Kapitel 4: Nox (Bis in die tiefsten Ozeane)

Samantha konnte sich nicht mehr daran erinnern was sie dachte, während sie zum Krankenhaus rannte. Irgendwann war sie einfach da. Das Gebäude wirkte verlassen, doch in­takt. Bestimmt hatte sich das Notstromaggregat eingeschal­tet. Im Inneren gab es, bis auf die Abwesenheit von Menschen, kaum Anzeichen von der vorhergegangenen Katastrophe. Trä­nen überströmt fuhr Samantha in den ersten Stock hoch und lief den Flur entlang zu Bo’s Zimmer. Dr. Bloom kam ihr ent­gegen und fing sie ab.
„Sam, was machst du hier? Das letzte Beben hat Bo sehr geschwächt. Sie…“, er hielt inne, als er ihr Gesicht sah und musterte sie dann besorgt. „Was ist passiert?“
„Ich muss zu Bo!“, schrie sie ihn an und versuchte an ihm vorbei zu kommen.
„Schhh, ruhig. Beruhig dich.“ Dr. Bloom hielt sie an den Schultern fest. Die Tränen rannen jetzt frei über ihr Gesicht. Sie konnte sie nicht mehr zurückhalten.
„Mum ist… tot!“ Samantha wäre beinahe umgekippt.
Der Arzt zog sie in seine Arme und strich vorsichtig über ihren Kopf. „Mein Gott“, entfuhr es ihm. „Wo ist dein Vater?“
„Mum wurde getroffen, sie ist tot! Ich muss zu Bo! Bitte!“, flehte sie jetzt.
„Sam, das geht nicht, okay? Du musst jetzt stark sein. Es würde Bo umbringen, sie darf sich nicht aufregen. Komm, wir gehen jetzt ins Ärztezimmer und versuchen deinen Vater-“
„Nein!“, unterbrach ihn Samantha und versuchte sich los zu reißen.
„Ruhig. Na schön. Ich lasse dich zu ihr. Aber du darfst es Bo nicht sagen. Verstanden?“
Samantha hielt inne. „Okay“, flüsterte sie.
„Du bist ein tapferes Mädchen. Ich versuche jetzt deinen Vater zu erreichen. Du gehst zu Bo und bleibst bei ihr, ja?“
Samantha nickte erleichtert. Er würde sie zu Bo lassen. Dr. Bloom ließ sie los und eilte davon.
 
Samantha wischte sich ihre Tränen mit dem eingestaubten Stoff ihres T-Shirts ab. Ihr Gesicht war gerötet und die Klei­dung zerknittert. Bo würde Fragen stellen. Mit wackeligen Beinen betrat sie das Zimmer. Als erstes erblickte sie die Ka­mera. Die war neu. Man hatte sie anscheinend nach Bo’s letz­tem Anfall heute installiert, um sie permanent zu überwachen. Da lag ihre Schwester, noch blasser als sonst. In diesem Mo­ment schlug sie die Augen auf.
„Sam.“
„Hallo Bo“, sagte sie und ihre Stimme klang heißer, doch Bo schien es gar nicht zu merken.
„Es kommt Feuer“, sagte Bo abwesend.
„Feuer?“, verwirrt blickte Samantha ihre Schwester an und sie erinnerte sich an Kassandras Worte. Sie musste Bo die Nachricht überbringen. „Bo, Mum hat gesagt-“
„Es wird alles gut, Sam. Es kommt Feuer“, unterbrach Bo sie. „Aber wir gehen ins Wasser.“
„Wovon redest du?“
„Der Vulkan wird ausbrechen. Ich habe es im Traum gese­hen.“
„Ich weiß. Sie brachten es in den Nachrichten. Bo, Mum hat gesagt, du sollst nicht nach-“
Wieder unterbrach Bo sie: „Was ist das?“
Offensichtlich war ihr die Kette um Samanthas Hals auf­gefallen, die ihre Mutter ihr vor wenigen Stunden umgehängt hatte. Sie tauchte ihre Hand unter das T-Shirt und zog den Anhänger daran hervor. Zum ersten Mal sah sie sich das scheibenförmige Stück Metall an der Kette genauer an. Es schimmerte golden. In seiner Mitte war oranges Glas eingelas­sen, durch das ein schwaches Leuchten drang und irgendet­was im Inneren schien sich zu drehen.
„Es ist von Elai, deinem Onkel“, sagte Samantha. „Er hat es Mum gegeben. Und sie hat es-“
„Es kommt mir bekannt vor“, unterbrach Bo ihren Satz. „Ich hab es schon mal gesehen. Denkst du, es hat Dad gehört?“
Ihre Worte rissen eine Spur aus Schmerz durch Samanthas Herz. Sie musste an ihren eigenen Vater denken, den sie so­eben zurückgelassen hatte. Dabei meinte er es doch nur gut. Warum war alles so kompliziert?
„Nein“, antwortet Samantha und versuchte einen klaren Kopf zu bewahren. Bo hatte ihren Vater nie getroffen. Und ihre Mutter hatte erzählt, dass dieser Elai und ein gewisser Nox es gestohlen hatten. Ihre Mutter war tot, schoss es ihr wieder in den Kopf. „Bo, Mum hat gesagt, du darfst nicht-“
Plötzlich begann Bo sich im Bett zu winden. „Sam, ich… krieg keine Luft mehr!“
„Bo!“, schrie Samantha und wandte sich zur Kamera. „Hil­fe!“
Dr. Bloom kam ins Zimmer gerannt, hinter ihm noch zwei weitere Ärzte. Sie machten sich am Wasseratmungsgerät zu schaffen.
In diesem Moment wandte Bo den Kopf zu Samantha und sah sie direkt an. „Sam, ich werde alle Unterwasserstädte be­suchen und nach Ocea reisen, wie mein Dad. Was hat Mum gesagt?“
„Nicht so wichtig“, sagte Samantha leise. Sie konnte ihr das nicht antun. Dr. Bloom hatte vorhin gesagt, Bo durfte sich nicht aufregen. Sie konnte Bo diesen Traum nicht nehmen.
„Ja, Bo. Du wirst noch unzählige Abenteuer erleben“, sagte sie stattdessen und umklammerte mit ihren Fingern die Me­tallscheibe an ihrem Hals, um sich irgendwie abzulenken.
Dr. Bloom wandte sich an Samantha, während die beiden anderen Ärzte Bo das Gerät aufsetzten. „Bitte warte draußen, Sam. Ich habe mit deinem Vater gesprochen. Er kommt in etwa einer Stunde und holt dich ab, okay?“
Samantha antwortete ihm nicht. Sie wandte sich um und verließ das Zimmer.
 
Im Gang ließ sie sich auf einen Stuhl sinken. In ihrem Kopf tobte ein Sturm, Chaos. Die letzte Aufforderung ihrer Mutter, ihr letzter Wunsch, konnte Samantha ihr nicht erfüllen. Sie musste Bo diesen Anhänger geben und ihr sagen, dass sie nicht nach Ocea durfte. Aber es würde Bo umbringen. Ihre Schwester wollte doch unbedingt dort hin. Sie fühlte sich schuldig. Wegen ihrer Mutter. Wegen ihrem Vater, auf den sie nie gehört hatte, obwohl er ja nur das Beste für sie wollte. Wegen Bo, der sie nicht die Wahrheit sagen konnte. Bo, die wahrscheinlich niemals richtig leben würde.
Zwei Stimmen warfen Samantha aus ihren Gedanken. Sie dachte, das Krankenhaus wäre nach der Evakuierung so gut wie verlassen. Es schienen jedoch weitere Menschen anwe­send zu sein. Zwei Frauen saßen im Zimmer nebenan. Die wei­ße Tür stand einen kleinen Spalt breit offen. Samantha schlich näher heran. Sie fühlte sich einige Stunden zurückversetzt, als sie ihre Mutter bei Bo belauscht hatte.
„Sie hält das nicht mehr länger durch“, meinte eine der Frauen.
„Wie lange?“
„Ein paar Minuten? Stunden? Es kann jeden Moment pas­sieren. Sie wird den Morgen nicht mehr erleben.“
„Es hat keinen Sinn. Wir sollten uns selbst in Sicherheit…“
Und da wurde Samantha klar, dass sie von Bo redeten. Bo würde sterben. Noch heute Nacht. Ohne weiter auf das Ge­spräch der Frauen zu achten, wirbelte sie herum. Sie rannte. Rannte den neonbeleuchteten Flur entlang, vorbei am Aufzug, ins Treppenhaus, überflog die Stufen förmlich und hastete dann nach draußen. Sie lief den Eingangsbereich hinunter, über die menschenleere Straße, sprang über einen Riss, der sich am Boden beim letzten Beben gebildet hatte und rannte der untergehenden Sonne entgegen, hinunter zum Meer, wo sie weinend zusammenbrach.
 
Die Wellen schäumten im aufkommenden Abendwind und Samantha wurde von Hass übermannt. Ihr Kopf drohte zu platzen von all den schrecklichen Ereignissen. Mit einer Kraft, die sie noch nie zuvor gespürt hatte, packte sie einen großen Stein so fest, dass es ihr unter normalen Umständen wehge­tan hätte.
„Monster! Ungeheuer!“, schrie sie und schleuderte ihn ins Meer hinaus.
Doch der Stein berührte nicht das Wasser. Wie aus dem Nichts tauchte von unten eine dunkelblaue, fast schwarze, kräftige Hand auf. Sie fing den Stein ab und umschloss ihn mit langen, spitzen Fingern. Samantha hielt kurz inne. Dann kochte die Wut erneut in ihr hoch.
„Du bist schuld!“, schrie sie die Hand an, die jedoch schon wieder ins Wasser verschwunden war. Zornig watete sie ins Meer hinaus. „Ihr alle seid Schuld, ihr blöden Meermenschen!“
Mit einem Mal wurden ihr die Füße weggerissen und Sa­mantha fiel auf den schlammigen Boden. Wasser spritzte zur Seite. Etwas zog sie weiter hinaus. Sie versuchte dagegen an­zukämpfen, aber die beiden Hände, die ihre Fußgelenke um­klammerten, waren stark wie Maschinen. Sie tauchte mit dem Kopf unter und kämpfte sich panisch wieder an die Oberflä­che. Immer weiter wurde sie nach draußen gezogen, der Bo­den war längst nicht mehr zu erkennen. Dann rissen sie die blauen Hände in die Tiefe. Die letzte Luft entwich ihrer Lunge und sie schluckte Wasser.
In dem Moment, als Samantha glaubte zu ertrinken, drückte sie jemand hoch an die Oberfläche. Gierig sog sie die salzige Luft ein. Sie spürte seine kräftigen Hände an ihren Oberarmen. Dürre Finger, die sich wie Krallen in ihr Fleisch bohrten. Als sie die Augen öffnete, starrte sie direkt in sein Gesicht. Er schaute aus dem Wasser, nur wenige Zentimeter vor ihr. Das Geschöpf besaß keine Nase, dafür leuchtend orange Augen, genau wie die von Bo. Nur, dass sie sich bei ihm durch die dunkle, teils schuppenartige Haut bedrohlich abhoben.
„Du bist Sam“, seine Stimme klang rau, wie ausgetrocknet. Es schien ihm schwer zu fallen, an der Luft zu sprechen.
Samantha musste husten und spuckte Wasser.
„Du ähnelst deiner Mutter sehr“, fuhr er fort.
„Du… kanntest meine Mum?“
„Nein“, sagte er und tauchte kurz unter, um dann gleich wieder aufzutauchen. Währenddessen ließ er sie jedoch nicht los. „Mein Erzeuger besaß ein Bild von ihr. Als er noch lebte.“
Und dann begriff Samantha. Er hatte die gleichen Augen. „Nox. Du bist Bo’s Bruder!“
Er hielt den Kopf schief. Offenbar bedeutete das, dass sie richtig lag.
„Ich mag deine Stimme“, sagte er.
„Ich hasse dich!“, schrie Samantha ihn an und versuchte sich loszureißen. Doch aus seinem festen Griff gab es kein Entkommen.
„Ich könnte dich töten“, meinte er und tauchte wieder kurz unter. Er zog sie mit, brachte sie beide aber schnell wieder an die Oberfläche.
Es kam unerwartet für Samantha, wieder hustete sie Was­ser. Ja, warum eigentlich nicht? „Dann tu es doch!“, rief sie er­schöpft. All das machte sie kaputt. Ihre Mutter war tot. Bo würde sterben. Welchen Grund gab es jetzt noch für sie, wei­ter zu leben?
„Das Marahang“ sagte Nox leise.
„Was?“ Sein Griff wurde fester. Es tat weh.
„Der goldene Zylinder an deinem Hals“, murmelte er weiter.
„Mum hat mir diese Kette gegeben“, presste Samantha her­vor.
„Wo ist Kassandra?“
Und wieder zog sich Samanthas Herz zusammen. „Tot.“ Als sie es aussprach, kam ihr eine verrückte Idee, wie ein kleiner Funke Hoffnung, der sie warm hielt.
„Dann ist das hier sinnlos.“ Nox ließ sie los und Samantha sackte zurück ins Wasser.
„Warte!“ Sie klammerte sich an ihm fest, bevor er davon schwimmen konnte. Er riss ihren Körper einfach mit sich, als würde sie nichts wiegen und tauchte in das offene Meer hin­aus.
„Lass los. Du ertrinkst.“ Fasziniert lauschte Samantha seiner Stimme. Unterwasser klang sie tief und nicht mehr so kratzig wie an der Luft.
‚Du kannst Bo retten!‘, wollte Samantha sagen, doch ledig­lich ein Schwall Luftblasen brach aus ihrem Mund hervor.
„Du ertrinkst. Loslass mich!“
Samantha schüttelte den Kopf und klammerte sich noch fester an ihn. Sie bekam kaum noch Luft. Dann riss er sich los. Gegen ihn war sie viel zu schwach, um sich zu wehren. Er schüttelte sie ab, wie ein lästiges Blatt, das ihm auf den Kopf gefallen war.
Samantha begann zu sinken.
Es fiel ihr immer schwerer, oben von unten zu unterschei­den. Langsam wurde ihr schwarz vor Augen.
Nach einer halben Ewigkeit, so kam es ihr vor, spürte sie wieder seine Hände. Sie zogen Samantha in irgendeine Rich­tung. Und dann atmete sie plötzlich wieder. Kalte Abendluft durchdrang ihre Lungen. Nox blickte sie erneut direkt an. Sei­ne spitzen Zähne blitzten hervor, als er anfing zu grinsen.
„Du schwimmst nicht“, stellte er fest.
„Dad… hat es mir… verboten… will nicht… dass ich… ins Meer… gehe…“ Immer wieder schnappte sie erschöpft nach Luft.
„Das Meer ist nichts für Landmenschen.“ Nox brachte sie näher ans Ufer, bis sie wieder stehen konnte und ihr das Was­ser nur noch bis zur Taille reichte.
„Wie funktioniert es? Wie wollt ihr Bo retten?“, fragte Sa­mantha ihn.
Er antwortete nicht.
„Wenn es eine Möglichkeit gibt, dann sag es mir! Bitte“, flehte sie.
Er strich ein paar nasse Haarsträhnen aus ihrem Gesicht. Erst jetzt bemerkte sie, dass seine Hände gar nicht kalt waren. Nur ein wenig glitschig an der Luft. Und zu Samanthas Über­raschung antwortete er ihr: „Es erfordert ein Opfer. Eine funk­tionierende Lunge. Deine Mutter, sie stirbt, Bo lebt. Sie eingelassenhätte sich darauf.“
„Und dieses Marahangteil?“, fragte sie und blickte hinab auf den Anhänger der Kette.
„Ein Versuch. Es wird nicht funktionieren. Elai meint, man braucht die richtige DNA. Das ist… zu kompliziert. Es ist mir egal, ob Bo lebt oder stirbt.“
„Ist es nicht.“
„Bo ist kein Wassermensch. Sie gehört nicht zu uns.“ Nox drehte sich um und watete wieder ins Meer hinaus.
„Aber sie ist deine Schw- Halbschwester! So wie sie meine ist“, rief ihm Samantha hinterher.
Er war jetzt fast wieder vollkommen im Wasser.
„WARTE!“ Samantha stapfte ihm nach, bis sie wieder bei ihm war.
„Lebe wohl.“ Er drehte sich zu ihr um, schien zu zögern, nur einen kurzen Augenblick.
„Ich opfere mich“, sagte Samantha, als er gerade eintau­chen wollte.
Er hielt inne, bewegungslos. Sein Grinsen verschwand. Dann schloss er gequält die Augen, als täte ihm etwas weh.
„ICH OPFERE MICH!“, schrie sie im direkt ins Gesicht. So laut, dass er hätte zurückweichen müssen. Doch Nox wich nicht zurück. Er öffnete seine Augen wieder und sein Blick durchdrang sie. Nox sah sie an, wie noch nie jemand zuvor sie angesehen hatte. Alle Haare auf ihrer Haut stellten sich auf. Sie konnte sich nicht erklären, was gerade geschah.
„Dann herhol sie.“
 
Samantha stand vor Bo’s Bett. Draußen war es bereits dunkel. Der Wind hatte nachgelassen. 41 Jahre. Dabei sah sie noch so jung aus. Sie bewunderte die Meermenschen für ihre lange Le­benszeit. Das war etwas, was Bo allem Anschein nach von ih­rem Vater geerbt hatte.
„Sam?“, sagte sie mit schwacher Stimme.
„Ich bin da.“
„Geh nicht weg.“
„Das tu ich nicht. Ich nehme dich mit, Bo.“
„Ich darf raus?“ Ihre Stimmung änderte sich schlagartig.
„Ja.“
Samantha hatte Bo noch nie so glücklich erlebt. Ihre Au­gen leuchteten wie zwei Sonnen.
„Versprich mir, dass du immer so lachen wirst, Bo“, sagt Sa­mantha. „Mit deinem Lachen wirst du die Meere erobern.“
Taumelnd versuchte ihre Schwester auf die Beine zu kom­men. „Schwindlig.“
Samantha warf einen schnellen Blick zur Kamera und be­eilte sich, ihr hoch zu helfen. „Geht es?“
„Ja.“ Die Aussicht, dieses Krankenhaus nach all den Jahren einmal von außen zu sehen, schien ihr Kraft zu geben.
„Du bewegst dich wie ein Zombie.“
Bo grinste sie an. „Vielleicht sind meine Beine nicht zum Gehen gedacht.“
Ihre Schwester stützend, schleppte Samantha sie zur Tür, als Bo aufschrie: „Warte! Das Buch!“
Samantha ging zurück, es lag auf dem Nachttisch. Der Ocea-Schriftzug strahlte ihr entgegen. „Hab es“, sagte sie, schnappte sich die runde Platte und zusammen schlichen sie aus dem Zimmer. Mit jedem Schritt wurde es leichter. „Dr. Bloom darf uns nicht sehen.“
„Oh, eine geheime Wanderung?“, freute sich Bo.
„So was in der Art“, antwortete Samantha schmunzelnd. Der Gedanke daran, dass Nox Bo retten konnte, gab ihr neue Hoffnung.
 
Sie schafften es bis zum Ende des Ganges.
„Sam? Bo? Seid ihr das?“ Es war Dr. Bloom.
„Nein, wir sind Zombies“, rief Bo mit verstellter Stimme und lachte.
„Schhhht“, zischte Samantha.
„Ich freu mich so! Ich freu mich, Sam!“
„Lasst den Unsinn!“ Dr. Bloom kam näher.
Dann tauchte Samanthas Vater hinter ihm auf. „Saman­tha? Was wird das hier?“
Die beiden Geschwister schwiegen.
Nach ein paar Sekunden erhob ihr Vater wieder das Wort. Oder waren es Minuten? Samantha wusste es nicht. Die Zeit schien sich für einen Augenblick zu langem zähen Gummi ge­wandelt zu haben. „Samantha, wir reisen ab. Sofort!“
Sie erwachte aus ihrer Starre. „NEIN!“, schrie Samantha und hoffte, dass es Bo neben ihr nicht aufbrachte. Sie durfte sich nicht aufregen. Sie schwebte immer noch in Lebensgefahr. Nur Bo kümmerte das scheinbar nicht das kleinste bisschen.
Samanthas Vater schoss nach vorne, um seine Tochter mit sich zu ziehen, doch Dr. Bloom hielt ihn an der Schulter fest. „Lass die beiden gehen, Thomas.“
Samantha konnte sehen, dass er ihm etwas ins Ohr flüs­terte. Sie hörte es nicht, konnte sich aber vorstellen, was er sagte. Es war Bo’s letzte Nacht. Er hatte ihm gesagt, dass Bo den Morgen nicht erleben würde. Samantha sah ihren Vater abwartend an. Er schien mit sich zu ringen, ob er sie gehen ließ oder nicht.
„Mr. Evens. Ich werde sterben“, sagte Bo laut. Ihre Stimme klang dabei so klar wie nie. Es kam unerwartet für alle. „Ich möchte das Meer sehen. Ein einziges Mal in meinem Leben will ich das Wasser berühren.“
Sie sahen sich an. Ein Blickduell, das scheinbar niemand gewinnen konnte. Samantha spürte das Knistern in der Luft zwischen ihnen und sie wusste, Bo würde nicht nachgeben, bis sie zusammenbrach.
„Dad, bitte“, unterbrach sie flüsternd die Stille, als sie es nicht mehr aushielt.
Er wandte sich mit fragendem Blick seiner Tochter zu. „Sa­mantha?“
„Wenn ich zurück komme, reisen wird ab. Versprochen“, versuchte sie ihn zu überreden. Es war nicht gelogen, denn Samantha würde nicht zurückkommen.
Ihr Vater nickte.
 
Und dann standen sie im Lift und fuhren nach unten. Saman­tha legte stützend den Arm um Bo. Sie konnte es noch gar nicht glauben, die beiden Geschwister waren frei. Niemals hät­te je irgendjemand gedacht, dass Bothilda Bamba das Kran­kenhaus irgendwann einmal verlassen dürfte. Aber jetzt, nach 41 Jahren war sie frei. Und Samantha, die nicht einmal halb so alt war, stand neben ihr. Der Fahrstuhl hielt im Erdgeschoss an. Noch ein Flur und sie würden den Ausgang schon sehen können. Als sie um die nächste Ecke bogen, brach Bo zusam­men.
„Du bist ein guter Schauspieler“, sagte Samantha leise.
„War ich schon immer.“
„Hast du Angst?“
„Nein. Niemals. Es gibt keinen Grund dafür. Ich möchte hier raus, Sam. Jetzt.“
„Komm. Hoch. Wir schaffen das. Zusammen.“ Samantha half ihrer Halbschwester wieder auf die Beine und sie schlepp­ten sich nach draußen.
Die Luft war trüb und der Wind pfiff ihnen um die Ohren. Aber in ihren Gedanken stellten sie sich den Himmel Sternen­klar vor. Bo nahm einen tiefen Atemzug und Samantha tat es ihr gleich. Erst jetzt bemerkte sie, dass der sonst salzige Ge­ruch sich verändert hatte. Ein leicht schwefliger Gestank lag in der Luft. Doch die orangen Augen ihrer Schwester leuchteten. Samantha spürte, wie die Anspannung von ihr wich. Nur noch bis zum Wasser hinab. Nur noch ein kleines Stück.
Am Strand angekommen, wateten die beiden zusammen in das aufgewühlte Wasser hinein. Die tobenden Wellen bra­chen sich an ihren Körpern, doch sie störten sich nicht daran und kämpften dagegen an.
„Spürst du das, Sam?“, sie nahm einen weiteren, tiefen Atemzug. „Ich bin zu Hause.“
Samantha wich zurück und ließ vor Schreck Bo’s Buch ins Wasser fallen, als er auftauchte. Obwohl sein Anblick nicht neu für sie war, spürte sie Angst in sich aufsteigen. Ein Krib­beln kroch von ihrem Bauch bis in ihre Zehenspitzen. Die Sze­ne, welche sich ihr bot, war so überwältigend. Bo wich nicht zurück. Sie starrte Nox an. Und Nox starrte Bo an. Zum ersten Mal in ihrem Leben bekamen sich die Geschwister zu Gesicht und Samantha hatte das unbehagliche Gefühl, etwas zwi­schen den beiden nicht mehr mitzubekommen, als würden sie nur mit ihren Blicken miteinander sprechen. Nach einer Weile öffnete Bo den Mund, um etwas zu sagen. Doch kein Laut verließ ihre Lippen.
„Ich möchte dir jemanden vorstellen“, flüsterte Samantha. „Das ist-“
Von einem Augenblick zum anderen sackte Bo in sich zu­sammen und hing im nächsten Moment schlaff in seinem glit­schigen Arm. Es ging alles zu schnell für Samanthas Augen. Ein Griff von ihm und ihre Halbschwester war umgekippt, er beachtete Bo gar nicht weiter. Jetzt gab es kein Zurück mehr. Sie würde ihr Leben für Bo geben. Nox wandte sich Samantha zu und sein Gesicht brannte sich in ihren Kopf. Er wirkte so fremd und gleichzeitig so vertraut, als sähe sie nicht in die sei­nen, sondern in die Augen ihrer Halbschwester. Und dennoch fühlte sich sein Blick anders an. Durchdringender, so als wür­de er sie auffressen wollen. Sie spürte seine glitschige Hand auf ihrer Wange.
„Vertrau mir Sam“, sagte er mit seiner ausgetrockneten Stimme.
Hatte sie einen Fehler gemacht? Im letzten Moment fing sie an, zu zweifeln und ihr Herz begann zu schlagen, immer schneller und schneller. Dann wurde alles schwarz.

Dir gefällt diese Geschichte und du möchtest das Buch auch in deinem Regal stehen haben? Unterstütze mich und kaufe jetzt die Druckversion auf Amazon: Bis in die tiefsten Ozeane

Ich freue mich außerdem über jeden Pieps deiner Anwesenheit hier. Schreib mir doch einen Kommentar. Was denkst du gerade?

2 Kommentare

  1. Dr. Bloom ist mein Held <3

  2. @Adreno :D

Eine Antwort schreiben