Kapitel 5: Die Strafe (Bis in die tiefsten Ozeane)

Leises Tropfen durchdrang die Stille und Gibbli schnappte nach Luft. Die drei Gestalten in ihrem Kopf begannen sich aufzulösen. Sie hatte wieder geträumt. Einen dieser klaren Träume, die sich so sehr von den anderen unterschieden. Nur dieses Mal war es gar nicht so schlimm gewesen. Es handelte sich nicht um den einen Alptraum. Da war ein dunkelblauer Tiefseemensch und eine Hybridenfrau. Langsam wurde ihr klar, dass sie nicht im Körper dieses Menschenmädchens steckte, mit den zwei blonden Zöpfen und der Ponyfrisur. Sie besaß keine Sommersprossen und ihre Haut war nicht so blass, wie die von Samantha. Sie war Gibbli, mit ihren unbän­digen, hellbraunen Haaren und einer dunklen Haut im selben Farbton. Und sie befand sich auf der Meeresakademie.
Am Boden des Tunnels hatten sich einige Pfützen gebildet. Schnell sprang Gibbli hoch. Sie durfte nicht träumen, nicht jetzt. Das Wasser spritzte zu ihren Füßen auf, als sie durch die Lachen hindurch hastete. Die hohe Luftfeuchtigkeit in diesem Gebiet war typisch. Sie rannte durch einen Gang und an einer Abzweigung vorbei, die zu den Gewächshauskuppeln führte. Ein modriger Geruch stach in ihre Nase. Das laute Dröhnen der Röhren hörte sich noch bedrohlicher an, als sonst.
Es war Montag und der Unterricht hatte vor fünf Minuten begonnen. Doch Gibbli stand nicht im Klassenzimmer für den fortgeschrittenen Energiekurs. Sie hatte auch nicht ihr Früh­stück im Versammlungsraum mit den anderen Schülern zu sich genommen. Stattdessen lief sie schnell atmend an einem Sauerstofftank vorbei. Immer wieder sah sie sich um. Somal und Kor hatten sie gemeldet und sie hatte die Nacht damit verbracht, immer wieder zu flüchten, sich zu verstecken und nicht einzuschlafen. Es gab nur eine Möglichkeit: Sie musste hier verschwinden, die Akademie verlassen. Abhauen.
Gibbli wollte nicht darüber nachdenken, was man mit ihr machen würde, wenn man sie erwischte. Die Meeresakademie war kein Spielplatz. Sie lag streng in der Hand der drei Direk­toren. Und die Schüler-Aufsicht verfolgte sie. Sir Brummer hatte zwar nicht die Macht über die U-Boot Flotten oder an­dere militärische Einrichtungen der Akademie, doch die Auf­sicht war eine Gruppe von Soldaten, die dem schulischen Di­rektor persönlich unterstanden. Gibbli war ihnen schon zwei Mal nur knapp entwischt. Sie standen nicht unweit des Zu­gangs zum verbotenen Archiv, das sie vor ein paar Stunden wegen dem anderen Einbrecher fluchtartig verlassen hatte. Das zweite Mal lauerten sie ihr vor ihrem eigenen Quartier auf, aus dem Gibbli ein paar persönliche Gegenstände holen wollte. Sie musste schleunigst eines der Rettungsbote errei­chen. Es handelte sich dabei um kleine Tauchkapseln, verteilt auf die gesamte Schule. Wenn sie eine davon stahl, konnte sie der Aufsicht vielleicht entkommen.
Sie sah Brummers Soldaten nicht, spürte aber, dass sie ih­nen nur wenige Meter voraus war. Noch eine Schleuse, dachte sie verzweifelt.
Die Tür vor ihr öffnete sich automatisch und für Gibblis Geschmack viel zu langsam. Sie zwängte sich hindurch und erblickte am Ende des Ganges einen Mann in Kampfmontur, die er unter seinem Taucheranzug trug. Er wirkte schlank, dennoch durchtrainiert und auf eine gewisse Art autoritär. Der Mann trat wie jemand auf, der nicht nur sämtliche Mus­keln seine Körpers, sondern jede Situation fest in seiner Kon­trolle wusste. Seine schwarzen Dreadlocks bildeten einen Streifen auf seinem Kopf. Er hatte sie nach hinten gebunden und die dunklen, runden Gläser einer Art Sonnenbrille bedeck­ten sein Gesicht. Gibbli erkannte, dass er soeben einen Fuß in die Tauchkapsel setzte, während er einen abweisenden Blick über seine Schulter warf, um zu sehen, wer ihn störte. In der Kapsel befand sich zudem eine große Holzkiste mit Rädern, die er irgendwie in sie hinein gezwängt hatte. Auf der Kiste lag sein Tauchhelm. So ein Mist!
Sie musste zurück in einen anderen Gang mit einer ande­ren Kapsel. Doch ein Zurück gab es nicht. Sie würde diesen verdammten Soldaten direkt in die Arme laufen.
Dann erkannte Gibbli ihn. Jeder kannte ihn. Er war be­rühmt und wurde von allen nur Sky genannt. Sky war kein Lehrer. Er gehörte zu den Soldaten. Nicht zur Schüleraufsicht von Sir Brummer, sondern zur richtigen Elite, zur U-Boot Flot­te von Direktor Jack. Als zweiter Mann der militärischen Ein­heiten trug er die Verantwortung für rund 200 Boote und de­ren Besatzungsmitglieder. Allerdings unterschied ihn etwas von den anderen. Er besaß ein Geheimnis. Und Gibbli kannte es. Das war ihre Chance, sie musste es riskieren! Es blieb ihr keine Wahl, als sich dazu zu überwinden, den Mund aufzu­machen.
„Warte!“, rief sie ihm im Rennen zu.
Sky zögerte zunächst, drehte sich dann jedoch um. Gibbli kam ein paar Meter vor ihm zum stehen und sah ihn nervös an. „Du bist Flottenführer, du befehligst einen Teil der U-Boot Flotte der MA“, sagte Gibbli und musste dabei all ihren Mut zusammen nehmen. Das Sprechen mit anderen Menschen ge­hörte nicht zu ihren Stärken.
„War“, berichtigte er sie schroff.
„Ich hab dich gesehen! Heute Nacht!“, rief sie und wünschte sich gleichzeitig im Boden zu versinken. Sicher würde er sie falsch verstehen, schoss es ihr durch den Kopf, aber sie zwang sich dazu, weiter zu sprechen. „Du warst im verbotenen Ar­chiv.“
Er blickte sie misstrauisch an, soweit man das erkennen konnte. Denn Sky trug immer seine Sonnenbrille. Es gab das schreckliche Gerücht, dass er gar keine Augen besaß.
„Du weißt ganz schön viel.“ Er stieg aus der Kapsel und kam langsam auf Gibbli zu.
„Du hast die Karte gestohlen!“, rutschte es ihr heraus und am liebsten hätte sie sich auf die Zunge gebissen.
„Zu viel.“ Im nächsten Augenblick hatte er seine Waffe ge­zogen und richtete sie direkt auf Gibblis Herz.
Verdammt! Nicht gut! Hätte sie nur nichts gesagt! Ich bin doch so blöd, dachte sie. Wie kam sie dazu, einen Flottenfüh­rer des Diebstahls zu bezichtigen? Wie kam sie überhaupt dazu mit jemandem seines Standes zu reden? Er würde sie er­schießen! Mit einem lauten Knall, Peng! Einfach so. Er würde sie umbringen.
Skys Arm sank langsam nach unten. „Aber wir wissen bei­de, dass du das niemandem verrätst. Denn dann müsstest du zugeben, dass auch du dort unten warst. Im Übrigen habe ich mir die Metallscheibe geborgt, nicht gestohlen.“
Fassungslos schaute ihm Gibbli zu, wie er wieder zurück in die Kapsel stieg. Schritte hallten durch den Tunnel. Hinten im Gang tauchten die ersten Soldaten auf.
„Bitte, nimm mich mit!“, flehte Gibbli ihn an und ging näher auf die Kapsel zu.
Er schüttelte den Kopf. „Ich mag keine Kinder.“
„Die werden mir meine Finger abhacken!“
Er sah sie überrascht an, schien kurz nachzudenken und fuhr sich mit einer Hand durch seine Dreadlocks. Dann schüt­telte er den Kopf. „Das geht nicht.“ Er drückte einen Schalter und die Kapsel verriegelte sich.
Nein! Verzweifelt sprang Gibbli nach vorne und hämmerte gegen die Luke. Nein! Nein! Ein Schleusentor fuhr vor der Kap­sel hinab. Sie drückte sich schnell weg, um nicht von der Tür eingeklemmt zu werden und stolperte nach hinten.
Die Soldaten der Schüler-Aufsicht erreichten Gibbli, als sie versuchte aufzustehen. Ihre orange-gestreiften Uniformen un­terschieden sie von den richtigen Elitesoldaten. Dennoch grif­fen sie mindestens genauso hart durch. Sie spürte die ekligen Hände der Männer auf ihrem Körper, die sie zurück auf den Boden drückten. Gibblis Finger griffen ins Leere, in Richtung der Rettungskapsel.
„Bitte!“, flehte sie ein letztes Mal, auch wenn sie wusste, dass es aussichtslos war.
Hinter dem kleinen Sichtfenster des Schleusentors löste sich die Tauchkapsel. Sky hatte die Akademie verlassen. Gibbli wurde herum gewirbelt. Die Männer verdrehten schmerzhaft ihre Arme auf ihrem Rücken. Sie erhaschte einen kurzen Blick auf ihre Gesichter. Niemand von ihnen kam ihr bekannt vor. Die Soldaten waren mindestens zu dritt und so nah. Viel zu nah! Jemand legte ein kaltes Metall um ihre Handgelenke. Mit einem leisen Klicken rasteten die Fesseln ein. Dann riss man Gibbli hoch. Sie versuchte sich auf ihre Wunde am Arm zu konzentrieren. Der lange Schnitt hatte sich wieder geöffnet. Doch die Wunde war ein Schmerz, den man leichter ertragen konnte, als die Berührungen der Hände, die sie packten und mit sich schliffen. Es war nur ein leichter Trost, dass sie um diese Zeit wenigstens den neugierigen Blicken der Schüler ent­ging, die jetzt verteilt in den Klassenzimmern standen.
 
Die Soldaten schubsten Gibbli in einen runden Raum im Zen­trumsturm. Es war das Büro von Sir Brummer. Mit ihm hatten hier zwei weitere Direktoren ihre Büros.
Die medizinische Direktorin Dr. Elvira Fenchel, deren durchbohrenden Blick Gibbli als sehr unbehaglich empfand, hatte sich im Erdgeschoss eingerichtet. Sie leitete einen der größeren Komplexe der Akademie: Die Krankenstation und alle daran hängenden Forschungseinrichtungen.
Jack hingegen saß im obersten Stockwerk, an der Spitze, mit seinem Stellvertreter, dem Flottenführer Skarabäus Sky. Nun, jetzt wohl eher Ex-Flottenführer. Dass alle den militäri­schen Direktor Jack Kranch mit seinem Vornamen anspra­chen, war keine Respektlosigkeit ihm gegenüber, im Gegenteil. Er bestand sogar darauf. Es war allgemein bekannt, dass man ihn mit diesem Kinderspielzeug verglich, diesem Clown aus der Box. Kein lustiger Clown, sondern eine dieser bösen, gruseligen Fratzen, vor denen sich jedes Kind fürchtete. Jemand, der aus der Box sprang, wenn das Lied zu Ende war und immer das letzte Wort hatte. Gibbli hatte Jack bisher nur zwei Mal kurz gesehen. Als Oberbefehlshaber der U-Boot Flotte und Leiter aller militärischen Einrichtungen hielt er sich nur jeweils kurz an der Akademie auf und war meist irgendwo im Landmen­schengebiet oder an der Front zu den Meermenschen unter­wegs.
Markus Brummer beanspruchte als Schulleiter die mittlere Etage für sich, zusammen mir Mr. Ilias Plotz. Von hier aus konnte der Direktor die gesamte Akademie überblicken. Er saß hinter seinem Schreibtisch und schien in ein Gespräch mit seinem Stellvertreter vertieft zu sein. Als zwei der Soldaten Gibbli vor seinen Tisch zerrten, verstummten sie.
Sir Brummer sah sie abschätzend an. Gibbli fühlte sich bloßgestellt unter seinem Blick. Nach gefühlt mehreren Minu­ten, fing er direkt an zu schreien: „WAS DACHTEST DU DIR DABEI?“
Gibbli zeigte keine Regung. Starr blickte sie zu Boden und schwieg. Am liebsten hätte sie seinen Kopf gepackt und ihn, wie den Blopp einer Luftpolsterfolie, einfach zerdrückt.
„Deine Eltern sind Eliteabgänger! Den Tauchkurs schwän­zen! Ständig träumst du im Unterricht und jetzt das? DU WURDEST MIT VERBOTENER TECHNOLOGIE ERWISCHT!“ Er fing an, hinter seinem Schreibtisch auf und ab zu gehen, wischte sich über die Glatze und schien zu überlegen, wie es weiter ging.
Gibbli spähte vorsichtig hoch und erkannte eines ihrer Fluggeräte. Es lag auf Sir Brummers Tisch. Armselig, verbogen und kaputt. Somal musste es ihm gegeben haben.
„Wie konntest du es wagen, das Ding hier als Waffe zu benutzen?“
Das war eine Frage. Erwartete er eine Antwort? Sie musste wenigstens versuchen sich zu verteidigen. Somal und Kor hat­ten sie bedroht. Dieses Mal waren sie zu weit gegangen! Kor wollte ihre Haare abschneiden! Somal hätte sie beinahe ge­küsst. Die beiden wollten Gibbli verletzen!
„Keine Ahnung“, flüsterte sie stattdessen.
„KEINE AHNUNG? DAS IST HOCHVERRAT! DIESER DRECK HAT HIER NICHTS ZU SUCHEN!“, brüllte er, sodass sein ganzer Tisch erbebte.
Sie schwieg. Sir Brummer stapfte mit hochrotem Kopf um seinen Schreibtisch herum und packte sie an den Haaren. „Wenn Jack dich erwischt hätte, würde er dich auf der Stelle von der Schule werfen!“
Sein Griff schmerzte und Gibbli brauchte etwas, um seine Worte zu erfassen. Er warf sie nicht wirklich raus, oder? Das durfte er nicht! Ihr Vater würde sie umbringen!
„SAG MIR SOFORT WOHER DU DIESE MASCHINEN HAST!“, schrie der Direktor ihr so laut ins Ohr, dass Gibbli dachte, es würde platzen.
„Ich hab sie gebaut“, sagte sie leise. Das hatte er nicht er­wartet. Sie hätte es nicht aussprechen dürfen. Doch sie war verdammt noch mal stolz darauf! Diese dämlichen Menschen hatten ja keine Ahnung!
Fassungslos starrte er sie an, dann wandelte sich seine Miene und sofort wurde ihr klar, was jetzt kam. Gibbli wollte zurückweichen, doch hinter ihr standen Brummers Soldaten. Im nächsten Augenblick brannte ihr Gesicht. Der Direktor hat­te zugeschlagen.
„DU WAGST ES, DAMIT ZU EXPERIMENTIEREN?“
Gibbli traute sich nicht mehr, sich zu bewegen. Der Bereich unter ihrem linken Auge brannte höllisch. Früher oder später hätte er es sowieso herausgefunden.
„Verbotene Technologie zu besitzen ist das eine, sie auch noch selbst zu konstruieren ist Wahnsinn. Ist dir klar, welche Strafe darauf angesetzt ist?“
Natürlich wusste sie das. Jeder wusste das. Aber erst jetzt drang ihr die Tatsache ins Bewusstsein, dass es soweit war. Sie würde nie wieder dazu im Stande sein, etwas zu konstruieren. Verzweifelt blickte sie zu Boden. Sie brauchte ihre Finger doch!
„Meine Güte, du hättest so viel erreichen können, Kind! Es bleibt mir keine andere Wahl.“ Er zog sich kopfschüttelnd zu­rück und begab sich wieder hinter seinen Schreibtisch.
„Sir ist das nicht etwas heftig? Sie ist so jung! Gibt es keine andere Möglichkeit?“, ergriff nun sein Stellvertreter Mr. Plotz das Wort.
„Wir sind hier an einer elitären Einrichtung und ich dulde keinen Ungehorsam an meiner Schule! Sie muss bestraft wer­den! Das hier ist nicht nur ein einfaches Verbrechen, sie hat verbotene Technologie entwickelt!“
„Wir könnten sie stattdessen einsperren. Wer glaubt ihr schon, dass sie das Ding selbst gebaut hat? Und Jack muss es nie erfahren.“
Der Direktor sah seinen Stellvertreter nachdenklich an und senkte seine Stimme. „Wir können sie nicht in den Todestrakt stecken, sie hat niemanden getötet und die oberen Gefängnis­se sind voll.“
„Dann müssen wir die Zellen eben doppelt besetzen, Sir.“
„Meinetwegen. Heute Nacht nahmen wir diesen Abyss fest. Er ist harmlos, hatte keine Berechtigung sich hier auf der Aka­demie aufzuhalten. Wir haben ihn in den Heizungsräumen aufgegriffen.“
„Schon wieder? Saß der nicht schon öfter bei uns im Ge­fängnis?“
„Einige Male. Letztendlich ließen wir ihn immer wieder lau­fen. Jack beharrt darauf, dass er angeblich Menschen umge­bracht hat. Er wird langsam paranoid, wenn du mich fragst. Wir konnten es diesem Abyss nie beweisen.“ Sir Brummer machte sich einige Notizen auf seinem EAG und wandte sich dann an die Soldaten hinter Gibbli. „Bringt sie weg. Zelle 17. Drei Tage Arrest! MACHT SCHON, SCHAFFT SIE MIR AUS DEN AUGEN!“
Einer der Soldaten packte Gibbli grob an der Schulter und sie winselte auf. Fasst mich nicht an, dachte sie flehend. Nur am Rande bekam sie das Gespräch noch mit, während man sie Richtung Ausgang führte.
„Gut“, sagte Sir Brummer. „Und jetzt zu Sky.“
„Was ist mit Sky?“, fragte Mr. Plotz.
„Jack musste ihn feuern. Wir brauchen einen neuen Flot­tenführer. Jack will die Schülerabgangslisten der letzten…“
 
Das Gefängnis lag direkt unter dem runden Zentrumsturm. Es gab mehrere unterirdische Ebenen, in denen jeweils zwölf Zel­len als kleine Segmente an der Außenseite rundherum ange­ordnet waren, wie bei einer Uhr. Jede Zelle grenzte an zwei andere, nur durch Gitter getrennt, während der Platz in der Mitte für den Aufzug frei blieb.
Zelle 17 befand sich in der zweiten Gefängnisebene von oben. Als sie aus dem Lift stiegen, drang ihnen sofort ein me­talliger Geruch entgegen. Irgendwo tropfte Wasser auf Stahl. Sie befanden sich einige Meter unter dem Meeresboden und Fenster nach draußen gab es hier keine.
Gibbli musste ihre halbe Kleidung ausziehen, an der ihre Taschen befestigt waren. Nur noch mit einer dünnen Hose und ihrem, an einem Arm aufgeschlitzten, Pullover stand sie da und sah sich zitternd um, während ein Soldat ihre Sachen auf einem Tisch verstaute. Ohne ihre Stiefel kroch die Kälte aus dem feuchten Boden ungehindert ihre Beine hoch. Licht gab es hier kaum. Nur ein paar wenige, schwache Neonröhren, rundherum an der Decke entlang vor den Zellwänden ange­bracht, strahlten ein düsteres Licht aus. Viele davon funktio­nierten gar nicht mehr.
Gibbli bemerkte Schatten hinter den Gittern kauern. Einige lagen nur herum, viele waren jedoch nicht zu erkennen und hatten sich in die Dunkelheit, an den äußeren Wänden des Turms, zurückgezogen.
„Zurück!“, rief einer der Soldaten, bevor er die Zelle mit einer elektronischen Karte aufschloss. Nichts rührte sich.
Gibbli spürte, wie ihr die Handschellen abgenommen wur­den. Am liebsten hätte sie die Haut an den Händen des Solda­ten abgezogen, der sie packte und in die Zelle schubste. Sie fiel zu Boden und kroch schnell in eine Ecke.
Die Männer schlugen das Gitter zu. Es klickte und eilig verließen sie den Kerker. Als ihre Schritte verklungen waren, hörte Gibbli nur noch leises Tropfen auf Metall, zusammen mit ihrem eigenen Herzschlag. Dieser erklang so schnell, als hätte sie gerade einen Marathon hinter sich. Etwas rührte sich in ihrer Zelle. Ihre Eingeweide verkrampften sich und wie ein Stromstoß bohrte sich die Tatsache in ihr Bewusstsein, welche sie längst wusste, aber nicht wahr haben wollte: Sie war nicht allein!
 
„Verdammt“, knurrte ein Mann. Dann tauchte sein blasses Ge­sicht aus dem Schatten heraus auf. Er bewegte sich langsam auf Gibbli zu und er war riesig. Bestimmt über zwei Meter groß! Einige Strähnen seines langen blonden Haares hatten sich aus dem Band gelöst und standen wild in alle Rich­tungen ab. Sein düsterer Blick verhieß nichts Gutes. Kurz vor ihr hielt er inne.
„Guten Tag.“ Seine Stimme klang gespielt höflich und pass­te absolut nicht zu seinem Auftreten.
Gibbli drückte sich näher an die Gitterstäbe an ihrem Rücken. Dieser scheiß blöde Direktor sperrte sie wirklich zu ei­nem Verbrecher! Fast wünschte sie sich, er hätte ihr stattdes­sen doch die Finger abgehackt.
Der Mann ging vor ihr in die Hocke und blickte sie erwar­tungsvoll an. Er hielt ihr seine gigantische Hand entgegen. Gibbli versuchte ihn nicht anzusehen und schlug sie panisch beiseite. Im nächsten Augenblick lag sie auf dem Boden. All seine Muskeln angespannt, saß er auf ihr und hielt sie an ih­ren Handgelenken umklammert. Diese drückte er mühelos über ihrem Kopf auf den kalten Untergrund. Der Mann war schwer wie ein Wal. Und stark.
Gibbli wand sich hin und her und schrie: „WEG!“
Er bewegte sich nicht den kleinsten Millimeter. Sein Gesicht stand jetzt so nah über ihrem, dass ein paar Strähnen seines Haares ihre Wangen streiften. Sie rochen nach altem Holz.
„Du hältst nichts von Nettigkeiten? Das ist gut, ich auch nicht. Dann eben anders“, sagte er drohend. „Ich bin Abyss, dein persönlicher Abgrund. Und du wirst dich nicht in meine Pläne einmischen, hast du verstanden?“
Gibbli versuchte ihre aufkommenden Tränen wegzublinzeln und nickte schnell.
„Schön. Name?“
Ihre dunkle Haut kribbelte und fühlte sich an, als ginge sie gleich in Flammen auf. Sie würde sterben. Trotz des kalten Bodens, brannte alles in ihr. Er würde sie töten!
„NAME?“, schrie der Mann noch einmal.
„Gibbli“, sagte sie zitternd.
„Gibbli. Hallo Gibbli. Ich hab nicht erwartet diese verfluchte Zelle mit jemandem teilen zu müssen. Also, wir stellen das jetzt von Anfang an klar, du wirst nichts tun, was meine Pläne zerstört, verstanden?“
Sie hatte keine Ahnung wovon er sprach und nickte ein­fach, in der Hoffnung er würde sie dann in Ruhe lassen. Plötz­lich weiteten sich für einen Moment seine Augen, als hätte er etwas Ungewöhnliches wahrgenommen.
„Du bist… faszinierend“, sagte er überrascht. „Diese Kälte…“ Er brach ab.
Gibbli wagte kaum zu atmen, als ihr die Gier in seiner Mie­ne bewusst wurde. Abyss hingegen nahm tief Luft und stieß sie laut aus. Grimmig schüttelte er langsam den Kopf.
„Ich lass dich jetzt los.“
Loslassen, ja. Loslassen war gut. Loslassen war sehr gut! Und er ließ sie los. Gibbli blieb liegen und traute sich nicht, sich zu bewegen.
Als sie sich nach ein paar Minuten aufsetzte, stand er noch immer mitten in der Zelle und blickte sie böse an. Er be­obachtete sie mit seinen stechenden Augen. Der Mann war so groß, dass Gibbli sich nicht wohl dabei fühlte, so weit unten zu sitzen. Sie zog sich an den Gitterstäben hinter ihr empor. Dabei fiel sein Blick auf den Schnitt an ihrem Arm. Die Wun­de blutete wieder.
„War ich das?“, fragte er und kam näher. Sie reichte ihm gerade einmal bis zur Brust. Nicht schon wieder, dachte Gibbli und bleckte ihre Zähne. Als er nach ihrem Arm griff, konnte sie sich nicht zurückhalten. Sie hasste das! Panisch versuchte Gibbli ihre Hände wegzureißen. Dabei erwischte sie ihn mit den Fingernägeln. Er hielt kurz inne. Ein roter Strich zog sich unter seinem Kinn am Hals entlang.
Oh nein! Was hatte sie getan? Gibbli fühlte sich auf einmal schwerelos, vor Angst was er jetzt mit ihr anstellen würde.
Der Ausdruck auf seinem Gesicht änderte sich langsam von böse zu unglaublich böse. Schließlich starrte er sie an, als würde er sie jeden Moment mit seinem Blick durchbohren. Zit­ternd versuchte Gibbli ihm auszuweichen.
Das Tropfen des Wassers hallte durch die Zelle, als er leise zu sprechen begann: „Das war nicht nett.“ Dann riss der Mann sie hoch und drückte Gibbli gegen die Gitter, sodass ihre Füße mitten in der Luft hingen. Sie versuchte sich zu be­freien, aber im nächsten Moment hielt er ihr ein langes Messer an die Kehle.
„HALT STILL!“, schrie er sie an. „Dein Gezappel macht mich wahnsinnig! Ich will dir nicht wehtun.“
Das tat er doch längst! Aber zu ihrer Überraschung blieb der Würgereflex aus, den sie jedes Mal gespürt hatte, wenn jemand sie berührte. Gibbli schloss die Augen. Dieser Mann war verrückt. Und er hatte irgendwie eine Waffe hereinge­schmuggelt. Sie wollte gar nicht wissen, wie er das geschafft hatte. Er hielt sie fest. Mit seinen riesigen Händen! Er fasste sie an! Sie wollte das nicht. Niemand durfte das!
„Dann töte mich endlich“, flüsterte sie leise. Eigentlich hat­te sie es nur denken wollen. Warum brachte er es nicht end­lich zu Ende? Das wäre nicht so schlimm wie seine Hände an ihrer Haut.
Er ließ sie los und Gibbli sackte zu Boden.
„Ich… wollte nur helfen.“ Er betrachtete sie mit einem über­raschten Blick und ging einen Schritt zurück. „Wir sind beide hier drin und auf derselben Seite, okay?“
Gibbli versuchte sich aufs Atmen zu konzentrieren.
„OKAY?“, schrie er jetzt.
Sie nickte schnell.
Abyss legte sich in die andere Ecke der Zelle. Demonstrativ drehte er sich von ihr weg. Und für Gibbli war es das Beste, was er machen konnte.
Sie rieb sich das Handgelenk. Der Schnitt in ihrem Arm tat wieder weh. Er hatte sie nicht getötet. Vielleicht schaffte sie es doch noch, durchzuhalten. Drei Tage. Gibbli lehnte sich er­schöpft an die Gitter der Nachbarzelle und blickte misstrau­isch auf Abyss. Hoffentlich blieb er auf seiner Seite da drüben.
 
Nach ein paar Stunden fühlte sich ihr Mund rissig und tro­cken an. Sie hatte Durst. Immer wieder schlug Gibbli schnell die Augen auf, sobald sie merkte, dass sie ihr zufielen. Doch langsam dämmerte sie weg. Sie durfte nicht schlafen, nicht so lange er da war. Dieser gewaltige Mann.
Plötzlich saugte etwas die gesamte Luft ab. Jemand schrie, eine Frauenstimme. Gibbli atmete Wasser. Sie ertrank! Ihre Lungen füllten sich mit kalter Flüssigkeit. Verschwommene Umrisse eines zierlichen Körpers verdeckten ihre Sicht. Sie blickte in weit aufgerissene Augen. Starr, tot! Dann veränderte sich ihr Traum und sie wurde zur Hybridenfrau, die schon ein­mal in ihrem Kopf aufgetaucht war.

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