Kapitel 11: Das Zusammentreffen (Bis in die tiefsten Ozeane)

„Hey, Dieb! Ich will meine Karte zurück!“
Grelles Scheinwerferlicht flammte auf und stach in ihre Augen. Eine dröhnende Stimme hallte durch ihre Tauchkapsel. Der Nebel in Gibblis Kopf lichtete sich wieder etwas. Irgend­woher kannte sie diesen Tonfall.
„Etwas stimmt nicht“, sagte jetzt eine Frauenstimme. „Die Kugel ist kaputt.“
Sie sah Abyss, der durch das kalte Wasser zur Konsole watete und über seinem Kopf ein Mikrofon aktivierte. „Sky? Seid ihr das?“, fragte er mit brechender Stimme.
„Das ist Abyss“, rief die Frau aufgeregt. „Hallo Abyss!“
„Hallo Bo“, murmelte Abyss.
Ein Mann mit schwarzen, unheimlichen Augen tauchte in Gibblis Gedächtnis auf. Es war tatsächlich dieser Flottenfüh­rer!
Sie versuchte zum Sichtfenster zu gelangen. Ihre Füße be­wegten sich nur langsam. Das Wasser reichte ihr schon bis zur Taille. Draußen konnte sie ein eckiges Tauchboot erkennen, das sich zwischen ihre Kapsel und dem oceanischen Hangar­eingang geschoben hatte. Saß dort nicht jemand, hinter dem anderen Sichtfenster?
„Sieht aus, als würdet ihr volllaufen“, ertönte Skys Stimme wieder. „Unsere Schleuse ist zu klein, um eure ganze Tauch­kapsel aufzunehmen. Ihr müsst zu uns herüber tauchen.“
„Also… das geht nicht. Wir haben… hatten zwei Tauchan­züge. Jetzt ist es nur noch einer“, sagte Abyss. Gibbli erkannte, wie sein Atem in der Luft zu winzigen Tröpfchen gefror.
„Vergiss das Teil! Was willst du mit einem Tauchanzug? Zieht die Druckanzüge an!“
Abyss warf Gibbli einen schockierten Blick zu. Sie riss die Augen auf und erbleichte.
„Ihr habt doch Tiefseedruckanzüge an Bord?“, fragte Sky scharf, als er von den beiden keine Antwort erhielt.
„Ähm… nein“, gab Abyss leise zurück.
„Ihr seid wahnsinnig!“, ertönte Skys Stimme erneut durch die Kapsel. Gibbli konnte durch die Scheibe erkennen, wie er sich genervt eine Hand vors Gesicht hielt.
Sie spürte ihre Starre zurückkehren und wieder konnte sie sich nicht mehr bewegen. Bilder drängten sich in ihren Kopf. Da befand sich ein Kind im Wasser, ein kleines, mit weit auf­gerissenen Augen. Sie versuchte dagegen anzukämpfen. Ein blinkendes Licht ließ Gibbli wieder hochschrecken. Da draußen schwamm wirklich eine Frau! Sie trug einen Helm, an dem das rote Lämpchen immer wieder aufblitzte und ihr Mund beweg­te sich. Das Kommunikationsgerät in ihrem Helm übertrug ihre Stimme: „Ich hole sie.“
„Was zum Guglhupf…“, Abyss blickte ungläubig aus dem Sichtfenster zu ihr hinaus.
Skys Stimme dröhnte wieder durch die Kapsel und Gibbli erkannte, dass der Mann hinter dem anderen Sichtfenster aufgestanden war. „Bo! Wann bist du…“ Er hielt inne.
Gibbli erkannte sofort, was ihn so irritierte. Instinktiv tastete sie ihren eigenen Kragen an ihrem Taucherhelm ab. Diese Bo trug zwar einen Helm, nur der war völlig nutzlos über ihren Kopf gestülpt! Ihre Arme schauten unter einem Poncho hervor und ihre bloßen Füße schlängelten sich im Scheinwerferlicht hin und her. Sie schien überhaupt nicht zu frieren.
„Weiß sie…“, begann Abyss und brach ab.
„Ich glaube nicht“, sagte Sky. „Bo? Hörst du mich?“
Die Frau vor dem Fenster fuchtelte mit den Armen im Wasser herum. „Ja Kapitän! Was muss ich tun?“
Gibbli hörte ihnen nicht mehr zu. Gerade eben hatte das Wasser den unteren Rand ihres Sichtfensters am Helm er­reicht und in ihr legte sich ein Schalter um.
„… das Metall herausziehe, wird das Wasser schneller stei­gen…“
Jetzt stand sie vollkommen unter Wasser.
„…Idee ist wahnsinnig…“
Gibbli spürte Tränen aufsteigen. Da war ein Mann im Wasser, der sie festhielt. Der Mann aus ihren Alpträumen. Sie spürte eine Welle aus Schmerz, der sich über ihren gesamten Körper ausbreitete.
„… Karte! Mach schon…“
„…gib sie ihr! Sofort!“ dröhnte eine Stimme weit weg.
Der grausame Mann im Wasser schüttelte sie grob und grub seine ekligen Finger in ihre Haut. Dann veränderte sich sein Gesicht. Er sah plötzlich aus wie Abyss. Abyss, der sie an den Schultern gepackt hielt. „…gegen den Uhrzeigersinn, rich­tig?“
Alles um sie herum drehte sich. Der Mann aus ihren Alp­träumen würgte sie erneut. Das Kind mit den aufgerissenen Augen trieb reglos umher. Wasser strömte in Gibblis Lungen. Nur noch weit entfernt nahm sie Fetzen von Stimmen wahr.
„…euch fest. Ich schubse euch jetzt…“
Noch einmal veränderte sich das Gesicht des grausamen Mannes und jetzt sah sie Abyss‘ Kopf im Wasser. Seine Haare schlängelten sich in alle Richtungen davon. Luftblasen entwi­chen seinem Mund und er riss die Augen auf, beinahe wie die aufgerissenen Augen des kleinen Kindes in ihren Alpträumen.
Und ein Kribbeln stieg in ihr hoch. Dieses Gefühl, das man spürte, wenn ein Aufzug nach unten hin anfuhr. Dieser wahn­sinnig kurze Moment der Schwerelosigkeit.
Kleine Punkte tanzten vor ihren Augen und alles wurde dunkel.
 
Ein keuchendes Husten durchdrang ihr Bewusstsein. Fühlte sich so sterben an? Jemand spuckte Wasser. Von irgendwoher drangen plätschernde Geräusche an ihr Ohr. Sie spürte, wie sich jemand an ihrem Helm zu schaffen machte und ihn vor­sichtig vom Kopf zog.
„Gibbli. Hey!“ Zwei kalte Finger legten sich an ihre Pulsader.
Sie schlug die Augen auf und blickte direkt in Abyss‘ Ge­sicht. Seine Wunde sah noch immer schlimm aus, aber das Wasser hatte einiges vom Blut weggespült. Dann wurde ihr jäh bewusst, wie nah er ihr war.
„Fass mich nicht an!“, schrie sie panisch und kroch rück­wärts den Boden entlang von ihm weg.
Er grinste, schien erleichtert. Schnell atmend schnappte sie nach Luft. Sie lebten. Sie waren in diesem Wasser gewesen. Und sie lebten.
„Sind wir schon-“
„Ja.“
„Wenn wir… wenn wir hier…“
„Ja. Die Luft da draußen ist okay. Nicht gut, aber sie reicht“, sagte er schwer atmend.
Das U-Boot selbst musste das Wasser automatisch abge­lassen haben. Das U-Boot! Aufgewühlt und erwartungsvoll zog sich Gibbli hoch. Sie befanden sich tatsächlich in ihm drin. Im Inneren eines oceanischen U-Boots!
„Bereit?“
Ihr Herz schlug bis zum Hals vor Aufregung. Sie nickte und er entriegelte die Luke.
Schwankend stieg er nach draußen und sie folgte ihm. Der Hangar war nicht all zu groß und alles schien aus goldenem Metall zu bestehen. Eine feine Rundlochgitterstruktur bedeck­te den Boden. Das eckige Tauchboot von Sky lag ihnen ge­genüber. Es passte gerade noch in die niedrige Halle. Direkt davor tapste Bo fröhlich durch das noch immer knöcheltiefe Wasser im Hangar. Ihren Helm trug sie unter dem Arm.
Ein dumpfes Geräusch, begleitet von spritzendem Wasser, ließ sie alle herumwirbeln. Kampfstiefel trafen auf Metall. Sky war aus dem eckigen Tauchboot gesprungen.
„Keiner bewegt sich“, sagte er in befehlendem Ton. Sein Arm erhob sich schnell und Gibbli erkannte den aufblitzenden Lauf einer Waffe. Das war derselbe Strahler, den er in der Akademie auf sie gerichtet hatte. Jetzt zeigte er direkt auf Abyss. Ohne Skys Brille sahen die Narben um seine schwar­zen Augen herum richtig gruselig aus.
Abyss hob langsam eine Hand. Mit der anderen hielt er sich an der Tauchkapsel fest, um nicht umzufallen.
Auch Bo schwankte leicht. Sie war bei Skys Worten er­starrt, einen Fuß mitten in der Luft.
Skys Kopf drehte sich etwas nach rechts und jetzt erblickte er Gibbli. „Du?“
„Ich“, sagte sie, völlig überrascht über ihren Mut.
„Gut. Ihr kennt euch… Sky, das ist… Gibbli, meine Technike­rin.“
„Deine?“ Die Stirn in Falten gelegt, schritt er langsam auf Abyss zu. Die Waffe in seiner Hand zuckte dabei bedrohlich.
„Ohne funktionsfähiges Boot… komm ich nicht… nach Ocea“, sagte Abyss.
„Du kommst ohne mich erst einmal überhaupt nirgendwo hin. Und ich will sie nicht an Bord haben. Sie ist ein Kind.“
„Ich bin 21“, warf Gibbli zornig ein. Sie war wütend auf Abyss wegen dem Wasser, weil er die Scheibe eingeschlagen hatte. Und wütend auf Sky, der sie so ablehnte und dem sie immer noch nachtrug, dass er sie in der Akademie zurückge­lassen hatte.
Zu ihrer Überraschung berichtigte Abyss sie nicht. „Sie kann oceanische Technologie bewegen, sie… besitzt die… DNA“, sag­te er stattdessen.
„Lüge mich nicht an!“, knurrte Sky in einem Ton, der leise und dennoch so durchdringend klang, dass Gibbli sich von ihm aufgespießt fühlte. Er stand jetzt direkt vor Abyss und die Waffe berührte beinahe dessen Brust.
„Keine Lüge… Und bevor… du auf mich schießt… solltest du dir klar machen… dass ich… der einzige hier bin… der Oceanisch nicht nur lesen… sondern auch sprechen kann.“ Gibbli erkann­te, wie sehr er sich zusammenriss, um aufrecht stehen zu blei­ben und fast keimte Mitleid in ihr auf. Seine Hand klammerte sich jetzt so fest an ein Rohr der Tauchkapsel, als wollte er es zerquetschen.
„Darf ich mich jetzt wieder bewegen?“, fragte Bo dazwi­schen. Noch immer stand sie gefährlich schwankend mit ei­nem Bein in der Luft an der selben Stelle.
Sky senkte langsam seine Waffe. Sichtlich genervt drehte er sich um, doch seine Stimme blieb ruhig. „Ja.“
Erleichtert stieß Gibbli die Luft aus ihren Lungen. Einen Au­genblick später krachte es und Wasser spritzte über ihre Füße. Abyss war völlig erschöpft mit dem Kopf voran nach unten zu Boden gefallen, wo er bewegungslos liegen blieb.
Noch ehe jemand reagieren konnte, zischte es und ein run­des Tor an der Wand öffnete sich. Es gab den Blick auf einen Gang frei. Mitten in diesem Gang stand ein kleines Kind mit goldener Hautfarbe. Ihr Kopf war mit üppigen, goldgelben Kor­kenzieherlocken bedeckt. Direkt darauf saß, Gibbli traute ih­ren Augen nicht, ein Küken! Das Mädchen blickte die vier Neuankömmlinge mit großen Glubschaugen und breit grin­send an. Ihre goldenen Finger umschlangen den Griff einer Gartenschere.
„Ich hasse Kinder“, murmelte Sky in seine Bartstoppeln.

Dir gefällt diese Geschichte und du möchtest das Buch auch in deinem Regal stehen haben? Unterstütze mich und kaufe jetzt die Druckversion auf Amazon: Bis in die tiefsten Ozeane

Ich freue mich außerdem über jeden Pieps deiner Anwesenheit hier. Schreib mir doch einen Kommentar. Was denkst du gerade?

Kapitel 10: Wasser!!!11elf (Bis in die tiefsten Ozeane)

Früh am Morgen beendete Gibbli die Arbeit an der Tauchkap­sel. Sie verstaute gerade einen Behälter mit Werkzeug unter der runden Sitzbank, die fast den kompletten Innenraum aus­füllte, als Abyss zu ihr in die Kapsel stieg. Angesichts des ge­ringen Platzes sah er hier drin verboten groß aus.
„Die Magnete halten“, sagte er und warf ein paar Thermo­handschuhe auf die Sitzbank.
Er hatte es geschafft, ein paar kugelförmige Behälter mit der Aufschrift ‚SOLID OX‘ zu besorgen. Das hellblaue Material in den Festluftflaschen schimmerte durch die transparente Oberfläche.
„Ich bin auch fertig“, sagte Gibbli.
„Dann sollten wir sofort anfangen. Da draußen ist es seit ’ner Weile verdächtig ruhig.“
„Okay. Im ersten Testtauchgang können wir prüfen, ob die Kapsel dicht ist.“ Gibbli nahm einen der beiden Taucheranzüge vom Haken und schlüpfte hinein. Er war ihr ein wenig zu groß, schien aber ansonsten in Ordnung zu sein.
„Testtauchgang?“, fragte Abyss und starrte sie verwirrt an. „Und warum ziehst du denn den an? Wir sind doch in der Kapsel.“
Sie ignorierte seine Worte. Das war typisch. Er achtete nicht das kleinste bisschen auf Sicherheit. „Mir ist da noch et­was eingefallen. Also wenn das Ding hier ein Schlüssel ist“, Gibbli zeigte auf die Metalltafel, die er vorne bei der Konsole unter dem Sichtfenster verstaut hatte, „dann muss es an ein Schloss dran, oder?“
„Ja und?“
„Die kleinen Einkerbungen an der Oberseite deuten darauf hin, dass man es in eine Öffnung stecken muss und dann ge­gen den Uhrzeigersinn drehen.“
„Wenn du das sagst.“
Er schien noch immer nicht zu begreifen. „Dieser Anschluss befindet sich sicher am Hangartor des U-Bootes.“
„Klingt logisch.“
„Außen.“
„Wir sollten jetzt wirklich los“, begann er wieder und lugte nach draußen.
„Im Wasser.“
Ein leises ‚Tonk Tonk Tonk‘ war zu hören. Gibbli erkannte das Geräusch sofort: Kampfstiefel auf Metallboden.
„Da kommt jemand“, rief Abyss.
Aber Gibbli war noch nicht fertig. „Diese Kapsel besitzt kei­ne Schleusen! Wir können die Tafel nicht am U-Boot anbrin­gen!“
Abyss warf ihr einen bösen Blick zu und begann an der Lukentür zu ziehen. Sie quietschte leise, gab allerdings nicht nach.
„Nein“, sagte sie bestimmt und verschränkte die Arme. Sie glaubte seine Gedanken erraten zu haben. „NEIN“, schrie sie ihn jetzt an, während er angestrengt an der runden Tür zog. „Wir benutzen nicht die ganze Kapsel als Schleuse! Abyss, ich tauche nicht!“
„Lass uns das später klären! Das Miststück… geht… nicht… zu“, brachte er unter großer Anstrengung hervor.
Sie starrte ihn mit ungläubigem Blick an. Was tat er da nur? Meinte er das ernst?
Die Schritte der Soldaten wurden immer lauter. Abyss mühte sich noch immer mit der Türluke ab. Langsam den Kopf schüttelnd streckte Gibbli ihren Arm aus. Dann drückte sie einen Kopf. Die Luke glitt automatisch zu und Abyss fiel nach hinten auf die Sitzbank.
„Wir leben nicht mehr im 20. Jahrhundert.“
„Besserwisser“, schnaubte er sie an, stand auf und stellte sich zu ihr ans Steuerpult. Ein dumpfes Klopfen ließ beide zu­sammenfahren. Abyss fing an, unbeholfen an den Schaltun­gen herum zu drücken. „Abtauchen, sofort!“
Gibbli legte einen Hebel um und besah sich ängstlich die In­nenwände, während er das Steuer übernahm. Sie fühlte sich nicht wohl mit so wenig Raum und so viel Wasser um sie her­um. Die Kapsel drehte sich leicht und jetzt kamen drei Solda­ten ins Sichtfeld des Fensters. Einer versuchte sich an der Kap­sel festzuhalten. Sie trieben vom Einstieg weg und er platschte kopfüber ins Wasser.
Dann ging ein Ruck durch die Kapsel und sie fuhren nach unten. Abyss manövrierte sie im Schneckentempo durch eine Schleuse hindurch und anschließend einen langen Gang ent­lang, der ins offene Meer führte. Sie hatten die Öffnung noch nicht erreicht, als ein lautes Kratzen ertönte. Es fühlte sich an, als würden Gibblis Eingeweide nach außen gekehrt. Sie hielt sich die Ohren zu.
„Du machst es kaputt!“, schrie sie ihn an. Wieder schramm­te er an der Wand entlang und das Geräusch ertönte erneut. In Gibbli zog sich alles zusammen. „Was tust du?“
„Ich tauche“, sagte er nur.
„Du bist nicht besonders gut darin!“, fauchte sie.
Er zuckte mit den Schultern. „War ich noch nie.“ Als er Gibblis aufgebrachtes Gesicht sah, fügte er hinzu: „Für meinen ersten Tauchgang mit dem Ding hier halt ich mich doch gut.“
„DAS soll mich beruhigen?“
„Der Mönch hat dieses Ding hier gesteuert. Wenn er das kann, dann krieg ich das erst recht hin. Setz dich einfach hin und ruh dich aus. Ich hab alles im Griff.“
 
Bo’s Umrisse spiegelten sich leicht auf der Scheibe, als sie das Tier draußen fasziniert beobachtete. Von Weitem sah das kleine Wesen einer Robbe sehr ähnlich. Es war knapp einen halben Meter lang und spaltete sich hinten in drei lange Fang­arme, die es zur Fortbewegung nutzte. Es öffnete leicht den Mund und entblößte seine spitzen Zähne. Die schuppige Haut schillerte in bunten Farben. Um seinen schlangenartigen Kör­per hatte man ein Geschirr gespannt, an dessen Oberseite ein Behälter befestigt war, der wie ein Einmachglas aussah. Die leuchtenden Augen des Wesens huschten hin und her, als suchten sie etwas. Dann flitzte es pfeilschnell durch eine klei­ne Öffnung in der Wand eines Gebäudes, zwängte sich durch eine lange Röhre hindurch, nahm eine Abzweigung in eine zweite Röhre, um dann in einem aquariumartigen Becken im Deep Golden Sea Hotel aufzutauchen.
„Danke, mein Junge“, sagte Sky und strich dem Wesen sanft über den Kopf.
Er nahm das Einmachglas von seinem Geschirr und schraubte es auf. Ein zylinderförmiger Stecker fiel in seine Hand. Durch das Plätschern neugierig geworden, tapste Bo vor das Aquarium und betrachtete das Wesen begeistert. Ele­gant schlängelte es sich im Wasser hin und her. Es wirkte zu­frieden.
„Es ist so süß! Wer ist das?“
„Ein Can. Sie werden als Flaschenpost eingesetzt. Ziemlich altmodisch, aber wenn wir unsere Städte elektronisch vernet­zen, könnte sich jeder überall einklinken und Informationen stehlen. Manche Leute von der Oberfläche stecken sogar rich­tiges Papier hier hinein, kannst du dir das vorstellen?“
„An Land wäre das ganz normal.“
„Wir mussten uns anpassen. Hier unten sind andere Dinge wichtig als bei euch an Land. Es ist seltsam, das zu einem Tiefseehybrid zu sagen.“
„Das Landmenschengebiet unter dem Meer ist ganz anders, als ich es erwartet habe. Das Leben hier, die Technologie, alles unterscheidet sich sehr von den Orten über dem Wasser. Und das fällt mir auf, obwohl ich beinahe mein gesamtes Leben in einem Krankenhaus verbracht habe. Ihr seid hier fast wie eine fortgeschrittene Kolonie auf einem fremden Planeten.“
„Für uns existieren die Menschen dort oben so gut wie gar nicht mehr. Es gibt kaum noch Kontakte. Wir leben seit vielen Jahren völlig unabhängig von ihnen und haben uns eigenstän­dig entwickelt.“ Sky nahm das leere Glas und befestigte es wieder an dem Tier. Es gab ein gluckerndes Geräusch von sich, drehte sich noch einmal im Becken und flitzte dann zu­rück ins Rohr nach draußen. „Manchmal kommen Leute von oben, um hier zu leben. Es dauert immer etwas, bis sie sich daran gewöhnen. Es ist ihnen alles zu eng und sie sind den spärlichen Platz nicht gewohnt. Vieles ist hier unten lebens­wichtig, was bei euch gar nicht existiert.“
Bo blickte dem kleinen Wesen nach. „Ich mag es. Es ist al­les so neu für mich. Aufregend und schön. Dennoch fühle ich mich hier nicht willkommen.“
„Das liegt an unserer Gesellschaft. Sie ist elitärer. Dort oben hat sich niemand an dir gestört. Bei uns würdest du als Hybrid in keiner medizinischen Einrichtung behandelt werden. Unsere Gesetze sind strenger, weil die Umstände das erfor­dern. Im Wasser existieren Gefahren völlig anderer Art. Es geht nicht darum wie man lebt, sondern dass man überlebt. Dort oben musstest du dir keine Gedanken darüber machen, wie du dich vor der Kälte schützt. Wir kämpfen gegen den Vitaminmangel, den hohen Druck, das Wasser selbst. Die Rohstoffknappheit, die uns davon abhält Schäden zu beseiti­gen, wenn ein großes Tier sich plötzlich dazu entschließt unse­re Gebäude zu rammen. Wir brauchen Nahrung und Vorräte, Schutz vor giftigen Organismen die es dort oben nicht gibt. Und dann ist da noch der Konflikt zwischen den Meer- und den Landmenschen. Was glaubst du, warum unsere Flotte so hoch angesehen ist?“
Bo erinnerte sich an Abyss‘ Worte im Meeresexpress. Die Landmenschen hier mussten in ständiger Angst vor den An­griffen der Tiefseemenschen leben. Doch sie begriff jetzt, warum sie das Wasser nicht verließen, um wieder auf dem Land zu wohnen. Das Meer war zu ihrer Heimat geworden. Das hier war jetzt auch ihr zu Hause.
Sky lächelte sie traurig an. „Letztendlich ist es egal, wer oder was wir sind. Wir alle brauchen den lebenswichtigen Sauerstoff. Das einzige, was uns voneinander unterscheidet, ist die Art, wie wir ihn aufnehmen.“ Er zog das eckige Gerät hervor, das er an der Rezeption schon als Ausweis benutzt hatte.
Bo betrachtete es interessiert. „Und was ist das?“
„Das ist ein EAG. Elektronisches Aufzeichnungsgerät. Über dem Wasser gibt es so etwas nicht oft. Hier im Meer besitzt jeder eines. Im Laufe der Jahre schreiben wir all unser Wissen da hinein. Wie ein kleines Gehirn. Aber ein EAG kann noch viel mehr. Fotos schießen, Geräusche aufnehmen und dunkle Wege beleuchten.“
„Wie ein Computer? Sam hatte so was an ihrer Schule. Sie hat darauf geschrieben und Nachrichten verschickt.“
„So ähnlich. Nur das EAGs aus Sicherheitsgründen nicht untereinander vernetzt sind. Man kann sie stattdessen direkt mit anderen Geräten verbinden und so Informationen übertra­gen. Schau.“ Er nahm den kleinen Stecker, den der Can ge­bracht hatte und schloss ihn an seinem EAG an. „Ich kann das, was darauf steht, am Bildschirm des EAGs lesen.“
„Woher bekommt man ein EAG? Kann man es kaufen?“ Bo wollte unbedingt auch so ein Gerät.
„Nein. Alle Landmenschen, die offiziell hier im Meer leben, bekommen eines. Die meisten schon bei der Geburt. Es dient uns als Ausweis.“
Schade, dachte sie und sah ihm zu, wie er über den Bild­schirm strich, der sich laufend veränderte. Einem Hybriden wie ihr würde man so ein Teil wohl nie geben. „Und wer schreibt dir eine Nachricht?“
„Niemand. Das war ein Zeitungs-Can. Er gehört einer Neu­igkeiten-Firma.“ Nach einer Weile schaltete er sein EAG ab und ließ den kleinen Stecker am Tisch liegen. „Sieht aus, als wäre mein Rauswurf noch nicht an die Öffentlichkeit durch­gedrungen.“
„Ist das gut? Brechen wir jetzt auf?“, fragte Bo und nahm ihre neue Umhängetasche, in der sie das Ocea-Buch und ein paar Kleidungsstücke verstaut hatte. Sie trug jetzt einen Pon­cho mit Kapuze, der das Marahang über der Brust verdeckte. Ihre Beine waren frei, darauf hatte sie bestanden. Außerdem gab es schlicht keine Schuhe, die an ihren Füßen bequem passten.
„Ja. Gehen wir zur Andockstelle“, sagte Sky.
Sie gaben den Wasserentsalzer an der Rezeption ab, zu­sammen mit der Anweisung, ihn seinem Besitzer zurück zu bringen. Bo sah Sky an, wie sehr er es genoss, wenn die Leute seine Befehle befolgten, ohne Fragen zu stellen.
„Nimmst du deine Brille nicht mit?“, fragte sie, als ihr auf­fiel, dass er die runden Gläser im Hotel gelassen hatte.
„Die brauche ich nicht mehr. War eine Vorschrift von Jack. Er meinte einige Soldaten hätten sonst Angst vor mir. Als wenn die nichts aushalten würden.“
Bo lachte. Sie fand seine Implantate faszinierend. Eine medizinische Meisterleistung! Die Narben dagegen zeugten von einem Stümper. „Denkst du, wir finden Abyss bei der An­dockstelle?“
„Nein. Wir müssen ihn gar nicht finden. Früher oder später wird er zum U-Boot hinab tauchen.“
Bo machte große Augen und tappste neben ihm her, wäh­rend er sich seine Taschen umlegte. „Heißt das, wir können di­rekt zum U-Boot und dort auf ihn warten?“
„Ja. Tauchen wir nach unten.“
Vor Freude sprang Bo in die Luft. Sofort schossen tausend weitere Fragen durch ihren Kopf. „Woho! Ich bin noch nie ge­taucht! Ist das schwer? Tut es weh? Wie geht das? …“
Den ganzen Weg über nervte sie ihn mit Fragen, bis sie schließlich am Hafen ankamen. Sky erklärte ihr, welche der U-Boote für die Tiefsee geeignet waren. Es gab an den An­dockstellen nur zwei Stück, die in Frage kamen. Eines davon war ein etwas kleineres, privates Forschungsboot, an dem ge­rade Wartungsarbeiten durchgeführt wurden. Beim anderen handelte es sich um eine Spezialanfertigung der U-Boot Flot­te. Sky steckte seinen EAG in den Verriegelungsmechanismus des Militärbootes und zusammen betraten sie es über eine Schleuse, in der sieben Tiefseeanzüge hingen.
„Ich habe mir U-Boote immer enger vorgestellt“, sagte Bo und schaute sich um.
Am Rand des quaderförmigen Innenbereichs waren einige Sessel angebracht. Sky begab sich nach vorne und begann ein paar Schalter zu bedienen, während Bo zurück nach draußen blickte. Sie bemerkte, wie ein Arbeiter auf sie aufmerksam wurde. Er schrie etwas, aber sie befanden sich zu weit weg, um ihn zu hören.
„Ich glaube, der ist uns böse“, sagte Bo.
Sky ignorierte ihre Worte oder schien sie nicht zu verste­hen. Der Arbeiter winkte jetzt und kam mit hoch rotem Kopf auf sie zugerannt. Bo winkte zurück. Dann glitt die Schleuse zu und versperrte ihr die Sicht auf den Mann. Sky versiegelte die beiden Türen.
„Muss ich die Luft anhalten?“, fragte sie ihn.
„Nein.“
„Oh schau mal, man sieht hier auch Tiere!“, sie hatte das Fenster entdeckt, das zwischen den beiden einander zuge­neigten Stuhlreihen am Boden eingelassen war. Bo kniete sich darauf nieder und beobachtete die gelben Quallenschwärme, die daran vorbeihuschten.
Während Bo begeistert die Aussicht genoss, manövrierte Sky das Tiefseeboot mit geübten Handgriffen elegant aus dem Hafen.
 
„Da ist er“, sagte Abyss.
Gibbli schreckte hoch und blickte nach draußen. Der große Riss im Meeresgrund lag direkt vor ihnen.
„Sie sind hinter uns her“, sagte sie müde.
„Was? Wer?“
„Der Mann mit den schwarzen Augen, Sky und diese Hy­bridenfrau.“
Abyss blickte sie besorgt an. „Bo? Woher willst du das wis­sen?“
Sie schwieg. Wie sollte sie ihm das erklären? Es fiel ihr schwer, das Ganze in Worte zu fassen. Dass sie von ihnen träumte, entsprach nicht ganz den Tatsachen, denn es war mehr als das. Sie befand sich in Bo’s Körper oder wie davor, in dem von Sam. Nein, auch das stimmte nicht, sie stand ja auch hier. Ja, Träume war wirklich nicht das richtige Wort dafür. Sie hatte ja auch diese Alpträume, schreckliche Erinnerungen, die immer wiederkehrten, doch diese hatten nichts mit dem Phä­nomen zu tun, dass sie manchmal durch jemand anderen er­lebte.
„Rede mit mir, Gibbli“, unterbrach er ihre Gedanken.
„Ich hab es gesehen.“
„Willst du behaupten, du hast hellseherische Fähigkeiten oder so was?“, fragte Abyss ungläubig.
„Nein… ich… weiß nicht“, stopselte sie zusammen.
„Also wenn sie uns wirklich auf den Fersen sind, sollten wir schnell abtauchen“, sagte er und ging nicht weiter darauf ein.
„Nein!“, rief Gibbli mit hoher Stimme. Es schien zwar noch alles zu passen, aber sie konnten doch nicht einfach da hinunter tauchen! Nicht ohne längere Vorbereitung!
„Willst du zurück und dem Soldatenabschaum in die Arme laufen? Wir können uns ja erst mal alles anschaun.“
Abyss hatte recht. Sich ein Bild von der Lage zu machen war vielleicht keine schlechte Idee. Dann könnten sie prüfen, wo genau sich das U-Boot befand und später mit einer besse­ren Ausrüstung zurückkehren. Gibbli nickte und überprüfte die Tiefe. Sie bestand darauf, die Kapsel selbst weiter zu steu­ern. Vorsichtig lenkte sie das Gefährt über den Graben. Dann begannen sie zu sinken. Ganz langsam.
Es wurde immer dunkler, bis sie außerhalb des Sichtfensters nichts mehr erkennen konnten. Beinahe absolute Schwärze umgab sie dort draußen. Nervös beobachtete Gibbli die Anzei­gen. Das Manometer stand jetzt auf 798 Meter.
„Wir passieren gleich die Tiefseegrenze“, sagte sie düster.
Ein paar Minuten vergingen.
940 Meter.
„Gleich sind es 100 bar.“
„Du musst das nicht sagen, ich seh es, Gibbli.“ Abyss hatte seinen Mund zu einem angespannten Grinsen verzogen. Er schien erfreut. Sicher nur deswegen, dass die Tauchkapsel überhaupt bis hier her durchgehalten hatte.
Weitere Minuten strichen vorüber.
Ihr Blick fiel immer wieder auf den Tiefenmesser. Reichte die Stärke der Tauchkapsel wirklich aus? Der Druck dort un­ten war unvorstellbar groß. Er war jetzt schon wahnsinnig hoch! Gibbli warf erneut einen Blick auf das Manometer. Sie wussten nicht, wie tief der Spalt noch nach unten ging. Wie­der prüfte sie die Tiefe.
„Und… Wir lassen kein Wasser in die Kapsel?“, fragte Gibbli noch nicht ganz überzeugt.
„Kein Wasser“, antwortete er.
Bei knapp 2000 Metern stoppte sie die Maschinen. Sie hielt das nicht mehr aus! Sie drehte sich vom Steuergerät weg und fuhr sich durch die Haare. Während sie versuchte, die aufkei­mende Panik zu unterdrücken, fiel ihr Blick auf den Taucher­helm ihres Anzugs, der auf der Sitzbank lag. Sie wandte sich wieder zur Konsole und las erneut die Tiefe und den Druck am Manometer ab. Natürlich hatte sich nichts daran verän­dert. Also prüfte sie die Daten noch einmal. Drehte sich wie­der um. Und noch einmal. Und-
„Gibbli“, unterbrach er sie.
Sie hielt inne. „Es funktioniert nicht.“
„Es funktioniert.“
Sie schüttelte den Kopf und presste ihre Augen zusammen. Das hier war ein Fehler. Sie hätte nie mit ihm kommen dürfen. Sie hätte sich nicht mit oceanischer Technologie beschäftigen dürfen, denn dann hätte man sie nicht eingesperrt.
„Schau mich an.“
Dann wäre sie nie mit ihm gekommen. Sie wäre nie in diese dumme Tauchkapsel gestiegen. Dann würde sie jetzt nicht sterben. Dann-
„GIBBLI!“
Erschrocken schlug sie ihre Augen auf und blickte direkt in die seinen.
„Vertrau mir“, sagte er eindringlich.
Gibbli wandte sich wieder der Konsole zu, nickte und trat einen Schritt zurück.
Abyss übernahm das Steuer. Langsam bugsierte er die Kap­sel, am Rand des Risses im Meeresboden entlang, weiter hinab in die Tiefe.
Überraschend nahm Gibbli eine Bewegung außerhalb des Sichtfensters wahr. Ihr Herzschlag beschleunigte sich sofort. Hektisch versuchte sie etwas zu erkennen. Und dann flitzte ein silbernes, grässliches Wesen direkt vor ihrer Nase, hinter der Scheibe vorbei. Sie schreckte zurück.
„Ich glaub, das war ein kleiner Beilfisch“, sagte Abyss grin­send.
Gibbli setzte sich auf die Bank. Es war ein ganz normaler Tauchgang. In einer schrottreifen Tiefseekapsel. Wir sind Landmenschen, dachte sie. Landmenschen gehören nicht hier her. Obwohl Abyss da war, fühlte sie sich plötzlich alleine.
„3000 Meter“, sagte er nach einer Weile konzentriert.
Sie zitterte. Ob vor Angst oder wegen der Kälte, die sich in der Kapsel breitgemacht hatte, konnte sie nicht mehr genau sagen. Dann standen sie bei 3500.
„4200.“
Irgendwann bekam Gibbli kaum noch etwas mit, bis ein grässliches Knacken sie hochschrecken ließ.
„Alles gut“, rief er sofort. „Wenn man noch drüber nach­denken kann, was passiert ist, ist alles okay.“
Sie hätte ihn am liebsten erwürgt für diese Worte. Er war wahnsinnig! Wie konnte sie nur diesem Irren das Steuer über­lassen? Gibbli stand auf, schlang die Arme um sich und starrte auf die Anzeige. 5800 Meter. Das Thermometer zeigte Tem­peraturen nahe dem Gefrierpunkt an.
Nach ein paar Minuten traf einer der äußeren Lichtstrahlen der Tauchkapsel auf harten Fels.
„Ist das der Boden?“, flüsterte sie leise.
„6110 Meter. Was? Nein, das kann nicht sein.“ Stirnrun­zelnd drehte er an einem Schalter neben der Anzeige.
Ihr Atem beschleunigte sich. „Achtung, du kommst zu nah-“
Ein heftiger Ruck durchfuhr die Tauchkapsel und die bei­den wurden zu Boden geschleudert. Im selben Augenblick ging das Licht aus und Gibbli krachte mit den Schultern auf die Sitzbank hinter ihr. Sie hielt die Luft an, als der Boden noch einmal schwankte. Für ein paar Sekunden setzte ihr Herzschlag aus. Dann war alles still. Als würde sie sich plötz­lich im Nichts wiederfinden. Einsam und so alleine, wie nie zu­vor in ihrem Leben.
Nach ein paar Sekunden realisierten ihre Gedanken, dass sie noch immer dachten. Sie lebte! Und sie nahm einen tiefen Atemzug.
„Verdammt!“, erklang Abyss‘ Stimme von irgendwo neben dem Schaltpult aus her. Eine Weile lang hörte Gibbli nur noch, wie sie beide atmeten. Es war so schrecklich still, wie in einem Sarg unter der Erde. Dann zog er irgendetwas über den Bo­den. Eine Kiste, oder war er es selbst, wie er die Wand entlang schliff?
Es klickte und ein gleißender Lichtstrahl blendete sie. Er hielt seinen EAG in der Hand und der helle Bildschirm des kleinen Gerätes leuchtete durch die Kapsel.
„Bist du verletzt?“, fragte er mit rauer Stimme und kam auf sie zugekrochen.
„Ich denke nicht.“ Ihre Schulter tat weh, schien jedoch nicht gebrochen zu sein. Aber sie konnte sehen, dass Abyss an der Stirn blutete. Die rote Flüssigkeit rann ihm seitlich über das blasse Gesicht. Gleichzeitig kroch der Hass durch ihre Glieder. Er war schuld! Sie hätten umkehren sollen, als es noch mög­lich gewesen war!
Gibbli sprang auf, Richtung Schaltpult. Die Energiezufuhr war unterbrochen.
„Ich glaub, die Außenwand ist beschädigt“, flüsterte Abyss und versuchte auf die Beine zu kommen, während Gibbli schon dabei war, die Verdeckung des Pultes abzuschrauben.
Reparieren! Sie musste das reparieren! Reparieren! Bis auf diesen Gedanken schien ihr Kopf völlig leer gefegt. Sie schalte­te den Bildschirm ihres eigenen EAGs ein, um mehr sehen zu können und ging hastig die Schaltkreise durch. Sie fand ein­fach keinen Fehler.
Abyss trat jetzt neben sie. Sein Gesicht war blutverschmiert und er presste einen rot getränkten Stofffetzen gegen die Wunde.
Als sie schließlich verzweifelt gegen das Pult schlug, sprang die Konsole an. Endlich! Die Außenscheinwerfer flammten auf und strahlten nach unten in den Abgrund.
„Das ist nicht der Meeresboden“, sagte sie mit ängstlicher Stimme und aufgerissenen Augen. „Wir sind auf einen Fels­vorsprung getroffen.“ Sie prüfte die Anzeigen und wünschte sich im nächsten Moment, es nicht getan zu haben. „Es gibt einen Riss irgendwo in der äußeren Hülle. Er ist klein, aber in dieser Tiefe tödlich. Wir können dem Druck nicht mehr lange standhalten! Wenn der Riss sich vergrößert und das Material nicht mehr standhält, könnten wir implodieren. Selbst wenn es standhält, könnte es sein, dass irgendwann Wasser durchsi­ckert. Wir sterben.“
„Tun wir nicht“, sagte Abyss entschlossen und nahm das Steuer in die Hand. „Wir tauchen auf.“
Sie dachte kurz nach. Wenn der Druck sich zu schnell ver­ringern würde, könnte sich das negativ auf den Riss auswir­ken. Doch sie nickte. „Ganz langsam.“
„Okay.“ Er drückte einen Schalter, um die Magnetbahn zu verändern. Dann zog er die Kapsel nach oben. Nichts passier­te.
„Hoch!“, schrie Gibbli.
„Es bewegt sich nicht“, sagte er tonlos.
Dann veränderte sich die Lage der Wände. Alles wurde im­mer schiefer. Der Boden legte sich zur Seite, kippte um.
„Festhalten!“, rief Abyss noch.
Schon standen sie Kopf. Oben wurde zu unten. Sie über­schlugen sich. Alles lag plötzlich verkehrt herum. Die Kapsel drehte sich. Gibbli prallte mit dem Hinterkopf an die Sitze.
 
Ein Geräusch durchschnitt die Dunkelheit. So furchterregend, so fremdartig, wie sie es noch nie gehört hatte.
Gibbli schoss hoch. Die schwache Beleuchtung der Tauch­kapsel drang schmerzhaft in ihre Augen. Langsam gewöhnte sie sich an das Licht und die Umrisse einer riesigen Gestalt wurden vor ihr sichtbar. Wamm! Wamm! Wamm! Seine Hände hämmerten gegen das Schaltpult.
„Abyss“, flüsterte sie. Ihr war schwindlig.
Er drehte sich hastig um. „Keine Sorge, ich… hab alles im Griff!“, sagte er wenig überzeugend. Gibbli erkannte etwas Ro­tes an seiner Stirn, doch schon verschwamm sein Gesicht wie­der.
Im nächsten Augenblick stand er in der Nähe der Luftfilter, mit einem kleinen Feuerlöscher in der Hand, der einen damp­fenden Strahl ausstob.
„Scheiße! Alles gut!“, rief Abyss. „Also… das wird wieder.“
„Was?“, murmelte Gibbli und wurde wieder ohnmächtig.
Einen Moment später schlug sie die Augen erneut auf.
„Hey.“ Er beuge sich zu ihr nach unten. Sein Gesicht wirkte noch blasser als sonst, fast wie das einer Leiche. Am liebsten hätte sie ihn aufgeschlitzt, aber die Wunde an seinem Kopf sah schon übel genug aus. Ein Teil davon hatte sich dunkelrot verfärbt und das verwischte Blut bildete schauerliche Schatten auf seiner Haut. „6431 Meter“, sagte er. Sie kam nicht umhin zu bemerken, dass etwas Stolz in seiner Stimme mitschwang.
Dieser verdammte Idiot! Gibbli versuchte sich aufzurichten. Es war bitterkalt. Alles um sie herum schien sich zu drehen. Sie stützte sich an der Wand ab. Nach ein paar Sekunden realisierte sie, dass es nicht die Wand war, an der sie sich fest­hielt, sondern der Boden. Sie versuchte sich zu orientieren und erblickte wieder Abyss vor sich. Er versperrte ihr die Sicht auf die restliche Kapsel.
„Du musst jetzt klar denken, ich hab das Phasendiagramm von Sauerstoff nicht im Kopf. Es geht um die Festluftkugeln. Was würde passieren, wenn wir eine davon hier drin öffnen?“
Sie sah ihn verwirrt an. Wozu brauchte er die Festluftku­geln? War er verrückt? „Du hast keine Ahnung von Technik oder?“, fragte sie bissig.
„Nein“, antwortete er knapp. Gibbli hätte erwartet, dass er sie anschrie. Er wirkte gehetzt, versuchte aber ruhig zu bleiben.
„Die Festlufkugeln sind für das U-Boot gedacht, für den Fall, dass dort kein Sauerstoff mehr existiert. Wenn du eine hier drin öffnest, würde uns der Druck auf der Stelle töten“, brachte sie mit zusammen gebissenen Zähnen hervor.
Er nickte, bückte sich und begann in den Gegenständen zu wühlen, die sich in der gesamten Kapsel verteilt hatten.
Sofort wurde sie sich des Sichtfensters hinter ihm bewusst. Nicht die Tatsache, dass es teilweise im Sand des Meeresbo­dens vergraben war, ließ ihr das Blut in den Adern gefrieren, sondern ein dicker, fetter Riss, der sich quer über die halbe Scheibe zog.
„Die Hülle bricht!“, schrie Gibbli entsetzt.
„Tut sie nicht“, sagte er grimmig und schien endlich gefun­den zu haben, wonach er suchte. Es war die Karte. Dieses blö­de Metallstück! Was wollte er jetzt noch damit?
„Es ist deine Schuld. Du hast gesagt kein Wasser“, wisperte sie. Dann begann sie zu schreien und es war, als würde all die Wut herausbrechen, die sich in den letzten Jahren in ihr angestaut hatte.. „ES IST DEINE SCHULD! DU MONSTER! DU BIST EIN LÜGNER! IDIOT! DU DRECKGESICHT! ICH HASSE DICH! DU…“ Er schwieg, bis ihr keine Schimpfwörter mehr einfielen. „Und warum trägst du eigentlich keinen Tauch­anzug?“, fragte sie wütend, als ihr auffiel, dass er immer noch seinen langen Mantel trug.
Abyss deutete auf ein kugelförmiges Objekt hinter ihr. „Darum.“
Gibbli nahm es hoch und schnappte entsetzt nach Luft. Es handelte sich um einen der beiden Taucherhelme. Zerbrochen. Vorne am Visier war ein großer Teil abgesplittert.
„Wir sterben!“, flüsterte sie entsetzt.
„Der andere ist noch heil.“
„Aber du-“, sie brach ab. Eine Bewegung hinter ihm erregte ihre Aufmerksamkeit. Sie kroch an ihm vorbei vor die Sichtscheibe. Der obere Bereich, der nicht von Sand bedeckt war, zeigte ein Stück des Bodens. Der Riss an der Scheibe schien dem Druck gerade noch standzuhalten. Etwas Golde­nes blitzte in der Ferne auf. Was sie dann sah, war unglaub­lich. So unvorstellbar, dass sie für einen kurzen Moment sogar ihre Wut auf ihn vergaß.
„Abyss, da draußen ist es! Das U-Boot! Ich kann die Schleuse sehen! Es liegt halb vergraben im Meeresboden.“
„Ich weiß“, sagte er leise und starrte nach draußen. „So kurz vorm Ziel. Diese alte Schrottkiste hat es tatsächlich bis hier her geschafft.“
Er drückte ihr die Karte in die Hand, drehte sich um und hockte sich neben sie. Seinen Blick weg vom Fenster gerichtet, starrte er gegen die gegenüberliegende Wand. Mit einer Hand hinter seinem Rücken befestigte er ein Gerät an der Scheibe. Sie konnte nicht erkennen, was es war. Gibbli fragte sich, was sie mit dem alten Metallstück sollte. Aber es strahlte eine an­genehme Wärme aus und machte ihre knackenden Finger wieder etwas beweglicher. Gleichzeitig wurden ihre Kopf­schmerzen langsam stärker.
Schlagartig ließ sie das unheimliche Geräusch wieder zu­sammenfahren. Es hörte sich an, als würde ein riesiges Seeun­geheuer brüllen, ähnlich wie das Tröten eines Elefanten.
Abyss ignorierte es. Er starrte noch immer auf die Wand gegenüber.
„Einer von uns kann überleben“, sagte er schließlich.
Nach seinen Worten herrschte eine gespenstische Stille. Gibbli sah ihn an, doch er blickte nicht zurück.
Müde ließ er den Kopf ein wenig sinken. „Versprich mir, dass du öfter lachst. Für mich, okay?“
„Lachen?“ Sie drehte sich wieder um zum Fenster. Was hatte er da eben gesagt?
„Wir fluten die Kapsel. Kontrolliert. Du nimmst diese Karte, tauchst hinüber zum U-Boot und versuchst es zu bergen.“
Meinte er das wirklich ernst? „Ich tauche nicht.“ Gibbli ball­te die Fäuste.
Abyss lachte laut auf. Er drehte langsam seinen Kopf zu ihr. Seine Erschöpfung stand ihm ins Gesicht geschrieben. „Ich biete dir… verdammt noch mal gerade an… mich für dich zu opfern!“ Und jetzt lachte er gar nicht mehr und sein Gesicht wandelte sich zu einer bedrohlichen Fratze „Du. Wirst. Tau­chen!“
Gibbli wich vor ihm zurück. Hätte sie nicht einfach be­wusstlos bleiben können? Sie wollte nicht daran denken, sie wollte nicht, sie konnte nicht… Wieder bewegte sich etwas au­ßerhalb der Kapsel und erneut durchdrang das unheimliche Geräusch ihren ganzen Körper. Sie kämpfte einen weiteren Schwindelanfall nieder. Ein grünes Wesen flitzte vor dem Sichtfenster vorbei und Gibbli sah gerade noch zwei Schwanz­flossen um die Ecke verschwinden.
„Was ist das?“, fragte sie, um sich selbst abzulenken.
„Hochseemenschen. Die werden uns nicht helfen“, antwor­tete Abyss mit rauer Stimme.
„Du kannst sie verstehen?“
Er grinste. Wie konnte er in so einer Situation nur grinsen? „Der Mönch erforschte die Kulturen von fremden Völkern. Er hat mich unterrichtet. Ich kenne viele Sprachen.“
„Und was sagen sie?“
„Verschwindet, die Wächter wollen euch hier nicht. Lasst das U-Boot hier. Bla bla. Sie helfen uns nicht.“
„Die Wächter?“
„Nachkommen der Oceaner. Es gibt angeblich nur noch wenige von ihnen. Niemand weiß genau wie sie aussehen. Setz den Helm auf, Gibbli.“
„Das da draußen waren Oceaner?“, fragte sie und versuch­te mehr Zeit zu gewinnen. Es musste eine andere Möglichkeit geben. Sie konnte, sie durfte nicht tauchen!
„Nein. Ich sagte dir schon, stink normale Hochseemen­schen.“ Er nahm ihr die Metallkarte wieder aus der Hand.
„Also stehen die Wassermenschen mit den Wächtern in Verbindung?“
„Ist mir egal.“ Er starrte sie düster an.
„Wenn wir ihr U-Boot stehlen, werden die Wächter dann nicht böse?“, fragte sie vorsichtig.
„Die Wächter sind gar nicht hier.“ Mit zusammengebisse­nen Zähnen hob er das Metallstück in die Luft. „Sie bewa­chen… Ocea.“
Beim letzten Wort rammte er die Karte mitten auf den Riss in die Scheibe.
„WAS TUST DU DA?“ Er war wahnsinnig! Er tötete sie! Ihre Augen füllten sich mit Tränen, als sie das Wasser eindringen sah. Nur ein dünner Strahl. Doch das reichte schon. Das Stück oceanischer Technologie steckte mitten im Sichtfenster. Wenn sie es herausziehen würde, würde ihr das halbe Meer entgegen kommen. Und jetzt erkannte sie auch das Gerät, das Abyss an der Scheibe befestigt hatte. Es war ein Stabilisa­tor, der eine Art Kraftfeld aufbaute, um die Scheibe zu ver­stärken und ein implodieren der Tauchkapsel, sowie ein zu schnelles Eindringen von Wasser, zu verhindern. Die Feldstär­ke reichte jedoch gerade nicht aus, um das kleine Rinnsal zu stoppen, welches jetzt durch den Riss in der Scheibe drang. Diese Stabilisatoren waren verdammt selten! Wo hatte er den wohl her? Hatte dieser wahnsinnige Mistkerl etwa geplant, dass das hier passierte? Am Boden bildeten sich die ersten Pfützen. Dieser Idiot hatte von Anfang an vorgehabt, die gesamte Kapsel zu fluten!
„Der blöde Luftfilter ist verschmort“, sagte Abyss müde. „Ich wollt’s dir nicht sagen. In ein paar Minuten wären wir beide erstickt.“
Gibbli sah ihn nicht an. Sie stand einfach da und das Was­ser stieg. Durchtränkte seinen Mantel. Bahnte sich einen Weg um ihre Stiefel herum. Es fühlte sich eisig an, als würde es ihre Füße am Boden festfrieren.
Sie schwieg.
Er schwieg ebenfalls.
Wir sind tot, dachte sie immer wieder. Irgendwann zog sich Abyss hoch. Sie nahm ihn gar nicht mehr richtig wahr. So viel Wasser. Zu viel Wasser! Gleich würde es ihr bis an die Knie rei­chen. Er nahm den noch intakten Taucherhelm von der Sitz­bank, der jetzt drohte unterzugehen. Sie spürte, wie seine großen Hände ihn über ihren Kopf zogen. Er drückte einen Knopf am Kragen und der Helm rastete ein.
„Tot“, flüsterte Gibbli. Es war seine Schuld. Und dennoch wollte sie nicht, dass er starb. Außerdem konnte sie nicht tau­chen. Er hatte es ihr doch gesagt, er hatte gesagt kein Wasser! Kein Wasser! Wasser!

Dir gefällt diese Geschichte und du möchtest das Buch auch in deinem Regal stehen haben? Unterstütze mich und kaufe jetzt die Druckversion auf Amazon: Bis in die tiefsten Ozeane

Ich freue mich außerdem über jeden Pieps deiner Anwesenheit hier. Schreib mir doch einen Kommentar. Was denkst du gerade?

Kapitel 9: Eine Nacht in Noko (Bis in die tiefsten Ozeane)

Als die erste Unterwasserstadt hatte man Noko nahe der Küste erbaut. Durch die geringe Tiefe des Wassers, drang viel Licht hinein und erweckte den Eindruck von bunten, farben­frohen Gebilden. Sie lag an einem großen Riss, der sich als lan­ger Graben am Meeresgrund entlang zog. Durch die Nähe zur Oberfläche hatten sich hier nach und nach immer mehr Landmenschen versammelt. Die Stadt war gewachsen und zu einem der Haupthandelsplätze unter dem Meer geworden. Die Menschen hier lebten in durchsichtigen Röhren, welche die verschiedenen Behausungen und Einrichtungen verbanden. Man konnte darin sogar radfahren. Es gab mehrere Plätze, überdacht mit Kuppeln aus dickem, gehärtetem Glas. Einer dieser Plätze schloss nahtlos an den Bahnhof des MA-Express an. Über ihn gelangten die Menschen aus dem Mee­resexpress direkt auf den größten Markt der Stadt.

„Das ist so überwältigend!“, schwärmte Bo, als sie mit Sky über den Platz spazierte. Sie war sich sicher, diese Stadt würde nach Seetang und frischen Meeresfrüchten riechen. Fast konnte sie den herrlichen Duft in ihrer Nase spüren.
„Setz die Kapuze auf!“, ermahnte Sky sie und ließ seinen Blick grimmig über die Menge schweifen.
Bo streifte sich die Kapuze des Kleides über den Kopf. Stimmt, sie erinnerte sich an seine Worte, dass hier nur Land­menschen erlaubt waren. Doch in der Menge fiel Bo gar nicht groß auf. Händler und Bewohner der Stadt hatten kreuz und quer über den ganzen Platz verteilt ihre Läden aufgeschlagen und boten Waren aller Art an. Es gab verschiedenste Nah­rungsmittel, sogar frisches Obst. Überall standen kleine Ma­schinen herum und technische Spielereien, die von den Verkäufern als bahnbrechend angepriesen wurden. Begeistert versuchte Bo so viele Eindrücke wie möglich zu erhaschen.
„Hier finden wir ihn nicht“, stellte Sky fest, während sie an einer älteren Frau vorbei gingen, die sich bei einem Verkäufer lauthals über einen überteuerten Wasserentsalzer beschwerte.
Das Gerät sah aus wie ein großer Trinkbecher aus Metall mit kleinen grünen Lichtern an der Außenseite. Bo blieb stehen und betrachtete es neugierig.
Sky packte ihren Arm und zog sie weiter. „Komm schon. Wir müssen hier weg“, sagte er ruhig. „Zwei Röhren von hier liegt ein Hotel.“
„Aber sollen wir nicht nach Abyss suchen?“
„Nein. Heute wird das nichts mehr. Irgendetwas stimmt hier nicht.“
Sie schlängelten sich zwischen den Ständen hindurch. Bo hielt ihr Ocea-Buch fest in Händen, damit es in der Menge nicht abhanden kam. Sie hatte längst den Überblick verloren und am liebsten wäre sie hier geblieben, um all die interessan­ten Gegenstände zu betrachten, die es hier gab.
Ein Stand zum Beispiel war vollgestopft mit Behältern und Fläschchen. Bo wollte näher treten, um die Aufschrift einer Flasche mit grell roter Flüssigkeit zu lesen, als sie unerwartet Skys Hände spürte. Mit einem kräftigen Ruck riss er sie zur Seite. Gerade noch rechtzeitig! Beinahe wäre sie direkt in einen Mann gekracht. Er war genauso gekleidet, wie die Soldaten im Zug, die diesen Steven abgeführt hatten.
„Ungewöhnlich viele Soldaten hier“, murmelte Sky und blickte ihm nachdenklich hinterher.
 
Nach ein paar Minuten erreichten sie eine der vielen Röhren, welche vom Hauptplatz am Bahnhof aus wegführten. Sie war nur einige Meter breit.
„Aus dem Weg!“, rief ein Mann, der gerade aus der Röhre kam und schubste Bo so heftig zur Seite, dass sie stürzte. Während sie wieder aufstand, hatte Sky ihn schon mit einer Hand am Hals gepackt. Er drückte den Mann nach oben, so­dass nur noch die Spitzen seiner Kampfstiefel den Boden be­rührten. Es war einer der Soldaten.
„Was soll das? Loslassen!“, schrie er und versuchte Skys Hand weg zu drücken, vergeblich.
„So spricht man nicht mit einem Vorgesetzten“, sagte Sky ruhig.
Das war schlau von ihm es so auszudrücken, dachte Bo. Sky verriet damit nicht, dass er kein Vorgesetzter mehr für ihn war. Bo kam neugierig näher und erweckte damit die Auf­merksamkeit des Soldaten. Als sein Blick auf sie fiel, verzog er sein Gesicht.
„VERBOTENE PERS-“
Sky hielt ihm den Mund zu.
Eine Frau, mit einer großen Einkaufstasche um ihren Arm geschlungen, zog einen kleinen Jungen, an ihrer anderen Hand, schnell weiter. Sie machte einen großen Bogen um die drei, um dann in der Menge am Marktplatz zu verschwinden.
„Sie gehört zu mir“, sagte Sky mit tiefer Stimme. Der Mann fing an zu zappeln. Eine Gruppe von neugierigen Menschen blieb in einigem Abstand zu ihnen stehen und sah tuschelnd zu ihnen herüber.
„Oh, Sky, schau mal, die Leute starren uns an“, sagte Bo fröhlich.
Der Soldat hielt inne und seine Augen wurden groß. „Du bist… Du…“, stotterte er und entsetzt starrte er Sky an, der ihn jetzt scheinbar angeekelt losließ. Zitternd verbeugte sich der Soldat. „Flottenführer Sky! Ich bitte um Verzeihung.“
Sky reagierte nicht darauf und sah ihn berechnend an.
„Sir“, er blickte zu Bo „Sie ist… also sie-“
„-geht dich nichts an“, vollendete Sky den Satz. „Ignoriere sie, wenn du deine Gedärme behalten willst.“ So ruhig wie er das sagte, hörte es sich an, als gäbe es keinen Zweifel, dass er es ernst meinte.
„Das klingt ziemlich böse“, sagte Bo empört, doch keiner der beiden Männer beachtete sie.
„Ich verlange Auskunft!“, befahl Sky dem Soldaten, der so­fort salutierte.
„Sir, wir sind einem Entführer auf der Spur. Wir suchen ein 14-jähriges Kind. Laut unseren Informationen sollte der Ent­führer heute oder morgen mit dem Meeresexpress hier an­kommen.“
Sky nickte. „Verschwinde.“
Und der Soldat rannte weiter Richtung Bahnhof, wo er in der großen Menschenmasse am Hauptplatz untertauchte.
„Also deswegen sind hier so viele Soldaten“, sagte Bo, neu­gierig mehr darüber zu erfahren. Leider schien Sky diese Ge­schichte nicht zu interessieren.
„Mein Rauswurf hat sich noch nicht herum gesprochen“, sagte er und sie wandten sich in die entgegengesetzte Rich­tung, hinein in den Tunnel. „Und was noch wichtiger ist, sie haben noch nicht bemerkt, dass ich die Karte mitnahm. Das ist gut.“
Bo blickte neugierig zurück zum Marktplatz und versuchte dann mit Sky Schritt zu halten.
„All die Mühe sie zu finden. Und jetzt hat sie dieser Abyss. Ich frage mich, was er in Ocea will“, überlegt er laut.
„Er hat von einem Dolch gesprochen“, sagte Bo und ver­suchte sich an das Gespräch mit ihm im Zug zu erinnern.
„Gute Dolche gibt es überall. Aber vielleicht denkt er, ein oceanischer Dolch sei besser. Kein Wunder, in dieser Techno­logie steckt so viel Macht.“
„Warum möchtest du Ocea finden? Gibt es dort Schätze?“, fragte sie voller Neugier.
„Nein. Ich…“, er zögerte kurz, „…möchte beweisen, dass ich Recht habe. Es ist nicht fair, dass sie mich rauswarfen. Ocea­nische Technologie könnte hilfreich sein. Ich finde es falsch, sie zu verbieten. Viele Leute sehen sie als etwas Böses an. Aber das ist sie nicht. Es kommt immer darauf an, wie man sie ein­setzt.“
Bo nickte erfreut.
„Die Gerechtigkeit siegt immer“, murmelte Sky und sie bo­gen in eine angrenzende Röhre ein.
Je weiter sie sich vom Hauptplatz entfernten, desto ruhiger wurde es. Wenn Sam sie jetzt nur sehen könnte, dachte Bo und wieder kamen ihr Zweifel, ob sie wirklich noch lebte. Aber sie musste einfach und irgendwann würde sie ihre Halb­schwester finden. Sicherlich würde Sam auch nach ihr suchen. Bo konnte es kaum glauben, dass sie sich tatsächlich in einer richtigen Unterwasserstadt befand. So, wie sie es sich immer erträumt hatte!
„Wir brauchen unbedingt die Karte wieder“, sagte Sky
„Weißt du nicht schon längst wo sie hinführt?“
„Ja. Nur diese Information alleine bringt uns nichts. Es ist nicht nur eine Karte, Bo. Es ist…“
 
„…ein Mechanismus“, erklärte Abyss ein paar hundert Meter weiter. „Sag mal, hörst du mir überhaupt zu?“, fragte er Gibbli, die verträumt auf das Wasser vor ihnen blickte.
Sie befanden sich in einem still gelegten Hafen. Dabei han­delte es sich um eine alte Tauchstelle mit verrosteten U-Boo­ten, die nicht mehr funktionierten und Bergen von Schrott. Hier wirkte alles düster und dreckig, nicht so farbenfroh, wie die anderen Teile der Stadt. Aber jede Stadt besaß so seine Viertel, über die man nicht gerne sprach.
„Der Schlüssel für das U-Boot?“, fragte Gibbli und versuch­te die Hybridenfrau aus ihrem Kopf zu verdrängen.
Mittlerweile war ihr auch klar, um wen es sich bei dem An­deren handelte. Er war kein geringerer, als dieser Flottenführer Sky höchst persönlich. Ex-Flottenführer. Sie scheuchte auch die Gedanken an ihn zur Seite und betrachtete misstrauisch die Tauchkapsel. Das kugelförmige Ding lag halb im Wasser und schaukelte leicht hin und her.
„So was in der Art. Hier.“ Abyss stellte einen Behälter voller Ersatzteile vor ihr ab, die er von den umliegenden Booten ein­gesammelt hatte. „Denkst du, du kriegst das alte Ding wieder flott?“
Das alte Ding, wie Abyss es nannte, war mehr eine Schrottkiste. Die rostfreie Metallbeschichtung schien an eini­gen Stellen aufgeplatzt. Ein Teil der freigelegten Oberfläche wirkte etwas mitgenommen und hatte sich leicht kupfern ver­färbt.
„Klar“, sagte Gibbli und fing an, die Tauchkapsel genauer zu untersuchen. „Die Frage ist nur, ob sie stabil bleibt. Steht auf der Karte etwas über das U-Boot? Wie weit wir nach un­ten müssen?“
„Nein. Aber auf der Karte steht, dass man damit den Han­gar des U-Bootes öffnet.“
„Das ist alles?“, fragte sie entrüstet. Wie konnte man nur so wenig vorbereitet sein? „Wir müssen wissen, wie man dort andockt und wie lange es schon dort unten liegt. Was, wenn es im Boden feststeckt? Und es kann sein, dass es geflutet wurde!“ Für Gibbli schien eine Bergung aussichtslos, unmög­lich, nicht mit dieser Ausrüstung.
„Das heißt, wir brauchen Festluftkugeln“, stellte Abyss schulterzuckend fest.
„Weißt du wie teuer die sind? Und wie gefährlich?“
„Lass das meine Sorge sein, Gibbli. Ich besorg uns welche.“ Er kramte in seinem Mantel und zog zwei EAGs hervor.
„Die hast du doch nicht gestohlen, oder?“, fragte Gibbli misstrauisch.
Vorwurfsvoll sah er sie an. „Was denkst du von mir? Das ist meiner und der hier gehört dem Mönch.“
„Und weiß er, dass du seinen EAG hast?“
„Ach, dieses alte Großmaul braucht das viele Geld ja eh nicht“, wich er ihrer Frage aus.
Und bevor sie ihn aufhalten konnte, schritt er durch den verlassenen Hafen zu einem der Verbindungsrohre. Dieser Mann würde für ihren Tod sorgen, da war sich Gibbli sicher.
„Dann bring auch gleich ein paar Neodym-Magnete mit!“, rief sie ihm nach.
Schließlich mussten sie die kugelförmigen Flaschen ja ir­gendwie befestigen. Es war viel zu gefährlich, sie ins Innere der Kapsel mit hinein zu nehmen. Dann machte sie sich an die Ar­beit. Diese Gegend war ihr unheimlich, aber das Herumschrau­ben an der Tauchkapsel würde sie ablenken.
 
Das Deep Golden Sea Hotel lag an einer kleinen Röhre, die von einer der Hauptröhren abzweigte. Innen wirkte es sehr ge­hoben und die gepolsterten Sessel im Wartebereich machten einen bequemen Eindruck. Begeistert betrachtete Bo eine hohe, durchsichtige Pflanze neben der Rezeption. Es brizzelte ein wenig, als sie eine Hand mitten hindurch steckte. Das Ge­wächs war nicht echt, nur ein Abbild.
Hinter der Theke der Rezeption stand eine lächelnde Frau mit langem Hals. Sie trug teuer aussehende Ohrringe und ihre spitze Nase war auf einen Bildschirm vertieft. Währenddessen tippte sie etwas in eine, auf den Tisch projizierte, Tastatur.
„Eine Nacht für mich und meine Begleiterin“, forderte Sky.
Die Rezeptionsdame hob den Kopf. Als sie Bo erblickte, wandelte sich ihr Gesichtsausdruck. „Nein“, sagte sie kalt. „Ich möchte keinen Ärger.“
Sky zog ein quadratisches Gerät aus einer seiner Taschen und legte es auf die Theke. Bo erkannte sein Gesicht auf dem Bildschirm. Darunter stand Skarabäus Sky sowie einige weite­re Informationen über ihn. Bevor Bo sie lesen konnte, nahm die Rezeptionsdame das Gerät und steckte es in einen kleinen Schlitz, der über ihr angebracht war. Ein durchsichtiger Bild­schirm erschien mitten über der Theke in der Luft. Beeindruckt betrachtete Bo die leuchtend blauen Buchstaben, die vor ihr hin und her flogen. So etwas gab es an Land nicht.
„Oh!“ Die Augen der Rezeptionsdame weiteten sich rasant.
Sie tippte kurz etwas in ihre Tastatur, dann zog sie Skys Gerät, das offensichtlich eine Art Ausweis darstellte, aus dem Schlitz und der durchsichtige Bildschirm erlosch. Er steckte es zurück in seine Umschnalltaschen.
„Ich bitte vielmals um Entschuldigung, Mr. Sky. Wir sind hier auf so hohen Besuch nicht vorbereitet. Willkommen an Bord. Zimmer 8 ist frei.“
 
„Steht das nicht einmal in ihrem Computer, dass du gefeuert wurdest?“, fragte Bo leise, während ein Aufzug die beiden eine Ebene nach oben brachte.
„Natürlich nicht. Der oberste militärische Leiter kontaktiert sicher kein kleines Hotel einer fremden Stadt, nur um ihnen das mitzuteilen. Irgendwann in den nächsten Tagen werden sie es ganz groß in der Zeitung bringen. Bis dahin sind wir längst weg.“
Aufgeregt betrat Bo das Hotelzimmer. Die Schiebetür hin­ter ihnen schloss sich automatisch. Es war hell und freundlich eingerichtet. Eine Mischung aus moderner Technik, Stuck und Polstermöbeln. Auf einer Seite des Raumes stand ein runder Tisch mit zwei altmodischen Ohrensesseln. Auf der anderen Seite befand sich ein großes Aquarium, in das ein Rohr aus der Decke führte. Bis zum oberen Rand hin mit Wasser ge­füllt, war es ansonsten vollkommen leer. Außerdem gab es zwei bequeme Liegeflächen und zwei Metalltüren in der Wand. Eine davon entpuppte sich als Kleiderschrank, die an­dere führte ins Badezimmer.
„Ich will am Fenster schlafen!“ rief Bo und rannte zu der großen Scheibe, vor der sich eine der Liegeflächen befand. Es bot einen herrlichen Ausblick über einen Teil der Stadt Noko.
Fasziniert betrachtete Bo einen kleinen Schwarm Fische, während Sky seine Umschnalltaschen ablegte. Als Bo sich umdrehte, zog er gerade den becherförmigen Wasserentsalzer hervor, den sie schon am Markt gesehen hatte.
„Oh, du hast ihn gekauft?“
„Nein. Ich gebe ihn zurück“, murmelte Sky genervt.
„Ich hab gar nicht gemerkt, wie du das Gerät mitgenom­men hast.“
„Ich auch nicht“, sagte Sky und warf es auf den runden Tisch, während Bo schon weiter das Zimmer erkundete.
Die nächste Überraschung erlebte sie im Kleiderschrank. Bo drückte auf den Knopf und die Schiebetüren des Schrankes fuhren langsam auf beide Seiten auf. Es war mehr ein Kleider­geschäft, als ein Kleiderschrank. Darin befand sich ein Holo­gramm von einer ledernen Hose. Hell leuchtend und halb durchsichtig schwebte sie mitten im Hohlraum des Schrankin­neren. Bo glitt mit ihrer Hand hindurch und das Hologramm zerbröselte an den Stellen, an denen sie es berührte, um sich sofort wieder aufzubauen.
„Such dir etwas davon aus. Ich bezahle es“, befahl Sky. „So wie du herumläufst, erregen wir zu viel Aufmerksamkeit.“
Neugierig machte sich Bo an den Knöpfen zu schaffen und schob einen Regler zur Seite ‚Weiblich‘ stand jetzt in dem klei­nen Feld daneben. Die lederne Hose hatte sich in ihrer Form verändert und war jetzt vom Schnitt her für Frauen ange­passt. Man konnte alles Mögliche einstellen, wie etwa Größe, Form, Material und Farben. Schnell fand Bo Spaß daran, die lustigsten Kleidungsstücke zu erschaffen.
 
„So sind wir doch gleich viel unsichtbarer“, murmelte Sky eini­ge Stunden später und blickte düster auf das neongelbe Rü­schenkleid, das Bo trug. Sie saßen in den bequemen Ohrenses­seln am runden Tisch und hatten sich Essen ins Zimmer kom­men lassen.
„Ich such mir noch etwas anderes. Nur die Farbe wirkt so leuchtend und kräftig!“, schwärmte Bo und zog das Kleid zu­recht. „Findest du nicht? Im Krankenhaus war alles immer langweilig weiß.“
Sky legte seine Gabel beiseite. „Zeig mir das Buch.“
Bo sprang auf und holte es von ihrem Bett. Der goldene Ocea-Schriftzug über dem Bild der Stadt schien noch mehr zu leuchten als sonst.
Während Sky anfing auf die Pfeiltasten zu drücken, um in den darin enthaltenen Texten zu stöbern, machte sich Bo über einen Teller grüner Seetangnudeln her.
„Du kannst es nicht lesen, oder?“, fragte sie nach einer Weile.
„Nein. Wie ich bereits sagte, nur ein paar einzelne Worte.“ Er ließ sich die nächste Seite anzeigen und betrachtete in­teressiert ein Bild. „Das Marahang.“
„Oh! Jetzt erinnere ich mich, es ist ja da drin! Ich wusste, es kam mir bekannt vor!“, rief Bo aufgeregt und fasste sich an die Brust, wo sich das Gerät befand.
Es fühlte sich langsam wie ein Teil von ihr an und sie spür­te die Bewegung im Inneren. Was immer es auch war, was sich darin bewegte, es hatte sich scheinbar an ihren Atem ange­passt. Wenn sie anfing schneller zu atmen, fuhr das Ding auch schneller im Kreis herum.
„Pass gut darauf auf. Wir werden es noch brauchen“, sagte Sky.
„Natürlich. Nox sagte, es hält mich am Leben.“
„Das tut es. Das tut es…“
 
Am späten Abend saß Bo gähnend auf ihrem Bett. Doch sie kämpfte mit aller Kraft gegen den Schlaf an und beobachtete fasziniert einen riesigen Walhai. Ihr war nicht klar gewesen, dass diese Tiere so groß werden konnten! Auf Bildern sahen sie komplett anders aus. Müde folgte ihr Blick einer Gruppe kleiner Fische direkt vor ihrem Fenster. Sky schlief schon. Je­denfalls sah es so aus. Seine undurchsichtige Brille lag auf dem Tisch. Bo war überrascht gewesen, als sie erfahren hatte, was sich dahinter befand. Statt seinen Augäpfeln trug er schwarze Kugeln in den Höhlen, die sich als Implantate ent­puppt hatten. Das Gewebe um seine Augen herum sah fürch­terlich vernarbt aus. Wenn er seine Augen schloss, ging es noch. Sobald er sie öffnete, wirkten sie richtig bedrohlich. Als Bo gefragt hatte, was mit seinen Augen passiert war, hatte er nur knapp geantwortet: „Herausgerissen.“ Sie hatte über sei­nen Scherz gelacht und nicht weiter nachgefragt.
„Ich vermisse dich so“, flüsterte Bo leise in die Dunkelheit. Sie wollte es gar nicht laut sagen. Aber Sky rührte sich ohne­hin nicht. Der Fischschwarm vor dem Fenster löste sich kurz auf, um sich dann wieder zusammen zu finden. Ich darf nicht traurig sein, dachte Bo und zwang ihren Mund zu einem Grin­sen. Es sah bestimmt grässlich aus, sie musste das üben. Sie musste jetzt immer fröhlich sein, Sam hatte das gesagt. Immer lachen.

Dir gefällt diese Geschichte und du möchtest das Buch auch in deinem Regal stehen haben? Unterstütze mich und kaufe jetzt die Druckversion auf Amazon: Bis in die tiefsten Ozeane

Ich freue mich außerdem über jeden Pieps deiner Anwesenheit hier. Schreib mir doch einen Kommentar. Was denkst du gerade?

Kapitel 8: Im Meeresexpress (Bis in die tiefsten Ozeane)

Als Bo die Augen öffnete, fiel ihr als erstes auf, dass sie das Ocea-Buch in Händen hielt. Ihr Bruder hatte es tatsächlich mitgenommen! Erleichtert drückte sie die runde Platte fest an sich.
Gebettet auf weichen, hellblauen Polstern lag sie da. Luft umgab Bo’s Körper, kein Wasser mehr und es war etwas eng. Sie konnte sich kaum aufsetzen, denn die Decke lag direkt über ihr. Trotzdem wirkte alles bequem und gemütlich. Bo fühlte sich fit. Nicht mehr schwach, sondern richtig lebendig! Sie nahm einen tiefen Atemzug und die Luft kroch durch ihre Lungen. Es tat gar nicht mehr weh, so wie sonst.
Sie hörte Stimmen unter sich und ein leises Geräusch drang an ihr Ohr. Es klang wie ein dumpfes, durchgehendes Surren, kaum hörbar. Bo schloss daraus, dass sie sich bewegte.
Etwas stimmte nicht mit Nox, dachte sie plötzlich wieder. Irgendetwas war falsch an seinen Worten. Sie kam einfach nicht drauf.
Bo drehte sich auf den Bauch und rutschte ein Stück nach vorne, um hinab sehen zu können. An dem großen Fenster auf der Seite zog eine herrliche Unterwasserlandschaft vorbei. Tausendmal schöner, als all die Bilder, die sie je gesehen hatte! Ein paar Fische versuchten mit ihnen mitzuhalten. Auf dem Tisch unter ihr stand eine halb volle Bierflasche.
Zwei Männer saßen sich auf hellblau gepolsterten Bänken gegenüber. Einer trug eine Art Uniform. Ein glänzendes Abzei­chen in Form einer Sonne prangte auf seiner Brust und trotz den schwarzen Dreadlocks mit Undercut, wirkte er sehr förm­lich. Eine undurchsichtige, schwarze Brille mit runden Gläsern bedeckte seine Augen. Neben ihm lagen seine beiden Um­schnalltaschen auf der Bank. Für einen Landmenschen schätzte Bo ihn auf etwa 40 Jahre, doch so genau konnte sie das nicht festlegen. Der andere Mann wirkte jünger und war etwas größer. Er trug einen bodenlangen Mantel und seine langen blonden Haare umrahmten ein blasses Gesicht, das Bo direkt angrinste.
„Hallo“, sagte er freundlich.
„Wo bin ich?“, fragte Bo ihn neugierig.
Der blonde Mann mit dem langen Mantel wollte etwas sa­gen, doch der andere blickte jetzt zu ihr hoch und begann un­deutlich zu sprechen. „UE, führidekt bisan dOberfläche.“
„UE? Was ist das?“
„Unterwasserexpress“, antwortete der Mann mit dem blas­sen Gesicht. „Oder auch MA-Express. Er fährt von der Mee­resakademie durch viele Unterwasserstädte, bis zur Küste und wieder zurück. Wer zum Guglhupf bist du, dass du das nicht weißt?“
„Ich bin Bo.“
„Ich kennich keine Bo. Warsu aufer Akademie?“, lallte der andere wieder.
„Nein. Die wollen mich da nicht aufnehmen, hat Mum ge­sagt“, antwortete sie.
„Bo, du bist mir sympathisch“, sagte jetzt der blonde Mann. Irgendwie wirkte er etwas skrupellos, doch Bo hatte ihn sofort ins Herz geschlossen.
„Eigentlich heiße ich Bothilda Bamba“, sagte sie. „Aber Bo ist viel praktischer.“
„Isjan komischa Name. Allesit komisch.“ Bo fiel es schwer dem schwarzhaarigen Mann mit den undurchsichtigen Bril­lengläsern zu folgen.
„Betrunken. Von einer halben Flasche! Er verträgt nicht viel“, flüsterte der Andere entschuldigend und hielt ihr seine Hand hin. „Ich bin übrigens Abyss.“
„Hallo Abyss“, sagte Bo erfreut und schlug ein. Neue Leute kennen lernen war schön. Nach all den Jahren im Kranken­haus endlich eine Abwechslung!
„Hallabyss“, lallte der andere. „Warumis hier sokalt?“
Abyss zuckte mit den Schultern. „Das hab ich mich auch schon gefragt. Ich nehme an, die Temperaturregulatoren von diesem Wagen sind verreckt.“
„Ich spüre keine Kälte. Habe ich noch nie“, sagte Bo.
„Du hast dich der Lady noch gar nicht vorgestellt mein Freund“, wandte sich Abyss jetzt an den betrunkenen Mann.
„Binicht dein Freund. Kennich gar nicht!“, waren seine letz­ten Worte, dann fiel sein Kopf auf den Tisch und er schien zu schlafen.
Abyss blickte Bo entschuldigend an. „Er heißt Sky.“
„Warum hat er getrunken?“
„Das erzähl ich dir lieber nicht. Was tust du eigentlich hier, so ganz alleine?“
„Nox sagt, ich muss an die Oberfläche.“
Bo hörte, wie eine Reihe weiter etwas zu Boden fiel und zerbrach. Doch Abyss verzog keine Miene. „An die Oberflä­che? Hört sich nicht so an, als wenn du dort wirklich hinwoll­test.“
„Nein“, sagte Bo traurig und sah kurz nach draußen. Der Zug hatte angehalten. Offensichtlich stiegen Leute ein. Dann kam ihr ein Gedanke und sie fing an zu strahlen. „Ich möchte lieber nach Ocea.“
„Ocea“, wiederholte Abyss und betrachtete sie interessiert. Sky hob ruckartig wieder den Kopf und sprach weiter, als führte er ein Gespräch fort.
„Sie hamich herausgeworfen! Dummjack! Könnir euch das vorstellen? Mich! Den legenären Fürhrer derganzn Flotte!“
„Eine Flotte?“, fragte Bo begeistert.
„200 U-Boote uner meimn Bfehl. Wolle mit ihnach Ocea. Abadi vonda Akademie ham verbotn. Undann hamich dieser Jack gefeuert!“ Er schlug mit voller Kraft auf den Tisch, dass alles wackelte. Abyss konnte die halb volle Flasche gerade noch auffangen.
„Isch bin Skarabäus Sky undisch werde Ocea finden!“, rief er jetzt.
„Klar und ich bin der Weihnachtsmensch“, „So ein Dumm­kopf“, sagten zwei Passagiere, die gerade an der Station einge­stiegen waren und einen großen Koffer mit sich ziehend, an ihnen vorbeigingen.
„KLAPPE! MISCHT EUCH NICHT EIN!“, brüllte Abyss sie wie aus dem Nichts an. Bo schreckte nicht zurück, sah ihn jedoch verwirrt an. Er war doch gerade eben noch so nett gewesen.
Der Zug fuhr wieder an. Die neuen Passagiere schritten den Gang entlang, der auf beiden Seiten mit Nischen gesäumt war. Dann verzogen sie sich, trotz der vielen freien Plätze, ver­ärgert in den nächsten Wagen. Sky war in den Sitz zurück ge­fallen und schien wieder eingeschlafen zu sein.
„Was ist los?“, fragte Bo verwirrt.
Freundlich und vollkommen ruhig wandte sich Abyss ihr wieder zu, als wäre nichts gewesen: „Ocea ist eine sehr alte Stadt, angeblich von Wesen erbaut, die weder Land- noch Meermenschen waren. Viele denken, es gibt sie gar nicht. Das sind Volltrottel. Selbst diejenigen, die wissen, dass sie existiert, dürfen sich nicht damit beschäftigen. Ocea ist ein verbotener Ort und jeder Landmensch, der sich mit oceanischer Techno­logie beschäftigt, wird weggesperrt.“
„Wirklich?“, fragte Bo begeistert. Sie musste diese Stadt un­bedingt sehen! „Und warum ist sie verboten?“
„Niemand weiß das. Es gibt Gerüchte, dass die Oceaner ein sehr böses Volk waren. Ihre Technologie soll gefährlich sein und nur einem einzigen Zweck dienen: Der Zerstörung.“
Bo war nicht im Geringsten davon eingeschüchtert, im Ge­genteil. Seine Worte verstärkten in ihr den Wunsch, Ocea un­bedingt finden zu wollen. „Und was denkst du darüber?“, fragte sie.
„Der Mönch, der mich groß zog, oder es versucht hat, ist davon überzeugt, dass diese Stadt existiert. Er erzählte mir von einem Dolch den es dort geben soll. Und ich will ihn ha­ben!“
„Eine Waffe also? Aber ist das nicht Diebstahl?“
„Was denkst du von mir?“, er grinste sie wieder an. „Wenn man was nimmt, das niemandem mehr gehört, dann kann das ja gar kein Diebstahl sein, oder?“
„Was ist so besonders an ihm?“, fragte Bo.
„Besonders? Der Dolch stammt von den Oceanern! Sein Klang ist einzigartig! Du müsstest es besser wissen. Hattet ihr nicht einst Kontakt zu den Wächtern von Ocea? Du bist doch ein Wassermensch, Hochsee nehme ich an?“
Sagte er Klang? Sicher meinte er Klinge, dachte Bo. „Nein. Ich brauche Luft, wie du.“
„Siehst nicht aus wie ein Landmensch.“ Abyss‘ Blick wan­derte kurz auf die Taschen, die neben Sky lagen.
„Ich bin ein Landmensch-Tiefsee Hybrid.“
„Na, da hast du aber verdammtes Glück gehabt, dass du lebst.“
„Ja. Ja, das habe ich.“ Bilder tauchten in ihrem Kopf auf, aus der Zeit, als sie noch im Krankenhaus lag. Doch bevor Bo in Erinnerung versinken konnte, redete Abyss schon weiter.
„Also hast du die Lunge deiner Landmenschenvorfahren geerbt. Woher kommen deine Eltern?“
„Nein, ich war krank. Nox und Elai haben mich gerettet. Mein Dad war ein Tiefsee- und meine Mum ein Landmensch.“
„Du hast diesen Namen vorher schon mal erwähnt. Du re­dest aber nicht von DEM Nox?“ Abyss blickte sie misstrauisch an.
Bo wusste nicht, was er meinte. „Nox ist mein Bruder. Lei­der kenne ich ihn kaum. Hab ihn gerade erst zum ersten Mal gesehen. Oh, das ist so aufregend!“
„Aber du weißt schon, dass die Tiefseemenschen unsere Städte angreifen?“
„Was? Das tun sie?“, fragte Bo überrascht.
„Natürlich. Sie sehen das Meer als ihr Gebiet an. Die Hoch­seemenschen sind nicht so schlimm, sie töten nicht. Aber sie mögen uns auch nicht besonders. Nox hingegen ist ein Tief­seemensch.“
„Nox tötet Landmenschen?“
„Ja, klar. Seit ein paar Jahren ist er einer der Anführer einer größeren Gruppe von ihnen. Davor war es sein Vater. Soweit ich weiß, gab es einen Zwischenfall an der Akademie, bei dem er ums Leben kam… wart mal, wenn Nox dein Bruder ist, dann reden wir hier von… deinem Vater.“
Bo sah ihn voller Neugier an. Das einzige, was sie von ih­rem Vater besaß, war das runde Buch. „Erzähl mir mehr!“
„Mehr gibt es nicht. Es heißt eine Frau sei darin verwickelt gewesen. Eine Landmenschenfrau. Niemand weiß, was genau passiert ist.“
Bo ließ den Kopf sinken. Sie liebte diese Welt jetzt schon und sie wollte unbedingt mehr über ihre Vergangenheit erfah­ren. Sollte sie sich ihrem Bruder widersetzen und einfach hier im Meer bleiben? Musste sie das nicht sowieso? Nach alldem, was passiert war, nach… Sam. Doch sie konnte nicht weiter denken, Abyss lenkte sie ab. Unruhig blickte er den Gang ent­lang. Konnte es sein, dass er irgendwie ungeduldig aussah? Warum war ihr das nicht vorher schon aufgefallen? Irgendet­was übersah sie. Irgendetwas… Sie musste mehr Fragen stellen. Mit Fragen bekam man Antworten.
„Es ist doch Platz genug für alle da, warum greifen sie die Landmenschen an?“
Abyss blickte wieder zu ihr hoch. „Woher soll ich das wis­sen? Vielleicht weil sie denken, die Menschen verwandeln sie in Kuchen um sie aufzufressen?“
„Was? Kuchen…?“, seine Antwort war absurd. Kuchenbä­cker… wieder schweiften ihre Gedanken zu Sam. Sam hatte immer Kuchenbäcker werden wollen.
„Der Zug erreicht wohl erst in ein paar Stunden die Ober­fläche. Ich muss eher raus und davor noch einiges erledigen, also gehe ich jetzt besser.“
„Kannst du mir nicht noch auf meine Frage antworten?“, wollte Bo ihn zurückhalten.
„Nein“, sagte er grob.
Er stand auf, griff über den Tisch und nahm etwas aus Skys Tasche. Eine golden schimmernde Metalltafel mit frem­den Schriftzeichen. Sie war rund und flach und Bo konnte einen drehbaren Mechanismus um die Scheibe herum erken­nen.
„Ist meins. Er hat es für mich aufbewahrt.“ Abyss grinste. „Also dann, Bo, vielleicht sehn wir uns mal wieder. Tja, wenn du an die Oberfläche fährst, wohl eher nicht. Richte Mr. Ska­rabäus Sky schöne Grüße von mir aus, wenn er aufwacht.“
„Mach ich“, sagte Bo und blickte ihm nach. Sein langer Mantel wirkte schwer, als er den Gang weiter nach vorne hin entlangschritt.
Bo bemerkte, wie ein Mann, der eben noch eine Nische weiter gesessen hatte, aufstand und begann, ihm zu folgen. Als er bei Bo ankam, blieb er kurz stehen und sah zu ihr hoch. Mit Nichts als einer schimmernden Hose bekleidet, stand er da, barfuß, auf dem Metallboden des Wagens. Obwohl seine Augen in einem kräftig goldenen Ton leuchteten, wirkten sie eiskalt und er blinzelte nicht ein einziges Mal.
„Nox muss aufhören sich einzumischen! Sag ihm das.“ Sei­ne Stimme klang leise, bedrohlich.
„Ganz schön kalt hier. Bei der nächsten Inspektion müssen die Temperaturregler überprüft werden“, sagte jemand, der so­eben aus einem angrenzenden Wagen hereinkam. Ein weiterer Mann folgte ihm. Dann blieben beide stehen.
„Du bist Steven“, sagte einer der Neuankömmlinge.
Der Mann mit den goldenen Augen, der Bo angesprochen hatte, drehte sich ruckartig um. Die beiden trugen eine Uniform, ähnlich der, wie sie der schlafende Sky unter ihr anhatte. Instinktiv zog sich Bo ein Stück zurück in ihre Schlafkoje.
Einer der Uniformierten hielt Steven eine Waffe an den Kopf. „Du bist festgenommen!“
„Wassermenschen haben hier nichts zu suchen“, sagte der andere.
„Nicht schon wieder“, murmelte der Mann namens Steven genervt. Seine Augen blitzten bedrohlich auf. Und was war das mit seiner Haut, hatte diese nicht gerade einen goldenen Schimmer bekommen? Nur für einen Moment? Bo beobachte­te aus ihrem Versteck heraus das Vorgehen. Steven ließ sich ohne Widerstand abführen. Er wirkte auf einmal sogar richtig fröhlich und verschwand mit den beiden Soldaten weiter nach hinten in den Zug.
Kurz darauf kam Abyss wieder heran geschlichen. Er nick­te Bo kurz zu, aber ehe sie etwas sagen konnte, war er schon vorbei gegangen.
Bo drehte sich auf den Rücken und starrte an die Decke. Ihr Mund verzog sich zu einem schmalen Lächeln.
Sie hatte Abyss kennengelernt. Ein netter Mann, der nach Ocea wollte, wie sie selbst. Unter ihr schlief ein gefeuerter U-Boot Flottenführer. Und zwei Soldaten hatten einen unbe­kannten Mann namens Steven abgeführt. Das war so aufre­gend! Es war alles so neu! Und es passierten so viele Dinge hier! Unterm Meer war es schön! Hier unter dem Meer war es unglaublich!
 
Weiter hinten am MA-Express hingen ein paar unbesetzte Wagons. Diese waren nicht für Passagiere bestimmt und bein­halteten verschiedenste Güter, die von Stadt zu Stadt gebracht wurden. In einem dieser Wagons versteckte sich Gibbli hinter einem Stapel Kisten mit Nahrung und anderen Vorräten. Ge­rade noch in einem Tagtraum versunken, schreckte sie hoch. Es war tatsächlich wahr! Sie hatte Abyss gesehen! All diese realen Träume waren echt. Sie befand sich wirklich im Körper von anderen. Oder hatte sie sich Abyss gerade eben nur eingebildet? Ehe Gibbli genauer darüber nachdenken konnte, öffnete sich die Abteiltür.
Endlich! Sie wollte sich bemerkbar machen, als ein eisiger Luftzug sie zurückweichen ließ. Schnell drückte sich Gibbli weiter in die Schatten. Es war gar nicht Abyss, auf den sie schon die ganze Zeit gewartet hatte. Ein paar Metallstangen lagen auf den Kisten, die sie kurz streifte. Dabei fing eine der Stangen an zu rollen und kippte über den Rand. Gibbli hastete nach vorne und fing sie gerade noch auf, bevor diese den Bo­den berührte. Das war knapp gewesen! Ein Hauch von Kälte erfasste ihr Gesicht und ihr Magen wurde nach unten gezo­gen, als läge plötzlich ein schwerer Stein darin.
„Ihr Wasserheinis habt hier nichts verloren“, rief ein Mann. Er war gekleidet wie einer der Soldaten aus der Meeresakade­mie.
„Wenn wir in Noko sind, wanderst du direkt ins Gefängnis.“ Es waren zwei Soldaten.
„Unwissende Menschen!“ Und ein Fremder, der Gibbli ir­gendwie an eine Maschine erinnerte. Seine Stimme ließ sie frösteln. War er nicht gerade auch in ihrem realen Traum auf­getaucht, als sie in Bo’s Körper steckte? Irgendetwas an dem Fremden kam ihr vertraut vor, allerdings im negativen Sinne. Er schien kein bisschen beeindruckt von den Soldaten.
„Was ist hier los? Wer ist noch hier?“, fragte er jetzt miss­trauisch und sah sich um.
„Klappe halten!“, schrie ihn einer der Wachen an.
„Ich bin kein Meermensch! Prüft meinen gefälschten Aus­weis! Wie oft wollt ihr mich eigentlich noch festnehmen?“, blaffte der Mann zurück. „Langweilt mich nicht!“
Misstrauisch lugte Gibbli hinter den Kisten hervor. Seine Art zu Reden weckte ihr Interesse. Er machte sich über die Solda­ten lustig, hielt sie zum Narren. Doch die Kälte, die von ihm ausging, mochte sie nicht und alles in ihr widerstrebte sich, auch nur in seine Nähe zu kommen.
Einer der Soldaten schien unsicher zu werden. „Vielleicht hat er Recht. Er wirkt wie ein Landmensch, oder?“
„Sieh ihn dir an, der Mann ist eindeutig ein Hybrid! Sein Blick macht mich irre“, sagte der Andere. „Warte, Ha! Ge­fälscht! Er hat es zugegeben!“
Und so eine Dummheit gehörte zur Elite, dachte Gibbli kopfschüttelnd.
„Fall nicht auf seine Spielchen rein, er will uns doch nur verwirren.“
Die beiden Soldaten berieten, was sie mit ihm machen soll­ten. Am besten, Gibbli mischte sich da nicht ein. Die Soldaten durften sie auf keinen Fall erwischen! Die beiden würden Gibbli mitnehmen, weil sie aus der Akademie abgehauen war. Und von dem fremden Mann wollte sie ebenfalls nichts wis­sen, seine kalte Aura machte ihr Angst. Er blickte jetzt su­chend im Wagon hin und her, als ob er über ihre Anwesenheit Bescheid wusste.
„Gllllb…“ Blitzartig hatte sich von hinten ein Arm um einen der Soldaten gelegt. „Ich muss hier durch.“ Es war Abyss! Na endlich! Er ließ den Mann los und dieser fiel zu Boden.
„Du dummer Mensch! Das war meiner!“, schrie jetzt der Fremde.
„Er stand im Weg“, gab Abyss zurück.
Prompt zog der Fremde ein Gerät aus seiner Tasche und schoss damit irgendetwas auf Abyss ab. Im nächsten Moment stand dieser gefesselt an der Wand. Dünne, goldene Schnüre wanden sich um seinen Mantel. Nur die Hände hatte er noch frei. War die Haut des Fremden gerade goldener geworden? Gibbli drückte sich weiter in die Schatten. Verdammt! Sie hatte keine Chance. Weder gegen den Soldaten, der jetzt besorgt neben seinem Kollegen am Boden hockte und ihn untersuch­te, noch gegen den Fremden.
„Hallo Steven“, sagte Abyss leise. Obwohl er gefesselt war, hörte es sich bedrohlich an. Er schien den Fremden zu kennen. „Wusste doch, dass du hier irgendwo rumlungerst.“
„Ich wollte dir nachlaufen. Aber dann ist mir genau das aufgefallen. Du wusstest nicht nur, dass ich dich beobachtete, du wolltest, dass ich dir folge. Von was möchtest du mich weglocken? Hast du die Karte hier versteckt?“
„Das geht dich einen Scheißdreck an!“
„Hört sich eklig an. Sei doch bitte ein wenig netter zu mir. Gib mir die Karte, Abyss.“ Steven trat auf ihn zu.
„Du kannst sie nicht mal lesen.“
„Du bist nicht der einzige, der diese Sprache beherrscht, Mensch.“
„Schluss damit!“, befahl der noch übrige Soldat. Abyss und Steven schauten ihn jedoch nicht einmal an. Wutentbrannt darüber, hob der Soldat seine Waffe. Gibbli erkannte, dass es ein kleiner Strahler war, der zur Standardausrüstung der Elite gehörte. „Ihr seid beide verhaftet!“
„MISCH DICH NICHT EIN!“, schrien Abyss und Steven gleichzeitig. Der Soldat wich vor Schreck einen Schritt zurück. Die beiden Männer ignorierten ihn längst wieder.
„Die Karte“, verlangte Steven erneut.
„Nein.“
Der Soldat schien kurz zu überlegen und richtete den Strahler dann direkt an Stevens Stirn. Dieser schnaubte ge­nervt, nahm ihm das Ding einfach aus der Hand und schlug es gegen seinen Schädel. Gibbli presste erschrocken die Augen zusammen, als der Soldat umkippte und sich nicht mehr rühr­te.
„Manchmal können die wirklich lästig werden, nicht wahr?“ Grinsend wandte er sich wieder Abyss zu, der keine Miene verzog. „Die Karte nützt dir nichts. Kein normales U-Boot hält dem Druck in dieser Tiefe stand.“
„Zufälligerweise befindet sich im stillgelegten Hafen von Noko eine Tiefseedruckkapsel.“
„Hast du nicht schon genug Verbrechen begangen, Abyss?“
„Sie ist nicht gestohlen! Sie gehört-“
„-dem Mönch. Jaja. Das meinte ich nicht, du kannst die Kapsel sowieso nicht steuern. Ich meinte das U-Boot dort un­ten. Es gehört euch nicht. Ihr dürft es nicht bergen.“ Hochnäsig reckte er seinen Kopf in die Luft.
Gibbli entging nicht, dass er von ‚euch‘ gesprochen hatte. Wusste er von ihrer Anwesenheit?
„Tja, dann verbiete es mir, wenn du kannst.“
Steven schlug Abyss mit voller Wucht ins Gesicht. „Dich hier und jetzt umzubringen wäre aber leichter, weißt du? Willst du enden wie der Soldat? Ja? Möchtest du das? Wenn ich richtig zugeschlagen hätte, wäre dein Kopf jetzt ab. Also gib mir die Karte.“
Verängstigt zog sich Gibbli noch weiter zurück. Sie wollte ihm helfen, nur sie war schwach, was hatte sie Steven entge­genzusetzen? Trotzdem spürte sie den Drang in sich, irgendet­was zu tun. Fühlte sich so Freundschaft an?
Langsam wandte Abyss sein Gesicht wieder Steven zu und grinste ihn an, als wäre ihm der Schlag völlig egal gewesen. „Vergiss es.“
„Du bist ein Narr, Mensch! Du hast keine Ahnung, wer ich bin.“
„Es ist mir scheiß egal, wer du bist.“
„Oh, du kränkst mich. Das ist nicht nett, nein. Du musst wissen, oceanische Technologie, wie ihr sie nennt, ist nicht das, was ihr denkt. Du solltest wirklich mehr Respekt für sie auf­bringen.“
„Ja, sie ist böse und zerstörerisch, bla bla.“
Plötzlich wurde sich Gibbli der Metallstange in ihren Hän­den bewusst.
Steven lachte. „Jetzt mach schon“, zischte er leise. Und es kam Gibbli vor, als würde er damit nicht Abyss meinen, son­dern diese Worte direkt an sie richten. Dann holte er zu einem weiteren Schlag aus.
In dem Moment krachte die Metallstange in Gibblis Händen gegen seinen Kopf.
Er lachte, wirkte beinahe zufrieden, während er leicht taumelte und nach hinten fiel, direkt vor ihre Füße. Der Boden wurde erschüttert, als sein, jetzt leicht schimmernder, Körper auftraf. So, als wäre er härter, als der normaler Menschen. Aber Gibbli erkannte, wie sich Blut unter seinem nackten Oberkörper ausbreitete. Er war also doch keine Maschine!
„Das hat ziemlich lange gedauert! Warst du noch beim Einkaufen oder was?“, rief Abyss genervt.
Gibbli sah zu ihm auf. „Ich dachte… ich… tut mir Leid.“
„Mach mich los“, sagte er und versuchte mit seinen Händen die Schnüre zu trennen. Es klappte nicht und sie hinterließen rote Streifen auf seinen Fingern.
Gibbli versuchte ihre Tränen zurückzuhalten. Sie hatte ge­rade ernsthaft einen Mann niedergeschlagen! Und er war wirklich umgefallen! Was sie allerdings noch mehr erschreck­te, sie fühlte sich kein bisschen schuldig deswegen.
„Meine Messer“, sagte Abyss ungeduldig.
Gibbli bückte sich. Auch um seine Beine waren die Schnüre gewickelt und hielten ihn fest an der Wand. Sie holte eines der Messer aus seinem Stiefel und gab es ihm. Während er die Schnüre durchschnitt, starrte Gibbli entsetzt auf den Mann, der am Boden lag. Sie traute sich nicht, ihm näher zu kom­men. Seine Haut erschien jetzt noch goldener. Das hatte sie nicht gewollt! Doch, sie hatte es gewollt! Es war gut.
„Ich bin ein Mörder“, flüsterte sie erschrocken und fasziniert zugleich.
„Nein. Der Dreckskerl wird wieder. Er atmet“, sagte Abyss, der sein Messer zurück steckte und ihn mit verächtlichem Blick ansah. „Er ist nicht tot. Auch wenn er es verdient hätte.“
Sie trat zögernd einen Schritt an Steven heran und wagte es, genauer hin zu sehen. Dann erkannte Gibbli, wie sich seine Brust leicht hob und senkte. Er lebte wirklich noch!
„Wer ist das überhaupt?“, fragte sie und freute sich auf­richtig, als ihr wieder bewusst wurde, dass sie noch nie so viel mit jemandem gesprochen hatte, wie mit Abyss. Irgendwie fiel es ihr gar nicht so schwer, mit ihm zu reden. Viel leichter, als mit anderen Menschen.
„Keine Ahnung.“
„Aber du hast ihn angesprochen und er kannte deinen Na­men“, sagte sie. Auch jetzt, wo er bewegungslos am Boden lag, jagte ihr dieser Steven noch immer eine Heidenangst ein!
„Ja. Wir sind schon öfter aneinander geraten. Irgendwie taucht er immer dann auf, wenn es um Dinge geht, die mit Ocea zu tun haben.“
„Also hast du sie? Du warst ganz schön lange weg.“
Er zuckte mit den Schultern. „Diese Bo hat mich aufgehal­ten. Ein Hybrid und angeblich die Schwester von einem An­führer der Tiefseemenschen. Keine Ahnung, was sie hier treibt. Sie lag über Skys Platz und stellte ziemlich viele Fragen.“
„Und die Karte?“, fragte Gibbli um sich abzulenken. Sie wollte nicht über diese komische Situation nachdenken. Hatte er eben wirklich Bo erwähnt? Es handelte sich also nicht um einen Traum! Diese Bo existierte tatsächlich!
„Hab ich.“ Abyss holte ein paar volle Flaschen Bier heraus, die sie in einer der Kisten gefunden hatten und stellte sie zu­rück. „Und die hier hab ich nicht gebraucht. Der Idiot war be­soffen von einer halben Flasche!“
„Krank“, murmelte Gibbli abwesend und erinnerte sich an die halb leere Flasche, die sie durch Bo’s Augen gesehen hatte. Dieser Körpertausch machte ihr Angst. Es fühlte sich eigenar­tig an, durch die Augen eines anderen zu sehen. Erst dieses blonde Mädchen und jetzt eine Hybridenfrau, Bo. Keiner der beiden schien etwas von Gibblis Anwesenheit zu ahnen. Sie konnte die fremden Körper auch nicht steuern, doch sie war in der Lage, sie mitzuerleben. Nachdenklich blickte Gibbli nach draußen. Helle Lichtstrahlen drangen durch die Oberfläche ins Wasser. Es würde nicht mehr lange dauern, bis sie Noko er­reichten.
„Wir steigen irgendwo hier hinten aus. Sie sitzen fast ganz vorne“, sagte Abyss und Gibbli nickte, während sie verträumt aus einem der Fenster schaute.
 
Draußen zog die Landschaft dahin. Bo zählte gerade das fünfte U-Boot und sie hatten weitere Unterwasserstädte pas­siert. Das alles war so faszinierend und ihre Gedanken kreis­ten pausenlos darum, ob sie nicht einfach aussteigen sollte, ir­gendwo. Vielleicht an einer der nächsten Haltestellen?
Irgendwann hörte sie unter sich eine Bewegung. Sie setzte sich soweit es ging auf und blickte hinab.
„Hallo Sky! Hast du gut geschlafen?“
Er sah überrascht zu ihr hoch. Jedenfalls glaubte Bo das, denn wegen seiner Brille konnte man seinen Gesichtsausdruck nur schwer erkennen. „Woher kennst du meinen… Was? Du… bist ja gar kein Landmensch! Und wie mir scheint, nackt!“
„Ja.“ Bo versuchte nach unten zu klettern.
„Nicht! Bleib in der Koje!“, sagte er schnell. Sein Blick blieb kurz über Bo’s Brust hängen, wo ihr neues Atemgerät steckte. „Das Marahang. Wie zum…“, flüsterte Sky, brach ab und schob sie schnell zurück nach oben. Gerade im richtigen Mo­ment. In der nächsten Sekunde ging ein Soldat der Meeres­akademie an ihrer Sitznische vorbei. Bo sah dem Soldaten nach.
„Du heißt Bea, oder?“
„Bo! Mein Name ist Bo.“
„Ich habe seit Jahren nichts mehr getrunken. Ich vertrage dieses Zeug nicht.“
„Warum versteckst du mich?“, fragte Bo.
„Alles zwischen der Meeresakademie und der Küste ist Landmenschengebiet. Es ist Wesen wie euch verboten, sich hier aufzuhalten. Sie haben Angst vor den Meermenschen.“
„Angst?“
„Das Wort kennst du wohl nicht.“
„Ich fürchte mich nie“, antwortete sie. „Und keiner muss vor mir Angst haben, ich tu niemandem was!“ Sie lachte.
Sky fuhr sich durch die Haare. „Ich finde es auch nicht fair. Aber das lässt sich nicht so einfach ändern.“
„Wo fährst du hin?“, fragte Bo.
„Nach Noko.“
„Tut mir Leid, dass sie dich rausgeworfen haben.“
Er blickte sie stirnrunzelnd an. „Das habe ich erzählt? Was habe ich noch alles gesagt?“
Bo dachte kurz nach. „Du hast gesagt, dass du nach Ocea willst.“
Er schien nicht erfreut zu sein. „Hm, na toll. War noch je­mand hier?“
„Ja, dein Freund. Er hat sein Metall mitgenommen.“
„Mein Freund? Wer? Welches Metall? Sprich!“
Bo sah ihn überrascht an. Hatte Bier wirklich eine solche Wirkung auf Menschen, dass sie alles vergaßen? Sie kannte das nicht. „Na, Abyss. Die Scheibe aus Metall, das du für ihn aufgehoben hast, in deiner Tasche.“
„Ich war alleine unterwegs und ich habe auch nichts…“ Sky fing an, seine Umschnalltaschen zu durchsuchen. „Die Karte. Sie ist weg.“ Er sagte das ganz ruhig, dennoch schien er inner­lich aufgebracht zu sein.
„Ja, er hat es doch mitgenommen. Es ist also eine Karte?“
„Wieso hast du ihn nicht aufgehalten?“, fragte Sky, seine Wut unterdrückend.
„Er hat gesagt sie gehört ihm. Und er war nett.“
„Das sind sie doch immer. Also er kann nicht weit damit gekommen sein. Vielleicht versteckt er sich sogar noch hier im Zug. Die Karte führt nach Noko, also wird er früher oder spä­ter dort hinkommen. Wie hat er ausgesehen? Würdest du ihn wieder erkennen?“
„Ja, klar. Er ist riesig und nicht zu übersehen.“ Bo hob gesti­kulierend eine Hand zur Decke hoch.
„Gut. Du kommst mit mir“, befahl er.
„Aber ich muss an die Oberfläche. Mein Bruder hat es mir befohlen.“
„Der MA fährt momentan gar nicht bis dort hin. Es ist zu gefährlich wegen dem Vulkanausbruch.“
„Oh.“ Damit hatte sich ihr Problem erledigt. Sie würde bei diesem Flottenführer bleiben. Mit leuchtenden Augen strahlte sie ihn an. Bei ihm würde es bestimmt nicht langweilig werden. Sie würde Abenteuer erleben, so wie sie es ihrer Schwester im­mer vorgeschwärmt hatte.
„Wirst du dort oben erwartet? Es wurde berichtet, dass sie alles evakuierten. Die Hafenstadt ist völlig leer.“
„Nein. Sam ist dort nicht mehr… sie…“, Bo wusste nicht, wie sie es ihm sagen sollte. „Samantha war meine Schwester. Es war Nox. Aber er hat es für mich getan. Damit ich leben kann.“
Sky begann etwas in seinen Taschen zu suchen.
„Sie hat mir immer Kuchen mitgebracht“, flüsterte Bo. Sie erinnerte sich noch genau an ihre Worte.
Bo hatte im Bett gelegen und Sam war herein gekommen, mit einem großen Blech. ‚Bo, ich hab dir Kuchen mitgebracht. Du musst ihn verstecken, die Ärzte sagen, du darfst keinen es­sen.‘ Bo hatte gelacht und Sam hatte ihr erzählt, dass sie heimlich Geld gespart hatte, für eine Ausbildung zur Kuchen­bäckerin.
‚Irgendwann werde ich die beste Kuchenbäckerin der gan­zen Welt‘, hörte Bo ihre Worte noch deutlich in ihrem Kopf.
Und Bo hatte darauf gesagt: ‚Und ich werde eine Forsche­rin, die alle Meere erkundet. Und irgendwann finde ich Ocea!‘
Bo konnte sich nicht vorstellen, dass sie ihre Schwester nie wieder sehen würde. Sie war… sie… sie lebte! Natürlich, sie wusste es, es musste so sein! Schlagartig wurde es ihr klar. Das war es, was mit Nox nicht stimmte! Das Marahang funk­tionierte. Elai hatte es gestohlen, lange bevor er und Nox an­geblich ihre Lunge ausgetauscht hatten. Bo erinnerte sich daran, wie es um den Hals ihrer Schwester gehangen hatte, schon einen Tag zuvor. Das war immer der Plan gewesen. Sam hatte nichts damit zu tun. Sie hatten gar nicht so weit gehen müssen, Sams Lunge auszutauschen. Sicher würden die Tiefseemenschen die oceanische Scheibe ausprobieren, bevor sie jemanden umbrachten, oder? Dann hatte Nox sie angelo­gen! Ihre Schwester war am Leben. Sam lebte!
„Sam, ich hab keine Angst. Du musst auch keine haben. Ich finde dich“, flüstere Bo.
„Hier, zieh das an.“ Sky hatte gefunden, wonach er suchte. „Es gehörte meiner Tochter. Pass darauf auf. Wenn diesem Kleid etwas passiert, töte ich dich!“
„Ja. Es… also es ist hübsch“, sagte Bo und sprang aus der Schlafkoje herunter. Sie knickte kurz ein. An das Gehen und Stehen musste sie sich erst gewöhnen.
„Was-“ Sky drehte sich schnaubend weg, während Bo sich umständlich das Kleid anzog.
Es war orange, mit einer Kapuze und einem blauen Über­wurf. Als er sich wieder umdrehte betrachtete er sie abschät­zend. Es passte ihr nicht richtig, war viel zu klein und reichte ihr nicht einmal bis zu den Knien. Für eine Weile musste es ausreichen.
„Sie ist fast 10 Jahre alt geworden“, sagte er leise.
„Es ist wirklich schön.“
„Nur um das klar zu stellen, ich will keine Kinder an Bord haben.“
Bo überlegte. Im Krankenhaus hatte sie sich zwar uralt ge­fühlt, doch jetzt wirkte sie wie neu geboren und spürte die Kraft des Marahangs in sich. Aus der Sicht eines Tiefseemen­schen galt sie noch nicht einmal als richtig ausgewachsen. Ob sie für Sky als Crewmitglied wohl zu jung war?
„Ich kenne mich mit Medizin aus“, sagte Bo, damit er es sich nicht anders überlegte. Aber ihr genaues Alter schien ihn gar nicht zu interessieren.
„Das ist gut“, sagte er „Was weißt du über Ocea?“
Plötzlich fiel es Bo ein. Die Schriftzeichen auf dieser Karte befanden sich auch in ihrem Buch über Ocea! Sie konnte sie nicht lesen, aber die Zeichen waren eindeutig die gleichen. „Nicht viel, ich habe nur die Bilder im Buch meines Dads stu­diert.“ Bo kletterte auf den Tisch und holte die runde Platte aus der Schlafkoje herunter. „Kannst du es lesen?“
Er betrachtete es interessiert. „Nein, ich erkenne einzelne Zeichen, aber ich kenne nicht deren Bedeutung. Ich sehe mir das Buch später an. Auf jeden Fall holen wir jetzt erst einmal die Karte zurück.“
„Wohin führt sie?“
„Zu einem ganz besonderen Tiefsee-U-Boot. Es muss nur noch geborgen werden. Und dann wird es mich nach Ocea bringen.“
„Uns!“, berichtigte ihn Bo.
„Natürlich.“

Dir gefällt diese Geschichte und du möchtest das Buch auch in deinem Regal stehen haben? Unterstütze mich und kaufe jetzt die Druckversion auf Amazon: Bis in die tiefsten Ozeane

Ich freue mich außerdem über jeden Pieps deiner Anwesenheit hier. Schreib mir doch einen Kommentar. Was denkst du gerade?

Kapitel 7: Ein Bruder (Bis in die tiefsten Ozeane)

Heftiger Schmerz riss sie aus ihrem unruhigen Schlaf. Jemand packte Gibbli an den Haaren und zog sie nach oben. Gibbli sah nicht, wer es war. Sie wollte schreien, doch durch die Git­ter hielt er ihr den Mund zu. Langsam wurde ihr bewusst, dass sie sich noch immer in Zelle 17 der Meeresakademie befand. Und dieser Griff am Kopf, das musste ein anderer Gefangener aus der Nachbarzelle sein. Er stopfte ihr einen stinkenden Fet­zen Leder in den Mund und band ihren Kopf damit gleichzei­tig an den Gitterstäben fest. Sie fasste mit beiden Händen an das Leder, zog daran und versuchte mit aller Kraft den Knebel loszumachen. Die lange Schnittwunde ging dabei schon wie­der auf und frisches Blut rann über das bereits getrocknete an ihrem Arm.
Der Mann drückte sie zu sich heran und Gibbli spürte, wie sich seine dreckigen Hände um ihre Brüste legten. Er stank nach verfaultem Obst.
„Hmmpf…“ Sie wand sich in seinem Griff und hielt inne, als sie plötzlich in Abyss‘ ausdruckslose Augen starrte. Er stand direkt vor ihr und sah sie an. Gibbli wollte ihren Blick von ihm abwenden und versuchte verzweifelt sich zu befreien. Er spannte die Muskeln an und hob seinen Arm. Dann sah sie die Faust direkt auf sich zukommen. Abyss‘ Faust. Schnell. Tödlich.
Sie schoss nur Millimeter an ihrer Stirn vorbei, durch die Gitterstäbe, in das Gesicht ihres Peinigers. Dieser lockerte so­fort seinen Griff, heulte auf und fiel nach hinten. Dem knackenden Geräusch nach zu urteilen, war nicht nur seine Nase gebrochen. Abyss wollte ihr helfen sich zu befreien, aber Gibbli war schneller. Endlich lockerte sich der Stoff. Sie schlüpfte hindurch, vorbei an seiner großen Gestalt und ließ sich an der Außenwand nieder, wo er zuvor gelegen hatte. Eine feste Wand, ohne andere Gefangene dahinter.
Abbys kniete sich vor ihr nieder. Er streckte seine Hand aus und fuhr sanft über ihr Gesicht. Gibbli zuckte zusammen, sah ihn jedoch nicht an.
„Schhht ruhig. Schau mich an.“
Mit zusammen gekniffenen Augen schüttelte sie den Kopf. Geh weg, dachte sie verzweifelt. Doch er ging nicht.
„Du siehst verdammt jung aus, Gibbli. Wie alt bist du?“
„21“, flüsterte sie, ohne den Kopf zu heben. Gleichzeitig hät­te sie sich selbst ohrfeigen können für diese Lüge. Wie krank war das denn? Er ist ein Verbrecher! Dennoch hatte sie irgend­wie das verrückte Gefühl, diesen Mann beeindrucken zu wol­len. Außerdem musste sie ja irgendwas erwidern. Ihr war klar, dass Abyss eine Antwort aus ihr herausprügeln würde. Dieser Mann mochte es nicht, wenn man schwieg.
„Nein verdammt, bist du nicht!“ Bedrohlich zog er seine hel­len Augenbrauen zusammen und kam näher auf sie zu, bis sie jedes einzelne Haar auf seinem Gesicht erkennen konnte. „Du bist anders als alle, die mir zuvor begegnet sind. Ich würd am liebsten in deine Haut beißen und sie mir auf der Zunge zergehen lassen, wie Schokolade. Etwas an dir wirkt so anziehend, dass ich mich zurück halten muss, um dir nicht sofort alle Klamotten von deinem zerbrechlichen Körper zu reißen. Kannst du dir vorstellen, was ich mit dir anstellen wür­de, wenn du eine ausgewachsene Frau wärst?“
Gibbli zuckte erneut zusammen.
„Natürlich kannst du“, rede er weiter. „Dennoch willst du mir weismachen, dass du volljährig bist. Wieso?“
Sie wollte kein Kind mehr sein. Sie wollte diese elitäre Aka­demie verlassen, in der beinahe jeder einzelne Schritt einem Befehl gleichkam und endlich eigene Entscheidungen treffen. Vor allem aber, wollte Gibbli sich nicht vorschreiben lassen, diesen dummen Tauchkurs zu besuchen.
„Lüg mich nicht an, Gibbli. Schau mir in die Augen und sag mir, wie alt du bist.“
Sie bewegte sich nicht.
„SCHAU MICH AN!“, schrie er, seine Hand noch immer knapp neben ihrem Gesicht, berührte sie allerdings nicht mehr.
Gibbli hob langsam den Kopf und sah ihm zum ersten Mal direkt in die Augen. Es stach, es war ungewohnt. Es war ko­misch. Wie konnten Menschen sich nur in die Augen sehen, sie schaffte das nicht.
„Vierzehn“, sagte sie leise und senkte den Kopf schnell wie­der.
Abyss schien zufrieden und wich ein Stück zurück.
„Und du gehst auf die Meeresakademie?“, fragte er, wäh­rend er ein sauberes Tuch aus seiner Hose hervorzog. Es erin­nerte Gibbli an einen Polierlappen.
Sie nickte.
„Streck deine Hand aus.“
Gibbli drückte sich näher an die Wand.
„Schon gut“, sagte er, „ich berühr dich nicht.“
Einige Sekunden verstrichen, dann tat sie es. Zögerlich streckte sie ihm ihren zitternden Arm entgegen.
„Siehst du?“ Überrascht folgte Gibbli den geschickten Be­wegungen seiner langen Finger. Er band das Tuch vorsichtig um die Schnittwunde, ohne sie dabei anzufassen. Er meinte es ernst. Er war ehrlich.
Abyss setzte sich neben sie an die Wand und schwieg.
In ihrem Kopf drehte sich alles. Wer war dieser Mann? Wie konnte er in einem Moment so nett sein und dann im nächs­ten so erschreckende Dinge sagen? Seine unberechenbare Art verursachte ihr eine Gänsehaut. Doch Abyss achtete auf sie, dieser Verbrecher hatte sie tatsächlich vor diesem ekligen Idio­ten aus der Nachbarzelle gerettet.
„Ich dachte, du bist böse“, flüsterte sie nach einer Weile. Sie wusste nicht warum, es war ihr einfach herausgerutscht.
Abyss bewegte sich nicht. „Das bin ich“, sagte er mit ge­schlossenen Augen, als wäre es selbstverständlich.
Es stimmte. Immerhin hatte er sie mit einem Messer be­droht. Und er hatte zugeschlagen und diesem Mann aus der Nachbarzelle sicher einige Knochen gebrochen. Aber nur, um sie von seinen dreckigen Fingern zu befreien. Andererseits war Abyss ebenfalls ein Gefangener. Er musste etwas Schlimmes gemacht haben, sonst säße er nicht hier. Gibbli musterte ihn vorsichtig und erkannte den kleinen Kratzer an seinem Hals von ihren Fingernägeln. Neben der Narbe, die sich darunter er­streckte, fiel er gar nicht groß auf.
„Damals wollte ich immer hier her“, fuhr Abyss auf einmal fort.
Wovon redete er? Er wollte ins Gefängnis?
„In die Meeresakademie.“
Achso. Die Akademie ist nicht so schön wie du annimmst, dachte Gibbli, traute sich allerdings nicht, es laut auszuspre­chen. Sie konnte ihn nicht einschätzen und erwartete jeden Moment, dass er über sie herfallen würde. Er öffnete die Au­gen und sah sie wieder an. Gibbli blickte schnell weg.
„Ich wette, euer Volltrottel von Direktor hat den Verstand eines Toasters“, sagte er grinsend.
Kurz verschwand Gibblis Angst. Seine Aussage brachte sie zum Lächeln, nur für einen winzig kleinen Moment. Sie lachte fast nie und schon gar nicht so, dass es jemandem auffiel. Aber er schien es bemerkt zu haben und wandte sich ihr zu. Sofort fühlte sie sich wieder unwohl.
„Warum bist du hier?“
Gibbli schwieg. Was interessierte ihn das? Das war lächer­lich! Ein Verbrecher im Gefängnis, mit dem sie über ihre kindi­schen Probleme reden sollte?
„Erzähls mir“, hakte er nach. „Jeder hier hat was Verbote­nes gemacht, du musst dich nicht schämen.“
„Ich hab nichts Schlimmes gemacht!“, entfuhr es ihr.
„Klar. Deswegen sitzt du ja auch im Gefängnis.“ Er grinste. „Gibbli, du musst dich nicht rechtfertigen, schon gar nicht vor mir.“
Gibbli sagte nichts. Diese Situation war so absurd. Sie war keine Verbrecherin! Sie war doch nur… neugierig. Sie liebte diese Technologie!
„Du bist kein Mensch der viel redet. Und auch kein Mensch der oft lacht. Ich seh’s an deinem Gesicht. Aber gerade eben, vor ein paar Sekunden, hast du kurz gelächelt. Das war schön. Ich will dich zum Lachen bringen. Ich glaube, ich werde dein Lachen mögen, Gibbli.“
Sie wich ein Stück vor ihm zurück. Jetzt wurde er noch un­heimlicher. Er kannte sie ja gar nicht! Und dennoch strahlten seine Worte eine Wärme aus, wie sie sie schon lange nicht mehr gefühlt hatte. Er mochte ihr Lachen? Niemand mochte irgendetwas an ihr! Jeder meckerte nur an ihr herum. Ihren El­tern war ihre Leistung nie gut genug. Ihre Mitschüler fanden sie gruselig und ihre Lehrer zu still. Alles, was sie sagte, war falsch und nie fand sie die richtigen Worte, so sehr sich Gibbli auch anstrengte. Warum mochte er ihr Lachen? Ihr Misstrau­en kehrte zurück. Er manipulierte sie. Bestimmt. Irgendetwas stimmte nicht mit ihm. Vielleicht befand sich hier irgendwo eine versteckte Kamera. Ein Streich? Nein. Das hier war real. Der Schmerz war real. Sie befand sich hier unten, gefangen. Mit ihm.
„Ich biete dir die Gelegenheit, einmal in deinem Leben frei zu sprechen. Was immer du auf dem Herzen hast. Komm schon, Gibbli. Ich bin ein Verbrecher. Ein Mörder. Ein… was auch immer sie mir vorwerfen. Wem sollte ich es schon erzäh­len?“
Gibbli schwieg. Er war verrückt. Er war wirklich verrückt! Abyss lehnte sich zurück an die Wand und schloss die Augen. Sofort atmete Gibbli wieder etwas ruhiger. Und dann begann er zu reden.
„Als ich 5 Jahre alt war, herrschte Chaos an der Küste. Die Luft war stickig, kaum noch atembar. Und wir träumten von den sauberen Städten unterm Wasser. Nur die Reichen konn­ten es sich leisten, ins Meer zu fliehen. Wir hatten nicht mal das Geld uns so ein blödes Ticket zu kaufen für die Verlosung der letzten Plätze. Doch meine Eltern gaben nicht auf. Sie schlichen sich mit mir an den Soldaten vorbei, zu den Gon­deln. Damals existierte der MA-Express noch nicht. Kein Zug. Es war eine Art Seilbahn, die bis an den Grund führte, nach Noko, zur ersten Unterwasserstadt. Von dort aus konnte man mit kleinen U-Booten weiter reisen. Zu anderen Städten, zur Akademie, wohin immer man wollte. Freiheit.“
Er hielt kurz inne. Gibbli starrte ihn an und ihre Neugier war geweckt. Fast vergaß sie das schmerzhafte Pochen an ih­rem Arm.
„Das Meer bedeutete für uns Leben. Wir schafften es bis kurz vor den Einstieg. Eine der letzten Gondeln fuhr langsam an. Sie war leer. Kannst du dir das vorstellen? Niemand hatte das Geld aufgebracht und statt so viele wie möglich zu retten, ließen sie das verdammte Ding einfach leer. Dann stellten sich uns die Soldaten in den Weg. Das ist jetzt beinahe 25 Jahre her und ich höre ihre Worte noch immer. So deutlich, als wenn es gestern gewesen wäre.
Meine Mutter weinte: ‚Nehmt wenigstens den Jungen, er ist erst fünf!’ Und mein Vater hob mich hoch und rannte mitten durch diese Idioten hindurch. Meine Mutter wollte uns nach und die Soldaten schossen. Ich sah, über die Schultern meines Vaters hinweg, wie sie fiel.
Wir standen direkt vor einer der Gondeln, dann trafen sie auch ihn in den Rücken. Er setzte mich ab, schubste mich weg und stürzte dann zu Boden. Währenddessen schrie er: ‚Geh da rein, Aaron!’“
Abyss lachte gequält auf.
„Das waren seine letzten Worte. Und die Gondel, in die er mich geschoben hatte, schloss sich. Durch die Fenster sah ich meine Eltern. Wie sie da lagen, leblos. Tot.
Ich schrie. Ich trommelte an die Scheiben, wollte raus. Dann tauchte sie unter.“
Wieder machte er eine Pause und Gibbli hing mit halb ge­öffnetem Mund an seinen Worten, als er leise weiter sprach.
„Selbst wenn man sie nicht erschossen hätte, wären sie be­stimmt beim Vulkanausbruch gestorben. Die giftigen Gase hätten ihnen den Sauerstoff geraubt. Der Vulkan bricht alle paar Jahre aus. Schon in den nächsten Tagen soll es wieder so weit sein. Oder vielleicht ist es schon passiert. Keine Ah­nung, hab schon eine Weile nichts mehr mitbekommen, ich weiß es nicht.
Natürlich war ich nicht für die MA vorgesehen. Diese Miss­geburten ließen mich nicht auf die Akademie. Ich war al­lein und überhaupt hätte ich gar nicht hier unten sein dürfen. Aber ich hatte Hunger. Also stahl ich mir einfach was ich brauchte. Ich war kein guter Dieb, deswegen lernte ich mit den Leuten zu spielen. Sowohl mit Meermenschen als auch mit den Landmenschen. Im Sprachen lernen besaß ich Talent. Warum was mühevoll stehlen, wenn man es so viel einfacher haben konnte? Ich erweckte ihr Mitleid. Dachte mir Geschich­ten aus. Wer konnte einem kleinen, unschuldigen Jungen schon was abschlagen? Und als ich zu groß dafür wurde, be­drohte ich sie. Ich bestach sie. Ich tötete sie. Was auch immer nötig war, um das zu bekommen, was ich wollte. Mir stand die ganze Welt im Wasser offen. Und irgendwann fand mich jemand, der mich aufnahm. Ein Mönch. Er sah über meine… kleinen Verbrechen hinweg und ließ mich bei sich wohnen. Be­sorgte mir sogar einen Ausweis. Aber da war es schon zu spät. Ich bin, was ich bin.“
Abyss verstummte. Und Gibbli fragte sich, warum er ihr all das erzählte. Er schaute sie jetzt wieder an und Gibbli blickte zu Boden.
„Ich bin kein guter Mensch. Ich bin ein Lügner. Ich bin ein Betrüger. Und ich töte, wenn es sein muss. Das ist ein Grund jemanden einzusperren. Warum hat man dich eingesperrt, Gibbli?“
Sie begriff. Darum ging es also. Er hatte ihr so viel erzählt und jetzt schuldete sie ihm eine Antwort. Er manipulierte sie, um Informationen zu erhalten. Und doch klangen seine Worte so echt, so glaubhaft. Wenn sie stimmten, war es kein Wunder, dass er keine Soldaten mochte und dass er jetzt hier saß. Und dann standen sie wirklich auf derselben Seite. Sie war ihm eine Antwort schuldig!
„Ich…“, begann sie. „…hab alle Tauchkurse geschwänzt.“
„Kein Grund dich einzusperren.“
Natürlich war es das nicht. Doch direkt über die verbotene Technologie zu sprechen war sicher nicht klug. Wenn er ein Spion von Jack war, hätte sie ein Problem.
„Warum tauchst du nicht?“
Diese Frage traf sie unerwartet. Nie, in all den Jahren hatte sie das jemand gefragt. Alle schimpften nur und befahlen ihr, es endlich zu tun. Nie hatte sie jemand gefragt, warum sie nicht tauchte. Die Antwort lag ihr auf der Zunge. Doch es war zu persönlich. Was ging ihn das an? Nichts! Gar nichts!
„Warum stellst du so viele Fragen?“ Aufgebracht verengte sie ihre Augen zu Schlitzen.
Er blickte sie amüsiert an. „Na, um dein Vertrauen zu ge­winnen.“
Diese absolute Ehrlichkeit traf sie. Er sagte das einfach so! Oder war er nur ehrlich, weil er wusste, dass er sie damit be­eindruckte?
„Außerdem“, fügte er noch hinzu, „…vielleicht kannst du mir ja helfen.“
Gibbli horchte auf. Ihm helfen? Noch nie hatte sie jemand um Hilfe gebeten! Nervös starrte sie auf ihre Hände.
„Ich bin nicht hier, weil ich gefangen wurde. Denkst du wirklich ich bin so blöd und lass mich erwischen? Ich wollte, dass mich diese Vollidioten schnappen.“
Wovon sprach er da? Das war nicht sein Ernst! Wer würde sich freiwillig in dieses stinkige, düstere Loch hier werfen las­sen, wenn nicht ein Geisteskranker? Doch bevor Gibbli weiter von ihm wegrücken konnte, stand er auf und fing an, in der kleinen Zelle hin und her zu wandern. Sie fasste wieder etwas Mut.
„Wenn du freiwillig hier bist, wie hast du dann geplant aus­zubrechen?“, wagte sie ihn zu fragen.
„Nun, darüber wollte ich nachdenken, wenn ich hier bin. Also jetzt.“ Er blickte durch die Gitterstäbe hindurch Richtung Fahrstuhl. „Warum soll ich mir vorher da drüber Gedanken machen? Das ist Zeitverschwendung.“ Wieder ging er in der Zelle umher. „Ich hab das gemacht, damit ich näher ans Mu­seumsarchiv der Akademie rankomme. Da drin ist was, was ich brauche.“
Sie sah ihm fragend zu.
„Eine Karte. Sie wurde vor kurzem entdeckt und dort hin­gebracht, ich bin mir sicher, sie ist der Schlüssel. Auf ihr ste­hen… unbekannte Schriftzeichen.“
„Ocea-Schriftzeichen?“, wisperte Gibbli.
Abyss blieb stehen. „Ja…“ Misstrauisch sah er sie an.
Gibbli schlang die Arme um ihre Knie.
„Richtig, Ocea-Schriftzeichen und eine Art Karte, die zu ei­nem U-Boot führt. Du kennst dich also im Archiv aus? Kannst du mich dort hinführen?“
Gibbli traute sich nicht aufzusehen und blickte stattdessen auf seine Beine. Er stand direkt vor ihr. Sollte sie es ihm erzäh­len? Ja, jetzt wusste er sowieso schon zu viel. „Die Karte be­findet sich nicht mehr im Museum“, sagte sie. „Der Flottenfüh­rer hat sie. Sky.“
Er beugte sich zu ihr hinunter und sah sie verblüfft an. „Woher weißt du das?“
„Ich hab ihn heimlich beobachtet, als er sie letzte Nacht holte. Du bist nicht der einzige, der dort nach verbotenen Ge­genständen sucht, Abyss.“ Zum ersten Mal hatte sie seinen Namen ausgesprochen. So lange am Stück zu reden war ihr völlig fremd. Sicher lag es an ihrer Begeisterung für diese Tech­nologie.
„Das U-Boot zu dem diese Karte führt… weißt du, was das für ein Boot ist?“
Gibbli schien fast ihre Angst zu vergessen. „Es kommt aus Ocea“, antwortete sie eifrig. „Und es existiert angeblich nur ein einziges Mal. Und-“, sie verstummte. Warum erzählte sie ihm das überhaupt?
„Gibbli, warum bist du wirklich hier?“
Konnte sie ihm trauen? Was, wenn er ihr nur Informatio­nen entlocken wollte, für Jack? Doch Abyss hatte sie vor die­ser Bestie aus der Nachbarzelle beschützt. Und er hatte sie um Hilfe gebeten! Sie!
Langsam streckte Gibbli ihren Arm nach vorne und er wich zur Seite aus, um ihn nicht zu berühren. Ihr Blick richtete sich konzentriert auf ihre Stiefel mit den Taschen und den Werk­zeugen, die außerhalb der Zelle lagen. Abyss drehte sich um und sah nach draußen. Und schlagartig drang ein leises Sur­ren in ihre Ohren. Es funktionierte noch! Sogar von hier aus! Fast lächelnd ließ sie das murmelgroße Fluggerät aus ihrer Ta­sche schweben. Leuchtend kam es durch die Gitterstäbe auf die beiden zu und landete dann auf ihrer Hand. Golden schimmernd lag es da und Abyss ging vor ihr in die Hocke, um es genauer zu betrachten.
„Verstehe“, sagte er erfreut und senkte seine Stimme. „Sie haben dich mit verbotener Technologie erwischt. Du kennst dich damit aus?“
„Ich hab es gebaut“, flüsterte sie und schloss die Hand um das Gerät. Es fühlte sich warm an.
„Heilige Scheiße, was? Das ist nicht möglich“, murmelte er überrascht, hatte sich dann aber sofort wieder unter Kontrolle. „Du bist ganz schön jung für eine Technikerin.“
Ein heißes Kribbeln stieg in ihr hoch. Sie hätte längst… sie wäre schon lang… Sie war die Beste darin! „Ich war schon vor vier Jahren mit allen Technikkursen der Akademie durch! Aber diese Kotzbrocken lassen mich nicht zur Abschlussprüfung zu.“
Er lachte auf. „Weil dir die Tauchkurse fehlen.“
„Ja“, brachte sie mit zusammengebissenen Zähnen hervor.
„Also hast du dir neue Kurse gesucht. Deine eigenen Kurse. Im verbotenen Archiv.“ Er zeigte grinsend auf das Schloss. „Be­kommst du dieses Gitter damit auf?“
Und von Gibbli fiel eine Last ab. Wie konnte sie nur so blöd sein? Natürlich bekam sie es auf! Wie hatte sie das vergessen können, sie hätte die ganze Zeit über fliehen können, sie hätte nie-
„Gibbli?“, unterbrach er ihre Gedanken und Gibbli erkannte das Problem: Abyss. Er war ein Verbrecher. Er war böse.
Sie nahm all ihren Mut zusammen und begann leise zu sprechen: „Wenn ich das Gitter öffne, würdest du das U-Boot stehlen. Flottenführer Sky sucht sicher schon viel länger da­nach. Er soll es bekommen. Er kennt sich aus. Flottenführer Sky-“
Sie brach ab. Abyss sah aus, als wäre er kurz davor, sein Messer zu ziehen und sie auf grausamste Weise zu köpfen.
„Hat diese Mr. Flottenführerfratze dir jemals geholfen?“, fragte er laut.
„Er…“, sie dachte an den gestrigen Vorfall zurück. Sky hatte sie den Soldaten ausgeliefert, ohne ihr zu helfen. „Nein.“
„Hat er dir jemals was von seinen Plänen erzählt?“
„Nein. Er…“
„…kennt wahrscheinlich nicht mal deinen Namen.“
Gibbli schwieg. In ihrem Kopf drehte sich alles. Sollte sie Abyss wirklich helfen? Diesem… Mörder? Das leise Tropfen des Wassers tickte, wie eine Uhr die ablief. Sie musste sich entscheiden. Jetzt.
„Gibbli, schau mich an.“
„Nein!“, schrie sie auf. Er würde sie töten! Er würde ihr sein Messer mitten ins Herz rammen! Und dann spürte sie seine Hand an ihrem Kinn.
„Du kannst das“, sagte er sanft.
Sie packte seinen Arm und versuchte ihn wegzudrücken. Aber er war zu stark und schob ihren Kopf nach oben. Lang­sam, Stück für Stück, bis sie direkt in seine Augen sah. Kalte, graue Augen.
„Ich hab mir immer eine Familie gewünscht, Gibbli. Wirst du meine kleine Schwester sein?“, fragte er.
„Was?“ Gibbli wollte sich wegdrehen, doch er hielt sie fest. Seine grauen Augen kamen ihr plötzlich nicht mehr so kalt vor.
„Ich nehm dich mit“, sagte er.
Sie starrte ihn an, brauchte ein paar Sekunden, um seine Worte zu realisieren. Dann lockerte sie ihre Hand und hörte auf, sich zu wehren. Abyss hatte ihr ein Angebot unterbreitet, das sie nicht ablehnen konnte. Er würde sie mitnehmen. Zu diesem U-Boot. Zur Technologie, die sie so sehr liebte und weg von diesen dummen Eliteheinis der Akademie. Sie löste ihren Blick von dem seinen und konzentrierte sich auf das kleine, goldene Fluggerät. Mit ihren Gedanken schickte sie es empor, mitten durch die Gitterverriegelung, die mit einem leisen Kli­cken aufsprang.
Er ließ sie los und stand auf. Gibbli starrte ihm nach. Dann rappelte sie sich hoch und folgte ihm nach draußen. Abyss hatte sich bereits einen langen Mantel umgeworfen und kramte in ein paar Kisten nach seinen Sachen. Sie nahm ihre restliche Kleidung vom Tisch und zog sich an. Mit ihren Werk­zeugen fühlte sie sich gleich etwas sicherer. Dann fiel ihr Blick in die Nachbarzelle. Der Mann lag noch immer am Boden. Sein Gesicht wirkte grausam verstümmelt in dem fahlen Ne­onlicht.
„Ist er tot?“
„Nein“, antwortete Abyss, während er einen kleinen, unför­migen Koffer an sich nahm. „Er… schläft.“
Als sie in den Aufzug stiegen, streifte Abyss leicht ihr Bein.
„Tut mir Leid“, flüsterte er. Er hatte es begriffen.

Dir gefällt diese Geschichte und du möchtest das Buch auch in deinem Regal stehen haben? Unterstütze mich und kaufe jetzt die Druckversion auf Amazon: Bis in die tiefsten Ozeane

Ich freue mich außerdem über jeden Pieps deiner Anwesenheit hier. Schreib mir doch einen Kommentar. Was denkst du gerade?

Kapitel 6: Erwachen in der Tiefsee (Bis in die tiefsten Ozeane)

Schwarzes Nichts umgab sie. Ihr Körper schwebte, irgendwo. Langsam veränderte sich etwas. Punkte tauchten vor ihren Augen auf, wandelten sich zu verschwommenen, bläulich schimmernden Schemen.
Irgendetwas war um ihren Kopf befestigt und sie fühlte einen dicken Schlauch im Mund. Das Krankenhaushemd trug sie nicht mehr. Und sie schwebte wirklich mitten im Wasser. Schwebte in einem runden Raum, dessen Wände aus fluores­zierendem Material zu bestehen schienen.
Langsam erinnerte sie sich. Bo. Das war ihr Name. Immer mehr Gedanken strömten ihr durch den Kopf. Dann kam ein neuer dazu. Ein Gedanke über ihre Halbschwester Sam. Sam, die sie aus dem Krankenhaus geführt hatte. Sam, die sie zum Wasser hinunter gebracht hatte. Und Nox, ihr Bruder.
„Halbbruder“, hörte sie eine Stimme in ihrem Kopf sagen.
Er hatte sie und Sam mitgezogen, jedenfalls glaubte sie das. Fast genauso, wie sie es vorher schon einmal geträumt hatte, als sie noch im Krankenhaus gelegen hatte. Oder hatte sie es jetzt erneut geträumt? War das hier alles ein weiterer Traum?
„Nein. Du wachst“, hallte die Stimme in ihrem Kopf er­neut.
‚Nox’, wollte sie erwidern, doch der Schlauch in ihrem Mund hinderte sie daran.
„Ja.“
Wo war er? Sie wollte sich drehen, spürte aber ihren Körper noch nicht richtig. Alles fühlte sich taub an und sie schaffte es nicht.
„Ich befinde mich neben dir.“
Sie hörte seine Worte nicht mit den Ohren, sondern irgend­wo in ihr drin. Wie machte er das nur? Langsam wurden die Schemen um sie herum klarer, wenn auch nicht recht viel hel­ler. Die Wände und die Decke erglühten in einem dunklen Blau. Doch im Raum um Bo herum befand sich nichts. Nox hielt sich scheinbar irgendwo außerhalb ihres Gesichtsfeldes auf.
„Tiefseemenschen, in denen das gleiche Blut fließt, können telepathisch miteinander kommunizieren. Wusstest du das nicht?“
Nein, das wusste sie nicht. Woher auch? „Wir haben den­selben Dad“, dachte sie dann.
„hatten“, verbesserte Nox‘ Stimme sie.
„Was ist mit ihm-“
„Das angeht dich nichts. Ich darüberdenke nicht mit dir.“
Wieder versuchte sich Bo zu bewegen. Sie fühlte sich schwach, müde.
„Du bewusstlosest einige Zeit“, hörte sie erneut die Stimme ihres Halbbruders.
„Was ist passiert? Wo sind wir hier?“
„In Takkao. Ich hier herbrachte dich.“
„Warum? Wo ist Sam?“
„Du lebst. Ich rettete dich. Und jetzt hör auf zu denken, ich muss überlegen!“
Beunruhigt versuchte sie sich zu erinnern, doch es existierte nichts in ihrem Kopf, was auf ihren Verbleib hinwies.
„Wo ist sie?“, fragte Bo wieder in ihren Gedanken. „Sam! Wo ist meine Schwester?“
Nox ignorierte ihre Frage. Andere Gedanken strömten in ihren Kopf. Er dachte sie nicht bestimmt, nicht klar an sie ge­richtet. Irgendetwas von einem MA-Express und in Bo ent­stand das Bild eines Unterwasser-Zuges. Was meinte er da­mit?
„Wo ist Samantha?“, dachte sie verzweifelt. Sie erinnerte sich daran, wie Sam neben ihr auf dem Bett gesessen und sie angelacht hatte. Sam, mit der sie zusammen ihr Ocea-Buch durchforscht hatte. Sam, die zu ihr gesagt hatte ‚Mit deinem Lachen wirst du die Meere erobern.’ „WO IST SIE?“ Bo schrie die Worte in Gedanken, Nox musste es doch verstehen!
„Weg“, hörte sie seine Stimme wieder. „Du atmest jetzt für deine Schwester.“
Was? Was meinte er damit? Verwirrt versuchte sich Bo aufzurichten. Es gelang ihr ein wenig, ganz langsam. Dabei spürte sie etwas an ihrer Brust. Sie blickte neugierig an sich hinab, schaffte es ihre Hand zu heben und befühlte es. Der goldene Anhänger, den Sam vor kurzem noch um eine Kette getragen hatte, steckte in ihr drin! Er leuchtete noch immer schwach orange. Das Ding, das sich im Inneren gedreht hatte, drehte sich jetzt etwas schneller als vorher.
„Was ist das? Ist das von Sam? Warum steckt es in mir drin? Warum tut das nicht weh?“ Sie wollte es heraus ziehen.
„Finger weg! Es verheilt. Das Marahang. Elai stahl es für dich. Es musste sich auf dich einstellen, deswegen gab er es eigentlich Kassandra.“
„Wer ist Elai?“, dachte Bo.
„Mein… unser Onkel.“ Nox kam jetzt in ihr Sichtfeld. Seine orangen Augen hoben sich von der dunkelblauen Haut ab. „Du verdankst dein Leben den Wächtern.“
„Wächter?“
„Ja. Deine Lunge funktionierte nicht. Elai tauschte sie aus.“
Sams Lunge? Sie trug doch nicht etwa ihre-
„Dein Körper annahm sie nicht. Deswegen traf Elai weitere Maßnahmen. In dir befindet sich jetzt oceanische Technologie. Wir erwarteten nicht, dass es funktioniert. Aber das Mara­hang hält dich jetzt am Leben. Also lass es. Wenn du das Marahang heraus ziehst oder verlierst, stirbst du.“
Irgendetwas stimmte nicht und Bo kam nicht darauf, was es war. Sie war noch immer nicht richtig fit. „Wo ist Sam?“, fragte sie ihn wieder.
„Das dachte ich bereits. Weg.“
Er log. Bo konnte es nicht glauben. „Du bist ein Lügner!“
„Du seinsolltest noch gar nicht wach. Aufpasse einfach nur auf das Marahang. Ich werde nicht auf dich achten. Je­mand anderes muss das übernehmen. Ich bin kein Nachwuchswächter.“
„Ich brauche niemanden! Ich bin 41!“
„Eben. Ein Kind. Ich bringe dich in den MA-Express. Er fährt bis an die Oberfläche.“
„Nein! Ich will nicht zurück!“
„Du bist hier im Meer in zu großer Gefahr. Du lebst. Ich ver­sprach es.“ Für einen kurzen Augenblick sah Bo wieder Sams Gesicht in Gedanken.
„Was meinst du damit? An der Küste gibt es nichts mehr. Der Vulkan ist sicher schon ausgebrochen. Ich will hier blei­ben!“
„Das ist mir egal! Du gehörst nicht zu uns, LAND­MENSCH!“ Sein letztes Wort ertönte wahnsinnig laut in ihrem Kopf. Nox hatte seine Hand auf ihre Stirn gelegt. Wahrschein­lich wurden seine Gedanken dadurch verstärkt. Im nächsten Moment spürte Bo, wie ihr ganzer Körper wieder taub wurde. Ihre Wahrnehmung schwand und schließlich spürte sie gar nichts mehr.

Dir gefällt diese Geschichte und du möchtest das Buch auch in deinem Regal stehen haben? Unterstütze mich und kaufe jetzt die Druckversion auf Amazon: Bis in die tiefsten Ozeane

Ich freue mich außerdem über jeden Pieps deiner Anwesenheit hier. Schreib mir doch einen Kommentar. Was denkst du gerade?

Kapitel 5: Die Strafe (Bis in die tiefsten Ozeane)

Leises Tropfen durchdrang die Stille und Gibbli schnappte nach Luft. Die drei Gestalten in ihrem Kopf begannen sich aufzulösen. Sie hatte wieder geträumt. Einen dieser klaren Träume, die sich so sehr von den anderen unterschieden. Nur dieses Mal war es gar nicht so schlimm gewesen. Es handelte sich nicht um den einen Alptraum. Da war ein dunkelblauer Tiefseemensch und eine Hybridenfrau. Langsam wurde ihr klar, dass sie nicht im Körper dieses Menschenmädchens steckte, mit den zwei blonden Zöpfen und der Ponyfrisur. Sie besaß keine Sommersprossen und ihre Haut war nicht so blass, wie die von Samantha. Sie war Gibbli, mit ihren unbän­digen, hellbraunen Haaren und einer dunklen Haut im selben Farbton. Und sie befand sich auf der Meeresakademie.
Am Boden des Tunnels hatten sich einige Pfützen gebildet. Schnell sprang Gibbli hoch. Sie durfte nicht träumen, nicht jetzt. Das Wasser spritzte zu ihren Füßen auf, als sie durch die Lachen hindurch hastete. Die hohe Luftfeuchtigkeit in diesem Gebiet war typisch. Sie rannte durch einen Gang und an einer Abzweigung vorbei, die zu den Gewächshauskuppeln führte. Ein modriger Geruch stach in ihre Nase. Das laute Dröhnen der Röhren hörte sich noch bedrohlicher an, als sonst.
Es war Montag und der Unterricht hatte vor fünf Minuten begonnen. Doch Gibbli stand nicht im Klassenzimmer für den fortgeschrittenen Energiekurs. Sie hatte auch nicht ihr Früh­stück im Versammlungsraum mit den anderen Schülern zu sich genommen. Stattdessen lief sie schnell atmend an einem Sauerstofftank vorbei. Immer wieder sah sie sich um. Somal und Kor hatten sie gemeldet und sie hatte die Nacht damit verbracht, immer wieder zu flüchten, sich zu verstecken und nicht einzuschlafen. Es gab nur eine Möglichkeit: Sie musste hier verschwinden, die Akademie verlassen. Abhauen.
Gibbli wollte nicht darüber nachdenken, was man mit ihr machen würde, wenn man sie erwischte. Die Meeresakademie war kein Spielplatz. Sie lag streng in der Hand der drei Direk­toren. Und die Schüler-Aufsicht verfolgte sie. Sir Brummer hatte zwar nicht die Macht über die U-Boot Flotten oder an­dere militärische Einrichtungen der Akademie, doch die Auf­sicht war eine Gruppe von Soldaten, die dem schulischen Di­rektor persönlich unterstanden. Gibbli war ihnen schon zwei Mal nur knapp entwischt. Sie standen nicht unweit des Zu­gangs zum verbotenen Archiv, das sie vor ein paar Stunden wegen dem anderen Einbrecher fluchtartig verlassen hatte. Das zweite Mal lauerten sie ihr vor ihrem eigenen Quartier auf, aus dem Gibbli ein paar persönliche Gegenstände holen wollte. Sie musste schleunigst eines der Rettungsbote errei­chen. Es handelte sich dabei um kleine Tauchkapseln, verteilt auf die gesamte Schule. Wenn sie eine davon stahl, konnte sie der Aufsicht vielleicht entkommen.
Sie sah Brummers Soldaten nicht, spürte aber, dass sie ih­nen nur wenige Meter voraus war. Noch eine Schleuse, dachte sie verzweifelt.
Die Tür vor ihr öffnete sich automatisch und für Gibblis Geschmack viel zu langsam. Sie zwängte sich hindurch und erblickte am Ende des Ganges einen Mann in Kampfmontur, die er unter seinem Taucheranzug trug. Er wirkte schlank, dennoch durchtrainiert und auf eine gewisse Art autoritär. Der Mann trat wie jemand auf, der nicht nur sämtliche Mus­keln seine Körpers, sondern jede Situation fest in seiner Kon­trolle wusste. Seine schwarzen Dreadlocks bildeten einen Streifen auf seinem Kopf. Er hatte sie nach hinten gebunden und die dunklen, runden Gläser einer Art Sonnenbrille bedeck­ten sein Gesicht. Gibbli erkannte, dass er soeben einen Fuß in die Tauchkapsel setzte, während er einen abweisenden Blick über seine Schulter warf, um zu sehen, wer ihn störte. In der Kapsel befand sich zudem eine große Holzkiste mit Rädern, die er irgendwie in sie hinein gezwängt hatte. Auf der Kiste lag sein Tauchhelm. So ein Mist!
Sie musste zurück in einen anderen Gang mit einer ande­ren Kapsel. Doch ein Zurück gab es nicht. Sie würde diesen verdammten Soldaten direkt in die Arme laufen.
Dann erkannte Gibbli ihn. Jeder kannte ihn. Er war be­rühmt und wurde von allen nur Sky genannt. Sky war kein Lehrer. Er gehörte zu den Soldaten. Nicht zur Schüleraufsicht von Sir Brummer, sondern zur richtigen Elite, zur U-Boot Flot­te von Direktor Jack. Als zweiter Mann der militärischen Ein­heiten trug er die Verantwortung für rund 200 Boote und de­ren Besatzungsmitglieder. Allerdings unterschied ihn etwas von den anderen. Er besaß ein Geheimnis. Und Gibbli kannte es. Das war ihre Chance, sie musste es riskieren! Es blieb ihr keine Wahl, als sich dazu zu überwinden, den Mund aufzu­machen.
„Warte!“, rief sie ihm im Rennen zu.
Sky zögerte zunächst, drehte sich dann jedoch um. Gibbli kam ein paar Meter vor ihm zum stehen und sah ihn nervös an. „Du bist Flottenführer, du befehligst einen Teil der U-Boot Flotte der MA“, sagte Gibbli und musste dabei all ihren Mut zusammen nehmen. Das Sprechen mit anderen Menschen ge­hörte nicht zu ihren Stärken.
„War“, berichtigte er sie schroff.
„Ich hab dich gesehen! Heute Nacht!“, rief sie und wünschte sich gleichzeitig im Boden zu versinken. Sicher würde er sie falsch verstehen, schoss es ihr durch den Kopf, aber sie zwang sich dazu, weiter zu sprechen. „Du warst im verbotenen Ar­chiv.“
Er blickte sie misstrauisch an, soweit man das erkennen konnte. Denn Sky trug immer seine Sonnenbrille. Es gab das schreckliche Gerücht, dass er gar keine Augen besaß.
„Du weißt ganz schön viel.“ Er stieg aus der Kapsel und kam langsam auf Gibbli zu.
„Du hast die Karte gestohlen!“, rutschte es ihr heraus und am liebsten hätte sie sich auf die Zunge gebissen.
„Zu viel.“ Im nächsten Augenblick hatte er seine Waffe ge­zogen und richtete sie direkt auf Gibblis Herz.
Verdammt! Nicht gut! Hätte sie nur nichts gesagt! Ich bin doch so blöd, dachte sie. Wie kam sie dazu, einen Flottenfüh­rer des Diebstahls zu bezichtigen? Wie kam sie überhaupt dazu mit jemandem seines Standes zu reden? Er würde sie er­schießen! Mit einem lauten Knall, Peng! Einfach so. Er würde sie umbringen.
Skys Arm sank langsam nach unten. „Aber wir wissen bei­de, dass du das niemandem verrätst. Denn dann müsstest du zugeben, dass auch du dort unten warst. Im Übrigen habe ich mir die Metallscheibe geborgt, nicht gestohlen.“
Fassungslos schaute ihm Gibbli zu, wie er wieder zurück in die Kapsel stieg. Schritte hallten durch den Tunnel. Hinten im Gang tauchten die ersten Soldaten auf.
„Bitte, nimm mich mit!“, flehte Gibbli ihn an und ging näher auf die Kapsel zu.
Er schüttelte den Kopf. „Ich mag keine Kinder.“
„Die werden mir meine Finger abhacken!“
Er sah sie überrascht an, schien kurz nachzudenken und fuhr sich mit einer Hand durch seine Dreadlocks. Dann schüt­telte er den Kopf. „Das geht nicht.“ Er drückte einen Schalter und die Kapsel verriegelte sich.
Nein! Verzweifelt sprang Gibbli nach vorne und hämmerte gegen die Luke. Nein! Nein! Ein Schleusentor fuhr vor der Kap­sel hinab. Sie drückte sich schnell weg, um nicht von der Tür eingeklemmt zu werden und stolperte nach hinten.
Die Soldaten der Schüler-Aufsicht erreichten Gibbli, als sie versuchte aufzustehen. Ihre orange-gestreiften Uniformen un­terschieden sie von den richtigen Elitesoldaten. Dennoch grif­fen sie mindestens genauso hart durch. Sie spürte die ekligen Hände der Männer auf ihrem Körper, die sie zurück auf den Boden drückten. Gibblis Finger griffen ins Leere, in Richtung der Rettungskapsel.
„Bitte!“, flehte sie ein letztes Mal, auch wenn sie wusste, dass es aussichtslos war.
Hinter dem kleinen Sichtfenster des Schleusentors löste sich die Tauchkapsel. Sky hatte die Akademie verlassen. Gibbli wurde herum gewirbelt. Die Männer verdrehten schmerzhaft ihre Arme auf ihrem Rücken. Sie erhaschte einen kurzen Blick auf ihre Gesichter. Niemand von ihnen kam ihr bekannt vor. Die Soldaten waren mindestens zu dritt und so nah. Viel zu nah! Jemand legte ein kaltes Metall um ihre Handgelenke. Mit einem leisen Klicken rasteten die Fesseln ein. Dann riss man Gibbli hoch. Sie versuchte sich auf ihre Wunde am Arm zu konzentrieren. Der lange Schnitt hatte sich wieder geöffnet. Doch die Wunde war ein Schmerz, den man leichter ertragen konnte, als die Berührungen der Hände, die sie packten und mit sich schliffen. Es war nur ein leichter Trost, dass sie um diese Zeit wenigstens den neugierigen Blicken der Schüler ent­ging, die jetzt verteilt in den Klassenzimmern standen.
 
Die Soldaten schubsten Gibbli in einen runden Raum im Zen­trumsturm. Es war das Büro von Sir Brummer. Mit ihm hatten hier zwei weitere Direktoren ihre Büros.
Die medizinische Direktorin Dr. Elvira Fenchel, deren durchbohrenden Blick Gibbli als sehr unbehaglich empfand, hatte sich im Erdgeschoss eingerichtet. Sie leitete einen der größeren Komplexe der Akademie: Die Krankenstation und alle daran hängenden Forschungseinrichtungen.
Jack hingegen saß im obersten Stockwerk, an der Spitze, mit seinem Stellvertreter, dem Flottenführer Skarabäus Sky. Nun, jetzt wohl eher Ex-Flottenführer. Dass alle den militäri­schen Direktor Jack Kranch mit seinem Vornamen anspra­chen, war keine Respektlosigkeit ihm gegenüber, im Gegenteil. Er bestand sogar darauf. Es war allgemein bekannt, dass man ihn mit diesem Kinderspielzeug verglich, diesem Clown aus der Box. Kein lustiger Clown, sondern eine dieser bösen, gruseligen Fratzen, vor denen sich jedes Kind fürchtete. Jemand, der aus der Box sprang, wenn das Lied zu Ende war und immer das letzte Wort hatte. Gibbli hatte Jack bisher nur zwei Mal kurz gesehen. Als Oberbefehlshaber der U-Boot Flotte und Leiter aller militärischen Einrichtungen hielt er sich nur jeweils kurz an der Akademie auf und war meist irgendwo im Landmen­schengebiet oder an der Front zu den Meermenschen unter­wegs.
Markus Brummer beanspruchte als Schulleiter die mittlere Etage für sich, zusammen mir Mr. Ilias Plotz. Von hier aus konnte der Direktor die gesamte Akademie überblicken. Er saß hinter seinem Schreibtisch und schien in ein Gespräch mit seinem Stellvertreter vertieft zu sein. Als zwei der Soldaten Gibbli vor seinen Tisch zerrten, verstummten sie.
Sir Brummer sah sie abschätzend an. Gibbli fühlte sich bloßgestellt unter seinem Blick. Nach gefühlt mehreren Minu­ten, fing er direkt an zu schreien: „WAS DACHTEST DU DIR DABEI?“
Gibbli zeigte keine Regung. Starr blickte sie zu Boden und schwieg. Am liebsten hätte sie seinen Kopf gepackt und ihn, wie den Blopp einer Luftpolsterfolie, einfach zerdrückt.
„Deine Eltern sind Eliteabgänger! Den Tauchkurs schwän­zen! Ständig träumst du im Unterricht und jetzt das? DU WURDEST MIT VERBOTENER TECHNOLOGIE ERWISCHT!“ Er fing an, hinter seinem Schreibtisch auf und ab zu gehen, wischte sich über die Glatze und schien zu überlegen, wie es weiter ging.
Gibbli spähte vorsichtig hoch und erkannte eines ihrer Fluggeräte. Es lag auf Sir Brummers Tisch. Armselig, verbogen und kaputt. Somal musste es ihm gegeben haben.
„Wie konntest du es wagen, das Ding hier als Waffe zu benutzen?“
Das war eine Frage. Erwartete er eine Antwort? Sie musste wenigstens versuchen sich zu verteidigen. Somal und Kor hat­ten sie bedroht. Dieses Mal waren sie zu weit gegangen! Kor wollte ihre Haare abschneiden! Somal hätte sie beinahe ge­küsst. Die beiden wollten Gibbli verletzen!
„Keine Ahnung“, flüsterte sie stattdessen.
„KEINE AHNUNG? DAS IST HOCHVERRAT! DIESER DRECK HAT HIER NICHTS ZU SUCHEN!“, brüllte er, sodass sein ganzer Tisch erbebte.
Sie schwieg. Sir Brummer stapfte mit hochrotem Kopf um seinen Schreibtisch herum und packte sie an den Haaren. „Wenn Jack dich erwischt hätte, würde er dich auf der Stelle von der Schule werfen!“
Sein Griff schmerzte und Gibbli brauchte etwas, um seine Worte zu erfassen. Er warf sie nicht wirklich raus, oder? Das durfte er nicht! Ihr Vater würde sie umbringen!
„SAG MIR SOFORT WOHER DU DIESE MASCHINEN HAST!“, schrie der Direktor ihr so laut ins Ohr, dass Gibbli dachte, es würde platzen.
„Ich hab sie gebaut“, sagte sie leise. Das hatte er nicht er­wartet. Sie hätte es nicht aussprechen dürfen. Doch sie war verdammt noch mal stolz darauf! Diese dämlichen Menschen hatten ja keine Ahnung!
Fassungslos starrte er sie an, dann wandelte sich seine Miene und sofort wurde ihr klar, was jetzt kam. Gibbli wollte zurückweichen, doch hinter ihr standen Brummers Soldaten. Im nächsten Augenblick brannte ihr Gesicht. Der Direktor hat­te zugeschlagen.
„DU WAGST ES, DAMIT ZU EXPERIMENTIEREN?“
Gibbli traute sich nicht mehr, sich zu bewegen. Der Bereich unter ihrem linken Auge brannte höllisch. Früher oder später hätte er es sowieso herausgefunden.
„Verbotene Technologie zu besitzen ist das eine, sie auch noch selbst zu konstruieren ist Wahnsinn. Ist dir klar, welche Strafe darauf angesetzt ist?“
Natürlich wusste sie das. Jeder wusste das. Aber erst jetzt drang ihr die Tatsache ins Bewusstsein, dass es soweit war. Sie würde nie wieder dazu im Stande sein, etwas zu konstruieren. Verzweifelt blickte sie zu Boden. Sie brauchte ihre Finger doch!
„Meine Güte, du hättest so viel erreichen können, Kind! Es bleibt mir keine andere Wahl.“ Er zog sich kopfschüttelnd zu­rück und begab sich wieder hinter seinen Schreibtisch.
„Sir ist das nicht etwas heftig? Sie ist so jung! Gibt es keine andere Möglichkeit?“, ergriff nun sein Stellvertreter Mr. Plotz das Wort.
„Wir sind hier an einer elitären Einrichtung und ich dulde keinen Ungehorsam an meiner Schule! Sie muss bestraft wer­den! Das hier ist nicht nur ein einfaches Verbrechen, sie hat verbotene Technologie entwickelt!“
„Wir könnten sie stattdessen einsperren. Wer glaubt ihr schon, dass sie das Ding selbst gebaut hat? Und Jack muss es nie erfahren.“
Der Direktor sah seinen Stellvertreter nachdenklich an und senkte seine Stimme. „Wir können sie nicht in den Todestrakt stecken, sie hat niemanden getötet und die oberen Gefängnis­se sind voll.“
„Dann müssen wir die Zellen eben doppelt besetzen, Sir.“
„Meinetwegen. Heute Nacht nahmen wir diesen Abyss fest. Er ist harmlos, hatte keine Berechtigung sich hier auf der Aka­demie aufzuhalten. Wir haben ihn in den Heizungsräumen aufgegriffen.“
„Schon wieder? Saß der nicht schon öfter bei uns im Ge­fängnis?“
„Einige Male. Letztendlich ließen wir ihn immer wieder lau­fen. Jack beharrt darauf, dass er angeblich Menschen umge­bracht hat. Er wird langsam paranoid, wenn du mich fragst. Wir konnten es diesem Abyss nie beweisen.“ Sir Brummer machte sich einige Notizen auf seinem EAG und wandte sich dann an die Soldaten hinter Gibbli. „Bringt sie weg. Zelle 17. Drei Tage Arrest! MACHT SCHON, SCHAFFT SIE MIR AUS DEN AUGEN!“
Einer der Soldaten packte Gibbli grob an der Schulter und sie winselte auf. Fasst mich nicht an, dachte sie flehend. Nur am Rande bekam sie das Gespräch noch mit, während man sie Richtung Ausgang führte.
„Gut“, sagte Sir Brummer. „Und jetzt zu Sky.“
„Was ist mit Sky?“, fragte Mr. Plotz.
„Jack musste ihn feuern. Wir brauchen einen neuen Flot­tenführer. Jack will die Schülerabgangslisten der letzten…“
 
Das Gefängnis lag direkt unter dem runden Zentrumsturm. Es gab mehrere unterirdische Ebenen, in denen jeweils zwölf Zel­len als kleine Segmente an der Außenseite rundherum ange­ordnet waren, wie bei einer Uhr. Jede Zelle grenzte an zwei andere, nur durch Gitter getrennt, während der Platz in der Mitte für den Aufzug frei blieb.
Zelle 17 befand sich in der zweiten Gefängnisebene von oben. Als sie aus dem Lift stiegen, drang ihnen sofort ein me­talliger Geruch entgegen. Irgendwo tropfte Wasser auf Stahl. Sie befanden sich einige Meter unter dem Meeresboden und Fenster nach draußen gab es hier keine.
Gibbli musste ihre halbe Kleidung ausziehen, an der ihre Taschen befestigt waren. Nur noch mit einer dünnen Hose und ihrem, an einem Arm aufgeschlitzten, Pullover stand sie da und sah sich zitternd um, während ein Soldat ihre Sachen auf einem Tisch verstaute. Ohne ihre Stiefel kroch die Kälte aus dem feuchten Boden ungehindert ihre Beine hoch. Licht gab es hier kaum. Nur ein paar wenige, schwache Neonröhren, rundherum an der Decke entlang vor den Zellwänden ange­bracht, strahlten ein düsteres Licht aus. Viele davon funktio­nierten gar nicht mehr.
Gibbli bemerkte Schatten hinter den Gittern kauern. Einige lagen nur herum, viele waren jedoch nicht zu erkennen und hatten sich in die Dunkelheit, an den äußeren Wänden des Turms, zurückgezogen.
„Zurück!“, rief einer der Soldaten, bevor er die Zelle mit einer elektronischen Karte aufschloss. Nichts rührte sich.
Gibbli spürte, wie ihr die Handschellen abgenommen wur­den. Am liebsten hätte sie die Haut an den Händen des Solda­ten abgezogen, der sie packte und in die Zelle schubste. Sie fiel zu Boden und kroch schnell in eine Ecke.
Die Männer schlugen das Gitter zu. Es klickte und eilig verließen sie den Kerker. Als ihre Schritte verklungen waren, hörte Gibbli nur noch leises Tropfen auf Metall, zusammen mit ihrem eigenen Herzschlag. Dieser erklang so schnell, als hätte sie gerade einen Marathon hinter sich. Etwas rührte sich in ihrer Zelle. Ihre Eingeweide verkrampften sich und wie ein Stromstoß bohrte sich die Tatsache in ihr Bewusstsein, welche sie längst wusste, aber nicht wahr haben wollte: Sie war nicht allein!
 
„Verdammt“, knurrte ein Mann. Dann tauchte sein blasses Ge­sicht aus dem Schatten heraus auf. Er bewegte sich langsam auf Gibbli zu und er war riesig. Bestimmt über zwei Meter groß! Einige Strähnen seines langen blonden Haares hatten sich aus dem Band gelöst und standen wild in alle Rich­tungen ab. Sein düsterer Blick verhieß nichts Gutes. Kurz vor ihr hielt er inne.
„Guten Tag.“ Seine Stimme klang gespielt höflich und pass­te absolut nicht zu seinem Auftreten.
Gibbli drückte sich näher an die Gitterstäbe an ihrem Rücken. Dieser scheiß blöde Direktor sperrte sie wirklich zu ei­nem Verbrecher! Fast wünschte sie sich, er hätte ihr stattdes­sen doch die Finger abgehackt.
Der Mann ging vor ihr in die Hocke und blickte sie erwar­tungsvoll an. Er hielt ihr seine gigantische Hand entgegen. Gibbli versuchte ihn nicht anzusehen und schlug sie panisch beiseite. Im nächsten Augenblick lag sie auf dem Boden. All seine Muskeln angespannt, saß er auf ihr und hielt sie an ih­ren Handgelenken umklammert. Diese drückte er mühelos über ihrem Kopf auf den kalten Untergrund. Der Mann war schwer wie ein Wal. Und stark.
Gibbli wand sich hin und her und schrie: „WEG!“
Er bewegte sich nicht den kleinsten Millimeter. Sein Gesicht stand jetzt so nah über ihrem, dass ein paar Strähnen seines Haares ihre Wangen streiften. Sie rochen nach altem Holz.
„Du hältst nichts von Nettigkeiten? Das ist gut, ich auch nicht. Dann eben anders“, sagte er drohend. „Ich bin Abyss, dein persönlicher Abgrund. Und du wirst dich nicht in meine Pläne einmischen, hast du verstanden?“
Gibbli versuchte ihre aufkommenden Tränen wegzublinzeln und nickte schnell.
„Schön. Name?“
Ihre dunkle Haut kribbelte und fühlte sich an, als ginge sie gleich in Flammen auf. Sie würde sterben. Trotz des kalten Bodens, brannte alles in ihr. Er würde sie töten!
„NAME?“, schrie der Mann noch einmal.
„Gibbli“, sagte sie zitternd.
„Gibbli. Hallo Gibbli. Ich hab nicht erwartet diese verfluchte Zelle mit jemandem teilen zu müssen. Also, wir stellen das jetzt von Anfang an klar, du wirst nichts tun, was meine Pläne zerstört, verstanden?“
Sie hatte keine Ahnung wovon er sprach und nickte ein­fach, in der Hoffnung er würde sie dann in Ruhe lassen. Plötz­lich weiteten sich für einen Moment seine Augen, als hätte er etwas Ungewöhnliches wahrgenommen.
„Du bist… faszinierend“, sagte er überrascht. „Diese Kälte…“ Er brach ab.
Gibbli wagte kaum zu atmen, als ihr die Gier in seiner Mie­ne bewusst wurde. Abyss hingegen nahm tief Luft und stieß sie laut aus. Grimmig schüttelte er langsam den Kopf.
„Ich lass dich jetzt los.“
Loslassen, ja. Loslassen war gut. Loslassen war sehr gut! Und er ließ sie los. Gibbli blieb liegen und traute sich nicht, sich zu bewegen.
Als sie sich nach ein paar Minuten aufsetzte, stand er noch immer mitten in der Zelle und blickte sie böse an. Er be­obachtete sie mit seinen stechenden Augen. Der Mann war so groß, dass Gibbli sich nicht wohl dabei fühlte, so weit unten zu sitzen. Sie zog sich an den Gitterstäben hinter ihr empor. Dabei fiel sein Blick auf den Schnitt an ihrem Arm. Die Wun­de blutete wieder.
„War ich das?“, fragte er und kam näher. Sie reichte ihm gerade einmal bis zur Brust. Nicht schon wieder, dachte Gibbli und bleckte ihre Zähne. Als er nach ihrem Arm griff, konnte sie sich nicht zurückhalten. Sie hasste das! Panisch versuchte Gibbli ihre Hände wegzureißen. Dabei erwischte sie ihn mit den Fingernägeln. Er hielt kurz inne. Ein roter Strich zog sich unter seinem Kinn am Hals entlang.
Oh nein! Was hatte sie getan? Gibbli fühlte sich auf einmal schwerelos, vor Angst was er jetzt mit ihr anstellen würde.
Der Ausdruck auf seinem Gesicht änderte sich langsam von böse zu unglaublich böse. Schließlich starrte er sie an, als würde er sie jeden Moment mit seinem Blick durchbohren. Zit­ternd versuchte Gibbli ihm auszuweichen.
Das Tropfen des Wassers hallte durch die Zelle, als er leise zu sprechen begann: „Das war nicht nett.“ Dann riss der Mann sie hoch und drückte Gibbli gegen die Gitter, sodass ihre Füße mitten in der Luft hingen. Sie versuchte sich zu be­freien, aber im nächsten Moment hielt er ihr ein langes Messer an die Kehle.
„HALT STILL!“, schrie er sie an. „Dein Gezappel macht mich wahnsinnig! Ich will dir nicht wehtun.“
Das tat er doch längst! Aber zu ihrer Überraschung blieb der Würgereflex aus, den sie jedes Mal gespürt hatte, wenn jemand sie berührte. Gibbli schloss die Augen. Dieser Mann war verrückt. Und er hatte irgendwie eine Waffe hereinge­schmuggelt. Sie wollte gar nicht wissen, wie er das geschafft hatte. Er hielt sie fest. Mit seinen riesigen Händen! Er fasste sie an! Sie wollte das nicht. Niemand durfte das!
„Dann töte mich endlich“, flüsterte sie leise. Eigentlich hat­te sie es nur denken wollen. Warum brachte er es nicht end­lich zu Ende? Das wäre nicht so schlimm wie seine Hände an ihrer Haut.
Er ließ sie los und Gibbli sackte zu Boden.
„Ich… wollte nur helfen.“ Er betrachtete sie mit einem über­raschten Blick und ging einen Schritt zurück. „Wir sind beide hier drin und auf derselben Seite, okay?“
Gibbli versuchte sich aufs Atmen zu konzentrieren.
„OKAY?“, schrie er jetzt.
Sie nickte schnell.
Abyss legte sich in die andere Ecke der Zelle. Demonstrativ drehte er sich von ihr weg. Und für Gibbli war es das Beste, was er machen konnte.
Sie rieb sich das Handgelenk. Der Schnitt in ihrem Arm tat wieder weh. Er hatte sie nicht getötet. Vielleicht schaffte sie es doch noch, durchzuhalten. Drei Tage. Gibbli lehnte sich er­schöpft an die Gitter der Nachbarzelle und blickte misstrau­isch auf Abyss. Hoffentlich blieb er auf seiner Seite da drüben.
 
Nach ein paar Stunden fühlte sich ihr Mund rissig und tro­cken an. Sie hatte Durst. Immer wieder schlug Gibbli schnell die Augen auf, sobald sie merkte, dass sie ihr zufielen. Doch langsam dämmerte sie weg. Sie durfte nicht schlafen, nicht so lange er da war. Dieser gewaltige Mann.
Plötzlich saugte etwas die gesamte Luft ab. Jemand schrie, eine Frauenstimme. Gibbli atmete Wasser. Sie ertrank! Ihre Lungen füllten sich mit kalter Flüssigkeit. Verschwommene Umrisse eines zierlichen Körpers verdeckten ihre Sicht. Sie blickte in weit aufgerissene Augen. Starr, tot! Dann veränderte sich ihr Traum und sie wurde zur Hybridenfrau, die schon ein­mal in ihrem Kopf aufgetaucht war.

Dir gefällt diese Geschichte und du möchtest das Buch auch in deinem Regal stehen haben? Unterstütze mich und kaufe jetzt die Druckversion auf Amazon: Bis in die tiefsten Ozeane

Ich freue mich außerdem über jeden Pieps deiner Anwesenheit hier. Schreib mir doch einen Kommentar. Was denkst du gerade?

Kapitel 4: Nox (Bis in die tiefsten Ozeane)

Samantha konnte sich nicht mehr daran erinnern was sie dachte, während sie zum Krankenhaus rannte. Irgendwann war sie einfach da. Das Gebäude wirkte verlassen, doch in­takt. Bestimmt hatte sich das Notstromaggregat eingeschal­tet. Im Inneren gab es, bis auf die Abwesenheit von Menschen, kaum Anzeichen von der vorhergegangenen Katastrophe. Trä­nen überströmt fuhr Samantha in den ersten Stock hoch und lief den Flur entlang zu Bo’s Zimmer. Dr. Bloom kam ihr ent­gegen und fing sie ab.
„Sam, was machst du hier? Das letzte Beben hat Bo sehr geschwächt. Sie…“, er hielt inne, als er ihr Gesicht sah und musterte sie dann besorgt. „Was ist passiert?“
„Ich muss zu Bo!“, schrie sie ihn an und versuchte an ihm vorbei zu kommen.
„Schhh, ruhig. Beruhig dich.“ Dr. Bloom hielt sie an den Schultern fest. Die Tränen rannen jetzt frei über ihr Gesicht. Sie konnte sie nicht mehr zurückhalten.
„Mum ist… tot!“ Samantha wäre beinahe umgekippt.
Der Arzt zog sie in seine Arme und strich vorsichtig über ihren Kopf. „Mein Gott“, entfuhr es ihm. „Wo ist dein Vater?“
„Mum wurde getroffen, sie ist tot! Ich muss zu Bo! Bitte!“, flehte sie jetzt.
„Sam, das geht nicht, okay? Du musst jetzt stark sein. Es würde Bo umbringen, sie darf sich nicht aufregen. Komm, wir gehen jetzt ins Ärztezimmer und versuchen deinen Vater-“
„Nein!“, unterbrach ihn Samantha und versuchte sich los zu reißen.
„Ruhig. Na schön. Ich lasse dich zu ihr. Aber du darfst es Bo nicht sagen. Verstanden?“
Samantha hielt inne. „Okay“, flüsterte sie.
„Du bist ein tapferes Mädchen. Ich versuche jetzt deinen Vater zu erreichen. Du gehst zu Bo und bleibst bei ihr, ja?“
Samantha nickte erleichtert. Er würde sie zu Bo lassen. Dr. Bloom ließ sie los und eilte davon.
 
Samantha wischte sich ihre Tränen mit dem eingestaubten Stoff ihres T-Shirts ab. Ihr Gesicht war gerötet und die Klei­dung zerknittert. Bo würde Fragen stellen. Mit wackeligen Beinen betrat sie das Zimmer. Als erstes erblickte sie die Ka­mera. Die war neu. Man hatte sie anscheinend nach Bo’s letz­tem Anfall heute installiert, um sie permanent zu überwachen. Da lag ihre Schwester, noch blasser als sonst. In diesem Mo­ment schlug sie die Augen auf.
„Sam.“
„Hallo Bo“, sagte sie und ihre Stimme klang heißer, doch Bo schien es gar nicht zu merken.
„Es kommt Feuer“, sagte Bo abwesend.
„Feuer?“, verwirrt blickte Samantha ihre Schwester an und sie erinnerte sich an Kassandras Worte. Sie musste Bo die Nachricht überbringen. „Bo, Mum hat gesagt-“
„Es wird alles gut, Sam. Es kommt Feuer“, unterbrach Bo sie. „Aber wir gehen ins Wasser.“
„Wovon redest du?“
„Der Vulkan wird ausbrechen. Ich habe es im Traum gese­hen.“
„Ich weiß. Sie brachten es in den Nachrichten. Bo, Mum hat gesagt, du sollst nicht nach-“
Wieder unterbrach Bo sie: „Was ist das?“
Offensichtlich war ihr die Kette um Samanthas Hals auf­gefallen, die ihre Mutter ihr vor wenigen Stunden umgehängt hatte. Sie tauchte ihre Hand unter das T-Shirt und zog den Anhänger daran hervor. Zum ersten Mal sah sie sich das scheibenförmige Stück Metall an der Kette genauer an. Es schimmerte golden. In seiner Mitte war oranges Glas eingelas­sen, durch das ein schwaches Leuchten drang und irgendet­was im Inneren schien sich zu drehen.
„Es ist von Elai, deinem Onkel“, sagte Samantha. „Er hat es Mum gegeben. Und sie hat es-“
„Es kommt mir bekannt vor“, unterbrach Bo ihren Satz. „Ich hab es schon mal gesehen. Denkst du, es hat Dad gehört?“
Ihre Worte rissen eine Spur aus Schmerz durch Samanthas Herz. Sie musste an ihren eigenen Vater denken, den sie so­eben zurückgelassen hatte. Dabei meinte er es doch nur gut. Warum war alles so kompliziert?
„Nein“, antwortet Samantha und versuchte einen klaren Kopf zu bewahren. Bo hatte ihren Vater nie getroffen. Und ihre Mutter hatte erzählt, dass dieser Elai und ein gewisser Nox es gestohlen hatten. Ihre Mutter war tot, schoss es ihr wieder in den Kopf. „Bo, Mum hat gesagt, du darfst nicht-“
Plötzlich begann Bo sich im Bett zu winden. „Sam, ich… krieg keine Luft mehr!“
„Bo!“, schrie Samantha und wandte sich zur Kamera. „Hil­fe!“
Dr. Bloom kam ins Zimmer gerannt, hinter ihm noch zwei weitere Ärzte. Sie machten sich am Wasseratmungsgerät zu schaffen.
In diesem Moment wandte Bo den Kopf zu Samantha und sah sie direkt an. „Sam, ich werde alle Unterwasserstädte be­suchen und nach Ocea reisen, wie mein Dad. Was hat Mum gesagt?“
„Nicht so wichtig“, sagte Samantha leise. Sie konnte ihr das nicht antun. Dr. Bloom hatte vorhin gesagt, Bo durfte sich nicht aufregen. Sie konnte Bo diesen Traum nicht nehmen.
„Ja, Bo. Du wirst noch unzählige Abenteuer erleben“, sagte sie stattdessen und umklammerte mit ihren Fingern die Me­tallscheibe an ihrem Hals, um sich irgendwie abzulenken.
Dr. Bloom wandte sich an Samantha, während die beiden anderen Ärzte Bo das Gerät aufsetzten. „Bitte warte draußen, Sam. Ich habe mit deinem Vater gesprochen. Er kommt in etwa einer Stunde und holt dich ab, okay?“
Samantha antwortete ihm nicht. Sie wandte sich um und verließ das Zimmer.
 
Im Gang ließ sie sich auf einen Stuhl sinken. In ihrem Kopf tobte ein Sturm, Chaos. Die letzte Aufforderung ihrer Mutter, ihr letzter Wunsch, konnte Samantha ihr nicht erfüllen. Sie musste Bo diesen Anhänger geben und ihr sagen, dass sie nicht nach Ocea durfte. Aber es würde Bo umbringen. Ihre Schwester wollte doch unbedingt dort hin. Sie fühlte sich schuldig. Wegen ihrer Mutter. Wegen ihrem Vater, auf den sie nie gehört hatte, obwohl er ja nur das Beste für sie wollte. Wegen Bo, der sie nicht die Wahrheit sagen konnte. Bo, die wahrscheinlich niemals richtig leben würde.
Zwei Stimmen warfen Samantha aus ihren Gedanken. Sie dachte, das Krankenhaus wäre nach der Evakuierung so gut wie verlassen. Es schienen jedoch weitere Menschen anwe­send zu sein. Zwei Frauen saßen im Zimmer nebenan. Die wei­ße Tür stand einen kleinen Spalt breit offen. Samantha schlich näher heran. Sie fühlte sich einige Stunden zurückversetzt, als sie ihre Mutter bei Bo belauscht hatte.
„Sie hält das nicht mehr länger durch“, meinte eine der Frauen.
„Wie lange?“
„Ein paar Minuten? Stunden? Es kann jeden Moment pas­sieren. Sie wird den Morgen nicht mehr erleben.“
„Es hat keinen Sinn. Wir sollten uns selbst in Sicherheit…“
Und da wurde Samantha klar, dass sie von Bo redeten. Bo würde sterben. Noch heute Nacht. Ohne weiter auf das Ge­spräch der Frauen zu achten, wirbelte sie herum. Sie rannte. Rannte den neonbeleuchteten Flur entlang, vorbei am Aufzug, ins Treppenhaus, überflog die Stufen förmlich und hastete dann nach draußen. Sie lief den Eingangsbereich hinunter, über die menschenleere Straße, sprang über einen Riss, der sich am Boden beim letzten Beben gebildet hatte und rannte der untergehenden Sonne entgegen, hinunter zum Meer, wo sie weinend zusammenbrach.
 
Die Wellen schäumten im aufkommenden Abendwind und Samantha wurde von Hass übermannt. Ihr Kopf drohte zu platzen von all den schrecklichen Ereignissen. Mit einer Kraft, die sie noch nie zuvor gespürt hatte, packte sie einen großen Stein so fest, dass es ihr unter normalen Umständen wehge­tan hätte.
„Monster! Ungeheuer!“, schrie sie und schleuderte ihn ins Meer hinaus.
Doch der Stein berührte nicht das Wasser. Wie aus dem Nichts tauchte von unten eine dunkelblaue, fast schwarze, kräftige Hand auf. Sie fing den Stein ab und umschloss ihn mit langen, spitzen Fingern. Samantha hielt kurz inne. Dann kochte die Wut erneut in ihr hoch.
„Du bist schuld!“, schrie sie die Hand an, die jedoch schon wieder ins Wasser verschwunden war. Zornig watete sie ins Meer hinaus. „Ihr alle seid Schuld, ihr blöden Meermenschen!“
Mit einem Mal wurden ihr die Füße weggerissen und Sa­mantha fiel auf den schlammigen Boden. Wasser spritzte zur Seite. Etwas zog sie weiter hinaus. Sie versuchte dagegen an­zukämpfen, aber die beiden Hände, die ihre Fußgelenke um­klammerten, waren stark wie Maschinen. Sie tauchte mit dem Kopf unter und kämpfte sich panisch wieder an die Oberflä­che. Immer weiter wurde sie nach draußen gezogen, der Bo­den war längst nicht mehr zu erkennen. Dann rissen sie die blauen Hände in die Tiefe. Die letzte Luft entwich ihrer Lunge und sie schluckte Wasser.
In dem Moment, als Samantha glaubte zu ertrinken, drückte sie jemand hoch an die Oberfläche. Gierig sog sie die salzige Luft ein. Sie spürte seine kräftigen Hände an ihren Oberarmen. Dürre Finger, die sich wie Krallen in ihr Fleisch bohrten. Als sie die Augen öffnete, starrte sie direkt in sein Gesicht. Er schaute aus dem Wasser, nur wenige Zentimeter vor ihr. Das Geschöpf besaß keine Nase, dafür leuchtend orange Augen, genau wie die von Bo. Nur, dass sie sich bei ihm durch die dunkle, teils schuppenartige Haut bedrohlich abhoben.
„Du bist Sam“, seine Stimme klang rau, wie ausgetrocknet. Es schien ihm schwer zu fallen, an der Luft zu sprechen.
Samantha musste husten und spuckte Wasser.
„Du ähnelst deiner Mutter sehr“, fuhr er fort.
„Du… kanntest meine Mum?“
„Nein“, sagte er und tauchte kurz unter, um dann gleich wieder aufzutauchen. Währenddessen ließ er sie jedoch nicht los. „Mein Erzeuger besaß ein Bild von ihr. Als er noch lebte.“
Und dann begriff Samantha. Er hatte die gleichen Augen. „Nox. Du bist Bo’s Bruder!“
Er hielt den Kopf schief. Offenbar bedeutete das, dass sie richtig lag.
„Ich mag deine Stimme“, sagte er.
„Ich hasse dich!“, schrie Samantha ihn an und versuchte sich loszureißen. Doch aus seinem festen Griff gab es kein Entkommen.
„Ich könnte dich töten“, meinte er und tauchte wieder kurz unter. Er zog sie mit, brachte sie beide aber schnell wieder an die Oberfläche.
Es kam unerwartet für Samantha, wieder hustete sie Was­ser. Ja, warum eigentlich nicht? „Dann tu es doch!“, rief sie er­schöpft. All das machte sie kaputt. Ihre Mutter war tot. Bo würde sterben. Welchen Grund gab es jetzt noch für sie, wei­ter zu leben?
„Das Marahang“ sagte Nox leise.
„Was?“ Sein Griff wurde fester. Es tat weh.
„Der goldene Zylinder an deinem Hals“, murmelte er weiter.
„Mum hat mir diese Kette gegeben“, presste Samantha her­vor.
„Wo ist Kassandra?“
Und wieder zog sich Samanthas Herz zusammen. „Tot.“ Als sie es aussprach, kam ihr eine verrückte Idee, wie ein kleiner Funke Hoffnung, der sie warm hielt.
„Dann ist das hier sinnlos.“ Nox ließ sie los und Samantha sackte zurück ins Wasser.
„Warte!“ Sie klammerte sich an ihm fest, bevor er davon schwimmen konnte. Er riss ihren Körper einfach mit sich, als würde sie nichts wiegen und tauchte in das offene Meer hin­aus.
„Lass los. Du ertrinkst.“ Fasziniert lauschte Samantha seiner Stimme. Unterwasser klang sie tief und nicht mehr so kratzig wie an der Luft.
‚Du kannst Bo retten!‘, wollte Samantha sagen, doch ledig­lich ein Schwall Luftblasen brach aus ihrem Mund hervor.
„Du ertrinkst. Loslass mich!“
Samantha schüttelte den Kopf und klammerte sich noch fester an ihn. Sie bekam kaum noch Luft. Dann riss er sich los. Gegen ihn war sie viel zu schwach, um sich zu wehren. Er schüttelte sie ab, wie ein lästiges Blatt, das ihm auf den Kopf gefallen war.
Samantha begann zu sinken.
Es fiel ihr immer schwerer, oben von unten zu unterschei­den. Langsam wurde ihr schwarz vor Augen.
Nach einer halben Ewigkeit, so kam es ihr vor, spürte sie wieder seine Hände. Sie zogen Samantha in irgendeine Rich­tung. Und dann atmete sie plötzlich wieder. Kalte Abendluft durchdrang ihre Lungen. Nox blickte sie erneut direkt an. Sei­ne spitzen Zähne blitzten hervor, als er anfing zu grinsen.
„Du schwimmst nicht“, stellte er fest.
„Dad… hat es mir… verboten… will nicht… dass ich… ins Meer… gehe…“ Immer wieder schnappte sie erschöpft nach Luft.
„Das Meer ist nichts für Landmenschen.“ Nox brachte sie näher ans Ufer, bis sie wieder stehen konnte und ihr das Was­ser nur noch bis zur Taille reichte.
„Wie funktioniert es? Wie wollt ihr Bo retten?“, fragte Sa­mantha ihn.
Er antwortete nicht.
„Wenn es eine Möglichkeit gibt, dann sag es mir! Bitte“, flehte sie.
Er strich ein paar nasse Haarsträhnen aus ihrem Gesicht. Erst jetzt bemerkte sie, dass seine Hände gar nicht kalt waren. Nur ein wenig glitschig an der Luft. Und zu Samanthas Über­raschung antwortete er ihr: „Es erfordert ein Opfer. Eine funk­tionierende Lunge. Deine Mutter, sie stirbt, Bo lebt. Sie eingelassenhätte sich darauf.“
„Und dieses Marahangteil?“, fragte sie und blickte hinab auf den Anhänger der Kette.
„Ein Versuch. Es wird nicht funktionieren. Elai meint, man braucht die richtige DNA. Das ist… zu kompliziert. Es ist mir egal, ob Bo lebt oder stirbt.“
„Ist es nicht.“
„Bo ist kein Wassermensch. Sie gehört nicht zu uns.“ Nox drehte sich um und watete wieder ins Meer hinaus.
„Aber sie ist deine Schw- Halbschwester! So wie sie meine ist“, rief ihm Samantha hinterher.
Er war jetzt fast wieder vollkommen im Wasser.
„WARTE!“ Samantha stapfte ihm nach, bis sie wieder bei ihm war.
„Lebe wohl.“ Er drehte sich zu ihr um, schien zu zögern, nur einen kurzen Augenblick.
„Ich opfere mich“, sagte Samantha, als er gerade eintau­chen wollte.
Er hielt inne, bewegungslos. Sein Grinsen verschwand. Dann schloss er gequält die Augen, als täte ihm etwas weh.
„ICH OPFERE MICH!“, schrie sie im direkt ins Gesicht. So laut, dass er hätte zurückweichen müssen. Doch Nox wich nicht zurück. Er öffnete seine Augen wieder und sein Blick durchdrang sie. Nox sah sie an, wie noch nie jemand zuvor sie angesehen hatte. Alle Haare auf ihrer Haut stellten sich auf. Sie konnte sich nicht erklären, was gerade geschah.
„Dann herhol sie.“
 
Samantha stand vor Bo’s Bett. Draußen war es bereits dunkel. Der Wind hatte nachgelassen. 41 Jahre. Dabei sah sie noch so jung aus. Sie bewunderte die Meermenschen für ihre lange Le­benszeit. Das war etwas, was Bo allem Anschein nach von ih­rem Vater geerbt hatte.
„Sam?“, sagte sie mit schwacher Stimme.
„Ich bin da.“
„Geh nicht weg.“
„Das tu ich nicht. Ich nehme dich mit, Bo.“
„Ich darf raus?“ Ihre Stimmung änderte sich schlagartig.
„Ja.“
Samantha hatte Bo noch nie so glücklich erlebt. Ihre Au­gen leuchteten wie zwei Sonnen.
„Versprich mir, dass du immer so lachen wirst, Bo“, sagt Sa­mantha. „Mit deinem Lachen wirst du die Meere erobern.“
Taumelnd versuchte ihre Schwester auf die Beine zu kom­men. „Schwindlig.“
Samantha warf einen schnellen Blick zur Kamera und be­eilte sich, ihr hoch zu helfen. „Geht es?“
„Ja.“ Die Aussicht, dieses Krankenhaus nach all den Jahren einmal von außen zu sehen, schien ihr Kraft zu geben.
„Du bewegst dich wie ein Zombie.“
Bo grinste sie an. „Vielleicht sind meine Beine nicht zum Gehen gedacht.“
Ihre Schwester stützend, schleppte Samantha sie zur Tür, als Bo aufschrie: „Warte! Das Buch!“
Samantha ging zurück, es lag auf dem Nachttisch. Der Ocea-Schriftzug strahlte ihr entgegen. „Hab es“, sagte sie, schnappte sich die runde Platte und zusammen schlichen sie aus dem Zimmer. Mit jedem Schritt wurde es leichter. „Dr. Bloom darf uns nicht sehen.“
„Oh, eine geheime Wanderung?“, freute sich Bo.
„So was in der Art“, antwortete Samantha schmunzelnd. Der Gedanke daran, dass Nox Bo retten konnte, gab ihr neue Hoffnung.
 
Sie schafften es bis zum Ende des Ganges.
„Sam? Bo? Seid ihr das?“ Es war Dr. Bloom.
„Nein, wir sind Zombies“, rief Bo mit verstellter Stimme und lachte.
„Schhhht“, zischte Samantha.
„Ich freu mich so! Ich freu mich, Sam!“
„Lasst den Unsinn!“ Dr. Bloom kam näher.
Dann tauchte Samanthas Vater hinter ihm auf. „Saman­tha? Was wird das hier?“
Die beiden Geschwister schwiegen.
Nach ein paar Sekunden erhob ihr Vater wieder das Wort. Oder waren es Minuten? Samantha wusste es nicht. Die Zeit schien sich für einen Augenblick zu langem zähen Gummi ge­wandelt zu haben. „Samantha, wir reisen ab. Sofort!“
Sie erwachte aus ihrer Starre. „NEIN!“, schrie Samantha und hoffte, dass es Bo neben ihr nicht aufbrachte. Sie durfte sich nicht aufregen. Sie schwebte immer noch in Lebensgefahr. Nur Bo kümmerte das scheinbar nicht das kleinste bisschen.
Samanthas Vater schoss nach vorne, um seine Tochter mit sich zu ziehen, doch Dr. Bloom hielt ihn an der Schulter fest. „Lass die beiden gehen, Thomas.“
Samantha konnte sehen, dass er ihm etwas ins Ohr flüs­terte. Sie hörte es nicht, konnte sich aber vorstellen, was er sagte. Es war Bo’s letzte Nacht. Er hatte ihm gesagt, dass Bo den Morgen nicht erleben würde. Samantha sah ihren Vater abwartend an. Er schien mit sich zu ringen, ob er sie gehen ließ oder nicht.
„Mr. Evens. Ich werde sterben“, sagte Bo laut. Ihre Stimme klang dabei so klar wie nie. Es kam unerwartet für alle. „Ich möchte das Meer sehen. Ein einziges Mal in meinem Leben will ich das Wasser berühren.“
Sie sahen sich an. Ein Blickduell, das scheinbar niemand gewinnen konnte. Samantha spürte das Knistern in der Luft zwischen ihnen und sie wusste, Bo würde nicht nachgeben, bis sie zusammenbrach.
„Dad, bitte“, unterbrach sie flüsternd die Stille, als sie es nicht mehr aushielt.
Er wandte sich mit fragendem Blick seiner Tochter zu. „Sa­mantha?“
„Wenn ich zurück komme, reisen wird ab. Versprochen“, versuchte sie ihn zu überreden. Es war nicht gelogen, denn Samantha würde nicht zurückkommen.
Ihr Vater nickte.
 
Und dann standen sie im Lift und fuhren nach unten. Saman­tha legte stützend den Arm um Bo. Sie konnte es noch gar nicht glauben, die beiden Geschwister waren frei. Niemals hät­te je irgendjemand gedacht, dass Bothilda Bamba das Kran­kenhaus irgendwann einmal verlassen dürfte. Aber jetzt, nach 41 Jahren war sie frei. Und Samantha, die nicht einmal halb so alt war, stand neben ihr. Der Fahrstuhl hielt im Erdgeschoss an. Noch ein Flur und sie würden den Ausgang schon sehen können. Als sie um die nächste Ecke bogen, brach Bo zusam­men.
„Du bist ein guter Schauspieler“, sagte Samantha leise.
„War ich schon immer.“
„Hast du Angst?“
„Nein. Niemals. Es gibt keinen Grund dafür. Ich möchte hier raus, Sam. Jetzt.“
„Komm. Hoch. Wir schaffen das. Zusammen.“ Samantha half ihrer Halbschwester wieder auf die Beine und sie schlepp­ten sich nach draußen.
Die Luft war trüb und der Wind pfiff ihnen um die Ohren. Aber in ihren Gedanken stellten sie sich den Himmel Sternen­klar vor. Bo nahm einen tiefen Atemzug und Samantha tat es ihr gleich. Erst jetzt bemerkte sie, dass der sonst salzige Ge­ruch sich verändert hatte. Ein leicht schwefliger Gestank lag in der Luft. Doch die orangen Augen ihrer Schwester leuchteten. Samantha spürte, wie die Anspannung von ihr wich. Nur noch bis zum Wasser hinab. Nur noch ein kleines Stück.
Am Strand angekommen, wateten die beiden zusammen in das aufgewühlte Wasser hinein. Die tobenden Wellen bra­chen sich an ihren Körpern, doch sie störten sich nicht daran und kämpften dagegen an.
„Spürst du das, Sam?“, sie nahm einen weiteren, tiefen Atemzug. „Ich bin zu Hause.“
Samantha wich zurück und ließ vor Schreck Bo’s Buch ins Wasser fallen, als er auftauchte. Obwohl sein Anblick nicht neu für sie war, spürte sie Angst in sich aufsteigen. Ein Krib­beln kroch von ihrem Bauch bis in ihre Zehenspitzen. Die Sze­ne, welche sich ihr bot, war so überwältigend. Bo wich nicht zurück. Sie starrte Nox an. Und Nox starrte Bo an. Zum ersten Mal in ihrem Leben bekamen sich die Geschwister zu Gesicht und Samantha hatte das unbehagliche Gefühl, etwas zwi­schen den beiden nicht mehr mitzubekommen, als würden sie nur mit ihren Blicken miteinander sprechen. Nach einer Weile öffnete Bo den Mund, um etwas zu sagen. Doch kein Laut verließ ihre Lippen.
„Ich möchte dir jemanden vorstellen“, flüsterte Samantha. „Das ist-“
Von einem Augenblick zum anderen sackte Bo in sich zu­sammen und hing im nächsten Moment schlaff in seinem glit­schigen Arm. Es ging alles zu schnell für Samanthas Augen. Ein Griff von ihm und ihre Halbschwester war umgekippt, er beachtete Bo gar nicht weiter. Jetzt gab es kein Zurück mehr. Sie würde ihr Leben für Bo geben. Nox wandte sich Samantha zu und sein Gesicht brannte sich in ihren Kopf. Er wirkte so fremd und gleichzeitig so vertraut, als sähe sie nicht in die sei­nen, sondern in die Augen ihrer Halbschwester. Und dennoch fühlte sich sein Blick anders an. Durchdringender, so als wür­de er sie auffressen wollen. Sie spürte seine glitschige Hand auf ihrer Wange.
„Vertrau mir Sam“, sagte er mit seiner ausgetrockneten Stimme.
Hatte sie einen Fehler gemacht? Im letzten Moment fing sie an, zu zweifeln und ihr Herz begann zu schlagen, immer schneller und schneller. Dann wurde alles schwarz.

Dir gefällt diese Geschichte und du möchtest das Buch auch in deinem Regal stehen haben? Unterstütze mich und kaufe jetzt die Druckversion auf Amazon: Bis in die tiefsten Ozeane

Ich freue mich außerdem über jeden Pieps deiner Anwesenheit hier. Schreib mir doch einen Kommentar. Was denkst du gerade?

Kapitel 3: Im verbotenen Archiv (Bis in die tiefsten Ozeane)

Nach der Flucht vor Somal und Kor, fand sich Gibbli in einem großen Komplex wieder, der sich zwischen dem Bahnhof des Meeresexpresses und den Gebäuden der biologischen Tiersta­tion erstreckte. Hier beinhalteten meterhohe Regale, die sich auf mehrere Stockwerke verteilten, unzählige Stecker und elektronische Buchplatten. Doch es war nicht die öffentlich zugängliche Bibliothek, die sie immer wieder anzog, sondern die gesperrten Lagerhallen, die sich darunter befanden: Das verbotene Archiv.
Das Umgehen der Türverriegelungen war für Gibbli ein Kin­derspiel. Ehrfurchtsvoll schlich sie die hohen Gerüstreihen ent­lang, während sie ihr EAG als Taschenlampe vor sich erhob. Niemand durfte sich hier aufhalten, nicht einmal die Soldaten der Elite. Einzig ausgewählte Archäologen hatten für jeweils kurze Zeit die Erlaubnis, diese Hallen zu betreten und das auch nur, um das jeweilige Fundstück hier zu deponieren. An den Artefakten zu forschen, war strengstens verboten. Hier bewahrten die Landmenschen ihre, in Gibblis Augen, bedeu­tendsten Funde überhaupt auf. Dieser Ort war ein Museum der ganz besonderen Art. Eine Grabstädte für oceanische Ge­genstände, deren zerstörerische Macht für immer hinter ver­schlossener Tür bleiben sollte. Gibbli kannte jedes Staubkorn hier. Sie brach seit vielen Jahren immer wieder ins Archiv ein und hatte so gut wie alles davon gesehen. Nicht, dass sie die Sprache der Oceaner je begriffen hätte, dennoch war es ihr gelungen, die Technologie einiger hier lagernder Maschinen für sich zu nutzen. Hier fühlte sie sich wohl. Hier genoss sie ihre Ruhe. Hier konnte sie ihrem Drang nachgehen, all die faszinie­renden Kräfte zu erforschen.
Sie schlenderte an einem gigantischen Bruchstück vorbei und fuhr dabei mit dem Finger an einer darin enthaltenen Gravur entlang. Die ihr so fremden und gleichzeitig vertrauten Schriftzeichen begeisterten sie immer wieder aufs Neue. Es war nicht ungefährlich, mit dieser Art von Technologie zu ex­perimentieren. Dennoch fand Gibbli sie so viel aufregender, als die der Landmenschen. Man musste nur immer gut aufpassen, was man dachte. Die Kommunikation über niederfrequente Gehirnwellenmuster stellte einen Grundpfeiler oceanischer Physik dar. Gibbli hatte heimlich Experimente an Mitschülern durchgeführt. Erstaunlicherweise schien niemand von ihnen die erforderliche Anzahl an Neurotransmitter abzusondern, welche nötig war, um die Schnittstellen der kleinen Maschinen hier im Archiv ansprechen zu können. Gibbli hingegen war dazu in der Lage. Natürlich nicht immer und nicht bei jedem Gerät. Manche Gegenstände wurden so heiß, wenn sie diese berührte, dass sie sich die Finger verbrannte. Andere bewegten sich gar nicht. Doch ein paar wenige ließen sich mit ihren Ge­danken steuern. Gibbli liebte es, einzelne Fundstücke zu zerle­gen und diese neu zusammen zu bauen. Bei ihren beiden murmelgroßen Fluggeräten war ihr die Anpassung auf ihre ei­genen Denkmuster besonders gut gelungen. Deswegen be­dauerte sie den Verlust einer ihrer beiden Schätze sehr.
Ein überraschendes Geräusch riss sie aus ihren Gedanken auf. Leise Schritte drangen durch die Halle und kamen lang­sam näher. Schnell schaltete Gibbli ihre Lampe aus und er­kannte den schwachen Schein eines anderen EAGs, nicht weit von ihr entfernt.
„Wo ist dieses verfluchte Marahang…“, murmelte ein Mann jetzt ganz in ihrer Nähe.
Hastig tastete sich Gibbli um die Ecke eines Gerüsts herum. Im nächsten Moment streifte ein Lichtstrahl ihren Stiefel. Sie wich blitzartig zurück. Hoffentlich hatte er sie nicht gesehen!
Sie stand jetzt hinter einem Vorsprung des goldenen Bruch­stücks einer Maschine und traute sich kaum, sich zu bewegen. Nur ein kleines Geräusch und er würde sie sofort bemerken.
Der Strahl seines EAGs leuchtete knapp an ihr vorbei. Of­fensichtlich suchte er etwas. Gibbli hatte noch nie von einem Marahang gehört.
Verdammt, er kam noch näher auf sie zu! Jetzt konnte sie schon seinen Umriss wahrnehmen. Irgendwie kam er ihr be­kannt vor. Unter seinem Arm blitzte etwas Goldenes auf und Gibbli erkannte darin sofort die runde Scheibe. Ganz sicher handelte es sich um diese Karte. Sie hatte das neue Fundstück erst bei ihrem letzten Einbruch entdeckt. Auf dem beigelegten Log stand, dass die Archäologen es in der Nähe der Küste fanden, auf halbem Weg zur ersten Unterwasserstadt des Landmenschengebietes.
Gibbli hielt den Atem an, als der Mann unweit an ihr vorbei schlich. Dann bog er in einen anderen Gang ab. Sie musste hier weg, sofort!

Dir gefällt diese Geschichte und du möchtest das Buch auch in deinem Regal stehen haben? Unterstütze mich und kaufe jetzt die Druckversion auf Amazon: Bis in die tiefsten Ozeane

Ich freue mich außerdem über jeden Pieps deiner Anwesenheit hier. Schreib mir doch einen Kommentar. Was denkst du gerade?

Kapitel 2: Abgelehnt (Bis in die tiefsten Ozeane)

Wie jeden Tag, besuchte Samantha nach der Schule ihre Halbschwester Bo. Schweigend ging sie mit ihrer Mutter den Gang zu den einzelnen Zimmern im ersten Stock entlang. Es roch nach Desinfektionsmittel, doch sie hatte sich längst daran gewöhnt. Als die beiden die Tür des Krankenzimmers erreichten, hinter der Bo lag, hielt ihre Mutter Samantha da­von ab, die Tür zu öffnen.
„Warte noch“, sagte sie und holte etwas aus ihrer Tasche. Es war ein scheibenförmiges Stück Metall an einer Kette. „Das ist für deine Schwester. Aber bevor sie es bekommt, muss ich noch etwas klären. Passt du bitte darauf auf?“
„Was ist das?“, fragte Samantha und betrachtete neugierig den Anhänger, den ihr ihre Mutter um den Hals legte. Doch ihre Mutter zog den Kragen von Samanthas cremefarbenem T-Shirt hervor und ließ es darunter verschwinden. Das Metall fühlte sich gar nicht kalt an und sie spürte es kaum, als es auf ihrer Haut lag.
„Elai sagt, das heißt Marahang. Er und Nox haben es ge­stohlen. Nox hat das entschieden. Nach dem Tod von Lio hat er das Recht dazu.“
„Das verstehe ich nicht, wovon redest du?“ Was sollte das heißen? Wer hatte was gestohlen? Samantha wusste, dass mit Lio Bo’s Vater gemeint war. Er lebte schon lange nicht mehr. Aber wer waren Elai und Nox?
„Das musst du nicht verstehen, Schatz.“ Sie strich ihrer Tochter den blonden Pony aus dem Gesicht. „Geh schon vor. Ich bin noch kurz draußen, ja?“
Samantha sah ihrer Mutter nach und öffnete dann die Tür des Krankenzimmers.
 
Im weißen Bett vor ihr lag eine, dem Anschein nach, junge Frau, mit leicht bläulicher Hautfarbe und blätterte gelangweilt in einer runden Buchplatte.
Samantha wusste, dass es sich dabei um das Lieblingsbuch ihrer Schwester handelte. Eins der wenigen Dinge, die Bo in diesem Krankenhaus etwas Abwechslung boten. Es steckte voller Geheimnisse über eine Unterwasserstadt, U-Boottechni­ken und anderer Dinge und zeigte kleine Details einer faszi­nierend fremden Welt. Nach all den Jahren musste Bo das Buch schon auswendig kennen, jede einzelne Seite. Natürlich nicht den Text, denn der war in einer ihnen unbekannten Schrift verfasst. Dennoch liebte Bo die Bilder darin und Sa­mantha freute sich, wenn ihre Halbschwester von der gehei­men Stadt Ocea schwärmte. Ocea musste der Name sein, denn er stand unter dem beeindruckenden Bild vieler goldener Bauten auf der Deckseite, so wie auch am Rand der Platte in goldenen Lettern und als einziges klar lesbar.
Heute hatte Bo allerdings eine Seite geöffnet, die Saman­tha weniger gefiel. Sie zeigte ein Schaubild mit der Übersicht über verschiedene Wesen. Es waren drei Arten abgebildet: Landmenschen, Hochseemenschen und Tiefseemenschen. Darunter gab es Bilder ihrer Nachkommen. Natürlich war es bei allen drei Arten nicht gerne gesehen, wenn jemand mit ei­ner anderen Art eine Verbindung einging. Und doch passierte es hin und wieder. Dann entstand ein Hybridkind.
Während das Zeugen von Kindern zwischen Landmen­schen und Hochseemenschen eher unproblematisch verlief, da Hochseemenschen eine Lunge und Kiemen besaßen, konnten bei Nachkommen von einem Landmenschen und einem Tief­seemenschen Probleme auftreten. Denn Tiefseemenschen hat­ten nur Kiemen und konnten nicht über Wasser atmen. Wenn zum Beispiel ein Landmensch und ein Tiefseemensch ein Kind zeugten, gab es vier Möglichkeiten: Das Kind besaß eine Nase mit funktionierender Lunge. Das Kind besaß nur Kiemen. Drit­tens, es hatte beides. Oder, die vierte Möglichkeit, es besaß keins von beiden und war somit nicht lebensfähig. Bei ihrer Halbschwester handelte es sich um so einen Fall. Also fast. Bo besaß zwar beides, aber irgendwie waren weder ihre Lunge noch ihre Kiemen richtig funktionstüchtig, jedenfalls nicht für längere Zeit. Sie musste immer wieder abwechselnd Luft und Wasser atmen. Es war ein Wunder, dass ihr Körper das schon so viele Jahre durchhielt. Samantha hatte wahnsinnige Angst, sie zu verlieren. Sie liebte ihre große Schwester über alles.
„Bothilda, du siehst schrecklich aus.“
Bo hob den Kopf und ein Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus.
„Nenn mich nicht so, Sam. Die Ärzte sagen, meine Haare wachsen wieder.“
Doch Samantha wusste es besser. Ihr fiel nichts ein, was sie darauf erwidern sollte. Schließlich senkte sich ihr Blick er­neut auf das Buch. „Bitte mach es aus. Ich mag diese Seite nicht. Sie macht mich traurig.“
Samantha drehte sich um und blickte aus dem Fenster. Sie wollte nicht, dass Bo ihre aufsteigenden Tränen sah und ver­suchte, diese zu unterdrücken. Sie verfolgte ein Blatt, das wir­belnd vom Baum fiel. Es wurde langsam Herbst. Samantha schob den Drang, das Fenster zu öffnen, zur Seite. Wie gerne hätte sie jetzt den Wind an ihrem Gesicht gespürt. Aber das war hier nicht möglich. Ihre Schwester brauchte reine Luft, die salzige Meeresluft, an der Küste von draußen, tat ihr angeb­lich nicht gut.
„Das was hier steht, gehört zu mir“, meinte Bo und drückte langsam auf eine Pfeiltaste, um die nächste Seite auf der run­den Oberfläche erscheinen zu lassen. „Alles darin. Es ist das einzige, was ich von Dad besitze. Ich glaube fest daran, dass Ocea existiert.“
Erschrocken blickte sich Samantha um. „Pass auf, dass Mum dich nicht so sprechen hört.“
„Mum ist nicht hier.“
„Du weißt, sie mag es nicht. Das alles ist… Geschichte. Die Sache mit deinem Vater fand ihr Ende noch vor deiner Ge­burt.“ Samantha hasste es darüber nachzudenken. Sie wünschte sich, Bo wäre kein Hybrid, sondern ein ganz norma­ler Landmensch. Dann wäre alles so einfach.
„Aber ich bin nicht Geschichte, Sam. Ich lebe! Siehst du?“ Bo wedelte mit ihrer Hand vor ihrem Gesicht.
Samantha beruhigte sich und konnte nicht anders, als zu lächeln. Bo brachte sie immer zum Lachen. „Das weiß ich doch.“
Ein leichtes Grummeln durchfuhr auf einmal den Raum und Samantha blickte alarmiert auf ein Glas Wasser, das auf Bo’s Nachttisch stand. Die Flüssigkeit schwappte hin und her.
„Da ist es wieder. Es wird stärker“, flüsterte Bo und um­klammerte ihr Ocea-Buch.
„Ist sicher gleich vorbei.“
Plötzlich warf ein heftiges Ruckeln des Bodens sie fast um. Samantha konnte sich gerade noch an der Bettkante festhal­ten. Es dauerte nur ein paar Sekunden, dann hörte es wieder auf.
„Bist du okay?“, hörte sie Bo’s besorgte Stimme.
Samantha ließ sich auf einen Stuhl fallen. „Ja.“
Einen Moment lang war es still.
„Ich fühle mich krank, Sam.“
Sie sah ihrer Halbschwester in die Augen. Und dann gab sie sich einen Ruck. Sie musste es Bo sagen. Sie konnte es nicht mehr geheim halten, es wäre gemein. „Die Ärzte sagen, du schaffst es nicht. Mum will nicht, dass ich dir das sage. Aber ich lüge dich nicht an.“
Es war raus. Und es tat weh. Doch Bo schien nicht davon beeindruckt.
„Das weiß ich doch längst“, sagte sie leise. Dann fing sie an zu grinsen, was Samantha noch mehr verwirrte. „Ich glaube, mittlerweile kenne ich mich mehr aus mit Medizin und Krank­heiten, als alle Ärzte hier zusammen.“
„Nach ein paar Jahrzehnten solltest du das wohl auch.“
Und dann lachten sie beide los. Es war ein selten schöner Moment. Leider dauerte er nicht lange an. Plötzlich fing Bo an zu röcheln. Samantha hielt sofort inne.
„Sam… Ich krieg keine Luft!“
Nein, das war viel zu früh! Das durfte nicht sein. Samantha schlug auf einen Knopf an der Wand. Sie spürte, wie ihre Au­gen wieder feucht wurden. Hilflos musste sie zusehen, wie ihre Halbschwester sich an den Hals griff. Bo reckte ihren Kopf und versuchte nach Luft zu schnappen. Und Samantha konn­te nichts tun. Absolut gar nichts.
„Ich hab mich so gefreut, als du gekommen bist“, krächzte Bo.
„Sag nichts, das macht es schlimmer.“
Doch Bo öffnete erneut den Mund. „Mit dir an meiner Sei­te, bin ich nicht mehr allein.“
„Bo! Halt durch!“
Sekunden später eilten ein paar Ärzte ins Zimmer und setzten ein Gerät neben Bo’s Bett in Gang. Es fing laut an zu Blubbern. Das Wassergerät, so nannten sie es immer.
Einer der Ärzte nahm Samantha an den Schultern und versperrte ihr die Sicht auf Bo. Es war Dr. Bloom. „Sam, geh bitte nach draußen“, sagte er leise.
„Aber Bo…“
„Sie schafft es. Geh. Dein Vater wartet draußen.“ Er schob sie sanft Richtung Gang hinaus. Samantha erkannte noch, dass man Bo eine Maske aufsetzte und etwas um ihren Hals legte, damit sie Wasser atmen konnte. Dann schloss Dr. Bloom die Tür.
Mit hängenden Schultern sah sie ihren Vater an, der nicht weit entfernt im Gang stand. Sie konnte ihre Tränen nicht mehr zurückhalten. Ihr Vater presste den Mund zusammen, sagte jedoch nichts.
„Könntest du sie nicht wenigstens einmal besuchen? Bo würde sich freuen!“, brachte Samantha hervor, als sie den Gang entlang zum Aufzug gingen, vorbei an leeren Kranken­zimmern.
„Sie ist nicht meine Tochter“, antwortete er knapp.
„Bo ist meine Schwester!“
„Halbschwester. Und ich wünschte es wäre nicht so.“
Samantha blieb stehen und ballte die Fäuste. Wie konnte er nur so etwas sagen? „Dad, das ist gemein! Ich würde ihr mein Leben geben, wenn ich könnte!“
„Tut mir Leid. Es war ein Fehler, das zu sagen.“
Sie wusste, dass er das nicht ernst meinte. Es tat ihm nicht Leid. Er hielt sich zurück. Er mochte Bo nicht.
„Wie sieht es mit deiner Anmeldung aus? Hast du dich bei der Stanis Universität eingetragen?“, versuchte er sie abzulen­ken.
Ihre Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen. Wie konnte er so taktlos sein und jetzt damit anfangen? „Ich wer­de Kuchenbäcker! Das sagte ich dir bereits!“
„Pah. Du landest noch auf der Straße, wie deine Mutter damals!“
„Das hat gar nichts damit-“
„Kassandra?“, unterbrach sie ihr Vater und Samantha dreh­te sich um. Ihre Mutter kam den Gang entlang. Irgendetwas stimmte nicht mit ihr. Das Haar hatte sich teilweise aus ihrem Zopf gelöst und hing ihr in Strähnen ins Gesicht.
„Mum, warum bist du so nass?“
Samanthas Vater sah sie missbilligend an. „Du warst wie­der unten am Meer“, stellte er fest. Sie ignorierte es und drückte Samantha ein entrolltes Blatt in die Hand. Die Fla­sche behielt sie bei sich. Dann wandte sie sich an ihren Mann.
„Thomas, geht schon vor. Ich verabschiede mich noch von Bo.“
Ihr Vater nickte, wandte sich um und stapfte stur Richtung Aufzug, während ihre Mutter sich Bo’s Zimmer näherte. Sa­mantha folgte ihm nicht und blieb alleine im Gang zurück. Stattdessen las sie den Brief, den ihre Mutter ihr in die Hand gedrückt hatte. Er war an der Seite durchnässt, aber noch les­bar.
 
Sehr geehrte Frau Kassandra Evens,
 
leider können wir Ihre Tochter Bothilda Bamba nicht an der Akademie zulassen, da sie nicht unseren Anforderun­gen entspricht. Zudem müssen wir Ihnen mitteilen, dass es uns nicht möglich ist, sie auf unserer Krankenstation auf­zunehmen.
 
1. Alle Studiengänge und das Betreten unserer Räumlich­keiten ist Landmenschen vorbehalten.
 
2. Das Maximalalter für die Erstaufnahmen beträgt 7 Jah­re. Wir sind uns im Klaren, dass Bothilda unter ihresglei­chen noch nicht als ausgewachsen gilt, umgerechnet auf die Entwicklungsstufe eines Landmenschen hat sie dieses Alter dennoch weit überschritten.
 
3. Wir behandeln nur Mitglieder der Akademie und Land­menschen in unseren medizinischen Einrichtungen.
 
Wir bitten um Ihr Verständnis. Sollten Sie uns Spenden zu­kommen lassen wollen, steht Ihnen unser schulischer Leiter Markus Brummer gerne zur Verfügung.
 
Mit besten Grüßen
Dr. Elvira Fenchel
Medizinische Direktorin der Meeresakademie
 

Abgelehnt. Sie hatten Bo einfach abgelehnt! Samantha spürte, wie es in ihr brodelte. Dann blickte sie hoch und schlich zu­rück zu Bo’s Krankenzimmer. Die Tür stand halb offen. Durch einen kleinen Spalt beobachtete sie, wie ihre Mutter sich setz­te. Die Ärzte waren schon weg und Bo schien zu schlafen.
„Mein Baby. Es tut mir so Leid“, flüsterte Kassandra. Sie weinte leise.
Irgendetwas hielt Samantha davon ab, den Raum zu betre­ten. Es fühlte sich falsch an, als würde sie stören. War ihre Mutter wirklich unten am Meer gewesen? Samantha be­obachtete, wie Bo sich im Schlaf auf die Seite drehte. Sie be­kam von alldem nichts mit.
„Ich habe ein Abkommen geschlossen“, flüsterte Kassandra wieder. „Sie versuchen dich zu retten. Halte durch. Ich komme wieder, heute Nacht.“
Verwirrt lauschte Samantha ihren Worten. Ihre Mutter würde sich heute Nacht ins Krankenhaus schleichen? Warum? Wie konnte Bo das helfen?
„Es tut mir so Leid“, hörte sie ihre Stimme wieder. „Ich war doch noch ein Kind. Ich wollte nicht, dass du so leben musst. Eigentlich wollte ich dich damals gar nicht. Es tut mir so Leid. Aber ich mache es wieder gut. Ich hab dich lieb Bothilda.“
 
Es war später Nachmittag. Der Wind draußen verstärkte sich zunehmend und Samantha wünschte sich, sie wäre bei Bo im Krankenhaus geblieben. Stattdessen saß sie jetzt neben ihrer Mutter im Wohnzimmer. Im Fernseher liefen die aktuellen Nachrichten aus der Region. Ein beunruhigt aussehender Sprecher mit Brille hatte das Wort.
„…wird begleitet durch kleinere Erdbeben. Der Vulkan könnte jeden Moment ausbrechen. Die Bevölkerung wurde angewiesen, das Gebiet weiträumig zu verlassen.“
„Hier.“ Ihr Vater betrat den Raum und knallte einen riesigen Koffer auf den Tisch. Damit stellte er seine Absicht klar.
„Nicht ohne Bo“, sagte Samantha sofort und sprang auf.
„Jetzt seid endlich vernünftig! Bothilda kann nicht verlegt werden, das hatten wir besprochen!“
„Thomas, bitte“, versuchte ihn Kassandra zu beruhigen. „Noch eine Nacht. Morgen reisen wir ab. Ich hab den Ruck­sack für Sam schon gepackt.“
Entsetzt dreht sich Samantha um. Sie hatte was? „Mum!“, schrie sie empört. Was sollte das? Sie konnte das doch selbst erledigen! Sie war alt genug zum Koffer packen und außer­dem würde sie nicht ohne Bo hier weggehen.
Ihr Vater schien sich etwas zu beruhigen. „Na gut. Wenn es morgen mal nicht zu spät…“
Und dann brach die Hölle los.
 
Der Boden vibrierte und ein lautes Grollen setzte unvermittelt ein. Das Beben erschütterte das gesamte Haus. Der Fernseher knackte und ging aus. Samantha versuchte sich festzuhalten und spürte den Griff ihrer Mutter an ihren Schultern. Sie sah, wie ihr Vater nach hinten stolperte, in den Gang hinaus und in einer Staubwolke verschwand. Vom Tageslicht draußen drang kaum noch etwas durch. Trümmer lösten sich aus der Decke, brachen und fielen zu Boden. Samantha spürte, wie ihre Mut­ter sie unter den Tisch schubste. Doch sie kam nicht nach.
Kassandra wurde von einem der Trümmer getroffen.
„MUM!“
Verzweifelt versuchte Samantha sie unter den Tisch zu zie­hen. Da lag ihr Kopf, verkehrt herum und ihre Augen blickten in Samanthas Gesicht. Sie war eingeklemmt. Mit gebrochener Stimme versuchte sie Worte hervorzuwürgen. „Sam… sag Bo… sie darf nicht nach Ocea!“
„Was? Mum!“ Samantha sah in Gedanken das Ocea-Buch vor sich. Sprach ihre Mutter von der Stadt? Sie existierte wirk­lich?
„Elai hat… das gesagt.“
„Mum! Wer ist Elai?“, schrie Samantha. Noch immer riesel­ten größere Brocken zu Boden und einige trommelten laut über ihr auf den Tisch.
„Ihr Onkel“, würgte Kassandra hervor. „Elai ist Bo’s Onkel.“
„Mum! Du darfst nicht… Mum!“
„Bo… darf nicht in die Stadt. Sag es ihr. Und gib ihr den An­hänger.“ Ihr Blick streifte die Kette der runden Metallscheibe, die Samantha noch immer um den Hals trug. Dann fielen ihre Augen zu.
„MUM! Bitte! Wach auf!“, rief Samantha.
Ein weiterer Brocken stürzte direkt auf Kassandra. Saman­tha zucke erschrocken zurück.
„Mummi…“
Ihre Mutter bewegte sich nicht mehr. Kassandra war tot.
Nach ein paar Sekunden, die Samantha wie Stunden vor­kamen, hörte das Beben auf. Es wurde still. Samantha wollte weinen, aber es kamen keine Tränen. Ihr Kopf schien völlig leer gefegt und ihr starrer Blick verlief ins Nichts.
„Kassandra? Samantha? Wo seid ihr?“, schrie ihr Vater. Er tauchte aus einer Staubwolke auf, die sich jetzt langsam legte.
Es dauerte etwas, bis Samantha ihn wahrnahm. „Dad! Sie ist… Mum ist…“, sie schaffte es nicht den Satz zu vollenden. Völlig verzweifelt kroch sie unter dem Tisch hervor und sah zu, wie ihr Vater ein großes Trümmerstück zur Seite hob und sich vor ihrer Mutter niederkniete.
„Kassandra. Nein. Komm zurück“, brachte er unter Tränen hervor.
Ihre Augen verwässerten sich. Sofort blinzelte Samantha ihre Tränen weg. „Ich muss zu Bo“, flüsterte sie.
Ihr Vater sah auf. „Nein.“
Doch bevor er sie festhalten konnte, rannte sie los.
Er zögerte, blickte kurz zu seiner Frau, dann wieder zu sei­ner Tochter. Er schien nicht mehr zu wissen, was er denken sollte. „Dann lauf doch weg!“ Verzweifelt schüttelte er den Kopf. Samantha realisierte noch, wie er sich wieder ihrer Mut­ter zuwandte. Völlig am Ende umschloss er deren bleiche Hand. „Kassandra, tu mir das nicht an!“
Und Samantha rannte.
Bo war jetzt alles was zählte. Es musste ihr gut gehen. Sie musste am Leben sein. Sie war doch ihre Schwester!

Dir gefällt diese Geschichte und du möchtest das Buch auch in deinem Regal stehen haben? Unterstütze mich und kaufe jetzt die Druckversion auf Amazon: Bis in die tiefsten Ozeane

Ich freue mich außerdem über jeden Pieps deiner Anwesenheit hier. Schreib mir doch einen Kommentar. Was denkst du gerade?