Kapitel 17: Skys Lüge (Bis in die tiefsten Abgründe)

Sie sah Sky am runden Tisch sitzen, zusammen mit den beiden Tiefseemenschen. Bo und Nox hatten es geschafft, zurückzukehren. Samantha strahlte und man sah ihr sofort an, dass sie sich freute, dass Nox wieder da war. Nox und Bo waren dabei, dem Kapitän von ihrer gescheiterten Mission bei den Hochseemenschen zu berichten. Gibbli zog den Ärmel ihres Pullovers ein Stück über die verletzte Hand, nahm einen tiefen Atemzug und trat ein. Unauffällig stahl sie sich am Tisch vorbei nach vorne. Einen kurzen Moment befürchtete Gibbli, Sky würde sie ansprechen. Ihre Blicke trafen sich, vielleicht für eine Sekunde. Doch er sagte nichts. Sie stieg ein Stück nach unten und setzte sich an den Rand der Rampe, die durch die Konsolenreihen hindurchführte.
Über ihre Hand ran warmes Blut. Es war ihr egal. Noch immer hielt sie Abyss' Messer in der anderen Hand. Gedankenverloren spielte Gibbli damit und hoffte, dass niemand auf die Idee kam, jetzt mit ihr reden zu wollen. Sie hätte sich im Maschinenraum verkriechen können. Doch dann wäre sie allein gewesen. Das wollte sie auf keinen Fall, nicht jetzt. Aber sie wollte auch nicht bei den anderen sitzen. Gibbli hörte, wie Nox den Kapitän irgendetwas fragte.
Sky antwortete langsam. Es klang, als wäre er nicht ganz bei der Sache. Er murmelte irgendetwas über Jack, dass er Gibbli hinrichten lassen wollte und im Austausch dafür die anderen gehen lassen würde. Natürlich hatte Sky abgelehnt. Dann sagte er, dass Steven scheinbar erneut unauffindbar war. "... Sam, Bo, sucht ihn. Ich will wissen, was er jetzt wieder treibt. Nox, du wirst etwas für mich erledigen ... beeil dich ..."
Gibbli hörte, wie die beiden Frauen aufstanden und etwas später auch Nox. Doch in ihrem Kopf nahm sie es kaum wahr. Das Messer zog sie in ihren Bann. Sein Messer. Was man damit alles anstellen könnte ... Plötzlich spürte sie Finger um ihr rechtes Handgelenk. Sie zuckte zusammen und es fiel klirrend vor ihre Füße. Ihr Herzschlag beschleunigte sich und erschrocken blickte sie auf. Der Kapitän hockte vor ihr auf der Rampe.
"Denk nicht eine Sekunde daran", sagte er leise. Dann nahm er mit seiner anderen Hand Abyss' Messer an sich.
"Lass mich los", flüsterte sie.
Sky hob ihre Hand hoch und betrachtete kurz die Wunde. Das Blut war teilweise getrocknet und Gibbli spürte, wie sie sogar schon begonnen hatte, sich ein winziges Stück zu schließen. Sicher wegen Bo's Marahang. Sky ließ ihr Handgelenk los. Erleichtert versuchte Gibbli, sich zu beruhigen. Er setzte sich direkt neben sie auf die Rampe und blickte nach vorne auf die drei Sitze.
"Ich will, dass du mir deine Waffe aushändigst", sagte er nach einer Weile.
"Ich will, dass du mir mein Messer zurückgibst."
Er schüttelte den Kopf. "Nein, Gibbli. Gib mir den Strahler."
"Wenn du mir das Messer gibst."
Sie hätte erwartet, dass er wütend wurde, doch seine Stimme blieb ruhig. "Die Sache mit den Befehlen hatten wir bereits. Befolge sie, Gibbli. Bitte."
Er bat sie? Erstaunt darüber nahm Gibbli einen tiefen Atemzug. Ach, war doch sowieso egal. Sie zog den Strahler von Judy Bless hervor und legte ihn neben sich. Sky nahm die Waffe an sich.
"Gib mir das Messer", verlangte sie wieder.
"Nein. Es ist zu deinem eigenen Schutz. Du wirst dich verletzen."
"Das tu ich nicht."
"Das hast du bereits."
"Ich will es zurück! Bitte!", flehte sie.
Sky stand auf. "Komm mit."
Gibbli biss die Zähne aufeinander. "Ich denk nicht dran."
"Das war ein Befehl!"
Sie rührte sich nicht vom Fleck.
Er baute sich vor ihr auf und schlug sich gegen die Brust. "Vergiss nicht, mit wem du sprichst! Ich bin dein Kapitän!"
"Es ist von ihm!", platzte es aus ihr hervor. "Es ist von Abyss. Es ist das einzige, was mir noch von ihm geblieben ist. Und jetzt ist er weg. Und er hasst mich! ER HASST MICH!"
Einen Moment schwieg der Kapitän. Dann blickte er nach unten und holte es zögernd hervor. "Hier."
Schnell nahm sie es ihm ab, ohne ihn dabei zu berühren. Sky schloss die Augen, fuhr sich mit einer Hand durch die Haare und setzte sich wieder neben Gibbli.
"Ich habe dich vor Abyss gewarnt", sagte er leise. "Ich habe dir gesagt, er ist gefährlich. Und ich habe ihm immer wieder gesagt, dass er dich verletzen wird."
"Es tut nicht weh", log Gibbli flüsternd. In ihrem Herzen tat Abyss' Verletzung mehr weh, als der noch frische Schlitz in ihrer Hand.
"Ich spreche nicht von der Schnittwunde an deiner Schulter. Es ging dabei nie um physische Verletzungen."
Gibbli fuhr bedächtig mit den Fingern über die Klinge. "Ich weiß."
"Dann lüge mich nicht an."
Sie steckte das Messer zurück in ihren Stiefel.
"Abyss hat die Crew verlassen. Jedenfalls denkt er das. Ich gab ihm die Tiefdruckkapsel, die ich in den Hangar gebracht habe, als wir aus Mooks hier her zurück tauchten."
Sie versuchte, den Schmerz zu ignorieren, den seine Worte hinterließen. Abyss hatte die Crew verlassen. "Ist dir schon mal aufgefallen, dass du es bist, der ihn ständig schlägt?", murmelte Gibbli.
Sky lächelte kurz traurig auf. Dann wurde er wieder ernst. "Er reizt mich. Er bringt mich an meine Grenzen. Immer, wenn ich denke, jetzt habe ich alles gesehen, schockt er mich mit etwas Neuem. Steven ist spontan. Und das macht ihn auf seine Art berechenbar unberechenbar und das, obwohl er uns offensichtlich einiges verschweigt. Ich kann vorhersehen, dass er jeden Moment irgendeinen Blödsinn anstellen könnte. Bei ihm erwartet man es. Aber Abyss ... Abyss ist immer perfekt in allem, was er tut. Seine irren Pläne sind unvorhersehbar geplant. Kannst du mir folgen?"
Gibbli schüttelte leicht den Kopf. "Nein."
"Na schön, lass es mich mit Abyss' Worten erklären: Messer. Geben wir beiden ein Messer. Reiche Steven die Hand und er schlägt sie dir lachend mit dem Messer ab. Abyss hingegen nimmt behutsam deine Finger und zieht dich in seinen Bann, während er das Messer verdeckt in der anderen hält, bereit es dir jederzeit in dein Herz zu rammen, wenn er es für nötig erachtet. Hinter allem was er tut, steckt eine Absicht. Und das ist es, was ihn gefährlich macht. Er verliert niemals die Kontrolle und spielt mit den Menschen. Er manipuliert sie, um zu erreichen, was er will. Und es ist wahr, ich wüsste keinen einzigen seiner Pläne, der je schief gelaufen ist. Er ist ein ... wirklich beeindruckender Mann." Sky hielt für einen Moment inne. "Und er hasst dich nicht, Gibbli. Du bist ihm wichtig."
Gibbli sah ihn zweifelnd an. "Wer weiß das schon?"
"Ich weiß das. Er gab dir sein Messer."
Sie öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Dann blickte sie nach vorne zum Frontfenster, um den Kapitän nicht länger ansehen zu müssen. "Mit einem Ortungsbot drin."
"Der ursprünglich gar nicht für dich gedacht war."
"War er nicht?"
"Abyss liebt seine Messer. Aber dieses eine ganz besonders. Er würde sich niemals verzeihen, wenn er es verlieren würde. Es war immerhin sein erstes. Das Messer, mit dem er seine ersten Morde beging, indem er den Tod seiner Eltern rächte."
"Woher ... woher willst du das wissen?" Hatte Abyss ihm etwa auch von den Meeresgondeln verraten?
"Weil mein Vater es mir erzählte. Er war dabei. Er war unter den Leuten, die sie erschossen. Dass es sich bei dem Jungen um Abyss handelte, fand ich erst später heraus. Abyss würde mir so etwas niemals sagen, nicht von sich aus. Er konnte seine Eltern nicht retten, musste hilflos zusehen, auch wenn es seine eigene Schuld war. Er mag in gewissen Momenten gewisse Menschen spüren lassen, dass er verzweifelt ist. Aber freiwillig zugeben, dass er jemals hilflos war oder ist, würde er niemals."
Gibbli blickte ihn ungläubig an und dann schnell zu Boden. Abyss hatte es vor ihr zugegeben. Vorausgesetzt, es war keine Lüge gewesen.
"Was glaubst du, warum Abyss die Soldaten der Elite so sehr hasst? Aber er hat sie erledigt. Nicht sofort und nicht alle auf einmal. Er war noch ein Kind. Er jagte alle Anwesenden, über viele Jahre hinweg. Abyss hat ein hervorragendes Gedächtnis, auch wenn er immer so tut, als könnte er sich weder Gesichter noch Namen merken. Er hat sie umgebracht. Jeden Einzelnen von ihnen. Auch meinen Vater."
"Was?" Gibbli erinnerte sich an das Gespräch, das sie zwischen ihm und Abyss belauscht hatte. Darum war es gegangen. Und dann nahm Sky Abyss sogar in seine Crew auf?
"Es war fair. Sein Tod war gerecht. Mein Vater hat getötet. Also verdiente er zu sterben."
"Du bist verrückt", flüsterte sie.
Sky nickte. "Und Abyss ist stur, Gibbli. Ein Scheitern akzeptiert er nicht. Dass irgendetwas nicht funktioniert, damit kommt er nicht klar. Und das ist seine größte Schwäche. Das ... und du. Vielleicht hat er mit seinen verrückten Plänen oft Schwierigkeiten, aber er findet einen Weg, sein Ziel trotzdem zu erreichen. Immer. Das oder der Tod. Etwas anderes kommt für ihn nicht in Frage."
Das oder der Tod. Diese Worte machten Gibbli mehr Angst als alles andere. Würde Abyss wieder in Betracht ziehen zu sterben? "Ich wollte nicht, dass er geht."
"Ich weiß."
Gibbli dachte nach. Abyss hatte ihr angeboten zu fliehen, damals. Hätte er für sie seinen Plan, den Dolch Nu zu finden, aufgegeben? Wenn Sky recht hatte, wäre Abyss wahrscheinlich ohne sie zurückgekehrt, um den Geigenbogen zu holen. Er hätte sie alleine gelassen, um seinen Plan zu verfolgen. Sie war bedeutungslos.
"Ich wollte auch nicht, dass er geht. Er kommt zurück. Ganz sicher", unterbrach Sky ihre Gedanken. "Denn wenn nicht, wäre er an dir gescheitert. Abyss scheitert niemals."
Bedeutungslos. Gibbli blickte ihn wieder an. Sie war ein dummes, kleines Kind. "Ich war zu schwach. Zu langsam."
"Erkläre mir das. Ich verstehe nicht, was du meinst."
"Alles. Dass ich so mies bin im Training und das mit Abyss und dass ... dass ich einfach alles kaputt mache. Das sollte ich nicht."
"Ich sage dir, was du solltest. Du solltest mir jetzt folgen ... Bitte", fügte er hinzu.
Gibbli zögerte, dann nickte sie. Er war der Kapitän. Er gab die Befehle. Sie war ... nichts.
Sky führte sie zur Seitentür der Zentrale in seinen privaten Raum. Gibbli fragte sich, was er hier mit ihr wollte. Sie blickte sich um. Es wirkte gemütlich, wie in allen Teilen der Mara. In der Mitte auf der einen Seite stand eine große Liegefläche. Auf ihr lag eine dicke Decke. Es gab Öffnungen an der Wand, hinter welcher der Kapitän einige Dinge verstaut hatte. Gibbli wollte nicht wissen, welche davon aus Versehen gestohlen waren. Auf der gegenüberliegenden Seite des Eingangs befand sich ein großes, rundes Fenster zum Wasser hinaus. Davor stand eine gepolsterte Bank ohne Lehne. Auf diese zeigte der Kapitän.
"Setz dich", sagte er müde.
Gibbli folgte seiner Anweisung. Sie setzte sich mit dem Rücken zu ihm und blickte hinaus. Goldene Röhren am Rand der Andockstelle schimmerten draußen durch das Wasser hindurch. Sky blieb stehen. Gibbli war noch immer nicht klar, was sie hier sollte. Er würde sie rauswerfen. Dazu musste er sie doch nicht extra in seinen Raum bestellen.
Gerade, als Gibbli sich entschloss zu fragen, sagte er leise: "Keine Entschuldigung kann rückgängig machen, was geschehen ist."
Verdammt. Er wusste es. Ausdruckslos starrte Gibbli aus dem Fenster und wagte es nicht, sich umzudrehen. Das mit Djego. Er wusste alles. "Ich habe versagt. Alles was du mir beigebracht hast, ich ... ich war zu langsam, ich hab zu spät reagiert, er hat mich überwältigt, er ... er hat ..." Sie hatte alles falsch gemacht. Sie war zu schwach gewesen. Sie hatte verloren.
"Ich trage die Verantwortung. Es gibt nichts, was ..."
Er brach ab, als sich der Eingang hinter ihnen öffnete. Gibbli drehte sich um und erblickte Nox, zusammen mit einer Frau, die sie bereits kannte: Dessert Kranch.
"Du?" Sky verzog ablehnend das Gesicht. "Nox, das ist nicht die richtige Person!"
Die Zähne des Tiefseemenschen blitzten auf und er machte eine entschuldigende Geste.
"Da sitzt sie ja. So friedvoll", sagte Dessert und betrachtete Gibbli prüfend. Dann blickte sie den Kapitän an. "Ich kann mir gut vorstellen, wie gerne Jack jetzt an meiner Stelle wäre. Alles was er begehrt und töten will, in einem Raum."
"Erkläre mir deine Anwesenheit! Ich habe nach Elvira Fenchel verlangt!"
"Sie kann nicht weg, liebster Ex-Mann. Zu viele Verwundete. Unsere Leute kommen nicht mit der Versorgung hinterher." Sie warf Nox einen wütenden Blick zu. "Euer Tiefseemensch hat großen Schaden hinterlassen. Die Ärzte sind ganz schön erschrocken, als er auf einmal mit deiner Nachricht aufgetaucht ist. Und diese Beben machen es nicht besser."
Missbilligend stieß Sky die Luft aus. "Hast du es dabei?", fragte er dann.
"Wozu brauchst du es?", gab Dessert zurück.
"Hast du es dabei?", wiederholte der Kapitän seine Worte etwas deutlicher und betont ruhig.
"Was hast du vor, Sky?"
"Ja oder nein?"
Sie zog zwei Gegenstände aus ihrer Innentasche. Ein Gerät, das aussah wie ein Scanner. An dem aufgeprägten Symbol war sofort erkennbar, dass es sich um ein medizinisches Instrument handelte. Das zweite Ding in Desserts Händen war ein Fläschchen. Ein Etikett mit weißer Aufschrift klebte an dem undurchsichtigen Glas. Doch der Text war so winzig, dass Gibbli ihn von weitem nicht lesen konnte. Sky nahm ihr die beiden Gegenstände aus den Fingern.
"Willst du jemanden operieren?", fragte Dessert misstrauisch.
"Geht", antwortete der Kapitän knapp, ohne ihre Frage zu beachten.
"Was? Aber-"
"Verschwindet!"
Dessert rümpfte protestierend die Nase. Doch sie wandte sich zum Eingang, als Nox seine krallenartigen Finger auf ihre Schulter legte und begann, sie hinauszuschieben.
"Du könntest wenigstens etwas netter sein, ich habe dir das Zeug gebracht und Jack nicht gesagt, dass ich herkomme", rief sie, während die beiden hinaus gingen. "Noch einmal werde ich das nicht tun!"
Dann schloss sich die Tür hinter ihnen und Gibbli war wieder mit dem Kapitän allein. Unsicher beobachtete sie ihn. Er trat an die Öffnung an der Wand und holte einen Stapel weißer Tücher daraus hervor. Diese legte Sky mit dem scannerähnlichen Gerät auf sein Bett. Wieder trat er an das Regal und fand schnell, was er suchte: Ein Glas. Sky öffnete das Fläschchen und schüttete die Hälfte der Flüssigkeit hinein. Er vermischte sie mit dem Inhalt eines anderen Behälters, den er ebenfalls aus der Wandöffnung holte. Dann trat er mit dieser Mischung auf Gibbli zu und hielt es ihr mit seinen rauen Händen entgegen.
"Trink das, Gibbli. Es lässt dich schlafen."
Ablehnend rutschte sie davon weg. "Ich will nicht schlafen."
"Deine Wunden müssen versorgt werden", sagte er ruhig. "Und es ist das Beste für dich, wenn du das nicht mitbekommst."
"Nein! Das müssen sie nicht. Ich will das nicht. Ich ... ich kann es verbinden, der Schnitt ist nicht tief."
Durchdringend fixierte er sie mit den schwarzen Implantaten. "Der Schnitt geht durch deine komplette Hand hindurch. Man könnte etwas durchstecken und es würde auf der anderen Seite wieder herausfallen. Der Schnitt könnte also tiefer nicht sein. Aber von dieser Wunde rede ich nicht. Ich rede von dem, was Djego dir antat."
Beschämt betrachtete Gibbli ihre Hände und biss sich auf die Lippen. Das winzige Bisschen an Hoffnung in ihr, Sky hätte es doch nicht gewusst, erstarb.
"Trinke es jetzt." Er setzte sich neben sie, ihr zugewandt, mit gespreizten Beinen, je eines auf jeder Seite der Bank.
"Bo ist unsere Ärztin!", warf sie panisch ein. Sie fixierte den Boden und seinen linken Stiefel, um ihn nicht ansehen zu müssen.
"Bo ist keine Ärztin. Sie hat Dinge im Krankenhaus aufgeschnappt und ich bezweifle, dass sie weiß, was zu tun ist. Aber wenn du möchtest, dass ich sie hole, dann tue ich das."
Sie schüttelte schnell den Kopf. "Nein!" Bloß nicht, dachte Gibbli. Es reichte, wenn Sky es wusste. Woher auch immer er das tat. "Das Marahang. Das Marahang macht es gut."
Für einen Moment schwieg er. "Das Marahang heilt vielleicht physische Wunden. Aber es macht sicher nicht alles wieder gut oder weg, was weg soll."
"Was weg soll?"
"Diese Möglichkeit besteht. Das weißt du so gut wie ich. Und glaube mir, das willst du nicht. Nicht von ihm und nicht in deinem Alter."
Gibbli schluckte. Ganz zu schweigen davon, dass es ein Gesetz gab, das es den Landmenschen unter dem Wasser verbot, so jung ein Kind zu bekommen. Ihr Blick fiel wieder auf das Glas, das er noch immer vor sie hinhielt. Die hellgrüne Flüssigkeit schwappte leicht hin und her. Sie ähnelte dem grellgrünen Gift, das Abyss getrunken hatte. Ihre Gedanken schweiften ab und Gibbli flüsterte: "Es hätte ihn fast umgebracht."
Der Kapitän runzelte die Stirn und verlangte in ruhigem Ton: "Erkläre mir das."
"Er hätte sich fast umgebracht. Wegen mir", stammelte Gibbli, ehe ihr bewusst wurde, was sie da sagte.
"Das grüne Gift. Abyss hat es getrunken", flüsterte Sky plötzlich.
Gibbli blickte ihn entsetzt an und wollte sich auf die Zunge beißen. Das war ein Geheimnis! "Ich hab nicht, ich wollte nicht ... Er hat nicht, er hat mir versprochen, dass er es nicht mehr trinkt, er ..."
Doch Sky schüttelte leicht den Kopf. "Schon gut. Ich war ein Narr. Ich dachte, ich hätte alles von diesem Zeug vernichtet."
"Ich glaube, er wollte, dass du ihn rauswirfst", sagte Gibbli tonlos.
"Ich weiß."
"Du hast es gewusst?"
"Damit droht er mir bereits, seit er Djego zum ersten Mal sah. Er beschwor mich immer wieder, entweder Djego geht oder er." Der Kapitän lächelte traurig. "Also hat dieser Mistkerl ein drittes Mal überlebt."
"Du hast es auch getrunken. Damals, auf der Mara, als der Mönch ..."
"Ja, Gibbli und ich bin nicht stolz darauf. Es musste sein."
"Warum?"
"Ein Kapitän sollte niemals Schwäche zeigen vor seiner Crew. Hätte ich es nicht getan, hätte Abyss mich niemals als seinen Führer akzeptiert. Ich wollte ihn haben und ich brauchte seinen Respekt, wenigstens für eine kurze Zeit. Das schaffte ich nur, indem ich etwas tat, was er nicht erwartete. Das Gift zu trinken war die einzige Möglichkeit. Es ist nicht leicht, jemanden wie Abyss zu überraschen. Er mag manchmal überrascht erscheinen, aber er ist es nicht."
"Er hat das geplant, am Lagerfeuer", flüsterte sie.
"Ohne eine Absicht tut er nichts. Abyss war sicher verzweifelt, dass er dieses Risiko einging, nur um seinen Plan nicht scheitern zu sehen. Er muss gedacht haben, jemand von euch erzählt es mir. Dass du es mir nicht sagst, war ihm sicher klar. Ich frage mich, warum Steven es mir verheimlichte."
"Also hast du nicht rausgefunden, warum er Steven akzeptiert?"
"Nein. Keiner der beiden wollte es mir verraten. Weißt du, das ist deprimierend. Ich bin der Kapitän und niemand will mir irgendetwas sagen."
"Hättest du ihn weggeschickt? Wenn du es gewusst hättest?", fragte Gibbli. So wie du mich gleich wegschicken wirst?, dachte sie.
"Er müsste jemanden aus der Crew töten, um sie zu verlassen, selbst dann würde ich ihn nicht hinauswerfen, sondern umbringen. Aber das macht er nicht. Nicht einmal Steven. Ich stelle mir diese Frage seit Wochen. Womit hat der Oceaner es geschafft, Abyss von sich zu überzeugen? Du weißt, wie schwer es ist, dass Abyss jemanden akzeptiert. Er war immer ein Einzelkämpfer. Er hasst andere Menschen grundsätzlich."
"Denkst du ...", begann sie zögernd, "... denkst du, Steven könnte ihn überreden, zurückzukommen?"
"Nein", antwortete Sky knapp.
Das war ehrlich. Dieses Wort fühlte sich an wie ein Schlag in ihr Gesicht. Also hatte sie ihn umsonst losgeschickt.
"Jedenfalls", fuhr der Kapitän fort, "nicht, wenn Abyss es nicht will."
Gibbli blickte auf. Was meinte er damit?
"Hör zu, Abyss und Steven sind so ziemlich die unterschiedlichsten Wesen, die ich kenne. Steven sagt, was er denkt. Er tut, worauf er gerade Lust hat, lässt sich von seinen Gefühlen leiten. Er liebt seine Emotionen und gibt sich ihnen voll und ganz hin. Abyss hingegen ist verschlossen."
"Verschlossener als ich?"
"Ja, sogar verschlossener als du, Gibbli."
"Aber er macht auch das, was er will."
"Richtig. Aber Abyss plant die Dinge. Nicht wie Steven." Sky blickte auf das Glas in seiner Hand und stellte das Fläschchen mit dem noch übrigen Inhalt hinter sich auf die Bank. "Steven nimmt sich, was er will. Abyss hingegen bringt die Leute dazu, ihm zu geben, was er will. Er setzt dafür Masken auf. Und ja, er spielt gerne den rücksichtslosen Kerl, der so tut, als kümmere ihn nichts, als würde er ohne Skrupel einfach alle umbringen, so wie Steven. Aber so ist er nicht. Im Gegenteil. Er macht seinem Namen alle Ehre. Wenn man hinter seine Masken blickt, tun sich Abgründe auf, die man niemandem wünscht."
"Abgründe?", fragte Gibbli.
"Er ist", Sky zögerte, als ob er abwägen würde, ob er ihr das erzählen sollte oder nicht, "er ... ist sehr verletzlich, Gibbli. Alles verletzt ihn. Steven ist es schlicht egal, er bringt jemanden um und vergisst es einfach. Der Oceaner kommt jemandem nahe und lässt ihn dann fallen und er kommt damit klar, wenn etwas nicht funktioniert. Aber nicht Abyss. Nein. Abyss tötet mit jedem Messer ein Stück von sich selbst. Er will die Leute gar nicht verletzen. Aber er denkt, dass er es muss. Er spielt seine Rollen. Abyss hat seine festen Ziele und tut nichts ohne Grund. Aber das weißt du ja inzwischen. Wenn er sich einmal zu etwas entschlossen hat, ist es schwer, nun, eigentlich so gut wie unmöglich, seine Meinung zu ändern. Wenn er nicht bekommt, was er sich vorstellt, dann geht für ihn die Welt unter. Nein, anders, eher geht die Welt unter, als dass er nicht bekommt, was er will. Das gibt es nicht, es ist unmöglich aus seiner Sicht. Abyss lässt alles so an sich heran, ich habe vor ihm noch nie jemanden getroffen, der sich selbst so kaputt macht, wie er es tut. Natürlich zeigt er das nicht. Er ist ein guter Schauspieler."
"Der Beste."
"Ja, Gibbli. Du hast es miterlebt. Er versucht, sich nicht verletzlich zu zeigen. Er steckt alles weg, jedenfalls tut er so und kann es gleichzeitig nicht hinnehmen. Abyss saugt das alles auf wie ein Schwamm. Aber irgendwann passt in so einen Schwamm kein Wasser mehr hinein. Und wenn er überläuft, wenn es keine Ersatzpläne mehr gibt und nichts, womit er sich abreagieren könnte, wenn er kaum noch einen Ausweg sieht, seine Vorhaben umzusetzen, dann ..."
"... bringt er sich um", flüsterte Gibbli.
Stille breitete sich in dem Raum aus. Sky öffnete den Mund, schloss ihn wieder und nickte. "Dann zieht er diese Möglichkeit in Betracht, ja."
Gibbli sprang auf.
"Gibbli."
"Das heißt, er ... wir müssen ... Es ist zu spät! Warum hast du nicht-"
"Gibbli!" Sky packte sie am Arm.
Sie schrie erschrocken auf und er ließ sie sofort wieder los.
"Er wird es nicht noch einmal tun. Du siehst doch, wie er reagiert. Er ist verzweifelt, mehr als das, er ist am Ende. In diesem Zustand hätte er es längst genommen, wenn er es dir nicht versprochen hätte."
"Und wenn er wieder lügt?"
"Du sagtest mir einmal, du vertraust ihm."
"Er ist gegangen!", schrie sie aufgebracht.
"Doch nur, weil sein dummer Plan das vorsah. Er hatte seine Gründe."
"Ich bin sein Grund. Es ist meine Schuld."
Sky blickte sie an. "Ja", sagte er schlicht.
Gibbli hatte das Gefühl, gleich würden ihre Beine nachgeben. Sie ließ sich zurück auf die Bank fallen.
"Es war dennoch seine Entscheidung, Gibbli. Nicht die deine. Doch du bist auch der Grund, warum er zurückkommen wird. Steven könnte ihn nicht überreden. Das muss er gar nicht. Abyss kommt zurück. Ich weiß es. Ich weiß es, Gibbli."
Seine Worte klangen so sicher, so zuversichtlich. Aber es war Abyss. Unberechenbar. Gibbli schüttelte den Kopf. Nein, sie konnte das nicht glauben. Abyss würde nicht ihretwegen zurückkommen, warum sollte er auch, er war ja wegen ihr gegangen. Er hatte sich ihretwegen fast umgebracht. Er hasste sie.
"Trink das jetzt. Und ich versichere dir, es ist kein Gift."
"Ich ..." Sie brach ab. Sie wollte nichts mehr denken. Vielleicht sollte sie einfach tun, was er sagte.
"Vertrau mir. Gibbli, ich war Flottenführer von über 200 Booten. Ich will nicht sagen, dass ich alles weiß, aber Führungskräfte werden auf so etwas geschult. Ich weiß, was zu tun ist. Du wirst nichts davon merken."
"Du bist kein Arzt."
Sky betrachtete sie ruhig. "Ich könnte einer sein. Ich habe die Prüfungen der Kurse dafür abgelegt, Gibbli. Alle. Nur mein Vater sah einen anderen Weg für mich vor. Ich trat damals gegen meinen Willen in die elitäre Flotte ein. Dennoch ging ich diesen Weg mit Stolz. Vertrau mir, ich kann das. Ich bin dein Kapitän, okay?"
Fragte sich nur, wie lange noch. Mit offenem Mund starrte Gibbli wieder auf die Flüssigkeit in seinen Fingern. Bo's Worte drangen durch ihren Kopf: Halte dich immer an unseren Kapitän. Er beschützt uns. Das hatte sie gesagt. Außerdem, wenn sie es jetzt trank, dann würde sie ihren Rauswurf verzögern.
"Okay."
Sie nahm das Glas mit zitternden Händen und führte es langsam an ihren Mund. Dann schluckte sie die hellgrüne Flüssigkeit. Es schmeckte ein wenig bitter. Tosende Wellen fegten durch ihren Körper hindurch. Gibbli schwankte leicht. Nach einigen Sekunden verschwamm die Umgebung. Die Schemen von Skys Raum wurden immer undeutlicher. Das letzte, was Gibbli noch wahrnahm, war, dass er das fallende Glas auffing, während sie zur Seite kippte, direkt in seine Arme.
 
Als Gibbli erwachte, lag sie unter der warmen Decke von Skys Liegefläche auf der Mara. Sie atmete frische Luft ein. Diese drang unaufhörlich aus den Filteranlagen, beruhigend und lautlos. Langsam drehte sie ihren Kopf und erblickte den Kapitän am runden Fenster stehend. Sein breiter Rücken steckte in einem der altmodischen Rüschenhemden, die er so gerne unter der Uniform trug.
Wo ist das "Messer?", war ihr erster Gedanke. Laut brach das Wort aus ihren ausgetrockneten Lippen hervor, bevor Gibbli wahrnahm, dass sie sprach, statt dachte. War das wirklich ihre Stimme? Langsam krochen die Erinnerungen in ihren Kopf zurück.
"Es liegt hier, auf der Bank. Neben deinen Werkzeugen", sagte Sky leise, ohne sich umzudrehen.
"Ist Abyss ..."
"Nein."
Für einen Moment schloss sie die Augen. Dann zwang sie sich, sie wieder zu öffnen. "Bin ich ... bin ich ..."
"Du wirst kein Kind in dir tragen und auch keine bleibenden Verletzungen. Jedenfalls keine physischen. Es wird heilen."
Er wandte sich langsam zu ihr um. Gibbli blickte schnell weg. Sie wollte ihn nicht ansehen. Wie konnte sie ihm jetzt noch begegnen, ihm jemals wieder unter die Augen treten? Sie musste hier sofort raus! Mit Mühe hob sie den Kopf und stützte sich ab. Ein kurzer Stich fuhr durch ihre rechte Hand unter dem Verband. Doch es kümmerte sie nicht. Für einen Moment verdunkelte sich die Umgebung. Als die verschwommene Sicht vor ihren Augen wieder klarer wurde, fiel Gibbli auf, dass ihr Pullover frisch gewaschen war. Sie warf die Decke beiseite und setzte sich hastig an den Rand des Bettes. Ihre Beine steckten in einer neuen Hose. Kein Blut mehr. Beschämt hielt sie inne, als er einen Schritt auf sie zutrat. Ihr wurde wieder schwindlig. Nicht vor Schmerzen, sondern vor Hunger. Sie hätte vielleicht doch mehr essen sollen in den letzten Tagen.
"Bitte entschuldige", sagte er ruhig und legte etwas neben sie auf das Bett. "Ich musste dich vorhin für einen Moment alleine lassen."
Warum entschuldigte er sich dafür? Gibbli betrachtete das Gerät, das er eben noch in Händen gehalten hatte: Ein EAG. An der Seite stand ein Name eingraviert: Cervantes Bredley Djego. Bredley, Brett, Brot, dachte sie kurz und glaubte Abyss' Stimme in ihrem Kopf zu hören. Doch er war nicht mehr da. Abyss hatte die Crew verlassen und sie würde seine Stimme nie wieder hören.
"Ich habe dich gerächt. Ich habe Djego bestraft."
"Was?", fragte Gibbli in hohem Ton.
"Ruhig. Er ist nicht mehr dazu im Stande, noch einmal jemandem anzutun, was er dir antat. Nie mehr."
"Ist er ... tot?"
"Nein. Er bekam, was er verdiente." Sky grinste kurz. Ein freudloses Grinsen. Dann blickte er sie traurig an.
Schnell sah sie wieder weg. Gleiches mit Gleichem, war das nicht sein Prinzip? Gibbli wollte es lieber nicht genau wissen. Sie nahm einen tiefen Atemzug. "Wer weiß es? Wer weiß was er ... Was er mir ..."
"Niemand, Gibbli. Nur ich."
"Bekomme ich das Messer jetzt wieder?"
Für einen Moment dachte sie, er würde sie einfach nur beobachten. Dann blickte sie überrascht auf, als Sky es von der Bank nahm und sich vor ihr auf seinen Knien nieder ließ. Als er sich ihr näherte, lehnte sie sich etwas nach hinten, weg von ihm. In einer ruhigen Bewegung nahm er behutsam ihre linke Hand. Gibbli zuckte zusammen, als seine Haut die ihre berührte. Er schloss vorsichtig ihre Finger um den Griff und ließ sie dann wieder los. Erleichterung durchflutete sie, während sie das harte Metall des Griffes spürte.
"Darf ich gehen?", flüsterte Gibbli.
"Ich möchte nicht, dass du jetzt gehst."
Gibbli schluckte und blickte auf ihre Füße. Noch immer am Rand des Bettes sitzend, griff sie nach ihren Stiefeln, die daneben standen. Der Kapitän hielt Gibbli nicht davon ab, in sie hineinzuschlüpfen. Doch er rückte auch nicht von ihr fort.
"Es passierte unter meinem Kommando", sagte Sky leise, als könnte er es nicht fassen.
Gibbli hielt inne und fixierte ihre Stiefel. In Gedanken schob sie den Kapitän beiseite, zurück zum Fenster. Würde er sie aufhalten, wenn sie einfach aufstand und ging?
"All diese Verbrechen, all diese Schmerzen. Und jetzt das. Ich kann verstehen, wenn du die Crew verlassen willst."
Die Crew verlassen. Das war es also. Sie hatte versagt und es gab sowieso keinen anderen Weg, wie konnte sie jetzt noch in Skys Nähe bleiben. Vielleicht war es ganz gut, wenn er sie rauswarf.
"Alles geht schief. Meine Mission ist gescheitert. Die Crew bricht auseinander. Steven macht ... ich habe keine Ahnung, was er treibt. Und Abyss ist fort. Fort."
"Ich bin noch da", flüsterte Gibbli. Noch. Und es fühlte sich falsch an, das zu sagen. Sie wünschte sich, sich auf der Stelle in Luft aufzulösen. Gleichzeitig sträubte sich alles in ihr dagegen. Die Mara war der einzige Ort, den sie je ihr zu Hause genannt hatte.
"Ja, das bist du. Du und Bo. Und ich möchte, dass das so bleibt."
Was? Hatte sie sich verhört?
"Du wirst nichts Dummes anstellen, versprich mir das, Gibbli."
Achso. Darum ging es also. Er schickte sie nicht fort, damit sie sich nichts antat. Aber später würde er das sicher tun. Sie schwieg.
"Möchtest du darüber sprechen?"
Gibbli schüttelte den Kopf.
"Ich wünschte, du tätest es. Ich wünschte, du würdest mir mehr anvertrauen. Wenn du mir gesagt hättest ... wenn ich gewusst hätte, dass Djego ... nein, vergiss das, es liegt nicht an dir. Ich hätte es vorhersehen müssen. Ich dachte, du magst ihn und dass er nicht ... Das war mein Fehler. Ich habe die ganze Zeit versucht, dich vor Abyss zu schützen und ihn von dir fernzuhalten, ohne zu erkennen, dass die größere Gefahr von jemand anderem ausging. Es ist allein meine Schuld."
Gibbli krallte sich am Polster unter ihr fest. Ihr Bauch tat weh. "Jetzt sag es doch endlich", flüsterte sie mit heißerer Stimme.
"Was möchtest du, dass ich sage?", fragte Sky.
Gibbli wich seinem Blick aus. "Dass du mich rauswirfst."
Einen Moment lang verharrte er und Gibbli zählte fieberhaft die Sekunden, bis er zu sprechen begann: "Das wirst du mich niemals sagen hören."
Überrascht öffnete sie den Mund. "Ich hab ... ich hab gegen ihn verloren. Ich hab dich enttäuscht. Ich ... bin schwach", stammelte sie.
"Das bist du nicht. Vergiss doch endlich diese dämliche Akademie-Gehirnwäsche! Mir ist klar, dass das nicht leicht ist, wenn einem das jahrelang eingetrichtert wird. Aber es ist nicht wahr, Gibbli. Du solltest mittlerweile wissen, warum sie das sagen, warum einem dort gelehrt wird, ein Niemand zu sein. Doch nur, um gute Soldaten aus euch zu machen, die Befehle befolgen und nicht gegen das Gesetz verstoßen. Du bist stark. Du hältst das aus."
"Und wenn ...", begann sie leise, "... wenn ich das nicht mehr tue? Wenn ich zusammenbreche und ich ... ich ... Sky, ich halte es nicht aus." Das mit Djego, ja. Aber dass Abyss sie nie wieder sehen wollte, brachte sie um den Verstand.
"Gibbli, ich bin euer Kapitän. Ich werde immer da sein und ich werde nie irgendjemanden von euch hinauswerfen, egal was ihr tut und egal was passiert. Solange ihr euch gegenseitig nicht umbringt, könnt ihr mir nicht entkommen. Ihr gehört mir. Du gehörst mir. Abyss gehört mir. Und er kommt zurück, das verspreche ich dir und wenn ich ihn mit Gewalt dazu zwingen muss. Ich beschütze euch mit meinem Leben. Das hier ist nicht irgendeine elitäre Flotte, deren Mannschaft sich ständig ändert. Das hier ist die Crew der Mara. Meine Crew. Wer einmal dabei ist, wird es immer sein. Ich lasse euch nicht gehen. Niemals."
"Aber", sie blickte ihn mit zusammen gekniffenen Augen an, "du hast gedroht, Abyss rauszuwerfen."
"Niemals."
"Mehrmals."
"Niemals."
"Aber-"
"Niemals."
Gibbli verstummte. Ihr Blick schweifte in die Ferne, durch den kleinen Raum, zum runden Fenster. "Du hast ihn belogen."
Sky starrte kurz zu Boden und nickte dann. "Ja. Ja, ich hab ihn angelogen."
"Du hast ihn angelogen", wiederholte Gibbli. Ihre Stimme klang brüchig, doch nicht so leer, wie sie sich fühlte.
"Das sagte ich bereits. Hey, das war jetzt keine Anstiftung, um meine Befehle nicht mehr zu befolgen. Ich kann durchaus überzeugend werden, wenn es sein muss."
"Aber du lügst nie. Du hast ihn angelogen." Ungläubig schüttelte sie den Kopf. Sofort hielt sie wieder inne. Diese Neuigkeit hätte sie fast lustig gefunden, wäre sie jetzt nicht in dieser beschämenden Situation mit ihm und wäre das mit Djego nicht passiert und wäre Abyss jetzt an ihrer Seite und würde ihr Gehirn nicht gerade anfangen, Karussell zu fahren.
"Hör zu, Abyss weiß das. Abyss weiß, dass ich ihn anlog. Er ... er macht mich wahnsinnig. Ich versichere dir, es war die einzige Lüge. Die erste. Er ... er ist nicht wie du. Wenn ich dir einen Befehl gebe, dann kann ich mir sicher sein, dass du alles versuchen wirst, um ihn auszuführen. Nun ja, meistens jedenfalls. Wenn ich hingegen Abyss mit etwas beauftrage, muss ich hoffen, dass sein Wille sich zufällig mit meinem überdeckt und dass er auch nur überhaupt darüber nachdenkt, vielleicht, irgendwann einmal, in ferner Zukunft, in Erwägung zieht, zu tun, was ich verlange. Befehlsverweigerung und Respektlosigkeit mir gegenüber toleriere ich nicht. Aber ich versichere dir, ich werfe niemanden hinaus, nur weil er etwas nicht schafft oder macht. Du brauchst dich nicht mehr zu beweisen, Gibbli. Du bist bereits dabei. Vergiss die Ausbildung. Vergiss die Meeresakademie. Alles was du wissen musst, lernst du hier."
"Du hast ihn angelogen", wiederholte Gibbli tonlos. Saß sie wirklich noch hier? War das hier echt?
"Ich bin nur ein Mensch, wie jeder andere auch. Ich bin nicht perfekt. Ich bin auch nicht nett. Ich bin kein gutes Vorbild. Und schon gar nicht bin ich ein Ersatz für deinen Vater oder sonst irgendjemanden. Aber ich bin derjenige, der auf dich aufpassen sollte."
Sie begann zu zittern, als er das Wort 'Vater' aussprach. Ihr Vater war tot. Ihre Mutter war tot. Und ihr Bruder, Abyss, war weg. Ihretwegen. Und selbst wenn Sky es schaffen sollte ihn zurückzuholen, Abyss hasste sie. Ihre Sicht begann zu verschwimmen. Sofort presste sie die Augen fest aufeinander. Nicht jetzt, nicht vor dem Kapitän, nicht nachdem, was er für sie getan hatte. Gibbli öffnete sie wieder. Sie musste hier schnellstmöglich raus! Doch ihr war klar, wenn sie jetzt aufstand, würde ihr schwindlig werden. Sie zitterte schon im Sitzen. Sie würde umkippen.
"Ich bin für dich verantwortlich. Und ihr könnt euch auf mich verlassen. Immer. Ich habe für dich gemordet! Ich weiß nicht, was ich noch machen soll, damit du mir glaubst."
Ein Schauer durchfuhr ihren Körper und Gibbli unterdrückte ein Wimmern. Die cremeweißen Ärmel seines Hemdes rutschten ein Stück zurück, als Sky seine Arme ausstreckte. Er nahm sie vorsichtig an beiden Schultern. Wieder schrak Gibbli zusammen. Für eine Sekunde verharrten die beiden Hände bewegungslos, dann zog er sie zu sich herab. Gibbli fühlte sich viel zu schwach, um ihn aufzuhalten. Sie ließ es geschehen und schloss die Augen, als Sky seine Arme um sie legte. Sie schaffte es nicht mehr, sich gegen ihre Tränen zu wehren. Die salzige Flüssigkeit lief still ihre Wangen hinab. Und Sky hielt sie einfach fest und schwieg. Irgendwann verlor Gibbli jegliches Zeitgefühl.
"Ich bin mir sicher, wenn er es wüsste ... wenn er wüsste, was passiert ist, wäre er hier. Er hätte es nie zugelassen. So wie ich", hörte sie den Kapitän nach einer Weile sagen.
Hatte sie ihn etwas gefragt? Gibbli erinnerte sich nicht mehr daran. Sagte er nicht einmal, er mochte keine Kinder? Und jetzt saß sie hier am Boden, in seinen Armen. Noch immer.
 
Langsam hangelten sich die leuchtenden Augen in der Dunkelheit entlang. Das tiefe Blau des Wassers wurde von düsteren, goldenen Schatten der Andockstelle Oceas durchzogen. Ein kleines, fischähnliches Wesen verschwand hinter dem Metall des Rahmens aus ihrem Sichtfeld.
"Er wird mich umbringen", sagte der Kapitän nüchtern.
Sie saßen beide auf der Bank und blickten aus dem runden Fenster ins Wasser hinaus.
"Wenn er das von Djego erfährt, bin ich tot. Und ich versichere dir, ich werde nicht verhindern, dass Abyss es tut."
Gibbli wusste, dass er das wirklich ernst meinte. Sky belog sie nicht. Niemals. Er hatte ihr klar gemacht, dass Abyss der einzige Mensch war, den er hin und wieder anlügen konnte.
"Es tut mir leid, dass ich mich wie ein Kind verhalte. Du hast gesagt ..."
"... ich will keine Kinder in meiner Crew. Das sagte ich." Sky sprach langsam. "Ich sagte das, weil ich nicht auf Kinder aufpassen kann. Ich wollte meine Tochter beschützen und ich konnte es nicht. Ich dachte, wenn ich dich nicht wie ein Kind behandle, dann ... dann könnte ich die Verantwortung dafür irgendwie abgeben. Aber das kann ich nicht."
"Ich bin kein Kind mehr", sagte sie leise.
"Doch. Doch, das bist du. Ich war ein schrecklicher Vater, Gibbli. Streng und gefühllos. Ich wollte sie auf die Akademie vorbereiten. Letitia muss mich verabscheut haben. Ich hätte nicht so fordernd sein dürfen. Aber ich habe meine Tochter nie geschlagen, wie viele andere es tun. Ich habe sie nicht angefasst. Und ich verspreche dir, Gibbli, so etwas wird nie wieder passieren. Und du musst nicht mehr so tun, als wärst du kein Kind mehr. Ich weiß, du willst nicht reden, aber wenn doch, irgendwann, dann werde ich da sein."
Eine Weile war es still und nur das gelegentliche, metallische Knacken der Maschinen unterbrach ihre Gedanken.
"Beantworte mir wenigstens eine Frage, Gibbli. Der Name auf deinem Rücken. Wie?" Natürlich waren ihm die Narben aufgefallen. "Sag mir, wie er vorgegangen ist. Ich möchte wissen, wie er es gemacht hat."
Sie schluckte. "Mit meinem Lötkolben."
Sky nickte und sah wieder aus dem Fenster. "Wolltest du es?"
"Was?"
"Wolltest du, dass er das macht?"
"Nein!" Natürlich nicht! Was dachte er von ihr?
"Bist du dir sicher?", fragte Sky ruhig.
"Er hielt mich fest!", rief sie aufgebracht.
"Und trotzdem deckst du ihn, indem du es mir verschweigst."
Sie presste die Lippen zusammen und wünschte sich hinunter in den Maschinenraum. "Er hat mir die Kontrolle genommen!" Ihre Stimme brach sich. "Er ..."
Er, betrat den Raum mitten durch die Wand. "Sei mir gegrüßt, Kapitän oha, und mein Mädchen?"
Gibbli zuckte zusammen, als sie Stevens helle Stimme vernahm.
Sky stand missmutig auf. "Musst du so hereinstürmen? Kannst du keine Türen benutzen, wie jeder andere auch?"
"Nein, nein, das ging nicht, die ist zugesperrt."
Der Kapitän schnaubte. "Ja! Ganz genau. Aus gutem Grund! Sag mir, was du hier willst!"
"Nein, die Frage ist, was macht mein Mädchen hier? Eingesperrt, mit dir."
"Das geht dich nichts an. Wo hast du dich herumgetrieben?"
"Ich muss mit dir reden, Kapitän. Es ... also, es geht um diese Schutzvorrichtung."
"Sprich."
Der Oceaner musterte Gibbli. "Ich würde es vorziehen, das erst nur mit dir zu besprechen, Kapitän."
Sky folgte seinem Blick und zögerte. "Das ist ein ungünstiger Zeitpunkt." Offensichtlich wollte er sie nicht alleine lassen.
"Nein, nein nein nein. Steven muss mit dir sprechen. Jetzt. Es ist wichtig, das ist es. Das ist es!"
Gibbli erkannte ihre Chance. "Ich gehe", murmelte sie und sprang auf.
Sky schien hin und hergerissen sie aufzuhalten oder zu erfahren, was Steven zu sagen hatte. Gibbli eilte an den beiden vorbei, ehe er sich gegen den Oceaner entscheiden konnte.
"Du wartest in der Zentrale auf mich! Du gehst nicht weg!", rief der Kapitän ihr nach.

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