Kapitel 7: Ein Bruder (Bis in die tiefsten Ozeane)

Heftiger Schmerz riss sie aus ihrem unruhigen Schlaf. Jemand packte Gibbli an den Haaren und zog sie nach oben. Gibbli sah nicht, wer es war. Sie wollte schreien, doch durch die Git­ter hielt er ihr den Mund zu. Langsam wurde ihr bewusst, dass sie sich noch immer in Zelle 17 der Meeresakademie befand. Und dieser Griff am Kopf, das musste ein anderer Gefangener aus der Nachbarzelle sein. Er stopfte ihr einen stinkenden Fet­zen Leder in den Mund und band ihren Kopf damit gleichzei­tig an den Gitterstäben fest. Sie fasste mit beiden Händen an das Leder, zog daran und versuchte mit aller Kraft den Knebel loszumachen. Die lange Schnittwunde ging dabei schon wie­der auf und frisches Blut rann über das bereits getrocknete an ihrem Arm.
Der Mann drückte sie zu sich heran und Gibbli spürte, wie sich seine dreckigen Hände um ihre Brüste legten. Er stank nach verfaultem Obst.
„Hmmpf…“ Sie wand sich in seinem Griff und hielt inne, als sie plötzlich in Abyss‘ ausdruckslose Augen starrte. Er stand direkt vor ihr und sah sie an. Gibbli wollte ihren Blick von ihm abwenden und versuchte verzweifelt sich zu befreien. Er spannte die Muskeln an und hob seinen Arm. Dann sah sie die Faust direkt auf sich zukommen. Abyss‘ Faust. Schnell. Tödlich.
Sie schoss nur Millimeter an ihrer Stirn vorbei, durch die Gitterstäbe, in das Gesicht ihres Peinigers. Dieser lockerte so­fort seinen Griff, heulte auf und fiel nach hinten. Dem knackenden Geräusch nach zu urteilen, war nicht nur seine Nase gebrochen. Abyss wollte ihr helfen sich zu befreien, aber Gibbli war schneller. Endlich lockerte sich der Stoff. Sie schlüpfte hindurch, vorbei an seiner großen Gestalt und ließ sich an der Außenwand nieder, wo er zuvor gelegen hatte. Eine feste Wand, ohne andere Gefangene dahinter.
Abbys kniete sich vor ihr nieder. Er streckte seine Hand aus und fuhr sanft über ihr Gesicht. Gibbli zuckte zusammen, sah ihn jedoch nicht an.
„Schhht ruhig. Schau mich an.“
Mit zusammen gekniffenen Augen schüttelte sie den Kopf. Geh weg, dachte sie verzweifelt. Doch er ging nicht.
„Du siehst verdammt jung aus, Gibbli. Wie alt bist du?“
„21“, flüsterte sie, ohne den Kopf zu heben. Gleichzeitig hät­te sie sich selbst ohrfeigen können für diese Lüge. Wie krank war das denn? Er ist ein Verbrecher! Dennoch hatte sie irgend­wie das verrückte Gefühl, diesen Mann beeindrucken zu wol­len. Außerdem musste sie ja irgendwas erwidern. Ihr war klar, dass Abyss eine Antwort aus ihr herausprügeln würde. Dieser Mann mochte es nicht, wenn man schwieg.
„Nein verdammt, bist du nicht!“ Bedrohlich zog er seine hel­len Augenbrauen zusammen und kam näher auf sie zu, bis sie jedes einzelne Haar auf seinem Gesicht erkennen konnte. „Du bist anders als alle, die mir zuvor begegnet sind. Ich würd am liebsten in deine Haut beißen und sie mir auf der Zunge zergehen lassen, wie Schokolade. Etwas an dir wirkt so anziehend, dass ich mich zurück halten muss, um dir nicht sofort alle Klamotten von deinem zerbrechlichen Körper zu reißen. Kannst du dir vorstellen, was ich mit dir anstellen wür­de, wenn du eine ausgewachsene Frau wärst?“
Gibbli zuckte erneut zusammen.
„Natürlich kannst du“, rede er weiter. „Dennoch willst du mir weismachen, dass du volljährig bist. Wieso?“
Sie wollte kein Kind mehr sein. Sie wollte diese elitäre Aka­demie verlassen, in der beinahe jeder einzelne Schritt einem Befehl gleichkam und endlich eigene Entscheidungen treffen. Vor allem aber, wollte Gibbli sich nicht vorschreiben lassen, diesen dummen Tauchkurs zu besuchen.
„Lüg mich nicht an, Gibbli. Schau mir in die Augen und sag mir, wie alt du bist.“
Sie bewegte sich nicht.
„SCHAU MICH AN!“, schrie er, seine Hand noch immer knapp neben ihrem Gesicht, berührte sie allerdings nicht mehr.
Gibbli hob langsam den Kopf und sah ihm zum ersten Mal direkt in die Augen. Es stach, es war ungewohnt. Es war ko­misch. Wie konnten Menschen sich nur in die Augen sehen, sie schaffte das nicht.
„Vierzehn“, sagte sie leise und senkte den Kopf schnell wie­der.
Abyss schien zufrieden und wich ein Stück zurück.
„Und du gehst auf die Meeresakademie?“, fragte er, wäh­rend er ein sauberes Tuch aus seiner Hose hervorzog. Es erin­nerte Gibbli an einen Polierlappen.
Sie nickte.
„Streck deine Hand aus.“
Gibbli drückte sich näher an die Wand.
„Schon gut“, sagte er, „ich berühr dich nicht.“
Einige Sekunden verstrichen, dann tat sie es. Zögerlich streckte sie ihm ihren zitternden Arm entgegen.
„Siehst du?“ Überrascht folgte Gibbli den geschickten Be­wegungen seiner langen Finger. Er band das Tuch vorsichtig um die Schnittwunde, ohne sie dabei anzufassen. Er meinte es ernst. Er war ehrlich.
Abyss setzte sich neben sie an die Wand und schwieg.
In ihrem Kopf drehte sich alles. Wer war dieser Mann? Wie konnte er in einem Moment so nett sein und dann im nächs­ten so erschreckende Dinge sagen? Seine unberechenbare Art verursachte ihr eine Gänsehaut. Doch Abyss achtete auf sie, dieser Verbrecher hatte sie tatsächlich vor diesem ekligen Idio­ten aus der Nachbarzelle gerettet.
„Ich dachte, du bist böse“, flüsterte sie nach einer Weile. Sie wusste nicht warum, es war ihr einfach herausgerutscht.
Abyss bewegte sich nicht. „Das bin ich“, sagte er mit ge­schlossenen Augen, als wäre es selbstverständlich.
Es stimmte. Immerhin hatte er sie mit einem Messer be­droht. Und er hatte zugeschlagen und diesem Mann aus der Nachbarzelle sicher einige Knochen gebrochen. Aber nur, um sie von seinen dreckigen Fingern zu befreien. Andererseits war Abyss ebenfalls ein Gefangener. Er musste etwas Schlimmes gemacht haben, sonst säße er nicht hier. Gibbli musterte ihn vorsichtig und erkannte den kleinen Kratzer an seinem Hals von ihren Fingernägeln. Neben der Narbe, die sich darunter er­streckte, fiel er gar nicht groß auf.
„Damals wollte ich immer hier her“, fuhr Abyss auf einmal fort.
Wovon redete er? Er wollte ins Gefängnis?
„In die Meeresakademie.“
Achso. Die Akademie ist nicht so schön wie du annimmst, dachte Gibbli, traute sich allerdings nicht, es laut auszuspre­chen. Sie konnte ihn nicht einschätzen und erwartete jeden Moment, dass er über sie herfallen würde. Er öffnete die Au­gen und sah sie wieder an. Gibbli blickte schnell weg.
„Ich wette, euer Volltrottel von Direktor hat den Verstand eines Toasters“, sagte er grinsend.
Kurz verschwand Gibblis Angst. Seine Aussage brachte sie zum Lächeln, nur für einen winzig kleinen Moment. Sie lachte fast nie und schon gar nicht so, dass es jemandem auffiel. Aber er schien es bemerkt zu haben und wandte sich ihr zu. Sofort fühlte sie sich wieder unwohl.
„Warum bist du hier?“
Gibbli schwieg. Was interessierte ihn das? Das war lächer­lich! Ein Verbrecher im Gefängnis, mit dem sie über ihre kindi­schen Probleme reden sollte?
„Erzähls mir“, hakte er nach. „Jeder hier hat was Verbote­nes gemacht, du musst dich nicht schämen.“
„Ich hab nichts Schlimmes gemacht!“, entfuhr es ihr.
„Klar. Deswegen sitzt du ja auch im Gefängnis.“ Er grinste. „Gibbli, du musst dich nicht rechtfertigen, schon gar nicht vor mir.“
Gibbli sagte nichts. Diese Situation war so absurd. Sie war keine Verbrecherin! Sie war doch nur… neugierig. Sie liebte diese Technologie!
„Du bist kein Mensch der viel redet. Und auch kein Mensch der oft lacht. Ich seh’s an deinem Gesicht. Aber gerade eben, vor ein paar Sekunden, hast du kurz gelächelt. Das war schön. Ich will dich zum Lachen bringen. Ich glaube, ich werde dein Lachen mögen, Gibbli.“
Sie wich ein Stück vor ihm zurück. Jetzt wurde er noch un­heimlicher. Er kannte sie ja gar nicht! Und dennoch strahlten seine Worte eine Wärme aus, wie sie sie schon lange nicht mehr gefühlt hatte. Er mochte ihr Lachen? Niemand mochte irgendetwas an ihr! Jeder meckerte nur an ihr herum. Ihren El­tern war ihre Leistung nie gut genug. Ihre Mitschüler fanden sie gruselig und ihre Lehrer zu still. Alles, was sie sagte, war falsch und nie fand sie die richtigen Worte, so sehr sich Gibbli auch anstrengte. Warum mochte er ihr Lachen? Ihr Misstrau­en kehrte zurück. Er manipulierte sie. Bestimmt. Irgendetwas stimmte nicht mit ihm. Vielleicht befand sich hier irgendwo eine versteckte Kamera. Ein Streich? Nein. Das hier war real. Der Schmerz war real. Sie befand sich hier unten, gefangen. Mit ihm.
„Ich biete dir die Gelegenheit, einmal in deinem Leben frei zu sprechen. Was immer du auf dem Herzen hast. Komm schon, Gibbli. Ich bin ein Verbrecher. Ein Mörder. Ein… was auch immer sie mir vorwerfen. Wem sollte ich es schon erzäh­len?“
Gibbli schwieg. Er war verrückt. Er war wirklich verrückt! Abyss lehnte sich zurück an die Wand und schloss die Augen. Sofort atmete Gibbli wieder etwas ruhiger. Und dann begann er zu reden.
„Als ich 5 Jahre alt war, herrschte Chaos an der Küste. Die Luft war stickig, kaum noch atembar. Und wir träumten von den sauberen Städten unterm Wasser. Nur die Reichen konn­ten es sich leisten, ins Meer zu fliehen. Wir hatten nicht mal das Geld uns so ein blödes Ticket zu kaufen für die Verlosung der letzten Plätze. Doch meine Eltern gaben nicht auf. Sie schlichen sich mit mir an den Soldaten vorbei, zu den Gon­deln. Damals existierte der MA-Express noch nicht. Kein Zug. Es war eine Art Seilbahn, die bis an den Grund führte, nach Noko, zur ersten Unterwasserstadt. Von dort aus konnte man mit kleinen U-Booten weiter reisen. Zu anderen Städten, zur Akademie, wohin immer man wollte. Freiheit.“
Er hielt kurz inne. Gibbli starrte ihn an und ihre Neugier war geweckt. Fast vergaß sie das schmerzhafte Pochen an ih­rem Arm.
„Das Meer bedeutete für uns Leben. Wir schafften es bis kurz vor den Einstieg. Eine der letzten Gondeln fuhr langsam an. Sie war leer. Kannst du dir das vorstellen? Niemand hatte das Geld aufgebracht und statt so viele wie möglich zu retten, ließen sie das verdammte Ding einfach leer. Dann stellten sich uns die Soldaten in den Weg. Das ist jetzt beinahe 25 Jahre her und ich höre ihre Worte noch immer. So deutlich, als wenn es gestern gewesen wäre.
Meine Mutter weinte: ‚Nehmt wenigstens den Jungen, er ist erst fünf!’ Und mein Vater hob mich hoch und rannte mitten durch diese Idioten hindurch. Meine Mutter wollte uns nach und die Soldaten schossen. Ich sah, über die Schultern meines Vaters hinweg, wie sie fiel.
Wir standen direkt vor einer der Gondeln, dann trafen sie auch ihn in den Rücken. Er setzte mich ab, schubste mich weg und stürzte dann zu Boden. Währenddessen schrie er: ‚Geh da rein, Aaron!’“
Abyss lachte gequält auf.
„Das waren seine letzten Worte. Und die Gondel, in die er mich geschoben hatte, schloss sich. Durch die Fenster sah ich meine Eltern. Wie sie da lagen, leblos. Tot.
Ich schrie. Ich trommelte an die Scheiben, wollte raus. Dann tauchte sie unter.“
Wieder machte er eine Pause und Gibbli hing mit halb ge­öffnetem Mund an seinen Worten, als er leise weiter sprach.
„Selbst wenn man sie nicht erschossen hätte, wären sie be­stimmt beim Vulkanausbruch gestorben. Die giftigen Gase hätten ihnen den Sauerstoff geraubt. Der Vulkan bricht alle paar Jahre aus. Schon in den nächsten Tagen soll es wieder so weit sein. Oder vielleicht ist es schon passiert. Keine Ah­nung, hab schon eine Weile nichts mehr mitbekommen, ich weiß es nicht.
Natürlich war ich nicht für die MA vorgesehen. Diese Miss­geburten ließen mich nicht auf die Akademie. Ich war al­lein und überhaupt hätte ich gar nicht hier unten sein dürfen. Aber ich hatte Hunger. Also stahl ich mir einfach was ich brauchte. Ich war kein guter Dieb, deswegen lernte ich mit den Leuten zu spielen. Sowohl mit Meermenschen als auch mit den Landmenschen. Im Sprachen lernen besaß ich Talent. Warum was mühevoll stehlen, wenn man es so viel einfacher haben konnte? Ich erweckte ihr Mitleid. Dachte mir Geschich­ten aus. Wer konnte einem kleinen, unschuldigen Jungen schon was abschlagen? Und als ich zu groß dafür wurde, be­drohte ich sie. Ich bestach sie. Ich tötete sie. Was auch immer nötig war, um das zu bekommen, was ich wollte. Mir stand die ganze Welt im Wasser offen. Und irgendwann fand mich jemand, der mich aufnahm. Ein Mönch. Er sah über meine… kleinen Verbrechen hinweg und ließ mich bei sich wohnen. Be­sorgte mir sogar einen Ausweis. Aber da war es schon zu spät. Ich bin, was ich bin.“
Abyss verstummte. Und Gibbli fragte sich, warum er ihr all das erzählte. Er schaute sie jetzt wieder an und Gibbli blickte zu Boden.
„Ich bin kein guter Mensch. Ich bin ein Lügner. Ich bin ein Betrüger. Und ich töte, wenn es sein muss. Das ist ein Grund jemanden einzusperren. Warum hat man dich eingesperrt, Gibbli?“
Sie begriff. Darum ging es also. Er hatte ihr so viel erzählt und jetzt schuldete sie ihm eine Antwort. Er manipulierte sie, um Informationen zu erhalten. Und doch klangen seine Worte so echt, so glaubhaft. Wenn sie stimmten, war es kein Wunder, dass er keine Soldaten mochte und dass er jetzt hier saß. Und dann standen sie wirklich auf derselben Seite. Sie war ihm eine Antwort schuldig!
„Ich…“, begann sie. „…hab alle Tauchkurse geschwänzt.“
„Kein Grund dich einzusperren.“
Natürlich war es das nicht. Doch direkt über die verbotene Technologie zu sprechen war sicher nicht klug. Wenn er ein Spion von Jack war, hätte sie ein Problem.
„Warum tauchst du nicht?“
Diese Frage traf sie unerwartet. Nie, in all den Jahren hatte sie das jemand gefragt. Alle schimpften nur und befahlen ihr, es endlich zu tun. Nie hatte sie jemand gefragt, warum sie nicht tauchte. Die Antwort lag ihr auf der Zunge. Doch es war zu persönlich. Was ging ihn das an? Nichts! Gar nichts!
„Warum stellst du so viele Fragen?“ Aufgebracht verengte sie ihre Augen zu Schlitzen.
Er blickte sie amüsiert an. „Na, um dein Vertrauen zu ge­winnen.“
Diese absolute Ehrlichkeit traf sie. Er sagte das einfach so! Oder war er nur ehrlich, weil er wusste, dass er sie damit be­eindruckte?
„Außerdem“, fügte er noch hinzu, „…vielleicht kannst du mir ja helfen.“
Gibbli horchte auf. Ihm helfen? Noch nie hatte sie jemand um Hilfe gebeten! Nervös starrte sie auf ihre Hände.
„Ich bin nicht hier, weil ich gefangen wurde. Denkst du wirklich ich bin so blöd und lass mich erwischen? Ich wollte, dass mich diese Vollidioten schnappen.“
Wovon sprach er da? Das war nicht sein Ernst! Wer würde sich freiwillig in dieses stinkige, düstere Loch hier werfen las­sen, wenn nicht ein Geisteskranker? Doch bevor Gibbli weiter von ihm wegrücken konnte, stand er auf und fing an, in der kleinen Zelle hin und her zu wandern. Sie fasste wieder etwas Mut.
„Wenn du freiwillig hier bist, wie hast du dann geplant aus­zubrechen?“, wagte sie ihn zu fragen.
„Nun, darüber wollte ich nachdenken, wenn ich hier bin. Also jetzt.“ Er blickte durch die Gitterstäbe hindurch Richtung Fahrstuhl. „Warum soll ich mir vorher da drüber Gedanken machen? Das ist Zeitverschwendung.“ Wieder ging er in der Zelle umher. „Ich hab das gemacht, damit ich näher ans Mu­seumsarchiv der Akademie rankomme. Da drin ist was, was ich brauche.“
Sie sah ihm fragend zu.
„Eine Karte. Sie wurde vor kurzem entdeckt und dort hin­gebracht, ich bin mir sicher, sie ist der Schlüssel. Auf ihr ste­hen… unbekannte Schriftzeichen.“
„Ocea-Schriftzeichen?“, wisperte Gibbli.
Abyss blieb stehen. „Ja…“ Misstrauisch sah er sie an.
Gibbli schlang die Arme um ihre Knie.
„Richtig, Ocea-Schriftzeichen und eine Art Karte, die zu ei­nem U-Boot führt. Du kennst dich also im Archiv aus? Kannst du mich dort hinführen?“
Gibbli traute sich nicht aufzusehen und blickte stattdessen auf seine Beine. Er stand direkt vor ihr. Sollte sie es ihm erzäh­len? Ja, jetzt wusste er sowieso schon zu viel. „Die Karte be­findet sich nicht mehr im Museum“, sagte sie. „Der Flottenfüh­rer hat sie. Sky.“
Er beugte sich zu ihr hinunter und sah sie verblüfft an. „Woher weißt du das?“
„Ich hab ihn heimlich beobachtet, als er sie letzte Nacht holte. Du bist nicht der einzige, der dort nach verbotenen Ge­genständen sucht, Abyss.“ Zum ersten Mal hatte sie seinen Namen ausgesprochen. So lange am Stück zu reden war ihr völlig fremd. Sicher lag es an ihrer Begeisterung für diese Tech­nologie.
„Das U-Boot zu dem diese Karte führt… weißt du, was das für ein Boot ist?“
Gibbli schien fast ihre Angst zu vergessen. „Es kommt aus Ocea“, antwortete sie eifrig. „Und es existiert angeblich nur ein einziges Mal. Und-“, sie verstummte. Warum erzählte sie ihm das überhaupt?
„Gibbli, warum bist du wirklich hier?“
Konnte sie ihm trauen? Was, wenn er ihr nur Informatio­nen entlocken wollte, für Jack? Doch Abyss hatte sie vor die­ser Bestie aus der Nachbarzelle beschützt. Und er hatte sie um Hilfe gebeten! Sie!
Langsam streckte Gibbli ihren Arm nach vorne und er wich zur Seite aus, um ihn nicht zu berühren. Ihr Blick richtete sich konzentriert auf ihre Stiefel mit den Taschen und den Werk­zeugen, die außerhalb der Zelle lagen. Abyss drehte sich um und sah nach draußen. Und schlagartig drang ein leises Sur­ren in ihre Ohren. Es funktionierte noch! Sogar von hier aus! Fast lächelnd ließ sie das murmelgroße Fluggerät aus ihrer Ta­sche schweben. Leuchtend kam es durch die Gitterstäbe auf die beiden zu und landete dann auf ihrer Hand. Golden schimmernd lag es da und Abyss ging vor ihr in die Hocke, um es genauer zu betrachten.
„Verstehe“, sagte er erfreut und senkte seine Stimme. „Sie haben dich mit verbotener Technologie erwischt. Du kennst dich damit aus?“
„Ich hab es gebaut“, flüsterte sie und schloss die Hand um das Gerät. Es fühlte sich warm an.
„Heilige Scheiße, was? Das ist nicht möglich“, murmelte er überrascht, hatte sich dann aber sofort wieder unter Kontrolle. „Du bist ganz schön jung für eine Technikerin.“
Ein heißes Kribbeln stieg in ihr hoch. Sie hätte längst… sie wäre schon lang… Sie war die Beste darin! „Ich war schon vor vier Jahren mit allen Technikkursen der Akademie durch! Aber diese Kotzbrocken lassen mich nicht zur Abschlussprüfung zu.“
Er lachte auf. „Weil dir die Tauchkurse fehlen.“
„Ja“, brachte sie mit zusammengebissenen Zähnen hervor.
„Also hast du dir neue Kurse gesucht. Deine eigenen Kurse. Im verbotenen Archiv.“ Er zeigte grinsend auf das Schloss. „Be­kommst du dieses Gitter damit auf?“
Und von Gibbli fiel eine Last ab. Wie konnte sie nur so blöd sein? Natürlich bekam sie es auf! Wie hatte sie das vergessen können, sie hätte die ganze Zeit über fliehen können, sie hätte nie-
„Gibbli?“, unterbrach er ihre Gedanken und Gibbli erkannte das Problem: Abyss. Er war ein Verbrecher. Er war böse.
Sie nahm all ihren Mut zusammen und begann leise zu sprechen: „Wenn ich das Gitter öffne, würdest du das U-Boot stehlen. Flottenführer Sky sucht sicher schon viel länger da­nach. Er soll es bekommen. Er kennt sich aus. Flottenführer Sky-“
Sie brach ab. Abyss sah aus, als wäre er kurz davor, sein Messer zu ziehen und sie auf grausamste Weise zu köpfen.
„Hat diese Mr. Flottenführerfratze dir jemals geholfen?“, fragte er laut.
„Er…“, sie dachte an den gestrigen Vorfall zurück. Sky hatte sie den Soldaten ausgeliefert, ohne ihr zu helfen. „Nein.“
„Hat er dir jemals was von seinen Plänen erzählt?“
„Nein. Er…“
„…kennt wahrscheinlich nicht mal deinen Namen.“
Gibbli schwieg. In ihrem Kopf drehte sich alles. Sollte sie Abyss wirklich helfen? Diesem… Mörder? Das leise Tropfen des Wassers tickte, wie eine Uhr die ablief. Sie musste sich entscheiden. Jetzt.
„Gibbli, schau mich an.“
„Nein!“, schrie sie auf. Er würde sie töten! Er würde ihr sein Messer mitten ins Herz rammen! Und dann spürte sie seine Hand an ihrem Kinn.
„Du kannst das“, sagte er sanft.
Sie packte seinen Arm und versuchte ihn wegzudrücken. Aber er war zu stark und schob ihren Kopf nach oben. Lang­sam, Stück für Stück, bis sie direkt in seine Augen sah. Kalte, graue Augen.
„Ich hab mir immer eine Familie gewünscht, Gibbli. Wirst du meine kleine Schwester sein?“, fragte er.
„Was?“ Gibbli wollte sich wegdrehen, doch er hielt sie fest. Seine grauen Augen kamen ihr plötzlich nicht mehr so kalt vor.
„Ich nehm dich mit“, sagte er.
Sie starrte ihn an, brauchte ein paar Sekunden, um seine Worte zu realisieren. Dann lockerte sie ihre Hand und hörte auf, sich zu wehren. Abyss hatte ihr ein Angebot unterbreitet, das sie nicht ablehnen konnte. Er würde sie mitnehmen. Zu diesem U-Boot. Zur Technologie, die sie so sehr liebte und weg von diesen dummen Eliteheinis der Akademie. Sie löste ihren Blick von dem seinen und konzentrierte sich auf das kleine, goldene Fluggerät. Mit ihren Gedanken schickte sie es empor, mitten durch die Gitterverriegelung, die mit einem leisen Kli­cken aufsprang.
Er ließ sie los und stand auf. Gibbli starrte ihm nach. Dann rappelte sie sich hoch und folgte ihm nach draußen. Abyss hatte sich bereits einen langen Mantel umgeworfen und kramte in ein paar Kisten nach seinen Sachen. Sie nahm ihre restliche Kleidung vom Tisch und zog sich an. Mit ihren Werk­zeugen fühlte sie sich gleich etwas sicherer. Dann fiel ihr Blick in die Nachbarzelle. Der Mann lag noch immer am Boden. Sein Gesicht wirkte grausam verstümmelt in dem fahlen Ne­onlicht.
„Ist er tot?“
„Nein“, antwortete Abyss, während er einen kleinen, unför­migen Koffer an sich nahm. „Er… schläft.“
Als sie in den Aufzug stiegen, streifte Abyss leicht ihr Bein.
„Tut mir Leid“, flüsterte er. Er hatte es begriffen.

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