Kapitel 15: Das Treffen (Bis in die tiefsten Abgründe)

Gibbli hatte keine Ahnung, wo er abgebogen sein könnte oder ob er vielleicht sogar das Stockwerk gewechselt hatte. Sie musste ihn finden!
Plötzlich erschien jemand vor ihr, mit dem sie überhaupt nicht gerechnet hatte. Irritiert blieb Gibbli stehen. Wasser tropfte nach unten und am Boden bildete sich eine kleine Pfütze.
"Bo?"
"Gibbli!"
Über die blassblaue Haut rannen noch vereinzelte Tropfen. Ihre Augen strahlten in einem grellen Orangeton. Erstaunt betrachtete Gibbli die schwarzen Haare, die Bo's Glatze jetzt vollkommen bedeckten. Und dann brach auch schon der Redeschwall über sie herein.
"Endlich finde ich jemanden! Wo seid ihr alle? Ich war kurz auf der Mara und auf der Plattform und überall ist es wie ausgestorben, bin gerade zurückgekommen. Wir haben es versucht, also ich, tagelang, die wollen nichts mit uns zu tun haben! Sie geben uns die Schuld für diese Schlacht beim Mönch. Viele von ihnen sind damals gestorben. Ich versuchte es trotzdem, aber die haben mich gejagt! Das wird nicht funktionieren, wie Sky sich das vorstellt und Nox ist - oh Gibbli, wie siehst du aus? Was ist los mit dir?"
"Ich-"
"Bist du krank? Warum bist du so dürr? Und so blass? Gibbli, was ist passiert? Warum bist du hier eigentlich allein?"
"Es geht mir hervorragend!", murmelte Gibbli genervt, als Bo endlich Luft holte.
"Du willst also nicht darüber reden. Habt ihr kein Essen mehr? Wo sind denn alle? Nicht mal Sam ist da!"
"Sam ist auf der Mara. Sie schläft bestimmt wieder irgendwo."
"Warum?"
Gibbli zuckte mit den Schultern. "Bo, ich muss Abyss finden!"
"Okay, ich helfe dir suchen. Und Sky. Er muss es erfahren, es dauert nicht mehr lange, ich spüre es."
Gibbli fragte nicht nach, was nicht mehr lange dauern würde, es war ihr egal, wovon Bo sprach. Sie dachte nur noch an Abyss. Wahrscheinlich würde er nie wieder mit ihr reden. Bestimmt wollte er sie nie wieder sehen. Aber sie musste es versuchen, sie musste ihm erklären, ja was eigentlich? Dass sie das nicht mit Absicht gemacht hatte? Sollte sie ihm von dem Spiel erzählen? Das konnte sie nicht, dann würde das mit Stevens Name rauskommen. Und irgendwie tat es ihr schon wieder leid, dass sie Djego ernsthaft geschlagen hatte. Er konnte doch nichts dafür, oder? Stevens Aufgabe hatte das alles ausgelöst. Die beiden stiegen weiter nach oben, um den Soldaten auszuweichen. Abyss würde sicher nicht mitten in Jacks Leute hineinlaufen. Verdammt, doch. Genau das würde er tun, wenn er diese unberechenbare Miene aufsetzte. Und da gab es etwas in seinem Gesicht, das Gibbli nicht deuten konnte, nicht deuten mochte. Etwas Trauriges, Verzweifeltes. Würde er sein Versprechen brechen und dieses Zeug wieder trinken?
"Manchmal redet er weniger als du. Aber ich habe ihm vielleicht zu viele Fragen gestellt. Er wollte mir nicht erzählen, wie sein Vater und meine Mutter sich kennen lernten. Ich möchte es doch so gerne wissen."
"Wo ist eigentlich Nox?", fragte Gibbli und unterbrach Bo in ihrem Selbstgespräch. Sie erinnerte sich daran, dass Samantha gesagt hatte, er wäre nicht dort, wo der Kapitän ihn hingeschickt hatte. Erst jetzt bemerkte sie, dass Bo's Halbbruder tatsächlich nicht hier war. Dann fiel ihr auf, dass sie ja gerade von ihm gesprochen hatte.
"Nox ist zu den Tiefseemenschen! Ich verstehe nicht, warum er unbedingt dorthin zurückwill. Er schwamm mir einfach davon, als wir bei den Hochseemenschen waren! Er hielt es von Anfang an für sinnlos, aber ich musste es doch versuchen. Keine Sorge, ich werde ihn schon holen, nur erst muss ich Sky davon erzählen. Wir müssen bereit sein zum Aufbrechen, wir müssen hier weg! Die Frage ist nur wohin? Ich spüre lediglich diese Wand!"
"Welche Wand?"
"Ich verstehe nicht, wie er seinen eigenen Tod nicht sehen kann. Nox kapiert es nicht, er meint, dass die Gabe so nicht funktioniert, dass es anders kommen kann, aber-"
"Still!", unterbrach Gibbli ihre Worte.
Sie befanden sich im zweiten Stockwerk von oben und Gibbli glaubte, etwas gehört zu haben. Die beiden schlichen zwischen zwei Gebäuden in einen Seitengang hinein und versteckten sich hinter ein paar großen Maschinen. Von dort aus krochen sie weiter nach vorne. Da war es wieder, das Geräusch. Ein seltsames Atmen! Gibbli zog ihren Strahler.
"Seit wann hast du-", begann Bo.
"Schhht", zischte Gibbli.
Wieder ertönte dieser schluchzende Laut, wie ein lautes Einschnaufen durch die Nase. Und dann sah sie ihn. Er saß am Boden, halb unter einer Ablagefläche verborgen. Mit dem Rücken lehnte er gegen eine der Konsolen an der gegenüberliegenden Seite des breiten Ganges. Gibbli stutzte, als sie sein Gesicht erkannte. Ungläubig schüttelte sie den Kopf und vergewisserte sich mit einem weiteren Blick, dass das wirklich er war. Abyss weinte? Nein, sie täuschte sich bestimmt. Da waren keine Tränen zu erkennen. Doch Gibbli konnte sich auch nicht daran erinnern, ihn je so gesehen zu haben. Normalerweise wurde er wütend. Nein, dachte sie, er hatte geweint, als der Mönch starb, oder? Aber das hatte sie nicht gesehen. Aber warum sah er jetzt so fertig aus? Sie hatte alles falsch gemacht, oder? Bo erblickte ihn ebenfalls und wollte aufspringen, doch Gibbli umklammerte ihr Handgelenk, zog sie zurück. Kopfschüttelnd bedeutete sie Bo, still zu sein. Abyss war nicht mehr alleine. Da kam jemand auf ihn zu!
Die Waffe in ihrer Hand begann zu zittern. Gibbli dachte zuerst, es wäre ein Soldat, doch dann erkannte sie Sky.
Der Kapitän schritt auf Abyss zu und hielt ihm ein Tuch entgegen. "Hier."
Abyss riss es ihm aus der Hand. "Was soll ich damit? Engagierst du mich jetzt als Putzkraft für die Stadt?"
"Du bist zu alt", antwortete Sky leise und setzte sich neben ihn unter die Konsole.
"Zum Putzen?"
"Abyss."
Abyss starrte auf das Tuch in seinen Händen. "Ich werd dreißig, Sky. In ein paar Wochen."
"Du bist fast zehn Jahre jünger als ich."
"Neun Jahre, ein Tag und drei Stunden."
"Dein Gedächtnis ist hervorragend."
"Natürlich. Ich muss mir schließlich auch viele fast der Wahrheit entsprechende Geschichten merken."
"Du wärst so gut gewesen. Ich verstehe nicht, warum sie dich nicht annahmen. Bei deinem Talent hättest du zehn Stipendien bekommen können."
Abyss schwieg einen Moment, dann sagte er leise: "Vielleicht haben sie das ja."
Sky runzelte die Stirn. "Erkläre das."
Abyss zuckte mit den Schultern. "Ich war genau zwei Tage auf der Akademie. Zwei Tage und fünf Stunden. Die größte Verschwendung meines Lebens, bis ... naja, du weißt schon."
"Du warst ... nur wegen ihm dort. So hast du es also getan."
"Mhm."
"Es sollte mein erster Fall werden, aber ich war nicht im Stande, die Ermittlungen zu leiten. Jack hat das übernommen. Kurz bevor er zum Führer ernannt wurde."
Abyss nickte.
"Jack wusste immer, dass du es warst. Aber er hat es mir nie erzählt."
"Er konnte es auch nie beweisen", murmelte Abyss.
"Zu deinem Glück."
"Das war sicher kein Glück."
"Manchmal bist du arroganter als Steven. Also warfen sie dich nicht raus."
"Nein. Ich bin gegangen. Ich wollte nie auf die Akademie."
"Es ging dir nur darum, ihn zu erwischen. Ich verstehe das. Es ist okay."
"Ja. Du wusstest bereits, dass ich es war. Nicht dass ich mich deswegen schuldig fühlen würde, ich tu's nicht, aber warum hast du mich trotzdem in deine Crew aufgenommen?"
"Ich denke, du weißt warum."
Abyss starrte wieder auf sein Tuch.
"Das verstehe ich nicht", flüsterte Bo.
Gibbli schüttelte den Kopf, damit sie still war. Sie verstand ebenfalls nicht, worum es ging, doch offensichtlich kannte Abyss den Grund, denn er nickte.
"Du liebst mich", sagte Abyss leise.
Sky fuhr sich mit einer Hand über das Gesicht. "So etwas nennt man Freundschaft, Abyss."
"Natürlich", murmelte Abyss sarkastisch. "Mir war nicht bewusst, dass eine Freundschaft gewisse Dinge beinhaltet, wie-"
"Wann begreifst du das endlich?", fuhr Sky ihn genervt an. "Noch ein Wort darüber und-"
"-und was? Willst du mir den Mund zukleben? Für sie würde ich es jederzeit wieder tun."
"Ich will damit sagen, dass es sinnlos ist, darüber zu sprechen. Nach welchem Befehl hast du gehandelt? Nach meinem, Abyss! Ich bin dein Vorgesetzter, vergiss das nicht. Nein, spare dir die Erwiderung, dass du niemandem folgst, denn du folgst mir."
Abyss atmete tief ein und sagte düster: "Natürlich Sir, was immer du verlangst, mein geliebter Kapitän."
"Hör auf, mir die Worte im Mund zu verdrehen", sagte Sky ruhig.
Abyss' Stimme war kaum zu hören, als er nach einer Weile flüsterte: "Ich wollte es nicht, Sky. Ich wollte das nicht."
"Ich weiß."
Abyss senkte den Kopf und fuhr sich mit beiden Händen durch die Haare.
"Aber darum geht es jetzt ebenfalls nicht", fuhr der Kapitän fort. "Nicht darum und auch nicht darum, was damals geschah."
"Was damals geschah. Ouh ... das wollte ich allerdings schon. Dafür wirst du von mir keine Entschuldigung hören."
"Hatte ich auch nicht erwartet", sagte Sky.
"Diese Lockenkopffratze hat zu der Zeit sicher noch in seine dreckigen Windeln gemacht."
Sky nahm einen tiefen Atemzug und sagte dann: "Ich nehme an. Er ist ziemlich genau zehn Jahre jünger als du."
"Ist doch egal. Wie kannst du so einen Scheiß wissen?", murmelte Abyss, während er sich mit dem Tuch über seine Stirn wischte.
"Ach, das weißt du nicht? Du merkst dir auch nur, was du dir merken willst." Sky schmunzelte, dann wurde sein Blick wieder ernst. "Und ich merke es mir nicht, Abyss. Ich zeichne diese Daten auf. Das ist meine Pflicht. Jeder Flottenführer führt Logbucheinträge. So etwas könntest du dir auch angewöhnen."
"Ganz sicher nicht." Abyss lehnte sich nach hinten an die Wand und schloss die Augen. "Wir haben nicht mal ein Viertel unseres Lebens hinter uns. Das ist nichts."
"Für uns ist das viel", gab der Kapitän zu bedenken. "Männer wie wir sterben nicht an Altersschwäche. Ich sage dir, wie du sterben wirst. Mit einer Kugel im Kopf oder einem Messer im Rücken."
"Oder durch Gift", stimmte Abyss leise zu. Für ein paar Sekunden sagte niemand etwas. Dann öffnete er die Augen und sah Sky an. "Es sollte mir egal sein. Das war es doch immer. Mein ganzes Leben lang. Dein Vater war es und all die anderen, die danach kamen. Und die Sache mit Jack lässt sich ... sicher irgendwann regeln. Vielleicht. Aber das hier, ist es nicht. Es ist mir nicht egal. In meinen Träumen sehe ich ihn, Sky. Wie er sie in seinen Armen hält. Wie sie ihn anlacht. Mit dem Lachen, das ich ihr schenkte! Das Lachen, das ... das mir gehören sollte."
Sky schwieg.
"Wenn ich ... wenn ich so alt wäre wie dieser Brettmensch ..."
"Djego", berichtigte ihn der Kapitän.
"Wenn ... wenn ich auf die Akademie gegangen wäre ..."
"Was wäre, wenn. Ein sinnloses Gedankenspiel, das niemals zu etwas führt, weil das wenn nicht ist."
Abyss nickte und starrte dann auf die gegenüberliegende Seite des Ganges. Gibbli duckte sich schnell und versuchte, Bo nicht anzusehen, die leise neben ihr kauerte.
"Du hast zwei Möglichkeiten, Kapitän. Du tötest mich. Jetzt. Oder ich töte ihn."
"Die Menschen denken immer, zur falschen Zeit geboren zu sein", sagte Sky. "Im falschen Jahr. Am falschen Ort. Im falschen Körper ... Aber am Ende stellt sich immer heraus, dass es keinen besseren Zeitpunkt gab als jetzt. Keinen besseren Ort als hier. Und als in dir."
"Ich töte ihn. Ich töte ihn. Ich töte ihn. Ich ..."
Sky packte ihn an den Schultern. "Jetzt reiß dich zusammen!"
"Nein, verdammt, du hast doch keine Ahnung!", fuhr Abyss ihn an.
"Sag das nicht, weil es nicht wahr ist. Und du weißt das! Dennoch muss ich dich daran erinnern, es gibt jetzt Wichtigeres."
Missbilligend rümpfte Abyss die Nase. "Jaja, wir werden alle vernichtet. Scheiß drauf! Geh doch mit dem Goldklumpen seine Weltuntergangsparty feiern!"
"Abyss-"
"Nein, verdammt! Ich schaff das nicht mehr!"
Im nächsten Moment holte der Kapitän aus und schlug zu. Gibbli stieß erschrocken die Luft aus. Abyss kippte etwas zur Seite, den Kopf von ihm abgewandt und machte nicht einmal den Versuch sich zu wehren. Mit offenem Mund starrte er vor sich hin.
"Verflucht!", rief Sky "Wo bist du, Abyss?"
Abyss bewegte sich nicht.
"Falls sie ihn mag, musst du das akzeptieren!"
Langsam hob Abyss den Kopf und die beiden Männer blickten sich direkt an. "Das tut sie nicht. Ich töte ihn."
"Du warst auch einmal kreativer."
"Er hat keine kreative Methode zu sterben verdient."
"Du wirst ihn in Ruhe lassen", sagte Sky eindringlich.
"Es ist falsch! Er ist ein Arschloch!"
"Und du etwa nicht?"
"Ich bin ... ich will ... ich will, dass sie glücklich ist."
"Dann lass es."
"Aber sie wird nicht glücklich mit ihm sein!"
"Dann muss sie das selbst erkennen. Abyss, wenn sie ihn tatsächlich mag und du ihn beseitigst, wird sie dir das nie verzeihen."
Abyss schloss die Augen und lehnte sich wieder zurück. Gibbli hatte das unangenehme Gefühl zu fallen. Die beiden redeten über sie. Und Bo hörte alles mit. Gibbli nahm wahr, wie Bo sie prüfend musterte. Und sie schämte sich vor ihr und vor dem Kapitän.
"Wahrscheinlich verdient Gibbli eine Entschuldigung von mir", sagte Sky nach einer Weile.
"Wieso?", fragte Abyss düster.
"Gestern auf der Mara, ich wollte sie nicht wegschicken, ich war aufgewühlt, als ich erfuhr, was Jack verlangt. Einfach nur weil er es ist. Sie wird das sicher reparieren."
Abyss nickte. "Hat sie schon."
Sky lächelte kurz. "Sie ist gut."
Gibbli schluckte peinlich berührt in ihrem Versteck. Abyss schnaubte und zuckte mit den Schultern.
"Du warst auch einmal gut in dem, was du tatest", sagte Sky angriffslustig. "Stattdessen sitzt du jetzt hier und heulst."
"Ich heule nicht."
"Natürlich nicht, du tust nur so. Ich will, dass du aufstehst."
"Lass mich in Ruhe", erwiderte Abyss müde.
"Das ist im Moment nicht möglich, Abyss. Sag mir, was du planst."
"Nichts."
Der Kapitän packte ihn wieder an den Schultern.
"Rede mit mir! Dein Plan hat sich geändert und ich will wissen, was du jetzt vor hast!"
"Das geht dich einen Scheißdreck an", gab Abyss zurück, jedoch mit so gelassener Stimme, als wäre ihm alles egal. "Mach doch was du willst."
"Was ich will? Ich will den Kerl zurück, der mich anbrüllt, wenn man ihn schlägt! Wo ist er hin?"
"Weg."
"Dann hol ihn wieder her. Weil ich ihn jetzt brauche!"
"Fick dich!", schrie er Sky genervt an.
"Abyss, hast du gehört, was ich eben sagte? Ich brauche dich!"
"Du. Brauchst. Mich?", wiederholte er ungläubig die Worte. "Hast du nicht schon genug von mir?"
"Nein", sagte der Kapitän jetzt etwas ruhiger. "Du wirst mich begleiten. Zu Jack."
Abyss schüttelte langsam den Kopf. "Nein", flüsterte er leise, als wäre es das letzte, was er in diesem Moment tun wollte. "Nein, sicher nicht."
"Ich gehe nicht ohne dich dort hinunter. Lieber würde ich mich tausenden von seinen Leuten stellen, als ihm. Ich kann nicht ... ich werde ihm nicht allein gegenübertreten."
"Ist das ein Befehl, Kapitän?"
Sky schüttelte langsam den Kopf. "Nein, Abyss. Ich bitte dich." Er hielt kurz inne und sprach dann weiter. "Als mein bester Freund."
Abyss blickte ihn ausdruckslos an. "Sky, das ist ..."
"Ja oder Nein?"
Abyss zögerte einen Moment. Dann nickte er. "Aber es wird das letzte sein, was ich für dich mache."
"Einverstanden."
 
"Gibbli", sagte Bo kurze Zeit später, als die beiden Männer hinunter in die Stadt stiegen. "Ich glaube, wir hätten das nicht hören sollen."
"Er kann Djego nicht leiden", flüsterte Gibbli betrübt.
"Dieser Soldat aus Skys alter Flotte?"
Sie nickte.
"Es wird das letzte sein, was er macht. Was bedeutet das?", fragte Bo.
Gibbli zuckte mit den Schultern. Sie zögerte, dann begann sie leise zu sprechen. "Manchmal stelle ich mir vor, wie ich mir den Kopf von meinem Hals reiße, ihn mit Ketten umwickle und eine Botschaft hinein stecke, auf dem MEINS steht und ihn mir dann mit einem Schweißbrenner wieder dran mache. Verstehst du Bo? Meine Gedanken gehören mir! Aber er geht einfach nicht mehr aus meinem Kopf raus!"
Bo musterte sie stirnrunzelnd. "Du hast ihn gern", stellte sie dann fest.
"Nein ... ich meine ... vielleicht, ich ..." Gibbli schüttelte den Kopf "Ich bin mir nicht sicher, ob ich ihn gern haben will."
"Abyss hat dich gerne." Sie sagte das, als wäre es das normalste auf der Welt.
"Nein. Nicht mehr." Nach allem, was sie getan hatte, was Djego getan hatte, konnte Abyss gar nichts anderes tun, als sie zu hassen.
"Das glaube ich nicht. Wir sollten ihnen hinterher und das klären. Und ich muss unbedingt mit Sky sprechen. Gibbli, das was ich dir jetzt sage ist wichtig, also hör gut zu, denn ich werde nicht mehr lange hier sein."
"Wo gehst du hin?"
"Das ist jetzt nicht wichtig. Nox sagt, ich soll es dir nicht sagen, aber-"
"Dann sag es nicht", unterbrach Gibbli Bo's Worte.
"Aber ich hab es gesehen."
"Ist das wie damals, als du gesehen hast, dass ich angeblich hier in der Stadt gestorben wäre?"
"So ähnlich." Bo nickte. "Nox sagt, ich sah deinen Tod, doch du bist nicht gestorben."
"Ich hätte sterben sollen", flüsterte Gibbli.
"Was? Nein, das stimmt nicht. So meinte ich das nicht."
Aber ich meine es so, dachte Gibbli.
"Hör zu, ich dachte es nur. Ich habe das falsch interpretiert. Ich dachte, wenn du in dieser schwarzen Kugel verschwindest ... ich sah nicht, was dahinter kommt. Ich dachte, es wäre zu Ende, nicht, dass dieses Ding ein Portal ist. Ich wusste nicht, was es war. Aber darum geht es nicht. Es geht nicht um dich."
Sie versuchte, Bo zu folgen. Es fiel Gibbli schwer, sich auf ihre Worte zu konzentrieren und nicht abzudriften und den Gedanken zu verfolgen, dass sie vielleicht einfach wirklich hätte sterben sollen. "Um was dann?", fragte Gibbli leise.
"Es gibt einen Punkt, über den ich nicht hinaus sehen kann. Nox kann oder will es nicht wahrhaben."
"Du meinst, nicht ich werde sterben, sondern du?"
"Ich ... ich weiß es nicht. Manchmal habe ich das Gefühl wir alle werden sterben. Aber irgendwie auch nicht. Gibbli, du musst dich an Sky halten. Egal was passiert. Wenn ich ... wenn mir etwas passieren sollte, halte dich immer an unseren Kapitän. Er beschützt uns. Vor allem. Du wirst sehen."
"Geh auf die Mara!" Entschlossen blickte Gibbli sie an.
Bo runzelte fragend die Stirn über diese plötzliche Stimmungsänderung. "Aber ich muss es Sky sagen, wir müssen hier weg und dann wollte ich wieder los und nach Nox suchen."
"Das Marahang könnte Sam vielleicht helfen", sagte Gibbli. "Sie ist doch ständig so müde."
"Sam braucht Hilfe? Warum sagst du das erst jetzt? Du meintest doch, sie schläft nur? Was ist mit ihr?"
"Keine Ahnung."
"Gibbli, das Marahang geht hier nicht! Ich spüre bereits jetzt, wie meine Kraft schwindet, ich dachte eigentlich, dass es wieder funktioniert. Im Gebiet der Hochseemenschen tat es das, aber als ich zurück Richtung Akademie tauchte, hörte es plötzlich wieder auf, sich zu drehen!"
"Das sind die Störsender. Sky will Jack dazu bringen, dass er sie abschaltet. Aber auf der Mara wird es funktionieren. Das U-Boot besitzt einen Schutzschild. Geh zu ihr."
"Und was ist mit dir?"
"Ich ... ich komme gleich nach."
Bo zögerte. Doch Gibbli blickte ihr fest in die Augen und die Hybridenfrau nickte unsicher. Gibbli wartete, bis sie außer Sicht war. Dann machte sie sich ebenfalls auf den Weg nach unten. Doch sie schlug nicht den Weg zur Mara ein. Entschlossen schlich Gibbli durch die Gänge der Stadt. Sky und Abyss würden Jack treffen. Das bedeutete ein Gespräch mit ihnen war jetzt nicht möglich. Aber das war okay. Gibbli würde diese Sache jetzt trotzdem endgültig klären. Sie machte sich auf die Suche nach Djego. Sie würde ihm sagen, dass dieser Kuss nicht beabsichtigt war, dass sie das nicht gewollt hatte. Und danach würde sie sich mit Abyss unterhalten. So wie früher. Sie würde ihm vielleicht sogar sagen, wie sehr er ihr gefehlt hatte. Und danach würde sie Steven zur Rede stellen, ihm sagen, dass er keine neue Aufgabe mehr von ihr bekommen würde und ihm dann so lange auf die Nerven gehen, bis er Gibbli zu dieser Maschine brachte, die er gebaut hatte. Diese Maschine, die angeblich alles vernichten sollte. Alles war reparierbar. Er konnte ihr nicht erzählen, dass es nicht möglich sei. Gibbli bekam alles wieder hin. Sie war gut darin. Sky hatte das gesagt und wenn ihr Kapitän das sagte, dann musste es stimmen. Sky log nicht. Niemals.
 
Gibbli fand Djego in Stockwerk 19. Als sie ihn erblickte, schwand ihr Mut. Kurz taumelnd stützte sich ihr Arm an der Wand ab. Gibbli wünschte sich für einen Moment, sie hätte heute einmal das Frühstück nicht ausgelassen. Dann stutzte sie. Was tat er da? Neugierig trat Gibbli um einen goldenen Tisch herum, um ihn besser beobachten zu können. Djego kauerte auf der Seite eines Weges zwischen zwei Gebäuden und blickte nach unten.
Als er sich nach ein paar Sekunden noch immer nicht bewegte, gab sie sich einen Ruck und sprach ihn an. "Djego?"
Er fuhr erschrocken hoch, sprang ohne Vorwarnung auf und presste sie gegen die Wand des Gebäudes. Bevor Gibbli schreien konnte, hielt er ihr den Mund zu und seine Waffe an den Kopf. Ihre Bewegungen erstarrten. Panik kroch in ihr hoch, als sein Gesicht sich dem ihren näherte. Gibblis Atem beschleunigte sich. Sie spürte die Spitze seines Strahlers an der Seite ihrer Stirn. Langsam wanderte das Metall ihren Körper hinab. Ihre Augen weiteten sich, als er zwischen ihren Beinen innehielt. Unruhig versuchte sie, sich von ihm wegzudrehen.
"Schhht. Kein Grund zur Sorge, Freundin. Ein perfekter Moment, nicht wahr? Wir beide, ganz allein. Möglicherweise der richtige Ort. Aber der falsche Zeitpunkt." Seine Stimme bestand aus nichts weiter als einem Hauch, doch er sprach so nahe an ihrem Ohr, dass Gibbli jedes Wort verstand. "Ich lasse dich jetzt los, aber du musst leise sein. Hast du das verstanden?"
Schnell nickte sie.
"Ich meine das ernst. Kein Mucks, sonst muss ich schießen."
Gibbli schnappte nach Luft, als er sie losließ. Ihre Finger krallten sich an der Wand hinter ihr fest.
'Ich will das nicht!', flüsterte sie mit heißerer Stimme. "Djego, der Kuss-"
Sofort stürzte er wieder auf sie zu und hielt ihr die Waffe erneut an den Kopf. Sie wand sich in seinem Griff.
"Du willst das nicht?", zischte er. "Aber das machen Menschen, die zusammen sind!"
"Ich bin kein Mensch!", wollte sie schreien, doch er hielt ihr wieder den Mund zu. Zusammen sein? Was bedeutete das denn? Sie war allein! Sie brauchte nicht zusammen sein!
"Lass mich dir nicht weh tun müssen. Nicht jetzt, okay? Sei leise, du bringst uns beide in Gefahr." Seine Stimme klang jetzt etwas freundlicher. "Lass uns das später klären, ja? Ich zeige dir etwas. Ein Geheimnis." Seine Lippen berührten für einen Moment ihr Ohr. Djego drehte sich von ihr weg, ohne sich noch einmal nach ihr umzusehen, und trat an die gegenüberliegende Mauer. Dort hockte er sich neben eine Maschine auf den Boden. Er blickte auf und winkte sie mit einer Hand heran. 'Komm her', formten seine Lippen lautlos.
Unsicher wägte Gibbli ihre Möglichkeiten ab. Für einen Moment wurde ihr wieder schwindlig. Dann fiel ihr Blick auf das Loch vor ihm. Es erstreckte sich fast einen Meter breit neben der Maschine am Rand entlang der Wand. Da befand sich eine Lücke im Gitter! Vorsichtig trat Gibbli näher heran, möglichst darauf bedacht, Djego nicht zu berühren. Kurz trafen sich ihre Blicke, als sie neben ihm in die Hocke ging. Sie stützte sich am Rand der Öffnung ab, um hinab zu sehen. Dort erstreckte sich der Hof des darunterliegenden Stockwerks. Und direkt unter ihnen standen die wahrscheinlich mächtigsten Männer des gesamten Ozeans. Der oberste Führer des Landmenschengebietes, Jack Kranch und dessen ehemaliger Nachfolger, ihr Kapitän, Skarabäus Sky.
Aufgeregt wich Gibbli zurück. "Sehen sie uns?"
Djego schüttelte den Kopf und legte einen Finger auf seine Lippen. "Aber möglicherweise können sie uns hören. Verstehst du jetzt, warum ich dir den Mund zuhalten musste?", fragte er kaum hörbar.
Misstrauisch blickte sie ihn an, doch ihre Neugierde siegte. Gibbli beugte sich wieder über die Lücke. Da stand Jack, in seiner Uniform. Und direkt vor ihm Sky. So eindrucksvoll und einnehmend, dass Gibbli die Entschlossenheit des Kapitäns bis hier hoch spürte. Wahrscheinlich wäre jeder, der ihm gegenüber gestanden hätte vor ihm zurückgewichen. Doch es war Jack, der vor ihm stand und Jack würde niemals vor ihm zurückweichen. Die Spannung dort unten konnte nicht größer sein.
"Ich will, dass er geht", knurrte Jack.
"Er bleibt", gab Sky mit rauer Stimme zurück.
Gibblis Blick wanderte weiter nach hinten und fast erschrak sie wieder, als sie ihn erblickte. Da stand Abyss mit einem Ausdruck, den sie bei ihm noch nie gesehen hatte. Sein todbringender Blick schien Jack aufzusaugen. Seine Miene wirkte so kalt, dass Gibbli beinahe zu frieren begann. Wenn sie je gedacht hatte, Abyss würde ihr gegenüber manchmal furchterregend auftreten, um seinen Willen durchzusetzen, hatte sie sich wohl geirrt.
"Deine Respektlosigkeit verletzt mich! Wir hatten abgemacht allein! Ich mag ihn nicht! Er ist unberechenbar", rief Jack missbilligend. "Du weißt, wen ich will!"
Abyss fletschte die Zähne und trat einen Schritt auf die beiden zu. "DU-"
Er hielt inne, als Sky einen Arm hob und ihm bedeutete, ruhig zu bleiben. Dabei drehte sich der Kapitän nicht einmal um, sondern fixierte weiterhin Jack.
"Du kennst meine Antwort, Jack", sagte er, mit einem warnenden Unterton, der Gibbli die Haare aufstellte. "Unterstehe dich, meinen Leuten zu drohen, du sprichst nur mit mir! Wenn du noch einmal an ihn oder an sonst jemanden aus meiner Crew das Wort richten solltest, werde ich dich auf der Stelle erschießen. Ich habe deine Nachricht an Abyss auf dem Informationsstick gelöscht. Und keine Sorge, er wird nicht näher kommen. Er steht dort hinten. Und er bleibt. Ich habe meine Leute unter Kontrolle."
Jack lachte auf. "Du hast ihn unter Kontrolle, ja. Dank meiner Hilfe."
Ohne Vorwarnung schlug Sky zu.
Gibbli stieß überrascht die Luft aus. "Hat er gerade-"
"Sei still!", zischte Djego neben ihr.
"Das war ... gut." Jack rieb sich das Kinn und wischte sich etwas Blut ab. "Mach es noch mal Sky. Da fehlen noch ein paar, meinst du nicht auch?"
Wieder schlug Sky hart zu. Und er tat es nicht halbherzig, wie er es bei Abyss getan hatte, sondern fest. Gibblis Training mit ihm waren dagegen sanfte Berührungen gewesen.
Jack rappelte sich auf. Doch er wirkte nicht wütend, auch wenn ihm die Schmerzen sichtlich zu schaffen machten. "Ich dachte mir ... dass du ... mir nicht alleine gegenübertreten wirst. Darum habe ich Vorkehrungen getroffen."
Hinter ihm tauchten mehrere Soldaten auf und richteten ihre Waffen auf Sky. Dieser blieb unbeeindruckt.
"Nur zum Ausgleich. Du verstehst?"
"Weil wir ja so viel mehr sind", knurrte Abyss und seine Hände wanderten in den dunkelblauen Mantel. Doch ein Kopfschütteln von Sky hielt ihn davon ab, seine Messer zu ziehen.
"Schalte die Störsender ab!", befahl der Kapitän.
"Bleib bei mir und ich tue es", gab Jack zurück. "Du darfst mich auch schlagen, genau hier her." Er zeigte auf seine Wange. "Was meinst du?"
"Nein."
"Dann bring mir das Mädchen und ich denke darüber nach."
"Meint er mich?", flüsterte Gibbli.
"Er will dich töten, schon vergessen?", sagte Djego leise. Mit einem unguten Gefühl registrierte sie, dass er ihr näher gekommen war.
Sky unter ihnen schüttelte den Kopf. "Du rührst niemanden aus meiner Crew mehr an! Nur über meine Leiche."
"Das lässt sich einrichten."
"Nein, das lässt es sich nicht und die Antwort auf das Warum kennen wir beide, Jack."
Ein paar Sekunden sagte niemand etwas. Dann zuckte Jack resignierend die Schultern. "Schön. Meinetwegen. Dann kannst du genauso gut hier verschwinden."
"Nein! Ich habe diesem Treffen zugestimmt! Du erwartest diesen Moment seit Tagen! Ich bin hier. Jetzt. Halte die Abmachung!"
"Aber wir sind nicht allein."
Sky schüttelte den Kopf. "Du vernichtest uns, alle! Du musst sie abschalten!"
Plötzlich packte Djego Gibbli am Arm. "Da kommt jemand!", flüsterte er. "Weg hier!" Bevor sie etwas tun konnte, zog er sie mit sich und sie flüchteten durch eine Gasse zu einer Rampe. Während sie ein Stockwerk nach oben rannten, blickte sich Gibbli um. Für einen Moment glaubte sie, etwas Goldenes mit einer der Wände verschmelzen zu sehen, doch sie war sich nicht sicher. Als sie sich ein paar Schritte später erneut umdrehte, sah sie nur noch die Wand.
Am Ende der Rampe blieben sie im Hauptgang stehen. Gibbli wurde schwarz vor Augen und fast wäre sie umgekippt, hätte Djego sie nicht gestützt.
"Hey, was ist mit dir los? Hat dich jemand getroffen?", fragte er unsicher.
Ein paar Sekunden rang sie nach Luft, dann schüttelte Gibbli den Kopf. "Ich glaube, es war nur Steven." Ihre Sicht verschwamm und sie presste die Augen zusammen, um wieder klar sehen zu können.
Als Gibbli sie nach einer Weile wieder öffnete, hielt Djego noch immer ihre Schultern fest. Ein paar Minuten schienen vergangen zu sein. Sie wünschte sich, er würde sie endlich loslassen.
"Dieser Steven also. Woher genau kommt er eigentlich?"
Gibbli schwieg. Wenn Djego wüsste ... Dann riss sie erschrocken den Mund auf. Gefolgt von einer dunklen Gestalt stürmte ein heller Schatten direkt auf die beiden zu.

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