Kapitel 16: Gibbli wird zum Oca (Bis in die tiefsten Abgründe)

Eine silberne Klinge schoss keinen Millimeter an ihrem Kopf vorbei. Das Ding verfehlte Djego, der sich duckte, nur knapp. Er ließ Gibbli los. Ein weiteres Messer flog durch die Luft und riss ihren Pullover auf. Es streifte ihre linke Schulter und schrammte über die Haut, einen tiefen Schnitt hinterlassend. Während Djego davon rannte, stolperte Gibbli nach hinten und presste die Hand auf die Wunde. Doch es tat kaum weh. Abyss' Gesicht wirkte furchterregend, als er auf sie zutrat. Er streckte Gibbli bedrohlich seine langen Finger entgegen.
"Geh weg!" Sie stützte sich am Boden ab und kroch rückwärts von ihm davon.
"Du hast dich sehr verändert, während ich weg war." Der Klang seiner Stimme passte hervorragend zu der Miene, mit der er vor ein paar Minuten noch Jack angefunkelt hatte.
"Abyss!", sagte Sky warnend, der jetzt hinter ihm auftauchte.
"Du willst, dass ich gehe?", fragte Abyss leise.
Nein verdammt, sie wollte ihren Bruder zurück, den sie kannte, nicht diesen Kerl hier, der ihr weh tat. Ihm schien ihr Blick nicht zu gefallen. Wütend zog Abyss die Augen zu Schlitzen. Er wollte gerade auf sie zustürzen, doch in diesem Moment wurde er sich der Waffe bewusst, die der Kapitän ihm an den Schädel hielt. Gibbli rappelte sich auf die Beine und trat zögernd auf die beiden Männer zu.
"Du wirst sie nicht anfassen, Abyss", befahl Sky scharf.
Langsam hob Gibbli einen Arm. Ihre Hand berührte Skys Finger. Er gab nach, als sie den Strahler ein Stück zur Seite schob. Der Kapitän trat einen Schritt zurück, die Waffe jedoch weiterhin erhoben und sofort bereit einzugreifen. Abwartend beobachtete er, was sie vor hatte. Doch Gibbli hatte selbst keine Ahnung, was sie tat. Wie sie Abyss davon überzeugen sollte, ihr zu glauben, dass sie mit Djego nicht zusammen war, wie der Soldat das genannt hatte. Abyss bewegte sich nicht. Und er berührte sie nicht, obwohl er direkt vor ihr stand. Wie schon bei dem Gespräch mit Jack war sie erstaunt, wie genau er die Befehle des Kapitäns befolgte.
"Sky mag der Kapitän sein. Aber um meinen Willen durchzusetzen, muss ich euch nicht führen", sagte er. Seine grauen Augen fixierten die ihren. "Ich könnte dich alles machen lassen, was ich will."
"Das könntest du", gab Gibbli mit schwacher Stimme zurück.
"Vielleicht möchte ich das aber nicht. Wenn es sein muss, dann kann ich auch sehr, sehr, wirklich sehr viel Geduld aufbringen."
"Und was willst du?"
Eine Weile blickte er sie an, ohne etwas zu sagen. "Es geht darum, was ich will, dass du willst. Mein Ziel ist, dass ich deines bin. Und das könnte ich niemals mit Gewalt erreichen."
Ohne den Blick von ihm abzuwenden, zeigte sie auf ihre Schulter "Du hast mich verletzt." In einer warmen Linie lief das Blut an ihrem Arm entlang und versickerte im Stoff des aufgeschlitzten Pullovers.
Abyss' Miene änderte sich für einen Moment. Kurz dachte sie, er hätte die Kontrolle über sich wieder erlangt, als wäre er der alte. Doch er war immer der alte gewesen, das wusste sie. Und das bedeutete auch, er hatte sie mit Absicht getroffen. Eine goldene Gestalt trat aus einer Seitenwand heraus und Abyss' Körper spannte sich wieder an. Steven blieb stehen, als er die Waffe in Skys Händen erblickte und ein Messer in Abyss' Fingern. Dann legte er den Kopf schief und grinste, als sein Blick auf Gibblis Wunde fiel. Doch keiner beachtete den Oceaner.
"Ich ... Verzeih mir. Bitte", sagte Abyss.
"Du manipulierst mich." Gibbli wäre fast ein 'Okay' herausgerutscht.
"Natürlich tu ich das!", fuhr er sie an. "Weil ich nicht anders kann!"
"Abyss!" Sky hob warnend seine Waffe.
Abyss' Stimme wurde wieder ruhiger. "Und ich werd's solange tun, bis du nachgibst, bis ich dich erreiche. Bis du mir endlich vertraust."
Gibbli verstand es nicht. "Du weißt genau, was du sagen müsstest, damit ich alles tun würde, was du verlangst. Was du willst." Aber er sagte es nicht. Das bedeutete, er mochte sie nicht.
Er schüttelte leicht den Kopf. "Du hast keine Ahnung, was ich will, Gibbli."
"Du willst, dass etwas schief läuft." Dass schlimme Dinge passierten, Tabus brechen. Abyss wollte leben. Etwas erleben. Er wollte nicht, dass alles perfekt lief, das wäre ihm zu langweilig. Langsam sprach sie weiter. "Du willst die Gefahr spüren. Du willst das gleiche wie Steven."
"Du vergleichst mich mit ihm? Das verletzt mich, Mädchen! Dieser dumme Mensch ist-" der Oceaner bracht ab, als er sah, dass Sky warnend den Kopf schüttelte.
Abyss beachtete keinen der beiden. Noch immer durchbohrte er Gibbli mit seinem Blick, als wollte er ihr damit die Haut aufreißen und ein Loch in sie hinein graben. "Nein. Ich sehne mich nach dem genauen Gegenteil davon. Meine Handlungen mögen den Anschein erwecken, dass ich ein direkter Mann bin. Jemand, der Dinge nicht vorausplant. Jemand, der zuschlägt, bevor er nachdenkt. Jemand, der alles auf sich zukommen lässt und das Leben nimmt, wie es passiert. Jemand, der mit allen Situationen klar kommt. Jemand, wie dieser kack Goldklumpen ..."
("Hey!", warf Steven ein.)
"... der es lustig findet, wenn Menschen leiden. Jemand, der gerne überrascht wird. Das denkst du doch, oder nicht? Aber ich verrate dir etwas, Gibbli. So jemand bin ich nicht. Ich HASSE unerwartete Situationen! Das ist es, was gute Pläne ausmacht. Hast du dir je überlegt, dass es meine Absicht ist, dass ich die Leute genau so über mich denken lasse? Dass ich ihnen vorspiele, ich sei spontan? Brutal? Unberechenbar? Und dass ich das tue, um sie leichter manipulieren zu können?"
Unsicher beobachtete sie Abyss, hatte das Gefühl, er würde jeden Moment auf sie losgehen. Doch offensichtlich gehörte das nicht zu seinem Plan. Gibbli bemerkte, wie der Kapitän seine Waffe hinter ihm sinken ließ. Sky hatte sie gewarnt, damals auf Oca bei den Mog. Sie hatte es nicht glauben wollen. Abyss war nicht spontan, er war jemand, der sich doppelt und dreifach absicherte, ohne dies jedoch andere wissen zu lassen.
"Nun, Sky hat sich darüber Gedanken gemacht. Er hat mich schon lange durchschaut. Frag deinen Kapitän. Er hat seine Leute wirklich im Griff. Aber das ändert nichts an der Tatsache, dass ich immer erreiche, was ich will, Gibbli. Und ich versichere dir, kein einziger meiner Pläne ist bisher gescheitert. Und dieser wird es auch nicht. Ich bin nicht Steven."
Der Oceaner stemmte empört seine Hände an die Seiten.
Bebend öffnete sie den Mund, doch sie wusste nicht, was sie sagen sollte. In diesem Moment war es ihr völlig egal, ob er sie manipulierte oder nicht! Ihretwegen konnte er alles machen, er war doch ihr Bruder!
"Du sagtest vorhin, du willst, dass ich gehe?", fragte Abyss plötzlich. "Gut. Dann gehe ich."
"Was ...", rief sie. Was sollte das denn bitte bedeuten? Sprach das nicht genau dem entgegen, was er gesagt hatte? Er wollte sie erreichen und dann ging er? "Abyss!"
Bevor Gibbli etwas tun konnte, drehte er sich um, rauschte an Sky vorbei und ging eiligen Schrittes von ihnen fort. Sky verzog das Gesicht, als hätte ihm dieses Gespräch nicht gefallen, und rannte ihm nach. Abyss wollte sie nicht mehr sehen. Also hasste er sie? Gibbli lief den beiden Männern hinterher.
"Hey, bleib stehen, Mädchen!" Steven holte sie an der nächsten Ecke ein und hielt sie fest. "Du solltest besser nicht-"
"Nein!", knurrte Abyss von weitem.
Gibbli riss sich los und eilte um die Ecke. Abyss und der Kapitän standen am Ende des Ganges und stritten. Der Oceaner tauchte hinter Gibbli auf und hielt sie wieder fest, damit sie nicht näher heranging.
"Ich akzeptiere kein Nein!", fuhr Sky Abyss an.
"Und ich hab keine Lust darauf, noch länger eine Schachfigur in deinem lächerlichen Weltherrschaftsspiel zu sein. Ich verschwinde", entgegnete Abyss dem Kapitän.
"Du wirst gefälligst hierbleiben! Du kannst nicht verschwinden! Der ganze Planet wird auseinanderbrechen!"
"Dieser verdammte Planet ist mir scheiß egal!"
"Dieser Planet ist unsere-"
"Belanglos! Sky! Hör mir zu, du weißt das. Ich würde alles geben, alles! Für nur eine einzige Sekunde. Mein Leben, dein Leben, den ganzen Planeten, wenn ich nur für einen winzigen Augenblick, nur einen Herzschlag lang ... in dem sie mich nicht als das sieht, was ich offensichtlich bin."
"Schweig", sagte Sky leise.
"Ich kann es nicht ändern. Ich will es nicht ändern. Dennoch mach ich es nicht, niemals, ich halte das aus, Sky."
"Sag es nicht."
"Weil ich sie liebe. Ich liebe sie."
Gibbli hielt inne.
"Als Schwester", flüsterte der Kapitän.
Abyss schwieg und legte die Stirn in Falten.
"Als Schwester", wiederholte Sky. "Antworte!"
"Worauf denn bitte?", rief Abyss.
"Du liebst sie als Schwester, richtig?"
"Ich versteh dich nicht! Was willst du hören?" Abyss' Blick fiel jetzt auf Gibbli, die wieder anfing zu versuchen, sich von Stevens Griff zu befreien. Dann drehte er sich wieder Sky zu. "Sie braucht mich nicht!"
"Sie braucht dich! Mehr als-"
"Unsinn! Ich ertrage ihren Anblick keine Sekunde länger! Ich bin raus." Abyss ging davon und verschwand im nächsten Gang.
"Abyss!", rief Sky und fuhr sich verzweifelt mit beiden Händen durch seine Dreadlocks. Dann rannte er ihm hinterher.
"Was?", rief Gibbli, ebenso verzweifelt. "Warum sagt er das? Warum brauche ich ihn nicht? Abyss ist mein Bruder!"
Steven blickte sie mitleidig an, dann lachte er traurig. "Ich werde nie verstehen wie Menschen so blind sein können."
Verständnislos betrachtete sie den Oceaner.
"Er ist mehr als das. Das war er schon immer, mein Schatz."
Mehr? Was für ein Unsinn! Wie konnte jemand mehr sein, als ein Bruder? Dafür gab es keine Steigerung!
Plötzlich heulte er auf. "Ohhhh, das ist ja so schrecklich! Ich bin zutiefst betrübt, dass er ging, mein trauriges Menschlein, ohhhh, so schlimm!" Seine Miene änderte sich. Dann lachte er. "Nicht. Natürlich freue ich mich. Dein Mensch ist weg! Haha, endlich nervt er mich nicht mehr!"
In Gibbli brodelte mit einem Schlag Hass hoch. "Es ist deine Schuld!", schrie sie ihn an. "Wegen deiner dummen Aufgabe!"
Sie versuchte, seinem Griff zu entkommen. Doch Stevens Finger gruben sich fester in ihre Schultern und drückten schmerzhaft auf ihre frische Schnittwunde.
"Oh nein, Mädchen! Das ist nicht mein Fehler, du-" Er hielt inne und erstarrte.
Gibbli blickte panisch auf. Sie spürte es. Er spürte es. Sie beide spürten es. Dann begann Steven zu grinsen. Ungefiltert brach seine Kälte über ihren Körper herein. Er drückte sie nach unten, allein mit seinen Gedanken, berührte sie nicht einmal mehr.
Jack hatte die Störsender abgeschaltet.
Gibbli ging in die Knie. Mit einem Mal wurde sie sich bewusst, wenn er seine Macht zurückerlangt hatte, dann hatte sie es auch. In Gedanken befahl sie einigen Geräten, sich zu erheben. Um die beiden herum begann es zu surren.
Steven starrte sie begeistert an: Der Blick eines irren, geisteskranken Mörders!
Sie würde gegen ihn kämpfen, bis zum bitteren Ende. Die Wellen traten aus ihrem Kopf aus und sie lenkte das befehlende Feld zu einem der surrenden Geräte. Es schoss auf den Oceaner zu. Er hob die Hand und wischte es mit der Kraft seines Geistes beiseite, lange bevor es ihn erreichte. Mit voller Anstrengung ließ sie die restlichen Flugobjekte auf ihn zurasen. Zu Gibblis Entsetzen ruckte Steven nur einmal kurz mit dem Kopf und die faustgroßen Maschinen stoben von ihnen davon, prallten an die Wände und sackten zu Boden. Mit geballten Fäusten ließ Gibbli ihr Glühwürmchen aus der Werkzeugtasche schweben. Das kleine Ding war ihre einzige Chance! Es schoss mit einer unglaublichen Geschwindigkeit auf Steven. Doch er lachte. Statt es zu stoppen, fing er es mit nur zwei Fingern in der Luft ab. Der Oceaner drückte die beiden Finger genussvoll zusammen und zerdrückte ihre Erfindung, bis nur noch Staub davon übrig war. Mit bedrückender Langsamkeit rieselte dieser von seiner sehnigen Hand aus zu Boden und durch die Gitter hindurch. Steven hatte gelogen. Er konnte es steuern. Und Gibbli begriff, was sie nicht wahrhaben wollte: Damals am Lagerfeuer hatte dieser Irre sich absichtlich von ihr verletzen lassen! Er hatte zugelassen, dass sie ihn mit ihrer Erfindung traf und seine Haut aufschrammte. Wenn er es nicht wollte, hatte absolut niemand eine Chance gegen ihn. Weder sie, noch sonst jemand aus der Crew.
Gibbli gab sich einen Ruck und sprang an ihm vorbei. Mit aller Kraft, die sie noch aufbringen konnte, rannte sie los.
Steven folgte ihr nicht. Freudestrahlend betrachtete er seine Hände, während Gibbli so schnell wie möglich von ihm fort hastete.
Schwindelig stürzte sie durch die Gänge. Doch sie blieb nicht stehen und lief immer weiter, bis sie sein hysterisches Gelächter nicht mehr hören konnte.
Und dann stand plötzlich er vor ihr: Djego.
Gibbli schluckte und sofort wünschte sie sich den Oceaner zurück. Djegos Blick wirkte anders. Dunkler und entschlossener. Nicht mehr so lässig wie sonst. Er sah sie an, wie ein Jäger seine Beute ansah. Und ihr wurde sofort bewusst, dass mit dem Abschalten der Sender auch ihr Einfluss auf Menschen zurückgekehrt war. Wie ein verschreckter Kugelfisch starrte sie ihn an. Vergessen war all die Kraft, all das Training, das Sky ihr beigebracht hatte, als Djego ihr plötzlich seine Waffe an die Stirn hielt. Sie konnte oceanische Dinge bewegen, ja. Oder hätte es gekonnt, doch all ihre Kraft schien beim Versuch, sich gegen Steven zu wehren, verbraucht worden zu sein. Und Strahlen aufhalten, die nicht für elektromagnetische Wellen empfänglich waren, war sowieso nicht möglich.
"Wenn du dich bewegst, drücke ich ab. Verstanden?"
"Verstanden", brachte sie kaum hörbar hervor. Ihr Atem wurde flacher, schneller. Seine türkisfarbenen Augen, nur wenige Zentimeter vor ihr, raubten Gibbli jegliche Kontrolle über ihre Worte. "Warum?"
"Jack will deinen Tod", sagte Djego leise. "Er gab mir den Auftrag, dich zu ihm zu bringen oder dich zu töten. Das tat er bereits vor einer ganzen Weile. Ich hielt mich zurück. Ich erfand Ausreden. Aber ich habe das hier zu lange hinausgezögert. Ich hätte niemals warten sollen, bis dein dämlicher, alter Liebhaber zurückkehrt."
"Er ist nicht mein ... Du hättest mich längst ... längst töten können, du ...", stotterte sie.
"Ja. Das hätte ich wirklich tun sollen", stimmte er zu. "Zu deinem Glück wollte ich aber etwas anderes von dir. Das ist seltsam, plötzlich will ich es noch mehr als vorher. Als hättest du dich verändert. Und mit einem Mal, ich spüre es in diesem Moment, wird mir klar, eigentlich ist mir dein Leben egal. Jetzt habe ich erkannt, dass ich es mir genauso gut holen könnte, wenn du tot wärst. Ich überlasse dir also die Wahl. Willst du leben oder willst du vorher sterben. Für mich macht es keinen Unterschied mehr, ich habe es satt zu warten! Ich habe versucht, es dir leichter zu machen, dich zu überzeugen, aber wie es aussieht, ist das nicht möglich. Ich werde mir jetzt nehmen, was ich begehre, ohne deine Zustimmung. Ich mag dich, darum lasse ich dir diese letzte Wahl. Also, entscheide dich. Jetzt."
Gibbli zitterte. "Leben", flüsterte sie.
"Dreh dich um. Eine falsche Bewegung und du bist tot. Ich hätte das schon tun sollen, nachdem ich dich bewusstlos schlug. Ich dachte, ich könnte dich noch überzeugen. Mein Fehler."
Er warf sie herum und presste sie gegen die goldene Wand des Ganges. "Du warst das! Du hast Sky angeschossen!" Gibbli fühlte sich plötzlich wie gelähmt.
Dann ging alles ganz schnell. Er zog an ihrer Hose. Bevor sie reagieren konnte, fielen ihre Werkzeugtaschen zu Boden. Sie wimmerte. Im nächsten Moment hielt er ihr den Mund zu. Gibbli krallte sich in seinen Arm, als sie den Schmerz zwischen ihren Beinen spürte. Sie schrie in seine Hand hinein. Weg, war ihr einziger Gedanke, fliehen! Sofort! Und sie floh. Floh, zu Bo, floh in ihren Geist hinein. Sie war die blaue Frau, mit dem Marahang in der Brust. Doch mit Entsetzen erkannte Gibbli, dass Bo keine Luft atmete. Sie hatte Ocea erneut verlassen. Die Hybridenfrau tauchte durch Wasser! Gibbli spürte das kühle Nass in ihre Lunge fließen. Das war schrecklicher als ihre eigene Situation! Nox' Stimme erklang in ihren Gedanken, vorwurfsvoll. Warum, sie gekommen war, sie würde alles nur schlimmer machen, seine Versuche noch zum Scheitern bringen. Gibbli verstand nicht, worum es ging, ihre eigenen Schmerzen lenkten sie zu sehr ab und es fiel ihr schwer, in Bo's Körper zu bleiben. Offensichtlich wurden sie von anderen Tiefseemenschen verfolgt. Nox sprach weiter mit Bo, rief ihr zu, flieh, schneller, schneller, sie kommen näher, flieh! Und wieder floh Gibbli. Für einen Moment spürte sie Djego an ihrem Rücken, in ihr, den stechenden Schmerz zwischen ihren Beinen und dann erschien er. Rod. Sie blickte in seine schrecklichen, grünen Augen. Dieser Mann packte sie in Gedanken, packte Mara und tauchte sie unter, immer wieder und wieder. Die Gedanken überwältigten Gibbli und sie schrie, Mara schrie in ihrem Kopf, während das Wasser sie erstickte, das Wasser in Bo, in Maras Vergangenheit, während dieser Rod sie verletzte, während Djego sie brach. Und der Alptraum von Maras Erinnerung wurde für Gibbli Realität.
Es schliff an seiner Haut entlang, in ihn hinein. In Djego, den sie irgendwann einmal irgendwie gemocht hatte. In einer anderen Zeit. Er fluchte, schlug nach der Kugel aus und traf sie mit seiner Waffe. Das kleine Sonnenstück, das Gibbli sich aus lauter Verzweiflung aus der Luft geschnappt hatte, zitterte und flog eine scharfe Kurve. Dann jagten Gibblis Gedanken es erneut auf ihn zu. Djego wich zurück. Während er den Gang entlang von ihr weg rannte, traf er es wieder. Dort in der Ferne blitzte die leuchtende Kugel auf. Ein kleiner Funke sauste durch die Luft. Es stoppte, bewegte sich noch ein Stück nach vorne. Dann drückte die Gravitation das Sonnenstück unbarmherzig gegen den goldenen Boden. Dort lag es, kaputt. So wie sie hier stand, gegen die kalte Metallwand Oceas gelehnt.
Kaputt.
Blut rann an ihren Oberschenkeln hinab. Sie hatte versagt. Der Drang weinen zu müssen, zu wollen, stieg in ihr hoch. Doch es kamen keine Tränen. Als gäbe es nur noch diese Leere, diese ausgetrocknete, rissige Haut. Nein, nicht einmal die. Vakuum. Keine Gedanken mehr. All das Wasser in ihrer Lunge hatte sich scheinbar aufgelöst. Die Lunge selbst war fort. Das Blut und die Adern, in denen es einst floss, gab es nicht mehr. Keine Organe mehr, die weh tun konnten. Kein Herz mehr, das für ihn schlug. Nie für ihn geschlagen hatte, nicht für dieses Monster.
Und dennoch, da! Da, in dieser Leere, hing es. Zwischen ihren Rippen. Schlug weiter. Unaufhörlich drang das Klopfen durch alles hindurch, was zu erreichen war. Und es schrie noch immer. Leise, aber es schrie. Und jetzt erst verstand Gibbli, was es schrie. Es hatte schon immer geschrien. Immer das gleiche. Seit dem ersten Schlag, als diese grauen Augen direkt in es hinein geblickt hatten. Ein Schrei, der bereits lange vor dieser Leere existiert hatte, ungehört, überdeckt von allem anderen. Jetzt jedoch gab es nichts mehr, hinter dem er sich verstecken konnte. Nichts mehr, was im Stande war, diesen Schrei zu übertönen. Klar und deutlich fuhr er durch sie hindurch. Immer wieder brüllte es seinen Namen, den Namen ihres Bruders. Ihr Abgrund, ihr sicherer, beschützender Abgrund, in dem niemand sonst sie erreichen konnte. Klopf. Klopf. Klopf. Abyss. Abyss. Abyss.
 
Gibbli wusste nicht mehr, wie lange sie da stand, bewegungslos, und seinem Namen lauschte. Das Blut war längst getrocknet. Ihr Kopf fühlte sich leer an, als würden ihre Gedanken still stehen. Irgendwann realisierte sie, wo sie sich befand: In der Stadt. Allein. Was, wenn Djego zurückkam? Nüchtern betrachtete sie ihre Kleidung. Gibbli zog sich langsam an und band sich ihre Werkzeugtaschen um. Sie verdeckten das Blut etwas. Dann ging Gibbli davon. Mit offenen Augen und leerem Blick. Ein Schritt nach dem anderen. Das Gehen schmerzte. Jeder Tritt verursachte einen Stich zwischen ihren Beinen. Sie musste die oberen Stockwerke erreichen. Nein, selbst dort oben würde Djego einen Weg hinein finden. Sie musste in die Mara. Sie musste zu Abyss und Sky und den anderen. Doch ihre Schritte trugen sie hoch zur Plattform, als würde irgendetwas sie von dort aus anziehen.
Und tatsächlich, da stand er, über den Dächern der Stadt.
Ein paar Meter vor ihm blieb sie stehen. Das Portal weiter hinten gab ein seltsames Knistern von sich. Alles in ihrer Umgebung erwachte langsam zum Leben. Die vielen Maschinen begannen zu arbeiten. Helle Lichter schalteten sich ein und Vorrichtungen begannen sich zu drehen. Doch Gibbli interessierten sie nicht mehr. Oceas Schätze konnten ihr gestohlen bleiben.
"Abyss", flüsterte sie.
Die langen, blonden Haare hingen zerzaust von seinem Kopf herab. Er drehte sich nicht zu ihr um. Über den Geigenkoffer gebeugt sah es aus, als würde er packen und seine Worte bestätigten es ihr: "Verschwinde. Ich verlasse die Crew."
"Ohne mich?", fragte Gibbli kaum hörbar.
"Ich halte es nicht aus, in deiner Nähe zu sein." Der ablehnende Klang seiner Stimme schickte einen schmerzenden Stich durch ihre Brust hindurch.
Gibbli spürte, wie etwas in ihr zerbrach. "Du gehst wegen mir."
"Ich erreiche dich nicht mehr. All diese Geheimnisse. Erst mit Steven und jetzt mit diesem ... dieser ... braunlockigen Fratze."
"Abyss er hat ... er ist ..."
Abyss schlug den Geigenkasten lautstark zu und Gibbli zuckte zusammen. "Ich will es nicht hören", knurrte er und jedes Wort schnitt in ihren Körper hinein, fuhr über jeden Millimeter ihrer Haut und hinterließ tiefe Schnitte, wie sein Messer es an ihrer Schulter getan hatte. "Ich will nicht wissen, was er mit dir macht, was er für dich ist! Darum ging es nie. Ich gehe."
"Abyss, ich ... nein, tu das nicht ... du ..."
"Sag mir nicht, was ich tun soll!", fauchte er und Gibbli verstummte, als er mit voller Wucht etwas gegen die Wand warf.
Es prallte klimpernd davon ab und landete nicht weit von Gibblis Füßen entfernt. Die kleine Sonne war verbogen. C.D. stand drauf. Gibbli erkannte Djegos Anstecker sofort wieder, den Sky ihr vor einer halben Ewigkeit gegeben hatte. Sie hatte völlig vergessen, ihn zurückzubringen.
Noch immer stand Abyss da, von ihr abgewandt. Er schien tief einzuatmen, um sich zu beruhigen. "Ich tu was ich will. Und wenn ich wollte, würdest du dich winden unter meinen Fingern. Ich könnte alles mit dir machen und du wärst nicht im Stande, dich zu wehren. Aber das ... will ich nicht."
"Dreh dich um, bitte, Abyss dreh ...", wieder brach sie ab.
"Nein", sagte er leise. "Nein, Gibbli. Zwing mich nicht, dich ansehen zu müssen. Es schmerzt mich. Das wolltest du ja sowieso nie, mich ansehen. Und ich will nicht, dass du mein Gesicht so siehst. Ich will dich nicht traurig machen. Ich wollte immer nur, dass du glücklich bist, dass du lachst."
Er nahm seinen Koffer. Gibbli öffnete den Mund. Dann ging er einfach weg. Ohne sie auch nur einmal anzusehen. Ohne sich auch nur noch einmal nach ihr umzudrehen. Er ging. In dem Moment, in dem sie ihn am meisten gebraucht hätte, ging er.
Und seine Worte von damals hallten durch ihren Kopf, nachdem er die Plattform längst verlassen hatte: 'Ich werde hinter dir stehen. Immer. Egal was du machst. Egal was du über mich denkst und egal was es wagt, sich zwischen uns zu stellen. Wenn du fällst, fange ich dich auf. Auch wenn du das nicht willst. Ich tu's trotzdem.'
Ich bin gefallen, dachte sie, und du fängst mich nicht auf. Sinnlose Sätze, die nichts mehr bedeuteten. Lügen. Leere Worte, die sich auf ihren ganzen Körper erstreckten. Hohl. Verlassen. Tot. Jetzt gab es gar nichts mehr in ihr. Das Herz, das nach ihm schrie, gefror. Und Gibbli wurde zum Oceaner, zum Oca, der sie immer gewesen war.
 
Die Hülle ihres Körper schritt durch die Gänge der Stadt. Irgendwann stand sie vor den Schleusen der Mara, wo Steven sie hineinließ. Sie trat ein. Steven. Genau der Mann, den sie jetzt brauchte.
"Was ist passiert, Mädchen?", fragte er sofort und betrachtete sie abschätzend.
"Stell keine Fragen", antwortete Gibbli kalt.
Die beiden standen sich im Gang zwischen dem MARM und der Zentrale gegenüber. Es kümmerte sie nicht, ob er merkte, was passiert war. Vielleicht hatte er das Blut gesehen. Vielleicht auch nicht. Vielleicht ihren emotionslosen Blick. Vielleicht hörte er, dass ihr Herz vor Verzweiflung trotz all der Leere irgendwie noch immer schrie. Nicht wegen Djego. Niemals wegen ihm. Das, was Abyss ihr angetan hatte, war tausend Mal schlimmer. Djego hatte nie die Macht besessen, sie so sehr zu verletzen, wie Abyss es getan hatte.
"Deine Aura hat sich verändert, ich spüre es. Was ist passiert?", wiederholte Steven die Frage.
"Ich habe eine Aufgabe für dich, Oca!"
"Nett. Aber du bist nicht dran."
"Ich bin dran!", fuhr sie ihn an.
Steven grinste. "Du hast ihn nicht geküsst. Du wolltest es nicht. Er hat dich geküsst. Ich hab euch beobachtet."
"Das ist mir scheiß egal!" Es berührte Gibbli nicht, auch nicht, dass er sie beobachtet hatte. Nichts berührte sie mehr.
"Der Kapitän hört es gar nicht gerne, wenn du so redest, nein, das tut er nicht."
"Es interessiert mich nicht mehr, was der Kapitän gerne hört und was nicht! Halt dein Maul und lass mich die Aufgabe stellen!"
"Nein, Mädchen. Das geht nicht. Du verletzt die Spielregeln. Diese besagen, dass ich einen Gefallen einfordern darf. Du hast es versucht und bist gescheitert."
"Du verdammtes Arschloch! Dann sag mir, was ich tun soll! Ich mache es! Was willst du, dass ich tue?"
Misstrauisch betrachtete er sie. "Okay. Gut. Ich will, dass du mir zeigst, dass du Schmerzen liebst. Zeig mir, wie du sie genießt, Mädchen."
Gibbli hob ihren Kopf und verzog den Mund zu einem schaurigen Grinsen. Nichts leichter als das. Ohne sich von ihm abzuwenden, zog sie das Messer aus ihrem Stiefel. Sie hob es an und hielt es ihm vor die Nase. Dann streckte sie ihren rechten Arm aus, die Innenseite nach oben und rammte es mitten durch ihre Handfläche hindurch. Gibbli zuckte nicht einmal mit der Wimper. Ganz langsam zog sie es wieder heraus, ihre Mundwinkel noch immer unbekümmert gehässig nach oben gezogen. Es tat weh. Es blutete. Aber sie spürte es kaum. Das war nichts gegen das, was er ihr angetan hatte. Was Abyss ihr angetan hatte! Ihr Bruder, der einzige Mensch im ganzen Universum, dem sie halbwegs vertraute, hatte sie im Stich gelassen, als sie ihn am dringendsten gebraucht hätte.
Ungläubig öffnete Steven den Mund. "Das ... kam unerwartet." Fasziniert hob er seine goldenen Finger und streckte sie nach ihrer Hand aus.
Sofort trat Gibbli einen Schritt zurück. "Fass mich nicht an!", schrie sie.
"Schon gut", der Oceaner winkte ab.
"Bist du jetzt glücklich? Darf ich dir jetzt deine Aufgabe stellen?"
Er betrachtete angeekelt die kleine Pfütze ihres Blutes am Boden und nickte dann. "Ja. Klar. Soll ich jemanden für dich aufschlitzen? Den Kapitän? Oder vielleicht diesen Menschenjungen?"
"Nein." Zufrieden ließ Gibbli das Messer sinken.
"Ich könnte ihn-"
"Nein." Für einen Moment hatte Gibbli tatsächlich daran gedacht, ihm diese Aufgabe zu stellen. Doch es gab jetzt etwas Wichtigeres, etwas, das sie Djego vollkommen vergessen ließ. "Hol Abyss zurück."
"Vergiss es", sagte Steven sofort.
"Hol ihn zurück!"
"Aber es ist doch wundervoll, dass er uns nicht mehr belästigt! Oh ja, was immer du von ihm willst, du kannst es auch von mir haben, Mädchen. Ich genieße jede traumhafte Sekunde ohne diesen-"
"Das ist deine verdammte Aufgabe! Also führ sie aus!"
Er schüttelte den Kopf. "Ich wähle die Strafe."
"Dann wird es Zeit, meinen Gefallen einzufordern. Du erinnerst dich?"
Steven verschränkte die Arme. "Jetzt?"
"Wann ich will und wo ich will."
"Und was willst du?", fragte er genervt.
"Ich will, dass du Abyss zurückholst."
"Nein, nein, nein. Unmöglich."
"Du gehst und du wirst nicht ohne ihn zurückkehren."
"Sinnlos! Dieser beschränkte Mensch würde sowieso niemals auf mich hören."
"Dann sieh es als Herausforderung."
"Das ist doch lächerlich, Mädchen, das ist-"
"Ich schwöre dir, ich zieh dir deine jämmerliche, goldene Haut ab, wenn du es nicht tust!" Ihre Worte klangen so fest, dass Steven erstaunt seine haarlosen Augenbrauen hob.
"Das ist dein Ernst", stellte er fest. "Du meinst das, was du sagst. Du wirst das wirklich tun." Beeindruckt lachte er auf.
Natürlich würde sie das tun! Was dachte dieser dämliche Haufen von Gold?
"Okay. Ich mache es. Ich liebe diese Kälte. Jetzt denkst du wie ein Oca, das ist mein Mädchen. Holen wir diesen beißenden Hund zurück." Er drehte sich um und verschwand durch eine Wand in den MARM hinein.
Erschöpft schloss Gibbli für einen Moment die Augen und fragte sich, was eigentlich ein Hund war. Dann betrachtete sie ihre Hand. Sie hatte das Messer ernsthaft mitten hindurch gestochen. Beide Seiten bluteten. Die Haut an ihren Fingern fühlte sich fremd an. Und nicht nur an ihren Fingern, überall. Sie einfach abzuziehen wäre jetzt schön. Weg, weg von ihr! Sie wollte sich waschen. Seine ekligen Berührungen wegspülen. Aber das bedeutete, alleine ins Badezimmer zu gehen, und Wasser war gerade das letzte, was sie auf ihrer Haut spüren wollte. Entschlossen hob Gibbli den Kopf und öffnete die Tür zur Zentrale.

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