Kapitel 18: Der Name (Bis in die tiefsten Abgründe)

Gibbli fand sich alleine im Herzen der Mara wieder. Als die Tür zu Skys Raum hinter ihr zu glitt, wollte sie sofort umkehren. Steven stand da drin. Und Gibbli hatte ihn nicht gefragt. Und er hatte nichts gesagt. Doch wenn er hier war, ohne ihn, war der Oceaner an ihrer Aufgabe gescheitert. Betrübt starrte sie ein paar Sekunden auf den Eingang zurück. Etwas in Gibblis Bauch krampfte plötzlich zusammen und ein stechender Schmerz jagte durch ihren Magen. Hunger, fuhr es ihr durch den Kopf. Widerwillig trugen ihre Füße sie auf die gegenüberliegende Seite zu den Vorratskisten unter der angrenzenden Küchentheke. Sky hatte sie mit gestohlener Nahrung aufgefüllt, die eindeutig aus dem Lager der Soldaten stammte. Erschöpft suchte Gibbli nach etwas Essbarem, was nicht zu groß erschien. Ihre Finger fanden eine süße Frucht von tiefroter Farbe. Die dunklen Stellen verrieten, dass das Stück Obst etwas zu reif war, aber noch genießbar. Den Namen kannte Gibbli nicht. Es hatte ihr immer gereicht, zu wissen, ob etwas giftig war oder nicht. Sie trat an den runden Tisch heran und setzte sich. Während sie lustlos ein winziges Stück der Frucht abbiss und darauf herum kaute, drangen näher kommende Stimmen in ihr Ohr. Zwei Frauen stiegen die Rampe von der Galerie herab. Bo strahlte erfreut, als sie Gibbli erblickte und Samantha nickte ihr lächelnd zu. Irgendetwas kam ihr verändert vor an der blonden Frau. Vielleicht war es wegen des Essens, das Samantha für Gibbli mitaß, immer wenn sie es wieder einmal stehen gelassen hatte. Sie wirkte müde, aber ein wenig fitter seit der Rückkehr ihrer Schwester.
"Geht es dir gut?", fragte Bo besorgt, während sich die beiden zu ihr setzten.
Gibbli zuckte mit den Schultern, überlegte kurz zu lügen, sagte dann aber gar nichts. Das hatte doch sowieso keinen Sinn.
"Du siehst nicht gut aus. Was hast du mit deiner Hand angestellt?", fragte Bo. "Soll ich mir das ansehen?"
Statt zu antworten, wandte sich Gibbli von ihr ab und starrte mit leerem Blick die große Kugel über dem Tisch an. Ihr Hunger verflog plötzlich wieder. Alles in ihr drängte, sich Sky zu widersetzen und die Zentrale zu verlassen, sich an irgendeinem ruhigen Ort zu verkriechen, den niemand finden konnte.
"Es ist wegen Abyss, oder? Weil er weg ist. Denkst du, dass ...", sprach Bo munter weiter.
Gibbli hörte ihr nicht mehr zu. Ein Gefühl der Unruhe stieg in ihr hoch. Wie ein Rad, das sich drehte und immer schneller wurde, das kurz davor stand, sich von seiner Vorrichtung zu lösen. Doch nichts löste sich. Kurz blickte sie zu ihrem Messer, nur um sich zu versichern, dass es noch im Stiefel steckte. Sie ließ das angebissene Obststück liegen und schwang sich auf der anderen Seite der gebogenen Bank auf die Beine.
"Wo gehst du hin?", fragte Bo sofort.
Das letzte was Gibbli wollte, war, dass die beiden ihr folgten. "Ich hole etwas", antwortete sie knapp.
Das war nicht gelogen. Abyss' Maschinenhand lag noch immer in der Stadt. Auch wenn er sie jetzt sicher nicht mehr erhalten würde, hatte Gibbli das Gefühl, sie auf die Mara bringen zu müssen. Nur für den Fall, dass er doch ... aber sie verwarf den Gedanken gleich wieder. Abyss kam nicht zurück. Nie mehr. Er wollte sie nie wieder sehen. Das hatte er klar zum Ausdruck gebracht. Und Gibbli war sich nicht sicher, ob sie ihm nach alldem überhaupt noch gegenüber treten konnte. Sie würde ihm sicher nicht von dieser Erniedrigung erzählen, nicht von Djego und auch nicht von Sky, der es wusste. Erleichtert stellte sie fest, dass die beiden Geschwister ihr nicht folgten. Sie öffnete die innere Schleusentür im Gang zwischen der Zentrale und des MARM und schrie auf, als sie plötzlich in den Lauf eines Strahlers blickte. Und dann in ein Gesicht, von dem sie gehofft hatte, es nie wieder zu sehen. Vor ihr stand Djego!
Offenbar hatte er sich in der Schleuse versteckt und darauf gewartet, bis jemand sie von innen öffnete. Schwer atmend funkelte er sie an. Seine lockigen Haare standen wüst von ihm ab, verklebt von Blut, das halb getrocknet über sein Gesicht lief und die zerrissene Uniform tränkte.
Schockiert trat Gibbli zurück, ganz langsam und ohne ihn dabei aus den Augen zu lassen. Ihr Verstand war wie leergefegt.
"Dein Kapitän war nicht nett zu mir", knurrte Djego bedrohlich.
Ihr Herz klopfte so schnell, dass sie dachte, gleich würden die Schläge sich gegenseitig überholen.
"Das ist deine Schuld. Deine", krächzte er.
Der Soldat humpelte auf sie zu. Währenddessen versuchte Gibbli, den Abstand nicht kleiner werden zu lassen, und glitt behutsam nach hinten.
"Du wirst dafür zahlen."
Sie erreichte die Mitte des Ganges und öffnete mit den Gedanken die Türen hinter ihr. Mit einem Ruck drehte sie sich um und hastete in die Zentrale hinein. Bevor Gibbli den Durchgang wieder schließen konnte, hetzte Djego hindurch und drückte ab!
Sie duckte sich. Der Schuss zischte knapp über ihrem Kopf vorbei.
Bo schrie etwas.
Gibbli wirbelte herum und riss entsetzt den Mund auf.
Er hatte Samantha erwischt, die gerade von der Bank kippte!
Wieder fuhr Gibbli herum, als ein furchteinflößendes Brüllen hinter Djego ertönte. Dunkle Hände packten ihn und Nox' Krallen bohrten sich erbarmungslos in sein Fleisch. Djego schrie. Sein Strahler fiel und dann flog er selbst an Gibbli vorbei durch die Luft. Mit einem eklig knackenden Geräusch krachte er auf halber Strecke zwischen dem runden Tisch und dem Eingang von Skys Raum auf den Metallboden. Sein Körper zuckte benommen und rang kraftlos nach Luft. Ohne weiter auf Djego oder Gibbli zu achten, rauschte Nox an ihr vorbei zu Bo, die Samanthas bewegungslosen Körper festhielt. Der Tiefseemensch murmelte irgendetwas in der Sprache der Meermenschen und beugte sich über sie.
Mit einem tauben Gefühl starrte Gibbli die drei an. Die zwei, verbesserte sie sich in Gedanken. Nox und Bo sprachen miteinander. Aber nicht laut. Sie spürte es durch die Verbindung des Marahangs, doch Gibbli stand außerhalb ihrer Wahrnehmung. Ausgeschlossen. Allein. Sie gehörte nicht mehr dazu.
Djego stöhnte. Völlig erstarrt nahm sie wahr, dass er versuchte, den Kopf zu heben. Es war ihre Schuld. Sie hatte ihn hereingelassen. Er wollte sie töten. Nicht Samantha. Gibbli hätte sterben sollen. Gibbli sollte jetzt dort liegen, zwischen den zwei Geschwistern, die sich stumm über sie beugten.
Ihr Magen drehte sich um, doch sie konnte den Blick nicht von seiner verkrüppelten Gestalt abwenden. Ihr wurde schlecht. Abstand. Flucht. Raus. Alles in ihr schrie, hier sofort zu verschwinden. Skys Befehl, zu bleiben, hallte noch immer in ihren Gedanken nach. Wenn sie auf ihn gehört hätte, wenn sie nicht gegangen wäre und die Schleusen geöffnet hätte ... Es war ihre Schuld. Der Kapitän würde sie umbringen. Gibbli presste die Augen aufeinander, öffnete sie wieder und erblickte die Waffe am Boden. Sie griff nach Djegos Strahler. Dann lief sie taumelnd zur Rampe, die in die Galerie führte. Mitten auf dem Weg drehte sie sich erneut um und hielt sich am Aufgang fest. Ein gigantischer Schwarm kleiner Fische schien durch ihren Kopf zu rasen, Piranhas, die alles darin in Stücke rissen und auffraßen. Fast hätte Gibbli die wenigen Bissen der roten Frucht wieder ausgekotzt. Bewegungslos hielt sie inne, als plötzlich mit einem Ruck die Tür zu Skys Raum auffuhr.
Erhobenen Hauptes trat der Kapitän heraus. Er verzog keine Miene, als er die Situation sofort erfasste. Noch im Gehen hob er ruhig seinen Arm und schoss auf den sich vor Schmerzen am Boden windenden Djego.
Gibbli hielt sich eine Hand vor den Mund und unterdrückte ein erschrockenes Wimmern. Djegos Bewegung erschlaffte sofort und Sky schritt, ohne ihn weiter zu beachten, an seiner Leiche vorbei, auf Samanthas leblosen Körper und die beiden Tiefseemenschen zu. Steven folgte ihm.
Schnell fuhr Gibbli herum. Sie stahl sich hastig die Rampe hoch. Bemüht, ihren Atem flach zu halten, versuchte sie es zu begreifen. Ohne ein Wort, ohne zu zögern, ohne irgendetwas. Der Kapitän hatte ihn einfach abgeknallt. Brutal, emotionslos, kalt. Djego hatte das bekommen, was er verdiente. Gibbli streifte an den Pflanzen vorbei zum Geländer. Sie sah nichts, denn die anderen befanden sich direkt unter ihr.
Skys Stimme drang durch die Zentrale. "Ich bin einmal nicht hier und schon gibt es eine Leiche!"
Gibbli betrachtete die Waffe in ihren Händen. Der kleine Hebel daran stand bis zum Anschlag auf der linken Seite. Sie hielt das Monster fest, das Samantha getroffen hatte.
"Zwei", verbesserte ihn Steven. "Du hast soeben den Menschenjungen umgebracht."
"Wo ist Gibbli?", fragte der Kapitän aufgebracht.
Niemand antwortete ihm. Gibbli schluckte und wischte eine Träne aus ihrem Gesicht. Sie ahnte, dass weder Bo noch Nox gerade im Stande waren etwas zu tun oder zu sagen. Doch sie sah nicht, was vor sich ging.
"Jetzt redet gefälligst mit mir!", verlangte Sky. "Irgendjemand!"
Es war Bo, die flüsterte: "Ich weiß es nicht. Sie war gerade noch da."
Der Kapitän schnaubte. "Es ist einfacher, auf eine ganze Flotte mit tausenden von Soldaten aufzupassen, als auf euch vier! Wir müssen sie finden. Ist sie zurück in die Stadt?"
Vier, dachte Gibbli. Welche zwei von ihnen hatte er nicht mitgezählt? Samantha und Nox, Abyss oder sie selbst? Die Blätter der Pflanze neben ihr verschwammen etwas vor ihren Augen. Gibbli umklammerte das Geländer der Galerie.
"Ich weiß es nicht", wimmerte Bo wieder leise.
"Dann sucht sie!"
"Sky ..."
"Wahrscheinlich ist sie nach unten", sagte der Kapitän.
"Sky."
"Steven, sieh in den Maschinenräumen nach, ich werde-"
"Sky!", schrie Bo ihn jetzt an.
"Was?", brüllte er zurück und Gibbli zuckte zusammen. Sogar hier oben, so weit von ihm entfernt. Von seiner Ruhe schien kaum noch etwas übrig geblieben zu sein.
"Sam ist tot! Meine Schwester ist tot!"
Einen Moment hörte Gibbli nichts mehr. Dann sprach der Kapitän wieder etwas leiser, aber eindringlich: "Und ich kann es nicht mehr ändern. Aber Gibbli lebt und wir müssen sie finden. Denn ich bezweifle, dass sie das noch lange tun wird!"
"Kapitän", sagte Steven, der sich bisher zurückgehalten hatte. "Die kurze Zeit macht nicht viel aus, nein, wir können Sam retten, du weißt wie, Letitia-"
"Auf keinen Fall. Ich tausche nicht ein Leben gegen ein anderes! Wir müssen Gibbli finden!"
"Aber für deine Tochter hättest du es getan!", brüllte Bo. "Rette sie, Steven, ich opfere mich! Sag mir, wie es geht!"
"Ich sagte nein!", knurrte Sky ungeduldig. "Wir verlieren Zeit! Du siehst, ich tat es nicht, sonst wärst du nicht mehr am Leben!"
"Es ... ist die Entscheidung des Kapitäns", stimmte der Oceaner ihm zu.
"Wir nicht dürfen das", krächzte jetzt Nox und alle verstummten. "Sam wöllte das nicht."
"Aber es geht nicht nur um Sam. Nox, ich mache das nicht für sie, das weißt du, ich mache es für das Kind!"
"Kind", wiederholte Sky mit rauer Stimme.
Gibbli hielt sich ungläubig mit einer Hand den Kopf. Hatte Bo eben Kind gesagt?
"Ja seid ihr denn blind?", fragte sie verzweifelt.
"Oh wie wundervoll!", rief Steven begeistert, "ich werde Patenonkel!"
"Niemand sagte, dass du das wirst!", krächzte Nox drohend.
"Natürlich werde ich das. Wahnsinn, ich freu mich so! Das ist aufregend! Wie damals mit Cora! Ich bekomme einen Steven Junior! Zauberhaft!"
"Es heißt nicht Steven Junior!", brüllte Nox ihn an.
"Ich werde Onkel! Onkel Steven, wie klingt das?"
"Schweigt!", befahl Sky und die beiden verstummten.
Gibbli, die im Laufe des Gesprächs irgendwann vergessen hatte zu atmen, schnappte nach Luft. Warum war ihr das nie aufgefallen? Warum war sie so blind gewesen? Warum hatte sie nur immer an sich selbst gedacht? Verdammt, sie hatte nicht nur Samantha getötet, sondern war auch noch für den Tod ihres ungeborenen Kindes verantwortlich!
"Kapitän?", fragte Steven nach einer Weile vorsichtig.
"Gut. Aber nicht Sam, wir tauschen keine Leben gegen Leben! Versucht nur, das Kind zu retten ... falls ... das möglich ist. Ich finde Gibbli und ich bete für euch, lebendig."
Noch während er sprach, hörte sie seine Schritte. Dann tauchte er hinter den Gitterstäben auf. Gibbli beobachtete, wie der Kapitän zwischen den Konsolen die Rampe hinab lief. Sky eilte an den drei Sitzen am Frontfenster vorbei und nach unten, zu den Maschinenräumen.
"SJ. Klingt doch schön für sie", sagte Bo.
"Esdschey? Sie?", fragte Nox ungläubig.
Gibbli hörte, wie Steven damit begann, Bo Anweisungen zu erteilen. Nach einer Weile verstummte er.
"Das sahst du nicht. Du dachtest nicht, es wäre Sam", sagte Nox irgendwann.
"Ich dachte, ich wäre es. Ich wollte es nicht wahrhaben", gab Bo leise zurück. Sie klang erschöpft.
"Es war ein Unfall", erklang Nox' Stimme wieder. "Das Forschungsboot tauchte tief zu uns. Der Druck vernichtete. Mein Erzeuger erzählte, er sah sie am Fenster. Ihre verzweifelten Augen, die anblickten ihn zugleich neugierig. Sie kämpfte. Sie aufgab nicht. Lionel rettet Kassandras Leben. Nach sechs Monaten zurückbrachte er sie an eure Akademie. Sie schwangerte. Mit dir. Mit dir, Bo. Er nie aufgab euch. Bis zu seinem Tod nicht. Nicht einmal als meine Mutter, Cox erwartete weiteres Kind von ihm. Sie kämpften immer zusammen um dein Leben, Kassandra und Lionel."
Wenn es eine Chance gab, ungesehen zu fliehen, dann jetzt, kam es Gibbli in den Sinn. Man musste von hier aus durch die Zentrale, um zur Schleuse nach draußen zu gelangen. Nur ein kleines Stück, hinter den Küchentheken und am runden Tisch vorbei. Gibbli steckte Djegos Waffe in ihre Werkzeugtasche. So schnell wie ihr Zustand es zuließ, eilte sie durch die Galerie und die Rampe hinab.
Bo lag jetzt halb über ihre Schwester gebeugt. Das Marahang surrte wild an ihrer Brust und tauchte alles in ein oranges Leuchten.
"Es geht nicht!", krächzte Nox, während Gibbli zitternd an der Wand entlang tapste, vorbei am Tisch. "Warum?"
"Es muss!", murmelte Bo leise.
"Es wird funktionieren", antwortete Steven. "Woah, habt ihr das gehört? Es hat meinen Namen gesagt!"
Gibbli hörte, wie Nox ihn wütend anknurrte.
Es war ihre Schuld. Dieser Satz schlug wie ein Hammer immer wieder auf ihren Kopf ein. Alles. Dass Abyss gegangen war. Dass Djego tot am Boden lag. Dass Samantha sterben musste und Nox' Tochter das höchstwahrscheinlich nicht überleben würde. Dass Sky sich überhaupt in dieser Lage befand. Belagert von Jack und das Problem mit den Dimensionsrissen. Die Erdbeben. Ohne sie, wäre Steven nie zu den Mog, die Schutzvorrichtung hätte nie ausgelöst. Dass Abyss gegangen war. Es war alles ihre Schuld. Kurz bevor Gibbli die Tür in der Mitte der Zentrale erreichte, hob der Oceaner seinen Kopf. Sie erstarrte und ihre Blicke trafen sich. Seine Miene wirkte ernst, richtig traurig. Doch er sagte nichts. Langsam wandte er sich wieder Bo zu und gab ihr weiter Anweisungen. Gibbli nahm einen tiefen Atemzug. Dann schlüpfte sie hinaus in den Gang, durch die Schleuse und raus aus der Mara.
Sie rannte fast kopflos durch die Korridore der Stadt, nicht wissend, wie es weitergehen sollte, nicht wissend, wohin. Aber eines wusste sie: Sie wollte nicht mehr gefunden werden. Und zum wiederholten Mal, dachte sie ernsthaft über Skys Worte nach, dachte daran, sie Wirklichkeit werden zu lassen. Zum ersten Mal aber ganz bewusst. War sie noch lebendig? Er hatte ihr diesen Ausweg in den Kopf gesetzt. Eine Lösung. Vielleicht die einzige, die noch übrig blieb. Sie würde die Crew verlassen. Sie würde diesen Planeten verlassen. Sie würde dieses Leben verlassen.
 
Völlig am Ende blieb sie stehen, mitten in irgendeinem Gang, wo auch immer sie sich gerade befand und zog sein Messer aus ihrem Stiefel. Gibbli wog es in ihren Fingern hin und her. Schon wieder rann dieses dumme, salzige Wasser über ihr Gesicht. Sie betrachtete die glatte Schneide. So scharf. Es würde schnell gehen. Wenn sie die richtigen Stellen traf. Hatte Djego ihr nicht gezeigt, wohin sie schießen musste? Ob eine Kugel oder eine Klinge, das machte doch keinen Unterschied, oder?
Das Metall spiegelte ihre Umgebung wieder. Für einen Moment glaubte Gibbli, graue Augen darin zu erkennen. Einbildung. Sie würde diese Augen nie wieder sehen. Überhaupt, nie wieder irgendwelche Augen sehen.
Sie bewegte das Messer ein Stück.
Was? Da, wieder!
Gibbli drehte sich erschrocken um.
Da stand er ja tatsächlich! Dort, am Ende des Ganges. Er starrte sie an. Und Gibbli starrte ungläubig zurück. Das musste eine Halluzination sein. Wie lange hatte sie nichts mehr gegessen?
Langsam setzte sie sein Messer an ihrem Hals an.
Er schüttelte leicht den Kopf.
Gibbli hielt inne. Sicher sah er ihre Tränen. Wie schwach sie war. Wie dumm. Wie sehr musste er sie hassen! Warum war er überhaupt hier? Er wollte sie doch nie wieder sehen. Das konnte er haben! Sie spürte, wie das kalte Metall ihre Haut berührte.
"Nicht!", rief er, hob beide Arme und kam langsam auf sie zu.
Sofort trat Gibbli ein paar Schritte von ihm fort. Aber er hielt nicht an. Sie drehte sich von ihm weg und ging. Taumelnd stützte sie sich an einer Wand ab, immer schneller werdend. Doch auch seine Schritte wurden lauter und schneller. Sie begann zu laufen. Ihr wurde wieder leicht schwindlig. Gibbli schwankte. Ihre Knie fühlten sich seltsam taub an, kribbelten. Das Messer rutschte aus ihren Fingern. Es verfehlte knapp ihren linken Fuß. Und dann packte er sie von hinten, genau in dem Augenblick, als Gibbli zusammenbrach und die Beine ihr den Dienst verweigerten.
"Nein!", schrie sie und krallte sich mit beiden Händen in die blasse Haut seiner Unterarme. Im ersten Moment wollte sie diese von sich reißen, dann drückte Gibbli sie fest an sich.
"Abyss", brachte sie aufheulend hervor.
Sie hörte ihn laut ausatmen, spürte seinen Mund an ihrer Stirn, dann legte er seinen Kopf auf den ihren und hielt sie eng umklammert an sich gepresst.
"Er hat ... Er ... ich mochte ihn! Ich meine ... ich dachte es ... aber dann ... und ... er hat Sam ... sie ... und Sky hat ihn ..."
"Vergiss ihn", murmelte er leise.
"Er ... Sam ist tot! Und ihr Kind! Es ist meine Schuld!"
"Ist mir egal."
"Sky wird mich umbringen!"
"Mein Messer würde ihn durchbohren, bevor er auch nur daran denkt."
"Ich will sterben!"
"Nein, das willst du nicht."
"Töte mich!"
"Ein mieser Plan, Gibbli. Ich hab einen anderen für dich."
"Geh weg!", flehte sie, während sie sich gleichzeitig an seine Arme klammerte. "Bitte."
"Vergiss es. Wir beide reden jetzt. Nein Abyss. Doch Gibbli, sag mir, was dich bedrückt. Nichts, Abyss. Du weißt, dass ich weiß, dass das eine Lüge ist, Gibbli."
"Also darfst du lügen und ich nicht?", fragte sie wütend und völlig am Ende. Sie wollte sich wehren, doch besaß nicht mehr die Kraft dazu.
"Nein", antwortete Abyss ruhig, ohne seinen Griff zu lockern. "Du kannst mir alles vorlügen, was du willst. Du musst nur besser werden im Lügen, wenn du möchtest, dass ich dir glaube."
"Du musst ... mich so hassen ..." Gibbli wimmerte auf. "Ich war dumm! Ich hätte Stevens Aufgabe nie ... ich hätte Djego nie ... es ist meine Schuld und er hat ... er ..." Ihre Stimme klang brüchig und versagte dann ganz.
Eine Weile schwieg er und hielt sie einfach nur fest. Sein warmer Atem glitt über ihre Haare. "Gibbli, es ist mir egal, was du getan hast oder je tun wirst. Erinnerst du dich nicht an meine Worte? Ich steh hinter dir. Jetzt. Ich sagte dir, ich fang dich auf, wenn du fällst und das tat ich. Gerade eben. Und wenn du willst, dass ich gehe, wenn es dich glücklich macht, dann mach ich das. Aber wenn du mich brauchst, bin ich da. Ich bin da, Gibbli. Jetzt."
"Abyss ..."
Seine Arme lockerten sich und er stützte sie, als sie sich umdrehte. Sein blasses Gesicht suchte ihren Blick. Sie zuckte zusammen, als er behutsam ein paar Tränen von ihren Augen wischte. Langsam wurde die verschwommene Sicht wieder klarer.
"Schau mich an", verlangte Abyss.
Zögernd hob sie den Kopf, musste sich regelrecht dazu zwingen.
"Gut. Sehr gut. Und jetzt mag ich dein Lachen seh'n."
"Das wirst du nie wieder sehen", flüsterte sie.
"Na los, mach schon."
Gibbli versuchte, ihren Mund zu verziehen. Ihr war bewusst, dass sie schrecklich dabei aussehen musste.
"Uh, gruselig. Das müssen wir eindeutig wieder üben. Ich sorg dafür, dass du wieder lachst. Wirst schon seh'n."
Er hob eine Hand. Sofort wich sie ein Stück zurück. Doch Abyss hielt sie an der Schulter fest. Dann legte er seine Finger auf ihre Wange und strich ihre Haare beiseite. Gibbli zuckte erneut zusammen von seiner Berührung.
"Wir waren schon mal weiter", sagte er leise.
Seine Hand glitt tiefer und er zog plötzlich Djegos Strahler aus ihrer Werkzeugtasche. Dann schoss er und ein Soldat irgendwo hinter ihr fiel um. Gibbli drehte sich nicht einmal um, zu sehr war sie in seinen grauen Augen versunken. Augen, die sie nie wieder vergessen wollte. Augen, die sie so lange ansehen wollte, dass jemand wie Djego sie nie wieder aus ihrem Kopf verdrängen konnte.
"Weißt du, ich ... ich hatte ein klein wenig gedacht ... gehofft, dass du mir folgen würdest, wenn ich die Crew verlasse."
"Warum bist du zurückgekommen?", fragte Gibbli stockend und wischte über ihr Gesicht.
"Steven ist aufgetaucht, kannst du dir das vorstellen? Er hat mich ernsthaft gebeten. Hat mich angefleht und versucht, mich zu überreden zurückzukommen, mir alle möglichen Geschichten aufgetischt und Gründe erfunden, um mich zu überzeugen."
Abyss strahlte sie so an, dass sie gar nicht anders konnte als zu grinsen. Nur ein ganz klein wenig.
"Genau so geht das, Gibbli. Genau so."
"Ich dachte, Steven hätte es nicht geschafft." Fragend blickte sie ihn an.
"Oh, das hat er nicht. Ich hör doch nicht auf diesen idiotischen Goldklumpen. Niemals! Nein. Aber da waren drei Worte, die er sagte, als er ging. Beiläufig, glaube er wollte sie gar nicht sagen. Aber diese Worte trafen mich. Er sagte: Gibbli braucht dich." Abyss hielt kurz inne. "Und wenn ich mir anschaue, wie kaputt du aussiehst, hat er recht damit. Ich bin hier, weil du mich brauchst."
Er legte seine andere Hand ebenfalls an ihre Wange. Gibbli fing an zu zittern und hoffte, dass er es ihrem Schluchzen zuschrieb.
"Gibbli, du wolltest dich umbringen!"
Seine Worte hallten in ihrem Kopf nach.
"Ich soll dich töten?", flüsterte Abyss.
Langsam realisierte sie, dass sie das wirklich von ihm verlangt hatte. Sie öffnete den Mund und schloss ihn wieder.
"Du wolltest dich umbringen, verflucht! Ich hätt's wissen müssen. Du hast das schon mal versucht. Glaub nicht, ich hätte es vergessen."
Gibbli schüttelte den Kopf, sie erinnerte sich nicht.
"Damals im MARM, kurz bevor du mit Sky zu den Tiefseemenschen tauchtest. Ich war geschockt, als du meine Hand gepackt hast, mit dem Messer und es in dich rammen wolltest!" Er hielt inne. "Ich bin euch nicht gefolgt, weil mir langweilig war! Als ich den Schock darüber überwunden hatte, dass du das tatsächlich tun wolltest, hab ich verflucht noch mal alles in Bewegung gesetzt, um zu dir zu kommen! Gibbli, ich hatte noch nie im Leben so viel Angst um jemanden!"
"Du ... du hast nie etwas gesagt."
"Weil es dir wieder besser zu geh'n schien. Ich wollte dich nicht mehr daran erinnern, in der Hoffnung, dass du nie wieder an so was Dummes denkst!" Erneut hielt er kurz inne. Dann sprach er langsam weiter: "Sag so was nie wieder. Tu so was nie wieder. Du wirst nie wieder so denken. Du wirst nie wieder so sprechen. Du wirst nie wieder so handeln. Du wirst nie wieder so etwas von mir verlangen." Sein Blick durchbohrte den ihren. "Das ist ein Befehl, Gibbli."
"Warum?", hauchte sie.
"Warum?", wiederholte er. "Weil dein Leben alles ist, was du hast. Weil dein Leben das Wertvollste ist, das existiert."
Sie versuchte, eine Träne zurückzuhalten, die sich erneut einen Weg über ihre Haut bahnte und merkte kaum, dass Worte ihre Lippen verließen: "Du gibst mir keine Befehle, du bist nicht der Kapitän."
"Nein, Gibbli. Ich bin's. Abyss. Abyss."
"Du bist zurück", flüsterte sie, als auch der letzte Rest in ihr realisierte, dass das hier echt war. Kein Traum. Keine Halluzination. Realität.
"Komm her."
Abyss zog sie in seine Arme und Gibbli schrak zusammen. Doch dann schloss sie die Augen, als sie endlich wieder sein Herz unter seiner Brust schlagen hörte. Nach einer Weile wurde Gibblis Atem langsamer und ihr angespannter Körper lockerte sich ein wenig. Während Abyss mit einer Hand beruhigend über ihren Kopf fuhr, lösten sich zwei weitere Schüsse aus dem Strahler in seiner anderen Hand. Irgendwo fielen erneut Soldaten um.
"Gibbli, warum redest du nicht über sowas?", fragte er nach einer Weile.
"Du ... warst nicht da! Und dann ... ich wollte doch ... aber du ... du bist gegangen, du wolltest ... du ..." Stotternd versuchte sie, die Fassung nicht zu verlieren.
"Bleib ruhig. Vergisst du da nicht jemanden?" Abyss schob sie ein Stück von sich weg, um sie auffordernd zu mustern. "Sky, Gibbli. Sky war da. Immer."
"Aber ... Er ist der Kapitän", sagte Gibbli leise.
"Ganz genau, er hätte dir zugehört. Ich verrate dir was, Sky mag es nicht, wenn man ihn anlügt."
"Ich dachte, du bist der, der immer alles wissen muss und der es nicht mag, wenn man was vor ihm verheimlicht."
"Nein. Ich bin nur der, der trotzdem alles rausfindet", sagte er in einem Versuch sie aufzumuntern, doch seine Miene wirkte alles andere als entspannt. "Gibbli, du kannst den größten Mist bau'n, wenn du nur ehrlich zu ihm bist. Egal, was für ein Problem du hast, er wird immer alles versuchen, um es zu lösen. Es ist seine Aufgabe dafür zu sorgen, dass wir nicht drauf geh'n. Er ist der Kapitän. Er passt auf uns auf. Und es ist seine Pflicht, dich zu schützen, okay?"
Gibbli nickte. "Okay."
"Na schön, ich geb's zu, ich lasse ihn nur denken, er sei der Kapitän. Also wenn du ihn nicht mehr als Kapitän siehst, dann sags mir." Abyss verzog den Mund zu einem Grinsen. "Das ist okay."
Gibbli lachte kurz auf.
Er hob das Messer auf und betrachtete es. Sein Blick verriet ihr, dass er wusste, dass sie es zerlegt hatte. "Das ist mein Herz, Gibbli. Verlier es nie", flüsterte er und steckte es zurück in ihren Stiefel.
Als er sich aufrichtete, erschrak Gibbli. Er fuhr herum und hob den Strahler. Jemand kam auf sie zu gerannt. Beinahe hätte Abyss geschossen, dann senkte er seinen Arm wieder.
"Du egoistischer, kranker Mistkerl!", rief Sky außer Atem und die gehetzte Miene fiel von ihm ab.
Abyss lachte. "Nett."
Nervös schluckte Gibbli und hielt sich hinter Abyss versteckt. Doch Sky schien mehr erleichtert als wütend.
Tief durchatmend marschierte er auf die beiden zu. "Du hast sie gefunden. Gut. Perfekt."
"Und wie hast du uns gefunden?", fragte Abyss zurück.
Sky nickte erschöpft dem Haufen Soldaten am Ende des Ganges zu. "Du hinterlässt eine Spur aus Tod, wo auch immer du hingehst!"
"Oh. Ja."
"Leichenberge übersieht man nicht so leicht, Abyss."
"Mhm." Er hob Djegos Waffe und schoss auf einen Soldaten, der gerade um die Ecke bog. "War keine Absicht." Er drückte ein weiteres Mal ab. "Mein Finger hat wohl zufällig den Abzug berührt." Er schoss noch einmal.
"Diese Leute haben Familien!", fuhr Sky ihn an. "Du wirst es nie lernen, verflucht! Du hast Glück, dass du noch lebst!"
"Das war kein Glück."
"Keine Sorge, ich unterschätze dich nicht. Ich rede nicht von den Soldaten, ich rede von mir."
"Jaja, ich bin ja so glücklich darüber, dass du mich nicht erschießt. Sie ist im Übrigen nicht auf töten gestellt, wenn es dich beruhigt, der unfähige Haufen dort drüben steht zu meinem Bedauern wieder auf. Na, das hast du nicht von mir erwartet? Jetzt schau doch nicht so ernst, Sky."
"Mir ist nicht gerade nach Feiern zumute."
"Sollte es aber. Wie wär's damit, Abyss, ich freu mich ja so, dass du wieder da bist! Ach übrigens, Abyss, ich hab dir ja noch gar nicht dafür gedankt, dass du mich nicht an Jack ausgeliefert hast, also vielen Dank Abyss. Gern geschehen, Sky."
"Kindskopf."
"Ja aber echt und das, obwohl der liebe Jack mir ja so ein pikantes Angebot machte in seiner Nachricht. Schade, dass du sie gelöscht hast. Aber keine Sorge, diese Worte vergesse ich nicht, soll ich sie für dich wiederholen?"
"Wage es nicht! Vielleicht wäre es tatsächlich besser gewesen, wenn du darauf eingegangen wärst", murmelte Sky.
"Ja klar. Auf jeden Fall. Dann würde ich jetzt mit einem fetten Loch, durchbohrt von deinem Strahler friedlich durch den Ozean treiben."
"Richtig, damit hättest du mir eine Menge Ärger erspart."
"Ich mag es nun mal Leute zu ärgern, das weißt du doch, Kapitän."
"Ärger ist ein gutes Stichwort. Den haben wir. Jede Menge davon. Treffen. Auf der Mara. Wir verlassen die Stadt."
"Also gibst du sie endlich auf?"
"Es bleibt mir keine Wahl. Wir haben ein Problem. Ein sehr großes."
"Ich töte ihn", knurrte Abyss.
Genervt stieß Sky die Luft aus. "Du bist unglaublich!", er schüttelte den Kopf.
Abyss grinste. "Danke."
"Du weißt nicht einmal, um was es geht!"
"Ist doch egal. Wenn ich Gibbli richtig verstanden habe, hast du diese dumme Brotkacke schon kalt gemacht? Bedauerlich, ich wollte das tun. Ich vernichte sie alle! Jack. Steven. Oh, bitte lass es ihn sein!"
"Es geht nicht um jemanden, es geht um alles."
"Alles?"
"Absolut alles!"
"Hat das wieder mit diesen rissigen Nichtsen zu tun?"
Der Kapitän nickte.
"Diese Dimensionsscheiße geht mir auf die Nerven. Die Störsender sind doch jetzt aus?"
"Ich wünschte fast, sie wären es nicht. Ich erkläre es euch auf der Mara."
Abyss setzte sich in Bewegung, dicht gefolgt von Gibbli. Sie konnte es nicht glauben, dass Sky nichts wegen ihr gesagt hatte. Kein Wort von dem, was vorhin passiert war.
"Noch einen Moment."
Zu früh gefreut. Sky hatte noch keine Anstalten gemacht zu gehen. Jetzt würde er sich bestimmt an ihr rächen, für Samantha. Wahrscheinlich wollte er gar nicht, dass sie mitkam, zurück auf die Mara.
Abyss blieb stehen. "Was ist?"
"Wir müssen hier noch etwas klären. Ich muss etwas tun."
Gibbli schaffte es nicht, den Stein in ihrem Hals hinunter zu schlucken. Sie spürte, wie ihr die Luft wegblieb. Doch als sie zitternd den Kapitän betrachtete, trat er langsam an ihr vorbei auf Abyss zu. Überrascht stützte sie sich mit den Händen an der Wand hinter ihr ab, als er dabei ein Werkzeug aus ihrer Tasche zog. Dann schien ein Blitz in sie einzuschlagen. Der Kapitän hielt den Lötkolben in seinen Händen. Er wollte doch nicht ...
"Nein! Nicht!", schrie sie ihn an.
"Doch", sagte Sky ruhig, ohne Gibbli dabei anzusehen. "Und ich möchte, dass du dabei zusiehst."
Kurz traf ihr Blick auf Abyss' traurige Augen. Warum wirkte er plötzlich so niedergeschlagen? So enttäuscht von ihr? Und warum sagte er nichts? Er drehte seinen Kopf zu Sky und ließ seinen langen Mantel zu Boden fallen. Abyss öffnete seinen Mund und schloss ihn wieder. Doch er blieb still, hatte nur Luft geholt. Dann wandte er sich von ihnen ab, während er das ärmellose Hemd auszog. Dicke Narben erstreckten sich über seine Muskeln und die blasse Haut.
"Was ... was soll das?", stotterte Gibbli. "Warum ..."
"Gerechtigkeit." Kurz flammte ein Licht an der Spitze des Lötkolbens in Skys Händen auf. "Das ist nur fair."
"Kapitän, er war es nicht!" Warum dachte Sky das überhaupt?
"Ich war es", knurrte Abyss laut. Dann sprach er müde weiter. "Jetzt tu schon, was du tun musst."
Entsetzt ballte Gibbli die Hände zu Fäusten und zog sie vor ihren Mund. Alles in ihr schrie, wollte ihn aufhalten. Doch er war der Kapitän. Einen Kapitän hielt man nicht auf. Einem Kapitän gehorchte man. Wie erstarrt folgte Gibbli der heißen Spitze, die sich langsam in die blasse Haut brannte. Stück für Stück führte Sky sie quer über seinen Rücken. Sechs Buchstaben. Abyss stützte sich krampfhaft an der Wand ab. Der Gestank verkohlten Fleisches trat in ihre Nase.
 
"In spätestens einer halben Stunde will ich euch auf der Mara sehen", befahl Sky ein paar Minuten später.
Als er den Gang entlang davon schritt, erwachte Gibbli aus ihrer Starre.
"Warum lässt du mich am Leben?", platzte es aus ihr heraus. "Ich hab ihn reingelassen! Wie kannst du so etwas krankes tun, aber meine Schuld vollkommen ignorieren? Ich bin Schuld an Sams Tod!"
Sky blieb stehen. "Es war Djego. Nicht du. Und ich rächte sie, obwohl es nicht in meiner Pflicht stand, das zu tun. Selbst wenn es deine Schuld gewesen wäre, hat das keine Bedeutung." Langsam drehte er den Kopf und blickte sie düster mit seinen Implantaten über die Schulter hinweg an. "Sam", sagte Sky mit rauer Stimme, "war nie ein Mitglied meiner Crew. Aber ihr beiden seid es. Abyss hat dich verletzt. Ich verletze ihn. So einfach ist das. Ich bin für euch verantwortlich. Wer meine Leute anrührt, trägt die Konsequenzen. Ob der Täter nun ebenfalls zu meiner Crew gehört oder nicht, spielt dabei keine Rolle. Das solltet ihr doch langsam endlich gelernt haben." Für einen Moment schwieg er. Dann wandte er sich ab und marschierte energisch davon.
 
"Weißt du, was das Gemeine daran ist? Zuerst spürt man's fast nicht." Abyss kniff gequält die Augen zusammen. "Das Brennen setzt erst kurze Zeit später ein, wenn sich die Schmerzrezeptoren erholen."
"Warum?", flüsterte Gibbli. "Warum hast du das zugelassen? Warum hast du ihn das machen lassen?"
"Weil ich möchte, dass du es begreifst", sagte Abyss ruhig. Er hatte gar nicht erst versucht, das ärmellose Hemd wieder anzuziehen und sich stattdessen lediglich den kühlenden Mantel übergeworfen.
"Was begreifen?"
"Dass so was passiert, wenn du nicht redest. Mit uns. Wenn du Sky nicht vertraust. Und mir. Du hast es zugelassen, Gibbli. Nicht ich. Du hast es für dich behalten, obwohl du weißt, dass ich Geheimnisse nicht ausstehen kann."
"Es war mir peinlich!"
Abyss warf ihr einen missbilligenden Blick zu.
Warum wirkte er schon wieder so beleidigt? Wie sollte sie es denn wagen, ihm das zu erzählen, wenn er immer wieder betonte, wie sehr er Steven hasste! Außerdem hatte sie Sky gesagt, dass Abyss es nicht war! "Warum hast du behauptet, du hättest es getan?" Er hatte die Schuld einfach auf sich genommen, nur um ihr eine Lektion zu erteilen? Das war doch krank!
"Vielleicht wär ich's ja gern gewesen", grummelte er eingeschnappt. Dann schüttelte Abyss den Kopf, als wollte er einen Gedanken loswerden und sein Ton wurde wieder wärmer. "Wie kann ich Steven böse sein deswegen, wenn er so was tut?"
Empört zog Gibbli die Luft ein. Das war gemein! Warum sagte er so etwas? Moment! Warum wusste er überhaupt davon? Sie hatte es ihm nie gesagt! Und Sky wusste es erst seit vorhin, als sie in seinem Raum ... Gibbli wischte den Gedanken beiseite. Außerdem hätte er es Abyss nicht erzählt. "Woher wusstest du das mit dem Namen? Seit wann?"
"Seit der ersten Nacht, in der wir von den Mog zurückkamen. Wir schliefen alle am Boden in dieser Hütte. Ich lag bei dir, du erinnerst dich?" Abyss zögerte. "Ich also ... ich hab die Wunde unter deinem Pullover gespürt, mit meinen Fingern. Du hast schlecht geträumt, ich wollte dich beruhigen."
"Du wusstest es die ganze Zeit über und hast mich nie darauf angesprochen."
"Na, du mich doch auch nicht. Du hast den Namen versteckt! Und ich ... ich ... ich war verletzt, Gibbli, okay? Denn offensichtlich war es unangenehm für dich. Außerdem wollte ich deinen ablehnenden Blick nicht sehen, wenn ich dich darauf angesprochen hätte. Es machte mich wahnsinnig, dass du es mir nicht gesagt hast. Darum dachte ich, du würdest dich dafür schämen, ihn zu tragen."
"Natürlich schäme ich mich dafür!"
"Siehst du, genau das meinte ich und das tut weh, Gibbli."
Wütend funkelte sie ihn an. "Warum verdammt tut es dir weh, wenn ich mich schäme, seinen Namen zu tragen?"
"Seinen ..." Abyss blickte sie verdutzt an. "Warte, du denkst ..." Plötzlich lachte er.
Jetzt verspottete er sie auch noch! Gibbli biss die Zähne zusammen. Er zog etwas aus einer Tasche seines Mantels hervor. Dann packte er sie und drehte sie herum.
"Hey! Was tust du?", schrie sie auf, als Abyss ihren Pullover hochzog. "Lass ... Nicht!"
Sie versuchte sich loszureißen, doch das war nicht mehr nötig. Als sie sich wütend und verängstigt zugleich zu ihm umdrehte, hielt er ihr sein EAG entgegen. Gibbli blieb der Mund offen stehen. Er hatte ein Foto gemacht, von ihrem Rücken! Ungläubig starrte sie es an. Da stand nicht Steven. Die Narben formten eindeutig einen anderen Namen. Da stand: Abyss.
"Gibbli?", fragte er vorsichtig.
Ihr Kopf fühlte sich an, als wäre einer von Stevens Staubwischer-Roboter hindurch gefetzt. Es war Abyss Name. Nicht seiner. Abyss! Es fiel ihr schwer, das zu begreifen. Das änderte alles. Sie fühlte sich plötzlich eine Tonne leichter, als wäre ein großer Felsbrocken, den Gibbli seit Wochen mit sich herum schleppte, einfach in einen dieser Gravitationszeitrisse verschwunden. Das war gut. Das war perfekt.
"Gibbli, hey! Hörst du mich noch?", fragte er wieder und musterte sie besorgt.
"Ich ... ich wollte ihn nicht anseh'n, ich ... er sagte Steven, er sagte ..."
"Du wusstest es nicht." Abyss fuhr sich grinsend über seinen Mund. "Du dachtest, es wäre seiner."
Das war also die Erklärung, kam es Gibbli in den Sinn. Die Begründung dessen, weswegen Sky sich seit Wochen den Kopf zerbrach. "Ist das der Grund, warum du Steven akzeptierst?"
"Hey, der wandelnde Goldklumpen hat mich zuerst akzeptiert. Er schrieb meinen Namen. Meinen!"
"Heißt das, es macht dir nichts aus, wenn er mir mit deinem Namen weh tut?"
"Doch, natürlich! Ich könnte ihm den Hals umdrehen dafür, hätte er auch nur einen Punkt gemacht. Steven ist ein sentimentaler Arsch, aber dennoch ein guter Beobachter. Dieser gerissene Narr, weiß, wie man jemanden überzeugt. Er wusste, dass sein Name auf dir seinen Tod bedeutet hätte. Aber was sollte ich gegen meinen unternehmen? Er hat mich aus dem Konzept gebracht, das hatte ich nicht erwartet."
"Du bist ein Idiot", sagte sie ernst. Dann konnte sie sich nicht mehr gegen das Grinsen wehren, das sich auf ihr Gesicht schlich. Sie war so dumm gewesen! Wieso hatte sie sich diesen Namen nicht ein einziges Mal angesehen?
"Ja und ich bin dein Idiot. Steht jetzt sogar auf meinem Rücken. Komm schon, lass uns was essen, bevor du dich auflöst. Ich hab Hunger. Und du auch." Abyss setzte sich in Bewegung.
"Ich brauche nichts, ich bin ...", zögernd brach sie ab, als er plötzlich wieder stehen blieb.
"Du bist was?", hakte er nach.
Gibbli schwieg.
Er zog die Augenbrauen hoch und sah sie auffordernd an. "Sag es mir, was bist du?"
Gibbli wich seinem Blick aus und sah zu Boden. Ihr war klar, dass er nicht eher nachgeben würde, bis er seine Antwort hatte. "Fett. Unsportlich. Tollpatschig", murmelte sie leise.
Er beugte sich zu ihr hinab und Gibbli spürte seine Finger wieder an ihrer Haut. Abyss hob ihren Kopf.
"Schwach", fügte sie unsicher hinzu, um ihr Zurückzucken zu überspielen.
"Okay ..." Verständnislos bohrte sich sein Blick in sie hinein, als würde er irgendetwas suchen. "Wie zum Guglhupf kommst du auf so einen Mist?"
Verlegen wollte sie sich abwenden, doch er ließ es nicht zu.
"Du warst noch nie dick. Aber langsam muss man Angst haben, dass du einfach auseinanderbrichst. Wenn du nichts isst, ich versprech's dir, dann werde ich alles, was ich finden kann, mit Gewalt in dich reinstopfen. Du wirst nicht vor meinen Augen verhungern, das garantiere ich dir. Glaub mir, ich weiß wie es ist zu hungern. Ich wuchs auf der Straße auf, schon vergessen?"
"Ich wollte doch stark sein. Für dich."
Er verzog den Mund zu einem traurigen Lächeln. "Wie soll das funktionieren, ohne Energie? Wenn du möchtest, dass dein Training was bringt, dann musst du mehr essen statt weniger. Außerdem, ich bin doch stark genug für uns beide. Sieh mich an, was denkst du, was ich den ganzen Tag treibe, wenn ich gerade nicht Geige spiele?"
"Ähm ... Dinge in die Luft jagen?"
Abyss lachte. "Komm mit." Er setzte sich wieder in Bewegung. "Du bist perfekt. Das warst du schon immer."
Gibbli brachte ein schwaches Lächeln zustande und folgte ihm. Seine Worte gaben ihr das Gefühl, dass alles an ihr passte. Wie konnte sich nur so eine idiotische Idee in ihren Kopf schleichen, dass sie sich ändern müsste? Abyss hatte das doch noch nie gekümmert, er hatte sie immer akzeptiert, ohne ein Aber, ohne jegliche Ausnahme.
Ein paar Schritte lang gingen sie schweigend nebeneinander her.
"Die Nachricht, die dir Jack geschickt hat. Was stand da drin?", fragte Gibbli nach einer Weile neugierig.
"Das ist ... kompliziert", sagte Abyss zögernd. "Jack richtete die Worte an mich, im Wissen, dass Sky sie lesen würde. Indirekt sprach er aber ihn damit an." Er schüttelte den Kopf. "Das ist nichts, was ... was ich möchte, dass du hörst und nichts was ich dir erzählen sollte."
Gibbli beobachtete ihn im Gehen nachdenklich von der Seite. Worte konnten sehr weh tun, das wusste sie mittlerweile. Doch nur von Menschen, die man mochte. "Es ist Jack. Wie kann das, was er von sich gibt so bedeutungsvoll sein?"
Abyss warf ihr einen kurzen Blick zu. "Es geht nicht nur um den Mist, der aus seinem Mund kommt. Es geht darum, wie er mich darstellt und ... also Jack hat uns erpresst, okay? Hey, wenn du es unbedingt wissen willst, frag Sky. Aber ich würde dir raten, es nicht zu tun. Nicht, weil er es dir nicht erzählen würde. Ich bin mir sicher, wenn du die richtigen Fragen stellst und nicht nachgibst und ihn nicht ablenken lässt, würde er antworten. Sky ist einfach zu ehrlich. Aber bitte, tu mir den Gefallen und mach's nicht. Ich würde es vorziehen, dass du das nicht erfährst."
Unmittelbar nachdem er verstummte, knackte es in den Wänden. Das unangenehme Geräusch von sich biegendem Metall drang in ihre Ohren.

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