Kapitel 1: Die Meeresakademie (Bis in die tiefsten Ozeane)

 

 

„Licht ist hell und blendet.
Sie kommen in der Dunkelheit!“

Gibbli de Orange

 

 

Vor dem dunkelhäutigen Mädchen schwebte ihr wertvollster Besitz: Ein kleines, quadratisches Gerät aus Metall.
An der Seite prangten in goldener Schrift die Buchstaben ‚EAG‘ und eine 20-stellige Nummer dahinter. Es war flach, etwa drei Zentimeter dick und darin befanden sich sämtliche persönliche Informationen und all das Wissen, was sie seit Geburt an sammelte. Der Bildschirm an der Oberfläche des Gerätes leuchtete hell und unbeschrieben, während von der Rückseite aus eine Tastatur nach unten, auf die Tischoberflä­che, projiziert wurde. Diese sollte Gibbli eigentlich benutzen, um niederzuschreiben, was der glatzköpfige Mann an der Ta­fel ihnen entgegen schrie.
Sir Brummer schrie ununterbrochen. „LOS JETZT!“, brüllt er die Klasse an, die aus Schülern unterschiedlichsten Alters be­stand. „Schreibt das in euer EAG! Eine Verbindung zwischen uns Land- und den Meermenschen, ist streng verboten. Ihr wollt doch nicht, dass euer Kind ein idiotischer Hybrid wird, der…“
Ihre Gedanken konnten sich einfach nicht auf dieses un­sinnige Geschrei konzentrieren. Als schulischer Leiter der Meeresakademie, hatte Sir Brummer alles fest im Griff und achtete darauf, dass sich jeder streng nach den schulischen Vorschriften richtete. Wer dagegen verstieß, musste in den Strafunterricht. So wie Gibbli gerade. Denn leider besagte eine der Vorschriften, dass dieser dumme Tauchkurs Pflicht war und zur Basisausbildung gehörte. Sie hatte es mehrere Jahre erfolgreich geschafft, immer neue Gründe vorzuschieben und sich so dem Tauchkurs irgendwie zu entziehen. Sie absolvierte Fortgeschrittenen- und sogar Meisterkurse, für die sie noch viel zu jung war, die aber zur selben Zeit stattfanden, wie der Tauchkurs. Und sie spielte krank. Das ging so weit, dass Gibbli sich sogar einmal ein Ohr durchgestochen und das als Unfall getarnt hatte, nur um nicht tauchen zu müssen.
Doch früher oder später hatte es einfach auffallen müs­sen. Zusammen mit ein paar anderen ungehorsamen Schülern stand sie nun in einem Klassenzimmer und durfte sich die Moralpredigt von ihrem Direktor anhören. Der nutzte diese Zeit am liebsten dazu, über Meermenschen herzuziehen. Hinter sich hörte Gibbli ein paar Schüler tuscheln. Neben ihr wollte niemand stehen. Gut so, denn sie mochte andere Menschen nicht besonders.
So etwas wie Stühle existierten in den vielen hundert Klas­senzimmern der Meeresakademie nicht. Natürlich hatte man an einigen Stellen Sitzflächen angebracht, aber während dem Unterricht standen die Schüler ausschließlich vor Stehtischen. Das diente dazu, sie auf die Arbeit vorzubereiten. Sie gehörten schließlich zur Elite.
Verträumt blickte Gibbli aus dem großen Fenster, das sich von der elektronischen Tafel vorne bis über die Bankreihen nach ganz hinten zum Eingangstunnel erstreckte. Eine dieser Quallen dort draußen zu sein, würde all ihre Probleme lösen. Dann müsste sie keine Angst mehr haben und könnte unter Wasser atmen. Wie in Zeitlupe blähte sich das Tier auf und bewegte ihre kleinen Tentakel langsam im dunklen Blau da­hin. Gibbli hingegen würde da draußen ertrinken! Tauchen sprach gegen die Natur eines Landmenschen.
„GIBBLI!“ Der Direktor Markus Brummer stand plötzlich breitbeinig vor ihrem Tisch. Eine Hand zur Faust geballt, mit der anderen direkt auf ihr Gesicht zeigend, so dicht, dass er sie beinahe berührte.
Die Qualle draußen schrumpfte in sich zusammen und Gibbli mit ihr. Angeekelt blickte sie auf seinen dicken Wurst­finger, in der Hoffnung, er würde nicht näher kommen. Beina­he wäre sie nach hinten gefallen, sie konnte sich gerade noch halten. Zurückzucken galt als Schwäche und Sir Brummer mochte das nicht.
„TRÄUM NICHT!“, schrie er aufgebracht. „Du nimmst so lange am Strafunterricht teil, bis du anfängst, zu tauchen!“
Gibbli schwieg und wünschte sich im Stillen, seine Gedärme würden sich an den Wänden des Klassenzimmers verteilen. Missmutig begann sie, auf der projizierten Tastatur in ihr EAG zu tippen. Ihm zu widersprechen würde es nur schlimmer ma­chen, das hatte Gibbli schon in frühen Jahren begriffen. Ob­wohl der Direktor keine eigenen Kurse mehr gab, ließ er es sich nicht nehmen, seine Predigten höchst persönlich abzuhalten. Die Aussicht darauf, auch in den nachfolgenden Wochen an seinem Strafunterricht teilzunehmen, gefiel ihr gar nicht. Denn er fand 10 Stunden lang statt und das jeden Sonntag. Der ein­zige Tag in der Woche, den sich die Schüler frei halten durf­ten. Ein Eliteschüler musste allen Befehlen Folge leisten, doch Gibbli würde niemals tauchen. Nie, nie, nie, nie. Dieses ver­dammte Wasser! Wie lange würde Sir Brummer das mitma­chen, bevor er sie von der Akademie warf? Wie viele Monate? Jahre? Eines stand fest: Den Abschluss konnte sie vergessen.
Noch schlimmer war der Gedanke an ihre Eltern. Allein schon ihres hohen Standes wegen, würden sie nicht tolerieren, dass ihre einzige Tochter sich eine Strafe eingehandelt hatte. Bestimmt wussten sie es schon, die Schule hatte die beiden si­cherlich bereits darüber informiert. Trotz Gibblis Spitzennoten in den Technikkursen, schaffte sie es kaum, den Erwartungen ihrer Eltern gerecht zu werden. Die beiden fanden immer et­was an ihr auszusetzen. Dennoch erbrachte Gibbli diese An­strengungen nicht für ihre Eltern. Sie hatte sich so sehr ins Zeug gelegt, um unabhängig von ihnen zu werden und um ir­gendwann vielleicht sogar unabhängig von allen Menschen zu sein. Um in der Gesellschaft der Landmenschen unter dem Wasser zu überleben, war es unerlässlich, mit ihnen zusam­men zu arbeiten. Das bedeutete, ihnen zu vertrauen. Vertrau­en wiederum war etwas, was Gibbli beinahe genauso schlimm fand wie Tauchen. Denn von jemandem abhängig zu sein, be­deutete, dass etwas schief gehen konnte, was man selbst nicht im Stande war zu kontrollieren. Gibbli musste noch sie­ben weitere Jahre durchstehen, bis sie als volljährig galt. Bis dahin würden andere über ihr Leben bestimmen. Ihre Eltern, ihre Lehrer, der glatzköpfige Schulleiter, … und nach dieser Ausbildung auf der Akademie, würde der militärische Direktor Jack und seine Flottenführer übernehmen. Vorausgesetzt, sie würde die Laufbahn einschlagen, die ihr Vater für sie vorsah. Das musste sie auf jeden Fall verhindern. Tatsächlich war Gibbli ihrem Alter so weit voraus, dass sie im Grunde noch heute die Prüfungen ablegen könnte und die Schule damit abgeschlossen hätte. Wäre da nicht dieser verdammte Tauch­kurs…
Ein Zischen lenkte ihre Aufmerksamkeit ab und auch der Direktor hob wütend den Kopf. Außen im Meer stoben Luft­blasen nach oben, als der Luftdruckmechanismus der Tür be­tätigt wurde. Verträumt blickte Gibbli den kleinen Bläschen hinterher, während sich die Tür hinten im Klassenzimmer au­tomatisch aufschob und Mr. Plotz hereinstürmte.
Mithilfe von elektromagnetischen Empfängern wäre das viel effektiver, dachte Gibbli. Dann könnte man die Tür allein mit Gedankenkraft öffnen. Aber das zählte sicher als oceani­sche Technologie und war somit verboten. Alles ohne sichtba­re Verbindung galt bei den Landmenschen als gefährlich. Stattdessen arbeiteten diese Dummköpfe mit Wärmesenso­ren, was die Türen in den Heizräumen jedes Mal verrückt spie­len ließ.
Mr. Plotz trug eine offene Flasche in der Hand, während er an ihnen vorbei zur Tafel eilte. Gibbli kannte ihn nur vom Se­hen her. Als erster Stellvertreter Sir Brummers, bestand eine seiner Aufgaben darin, ihn zu beraten. Außerdem leitete er den Geologiebereich. Mr. Plotz koordinierte die Lehrer der da­zugehörigen Kursmodule, darunter Rohstoffkunde, Klimafor­schung und Katastrophenvorsorge. Einmal im Jahr reiste er sogar mit ausgewählten Schülern der Meisterkurse an die Oberfläche, um dort ihre praktischen Wetterexperimente zu beaufsichtigen. Er war nett und die meisten Schüler mochten ihn, weil er sich für sie einsetzte. Gibbli war leider nie dazu ge­kommen, einen seiner Kurse zu belegen.
„Flaschenpost Sir, ein Brief von einer Frau Evens. Es geht um ihre Tochter, Miss Bamba.“ Mr. Plotz reichte dem Direktor eine Rolle Papier.
Gibbli musste zwei Mal hinsehen. Tatsächlich, echtes Pa­pier! Wie altmodisch. Sir Brummer beugte sich darüber und während er las, hörte man nur das leise Tippen der Finger eini­ger Schüler auf den Tischen, die etwas in ihre EAGs schrieben.
„ABGELEHNT!“, schrie er seinen Stellvertreter abrupt an und zerriss dabei das Schreiben. „Wir nehmen hier keine Miss­geburten auf!“
„Ja Sir, ich schicke einen Can los, um es ihr mitzuteilen.“ Und Mr. Plotz eilte zurück in den Tunnel. Sir Brummer wandte sich währenddessen erneut der Klasse zu und führte sein Ge­schrei fort.
 
Im Kommunikationsbereich der Meeresakademie war um die­se späte Zeit nichts mehr los. Es handelte sich dabei um den einzigen Ort, an dem man mit Menschen aus verschiedenen Gebieten reden konnte. Denn er war, durch am Meeresgrund verlegte Kabel, mit den Kommunikationsbereichen anderer Unterwasserstädte verbunden. Die Tagessimulationslampen, die das Meer außen aufhellten, standen jetzt auf der niedrigs­ten Stufe. In ein paar Minuten würden sie sich vollkommen abschalten. Die meisten Schüler befanden sich schon in ihren Schlafbereichen. Eine gute Gelegenheit für Gibbli, mit ihren El­tern zu sprechen, ohne von nervigen Schülern gestört zu wer­den. Auch wenn sie es nicht gerne tat. Es hatte keinen Sinn, das Gespräch länger hinaus zu zögern.
Sie stand alleine in der lang gestreckten Halle, an deren Wand sich auf einer Seite Bildschirme reihten, die bis an die Decke reichten. Ein bedrückendes Rauschen machte sich um sie herum breit, wie es nur hier unten vorkam. Nahe der Sau­erstoffaufbereiter rauschte es immer besonders stark. Gibbli dröhnte noch der Kopf von Brummers Geschrei und sie ver­suchte die schneidende Stimme ihres Vaters auszublenden. Es gelang ihr nicht. Überlebensgroß abgebildet, musste sie die wüsten Beschimpfungen ihrer Eltern über sich ergehen lassen.
„Strafstunden! Was für eine Schande! Wir tun alles für dich, ich investiere mein ganzes Vermögen, um dir diese Aus­bildung zu ermöglichen und so dankst du uns?“
Gibbli schnaubte. Einen Dreck tat er. Ihre Eltern besaßen Geld ohne Ende. Wenn sie wollten, könnten sie die gesamte Akademie aufkaufen und hätten immer noch etwas übrig. Grambold de Orange, Gibblis Vater, leitete die Firma ‚Orange Drive‘, der bekannteste Hersteller von U-Boot-Antrieben im ganzen Landmenschengebiet unter dem Meer. Ihre Mutter hingegen arbeitete für eine Bank, als Botschafterin zur Über­wasserwelt.
„Erst schockierst du uns mit deinen katastrophalen Bewer­tungen deiner Basisprüfungen und jetzt erfahren wir, dass du eine nicht einmal abgelegt hast!“, warf ihre Mutter ein.
Wie immer übertrieb diese dumme Frau. Gibbli stand in vie­len Basiskursen nicht gerade an der Spitze, dennoch war sie auch nicht schlechter als der Durchschnitt. Ihr medizinisches Grundwissen ließ vielleicht zu wünschen übrig und sie hatte Probleme gehabt, im Kampfkurs mitzuhalten, aber im Steuern von U-Booten besaß sie Talent. Zugegeben, in den meisten Sozialgrundkursen hätte sie beinahe komplett versagt und die Note ihrer Kommunikationsprüfung hatte sie sich schlicht er­hackt, indem sie sich in einer nächtlichen Aktion ins System des Prüfers einklinkte, um ihre Punkte im Nachhinein unbe­merkt zu erhöhen. Doch die erste Technikerprüfung hatte sie schon vor Jahren mit der höchstmöglichen Punktezahl abge­schlossen. Nicht nur das. Allein die Tatsachen, dass Gibbli be­reits die fortgeschrittenen Technikerkurse besucht hatte und sich in den nachfolgenden Meisterkursen langweilte, schienen ihre Eltern wie immer völlig zu übersehen. Gibbli war in der Lage einen U-Boot Antrieb blind zusammenzusetzen und technische Steuerungen jederzeit umzuprogrammieren. Tech­nik bedeutete Macht. Technik bedeutete Kontrolle. Wer brauchte schon Worte? Wozu sich mit anderen Menschen abgeben, wenn es doch so viel einfacher ging? Nicht nur ein Mal musste sich Gibbli zurückhalten, um nicht heimlich die Lehrerquartiere unter Strom zu setzen. Ohne die Sicherheits­funktionen, könnte sie jetzt auf der Stelle, innerhalb von weni­ger als einer Minute, die gesamte Frischluftzufuhr der Akade­mie lahmlegen. All diese beschränkten Menschen würden jämmerlich ersticken. Nun, der Alarm ließe sich überbrücken. In Gedanken war sie das Szenario schon öfter durchge­gangen. Es wäre ein Spiel auf Zeit, bis die Soldaten Gibbli er­reichen würden. Ihren Berechnungen zufolge, stand die Chan­ce bei 50%, dass es klappte.
„Du wirkst schon wieder abwesend! Rede mit uns! Wegen diesem Unsinn lassen sie dich nicht weiter machen, das geht so nicht!“, rief ihre Mutter erbost und riss Gibbli aus ihren Ge­danken.
„Reiß dich zusammen! Der Tauchkurs gehört zur Basisaus­bildung“, schrie jetzt ihr Vater wieder, während er angewidert vom Bildschirm auf sie herab blickte. „Wir sind schwer ent­täuscht von dir!“ Als wäre das etwas Neues. Sie konnte es nicht mehr hören. „Du wirst tauchen!“
Sie schüttelte den Kopf. Warum verstanden ihre Eltern das nicht? Gibbli hatte sich nie widersetzt. Noch nie! Es war ihr einziger Wunsch und das erste Mal, dass sie sich wehrte. Es machte ihr Angst! Es erinnerte sie an diesen fürchterlichen Traum, der immer wieder kehrte.
„Miststück! Du kannst was erleben, wenn du nach Hause kommst! Ich dulde keinen Feigling als Tochter! Und mach end­lich den Mund auf, wenn man mit dir spricht!“
Düster blickte Gibbli ihren Vater an. Obwohl sie seine ag­gressiven Ausbrüche gewohnt war, fühlte sie jedes Mal aufs Neue, wie etwas in ihr sich auf ihn warf und ihn zerfleischen wollte. Ihn so sprechen zu hören, tat weh und sie hasste seine Kälte. Gibbli war kein Feigling! Sie war stark. Sie gehörte zur Elite. Nicht jeder genoss das Privileg, auf der Meeresakademie ausgebildet zu werden!
„Gibbli de Orange, mach was dein Vater dir sagt!“
„NEIN!“, brach es aus ihr hervor und mit voller Wucht schlug Gibbli auf einen runden Schalter am Pult. Der Bild­schirm blitzte kurz auf und erlosch schließlich. Die Verbindung brach ab. Ein tolles Gespräch, das war ja super gelaufen!
Die karge Beleuchtung, entlang der Fensterfront hinter ihr, war jetzt die einzige Lichtquelle. Eine der Lampen flackerte leicht, sie würde nicht mehr lange durchhalten.
Konnte niemand verstehen, dass sie Tauchen verabscheu­te? Dass sie es nicht aushielt? Der Strafunterricht war wohl wieder einmal zu viel für ihre ach so perfekten Eltern. Doch in diesem Punkt würde sie nicht nachgeben. Wenn ihr Vater bei ihrer Rückkehr in den nächsten Ferien seine Hand gegen sie erhob, wieder, würde sie aufrecht stehen bleiben.
Das Schlimme daran für Gibbli selbst war, dass sie versagt hatte. Nicht, durch ihre Nichtteilnahme am Tauchkurs, dieser stand für sie gar nicht zur Debatte. Es war einfach etwas an­deres, sich in einem Kurs für eine abgelegte Prüfung ein paar Punkte mehr zu verpassen, als sich in einen Kurs einzutragen, bei dem sie bisher noch gar nicht teilgenommen hatte. Nicht, dass es ihr an Programmierkenntnissen gefehlt hätte, nein, sie hatte es wirklich versucht. Die Anwesenheitslisten zu ändern, stellte für Gibbli kein Problem dar. Das Gedächtnis eines Leh­rers zu manipulieren, der sich nicht daran erinnern konnte, sie jemals in seinem Unterricht gesehen zu haben, war allerdings unmöglich.
Plötzlich fiel ein Schatten auf das Bedienpult vor Gibbli. Hastig drehte sie sich um und blickte direkt in Somals Gesicht.
„Hallo Glibber“, sagte er leise und pustete sich eine seiner roten Haarsträhnen aus dem blassen Gesicht. Somal war ein junger Mann aus ihrem Technikkurs und in seinem letzten Jahr. Sir Brummer vertrat die Ansicht, dass er einen guten Bootstechniker abgab. Gibbli war der Ansicht, sein Gehirn be­stand aus Nasenpopel.
Sie duckte sich schnell weg und schlüpfte geschickt an ihm vorbei. Er griff nach ihrem Pullover, dieser entglitt seinen Fingern. Sie war schneller, überraschend, denn ihre sportliche Leistung ließ zu wünschen übrig. Gibbli lief die Bildschirmrei­hen entlang, Richtung Tunnel. Fast hatte sie den Ausgang er­reicht, als ein anderer Mann aus dem Schatten heraus trat und sich ihr in den Weg stellte. Seine kurzen Haare ragten sta­chelig in die Luft, wie die Zacken einer Krone. Gibbli erkannte ihn sofort. Er hatte beim heutigen Strafunterricht zwei Reihen hinter ihr gestanden. Schlitternd kam sie zum Stehen und blickte ihn ängstlich an. Auf seinem T-Shirt prangte in protzi­gen Großbuchstaben die Aufschrift ‚MED KOR’. Dieser Mensch trug seine Dummheit wirklich auf der Kleidung! Es war Gibbli ein Rätsel, wie man sich auf Medizin spezialisieren konnte, wenn man, wie er, nicht einmal den Grundkurs schaffte.
„So spät noch wach?“ Grinsend packte Kor ihre Handge­lenke.
„WEG!“, brüllte sie. Normalerweise ließ schon ein einfacher Händedruck sie zusammenzucken. Und jetzt hielt dieses hirn­lose Etwas ihr Handgelenk umklammert.
„Hat Glibber etwa Angst vor Wasser?“, flüsterte er in ihr Ohr und seine stacheligen Haare berührten fast ihre Stirn. Zu nah!
„Sie hat wohl eher Angst vor uns“, sagte Somals Stimme hinter ihr.
„LASS MI- mmmpf…“ Bevor Gibbli weiter schreien konnte, hielt ihr Somal von hinten den Mund zu. Gibbli biss ihm in die Hand. Der Rothaarige schrie auf und auch Kor ließ sie er­schrocken los. Schnell schlüpfte sie an ihm vorbei zum Durch­gang, der verschlossen war. Hastig drückte sie auf den Schal­ter, doch nichts rührte sich.
„Hab ich im Technikkurs gelernt“, sagte Kor.
Beeindruckend, dachte Gibbli, er konnte Türen verschließen. Damit hatte er den Geistesstand eines Zweijährigen erreicht. Drei Sekunden und sie könnte das Ding öffnen, doch diese Zeit würden sie ihr nicht geben. Den Kopf gesenkt drehte sich Gibbli um und starrte den beiden feindselig entgegen. Somal hielt seinen Finger im Mund, er schien zu bluten. Gut gemacht, bedankte sie sich im Stillen bei ihren Zähnen.
„Du kleine, dreckige Schlampe. Das wirst du mir büßen“, sagte Somal leise und funkelte sie bedrohlich an. Er zog sei­nen Finger aus dem Mund und Gibbli erkannte ihre Zahnab­drücke darauf. Er würde sie foltern! Er würde sie töten! Nein, noch viel schlimmer, er würde sie berühren! Er packte sie grob und drückte sie an die verschlossene Tür. „Wer so spät noch wach ist, muss mit den Konsequenzen rechnen.“
Nur im Augenwinkel nahm sie wahr, dass Kor eine Schere aus seiner Tasche zog. Doch Somal lenkte Gibbli ab. Sein Atem strich über ihr Gesicht. Voller Ekel spürte Gibbli den ihr allzu bekannten Würgereflex. Gleich würde sie ihn vollkotzen! Sein Gesicht kam noch näher.
Sollte sie es wagen?
„Wir könnten ihr diese wuscheligen Haare abschneiden“, warf Kor ein.
„Ich weiß etwas Besseres.“ Somals Lippen befanden sich nur noch wenige Zentimeter von den ihren entfernt. Schlagartig änderte sich seine Miene. Eine furchteinflößende Gier trat in seine Augen, als wollte er sie jeden Moment verschlingen.
„Scheiße Mann, Somal! Was tust du da?“, rief Kor über­rascht.
Gleich würde Somal sie küssen! Gibbli würgte und spuckte ihm mitten ins Gesicht. Damit hatte er nicht gerechnet. Gibbli auch nicht. Aber sofort erkannte sie ihre Chance, nutzte den Moment und sackte nach unten.
Sie musste es tun. Kor und Somal würden sie nie gehen lassen. Jetzt!
Gibbli spürte, wie Somal erneut ihren Arm packte. Auch Kor stürzte jetzt auf sie zu. Gleichzeitig begann es in ihrer lin­ken Tasche am Oberschenkel zu surren. Etwas bewegte sich, bahnte sich einen Weg zwischen ihren Werkzeugen hindurch. Schließlich schossen zwei murmelgroße, metallene Flugkörper, leuchtend wie Glühwürmchen, hinter ihrem Lötkolben hervor. Kor schrie verwirrt auf, während Somal an Gibblis Arm riss und ihn so in die Flugbahn eines der kleinen Leuchtkugeln brachte. Es brannte sich durch ihren Pullover und hinterließ eine lange Schnittwunde tief in ihrer Haut. Somal ließ über­rascht ihren Arm los. Sie spürte den Schmerz kaum und blick­te panisch abwechselnd auf Kor und Somal. Dann griffen die Flugkörper die beiden Männer an und zerkratzten ihre Ge­sichter. Während Gibbli sie umrundete, schlug Kor einen der Angreifer zu Boden. Die Metallflügel der kleinen Murmel wa­ren verbogen. Sie blitzte noch einmal kurz auf und blieb dann liegen.
Wehmütig über ihr verlorenes Spielzeug, fing Gibbli im Weglaufen das zweite Gerät auf und steckte es zurück in ihre Tasche. Tja Jungs, dachte sie, das hatte sie durch ihren eige­nen Technikkurs gelernt.
Im Davonrennen sah sie, wie Somal das zerstörte Fluggerät aufhob und es mit zusammengebissenen Zähnen betrachtete. „Das ist verbotene Technologie!“
„Das werden wir melden!“, rief Kor ihr nach.
So schnell sie konnte, lief Gibbli an den letzten Bildschir­men vorbei und verließ die Halle auf der anderen Seite. Die beiden folgten ihr nicht. Ein paar Tunnel weiter ließ sie sich er­schöpft in einer Nische nieder. Sie war geliefert. So was von er­ledigt! Wenn der alte Brummer von ihrem kleinen Technolo­gieexperiment erfuhr, war es aus. Vorbei. Und Somal und Kor würden es ihm nicht verschweigen. Zu allem Überfluss setzte jetzt auch der pochende Schmerz ein, den der lange Schnitt an ihrem Unterarm verursachte.

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3 Kommentare

  1. Cool, danke! Freu mich aufs Lesen!

  2. Hab mir dein Buch letztes Jahr gekauft und werd hier auf jeden Fall noch einmal mitlesen. Ich wart schon gespannt aufs zweite Buch, gibts schon ein Datum? :)

  3. @MeW Bisher nicht. Das kommt darauf an, wie lange die Überarbeitung dauert. Darum kann ich leider noch nicht sicher sagen, wann es soweit sein wird. LG Socke

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