Kapitel 13: Schreckliche Erinnerungen (Bis in die tiefsten Ozeane)

Sie saßen alle beisammen in der Zentrale. Bo hatte mit Coras Hilfe ein leckeres Essen gezaubert. Sky schien nicht gerade glücklich darüber, dass die beiden alles auf dem runden Tisch abgestellt hatten, der graviert war mit vielen oceanischen Schriftzeichen und Symbolen. Er sagte jedoch nichts dazu. Es gab honigfarbene Kartoffeln, knusprig gebratenen Fisch von draußen und sogar frisches Gemüse.
„Ich habe es von der Galerie. Hier wächst wirklich alles“, rief Bo begeistert.
Sky hatte während seines kleinen Ausflugs einen Informa­tionszylinder besorgt, der Daten über verschiedene essbare Pflanzen und Früchte enthielt. Misstrauisch untersuchte Gibb­li einen khakifarbenen Brocken auf ihrer Gabel und biss dann hinein. Er schmeckte saftig und ein wenig süß.
Trotz den lachenden und auch ein wenig gezwungen klin­genden Bemerkungen von Bo, stieg niemand in das Gespräch mit ein und so verbrachten sie den größten Teil des Essens schweigend. Aber es tat gut. Zum ersten Mal seit langem, fühlte sich Gibbli wieder richtig satt.
„Was ist da drin?“, fragte Bo, als sie fertig waren und deu­tete auf eine etwas dunklere Kiste mit Rädern unten dran, die neben vielen anderen Kisten vor der Küche stand. „Ich hab sie nicht aufbekommen.“
Gibbli realisierte, dass sie das Ding schon einmal gesehen hatte. Damals, in der Rettungskapsel in der Akademie, als sie vor den Soldaten geflüchtet war.
„Die Leiche meiner Tochter“, sagte Sky emotionslos und stand auf.
„Sehr witzig“, murmelte Abyss düster.
„Meine Angelegenheiten gehen euch einen Scheißdreck an.“
„Scheißdreck“, äffte Cora ihn nach.
„Entschuldigt diese Worte. Ich bin es nicht gewohnt, dass man so mit mir spricht.“ Die anderen sahen zu, wie ihr Kapitän zufrieden die Kiste zu einer Tür schob, die aus der Zentrale in sein Zimmer führte.
 
Während Abyss das Ocea-Buch von Bo durchblätterte, räum­ten die anderen den Tisch ab.
„Etwas gefunden?“, fragte Sky nach ein paar Minuten und setzte sich zu ihm.
„Nein“, antwortete er knapp.
„Geht das auch ausführlicher?“
„Nein.“ Abyss blickte ihn böse an.
„Abyss!“
„Ich kenn dieses Buch. Der Mönch, der mich aufnahm, be­sitzt auch so ein Teil. Er ist besessen von diesen alten Ge­schichten. Damals hat er es mir übersetzt, damit ich die Spra­che lernen konnte.“
„Sieh an, du bist also doch nicht der einzige, der oceanisch beherrscht“, sagte Sky interessiert. Gibbli beobachtete ihn, als er die Karte hervorholte. Die Metallscheibe glänzte golden in seinen Händen.
„Glaub mir, den Typen willst du nicht an Bord haben“, mur­melte Abyss. „Es überrascht dich vielleicht, aber ein großer Teil in diesem Buch ist gar nicht auf oceanisch. Viele Texte da drin wurden in der Sprache der Tiefseemenschen verfasst.“
„Also könnte der Autor ein Tiefseemensch gewesen sein?“
„Das bringt uns nicht weiter.“ Abyss schlug auf eine Taste und schaltete das Buch aus. „Hier drin stehen allgemeine Techniken über Ocea. Informationen über verschiedenste Le­bewesen. Aber nichts über dieses U-Boot.“
Bo schnappte sich das Buch und ihre Hände umklammer­ten die runde Platte, als würde sie es ungern wieder hergeben. Gibbli wusste, dass es ihr viel bedeutete.
„Dann versuchen wir es einfach selbst.“ Sky legte die Karte in die Einkerbung in der Mitte des Tisches. Sie passte perfekt hinein, aber nichts passierte. „Gegen den Uhrzeigersinn, rich­tig?“, fragte er und Gibbli nickte. Doch auch, als er versuchte die Karte zu bewegen, blieb alles still. „Ich kriege sie nicht ein­mal mehr heraus.“
„Kann Cora nicht-“
„Cora hat keine Ahnung von all dem hier, sie ist eine dum­me kleine Göre“, unterbrach Abyss Bo’s Worte.
„Dumme Göre“, wiederholte Cora grinsend.
Sky wandte sich Bo zu. „Du hast die Karte schon benutzt, als du das Hangartor geöffnet hast. Versuche es noch ein­mal.“
Sie nickte, trat nach vorne und legte ihr Buch vorsichtig zur Seite. Das Gold des Tisches schien sich leicht auf ihrer bläuli­chen Haut zu spiegeln. Als Bo versuchte den Mechanismus zu drehen, glühte unter der Kleidung an ihrer Brust etwas schwach auf. Angestrengt schob sie an der Kartenoberfläche.
„Geht nicht“, sagte Bo dann enttäuscht. Die Scheibe hatte sich nicht einen Millimeter bewegt.
„Gibbli, dein Job“, befahl Sky schließlich.
Gibbli blickte auf. Ihr fiel ein, was Abyss über ihre DNA ge­sagt hatte. Nervös begann sie auf ihren Lippen zu kauen und fühlte sich noch schwächer als sonst. Was, wenn sie es nicht schaffte? Als ihr bewusst wurde, dass alle sie anstarrten, wag­te sie langsam einen Schritt nach vorne. Sie beugte sich über den Tisch zur Mitte und legte ihre linke Hand auf die runde Scheibe. Das Metall fühlte sich warm an. Dann begann plötz­lich der ganze Tisch aufzuglühen.
Gibbli wollte zurückweichen, doch Sky schüttelte den Kopf. „Weiter.“
Sie spürte, wie sich das Metall unter ihren Fingern langsam erhitzte. Gibbli erinnerte sich, dass ihr dies schon bei einigen Geräten im verbotenen Archiv passiert war. Teile, die sie be­rührt hatte, waren auf einmal so heiß geworden, dass sie sich fast daran verbrannt hatte. Ihr Atem beschleunigte sich.
„Drehe sie“, forderte Sky.
Mit zitterndem Arm schob Gibbli an der Scheibe. Sie gab nach und begann sich ganz langsam zu drehen. Das Metall brannte an ihrer Handfläche und kleine Rauchschwaden stie­gen auf.
„Aufhören!“, rief Abyss dazwischen.
„Nein“, sagte Gibbli, über sich selbst überrascht.
Ihre Begeisterung für diese Technologie war wieder er­wacht. Es funktionierte! Sie achtete nicht auf den Schmerz und schob so fest es ging, um die Drehung endlich zu Ende zu bringen. Gibbli bemerkte kaum, dass Bo rennend den Raum verlassen hatte. Sie bekam kaum mit, wie Cora neben ihr be­gann, aufgeregt auf und ab zu hüpfen. Sie nahm auch kaum wahr, wie Abyss mit sich rang, ob er sie packen und vom Tisch wegziehen sollte. Mit schmerzverzerrtem Gesicht drückte Gibbli die Scheibe weiter. Nur noch ein kleines Stück! Plötzlich spürte sie Angst aufkeimen und ein Gedanke kroch ihr in den Kopf, wie ein Parasit, der nur darauf gewartet hatte, ihn zu er­obern. Sie würde es nicht schaffen! Das Brennen breitete sich aus, weiter den Arm entlang, bis in ihre linke Schulter.
„Ich spüre meine Finger nicht mehr“, hörte sich Gibbli flüs­tern, aber sie wollte nicht zurückweichen.
Sky packte abrupt ihren Arm und drückte ihre Hand noch fester auf das glühende Metall. Und ehe Abyss ihn aufhalten konnte, brachte er die Drehung zu Ende. Abyss wurde nach hinten gerissen und fiel zu Boden. Sogar die tonnenschwere Cora wich ein Stück zurück. Die Karte rastete ein und Gibbli spürte einen Sog durch ihren ganzen Körper hindurch, der sie mit der Scheibe verband. Als Sky sie wegriss, wurde ihr kurz schwarz vor Augen. Gibbli schwankte. Seine stützende Hand an ihrer Schulter spürte sie fast gar nicht. Ihr linker Arm fühlte sich an, als hätte ihn jemand abgeschlagen.
Bo kam von oben herunter gerannt mit Tüchern und einem Eimer, gefüllt mit einer strahlend türkisen Flüssigkeit. „Hier rein“, rief sie und warf ein paar Blüten in die Lösung.
Gibbli spürte, wie Sky ihren Arm hob und in den Eimer tauchte. Sofort begann ihr Blick wieder klarer zu werden. Die Schmerzen ließen ein wenig nach und ihr ganzer Arm wurde taub. Dann lenkte sie ein brizzelndes Geräusch ab und sie wandten ihre Köpfe dem Tisch zu, über den sich kleine Blitze ausbreiteten. Ausgehend von der Mitte zuckten sie über die runde Fläche bis an den Rand. Die Metallscheibe in der Mitte begann zu sinken und teilte sich überraschend auf. Alle wi­chen zurück, als der Tisch auseinander stob und sich öffnete. Fasziniert betrachtete Gibbli die durchsichtige Kugel, die von unten heraus hoch fuhr und dann in der Mitte des Tisches zum Stillstand gelangte. Weiße Nebelschwaden bewegten sich in ihrem Inneren. Gibbli schätzte ihren Durchmesser auf knapp zwei Meter.
Sky ging langsam um die Kugel herum.
„Warum?“, fragte Gibbli leise und starrte auf das durch­sichtige Ding, während Bo kalte Tücher um ihren Arm wickel­te. Warum hatte es bei ihr funktioniert?
„Also ist es wahr. Du kannst diese Technologie steuern. Ich bin oft mit oceanischen Geräten in Kontakt gekommen. Meis­tens passierte absolut gar nichts, wenn ich sie berührte“, sagte Sky.
„Viel Zeug der oceanischen Technologie lässt sich nur durch die richtige DNA steuern. Die DNA eines Oceaners. Das steht in diesem Buch“, erklärte Abyss.
„Gut, dass die Steuerung dieses U-Bootes nicht dieser Be­schränkung unterliegt. Einiges hier an Bord scheint auf Men­schen ausgerichtet zu sein.“
„Die Menge der DNA ist entscheidend. Für manche Geräte braucht es mehr, für manche weniger“, sagte Abyss mit ver­schränkten Armen.
So ein Unsinn, dachte Gibbli. Sie war ein Mensch! Ein stink-normaler Landmensch! Oder konnte es sein, dass einer ihrer Vorfahren ein Oceaner gewesen war? Am liebsten hätte sie ihre Eltern gefragt, nur in ihrer gegenwärtigen Situation schien es sicher keine gute Idee zu sein, ihnen unter die Augen zu treten. Wenn sie erfuhren, dass sie nicht entführt, sondern so­gar von sich aus abgehauen war, würde ihr Vater ausrasten!
Sky legte seine Hand auf die Kugel. „So zerstörerisch. Kein Wunder, dass sie verboten wurde. Sie ist gefährlich. Sowohl für denjenigen der sie benutzt, als auch für denjenigen gegen den sie eingesetzt wird. Berühre sie, Gibbli.“ Auffordernd sah er sie an.
„Nein!“ Abyss warf ihm einen drohenden Blick zu. „Hör auf unsere Technikerin zu grillen!“
Zu spät. Gibbli konnte gar nicht anders. Sie fühlte sich von der Kugel angezogen und ohne zu zögern, hatte sie automa­tisch ihren noch heilen Arm ausgestreckt, um die Oberfläche zu berühren.
„Sie ist eiskalt“, flüsterte sie. Milchiger Nebel begann sich im Inneren zu bewegen und schien langsam ein Bild zu formen. Er wurde immer dichter und plötzlich starrte ihr das wütende Gesicht ihres Vaters entgegen. „Vater!“
„Fischkopf!“, rief das kleine goldene Kind im selben Augen­blick und zeigte auf den Mann in der Kugel.
Erschrocken wich Gibbli zurück. Sofort verschwand das Bild und der Nebel verteilte sich wieder in der Kugel. „Ich hab eben noch an ihn gedacht!“, sagte sie fassungslos.
„Heißt das, diese Kugel zeigt Gedanken?“, fragte Bo.
Ein panisches Kribbeln durchfuhr Gibbli. Ihre Gedanken ge­hörten ihr allein! Niemand durfte sie sehen! Niemand hatte das Recht dazu! Ihre rechte Hand zur Faust geballt, trat sie weiter zurück. Sie spürte, wie langsam die Betäubung der tür­kisen Flüssigkeit nachließ und ihre linke Hand zu stechen be­gann.
Sky kam hinter der Kugel hervor. „Gibbli, ich möchte, dass du die Kugel berührst und dir vorstellst, wo wir uns gerade be­finden.“
Sie schüttelte langsam den Kopf.
„Das war ein Befehl!“ sagte Sky nachdrücklich.
Zögernd trat Gibbli wieder näher. Sie blickte kurz zu Abyss, der ebenfalls nicht begeistert davon schien. Doch er hielt sie nicht auf.
Dann berührte ihre rechte Hand erneut die Kugel. Behut­sam, als könnte sie jeden Moment brechen. Gibbli versuchte nicht mehr an ihre Eltern zu denken und konzentrierte sich auf den Ort, wo sie sich befanden. Der Nebel wirbelte herum und setzte sich langsam wieder zu einem Bild zusammen. Er formte sich zu einem goldenen Gebilde, das einem liegenden Ei ähnlich sah. Ihr U-Boot! An der Seite konnte Gibbli eine Aufschrift in oceanischen Buchstaben erkennen.
„Mara“, übersetzte Abyss die Schriftzeichen.
„Mami!“, rief Cora aufgeregt dazwischen.
Das U-Boot schwebte im dunklen Riss knapp über dem Meeresboden.
„Es funktioniert!“, rief Bo begeistert.
Sky lächelte. „Und jetzt geh weiter weg. Lasse es kleiner werden.“
Gibbli versuchte sich von dem Bild des U-Bootes in Gedan­ken zu entfernen und der Nebel in der Kugel veränderte sich. Das goldene Ei wurde kleiner. Irgendwann erschien der Mee­resgrund am oberen Rand des Grabens und winzig klein tauchte die erste Stadt auf. Noko. Je weiter sie sich in Gedan­ken entfernte, desto schwieriger wurde es für Gibbli, sich darauf zu konzentrieren.
Abyss schien zu merken, dass es ihr nicht leicht fiel. „Er­hitzt sich die Kugel?“, fragte er.
Gibbli schüttelte leicht den Kopf. Die Kugel fühlte sich nicht mehr eiskalt an, aber auch nicht richtig warm.
„Ich will, dass du mitsprichst, wie du dich fühlst! So was wie vorhin darf nicht noch mal passieren“, sagte Abyss in scharfem Ton.
Gibbli konzentrierte sich stärker und immer mehr Städte tauchten auf, wurden kleiner, bis schließlich fast das gesamte Landmenschengebiet in der Kugel erschien. Sie spürte, wie der Schmerz in ihrer linken Hand immer mehr zurück kehrte und der Nebel flackerte kurz.
„Mach den Mund auf!“, rief Abyss laut.
Doch auszusprechen, was sie fühlte, traute sich Gibbli nicht. Erneut verschwamm das Bild. Sie hatte Angst vor dieser Kugel, weil dieses Ding ihre Gedanken zeigte.
„Meine linke Hand tut nur weh, ich bin okay“, sagte sie, versucht keine Schwäche zu zeigen, so wie es auf der Akade­mie erwartet wurde. Gibbli konzentrierte sich und das Bild im Nebel wurde wieder schärfer.
„Noch weiter weg“, forderte Sky sie auf.
Das Gebiet in der Kugel wurde kleiner. Unbekannte Orte erschienen. Gebiete, die viel weiter im Meer lagen, viel tiefer, als sie je ein Landmensch zuvor erblickt hatte. Da gab es Städte von den Hochseemenschen. Exotische Bauwerke aus verschiedenen Felsformationen. Und dann erschienen noch tiefere Bereiche. Bereiche, in denen nur Tiefseemenschen über­leben konnten. Bereich, die offensichtlich vollkommene Schwärze umgab. Gibblis Kopf begann zu schmerzen.
„Sehr gut! Diese Karte zeigt Orte, von denen du gar nichts wissen kannst!“, rief Sky begeistert.
Auch Abyss schien beeindruckt. Bo betrachtete die Karte mit offenem Mund. Angestrengt versuchte Gibbli das Bild zu halten. Sie fühlte, dass irgendetwas sich ihr entgegensetzte. Sie erinnerte sich an Abyss‘ Aufforderung mitzusprechen und sagte laut: „Da ist eine Art Widerstand. Kann… es nicht mehr lange halten!“
„Du machst das gut, Gibbli“, versuchte Sky sie zu motivie­ren. „Noch ein letzter Versuch. Stelle dir folgende Frage: Wo liegt die Stadt Ocea?“
Wieder zuckte ein stechender Schmerz durch ihren Kopf. Ihr Herz begann schneller zu pochen, als sie all ihre übrige Kraft in die Gedanken dieser Frage steckte. Der Nebel in der Kugel fing an, kleine Wellen zu schlagen, schien ein Bild for­men zu wollen, tat es aber nicht und Gibbli spürte, dass etwas nicht stimmte. Der Schmerz in ihrer linken Hand wurde immer stärker und ihre rechte Hand fühlte sich an wie festgeklebt. Überstürzt durchschwemmten plötzlich andere Gedanken ih­ren Kopf. Gedanken an ihre Alpträume.
„Nein!“, schrie sie verzweifelt und versuchte sie zu verdrän­gen.
Die anderen durften es nicht sehen! Der Nebel in der Kugel wirbelte herum. Da war Wasser! Viel zu viel Wasser! Gibbli versuchte panisch ihre Hand wegzuziehen. Es klappte nicht. Kurz formten sich die Nebelschwaden zu einer kleinen Gestalt mit weit aufgerissenen Augen, die denen des goldenen Kindes gar nicht so unähnlich waren und dann zu einem Mann. Sie befand sich wieder im Körper der Frau aus ihren Träumen, sei­ner Frau. Und Gibbli zuckte zusammen vor Pein, der durch sie hindurch raste. Das war er! Er sollte weg! Dieser grausame Mann durfte das nicht!
„WEG!“, schrie Gibbli, schnappte panisch nach Luft und kippte beinahe nach hinten, doch ihre Hand blieb fest an der Kugel. Sie spürte, wie Wasser in ihre Lungen drang, nahm die Kugel kaum noch war. Ein zweiter Ruf bohrte sich in ihre Oh­ren und drohte ihren Kopf zu zerreißen.
„Papa!“ Cora deutete breit grinsend auf die Kugel. „Papa! Papa! Papa!“
Große Hände packten Gibbli grob an den Schultern und rissen sie nach hinten. Ihre Hand löste sich von der durchsich­tigen Oberfläche. Der Mann aus ihren Träumen verschwand und sofort ließ auch der Schmerz in ihrem Körper nach. Nur noch ihr linker Arm brannte unter den Tüchern. Heftig atmend wurden ihr die Gesichter der anderen bewusst. Bo sah besorgt aus, während Sky nachdenklich auf sie herabblickte. Cora stand neben ihm, wie immer breit grinsend. Gibbli fragte sich, wo Abyss war, bis ihr klar wurde, dass sie in seinen Armen lag. Abyss hatte sie von der Kugel weggerissen und aufgefangen.
„Lass mich los!“, rief sie, wand sich aus seinem Griff, sprang auf und rannte davon. Gibbli hastete nach vorne zu den Schaltpulten, stolperte fast und lief dann die Rampe hinunter in den Maschinenraum.
 
Ihn so wirklich gesehen zu haben, nicht nur in ihren Träumen, sondern in echt, in dieser Kugel, ließ erneut Panik in ihr auf­steigen. Sie lief nicht zu ihrer Hängematte, wo Abyss sie sofort gefunden hätte, sondern in einen anderen Abschnitt. Noch immer schnell atmend, sank sie an einer Wand nieder. Nie­mand war ihr gefolgt.
Ihre linke Hand pochte und Gibbli wunderte sich, dass sie ihre Finger überhaupt noch spürte. Ihr Arm fühlte sich an, als stände er kurz davor abzufallen. Bo’s Betäubung war beinahe vollkommen verschwunden. Nach ein paar Minuten schaffte sie es, wieder regelmäßig zu atmen.
Gibbli hatte sich schon fast wieder beruhigt, als eine halbe Stunde später das Geräusch von näher kommenden Schritten in ihr Ohr drang. Sofort fing ihr Herz an, wild zu klopfen. Sie wollte nicht reden, mit niemandem! Schnell konzentrierte sie ihre Gedanken auf die herumfliegenden Sonnenstücke, die so­fort erloschen. Mit einem Schlag wurde es stockdunkel. Es gab also doch Vorteile, diese Technologie zu beherrschen. Aber trotz der völligen Abwesenheit von Licht kamen die Schritte unaufhaltsam näher.
„Du kannst dich nicht vor mir verstecken“, hallte Skys Stimme durch den Raum.
Gibbli drückte sich in eine Ecke an der Seite einer Maschi­ne. Vergeblich.
„Ich sehe dich.“ Skys Kampfstiefel machten ‚Klonk Klonk Klonk‘ und waren nur noch ein paar Schritte von ihr entfernt.
Schließlich hielt er direkt vor ihr an.
„Implantate“, sagte der Kapitän leise und setzte sich den Geräuschen nach zu urteilen vor sie auf den Boden. Also han­delte es sich bei seinen schwarzen Augen nicht nur um einen Sehersatz. Gibbli fragte sich, ob er diese Implantate schon immer trug. Wie hatte er wohl seine Augen verloren? Aber sie stellte die Frage nicht laut.
„Das hat auch etwas Gutes“, sagte er nach einer Weile. „So lange ich bei dir bin, brauchst du die Dunkelheit nicht zu fürchten.“
„Ich fürchte die Dunkelheit nicht“, flüsterte Gibbli und be­reute es sofort. Sie wollte eigentlich gar nichts sagen. Doch ohne Licht fiel es ihr leichter zu reden.
„Aber vor dem Wasser hast du Angst.“
Gibbli schwieg.
„Siehst du diesen Mann, wenn du tauchst?“, fragte er wei­ter.
Ihr Atem beschleunigte sich und ein Kribbeln breitete sich in ihrem Bauch aus. Wenn sie tauchte. Wenn sie schlief. Wenn sie träumte. Immer! Sie sah ihn nicht nur, sie erinnerte sich an ihn, was er ihr, was er seiner Frau antat, als hätte sie es selbst erlebt. Gibbli versuchte die schrecklichen Bilder in ihrem Kopf zu verdrängen.
„Er ist böse! Er ist abgrundtief böse!“, schrie sie panisch auf.
„Das ist er. Nur dieser Mann ist seit vielen Jahren tot. Und weißt du, Abyss ist ebenfalls kein guter Mensch“, entgegnete Sky. „Dennoch kannst du Gift darauf nehmen, dass er in ein paar Minuten hier auftauchen wird. Sicher denkt er ich zer­fleische dich.“
Gibbli zuckte entsetzt zusammen und drückte sich weiter in die Ecke. Würde er sie wirklich zerfleischen?
Sky lachte auf. „Auch wenn du es vielleicht nicht glaubst, ich bin ein guter Kapitän. Ich achte auf meine Leute. Niemand an Bord wird dir unter meinem Kommando so etwas antun.“
Schmerzlich erinnerte sie ihre pochende Hand daran, dass er sie auf die Scheibe gedrückt hatte. Aber wollte sie das nicht auch selbst? Gibbli wollte diese Scheibe drehen! Er hatte sie nur dabei unterstützt.
„Ich verlange viel von meinen Leuten. Meine Erwartungen an euch sind hoch. Dennoch sorge ich dafür, dass ihr am Le­ben bleibt. Das, was du bei der Kugel geleistet hast, war gute Arbeit.“
Überrascht atmete Gibbli ein. Hatte er sie soeben tatsäch­lich gelobt? Der ehemalige Flottenführer war der Meinung, sie leistete gute Arbeit? Sofort fühlte sie sich etwas besser.
„Ich denke, dass du von einem Oceaner abstammst. Das ist die einzig mögliche Erklärung dafür, dass du diese Technolo­gie teilweise steuern kannst. Ich verstehe nur nicht, warum du diesen Mann siehst. Wie es scheint, ist er Coras Vater. Der Er­bauer dieses U-Bootes.“
Wenn das der Wahrheit entsprach, handelte es sich bei dem Vater der KI um eine kranke Bestie! Warum sah sie ihn immer wieder? Warum fand sie sich immer wieder im Körper dieser Frau, seiner Frau, wieder? Gibbli begann zu zittern. Sky schien es zu bemerken.
„Bo hat gut mitgedacht. Sie hat es sofort begriffen, das mit deiner Hand“, versuchte er sie abzulenken.
Und Gibblis Gedanken schweiften zu Bo. Die Frau mit der bläulichen Haut, in deren Körper sie ebenfalls mehrmals einge­taucht war. Sie hatte alles miterlebt, was um Bo herum pas­sierte. „Warum war ich in Bo?“ Nach einer Weile wurde ihr klar, dass sie diesen Satz laut ausgesprochen hatte.
Sky schwieg. Er schien nachzudenken, doch Gibbli sah ihn in der Dunkelheit nicht. Dann begann er langsam zu sprechen: „Bo besitzt etwas, das sich Marahang nennt. Ich vermute, dass sich in diesem Marahang die DNA eines Oceaners befindet. Das würde auch erklären, warum Bo im Stande war, den Hangar mit der Karte zu öffnen. Es könnte sich dabei um DNA deiner Vorfahren handeln.“
Das war die Verbindung! Das Marahang! Sam hatte es um den Hals hängen, als Gibbli in ihren Körper geschlüpft war. Und jetzt befand es sich in Bo. Dieses U-Boot trug den Na­men Mara. Cora hatte es als Mami betitelt. Der Mann, den sie immer wieder sah, war also Coras Erbauer. Dies alles schien irgendwie miteinander verbunden zu sein. Gibbli zuckte wieder zusammen. Sie wollte nicht mehr an diesen Mann denken! Ihre Kehle fühlte sich auf einmal wie zugeschnürt an. Bildete sie es sich nur ein oder war der Sauerstoffgehalt plötzlich ge­sunken? Sie schnappte nervös nach Luft.
„Abyss hat von einem Mönch erzählt. Von ihm lernte er oceanisch“, wechselte Sky abrupt das Thema. „Dieser Mönch ist ein Historiker. Er kennt die Geschichte der Oceaner besser als jeder andere und weiß angeblich von alten Legenden. Er lebt abgeschieden im Gebiet der Hochseemenschen. Mir ist klar, dass wir so nicht weiter kommen. Also werden wir zu ihm fahren und ihn um Rat bitten.“
Gibbli schwieg. Langsam beruhigte sie sich wieder. Das be­deutete, sie musste vorerst nicht mehr diese unheimliche Kugel berühren.
„Gibbli, du sollst eins wissen. Ich brauche dich. Ich brauche deine Fähigkeiten. Du hast es selbst erlebt, diese Kugel hätten wir ohne dich nie aktivieren können. Du bist 14 Jahre alt und hast Dinge gesehen, die man in deinem Alter nicht sehen soll­te. Dinge, die nie irgendjemand sehen sollte. Ich bin bereit, dich als vollwertiges Mitglied der Crew zu akzeptieren. Das bedeu­tet aber auch, dass ich dich nicht behandeln werde wie ein Kind. Gibbli, du musst tauchen lernen! Ich bestehe darauf! Das ist mir sehr wichtig, klar?“
Sofort kauerte sie wieder zitternd in der Ecke. Ihr Magen verkrampfte sich und ihre Gedanken schienen wie leer gefegt.
„Weißt du… du wärst jetzt im gleichen Alter wie meine Tochter, wenn sie nicht-“, er brach ab.
Hinter ihm tauchte ein schwacher Lichtpunkt auf. Eine große Hand warf den Punkt nach vorne, wo er mitten in der Luft schweben blieb und düstere Schatten in Abyss‘ Gesicht warf. Er hatte eines der Sonnenstücke von oben eingefangen und mitgenommen.
Mit einem ‚Hab ich es dir nicht gesagt?‘-Gesicht stand Sky auf. Ohne Abyss auch nur anzusehen, schritt er wortlos an ihm vorbei und verließ den Maschinenraum.
Abyss setzte sich neben sie, lehnte seinen Kopf an die Wand und wartete, bis Gibbli sich etwas beruhigte. Sie fühlte, dass er ihr am liebsten tausend Fragen gestellt hätte. Doch er schwieg. Nach einer Weile spürte sie einen leichten Auftrieb. Offensichtlich hatte Sky das U-Boot in Bewegung gesetzt. Abyss zog sich hoch.
„Ich finde, wir sollten mehr über dieses Boot herausfinden. Was hältst du von einem Rundgang?“, fragte er und streckte ihr seinen Arm entgegen.
Unsicher blickte sie seine Hand an. Lieber wäre sie jetzt al­lein gewesen, aber Gibbli wusste, wie Abyss darauf reagieren würde. In einem Augenblick verhielt er sich nett, im nächsten könnte seine unberechenbare Laune schon umschwenken.
„Was ist? Bist du eingeschlafen?“
Misstrauisch umschloss sie seine Hand und er zog sie mit einem Ruck hoch. Schnell ließ sie ihn wieder los. Abyss lächel­te zufrieden. Dann machten sie sich auf den Weg.

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