Kapitel 21: Nu (Bis in die tiefsten Abgründe)

"Und wenn ich einfach Kopfhörer trage?", fragte Abyss missmutig, während er an dem Anzug herum zupfte. Runde Lichter blinkten auf den daran befestigten Gerätschaften.
"Es macht keinen Unterschied, ob du die Töne hörst oder nicht. Es sind die Schwingungen, welche alles zerstören. Die verschwinden nicht nur, weil du Kopfhörer aufsetzt, du beschränkter Mensch", erklärte Steven ihm. "Wenn ich dir in den Rücken schieße, dann bleibst du auch nicht am Leben, nur weil du den Schuss nicht gesehen hast. Soll ich es demonstrieren, um dir das zu beweisen? Oh, das wäre lustig, ja."
Abyss funkelte ihn an, als würde er ihn gleich abstechen wollen. "Schon gut", knurrte er. "Jetzt stopft mich schon in dieses komische Ding rein."
Gibbli schraubte eine kleine Konsole an seinem Arm fest und verband ein heraushängendes Kabel mit ihrem EAG, um die Verbindungen zu prüfen. Sie gab es an Steven weiter, der die Berechnungen durchging.
"Ich finde das nicht gut", murmelte Bo. Sie stand neben dem Kapitän, der mit verschränkten Armen verfolgte, wie Gibbli und Steven Abyss den Anzug anlegten.
"Wenn ihr ein Senderfeld konstruiert, das alle Schwingungen auffrisst, auf den gleichen Frequenzen der Geige, die beim Spielen um mich herum entstehen, dann würde mir doch nichts passieren." Abyss ließ nicht locker. "So eine Art begrenzte Superschutzkugel oder sowas."
"Superschutzkugel? Schwingungen essen?" Steven lachte. "Du solltest dringend Physikunterricht nehmen, Mensch. Ja, ja, soll Steven dir etwas beibringen?"
"Halts Maul, Goldhaufen!"
Abyss Gedanken waren gar nicht so schlecht, dachte Gibbli. Doch so einfach wie er sich das vorstellte, war es dann doch nicht. "Die Geige und Nu müssten sich außerhalb befinden. Deine Finger wären Matsch", sagte sie und verband zwei Kabel miteinander. Gibbli drückte einen Schalter ein und die Vorrichtung des Anzugs fuhr langsam hoch.
"Die hat mir Sky sowieso schon zerschossen", maulte Abyss. "Ist doch egal, wenn die restliche Hand weg ist. Dann baust du mir eben wieder eine. Ich will hören können, was ich spiele!"
"Genau darum geht es", sagte der Kapitän mit prüfendem Blick. "Du sollst es nicht mitbekommen. Du darfst die Schwingungen weder hören noch in dieser Form spüren. Und um das noch einmal klar zu stellen, du sollst gar nicht spielen! Das ganze dient nur zur Abschreckung, um uns in eine verhandelbare Position zu bringen."
"Das, was du wahrnimmst, wird dir mehr als genug vorkommen, Mensch", sagte Steven, ohne auf Skys Mahnung einzugehen. "Du hältst doch eh nichts aus, oh nein, gar nichts!"
Der Tauchanzug, den Gibbli vor Kurzem auf Skys Befehl hin nach Stevens Konstruktion gebaut hatte, war mit einer speziellen Legierung beschichtet. Dabei handelte es sich um ein Material, das selbst Frequenzen erzeugte. Mit der eigenen Schwingung sollte es die Schwingungen der entstehenden Geigentöne umwandeln können. Diese würden zwar trotzdem eindringen und durch seinen Körper rasen, doch in einer abgewandelten Form. Sie komplett abzuschirmen war schlicht nicht möglich, da es sich nicht um reine Schallwellen handelte. Sonst hätte ein einfacher Vakuumschild genügt. Die geänderten Frequenzen lösten somit zwar noch immer Schmerzen aus und griffen seine Nervenbahnen an, doch sie wären abgeschwächt und nicht mehr tödlich.
 
"Was tust du da?", fragte Gibbli eine halbe Stunde später und zog die Augenbrauen zusammen.
"Nach was sieht es denn aus, Mädchen? Ich entzerre die atomaren Verschlingungen der Schutzschilde."
"Warte, das geht?" Misstrauisch öffnete sie ein Fenster auf ihrer Konsole, um seine Eingaben nachzuverfolgen.
"Nur ein Genie, wie ich es bin, kann so etwas konstruieren, oh ja, mein Schatz." Gibbli schüttelte genervt den Kopf, während Steven unbeirrt weiter sprach. "Die Mara besitzt drei Schilde und natürlich die Hülle selbst. Diese ist unverrückbar materiell. Die anderen Felder sind beweglich und ineinander verschlungen. Ein Energiefeld, falls die Hülle bricht oder reißt. Es schirmt materielle Einwirkungen ab. Also das, was wir gegen die Flotte brauchen. Dann, ein elektromagnetischer Schild, welcher die Frequenzen der Oca abschirmt. Das ließ auch die Felder aus Jacks Störsender nicht durch. Darum funktionierte die Technologie der Mara hier weiterhin. Die Stadt besitzt diesen Schild nicht, oh nein. Bis auf den Gedankenraum, du erinnerst dich, Mädchen?"
Natürlich tat sie das. Beunruhigt warf Gibbli einen Blick auf das Frontfenster. Ganz unten konnte man den Kopf eines Tauchers erkennen. Sie hatten ihn an der Außenhülle der Mara fest verankert.
"Und dann gibt es noch einen Schild, welcher die Mara vor Einbrüchen aus anderen Ebenen schützt. Das ist der, den du so töricht zerstörtest. Er beruht auf Strahlung organischer, lebender Energie, welche von den sich an Bord befindlichen Lebewesen in ihrer Ebene abgezogen wird. Du hast mit ihr bereits experimentiert, mit der Maschinenhand deines Menschen. Es müssen mindestens drei Personen anwesend sein, um diesen Schild vollkommen aufrecht zu erhalten. Nur dann schützt er uns vor den Auswirkungen der Zeitgravitationsfelder, den Einbrüchen der angrenzenden Ebenen. Sind keine Wesen gegenwärtig ... BÄM!" Er fuchtelte mit den Händen durch die Luft und ballte sie dann zur Faust. "Psssss, die Verzerrung nimmt zu. Tod! Verderben! Platzende Gehirnmasse, die sich selbst aufsaugt! Darum füttern wir das Ding mit euch stinkenden Parasiten und verpassen ihm eine Blähung."
Gibblis Augen weiteten sich. Sie verstand plötzlich, was er ihr damit sagen wollte.
"Bäm, so funktioniert das, Mädchen!" Dann verfiel Stevens Stimme in ein Flüstern, Gibbli nahm an, dass er irgendetwas auf oceanisch hinzufügte.
Sky stöhnte auf und betätigte einen Schalter. "Abyss, hast du das gehört?", fragte er.
Ein missmutiges Grummeln tönte durch die Lautsprecher in der Zentrale. "Meine Damen und Herren, schalten Sie das Gehirn nicht aus, das funktioniert jetzt ganz automatisch! Das ist die Macht des Oberparasitens!" Abyss' Anzug war über einen dicken Sicherheitsschlauch mit der Mara verbunden. Durch ihn konnte die Kommunikation aufrecht erhalten bleiben.
"Gut. Du bist das Sprachgenie. Dann übersetze mir doch bitte das Chaos des Oceaners", befahl Sky.
Abyss' Stimme drang dumpf zu ihnen herein. "Mit Vergnügen, Kapitän. Ich bin ein hässlicher Kerl, meine Hobbys sind mich golden anmalen und technische Scheiße labern, von der ich selbst keine Ahnung habe, weil mein Gehirn winzig ist und ich nur ein infantiler, blöder Oceaner bin."
Sky seufzte tief und wandte sich dann fragend an Gibbli.
"Steven sagte, es ist möglich, die Schutzschilder der Mara auszudehnen, damit es Abyss umschließt, wenn sie auf uns schießen." Alle drei Schilde, dachte sie.
"Meine Version war besser", murmelte Abyss über die Kommunikationsverbindung in seinem Anzug.
"Wenn ...", Gibbli zögerte. "Wenn sich Stevens Maschine tatsächlich nicht abschalten lässt, dann ... könnten wir den Ebenenschild über sie hinweg ausdehnen."
"Das bedeutet, wir wären in der Lage, diesen Planeten dadurch zu retten", sagte Sky leise.
Gibbli nickte. "Und würden sterben. Da der Schild nur funktioniert, wenn sich mehrere Personen an Bord befinden."
In der Zentrale breitete sich Stille aus.
"Woho, wir sterben! Was mach ich dann hier im Wasser? Was machen wir überhaupt noch hier? Der bescheuerte Oca hat recht, lasst uns feiern!", rief Abyss plötzlich von draußen.
"Ein Wunder, der Mensch hat es endlich verstanden! Ich wollte das die ganze Zeit! Aber auf mich hört ja keiner! Ihr solltet die letzten Tage eures Lebens genießen!"
"Es muss nicht so enden", sagte Sky mit rauer Stimme.
"Aber es wird", flüsterte Bo.
"Was ich damit sagen wollte, lass mich endlich was kaputt machen, Sky! Ich bin bereit, lass mich spielen!", knurrte Abyss.
"Noch einmal, du wirst nicht spielen, verflucht! Bestätige das!", fuhr Sky ihn an.
"Hm, na klar", murmelte Abyss leise.
"Bo hat recht", stimmte Steven ihr zu. Seine Worte klangen seltsam ernst. "Das ist unser Ende. So wird es sein. Ich wollte es hinauszögern. Ich weiß alles, ich bin ein Genie. Ich habe die Zeit berechnet, die Stunden, die uns noch bleiben. Schon vor Wochen. Und jetzt sind es nicht mehr viele. Nein, das sind es nicht. Wir sterben."
"Ich will es nicht mehr hören! Das wird nicht geschehen! Wir schalten diese verfluchte Maschine ab!", fuhr Sky ihn an.
"Du irrst dich!", widersprach Steven schreiend. "Denk nach, mit deinem Gehirn! Es wird!"
"Sag mir warum!"
Jetzt wieder völlig ruhig lehnte sich der Oceaner zurück und sagte verträumt: "Weil du es bist, Kapitän. Weil du Sky bist. Der heroische Held. Der Beschützer dieser Welt. Weil du deine Crew und dich für die Menschen opfern wirst."
"Hey!", rief Abyss. "Das ziehst du doch nicht ernsthaft in Erwägung, oder? Sky? Sky! Hey, lass mich wieder rein, ich schneide dir die Kehle durch, wenn du das vor hast! Und im Übrigen, dieses Warten nervt!"
"Schweig! Ich opfere dich nicht, vertraut mir. Konzentriere dich auf deine Geige und halte Nu fest. Ich tauche jetzt auf. Und wehe, ich höre auch nur einen Ton!"
"Na endlich", murmelte Abyss und fügte hinzu: "Opfern wir den Goldklumpen dann stattdessen? Weißt du, das könnte so ganz zufällig passieren, auch wenn wir überleben."
Falls wir überleben, dachte Gibbli.
Der Kapitän verzichtete auf eine Antwort.
Mit einem mulmigen Gefühl im Bauch prüfte Gibbli die Werte, als Sky das U-Boot nach oben steuerte.
"Woho! Ich bin die größte Waffe, die jemals existiert hat!", tönte es über die Kommunikationsverbindung durch die Lautsprecher. "Ich werde alles vernichten!"
"Wirst du nicht! Also er hat mir entschieden zu viel Spaß da draußen. Ist er betrunken? Hat ihm jemand etwas gegeben?", fragte der Kapitän.
Bo schüttelte den Kopf. "Der Druck in seinem Anzug ist grenzwertig, aber noch im normalen Bereich." Die Hybridenfrau prüfte alle Werte von Abyss in Echtzeit vor sich auf ihrer Konsole. "Ich senke ihn etwas."
Abyss' heitere Stimmung würde sich ändern, wenn er zu spielen beginnen würde, dachte Gibbli und versuchte den Kloß in ihrem Hals hinunterzuwürgen. Sie war sich sicher, dass er nicht auf den Kapitän hören würde. Nervös betrachtete sie das Frontfenster. Bo, die eine Konsole versetzt neben ihr stand, hatte ihren Mund aufgerissen. Tausende von U-Booten lagen verstreut vor ihnen und warteten auf ein Zeichen sie anzugreifen. Währenddessen beobachtete Steven neugierig Sky, der mit steinerner Miene die Steuer der Mara fest umgriffen hielt.
"Da platzen euch die Augen, sind das viele", hörten sie Abyss von draußen murmeln. "Seht ihr das? Soll ... soll ich?"
"Nein", gab Sky konzentriert zurück und steuerte die Mara weiter nach oben.
"Sind wir drin, Mädchen?", fragte Steven.
Gibbli drückte einen Hebel nach unten. "Ja." Das neue Feld, das er generiert hatte, umgab jetzt die Mara. Nicht nur Abyss musste vor den Tönen geschützt werden, sondern auch sie selbst.
"Wozu der ganze Aufwand, wenn er sowieso nicht spielen soll?", fragte Bo.
"Ohne ein Druckmittel kommen wir nicht weit. Wenn ich Jack sage, dass es funktioniert, wird er mir glauben. Und das kann ich nur behaupten, wenn es auch wirklich in der Praxis funktionieren würde."
Natürlich, Sky log ja niemals, dachte Gibbli. "Einige von ihnen nähern sich uns", sagte sie.
"Sky!", schrie Abyss von draußen.
"Nein, halt dich zurück!", befahl der Kapitän.
Panisch drückte Gibbli auf eine Konsole. "Sie schießen!", rief sie.
Steven fletschte böse grinsend die Zähne. Erwartungsvoll beobachtete er die U-Boote, die jetzt direkt vor ihnen am Frontfenster auftauchten. Draußen leuchtete es hell auf. Blendendes Licht warf für einen Moment unheimliche Schatten durch die Zentrale.
Gibbli schirmte ihre Augen ab. "Das war ein direkter Treffer!" Schnell prüfte sie die Werte der Schilde. Sie hatten alles abgefangen.
"Tut mir Leid Sky, ich kann das nicht", hörten sie Abyss plötzlich sagen. "Das ist für dich und für meine Schwester!"
"Hey! Nein, verflucht! Nicht-" Der Kapitän ließ die Steuerung los und schloss gequält die Augen.
Ein schräges Geräusch hallte durch die Zentrale, dicht gefolgt von einem markerschütternden Schrei über die Lautsprecher. Kurz brachen die Töne ab. Dann spielte Abyss stöhnend weiter. Bo keuchte auf und hielt sich die Ohren zu. Gibbli verzog mitleidig das Gesicht. Was hatte der Kapitän erwartet, wenn er Abyss so eine Macht in die Hände drückte?
Steven schloss die Augen. Er schien es zu genießen. "Ich wünschte, die direkten Frequenzen kämen durch."
Sky packte wütend die Steuerhebel und manövrierte die Mara ein Stück zurück. Langsam verebbte die atonale Melodie. Die begleiteten Schmerzensschreie Abyss' schwächten ebenfalls ab.
"Sie haben nicht mehr geschossen. Bedeutet das ..." Bo beendete die Frage nicht.
"Da hinten kollidierten zwei", sagte Gibbli und betrachtete eine Übertragung auf der Konsole vor ihr. "Dort drüben stürzt eines auf den Meeresgrund."
Sky stoppte die Mara. "Abyss?"
Er antwortete ihm nicht.
"Es ... betrifft alle im Umkreis von hundert Metern", sagte Gibbli. "Wir ... er hat etwa 15 U-Boote erwischt."
"Das ist nichts", sagte Steven fröhlich.
"Nichts? Das waren verflucht noch mal 150 Menschenleben! Abyss! Wenn du mich hörst, dann sag etwas!", versuchte es Sky noch einmal.
Bo tippte hastig auf einem holografischen Bildschirm, um seine Werte zu prüfen. Sie biss die Zähne aufeinander und schüttelte abwehrend den Kopf, sagte jedoch nichts.
"Abyss! Hey, bist du okay?", fragte Sky wieder.
"Jetzt!", rief Bo. "Er kommt wieder zur Besinnung."
"Hab ich's ... erwischt? Sein ... Boot? War ... es ... dabei?", kam seine Stimme schwach aus den Lautsprechern durch die Verbindungskabel.
"Du verdammter-"
"Da nähert sich ein U-Boot", unterbrach Gibbli den Kapitän.
"Greift es an?", fragte Sky sofort beherrscht.
"Nein", gab sie zurück.
"Ich ... greife es an!", murmelte Abyss.
"Stopp! Lass es ran, Abyss! Sie senden ein Signal." Sky öffnete eine Konsole über seinem Sitz, um das U-Boot näher zu betrachten.
"Ist das diese Kapitänfrau, Dixland? Deine alte Crew?", fragte Bo.
Steven grinste. Gibbli erkannte es sofort. Es war das Führungsboot selbst. Doch seine Flotte blieb hinter ihm zurück.
"Es ist Jack höchst persönlich", sagte Sky leise.
"Perfekt", hörten sie eine mordlustige Stimme über die Lautsprecher.
"NEIN! Unterstehe dich! Du folgst gefälligst meinem Befehl!"
"Du kannst mich nicht aufhalten, Sky! Diesmal nicht!" Abyss' Stimme klang wieder etwas stärker. Offensichtlich erholte er sich langsam von den Schmerzen.
Der Kapitän sprang von seinem Sitz auf, rannte an Gibbli vorbei in die zweite Konsolenreihe hoch zu Bo und drückte einen Schalter. Dann drehte er langsam einen Regler zur Seite.
"Bist du verrückt? Du bringst ihn um!", schrie Bo ihn an und packte seinen Arm.
Doch Sky ignorierte sie.
"Abyss?", fragte Gibbli. Er antwortete nicht. Hastig ließ sie sich seine Werte anzeigen. Der Sauerstoffgehalt in seinem Anzug war erschreckend niedrig! "Was hast du getan?", flüsterte sie.
"Was nötig ist." Wieder verschob der Kapitän einen Regler. "Er übersteht das."
Steven setzte sich auf einen der drei Stühle vor ihnen und verschränkte lächelnd die Arme, als würde er sich einen dieser Filme ansehen, von denen er immer sprach. Verärgert von Skys Vorgehen Abyss betreffend, beobachtete Gibbli, wie der Kapitän an dem Oceaner vorbei trat, an das Frontfenster heran. Währenddessen näherte sich Jacks U-Boot der Mara weiter.
Dann erblickten sie ihn. Jack stand direkt auf der anderen Seite am Fenster seines U-Bootes. Die Uniform ordentlich zurechtgerückt, starrte er den Kapitän schweigend und mit leicht gesenktem Kopf an. Ein Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus.
"Gibbli stelle eine Funkverbindung her", verlangte Sky.
"Das ist verboten", gab sie noch immer beleidigt zurück und betrachtete Jack voller Abscheu. Dieser Mann hatte ihre Eltern ermorden lassen.
"Verflucht, das interessiert mich nicht! Hört auf damit, wir befolgen meine Gesetze! Mach schon!"
Gibbli zögerte. Es widersprach tatsächlich allem, was sie ihr ganzes Leben auf der Akademie gelernt hatte.
"Gibbli, ich werde sicher nicht die Schutzschilde abschalten, damit er uns ein Kommunikationskabel herüberschießen kann."
Das überzeugte sie. "Ich brauche einen Moment, um eine geeignete Empfängeranlage auf seinem Boot zu ertasten und einen Sender ..." Ihre Stimme wurde leiser, als sie hinter einem Computer verschwand.
Als sie sich wieder aufrichtete, hatte sich Sky offenbar noch immer nicht bewegt. Mit versteinerter Miene starrte er durch die Fenster hindurch. Und Jack starrte zurück. Getrennt, nur von den unsichtbaren Schutzschilden der Mara und einer Schicht Wasser.
"Es ... also ... es müsste funktionieren." Gibbli drückte eine Taste, in der Hoffnung, dass sie recht hatte.
"Jack", sagte Sky mit fester Stimme, ohne sich zu ihr umzudrehen.
Jack kniff die Augen zusammen und blickte nach oben. Dann wieder zu ihnen herüber. Er sagte etwas. Seiner Mundbewegung nach war es Skys Name, den er aussprach. Doch sie hörten ihn nicht.
Gibbli drückte schnell einen Hebel, um die Verbindung umzulenken. "Okay, jetzt", murmelte sie.
"Und wieder brichst du das Gesetz", hörten sie Jacks Stimme aus den Lautsprechern der Zentrale, die auch mit Abyss' Anzug verbunden waren.
Sky schloss angewidert die Augen, als könnte er damit seine Stimme verdrängen. Dann starrte er ihn wieder an. "Du hast Ocea nicht zerstört. Sag mir warum."
Jack grinste. "Wozu Energie verschwenden? Diese verrückten Beben werden das für mich erledigen."
"Jack, diese Beben werden auch uns vernichten, das weißt du! Aber es gibt eine Möglichkeit die Menschheit zu retten. Es gibt einen Weg, diese Beben zu beenden! Wir werden die Maschine abschalten, die sie verursacht. Dazu müssen wir sie erreichen. Lass uns durch."
"Nein."
"Du bist für sie verantwortlich, du bist der Führer! Du kannst nicht allen Ernstes den ganzen Planeten vernichten, nur wegen ... wegen mir!"
Jack trat einen Schritt vom Fenster zurück. "Ich kann. Ob ich es werde, liegt an dir."
"Das ist absurd!"
"Nein Sky, das nennt man Verhandeln."
"Na schön! Wenn du uns nicht durch lässt, werde ich jeden einzelnen Soldaten deiner Flotte vernichten!"
"Das tust du doch bereits!"
"Ich bedauere das. Es war nicht vermeidbar, Jack. Du wolltest verhandeln. Ich habe uns lediglich in eine Position gebracht, die uns das ermöglicht."
"Indem du Massenmord begehst! Ich hätte nicht erwartet, dass du sofort angreifst, nicht von dir. Du hast dich verändert, Sky."
"Nun, das ... hätte ich auch nicht erwartet. Aber insgeheim bewunderst du das. Ich weiß es, ich kenne dich zu gut. Siehst du den Taucher, Jack? Erkennst du ihn? Oh ja, ich bin mir sicher, dass du das tust. Er ist unsere Waffe. Ich habe die Sauerstoffkonzentration in seinem Anzug verringert. Hätte ich das nicht getan, wärst du jetzt ebenfalls tot. Abyss wird jeden Moment das Bewusstsein wieder erlangen. Und du kannst dir denken, was er tun wird. Setze dein Glück aufs Spiel und wir werden sehen, ob ich es ein weiteres Mal schaffe, ihn davon abzuhalten dich zu töten. Oder nein warte, die Frage ist, will ich ihn davon abhalten?"
Gibbli erkannte wie Jack lächelnd den Kopf schüttelte und jetzt näher ans Fenster seines U-Bootes herantrat. "Hat dir schon einmal jemand den Unterschied zwischen verhandeln und erpressen beigebracht, mein Freund? Ach stimmt, das war ja ich. Das war wohl ein Fehler. Gut. Schön. Ich mache dir ein Angebot, Sky. Weil du es bist. Ein letztes Angebot. Und du bist ein Narr, wenn du es ablehnst. Denn dann bist du derjenige, der sie vernichtet, nicht ich."
Jack ließ sich die Fäden nicht aus der Hand nehmen, dachte Gibbli. Für einen Moment war sie froh, dass Sky es war, der ihm gegenüber stand, nicht Abyss. Sky würde sich seinen Vorschlag wenigstens anhören, statt sofort einen offenen Krieg anzufangen, wie Abyss es getan hätte. Oder noch schlimmer, Steven. Gibbli kontrollierte erneut die Werte von Abyss' Anzug. Sie waren wieder in einem normalen Bereich. Beunruhigt warf sie Bo einen Blick zu. Diese verzog den Mund und hob die Schultern an, um zu signalisieren, dass sie auch nicht wusste, was los war. Abyss hätte längst das Bewusstsein wieder erlangen müssen. Da stimmte etwas nicht!
"Sky?", tönte Jacks fragende Stimme wieder durch die Zentrale.
"Okay. Ich höre."
"Du wirst deine ... Waffe nicht mehr einsetzen. Ich weiß, du willst nicht töten. Ich biete dir und deiner Crew freies Geleit durch meine Flotte."
Der Kapitän verzog keine Miene. "Das ist, was ich will. Die Sache ist die, mich wirst du im Gegenzug dafür nicht bekommen, Jack. Niemals. Ich sorge dafür, dass nicht einmal meine Leiche dein U-Boot betreten wird!"
"Das verlange ich auch gar nicht, Sky. Im Gegenteil."
"Sprich."
"Du lässt mich zu dir an Bord kommen."
Sky schloss die Augen und schwieg. Für einen Moment schien er nachzudenken, dann fragte er: "Wie sollte ich Abyss davon abhalten dich umzubringen?"
"Dein Problem. Niemand wird mich anrühren ... hm, außer dir natürlich. Dir sei es erlaubt. Meine Leute werden nicht auf dein Boot schießen, so lange ich mich lebend an Bord befinde. Niemand muss mehr sterben, weder von deinen noch von meinen Leuten. Wir fahren gemeinsam zu dieser Maschine und schalten sie ab."
Gibbli war sich nicht sicher, was sie davon halten sollte. Das klang unerwartet vernünftig. Andererseits war es seine Aufgabe als Führer der Landmenschen. Jack begab sich in Gefahr, um das Leben seines Volkes zu retten.
"Einverstanden", sagte Sky. "Aber ich habe Bedingungen."
"Natürlich hast du die. Sonst wärst du nicht du. Also, rede."
"Du wirst keine Waffe bei dir tragen."
"Einverstanden. Weiter, Sky. Was noch?"
"Du lässt meine Leute in Ruhe. Damit meine ich, du greifst sie nicht an. Du wirst sie nicht verletzen."
"Okay."
"Und noch etwas, Jack. Du wirst mit niemandem sprechen, außer mit mir."
"Schön."
Der Kapitän trat einen Schritt nach vorne und stand jetzt so nahe am Fenster, dass er die Scheibe fast berührte. "Um das ganz deutlich klar zu stellen: Sollte ich auch nur ein Haar von Abyss auf deiner Uniform finden, erschieße ich dich. Wenn du ihn berührst, erschieße ich dich. Wenn du Abyss auch nur mit einem einzigen Wort ansprichst, erschieße ich dich."
"Ich werde nicht mit ihm reden und halte mich von ihm fern."
Sky nickte. Während er sich von Jack abwandte, fragte er: "Hast du das gehört, Abyss?"
"Ich hab's gehört, Kapitän", drang seine Stimme aus den Lautsprechern. "Die Ehre, ihn abzuknallen, gebührt dir. Ich empfehle einen Schuss in seinen abscheulich hässlichen Schädel."


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Kapitel 20: Ausgleich (Bis in die tiefsten Abgründe)

Müde lag Gibbli in ihrer Hängematte im Maschinenraum. Nox war mit seiner Tochter fortgeschwommen. Sky hatte ihm noch eine Botschaft für Dixland mitgegeben und ihm die Kennung ihres U-Bootes genannt, für den Fall, dass er erwischt werden sollte. Bo hatte sich in den Krankenraum zurückgezogen. Dort lag noch immer der leblose Körper ihrer Schwester in einer der Kühlkammern. Obwohl Gibbli ständig die Augen zufielen, gelang es ihr nicht, einzuschlafen. Eigentlich wollte sie das auch gar nicht. Sie hatte Angst, Djego in ihren Träumen zu begegnen. Und mit Erschrecken kam ihr ins Bewusstsein, dass es da noch etwas anderes gab, was sie wach hielt: Jemand, der nicht weit von ihrer Hängematte lag, am Boden, auf einer dünnen Unterlage.
Und natürlich war ihm das aufgefallen. "Was ist los?", hörte sie Abyss nach einer Weile fragen.
Gibbli zögerte. "Du bist kein spontaner Mensch."
"Nein. Versuchst du dich jetzt im Menschen lesen? Verschwende keine Zeit damit, du bist mies darin. Frag mich einfach, was du wissen möchtest."
"Warum willst du, dass ich es bin? Du sagst immer, ich soll leben, ich soll mir nicht zu viele Gedanken machen. Ich soll sein wie ... wie Steven es ist."
"Vielleicht, weil ich nicht möchte, dass du wirst wie ich. Kalt. Berechnend."
Nachdenklich starrte Gibbli auf die schwach glühenden Sonnenstücke über ihr. Im Gefängnis auf der Akademie hatte er gesagt, er plante nicht voraus und dachte erst darüber nach, wie man ausbrechen konnte, wenn es so weit war. "Du hast mich angelogen, oder? Du hättest mich damals nicht gebraucht, um die Zelle zu öffnen."
"Natürlich nicht. Ich war gerade dabei zu fliehen, als sie dich in meine Zelle geworfen haben", sagte er leise. "Ich hatte alles geplant, wie ich entkommen würde. Einer der Soldaten übergab mir freiwillig seine Schlüsselkarte, kurz bevor er tragischerweise in die Colbspalte verfrachtet werden musste."
Gibbli verdrehte die Augen. "Was für ein Zufall."
"Kein Zufall. Aber, ich war's nicht. Er hat sich selbst aufgegeben."
"Warum?"
"Nun ja, dass er fälschlicherweise dachte, er würde an einer unheilbaren Krankheit leiden, ist wohl doch meine Schuld. Es war seine Pflicht, vor seinem Tod dafür zu sorgen, dass so eine Schlüsselkarte nicht in falscher Leute Hände geriet. Glücklicherweise war ein heldenhafter Elitesoldat zugegen, der diese Aufgabe für ihn übernahm. Ich sehe gut aus in Uniform, das darfst du mir glauben. Jedenfalls, in der Zelle dann, warst du plötzlich da. Ungeplant. Und ich musste unbedingt rausfinden, warum sie dich so behandelten und was du angestellt hast."
"Also hast du mit mir gespielt." Das war es, was sie wach hielt. Woher sollte sie wissen, dass er es nicht wieder tat? Und vor allem, dass er nicht war wie Djego? Das beabsichtigte, was Djego ihr angetan hatte?
"Ja, das hab ich. Ich war nett zu dir. Ich bedrohte dich. Ich probierte aus, wie du auf verschiedene Situationen und Verhaltensweisen von mir reagierst."
Genau das war es. Ein Spiel. Kein offensichtliches, wie Steven es spielte. Sondern eines mit verdeckten Karten. Ein Spiel, in dem er die Maske trug hinter einer Maske, hinter einer weiteren.
"War die Geschichte mit deinen Eltern auch gelogen?", fragte Gibbli und wandte sich ihm zu. Hatte er die Wahrheit gesagt, als er ihr erzählt hatte, dass er ihren Tod hilflos mitansehen musste? "Als du in dieser Meeresgondel stecktest, unaufhaltsam von ihnen davon gefahren bist und nichts mehr tun konntest?"
Abyss lag auf dem Rücken und betrachtete sie berechnend. "Ich hatte nicht geplant, dir das zu erzählen. Nein, das war nicht gelogen", sagte er nach einer Weile.
Traurig blickte sie zu ihm hinab. "Ich hab es in den Geschichtsaufzeichnungen nachgeschlagen."
Er schloss die Augen.
"Der Vulkanausbruch war vor über dreißig Jahren, Abyss." Also entweder hatte er sie gerade wieder angelogen, oder er hatte gelogen, was sein Alter betraf.
"Na schön. Es war nicht der Vulkan, der damals in die Luft flog. Der war vor meiner Geburt. Es ... nun, es waren ein paar Gebäude. Weißt du, damals war ich noch nicht besonders gut im Bomben basteln. Hey, ich war vier Jahre alt. Es starben Leute, Gibbli. Viele Leute. Meinetwegen. Du weißt so gut wie ich, was das bedeutet. Dass ich noch ein Kind war, spielte keine Rolle für die Elite. Aber der Rest ist wahr. Meine Eltern wollten mit mir unter das Meer fliehen. Die Soldaten erwischten uns kurz davor. Nun, mich nicht. Aber meine Eltern."
Sie nickte. Das war jetzt also seine neue Geschichte. Sie hörte sich fast plausibel an, passte zu ihm. Aber hatte er im Gefängnis damals nicht behauptet, er wäre fünf Jahre alt gewesen? Was machten die Elitesoldaten in einer Küstenstadt, an Land? Warum wollten seine Eltern ins Wasser fliehen, obwohl es bei den Landmenschen über dem Meer nicht so streng ablief wie bei den Soldaten hier unten? Das passte alles nicht zusammen. Die Geschichte war also mit Sicherheit wieder erfunden. "Wie soll ich dir je irgendetwas glauben, wenn ich nicht weiß, wann du mich anlügst und wann nicht?"
"Das kannst du nicht", gab er zurück. "Es spielt auch keine Rolle. Ich beschütze dich Gibbli, das ist, was zählt. Vertrau mir."
Vor Djego jedenfalls hatte er sie nicht beschützt. Er musste ihren ablehnenden Gesichtsausdruck bemerkt haben, denn jetzt blickte er sie eindringlich an.
"Okay. Ganz ehrlich? Bei unserer ersten Begegnung, war ich kurz davor, dir die Kehle durchzuschneiden. Mit demselben Messer, das jetzt in deinem Stiefel steckt. Ich habe dich damit bedroht, du erinnerst dich? Du warst nur eine kleine Verzögerung zu meinem ursprünglichen Plan. Ich nahm mir vor, sobald ich herausgefunden hatte, was du in dieser Zelle treibst, würde ich dich umbringen. Du wusstest zu viel. Du hättest mich da drin gar nicht sehen sollen. Ich musste dir außerdem zu viel preisgeben, um es herauszufinden."
Gibbli schluckte. "Aber das hast du nicht."
"Nein." Seine Stimme klang verträumt, als er weitersprach. "Denn dann passierte was, womit ich nicht gerechnet hatte. Nur ein kurzes Blinzeln und mir wär's nicht aufgefallen. In diesem einen, Augenblick wurde mir klar, dass ich die Zelle nicht ohne dich verlassen würde. Ich hätte die ganze Akademie in die Luft gejagt, um dich mitzunehmen. Niemals könnte ich mehr ohne den Menschen sein, der es schafft, mich so zu beeinflussen, der es schafft, mit nur einem winzigen Lächeln, meine ganzen Pläne über den Haufen zu werfen."
"Aber du kannst nicht ohne deine Pläne sein. Also hast du einen neuen entwickelt, um mich für dich zu gewinnen. Einen, der mich miteinschließt."
"Hab ich dich denn gewonnen?"
Gibbli schmunzelte über die direkte Frage.
"Das ist es. Genau für dieses Lächeln würde ich jedes Gesetz brechen." Abyss Mundwinkel zogen sich nach oben, dann sagte er ernst: "Aber ich will nicht, dass du tust, was ich begehre. Ich möchte keinen Kuss von dir, weil ich es verlange oder dich dazu zwinge. Ich brauche keinen. Ich will nicht bestimmen, dass du mir gehörst. Ich gehöre dir längst."
Gibbli spürte, wie ihr wieder die Augen zufielen. Abyss gehören, klang dennoch gut. Konnte sie das? Der Kuss, den Djego ihr geraubt hatte, kam ihr in denn Sinn.
"Gibbli?", fragte er nach einer Weile. "Was ist los?"
"Nichts", flüsterte sie.
Für ein paar Sekunden war es still. "Ich hasse es, wenn du mich anlügst und ich es merke", sagte er dann traurig.
Sie antwortete ihm nicht und drehte sich von ihm weg. Er wusste nichts von Djego und sie wollte nicht darüber reden, niemals wieder an dieses Monster denken.
"Du zerdenkst dich wieder, Gibbli. Da ist etwas und ich weiß nicht, was es ist. Seit ich zurück bin, bist du anders. Du zuckst wieder zusammen, wenn ich dich berühre. Du siehst mich an, als ..." Abyss zögerte, "... als hättest du ... Angst vor mir."
Skys Stimme drang durch ihren Kopf. Du wirst sie verletzen, hatte er zu ihm gesagt. Der Kapitän hatte das sogar ihr gegenüber erwähnt. Würde Abyss ihr wirklich weh tun?
"Bist du noch wach?", fragte er leise.
Langsam drangen seine Worte in ihr Bewusstsein. War sie noch wach? Müde fixierte Gibbli eines der abgedunkelten Sonnenstücke und ließ es ganz erlöschen. "Erinnerst du dich daran, als ich zum ersten Mal diese Kugel da oben berührt habe?", dachte sie. Oder dachte sie nur, dass sie es dachte, flüsterte sie es?
"Ich erinnere mich", hörte sie Abyss' Stimme wieder. "Das war ... nicht schön."
Nicht schön, war stark untertrieben. Rod hatte Mara vergewaltigt. "Nicht schön", wiederholte Gibbli. Dann nickte sie weg.
 
Sie starrte in die türkisfarbenen Augen. Seine gebräunten Finger hielten sie fest an die Wand gepresst. Gibbli wimmerte. Das durfte er nicht! Seine Locken berührten ihr Gesicht! Warum war sie plötzlich so schwach? Mit aller Kraft versuchte sie, sich loszureißen. Ein dumpfer Schlag schickte eine Welle aus Schmerz durch sie hindurch. Verzweifelt wand sie sich in seinem Griff.
"Gibbli!"
Eklige Finger, weg! Weg! Sie schlug um sich, erwischte ihn, doch dann hielt er sie wieder fest umklammert und rief erneut ihren Namen.
"Gibbli!" Seine Stimme wandelte sich, wurde tiefer.
Wieder schlug sie zu. Dieses Mal erwischte Gibbli ihn.
"Hey, verdammt! Beruhig dich!"
Und die Farbe seiner Augen blich aus. Plötzlich starrte sie in ein blasses Gesicht. Benommen nahm sie wahr, dass sie am Boden lag. Heftig atmend, als wäre sie gesprintet, versuchte Gibbli, sich zu bewegen. Hatte er sie gefesselt? Nein. Er hielt sie nur fest, mit seinen langen, starken Fingern.
"Du hast geträumt", sagte er leise. "Was hast du geträumt? Erzähl's mir."
Langsam beruhigte sie sich. Doch seine Aufforderung drang nicht bis in ihr Bewusstsein durch. Sie drückte ihren Kopf an seine Brust, während sie wieder einschlief. Abyss würde sie beschützen.
 
Zwei starke Arme hielten sie fest. Zwei nackte Arme? Nein, dieser Mann trug eine Uniform. Die beiden Arme steckten in den Ärmeln der Elite. Gibbli schrie und wollte sich befreien. Doch der Griff wurde fester. Das durfte er nicht! Verzweifelt biss sie in das blasse Fleisch hinein. Jemand keuchte auf.
"Hey! Gibbli!"
Die Finger ließen locker. Gut, dieser dumme Lockenkopf würde ihr nicht wieder weh tun! Hastig riss sie sich los und stolperte von ihm weg. Ihr Herz raste, dass es fast brach. Schneller! Ja! Sie hastete davon. Die niedrige Decke an dieser Stelle hielt ihn auf. Er musste sich ducken. Gibbli hingegen konnte rennen. Aber er verfolgte sie! Mist! Seit wann war Djego eigentlich so groß? Sie jagte durch die Gänge! Plötzlich stand er vor ihr! Verdammt! Wie hatte er das geschafft? Gibbli machte kehrt, doch er packte sie von hinten, hielt ihre Arme fest. Brüllend versuchte sie, sich zu befreien. Jetzt kam er auch noch von vorne und krallte sich in ihre Schultern! Wieso war er überall? Es gab doch nicht mehrere von ihm! Und seit wann besaßen diese Djegos eigentlich so viele Muskeln? Das war falsch! Das stimmte nicht! Panisch schrie sie auf und versuchte sich loszureißen.
"Schhhht, du hast nichts zu befürchten", drang eine raue Stimme in ihr Ohr.
Sie hielt inne. Die gehörte ja gar nicht Djego. Gibbli riss die Augen auf und starrte in ein blasses Gesicht. Nicht türkis. Grau!
"Niemand verfolgt dich", sagte die raue Stimme wieder, direkt hinter ihr.
Erschöpft zog sie die Luft ein. Metallische Luft, vermischt mit dem exotischen Duft von Pflanzen.
"Gibbli, sag mir, wo du bist." Sie sah ihn nicht, aber sie hörte ihn. Sein Griff hielt sie ruhig, sie konnte nicht weg. Sie wollte nicht mehr weg.
"Ich bin ...", begann Gibbli flüsternd, weiterhin in die grauen Augen starrend, "zu Hause?"
"Das bist du. Du machst das hervorragend. Und jetzt sag mir, wer ich bin."
"Der Kapitän", antwortete sie leise. "Du bist mein Kapitän."
"Richtig. Das hast du sehr gut erkannt. Ich bin Sky. Und wer befindet sich vor dir?"
Einen Moment schwieg sie, den Blick noch immer auf ihn gerichtet. Es waren nicht Djegos Finger an ihren Schultern. Djego fehlten keine Finger. Djego hatte gar keine Finger mehr. Es gab gar keinen Djego mehr. Schuldbewusst bemerkte Gibbli das Blut an seinem Arm. Noch immer konnte man leicht die Abdrücke ihrer Zähne erkennen. Ihn schien es nicht zu kümmern.
"Abyss." Und endlich drang die Wärme der großen Hände durch ihren Pullover in sie hinein. Unverrückbar, stark. "Mein Bruder steht vor mir."
Nein, er kniete vor ihr. Der Kapitän ließ sie los und Gibbli sank in Abyss' Arme. Fest umschlungen glitt er mit ihr zu Boden, ihren Kopf gegen seine nackte Brust drückend. Gibbli schloss die Augen. Er roch noch immer nach diesem alten Holz. Sie saßen in der Ecke eines Lagers, drang es in Gibblis Bewusstsein, irgendwo in den Tiefen der Maschinenräume. Ihr Körper spannte sich an, als sie eine weitere Hand an ihrem Rücken spürte. Doch Gibbli öffnete ihre Augen nicht. Langsam beruhigte sie sich wieder.
Skys Stimme drang an ihr Ohr, schien jedoch von weit wegzukommen. "Ich sollte wieder zu Bo. In zwei Stunden tauchen wir nach oben."
Sie spürte, wie Abyss nickte. Er wollte irgendetwas wissen und Sky verneinte. Noch einmal fragte er etwas.
"Nein", sagte Sky leise und Gibbli hörte nicht mehr zu.
Mit geschlossenen Augen lauschte sie den Schlägen Abyss' Herzens. Dann verriet ihr das verebbende Geräusch von Kampfstiefeln, dass der Kapitän ging. Ein ungutes Gefühl kroch in ihr hoch, wie ein Wurm, der sich langsam um ihren Körper wickelte. Abyss hielt sie schweigend umschlungen, als wäre er nicht gewillt, sie jemals wieder gehen zu lassen. Erschrocken stellte Gibbli fest, dass es tatsächlich Angst war, die da auf ihr umher kroch und sich immer enger um sie zog. Und der Drang aufzustehen wurde stärker. Sie begann zu zittern.
"Abyss?", fragte sie nach einer Weile leise. "Kannst du ... kannst du mich loslassen?"
Er tat es. Erleichtert rückte Gibbli von ihm fort und zog sich hoch. Er stand ebenfalls auf und blickte auf sie herab. Warum wirkte er so betrübt? Hatte sie etwas falsches gesagt? Hätte sie einfach sitzen bleiben sollen? Nein, er sah immer so aus, oder? Unsicher hob sie den Kopf.
"Was hast du?" Seine grauen Augen schienen sie zu durchbohren. "Sky will es mir nicht verraten. Was ist es?"
Sie schwieg.
"Gibbli." Er schien zu überlegen, was er sagen sollte. "Ich fühle mich hilflos."
Sie blickte ihn verständnislos an. Hatte Abyss das gerade ernsthaft zugegeben? Hilflos? Dieser riesige Kerl? Er war doch stark!
"Sag mir, was ich tun kann, Gibbli."
Sie schüttelte kaum merklich den Kopf. Sie hatte es doch versucht. Es machte keinen Sinn, es ihm zu sagen. "Du bist gegangen", flüsterte sie.
"Ich bin gegangen? Wie kann ich dir helfen, wenn ich nicht weiß, worum es geht?"
"Du kannst nicht ... du ... Nein", flüsterte sie.
"Nein?", fragte er aufgebracht. "Nein", wiederholte er und dieses Mal klang seine Stimme ruhig und resigniert. "Nein. Ich kann dieses Wort nicht ausstehen. Nein. Diese vier Buchstaben tun mehr weh, als wenn du einfach mein Messer in mein Herz rammen würdest. Nein", wiederholte er mit Nachdruck und Gibbli wich vor ihm zurück. "Ich kann verflucht noch mal keine Gedanken lesen! Nein. Schön. Weißt du was, vergiss es." Er drehte sich genervt um, lehnte sich mit einer Hand an die gegenüberliegende Wand und fuhr sich mit der anderen über sein Gesicht.
Sie schluckte und blickte zu Boden. Niedergeschlagen atmete sie aus. Jetzt war er ihr wieder böse. Dabei war es doch nicht seine Schuld.
"Okay. Offensichtlich hab ich was falsch gemacht", sagte Abyss leise.
Djego hatte alles falsch gemacht! Oder irrte sie sich? Djego hatte gesagt, sie waren zusammen. War es normal, das zu tun? Für Rod war es offensichtlich auch normal gewesen, Mara zu verletzen.
Abyss' Worte rissen sie aus ihren Gedanken: "Über was denkst du nach?"
Sie hob den Kopf. Er beobachtete Gibbli und seine Mundwinkel hoben sich zu einem traurigen Lächeln. Aber seine Augen wirkten warm und strahlten diese Zuversicht aus, wie sie es immer taten.
"Abyss? Warum tun sich Menschen weh, wenn sie zusammen sind?", hörte sie sich plötzlich fragen.
Irritiert zog er seine Brauen zusammen. "Menschen tun sich nicht weh, wenn sie ..." Er brach ab, als würde er gerade etwas realisieren. "Rod und Mara, darum hast du sie erwähnt." Mit einem Schlag wurde seine Miene düster. "Der Junge", flüsterte Abyss und kam näher.
Gibbli wich vor ihm zurück und spürte eine Regalwand an ihrem Rücken. Sie bereute ihre Frage. Sie hatte sie gar nicht laut aussprechen wollen.
"Was hat er dir ..." Ungläubig öffnete Abyss den Mund, dann schrie er: "WAS HAT ER DIR ANGETAN?"
Sie antwortete nicht, presste sich stattdessen gegen die gestapelten Schubfächer hinter ihr, in der Hoffnung, sie würde im Regal versinken, so wie Steven durch Wände gehen konnte. Abyss packte ihre Schultern. Gibbli keuchte auf und zuckte zusammen. Sofort ließ er sie wieder los.
"Nein." Er drehte sich von ihr weg und fuhr sich über seine Haare. "Nein. Nein ... das gehörte nicht zum Plan, das ... ich wusste nicht ..." Er stützte sich an einem Regal ab und ließ den Kopf hängen. "Das ist unverzeihlich. Und ich Idiot bin gegangen."
"Das bist du", sagte Gibbli leise. Langsam glitt sie wieder nach unten.
Abyss tat es ihr gleich und setzte sich neben sie an die Regalwand. "Ich ging, als du mich am meisten gebraucht hättest", sagte er ohne sie anzusehen. Er wirkte, als wäre etwas in ihm zerbrochen. Elend starrte er in die Luft.
Gibbli überkam das Verlangen, ihn aufmuntern zu müssen. "Du bist zurückgekommen." Sie war verwundert, wie fest ihre Stimme plötzlich klang. Doch dann spürte sie wieder diesen dummen Wurm. "Sind wir zusammen, Abyss?"
Sie drehte ihren Kopf und zwang sich, ihn anzusehen. Langsam wandte er sich ihr zu. Seinen Mund leicht geöffnet, blickte er sie betroffen an.
"Wirst du mir weh tun?", flüsterte Gibbli fragend, kaum hörbar, als er nicht antwortete.
Er kam näher und hob eine Hand. Gibbli blickte zu Boden, wollte sich von ihm weg lehnen. Doch schon spürte sie seine Finger an ihrem Kinn.
"Schau mich an."
Er hob ihren Kopf. Ihr Herz schlug so laut, dass er es sicher hören musste.
"Gut. Und jetzt mach die Augen zu."
Sie öffnete den Mund, wollte seiner Anweisung widersprechen, doch dazu kam es nicht.
"Ich will diese Angst in ihnen nicht mehr seh'n."
Und seine Stimme klang so eindringlich, dass sie es zögernd tat. Langsam glitten ihre Lieder nach unten. Sie sah nichts mehr. Unsicher versuchte Gibbli, das Zittern zu unterdrücken. Etwas warmes berührte ihre Wange. Dann spürte sie seine weichen Lippen. Er küsste sie auf die Stirn. Jetzt fühlte Gibbli seinen Atem an ihrem Ohr.
"Hat das weh getan?"
"Nein", flüsterte sie.
Er drückte sie an sich und hielt sie fest.
"Tut das weh?"
"Nein", erwiderte Gibbli leise.
"Du bist meine kleine Schwester. Ich könnte dich niemals mit Absicht verletzen. Aber du musst mit mir reden, okay? Und wenn ich ... wenn ich wieder mal zu blöd sein sollte, zu blind, dann schweig mich nicht an. Sag mir, dass du mich brauchst. Schrei mich an, meinetwegen schlag mir den Schädel ein, aber tu irgendetwas. Und lass mich nie wieder einfach so geh'n, okay?"
"Okay."
"Und natürlich sind wir zusammen. Geschwister kann man nicht trennen. Niemals. Ich hab dir das schon mal gesagt. Nicht mal, wenn sie selbst das wollen würden, sie werden trotzdem immer Geschwister bleiben. Denn es gibt nichts, was stärker ist. Nichts im ganzen Universum."
Erleichtert zog sie die Mundwinkel nach oben. Das waren sie. Das waren die Worte, die sie hören wollte, auf die sie die ganze Zeit über gehofft hatte. Die Worte, die sie brauchte. Und Gibbli wollte nicht darüber nachdenken, ob sie echt waren oder wieder eine seiner Lügen. Sie entschloss einfach, dass sie wahr waren. Für eine Weile saßen die beiden schweigend da.
Irgendwann zog Abyss Djegos Strahler aus Gibblis Tasche und betrachtete ihn nachdenklich. "Ich wünschte, Sky hätte ihn nicht erledigt. Ich wünschte, er würde noch leben und ich könnte ihn leiden lassen. Ich will ihn mindestens hundertmal töten. Immer und immer wieder."
"Abyss?" Gibbli hob den Kopf von seiner Schulter. "Weißt du, was ich mich schon immer gefragt hab? Angenommen, Sky hätte ihn nicht erledigt. Wenn wir diesen Brotmensch dann Köpfen und er würde nicht sofort draufgeh'n, würde dann sein Kopf spüren, dass sein Körper fehlt, oder würde er im Körper spüren, dass ihm sein Kopf fehlt? Lebt man dann an zwei Stellen gleichzeitig?"
Er lachte. "Ich mag deine Gedanken. Schwer zu sagen, da er weder Hirn noch Herz besaß." Er hielt inne, dann wurde seine Stimme wieder ernster. "Ich schwör dir, jeder, der es wagt, dir zu nahe zu treten, wird elendig dahinscheiden. Ganz langsam. Niemand wird dich mehr anfassen. Dafür sorg ich. Auch Steven nicht."
Erschrocken sprang Gibbli auf, als der Oceaner mitten aus einem Regal hindurch auf sie zutrat.
"Hörte ich da meinen Namen? Im Ernst? DU hast meinen Namen laut ausgesprochen? Ich bin entzückt, ich ... hm, nette Narbe Mensch, wer hat das geschrieben? Doch nicht etwa mein Mädchen?" Belustigt betrachtete er Abyss' nackten Rücken.
Mit einem giftigen Gesichtsausdruck fuhr Abyss herum und hob dabei seinen Arm.
"Oha", entwich es Steven überrascht, der nicht damit gerechnet hatte, so plötzlich in die Mündung einer Waffe zu starren.
"Verpiss dich", knurrte Abyss.
"Nein", sagte er schlicht und wandte sich Gibbli zu. "Ich will mit dir allein sein, Mädchen."
Abyss drückte die Waffe gegen seine Schläfen. "Nein, das willst du nicht." Seine Worte klangen so bedrohlich, dass sie Stevens Kälte zu übertreffen schienen.
Doch der Oceaner ignorierte ihn. "Er soll gehen", sagte er zu Gibbli.
Abyss fletschte die Zähne. "Nein, das soll er nicht."
"Wir haben etwas zu klären, Mädchen! Denkst du, ich fürchte deinen Menschen? Nein, das tue ich nicht. Dieses fröhliche Gesicht wollte mich schon tausende Male erledigen und hat es nie getan."
"Vielleicht tut er es ja jetzt", sagte Abyss mit einem Ausdruck weit jenseits von fröhlich.
"Er bleibt und er wird dich nicht umbringen", sagte Gibbli.
Abyss gab ein missmutiges Grummeln von sich. "Vielleicht ein kleines bisschen doch?", flüsterte er. "Nur ein Stück?"
"Bist du sicher Mädchen, dass er unser Geheimnis erfahren soll?"
Sie legte den Kopf schief und blickte Steven berechnend an. "Ich glaube, er weiß das doch längst. Dir ist wieder langweilig. Und jetzt willst du mir die neue Aufgabe stellen."
Abyss schüttelte den Kopf. "Nein, das will er nicht."
"So? Will ich also nicht, Mensch?", fragte Steven, während Gibbli geistesabwesend ihr Messer aus dem Stiefel zog.
"Nein, willst du nicht. Euer Spiel ist zu Ende."
"Nicht ganz", sagte Gibbli plötzlich. Steven schuldete ihr noch eine Strafe. Sie hatte ihm eine Aufgabe gestellt und er hatte abgelehnt, Abyss zurückzuholen. Dafür hatte sie den Gefallen einsetzen müssen, den er ihr schuldete. "Abyss? Ich bin nicht gut in Anatomie. Kannst du mir zeigen, wo genau sich seine Stimmbänder befinden?", fragte Gibbli.
Ein fieses Grinsen breitete sich auf Abyss' Gesicht aus.
 
Der Kapitän stieg festen Schrittes die Rampe zwischen den Konsolen herab. "Abyss!"
"Ich war's nicht!", rief Abyss sofort und blickte auf.
Während er und Gibbli an den Sitzen vor dem Frontfenster vorbei gingen, hatte er noch immer vertieft seine neuen Finger bewundert. Gibbli hatte sie ihm überreicht, nachdem der Oceaner sich röchelnd davongeschleppt hatte. Das Handstück passte erstaunlich gut und es hatte nicht lange gedauert, seine abgetrennten Nervenenden damit zu verbinden. Abyss schaffte bereits einfache Bewegungen. Es würde nicht mehr lange dauern und er würde nicht mehr spüren, dass es sich nicht um seine echten Finger handelte.
"Warum bei Ocea steckte da vorhin ein Messer in Stevens Hals?", fragte Sky scharf. "Bo musste ihn zusammenflicken!"
"Was? Oha, das hört sich ja schmerzhaft an. Hm, ja. Schon seltsam." Abyss zuckte mit den Schultern.
"Das ist nicht lustig!"
"Also ich find's lustig."
"Abyss!"
"Was regst du dich auf? So was kann passieren, wenn du deine Krieger zum Schlafen schickst statt in die Schlacht, weißt du?"
Dem Oceaner hatte es scheinbar auch nicht viel ausgemacht, dachte Gibbli und erinnerte sich daran, wie er mit einem krächzenden Lachen Richtung Krankenstation abgezogen war. Sicher, mit Bo's Hilfe würde er spätestens in ein paar Minuten wieder munter plappernd durch die Zentrale hüpfen. Doch Steven würde nie wieder dazu kommen, ihr eine Aufgabe zu stellen. Nicht, solange sie sich Messer aus Abyss' Vorrat leihen konnte.
"Sky", murmelte Abyss plötzlich geistesabwesend und blieb abrupt stehen.
Der Kapitän kam ebenfalls vor ihm zum Stehen und starrte ihn düster an.
"Wo warst du?", fragte Abyss leise, als würde er mehr mit sich selbst reden. "Wo warst du, Sky?"
Skys Miene änderte sich schlagartig. Er öffnete den Mund und atmete betroffen die Luft aus. Er hatte erkannt, wovon Abyss sprach.
"Du hättest da sein sollen."
Der Kapitän schwieg. Plötzlich schlug Abyss zu und traf ihn am Kinn.
Gibbli schrie überrascht auf: "Nicht!"
"Du bist der Kapitän! DU HÄTTEST DA SEIN SOLLEN!", brüllte Abyss und schlug wieder zu.
Sky wehrte sich nicht. Er fiel nach hinten auf die Rampe.
Gibbli packte Abyss am Arm, als dieser erneut ausholte. Er wollte sich auf den Kapitän stürzen! Schnell drängte sie sich dazwischen. Beinahe hätte Abyss sie getroffen. Kurz vor ihrem Gesicht hielt er inne. Sie stolperte, aber er packte grob ihren Arm, bevor sie ebenfalls zu Boden fallen konnte. Dann schob er Gibbli beiseite. Für einen Moment trafen sich ihre Blicke. Er hielt inne und seine Faust entspannte sich. Erleichtert zuckten ihre Mundwinkel nach oben.
Abyss wandte sich Sky zu, der mit emotionsloser Miene zu ihm hochblickte. Mürrisch streckte er dem Kapitän seine Hand entgegen und sagte: "Wir sind quitt."
Gibbli war nicht ganz klar, was er damit meinte.
Sky zog die Augen zusammen. "Was?"
"Wir sind quitt", wiederholte Abyss barsch.
"Du kranker, trauriger ..."
"Lügner? Mistkerl? Mörder? Soziopath? Willst du das sagen?"
Der Kapitän schüttelte fassungslos den Kopf.
"Wie wär's mit Wichtel? Verräter? Vergewaltiger?"
"... Mann!", vollendete Sky seinen Satz.
"Kannst du nicht einfach ja sagen und meine Hand-"
"Abyss, verflucht! Das ist nichts, was man-"
"Wir sind quitt!", wiederholte Abyss mit fester Stimme.
Der Kapitän zögerte. Dann nahm er seine Hand. "Nette Finger", murmelte er.
Abyss grinste.
 
Gibbli schluckte nervös, als sie mit Abyss die Galerie betrat. Steven kam gerade aus dem Krankenzimmer heraus. Sie atmete tief durch und blieb stehen.
"Ihr seid doch nicht schon am Feiern? Ohne mich?", krächzte er. Die sonst so helle Stimme klang noch etwas angeknackst.
Düster begann Abyss zu murmeln: "Irgendwann trifft dich ganz zufällig ein Stromschlag aus undefinierbarer Quelle und-"
Gibbli gebot ihm zu schweigen. "Sky sagt, ich muss dich das gleiche tun lassen und ich soll dich um Verzeihung bitten. Aber das mit dem Messer in deinem Hals tut mir nicht leid." Sie war sich sicher, dass er beleidigt wäre, hätte sie sich bei ihm entschuldigt.
"Gutes Mädchen", sagte Steven zufrieden.
Eisige Wellen drangen durch ihre Haut. Doch es machte ihr nichts mehr aus. Statt von ihm davonzuweichen trat sie auf ihn zu. Steven legte fragend den Kopf schief. Er war nicht warm und er war kein Mensch, dachte Gibbli plötzlich. Es war nicht schlimm. Bevor der Oceaner etwas sagen oder Abyss sie aufhalten konnte, umarmte sie ihn. Steven erstarrte in ihren Armen wie ein kaltes Stück Metall.
"Danke, dass du ihn zurückgebracht hast", flüsterte Gibbli.
"Was ... warum ... was ist ...", stotterte er. "Ja! Steven hat das gut gemacht! Was? Hä?"
Sie trat schnell wieder von ihm weg.
Für einen Moment starrte der Oceaner sie verwirrt an. Dann schüttelte er benommen den Kopf und trat ohne ein weiteres Wort an ihnen vorbei.
"Ich glaub, du hast ihn kaputt gemacht", flüsterte Abyss, während Bo aus dem Krankenzimmer kam.


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Kapitel 19: Die Flucht (Bis in die tiefsten Abgründe)

Der Boden fing an zu vibrieren. Das Ruckeln wurde stärker. Abyss klammerte sich mit einer Hand am Rohr fest und versuchte mit der anderen Gibbli zu erreichen. Doch sie rutschte nach unten, als der Gitterboden sich öffnete und schräg legte. Während sie ihre Arme hochriss, um ihren Fall an dem geneigten Boden entlang zu verlangsamen, normalisierte sich die Lage bereits wieder. Das Donnern ließ nach. Erleichtert atmeten sie auf.
"Das sollte nicht passieren", murmelte Abyss. "Alles klar bei dir?"
Gibbli nickte und blickte sich um. In einem angrenzenden Gang hatte sich ein neuer Riss gebildet, der sich über mehrere Stockwerke hinwegzog. Das Abschalten der Sender hatte also nicht funktioniert. Sie waren doch aus? Unruhig betrachtete Gibbli den Abgrund, der sich nicht weit von ihnen aufgetan hatte.
"Sky!", rief Abyss, als der Kapitän plötzlich direkt an ihnen vorbeirauschte.
Wie es schien, hatte er auf dem Weg zur Mara kehrtgemacht. Wortlos marschierte er zur nächsten Rampe, die immer im Zentrum jeder Etage nach unten führten. Unsicher warf Gibbli Abyss einen Blick zu, der zuckte mit den Schultern. Hastig erhob sie sich und die beiden beeilten sich, dem Kapitän zu folgen.
"Wo gehen wir hin?", fragte Gibbli außer Atem.
"Alles was schief gehen kann, geht schief", gab Sky zornig zurück. "Es reicht."
"Diese Scheiße mit der Butter, die man auf eine Katze schmiert?", fragte Abyss.
Doch der Kapitän antwortete nicht. Sie passierten umgekippte Maschinen und Metallstücke, während sie weiter zwischen den Gebäuden die Stadt hinab hetzten, dem wütenden Sky hinterher. Aus einem Seitengang traten unvermittelt Soldaten auf sie zu. Abyss drückte Gibbli alarmiert Djegos Strahler in die Hand, während er ein Messer zog. Doch die Soldaten schossen nicht, stattdessen wurden es immer mehr, je weiter sie in die unteren Stockwerke kamen. Und Sky ignorierte sie einfach und schritt weiter die Gänge entlang.
"Ähm. Sky? Hey, was immer du vor hast, das ist keine gute Idee!", warnte Abyss.
Doch seine Worte blieben von ihm ungehört. Oder er ignorierte sie. Beunruhigt versuchte Gibbli, Schritt zu halten, und blickte sich immer wieder nach den Soldaten um, die mit grimmigen Gesichtern ihre Waffen zogen und diese auf sie richteten. Dennoch wagte sich scheinbar niemand näher als ein paar Meter an sie heran.
"Warum schießen sie nicht?", fragte Gibbli.
"Weiß nicht", antwortete Abyss. "Vielleicht wollen sie nicht sterben?"
Irgendwann blieb Sky auf einem großen Platz stehen. Hinter ihnen verschlossen die Soldaten ihren Weg. Gibbli versuchte gar nicht erst, sie zu zählen. Es waren hunderte!
"Sky?", murmelte Abyss vorsichtig, während er die Soldaten nicht aus den Augen ließ. "Das war ein wirklich verdammt mieser Plan von dir."
"Plan? So etwas plant man nicht, Abyss. Schweigt. Und bleibt in meiner Nähe", knurrte er leise.
Sie befanden sich mitten im Lager der Elite! Skys Miene verdüsterte sich und Gibbli fühlte sich an das Gewitter auf dem Planeten der Mog erinnert. Sie wäre fast vor ihm zurückgewichen, stände Abyss nicht neben ihr. Ein paar Meter vor ihnen erblickte sie den Grund für Skys Zorn: Mit dem Rücken zu ihnen gewandt, beugte sich Jack über einen Tisch, wo er auf einem Hologramm etwas markierte. Als Sky erhobenen Hauptes auf ihn zuschritt, drehte er sich langsam um. Jacks überraschte Miene verwandelte sich in ein Lächeln, dann in Entsetzen, als der Kapitän seine Faust erhob und mit voller Wucht auf ihn einschlug.
"Du willst mich dazu zwingen, die Stadt zu verlassen!", schrie Sky währenddessen. "Sag mir sofort, ob da noch etwas ist!"
Jacks Kopf wurde zur Seite gerissen. Baff öffnete Gibbli den Mund. Sie erhob ihre Waffe, ebenso wie Abyss. Die Soldaten um sie herum kamen aufgebracht etwas näher. Vereinzelte Rufe gingen entrüstet durch die Reihen. Unbegreiflicherweise fiel kein Schuss. Schnell atmend versuchte Gibbli, den Strahler ruhig zu halten. Ohne es selbst richtig wahrzunehmen, trat sie einen Schritt näher an Abyss heran. Er sah aus, als würde er bis zum bitteren Ende kämpfen und nur darauf warten, sich auf Skys Befehl hin in die Massen der Soldaten zu stürzen.
"Sag mir die Wahrheit! Ist das dein Ziel? Habt ihr eine Technologie entwickelt, welche die Risse auslöst? Verheimlichst du etwas?"
Langsam hob Jack den Kopf. Blut rann an einem seiner Mundwinkel hinab. "Nein Sky. Ich habe damit nichts zu tun!" Der Blick, mit dem er den Kapitän fixierte, wirkte interessiert, beinahe sanft. Als würde er mehr erwarten.
"Und sie sind nicht wieder an? DIE SENDER?"
"Die Sender sind aus. Wie vereinbart." Jack richtete sich auf, trat direkt vor den Kapitän und seine Stimme wurde lauter. "Es hat nichts gebracht. Du hast gesagt, die Beben hören auf! Du hast mich belogen!"
"Dreh mir nicht die Worte um! Ich sagte möglicherweise!", brüllte Sky ihn an. "Also hatte der Oca recht."
Mit rotem Gesicht fauchte Jack: "Meine Leute sterben!"
"Wir alle werden sterben!"
"Wie die Soldaten, die ich vermisse, Sky?"
"Möglich."
Ihre Nasenspitzen berührten sich fast und Gibbli war sich sicher, gleich würden Blitze aus den beiden Männern heraustreten.
"Wo ist Djego? Wo ist mein Bote?", fragte Jack.
"Dein Spion ist tot", antwortete Sky kalt.
Wieder ging ein Murmeln durch die Reihen der Soldaten. Abyss und Gibbli traten mit erhobenen Waffen näher an den Kapitän heran.
"Du hast ihn umgebracht." Ungläubig starrte Jack ihn an. "Einen Unschuldigen! Du hast gute Männer und Frauen getötet!"
"Ein unschuldiger Mann", wiederholte Sky abfällig.
Gibbli zuckte zusammen, als Sky erneut zuschlug, so heftig, dass der Führer der Landmenschen den Boden unter seinen Füßen verlor und hart aufschlug.
"Er bekam, was er verdiente! Gerechtigkeit!", schrie der Kapitän ihn an.
Die Soldaten um sie herum raunten, flüsterten und ballten wütend ihre Fäuste. Doch keiner von ihnen trat näher oder griff ein.
Langsam ging Sky vor ihm in die Hocke, bedacht darauf, ihn nicht zu berühren. Jack stöhnte auf vor Schmerzen. Die Soldaten wurden unruhiger, doch als der Kapitän leise zu sprechen begann, verstummten sie.
"In gewisser Weise liebe ich dich, Jack." Sky schmunzelte und starrte ihn durchdringend an, als wäre es eine Genugtuung ihn so zu sehen. "Nicht dich als Person. Sondern dich als lebendes Wesen. So wie man alles Lebende liebt. Ich liebe Leben. Darum habe ich dich bisher verschont. Doch es reicht nicht aus, nur zu lieben." Er erhob sich wieder. "Man muss auch entsprechend handeln, Jack!"
Gibbli erschrak, als Sky beim letzten Wort seinen Fuß in Jacks Bauch rammte. Beunruhigt suchte sie Abyss' Blick, der schützend neben ihr stand und gleichzeitig versuchte, die Soldaten hinter ihnen im Auge zu behalten.
"Du bist ein Clown, Jack. Nichts weiter. Ein beschissener", wieder schlug Sky zu, "verfickter", wieder traf er ihn, "Clown." Der Kapitän trat zurück, zwischen Gibbli und Abyss. "... der es nicht schafft, seine eigenen Leute in den Griff zu bekommen." Er lachte auf. Angeekelt schüttelte er den Kopf, während er das zusammengekrümmte Bündel Jacks blutbespritzten Körpers vor sich musterte. "Djego, ein guter Mann."
Sky blickte auf und betrachtete die Soldaten. Ohne seine Waffe zu ziehen, ging er langsam auf sie zu. Gibbli merkte, wie sie vor ihm zurückwichen. Doch ihre ablehnenden Blicke sagten deutlich, was sie von ihm hielten.
"Euch scheint er ja unter Kontrolle zu haben", murmelte Sky. Mit entschlossenem Ausdruck schritt er langsam vor den Soldaten entlang. Die Energie, die er ausstrahlte, brachte einige Hände mit ihren Waffen leicht zum Zittern. Die Energie eines wahren Anführers. Als würde seine Macht alles um ihn herum aufsaugen. Dann erhob er seine Stimme. "Hört mir gut zu! Dieser Mensch", er streckte einen Finger aus und deutete beherrscht auf Jack, der benommen vor dem Tisch lag, "wird höchstwahrscheinlich euer aller Tod sein. Er mag sich für euch einsetzen, doch seine Engstirnigkeit hat uns in diese Lage gebracht. Er lehnte die Vereinigung unserer Arten ab. Er führte uns in dieses Verderben, die Landmenschen, die Meermenschen und die Oceaner. Dennoch, wäre es eine Schande, wenn er die Konsequenzen seiner eigenen Taten nicht mehr miterleben würde. Das hat er verdient. Er ist euer Führer, also", Sky gelangte wieder bei Gibbli und Abyss an und hielt einen Moment inne, "flickt ihn zusammen, bevor er hier verblutet." Dann nickte er den beiden grimmig zu. "Zurück auf die Mara. Es wird Zeit, dass wir Ocea verlassen."
Ohne sich noch einmal nach Jack umzusehen, schritt er direkt in die Masse der Soldaten hinein. Abyss und Gibbli beeilten sich, ihm zu folgen. Fassungslos nahm Gibbli wahr, wie sich die Menschenmenge vor ihnen teilte und vor dem Kapitän zurückwich. Die drei konnten ungehindert zwischen ihnen hindurch wandern. Dennoch sahen die bewaffneten Männer und Frauen nicht so aus, als wären sie begeistert davon. Niemand wagte es, zu sprechen.
Ein paar Stockwerke höher schüttelte Abyss ungläubig den Kopf. "Ich liebe deine ungeplanten Pläne, Mann", murmelte er in sich hinein und steckte sein Messer in den offenen Mantel.
"Halt den Mund", knurrte Sky. "Ich habe die Kontrolle verloren."
"Nein", sagte Abyss sofort und grinste. Dann zuckte er mit den Schultern. "Okay, vielleicht ein ganz klein wenig."
"Das Beben vorhin versetzte mich in Rage, ich brauchte von ihm die Bestätigung, dass es nicht von seiner Seite ausgeht, dass Steven recht hat. Aber als ich Jack sah ... und als er dann noch Djego erwähnte ..."
"Warum hat er sich nicht gewehrt?"
"Aus dem gleichen Grund, warum du fast einen ganzen Planeten zerstört hättest", antwortete Sky leise.
Die drei schwiegen, bis sie die Schleusen der Mara erreichten.
 
Steven öffnete ihnen. "Ich hab's geseh'n! Es ist so winzig! Es lebt! Esjay ist zauberhaft, so schön. Aber grässlich. Schleimig! Ihh, Bo sagt, das geht weg. So schöne Schuppen, aber dreckig, wäh! Und ihre Haut schimmert! Ein wenig. Wundervoll abstoßend. Nox hat es - was ist passiert?", fragte er, als Sky ihn beiseite schubste. "Hat der große Mensch Mist gebaut? Er ist ja wieder da, mein blasser Freund. Uh, Kapitän, du siehst auch nicht gut aus. So, hm, muffelig?"
"Reiz ihn heute bloß nicht mehr, Goldhaufen. Er hat gerade Jack verprügelt", murmelte Abyss ihm zu.
Der Oceaner legte den Kopf schief und ging den dreien hinterher. "Es gab ein neues Beben, oder? Ja, das gab es", beantwortete er sich selbst die Frage.
Gibbli nickte. Sie betraten die Zentrale der Mara.
"Nun, das ist schlecht", meinte Steven. "Gut."
"Schlecht gut", wiederholte Sky mit rauer Stimme, während sie am runden Tisch vorbei gingen. "Erkläre das."
"Schlecht, dass ich Recht hatte und gut, dass wir auf der Mara nichts davon bemerkten. Die Schutzschilde funktionieren wieder perfekt. Mein Mädchen hat hervorragende Arbeit geleistet, oh ja, das hat sie."
Sky wies Gibbli an, den Start vorzubereiten. Sie stellte sich vor eine Konsole und ging die Systeme durch, um zu prüfen, ob alles in Ordnung war.
"Ich kapier's noch immer nicht", sagte Abyss, der ebenfalls anfing, die Werte an einer anderen Konsole abzulesen. "Warum haben sie nicht geschossen?"
"Weil Jack es ihnen verboten hat", antwortete Sky und schubste Steven wieder beiseite, der ihm erneut im Weg stand.
"Woher wusstest du das?", fragte Abyss.
"Ich wusste es nicht."
"Du bist wahnsinnig, Sky."
Steven lachte und lehnte sich an einen der Stühle vor dem Frontfenster.
"Das war ich doch schon immer." Seine Stimme klang ruhig und mörderisch. Der Kapitän setzte sich in den mittleren der drei Stühle und zog die Steuerungen zu sich heran.
Gibbli tippte auf der Konsole auf ein Feld und löste damit die Schleusen. Währenddessen fiel ihr ein, dass Abyss' Finger noch immer in einer der Hütten in der obersten Etage Oceas lagen. Sicher würde Sky ihr nicht erlauben, sie noch zu holen. Bei seiner aktuellen Laune, wagte sie auch kaum, ein Wort zu sagen.
"Warum hast du ihn nicht umgebracht?", traute sich Gibbli schließlich leise zu fragen, während er die Mara vorsichtig von der Andockstelle fort bugsierte.
Sie war sich nicht sicher, ob Sky ihre Worte überhaupt gehört hatte, doch nach einer Weile antwortete er: "Er hat nicht getötet. Noch nicht. Den Tod verdient nur jemand, der selbst getötet hat."
"So wie du?", fragte Steven vergnügt hinter ihm.
Für einen Moment schwieg der Kapitän. Dann stimmte er ihm zu. "So wie ich."
"Du kannst nicht vergessen, was er getan hat!", rief Abyss aufgebracht und blickte von seiner Konsole auf.
"Du kennst mich, ich vergebe niemandem", erwiderte Sky konzentriert. "Geduld, Abyss. Geduld. Mir fällt schon noch etwas ein für ihn. Irgendwann." Er schaltete die Maschinen ab und ließ die Mara auf der Stelle, inmitten des mit Wasser gefüllten Hohlraums schweben. Lediglich Tiefseemenschen war es jetzt noch möglich, von der Stadt auf das U-Boot zu gelangen. Die Soldaten konnten sie hier nicht erreichen.
Der Kapitän schob die Steuerungen von sich weg, erhob sich und trat um die Sitze herum zu ihnen.
Abyss funkelte ihn wütend an. "Warum tust du es nicht endlich? Er soll verrecken! Lass es mich tun! Mir fallen tausend Sachen ein, wie er sterben kann. Ich mach's, ich mach das für dich!"
"Nein", sagte Sky bestimmt.
"Ich versteh's nicht, er hat-"
"Abyss, halt den Mund!", unterbrach der Kapitän ihn scharf. "Lass es."
"Aber Jack ist-"
"HEY!", Sky beugte sich vor und packte ihn über die Konsole hinweg an den Schultern. "Das ist auch meine Entscheidung! Und ich will ihn leiden sehen, okay? Ich - will - ihn - leiden - sehen!" Stille breitete sich in der Zentrale aus. Sky ließ Abyss wieder los und fügte böse grinsend hinzu: "Es macht doch keinen Spaß, wenn er sich zwischendrin nicht erholt."
Begeistert klatschte Steven in die Hände. "Uhh, das gleiche sagte Rod einst zu Mara." Als er Rods Namen erwähnte, krallten sich Gibblis Hände in die Konsole vor ihr. "Du bist ihm ähnlich Kapitän, ja das bist du."
"Ist er nicht!", fuhr Gibbli den Oceaner barsch an.
Abyss hob erheitert die Augenbrauen, während Sky Steven mit einer Bewegung seines Kopfes zum Schweigen brachte, als dieser etwas erwidern wollte.
"Wer ist was nicht?", fragte plötzlich eine sanfte Stimme.
Sie wandten sich nach oben. Eine Gestalt stand über ihnen in der Galerie am Geländer und blickte müde auf sie herab. Hinter Bo trat Nox heran.
"Sam?", fragte Sky.
"Sie liegt in einer der Kühlkammern im Krankenzimmer", antwortete Bo leise.
Sofort breitete sich eine bedrückende Stimmung zwischen ihnen aus.
"Esjay schläft", sagte Nox mit seiner kratzigen Stimme.
"Sie ist nicht wie ich", fügte Bo hinzu. "Sie kann beides. Esjay besitzt voll ausgebildete Kiemen und eine funktionierende Lunge. Sie ist stark."
Sky nickte.
"Ich wegbringe sie", sagte Nox.
"Ich rate dir davon ab", gab Sky zurück.
Die Miene des Tiefseemenschen verfinsterte sich. "Ich war nie richtiges Mitglied deiner Crew. Ich kam wegen Sam. Um zurückzuholen. Jetzt, sie nicht ist mehr in dieser Zeit."
"Nox, dein Volk hat euch gejagt!"
"Du irrst, Kapitän. Sie mögen Bo nicht. Sie dulden meine Anwesenheit. Ich sprach mit Elai. Er ist jetzt ihr Führer. Er akzeptierte Sam. Er akzeptieren wird auch meine Tochter. Esjay aufwächst bei meinem Volk."
Für einen Moment blickte Nox Bo an, als würde er sie etwas fragen. Doch seine Frage war lautlos.
Bo schüttelte den Kopf.
"Dann bleib", sagte er düster.
Sie rannte ihm nach, als Nox von der Galerie zurück trat und verschwand.
Gibbli starrte ihnen nach. "Du lässt niemanden gehen", flüsterte sie. Das hatte er doch gesagt!
Sky wandte sich ihr kurz zu, dann blickte er aus dem Fenster. "Nox war nur auf Zeit in meiner Crew. Ich habe das mit ihm von Anfang an abgemacht. Er wollte nie Mitglied werden. Ich gab ihm mein Wort: Wenn seine Schuld beglichen ist, lasse ich ihn gehen. Seine Schuld ist nicht beglichen, der Auftrag mit den Hochseemenschen scheiterte. Dennoch hat er Recht. Er war hier wegen Sam. Nur wegen ihr. Um sie zu retten. Jetzt ist sie tot. Unsere Abmachung gilt also nicht mehr. Und Esjay gehört erst recht nicht hier her. Das hier ist kein Ort für Kinder. Jedenfalls, nicht ... nicht für so junge", fügte er hinzu. "Hier auf der Mara sind wir eine Zielscheibe."
Nox dachte wohl, er hätte eine größere Chance allein im Wasser zu entkommen und seine Tochter in Sicherheit zu bringen. Steven schüttelte verständnislos den Kopf und murmelte vor sich hin, während Bo jetzt zu ihnen heran trat.
"Er will raus, sobald wir oben sind", sagte sie betrübt.
Sky nickte. "Sobald er weg ist, werde ich für seine Sicherheit nicht mehr garantieren. Sollte einer von euch ebenfalls den Gedanken haben zu verschwinden, vergesst es."
Bo setzte sich und schwieg.
Der Kapitän wandte sich dem Oceaner zu. "Sag ihnen, was du mir erzählt hast."
Stevens Murmeln verstummte und jetzt sagte er ebenfalls kein Wort mehr.
"Sofort!", befahl Sky nachdrücklich.
Er nickte zögernd, dann sprach er Gibbli direkt an: "Mädchen, erinnerst du dich daran, als du mich fragtest, ob es Reihenfolgen gibt bei den Ebenen?"
Gibbli nickte unsicher. "Ja."
"Gut, das ist gut. Schlecht. Was denkst du passiert, wenn man zwei Ebenen verbindet, die nicht direkt zusammen hängen?"
"Sie ... verschmelzen zu einer?"
"Ja. Darum ist Riss eigentlich kein gutes Wort dafür. Die Maschine reißt die Ebenen nicht auf, sie verschmelzt sie. Und die jeweiligen Lebewesen in ihnen wären im Stande, sich zu begegnen. Kein Problem also. Doch was passiert, wenn es Ebenen sind, die für uns einzeln betrachtet bereits Lebensraum darstellen und die direkt aneinander liegen?"
Gibbli riss entsetzt die Augen auf. Das war nicht sein Ernst!
"Was bedeutet das?", fragte Abyss genervt.
"Die Vernichtung der Leben in ihnen", antwortete Gibbli an Stevens Stelle. "Alles wird eins. Zusammen gepresst."
"So könnte man es ausdrücken", bestätigte der Oceaner. "Und die Verschiebung aller angrenzenden Ebenen."
"Übersetzung bitte!", knurrte Abyss.
"Gravitationsbrüche, beschränkter Mensch!", rief Steven. "Das wird die Ebenen, wie ihr sie kennt, auseinanderreißen oder besser gesagt zusammen pressen! Hahaha! Die Ebenen der Zeit und der Materie werden schon bald nicht mehr an die drei aneinander liegenden Raumebenen angrenzen."
"Sondern an eine einzige Raumdimension", führte Gibbli seinen Satz weiter. "Länge, Breite und Höhe verschmelzen zu einer. Du hast die drei Dimensionen unseres Raums zu einer verbunden!" Darum also gab es diese Zeit-Gravitationsrisse! Die angrenzenden Ebenen der Zeit und der Materie drückten sich langsam in ihren Lebensraum.
"Noch nicht Mädchen, aber ja, das ist es, was die Vorrichtung in etwa macht, die ich baute. Gut gemacht Mädchen, du bist mein Oca, ich bin stolz auf dich!" Steven nickte.
Abyss Augen zogen sich zu Schlitzen zusammen.
"Dein Eingriff erfolgte übergeordnet", sagte Sky. "Und da wir hier Leben, noch, müssen wir auf unseren drei Dimensionen ... wohin?"
"Wir können nirgendwohin, Kapitän. Der Ort spielt keine Rolle mehr. Einzig die Mara ist sicher. Sie ist abgeschirmt dagegen. Darum sollten wir sie auf keinen Fall mehr verlassen. Die Beben werden stärker. Die Abstände zwischen ihnen kürzer. Es ist nicht zu verhindern."
"Lüge nicht! Und nein, das meinte ich nicht. Sag ihnen, wo du das Ding gebaut hast!"
"Pfff, Menschen. Ihr tragt immer diesen Funken des Wahnsinns in euch. Niemals aufgeben. Immer hoffen, selbst wenn es aussichtslos ist. Ich mag das, Kapitän. Ich bewundere das. Aber es wäre so viel schöner, wenn ihr die letzten Momente eurer Völker genießen würdet. Wir sollten feiern."
"Befolge meinen Befehl! Der Ort deiner Maschine!", fuhr Sky ihn drohend an.
Steven schloss die Augen. "In der Spionagebasis der Mog."
"Und die ist wo? Steven, jetzt rede, verflucht!", knurrte Sky.
"Zwischen der Meeresakademie und Mooks. Nicht weit von hier."
Der Kapitän nickte. "Und du warst dort."
"Ja. Ich war ein weiteres Mal dort." Steven wandte sich Abyss zu. "Nachdem Jack die Störsender abgeschaltet hat, war ich kurz bei dir, du erinnerst dich?"
"Oh, ich erinnere mich gut. Du hast mich angefleht, mit dir zu kommen. Das war sehr ... amüsant." Doch Abyss sah nicht aus, als wirkte er amüsiert. Seine Miene war ernst und seine Stimme kalt.
"Nun, ich bin nicht direkt zu dir gefahren. Davor war ich erneut kurz bei der Basis, um nach der Vorrichtung zu sehen."
"Und?", fragte Gibbli, interessiert, mehr über Stevens Maschine zu erfahren.
"Sie scannte noch. Mein Meisterwerk erkennt uns durchaus, zögert aber, weil wir keine vollständigen Oca sind. Darum passiert es nicht sofort. Die Störsender hatten absolut nichts damit zu tun. Jack ließ deinen Vater hinrichten. Er zwang Cora durch seine Sender zum Verlassen ihres Körpers. Vielleicht waren wir alle vier es zusammen, was die Maschine zurückhielt, auszulösen. Und jetzt, wo sie läuft, kann sie nicht registrieren, dass noch immer Oca auf diesem Planeten anwesend sind ... weil ... weil es den Tatsachen entspricht. Die Maschine akzeptiert weder dich noch mich, Mädchen. Wir reichen nicht aus."
"Aber wenn sie es nicht tut ...", begann Gibbli flüsternd.
"... dann passiert mit diesem Planeten", Steven hielt eine Hand hoch, zog sie zusammen zu einer Faust und blickte in die Runde. In Gibblis Kopf entstand das Bild einer runden Kugel, "das hier." Er öffnete die Faust, welche jetzt eine Fläche darstellen sollte, dann formte er seinen Daumen und Zeigefinger so, als würde er einen kleinen Krümel zwischen ihnen festhalten. Die Kugel in Gibblis Gedanken wurde plattgedrückt und dann zusammengequetscht.
"Dreidimensionaler Raum wird zu einem eindimensionalen Punkt", hallte Skys raue Stimme durch die Zentrale.
"Wir könnten ihn ausstopfen und als Frontfigur an die Außenwand der Mara kleben. Bitte?", fragte Abyss an den Kapitän gewandt.
 
Trotz Stevens Einwänden, dass es keine Möglichkeit gäbe die Maschine abzuschalten, begann der Kapitän die Mara durch die Höhle nach oben zu steuern. Es fiel ihm sichtlich nicht leicht, die Stadt zurückzulassen, kam es doch einer Aufgabe gleich. Betrübt starrte Gibbli über die Konsole hinweg aus dem großen Frontfenster. Die goldenen Silhouetten strahlten durch ein Sichtfenster im Felsen zwischen der Andockstelle und Oceas hindurch. Ein durchsichtiges Kraftfeld hinderte das Wasser daran, aus der Andockstelle in die Stadt einzudringen. Die Sonnenstücke in ihr leuchteten hell in die Höhle hinein. Ausgerechnet jetzt, wo die Maschinen wieder liefen, fuhren sie fort. Die Bauten verschwanden am unteren Rand der Scheiben und machten den metallverstärkten Wänden der Höhle Platz. So viele hochtechnologische Schätze lagen dort unten, ungenutzt. So viele Experimente, die niemals stattfinden würden, begraben. Spätestens, wenn Jack die Stadt dem Erdboden gleich machen würde.
"Du brauchst sie nicht", sagte Steven plötzlich neben ihr. "Die Mara ist das fortschrittlichste Stück Technologie, das du auf diesem Planeten finden wirst. Noch. Wahahaha, wir werden alle sterben!"
Gibbli verdrehte die Augen zur Seite und schüttelte genervt den Kopf. Auf der Konsole vor ihr blinkte etwas auf. Sie öffnete ein Fenster auf ihrer Anzeige.
"Kann uns das U-Boot auch durch massive Felsen befördern?", fragte sie resigniert.
Eine Warnmeldung kündigte an, dass ihre vorgegebene Route unpassierbar war. Die Übertragung einer Außenkamera zeigte den verschütteten Durchgang.
Sky stoppte die Maschinen. "Das letzte Beben muss den Tunnel zerstört haben. Da ist alles eingestürzt. Steven, ich brauche einen anderen Weg."
"Es gibt keinen anderen, Kapitän. Oh, nein, gibt es nicht. Die Mara schafft das. Wir wühlen uns durch. Es wird nur etwas länger dauern, als geplant."
"Gibbli?", fragte Sky und wandte sich auffordernd zu ihr um.
Unsicher öffnete Gibbli ein weiteres Fenster, um sich die Werte des Schildes durchgeben zu lassen. Im Kopf überschlug sie ein paar Berechnungen, dann nickte sie. "Ich denke, die Hülle würde standhalten."
"Natürlich tut sie das, Mädchen."
Als der Kapitän die Mara mitten in die Brocken aus Metall und Fels steuerte, erklangen furchteinflößende Geräusche. Alles in Gibbli zog sich zusammen bei diesem Klang. Beunruhigt begab sie sich in die Maschinenräume, um die einzelnen Systeme zu prüfen. Doch alles schien einwandfrei zu funktionieren. Irgendwann tauchte Steven neben ihr auf und nervte sie mit einem Vortrag über die Standhaftigkeit der Schutzschilde. Er erklärte, wie man ein abdämpfendes Feld aufbauen konnte, was Gibbli sofort in die Tat umsetzte. Dennoch drang das Schrammen der Stücke an der Außenhülle des U-Bootes noch immer unangenehm durch ihre Ohren. Doch jetzt klang es wenigstens etwas leiser und für eine Weile aushaltbar.
Nach einiger Zeit fiel Gibbli auf, dass er mit einem Gewirr aus Drähten in einer Vorrichtung herumspielte.
"Was machst du da?", fragte sie misstrauisch.
"Ich prüfe deine Arbeit, Mädchen." Er zuckte mit den Schultern. Dann nahm er das Gebilde aus der Vorrichtung und warf es ihr zu. "Das hast du in der Stadt vergessen, oh ja, sehr vergesslich bist du. Dabei habe ich mir so eine Mühe gemacht, dir die Bauteile zu besorgen! Würdige das!"
Hastig fing sie es auf. Beinahe rutschte die Maschinenhand mit den herausstehenden Kabeln aus ihren Händen. Das hätte fast die Arbeit von Wochen zunichtegemacht! Wütend und erleichtert zugleich fuhr Gibbli über die nachgebildeten Finger.
"Hier." Steven hielt ihr einen Hologrammgenerator vor die Nase.
Vorsichtig legte sie die Hand beiseite und nahm den goldenen Knopf, um ihn zu öffnen. "Was ist das?" Vor Gibbli baute sich ein dreidimensionales Bild auf. Es war an verschiedenen Stellen mit leuchtenden Buchstaben beschriftet.
"Meine Konstruktionspläne nach einer Idee von Sky. Er will, dass du das baust", gab der Oceaner zurück. "Genial von mir, nicht wahr? Und du findest alles im Lager meiner geliebten Mara."
Fassungslos betrachtete Gibbli Stevens Skizzen genauer und rief ein paar Details der einzelnen Bauteile ab. "Der Kapitän ist wirklich wahnsinnig. Nur der kleinste Fehler und es könnte Abyss umbringen."
"Dafür hast du meine Berechnungen. Wir nehmen einen eurer Tiefseedruckanzüge als Basis und modifizieren ihn. Das bekommst du doch hin, Mädchen."
Gibbli lächelte. Natürlich würde sie das. Diese Ablenkung kam ihr gerade recht.
 
Der Kapitän steuerte das U-Boot mit steinerner Miene durch die Brocken. Währenddessen verbrachte Gibbli die nächsten Stunden damit, seine Idee in die Tat umzusetzen, sowie letzte Einstellungen an Abyss' künstlicher Hand vorzunehmen.
Nox und Bo ließen sich kaum in der Zentrale blicken und verbrachten die meiste Zeit in der Krankenstation. Esjay schien trotz der unangenehmen Geräusche seelenruhig zu schlafen. Was Bo wiederum beunruhigte, da dies ungewöhnlich war für Landmenschen. Doch Nox hatte ihr erklärt, dass das bei Tiefseemenschen in diesem Alter normal sei. Steven hingegen hielt alle auf Trab wie ein kleines Kind.
"Lasst uns etwas spielen", drang seine helle Stimme in ihren Kopf, als hätte sie ihn herbeigerufen. "Ich verstecke mich und ihr sucht mich."
Gibbli blickte genervt von ihrem Teller auf.
Abyss hatte sich in der Küche an den Vorräten zu schaffen gemacht und bestand darauf, dass sie etwas aß. "Wie wär's, wenn du dich versteckst und wir suchen dich nicht?", murmelte er.
"So funktioniert das nicht, Mensch! Ihr macht doch so etwas? Verstecken spielen. Ich habe euch studiert, oh ja! Du hast das früher nie mit anderen Kindern gespielt?"
"Natürlich hab ich das. Mit meinen unzähligen Freunden, ich hatte ja so viele davon, dämlicher Goldklumpen." Genervt warf er das Besteck beiseite.
"Ja, weil du sie umbringen wolltest", gab Steven zurück.
"Eigentlich wollte ich sie nur von Dingen überzeugen, die vorteilhaft für mich gewesen wären. Ich wollte nie jemanden verletzen. Das passiert eben einfach."
"Klar." Steven lachte. "Wenn Dinge dem großen Menschen nicht gefallen, kippen ein paar kleine Menschen einfach um. Plopp. Ganz zufällig."
"Gute Idee", knurrte Abyss. "Wie wär's, wenn es Plopp macht und du kippst um?"
Gibbli stand auf. Sie wusste, dass das hier wieder in ein gegenseitiges Anbrüllen ausarten würde und dass Sky, wie viele Male zuvor, irgendwann dazwischen gehen würde, bevor die beiden aufeinander losgingen. Abyss und Steven kamen sich ständig in die Quere, seit sie wieder beide an Bord waren. Abyss wollte man nicht begegnen, wenn er sich langweilte. Der Oceaner hingegen langweilte sich nie, er fand immer etwas, womit er anderen auf die Nerven gehen konnte.
 
"Die Zeit arbeitet gegen uns", sagte Sky müde. Sie hatten sich um den runden Tisch versammelt. "Gibblis Messungen zufolge werden die Beben stärker und treten in immer kürzeren Abständen auf."
Der Kapitän hatte die Mara bis an den Rand der Höhle gebracht. Diese endete etwas außerhalb der Meeresakademie. Nicht weit von ihnen begannen die ersten Gebäude. Noch waren sie nicht aus dem Gang aufgetaucht. Der letzte Durchgang lag verschlossen über ihnen, getarnt im Meeresboden. Die Kugel über ihren Köpfen zeigte unter Stevens Hand die Ausmaße der Gravitationsrisse. Er stand neben dem Gerät mitten auf dem Tisch. Der milchige Nebel hatte sich zu schrecklichen Bildern geformt. Große Teile der Meeresakademie schienen zerstört. Erschüttert betrachtete Gibbli die mit Wasser gefüllten Gebäude. Sie wollte nicht glauben, was sich dort befinden sollte! Nicht weit von ihnen, getrennt durch eine dünne Schicht Metall, die darauf wartete geöffnet zu werden, zogen sich Risse mitten durch die Bauten der Akademie. Und stiegen dort Körper auf? Sie schluckte. Das waren junge Schüler, Kinder!
"Das ist grauenvoll!", flüsterte Bo.
"Nicht schön, nein." Steven grinste. Dann wischte er über die Oberfläche und das Bild änderte sich. "Aber das hier ist lustig."
"Verdammt", murmelte Abyss.
Nox' Zähne blitzten auf und Gibbli vernahm sein bedrohliches Fauchen. Kurz regte sich die kleine Esjay, die neben ihm in Bo's Armen lag. Gibbli stieß entsetzt die Luft aus. Unglaublich viele U-Boote erstreckten sich über das gesamte Gebiet. So viele Kampfeinheiten, dass sie nicht mehr zählbar waren, hunderte, tausende. Und es wurden mit jeder Sekunde mehr. Sie fühlte sich plötzlich so schlapp. Wie sollten sie an denen je vorbei kommen?
"Er hat seine Männer nach oben gebracht", stellte Sky ruhig fest. "Jack zieht die Flotte zusammen. Er hat schnell reagiert. Wir waren zu langsam. Sie werden uns entdecken, sobald wir die Höhle verlassen."
"Diese U-Boote werden uns kaputt machen!", sagte Bo.
"Einfach zermatschen", stimmte Gibbli ihr zu. Sie war sich sicher, dass die U-Boote noch nicht alle voll besetzt sein konnten. Doch der verschüttete Durchgang hatte sie viel Zeit gekostet.
"Die Mara wird halten, Mädchen, das wird sie!"
Sky schüttelte den Kopf. "Selbst wenn tausende von Waffen auf sie einfeuern? Unterschätze die Menschen nicht, Steven. Jack wird hart durchgreifen müssen. Ich habe ihn vor seinen Leuten gedemütigt. Die Soldaten sind verunsichert. Jack wird diese Schwäche ausgleichen müssen, wenn er seine Macht behalten will."
Abyss schlug auf den Tisch. "Ich will ihn brennen sehen. Habt ihr je eine Kernfusion der Atome eines Menschen beobachten dürfen? Ich nicht. Ich würde das gern mal."
"Ja! Ich kann sie wieder ablenken. Wir sprengen sie! Steven macht das, Kapitän, Steven sprengt sie, auch ohne Cora! Ich krieg das hin! Und ihr schnappt euch den Menschenbefehler. Lass uns feiern!"
Alle blickten den Kapitän erwartungsvoll an. Für einen Moment schwieg er. "Wie lange noch, Gibbli?"
Gibbli tippte auf ihr EAG und öffnete die Datei mit ihren Berechnungen von Plotz Daten. "Wenn sich die Abstände der Beben im gleichen Tempo verringern, dann vielleicht noch vier Tage? Höchstens", sagte sie leise.
"Das ist gut. Das schaffen wir." Sky nickte, dann fragte er in aller Ruhe: "Wann habt ihr das letzte Mal geschlafen?"
Ungläubige Gesichter blickten ihn an. Für einen Moment dachte Gibbli tatsächlich darüber nach. Wann hatte sie das letzte Mal geschlafen? In Skys Raum. Mit einem unguten Gefühl dachte sie daran zurück. Wie lange war das her? Und wie lange hatte dann erst der Kapitän schon nicht mehr geschlafen? Für einen Moment war es still, dann brach ein Schwall von Protest über ihn herein.
"Na klar, scheiß auf die Schlacht", knurrte Abyss düster, "legen wir uns erst mal hin, während diese megagigantische Macht an Eliteheinis darauf wartet, unsere Überreste den Haien zum Fraß vorzuwerfen!"
"Tiefseemenschen wachen lange! Ich verlasse die Mara!" Wieder schien er Bo in Gedanken eine lautlose Frage zu stellen.
Bo schüttelte den Kopf. "Ich sagte bereits, nein", fuhr sie ihn an.
"Dann geh mit ihnen unter!", gab er düster zurück.
"Oca schlafen nicht! Wir sind euch überlegen, wir leben immer, wir zerfetzen! Wir-"
"Schweigt!" Sky erhob sich und alle verstummten. Bedachtsam betrachtete er jeden Einzelnen von ihnen. "Wenn ich die Mara jetzt dort hinaus tauche, steuere ich euch in den sicheren Tod. Ich meine das ernst, nicht Jacks Flotte wegen, mein Reaktionsvermögen ist aufgebraucht. Ich bin seit über zwei Tagen wach und kann kaum noch klar denken. Und Sprengen? Eine Schlacht? Ihr wollt kämpfen? Ihr wollt morden? Hört euch doch zu! Ihr wollt kopflos in euer Verderben rennen. Ich verbiete das! Es hat genug Tote gegeben!"
"Wenn du jetzt damit kommst, dass wir mit Jack auf gut Freund machen sollen, dann schlachte ich dich gleich mit ihm", murmelte Abyss.
"Nein", sagte Sky ruhig. "Nein, wir regeln das anders. Ich denke mir etwas aus. Zweifelt nicht immer an meinen Entscheidungen. Ihr werdet überleben. Meine Crew stirbt nicht. Jeder, der hierbleibt, wird leben. Das ist ein Versprechen. Ruht euch aus. Und das war ein Befehl. Ob es in der Zwischenzeit ein paar hundert Boote mehr werden, spielt doch keine Rolle mehr. Fünf Stunden. Nehmt euch die Zeit."


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Storyboard und Skizzen: Entstehungsprozess des Miniaturcomics „Antares“ auf Artist Trading Cards

Übersicht

sockenzombie miniaturcomic auf kakaokarten - antares - storyboard

Story Infos

Setting: Science Fiction
Ort: Sehr heißer Wasserplanet mit vereinzelten Inseln
Titel: Antares (Arbeitstitel SOL - System 27)
Länge: 36 Karten (ehemals 46)

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Status

Charaktererfindung / Story (1 Tag, abgeschlossen)
Einteilung / Dialoge (3 Tage, 46 / 46 abgeschlossen)
Storyboard / Vorzeichnungen (14 Tage, 37 / 37 abgeschlossen)

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Vorgehen

Setting, Charaktere und Story

Meistens beginnt eine Storyidee in meinem Kopf mit dem Aufblitzen eines sehr kurzen Ausschnitts einer Interaktion zwischen zwei Charakteren. Im Fall dieser Geschichte war das eine Szene von einem Lehrer, der versucht einen Schüler vor Aliens zu beschützt, welche die beiden gerade gefangen nehmen. Diese Szene hat es aber letztendlich nicht in die Story geschafft.

Oben im Status könnt ihr mein weiteres Vorgehen erkennen: Die Charaktere entwickle ich immer zuerst. Gleichzeitig werfe ich sie dann bereits in ein Setting. In meinem Fall ein fremder Planet, der einen Überriesen umkreist. (Die Story um Antares gab's zu dem Zeitpunkt aber noch nicht.) Von den Figuren fertigte ich sogar schon ein paar Bilder an, damit ich sie mir besser vorstellen kann. Das ist aber natürlich nicht ihr endgültiges Aussehen. Ich benutze diese Skizzen nur, um mich während des Zeichnens an der jeweiligen Größe der späteren Figuren zu orientieren.

Danach entstand langsam die Story und ich notierte mir zu diesem Zeitpunkt grobe Stichpunkte dazu. Meistens weiß ich aber hier noch nicht, wie die Geschichte ausgeht oder welche Wendungen sie nimmt.

sockenzombie miniaturcomic auf kakaokarten - antares - storyboard

Einteilung und Dialoge

Die endgültige Story entsteht bei mir immer um die Charaktere herum, nie vorher, denn von denen hängt sie ab. Die Figuren und deren Verhalten bestimmen die Handlung. Größtenteils baut sich bei mir alles erst durch Dialoge zwischen den Personen auf.

Ich lasse die Charaktere also einfach miteinander reden und daraus ergeben sich Dinge. Ab einem bestimmten Zeitpunkt der Charakterausarbeitung sprechen die auch irgendwie von sich aus miteinander. Ich hab dabei oft das Gefühl, dass ich als Autor gar nichts mehr zu sagen habe, das ganze Ding fängt einfach an zu leben.

Meine Aufgabe ist es dann nur noch, ihnen das Leben so schwer wie möglich zu machen. Ich werfe ihnen also Hindernisse entgegen und notiere, was sie dazu sagen und wie sie handeln. Das artet oft in episch lange Geschichten aus. Da das ganze hier aber kein Roman werden soll, sondern ein Comic, bestand die Schwierigkeit meinerseits größtenteils darin, alles unnötige rauszukürzen.

Kürzungen

Damit ihr euch das etwas vorstellen könnt: Es gab am Anfang viele Skizzen weiterer Studenten und Freunde meiner Charaktere in der Kolonie, die jetzt gar nicht mehr vorkommen. Außerdem eine Alienrasse mit Unterwasserbasen, welche für die ursprünglich geplante Gefangennahme verantwortlich war. Die ist komplett rausgeflogen.

Es gab u. a. geheime Handelsabkommen über Technologie, Untergrundbewegungen, Krankenhausmitarbeiter, Gesetzeshüter und noch vieles mehr. Weiterhin die Gruppierung der Abtrünnigen, die aus einer ganzen Flotte von Schiffen bestand und ursprünglich als Vermittler zwischen Kolonie und Aliens fungierten. Übrig blieb von allem für die Story nur ein Kapitän mit seinem U-Boot.

sockenzombie miniaturcomic auf kakaokarten - antares - storyboard

Format und Vermarktung

Ich mag es, klein zu zeichnen. Darum habe ich mich für ein Format auf Artist Trading Cards oder auch "Kakaokarten" entschieden. Das ganze wird ein Miniaturcomic. Eine Seite wird also nur 6,4cm x 8,9cm groß. Da es sich hier um einzelne Kunstwerke handelt, will ich die Bilder auch entsprechend ansehnlich und detailliert ausarbeiten.

Die Originalkarten werde ich wahrscheinlich nicht einzeln vertauschen. Ich überlege aber, ob ich später irgendwann Auflagen drucken lasse oder ein kleines Heftchen mit Abbildungen davon erstelle. Solltet ihr Interesse daran haben, könnt ihr mir das gerne schreiben. Das wichtigste besitzt ihr jedoch schon, nämlich die Story. Die könnt ihr euch in den folgenden Bildern ansehen. Den fertigen Comics gibt es natürlich auch (kostenlos, wie alles hier) auf meinem Blog zu lesen: ANTARES - Miniaturcomic auf ATC

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Storyboard und Vorskizzen

Nachfolgend könnt ihr euch Fotos von meinem Storyboard ansehen. Ich bedanke mich an dieser Stelle bei den Zeichnern aus der WhatsApp Kakaogruppe, die ich während dem Zeichnen mit meinen Bildnern zuspamen durfte! :)

sockenzombie miniaturcomic auf kakaokarten - antares - storyboard

Ausgearbeitete Karten

Die Charaktere bekommen natürlich noch alle eine Kleidung spendiert sowie richtige Gesichter und Haare. In den Vorzeichnungen habe ich sie farbig markiert, damit man besser erkennen kann welcher Charakter wer ist. Die fertigen Karten sollten natürlich, wie für Kunstkarten üblich, einzelne Kunstwerke darstellen. Deswegen möchte ich sie ähnlich wie meine anderen Miniaturbilder voll farbig ausarbeiten. Wahrscheinlich werde ich dafür Aquarell-Tubenfarben und Posca-Marker verwenden.

Die Ausarbeitung beginnt vorraussichtlich im Oktober. Bis dahin kann ich noch Änderungen vornehmen. Fandet ihr die Story interessant, langweilig, doof? Habt ihr unlogische Stellen bemerkt oder werfen bestimmte Szenen Fragen auf? Habt ihr Fehler gefunden oder Verbesserungsforschläge? Schreibt mir gerne bis zum 30.9.2019 unten einen anonymen Feedback-Kommentar. Vielen Dank! :)

Der fertige Comic entsteht hier: ANTARES - Miniaturcomic auf ATC


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Kapitel 18: Der Name (Bis in die tiefsten Abgründe)

Gibbli fand sich alleine im Herzen der Mara wieder. Als die Tür zu Skys Raum hinter ihr zu glitt, wollte sie sofort umkehren. Steven stand da drin. Und Gibbli hatte ihn nicht gefragt. Und er hatte nichts gesagt. Doch wenn er hier war, ohne ihn, war der Oceaner an ihrer Aufgabe gescheitert. Betrübt starrte sie ein paar Sekunden auf den Eingang zurück. Etwas in Gibblis Bauch krampfte plötzlich zusammen und ein stechender Schmerz jagte durch ihren Magen. Hunger, fuhr es ihr durch den Kopf. Widerwillig trugen ihre Füße sie auf die gegenüberliegende Seite zu den Vorratskisten unter der angrenzenden Küchentheke. Sky hatte sie mit gestohlener Nahrung aufgefüllt, die eindeutig aus dem Lager der Soldaten stammte. Erschöpft suchte Gibbli nach etwas Essbarem, was nicht zu groß erschien. Ihre Finger fanden eine süße Frucht von tiefroter Farbe. Die dunklen Stellen verrieten, dass das Stück Obst etwas zu reif war, aber noch genießbar. Den Namen kannte Gibbli nicht. Es hatte ihr immer gereicht, zu wissen, ob etwas giftig war oder nicht. Sie trat an den runden Tisch heran und setzte sich. Während sie lustlos ein winziges Stück der Frucht abbiss und darauf herum kaute, drangen näher kommende Stimmen in ihr Ohr. Zwei Frauen stiegen die Rampe von der Galerie herab. Bo strahlte erfreut, als sie Gibbli erblickte und Samantha nickte ihr lächelnd zu. Irgendetwas kam ihr verändert vor an der blonden Frau. Vielleicht war es wegen des Essens, das Samantha für Gibbli mitaß, immer wenn sie es wieder einmal stehen gelassen hatte. Sie wirkte müde, aber ein wenig fitter seit der Rückkehr ihrer Schwester.
"Geht es dir gut?", fragte Bo besorgt, während sich die beiden zu ihr setzten.
Gibbli zuckte mit den Schultern, überlegte kurz zu lügen, sagte dann aber gar nichts. Das hatte doch sowieso keinen Sinn.
"Du siehst nicht gut aus. Was hast du mit deiner Hand angestellt?", fragte Bo. "Soll ich mir das ansehen?"
Statt zu antworten, wandte sich Gibbli von ihr ab und starrte mit leerem Blick die große Kugel über dem Tisch an. Ihr Hunger verflog plötzlich wieder. Alles in ihr drängte, sich Sky zu widersetzen und die Zentrale zu verlassen, sich an irgendeinem ruhigen Ort zu verkriechen, den niemand finden konnte.
"Es ist wegen Abyss, oder? Weil er weg ist. Denkst du, dass ...", sprach Bo munter weiter.
Gibbli hörte ihr nicht mehr zu. Ein Gefühl der Unruhe stieg in ihr hoch. Wie ein Rad, das sich drehte und immer schneller wurde, das kurz davor stand, sich von seiner Vorrichtung zu lösen. Doch nichts löste sich. Kurz blickte sie zu ihrem Messer, nur um sich zu versichern, dass es noch im Stiefel steckte. Sie ließ das angebissene Obststück liegen und schwang sich auf der anderen Seite der gebogenen Bank auf die Beine.
"Wo gehst du hin?", fragte Bo sofort.
Das letzte was Gibbli wollte, war, dass die beiden ihr folgten. "Ich hole etwas", antwortete sie knapp.
Das war nicht gelogen. Abyss' Maschinenhand lag noch immer in der Stadt. Auch wenn er sie jetzt sicher nicht mehr erhalten würde, hatte Gibbli das Gefühl, sie auf die Mara bringen zu müssen. Nur für den Fall, dass er doch ... aber sie verwarf den Gedanken gleich wieder. Abyss kam nicht zurück. Nie mehr. Er wollte sie nie wieder sehen. Das hatte er klar zum Ausdruck gebracht. Und Gibbli war sich nicht sicher, ob sie ihm nach alldem überhaupt noch gegenüber treten konnte. Sie würde ihm sicher nicht von dieser Erniedrigung erzählen, nicht von Djego und auch nicht von Sky, der es wusste. Erleichtert stellte sie fest, dass die beiden Geschwister ihr nicht folgten. Sie öffnete die innere Schleusentür im Gang zwischen der Zentrale und des MARM und schrie auf, als sie plötzlich in den Lauf eines Strahlers blickte. Und dann in ein Gesicht, von dem sie gehofft hatte, es nie wieder zu sehen. Vor ihr stand Djego!
Offenbar hatte er sich in der Schleuse versteckt und darauf gewartet, bis jemand sie von innen öffnete. Schwer atmend funkelte er sie an. Seine lockigen Haare standen wüst von ihm ab, verklebt von Blut, das halb getrocknet über sein Gesicht lief und die zerrissene Uniform tränkte.
Schockiert trat Gibbli zurück, ganz langsam und ohne ihn dabei aus den Augen zu lassen. Ihr Verstand war wie leergefegt.
"Dein Kapitän war nicht nett zu mir", knurrte Djego bedrohlich.
Ihr Herz klopfte so schnell, dass sie dachte, gleich würden die Schläge sich gegenseitig überholen.
"Das ist deine Schuld. Deine", krächzte er.
Der Soldat humpelte auf sie zu. Währenddessen versuchte Gibbli, den Abstand nicht kleiner werden zu lassen, und glitt behutsam nach hinten.
"Du wirst dafür zahlen."
Sie erreichte die Mitte des Ganges und öffnete mit den Gedanken die Türen hinter ihr. Mit einem Ruck drehte sie sich um und hastete in die Zentrale hinein. Bevor Gibbli den Durchgang wieder schließen konnte, hetzte Djego hindurch und drückte ab!
Sie duckte sich. Der Schuss zischte knapp über ihrem Kopf vorbei.
Bo schrie etwas.
Gibbli wirbelte herum und riss entsetzt den Mund auf.
Er hatte Samantha erwischt, die gerade von der Bank kippte!
Wieder fuhr Gibbli herum, als ein furchteinflößendes Brüllen hinter Djego ertönte. Dunkle Hände packten ihn und Nox' Krallen bohrten sich erbarmungslos in sein Fleisch. Djego schrie. Sein Strahler fiel und dann flog er selbst an Gibbli vorbei durch die Luft. Mit einem eklig knackenden Geräusch krachte er auf halber Strecke zwischen dem runden Tisch und dem Eingang von Skys Raum auf den Metallboden. Sein Körper zuckte benommen und rang kraftlos nach Luft. Ohne weiter auf Djego oder Gibbli zu achten, rauschte Nox an ihr vorbei zu Bo, die Samanthas bewegungslosen Körper festhielt. Der Tiefseemensch murmelte irgendetwas in der Sprache der Meermenschen und beugte sich über sie.
Mit einem tauben Gefühl starrte Gibbli die drei an. Die zwei, verbesserte sie sich in Gedanken. Nox und Bo sprachen miteinander. Aber nicht laut. Sie spürte es durch die Verbindung des Marahangs, doch Gibbli stand außerhalb ihrer Wahrnehmung. Ausgeschlossen. Allein. Sie gehörte nicht mehr dazu.
Djego stöhnte. Völlig erstarrt nahm sie wahr, dass er versuchte, den Kopf zu heben. Es war ihre Schuld. Sie hatte ihn hereingelassen. Er wollte sie töten. Nicht Samantha. Gibbli hätte sterben sollen. Gibbli sollte jetzt dort liegen, zwischen den zwei Geschwistern, die sich stumm über sie beugten.
Ihr Magen drehte sich um, doch sie konnte den Blick nicht von seiner verkrüppelten Gestalt abwenden. Ihr wurde schlecht. Abstand. Flucht. Raus. Alles in ihr schrie, hier sofort zu verschwinden. Skys Befehl, zu bleiben, hallte noch immer in ihren Gedanken nach. Wenn sie auf ihn gehört hätte, wenn sie nicht gegangen wäre und die Schleusen geöffnet hätte ... Es war ihre Schuld. Der Kapitän würde sie umbringen. Gibbli presste die Augen aufeinander, öffnete sie wieder und erblickte die Waffe am Boden. Sie griff nach Djegos Strahler. Dann lief sie taumelnd zur Rampe, die in die Galerie führte. Mitten auf dem Weg drehte sie sich erneut um und hielt sich am Aufgang fest. Ein gigantischer Schwarm kleiner Fische schien durch ihren Kopf zu rasen, Piranhas, die alles darin in Stücke rissen und auffraßen. Fast hätte Gibbli die wenigen Bissen der roten Frucht wieder ausgekotzt. Bewegungslos hielt sie inne, als plötzlich mit einem Ruck die Tür zu Skys Raum auffuhr.
Erhobenen Hauptes trat der Kapitän heraus. Er verzog keine Miene, als er die Situation sofort erfasste. Noch im Gehen hob er ruhig seinen Arm und schoss auf den sich vor Schmerzen am Boden windenden Djego.
Gibbli hielt sich eine Hand vor den Mund und unterdrückte ein erschrockenes Wimmern. Djegos Bewegung erschlaffte sofort und Sky schritt, ohne ihn weiter zu beachten, an seiner Leiche vorbei, auf Samanthas leblosen Körper und die beiden Tiefseemenschen zu. Steven folgte ihm.
Schnell fuhr Gibbli herum. Sie stahl sich hastig die Rampe hoch. Bemüht, ihren Atem flach zu halten, versuchte sie es zu begreifen. Ohne ein Wort, ohne zu zögern, ohne irgendetwas. Der Kapitän hatte ihn einfach abgeknallt. Brutal, emotionslos, kalt. Djego hatte das bekommen, was er verdiente. Gibbli streifte an den Pflanzen vorbei zum Geländer. Sie sah nichts, denn die anderen befanden sich direkt unter ihr.
Skys Stimme drang durch die Zentrale. "Ich bin einmal nicht hier und schon gibt es eine Leiche!"
Gibbli betrachtete die Waffe in ihren Händen. Der kleine Hebel daran stand bis zum Anschlag auf der linken Seite. Sie hielt das Monster fest, das Samantha getroffen hatte.
"Zwei", verbesserte ihn Steven. "Du hast soeben den Menschenjungen umgebracht."
"Wo ist Gibbli?", fragte der Kapitän aufgebracht.
Niemand antwortete ihm. Gibbli schluckte und wischte eine Träne aus ihrem Gesicht. Sie ahnte, dass weder Bo noch Nox gerade im Stande waren etwas zu tun oder zu sagen. Doch sie sah nicht, was vor sich ging.
"Jetzt redet gefälligst mit mir!", verlangte Sky. "Irgendjemand!"
Es war Bo, die flüsterte: "Ich weiß es nicht. Sie war gerade noch da."
Der Kapitän schnaubte. "Es ist einfacher, auf eine ganze Flotte mit tausenden von Soldaten aufzupassen, als auf euch vier! Wir müssen sie finden. Ist sie zurück in die Stadt?"
Vier, dachte Gibbli. Welche zwei von ihnen hatte er nicht mitgezählt? Samantha und Nox, Abyss oder sie selbst? Die Blätter der Pflanze neben ihr verschwammen etwas vor ihren Augen. Gibbli umklammerte das Geländer der Galerie.
"Ich weiß es nicht", wimmerte Bo wieder leise.
"Dann sucht sie!"
"Sky ..."
"Wahrscheinlich ist sie nach unten", sagte der Kapitän.
"Sky."
"Steven, sieh in den Maschinenräumen nach, ich werde-"
"Sky!", schrie Bo ihn jetzt an.
"Was?", brüllte er zurück und Gibbli zuckte zusammen. Sogar hier oben, so weit von ihm entfernt. Von seiner Ruhe schien kaum noch etwas übrig geblieben zu sein.
"Sam ist tot! Meine Schwester ist tot!"
Einen Moment hörte Gibbli nichts mehr. Dann sprach der Kapitän wieder etwas leiser, aber eindringlich: "Und ich kann es nicht mehr ändern. Aber Gibbli lebt und wir müssen sie finden. Denn ich bezweifle, dass sie das noch lange tun wird!"
"Kapitän", sagte Steven, der sich bisher zurückgehalten hatte. "Die kurze Zeit macht nicht viel aus, nein, wir können Sam retten, du weißt wie, Letitia-"
"Auf keinen Fall. Ich tausche nicht ein Leben gegen ein anderes! Wir müssen Gibbli finden!"
"Aber für deine Tochter hättest du es getan!", brüllte Bo. "Rette sie, Steven, ich opfere mich! Sag mir, wie es geht!"
"Ich sagte nein!", knurrte Sky ungeduldig. "Wir verlieren Zeit! Du siehst, ich tat es nicht, sonst wärst du nicht mehr am Leben!"
"Es ... ist die Entscheidung des Kapitäns", stimmte der Oceaner ihm zu.
"Wir nicht dürfen das", krächzte jetzt Nox und alle verstummten. "Sam wöllte das nicht."
"Aber es geht nicht nur um Sam. Nox, ich mache das nicht für sie, das weißt du, ich mache es für das Kind!"
"Kind", wiederholte Sky mit rauer Stimme.
Gibbli hielt sich ungläubig mit einer Hand den Kopf. Hatte Bo eben Kind gesagt?
"Ja seid ihr denn blind?", fragte sie verzweifelt.
"Oh wie wundervoll!", rief Steven begeistert, "ich werde Patenonkel!"
"Niemand sagte, dass du das wirst!", krächzte Nox drohend.
"Natürlich werde ich das. Wahnsinn, ich freu mich so! Das ist aufregend! Wie damals mit Cora! Ich bekomme einen Steven Junior! Zauberhaft!"
"Es heißt nicht Steven Junior!", brüllte Nox ihn an.
"Ich werde Onkel! Onkel Steven, wie klingt das?"
"Schweigt!", befahl Sky und die beiden verstummten.
Gibbli, die im Laufe des Gesprächs irgendwann vergessen hatte zu atmen, schnappte nach Luft. Warum war ihr das nie aufgefallen? Warum war sie so blind gewesen? Warum hatte sie nur immer an sich selbst gedacht? Verdammt, sie hatte nicht nur Samantha getötet, sondern war auch noch für den Tod ihres ungeborenen Kindes verantwortlich!
"Kapitän?", fragte Steven nach einer Weile vorsichtig.
"Gut. Aber nicht Sam, wir tauschen keine Leben gegen Leben! Versucht nur, das Kind zu retten ... falls ... das möglich ist. Ich finde Gibbli und ich bete für euch, lebendig."
Noch während er sprach, hörte sie seine Schritte. Dann tauchte er hinter den Gitterstäben auf. Gibbli beobachtete, wie der Kapitän zwischen den Konsolen die Rampe hinab lief. Sky eilte an den drei Sitzen am Frontfenster vorbei und nach unten, zu den Maschinenräumen.
"SJ. Klingt doch schön für sie", sagte Bo.
"Esdschey? Sie?", fragte Nox ungläubig.
Gibbli hörte, wie Steven damit begann, Bo Anweisungen zu erteilen. Nach einer Weile verstummte er.
"Das sahst du nicht. Du dachtest nicht, es wäre Sam", sagte Nox irgendwann.
"Ich dachte, ich wäre es. Ich wollte es nicht wahrhaben", gab Bo leise zurück. Sie klang erschöpft.
"Es war ein Unfall", erklang Nox' Stimme wieder. "Das Forschungsboot tauchte tief zu uns. Der Druck vernichtete. Mein Erzeuger erzählte, er sah sie am Fenster. Ihre verzweifelten Augen, die anblickten ihn zugleich neugierig. Sie kämpfte. Sie aufgab nicht. Lionel rettet Kassandras Leben. Nach sechs Monaten zurückbrachte er sie an eure Akademie. Sie schwangerte. Mit dir. Mit dir, Bo. Er nie aufgab euch. Bis zu seinem Tod nicht. Nicht einmal als meine Mutter, Cox erwartete weiteres Kind von ihm. Sie kämpften immer zusammen um dein Leben, Kassandra und Lionel."
Wenn es eine Chance gab, ungesehen zu fliehen, dann jetzt, kam es Gibbli in den Sinn. Man musste von hier aus durch die Zentrale, um zur Schleuse nach draußen zu gelangen. Nur ein kleines Stück, hinter den Küchentheken und am runden Tisch vorbei. Gibbli steckte Djegos Waffe in ihre Werkzeugtasche. So schnell wie ihr Zustand es zuließ, eilte sie durch die Galerie und die Rampe hinab.
Bo lag jetzt halb über ihre Schwester gebeugt. Das Marahang surrte wild an ihrer Brust und tauchte alles in ein oranges Leuchten.
"Es geht nicht!", krächzte Nox, während Gibbli zitternd an der Wand entlang tapste, vorbei am Tisch. "Warum?"
"Es muss!", murmelte Bo leise.
"Es wird funktionieren", antwortete Steven. "Woah, habt ihr das gehört? Es hat meinen Namen gesagt!"
Gibbli hörte, wie Nox ihn wütend anknurrte.
Es war ihre Schuld. Dieser Satz schlug wie ein Hammer immer wieder auf ihren Kopf ein. Alles. Dass Abyss gegangen war. Dass Djego tot am Boden lag. Dass Samantha sterben musste und Nox' Tochter das höchstwahrscheinlich nicht überleben würde. Dass Sky sich überhaupt in dieser Lage befand. Belagert von Jack und das Problem mit den Dimensionsrissen. Die Erdbeben. Ohne sie, wäre Steven nie zu den Mog, die Schutzvorrichtung hätte nie ausgelöst. Dass Abyss gegangen war. Es war alles ihre Schuld. Kurz bevor Gibbli die Tür in der Mitte der Zentrale erreichte, hob der Oceaner seinen Kopf. Sie erstarrte und ihre Blicke trafen sich. Seine Miene wirkte ernst, richtig traurig. Doch er sagte nichts. Langsam wandte er sich wieder Bo zu und gab ihr weiter Anweisungen. Gibbli nahm einen tiefen Atemzug. Dann schlüpfte sie hinaus in den Gang, durch die Schleuse und raus aus der Mara.
Sie rannte fast kopflos durch die Korridore der Stadt, nicht wissend, wie es weitergehen sollte, nicht wissend, wohin. Aber eines wusste sie: Sie wollte nicht mehr gefunden werden. Und zum wiederholten Mal, dachte sie ernsthaft über Skys Worte nach, dachte daran, sie Wirklichkeit werden zu lassen. Zum ersten Mal aber ganz bewusst. War sie noch lebendig? Er hatte ihr diesen Ausweg in den Kopf gesetzt. Eine Lösung. Vielleicht die einzige, die noch übrig blieb. Sie würde die Crew verlassen. Sie würde diesen Planeten verlassen. Sie würde dieses Leben verlassen.
 
Völlig am Ende blieb sie stehen, mitten in irgendeinem Gang, wo auch immer sie sich gerade befand und zog sein Messer aus ihrem Stiefel. Gibbli wog es in ihren Fingern hin und her. Schon wieder rann dieses dumme, salzige Wasser über ihr Gesicht. Sie betrachtete die glatte Schneide. So scharf. Es würde schnell gehen. Wenn sie die richtigen Stellen traf. Hatte Djego ihr nicht gezeigt, wohin sie schießen musste? Ob eine Kugel oder eine Klinge, das machte doch keinen Unterschied, oder?
Das Metall spiegelte ihre Umgebung wieder. Für einen Moment glaubte Gibbli, graue Augen darin zu erkennen. Einbildung. Sie würde diese Augen nie wieder sehen. Überhaupt, nie wieder irgendwelche Augen sehen.
Sie bewegte das Messer ein Stück.
Was? Da, wieder!
Gibbli drehte sich erschrocken um.
Da stand er ja tatsächlich! Dort, am Ende des Ganges. Er starrte sie an. Und Gibbli starrte ungläubig zurück. Das musste eine Halluzination sein. Wie lange hatte sie nichts mehr gegessen?
Langsam setzte sie sein Messer an ihrem Hals an.
Er schüttelte leicht den Kopf.
Gibbli hielt inne. Sicher sah er ihre Tränen. Wie schwach sie war. Wie dumm. Wie sehr musste er sie hassen! Warum war er überhaupt hier? Er wollte sie doch nie wieder sehen. Das konnte er haben! Sie spürte, wie das kalte Metall ihre Haut berührte.
"Nicht!", rief er, hob beide Arme und kam langsam auf sie zu.
Sofort trat Gibbli ein paar Schritte von ihm fort. Aber er hielt nicht an. Sie drehte sich von ihm weg und ging. Taumelnd stützte sie sich an einer Wand ab, immer schneller werdend. Doch auch seine Schritte wurden lauter und schneller. Sie begann zu laufen. Ihr wurde wieder leicht schwindlig. Gibbli schwankte. Ihre Knie fühlten sich seltsam taub an, kribbelten. Das Messer rutschte aus ihren Fingern. Es verfehlte knapp ihren linken Fuß. Und dann packte er sie von hinten, genau in dem Augenblick, als Gibbli zusammenbrach und die Beine ihr den Dienst verweigerten.
"Nein!", schrie sie und krallte sich mit beiden Händen in die blasse Haut seiner Unterarme. Im ersten Moment wollte sie diese von sich reißen, dann drückte Gibbli sie fest an sich.
"Abyss", brachte sie aufheulend hervor.
Sie hörte ihn laut ausatmen, spürte seinen Mund an ihrer Stirn, dann legte er seinen Kopf auf den ihren und hielt sie eng umklammert an sich gepresst.
"Er hat ... Er ... ich mochte ihn! Ich meine ... ich dachte es ... aber dann ... und ... er hat Sam ... sie ... und Sky hat ihn ..."
"Vergiss ihn", murmelte er leise.
"Er ... Sam ist tot! Und ihr Kind! Es ist meine Schuld!"
"Ist mir egal."
"Sky wird mich umbringen!"
"Mein Messer würde ihn durchbohren, bevor er auch nur daran denkt."
"Ich will sterben!"
"Nein, das willst du nicht."
"Töte mich!"
"Ein mieser Plan, Gibbli. Ich hab einen anderen für dich."
"Geh weg!", flehte sie, während sie sich gleichzeitig an seine Arme klammerte. "Bitte."
"Vergiss es. Wir beide reden jetzt. Nein Abyss. Doch Gibbli, sag mir, was dich bedrückt. Nichts, Abyss. Du weißt, dass ich weiß, dass das eine Lüge ist, Gibbli."
"Also darfst du lügen und ich nicht?", fragte sie wütend und völlig am Ende. Sie wollte sich wehren, doch besaß nicht mehr die Kraft dazu.
"Nein", antwortete Abyss ruhig, ohne seinen Griff zu lockern. "Du kannst mir alles vorlügen, was du willst. Du musst nur besser werden im Lügen, wenn du möchtest, dass ich dir glaube."
"Du musst ... mich so hassen ..." Gibbli wimmerte auf. "Ich war dumm! Ich hätte Stevens Aufgabe nie ... ich hätte Djego nie ... es ist meine Schuld und er hat ... er ..." Ihre Stimme klang brüchig und versagte dann ganz.
Eine Weile schwieg er und hielt sie einfach nur fest. Sein warmer Atem glitt über ihre Haare. "Gibbli, es ist mir egal, was du getan hast oder je tun wirst. Erinnerst du dich nicht an meine Worte? Ich steh hinter dir. Jetzt. Ich sagte dir, ich fang dich auf, wenn du fällst und das tat ich. Gerade eben. Und wenn du willst, dass ich gehe, wenn es dich glücklich macht, dann mach ich das. Aber wenn du mich brauchst, bin ich da. Ich bin da, Gibbli. Jetzt."
"Abyss ..."
Seine Arme lockerten sich und er stützte sie, als sie sich umdrehte. Sein blasses Gesicht suchte ihren Blick. Sie zuckte zusammen, als er behutsam ein paar Tränen von ihren Augen wischte. Langsam wurde die verschwommene Sicht wieder klarer.
"Schau mich an", verlangte Abyss.
Zögernd hob sie den Kopf, musste sich regelrecht dazu zwingen.
"Gut. Sehr gut. Und jetzt mag ich dein Lachen seh'n."
"Das wirst du nie wieder sehen", flüsterte sie.
"Na los, mach schon."
Gibbli versuchte, ihren Mund zu verziehen. Ihr war bewusst, dass sie schrecklich dabei aussehen musste.
"Uh, gruselig. Das müssen wir eindeutig wieder üben. Ich sorg dafür, dass du wieder lachst. Wirst schon seh'n."
Er hob eine Hand. Sofort wich sie ein Stück zurück. Doch Abyss hielt sie an der Schulter fest. Dann legte er seine Finger auf ihre Wange und strich ihre Haare beiseite. Gibbli zuckte erneut zusammen von seiner Berührung.
"Wir waren schon mal weiter", sagte er leise.
Seine Hand glitt tiefer und er zog plötzlich Djegos Strahler aus ihrer Werkzeugtasche. Dann schoss er und ein Soldat irgendwo hinter ihr fiel um. Gibbli drehte sich nicht einmal um, zu sehr war sie in seinen grauen Augen versunken. Augen, die sie nie wieder vergessen wollte. Augen, die sie so lange ansehen wollte, dass jemand wie Djego sie nie wieder aus ihrem Kopf verdrängen konnte.
"Weißt du, ich ... ich hatte ein klein wenig gedacht ... gehofft, dass du mir folgen würdest, wenn ich die Crew verlasse."
"Warum bist du zurückgekommen?", fragte Gibbli stockend und wischte über ihr Gesicht.
"Steven ist aufgetaucht, kannst du dir das vorstellen? Er hat mich ernsthaft gebeten. Hat mich angefleht und versucht, mich zu überreden zurückzukommen, mir alle möglichen Geschichten aufgetischt und Gründe erfunden, um mich zu überzeugen."
Abyss strahlte sie so an, dass sie gar nicht anders konnte als zu grinsen. Nur ein ganz klein wenig.
"Genau so geht das, Gibbli. Genau so."
"Ich dachte, Steven hätte es nicht geschafft." Fragend blickte sie ihn an.
"Oh, das hat er nicht. Ich hör doch nicht auf diesen idiotischen Goldklumpen. Niemals! Nein. Aber da waren drei Worte, die er sagte, als er ging. Beiläufig, glaube er wollte sie gar nicht sagen. Aber diese Worte trafen mich. Er sagte: Gibbli braucht dich." Abyss hielt kurz inne. "Und wenn ich mir anschaue, wie kaputt du aussiehst, hat er recht damit. Ich bin hier, weil du mich brauchst."
Er legte seine andere Hand ebenfalls an ihre Wange. Gibbli fing an zu zittern und hoffte, dass er es ihrem Schluchzen zuschrieb.
"Gibbli, du wolltest dich umbringen!"
Seine Worte hallten in ihrem Kopf nach.
"Ich soll dich töten?", flüsterte Abyss.
Langsam realisierte sie, dass sie das wirklich von ihm verlangt hatte. Sie öffnete den Mund und schloss ihn wieder.
"Du wolltest dich umbringen, verflucht! Ich hätt's wissen müssen. Du hast das schon mal versucht. Glaub nicht, ich hätte es vergessen."
Gibbli schüttelte den Kopf, sie erinnerte sich nicht.
"Damals im MARM, kurz bevor du mit Sky zu den Tiefseemenschen tauchtest. Ich war geschockt, als du meine Hand gepackt hast, mit dem Messer und es in dich rammen wolltest!" Er hielt inne. "Ich bin euch nicht gefolgt, weil mir langweilig war! Als ich den Schock darüber überwunden hatte, dass du das tatsächlich tun wolltest, hab ich verflucht noch mal alles in Bewegung gesetzt, um zu dir zu kommen! Gibbli, ich hatte noch nie im Leben so viel Angst um jemanden!"
"Du ... du hast nie etwas gesagt."
"Weil es dir wieder besser zu geh'n schien. Ich wollte dich nicht mehr daran erinnern, in der Hoffnung, dass du nie wieder an so was Dummes denkst!" Erneut hielt er kurz inne. Dann sprach er langsam weiter: "Sag so was nie wieder. Tu so was nie wieder. Du wirst nie wieder so denken. Du wirst nie wieder so sprechen. Du wirst nie wieder so handeln. Du wirst nie wieder so etwas von mir verlangen." Sein Blick durchbohrte den ihren. "Das ist ein Befehl, Gibbli."
"Warum?", hauchte sie.
"Warum?", wiederholte er. "Weil dein Leben alles ist, was du hast. Weil dein Leben das Wertvollste ist, das existiert."
Sie versuchte, eine Träne zurückzuhalten, die sich erneut einen Weg über ihre Haut bahnte und merkte kaum, dass Worte ihre Lippen verließen: "Du gibst mir keine Befehle, du bist nicht der Kapitän."
"Nein, Gibbli. Ich bin's. Abyss. Abyss."
"Du bist zurück", flüsterte sie, als auch der letzte Rest in ihr realisierte, dass das hier echt war. Kein Traum. Keine Halluzination. Realität.
"Komm her."
Abyss zog sie in seine Arme und Gibbli schrak zusammen. Doch dann schloss sie die Augen, als sie endlich wieder sein Herz unter seiner Brust schlagen hörte. Nach einer Weile wurde Gibblis Atem langsamer und ihr angespannter Körper lockerte sich ein wenig. Während Abyss mit einer Hand beruhigend über ihren Kopf fuhr, lösten sich zwei weitere Schüsse aus dem Strahler in seiner anderen Hand. Irgendwo fielen erneut Soldaten um.
"Gibbli, warum redest du nicht über sowas?", fragte er nach einer Weile.
"Du ... warst nicht da! Und dann ... ich wollte doch ... aber du ... du bist gegangen, du wolltest ... du ..." Stotternd versuchte sie, die Fassung nicht zu verlieren.
"Bleib ruhig. Vergisst du da nicht jemanden?" Abyss schob sie ein Stück von sich weg, um sie auffordernd zu mustern. "Sky, Gibbli. Sky war da. Immer."
"Aber ... Er ist der Kapitän", sagte Gibbli leise.
"Ganz genau, er hätte dir zugehört. Ich verrate dir was, Sky mag es nicht, wenn man ihn anlügt."
"Ich dachte, du bist der, der immer alles wissen muss und der es nicht mag, wenn man was vor ihm verheimlicht."
"Nein. Ich bin nur der, der trotzdem alles rausfindet", sagte er in einem Versuch sie aufzumuntern, doch seine Miene wirkte alles andere als entspannt. "Gibbli, du kannst den größten Mist bau'n, wenn du nur ehrlich zu ihm bist. Egal, was für ein Problem du hast, er wird immer alles versuchen, um es zu lösen. Es ist seine Aufgabe dafür zu sorgen, dass wir nicht drauf geh'n. Er ist der Kapitän. Er passt auf uns auf. Und es ist seine Pflicht, dich zu schützen, okay?"
Gibbli nickte. "Okay."
"Na schön, ich geb's zu, ich lasse ihn nur denken, er sei der Kapitän. Also wenn du ihn nicht mehr als Kapitän siehst, dann sags mir." Abyss verzog den Mund zu einem Grinsen. "Das ist okay."
Gibbli lachte kurz auf.
Er hob das Messer auf und betrachtete es. Sein Blick verriet ihr, dass er wusste, dass sie es zerlegt hatte. "Das ist mein Herz, Gibbli. Verlier es nie", flüsterte er und steckte es zurück in ihren Stiefel.
Als er sich aufrichtete, erschrak Gibbli. Er fuhr herum und hob den Strahler. Jemand kam auf sie zu gerannt. Beinahe hätte Abyss geschossen, dann senkte er seinen Arm wieder.
"Du egoistischer, kranker Mistkerl!", rief Sky außer Atem und die gehetzte Miene fiel von ihm ab.
Abyss lachte. "Nett."
Nervös schluckte Gibbli und hielt sich hinter Abyss versteckt. Doch Sky schien mehr erleichtert als wütend.
Tief durchatmend marschierte er auf die beiden zu. "Du hast sie gefunden. Gut. Perfekt."
"Und wie hast du uns gefunden?", fragte Abyss zurück.
Sky nickte erschöpft dem Haufen Soldaten am Ende des Ganges zu. "Du hinterlässt eine Spur aus Tod, wo auch immer du hingehst!"
"Oh. Ja."
"Leichenberge übersieht man nicht so leicht, Abyss."
"Mhm." Er hob Djegos Waffe und schoss auf einen Soldaten, der gerade um die Ecke bog. "War keine Absicht." Er drückte ein weiteres Mal ab. "Mein Finger hat wohl zufällig den Abzug berührt." Er schoss noch einmal.
"Diese Leute haben Familien!", fuhr Sky ihn an. "Du wirst es nie lernen, verflucht! Du hast Glück, dass du noch lebst!"
"Das war kein Glück."
"Keine Sorge, ich unterschätze dich nicht. Ich rede nicht von den Soldaten, ich rede von mir."
"Jaja, ich bin ja so glücklich darüber, dass du mich nicht erschießt. Sie ist im Übrigen nicht auf töten gestellt, wenn es dich beruhigt, der unfähige Haufen dort drüben steht zu meinem Bedauern wieder auf. Na, das hast du nicht von mir erwartet? Jetzt schau doch nicht so ernst, Sky."
"Mir ist nicht gerade nach Feiern zumute."
"Sollte es aber. Wie wär's damit, Abyss, ich freu mich ja so, dass du wieder da bist! Ach übrigens, Abyss, ich hab dir ja noch gar nicht dafür gedankt, dass du mich nicht an Jack ausgeliefert hast, also vielen Dank Abyss. Gern geschehen, Sky."
"Kindskopf."
"Ja aber echt und das, obwohl der liebe Jack mir ja so ein pikantes Angebot machte in seiner Nachricht. Schade, dass du sie gelöscht hast. Aber keine Sorge, diese Worte vergesse ich nicht, soll ich sie für dich wiederholen?"
"Wage es nicht! Vielleicht wäre es tatsächlich besser gewesen, wenn du darauf eingegangen wärst", murmelte Sky.
"Ja klar. Auf jeden Fall. Dann würde ich jetzt mit einem fetten Loch, durchbohrt von deinem Strahler friedlich durch den Ozean treiben."
"Richtig, damit hättest du mir eine Menge Ärger erspart."
"Ich mag es nun mal Leute zu ärgern, das weißt du doch, Kapitän."
"Ärger ist ein gutes Stichwort. Den haben wir. Jede Menge davon. Treffen. Auf der Mara. Wir verlassen die Stadt."
"Also gibst du sie endlich auf?"
"Es bleibt mir keine Wahl. Wir haben ein Problem. Ein sehr großes."
"Ich töte ihn", knurrte Abyss.
Genervt stieß Sky die Luft aus. "Du bist unglaublich!", er schüttelte den Kopf.
Abyss grinste. "Danke."
"Du weißt nicht einmal, um was es geht!"
"Ist doch egal. Wenn ich Gibbli richtig verstanden habe, hast du diese dumme Brotkacke schon kalt gemacht? Bedauerlich, ich wollte das tun. Ich vernichte sie alle! Jack. Steven. Oh, bitte lass es ihn sein!"
"Es geht nicht um jemanden, es geht um alles."
"Alles?"
"Absolut alles!"
"Hat das wieder mit diesen rissigen Nichtsen zu tun?"
Der Kapitän nickte.
"Diese Dimensionsscheiße geht mir auf die Nerven. Die Störsender sind doch jetzt aus?"
"Ich wünschte fast, sie wären es nicht. Ich erkläre es euch auf der Mara."
Abyss setzte sich in Bewegung, dicht gefolgt von Gibbli. Sie konnte es nicht glauben, dass Sky nichts wegen ihr gesagt hatte. Kein Wort von dem, was vorhin passiert war.
"Noch einen Moment."
Zu früh gefreut. Sky hatte noch keine Anstalten gemacht zu gehen. Jetzt würde er sich bestimmt an ihr rächen, für Samantha. Wahrscheinlich wollte er gar nicht, dass sie mitkam, zurück auf die Mara.
Abyss blieb stehen. "Was ist?"
"Wir müssen hier noch etwas klären. Ich muss etwas tun."
Gibbli schaffte es nicht, den Stein in ihrem Hals hinunter zu schlucken. Sie spürte, wie ihr die Luft wegblieb. Doch als sie zitternd den Kapitän betrachtete, trat er langsam an ihr vorbei auf Abyss zu. Überrascht stützte sie sich mit den Händen an der Wand hinter ihr ab, als er dabei ein Werkzeug aus ihrer Tasche zog. Dann schien ein Blitz in sie einzuschlagen. Der Kapitän hielt den Lötkolben in seinen Händen. Er wollte doch nicht ...
"Nein! Nicht!", schrie sie ihn an.
"Doch", sagte Sky ruhig, ohne Gibbli dabei anzusehen. "Und ich möchte, dass du dabei zusiehst."
Kurz traf ihr Blick auf Abyss' traurige Augen. Warum wirkte er plötzlich so niedergeschlagen? So enttäuscht von ihr? Und warum sagte er nichts? Er drehte seinen Kopf zu Sky und ließ seinen langen Mantel zu Boden fallen. Abyss öffnete seinen Mund und schloss ihn wieder. Doch er blieb still, hatte nur Luft geholt. Dann wandte er sich von ihnen ab, während er das ärmellose Hemd auszog. Dicke Narben erstreckten sich über seine Muskeln und die blasse Haut.
"Was ... was soll das?", stotterte Gibbli. "Warum ..."
"Gerechtigkeit." Kurz flammte ein Licht an der Spitze des Lötkolbens in Skys Händen auf. "Das ist nur fair."
"Kapitän, er war es nicht!" Warum dachte Sky das überhaupt?
"Ich war es", knurrte Abyss laut. Dann sprach er müde weiter. "Jetzt tu schon, was du tun musst."
Entsetzt ballte Gibbli die Hände zu Fäusten und zog sie vor ihren Mund. Alles in ihr schrie, wollte ihn aufhalten. Doch er war der Kapitän. Einen Kapitän hielt man nicht auf. Einem Kapitän gehorchte man. Wie erstarrt folgte Gibbli der heißen Spitze, die sich langsam in die blasse Haut brannte. Stück für Stück führte Sky sie quer über seinen Rücken. Sechs Buchstaben. Abyss stützte sich krampfhaft an der Wand ab. Der Gestank verkohlten Fleisches trat in ihre Nase.
 
"In spätestens einer halben Stunde will ich euch auf der Mara sehen", befahl Sky ein paar Minuten später.
Als er den Gang entlang davon schritt, erwachte Gibbli aus ihrer Starre.
"Warum lässt du mich am Leben?", platzte es aus ihr heraus. "Ich hab ihn reingelassen! Wie kannst du so etwas krankes tun, aber meine Schuld vollkommen ignorieren? Ich bin Schuld an Sams Tod!"
Sky blieb stehen. "Es war Djego. Nicht du. Und ich rächte sie, obwohl es nicht in meiner Pflicht stand, das zu tun. Selbst wenn es deine Schuld gewesen wäre, hat das keine Bedeutung." Langsam drehte er den Kopf und blickte sie düster mit seinen Implantaten über die Schulter hinweg an. "Sam", sagte Sky mit rauer Stimme, "war nie ein Mitglied meiner Crew. Aber ihr beiden seid es. Abyss hat dich verletzt. Ich verletze ihn. So einfach ist das. Ich bin für euch verantwortlich. Wer meine Leute anrührt, trägt die Konsequenzen. Ob der Täter nun ebenfalls zu meiner Crew gehört oder nicht, spielt dabei keine Rolle. Das solltet ihr doch langsam endlich gelernt haben." Für einen Moment schwieg er. Dann wandte er sich ab und marschierte energisch davon.
 
"Weißt du, was das Gemeine daran ist? Zuerst spürt man's fast nicht." Abyss kniff gequält die Augen zusammen. "Das Brennen setzt erst kurze Zeit später ein, wenn sich die Schmerzrezeptoren erholen."
"Warum?", flüsterte Gibbli. "Warum hast du das zugelassen? Warum hast du ihn das machen lassen?"
"Weil ich möchte, dass du es begreifst", sagte Abyss ruhig. Er hatte gar nicht erst versucht, das ärmellose Hemd wieder anzuziehen und sich stattdessen lediglich den kühlenden Mantel übergeworfen.
"Was begreifen?"
"Dass so was passiert, wenn du nicht redest. Mit uns. Wenn du Sky nicht vertraust. Und mir. Du hast es zugelassen, Gibbli. Nicht ich. Du hast es für dich behalten, obwohl du weißt, dass ich Geheimnisse nicht ausstehen kann."
"Es war mir peinlich!"
Abyss warf ihr einen missbilligenden Blick zu.
Warum wirkte er schon wieder so beleidigt? Wie sollte sie es denn wagen, ihm das zu erzählen, wenn er immer wieder betonte, wie sehr er Steven hasste! Außerdem hatte sie Sky gesagt, dass Abyss es nicht war! "Warum hast du behauptet, du hättest es getan?" Er hatte die Schuld einfach auf sich genommen, nur um ihr eine Lektion zu erteilen? Das war doch krank!
"Vielleicht wär ich's ja gern gewesen", grummelte er eingeschnappt. Dann schüttelte Abyss den Kopf, als wollte er einen Gedanken loswerden und sein Ton wurde wieder wärmer. "Wie kann ich Steven böse sein deswegen, wenn er so was tut?"
Empört zog Gibbli die Luft ein. Das war gemein! Warum sagte er so etwas? Moment! Warum wusste er überhaupt davon? Sie hatte es ihm nie gesagt! Und Sky wusste es erst seit vorhin, als sie in seinem Raum ... Gibbli wischte den Gedanken beiseite. Außerdem hätte er es Abyss nicht erzählt. "Woher wusstest du das mit dem Namen? Seit wann?"
"Seit der ersten Nacht, in der wir von den Mog zurückkamen. Wir schliefen alle am Boden in dieser Hütte. Ich lag bei dir, du erinnerst dich?" Abyss zögerte. "Ich also ... ich hab die Wunde unter deinem Pullover gespürt, mit meinen Fingern. Du hast schlecht geträumt, ich wollte dich beruhigen."
"Du wusstest es die ganze Zeit über und hast mich nie darauf angesprochen."
"Na, du mich doch auch nicht. Du hast den Namen versteckt! Und ich ... ich ... ich war verletzt, Gibbli, okay? Denn offensichtlich war es unangenehm für dich. Außerdem wollte ich deinen ablehnenden Blick nicht sehen, wenn ich dich darauf angesprochen hätte. Es machte mich wahnsinnig, dass du es mir nicht gesagt hast. Darum dachte ich, du würdest dich dafür schämen, ihn zu tragen."
"Natürlich schäme ich mich dafür!"
"Siehst du, genau das meinte ich und das tut weh, Gibbli."
Wütend funkelte sie ihn an. "Warum verdammt tut es dir weh, wenn ich mich schäme, seinen Namen zu tragen?"
"Seinen ..." Abyss blickte sie verdutzt an. "Warte, du denkst ..." Plötzlich lachte er.
Jetzt verspottete er sie auch noch! Gibbli biss die Zähne zusammen. Er zog etwas aus einer Tasche seines Mantels hervor. Dann packte er sie und drehte sie herum.
"Hey! Was tust du?", schrie sie auf, als Abyss ihren Pullover hochzog. "Lass ... Nicht!"
Sie versuchte sich loszureißen, doch das war nicht mehr nötig. Als sie sich wütend und verängstigt zugleich zu ihm umdrehte, hielt er ihr sein EAG entgegen. Gibbli blieb der Mund offen stehen. Er hatte ein Foto gemacht, von ihrem Rücken! Ungläubig starrte sie es an. Da stand nicht Steven. Die Narben formten eindeutig einen anderen Namen. Da stand: Abyss.
"Gibbli?", fragte er vorsichtig.
Ihr Kopf fühlte sich an, als wäre einer von Stevens Staubwischer-Roboter hindurch gefetzt. Es war Abyss Name. Nicht seiner. Abyss! Es fiel ihr schwer, das zu begreifen. Das änderte alles. Sie fühlte sich plötzlich eine Tonne leichter, als wäre ein großer Felsbrocken, den Gibbli seit Wochen mit sich herum schleppte, einfach in einen dieser Gravitationszeitrisse verschwunden. Das war gut. Das war perfekt.
"Gibbli, hey! Hörst du mich noch?", fragte er wieder und musterte sie besorgt.
"Ich ... ich wollte ihn nicht anseh'n, ich ... er sagte Steven, er sagte ..."
"Du wusstest es nicht." Abyss fuhr sich grinsend über seinen Mund. "Du dachtest, es wäre seiner."
Das war also die Erklärung, kam es Gibbli in den Sinn. Die Begründung dessen, weswegen Sky sich seit Wochen den Kopf zerbrach. "Ist das der Grund, warum du Steven akzeptierst?"
"Hey, der wandelnde Goldklumpen hat mich zuerst akzeptiert. Er schrieb meinen Namen. Meinen!"
"Heißt das, es macht dir nichts aus, wenn er mir mit deinem Namen weh tut?"
"Doch, natürlich! Ich könnte ihm den Hals umdrehen dafür, hätte er auch nur einen Punkt gemacht. Steven ist ein sentimentaler Arsch, aber dennoch ein guter Beobachter. Dieser gerissene Narr, weiß, wie man jemanden überzeugt. Er wusste, dass sein Name auf dir seinen Tod bedeutet hätte. Aber was sollte ich gegen meinen unternehmen? Er hat mich aus dem Konzept gebracht, das hatte ich nicht erwartet."
"Du bist ein Idiot", sagte sie ernst. Dann konnte sie sich nicht mehr gegen das Grinsen wehren, das sich auf ihr Gesicht schlich. Sie war so dumm gewesen! Wieso hatte sie sich diesen Namen nicht ein einziges Mal angesehen?
"Ja und ich bin dein Idiot. Steht jetzt sogar auf meinem Rücken. Komm schon, lass uns was essen, bevor du dich auflöst. Ich hab Hunger. Und du auch." Abyss setzte sich in Bewegung.
"Ich brauche nichts, ich bin ...", zögernd brach sie ab, als er plötzlich wieder stehen blieb.
"Du bist was?", hakte er nach.
Gibbli schwieg.
Er zog die Augenbrauen hoch und sah sie auffordernd an. "Sag es mir, was bist du?"
Gibbli wich seinem Blick aus und sah zu Boden. Ihr war klar, dass er nicht eher nachgeben würde, bis er seine Antwort hatte. "Fett. Unsportlich. Tollpatschig", murmelte sie leise.
Er beugte sich zu ihr hinab und Gibbli spürte seine Finger wieder an ihrer Haut. Abyss hob ihren Kopf.
"Schwach", fügte sie unsicher hinzu, um ihr Zurückzucken zu überspielen.
"Okay ..." Verständnislos bohrte sich sein Blick in sie hinein, als würde er irgendetwas suchen. "Wie zum Guglhupf kommst du auf so einen Mist?"
Verlegen wollte sie sich abwenden, doch er ließ es nicht zu.
"Du warst noch nie dick. Aber langsam muss man Angst haben, dass du einfach auseinanderbrichst. Wenn du nichts isst, ich versprech's dir, dann werde ich alles, was ich finden kann, mit Gewalt in dich reinstopfen. Du wirst nicht vor meinen Augen verhungern, das garantiere ich dir. Glaub mir, ich weiß wie es ist zu hungern. Ich wuchs auf der Straße auf, schon vergessen?"
"Ich wollte doch stark sein. Für dich."
Er verzog den Mund zu einem traurigen Lächeln. "Wie soll das funktionieren, ohne Energie? Wenn du möchtest, dass dein Training was bringt, dann musst du mehr essen statt weniger. Außerdem, ich bin doch stark genug für uns beide. Sieh mich an, was denkst du, was ich den ganzen Tag treibe, wenn ich gerade nicht Geige spiele?"
"Ähm ... Dinge in die Luft jagen?"
Abyss lachte. "Komm mit." Er setzte sich wieder in Bewegung. "Du bist perfekt. Das warst du schon immer."
Gibbli brachte ein schwaches Lächeln zustande und folgte ihm. Seine Worte gaben ihr das Gefühl, dass alles an ihr passte. Wie konnte sich nur so eine idiotische Idee in ihren Kopf schleichen, dass sie sich ändern müsste? Abyss hatte das doch noch nie gekümmert, er hatte sie immer akzeptiert, ohne ein Aber, ohne jegliche Ausnahme.
Ein paar Schritte lang gingen sie schweigend nebeneinander her.
"Die Nachricht, die dir Jack geschickt hat. Was stand da drin?", fragte Gibbli nach einer Weile neugierig.
"Das ist ... kompliziert", sagte Abyss zögernd. "Jack richtete die Worte an mich, im Wissen, dass Sky sie lesen würde. Indirekt sprach er aber ihn damit an." Er schüttelte den Kopf. "Das ist nichts, was ... was ich möchte, dass du hörst und nichts was ich dir erzählen sollte."
Gibbli beobachtete ihn im Gehen nachdenklich von der Seite. Worte konnten sehr weh tun, das wusste sie mittlerweile. Doch nur von Menschen, die man mochte. "Es ist Jack. Wie kann das, was er von sich gibt so bedeutungsvoll sein?"
Abyss warf ihr einen kurzen Blick zu. "Es geht nicht nur um den Mist, der aus seinem Mund kommt. Es geht darum, wie er mich darstellt und ... also Jack hat uns erpresst, okay? Hey, wenn du es unbedingt wissen willst, frag Sky. Aber ich würde dir raten, es nicht zu tun. Nicht, weil er es dir nicht erzählen würde. Ich bin mir sicher, wenn du die richtigen Fragen stellst und nicht nachgibst und ihn nicht ablenken lässt, würde er antworten. Sky ist einfach zu ehrlich. Aber bitte, tu mir den Gefallen und mach's nicht. Ich würde es vorziehen, dass du das nicht erfährst."
Unmittelbar nachdem er verstummte, knackte es in den Wänden. Das unangenehme Geräusch von sich biegendem Metall drang in ihre Ohren.


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Kapitel 17: Skys Lüge (Bis in die tiefsten Abgründe)

Sie sah Sky am runden Tisch sitzen, zusammen mit den beiden Tiefseemenschen. Bo und Nox hatten es geschafft, zurückzukehren. Samantha strahlte und man sah ihr sofort an, dass sie sich freute, dass Nox wieder da war. Nox und Bo waren dabei, dem Kapitän von ihrer gescheiterten Mission bei den Hochseemenschen zu berichten. Gibbli zog den Ärmel ihres Pullovers ein Stück über die verletzte Hand, nahm einen tiefen Atemzug und trat ein. Unauffällig stahl sie sich am Tisch vorbei nach vorne. Einen kurzen Moment befürchtete Gibbli, Sky würde sie ansprechen. Ihre Blicke trafen sich, vielleicht für eine Sekunde. Doch er sagte nichts. Sie stieg ein Stück nach unten und setzte sich an den Rand der Rampe, die durch die Konsolenreihen hindurchführte.
Über ihre Hand ran warmes Blut. Es war ihr egal. Noch immer hielt sie Abyss' Messer in der anderen Hand. Gedankenverloren spielte Gibbli damit und hoffte, dass niemand auf die Idee kam, jetzt mit ihr reden zu wollen. Sie hätte sich im Maschinenraum verkriechen können. Doch dann wäre sie allein gewesen. Das wollte sie auf keinen Fall, nicht jetzt. Aber sie wollte auch nicht bei den anderen sitzen. Gibbli hörte, wie Nox den Kapitän irgendetwas fragte.
Sky antwortete langsam. Es klang, als wäre er nicht ganz bei der Sache. Er murmelte irgendetwas über Jack, dass er Gibbli hinrichten lassen wollte und im Austausch dafür die anderen gehen lassen würde. Natürlich hatte Sky abgelehnt. Dann sagte er, dass Steven scheinbar erneut unauffindbar war. "... Sam, Bo, sucht ihn. Ich will wissen, was er jetzt wieder treibt. Nox, du wirst etwas für mich erledigen ... beeil dich ..."
Gibbli hörte, wie die beiden Frauen aufstanden und etwas später auch Nox. Doch in ihrem Kopf nahm sie es kaum wahr. Das Messer zog sie in ihren Bann. Sein Messer. Was man damit alles anstellen könnte ... Plötzlich spürte sie Finger um ihr rechtes Handgelenk. Sie zuckte zusammen und es fiel klirrend vor ihre Füße. Ihr Herzschlag beschleunigte sich und erschrocken blickte sie auf. Der Kapitän hockte vor ihr auf der Rampe.
"Denk nicht eine Sekunde daran", sagte er leise. Dann nahm er mit seiner anderen Hand Abyss' Messer an sich.
"Lass mich los", flüsterte sie.
Sky hob ihre Hand hoch und betrachtete kurz die Wunde. Das Blut war teilweise getrocknet und Gibbli spürte, wie sie sogar schon begonnen hatte, sich ein winziges Stück zu schließen. Sicher wegen Bo's Marahang. Sky ließ ihr Handgelenk los. Erleichtert versuchte Gibbli, sich zu beruhigen. Er setzte sich direkt neben sie auf die Rampe und blickte nach vorne auf die drei Sitze.
"Ich will, dass du mir deine Waffe aushändigst", sagte er nach einer Weile.
"Ich will, dass du mir mein Messer zurückgibst."
Er schüttelte den Kopf. "Nein, Gibbli. Gib mir den Strahler."
"Wenn du mir das Messer gibst."
Sie hätte erwartet, dass er wütend wurde, doch seine Stimme blieb ruhig. "Die Sache mit den Befehlen hatten wir bereits. Befolge sie, Gibbli. Bitte."
Er bat sie? Erstaunt darüber nahm Gibbli einen tiefen Atemzug. Ach, war doch sowieso egal. Sie zog den Strahler von Judy Bless hervor und legte ihn neben sich. Sky nahm die Waffe an sich.
"Gib mir das Messer", verlangte sie wieder.
"Nein. Es ist zu deinem eigenen Schutz. Du wirst dich verletzen."
"Das tu ich nicht."
"Das hast du bereits."
"Ich will es zurück! Bitte!", flehte sie.
Sky stand auf. "Komm mit."
Gibbli biss die Zähne aufeinander. "Ich denk nicht dran."
"Das war ein Befehl!"
Sie rührte sich nicht vom Fleck.
Er baute sich vor ihr auf und schlug sich gegen die Brust. "Vergiss nicht, mit wem du sprichst! Ich bin dein Kapitän!"
"Es ist von ihm!", platzte es aus ihr hervor. "Es ist von Abyss. Es ist das einzige, was mir noch von ihm geblieben ist. Und jetzt ist er weg. Und er hasst mich! ER HASST MICH!"
Einen Moment schwieg der Kapitän. Dann blickte er nach unten und holte es zögernd hervor. "Hier."
Schnell nahm sie es ihm ab, ohne ihn dabei zu berühren. Sky schloss die Augen, fuhr sich mit einer Hand durch die Haare und setzte sich wieder neben Gibbli.
"Ich habe dich vor Abyss gewarnt", sagte er leise. "Ich habe dir gesagt, er ist gefährlich. Und ich habe ihm immer wieder gesagt, dass er dich verletzen wird."
"Es tut nicht weh", log Gibbli flüsternd. In ihrem Herzen tat Abyss' Verletzung mehr weh, als der noch frische Schlitz in ihrer Hand.
"Ich spreche nicht von der Schnittwunde an deiner Schulter. Es ging dabei nie um physische Verletzungen."
Gibbli fuhr bedächtig mit den Fingern über die Klinge. "Ich weiß."
"Dann lüge mich nicht an."
Sie steckte das Messer zurück in ihren Stiefel.
"Abyss hat die Crew verlassen. Jedenfalls denkt er das. Ich gab ihm die Tiefdruckkapsel, die ich in den Hangar gebracht habe, als wir aus Mooks hier her zurück tauchten."
Sie versuchte, den Schmerz zu ignorieren, den seine Worte hinterließen. Abyss hatte die Crew verlassen. "Ist dir schon mal aufgefallen, dass du es bist, der ihn ständig schlägt?", murmelte Gibbli.
Sky lächelte kurz traurig auf. Dann wurde er wieder ernst. "Er reizt mich. Er bringt mich an meine Grenzen. Immer, wenn ich denke, jetzt habe ich alles gesehen, schockt er mich mit etwas Neuem. Steven ist spontan. Und das macht ihn auf seine Art berechenbar unberechenbar und das, obwohl er uns offensichtlich einiges verschweigt. Ich kann vorhersehen, dass er jeden Moment irgendeinen Blödsinn anstellen könnte. Bei ihm erwartet man es. Aber Abyss ... Abyss ist immer perfekt in allem, was er tut. Seine irren Pläne sind unvorhersehbar geplant. Kannst du mir folgen?"
Gibbli schüttelte leicht den Kopf. "Nein."
"Na schön, lass es mich mit Abyss' Worten erklären: Messer. Geben wir beiden ein Messer. Reiche Steven die Hand und er schlägt sie dir lachend mit dem Messer ab. Abyss hingegen nimmt behutsam deine Finger und zieht dich in seinen Bann, während er das Messer verdeckt in der anderen hält, bereit es dir jederzeit in dein Herz zu rammen, wenn er es für nötig erachtet. Hinter allem was er tut, steckt eine Absicht. Und das ist es, was ihn gefährlich macht. Er verliert niemals die Kontrolle und spielt mit den Menschen. Er manipuliert sie, um zu erreichen, was er will. Und es ist wahr, ich wüsste keinen einzigen seiner Pläne, der je schief gelaufen ist. Er ist ein ... wirklich beeindruckender Mann." Sky hielt für einen Moment inne. "Und er hasst dich nicht, Gibbli. Du bist ihm wichtig."
Gibbli sah ihn zweifelnd an. "Wer weiß das schon?"
"Ich weiß das. Er gab dir sein Messer."
Sie öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Dann blickte sie nach vorne zum Frontfenster, um den Kapitän nicht länger ansehen zu müssen. "Mit einem Ortungsbot drin."
"Der ursprünglich gar nicht für dich gedacht war."
"War er nicht?"
"Abyss liebt seine Messer. Aber dieses eine ganz besonders. Er würde sich niemals verzeihen, wenn er es verlieren würde. Es war immerhin sein erstes. Das Messer, mit dem er seine ersten Morde beging, indem er den Tod seiner Eltern rächte."
"Woher ... woher willst du das wissen?" Hatte Abyss ihm etwa auch von den Meeresgondeln verraten?
"Weil mein Vater es mir erzählte. Er war dabei. Er war unter den Leuten, die sie erschossen. Dass es sich bei dem Jungen um Abyss handelte, fand ich erst später heraus. Abyss würde mir so etwas niemals sagen, nicht von sich aus. Er konnte seine Eltern nicht retten, musste hilflos zusehen, auch wenn es seine eigene Schuld war. Er mag in gewissen Momenten gewisse Menschen spüren lassen, dass er verzweifelt ist. Aber freiwillig zugeben, dass er jemals hilflos war oder ist, würde er niemals."
Gibbli blickte ihn ungläubig an und dann schnell zu Boden. Abyss hatte es vor ihr zugegeben. Vorausgesetzt, es war keine Lüge gewesen.
"Was glaubst du, warum Abyss die Soldaten der Elite so sehr hasst? Aber er hat sie erledigt. Nicht sofort und nicht alle auf einmal. Er war noch ein Kind. Er jagte alle Anwesenden, über viele Jahre hinweg. Abyss hat ein hervorragendes Gedächtnis, auch wenn er immer so tut, als könnte er sich weder Gesichter noch Namen merken. Er hat sie umgebracht. Jeden Einzelnen von ihnen. Auch meinen Vater."
"Was?" Gibbli erinnerte sich an das Gespräch, das sie zwischen ihm und Abyss belauscht hatte. Darum war es gegangen. Und dann nahm Sky Abyss sogar in seine Crew auf?
"Es war fair. Sein Tod war gerecht. Mein Vater hat getötet. Also verdiente er zu sterben."
"Du bist verrückt", flüsterte sie.
Sky nickte. "Und Abyss ist stur, Gibbli. Ein Scheitern akzeptiert er nicht. Dass irgendetwas nicht funktioniert, damit kommt er nicht klar. Und das ist seine größte Schwäche. Das ... und du. Vielleicht hat er mit seinen verrückten Plänen oft Schwierigkeiten, aber er findet einen Weg, sein Ziel trotzdem zu erreichen. Immer. Das oder der Tod. Etwas anderes kommt für ihn nicht in Frage."
Das oder der Tod. Diese Worte machten Gibbli mehr Angst als alles andere. Würde Abyss wieder in Betracht ziehen zu sterben? "Ich wollte nicht, dass er geht."
"Ich weiß."
Gibbli dachte nach. Abyss hatte ihr angeboten zu fliehen, damals. Hätte er für sie seinen Plan, den Dolch Nu zu finden, aufgegeben? Wenn Sky recht hatte, wäre Abyss wahrscheinlich ohne sie zurückgekehrt, um den Geigenbogen zu holen. Er hätte sie alleine gelassen, um seinen Plan zu verfolgen. Sie war bedeutungslos.
"Ich wollte auch nicht, dass er geht. Er kommt zurück. Ganz sicher", unterbrach Sky ihre Gedanken. "Denn wenn nicht, wäre er an dir gescheitert. Abyss scheitert niemals."
Bedeutungslos. Gibbli blickte ihn wieder an. Sie war ein dummes, kleines Kind. "Ich war zu schwach. Zu langsam."
"Erkläre mir das. Ich verstehe nicht, was du meinst."
"Alles. Dass ich so mies bin im Training und das mit Abyss und dass ... dass ich einfach alles kaputt mache. Das sollte ich nicht."
"Ich sage dir, was du solltest. Du solltest mir jetzt folgen ... Bitte", fügte er hinzu.
Gibbli zögerte, dann nickte sie. Er war der Kapitän. Er gab die Befehle. Sie war ... nichts.
Sky führte sie zur Seitentür der Zentrale in seinen privaten Raum. Gibbli fragte sich, was er hier mit ihr wollte. Sie blickte sich um. Es wirkte gemütlich, wie in allen Teilen der Mara. In der Mitte auf der einen Seite stand eine große Liegefläche. Auf ihr lag eine dicke Decke. Es gab Öffnungen an der Wand, hinter welcher der Kapitän einige Dinge verstaut hatte. Gibbli wollte nicht wissen, welche davon aus Versehen gestohlen waren. Auf der gegenüberliegenden Seite des Eingangs befand sich ein großes, rundes Fenster zum Wasser hinaus. Davor stand eine gepolsterte Bank ohne Lehne. Auf diese zeigte der Kapitän.
"Setz dich", sagte er müde.
Gibbli folgte seiner Anweisung. Sie setzte sich mit dem Rücken zu ihm und blickte hinaus. Goldene Röhren am Rand der Andockstelle schimmerten draußen durch das Wasser hindurch. Sky blieb stehen. Gibbli war noch immer nicht klar, was sie hier sollte. Er würde sie rauswerfen. Dazu musste er sie doch nicht extra in seinen Raum bestellen.
Gerade, als Gibbli sich entschloss zu fragen, sagte er leise: "Keine Entschuldigung kann rückgängig machen, was geschehen ist."
Verdammt. Er wusste es. Ausdruckslos starrte Gibbli aus dem Fenster und wagte es nicht, sich umzudrehen. Das mit Djego. Er wusste alles. "Ich habe versagt. Alles was du mir beigebracht hast, ich ... ich war zu langsam, ich hab zu spät reagiert, er hat mich überwältigt, er ... er hat ..." Sie hatte alles falsch gemacht. Sie war zu schwach gewesen. Sie hatte verloren.
"Ich trage die Verantwortung. Es gibt nichts, was ..."
Er brach ab, als sich der Eingang hinter ihnen öffnete. Gibbli drehte sich um und erblickte Nox, zusammen mit einer Frau, die sie bereits kannte: Dessert Kranch.
"Du?" Sky verzog ablehnend das Gesicht. "Nox, das ist nicht die richtige Person!"
Die Zähne des Tiefseemenschen blitzten auf und er machte eine entschuldigende Geste.
"Da sitzt sie ja. So friedvoll", sagte Dessert und betrachtete Gibbli prüfend. Dann blickte sie den Kapitän an. "Ich kann mir gut vorstellen, wie gerne Jack jetzt an meiner Stelle wäre. Alles was er begehrt und töten will, in einem Raum."
"Erkläre mir deine Anwesenheit! Ich habe nach Elvira Fenchel verlangt!"
"Sie kann nicht weg, liebster Ex-Mann. Zu viele Verwundete. Unsere Leute kommen nicht mit der Versorgung hinterher." Sie warf Nox einen wütenden Blick zu. "Euer Tiefseemensch hat großen Schaden hinterlassen. Die Ärzte sind ganz schön erschrocken, als er auf einmal mit deiner Nachricht aufgetaucht ist. Und diese Beben machen es nicht besser."
Missbilligend stieß Sky die Luft aus. "Hast du es dabei?", fragte er dann.
"Wozu brauchst du es?", gab Dessert zurück.
"Hast du es dabei?", wiederholte der Kapitän seine Worte etwas deutlicher und betont ruhig.
"Was hast du vor, Sky?"
"Ja oder nein?"
Sie zog zwei Gegenstände aus ihrer Innentasche. Ein Gerät, das aussah wie ein Scanner. An dem aufgeprägten Symbol war sofort erkennbar, dass es sich um ein medizinisches Instrument handelte. Das zweite Ding in Desserts Händen war ein Fläschchen. Ein Etikett mit weißer Aufschrift klebte an dem undurchsichtigen Glas. Doch der Text war so winzig, dass Gibbli ihn von weitem nicht lesen konnte. Sky nahm ihr die beiden Gegenstände aus den Fingern.
"Willst du jemanden operieren?", fragte Dessert misstrauisch.
"Geht", antwortete der Kapitän knapp, ohne ihre Frage zu beachten.
"Was? Aber-"
"Verschwindet!"
Dessert rümpfte protestierend die Nase. Doch sie wandte sich zum Eingang, als Nox seine krallenartigen Finger auf ihre Schulter legte und begann, sie hinauszuschieben.
"Du könntest wenigstens etwas netter sein, ich habe dir das Zeug gebracht und Jack nicht gesagt, dass ich herkomme", rief sie, während die beiden hinaus gingen. "Noch einmal werde ich das nicht tun!"
Dann schloss sich die Tür hinter ihnen und Gibbli war wieder mit dem Kapitän allein. Unsicher beobachtete sie ihn. Er trat an die Öffnung an der Wand und holte einen Stapel weißer Tücher daraus hervor. Diese legte Sky mit dem scannerähnlichen Gerät auf sein Bett. Wieder trat er an das Regal und fand schnell, was er suchte: Ein Glas. Sky öffnete das Fläschchen und schüttete die Hälfte der Flüssigkeit hinein. Er vermischte sie mit dem Inhalt eines anderen Behälters, den er ebenfalls aus der Wandöffnung holte. Dann trat er mit dieser Mischung auf Gibbli zu und hielt es ihr mit seinen rauen Händen entgegen.
"Trink das, Gibbli. Es lässt dich schlafen."
Ablehnend rutschte sie davon weg. "Ich will nicht schlafen."
"Deine Wunden müssen versorgt werden", sagte er ruhig. "Und es ist das Beste für dich, wenn du das nicht mitbekommst."
"Nein! Das müssen sie nicht. Ich will das nicht. Ich ... ich kann es verbinden, der Schnitt ist nicht tief."
Durchdringend fixierte er sie mit den schwarzen Implantaten. "Der Schnitt geht durch deine komplette Hand hindurch. Man könnte etwas durchstecken und es würde auf der anderen Seite wieder herausfallen. Der Schnitt könnte also tiefer nicht sein. Aber von dieser Wunde rede ich nicht. Ich rede von dem, was Djego dir antat."
Beschämt betrachtete Gibbli ihre Hände und biss sich auf die Lippen. Das winzige Bisschen an Hoffnung in ihr, Sky hätte es doch nicht gewusst, erstarb.
"Trinke es jetzt." Er setzte sich neben sie, ihr zugewandt, mit gespreizten Beinen, je eines auf jeder Seite der Bank.
"Bo ist unsere Ärztin!", warf sie panisch ein. Sie fixierte den Boden und seinen linken Stiefel, um ihn nicht ansehen zu müssen.
"Bo ist keine Ärztin. Sie hat Dinge im Krankenhaus aufgeschnappt und ich bezweifle, dass sie weiß, was zu tun ist. Aber wenn du möchtest, dass ich sie hole, dann tue ich das."
Sie schüttelte schnell den Kopf. "Nein!" Bloß nicht, dachte Gibbli. Es reichte, wenn Sky es wusste. Woher auch immer er das tat. "Das Marahang. Das Marahang macht es gut."
Für einen Moment schwieg er. "Das Marahang heilt vielleicht physische Wunden. Aber es macht sicher nicht alles wieder gut oder weg, was weg soll."
"Was weg soll?"
"Diese Möglichkeit besteht. Das weißt du so gut wie ich. Und glaube mir, das willst du nicht. Nicht von ihm und nicht in deinem Alter."
Gibbli schluckte. Ganz zu schweigen davon, dass es ein Gesetz gab, das es den Landmenschen unter dem Wasser verbot, so jung ein Kind zu bekommen. Ihr Blick fiel wieder auf das Glas, das er noch immer vor sie hinhielt. Die hellgrüne Flüssigkeit schwappte leicht hin und her. Sie ähnelte dem grellgrünen Gift, das Abyss getrunken hatte. Ihre Gedanken schweiften ab und Gibbli flüsterte: "Es hätte ihn fast umgebracht."
Der Kapitän runzelte die Stirn und verlangte in ruhigem Ton: "Erkläre mir das."
"Er hätte sich fast umgebracht. Wegen mir", stammelte Gibbli, ehe ihr bewusst wurde, was sie da sagte.
"Das grüne Gift. Abyss hat es getrunken", flüsterte Sky plötzlich.
Gibbli blickte ihn entsetzt an und wollte sich auf die Zunge beißen. Das war ein Geheimnis! "Ich hab nicht, ich wollte nicht ... Er hat nicht, er hat mir versprochen, dass er es nicht mehr trinkt, er ..."
Doch Sky schüttelte leicht den Kopf. "Schon gut. Ich war ein Narr. Ich dachte, ich hätte alles von diesem Zeug vernichtet."
"Ich glaube, er wollte, dass du ihn rauswirfst", sagte Gibbli tonlos.
"Ich weiß."
"Du hast es gewusst?"
"Damit droht er mir bereits, seit er Djego zum ersten Mal sah. Er beschwor mich immer wieder, entweder Djego geht oder er." Der Kapitän lächelte traurig. "Also hat dieser Mistkerl ein drittes Mal überlebt."
"Du hast es auch getrunken. Damals, auf der Mara, als der Mönch ..."
"Ja, Gibbli und ich bin nicht stolz darauf. Es musste sein."
"Warum?"
"Ein Kapitän sollte niemals Schwäche zeigen vor seiner Crew. Hätte ich es nicht getan, hätte Abyss mich niemals als seinen Führer akzeptiert. Ich wollte ihn haben und ich brauchte seinen Respekt, wenigstens für eine kurze Zeit. Das schaffte ich nur, indem ich etwas tat, was er nicht erwartete. Das Gift zu trinken war die einzige Möglichkeit. Es ist nicht leicht, jemanden wie Abyss zu überraschen. Er mag manchmal überrascht erscheinen, aber er ist es nicht."
"Er hat das geplant, am Lagerfeuer", flüsterte sie.
"Ohne eine Absicht tut er nichts. Abyss war sicher verzweifelt, dass er dieses Risiko einging, nur um seinen Plan nicht scheitern zu sehen. Er muss gedacht haben, jemand von euch erzählt es mir. Dass du es mir nicht sagst, war ihm sicher klar. Ich frage mich, warum Steven es mir verheimlichte."
"Also hast du nicht rausgefunden, warum er Steven akzeptiert?"
"Nein. Keiner der beiden wollte es mir verraten. Weißt du, das ist deprimierend. Ich bin der Kapitän und niemand will mir irgendetwas sagen."
"Hättest du ihn weggeschickt? Wenn du es gewusst hättest?", fragte Gibbli. So wie du mich gleich wegschicken wirst?, dachte sie.
"Er müsste jemanden aus der Crew töten, um sie zu verlassen, selbst dann würde ich ihn nicht hinauswerfen, sondern umbringen. Aber das macht er nicht. Nicht einmal Steven. Ich stelle mir diese Frage seit Wochen. Womit hat der Oceaner es geschafft, Abyss von sich zu überzeugen? Du weißt, wie schwer es ist, dass Abyss jemanden akzeptiert. Er war immer ein Einzelkämpfer. Er hasst andere Menschen grundsätzlich."
"Denkst du ...", begann sie zögernd, "... denkst du, Steven könnte ihn überreden, zurückzukommen?"
"Nein", antwortete Sky knapp.
Das war ehrlich. Dieses Wort fühlte sich an wie ein Schlag in ihr Gesicht. Also hatte sie ihn umsonst losgeschickt.
"Jedenfalls", fuhr der Kapitän fort, "nicht, wenn Abyss es nicht will."
Gibbli blickte auf. Was meinte er damit?
"Hör zu, Abyss und Steven sind so ziemlich die unterschiedlichsten Wesen, die ich kenne. Steven sagt, was er denkt. Er tut, worauf er gerade Lust hat, lässt sich von seinen Gefühlen leiten. Er liebt seine Emotionen und gibt sich ihnen voll und ganz hin. Abyss hingegen ist verschlossen."
"Verschlossener als ich?"
"Ja, sogar verschlossener als du, Gibbli."
"Aber er macht auch das, was er will."
"Richtig. Aber Abyss plant die Dinge. Nicht wie Steven." Sky blickte auf das Glas in seiner Hand und stellte das Fläschchen mit dem noch übrigen Inhalt hinter sich auf die Bank. "Steven nimmt sich, was er will. Abyss hingegen bringt die Leute dazu, ihm zu geben, was er will. Er setzt dafür Masken auf. Und ja, er spielt gerne den rücksichtslosen Kerl, der so tut, als kümmere ihn nichts, als würde er ohne Skrupel einfach alle umbringen, so wie Steven. Aber so ist er nicht. Im Gegenteil. Er macht seinem Namen alle Ehre. Wenn man hinter seine Masken blickt, tun sich Abgründe auf, die man niemandem wünscht."
"Abgründe?", fragte Gibbli.
"Er ist", Sky zögerte, als ob er abwägen würde, ob er ihr das erzählen sollte oder nicht, "er ... ist sehr verletzlich, Gibbli. Alles verletzt ihn. Steven ist es schlicht egal, er bringt jemanden um und vergisst es einfach. Der Oceaner kommt jemandem nahe und lässt ihn dann fallen und er kommt damit klar, wenn etwas nicht funktioniert. Aber nicht Abyss. Nein. Abyss tötet mit jedem Messer ein Stück von sich selbst. Er will die Leute gar nicht verletzen. Aber er denkt, dass er es muss. Er spielt seine Rollen. Abyss hat seine festen Ziele und tut nichts ohne Grund. Aber das weißt du ja inzwischen. Wenn er sich einmal zu etwas entschlossen hat, ist es schwer, nun, eigentlich so gut wie unmöglich, seine Meinung zu ändern. Wenn er nicht bekommt, was er sich vorstellt, dann geht für ihn die Welt unter. Nein, anders, eher geht die Welt unter, als dass er nicht bekommt, was er will. Das gibt es nicht, es ist unmöglich aus seiner Sicht. Abyss lässt alles so an sich heran, ich habe vor ihm noch nie jemanden getroffen, der sich selbst so kaputt macht, wie er es tut. Natürlich zeigt er das nicht. Er ist ein guter Schauspieler."
"Der Beste."
"Ja, Gibbli. Du hast es miterlebt. Er versucht, sich nicht verletzlich zu zeigen. Er steckt alles weg, jedenfalls tut er so und kann es gleichzeitig nicht hinnehmen. Abyss saugt das alles auf wie ein Schwamm. Aber irgendwann passt in so einen Schwamm kein Wasser mehr hinein. Und wenn er überläuft, wenn es keine Ersatzpläne mehr gibt und nichts, womit er sich abreagieren könnte, wenn er kaum noch einen Ausweg sieht, seine Vorhaben umzusetzen, dann ..."
"... bringt er sich um", flüsterte Gibbli.
Stille breitete sich in dem Raum aus. Sky öffnete den Mund, schloss ihn wieder und nickte. "Dann zieht er diese Möglichkeit in Betracht, ja."
Gibbli sprang auf.
"Gibbli."
"Das heißt, er ... wir müssen ... Es ist zu spät! Warum hast du nicht-"
"Gibbli!" Sky packte sie am Arm.
Sie schrie erschrocken auf und er ließ sie sofort wieder los.
"Er wird es nicht noch einmal tun. Du siehst doch, wie er reagiert. Er ist verzweifelt, mehr als das, er ist am Ende. In diesem Zustand hätte er es längst genommen, wenn er es dir nicht versprochen hätte."
"Und wenn er wieder lügt?"
"Du sagtest mir einmal, du vertraust ihm."
"Er ist gegangen!", schrie sie aufgebracht.
"Doch nur, weil sein dummer Plan das vorsah. Er hatte seine Gründe."
"Ich bin sein Grund. Es ist meine Schuld."
Sky blickte sie an. "Ja", sagte er schlicht.
Gibbli hatte das Gefühl, gleich würden ihre Beine nachgeben. Sie ließ sich zurück auf die Bank fallen.
"Es war dennoch seine Entscheidung, Gibbli. Nicht die deine. Doch du bist auch der Grund, warum er zurückkommen wird. Steven könnte ihn nicht überreden. Das muss er gar nicht. Abyss kommt zurück. Ich weiß es. Ich weiß es, Gibbli."
Seine Worte klangen so sicher, so zuversichtlich. Aber es war Abyss. Unberechenbar. Gibbli schüttelte den Kopf. Nein, sie konnte das nicht glauben. Abyss würde nicht ihretwegen zurückkommen, warum sollte er auch, er war ja wegen ihr gegangen. Er hatte sich ihretwegen fast umgebracht. Er hasste sie.
"Trink das jetzt. Und ich versichere dir, es ist kein Gift."
"Ich ..." Sie brach ab. Sie wollte nichts mehr denken. Vielleicht sollte sie einfach tun, was er sagte.
"Vertrau mir. Gibbli, ich war Flottenführer von über 200 Booten. Ich will nicht sagen, dass ich alles weiß, aber Führungskräfte werden auf so etwas geschult. Ich weiß, was zu tun ist. Du wirst nichts davon merken."
"Du bist kein Arzt."
Sky betrachtete sie ruhig. "Ich könnte einer sein. Ich habe die Prüfungen der Kurse dafür abgelegt, Gibbli. Alle. Nur mein Vater sah einen anderen Weg für mich vor. Ich trat damals gegen meinen Willen in die elitäre Flotte ein. Dennoch ging ich diesen Weg mit Stolz. Vertrau mir, ich kann das. Ich bin dein Kapitän, okay?"
Fragte sich nur, wie lange noch. Mit offenem Mund starrte Gibbli wieder auf die Flüssigkeit in seinen Fingern. Bo's Worte drangen durch ihren Kopf: Halte dich immer an unseren Kapitän. Er beschützt uns. Das hatte sie gesagt. Außerdem, wenn sie es jetzt trank, dann würde sie ihren Rauswurf verzögern.
"Okay."
Sie nahm das Glas mit zitternden Händen und führte es langsam an ihren Mund. Dann schluckte sie die hellgrüne Flüssigkeit. Es schmeckte ein wenig bitter. Tosende Wellen fegten durch ihren Körper hindurch. Gibbli schwankte leicht. Nach einigen Sekunden verschwamm die Umgebung. Die Schemen von Skys Raum wurden immer undeutlicher. Das letzte, was Gibbli noch wahrnahm, war, dass er das fallende Glas auffing, während sie zur Seite kippte, direkt in seine Arme.
 
Als Gibbli erwachte, lag sie unter der warmen Decke von Skys Liegefläche auf der Mara. Sie atmete frische Luft ein. Diese drang unaufhörlich aus den Filteranlagen, beruhigend und lautlos. Langsam drehte sie ihren Kopf und erblickte den Kapitän am runden Fenster stehend. Sein breiter Rücken steckte in einem der altmodischen Rüschenhemden, die er so gerne unter der Uniform trug.
Wo ist das "Messer?", war ihr erster Gedanke. Laut brach das Wort aus ihren ausgetrockneten Lippen hervor, bevor Gibbli wahrnahm, dass sie sprach, statt dachte. War das wirklich ihre Stimme? Langsam krochen die Erinnerungen in ihren Kopf zurück.
"Es liegt hier, auf der Bank. Neben deinen Werkzeugen", sagte Sky leise, ohne sich umzudrehen.
"Ist Abyss ..."
"Nein."
Für einen Moment schloss sie die Augen. Dann zwang sie sich, sie wieder zu öffnen. "Bin ich ... bin ich ..."
"Du wirst kein Kind in dir tragen und auch keine bleibenden Verletzungen. Jedenfalls keine physischen. Es wird heilen."
Er wandte sich langsam zu ihr um. Gibbli blickte schnell weg. Sie wollte ihn nicht ansehen. Wie konnte sie ihm jetzt noch begegnen, ihm jemals wieder unter die Augen treten? Sie musste hier sofort raus! Mit Mühe hob sie den Kopf und stützte sich ab. Ein kurzer Stich fuhr durch ihre rechte Hand unter dem Verband. Doch es kümmerte sie nicht. Für einen Moment verdunkelte sich die Umgebung. Als die verschwommene Sicht vor ihren Augen wieder klarer wurde, fiel Gibbli auf, dass ihr Pullover frisch gewaschen war. Sie warf die Decke beiseite und setzte sich hastig an den Rand des Bettes. Ihre Beine steckten in einer neuen Hose. Kein Blut mehr. Beschämt hielt sie inne, als er einen Schritt auf sie zutrat. Ihr wurde wieder schwindlig. Nicht vor Schmerzen, sondern vor Hunger. Sie hätte vielleicht doch mehr essen sollen in den letzten Tagen.
"Bitte entschuldige", sagte er ruhig und legte etwas neben sie auf das Bett. "Ich musste dich vorhin für einen Moment alleine lassen."
Warum entschuldigte er sich dafür? Gibbli betrachtete das Gerät, das er eben noch in Händen gehalten hatte: Ein EAG. An der Seite stand ein Name eingraviert: Cervantes Bredley Djego. Bredley, Brett, Brot, dachte sie kurz und glaubte Abyss' Stimme in ihrem Kopf zu hören. Doch er war nicht mehr da. Abyss hatte die Crew verlassen und sie würde seine Stimme nie wieder hören.
"Ich habe dich gerächt. Ich habe Djego bestraft."
"Was?", fragte Gibbli in hohem Ton.
"Ruhig. Er ist nicht mehr dazu im Stande, noch einmal jemandem anzutun, was er dir antat. Nie mehr."
"Ist er ... tot?"
"Nein. Er bekam, was er verdiente." Sky grinste kurz. Ein freudloses Grinsen. Dann blickte er sie traurig an.
Schnell sah sie wieder weg. Gleiches mit Gleichem, war das nicht sein Prinzip? Gibbli wollte es lieber nicht genau wissen. Sie nahm einen tiefen Atemzug. "Wer weiß es? Wer weiß was er ... Was er mir ..."
"Niemand, Gibbli. Nur ich."
"Bekomme ich das Messer jetzt wieder?"
Für einen Moment dachte sie, er würde sie einfach nur beobachten. Dann blickte sie überrascht auf, als Sky es von der Bank nahm und sich vor ihr auf seinen Knien nieder ließ. Als er sich ihr näherte, lehnte sie sich etwas nach hinten, weg von ihm. In einer ruhigen Bewegung nahm er behutsam ihre linke Hand. Gibbli zuckte zusammen, als seine Haut die ihre berührte. Er schloss vorsichtig ihre Finger um den Griff und ließ sie dann wieder los. Erleichterung durchflutete sie, während sie das harte Metall des Griffes spürte.
"Darf ich gehen?", flüsterte Gibbli.
"Ich möchte nicht, dass du jetzt gehst."
Gibbli schluckte und blickte auf ihre Füße. Noch immer am Rand des Bettes sitzend, griff sie nach ihren Stiefeln, die daneben standen. Der Kapitän hielt Gibbli nicht davon ab, in sie hineinzuschlüpfen. Doch er rückte auch nicht von ihr fort.
"Es passierte unter meinem Kommando", sagte Sky leise, als könnte er es nicht fassen.
Gibbli hielt inne und fixierte ihre Stiefel. In Gedanken schob sie den Kapitän beiseite, zurück zum Fenster. Würde er sie aufhalten, wenn sie einfach aufstand und ging?
"All diese Verbrechen, all diese Schmerzen. Und jetzt das. Ich kann verstehen, wenn du die Crew verlassen willst."
Die Crew verlassen. Das war es also. Sie hatte versagt und es gab sowieso keinen anderen Weg, wie konnte sie jetzt noch in Skys Nähe bleiben. Vielleicht war es ganz gut, wenn er sie rauswarf.
"Alles geht schief. Meine Mission ist gescheitert. Die Crew bricht auseinander. Steven macht ... ich habe keine Ahnung, was er treibt. Und Abyss ist fort. Fort."
"Ich bin noch da", flüsterte Gibbli. Noch. Und es fühlte sich falsch an, das zu sagen. Sie wünschte sich, sich auf der Stelle in Luft aufzulösen. Gleichzeitig sträubte sich alles in ihr dagegen. Die Mara war der einzige Ort, den sie je ihr zu Hause genannt hatte.
"Ja, das bist du. Du und Bo. Und ich möchte, dass das so bleibt."
Was? Hatte sie sich verhört?
"Du wirst nichts Dummes anstellen, versprich mir das, Gibbli."
Achso. Darum ging es also. Er schickte sie nicht fort, damit sie sich nichts antat. Aber später würde er das sicher tun. Sie schwieg.
"Möchtest du darüber sprechen?"
Gibbli schüttelte den Kopf.
"Ich wünschte, du tätest es. Ich wünschte, du würdest mir mehr anvertrauen. Wenn du mir gesagt hättest ... wenn ich gewusst hätte, dass Djego ... nein, vergiss das, es liegt nicht an dir. Ich hätte es vorhersehen müssen. Ich dachte, du magst ihn und dass er nicht ... Das war mein Fehler. Ich habe die ganze Zeit versucht, dich vor Abyss zu schützen und ihn von dir fernzuhalten, ohne zu erkennen, dass die größere Gefahr von jemand anderem ausging. Es ist allein meine Schuld."
Gibbli krallte sich am Polster unter ihr fest. Ihr Bauch tat weh. "Jetzt sag es doch endlich", flüsterte sie mit heißerer Stimme.
"Was möchtest du, dass ich sage?", fragte Sky.
Gibbli wich seinem Blick aus. "Dass du mich rauswirfst."
Einen Moment lang verharrte er und Gibbli zählte fieberhaft die Sekunden, bis er zu sprechen begann: "Das wirst du mich niemals sagen hören."
Überrascht öffnete sie den Mund. "Ich hab ... ich hab gegen ihn verloren. Ich hab dich enttäuscht. Ich ... bin schwach", stammelte sie.
"Das bist du nicht. Vergiss doch endlich diese dämliche Akademie-Gehirnwäsche! Mir ist klar, dass das nicht leicht ist, wenn einem das jahrelang eingetrichtert wird. Aber es ist nicht wahr, Gibbli. Du solltest mittlerweile wissen, warum sie das sagen, warum einem dort gelehrt wird, ein Niemand zu sein. Doch nur, um gute Soldaten aus euch zu machen, die Befehle befolgen und nicht gegen das Gesetz verstoßen. Du bist stark. Du hältst das aus."
"Und wenn ...", begann sie leise, "... wenn ich das nicht mehr tue? Wenn ich zusammenbreche und ich ... ich ... Sky, ich halte es nicht aus." Das mit Djego, ja. Aber dass Abyss sie nie wieder sehen wollte, brachte sie um den Verstand.
"Gibbli, ich bin euer Kapitän. Ich werde immer da sein und ich werde nie irgendjemanden von euch hinauswerfen, egal was ihr tut und egal was passiert. Solange ihr euch gegenseitig nicht umbringt, könnt ihr mir nicht entkommen. Ihr gehört mir. Du gehörst mir. Abyss gehört mir. Und er kommt zurück, das verspreche ich dir und wenn ich ihn mit Gewalt dazu zwingen muss. Ich beschütze euch mit meinem Leben. Das hier ist nicht irgendeine elitäre Flotte, deren Mannschaft sich ständig ändert. Das hier ist die Crew der Mara. Meine Crew. Wer einmal dabei ist, wird es immer sein. Ich lasse euch nicht gehen. Niemals."
"Aber", sie blickte ihn mit zusammen gekniffenen Augen an, "du hast gedroht, Abyss rauszuwerfen."
"Niemals."
"Mehrmals."
"Niemals."
"Aber-"
"Niemals."
Gibbli verstummte. Ihr Blick schweifte in die Ferne, durch den kleinen Raum, zum runden Fenster. "Du hast ihn belogen."
Sky starrte kurz zu Boden und nickte dann. "Ja. Ja, ich hab ihn angelogen."
"Du hast ihn angelogen", wiederholte Gibbli. Ihre Stimme klang brüchig, doch nicht so leer, wie sie sich fühlte.
"Das sagte ich bereits. Hey, das war jetzt keine Anstiftung, um meine Befehle nicht mehr zu befolgen. Ich kann durchaus überzeugend werden, wenn es sein muss."
"Aber du lügst nie. Du hast ihn angelogen." Ungläubig schüttelte sie den Kopf. Sofort hielt sie wieder inne. Diese Neuigkeit hätte sie fast lustig gefunden, wäre sie jetzt nicht in dieser beschämenden Situation mit ihm und wäre das mit Djego nicht passiert und wäre Abyss jetzt an ihrer Seite und würde ihr Gehirn nicht gerade anfangen, Karussell zu fahren.
"Hör zu, Abyss weiß das. Abyss weiß, dass ich ihn anlog. Er ... er macht mich wahnsinnig. Ich versichere dir, es war die einzige Lüge. Die erste. Er ... er ist nicht wie du. Wenn ich dir einen Befehl gebe, dann kann ich mir sicher sein, dass du alles versuchen wirst, um ihn auszuführen. Nun ja, meistens jedenfalls. Wenn ich hingegen Abyss mit etwas beauftrage, muss ich hoffen, dass sein Wille sich zufällig mit meinem überdeckt und dass er auch nur überhaupt darüber nachdenkt, vielleicht, irgendwann einmal, in ferner Zukunft, in Erwägung zieht, zu tun, was ich verlange. Befehlsverweigerung und Respektlosigkeit mir gegenüber toleriere ich nicht. Aber ich versichere dir, ich werfe niemanden hinaus, nur weil er etwas nicht schafft oder macht. Du brauchst dich nicht mehr zu beweisen, Gibbli. Du bist bereits dabei. Vergiss die Ausbildung. Vergiss die Meeresakademie. Alles was du wissen musst, lernst du hier."
"Du hast ihn angelogen", wiederholte Gibbli tonlos. Saß sie wirklich noch hier? War das hier echt?
"Ich bin nur ein Mensch, wie jeder andere auch. Ich bin nicht perfekt. Ich bin auch nicht nett. Ich bin kein gutes Vorbild. Und schon gar nicht bin ich ein Ersatz für deinen Vater oder sonst irgendjemanden. Aber ich bin derjenige, der auf dich aufpassen sollte."
Sie begann zu zittern, als er das Wort 'Vater' aussprach. Ihr Vater war tot. Ihre Mutter war tot. Und ihr Bruder, Abyss, war weg. Ihretwegen. Und selbst wenn Sky es schaffen sollte ihn zurückzuholen, Abyss hasste sie. Ihre Sicht begann zu verschwimmen. Sofort presste sie die Augen fest aufeinander. Nicht jetzt, nicht vor dem Kapitän, nicht nachdem, was er für sie getan hatte. Gibbli öffnete sie wieder. Sie musste hier schnellstmöglich raus! Doch ihr war klar, wenn sie jetzt aufstand, würde ihr schwindlig werden. Sie zitterte schon im Sitzen. Sie würde umkippen.
"Ich bin für dich verantwortlich. Und ihr könnt euch auf mich verlassen. Immer. Ich habe für dich gemordet! Ich weiß nicht, was ich noch machen soll, damit du mir glaubst."
Ein Schauer durchfuhr ihren Körper und Gibbli unterdrückte ein Wimmern. Die cremeweißen Ärmel seines Hemdes rutschten ein Stück zurück, als Sky seine Arme ausstreckte. Er nahm sie vorsichtig an beiden Schultern. Wieder schrak Gibbli zusammen. Für eine Sekunde verharrten die beiden Hände bewegungslos, dann zog er sie zu sich herab. Gibbli fühlte sich viel zu schwach, um ihn aufzuhalten. Sie ließ es geschehen und schloss die Augen, als Sky seine Arme um sie legte. Sie schaffte es nicht mehr, sich gegen ihre Tränen zu wehren. Die salzige Flüssigkeit lief still ihre Wangen hinab. Und Sky hielt sie einfach fest und schwieg. Irgendwann verlor Gibbli jegliches Zeitgefühl.
"Ich bin mir sicher, wenn er es wüsste ... wenn er wüsste, was passiert ist, wäre er hier. Er hätte es nie zugelassen. So wie ich", hörte sie den Kapitän nach einer Weile sagen.
Hatte sie ihn etwas gefragt? Gibbli erinnerte sich nicht mehr daran. Sagte er nicht einmal, er mochte keine Kinder? Und jetzt saß sie hier am Boden, in seinen Armen. Noch immer.
 
Langsam hangelten sich die leuchtenden Augen in der Dunkelheit entlang. Das tiefe Blau des Wassers wurde von düsteren, goldenen Schatten der Andockstelle Oceas durchzogen. Ein kleines, fischähnliches Wesen verschwand hinter dem Metall des Rahmens aus ihrem Sichtfeld.
"Er wird mich umbringen", sagte der Kapitän nüchtern.
Sie saßen beide auf der Bank und blickten aus dem runden Fenster ins Wasser hinaus.
"Wenn er das von Djego erfährt, bin ich tot. Und ich versichere dir, ich werde nicht verhindern, dass Abyss es tut."
Gibbli wusste, dass er das wirklich ernst meinte. Sky belog sie nicht. Niemals. Er hatte ihr klar gemacht, dass Abyss der einzige Mensch war, den er hin und wieder anlügen konnte.
"Es tut mir leid, dass ich mich wie ein Kind verhalte. Du hast gesagt ..."
"... ich will keine Kinder in meiner Crew. Das sagte ich." Sky sprach langsam. "Ich sagte das, weil ich nicht auf Kinder aufpassen kann. Ich wollte meine Tochter beschützen und ich konnte es nicht. Ich dachte, wenn ich dich nicht wie ein Kind behandle, dann ... dann könnte ich die Verantwortung dafür irgendwie abgeben. Aber das kann ich nicht."
"Ich bin kein Kind mehr", sagte sie leise.
"Doch. Doch, das bist du. Ich war ein schrecklicher Vater, Gibbli. Streng und gefühllos. Ich wollte sie auf die Akademie vorbereiten. Letitia muss mich verabscheut haben. Ich hätte nicht so fordernd sein dürfen. Aber ich habe meine Tochter nie geschlagen, wie viele andere es tun. Ich habe sie nicht angefasst. Und ich verspreche dir, Gibbli, so etwas wird nie wieder passieren. Und du musst nicht mehr so tun, als wärst du kein Kind mehr. Ich weiß, du willst nicht reden, aber wenn doch, irgendwann, dann werde ich da sein."
Eine Weile war es still und nur das gelegentliche, metallische Knacken der Maschinen unterbrach ihre Gedanken.
"Beantworte mir wenigstens eine Frage, Gibbli. Der Name auf deinem Rücken. Wie?" Natürlich waren ihm die Narben aufgefallen. "Sag mir, wie er vorgegangen ist. Ich möchte wissen, wie er es gemacht hat."
Sie schluckte. "Mit meinem Lötkolben."
Sky nickte und sah wieder aus dem Fenster. "Wolltest du es?"
"Was?"
"Wolltest du, dass er das macht?"
"Nein!" Natürlich nicht! Was dachte er von ihr?
"Bist du dir sicher?", fragte Sky ruhig.
"Er hielt mich fest!", rief sie aufgebracht.
"Und trotzdem deckst du ihn, indem du es mir verschweigst."
Sie presste die Lippen zusammen und wünschte sich hinunter in den Maschinenraum. "Er hat mir die Kontrolle genommen!" Ihre Stimme brach sich. "Er ..."
Er, betrat den Raum mitten durch die Wand. "Sei mir gegrüßt, Kapitän oha, und mein Mädchen?"
Gibbli zuckte zusammen, als sie Stevens helle Stimme vernahm.
Sky stand missmutig auf. "Musst du so hereinstürmen? Kannst du keine Türen benutzen, wie jeder andere auch?"
"Nein, nein, das ging nicht, die ist zugesperrt."
Der Kapitän schnaubte. "Ja! Ganz genau. Aus gutem Grund! Sag mir, was du hier willst!"
"Nein, die Frage ist, was macht mein Mädchen hier? Eingesperrt, mit dir."
"Das geht dich nichts an. Wo hast du dich herumgetrieben?"
"Ich muss mit dir reden, Kapitän. Es ... also, es geht um diese Schutzvorrichtung."
"Sprich."
Der Oceaner musterte Gibbli. "Ich würde es vorziehen, das erst nur mit dir zu besprechen, Kapitän."
Sky folgte seinem Blick und zögerte. "Das ist ein ungünstiger Zeitpunkt." Offensichtlich wollte er sie nicht alleine lassen.
"Nein, nein nein nein. Steven muss mit dir sprechen. Jetzt. Es ist wichtig, das ist es. Das ist es!"
Gibbli erkannte ihre Chance. "Ich gehe", murmelte sie und sprang auf.
Sky schien hin und hergerissen sie aufzuhalten oder zu erfahren, was Steven zu sagen hatte. Gibbli eilte an den beiden vorbei, ehe er sich gegen den Oceaner entscheiden konnte.
"Du wartest in der Zentrale auf mich! Du gehst nicht weg!", rief der Kapitän ihr nach.


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Kapitel 16: Gibbli wird zum Oca (Bis in die tiefsten Abgründe)

Eine silberne Klinge schoss keinen Millimeter an ihrem Kopf vorbei. Das Ding verfehlte Djego, der sich duckte, nur knapp. Er ließ Gibbli los. Ein weiteres Messer flog durch die Luft und riss ihren Pullover auf. Es streifte ihre linke Schulter und schrammte über die Haut, einen tiefen Schnitt hinterlassend. Während Djego davon rannte, stolperte Gibbli nach hinten und presste die Hand auf die Wunde. Doch es tat kaum weh. Abyss' Gesicht wirkte furchterregend, als er auf sie zutrat. Er streckte Gibbli bedrohlich seine langen Finger entgegen.
"Geh weg!" Sie stützte sich am Boden ab und kroch rückwärts von ihm davon.
"Du hast dich sehr verändert, während ich weg war." Der Klang seiner Stimme passte hervorragend zu der Miene, mit der er vor ein paar Minuten noch Jack angefunkelt hatte.
"Abyss!", sagte Sky warnend, der jetzt hinter ihm auftauchte.
"Du willst, dass ich gehe?", fragte Abyss leise.
Nein verdammt, sie wollte ihren Bruder zurück, den sie kannte, nicht diesen Kerl hier, der ihr weh tat. Ihm schien ihr Blick nicht zu gefallen. Wütend zog Abyss die Augen zu Schlitzen. Er wollte gerade auf sie zustürzen, doch in diesem Moment wurde er sich der Waffe bewusst, die der Kapitän ihm an den Schädel hielt. Gibbli rappelte sich auf die Beine und trat zögernd auf die beiden Männer zu.
"Du wirst sie nicht anfassen, Abyss", befahl Sky scharf.
Langsam hob Gibbli einen Arm. Ihre Hand berührte Skys Finger. Er gab nach, als sie den Strahler ein Stück zur Seite schob. Der Kapitän trat einen Schritt zurück, die Waffe jedoch weiterhin erhoben und sofort bereit einzugreifen. Abwartend beobachtete er, was sie vor hatte. Doch Gibbli hatte selbst keine Ahnung, was sie tat. Wie sie Abyss davon überzeugen sollte, ihr zu glauben, dass sie mit Djego nicht zusammen war, wie der Soldat das genannt hatte. Abyss bewegte sich nicht. Und er berührte sie nicht, obwohl er direkt vor ihr stand. Wie schon bei dem Gespräch mit Jack war sie erstaunt, wie genau er die Befehle des Kapitäns befolgte.
"Sky mag der Kapitän sein. Aber um meinen Willen durchzusetzen, muss ich euch nicht führen", sagte er. Seine grauen Augen fixierten die ihren. "Ich könnte dich alles machen lassen, was ich will."
"Das könntest du", gab Gibbli mit schwacher Stimme zurück.
"Vielleicht möchte ich das aber nicht. Wenn es sein muss, dann kann ich auch sehr, sehr, wirklich sehr viel Geduld aufbringen."
"Und was willst du?"
Eine Weile blickte er sie an, ohne etwas zu sagen. "Es geht darum, was ich will, dass du willst. Mein Ziel ist, dass ich deines bin. Und das könnte ich niemals mit Gewalt erreichen."
Ohne den Blick von ihm abzuwenden, zeigte sie auf ihre Schulter "Du hast mich verletzt." In einer warmen Linie lief das Blut an ihrem Arm entlang und versickerte im Stoff des aufgeschlitzten Pullovers.
Abyss' Miene änderte sich für einen Moment. Kurz dachte sie, er hätte die Kontrolle über sich wieder erlangt, als wäre er der alte. Doch er war immer der alte gewesen, das wusste sie. Und das bedeutete auch, er hatte sie mit Absicht getroffen. Eine goldene Gestalt trat aus einer Seitenwand heraus und Abyss' Körper spannte sich wieder an. Steven blieb stehen, als er die Waffe in Skys Händen erblickte und ein Messer in Abyss' Fingern. Dann legte er den Kopf schief und grinste, als sein Blick auf Gibblis Wunde fiel. Doch keiner beachtete den Oceaner.
"Ich ... Verzeih mir. Bitte", sagte Abyss.
"Du manipulierst mich." Gibbli wäre fast ein 'Okay' herausgerutscht.
"Natürlich tu ich das!", fuhr er sie an. "Weil ich nicht anders kann!"
"Abyss!" Sky hob warnend seine Waffe.
Abyss' Stimme wurde wieder ruhiger. "Und ich werd's solange tun, bis du nachgibst, bis ich dich erreiche. Bis du mir endlich vertraust."
Gibbli verstand es nicht. "Du weißt genau, was du sagen müsstest, damit ich alles tun würde, was du verlangst. Was du willst." Aber er sagte es nicht. Das bedeutete, er mochte sie nicht.
Er schüttelte leicht den Kopf. "Du hast keine Ahnung, was ich will, Gibbli."
"Du willst, dass etwas schief läuft." Dass schlimme Dinge passierten, Tabus brechen. Abyss wollte leben. Etwas erleben. Er wollte nicht, dass alles perfekt lief, das wäre ihm zu langweilig. Langsam sprach sie weiter. "Du willst die Gefahr spüren. Du willst das gleiche wie Steven."
"Du vergleichst mich mit ihm? Das verletzt mich, Mädchen! Dieser dumme Mensch ist-" der Oceaner bracht ab, als er sah, dass Sky warnend den Kopf schüttelte.
Abyss beachtete keinen der beiden. Noch immer durchbohrte er Gibbli mit seinem Blick, als wollte er ihr damit die Haut aufreißen und ein Loch in sie hinein graben. "Nein. Ich sehne mich nach dem genauen Gegenteil davon. Meine Handlungen mögen den Anschein erwecken, dass ich ein direkter Mann bin. Jemand, der Dinge nicht vorausplant. Jemand, der zuschlägt, bevor er nachdenkt. Jemand, der alles auf sich zukommen lässt und das Leben nimmt, wie es passiert. Jemand, der mit allen Situationen klar kommt. Jemand, wie dieser kack Goldklumpen ..."
("Hey!", warf Steven ein.)
"... der es lustig findet, wenn Menschen leiden. Jemand, der gerne überrascht wird. Das denkst du doch, oder nicht? Aber ich verrate dir etwas, Gibbli. So jemand bin ich nicht. Ich HASSE unerwartete Situationen! Das ist es, was gute Pläne ausmacht. Hast du dir je überlegt, dass es meine Absicht ist, dass ich die Leute genau so über mich denken lasse? Dass ich ihnen vorspiele, ich sei spontan? Brutal? Unberechenbar? Und dass ich das tue, um sie leichter manipulieren zu können?"
Unsicher beobachtete sie Abyss, hatte das Gefühl, er würde jeden Moment auf sie losgehen. Doch offensichtlich gehörte das nicht zu seinem Plan. Gibbli bemerkte, wie der Kapitän seine Waffe hinter ihm sinken ließ. Sky hatte sie gewarnt, damals auf Oca bei den Mog. Sie hatte es nicht glauben wollen. Abyss war nicht spontan, er war jemand, der sich doppelt und dreifach absicherte, ohne dies jedoch andere wissen zu lassen.
"Nun, Sky hat sich darüber Gedanken gemacht. Er hat mich schon lange durchschaut. Frag deinen Kapitän. Er hat seine Leute wirklich im Griff. Aber das ändert nichts an der Tatsache, dass ich immer erreiche, was ich will, Gibbli. Und ich versichere dir, kein einziger meiner Pläne ist bisher gescheitert. Und dieser wird es auch nicht. Ich bin nicht Steven."
Der Oceaner stemmte empört seine Hände an die Seiten.
Bebend öffnete sie den Mund, doch sie wusste nicht, was sie sagen sollte. In diesem Moment war es ihr völlig egal, ob er sie manipulierte oder nicht! Ihretwegen konnte er alles machen, er war doch ihr Bruder!
"Du sagtest vorhin, du willst, dass ich gehe?", fragte Abyss plötzlich. "Gut. Dann gehe ich."
"Was ...", rief sie. Was sollte das denn bitte bedeuten? Sprach das nicht genau dem entgegen, was er gesagt hatte? Er wollte sie erreichen und dann ging er? "Abyss!"
Bevor Gibbli etwas tun konnte, drehte er sich um, rauschte an Sky vorbei und ging eiligen Schrittes von ihnen fort. Sky verzog das Gesicht, als hätte ihm dieses Gespräch nicht gefallen, und rannte ihm nach. Abyss wollte sie nicht mehr sehen. Also hasste er sie? Gibbli lief den beiden Männern hinterher.
"Hey, bleib stehen, Mädchen!" Steven holte sie an der nächsten Ecke ein und hielt sie fest. "Du solltest besser nicht-"
"Nein!", knurrte Abyss von weitem.
Gibbli riss sich los und eilte um die Ecke. Abyss und der Kapitän standen am Ende des Ganges und stritten. Der Oceaner tauchte hinter Gibbli auf und hielt sie wieder fest, damit sie nicht näher heranging.
"Ich akzeptiere kein Nein!", fuhr Sky Abyss an.
"Und ich hab keine Lust darauf, noch länger eine Schachfigur in deinem lächerlichen Weltherrschaftsspiel zu sein. Ich verschwinde", entgegnete Abyss dem Kapitän.
"Du wirst gefälligst hierbleiben! Du kannst nicht verschwinden! Der ganze Planet wird auseinanderbrechen!"
"Dieser verdammte Planet ist mir scheiß egal!"
"Dieser Planet ist unsere-"
"Belanglos! Sky! Hör mir zu, du weißt das. Ich würde alles geben, alles! Für nur eine einzige Sekunde. Mein Leben, dein Leben, den ganzen Planeten, wenn ich nur für einen winzigen Augenblick, nur einen Herzschlag lang ... in dem sie mich nicht als das sieht, was ich offensichtlich bin."
"Schweig", sagte Sky leise.
"Ich kann es nicht ändern. Ich will es nicht ändern. Dennoch mach ich es nicht, niemals, ich halte das aus, Sky."
"Sag es nicht."
"Weil ich sie liebe. Ich liebe sie."
Gibbli hielt inne.
"Als Schwester", flüsterte der Kapitän.
Abyss schwieg und legte die Stirn in Falten.
"Als Schwester", wiederholte Sky. "Antworte!"
"Worauf denn bitte?", rief Abyss.
"Du liebst sie als Schwester, richtig?"
"Ich versteh dich nicht! Was willst du hören?" Abyss' Blick fiel jetzt auf Gibbli, die wieder anfing zu versuchen, sich von Stevens Griff zu befreien. Dann drehte er sich wieder Sky zu. "Sie braucht mich nicht!"
"Sie braucht dich! Mehr als-"
"Unsinn! Ich ertrage ihren Anblick keine Sekunde länger! Ich bin raus." Abyss ging davon und verschwand im nächsten Gang.
"Abyss!", rief Sky und fuhr sich verzweifelt mit beiden Händen durch seine Dreadlocks. Dann rannte er ihm hinterher.
"Was?", rief Gibbli, ebenso verzweifelt. "Warum sagt er das? Warum brauche ich ihn nicht? Abyss ist mein Bruder!"
Steven blickte sie mitleidig an, dann lachte er traurig. "Ich werde nie verstehen wie Menschen so blind sein können."
Verständnislos betrachtete sie den Oceaner.
"Er ist mehr als das. Das war er schon immer, mein Schatz."
Mehr? Was für ein Unsinn! Wie konnte jemand mehr sein, als ein Bruder? Dafür gab es keine Steigerung!
Plötzlich heulte er auf. "Ohhhh, das ist ja so schrecklich! Ich bin zutiefst betrübt, dass er ging, mein trauriges Menschlein, ohhhh, so schlimm!" Seine Miene änderte sich. Dann lachte er. "Nicht. Natürlich freue ich mich. Dein Mensch ist weg! Haha, endlich nervt er mich nicht mehr!"
In Gibbli brodelte mit einem Schlag Hass hoch. "Es ist deine Schuld!", schrie sie ihn an. "Wegen deiner dummen Aufgabe!"
Sie versuchte, seinem Griff zu entkommen. Doch Stevens Finger gruben sich fester in ihre Schultern und drückten schmerzhaft auf ihre frische Schnittwunde.
"Oh nein, Mädchen! Das ist nicht mein Fehler, du-" Er hielt inne und erstarrte.
Gibbli blickte panisch auf. Sie spürte es. Er spürte es. Sie beide spürten es. Dann begann Steven zu grinsen. Ungefiltert brach seine Kälte über ihren Körper herein. Er drückte sie nach unten, allein mit seinen Gedanken, berührte sie nicht einmal mehr.
Jack hatte die Störsender abgeschaltet.
Gibbli ging in die Knie. Mit einem Mal wurde sie sich bewusst, wenn er seine Macht zurückerlangt hatte, dann hatte sie es auch. In Gedanken befahl sie einigen Geräten, sich zu erheben. Um die beiden herum begann es zu surren.
Steven starrte sie begeistert an: Der Blick eines irren, geisteskranken Mörders!
Sie würde gegen ihn kämpfen, bis zum bitteren Ende. Die Wellen traten aus ihrem Kopf aus und sie lenkte das befehlende Feld zu einem der surrenden Geräte. Es schoss auf den Oceaner zu. Er hob die Hand und wischte es mit der Kraft seines Geistes beiseite, lange bevor es ihn erreichte. Mit voller Anstrengung ließ sie die restlichen Flugobjekte auf ihn zurasen. Zu Gibblis Entsetzen ruckte Steven nur einmal kurz mit dem Kopf und die faustgroßen Maschinen stoben von ihnen davon, prallten an die Wände und sackten zu Boden. Mit geballten Fäusten ließ Gibbli ihr Glühwürmchen aus der Werkzeugtasche schweben. Das kleine Ding war ihre einzige Chance! Es schoss mit einer unglaublichen Geschwindigkeit auf Steven. Doch er lachte. Statt es zu stoppen, fing er es mit nur zwei Fingern in der Luft ab. Der Oceaner drückte die beiden Finger genussvoll zusammen und zerdrückte ihre Erfindung, bis nur noch Staub davon übrig war. Mit bedrückender Langsamkeit rieselte dieser von seiner sehnigen Hand aus zu Boden und durch die Gitter hindurch. Steven hatte gelogen. Er konnte es steuern. Und Gibbli begriff, was sie nicht wahrhaben wollte: Damals am Lagerfeuer hatte dieser Irre sich absichtlich von ihr verletzen lassen! Er hatte zugelassen, dass sie ihn mit ihrer Erfindung traf und seine Haut aufschrammte. Wenn er es nicht wollte, hatte absolut niemand eine Chance gegen ihn. Weder sie, noch sonst jemand aus der Crew.
Gibbli gab sich einen Ruck und sprang an ihm vorbei. Mit aller Kraft, die sie noch aufbringen konnte, rannte sie los.
Steven folgte ihr nicht. Freudestrahlend betrachtete er seine Hände, während Gibbli so schnell wie möglich von ihm fort hastete.
Schwindelig stürzte sie durch die Gänge. Doch sie blieb nicht stehen und lief immer weiter, bis sie sein hysterisches Gelächter nicht mehr hören konnte.
Und dann stand plötzlich er vor ihr: Djego.
Gibbli schluckte und sofort wünschte sie sich den Oceaner zurück. Djegos Blick wirkte anders. Dunkler und entschlossener. Nicht mehr so lässig wie sonst. Er sah sie an, wie ein Jäger seine Beute ansah. Und ihr wurde sofort bewusst, dass mit dem Abschalten der Sender auch ihr Einfluss auf Menschen zurückgekehrt war. Wie ein verschreckter Kugelfisch starrte sie ihn an. Vergessen war all die Kraft, all das Training, das Sky ihr beigebracht hatte, als Djego ihr plötzlich seine Waffe an die Stirn hielt. Sie konnte oceanische Dinge bewegen, ja. Oder hätte es gekonnt, doch all ihre Kraft schien beim Versuch, sich gegen Steven zu wehren, verbraucht worden zu sein. Und Strahlen aufhalten, die nicht für elektromagnetische Wellen empfänglich waren, war sowieso nicht möglich.
"Wenn du dich bewegst, drücke ich ab. Verstanden?"
"Verstanden", brachte sie kaum hörbar hervor. Ihr Atem wurde flacher, schneller. Seine türkisfarbenen Augen, nur wenige Zentimeter vor ihr, raubten Gibbli jegliche Kontrolle über ihre Worte. "Warum?"
"Jack will deinen Tod", sagte Djego leise. "Er gab mir den Auftrag, dich zu ihm zu bringen oder dich zu töten. Das tat er bereits vor einer ganzen Weile. Ich hielt mich zurück. Ich erfand Ausreden. Aber ich habe das hier zu lange hinausgezögert. Ich hätte niemals warten sollen, bis dein dämlicher, alter Liebhaber zurückkehrt."
"Er ist nicht mein ... Du hättest mich längst ... längst töten können, du ...", stotterte sie.
"Ja. Das hätte ich wirklich tun sollen", stimmte er zu. "Zu deinem Glück wollte ich aber etwas anderes von dir. Das ist seltsam, plötzlich will ich es noch mehr als vorher. Als hättest du dich verändert. Und mit einem Mal, ich spüre es in diesem Moment, wird mir klar, eigentlich ist mir dein Leben egal. Jetzt habe ich erkannt, dass ich es mir genauso gut holen könnte, wenn du tot wärst. Ich überlasse dir also die Wahl. Willst du leben oder willst du vorher sterben. Für mich macht es keinen Unterschied mehr, ich habe es satt zu warten! Ich habe versucht, es dir leichter zu machen, dich zu überzeugen, aber wie es aussieht, ist das nicht möglich. Ich werde mir jetzt nehmen, was ich begehre, ohne deine Zustimmung. Ich mag dich, darum lasse ich dir diese letzte Wahl. Also, entscheide dich. Jetzt."
Gibbli zitterte. "Leben", flüsterte sie.
"Dreh dich um. Eine falsche Bewegung und du bist tot. Ich hätte das schon tun sollen, nachdem ich dich bewusstlos schlug. Ich dachte, ich könnte dich noch überzeugen. Mein Fehler."
Er warf sie herum und presste sie gegen die goldene Wand des Ganges. "Du warst das! Du hast Sky angeschossen!" Gibbli fühlte sich plötzlich wie gelähmt.
Dann ging alles ganz schnell. Er zog an ihrer Hose. Bevor sie reagieren konnte, fielen ihre Werkzeugtaschen zu Boden. Sie wimmerte. Im nächsten Moment hielt er ihr den Mund zu. Gibbli krallte sich in seinen Arm, als sie den Schmerz zwischen ihren Beinen spürte. Sie schrie in seine Hand hinein. Weg, war ihr einziger Gedanke, fliehen! Sofort! Und sie floh. Floh, zu Bo, floh in ihren Geist hinein. Sie war die blaue Frau, mit dem Marahang in der Brust. Doch mit Entsetzen erkannte Gibbli, dass Bo keine Luft atmete. Sie hatte Ocea erneut verlassen. Die Hybridenfrau tauchte durch Wasser! Gibbli spürte das kühle Nass in ihre Lunge fließen. Das war schrecklicher als ihre eigene Situation! Nox' Stimme erklang in ihren Gedanken, vorwurfsvoll. Warum, sie gekommen war, sie würde alles nur schlimmer machen, seine Versuche noch zum Scheitern bringen. Gibbli verstand nicht, worum es ging, ihre eigenen Schmerzen lenkten sie zu sehr ab und es fiel ihr schwer, in Bo's Körper zu bleiben. Offensichtlich wurden sie von anderen Tiefseemenschen verfolgt. Nox sprach weiter mit Bo, rief ihr zu, flieh, schneller, schneller, sie kommen näher, flieh! Und wieder floh Gibbli. Für einen Moment spürte sie Djego an ihrem Rücken, in ihr, den stechenden Schmerz zwischen ihren Beinen und dann erschien er. Rod. Sie blickte in seine schrecklichen, grünen Augen. Dieser Mann packte sie in Gedanken, packte Mara und tauchte sie unter, immer wieder und wieder. Die Gedanken überwältigten Gibbli und sie schrie, Mara schrie in ihrem Kopf, während das Wasser sie erstickte, das Wasser in Bo, in Maras Vergangenheit, während dieser Rod sie verletzte, während Djego sie brach. Und der Alptraum von Maras Erinnerung wurde für Gibbli Realität.
Es schliff an seiner Haut entlang, in ihn hinein. In Djego, den sie irgendwann einmal irgendwie gemocht hatte. In einer anderen Zeit. Er fluchte, schlug nach der Kugel aus und traf sie mit seiner Waffe. Das kleine Sonnenstück, das Gibbli sich aus lauter Verzweiflung aus der Luft geschnappt hatte, zitterte und flog eine scharfe Kurve. Dann jagten Gibblis Gedanken es erneut auf ihn zu. Djego wich zurück. Während er den Gang entlang von ihr weg rannte, traf er es wieder. Dort in der Ferne blitzte die leuchtende Kugel auf. Ein kleiner Funke sauste durch die Luft. Es stoppte, bewegte sich noch ein Stück nach vorne. Dann drückte die Gravitation das Sonnenstück unbarmherzig gegen den goldenen Boden. Dort lag es, kaputt. So wie sie hier stand, gegen die kalte Metallwand Oceas gelehnt.
Kaputt.
Blut rann an ihren Oberschenkeln hinab. Sie hatte versagt. Der Drang weinen zu müssen, zu wollen, stieg in ihr hoch. Doch es kamen keine Tränen. Als gäbe es nur noch diese Leere, diese ausgetrocknete, rissige Haut. Nein, nicht einmal die. Vakuum. Keine Gedanken mehr. All das Wasser in ihrer Lunge hatte sich scheinbar aufgelöst. Die Lunge selbst war fort. Das Blut und die Adern, in denen es einst floss, gab es nicht mehr. Keine Organe mehr, die weh tun konnten. Kein Herz mehr, das für ihn schlug. Nie für ihn geschlagen hatte, nicht für dieses Monster.
Und dennoch, da! Da, in dieser Leere, hing es. Zwischen ihren Rippen. Schlug weiter. Unaufhörlich drang das Klopfen durch alles hindurch, was zu erreichen war. Und es schrie noch immer. Leise, aber es schrie. Und jetzt erst verstand Gibbli, was es schrie. Es hatte schon immer geschrien. Immer das gleiche. Seit dem ersten Schlag, als diese grauen Augen direkt in es hinein geblickt hatten. Ein Schrei, der bereits lange vor dieser Leere existiert hatte, ungehört, überdeckt von allem anderen. Jetzt jedoch gab es nichts mehr, hinter dem er sich verstecken konnte. Nichts mehr, was im Stande war, diesen Schrei zu übertönen. Klar und deutlich fuhr er durch sie hindurch. Immer wieder brüllte es seinen Namen, den Namen ihres Bruders. Ihr Abgrund, ihr sicherer, beschützender Abgrund, in dem niemand sonst sie erreichen konnte. Klopf. Klopf. Klopf. Abyss. Abyss. Abyss.
 
Gibbli wusste nicht mehr, wie lange sie da stand, bewegungslos, und seinem Namen lauschte. Das Blut war längst getrocknet. Ihr Kopf fühlte sich leer an, als würden ihre Gedanken still stehen. Irgendwann realisierte sie, wo sie sich befand: In der Stadt. Allein. Was, wenn Djego zurückkam? Nüchtern betrachtete sie ihre Kleidung. Gibbli zog sich langsam an und band sich ihre Werkzeugtaschen um. Sie verdeckten das Blut etwas. Dann ging Gibbli davon. Mit offenen Augen und leerem Blick. Ein Schritt nach dem anderen. Das Gehen schmerzte. Jeder Tritt verursachte einen Stich zwischen ihren Beinen. Sie musste die oberen Stockwerke erreichen. Nein, selbst dort oben würde Djego einen Weg hinein finden. Sie musste in die Mara. Sie musste zu Abyss und Sky und den anderen. Doch ihre Schritte trugen sie hoch zur Plattform, als würde irgendetwas sie von dort aus anziehen.
Und tatsächlich, da stand er, über den Dächern der Stadt.
Ein paar Meter vor ihm blieb sie stehen. Das Portal weiter hinten gab ein seltsames Knistern von sich. Alles in ihrer Umgebung erwachte langsam zum Leben. Die vielen Maschinen begannen zu arbeiten. Helle Lichter schalteten sich ein und Vorrichtungen begannen sich zu drehen. Doch Gibbli interessierten sie nicht mehr. Oceas Schätze konnten ihr gestohlen bleiben.
"Abyss", flüsterte sie.
Die langen, blonden Haare hingen zerzaust von seinem Kopf herab. Er drehte sich nicht zu ihr um. Über den Geigenkoffer gebeugt sah es aus, als würde er packen und seine Worte bestätigten es ihr: "Verschwinde. Ich verlasse die Crew."
"Ohne mich?", fragte Gibbli kaum hörbar.
"Ich halte es nicht aus, in deiner Nähe zu sein." Der ablehnende Klang seiner Stimme schickte einen schmerzenden Stich durch ihre Brust hindurch.
Gibbli spürte, wie etwas in ihr zerbrach. "Du gehst wegen mir."
"Ich erreiche dich nicht mehr. All diese Geheimnisse. Erst mit Steven und jetzt mit diesem ... dieser ... braunlockigen Fratze."
"Abyss er hat ... er ist ..."
Abyss schlug den Geigenkasten lautstark zu und Gibbli zuckte zusammen. "Ich will es nicht hören", knurrte er und jedes Wort schnitt in ihren Körper hinein, fuhr über jeden Millimeter ihrer Haut und hinterließ tiefe Schnitte, wie sein Messer es an ihrer Schulter getan hatte. "Ich will nicht wissen, was er mit dir macht, was er für dich ist! Darum ging es nie. Ich gehe."
"Abyss, ich ... nein, tu das nicht ... du ..."
"Sag mir nicht, was ich tun soll!", fauchte er und Gibbli verstummte, als er mit voller Wucht etwas gegen die Wand warf.
Es prallte klimpernd davon ab und landete nicht weit von Gibblis Füßen entfernt. Die kleine Sonne war verbogen. C.D. stand drauf. Gibbli erkannte Djegos Anstecker sofort wieder, den Sky ihr vor einer halben Ewigkeit gegeben hatte. Sie hatte völlig vergessen, ihn zurückzubringen.
Noch immer stand Abyss da, von ihr abgewandt. Er schien tief einzuatmen, um sich zu beruhigen. "Ich tu was ich will. Und wenn ich wollte, würdest du dich winden unter meinen Fingern. Ich könnte alles mit dir machen und du wärst nicht im Stande, dich zu wehren. Aber das ... will ich nicht."
"Dreh dich um, bitte, Abyss dreh ...", wieder brach sie ab.
"Nein", sagte er leise. "Nein, Gibbli. Zwing mich nicht, dich ansehen zu müssen. Es schmerzt mich. Das wolltest du ja sowieso nie, mich ansehen. Und ich will nicht, dass du mein Gesicht so siehst. Ich will dich nicht traurig machen. Ich wollte immer nur, dass du glücklich bist, dass du lachst."
Er nahm seinen Koffer. Gibbli öffnete den Mund. Dann ging er einfach weg. Ohne sie auch nur einmal anzusehen. Ohne sich auch nur noch einmal nach ihr umzudrehen. Er ging. In dem Moment, in dem sie ihn am meisten gebraucht hätte, ging er.
Und seine Worte von damals hallten durch ihren Kopf, nachdem er die Plattform längst verlassen hatte: 'Ich werde hinter dir stehen. Immer. Egal was du machst. Egal was du über mich denkst und egal was es wagt, sich zwischen uns zu stellen. Wenn du fällst, fange ich dich auf. Auch wenn du das nicht willst. Ich tu's trotzdem.'
Ich bin gefallen, dachte sie, und du fängst mich nicht auf. Sinnlose Sätze, die nichts mehr bedeuteten. Lügen. Leere Worte, die sich auf ihren ganzen Körper erstreckten. Hohl. Verlassen. Tot. Jetzt gab es gar nichts mehr in ihr. Das Herz, das nach ihm schrie, gefror. Und Gibbli wurde zum Oceaner, zum Oca, der sie immer gewesen war.
 
Die Hülle ihres Körper schritt durch die Gänge der Stadt. Irgendwann stand sie vor den Schleusen der Mara, wo Steven sie hineinließ. Sie trat ein. Steven. Genau der Mann, den sie jetzt brauchte.
"Was ist passiert, Mädchen?", fragte er sofort und betrachtete sie abschätzend.
"Stell keine Fragen", antwortete Gibbli kalt.
Die beiden standen sich im Gang zwischen dem MARM und der Zentrale gegenüber. Es kümmerte sie nicht, ob er merkte, was passiert war. Vielleicht hatte er das Blut gesehen. Vielleicht auch nicht. Vielleicht ihren emotionslosen Blick. Vielleicht hörte er, dass ihr Herz vor Verzweiflung trotz all der Leere irgendwie noch immer schrie. Nicht wegen Djego. Niemals wegen ihm. Das, was Abyss ihr angetan hatte, war tausend Mal schlimmer. Djego hatte nie die Macht besessen, sie so sehr zu verletzen, wie Abyss es getan hatte.
"Deine Aura hat sich verändert, ich spüre es. Was ist passiert?", wiederholte Steven die Frage.
"Ich habe eine Aufgabe für dich, Oca!"
"Nett. Aber du bist nicht dran."
"Ich bin dran!", fuhr sie ihn an.
Steven grinste. "Du hast ihn nicht geküsst. Du wolltest es nicht. Er hat dich geküsst. Ich hab euch beobachtet."
"Das ist mir scheiß egal!" Es berührte Gibbli nicht, auch nicht, dass er sie beobachtet hatte. Nichts berührte sie mehr.
"Der Kapitän hört es gar nicht gerne, wenn du so redest, nein, das tut er nicht."
"Es interessiert mich nicht mehr, was der Kapitän gerne hört und was nicht! Halt dein Maul und lass mich die Aufgabe stellen!"
"Nein, Mädchen. Das geht nicht. Du verletzt die Spielregeln. Diese besagen, dass ich einen Gefallen einfordern darf. Du hast es versucht und bist gescheitert."
"Du verdammtes Arschloch! Dann sag mir, was ich tun soll! Ich mache es! Was willst du, dass ich tue?"
Misstrauisch betrachtete er sie. "Okay. Gut. Ich will, dass du mir zeigst, dass du Schmerzen liebst. Zeig mir, wie du sie genießt, Mädchen."
Gibbli hob ihren Kopf und verzog den Mund zu einem schaurigen Grinsen. Nichts leichter als das. Ohne sich von ihm abzuwenden, zog sie das Messer aus ihrem Stiefel. Sie hob es an und hielt es ihm vor die Nase. Dann streckte sie ihren rechten Arm aus, die Innenseite nach oben und rammte es mitten durch ihre Handfläche hindurch. Gibbli zuckte nicht einmal mit der Wimper. Ganz langsam zog sie es wieder heraus, ihre Mundwinkel noch immer unbekümmert gehässig nach oben gezogen. Es tat weh. Es blutete. Aber sie spürte es kaum. Das war nichts gegen das, was er ihr angetan hatte. Was Abyss ihr angetan hatte! Ihr Bruder, der einzige Mensch im ganzen Universum, dem sie halbwegs vertraute, hatte sie im Stich gelassen, als sie ihn am dringendsten gebraucht hätte.
Ungläubig öffnete Steven den Mund. "Das ... kam unerwartet." Fasziniert hob er seine goldenen Finger und streckte sie nach ihrer Hand aus.
Sofort trat Gibbli einen Schritt zurück. "Fass mich nicht an!", schrie sie.
"Schon gut", der Oceaner winkte ab.
"Bist du jetzt glücklich? Darf ich dir jetzt deine Aufgabe stellen?"
Er betrachtete angeekelt die kleine Pfütze ihres Blutes am Boden und nickte dann. "Ja. Klar. Soll ich jemanden für dich aufschlitzen? Den Kapitän? Oder vielleicht diesen Menschenjungen?"
"Nein." Zufrieden ließ Gibbli das Messer sinken.
"Ich könnte ihn-"
"Nein." Für einen Moment hatte Gibbli tatsächlich daran gedacht, ihm diese Aufgabe zu stellen. Doch es gab jetzt etwas Wichtigeres, etwas, das sie Djego vollkommen vergessen ließ. "Hol Abyss zurück."
"Vergiss es", sagte Steven sofort.
"Hol ihn zurück!"
"Aber es ist doch wundervoll, dass er uns nicht mehr belästigt! Oh ja, was immer du von ihm willst, du kannst es auch von mir haben, Mädchen. Ich genieße jede traumhafte Sekunde ohne diesen-"
"Das ist deine verdammte Aufgabe! Also führ sie aus!"
Er schüttelte den Kopf. "Ich wähle die Strafe."
"Dann wird es Zeit, meinen Gefallen einzufordern. Du erinnerst dich?"
Steven verschränkte die Arme. "Jetzt?"
"Wann ich will und wo ich will."
"Und was willst du?", fragte er genervt.
"Ich will, dass du Abyss zurückholst."
"Nein, nein, nein. Unmöglich."
"Du gehst und du wirst nicht ohne ihn zurückkehren."
"Sinnlos! Dieser beschränkte Mensch würde sowieso niemals auf mich hören."
"Dann sieh es als Herausforderung."
"Das ist doch lächerlich, Mädchen, das ist-"
"Ich schwöre dir, ich zieh dir deine jämmerliche, goldene Haut ab, wenn du es nicht tust!" Ihre Worte klangen so fest, dass Steven erstaunt seine haarlosen Augenbrauen hob.
"Das ist dein Ernst", stellte er fest. "Du meinst das, was du sagst. Du wirst das wirklich tun." Beeindruckt lachte er auf.
Natürlich würde sie das tun! Was dachte dieser dämliche Haufen von Gold?
"Okay. Ich mache es. Ich liebe diese Kälte. Jetzt denkst du wie ein Oca, das ist mein Mädchen. Holen wir diesen beißenden Hund zurück." Er drehte sich um und verschwand durch eine Wand in den MARM hinein.
Erschöpft schloss Gibbli für einen Moment die Augen und fragte sich, was eigentlich ein Hund war. Dann betrachtete sie ihre Hand. Sie hatte das Messer ernsthaft mitten hindurch gestochen. Beide Seiten bluteten. Die Haut an ihren Fingern fühlte sich fremd an. Und nicht nur an ihren Fingern, überall. Sie einfach abzuziehen wäre jetzt schön. Weg, weg von ihr! Sie wollte sich waschen. Seine ekligen Berührungen wegspülen. Aber das bedeutete, alleine ins Badezimmer zu gehen, und Wasser war gerade das letzte, was sie auf ihrer Haut spüren wollte. Entschlossen hob Gibbli den Kopf und öffnete die Tür zur Zentrale.


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Sterne zeichnen – Inchies auf schwarzem Zeichenpapier (Fabriano Black Black, POSCA Marker)

inchies auf schwarzem papier (fabriano) mit posca marker von sockenzombie

In den letzten Tagen hatte ich Lust drauf, wieder ein paar Sterne zu zeichnen. Entstanden sind diese 25 Inchies. Ich habe dafür einen neuen Zeichenblock ausprobiert, das Fabriano Black Black Papier. Mein Plan ist, auch den Rest des Blockes mit vielen Sonnen zu füllen.

inchies auf schwarzem papier (fabriano) mit posca marker von sockenzombie

Da ich noch nicht weiß, was genau ich mit den Inchies anfange und ob ich sie überhaupt ausschneide, habe ich die Ränder mit Tape abgeklebt. Dadurch sieht die Seite am Ende etwas ordentlicher aus.

inchies auf schwarzem papier (fabriano) mit posca marker von sockenzombie

Zuerst zeichne ich erst mal den Himmel, der hier am Horizont etwas heller sein soll. Für die Übergänge bei den Farbverläufen benutze ich meinen Wassertankpinsel. Neben Schwarz und Weiß verwende ich für die Inchies folgende Farben: Marineblau, Blau und Smaragdgrün.

inchies auf schwarzem papier (fabriano) mit posca marker von sockenzombie

Infos zur Farbe: Ich habe durchgehend die deckenden POSCA Marker benutzt. Genaueres zu den Stiften findet ihr hier: POSCA Marker Test - Deckende Farben auf Wasserbasis

inchies auf schwarzem papier (fabriano) mit posca marker von sockenzombie

Als nächstes spritze ich etwas weiße Farbe über die Inchies. Das werden die ganz kleinen Sterne im Hintergrund und somit die Grundlage für den Himmel. Am Boden zeichne ich kleine Hügel ein, auf denen dann die Beobachter stehen konnten. Anschließend schenke ich jedem Inchie noch drei kleine Menschlein.

Jetzt fehlen noch die Sterne. Dafür verwende ich einen weißen Marker und einen Zahnstocher. Damit sie auch schön leuchten, zeichne ich um einige der Sterne noch einen Schein herum, mit einem weißen Albrecht Dürer Aquarellstift von Faber Castell.

inchies auf schwarzem papier (fabriano) mit posca marker von sockenzombie

Infos zum Papier: Es handelt sich hier um einen Block vom Black Black Zeichenpapier von Fabriano. Es ist 300g/m² schwer, also einigermaßen dick und schön glatt, ohne groß sichtbare Struktur. Es besitzt eine matte, unbeschichtete Oberfläche. Für die Herstellung werden lichtechte Pigmente verwendet, das schwarz sollte also einigermaßen Sonnenfest sein. Für Inchies bzw. kleinere Bilder erscheint es mir ganz geeignet. Allerdings denke ich, dass es nicht viel Wasser verträgt. Mein Eindruck ist, dass trockene Medien ganz gut funktionieren. Eines meiner Inchies war etwas zu nass, das merkt man auch leicht auf der Rückseite. Bei größeren Aquarellbilder wird sich das Papier also vermutlich etwas wellen.

Und hier noch die fertigen Motive ohne Tape:

inchies auf schwarzem papier (fabriano) mit posca marker von sockenzombie

inchies auf schwarzem papier (fabriano) mit posca marker von sockenzombie


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Kapitel 15: Das Treffen (Bis in die tiefsten Abgründe)

Gibbli hatte keine Ahnung, wo er abgebogen sein könnte oder ob er vielleicht sogar das Stockwerk gewechselt hatte. Sie musste ihn finden!
Plötzlich erschien jemand vor ihr, mit dem sie überhaupt nicht gerechnet hatte. Irritiert blieb Gibbli stehen. Wasser tropfte nach unten und am Boden bildete sich eine kleine Pfütze.
"Bo?"
"Gibbli!"
Über die blassblaue Haut rannen noch vereinzelte Tropfen. Ihre Augen strahlten in einem grellen Orangeton. Erstaunt betrachtete Gibbli die schwarzen Haare, die Bo's Glatze jetzt vollkommen bedeckten. Und dann brach auch schon der Redeschwall über sie herein.
"Endlich finde ich jemanden! Wo seid ihr alle? Ich war kurz auf der Mara und auf der Plattform und überall ist es wie ausgestorben, bin gerade zurückgekommen. Wir haben es versucht, also ich, tagelang, die wollen nichts mit uns zu tun haben! Sie geben uns die Schuld für diese Schlacht beim Mönch. Viele von ihnen sind damals gestorben. Ich versuchte es trotzdem, aber die haben mich gejagt! Das wird nicht funktionieren, wie Sky sich das vorstellt und Nox ist - oh Gibbli, wie siehst du aus? Was ist los mit dir?"
"Ich-"
"Bist du krank? Warum bist du so dürr? Und so blass? Gibbli, was ist passiert? Warum bist du hier eigentlich allein?"
"Es geht mir hervorragend!", murmelte Gibbli genervt, als Bo endlich Luft holte.
"Du willst also nicht darüber reden. Habt ihr kein Essen mehr? Wo sind denn alle? Nicht mal Sam ist da!"
"Sam ist auf der Mara. Sie schläft bestimmt wieder irgendwo."
"Warum?"
Gibbli zuckte mit den Schultern. "Bo, ich muss Abyss finden!"
"Okay, ich helfe dir suchen. Und Sky. Er muss es erfahren, es dauert nicht mehr lange, ich spüre es."
Gibbli fragte nicht nach, was nicht mehr lange dauern würde, es war ihr egal, wovon Bo sprach. Sie dachte nur noch an Abyss. Wahrscheinlich würde er nie wieder mit ihr reden. Bestimmt wollte er sie nie wieder sehen. Aber sie musste es versuchen, sie musste ihm erklären, ja was eigentlich? Dass sie das nicht mit Absicht gemacht hatte? Sollte sie ihm von dem Spiel erzählen? Das konnte sie nicht, dann würde das mit Stevens Name rauskommen. Und irgendwie tat es ihr schon wieder leid, dass sie Djego ernsthaft geschlagen hatte. Er konnte doch nichts dafür, oder? Stevens Aufgabe hatte das alles ausgelöst. Die beiden stiegen weiter nach oben, um den Soldaten auszuweichen. Abyss würde sicher nicht mitten in Jacks Leute hineinlaufen. Verdammt, doch. Genau das würde er tun, wenn er diese unberechenbare Miene aufsetzte. Und da gab es etwas in seinem Gesicht, das Gibbli nicht deuten konnte, nicht deuten mochte. Etwas Trauriges, Verzweifeltes. Würde er sein Versprechen brechen und dieses Zeug wieder trinken?
"Manchmal redet er weniger als du. Aber ich habe ihm vielleicht zu viele Fragen gestellt. Er wollte mir nicht erzählen, wie sein Vater und meine Mutter sich kennen lernten. Ich möchte es doch so gerne wissen."
"Wo ist eigentlich Nox?", fragte Gibbli und unterbrach Bo in ihrem Selbstgespräch. Sie erinnerte sich daran, dass Samantha gesagt hatte, er wäre nicht dort, wo der Kapitän ihn hingeschickt hatte. Erst jetzt bemerkte sie, dass Bo's Halbbruder tatsächlich nicht hier war. Dann fiel ihr auf, dass sie ja gerade von ihm gesprochen hatte.
"Nox ist zu den Tiefseemenschen! Ich verstehe nicht, warum er unbedingt dorthin zurückwill. Er schwamm mir einfach davon, als wir bei den Hochseemenschen waren! Er hielt es von Anfang an für sinnlos, aber ich musste es doch versuchen. Keine Sorge, ich werde ihn schon holen, nur erst muss ich Sky davon erzählen. Wir müssen bereit sein zum Aufbrechen, wir müssen hier weg! Die Frage ist nur wohin? Ich spüre lediglich diese Wand!"
"Welche Wand?"
"Ich verstehe nicht, wie er seinen eigenen Tod nicht sehen kann. Nox kapiert es nicht, er meint, dass die Gabe so nicht funktioniert, dass es anders kommen kann, aber-"
"Still!", unterbrach Gibbli ihre Worte.
Sie befanden sich im zweiten Stockwerk von oben und Gibbli glaubte, etwas gehört zu haben. Die beiden schlichen zwischen zwei Gebäuden in einen Seitengang hinein und versteckten sich hinter ein paar großen Maschinen. Von dort aus krochen sie weiter nach vorne. Da war es wieder, das Geräusch. Ein seltsames Atmen! Gibbli zog ihren Strahler.
"Seit wann hast du-", begann Bo.
"Schhht", zischte Gibbli.
Wieder ertönte dieser schluchzende Laut, wie ein lautes Einschnaufen durch die Nase. Und dann sah sie ihn. Er saß am Boden, halb unter einer Ablagefläche verborgen. Mit dem Rücken lehnte er gegen eine der Konsolen an der gegenüberliegenden Seite des breiten Ganges. Gibbli stutzte, als sie sein Gesicht erkannte. Ungläubig schüttelte sie den Kopf und vergewisserte sich mit einem weiteren Blick, dass das wirklich er war. Abyss weinte? Nein, sie täuschte sich bestimmt. Da waren keine Tränen zu erkennen. Doch Gibbli konnte sich auch nicht daran erinnern, ihn je so gesehen zu haben. Normalerweise wurde er wütend. Nein, dachte sie, er hatte geweint, als der Mönch starb, oder? Aber das hatte sie nicht gesehen. Aber warum sah er jetzt so fertig aus? Sie hatte alles falsch gemacht, oder? Bo erblickte ihn ebenfalls und wollte aufspringen, doch Gibbli umklammerte ihr Handgelenk, zog sie zurück. Kopfschüttelnd bedeutete sie Bo, still zu sein. Abyss war nicht mehr alleine. Da kam jemand auf ihn zu!
Die Waffe in ihrer Hand begann zu zittern. Gibbli dachte zuerst, es wäre ein Soldat, doch dann erkannte sie Sky.
Der Kapitän schritt auf Abyss zu und hielt ihm ein Tuch entgegen. "Hier."
Abyss riss es ihm aus der Hand. "Was soll ich damit? Engagierst du mich jetzt als Putzkraft für die Stadt?"
"Du bist zu alt", antwortete Sky leise und setzte sich neben ihn unter die Konsole.
"Zum Putzen?"
"Abyss."
Abyss starrte auf das Tuch in seinen Händen. "Ich werd dreißig, Sky. In ein paar Wochen."
"Du bist fast zehn Jahre jünger als ich."
"Neun Jahre, ein Tag und drei Stunden."
"Dein Gedächtnis ist hervorragend."
"Natürlich. Ich muss mir schließlich auch viele fast der Wahrheit entsprechende Geschichten merken."
"Du wärst so gut gewesen. Ich verstehe nicht, warum sie dich nicht annahmen. Bei deinem Talent hättest du zehn Stipendien bekommen können."
Abyss schwieg einen Moment, dann sagte er leise: "Vielleicht haben sie das ja."
Sky runzelte die Stirn. "Erkläre das."
Abyss zuckte mit den Schultern. "Ich war genau zwei Tage auf der Akademie. Zwei Tage und fünf Stunden. Die größte Verschwendung meines Lebens, bis ... naja, du weißt schon."
"Du warst ... nur wegen ihm dort. So hast du es also getan."
"Mhm."
"Es sollte mein erster Fall werden, aber ich war nicht im Stande, die Ermittlungen zu leiten. Jack hat das übernommen. Kurz bevor er zum Führer ernannt wurde."
Abyss nickte.
"Jack wusste immer, dass du es warst. Aber er hat es mir nie erzählt."
"Er konnte es auch nie beweisen", murmelte Abyss.
"Zu deinem Glück."
"Das war sicher kein Glück."
"Manchmal bist du arroganter als Steven. Also warfen sie dich nicht raus."
"Nein. Ich bin gegangen. Ich wollte nie auf die Akademie."
"Es ging dir nur darum, ihn zu erwischen. Ich verstehe das. Es ist okay."
"Ja. Du wusstest bereits, dass ich es war. Nicht dass ich mich deswegen schuldig fühlen würde, ich tu's nicht, aber warum hast du mich trotzdem in deine Crew aufgenommen?"
"Ich denke, du weißt warum."
Abyss starrte wieder auf sein Tuch.
"Das verstehe ich nicht", flüsterte Bo.
Gibbli schüttelte den Kopf, damit sie still war. Sie verstand ebenfalls nicht, worum es ging, doch offensichtlich kannte Abyss den Grund, denn er nickte.
"Du liebst mich", sagte Abyss leise.
Sky fuhr sich mit einer Hand über das Gesicht. "So etwas nennt man Freundschaft, Abyss."
"Natürlich", murmelte Abyss sarkastisch. "Mir war nicht bewusst, dass eine Freundschaft gewisse Dinge beinhaltet, wie-"
"Wann begreifst du das endlich?", fuhr Sky ihn genervt an. "Noch ein Wort darüber und-"
"-und was? Willst du mir den Mund zukleben? Für sie würde ich es jederzeit wieder tun."
"Ich will damit sagen, dass es sinnlos ist, darüber zu sprechen. Nach welchem Befehl hast du gehandelt? Nach meinem, Abyss! Ich bin dein Vorgesetzter, vergiss das nicht. Nein, spare dir die Erwiderung, dass du niemandem folgst, denn du folgst mir."
Abyss atmete tief ein und sagte düster: "Natürlich Sir, was immer du verlangst, mein geliebter Kapitän."
"Hör auf, mir die Worte im Mund zu verdrehen", sagte Sky ruhig.
Abyss' Stimme war kaum zu hören, als er nach einer Weile flüsterte: "Ich wollte es nicht, Sky. Ich wollte das nicht."
"Ich weiß."
Abyss senkte den Kopf und fuhr sich mit beiden Händen durch die Haare.
"Aber darum geht es jetzt ebenfalls nicht", fuhr der Kapitän fort. "Nicht darum und auch nicht darum, was damals geschah."
"Was damals geschah. Ouh ... das wollte ich allerdings schon. Dafür wirst du von mir keine Entschuldigung hören."
"Hatte ich auch nicht erwartet", sagte Sky.
"Diese Lockenkopffratze hat zu der Zeit sicher noch in seine dreckigen Windeln gemacht."
Sky nahm einen tiefen Atemzug und sagte dann: "Ich nehme an. Er ist ziemlich genau zehn Jahre jünger als du."
"Ist doch egal. Wie kannst du so einen Scheiß wissen?", murmelte Abyss, während er sich mit dem Tuch über seine Stirn wischte.
"Ach, das weißt du nicht? Du merkst dir auch nur, was du dir merken willst." Sky schmunzelte, dann wurde sein Blick wieder ernst. "Und ich merke es mir nicht, Abyss. Ich zeichne diese Daten auf. Das ist meine Pflicht. Jeder Flottenführer führt Logbucheinträge. So etwas könntest du dir auch angewöhnen."
"Ganz sicher nicht." Abyss lehnte sich nach hinten an die Wand und schloss die Augen. "Wir haben nicht mal ein Viertel unseres Lebens hinter uns. Das ist nichts."
"Für uns ist das viel", gab der Kapitän zu bedenken. "Männer wie wir sterben nicht an Altersschwäche. Ich sage dir, wie du sterben wirst. Mit einer Kugel im Kopf oder einem Messer im Rücken."
"Oder durch Gift", stimmte Abyss leise zu. Für ein paar Sekunden sagte niemand etwas. Dann öffnete er die Augen und sah Sky an. "Es sollte mir egal sein. Das war es doch immer. Mein ganzes Leben lang. Dein Vater war es und all die anderen, die danach kamen. Und die Sache mit Jack lässt sich ... sicher irgendwann regeln. Vielleicht. Aber das hier, ist es nicht. Es ist mir nicht egal. In meinen Träumen sehe ich ihn, Sky. Wie er sie in seinen Armen hält. Wie sie ihn anlacht. Mit dem Lachen, das ich ihr schenkte! Das Lachen, das ... das mir gehören sollte."
Sky schwieg.
"Wenn ich ... wenn ich so alt wäre wie dieser Brettmensch ..."
"Djego", berichtigte ihn der Kapitän.
"Wenn ... wenn ich auf die Akademie gegangen wäre ..."
"Was wäre, wenn. Ein sinnloses Gedankenspiel, das niemals zu etwas führt, weil das wenn nicht ist."
Abyss nickte und starrte dann auf die gegenüberliegende Seite des Ganges. Gibbli duckte sich schnell und versuchte, Bo nicht anzusehen, die leise neben ihr kauerte.
"Du hast zwei Möglichkeiten, Kapitän. Du tötest mich. Jetzt. Oder ich töte ihn."
"Die Menschen denken immer, zur falschen Zeit geboren zu sein", sagte Sky. "Im falschen Jahr. Am falschen Ort. Im falschen Körper ... Aber am Ende stellt sich immer heraus, dass es keinen besseren Zeitpunkt gab als jetzt. Keinen besseren Ort als hier. Und als in dir."
"Ich töte ihn. Ich töte ihn. Ich töte ihn. Ich ..."
Sky packte ihn an den Schultern. "Jetzt reiß dich zusammen!"
"Nein, verdammt, du hast doch keine Ahnung!", fuhr Abyss ihn an.
"Sag das nicht, weil es nicht wahr ist. Und du weißt das! Dennoch muss ich dich daran erinnern, es gibt jetzt Wichtigeres."
Missbilligend rümpfte Abyss die Nase. "Jaja, wir werden alle vernichtet. Scheiß drauf! Geh doch mit dem Goldklumpen seine Weltuntergangsparty feiern!"
"Abyss-"
"Nein, verdammt! Ich schaff das nicht mehr!"
Im nächsten Moment holte der Kapitän aus und schlug zu. Gibbli stieß erschrocken die Luft aus. Abyss kippte etwas zur Seite, den Kopf von ihm abgewandt und machte nicht einmal den Versuch sich zu wehren. Mit offenem Mund starrte er vor sich hin.
"Verflucht!", rief Sky "Wo bist du, Abyss?"
Abyss bewegte sich nicht.
"Falls sie ihn mag, musst du das akzeptieren!"
Langsam hob Abyss den Kopf und die beiden Männer blickten sich direkt an. "Das tut sie nicht. Ich töte ihn."
"Du warst auch einmal kreativer."
"Er hat keine kreative Methode zu sterben verdient."
"Du wirst ihn in Ruhe lassen", sagte Sky eindringlich.
"Es ist falsch! Er ist ein Arschloch!"
"Und du etwa nicht?"
"Ich bin ... ich will ... ich will, dass sie glücklich ist."
"Dann lass es."
"Aber sie wird nicht glücklich mit ihm sein!"
"Dann muss sie das selbst erkennen. Abyss, wenn sie ihn tatsächlich mag und du ihn beseitigst, wird sie dir das nie verzeihen."
Abyss schloss die Augen und lehnte sich wieder zurück. Gibbli hatte das unangenehme Gefühl zu fallen. Die beiden redeten über sie. Und Bo hörte alles mit. Gibbli nahm wahr, wie Bo sie prüfend musterte. Und sie schämte sich vor ihr und vor dem Kapitän.
"Wahrscheinlich verdient Gibbli eine Entschuldigung von mir", sagte Sky nach einer Weile.
"Wieso?", fragte Abyss düster.
"Gestern auf der Mara, ich wollte sie nicht wegschicken, ich war aufgewühlt, als ich erfuhr, was Jack verlangt. Einfach nur weil er es ist. Sie wird das sicher reparieren."
Abyss nickte. "Hat sie schon."
Sky lächelte kurz. "Sie ist gut."
Gibbli schluckte peinlich berührt in ihrem Versteck. Abyss schnaubte und zuckte mit den Schultern.
"Du warst auch einmal gut in dem, was du tatest", sagte Sky angriffslustig. "Stattdessen sitzt du jetzt hier und heulst."
"Ich heule nicht."
"Natürlich nicht, du tust nur so. Ich will, dass du aufstehst."
"Lass mich in Ruhe", erwiderte Abyss müde.
"Das ist im Moment nicht möglich, Abyss. Sag mir, was du planst."
"Nichts."
Der Kapitän packte ihn wieder an den Schultern.
"Rede mit mir! Dein Plan hat sich geändert und ich will wissen, was du jetzt vor hast!"
"Das geht dich einen Scheißdreck an", gab Abyss zurück, jedoch mit so gelassener Stimme, als wäre ihm alles egal. "Mach doch was du willst."
"Was ich will? Ich will den Kerl zurück, der mich anbrüllt, wenn man ihn schlägt! Wo ist er hin?"
"Weg."
"Dann hol ihn wieder her. Weil ich ihn jetzt brauche!"
"Fick dich!", schrie er Sky genervt an.
"Abyss, hast du gehört, was ich eben sagte? Ich brauche dich!"
"Du. Brauchst. Mich?", wiederholte er ungläubig die Worte. "Hast du nicht schon genug von mir?"
"Nein", sagte der Kapitän jetzt etwas ruhiger. "Du wirst mich begleiten. Zu Jack."
Abyss schüttelte langsam den Kopf. "Nein", flüsterte er leise, als wäre es das letzte, was er in diesem Moment tun wollte. "Nein, sicher nicht."
"Ich gehe nicht ohne dich dort hinunter. Lieber würde ich mich tausenden von seinen Leuten stellen, als ihm. Ich kann nicht ... ich werde ihm nicht allein gegenübertreten."
"Ist das ein Befehl, Kapitän?"
Sky schüttelte langsam den Kopf. "Nein, Abyss. Ich bitte dich." Er hielt kurz inne und sprach dann weiter. "Als mein bester Freund."
Abyss blickte ihn ausdruckslos an. "Sky, das ist ..."
"Ja oder Nein?"
Abyss zögerte einen Moment. Dann nickte er. "Aber es wird das letzte sein, was ich für dich mache."
"Einverstanden."
 
"Gibbli", sagte Bo kurze Zeit später, als die beiden Männer hinunter in die Stadt stiegen. "Ich glaube, wir hätten das nicht hören sollen."
"Er kann Djego nicht leiden", flüsterte Gibbli betrübt.
"Dieser Soldat aus Skys alter Flotte?"
Sie nickte.
"Es wird das letzte sein, was er macht. Was bedeutet das?", fragte Bo.
Gibbli zuckte mit den Schultern. Sie zögerte, dann begann sie leise zu sprechen. "Manchmal stelle ich mir vor, wie ich mir den Kopf von meinem Hals reiße, ihn mit Ketten umwickle und eine Botschaft hinein stecke, auf dem MEINS steht und ihn mir dann mit einem Schweißbrenner wieder dran mache. Verstehst du Bo? Meine Gedanken gehören mir! Aber er geht einfach nicht mehr aus meinem Kopf raus!"
Bo musterte sie stirnrunzelnd. "Du hast ihn gern", stellte sie dann fest.
"Nein ... ich meine ... vielleicht, ich ..." Gibbli schüttelte den Kopf "Ich bin mir nicht sicher, ob ich ihn gern haben will."
"Abyss hat dich gerne." Sie sagte das, als wäre es das normalste auf der Welt.
"Nein. Nicht mehr." Nach allem, was sie getan hatte, was Djego getan hatte, konnte Abyss gar nichts anderes tun, als sie zu hassen.
"Das glaube ich nicht. Wir sollten ihnen hinterher und das klären. Und ich muss unbedingt mit Sky sprechen. Gibbli, das was ich dir jetzt sage ist wichtig, also hör gut zu, denn ich werde nicht mehr lange hier sein."
"Wo gehst du hin?"
"Das ist jetzt nicht wichtig. Nox sagt, ich soll es dir nicht sagen, aber-"
"Dann sag es nicht", unterbrach Gibbli Bo's Worte.
"Aber ich hab es gesehen."
"Ist das wie damals, als du gesehen hast, dass ich angeblich hier in der Stadt gestorben wäre?"
"So ähnlich." Bo nickte. "Nox sagt, ich sah deinen Tod, doch du bist nicht gestorben."
"Ich hätte sterben sollen", flüsterte Gibbli.
"Was? Nein, das stimmt nicht. So meinte ich das nicht."
Aber ich meine es so, dachte Gibbli.
"Hör zu, ich dachte es nur. Ich habe das falsch interpretiert. Ich dachte, wenn du in dieser schwarzen Kugel verschwindest ... ich sah nicht, was dahinter kommt. Ich dachte, es wäre zu Ende, nicht, dass dieses Ding ein Portal ist. Ich wusste nicht, was es war. Aber darum geht es nicht. Es geht nicht um dich."
Sie versuchte, Bo zu folgen. Es fiel Gibbli schwer, sich auf ihre Worte zu konzentrieren und nicht abzudriften und den Gedanken zu verfolgen, dass sie vielleicht einfach wirklich hätte sterben sollen. "Um was dann?", fragte Gibbli leise.
"Es gibt einen Punkt, über den ich nicht hinaus sehen kann. Nox kann oder will es nicht wahrhaben."
"Du meinst, nicht ich werde sterben, sondern du?"
"Ich ... ich weiß es nicht. Manchmal habe ich das Gefühl wir alle werden sterben. Aber irgendwie auch nicht. Gibbli, du musst dich an Sky halten. Egal was passiert. Wenn ich ... wenn mir etwas passieren sollte, halte dich immer an unseren Kapitän. Er beschützt uns. Vor allem. Du wirst sehen."
"Geh auf die Mara!" Entschlossen blickte Gibbli sie an.
Bo runzelte fragend die Stirn über diese plötzliche Stimmungsänderung. "Aber ich muss es Sky sagen, wir müssen hier weg und dann wollte ich wieder los und nach Nox suchen."
"Das Marahang könnte Sam vielleicht helfen", sagte Gibbli. "Sie ist doch ständig so müde."
"Sam braucht Hilfe? Warum sagst du das erst jetzt? Du meintest doch, sie schläft nur? Was ist mit ihr?"
"Keine Ahnung."
"Gibbli, das Marahang geht hier nicht! Ich spüre bereits jetzt, wie meine Kraft schwindet, ich dachte eigentlich, dass es wieder funktioniert. Im Gebiet der Hochseemenschen tat es das, aber als ich zurück Richtung Akademie tauchte, hörte es plötzlich wieder auf, sich zu drehen!"
"Das sind die Störsender. Sky will Jack dazu bringen, dass er sie abschaltet. Aber auf der Mara wird es funktionieren. Das U-Boot besitzt einen Schutzschild. Geh zu ihr."
"Und was ist mit dir?"
"Ich ... ich komme gleich nach."
Bo zögerte. Doch Gibbli blickte ihr fest in die Augen und die Hybridenfrau nickte unsicher. Gibbli wartete, bis sie außer Sicht war. Dann machte sie sich ebenfalls auf den Weg nach unten. Doch sie schlug nicht den Weg zur Mara ein. Entschlossen schlich Gibbli durch die Gänge der Stadt. Sky und Abyss würden Jack treffen. Das bedeutete ein Gespräch mit ihnen war jetzt nicht möglich. Aber das war okay. Gibbli würde diese Sache jetzt trotzdem endgültig klären. Sie machte sich auf die Suche nach Djego. Sie würde ihm sagen, dass dieser Kuss nicht beabsichtigt war, dass sie das nicht gewollt hatte. Und danach würde sie sich mit Abyss unterhalten. So wie früher. Sie würde ihm vielleicht sogar sagen, wie sehr er ihr gefehlt hatte. Und danach würde sie Steven zur Rede stellen, ihm sagen, dass er keine neue Aufgabe mehr von ihr bekommen würde und ihm dann so lange auf die Nerven gehen, bis er Gibbli zu dieser Maschine brachte, die er gebaut hatte. Diese Maschine, die angeblich alles vernichten sollte. Alles war reparierbar. Er konnte ihr nicht erzählen, dass es nicht möglich sei. Gibbli bekam alles wieder hin. Sie war gut darin. Sky hatte das gesagt und wenn ihr Kapitän das sagte, dann musste es stimmen. Sky log nicht. Niemals.
 
Gibbli fand Djego in Stockwerk 19. Als sie ihn erblickte, schwand ihr Mut. Kurz taumelnd stützte sich ihr Arm an der Wand ab. Gibbli wünschte sich für einen Moment, sie hätte heute einmal das Frühstück nicht ausgelassen. Dann stutzte sie. Was tat er da? Neugierig trat Gibbli um einen goldenen Tisch herum, um ihn besser beobachten zu können. Djego kauerte auf der Seite eines Weges zwischen zwei Gebäuden und blickte nach unten.
Als er sich nach ein paar Sekunden noch immer nicht bewegte, gab sie sich einen Ruck und sprach ihn an. "Djego?"
Er fuhr erschrocken hoch, sprang ohne Vorwarnung auf und presste sie gegen die Wand des Gebäudes. Bevor Gibbli schreien konnte, hielt er ihr den Mund zu und seine Waffe an den Kopf. Ihre Bewegungen erstarrten. Panik kroch in ihr hoch, als sein Gesicht sich dem ihren näherte. Gibblis Atem beschleunigte sich. Sie spürte die Spitze seines Strahlers an der Seite ihrer Stirn. Langsam wanderte das Metall ihren Körper hinab. Ihre Augen weiteten sich, als er zwischen ihren Beinen innehielt. Unruhig versuchte sie, sich von ihm wegzudrehen.
"Schhht. Kein Grund zur Sorge, Freundin. Ein perfekter Moment, nicht wahr? Wir beide, ganz allein. Möglicherweise der richtige Ort. Aber der falsche Zeitpunkt." Seine Stimme bestand aus nichts weiter als einem Hauch, doch er sprach so nahe an ihrem Ohr, dass Gibbli jedes Wort verstand. "Ich lasse dich jetzt los, aber du musst leise sein. Hast du das verstanden?"
Schnell nickte sie.
"Ich meine das ernst. Kein Mucks, sonst muss ich schießen."
Gibbli schnappte nach Luft, als er sie losließ. Ihre Finger krallten sich an der Wand hinter ihr fest.
'Ich will das nicht!', flüsterte sie mit heißerer Stimme. "Djego, der Kuss-"
Sofort stürzte er wieder auf sie zu und hielt ihr die Waffe erneut an den Kopf. Sie wand sich in seinem Griff.
"Du willst das nicht?", zischte er. "Aber das machen Menschen, die zusammen sind!"
"Ich bin kein Mensch!", wollte sie schreien, doch er hielt ihr wieder den Mund zu. Zusammen sein? Was bedeutete das denn? Sie war allein! Sie brauchte nicht zusammen sein!
"Lass mich dir nicht weh tun müssen. Nicht jetzt, okay? Sei leise, du bringst uns beide in Gefahr." Seine Stimme klang jetzt etwas freundlicher. "Lass uns das später klären, ja? Ich zeige dir etwas. Ein Geheimnis." Seine Lippen berührten für einen Moment ihr Ohr. Djego drehte sich von ihr weg, ohne sich noch einmal nach ihr umzusehen, und trat an die gegenüberliegende Mauer. Dort hockte er sich neben eine Maschine auf den Boden. Er blickte auf und winkte sie mit einer Hand heran. 'Komm her', formten seine Lippen lautlos.
Unsicher wägte Gibbli ihre Möglichkeiten ab. Für einen Moment wurde ihr wieder schwindlig. Dann fiel ihr Blick auf das Loch vor ihm. Es erstreckte sich fast einen Meter breit neben der Maschine am Rand entlang der Wand. Da befand sich eine Lücke im Gitter! Vorsichtig trat Gibbli näher heran, möglichst darauf bedacht, Djego nicht zu berühren. Kurz trafen sich ihre Blicke, als sie neben ihm in die Hocke ging. Sie stützte sich am Rand der Öffnung ab, um hinab zu sehen. Dort erstreckte sich der Hof des darunterliegenden Stockwerks. Und direkt unter ihnen standen die wahrscheinlich mächtigsten Männer des gesamten Ozeans. Der oberste Führer des Landmenschengebietes, Jack Kranch und dessen ehemaliger Nachfolger, ihr Kapitän, Skarabäus Sky.
Aufgeregt wich Gibbli zurück. "Sehen sie uns?"
Djego schüttelte den Kopf und legte einen Finger auf seine Lippen. "Aber möglicherweise können sie uns hören. Verstehst du jetzt, warum ich dir den Mund zuhalten musste?", fragte er kaum hörbar.
Misstrauisch blickte sie ihn an, doch ihre Neugierde siegte. Gibbli beugte sich wieder über die Lücke. Da stand Jack, in seiner Uniform. Und direkt vor ihm Sky. So eindrucksvoll und einnehmend, dass Gibbli die Entschlossenheit des Kapitäns bis hier hoch spürte. Wahrscheinlich wäre jeder, der ihm gegenüber gestanden hätte vor ihm zurückgewichen. Doch es war Jack, der vor ihm stand und Jack würde niemals vor ihm zurückweichen. Die Spannung dort unten konnte nicht größer sein.
"Ich will, dass er geht", knurrte Jack.
"Er bleibt", gab Sky mit rauer Stimme zurück.
Gibblis Blick wanderte weiter nach hinten und fast erschrak sie wieder, als sie ihn erblickte. Da stand Abyss mit einem Ausdruck, den sie bei ihm noch nie gesehen hatte. Sein todbringender Blick schien Jack aufzusaugen. Seine Miene wirkte so kalt, dass Gibbli beinahe zu frieren begann. Wenn sie je gedacht hatte, Abyss würde ihr gegenüber manchmal furchterregend auftreten, um seinen Willen durchzusetzen, hatte sie sich wohl geirrt.
"Deine Respektlosigkeit verletzt mich! Wir hatten abgemacht allein! Ich mag ihn nicht! Er ist unberechenbar", rief Jack missbilligend. "Du weißt, wen ich will!"
Abyss fletschte die Zähne und trat einen Schritt auf die beiden zu. "DU-"
Er hielt inne, als Sky einen Arm hob und ihm bedeutete, ruhig zu bleiben. Dabei drehte sich der Kapitän nicht einmal um, sondern fixierte weiterhin Jack.
"Du kennst meine Antwort, Jack", sagte er, mit einem warnenden Unterton, der Gibbli die Haare aufstellte. "Unterstehe dich, meinen Leuten zu drohen, du sprichst nur mit mir! Wenn du noch einmal an ihn oder an sonst jemanden aus meiner Crew das Wort richten solltest, werde ich dich auf der Stelle erschießen. Ich habe deine Nachricht an Abyss auf dem Informationsstick gelöscht. Und keine Sorge, er wird nicht näher kommen. Er steht dort hinten. Und er bleibt. Ich habe meine Leute unter Kontrolle."
Jack lachte auf. "Du hast ihn unter Kontrolle, ja. Dank meiner Hilfe."
Ohne Vorwarnung schlug Sky zu.
Gibbli stieß überrascht die Luft aus. "Hat er gerade-"
"Sei still!", zischte Djego neben ihr.
"Das war ... gut." Jack rieb sich das Kinn und wischte sich etwas Blut ab. "Mach es noch mal Sky. Da fehlen noch ein paar, meinst du nicht auch?"
Wieder schlug Sky hart zu. Und er tat es nicht halbherzig, wie er es bei Abyss getan hatte, sondern fest. Gibblis Training mit ihm waren dagegen sanfte Berührungen gewesen.
Jack rappelte sich auf. Doch er wirkte nicht wütend, auch wenn ihm die Schmerzen sichtlich zu schaffen machten. "Ich dachte mir ... dass du ... mir nicht alleine gegenübertreten wirst. Darum habe ich Vorkehrungen getroffen."
Hinter ihm tauchten mehrere Soldaten auf und richteten ihre Waffen auf Sky. Dieser blieb unbeeindruckt.
"Nur zum Ausgleich. Du verstehst?"
"Weil wir ja so viel mehr sind", knurrte Abyss und seine Hände wanderten in den dunkelblauen Mantel. Doch ein Kopfschütteln von Sky hielt ihn davon ab, seine Messer zu ziehen.
"Schalte die Störsender ab!", befahl der Kapitän.
"Bleib bei mir und ich tue es", gab Jack zurück. "Du darfst mich auch schlagen, genau hier her." Er zeigte auf seine Wange. "Was meinst du?"
"Nein."
"Dann bring mir das Mädchen und ich denke darüber nach."
"Meint er mich?", flüsterte Gibbli.
"Er will dich töten, schon vergessen?", sagte Djego leise. Mit einem unguten Gefühl registrierte sie, dass er ihr näher gekommen war.
Sky unter ihnen schüttelte den Kopf. "Du rührst niemanden aus meiner Crew mehr an! Nur über meine Leiche."
"Das lässt sich einrichten."
"Nein, das lässt es sich nicht und die Antwort auf das Warum kennen wir beide, Jack."
Ein paar Sekunden sagte niemand etwas. Dann zuckte Jack resignierend die Schultern. "Schön. Meinetwegen. Dann kannst du genauso gut hier verschwinden."
"Nein! Ich habe diesem Treffen zugestimmt! Du erwartest diesen Moment seit Tagen! Ich bin hier. Jetzt. Halte die Abmachung!"
"Aber wir sind nicht allein."
Sky schüttelte den Kopf. "Du vernichtest uns, alle! Du musst sie abschalten!"
Plötzlich packte Djego Gibbli am Arm. "Da kommt jemand!", flüsterte er. "Weg hier!" Bevor sie etwas tun konnte, zog er sie mit sich und sie flüchteten durch eine Gasse zu einer Rampe. Während sie ein Stockwerk nach oben rannten, blickte sich Gibbli um. Für einen Moment glaubte sie, etwas Goldenes mit einer der Wände verschmelzen zu sehen, doch sie war sich nicht sicher. Als sie sich ein paar Schritte später erneut umdrehte, sah sie nur noch die Wand.
Am Ende der Rampe blieben sie im Hauptgang stehen. Gibbli wurde schwarz vor Augen und fast wäre sie umgekippt, hätte Djego sie nicht gestützt.
"Hey, was ist mit dir los? Hat dich jemand getroffen?", fragte er unsicher.
Ein paar Sekunden rang sie nach Luft, dann schüttelte Gibbli den Kopf. "Ich glaube, es war nur Steven." Ihre Sicht verschwamm und sie presste die Augen zusammen, um wieder klar sehen zu können.
Als Gibbli sie nach einer Weile wieder öffnete, hielt Djego noch immer ihre Schultern fest. Ein paar Minuten schienen vergangen zu sein. Sie wünschte sich, er würde sie endlich loslassen.
"Dieser Steven also. Woher genau kommt er eigentlich?"
Gibbli schwieg. Wenn Djego wüsste ... Dann riss sie erschrocken den Mund auf. Gefolgt von einer dunklen Gestalt stürmte ein heller Schatten direkt auf die beiden zu.


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Sockenzombies Skizzenbuch-Tour (Videos): Inhalte von 2013 – 2019

Paperblabks Skizzenbücher von Sockenzombie

 

Ich habe für euch ein paar Videos aufgenommen von bereits vollendeten Skizzenbüchern. Leider sind die Aufnahmen nicht sehr hochwertig, da ich das nur schnell mit der Handykamera gemacht habe, aber ein paar grobe Dinge kann man schon erkennen. Begleitet mich durch die Seiten.

Skizzenbuch von Sockenzombie 2013 - 2017

 

Was kommt in meine Skizzenbücher rein?
Kurz und knapp: Alles. Nachfolgend ein paar Beispiele, die ihr in meinen Skizzenbüchern finden könnt.

  • Storyideen für neue Geschichten und Comics. In meinen ersten Büchern schrieb ich noch normal, mittlerweile verwende ich eine eigens entwickelte Schrift, mit der ich schneller schreiben kann.
  • Notizen und Beschreibungen zu Charakteren und Orten aus meinen Geschichten.
  • Dialoge und Texte für meine aktuellen Geschichten und Bücher.
  • Planung von Projekten und Zeug, das ich noch machen möchte.
  • Ich probiere neues Material darin aus. In diesen Tests entscheide ich meist, ob ich Farben behalte und weiter verwende.
  • Farbtabellen meiner Farben oder auch von anderen Künstlern, die sie mir zuschicken oder die ich mir auf Zeichnertreffen ausleihe.
  • Sticker und Motivpapierfetzen sowie Bilder aus Büchern/Zeitschriften, die ich mir merken will, weil sie mich auf Ideen bringen.
  • Ich finde darin auch hin und wieder Zeichnungen / Gekritzel / Notizen von irgendwelchen Leuten, die sich mein Skizzenbuch schnappen. Manchmal weiß ich gar nicht, wie die da reingekommen sind.
  • Listen von allem Möglichen (Pokemon, alte Todo-Listen, coole Orte, Einkaufslisten, Rezepte, ...)
  • Ideensammlung für Miniaturbilder sowie Comic Storyboards.
  • Notizen zu Vorlesungen (meist über Astrophysik) sowie aus Büchern die ich aktuell lese und die ich mir aus irgendeinem Grund merken will.
  • Ach ja, natürlich findet ihr darin auch Skizzen.


Skizzenbuch von Sockenzombie 2017 - 2018

 

Der Vorteil von Skizzenbüchern ist, man hat alles an einem Platz. Keine herum flatternden Blätterfetzen, die irgendwo in der Wohnung verstreut liegen oder in irgendwelchen Taschen oder Jacken stecken, wo man sie nie findet, wenn man sie sucht. Hin und wieder schreibe ich auch ein Datum dazu, damit ich einen Anhaltspunkt habe, wann ich was geschrieben habe. Aber oft erweitere ich einige Seiten auch oder überklebe sie einfach, wenn sich Dinge ändern oder wenn sich etwas neues ergibt.


Skizzenbuch von Sockenzombie 2018 - 2019

So sieht es momentan aus:
Todo-Listen führe ich aktuell keine und ich besitze auch keinen Kalender. Aktuell verwende ich zwei Skizzenbücher zur gleichen Zeit: Eines für alles Mögliche und ein weiteres zum Üben. Bei ersterem handelt es sich um ein Paperblanks-Buch, ähnlich wie die Bücher, die ihr oben in den Videos gesehen habt. Bei dem anderen handelt es sich um ein Steinpapier-Skizzenbuch, in das ich fast täglich mehrere Posen menschlicher Körper zeichne. Damit ihr euch vorstellen könnt, wie das aussieht, gibt es nachfolgend schon mal einen kleinen Einblick. Sobald die beiden voll sind, werde ich wieder eine neue Video-Tour für euch machen.


Menschen Zeichnen: Übungs-Skizzenbuch von Sockenzombie 2019

 

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