Kapitel 3: Im verbotenen Archiv (Bis in die tiefsten Ozeane)

Nach der Flucht vor Somal und Kor, fand sich Gibbli in einem großen Komplex wieder, der sich zwischen dem Bahnhof des Meeresexpresses und den Gebäuden der biologischen Tiersta­tion erstreckte. Hier beinhalteten meterhohe Regale, die sich auf mehrere Stockwerke verteilten, unzählige Stecker und elektronische Buchplatten. Doch es war nicht die öffentlich zugängliche Bibliothek, die sie immer wieder anzog, sondern die gesperrten Lagerhallen, die sich darunter befanden: Das verbotene Archiv.
Das Umgehen der Türverriegelungen war für Gibbli ein Kin­derspiel. Ehrfurchtsvoll schlich sie die hohen Gerüstreihen ent­lang, während sie ihr EAG als Taschenlampe vor sich erhob. Niemand durfte sich hier aufhalten, nicht einmal die Soldaten der Elite. Einzig ausgewählte Archäologen hatten für jeweils kurze Zeit die Erlaubnis, diese Hallen zu betreten und das auch nur, um das jeweilige Fundstück hier zu deponieren. An den Artefakten zu forschen, war strengstens verboten. Hier bewahrten die Landmenschen ihre, in Gibblis Augen, bedeu­tendsten Funde überhaupt auf. Dieser Ort war ein Museum der ganz besonderen Art. Eine Grabstädte für oceanische Ge­genstände, deren zerstörerische Macht für immer hinter ver­schlossener Tür bleiben sollte. Gibbli kannte jedes Staubkorn hier. Sie brach seit vielen Jahren immer wieder ins Archiv ein und hatte so gut wie alles davon gesehen. Nicht, dass sie die Sprache der Oceaner je begriffen hätte, dennoch war es ihr gelungen, die Technologie einiger hier lagernder Maschinen für sich zu nutzen. Hier fühlte sie sich wohl. Hier genoss sie ihre Ruhe. Hier konnte sie ihrem Drang nachgehen, all die faszinie­renden Kräfte zu erforschen.
Sie schlenderte an einem gigantischen Bruchstück vorbei und fuhr dabei mit dem Finger an einer darin enthaltenen Gravur entlang. Die ihr so fremden und gleichzeitig vertrauten Schriftzeichen begeisterten sie immer wieder aufs Neue. Es war nicht ungefährlich, mit dieser Art von Technologie zu ex­perimentieren. Dennoch fand Gibbli sie so viel aufregender, als die der Landmenschen. Man musste nur immer gut aufpassen, was man dachte. Die Kommunikation über niederfrequente Gehirnwellenmuster stellte einen Grundpfeiler oceanischer Physik dar. Gibbli hatte heimlich Experimente an Mitschülern durchgeführt. Erstaunlicherweise schien niemand von ihnen die erforderliche Anzahl an Neurotransmitter abzusondern, welche nötig war, um die Schnittstellen der kleinen Maschinen hier im Archiv ansprechen zu können. Gibbli hingegen war dazu in der Lage. Natürlich nicht immer und nicht bei jedem Gerät. Manche Gegenstände wurden so heiß, wenn sie diese berührte, dass sie sich die Finger verbrannte. Andere bewegten sich gar nicht. Doch ein paar wenige ließen sich mit ihren Ge­danken steuern. Gibbli liebte es, einzelne Fundstücke zu zerle­gen und diese neu zusammen zu bauen. Bei ihren beiden murmelgroßen Fluggeräten war ihr die Anpassung auf ihre ei­genen Denkmuster besonders gut gelungen. Deswegen be­dauerte sie den Verlust einer ihrer beiden Schätze sehr.
Ein überraschendes Geräusch riss sie aus ihren Gedanken auf. Leise Schritte drangen durch die Halle und kamen lang­sam näher. Schnell schaltete Gibbli ihre Lampe aus und er­kannte den schwachen Schein eines anderen EAGs, nicht weit von ihr entfernt.
„Wo ist dieses verfluchte Marahang…“, murmelte ein Mann jetzt ganz in ihrer Nähe.
Hastig tastete sich Gibbli um die Ecke eines Gerüsts herum. Im nächsten Moment streifte ein Lichtstrahl ihren Stiefel. Sie wich blitzartig zurück. Hoffentlich hatte er sie nicht gesehen!
Sie stand jetzt hinter einem Vorsprung des goldenen Bruch­stücks einer Maschine und traute sich kaum, sich zu bewegen. Nur ein kleines Geräusch und er würde sie sofort bemerken.
Der Strahl seines EAGs leuchtete knapp an ihr vorbei. Of­fensichtlich suchte er etwas. Gibbli hatte noch nie von einem Marahang gehört.
Verdammt, er kam noch näher auf sie zu! Jetzt konnte sie schon seinen Umriss wahrnehmen. Irgendwie kam er ihr be­kannt vor. Unter seinem Arm blitzte etwas Goldenes auf und Gibbli erkannte darin sofort die runde Scheibe. Ganz sicher handelte es sich um diese Karte. Sie hatte das neue Fundstück erst bei ihrem letzten Einbruch entdeckt. Auf dem beigelegten Log stand, dass die Archäologen es in der Nähe der Küste fanden, auf halbem Weg zur ersten Unterwasserstadt des Landmenschengebietes.
Gibbli hielt den Atem an, als der Mann unweit an ihr vorbei schlich. Dann bog er in einen anderen Gang ab. Sie musste hier weg, sofort!

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1 Kommentar

  1. Das war viel zu kurz!
    Ein mal kryogenische stasis bis Donnerstag bitte.

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