Kapitel 8: Im Meeresexpress (Bis in die tiefsten Ozeane)

Als Bo die Augen öffnete, fiel ihr als erstes auf, dass sie das Ocea-Buch in Händen hielt. Ihr Bruder hatte es tatsächlich mitgenommen! Erleichtert drückte sie die runde Platte fest an sich.
Gebettet auf weichen, hellblauen Polstern lag sie da. Luft umgab Bo’s Körper, kein Wasser mehr und es war etwas eng. Sie konnte sich kaum aufsetzen, denn die Decke lag direkt über ihr. Trotzdem wirkte alles bequem und gemütlich. Bo fühlte sich fit. Nicht mehr schwach, sondern richtig lebendig! Sie nahm einen tiefen Atemzug und die Luft kroch durch ihre Lungen. Es tat gar nicht mehr weh, so wie sonst.
Sie hörte Stimmen unter sich und ein leises Geräusch drang an ihr Ohr. Es klang wie ein dumpfes, durchgehendes Surren, kaum hörbar. Bo schloss daraus, dass sie sich bewegte.
Etwas stimmte nicht mit Nox, dachte sie plötzlich wieder. Irgendetwas war falsch an seinen Worten. Sie kam einfach nicht drauf.
Bo drehte sich auf den Bauch und rutschte ein Stück nach vorne, um hinab sehen zu können. An dem großen Fenster auf der Seite zog eine herrliche Unterwasserlandschaft vorbei. Tausendmal schöner, als all die Bilder, die sie je gesehen hatte! Ein paar Fische versuchten mit ihnen mitzuhalten. Auf dem Tisch unter ihr stand eine halb volle Bierflasche.
Zwei Männer saßen sich auf hellblau gepolsterten Bänken gegenüber. Einer trug eine Art Uniform. Ein glänzendes Abzei­chen in Form einer Sonne prangte auf seiner Brust und trotz den schwarzen Dreadlocks mit Undercut, wirkte er sehr förm­lich. Eine undurchsichtige, schwarze Brille mit runden Gläsern bedeckte seine Augen. Neben ihm lagen seine beiden Um­schnalltaschen auf der Bank. Für einen Landmenschen schätzte Bo ihn auf etwa 40 Jahre, doch so genau konnte sie das nicht festlegen. Der andere Mann wirkte jünger und war etwas größer. Er trug einen bodenlangen Mantel und seine langen blonden Haare umrahmten ein blasses Gesicht, das Bo direkt angrinste.
„Hallo“, sagte er freundlich.
„Wo bin ich?“, fragte Bo ihn neugierig.
Der blonde Mann mit dem langen Mantel wollte etwas sa­gen, doch der andere blickte jetzt zu ihr hoch und begann un­deutlich zu sprechen. „UE, führidekt bisan dOberfläche.“
„UE? Was ist das?“
„Unterwasserexpress“, antwortete der Mann mit dem blas­sen Gesicht. „Oder auch MA-Express. Er fährt von der Mee­resakademie durch viele Unterwasserstädte, bis zur Küste und wieder zurück. Wer zum Guglhupf bist du, dass du das nicht weißt?“
„Ich bin Bo.“
„Ich kennich keine Bo. Warsu aufer Akademie?“, lallte der andere wieder.
„Nein. Die wollen mich da nicht aufnehmen, hat Mum ge­sagt“, antwortete sie.
„Bo, du bist mir sympathisch“, sagte jetzt der blonde Mann. Irgendwie wirkte er etwas skrupellos, doch Bo hatte ihn sofort ins Herz geschlossen.
„Eigentlich heiße ich Bothilda Bamba“, sagte sie. „Aber Bo ist viel praktischer.“
„Isjan komischa Name. Allesit komisch.“ Bo fiel es schwer dem schwarzhaarigen Mann mit den undurchsichtigen Bril­lengläsern zu folgen.
„Betrunken. Von einer halben Flasche! Er verträgt nicht viel“, flüsterte der Andere entschuldigend und hielt ihr seine Hand hin. „Ich bin übrigens Abyss.“
„Hallo Abyss“, sagte Bo erfreut und schlug ein. Neue Leute kennen lernen war schön. Nach all den Jahren im Kranken­haus endlich eine Abwechslung!
„Hallabyss“, lallte der andere. „Warumis hier sokalt?“
Abyss zuckte mit den Schultern. „Das hab ich mich auch schon gefragt. Ich nehme an, die Temperaturregulatoren von diesem Wagen sind verreckt.“
„Ich spüre keine Kälte. Habe ich noch nie“, sagte Bo.
„Du hast dich der Lady noch gar nicht vorgestellt mein Freund“, wandte sich Abyss jetzt an den betrunkenen Mann.
„Binicht dein Freund. Kennich gar nicht!“, waren seine letz­ten Worte, dann fiel sein Kopf auf den Tisch und er schien zu schlafen.
Abyss blickte Bo entschuldigend an. „Er heißt Sky.“
„Warum hat er getrunken?“
„Das erzähl ich dir lieber nicht. Was tust du eigentlich hier, so ganz alleine?“
„Nox sagt, ich muss an die Oberfläche.“
Bo hörte, wie eine Reihe weiter etwas zu Boden fiel und zerbrach. Doch Abyss verzog keine Miene. „An die Oberflä­che? Hört sich nicht so an, als wenn du dort wirklich hinwoll­test.“
„Nein“, sagte Bo traurig und sah kurz nach draußen. Der Zug hatte angehalten. Offensichtlich stiegen Leute ein. Dann kam ihr ein Gedanke und sie fing an zu strahlen. „Ich möchte lieber nach Ocea.“
„Ocea“, wiederholte Abyss und betrachtete sie interessiert. Sky hob ruckartig wieder den Kopf und sprach weiter, als führte er ein Gespräch fort.
„Sie hamich herausgeworfen! Dummjack! Könnir euch das vorstellen? Mich! Den legenären Fürhrer derganzn Flotte!“
„Eine Flotte?“, fragte Bo begeistert.
„200 U-Boote uner meimn Bfehl. Wolle mit ihnach Ocea. Abadi vonda Akademie ham verbotn. Undann hamich dieser Jack gefeuert!“ Er schlug mit voller Kraft auf den Tisch, dass alles wackelte. Abyss konnte die halb volle Flasche gerade noch auffangen.
„Isch bin Skarabäus Sky undisch werde Ocea finden!“, rief er jetzt.
„Klar und ich bin der Weihnachtsmensch“, „So ein Dumm­kopf“, sagten zwei Passagiere, die gerade an der Station einge­stiegen waren und einen großen Koffer mit sich ziehend, an ihnen vorbeigingen.
„KLAPPE! MISCHT EUCH NICHT EIN!“, brüllte Abyss sie wie aus dem Nichts an. Bo schreckte nicht zurück, sah ihn jedoch verwirrt an. Er war doch gerade eben noch so nett gewesen.
Der Zug fuhr wieder an. Die neuen Passagiere schritten den Gang entlang, der auf beiden Seiten mit Nischen gesäumt war. Dann verzogen sie sich, trotz der vielen freien Plätze, ver­ärgert in den nächsten Wagen. Sky war in den Sitz zurück ge­fallen und schien wieder eingeschlafen zu sein.
„Was ist los?“, fragte Bo verwirrt.
Freundlich und vollkommen ruhig wandte sich Abyss ihr wieder zu, als wäre nichts gewesen: „Ocea ist eine sehr alte Stadt, angeblich von Wesen erbaut, die weder Land- noch Meermenschen waren. Viele denken, es gibt sie gar nicht. Das sind Volltrottel. Selbst diejenigen, die wissen, dass sie existiert, dürfen sich nicht damit beschäftigen. Ocea ist ein verbotener Ort und jeder Landmensch, der sich mit oceanischer Techno­logie beschäftigt, wird weggesperrt.“
„Wirklich?“, fragte Bo begeistert. Sie musste diese Stadt un­bedingt sehen! „Und warum ist sie verboten?“
„Niemand weiß das. Es gibt Gerüchte, dass die Oceaner ein sehr böses Volk waren. Ihre Technologie soll gefährlich sein und nur einem einzigen Zweck dienen: Der Zerstörung.“
Bo war nicht im Geringsten davon eingeschüchtert, im Ge­genteil. Seine Worte verstärkten in ihr den Wunsch, Ocea un­bedingt finden zu wollen. „Und was denkst du darüber?“, fragte sie.
„Der Mönch, der mich groß zog, oder es versucht hat, ist davon überzeugt, dass diese Stadt existiert. Er erzählte mir von einem Dolch den es dort geben soll. Und ich will ihn ha­ben!“
„Eine Waffe also? Aber ist das nicht Diebstahl?“
„Was denkst du von mir?“, er grinste sie wieder an. „Wenn man was nimmt, das niemandem mehr gehört, dann kann das ja gar kein Diebstahl sein, oder?“
„Was ist so besonders an ihm?“, fragte Bo.
„Besonders? Der Dolch stammt von den Oceanern! Sein Klang ist einzigartig! Du müsstest es besser wissen. Hattet ihr nicht einst Kontakt zu den Wächtern von Ocea? Du bist doch ein Wassermensch, Hochsee nehme ich an?“
Sagte er Klang? Sicher meinte er Klinge, dachte Bo. „Nein. Ich brauche Luft, wie du.“
„Siehst nicht aus wie ein Landmensch.“ Abyss‘ Blick wan­derte kurz auf die Taschen, die neben Sky lagen.
„Ich bin ein Landmensch-Tiefsee Hybrid.“
„Na, da hast du aber verdammtes Glück gehabt, dass du lebst.“
„Ja. Ja, das habe ich.“ Bilder tauchten in ihrem Kopf auf, aus der Zeit, als sie noch im Krankenhaus lag. Doch bevor Bo in Erinnerung versinken konnte, redete Abyss schon weiter.
„Also hast du die Lunge deiner Landmenschenvorfahren geerbt. Woher kommen deine Eltern?“
„Nein, ich war krank. Nox und Elai haben mich gerettet. Mein Dad war ein Tiefsee- und meine Mum ein Landmensch.“
„Du hast diesen Namen vorher schon mal erwähnt. Du re­dest aber nicht von DEM Nox?“ Abyss blickte sie misstrauisch an.
Bo wusste nicht, was er meinte. „Nox ist mein Bruder. Lei­der kenne ich ihn kaum. Hab ihn gerade erst zum ersten Mal gesehen. Oh, das ist so aufregend!“
„Aber du weißt schon, dass die Tiefseemenschen unsere Städte angreifen?“
„Was? Das tun sie?“, fragte Bo überrascht.
„Natürlich. Sie sehen das Meer als ihr Gebiet an. Die Hoch­seemenschen sind nicht so schlimm, sie töten nicht. Aber sie mögen uns auch nicht besonders. Nox hingegen ist ein Tief­seemensch.“
„Nox tötet Landmenschen?“
„Ja, klar. Seit ein paar Jahren ist er einer der Anführer einer größeren Gruppe von ihnen. Davor war es sein Vater. Soweit ich weiß, gab es einen Zwischenfall an der Akademie, bei dem er ums Leben kam… wart mal, wenn Nox dein Bruder ist, dann reden wir hier von… deinem Vater.“
Bo sah ihn voller Neugier an. Das einzige, was sie von ih­rem Vater besaß, war das runde Buch. „Erzähl mir mehr!“
„Mehr gibt es nicht. Es heißt eine Frau sei darin verwickelt gewesen. Eine Landmenschenfrau. Niemand weiß, was genau passiert ist.“
Bo ließ den Kopf sinken. Sie liebte diese Welt jetzt schon und sie wollte unbedingt mehr über ihre Vergangenheit erfah­ren. Sollte sie sich ihrem Bruder widersetzen und einfach hier im Meer bleiben? Musste sie das nicht sowieso? Nach alldem, was passiert war, nach… Sam. Doch sie konnte nicht weiter denken, Abyss lenkte sie ab. Unruhig blickte er den Gang ent­lang. Konnte es sein, dass er irgendwie ungeduldig aussah? Warum war ihr das nicht vorher schon aufgefallen? Irgendet­was übersah sie. Irgendetwas… Sie musste mehr Fragen stellen. Mit Fragen bekam man Antworten.
„Es ist doch Platz genug für alle da, warum greifen sie die Landmenschen an?“
Abyss blickte wieder zu ihr hoch. „Woher soll ich das wis­sen? Vielleicht weil sie denken, die Menschen verwandeln sie in Kuchen um sie aufzufressen?“
„Was? Kuchen…?“, seine Antwort war absurd. Kuchenbä­cker… wieder schweiften ihre Gedanken zu Sam. Sam hatte immer Kuchenbäcker werden wollen.
„Der Zug erreicht wohl erst in ein paar Stunden die Ober­fläche. Ich muss eher raus und davor noch einiges erledigen, also gehe ich jetzt besser.“
„Kannst du mir nicht noch auf meine Frage antworten?“, wollte Bo ihn zurückhalten.
„Nein“, sagte er grob.
Er stand auf, griff über den Tisch und nahm etwas aus Skys Tasche. Eine golden schimmernde Metalltafel mit frem­den Schriftzeichen. Sie war rund und flach und Bo konnte einen drehbaren Mechanismus um die Scheibe herum erken­nen.
„Ist meins. Er hat es für mich aufbewahrt.“ Abyss grinste. „Also dann, Bo, vielleicht sehn wir uns mal wieder. Tja, wenn du an die Oberfläche fährst, wohl eher nicht. Richte Mr. Ska­rabäus Sky schöne Grüße von mir aus, wenn er aufwacht.“
„Mach ich“, sagte Bo und blickte ihm nach. Sein langer Mantel wirkte schwer, als er den Gang weiter nach vorne hin entlangschritt.
Bo bemerkte, wie ein Mann, der eben noch eine Nische weiter gesessen hatte, aufstand und begann, ihm zu folgen. Als er bei Bo ankam, blieb er kurz stehen und sah zu ihr hoch. Mit Nichts als einer schimmernden Hose bekleidet, stand er da, barfuß, auf dem Metallboden des Wagens. Obwohl seine Augen in einem kräftig goldenen Ton leuchteten, wirkten sie eiskalt und er blinzelte nicht ein einziges Mal.
„Nox muss aufhören sich einzumischen! Sag ihm das.“ Sei­ne Stimme klang leise, bedrohlich.
„Ganz schön kalt hier. Bei der nächsten Inspektion müssen die Temperaturregler überprüft werden“, sagte jemand, der so­eben aus einem angrenzenden Wagen hereinkam. Ein weiterer Mann folgte ihm. Dann blieben beide stehen.
„Du bist Steven“, sagte einer der Neuankömmlinge.
Der Mann mit den goldenen Augen, der Bo angesprochen hatte, drehte sich ruckartig um. Die beiden trugen eine Uniform, ähnlich der, wie sie der schlafende Sky unter ihr anhatte. Instinktiv zog sich Bo ein Stück zurück in ihre Schlafkoje.
Einer der Uniformierten hielt Steven eine Waffe an den Kopf. „Du bist festgenommen!“
„Wassermenschen haben hier nichts zu suchen“, sagte der andere.
„Nicht schon wieder“, murmelte der Mann namens Steven genervt. Seine Augen blitzten bedrohlich auf. Und was war das mit seiner Haut, hatte diese nicht gerade einen goldenen Schimmer bekommen? Nur für einen Moment? Bo beobachte­te aus ihrem Versteck heraus das Vorgehen. Steven ließ sich ohne Widerstand abführen. Er wirkte auf einmal sogar richtig fröhlich und verschwand mit den beiden Soldaten weiter nach hinten in den Zug.
Kurz darauf kam Abyss wieder heran geschlichen. Er nick­te Bo kurz zu, aber ehe sie etwas sagen konnte, war er schon vorbei gegangen.
Bo drehte sich auf den Rücken und starrte an die Decke. Ihr Mund verzog sich zu einem schmalen Lächeln.
Sie hatte Abyss kennengelernt. Ein netter Mann, der nach Ocea wollte, wie sie selbst. Unter ihr schlief ein gefeuerter U-Boot Flottenführer. Und zwei Soldaten hatten einen unbe­kannten Mann namens Steven abgeführt. Das war so aufre­gend! Es war alles so neu! Und es passierten so viele Dinge hier! Unterm Meer war es schön! Hier unter dem Meer war es unglaublich!
 
Weiter hinten am MA-Express hingen ein paar unbesetzte Wagons. Diese waren nicht für Passagiere bestimmt und bein­halteten verschiedenste Güter, die von Stadt zu Stadt gebracht wurden. In einem dieser Wagons versteckte sich Gibbli hinter einem Stapel Kisten mit Nahrung und anderen Vorräten. Ge­rade noch in einem Tagtraum versunken, schreckte sie hoch. Es war tatsächlich wahr! Sie hatte Abyss gesehen! All diese realen Träume waren echt. Sie befand sich wirklich im Körper von anderen. Oder hatte sie sich Abyss gerade eben nur eingebildet? Ehe Gibbli genauer darüber nachdenken konnte, öffnete sich die Abteiltür.
Endlich! Sie wollte sich bemerkbar machen, als ein eisiger Luftzug sie zurückweichen ließ. Schnell drückte sich Gibbli weiter in die Schatten. Es war gar nicht Abyss, auf den sie schon die ganze Zeit gewartet hatte. Ein paar Metallstangen lagen auf den Kisten, die sie kurz streifte. Dabei fing eine der Stangen an zu rollen und kippte über den Rand. Gibbli hastete nach vorne und fing sie gerade noch auf, bevor diese den Bo­den berührte. Das war knapp gewesen! Ein Hauch von Kälte erfasste ihr Gesicht und ihr Magen wurde nach unten gezo­gen, als läge plötzlich ein schwerer Stein darin.
„Ihr Wasserheinis habt hier nichts verloren“, rief ein Mann. Er war gekleidet wie einer der Soldaten aus der Meeresakade­mie.
„Wenn wir in Noko sind, wanderst du direkt ins Gefängnis.“ Es waren zwei Soldaten.
„Unwissende Menschen!“ Und ein Fremder, der Gibbli ir­gendwie an eine Maschine erinnerte. Seine Stimme ließ sie frösteln. War er nicht gerade auch in ihrem realen Traum auf­getaucht, als sie in Bo’s Körper steckte? Irgendetwas an dem Fremden kam ihr vertraut vor, allerdings im negativen Sinne. Er schien kein bisschen beeindruckt von den Soldaten.
„Was ist hier los? Wer ist noch hier?“, fragte er jetzt miss­trauisch und sah sich um.
„Klappe halten!“, schrie ihn einer der Wachen an.
„Ich bin kein Meermensch! Prüft meinen gefälschten Aus­weis! Wie oft wollt ihr mich eigentlich noch festnehmen?“, blaffte der Mann zurück. „Langweilt mich nicht!“
Misstrauisch lugte Gibbli hinter den Kisten hervor. Seine Art zu Reden weckte ihr Interesse. Er machte sich über die Solda­ten lustig, hielt sie zum Narren. Doch die Kälte, die von ihm ausging, mochte sie nicht und alles in ihr widerstrebte sich, auch nur in seine Nähe zu kommen.
Einer der Soldaten schien unsicher zu werden. „Vielleicht hat er Recht. Er wirkt wie ein Landmensch, oder?“
„Sieh ihn dir an, der Mann ist eindeutig ein Hybrid! Sein Blick macht mich irre“, sagte der Andere. „Warte, Ha! Ge­fälscht! Er hat es zugegeben!“
Und so eine Dummheit gehörte zur Elite, dachte Gibbli kopfschüttelnd.
„Fall nicht auf seine Spielchen rein, er will uns doch nur verwirren.“
Die beiden Soldaten berieten, was sie mit ihm machen soll­ten. Am besten, Gibbli mischte sich da nicht ein. Die Soldaten durften sie auf keinen Fall erwischen! Die beiden würden Gibbli mitnehmen, weil sie aus der Akademie abgehauen war. Und von dem fremden Mann wollte sie ebenfalls nichts wis­sen, seine kalte Aura machte ihr Angst. Er blickte jetzt su­chend im Wagon hin und her, als ob er über ihre Anwesenheit Bescheid wusste.
„Gllllb…“ Blitzartig hatte sich von hinten ein Arm um einen der Soldaten gelegt. „Ich muss hier durch.“ Es war Abyss! Na endlich! Er ließ den Mann los und dieser fiel zu Boden.
„Du dummer Mensch! Das war meiner!“, schrie jetzt der Fremde.
„Er stand im Weg“, gab Abyss zurück.
Prompt zog der Fremde ein Gerät aus seiner Tasche und schoss damit irgendetwas auf Abyss ab. Im nächsten Moment stand dieser gefesselt an der Wand. Dünne, goldene Schnüre wanden sich um seinen Mantel. Nur die Hände hatte er noch frei. War die Haut des Fremden gerade goldener geworden? Gibbli drückte sich weiter in die Schatten. Verdammt! Sie hatte keine Chance. Weder gegen den Soldaten, der jetzt besorgt neben seinem Kollegen am Boden hockte und ihn untersuch­te, noch gegen den Fremden.
„Hallo Steven“, sagte Abyss leise. Obwohl er gefesselt war, hörte es sich bedrohlich an. Er schien den Fremden zu kennen. „Wusste doch, dass du hier irgendwo rumlungerst.“
„Ich wollte dir nachlaufen. Aber dann ist mir genau das aufgefallen. Du wusstest nicht nur, dass ich dich beobachtete, du wolltest, dass ich dir folge. Von was möchtest du mich weglocken? Hast du die Karte hier versteckt?“
„Das geht dich einen Scheißdreck an!“
„Hört sich eklig an. Sei doch bitte ein wenig netter zu mir. Gib mir die Karte, Abyss.“ Steven trat auf ihn zu.
„Du kannst sie nicht mal lesen.“
„Du bist nicht der einzige, der diese Sprache beherrscht, Mensch.“
„Schluss damit!“, befahl der noch übrige Soldat. Abyss und Steven schauten ihn jedoch nicht einmal an. Wutentbrannt darüber, hob der Soldat seine Waffe. Gibbli erkannte, dass es ein kleiner Strahler war, der zur Standardausrüstung der Elite gehörte. „Ihr seid beide verhaftet!“
„MISCH DICH NICHT EIN!“, schrien Abyss und Steven gleichzeitig. Der Soldat wich vor Schreck einen Schritt zurück. Die beiden Männer ignorierten ihn längst wieder.
„Die Karte“, verlangte Steven erneut.
„Nein.“
Der Soldat schien kurz zu überlegen und richtete den Strahler dann direkt an Stevens Stirn. Dieser schnaubte ge­nervt, nahm ihm das Ding einfach aus der Hand und schlug es gegen seinen Schädel. Gibbli presste erschrocken die Augen zusammen, als der Soldat umkippte und sich nicht mehr rühr­te.
„Manchmal können die wirklich lästig werden, nicht wahr?“ Grinsend wandte er sich wieder Abyss zu, der keine Miene verzog. „Die Karte nützt dir nichts. Kein normales U-Boot hält dem Druck in dieser Tiefe stand.“
„Zufälligerweise befindet sich im stillgelegten Hafen von Noko eine Tiefseedruckkapsel.“
„Hast du nicht schon genug Verbrechen begangen, Abyss?“
„Sie ist nicht gestohlen! Sie gehört-“
„-dem Mönch. Jaja. Das meinte ich nicht, du kannst die Kapsel sowieso nicht steuern. Ich meinte das U-Boot dort un­ten. Es gehört euch nicht. Ihr dürft es nicht bergen.“ Hochnäsig reckte er seinen Kopf in die Luft.
Gibbli entging nicht, dass er von ‚euch‘ gesprochen hatte. Wusste er von ihrer Anwesenheit?
„Tja, dann verbiete es mir, wenn du kannst.“
Steven schlug Abyss mit voller Wucht ins Gesicht. „Dich hier und jetzt umzubringen wäre aber leichter, weißt du? Willst du enden wie der Soldat? Ja? Möchtest du das? Wenn ich richtig zugeschlagen hätte, wäre dein Kopf jetzt ab. Also gib mir die Karte.“
Verängstigt zog sich Gibbli noch weiter zurück. Sie wollte ihm helfen, nur sie war schwach, was hatte sie Steven entge­genzusetzen? Trotzdem spürte sie den Drang in sich, irgendet­was zu tun. Fühlte sich so Freundschaft an?
Langsam wandte Abyss sein Gesicht wieder Steven zu und grinste ihn an, als wäre ihm der Schlag völlig egal gewesen. „Vergiss es.“
„Du bist ein Narr, Mensch! Du hast keine Ahnung, wer ich bin.“
„Es ist mir scheiß egal, wer du bist.“
„Oh, du kränkst mich. Das ist nicht nett, nein. Du musst wissen, oceanische Technologie, wie ihr sie nennt, ist nicht das, was ihr denkt. Du solltest wirklich mehr Respekt für sie auf­bringen.“
„Ja, sie ist böse und zerstörerisch, bla bla.“
Plötzlich wurde sich Gibbli der Metallstange in ihren Hän­den bewusst.
Steven lachte. „Jetzt mach schon“, zischte er leise. Und es kam Gibbli vor, als würde er damit nicht Abyss meinen, son­dern diese Worte direkt an sie richten. Dann holte er zu einem weiteren Schlag aus.
In dem Moment krachte die Metallstange in Gibblis Händen gegen seinen Kopf.
Er lachte, wirkte beinahe zufrieden, während er leicht taumelte und nach hinten fiel, direkt vor ihre Füße. Der Boden wurde erschüttert, als sein, jetzt leicht schimmernder, Körper auftraf. So, als wäre er härter, als der normaler Menschen. Aber Gibbli erkannte, wie sich Blut unter seinem nackten Oberkörper ausbreitete. Er war also doch keine Maschine!
„Das hat ziemlich lange gedauert! Warst du noch beim Einkaufen oder was?“, rief Abyss genervt.
Gibbli sah zu ihm auf. „Ich dachte… ich… tut mir Leid.“
„Mach mich los“, sagte er und versuchte mit seinen Händen die Schnüre zu trennen. Es klappte nicht und sie hinterließen rote Streifen auf seinen Fingern.
Gibbli versuchte ihre Tränen zurückzuhalten. Sie hatte ge­rade ernsthaft einen Mann niedergeschlagen! Und er war wirklich umgefallen! Was sie allerdings noch mehr erschreck­te, sie fühlte sich kein bisschen schuldig deswegen.
„Meine Messer“, sagte Abyss ungeduldig.
Gibbli bückte sich. Auch um seine Beine waren die Schnüre gewickelt und hielten ihn fest an der Wand. Sie holte eines der Messer aus seinem Stiefel und gab es ihm. Während er die Schnüre durchschnitt, starrte Gibbli entsetzt auf den Mann, der am Boden lag. Sie traute sich nicht, ihm näher zu kom­men. Seine Haut erschien jetzt noch goldener. Das hatte sie nicht gewollt! Doch, sie hatte es gewollt! Es war gut.
„Ich bin ein Mörder“, flüsterte sie erschrocken und fasziniert zugleich.
„Nein. Der Dreckskerl wird wieder. Er atmet“, sagte Abyss, der sein Messer zurück steckte und ihn mit verächtlichem Blick ansah. „Er ist nicht tot. Auch wenn er es verdient hätte.“
Sie trat zögernd einen Schritt an Steven heran und wagte es, genauer hin zu sehen. Dann erkannte Gibbli, wie sich seine Brust leicht hob und senkte. Er lebte wirklich noch!
„Wer ist das überhaupt?“, fragte sie und freute sich auf­richtig, als ihr wieder bewusst wurde, dass sie noch nie so viel mit jemandem gesprochen hatte, wie mit Abyss. Irgendwie fiel es ihr gar nicht so schwer, mit ihm zu reden. Viel leichter, als mit anderen Menschen.
„Keine Ahnung.“
„Aber du hast ihn angesprochen und er kannte deinen Na­men“, sagte sie. Auch jetzt, wo er bewegungslos am Boden lag, jagte ihr dieser Steven noch immer eine Heidenangst ein!
„Ja. Wir sind schon öfter aneinander geraten. Irgendwie taucht er immer dann auf, wenn es um Dinge geht, die mit Ocea zu tun haben.“
„Also hast du sie? Du warst ganz schön lange weg.“
Er zuckte mit den Schultern. „Diese Bo hat mich aufgehal­ten. Ein Hybrid und angeblich die Schwester von einem An­führer der Tiefseemenschen. Keine Ahnung, was sie hier treibt. Sie lag über Skys Platz und stellte ziemlich viele Fragen.“
„Und die Karte?“, fragte Gibbli um sich abzulenken. Sie wollte nicht über diese komische Situation nachdenken. Hatte er eben wirklich Bo erwähnt? Es handelte sich also nicht um einen Traum! Diese Bo existierte tatsächlich!
„Hab ich.“ Abyss holte ein paar volle Flaschen Bier heraus, die sie in einer der Kisten gefunden hatten und stellte sie zu­rück. „Und die hier hab ich nicht gebraucht. Der Idiot war be­soffen von einer halben Flasche!“
„Krank“, murmelte Gibbli abwesend und erinnerte sich an die halb leere Flasche, die sie durch Bo’s Augen gesehen hatte. Dieser Körpertausch machte ihr Angst. Es fühlte sich eigenar­tig an, durch die Augen eines anderen zu sehen. Erst dieses blonde Mädchen und jetzt eine Hybridenfrau, Bo. Keiner der beiden schien etwas von Gibblis Anwesenheit zu ahnen. Sie konnte die fremden Körper auch nicht steuern, doch sie war in der Lage, sie mitzuerleben. Nachdenklich blickte Gibbli nach draußen. Helle Lichtstrahlen drangen durch die Oberfläche ins Wasser. Es würde nicht mehr lange dauern, bis sie Noko er­reichten.
„Wir steigen irgendwo hier hinten aus. Sie sitzen fast ganz vorne“, sagte Abyss und Gibbli nickte, während sie verträumt aus einem der Fenster schaute.
 
Draußen zog die Landschaft dahin. Bo zählte gerade das fünfte U-Boot und sie hatten weitere Unterwasserstädte pas­siert. Das alles war so faszinierend und ihre Gedanken kreis­ten pausenlos darum, ob sie nicht einfach aussteigen sollte, ir­gendwo. Vielleicht an einer der nächsten Haltestellen?
Irgendwann hörte sie unter sich eine Bewegung. Sie setzte sich soweit es ging auf und blickte hinab.
„Hallo Sky! Hast du gut geschlafen?“
Er sah überrascht zu ihr hoch. Jedenfalls glaubte Bo das, denn wegen seiner Brille konnte man seinen Gesichtsausdruck nur schwer erkennen. „Woher kennst du meinen… Was? Du… bist ja gar kein Landmensch! Und wie mir scheint, nackt!“
„Ja.“ Bo versuchte nach unten zu klettern.
„Nicht! Bleib in der Koje!“, sagte er schnell. Sein Blick blieb kurz über Bo’s Brust hängen, wo ihr neues Atemgerät steckte. „Das Marahang. Wie zum…“, flüsterte Sky, brach ab und schob sie schnell zurück nach oben. Gerade im richtigen Mo­ment. In der nächsten Sekunde ging ein Soldat der Meeres­akademie an ihrer Sitznische vorbei. Bo sah dem Soldaten nach.
„Du heißt Bea, oder?“
„Bo! Mein Name ist Bo.“
„Ich habe seit Jahren nichts mehr getrunken. Ich vertrage dieses Zeug nicht.“
„Warum versteckst du mich?“, fragte Bo.
„Alles zwischen der Meeresakademie und der Küste ist Landmenschengebiet. Es ist Wesen wie euch verboten, sich hier aufzuhalten. Sie haben Angst vor den Meermenschen.“
„Angst?“
„Das Wort kennst du wohl nicht.“
„Ich fürchte mich nie“, antwortete sie. „Und keiner muss vor mir Angst haben, ich tu niemandem was!“ Sie lachte.
Sky fuhr sich durch die Haare. „Ich finde es auch nicht fair. Aber das lässt sich nicht so einfach ändern.“
„Wo fährst du hin?“, fragte Bo.
„Nach Noko.“
„Tut mir Leid, dass sie dich rausgeworfen haben.“
Er blickte sie stirnrunzelnd an. „Das habe ich erzählt? Was habe ich noch alles gesagt?“
Bo dachte kurz nach. „Du hast gesagt, dass du nach Ocea willst.“
Er schien nicht erfreut zu sein. „Hm, na toll. War noch je­mand hier?“
„Ja, dein Freund. Er hat sein Metall mitgenommen.“
„Mein Freund? Wer? Welches Metall? Sprich!“
Bo sah ihn überrascht an. Hatte Bier wirklich eine solche Wirkung auf Menschen, dass sie alles vergaßen? Sie kannte das nicht. „Na, Abyss. Die Scheibe aus Metall, das du für ihn aufgehoben hast, in deiner Tasche.“
„Ich war alleine unterwegs und ich habe auch nichts…“ Sky fing an, seine Umschnalltaschen zu durchsuchen. „Die Karte. Sie ist weg.“ Er sagte das ganz ruhig, dennoch schien er inner­lich aufgebracht zu sein.
„Ja, er hat es doch mitgenommen. Es ist also eine Karte?“
„Wieso hast du ihn nicht aufgehalten?“, fragte Sky, seine Wut unterdrückend.
„Er hat gesagt sie gehört ihm. Und er war nett.“
„Das sind sie doch immer. Also er kann nicht weit damit gekommen sein. Vielleicht versteckt er sich sogar noch hier im Zug. Die Karte führt nach Noko, also wird er früher oder spä­ter dort hinkommen. Wie hat er ausgesehen? Würdest du ihn wieder erkennen?“
„Ja, klar. Er ist riesig und nicht zu übersehen.“ Bo hob gesti­kulierend eine Hand zur Decke hoch.
„Gut. Du kommst mit mir“, befahl er.
„Aber ich muss an die Oberfläche. Mein Bruder hat es mir befohlen.“
„Der MA fährt momentan gar nicht bis dort hin. Es ist zu gefährlich wegen dem Vulkanausbruch.“
„Oh.“ Damit hatte sich ihr Problem erledigt. Sie würde bei diesem Flottenführer bleiben. Mit leuchtenden Augen strahlte sie ihn an. Bei ihm würde es bestimmt nicht langweilig werden. Sie würde Abenteuer erleben, so wie sie es ihrer Schwester im­mer vorgeschwärmt hatte.
„Wirst du dort oben erwartet? Es wurde berichtet, dass sie alles evakuierten. Die Hafenstadt ist völlig leer.“
„Nein. Sam ist dort nicht mehr… sie…“, Bo wusste nicht, wie sie es ihm sagen sollte. „Samantha war meine Schwester. Es war Nox. Aber er hat es für mich getan. Damit ich leben kann.“
Sky begann etwas in seinen Taschen zu suchen.
„Sie hat mir immer Kuchen mitgebracht“, flüsterte Bo. Sie erinnerte sich noch genau an ihre Worte.
Bo hatte im Bett gelegen und Sam war herein gekommen, mit einem großen Blech. ‚Bo, ich hab dir Kuchen mitgebracht. Du musst ihn verstecken, die Ärzte sagen, du darfst keinen es­sen.‘ Bo hatte gelacht und Sam hatte ihr erzählt, dass sie heimlich Geld gespart hatte, für eine Ausbildung zur Kuchen­bäckerin.
‚Irgendwann werde ich die beste Kuchenbäckerin der gan­zen Welt‘, hörte Bo ihre Worte noch deutlich in ihrem Kopf.
Und Bo hatte darauf gesagt: ‚Und ich werde eine Forsche­rin, die alle Meere erkundet. Und irgendwann finde ich Ocea!‘
Bo konnte sich nicht vorstellen, dass sie ihre Schwester nie wieder sehen würde. Sie war… sie… sie lebte! Natürlich, sie wusste es, es musste so sein! Schlagartig wurde es ihr klar. Das war es, was mit Nox nicht stimmte! Das Marahang funk­tionierte. Elai hatte es gestohlen, lange bevor er und Nox an­geblich ihre Lunge ausgetauscht hatten. Bo erinnerte sich daran, wie es um den Hals ihrer Schwester gehangen hatte, schon einen Tag zuvor. Das war immer der Plan gewesen. Sam hatte nichts damit zu tun. Sie hatten gar nicht so weit gehen müssen, Sams Lunge auszutauschen. Sicher würden die Tiefseemenschen die oceanische Scheibe ausprobieren, bevor sie jemanden umbrachten, oder? Dann hatte Nox sie angelo­gen! Ihre Schwester war am Leben. Sam lebte!
„Sam, ich hab keine Angst. Du musst auch keine haben. Ich finde dich“, flüstere Bo.
„Hier, zieh das an.“ Sky hatte gefunden, wonach er suchte. „Es gehörte meiner Tochter. Pass darauf auf. Wenn diesem Kleid etwas passiert, töte ich dich!“
„Ja. Es… also es ist hübsch“, sagte Bo und sprang aus der Schlafkoje herunter. Sie knickte kurz ein. An das Gehen und Stehen musste sie sich erst gewöhnen.
„Was-“ Sky drehte sich schnaubend weg, während Bo sich umständlich das Kleid anzog.
Es war orange, mit einer Kapuze und einem blauen Über­wurf. Als er sich wieder umdrehte betrachtete er sie abschät­zend. Es passte ihr nicht richtig, war viel zu klein und reichte ihr nicht einmal bis zu den Knien. Für eine Weile musste es ausreichen.
„Sie ist fast 10 Jahre alt geworden“, sagte er leise.
„Es ist wirklich schön.“
„Nur um das klar zu stellen, ich will keine Kinder an Bord haben.“
Bo überlegte. Im Krankenhaus hatte sie sich zwar uralt ge­fühlt, doch jetzt wirkte sie wie neu geboren und spürte die Kraft des Marahangs in sich. Aus der Sicht eines Tiefseemen­schen galt sie noch nicht einmal als richtig ausgewachsen. Ob sie für Sky als Crewmitglied wohl zu jung war?
„Ich kenne mich mit Medizin aus“, sagte Bo, damit er es sich nicht anders überlegte. Aber ihr genaues Alter schien ihn gar nicht zu interessieren.
„Das ist gut“, sagte er „Was weißt du über Ocea?“
Plötzlich fiel es Bo ein. Die Schriftzeichen auf dieser Karte befanden sich auch in ihrem Buch über Ocea! Sie konnte sie nicht lesen, aber die Zeichen waren eindeutig die gleichen. „Nicht viel, ich habe nur die Bilder im Buch meines Dads stu­diert.“ Bo kletterte auf den Tisch und holte die runde Platte aus der Schlafkoje herunter. „Kannst du es lesen?“
Er betrachtete es interessiert. „Nein, ich erkenne einzelne Zeichen, aber ich kenne nicht deren Bedeutung. Ich sehe mir das Buch später an. Auf jeden Fall holen wir jetzt erst einmal die Karte zurück.“
„Wohin führt sie?“
„Zu einem ganz besonderen Tiefsee-U-Boot. Es muss nur noch geborgen werden. Und dann wird es mich nach Ocea bringen.“
„Uns!“, berichtigte ihn Bo.
„Natürlich.“

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