schreck fast gestolpert. Hinter ihm standen die Schleusen des U-Bootes noch offen. Der Kapitän höchst persönlich schritt direkt auf Gibbli zu! Und er sah wütend aus! Verdammt wütend.
"Du hast die Mara verlassen", knurrte er leise, als sie vor ihm stand.
"Ich ...", begann sie.
"Du hast meinen Befehl missachtet. Sag mir warum."
"Ich wollte nicht ... ich ..."
"Du warst bei ihm", sagte Sky kalt.
Sie biss die Lippen zusammen. Ein Schuldgefühl machte sich in ihr breit. Sie hatte doch nicht auf ihn schießen können!
"Verflucht! Gibbli, das ist kein Spiel! Bist du okay? Was hat er getan?"
"Gar nichts, es geht mir gut!", versuchte sie ihn zu beruhigen. "Er ist auf unserer Seite! Hier!" Sie beeilte sich, ihr EAG hervor zu ziehen und öffnete die kopierte Datei von Djego.
Im nächsten Moment fing der Boden unter ihren Füßen an zu wackeln. Die Wände des Ganges zitterten und ein drohendes Grollen brach über sie herein.
"Zurück auf die Mara!", rief der Kapitän, während er Gibbli schon mit sich riss.
Sie stolperte hinter ihm her, hinein in die Schleusen. Hastig schloss Sky die Öffnung. Doch das Beben hörte nicht auf! Beunruhigt blickte Gibbli nach oben. Sky tat es ihr gleich, während er sie festhielt. Wenn die Außenwände brachen, würden sie unter Massen von Wasser begraben werden! Und wie stabil war eigentlich der mit Wasser gefüllte Höhlengang, der über der Andockstelle nach oben durch das Gestein führte? Sie riss die Augen auf. Würde das U-Boot ohne den Schild überhaupt noch dem Druck standhalten? Aber wenn es bis jetzt nicht implodiert war, musste es das.
Die Mara war robuster als erwartet. Nach ein paar Sekunden verstummte das grollende Geräusch und die goldenen Wände der Andockstelle draußen beruhigten sich langsam.
"Das sollte nicht möglich sein. Erkläre mir, was das bedeutet." Der Kapitän blickte Gibbli fragend an.
Sie zuckte ängstlich mit den Schultern. Er durfte es nicht erfahren! Das mit dem Schutzschild war ihre Schuld. Wenn er es jetzt herausfand, wo er sowieso schon enttäuscht von ihr war, würde er sie sicher wegschicken!
Sky fragte sie nicht weiter aus. Er war sichtlich noch immer sauer auf Gibbli, wegen ihres heimlichen Ausflugs. Doch nach ein paar scharfen Worten ließ er sie in Ruhe und sie stahl sich hinab in den Maschinenraum.
 
Ein Gutes hatte das Beben: Sie durften die Mara wieder verlassen. Da Djego offensichtlich auf ihrer Seite stand und die Beben sich jetzt gleichermaßen auch auf das U-Boot erstreckten, gab es keinen Grund mehr, sich auf die Mara zurückzuziehen. Bis auf die Ruhe vor ungebetenen Gästen bot das U-Boot keine Vorteile. Sie waren nirgendwo mehr sicher. Während der Kapitän weiterhin versuchte, Steven zu erreichen, versuchte Gibbli den Schutzschild zu reparieren. Wenigstens hatte er nicht herausgefunden, dass es ihre Schuld war.
So sehr Gibbli sich auch Mühe gab, das Teil aus der Stadt zu bearbeiten, es wollte nicht funktionieren. Die Verbindungen passten nicht zusammen. Dafür wäre ein Adapter nötig. Gibbli fragte sich, warum bei Ocea dieser dumme Goldklumpen so viel Technologie miteinander vermischt hatte. Klar, es war stabil, aber das bedeutete auch, dass man ein Teil nicht einfach ersetzen konnte! Gibbli erinnerte sich an ein Bauteil, das in der Flotte verwendet wurde. Damit könnte es funktionieren. Doch sich von Jack einen Adapter zu besorgen wäre Wahnsinn. Sie überlegte kurz Djego zu fragen, aber so ganz traute sie ihm noch nicht. Was, wenn er Sky verraten würde, dass sie daran Schuld war, dass der Schutzschild der Mara nicht mehr funktionierte? Nein, niemand durfte das erfahren! Gibbli wünschte sich Abyss herbei. Ihm wäre es völlig egal, was für einen Mist sie gebaut hatte. Auch wenn er oft ausrastete, er hätte ihr sicher helfen können. Abyss hatte keine Ahnung von Technik, aber irgendwie zog er immer wieder Ideen scheinbar spontan aus dem Nichts hervor. Als würde er mit allem klar kommen. Als würde er mit allem rechnen, egal, um was es ging.


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Eine Minecraft Landschaft Zeichnen – Fanart ATC

minecraft landschaft mit creeper - fanart von sockenzombie

Titel: Der einsame Creeper

Ich will doch nur eine winzig kleine Umarmung von dir! Bitte! Ich bin doch so allein! Jetzt komm schon her! Bäääm! Lektion eins in Minecraft: Umarme niemals einen Creeper ...

Gestern hieß es: Blöcke in Perspektive quetschen. Eine kleine Minecraft – Fanart – Kunstkarte für einen Art-Tausch.

minecraft landschaft perspektive zeichnen - wip - kakaokarte von sockenzombie

Nummer:
438
Technik: Zentralperspektive
Material: Tubenaquarell, Aquarellfarbstifte
Größe: 6,4cm x 8,9cm
Status: Gezeichnet für CommanderIrma

minecraft landschaft von sockenzombie gezeichnet - miniaturlandschaft

Kapitel 10: Der Sportkurs (Bis in die tiefsten Abgründe)

Gibbli lehnte am Geländer und starrte auf das Frontfenster der Mara. Der Kapitän hatte die Mara sicher nach Ocea gebracht und angedockt. Sie befanden sich etwa auf halber Höhe der Stadt. Der mit Wasser gefüllte Hohlraum in den Felsen um sie herum war mit goldenen Platten ausgekleidet. Alles kam ihr verlassen und ruhig vor. Doch der Schein trog. Denn draußen lauerten die Soldaten in ihrem Lager am Fuße der kegelförmig aufgebauten Stadt.
Gibblis Finger spielten mit der kleinen Sonne in ihren Händen. Sie hatte den Uniformanstecker auf dem runden Tisch gefunden. C.D. stand auf der Rückseite. Cervantes Djego. Offensichtlich hatte Sky ihn dem Spion unbemerkt abgenommen.
"Sag mir, was dir Sorgen bereitet", verlangte er und trat neben sie an das Geländer.
Gibbli erschrak. Sie hatte ihn gar nicht kommen hören. Der Anstecker rutschte ihr aus den Fingern. Sky fing ihn auf, bevor er in die Zentrale hinunter fallen konnte. Sie blickte ihn unsicher an, dann wanderte ihr Blick wieder hinab, auf die drei Sitze. Das Rascheln von Töpfen drang zu ihnen hoch. Samantha stand irgendwo unten beim Küchenbereich und backte tatsächlich Kuchen. Sie hatte in der Galerie hinter Gibbli einige Beeren gesammelt und Vorräte aus verschiedenen Kisten in den Lagerräumen aufgetrieben, die Sky auf der Akademie wieder gefüllt hatte. Nach einer Weile wurde ihr klar, dass er noch immer eine Antwort erwartete.
"Sie werden versuchen, sich gegenseitig umzubringen", begann Gibbli leise. "Steven wird ihn provozieren. Abyss wird ihn angreifen. Dann wird Steven ihn zermatschen."
Sky schüttelte den Kopf. "Nein. Steven will niemanden von uns töten. Wenn er das wollte, hätte er es längst getan. Er beschützt die Crew. Er will nur Aufmerksamkeit. Steven ist wie ein kleines Kind, das immerzu spielen möchte."
"Ich mag seine Spiele nicht", murmelte Gibbli.
"Abyss auch nicht. Aber er wird Steven ebenfalls nicht umbringen. Ich weiß nicht warum, doch aus irgendeinem Grund akzeptiert er ihn. Er hasst ihn, aber dennoch billigt er seine Anwesenheit. Vielleicht liegt es daran, dass oceanische Technologie nicht mehr funktioniert, dass er keine Macht mehr hat. Über dich. Über alles."
"Ich kenne den Grund nicht. Aber das ist er nicht." Gibbli dachte an die toten Soldaten. Seine Stärke hatte Steven nie verloren. Und was auch immer die elektromagnetischen Felder in Ocea blockierte, war dort oben und auch hier nicht vorhanden.
"Wenn sie sich nicht gegenseitig die Köpfe einschlagen, will ich mich nicht beschweren. Ich werde noch herausfinden, was sie davon abhält." Sky musterte sie berechnend. "Es hat auch seinen Vorteil. Solange die beiden gegeneinander arbeiten, sind sie beschäftigt. Stell dir vor, was sie für einen Blödsinn anstellen könnten, wenn sie sich zusammenschließen würden."
Das war in der Tat eine gruselige Vorstellung, dachte Gibbli.
"Was ist dort oben passiert, auf der Insel? Abyss wollte mir nichts erzählen."
Gibbli schwieg.
"Du also auch nicht und Sam schweigt ebenfalls. Sie redet sich damit raus, dass sie das nichts angehe, weil sie nicht zur Crew gehört. Und aus Steven wird man nicht schlau. Er verschweigt etwas. Er mag Unsinn reden und ablenken, doch anders als Abyss sieht man ihm sofort an, wenn er Dinge verheimlicht. Ich bringe ihn noch dazu, es zu offenbaren. Es ist etwas Wichtiges und ich bin mir sicher, es hat mit diesen Rissen zu tun. Aber das muss warten, bis er zurückkehrt."
Gibbli war zwar nicht glücklich darüber, dass Abyss fort war, aber Steven durfte sich gerne Zeit lassen auf seiner Mission zu den Tiefseemenschen. Andererseits wollte sie ebenfalls mehr über diese Risse erfahren.
"Ich bin es leid, immer alles aus euch herauszuquetschen. Ich befehle dir ein letztes Mal, sage mir, was dort oben geschehen ist. Sam hat recht, ich bin nicht berechtigt, sie dazu zu zwingen. Dich schon. Also?"
Gibbli dachte nach. Zum Gift würde sie kein Wort verlieren. "Ich habe seine Macht wieder gespürt. Über mich. Seine Kälte", sagte sie nach einer Weile. "Oceanische Technologie funktioniert wieder. Jedenfalls dort oben. Und auch hier, auf der Mara."
Sky schien besänftigt und nickte. "Ich musste zwar manuell andocken, aber das U-Boot scheint tatsächlich nicht betroffen zu sein. Draußen in der Stadt ist alles beim Alten, erstarrt. Ich war vorhin in der oberen Etage, um ein paar Sachen zu holen." Er betrachtete Djegos Anstecker und wiederholte nachdenklich: "Ich finde schon noch heraus, warum Abyss Steven akzeptiert." Der Kapitän tat es Gibbli gleich und stützte sich am Geländer ab. "Es war oceanische Technologie. Nichts anderes kann ihn so verletzen. Du hast ihn so zugerichtet."
Gibbli schloss für einen Moment die Augen. Sie hatte gehofft, das würde nicht zur Sprache kommen. "Ja", sagte sie leise und verspürte das Bedürfnis, sich in den Maschinenraum zu verziehen.
"Bist du dir im Klaren, was das bedeutet?", fragte er ohne sie anzusehen.
Seine Auffassung von Gerechtigkeit kannte mittlerweile jeder. Sie nickte und krallte sich an den goldenen Stangen fest, als ihre Finger zu zittern begannen. Er würde Steven rächen.
Sky drehte den Uniformanstecker in seinen Händen. "Du bringst mich in eine missliche Lage."
Ihr war doch nichts anderes übrig geblieben! Der Oceaner hatte wieder das Messer genommen. "Er hat mich bedroht und Abyss, weil ..." Sie brach ab. Sky sollte nicht erfahren, dass Abyss dieses Gift getrunken hatte. Fast hätte sie es verraten! Sie wandte sich ihm zu. "Was kann ich tun, damit er nicht mehr an mein Messer rankommt?"
Sky nahm einen tiefen Atemzug und nickte. Offensichtlich war er zu einer Entscheidung gelangt, was er mit ihr anstellen würde. "Gleiches mit Gleichem, Gibbli. Das gilt auch für dich. Du hast jemanden aus meiner Crew verletzt. Also stelle dich darauf ein, dass ich dich nicht schonen werde. Es wird Zeit für dein Training. Und wegen dem Messer, etwas zu tragen, mit dem du nicht umgehen kannst, ist gefährlicher als nichts mit dir zu führen. So, wie du momentan handelst, wirst du immer wieder von Gegnern mit deinen eigenen Waffen überrascht werden. Trage es nicht bei dir."
Sie schluckte. Das kam nicht in Frage.
"Oder lasse ihn denken, dass du es nicht mehr bei dir trägst. Verstecke es an einer anderen Stelle. Und werde dir endlich deiner Waffe bewusst. Dir muss zu jeder Zeit klar sein, dass du eine besitzt. Vergiss es nicht und entziehe dich ihm. Beobachte seine Bewegungen und weiche von vorneherein in den richtigen Momenten unauffällig aus. Bewege dich scheinbar zufällig so, dass dein Gegner immer ungünstig steht und nicht sofort auf deine Waffe zugreifen kann. Aber vor allem, lerne das Messer zu führen. So etwas solltest du doch eigentlich wissen. Wer hat dich unterrichtet?"
"In was unterrichtet?", fragte sie unsicher.
"Der Kampfkurs. Mir ist klar, über den Basiskurs hinaus bist du nicht gegangen."
Gibbli dachte nach und biss sich auf die Unterlippe. Sie erinnerte sich an eine ältere, stämmige Frau. Das würde dem Kapitän nicht gefallen. "Also ...", begann sie langsam, "ich ... glaube, sie hieß ... ähm, Tanner."
"Tanner. Unmöglich. Vielleicht in deinen Anfangsjahren. Tanner wurde in meinem Abschlussjahr an der Akademie eingestellt und das ist über zwanzig Jahre her. Aber soweit ich mich richtig erinnere, starb sie vor acht oder neun Jahren."
"Vor acht. Ich war sieben, als sie starb."
Sky betrachtete Gibbli abschätzend. "Du behauptest nicht ernsthaft, dass du seither kein einziges Mal den Kurs besucht hast!"
"Ich war dort! Also ... zwei Mal." Sie fuhr sich nervös über die Arme und zuckte dann beschämt mit den Schultern. "Nachdem Miss Tanner die Akademie verlassen hat, trug ich mich nachträglich in ein paar ihrer Unterrichtseinheiten ein."
"Ein paar? Der Basiskurs umfasst über zweitausend Einheiten!"
"Es ist nicht aufgefallen. Ich hab mir gerade so viele Punkte eingetragen, dass mein Basiskurs als abgeschlossen galt."
"Du hast dich also in die Datenbank gehackt." Sky seufzte. "Und das mit sieben Jahren. Natürlich kann eine Tote nicht mehr prüfen, ob du tatsächlich dort warst. Zwei Mal. Das nachzuholen, grenzt an Wahnsinn." Er schüttelte den Kopf. "Mein Vater hat den Kurs vor ihr geleitet. Sie war ein Witz gegen ihn. Wenigstens anfangs hättest du es so leicht gehabt. Tanner vergab Punkte alleine für Anwesenheit."
"Ich wollte mehr Zeit für die Technikkurse haben. Außerdem fängt man im Basiskurs mit Laufen an. Ich ... mochte das nie besonders."
"Einmal darfst du raten, was du die nächsten Stunden machen wirst."
Gibbli schüttelte ungläubig den Kopf. "Nein."
"Tage. Und wenn es sein muss, Wochen. Mach dich fertig, wir gehen in die Stadt."
"Du sagtest, dass du mir schießen beibringst!"
"Das werde ich. Sobald du bereit dafür bist."
"Ich bin bereit!"
"Nein." Sky lachte. "Nein, das bist du nicht." Sein Ausdruck wurde wieder ernst. "Du bist rebellischer geworden, das ist wahr. Noch vor ein paar Wochen hattest du Angst, überhaupt mit mir zu sprechen. Mir ist klar, dass es nicht ohne Einfluss bleibt, mit wem du zusammenlebst. Aber bevor du lernst anzugreifen, musst du lernen, dich zu verteidigen. Und um dich zu verteidigen, besitzt du schlicht zu wenig Ausdauer."
Gibbli öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Er hatte recht, das konnte sie nicht bestreiten. Auch nicht die Tatsache, dass Abyss und Steven sie beeinflussten. Und das Spiel, dieses dämliche Spiel.
"Abyss behauptet immer, Schießen sei etwas für Feiglinge. Aber ich versichere dir, kein Ausbilder bei Verstand, wird jemandem eine Schusswaffe geben, der nicht bereit dafür ist zu töten. Hier." Er streckte ihr den Uniformanstecker entgegen. "Gib ihn Djego zurück, wenn du ihn siehst."
"W... wann soll ich ihn sehen?", stotterte sie.
"Glaub mir, er wird auftauchen. Das tut er immer. Dieser Junge ist süchtig nach Informationen."
 
Das Training gestaltete sich absolut katastrophal. Am ersten Tag und auch in den darauf folgenden. Sky ließ Gibbli laufen. Immer und immer wieder, um die Plattform an der Spitze Oceas herum, durch die Gänge der Stadt, überall. Irgendwann schickte er sie nur noch los und kümmerte sich nicht mehr darum, ihr zu folgen, sondern blieb einfach auf der Mara zurück.
Nach ein paar Tagen begannen sie mit dem Training im Nahkampf. Mit seinem Versprechen, er würde sie nicht verschonen, behielt er recht. Gibbli war viel zu langsam. Sie schaffte es nicht, den einfachsten Schlägen auszuweichen. Samantha versuchte, sie aufzumuntern, und gab zu Bedenken, dass sie das versäumte Training von Jahren nicht in nur ein paar Tagen nachholen konnte. Doch das änderte nichts daran, dass Gibbli das Gefühl hatte, einfach mies darin zu sein. Der Kapitän sprach es nicht direkt aus, dennoch ließ er sie spüren, dass er es für hoffnungslos hielt. Er war kein Ausbilder, sondern jemand, dem normalerweise bereits ausgebildete Soldaten vor die Nase gesetzt wurden. Dagegen kam Gibbli nicht an.
"Steh auf!", befahl er in einem Training, als sie wieder einmal regungslos am Boden liegenblieb.
Seit über zwei Stunden bemühte sie sich vergeblich, seinen Schlägen auszuweichen. Sie befanden sich auf der Plattform über dem obersten Stockwerk Oceas, zwischen den Konsolen, die um den Rand herum aufgebaut waren. Vor der Vorrichtung des ausgeschalteten Portals hatten sie genug Platz. Alle viere von sich gestreckt, lag Gibbli auf ihrem schmerzenden Rücken und rang nach Luft. Sie erinnerte sich nicht daran, jemals auf der Akademie jemanden gesehen zu haben, der nach dem Training so fertig war wie sie. Die Schüler jammerten hin und wieder. Aber keiner von ihnen war übersät von blauen Flecken gewesen und so schwach, dass sie kaum noch stehen konnten. Sie war sich sicher, dass Skys Training härter war als alles, was die Schüler auf der Akademie je in den Kampfkursen durchmachen mussten.
"Ich sagte, steh auf!", fuhr er sie an und trat näher.
Gibbli rollte sich auf den Bauch und stemmte sich hoch, um dann wieder zu fallen. Verdammt, tat das weh.
"Wehre dich!"
"Ich versuche es!", brachte sie hervor.
"Nicht genug. Du bist jetzt mindestens fünf Male gestorben, alleine in der Zeit, in der du nicht aufgestanden bist. Gerade stirbst du ein sechstes Mal."
Sie versuchte es noch einmal und kam taumelnd auf die Beine. Mit ihren Händen auf den Knien abgestützt, blieb sie vor ihm gebeugt stehen.
"Bereust du es?"
"Nein", flüsterte Gibbli.
Sky gab ihr einen leichten Schubs mit einer Hand. Vor lauter Erschöpfung fiel sie wieder nach hinten.
"Bist du dir sicher? Ich werde dich so lange umwerfen, bis du nicht mehr aufstehen kannst. Das hier ist nicht die Akademie. Keine feststehenden Kurszeiten. Es ist zu Ende, wenn du kaputt bist."
"Ich bin sicher", krächzte sie und versuchte, sich erneut aufzustemmen.
Er blickte sie kopfschüttelnd an, als sie völlig entkräftet zurück auf den Boden fiel. Dann drehte er sich um und ging weg.
"Warte!", keuchte Gibbli. "Nicht! Ich steh auf! Ich ... schaff das!" Doch sie kam nicht mehr hoch. "Ich schaff es", flüsterte sie noch einmal, das kühle Metall unter ihren Wangen.
Eine halbe Stunde später zog sich Gibbli auf und kroch an den Rand der Plattform, um sich gegen eine Konsole zu lehnen. Noch immer etwas schwindlig betrachtete sie die Säulen, die zur Galerie über dem Portal führten. Ein Geräusch ließ sie plötzlich erschaudern. Gibbli hätte gedacht, allein zu sein. Kam Sky zurück? Nein, der Gang des Kapitäns klang nicht so schleichend. Skys Schritte waren fest und immer mit Ziel, nicht so vorsichtig wie die, die da auf sie zukamen. Erschrocken zog sie Abyss' Messer. Oh nein, dachte sie, als sie seine Gestalt erblickte. Seine rostroten Locken erkannte Gibbli schon von weitem. Ihr Herz schlug schneller. Er trat näher, darauf bedacht ihre Aufmerksamkeit zu erregen, denn sie war sich sicher, wenn er gewollt hätte, wären seine Schritte lautlos gewesen. Djegos Arme hingen links und rechts offen zu ihr gewandt. Es lag in seiner Absicht, dass sie ihn bemerkte. Ein paar Meter vor ihr blieb er stehen. Sein Blick streifte das Messer in ihrer Hand und er ging in die Hocke.
"Ich tu dir nichts. Ich bleibe hier und du dort drüben, einverstanden?"
Gibbli nickte nervös. Verdammt, sie musste schrecklich aussehen! Warum kam er ausgerechnet jetzt? Sie war hässlich und völlig fertig vom Training. Und er, mit diesen leuchtenden Augen wie die oberen Schichten des Meeres bei Tageslicht ...
"Tu das nicht", sagte er. "Lass es in deinen Händen."
Erstaunt hielt sie inne. Sie hatte das Messer wegstecken wollen.
"Du weißt ja nicht, auf welcher Seite ich stehe, oder? Was würde dein Kapitän denken, wenn du so unvorsichtig bist?"
Er hatte recht! Wieso verhielt sie sich so dumm?
"Ich bin Djego", sagte er freundlich. "Doch das weißt du sicher schon. Eigentlich Cervantes, aber in der Flotte sprechen sich die Leute ja mit Nachnamen an. Bis auf Jack natürlich. Also bin ich Djego."
Gibbli begann zu schwitzen. Bestimmt roch er es. Verdammt, ganz sicher sogar, nach dieser katastrophalen Trainingseinheit. Wahrscheinlich sah er es auf ihrer Haut. Wie sich seine Haut wohl anfühlte?
"Du sprichst nicht viel, oder? Ich nehme einfach einmal an, du hast dich vorgestellt, Gibbli. So darf ich dich doch nennen? Du fragst dich sicher, wie ich hier her komme."
Sie schwieg. Wie kam er überhaupt auf die Idee mit ihr zu reden? Und sie saß einfach dumm hier und starrte ihn an, wie ein aufgeblasener Kugelfisch! Sag was, dachte sie verzweifelt, doch kein Laut kam über ihre Lippen.
"Nun, ich kann gut klettern."
Ja, so wie er aussah, bestimmt. Er war Elitesoldat. Sie war unsportlich. Gibbli war mies im Klettern. Wahrscheinlich noch schlechter als im Laufen.
"Ich habe dir etwas über mich verraten, jetzt wäre es nur fair, wenn ich etwas über dich erfahre, findest du nicht?"
"Okay", flüsterte sie atemlos.
Wie dumm sich das anhörte. Die Wörter aus ihrem Kopf schienen nicht mehr im Stande zu sein, ihren Mund zu erreichen.
Djego grinste breit und die makellosen Zähne kamen zum Vorschein. "Wo hast du deinen fluchenden Liebhaber gelassen?"
Irritiert blickte sie ihn an. "Abyss ist nicht ... mein ..." Ihr Herz begann lauter zu klopfen.
"Natürlich nicht, bitte verzeih mir, das war dumm von mir. Ein interessanter Name, Abyss. Aber du bist natürlich zu jung. Wie alt bist du, Gibbli?"
"15?", sagte sie mit hoher Stimme. Es klang eher wie eine Frage, als eine Antwort. Reiß dich zusammen, dachte sie entsetzt. Wieso verriet sie ihm überhaupt ihr Alter? Nein, warum wollte er das überhaupt wissen?
"15 Jahre. Ist es möglich, dass wir irgendwann einen Kurs zusammen hatten? Ich bin nur vier Jahre älter. Hm, nein wohl eher nicht. An jemanden wie dich hätte ich mich erinnert. Also ... für dein Alter bist du gut im Nahkampf, Gibbli."
Verdammt, hatte er sie beobachtet? Wie lange tat er das schon? Moment, sie war gut? Wollte er sie verarschen? Was sollte das überhaupt heißen, er hätte sich an sie erinnert? Ihre Gedanken überschlugen sich.
"Entschuldige, es war nicht meine Absicht, dich in Verlegenheit zu bringen. Vielleicht können wir ja irgendwann zusammen trainieren, ich würde mich sehr freuen. Jetzt allerdings, sollte ich besser gehen. Jack ist noch immer außer sich vor Wut und sucht das Ding überall. Er sagte nicht was genau, aber ihr habt ihm da wohl etwas sehr Großes vor der Nase weggeklaut. Verrätst du mir, was es war?"
Zusammen trainieren?, dachte Gibbli verdattert. Mit ihm? War das sein Ernst?
"Nicht? Nun, das macht nichts. Es war mir eine Ehre, dich zu treffen, Gibbli. Ich hoffe, wir sehen uns bald wieder."
Sprachlos ließ er sie zurück. Es war ihm eine Ehre? Sie hatte sich doch so blöd verhalten! Und sie sah schrecklich aus! Und vor lauter Aufregung hatte sie auch noch völlig vergessen, ihm diesen sonnenförmigen Uniformanstecker zurückzugeben.
 
"Du siehst schrecklich aus", bestätigte ihr Samantha zwei Stunden später.
"Ich weiß", murmelte Gibbli niedergeschlagen. Sie saß neben ihr am runden Tisch in der Mara und begutachtete missmutig das Stück Garnelenkuchen, das ihr die junge Frau vor die Nase gestellt hatte. Sie mochte Garnelen.
"Nein, du weißt nicht, ich meine etwas ganz anderes!", erwiderte Samantha aufgebracht. "Ich finde, euer Training geht zu weit."
"Zu weit?" Hier ging nichts zu weit! Sie musste noch viel stärker trainieren, vor allem, wenn sie irgendwann Djego gegenüber stehen sollte. Sie würde sich ja total blamieren!
"Sieh dich doch an! Er ist der Kapitän. Er darf dich nicht so zurichten, er sollte dir beibringen, dich genau gegen so etwas zu verteidigen. Ich werd ihm sagen-"
"Nein!", unterbrach Gibbli sie. "Das ist meine Sache. Ich krieg das hin."
Samantha blickte sie zweifelnd an.
"Ich meine ... er ... ist nur fair. Ich hab es verdient."
"Verdient? Das sollst du verdient haben?"
"Das verstehst du nicht."
"Niemand hat es verdient so geschlagen zu werden!"
"Du bist nicht hier aufgewachsen! Du hast keine Ahnung, wie das auf der Akademie funktioniert! Das hier ist nichts dagegen!" Das war gelogen. Auf der Schule ging es zwar hart zu, aber gegen Skys Training war eher die Akademie ein Witz. Doch das würde sie Samantha sicher nicht unter die Nase reiben.
"Nein Gibbli, ich habe wirklich keine Ahnung davon."
"Du hast gesehen, wie ich Steven verletzt habe. Sky muss so hart sein. Und ... wie soll ich denn sonst je lernen, mich zu verteidigen?"
"Genau darum geht es doch, oder nicht? Du hast den Oceaner erwischt, so richtig! Du bist gut, du kannst dich auf deine Weise wehren. Mit Technologie. Du brauchst das hier doch gar nicht."
"Und wenn sie nicht mehr funktioniert?" So wie draußen, in der Stadt. Oder wenn Gibbli durch das Training verhindern könnte, dass so etwas überhaupt passierte? "Sky zeigt mir, wie ich ihm ausweichen kann. Ich will, ich muss das lernen. Er, ist der Kapitän, er weiß, was er tut."
"Bist du sicher?"
"Ja", antwortete Gibbli stur und schob den Kuchen beiseite.
Das hier war zu viel. Sie würde stark werden und schlank und schön. Dieses ganze Essen machte sie nur dick. Stolz, dem Drang widerstanden zu haben, betrachtete Gibbli zufrieden den Teller. Samantha blickte sie traurig an, sagte jedoch nichts dazu. Sie seufzte, zog den Teller zu sich heran und schob sich ein Stück Garnelenkuchen in den Mund. Täuschte sich Gibbli, oder aß Samantha in letzter Zeit ziemlich viel?
"Bin ich hässlich, Sam?", rutschte es ihr heraus.
Samantha hielt inne. "Natürlich nicht. Meinst du, wegen dieser beiden Frauen? Bless und Dixland? Die sind doch in der Flotte. Die haben jahrelanges Training hinter sich. Bist du deswegen so versessen darauf, dich zu verändern? Denkst du, dass es dir hilft, so wenig zu essen?"
"Hör auf damit! Ich bin nicht versessen!"
"Dann iss diesen Kuchen. Sky sagte, ich soll darauf achten, dass du genug isst."
"Was ich esse, geht ihn nichts an!" Gibbli schnaubte und fuhr Samantha dann gereizt an: "Und dich auch nicht!" Sie fuhr sich mit beiden Händen durch die Haare. Wie konnte man nur solche dicken Borsten haben? Grausam! Vielleicht sollte sie die Dinger einfach abschneiden? Ihr Blick fiel wieder auf Samantha und sie stutzte. "Sam? Weinst du? Ich ... ich wollte dich nicht so anfahren. Ich meine ... tut mir leid?", fragte sie unsicher. Gibbli war es nicht gewohnt, dass jemand so auf sie reagierte. Sie redete ja mit kaum jemandem. Und wenn sie Abyss so anfuhr, dann schrie er einfach zurück oder sagte irgendetwas, um sie zum Lachen zu bringen.
Samantha schüttelte den Kopf. "Nein, schon gut, das ist nicht deine Schuld."
Gibbli blickte sie fragend an. Sie hatte keine Ahnung, wie man jemanden aufmunterte.
"Es ist nur ... wegen Nox. Ich will ihm etwas sagen, mit ihm reden, ich meine ... er fehlt mir. Ich hoffe, es geht ihnen gut."
Daran hatte Gibbli gar nicht gedacht. Das Training mit dem Kapitän hatte sie so abgelenkt, dass sie Nox und Bo völlig aus den Gedanken verloren hatte. "Sam?", fragte sie vorsichtig. "Warum nimmt Sky dich nicht in die Crew auf?"
Samantha hob den Kopf. "Weil ich das nicht möchte. Und Nox auch nicht. Sky wollte das, aber wir haben sein Angebot abgelehnt."
"Warum?"
"Ich will zurück nach Hause. Verstehst du das? Nach Takao. Ich mag die Tiefseemenschen und wenn man sie erst besser kennt, sind sie auf ihre Art wirklich nett und fürsorglich. Es ist nur ... wir können nicht sofort zurück. Nox muss sie erst überzeugen, damit sie uns wieder aufnehmen."
Gibbli nickte. "Wenn ... also wenn ihr beide nicht hier sein wollt, warum führt Nox dann Skys Befehl aus?"
"Sky denkt, Nox sei ihm etwas schuldig, weil er ihn auf seinem U-Boot hier her mitgenommen hat."
Wie Samantha diese Worte aussprach, ließ Gibbli aufhorchen. "Und ... denkt Nox das auch?"
Sie erhielt keine Antwort.
"Sam? Wo ist Nox jetzt?"
Samantha schwieg.
"Er ist also nicht dort, wo der Kapitän ihn haben will. Sky sollte das wissen."
"Nein!", rief Samantha und sprang auf. "Du behältst das für dich!"
Gibbli sah die Tränen in ihrem Gesicht. "Okay", sagte sie zögernd und fügte hinzu: "Wenn du ihm nicht erzählst, dass ich das Zeug hier nicht gegessen hab, sag ich Sky auch nichts."
"Meinetwegen." Samantha setzte sich wieder. "Das Zeug wäre aber lecker", flüsterte sie und nahm sich ein weiteres Stück vom Kuchen.
 
Am nächsten Tag schien es Samantha wieder besser zu gehen und Gibbli startete wie gewohnt mit dem Laufen. Noch bevor das Nahkampftraining mit Sky beginnen sollte, kam er zu ihr. Sie befand sich gerade auf dem zentralen Platz zwischen den drei Häusern in der obersten Etage Oceas, um sich etwas auszuruhen. Der Kapitän befahl ihr, mit ihm zu kommen. Wie sich herausstellte, hatte er ein Treffen vereinbart in einem der mittleren Stockwerke der Stadt. Sie traten in einen kleinen Raum. Gibbli hätte Djego erwartet oder Dixland mit dieser dämlichen, puppenartigen Frau.
"Mr. Plotz?", fragte sie überrascht.
Vor ihnen stand tatsächlich Illias Michael Plotz, stellvertretender schulischer Direktor und Leiter der Geologieabteilung.
"Kapitän Sky." Er hob den Kopf, als die beiden eintraten und hielt irritiert inne. "de Orange. Was ... Wer hat dich so zugerichtet?"
"Ich trainiere sie."
"Sky, verdammt! Sie ist ein Kind! Du kannst doch nicht-"
"Du hast nicht das Recht, mir zu sagen, was ich kann und was nicht. Und falls du es vergessen hast, wäre sie bei euch, wäre sie jetzt tot."
Plotz seufzte. "Ich hoffe, es ist wichtig. Wenn Jack mich hier in der Stadt erwischt, bin ich meinen Job los!"
"Es ist wichtig. Gibbli, gib mir dein EAG."
Gibbli holte es umgehend aus ihrer Tasche und fragte sich, was Sky damit wollte.
Der Kapitän hielt ihn Plotz entgegen. "Hier sind Daten. Aufzeichnungen über ein Erdbeben und einer Anomalie. Ich will, dass du sie für mich auswertest."
Richtig, sie hatte ja den Riss oben in der Stadt untersucht, dabei aber leider nichts neues herausgefunden, außer dass der Riss irgendwie mit der zweiten Anomalie in Verbindung stand, welche sie mit der Meeresgondel passiert hatten.
Plotz zog seinen EAG und steckte beide zusammen, um die Dateien zu überspielen. Dann öffnete er eine Datei davon. "Das sind Messungen. Warum bestellst du mich hier runter? Ich besitze solche Daten bereits und noch einige mehr."
"Mehr?", fragte Sky erstaunt. "Das ist gut. Ich benötige weitere Informationen, Plotz!"
Der Mann gab Gibbli das EAG zurück. "Na schön, ich lasse dir in den nächsten Tagen alles zusammenstellen, was wir haben. Aber lass um des Meeres Willen das Mädchen in Ruhe!"
 
Die Worte des Geologielehrers kümmerten den Kapitän nicht im Geringsten. Nachdem Plotz gegangen war, stiegen sie zur Plattform hinauf und trainierten weiter. Auch dieses Mal schaffte Gibbli es nicht, auch nur einem Schlag abzuwehren. Sie hielt die Arme falsch und reagierte viel zu langsam. Sicher hatten sich die unzähligen Kratzer und blauen Flecken auf ihrer Haut mittlerweile zu einem einzigen, gigantischen Farbklecks verwandelt. Und ihr war klar, dass der Kapitän sich noch zurückhielt. Wenigstens achtete er darauf, ihre Knochen nicht zu brechen.
"Arme hoch Gibbli, schütze dein Gesicht!", ermahnte er sie.
Wieder lag sie auf dem Rücken. Sie hielt sich angespannt die Hände vor ihre Augen.
"Nicht so. Wie willst du deinen Gegner sehen, wenn du dich selbst blind machst? Nimm die Hände da weg und steh auf!", knurrte Sky.
Gibbli bewegte sich nicht. Sie hätte es gekonnt. Sie war noch fit. Aber sie würde nie an die Soldaten der Elite herankommen. Nicht jetzt und nicht in fünfzig Jahren. Sie würde nie so aussehen und würde nie so stark und schnell werden. Und sie würde nie Djego gegenübertreten können, ohne vor Scham im Boden zu versinken.
"Hörst du mir zu? Ich sagte, steh auf!" Sky trat an sie heran, als Gibbli schwieg. "Was ist los? Wir haben noch nicht einmal richtig angefangen."
"Ich kann das nicht mehr", sagte sie leise.
"Warum?"
"Ich will nicht mehr."
"Du hörst dich an wie Abyss. Das ist kein Grund. Sag mir warum."
Sollte sie zugeben, dass das hier alles keinen Sinn machte? Nein, das wäre schwach. Außerdem wusste er das doch längst! Warum ritt er dann noch darauf herum?
"Warum, Gibbli?"
"Du hörst dich auch an wie Abyss! Er hört nie auf, mir Fragen zu stellen."
"Ja, weil er stur ist und nicht weiß, wann man lieber schweigen sollte. Jetzt zum Beispiel ist nicht der richtige Zeitpunkt dafür, also sprich mit mir."
"Abyss hat mir gesagt, Gehirne neigen dazu, Dinge zu glauben, wenn sie begründet klingen und es spielt keine Rolle, ob diese Gründe der Wahrheit entsprechen. Also denk dir doch einfach einen Grund für mich aus."
"Und darum solltest du ihm nicht trauen." Sky hockte sich neben sie auf den Boden. "Das sind genau die Dinge, von denen ich immer hoffe, dass du sie dir nicht von ihm abschaust. Sag mir, was du denkst. Du kannst mir vertrauen, Gibbli."
"Das tu ich."
"Das klingt nicht überzeugend."
"Das tu ich, weil du der Kapitän bist?"
Sky schmunzelte. "Schluss mit diesem Unsinn. Ich belüge dich nicht, Gibbli und ich versichere dir, ich werde keinen Grund erfinden, der nicht der Wahrheit entspricht. Ich bin ehrlich zu dir. Lass uns eine Pause machen und reden."
"Worüber?", fragte sie. Sie redeten ja schon. Hatte er jetzt doch ein schlechtes Gewissen wegen Plotz? Nein, auf so etwas würde Sky nie hören.
"Ich habe dir von Anfang an gesagt, dass ich dich nicht wie ein Kind behandeln werde. Dazu gehört, dass du mit Tatsachen klar kommen musst. Und Tatsache ist, du hättest nie auch nur die geringste Chance in die Flotte aufgenommen zu werden. Wenn du noch auf der Akademie wärst, würde kein Flottenführer auch nur darüber nachdenken, dir eine Chance zu geben, nicht einmal auf dem langsamsten, kleinsten, schäbigsten U-Boot. Du bist nicht für die Elite geeignet."
Das war absolut niederschmetternd. Diese Worte klangen schlimmer, als wenn er sich plötzlich um ihren Zustand kümmern würde, weil er möglicherweise zu fest zuschlug. "Ich weiß das. Du weißt das. Alle wissen das. Ich will nicht darüber reden."
"Aber das machen wir jetzt. Du verstehst das nicht richtig. Nimm sofort die Hände aus dem Gesicht."
Gibbli tat es zögernd.
"Dein Vorteil ist, du bist bereits in meiner Crew. Und ich bin Kapitän der Mara und kein Flottenführer mehr."
Das machte es nicht besser. Sie war es nicht wert, hier zu sein. Gibbli starrte in die Luft nach oben.
"Weißt du, warum ich es zulasse, dass du hier bist? In meiner Crew? Sag es mir."
"Weil ...", sie hielt inne. Ja, warum war sie eigentlich hier? "Weil ich mich gut mit oceanischer Technologie auskenne?"
"Sieh dich um! Diese Technologie funktioniert momentan nicht. Du wärst demnach nutzlos."
"Ich bin nutzlos", wiederholte sie tonlos.
"Falsche Antwort. Setz dich auf!", befahl Sky.
Sie bewegte sich nicht.
"Hey! Was muss ich tun, um dich zu provozieren? Du widersprichst, wenn ich es nicht erwarte und wenn ich will, dass du es tust, auf Aussagen, auf die mich jeder normale Mensch anschreien würde, stimmst du mir einfach zu und gibst dich völlig selbst auf. Jetzt setze dich gefälligst auf!"
Widerwillig stützte sie sich am Boden ab und drückte sich hoch. Dann wurde ihr klar, mit wem sie hier sprach und setzte sich rasch aufrecht hin. Mit einem schlechten Gewissen, wie sie sich hier gerade gehen gelassen hatte, blickte sie auf ihre Hände. Sie mochte ja seine Ehrlichkeit. Und die Wahrheit war eben nicht immer schön.
"Ich bin kein normaler Mensch", sagte Gibbli leise.
"Natürlich nicht und ich brauche keine normalen Menschen in meiner Crew. Darum frage ich dich noch einmal. Warum denkst du, lasse ich dich hier sein?"
"Ich ... ich bin eine gute Technikerin?", fragte sie unsicher.
"War das eine Frage?"
"Ich bin eine gute Technikerin."
"In diesem Bereich bist du viel zu gut für die MA und das, egal, um welche Art von Technologie es sich handelt. Und was die Theorie angeht, hast du ja einen hervorragenden Lehrer. Steven mag kindisch sein, aber er ist gut in dem, was er tut. Er kann dir Dinge beibringen, von denen die Kursleiter der Meeresakademie nur träumen. Aber das ist nicht der einzige Grund."
"Ist es nicht?"
Sky griff nach ihren Arm und bog ihn schmerzhaft nach hinten. "Tut das weh?"
Gibbli biss die Zähne aufeinander. "Ja."
"Jammerst du deswegen herum?"
Sie schüttelte den Kopf.
"Natürlich nicht. Du bist fertig, weil du nicht schaffst, was ich von dir verlange oder besser gesagt, was du wolltest, dass ich von dir verlange. Das Kampftraining war im Grunde dein Wunsch." Er ließ ihren Arm los. "Du bist langsam. Schwach. Meine Schläge treffen dich wie ein Magnet, als würdest du sie leidenschaftlich sammeln statt ihnen auszuweichen. Aber über körperliche Schmerzen würdest du nie auch nur ein Wort verlieren. Du erträgst sie. Du hältst sie aus."
"Das ist meine Schuld", stammelte sie. "Meine Reflexe sind zu-"
"Gibbli, du steckst Schmerzen weg, da würde ausnahmslos jeder Mann und jede Frau aus meiner ehemaligen Flotte schreiend zusammenbrechen."
War das sein Ernst? Und was, wenn sie das einmal nicht mehr schaffen würde? Sie wollte gerade etwas erwidern. Doch plötzlich sprang Sky auf. Er packte sie an den Schultern und zog sie mit sich ein paar Schritte zur Seite. Währenddessen griff er mit der anderen Hand nach seinem Strahler.
Gibbli wirbelte herum. Das Herz schlug ihr bis zum Hals, als sie in sein braungebranntes Gesicht blickte.
"Schon gut, alles ist gut, keine Panik, ich bin es nur, Kapitän!", rief Djego mit erhobenen Händen.
Sky ließ seinen Strahler sinken. "Wie kommst du hier hoch? Okay, dumme Frage ...", fügte er sofort hinzu. "Sag mir, was du hier willst."
"Was ich will? Ich ... wollte zu euch", sagte er langsam. Gibbli fiel auf, dass er vorsichtig sprach, als würde er jedes Wort genau abwägen. "Ich habe eine Nachricht abgefangen, bevor Jack an sie herankam. Ich wollte sie euch bringen. Schon ... seit einer Weile. Aber ich habe euch nicht gefunden. Ihr wart nicht hier. Habt ihr die Stadt verlassen?"
"Nein. Nur den Standort geändert", antwortete Sky. Die Mara erwähnte er nicht. Offensichtlich wusste Djego auch nichts von dem Treffen mit Ilias Plotz. "Gib mir die Datei."
Djego holte einen Informationsstecker aus einer Innentasche seiner Uniform hervor.
Sky nahm den Stick nachdenklich an sich. "Du hast sie gesehen."
"Ja. Ja, das habe ich", bestätigte Djego und blickte Gibbli dabei seltsam feindselig an.
"Wenigstens bist du ehrlich. Oder weißt, wann es besser ist, so zu tun als wärst du es."
"Jack hat keine Ahnung, wo er ist und ich werde es ihm nicht sagen. Beweist das nicht, dass ich auf eurer Seite stehe?"
Ohne ihm zu antworten, zog Sky sein EAG hervor und schob den Informationsstecker hinein. Gibbli versuchte nicht zu zittern, als sie Djego plötzlich ganz nah hinter sich spürte. Er berührte sie wie zufällig am Arm. Der Kapitän spielte die Aufzeichnung ab. Als sie Abyss auf dem Bildschirm erblickte, der sich vor ihnen in der Luft aufbaute, vergaß sie Djego sofort. Er sah schrecklich zugerichtet aus! Quer über sein Gesicht zogen sich tiefe Kratzer, weiter über seinen Hals hinweg, über die Schultern und unter das ärmellose Hemd hinein, das er trug. Seine Augen wirkten eingefallen. Er saß seitlich zur Kamera auf einem altmodischen Ohrensessel vor einem prasselnden Feuer eines offenen Kamins. Gibbli kannte diesen Raum. Sie war dort gewesen, damals, in Bo's Körper. Zunächst sprach er nicht und blickte auch nicht direkt in die Kamera. Dann drehte er den Kopf vom Feuer weg und sah in die Aufnahme. Es schien ihm schwerzufallen.
Seine Stimme klang angekratzt. "Schlechte Nachricht Kapitän. Deine Mission ist gescheitert. Diese dämliche Hackfresse ist auf dem Weg hierher verschwunden. Keine Ahnung, wohin. Hab versucht allein mit den Tiefseemenschen zu sprechen. Naja, du siehst es ja bestimmt, es ist etwas eskaliert. Erinnerst du dich an dein kleines oceanisches Spielzeug? Tja, ich musste es einsetzen. Hat ihnen nicht gefallen." Er drehte seinen Kopf von der Kamera weg und lehnte sich nach hinten in den Sessel. Kurz schloss er die Augen und nahm einen tiefen Atemzug. Dann beugte er sich nach unten. Gibbli sah von der Seite, wie er etwas auf seinen Bauch presste. War das frisches Blut, das durch sein Hemd sickerte? Abyss' Gesicht verzerrte sich kurz und er unterdrückte ein Stöhnen. Er griff nach einer altmodischen Strickdecke, die neben ihm lag und zog sie um sich herum. Dann drehte Abyss seinen Kopf wieder der Kamera zu und sprach schwer atmend weiter. "Ich musste fliehen. Das ist alles die Schuld von diesem scheiß Goldklumpen! Er hätte dabei sein sollen. Ich bin hier in Sicherheit. Vorerst. Aber ich ... also ..." Abyss lehnte sich zurück und blickte nicht mehr in die Kamera, als er anfing zu flüstern. So, als würde er das, was er aussprach nur ungern zugeben wollen. "Also ich schaff's momentan nicht, das Boot allein bis zur Akademie zu steuern." Er hob einen Arm und hielt seine blutende Hand mit den fehlenden Fingern vor den Bildschirm, ohne sich ihnen zuzuwenden. Gibbli verzog das Gesicht bei diesem Anblick. "Ich hatte Glück, den MARM überhaupt bis hierher zu bringen. Das dumme Teil fährt einfach nicht dorthin, wo ich es will! Die Steuerung ist Schrott!"
"Natürlich, die Steuerung", sagte Sky leise.
"Also, ich komm dann in ein paar Tagen. Wenn das hier aufhört zu bluten. Schick Bo vorbei, wenn du sie siehst. Ach und Sky ..." Er drehte den Kopf wieder und sein düsterer Ausdruck jagte einen Schauer durch Gibblis Körper. "Wenn dir dieser goldene Drecksack über den Weg läuft, sagt ihm, ich werd ihn einschmelzen!"
Abyss streckte seinen heilen Arm aus, in Richtung des Aufnahmegerätes und lehnte sich seitlich aus dem Sitz, so dass sein Gesicht jetzt ganz groß zu erkennen war. Gibbli hatte das Gefühl, dass seine grauen Augen sie durch das Gerät hinweg anstarrten.
Noch einmal öffnete er den Mund, zögerte kurz und sagte dann leise: "Du fehlst mir, Gibbli."
Das Hologramm fiel in sich zusammen. Gibbli hob den Kopf. Djego blickte grimmig auf das EAG und verschränkte die Arme.
"Wir müssen ihn abholen", verlangte sie sofort.
Doch Sky lehnte ab. "Das ist nicht notwendig. Er kann sich dort ausruhen. Und es ist nicht klug, schon wieder die Stadt zu verlassen."
"Schon wieder?", fragte Djego neugierig, doch Gibbli nahm ihn kaum noch wahr.
Sky ging nicht auf seine Frage ein. "Ich sollte Abyss antworten, bevor er noch auf dumme Ideen kommt. Gehen wir zurück auf die Mara. Das Training muss warten."
Er ist in Sicherheit, wiederholte Gibbli in Gedanken.
"Ich kann das übernehmen. Ich hab etwas Zeit", warf Djego ein.
Sky musterte ihn eine Weile. Dann nickte er und wandte sich ihr zu. "Gibbli? Ist das für dich okay?"
Sie nickte abwesend, noch immer versucht, das Blut auf Abyss' blasser Haut aus ihrem Kopf zu bekommen.
"Wenn ihr etwas passiert, werde ich dich dafür verantwortlich machen. Ich werde dich jagen. Bestätige das."
"Ich hab verstanden, Kapitän. Ich passe auf. Wir verlassen die Plattform nicht, bis du zurück bist."
Überrascht riss Gibbli die Augen auf, als der Kapitän großen Schrittes ohne sie davon eilte. Verdammt, das hatte sie jetzt irgendwie verpasst!


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Making Off: Eine Gitarre mit Posca Marker bemalen

sockenzombie - johnson gitarre bemalen mit posca marker

 

Material: schwarzer Posca Marker
Gitarre: Johnson EST.1993

 

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Ein kleines Projekt für zwischendurch. Vielleicht bemale ich demnächst noch mehr Gitarren. Ich hab da schon ein paar richtige Motive im Kopf, das hier war nur ein kleiner Test, ob es überhaupt funktioniert mit den Posca Markern. Es funktioniert!

 

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Hat Spaß gemacht. Das einzig schwierige daran ist, dass man sich vom Spielen abhält und auch wirklich zeichnet. Und so sieht meine akustische Johnson Gitarre jetzt aus:

 

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Kapitel 9: Elitesoldatinnen (Bis in die tiefsten Abgründe)

Gibbli schnappte erleichtert nach Luft, als sie erwachte. Dann fiel ihr ein, dass sie sich noch immer in dieser alten, klapprigen Meeresgondel befand. Wenigstens hatten Nox und Bo es geschafft zu entkommen! Sie erinnerte sich dunkel an einen Fangzahnfisch, der einen Teil der Siedlung ihres Wohngebietes zerstört hatte, als sie drei Jahre alt gewesen war. Dieses dumme Wasser!
Dann schrie Gibbli plötzlich entsetzt: "Unterbrechungen! Sam, weg da!"
Samantha fuhr erschrocken hoch. Gibbli packte sie am Arm und zog sie auf ihre Seite. Gerade rechtzeitig, die Gondel fuhr mitten in den Riss hinein. Die Seite, auf der Samantha gesessen hatte, wurde von dem seltsamen Gebilde durchzogen.
"Ist das wieder so ein Zeitgravitationsding?", fragte Samantha und presste sich neben ihr an die Wand.
Gibbli nickte und starrte mit offenem Mund auf Samanthas geflochtene Zöpfe, die in Richtung des Risses gezogen wurden. Kleine Stücke von Dreck erhoben sich und blieben mitten in der Luft vor ihnen stehen. Getrocknete Überreste des Schlammes, der aus ihrer Kleidung gerieselt war. Fasziniert hob Gibbli ihren Arm und ihr Zeigefinger kam der Grenze ihrer Dimension näher. So verboten und interessant wie oceanische Technologie einst ihr Interesse geweckt hatte, zog sie dieses Phänomen an. Wie sich Zeitlosigkeit wohl anfühlte? Gewichtslos, ohne Gravitation und frei ...
"Nicht!" Samanthas Stimme brachte sie in die Realität zurück und Gibbli zog den Arm zur Seite, bevor sie den Riss berührte.
Ein paar Sekunden später passierten sie die Grenze der Anomalie. Die Dreckstücke in der Luft prasselten nach unten. Als sie am Boden aufprallten, zerfielen sie zu winzigen Staubkörnchen. Die Hälfte ihrer Gondel war ebenfalls schwarz gefärbt. Zu ihrem Glück hielt sie noch zusammen. Besorgt trat Gibbli an das Rückfenster und beobachtete die nachfolgende Gondel. Sie konnten absolut nichts tun. Hoffentlich hatten die anderen beiden es rechtzeitig bemerkt. Gibbli wollte sich nicht vorstellen, was passieren würde, wenn lebendiges Fleisch diese Dimension verließ oder auch nur ein Teil davon.
Die restliche Fahrt verlief ereignislos. Irgendwann tauchte in der Ferne der große Zentrumsturm auf. Die goldene Sonne an seiner Spitze überstrahlte die Lichter der unzähligen Gebäude rund herum. Ihre Gondel überflog einen Teil der medizinischen Forschungsstationen und kam schließlich in einem verlassenen Bereich in der Akademie an. Gibblis Sorgen erwiesen sich als unbegründet: Abyss sowie Steven stiegen heil aus der Gondel nach ihnen aus. Ihre Füße hinterließen Spuren auf dem staubigen Boden. Abyss schien komplett der alte zu sein, nur Steven wirkte noch etwas angeschlagen.
"Macht den Dreck weg! Ich bin hässlich! Hässlich! Hässlich!", murmelte er immer wieder.
Allerdings nur, bis Abyss genervt ein Heizungsrohr abbrach und es ihm an den Schädel knallte. Etwas benommen humpelte Steven fortan hinter ihnen her. Während sie versuchten, sich zu orientieren, stand der Oceaner gedankenverloren neben ihnen. Ein seltsames Bild, ihn einmal nicht sprechen zu hören und so ganz in sich versunken zu beobachten, dachte Gibbli.
Die Gänge waren ungewöhnlich leer. Jack schien einen Großteil der Soldaten in die Stadt beordert zu haben und die Schüler standen zu dieser Zeit im Unterricht. Ihr erster Weg führte sie zum verbotenen Archiv. Gibblis Hoffnung, dass sie dort nicht auf die Mara stoßen würden, bestätigte sich. Das war gut. Denn die Soldaten hätten das U-Boot zerlegen müssen, um es dort unterzubringen.
"Diese Akademie ist riesig. Wie sollten wir die Mara hier je finden?", fragte Samantha, während sie von einer Lagerhalle aus zu einem der größeren Hangarbereiche schlichen.
"Du warst nie in Mooks. Die Hauptstadt ist viel größer", sagte Gibbli. "Das hier ist doch nur die Meeresakademie."
"Und Zentrum der Eliteflotte", murmelte Abyss, als plötzlich ein Soldat um die Ecke bog. "Ich mach das. Bleibt hinter mir und haltet den Mund."
Der Soldat verharrte in einiger Entfernung vor ihnen und kniff misstrauisch die Augen zusammen. Eindringlinge, die etwas zu verbergen hatten, wären wohl weggerannt oder hätten versucht, sich zu verstecken. Doch Abyss marschierte einfach weiter, als würde ihm die Akademie persönlich gehören.
"Aus dem Weg", knurrte Abyss. Er blieb vor dem Soldaten stehen und machte keine Anstalten, sich herabzulassen, um ihn herum zu treten.
Unsicher, wie der Soldat darauf reagieren sollte, roch er an Abyss und rümpfte die Nase. "Wer seid ihr? Ich kenne dich irgendwoher."
"Wer ich bin? Du wagst es, so mit einem Vorgesetzten zu sprechen?", brüllte Abyss ihn an, während er etwas aus seiner Tasche zog. "Sei froh, dass ich dich nicht degradiere!" Er hielt dem Soldaten ein EAG vor die Nase.
Der Mann riss die Augen auf. "Oh. Flottenführer Guhl. Entschuldigt. Mein Fehler, Sir. Moment, ist das nicht das Mädchen? Du hast sie gefunden?" Die Hände des Soldaten wanderten zu seiner Waffe.
Abyss packte ihn am Arm und schüttelte den Kopf. "Lass den Unsinn, Idiot. Das ist sie, siehst du doch! Ich fing sie ein. War mit den anderen da unterwegs. Ich liefere sie aus."
Der Soldat kniff seine Augen zusammen. "Du ... du trägst keine Uniform." Sichtlich angestrengt bemühte er sich, den Dreck zu ignorieren, den Abyss' Hände hinterließen.
"Ach und jetzt soll ich mich vor einem Wurm wie dir rechtfertigen? Geh mir gefälligst aus dem Weg!"
Der Mann bewegte sich nicht. Ablehnend deutete er auf Steven. "Ist der dort nicht ein Meermensch?"
"So ein gescheites Menschlein." Der Oceaner schüttelte den Kopf. "Immer das gleiche." Er nickte Abyss zu. "Ich bin sein Bruder Goggl."
"Nein ist er nicht. Er ist krank", sagte Abyss laut.
"Was, das bin ich gar nicht!"
Abyss warf ihm einen giftigen Blick zu. "Oh doch. Er stirbt", sagte er dann langsam. Es bereitete ihm sichtlich Mühe, diese Worte mit Bedauern auszusprechen.
Steven seufzte. "Nun, damit hat er leider recht."
Eine weitere Soldatin kam plötzlich um die Ecke. "Was ist hier los?", fragte sie und trat hinter ihren Kollegen.
Abyss schnippte sofort mit einem Finger und die beiden Soldaten bekamen seltsam glasige Pupillen. Dann schenkte er der Frau ein charmantes Grinsen, für das Gibbli getötet hätte. "Es ist mir eine Freude." Irritiert blickte ihn die Soldatin an. Doch er wandte sich von ihr ab und schrie den Mann an: "Nimm dir gefälligst ein Beispiel an deiner reizenden Begleitung!" Der Soldat öffnete verwirrt den Mund, doch Abyss drehte sich wieder der Frau zu. Seine Stimme klang ganz sanft. "Du siehst fantastisch aus, dein Training macht sich bezahlt." Bevor die Frau etwas erwidern konnte, wandte er sich dem Mann zu. "Sie sollte befördert werden, findest du nicht?", fuhr er ihn an. Dann lehnte er sich lässig an die Wand und hauchte ihr Worte ins Ohr: "Ich mag deine Haut."
Die Frau wich vor ihm zurück. "Ich ... ach ja?"
Gibbli blickte auf ihre Hände. Ihre Haut war dreckig. Und dann an sich hinab. Warum hatte sie eigentlich nie trainiert?
Der Soldat schüttelte den Kopf und schien wieder zu sich zu kommen. "Das reicht! Flottenführer Guhl, ob Vorgesetzter oder nicht, das hier lasse ich nicht-", rief er.
"Guhl? Das hier ist der legendäre Coobs", berichtigte ihn die Soldatin. "Wir sollten ihn verhaften." Ihre Stimme klang jedoch nicht, als hätte sie das vor, mehr als würde sie Abyss anhimmeln.
Gibbli biss die Zähne aufeinander. Das gefiel ihr nicht.
"Wer ist Coobs?", fragte der Soldat.
"Ich habs versucht." Abyss schnaufte genervt aus. "Sky kann mir nichts vorwerfen", murmelte er und griff in seinen Mantel.
Samantha trat erschrocken zurück. Steven packte Gibbli und riss sie fort und aus ihren Gedanken.
"Guhl! Hey, da seid ihr ja!", rief plötzlich jemand.
Abyss hielt in seiner Bewegung inne. Die Stimme gehörte einem Mann, der hastig auf sie zu rannte. Steven lachte. Abyss hingegen sah aus, als stäche er jeden Moment zu. Zu Gibblis Überraschung ließ er das Messer in seinem Mantel. Gibbli hatte den Mann noch nie gesehen und auch Abyss schien ihn nicht zu kennen. Er wirkte ein wenig älter, aber fit wie ein Elitesoldat. Seine Haare waren bereits etwas grau an den Seiten, ebenso wie sein Bart. In den Händen hielt er ein kleines Gerät, über dem ein Hologramm schwebte. Er klickte es weg und steckte es in seine Jackentasche.
"Ich habe euch gesucht. Sehr gut, sehr gut, ihr habt sie. Und wer seid ihr?", schnauzte er die beiden Soldaten an. "Weg da!"
Er schien großen Respekt zu genießen, denn die beiden Soldaten traten zur Seite und ließen ihn vorbei.
"Kapitän Light?", sagte die Frau und nickte ihm zu.
Light, der direkt auf Abyss zu getreten war, wandte sich zu ihr um. "Kapitän? Diesen Posten habe ich abgelehnt! Ich leite die Ermittlungen zur verbotenen Technologie, die ihr hier gerade behindert. Ich werde euren Vorgesetzten davon berichten, wenn ihr nicht sofort verschwindet!"
"Ja, Sir, Verzeihung", sagte der Soldat. Die beiden drehten sich um und gingen.
Das war also der Mann, der die Suche nach ihnen koordinierte. Derjenige, der Gibbli finden sollte, damit sie hingerichtet werden konnte.
"James Light", fuhr Abyss ihn mit fester Stimme an. "Flottenführer Rhyders befahl uns-"
"Lass das. Ein Flottenführer Rhyders existiert nicht. Und dein Mr. Guhl starb letztes Jahr bei einem Unfall, von dem ich mir sicher bin, dass es keiner war."
"Ach, echt?", fragte Abyss mit unschuldiger Miene.
"Man klaut keine geklauten Dinge", antwortete Light scharf und entriss ihm den EAG. "Den hier ließ Sky vor einigen Monaten mitgehen. Was hast du deinem Kapitän noch gestohlen?"
"Frag doch meinen Mantel", erwiderte Abyss.
Light schnaubte. "Oh, ich weiß genau, wer du bist."
"Ach ja? Wer bin ich denn?", fragte Abyss und zog die Augenbrauen hoch.
"Sky hat mich vor dir gewarnt. Ihr seid diejenigen, die sich jetzt umdrehen und in den südlichen Außenbezirk gehen, Hangar 9."
Steven hob arrogant den Kopf. "Damit ihr uns von dort aus gleich in eure nette Colbspalte verfrachten könnt, zu den anderen toten Menschlein?"
"Nein, Oca. Dort befindet sich das goldene U-Boot, das ihr sucht. Und ihr solltet euch beeilen, die erste Kurseinheit ist bald zu Ende. Dann wird es hier von Schülern wimmeln." Light wandte sich von ihnen ab. "Dieses Treffen hat nie stattgefunden", fügte er hinzu und schritt davon.
"Nett. Laden wir ihn zu unserer Weltuntergangsparty ein?", fragte Steven.
 
Es dauerte keine halbe Stunde, bis sie die Mara in einer der verlassenen Hangarhallen des neunten Südbezirks im Wasser treibend fanden. Wobei sie eher halb über dem Wasser hing. Über ein Gerüst hatte man Seile befestigt, um sie herauszuziehen. Die oberen beiden Decks lagen frei an der Luft, lediglich das untere Deck mit dem Maschinenraum befand sich noch unter der Wasseroberfläche. Jack schien seine Pläne, die Mara auf Grund zu legen und sie in das verbotene Archiv zu verfrachten, vorerst unterbrochen zu haben. Ocea besaß oberste Priorität.
Mit Stevens Hilfe verschafften sie sich Zugang zu einer der seitlichen Schleusen im mittleren Deck. Sie betraten den Gang zwischen dem MARM und der Zentrale. Gibbli nahm einen tiefen Atemzug. Die Luft in ihrer Lunge fühlte sich an wie ein Löffel purer Freude. Den Geruch der Mara hatte sie so sehr vermisst. Es duftete nach exotischen Pflanzen, vermischt mit der metalligen Note von Maschinen.
In der Mitte des Ganges bogen sie ab und die Öffnung zur Zentrale glitt automatisch auf. Sie traten ein und blieben alle vier überrascht stehen.
Da war schon jemand!
 
Erhobenen Hauptes saß er mit dem Rücken zu ihnen am runden Tisch auf der Bank. Er trug ein cremeweißes Hemd mit den für ihn typisch berüschten Ärmeln. Seine zerrissene Kampfhose hatte er gegen eine neue ausgetauscht, ebenso wie die elegante Uniformjacke eines Flottenführers. Sie hing über dem Geländer, hinter welchem der Weg an den Konsolen vorbei hinab zu den drei Frontsitzen führte. Seine Dreadlocks hatte er ordentlich hochgebunden. Abyss' Mantel fiel zu Boden und seine heile Hand wanderte zum Griff eines seiner Messer, bereit es sofort zu packen. Er verzog die Augen zu Schlitzen, während die anderen Sky noch immer mit offenem Mund anstarrten. Ihr Kapitän war nicht alleine. Links und rechts von ihm stand je eine Frau, die sich beide zu ihnen umdrehten. Schon wieder weibliche Elitesoldaten, schoss es Gibbli sofort durch den Kopf. Sportlich und gutaussehend. Die Soldatin, der sie vorhin begegnet waren, hatte ihr gereicht. Die zwei trugen eine ähnliche Uniform wie Sky. Eine von ihnen hatte langes, rotblondes Haar das seidig glänzte. Dagegen wirkte Gibblis unkämmbare, dichte Mähne wie ein Seeschwamm. Die Frau hatte fast so helle Haut wie Abyss, nur glatter und frei von jeglichen Narben. Die rosafarbenen Wangen erinnerten Gibbli an eine Puppe. Sie schätzte ihr Alter auf etwa zwanzig Jahre. Die andere Soldatin schien nur ein paar Jahre älter zu sein und ihre Haare trug sie so kurz geschoren, dass es kaum möglich war, die Farbe zu erahnen.
Sky saß noch immer ruhig am Tisch. Ohne sich umzudrehen sprach er mit rauer und tiefer Stimme weiter. "Bevor ihr geht, sollten wir die sich soeben bietende Gelegenheit nutzen, euch mit jemandem bekannt zu machen. Im Befehle folgen sind sie mies und ihr Erscheinungsbild mag ungewöhnlich sein, aber ich versichere euch, ich würde jeden einzelnen von ihnen allen Soldaten der Flotte zusammen vorziehen." Ganz langsam stand er auf. "Vor euch stehen Leute aus meiner Crew." Er stieg über die Bank und wandte sich den Vieren zu. Sofort verdüsterte sich sein Blick. "Die mein U-Boot verunstalten. Sie ... haben es ... offensichtlich nicht so mit dem Waschen."
Gibbli fühlte sich fehl am Platz mit ihren schlammverschmierten Gesichtern und den dreckigen Kleidungen. Steven hatte sich zwar als einziger etwas gesäubert, eitel wie er war, stand aber stattdessen blutbespritzt und übersät mit Wunden neben ihnen. Sein eigenes schien ihm nichts auszumachen.
Der Kapitän und die beiden Frauen traten näher an sie heran. Abyss stand vorne und wirkte, als wäre ihm sein Auftreten völlig egal und Gibbli wusste, wenn Sky ihn darauf ansprechen würde, würde er antworten, dass er immer perfekt aussähe. Irgendwie tat er das ja auch, dachte Gibbli. Sogar wenn er mit zerzausten Bartstoppeln und zerknitterter Kleidung aus einem dreckigen, feuchten Moor entstiegen war. Er legte den Kopf leicht schief und seine Hand ließ von dem Messer ab. Misstrauisch betrachtete Abyss die beiden Frauen.
"Dana Dixland", Sky nickte der kurzhaarigen Frau zu, sie war kleiner als die andere Soldatin, dafür kräftiger und trainierter, "und Judy Bless", er warf der rotblonden mit dem puppenartigen Gesicht einen kurzen Blick zu, "wollten uns soeben verlassen."
Bless, die Jüngere der beiden, rümpfte die Nase, dann riss sie erstaunt die Augen auf und trat einen Schritt auf Abyss zu. "Oh du meine Güte", rief sie, "du bist Aaron Coobs!"
Mit verschränkten Armen stand er bewegungslos vor ihr, unverrückbar, wie ein Felsen. "Nein", sagte Abyss kalt.
"Nicht?" Sie leckte sich mit ihrer Zunge über ihren perfekten Mund. "Doch, du bist es! Ich bin ein riesiger Fan von dir! Ich glaub es nicht, dass du hier wirklich vor mir stehst! Der berühmte Coobs!"
Abyss' Miene verfinsterte sich. "Ich kenne dich nicht."
Sie warf ihre langen Haare nach hinten. "Ich war auf jedem deiner Konzerte! Ich bin mir sicher! Meine Güte, ich bin so nervös!"
Was bei Ocea war ein Konzert? Gibbli traute sich nicht, laut zu fragen.
"Wahnsinn, diese Muskeln, du hast dich sehr verändert! Meine Schwester glaubt mir das nie! Oh bitte, ich will unbedingt ein Autogramm von dir!"
Abyss blickte angeekelt auf sie herab. "Lass mich in Ruhe!"
"Bless!", sagte die kurzhaarige Frau barsch und nickte zur Öffnung in den Gang hinaus. Dana Dixland war anscheinend ihre Vorgesetzte.
Erschrocken trat Judy Bless zurück. "Ja, Kapitän."
Sie schritt betont langsam an Abyss vorbei, berührte ihn dabei wie zufällig am Arm und flüsterte ihm irgendetwas zu, das Gibbli nicht verstand. Abyss verzog keine Miene, doch Gibbli spürte plötzlich den Drang, sich auf sie zu stürzen und ihre makellose Haut mit einer Spitzzange zu zerfetzen. Als Bless an ihr vorbeihuschte, stieg der Duft frischer Blüten in ihre Nase und Gibbli presste die Lippen aufeinander, um sie nicht vollzukotzen.
"Kapitän Sky", Dixland nickte ihm zu, "wir hören voneinander." Mit forschen Schritten folgte sie der jüngeren Soldatin nach draußen.
Gibblis Blick wanderte von der verwirrt dreinschauenden Samantha auf Steven, der das Geschehen grinsend verfolgt hatte und strahlte, als hätte Gibbli ihm gerade bestätigt, dass sie sein Mädchen sei. Offensichtlich fand er die beiden storchbeinigen Individuen auch noch lustig. Ein schwerer Stein schien in ihrem Magen zu wachsen. Mit diesen Frauen konnte sie nicht mithalten. Niemals. Um sie herum wurde es ruhig. Sky baute sich vor ihnen auf. Emotionslos betrachtete er seine Crew und Gibbli wurde wieder bewusst, wie viel Macht dieser Mann besaß. Er wirkte fast majestätisch in der neuen Uniform und den Kampfstiefeln. Sein Blick fiel auf Steven und die Kratzer auf der goldenen Haut. Eine der Wunden an seiner Stirn hatte sich geöffnet und dunkelrotes Blut rann ihm seitlich über die Wangen. Verdammt, das war ihre Schuld!
"Will ich es wissen?", fragte Sky an Abyss gewandt.
Dieser schüttelte den Kopf. "Nein." Er lachte kurz auf. "Hey, ich war das nicht, Kapitän."
Gibbli stutzte. Warum war Sky eigentlich nicht überrascht, sie zu sehen?
"Kapitän. Was tust du hier?", sprach Steven ihren nächsten Gedanken laut aus, der ihr in den Kopf schoss.
"Ich führe mein U-Boot", antwortete Sky ungerührt.
"Dein U-Boot? Die Mara-"
"-gehört mir!", unterbrach er den Oceaner. "Ich habe sie rechtmäßig geborgen und in Besitz genommen. Jack stahl sie mir. Ich hole lediglich zurück, was mir gehört. Und um deine gleich folgende Frage zu beantworten, nein, ich bin nicht erbost darüber, dass ihr sie für mich stehlen wolltet." Das 'mich' betonte er besonders.
"Für dich. Natürlich, nur für dich", murmelte Steven.
"Du wusstest, dass wir hier her kommen wollten", stellte Samantha fest.
"Es ist die Pflicht eines Kapitäns zu wissen."
"Und du hast uns nicht aufgehalten?" Der Oceaner blickte ihn zweifelnd an.
"Ich halte nichts auf, was den Zusammenhalt meiner Crew stärkt. Du und Abyss, fast freiwillig, zusammen auf einer Mission. Eine überaus seltene Begebenheit."
Gibbli fiel auf, dass Abyss merkwürdig still war. "Das war nicht die ganze Wahrheit", rutschte es ihr heraus. Er wusste etwas, was die anderen nicht wussten, oder?
Sky wandte sich ihr zu und ihr Herzschlag beschleunigte sich. "In der Tat. Ich gab Abyss den Auftrag, euch zu folgen."
"Das war meine Entscheidung. Sie hat sich nur zufällig mit deinem Willen gedeckt", warf Abyss ein.
Gibbli wurde mit einem Mal klar, dass er und der Kapitän mehr miteinander absprachen, als sie gedacht hatte.
"Ich wollte dich und Sam nicht alleine mit dem Oceaner gehen lassen", sagte Sky zu ihr. Dann wandte er sich wieder Steven zu. "Du planst etwas und auch wenn du es nicht preisgeben möchtest, sei versichert, ich finde es noch heraus. Entweder das, oder du bist einfach nur tatsächlich geisteskrank."
Der Oceaner drückte seinen Mund zu einem schmalen Strich zusammen. "Nein", sagte er dann schnell. "Nichts, nichts, nichts. Ich bin geisteskrank, ja genau! Kein Plan. Oder doch? Ja, Steven plant eine Party!" Begeistert klatschte er in die Hände.
Der Kapitän stöhnte genervt, dann befahl er: "Geht euch waschen, ihr stinkt!"
Keiner bewegte sich.
"Du hast mich zwar ihnen hinterhergeschickt, aber ich wusste nicht, dass du auch hierher kommst. Wie hast du das gemacht?", fragte Abyss. "Und ich plädiere eindeutig für geisteskrank. Wir sollten ihn wegsperren. Für immer."
Sky nahm einen tiefen Atemzug. "Na schön, setzt euch."
Sie verteilten sich um den runden Tisch herum. Steven setzte sich direkt neben Gibbli. Offensichtlich hatte Abyss nichts dagegen. Er ließ sich auf ihrer anderen Seite nieder, neben dem Kapitän. Samantha saß zwischen Steven und Sky.
"Ich war mir nicht sicher, ob man Djego trauen kann", begann Sky. Gibbli horchte auf, als er seinen Namen erwähnte. Das braun gebrannte Gesicht des Spions tauchte in ihrem Kopf auf. "Kurz nachdem ihr in die Rettungskapseln gestiegen seid, kam er zurück und erzählte mir, dass Dixland nicht unter den Soldaten in der Stadt wäre und es darum nicht möglich sei, mit ihr direkt zu sprechen. Das kam mir verdächtig vor. Ich musste das überprüfen. Ich ... lieh mir einen Ausweis, von jemandem, der vorübergehend eine Weile schlafen wird und ihn darum im Moment nicht braucht."
Abyss lachte auf. "Klar."
"Schweig. Dann schlich ich als Soldat verkleidet unter Jacks Reihen in den Aufzug. Und wie es aussieht, sind sie tatsächlich auf unserer Seite, ebenso wie Light. Ich sprach vorhin kurz mit ihm. Das bedeutet, Djego log uns nicht an. Jack hat Dixland mit meiner ehemaligen Flotte hier als Aufsicht zurückgelassen."
Erleichtert stieß Gibbli die Luft aus. Djego gehörte zu ihnen.
"Allerdings", fuhr Sky fort, "hat er verschwiegen, dass die beiden nichts von ihm wussten. Weder Dixland noch Bless kennen Djego persönlich. Er verließ die Crew, bevor Dixland zum Kapitän ernannt wurde. Jack muss ihn befördert und auf sein eigenes Boot oder eines seiner Flotte geholt haben."
"Das bedeutet, entweder hat Djego etwas erfunden, was zufällig der Wahrheit entsprach oder er hat Dixlands Leute ausspioniert und wirklich mitbekommen, dass sie auf deiner Seite steht, ohne sich selbst ihr zu offenbaren", folgerte Samantha.
"Ja. Das wäre typisch für ihn. Er dealt mit Informationen. Das ist sein Job. Manchmal frage ich mich, für wen. Er ist talentiert darin, für sich selbst das Beste herauszuschlagen."
Jemanden wie Djego in der Crew zu haben, wäre sicher nützlich, dachte Gibbli. Ob Sky ihn aufnehmen würde? Er war schon einmal in seiner Crew gewesen. Gibbli betrachtete nachdenklich die Kugel über ihnen. Sie konnte das Ding noch immer nicht leiden.
"Tick tack, tick tack", flüsterte Steven ihr plötzlich ins Ohr. "Du bist eifersüchtig auf die zwei Frauen, nicht wahr?"
Gibbli erschrak. Während Sky gesprochen hatte, war der Oceaner näher an sie herangerückt und hatte die Lücke auf der Bank zwischen ihnen geschlossen. Schnell rutschte sie möglichst unauffällig ein Stück von ihm weg, näher zu Abyss.
"Und den beiden anderen kann man trauen?", fragte Samantha.
"Ich denke schon. Light wäre mir lieber gewesen als Dixland, aber sie ist okay. Sie hat sich immer für die Tiefseemenschen eingesetzt, wo es ihr möglich war. Darum nahm ich sie damals in meine Crew auf. Und Judy Bless ...", Sky schüttelte leicht den Kopf, "ich kannte sie bis eben nicht. Sie ist unerfahren, aber offen. Dixland hat sie neu eingestellt. Ich nehme an, sie kam frisch von der Akademie."
"Ich mag sie nicht."
"Ich bitte dich, Abyss." Sky schloss für einen Moment die Augen, während er aufstand. "Du magst doch fast niemanden." Er nahm seine Uniformjacke vom Geländer.
Abyss erhob sich ebenfalls und sprach auf ihn ein. "Diese dürren Weibsbilder sehen aus wie sprechende Puppen. Leere Hüllen, die von nichts eine Ahnung haben!"
Auch wenn der Kapitän über Abyss' Meinung nicht erfreut war, der Stein in Gibblis Bauch fühlte sich mit einem Mal etwas leichter an.
"Gibbli, kannst du mir zeigen, wo das Badezimmer ist?", fragte Samantha.
"Unten", murmelte Gibbli und deutete auf die Rampe, die an den Konsolen vorbeiführte, nach vorne zu den Sitzen, von wo aus rechts und links ein Weg hinabführte.
Samantha blickte sie unsicher an, als würde sie erwarten, dass Gibbli aufstand und sie begleitete. "Ähm, okay", sagte sie nach einer Weile und drehte sich schulterzuckend um.
Gedankenverloren sah Gibbli ihr hinterher. Wie diese Judy Bless Abyss angesehen hatte, mit diesen langen Wimpern und ihren auffällig großen Augen, das gefiel ihr nicht. Und die beiden Frauen waren fit und stark. Gibbli erinnerte sich daran, wie Somal sie einst als eine Seekuh bezeichnet hatte. Dabei war sie gar nicht dick, oder? Aber schlank auch nicht.
"Du kannst alles sein, was du willst. Du lebst. Du bist jetzt."
Gibbli fuhr zusammen, als sie Stevens Stimme neben sich hörte. Musste er sie immer so erschrecken? "Kannst du meine Gedanken lesen?", fragte sie verärgert und beobachtete, wie Abyss und Sky am Geländer miteinander sprachen.
"Nein. Aber das ist doch offensichtlich, oder? Lass nicht deine Vergangenheit entscheiden. Du musst keine Angst haben. Du kannst in jeder Sekunde neu anfangen. Nur der Augenblick zählt. Nicht irgendeiner, sondern der, der jetzt ist."
Fing er wieder mit seinen Belehrungen an? "Ich kann nicht einfach jemand anderes sein", flüsterte sie aufgebracht. Das Jetzt hatte immer Einfluss! "Das, was man tut oder ist, hat Konsequenzen und die Vergangenheit bestimmt, was man jetzt ist. Und Man kann sie nicht ändern!"
Er hob seinen Finger. "Wow, nicht so stürmisch. Das ist nicht richtig, Mädchen. Nein, ist es nicht. Die Vergangenheit hat nur Einfluss auf diesen Punkt der Dimension, wenn du es zulässt."
"Das ergibt keinen Sinn. Nur weil du ein guter Physiker bist, bedeutet das nicht-"
"Nein, hör mir zu! Ich will, dass du das begreifst! Für einen Oca ist das sehr wichtig, um ihre Lebensweise zu verstehen! Wir leben zwar nicht in der Zeit, darum können wir sie nicht direkt beeinflussen. Wir existieren nur am Rand von ihr, an diesem einen Jetztpunkt, der an ihr entlang schrammt. Aber das bedeutet nicht, dass für uns die Zukunft feststeht. Es bedeutet, wir können alles tun und alles verändern, jetzt. Die Zukunft steht für uns noch nicht fest. Du kannst Dinge in den Raum legen, ebenso wie du Dinge in die Zeit legen kannst, wenn auch nur jetzt. Denn wir sind heute. Wir sind jetzt! Wir können die Zeit jetzt verändern. Jemand, der ihre Ebene nicht berührt, könnte das nicht."
"Ich muss immer ich sein, ich kann nicht ..."
"Du musst gar nichts!", fuhr Steven sie an. "Niemand muss irgendetwas. Nein. Du willst nur nicht, Mädchen. Aber wenn du es wollen würdest, dann änderst du alles! Jeder kann das. Ich kann ... ja, ich kann sogar ihn mögen! Pass auf, ich zeige es dir!" Der Oceaner sprang mit einem Ruck auf und stieg von der Bank aus mitten auf den Tisch.
Abyss und Sky drehten sich zu ihm herum, während Gibbli ihm mit offenem Mund nachstarrte. Steven tapste vorbei an der schwebenden Kugel und stieg auf der anderen Seite wieder hinab. Dann schritt er weiter nach vorne, passierte die beiden Männer und schwang sich einfach über das Geländer. Gibbli lehnte sich überrascht zurück, als er anfing, die Wand zur Galerie hochzuklettern. In seinem Zustand hätte sie ihm das gar nicht zugetraut.
Abyss ging einige Schritte rückwärts, Richtung Tisch, blickte kurz zu Gibbli und beobachtete dann Steven misstrauisch. "Was tut er da?", fragte er tonlos.
"Keine Ahnung, aber es verstärkt meinen Verdacht auf geisteskrank", murmelte Sky mit zusammen gekniffenen Augen.
Abyss wandte sich ihm wieder zu. "Also, was hast du mitgehen lassen?"
"Was meinst du?", fragte Sky, während er Steven weiterhin im Blick behielt.
"Ach komm schon, du klaust ständig was."
Der Kapitän zog seine Augenbrauen zusammen und wandte sich Abyss zu. "Das ist meine Sache, Coobs."
"Nenn mich nicht so!"
"Sag mir, warum du Bless belogen hast."
"Ich hab niemanden angelogen!", knurrte Abyss.
"Und jetzt belügst du mich. Bless hat dich angehimmelt. Das hätte uns von Nutzen sein können."
Gibbli, die Stevens Kletteraktion verfolgt hatte, der jetzt über ihnen in der Galerie verschwand, blickte erstaunt zu Sky. Ein ungutes Gefühl kroch bei seinen Worten hoch. Bless hatte Abyss angehimmelt. Doch die Art des Kapitäns verwunderte sie noch mehr.
"Seit wann denkst du so hinterhältig?", fragte Abyss.
"Mein Denken zeugt nicht von Hinterhältigkeit, wenn es den Tatsachen entspricht."
"Ach, und woher willst du wissen, dass es wahr ist?"
"Ich informiere mich über Menschen, wenn ich ihnen begegne. Vor allem über diejenigen, die ich erwäge, in meine Crew aufzunehmen. Erst recht, wenn diese Informationen illegale Auftritte beinhalten. Obwohl ich zugeben muss, dass du deinen Ruf als kleine Berühmtheit gut verschleiert hast. Wie ein dürrer, zu lange geratener Rockstar siehst du wahrlich nicht mehr aus. War das dein richtiger Name, Aaron Coobs?"
Bevor Abyss etwas erwidern konnte, stoben die beiden Männer plötzlich auseinander. Direkt über ihnen durchdrang eine goldene Gestalt die Decke! Steven fiel und landete mit lautem Krachen zwischen ihnen auf dem Metallboden. Er schüttelte sich und drehte sich zu Abyss herum, während Sky ihn abschätzend musterte.
"Halt das", murmelte Steven und drückte Abyss eine große Blüte in die Hand, die er offensichtlich in der Galerie oben gepflückt hatte.
"Was-" Mit der roten Blume in seinen Fingern, trat Abyss völlig überrumpelt einen Schritt von ihm zurück.
Sky stellte sich neben ihn und wollte etwas sagen, doch dann hielt er inne. Der Oceaner ging plötzlich vor Abyss in die Knie. Verständnislos starrten beide Männer ihn an. Ebenso wie Gibbli, die noch immer wie erstarrt am Tisch saß.
"Abyss, mein warmherziger, gutmütiger ... ähm ... immer fröhlich dreinblickender Freund." Gibbli war sich sicher, dass allein Abyss' Blick ihn umbringen würde, wenn Steven nicht sofort da wegging. Doch der Oceaner fuhr in herzzerreißendem Ton fort: "Ich liebe dich, du ... Mensch. Auch wenn du meiner unwürdig bist, ich liebe dich von ganzem Herzen, das ich nicht besitze! Ich liebe dich, mein Freund!"
Abyss öffnete ungläubig den Mund.
"Siehst du, so etwas passiert, wenn man mir nicht die Möglichkeit lässt, mich über die Leute zu informieren, bevor ich sie in die Crew aufnehme", raunte der Kapitän ihm zu.
"Gibst du mir ein Autogramm?", fragte Steven mit klimpernden Augen.
Abyss zog etwas aus Skys Tasche und ließ die Blume zu Boden fallen. Noch während sie hinab segelte, schoss er mit einem Strahler auf sie ein.
Sky schloss seufzend die Augen und verschränkte seine Arme.
Steven wich von ihm weg und trat mitten auf den Tisch. Er drehte sich zu Gibbli herum, die noch immer fassungslos auf der Bank saß.
"Siehst du, mein Mädchen? So funktioniert das. Ich kann mich immer wieder neu erfinden. Die Vergangenheit spielt keine Rolle." Begeistert funkelte er sie an. Dann wich sein Grinsen einem traurigen Blick, als sähe er in weite Ferne durch sie hindurch. "Wenn dein kleiner Menschenmann das nur auch so sehen würde, wären wir jetzt die besten Freunde." Er sprang vom Tisch. "Nicht."
Gedankenverloren begann der Oceaner zu tanzen und murmelte irgendetwas von alten Freunden vor sich hin. Sie glaubte kurz, die Namen Jeff und Mara heraus gehört zu haben. Gibbli kniff die Augen zusammen, während Steven die filigransten Bewegungen vollführte und dabei den Schmerz seiner Wunden genoss.
Sky hob die verschmorte Blume vom Boden auf und hielt sie Abyss schmunzelnd vors Gesicht. "Unser Oceaner hat dir soeben seine unsterbliche Liebe gestanden, bist du dir sicher, dass du nicht auf Männer stehst?"
Abyss drehte sich zu Steven herum, als dieser plötzlich anfing, laut und falsch zu singen. "Absolut sicher", knurrte er.
Sky betrachtete den Oceaner kopfschüttelnd.
"Trägst du deine Waffe nicht normalerweise rechts?", fragte Abyss.
"In der Tat", murmelte der Kapitän. "Und es beunruhigt mich, dass du das so gut im Gedächtnis hast."
Abyss blickte auf den Strahler in seinen Händen. Gibbli atmete verdutzt ein, als er aufjubelte. "Ha! Ich wusste es! Die Gravur sagt Dana Dixland! Klaust dem Kapitän unsrer neuen Verbündeten die Waffe! Perfekt! Hey, kann ich die behalten?"
"Vergiss es. Gib schon her", befahl Sky und hielt ihm fordernd die Hand hin.
Mürrisch gab Abyss den Strahler ab. Währenddessen erblickte Gibbli aus den Augenwinkeln Samantha, die gerade vom Maschinenraum hochkam. Vorne in der Zentrale ging sie verwirrt am großen Frontfenster entlang. Vor den drei Sitzen blieb sie kurz stehen, kratzte sich am Kopf, als wüsste sie nicht, wie sie dort hingekommen war und stieg dann die Rampe auf der gegenüberliegenden Seite wieder nach unten.
"Chaotischer Haufen. Werdet endlich diesen Gestank los", sagte der Kapitän scharf und schritt erhobenen Hauptes an Abyss vorbei zu seinem Raum. "Und hört auf mein Boot vollzubluten!", fügte er hinzu, als Steven an ihm vorbei tanzte.
"Hey, wir könnten den Goldklumpen mit Jack verkuppeln!", rief Abyss dem Kapitän noch nach, bevor sich die Tür hinter ihm schloss. "Nein? Na dann eben nicht."
Gibbli grinste, während Steven durch eine Wand in Richtung MARM verschwand.
 
Frisch gewaschen saß Gibbli am Boden im vorderen Teil der Zentrale. Sie lehnte an einer der Konsolen zwischen den Reihen und betrachtete gedankenverloren das Geländer über ihr, welches die Galerie begrenzte. Steven sprang im oberen Stockwerk herum und goss die Pflanzen. Samantha hatte damit begonnen, das U-Boot zu erkunden, was bedeutete, sie irrte irgendwo auf der Mara herum und hatte sich wahrscheinlich verlaufen. Und der Kapitän befand sich wohl noch immer in seinem Raum. Sie hörte, wie Abyss von unten hochkam. Dumpf hallten die Schritte durch die Zentrale. Er ging zur Rampe, die in der Mitte hinter den drei Sitzen zum runden Tisch hoch führte. Das Geräusch bewegte sich vorbei an den Konsolen und verstummte. Er trat ein paar Schritte zurück und blieb in ihrer Reihe stehen. Gibbli drehte ihren Kopf Richtung Gang. Die nassen Haare hingen zottelig in sein blasses Gesicht. Kurz zögerte er, dann trat er auf sie zu und ließ sich neben ihr auf dem Boden nieder.
"Mir wird die Crew langsam zu voll", murmelte er dabei.
Er tat es ihr gleich, lehnte sich an die Rückwand der Konsole und blickte nach oben, wo hin und wieder Stevens aufgeweckter Schatten hinter einer Pflanze vorbeihuschte. Gibbli erinnerte sich daran, dass Abyss schon immer ein Einzelgänger gewesen war. Nein, sie hatte das nur gedacht. Bis diese blonde Puppe vorhin aufgetaucht war. Dieses Ding hatte mit ihren Wimpern geklimpert und ihn nach einem Autogramm gefragt. Konzerte waren Auftritte, das wusste sie mittlerweile. Natürlich gab es Musikkurse an der Akademie. Aber Musik diente nicht dem Zweck, anderen vorzuspielen, schon gar nicht vor mehr als einer Person. Man nutzte sie, um Kinder dazu zu bringen, ihre eigenen Emotionen im Zaum zu halten. Viele lernten ein Instrument in jungen Jahren und hörten dann wieder auf. Als Erwachsener brauchte man so etwas nicht. Jemand in Abyss' Alter, der Musik spielte, war überaus selten. Auftritte in der Öffentlichkeit waren nicht denkbar und sogar verboten. Dennoch gab es offenbar eine Szene im Untergrund, die sich dieser Regel widersetzte.
"Du bist doch vor so vielen Leuten aufgetreten. Wie kann dir die Crew zu voll werden?", fragte Gibbli leise. Sie wartete, ob er wütend wurde, doch Abyss bewegte sich nicht.
"Ich stand dabei nicht in der Menge", sagte er nach einer Weile. "Ich befand mich nie bei ihnen. Immer auf der anderen Seite. Wenn man auf der Bühne steht, hat man Platz. Viel Platz."
Gibbli sah ihn erstaunt an. Also stimmte es. Er war tatsächlich berühmt gewesen! Eine geheime Berühmtheit. Dass es so etwas überhaupt geben konnte ...
"Die Leute nimmst du dort oben gar nicht wahr. Du siehst sie nicht mal, weil das Licht nur auf dich strahlt. Und wenn du dann anfängst zu spielen, dann hört alles andere sowieso auf zu existieren. Es gibt nur noch dich und die Musik. Töne, die sprechen, die das sagen, was du mit deinem Mund nicht auszudrücken vermagst."
"Wie bist du dazu gekommen?"
"Der Mönch hat das alles aufgezogen. Nachdem er daran gescheitert ist, mich auf der Akademie unterzubringen, nicht, dass ich das zu diesem Zeitpunkt noch gewollt hätte, spielte er meinen Manager. Dass Konzerte illegal sind, störte ihn überhaupt nicht. Höflichkeit war ihm immer wichtig, aber mit den Gesetzen hatte er so seine Probleme. Es hatte schon seinen Grund, warum er seine Behausung nicht auf Landmenschengebiet erbaute. Der dumme Kauz musste sich einfach überall einmischen. Vielleicht dachte er, er könnte was aus mir machen. Dabei hätte er doch wissen müssen, dass ich längst jemand war, der, der ich selbst entschied zu sein. Der, der ich noch immer bin. Aber nein, er wollte mich unbedingt groß rausbringen und mit dem Geld seine Suche nach Ocea finanzieren. Nur so funktioniert das nicht. Ich spiele nicht, weil andere wollten, dass ich es tue. Ich spiele, wann ich will und wo ich will."
Gibbli konnte sich denken, worauf das hinauslief, warum er aufgehört hatte.
"Wir haben oft darüber gestritten. Abgesehen davon, dass wir uns ständig verstecken mussten, gab es ein paar Zwischenfälle. Plötzlich ausfallende Technik, weil ich keine Lust hatte. Kurzfristig abgesagte Auftritte, weil ich spurlos verschwand, was ein paar Leute ein Vermögen kostete. Aufgebrachte Menschenmassen, welche von meiner Crew gebändigt werden mussten. Oh, meine Leute haben mich gehasst. Enttäuschte Fans, die Rache schworen und dann ganz zufällig auf mysteriöse Weise verschwanden. Dennoch, die Leute liebten meine Musik. Ich hab so viele Gesichter im Untergrund an einen Ort gebracht, wie noch nie jemand zuvor. Sie verlangten immer wieder, mich zu hören. Idioten. Erst wollen sie, dass ich spiele und dann, sobald ich es tue, fangen sie an zu heulen, kannst du dir das vorstellen?"
Gibbli konnte sich das gut vorstellen. Sie hatte ihn damals gehört, in der Hangarhalle in seiner Tauchkapsel. Diese schrägen Töne, die alles durchdrangen und einen mitrissen. Zerrissen.
"Der Mönch wollte mich auf keinen Fall aufhören lassen. Wir machten gutes Geld. Nun, illegales Geld, aber es war immerhin so etwas wie eine Arbeit. Nur meine Sicherheitsleute mussten am Ende nicht mehr mich bewachen, sondern alle anderen um mich herum vor mir."
Abyss schloss die Augen. Er wirkte zufrieden. Gibbli ahnte, dass ihm diese Auftritte durchaus Spaß gemacht hatten und dass er genau wusste, wie er zu spielen hatte, um andere zu manipulieren. Er liebte es, Menschen zu beeinflussen. Abyss mochte oft den Ahnungslosen geben, aber er war viel gerissener und intelligenter, als es den Anschein erweckte. Sky hatte recht, er war ein Schauspieler.
"Wie ging es weiter?", fragte sie gespannt.
"Nach einigen gescheiterten Versuchen der elitären Flotte mich zu verhaften, wagte niemand mehr, mich auf die Bühne zu lassen. Nicht unbedingt wegen der Soldaten, die hinter mir her waren. Es gab bedauerlicherweise auch Tote auf unserer Seite. Leute, die dem bösen, blassen Hai zu lange auf die spitzen Zähne geblickt haben. Dreckige Heuchler. Und der Mönch gab letztendlich auf."
"Ich hab nie etwas von illegalen Konzerten mitbekommen."
"Natürlich nicht. In deinem Alter geht man da auch nicht hin. Und so was steht nicht in der Zeitung. Messer in Körpern von Journalisten hingegen, in denen sie laut der Meinung einiger dämlicher Soldaten nicht stecken sollten, können schon mal vorkommen."
"Diese Untergrundszene, existiert sie noch immer?"
Abyss schüttelte den Kopf. "Ich war die Szene. Denkst du, es gibt noch jemanden, der so verrückt ist, sich vor so vielen Leuten auf die Bühne zu stellen, der sich offen präsentiert und die Soldaten auf sich hetzt? Nein. Es gab eine Hand voll anderer, die in kleinerem Rahmen ebenfalls im Verborgenen spielten, doch ich war der einzige, der das in diesem Umfang gewagt hat. Die Leute vergessen einen schnell, wenn man nicht mehr auftritt. Ich werde immer seltener erkannt. Nun, manchmal muss man natürlich etwas nachhelfen, damit sie vergessen."
"Mit anderen Worten, du hast mehr Menschen beseitigt, als du zählen kannst", sagte Sky und sein Gesicht tauchte plötzlich über ihnen auf. Mit verschränkten Armen stand er neben der Konsolenreihe auf der Rampe.
Abyss grinste ihn an. "Und das witzige daran ist, sollte es je rauskommen, werde nicht ich dafür grade steh'n müssen."
"Ich wusste ja, worauf ich mich einlasse. In Anbetracht deiner Schandtaten erscheint es mir wie ein Tropfen auf heißem Stein, Dixland ihren Strahler zurückzubringen."
Besorgt kniff Abyss die Augen zusammen. "Bist du krank?"
"Sie wird sich heimlich einen neuen zulegen. Wer gibt schon gerne zu, dass jemand seine Waffe verliert, das ist schwach und peinlich. Sieht man das so, hätte sie es sogar verdient, dass ich ihn behalte. Vielleicht mache ich das ja. Ich könnte ihn im Moment gut gebrauchen."
"Wozu?", fragte Gibbli interessiert.
"Später. Sucht den Oceaner."
"Hey, Goldklumpen!", schrie Abyss Richtung Galerie, ohne sich zu bewegen.
Das goldene Gesicht tauchte zwischen den Pflanzen auf. Er lehnte sich über das Gelände. Missmutig starrte er zu ihnen hinab. "Was willst du, bissiger Hai?"
"Idiot. Der Kapitän will dich seh'n."
"Interessant. Ich werde gerne angesehen, oh ja", gab Steven amüsiert zurück. "Und da draußen steht auch jemand, der jemanden sehen will."
 
Gibbli schöpfte sich im Küchenbereich gerade etwas Fruchtsaft in eine Schüssel, als die rotblonde Frau hinter Steven in die Zentrale kam. Es war Judy Bless, das Crewmitglied von Dixland. Gibblis Finger krallten sich fester um den Henkel und der Saft schwappte leicht über den Rand. Sky trat fragend näher an Bless heran. Die Soldatin warf Abyss einen nervösen Blick zu, der Gibbli gar nicht gefiel.
"Ich wollte ... also nun ja, Dixlands Waffe, ich glaube, sie hat ihren Strahler hier irgendwo liegen gelassen."
Armselig, dachte Gibbli. Sie holt ihn nicht einmal selbst.
Der Kapitän nickte. "Zu ihrem Glück habe ich ihn gefunden."
"Gefunden", wiederholte Steven und lachte.
Währenddessen betrat Samantha die Zentrale. Erschöpft ließ sie sich auf der gebogenen Bank am runden Tisch nieder. Sky gab Dixlands Waffe zurück. Judy Bless zögerte noch, als wollte sie irgendetwas sagen, wusste aber nicht, wie sie beginnen sollte. Gibbli vergaß die Schüssel in ihren Händen und funkelte sie feindselig an. Der Kapitän hob die Augenbrauen, als Bless sich nicht rührte.
"Ich ... ja, ich ... gehe dann wieder. Danke." Sie drehte sich um, um die Zentrale zu verlassen. Als Bless an Abyss vorbei trat, hob sie den Kopf und lächelte ihn für Gibblis Geschmack etwas zu verführerisch an. Dieser streckte plötzlich den Arm aus und schnippte direkt vor ihrer Nase in die Finger.
"Abyss!", rief Sky scharf.
Bless stolperte nach vorne, als hätte ihr jemand die Füße weggezogen. Währenddessen hing ihr Blick wie gefesselt an Abyss' Fingern. Er fing die Frau geschickt auf und hielt sie an den Schultern fest. Erstarrt verharrte Gibbli mitten in der Bewegung.
"Sky." Abyss nickte ihm frech zu.
"Oh ... ich muss wohl gestolpert sein", flüsterte Bless und hing mit ihrer Aufmerksamkeit noch immer gebannt an Abyss' Gesicht.
"Das kann passieren, meine Liebe." Er lächelte charmant und legte einen Arm um sie. "Ich bringe dich nach draußen."
Gibbli presste ihre Hand zur Faust, als Abyss der Frau im Gehen irgendetwas ins Ohr flüsterte. Plötzlich knackte der Henkel des Behälters und scharfe Splitter schnitten in ihre Haut. Die Schüssel fiel zu Boden und der Saft verteilte sich vor ihren Füßen.
"Ich mag sie nicht", flüsterte Gibbli, während Steven ihr vergnügt half, die Scherben aufzusammeln. Wobei er die Stücke nachdenklich in seinen Fingern wippte, als überlegte er, was er damit anstellen könnte.
 
Samantha schüttelte den Kopf. Sky, der sie gerade etwas gefragt hatte, richtete sich auf, als Abyss wieder kam. Der Kapitän trat auf ihn zu und schlug ihm genervt gegen die Brust.
"Was?", fragte Abyss, als hätte er keine Ahnung. "Du wolltest das doch!"
"Du übertreibst. Und sie wurde nicht ohne Grund verboten! Ich befahl dir, deine Hypnosetechniken nicht mehr einzusetzen!"
"Nur bei Crewmitgliedern", gab Abyss unschuldig zurück.
"Du treibst mich in den Wahnsinn." Sky schnaubte. Dann blickte er sich nach den anderen um. "Es wird Zeit, meinen Befehl zu befolgen." Über dem Kapitän schwebte die Unheil verkündende Kugel mit dem weißlichen Nebel.
Gibbli und Steven traten an den großen Tisch der Zentrale heran. Die Sonnenstücke in der Luft waren dabei, sich langsam abzudunkeln, was darauf hinwies, dass der Tag sich dem Ende zuneigte. Samantha saß, noch immer müde von ihrer Erkundungstour durch das U-Boot, hinter ihnen auf der runden Bank.
"Ich bringe die Mara nach Ocea. Ich muss schnellstmöglich zurück, bevor Jack merkt, dass er eine leere Stadt belagert. Ihr nehmt das Beiboot und begebt euch zu-"
"Ich geh da nicht hin", maulte Abyss. "Hab keine Zeit."
"Da ich über deine Zeit bestimme, hast du die", gab Sky mehr als deutlich zurück.
"Zeit kann man nicht besitzen", mischte sich Steven ein. "Und ich bin auch nicht dabei. Ich habe Dinge zu tun. Wichtige Dinge, wie ... ähm Kuchen essen! Sam wollte doch einen machen. Ich mag Kuchen, oh ja."
Samantha blickte interessiert auf und Gibbli schüttelte belustigt den Kopf. Steven konnte ja nicht einmal Nahrung zu sich nehmen. Dennoch fragte sie sich, was er eigentlich sagen wollte. Was verbarg er?
"In tausend Jahren wird in den Geschichtsbüchern stehen: Unser Volk wurde ausgerottet, weil ein gewisser Oca Kuchen essen wollte", sagte Sky und verschränkte die Arme.
"Die können nicht drüber schreiben, wenn sie tot sind", gab Abyss zurück.
Aufgeregt klatschte Steven in die Hände. "Ich werde in den Geschichtsbüchern dieses Planeten stehen?"
"Schweigt und hört euch die Details an. Also noch mal, ihr fährt mit dem MARM zu den Tiefseemenschen."
"Tiefseemenschen?", fragte Steven überrascht. "Nox und Bo sind doch bei denen."
"Nein, sind sie nicht", widersprach Sky. "Ich schickte sie zu den Hochseemenschen. Nox wird unter seinem Volk als Verräter angesehen. Und er wäre, noch dazu in Begleitung seiner Hybridenhalbschwester, nie im Stande, sie zu überzeugen. Das wird eure Aufgabe sein."
"Ach und du denkst auf uns werden sie hören?", fragte Abyss. "Hallo liebe Wasserheinis, ab sofort übernehmen wir das Kommando. Schließt uns euch an! Unser Kapitän ist zwar ein wenig verrückt, aber dafür ein ganz ehrlicher Mensch mit gruseligen Augenimplantaten. Die werden uns begeistert die Arme abreißen und uns auffressen."
"Werden sie nicht", sagte der Kapitän. "Nicht, wenn sie am Leben bleiben wollen."
In der Zentrale der Mara breitete sich Stille aus. Niemand wagte es, sich zu bewegen, und alle starrten Sky entgeistert an.
"Du willst, dass wir sie erpressen", folgerte Abyss nach einer Weile.
"Ja."
Was? Gibbli hatte sich bestimmt verhört! Auch Abyss fixierte ungläubig den Kapitän, als wäre dieser ein Außerirdischer. Währenddessen verwandelte sich Stevens Miene in ein böses Grinsen.
"Ich sehe euch in Abgründe denken! Ihr solltet sie natürlich nicht umbringen. Es geht lediglich darum, sie zu überzeugen, sich mir anzuschließen. Dazu müssen sie euch zunächst zuhören. Und das wiederum funktioniert am besten mit etwas ganz Großem. Im verbotenen Archiv gibt es einige interessante Gegenstände. Zum Beispiel fand ich heute Morgen, zufällig, nach einem Spaziergang darin, das nette Gerät hier in meiner Tasche." Sky legte einen goldenen Gegenstand auf den Tisch. "Ob sie funktioniert oder nicht, spielt keine Rolle. Ihr sollt sie ja nicht einsetzen."
Abyss hob die Augenbrauen. "Zufällig."
"Eine ocanische Waffe auf materieller Basis. Sie ist im Stande winzigste Tond-Materieteilchen freizusetzen, welche sich mit allen organischen Molekülen verbindet und diese in simples Wasser umwandelt", sagte der Oceaner. "Eine gute Wahl, ja. Lügen. Betrug. Täuschung. Der gerechtigkeitsversessene Kapitän bricht das Gesetz. So mag ich das."
"Ich breche keine Regeln. Ich belüge sie auch nicht. Ihr werdet das tun. Wozu sonst nahm ich Leute wie euch in meine Crew auf? Damit ihr mir das U-Boot putzt?"
Sky konnte sich auch alles irgendwie gut reden, dachte Gibbli.
Abyss nahm das metallene Gerät und betrachtete es abschätzig. "Es fällt sowieso auf dich zurück, also ist es ja egal ob wir es tun, oder du."
Steven schüttelte abwehrend den Kopf. "Ich mag deine Pläne Kapitän, ich liebe sie. Aber sie dauern lange."
"Und?", fragte Sky gereizt.
"Und wenn wir diese Zeit nicht haben?"
"Erkläre dich!", verlangte der Kapitän.
"Der Riss. Die RISSE!", sagte der Oceaner übertrieben verzweifelt und mit voller Hingabe begann er zu flüstern: "Was ist, wenn ... wenn es wieder passiert?"
"Da wir nicht wissen, woher diese Phänomene kommen und du anscheinend nicht mehr darüber preisgeben möchtest, müssen wir dieses Risiko eingehen. Es sei denn, du hast eine bessere Idee."
Sky blickte ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an.
"Nein", erwiderte Steven schnell. "Ich bin ideenlos, oh ja, ich habe niemals nie irgendwelche Ideen." Plötzlich lachte er auf. "Ha, dein Plan ist ganz hervorragend, Kapitän!"
Abyss kniff misstrauisch die Augen zusammen.
Der Oceaner strahlte über das ganze Gesicht und plapperte weiter: "Wir überzeugen die Tiefseemenschen. Steven richtet das. Ich bin gut. Ich schaffe das, ICH bin ein Genie!"
Der Kapitän seufzte und Gibbli schüttelte abfällig den Kopf.
"Die Tiefseemenschen also", murmelte Abyss Gibbli zu. "Da wirst du wohl wieder tauchen müssen."
Gibbli sah ihn unsicher an. Verhielt er sich jetzt wieder normal? Nein, er setzte schon wieder diesen traurigen, abweisenden Blick ihr gegenüber auf.
"Gibbli bleibt hier", erwiderte Sky mit fester Stimme.
"Warum?", fragte sie. Nicht, dass sie unbedingt tauchen wollte, aber wenn Abyss ging, dann würde sie auch gehen. Ob oder was auch immer zwischen ihnen stand, spielte keine Rolle.
Die schwarzen Augen des Kapitäns blitzten kurz auf. "Du hast deine Ausbildung nicht abgeschlossen."
Entrüstet schnappte Gibbli nach Luft. Warum fing er jetzt damit an? Sollte sie etwa zurück auf die Akademie gehen? Würde sie das jetzt für den Rest ihres Lebens verfolgen?
"Das hast du nicht zu entscheiden!", knurrte Abyss.
"Meine Crew, meine Entscheidungen", sagte Sky scharf, ohne sich von Gibbli abzuwenden. "Wolltest du nicht wissen, wie man schießt? Der erste Flottenführer und bald Herrscher des ganzen Planeten höchst persönlich wird dich das Kämpfen lehren."
"Herrscher des Planeten? Wie bescheuert klingt das denn bitte? Deine Ex-Frau hat recht, du bist wahnsinnig, Sky." Abyss schüttelte grinsend den Kopf, während Steven den Kapitän ernst ansah.
"Das wird man zwangsläufig, wenn man eine Bande von Verbrechern wie ihr es seid, zusammen halten soll. Und jetzt verschwindet endlich, Abyss!"
Gibbli fuhr zusammen, als Steven plötzlich eine eiskalte Welle durch sie hindurch schickte, offensichtlich um ihre volle Aufmerksamkeit zu erhalten. "Gib auf die Mara acht, Mädchen. Sie ist der einzig sichere Ort." Ohne sich weiter zu erklären, drehte er sich um und trat durch die Wand, Richtung MARM.
Abyss nickte Sky zu, dann folgte er ihm langsam, ohne zurückzublicken, ohne sich von Gibbli zu verabschieden. Mitten in der offenen Tür blieb er stehen. Er zögerte kurz und drehte sich dann um. Gibbli durchfuhr ein Schauer, als ihre Blicke sich trafen und die graue Farbe der traurigen Augen sich in ihr Innerstes bohrte.
"Ich werde hinter dir stehen. Immer. Egal was du machst. Egal was du über mich denkst und egal was es wagt, sich zwischen uns zu stellen. Wenn du fällst, fange ich dich auf. Auch wenn du das nicht willst. Ich tu's trotzdem."
Eine Gänsehaut breitete sich über Gibblis ganzen Körper aus. Ohne eine Antwort abzuwarten, trat er in den Gang zum MARM hinaus und der Durchgang schob sich hinter ihm zu.
"Was meinte er damit?", fragte Samantha vom Tisch aus.
"Ich ... bin mir nicht sicher", antwortete Gibbli mit den Gedanken noch immer bei ihm. Seine Worte schienen sich in ihrem Kopf festzubrennen: 'Ich werde hinter dir stehen. Wenn du fällst, fange ich dich auf.'
Währenddessen stieg der Kapitän schon hinab zum mittleren Steuersitz, um das U-Boot nach Ocea zurückzubringen.


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