Kapitel 2: Das Spiel (Bis in die tiefsten Abgründe)

„Er ist tot“, flüsterte sie und schreckte schweißüberströmt hoch. Sie hatte wieder von ihm geträumt.
Stevens Blick ließ sie ein weiteres Mal erschrecken. Keine grauen Pupillen, sondern goldene. Richtig, dieses Monster befand sich ja auch noch hier. Da hockte er und starrte sie an, hatte sich kein Stück von seinem Platz wegbewegt. Anscheinend benötigte er keinen Schlaf. Gibbli wollte sich nicht vorstellen, was er tat, während sie es nicht mitbekam. Schnell atmend lehnte sie sich zurück und versuchte sich zu beruhigen.
„Er war ein interessantes Individuum, nicht wahr? Dein Mensch.“ Mit einem Ausdruck, als würde jeden Moment die Welt untergehen, fuhr Steven fort. „Er hatte keine Angst vor mir. Widersprach mir jedes Mal, wenn wir uns begegneten, selbst wenn er ganz genau wusste, dass er nicht im Recht war. Das machte Spaß. Ein lustiger Kerl und nervig. Ich habe verfolgt, wie er aufwuchs. Wie er wurde, was er ist … war. Vergiss ihn. Du wirst ihn nie wieder sehen.“
Düster hob sie den Kopf. Dieses dumme Wasser prasselte noch immer auf die Decke, aber wenigstens nicht mehr so stark.
„Es war nicht die Geige“, sagte Steven nach einer Weile.
„Was?“
„Nu. Der Ton. Denkst du, ich erkenne den Klang nicht? Den wunderschönen Klang …“
Gibbli blickte ihn überrascht an. „Er hat … nicht gespielt? Aber dieser schräge Ton …“ Sie hatte ihn doch gehört! Kurz bevor Ocea aus ihrer Sicht verschwunden war und das Portal sie aufgesogen hatte.
„Du täuschst dich. Hörst du sie erst, wird dir klar, du hast nie etwas Schöneres wahrgenommen! Du wirst dich schwerelos fühlen, du wirst schweben, wenn die Töne durch dich hindurch strömen, dein Herz wird schmelzen, die Zeit wird für dich still stehen, für eine halbe Ewigkeit.“ Seine träumerische Miene verschwand. „Nein. Der Ton, den du hörtest, war hässlich. Ich sage dir, was es war. Ein Schuss, Mädchen.“
„Ein Schuss?“, fragte sie ungläubig.
„Eure Waffen klingen anders in Ocea. Der Druck, du verstehst?“
Gibbli öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Sie begriff und lehnte sich betrübt zurück.
„Es war Sky. Dein ehrenhafter Kapitän. So nobel, so anständig, so pflichtbewusst. Tut das, was getan werden muss. Der gigantische Held“, fuhr Steven theatralisch seufzend fort. „Hat ihn erschossen, bevor der erste Ton erklang. Tragisch.“
Sie nahm einen tiefen Atemzug und flüsterte: „Was macht es für einen Unterschied, wie er starb?“
„Den, dass dein Kapitän wahrscheinlich noch am Leben ist.“
Was kümmerte sie all das noch, sie würde ihren Planeten nie wieder sehen. Sie würde ihn nie wieder sehen. „Das Portal hätte mich umbringen sollen.“
„Tss. Unsere Portale arbeiten immer zuverlässig. Warum sollte es das tun?“
„Weil du sagtest, die Struktur muss übereinstimmen, es sei nur für oceanische Spezies gedacht?“
Steven zuckte mit den Schultern. „Ich log eben.“
„Ich will sterben“, sagte sie leise. „Ich hasse dich.“
„Nein, nein, nein, du liebst mich.“ Seine weinerliche Miene änderte sich abrupt und die goldenen Zähne blitzten auf, als er sie anstrahlte. „Ja, das tust du.“
Gibbli schwieg. Irgendwann würde sie ihren Schraubenzieher nehmen und so lange auf ihn einschlagen, bis er aufhören würde zu existieren.
„Komm schon Mädchen, was hätte ich denn tun sollen? Ihr wart so viele und ich allein. Ich brauchte ein Druckmittel. Ihr hättet mich umgebracht! Aber hier her zurückzukommen, war das letzte, was ich wollte. Aber vergiss, was war. Denk nicht darüber nach, was sein wird. Wir sind jetzt. Solange du lebst, wirst du dich nie in einer anderen Zeit befinden als jetzt“, sagte Steven munter.
Ein Satz, der von Abyss stammen könnte, dachte sie verbittert und flüsterte müde: „Ich mag das jetzige Jetzt nicht.“
„Darum ändern wir es. Wir machen es schöner. Ich helfe dir. Lass uns etwas spielen.“
„Spielen?“, fragte Gibbli ungläubig.
„Ja genau. Das machen wir. Du hast Angst, die Kontrolle zu verlieren, oh ja. Du fürchtest dich davor, ein Oca zu sein. Aber ich versichere dir, du wirst die Kontrolle verlieren. Und du wirst es lieben, wenn du erst einmal schwerelos warst. Ich bringe dich zum Schweben. Ich stelle dir eine Herausforderung!“
„Ich will nicht herausgefordert werden.“
„Doch mein Schatz, das willst du. Mara und Jeff haben es geliebt, das Spiel. Und ich liebte es. Du wirst es ebenfalls mögen. Pass auf!“ Er hob theatralisch seinen Zeigefinger in die Höhe. „Vielleicht werde ich immer ein Mog sein, aber ich fühle mich nicht wie einer. Jedenfalls meistens. Ich bin wahnsinnig gerne ein Oca. Ein Verräter meines Volkes. Das ist es wert. Ich habe dir mein größtes Geheimnis verraten. Jetzt bist du dran. Spiel mit mir! Traust du dich, wie ein Oca zu sein?“
„Ich trau mich nicht.“ Sie wandte sich von ihm ab.
„Nein! Nein, nein, nein! So funktioniert es nicht, Mädchen! Ich stelle dir eine Aufgabe und du musst sie lösen!“
„Warum sollte ich?“
„Ja. Das ist die große Frage. Ich sage dir warum.“ Er kam näher auf sie zu. „Weil du mir dann auch eine stellen darfst. Wer die Herausforderung löst, ist als nächstes dran.“
„Du wirst jede Aufgabe erfüllen, die ich dir stelle?“, fragte sie ihn ungläubig.
„Jede“, antwortete er, ohne zu zögern. „Das ist die Regel.“
In ihrem Kopf entstanden ganz neue Möglichkeiten. War das sein Ernst? Nein, war das ihr Ernst? Wie konnte sie auch nur in Erwägung ziehen, bei so etwas mitzumachen? Etwas freiwillig zu tun, was er ihr befahl zu tun, das war Wahnsinn! Es handelte sich um Steven! Auf seine kranken Vorstellungen konnte sie verzichten.
„Ich will das Spiel nicht spielen“, sagte Gibbli, obwohl sie ahnte, dass ihm das nicht interessierte.
Er lachte hysterisch, hielt dann inne und sagte ernst: „Zu spät Mädchen, du steckst schon mitten drin.“
„Wir haben noch gar nicht angefangen!“, rief sie aufgebracht.
Bevor Gibbli reagieren konnte, packte er ihre Arme und presste sie gegen eine Seitenwand. Angeekelt betrachtete sie sein Gesicht.
Ihre Nasenspitzen berührten sich, als er zu sprechen begann: „Ich mag vielleicht meinen Einfluss auf dich verloren haben, aber ich versichere dir, von meiner Stärke habe ich nichts eingebüßt. Ich bin ein Oca. Ich könnte dich zu ganz anderen Dingen zwingen, wenn ich wollte. Wie wäre es, wenn ich sein Messer nehme und damit ein paar nette Dinge in deine Haut ritze? Ein paar neue Knochenbrüche würden auch nicht schaden. Oder weißt du was, ich wollte schon immer wissen, wie du von innen aussiehst.“
Gibbli schluckte. Streichend wanderte eine seiner Hände an ihrem Körper hinunter, über ihre Brust, ihren Bauch, hinab über ihren Oberschenkel, bis hin zu ihrem Stiefel.
„Das wagst du nicht“, flüsterte Gibbli.
„Nicht? Halt mich auf.“ Er begann Abyss‘ Messer hervorzuziehen. Stück für Stück.
„Fass es nicht an! Es gehörte ihm!“
Steven hielt inne. „Wenn du möchtest, bleibt es, wo es ist. Vorerst. Im Moment genügt es mir, zu spielen. Wir spielen das Spiel! Ich will spielen! Also wirst du spielen! Sind wir uns einig?“
Gibbli nickte schnell. „Aber ich beginne das Spiel, nicht du“, verlangte sie.
Mit einem Ruck schob er das Messer zurück in ihren Stiefel. Dann löste er sich von ihr und trat einen Schritt nach hinten. Zufrieden blickte er Gibbli an. „Das ist mein Mädchen. So verhält sich ein wahrer Oca. Ich bin einverstanden. Du darfst anfangen.“
„Du wirst mich nie wieder anfassen“, sagte sie sofort. „Das ist meine erste Aufgabe an dich. Du wirst mich nie wieder berühren, mir nie wieder nahe kommen!“
„Nein.“
„Nein?“ Entrüstet blickte sie Steven an. „Es war deine Idee! Also halte dich an die Regeln.“
Er schüttelte den Kopf. „Keine nie wieder Aufgaben. Das ist eine Regel.“
„Die hast du gerade erfunden!“
„Habe ich nicht. Die Herausforderungen müssen in absehbarer Zeit abschließbar sein. Natürlich kannst du auch langweilige Aufgaben stellen. Und wenn du willst, dass ich dich für ein paar Minuten eurer Zeiteinheit nicht mehr ansehe, bitte. Aber wo bleibt dann der ganze Spaß? Es geht um das Gefühl, das man dabei hat, etwas Verbotenes zu tun oder etwas, was man sonst nie machen würde. Um die Angst, die Aufregung! Es geht um die Schwerelosigkeit, die man spürt, wenn man etwas macht, wovon man genau weiß, dass man es nicht tun darf oder sollte. Kurz, darum zu leben wie ein Oca.“
Gibbli verschränkte die Arme. Darauf hatte sie keine Lust.
Steven schloss die Augen und seufzte. „Na schön. Eine Menschenstunde. Ich lasse dich eine Stunde eurer Zeitrechnung lang in Ruhe.“
Steven ließ mit sich handeln? Das war neu, das musste sie ausnutzen! „Zwei“, versuchte Gibbli die Zeit zu verdoppeln.
„Meinetwegen.“
Sie schluckte überrascht. Das war besser als nichts.
 
Aus den geplanten zwei Stunden wurden zwei schöne, ruhige Minuten. Dann kamen die Mog. Gibbli sah ihre leuchtenden Körper schon von weitem. Sie sprachen kurz mit Steven. Gibbli verstand kein Wort, bis die Wesen ihn packten und mit sich rissen.
„Ich komme wieder“, vernahm sie seine Stimme noch.
Dann war sie allein. Alles spielte sich so schnell ab und es traf Gibbli völlig unvorbereitet.
Sie war allein!
War es nicht das, was sie wollte? Allein sein, ohne ihn? Ohne diesen grausamen Narren? Zugegeben, ein Narr, der sich gut schlug in letzter Zeit. Immerhin brachte er sie auf andere Gedanken und stillte ihren Wissensdrang. Steven konnte nicht widerstehen zu antworten, wenn man ihn etwas fragte. Halt, so durfte sie nicht denken! Er war Steven, er war ein Oceaner. Nein, ein Möchtegern-Oceaner, der so tat, als wäre er einer. Dennoch lenkte er sie von Abyss und den anderen ab, von der Crew, einer Familie, die sie verloren hatte. Jetzt, wo Steven weg war, war Gibbli ihrem Schmerz des Verlusts völlig ausgeliefert …
 
Da ging er, das blonde Menschlein seines geliebten Mädchens, in einem halb durchsichtigen Gang, mit Sky. Beide schienen in gereizter Stimmung zu sein. Steven unterdrückte ein Lachen.
„Ich sagte nein. Wir verhandeln“, knurrte der Kapitän im befehlenden Ton. Er hatte seine schwarzen Dreadlocks ordentlich nach hinten gebunden und trug die edle Uniform eines Flottenführers. Nur wenn man genauer hinsah, konnte man ein paar Risse und getrocknete, rötliche Flecken darin erkennen.
Bah, ekliger Dreck! Den Oceaner schüttelte es bei dem Gedanken daran.
„Dein Plan ist Mist!“, rief Abyss. Er wirkte zerzaust und seine fahle Haut blutleer.
„Verhandeln ist ein guter Plan, bei dem niemand zu Schaden kommt.“
„Aber meiner ist besser und schneller! Ich bin noch nie gescheitert! Die haben mein Mädchen! Ich werde jeden Einzelnen von ihnen auslöschen!“
Verstohlen beobachtete Steven die beiden Gestalten. Sie stritten. Er schlich näher an sie heran, als die zwei Männer an einer Ecke stehen blieben. Das Leuchten der Mog aus angrenzenden Gebäuden drang durch die milchigen Räume zu ihnen hindurch.
„Du klingst manchmal wie dieser Oceaner.“ Der Kapitän war ihm sympathisch.
„Vergleich mich noch mal mit dem scheiß Goldhaufen und ich werde-“
„Abyss, jetzt beruhige dich! Wir waren uns einig darüber!“
„Irrtum, du warst dir einig!“, schnauzte er Sky an.
„Du warst dir einig? Was soll denn das für ein Satz sein?“
„Ach, lass mich doch in Ruhe!“
„Nein“, sagte der Kapitän mit rauer Stimme. Er stand mit dem Rücken zu Steven.
„Ich hätte nie … Ich würd sie nie anfassen! Ich würd sie nie verletzen! Das weißt du!“, schrie er den Kapitän aufgebracht an.
Sky nahm einen tiefen Atemzug. „Nicht sie, nein. Und möglicherweise nicht auf diese Art, nein.“
Abyss biss die Zähne aufeinander. „Siehst du, du erkennst es nicht, das war eine Lüge! Ich würde, verflucht!“
„Abyss, du bist nur-“
„- ein Idiot“, unterbrach er Sky. „Ja! Ich bin ein Idiot! Es ist meine Schuld! Es war mein verdammter Plan, bist du jetzt zufrieden? Was soll ich denn noch tun?“
Steven wich belustigt einen Schritt zurück, als der Kapitän zum Schlag ausholte. Kurz vor Abyss‘ Gesicht stoppte seine Hand. Er ballte sie zur Faust und ließ sie langsam sinken. Mit offenem Mund schüttelte Sky den Kopf.
„Tu es! Mach es endlich, verdammt!“ Abyss funkelte ihn zornig an und war nicht einen Millimeter zurückgewichen.
Sky blickte kurz zu Boden und legte dann eine Hand auf Abyss‘ Schulter. „Du trägst nicht die Schuld.“
„Ich merk doch, wie du mich ansiehst.“ Abyss‘ Stimme klang jetzt leise, fast als wirkte er beschämt.
Der Kapitän versuchte, ihn weiterzuziehen. „Es ist die meine und die von Jack. Und jetzt hör auf damit! Komm schon mit. Ein neuer Versuch. Und dann noch einer. Und noch einer.“
Ungläubig starrte er Sky an. „Bei dir hört sich das alles so leicht an.“
„Es ist nicht leicht, Abyss.“
„Ich mein, immer wenn du redest, dann klingt das wie nebenbei, als wär das alles nur ein Spiel. Ganz einfach. Als hättest du alles im Griff.“
Steven musste grinsen, als der große Mensch das Wort Spiel erwähnte.
„Genau das ist doch der Sinn davon“, gab Sky zurück. „Wenn es dich beruhigt, es ist nicht so. Ich habe nicht immer alles im Griff, im Gegenteil und schon gar nicht euch.“
„Aber du bleibst so ruhig. Sogar wenn du mal schreist klingt das, als würde alles gut werden, als wär alles gar nicht so schlimm. Das macht mich wahnsinnig!“
Sky schmunzelte. „Hey, ich bin schließlich euer Kapitän, ich muss zuversichtlich klingen.“
„Nein verdammt, jetzt schlag mich endlich!“, fauchte Abyss ihn wieder an.
„Nein, du hörst jetzt auf damit! Es ist passiert und wir können es nicht ändern, okay? Das Jetzt ist wichtig, nicht die Vergangenheit. Lass uns noch einmal mit ihnen reden.“
„Pah! Wie oft denn noch?“ Abyss knurrte verächtlich. „Das ist sinnlos. Diese Mogse lügen.“
„Es heißt die Mog. Es gibt keinen Grund für sie zu lügen.“
„Wesen, die ich nicht mag, haben es nicht verdient, dass ich mir ihre richtigen Namen merke“, sagte Abyss müde. „Es funktioniert nicht, es ist Tage her.“
„Es wird funktionieren“, erwiderte Sky mit fester Stimme. „Sie sind langsam, aber sobald sie sich einig-“
„Hab ich dir schon gesagt, dass dein Plan bescheuert ist?“
„Hast du.“
„Sky, wir sollten lieber …“ Er ließ den Satz unvollendet.
„Was? Was sollen wir sonst tun, Abyss?“
„Ich weiß es doch nicht!“, schrie er zurück. Steven nahm die Verzweiflung in seiner Stimme wahr. Der blonde Mann schien lustigerweise jede Hoffnung verloren zu haben. Oder war er nur wütend? Oh ja, er plante. Er spielte. Er manipulierte.
Sky packte ihn, drückte ihn mühelos an die glasartige Wand und fuhr Abyss an: „Lass das! Denke nicht einmal darüber nach, darüber nachzudenken! Ich weiß es! Wir finden sie! ICH finde sie!“
Der große Mensch wehrte sich nicht. Traurig blickte er den Kapitän an. Steven schlich näher heran, um seine Worte zu verstehen, als Abyss kaum hörbar sagte: „Bis dahin ist sie tot! Sie ist tot. Aber ich versichere dir, ich werde so viele von ihnen mitreißen wie möglich. Also alle.“
Sky ließ ihn mit einem Ruck los und erhob die Faust. „Das ist nicht möglich! Versteh das endlich! Ich bin euer Kapitän. Ich gebe die Befehle und sie stirbt erst, wenn ich befehle, dass sie stirbt! Und das gleiche gilt für dich!“
Abyss lachte verächtlich. „Das ist immer deine Antwort auf alle Fragen, die ich dir stelle. Du bist unser verfluchter Kapitän. Du kannst natürlich alles kontrollieren, wie ein Gott, du bist ja so-“ Im nächsten Moment verstummte er und seine Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen.
Ein Grinsen breitete sich auf Stevens Gesicht aus und die Vorfreude in ihm stieg. Wurde auch Zeit. Ihre Blicke hatten sich gekreuzt.
Abyss‘ Brauen rückten bedrohlich zusammen. „DU!“, brüllte er mit einer Verachtung, die einen fast umkippen ließ.
Oh, wie er das liebte! Dieser riesige Mensch war so witzig! Steven schob die Mundwinkel noch weiter nach oben.
Sky wirbelte herum, während er seine Waffe zog, und erblickte ihn ebenfalls.
„ICH ZERFETZ DICH!“, brüllte Abyss, stürzte am Kapitän vorbei, direkt auf Steven zu.
„Stopp! Warte!“, rief Sky und packte ihn. Doch der lange Mantel entglitt seinen Fingern. „Bleib sofort stehen!“, schrie der Kapitän wieder. Doch statt ihm zu folgen, blickte er ihm nur wütend hinterher, atmete tief durch und entschied sich dann, energischen Schrittes in die andere Richtung zu gehen.
Steven hastete los. Und die Jagd begann. Abyss war vielleicht größer und schneller, doch der Oceaner kannte sich hier aus. Sie schossen durch die Gänge, vorbei an leuchtenden, aufgebrachten Mog, die hektisch aus dem Weg schlängelten.
 
Gibbli wachte auf. Was für ein seltsamer Traum. Abyss und Sky stritten und dann kam Steven dazu. Jetzt, wo der Oceaner verschwunden war, träumte sie also auch von ihm. Abyss hätte ihn erwischt, da war sie sich sicher.
„Nimmst du mich nächstes Mal mit in deine Träume? Ich hoffe, du hast schlecht geschlafen, Mädchen? Wär schade um die schöne Zeit, wenn nicht“, holte eine klare Stimme sie aus ihren Gedanken. Steven stand an der gegenüberliegenden Wand.
Sofort sprang Gibbli hoch. Er war zurück! „Hast du ihn gesehen? Hat er dich verfolgt?“
„Wie oft soll ich dir das noch erzählen? Ich wurde verhört. Von den Mog.“ Er wirkte erschöpft, aber es war ihr egal.
„Du bist den Mog nicht entkommen?“
„Wie du bereits wiederholt bemerkt hast, bin ich immer noch hier“, sagte er gelangweilt. Dann strahlte er sie an. „Hast du mich vermisst?“
Verächtlich stieß Gibbli die Luft aus. „Ich will eine weitere Aufgabe stellen“, verlangte sie, als ihr sein dummes Spiel in den Sinn kam. „Du warst nicht da, du hast die Aufgabe nicht erfüllt!“
„Ich bin dran!“, sagte er gereizt. „Ich war länger als zwei deiner Stunden fort!“
„Das war zu einfach.“ Wenn er hier gewesen wäre, hätte er es nicht geschafft, seine Aufgabe zu erfüllen. „Ist es nicht das, was du sagtest, was das Spiel ausmacht?“
„Mir scheint, du hast es begriffen. Und du bekommst deine Aufgabe. Versprochen … Nachdem du meine gelöst hast.“ Bedrohlich beugte er sich zu ihr hinab.
Gibbli drückte sich gegen die Wand, in der Hoffnung er würde sie nicht wieder würgen oder festhalten.
Er berührte sie nicht. Stattdessen begann er direkt in ihr Ohr zu flüstern: „Bist du bereit?“
Sie schüttelte den Kopf und spürte, wie ihr Herz schneller schlug.
„Hm, ich könnte dich schreien lassen, bis deine Stimme versagt oder von dir verlangen, dass du tanzt, bis du umfällst. Aber nein, ich bin nett. So nett, oh ja. Deine erste Herausforderung wird leicht. Nun ja, nicht für dich. Es soll schließlich etwas sein, was dir schwerfällt, sonst wäre es ja langweilig. Du verabscheust Berührungen. Ich will, dass du mich umarmst und dabei wirst du lachen.“
„Was? Nein!“
„Zwei Stunden lang. Mir hätte ja eine genügt, aber du hast die Zeit vorhin so schön verdoppelt.“
„Ich umarme dich nicht!“ Und schon gar nicht würde sie für ihn lachen.
„Das ist deine Aufgabe. Lebe Mädchen, sei ein Oca!“
Gibbli schüttelte den Kopf. „Ich fasse dich nicht an.“
„Du wirst. Wenn nicht, lernst du eine weitere Regel kennen.“
„Welche?“
„Ausziehen“, befahl er.
Sie wich vor ihm zurück und starrte ihn schockiert an. „Ich mag dein dämliches Spiel nicht!“
„Eine Aufgabe ablehnen bedeutet, ich darf dich bestrafen. Und ich habe mir eine zauberhafte Strafe für dich ausgedacht. Du hast zwei Möglichkeiten. Du ziehst deinen Pullover aus oder ich zerreiße ihn. Aber ich versichere dir, wenn ich mit dir fertig bin, wirst du das Ding wieder anziehen wollen, deswegen rate ich dir zu ersterem.“
Sie atmete flach und immer schneller durch den Mund. Ihre Gedanken überschlugen sich. Plötzlich packte er Gibbli und schmiss sie auf den Boden. Bevor sie davon kriechen konnte, warf er sie herum und zog ihren Pullover von hinten über den Kopf. Ihre Arme, die noch in den Ärmeln steckten, wurden dadurch fest an ihren Körper gepresst und sie konnte sich kaum noch bewegen. Gibbli versuchte sich freizukämpfen und schaffte es, dass ihr Pullover so weit nach unten rutschte, um wieder sehen und wenigstens durch die Nase atmen zu können. Ihre Wange berührte die kalte Platte des halb durchsichtigen Untergrundes. Sie lag auf dem Bauch. Stevens eisiger Atem streifte ihren frei liegenden Rücken und Gibbli zuckte zusammen. Verdammt! Was tat er? Aus den Augenwinkeln erblickte sie seine Hand, die nach ihrem Stiefel griff.
Gibbli schrie. „Nicht!“ Ihre Stimme klang dumpf und undeutlich hinter dem dicken Stoff des Pullovers.
„Nicht das Messer, nein? Ja, du hast natürlich recht, das ist viel zu leicht. Immerhin ist das hier eine Strafe. Ich habe eine bessere Idee.“
Er machte irgendetwas auf der anderen Seite hinter ihrem Kopf. Hatte er eines der am Boden liegenden Werkzeuge genommen?
„Es ist völlig in Ordnung, wenn du eine Aufgabe nicht lösen willst, oh das macht Spaß! Die Konsequenzen, die sich daraus ergeben, sind meistens viel schöner als die Aufgabe selbst. Und keine Sorge, sollte ich einmal deine Aufgabe ablehnen, darfst du mich ebenfalls bestrafen.“
Für einen Moment hielt er still. Das Herz schlug ihr bis zum Hals. Gibbli wollte sich nach oben drücken, um sich zu befreien, doch schon war Steven wieder über ihr.
„Ich würde dir raten, dich nicht zu bewegen. Du willst doch nicht, dass ich einen Fehler mache, oder?“
Im nächsten Moment krampfte ihr ganzer Körper zusammen. Ein brennendes Stechen jagte über ihre Haut in sie hinein. Gibbli riss ihren Mund auf, wollte brüllen, währenddessen schob sich etwas vom Stoff ihres Oberteils zwischen ihre Zähne. Das Stechen fuhr ein Stück weiter, quälend langsam. Nach drei Strichen hielt er kurz inne. Für einen Moment fühlten sich die Stellen an ihrem Rücken taub an, als gäbe es nichts mehr, was den Schmerz registrieren konnte. Der Lötkolben, schoss es Gibbli durch den Kopf. Dieser Bastard hatte sich ihren scheiß Lötkolben geschnappt!
Gibbli biss wimmernd in das Stück Pullover vor ihrem Mund, als er wieder ansetzte und sich weiter durch ihre dunkle Haut brannte. Es fühlte sich an, als würde er sie abziehen, einzelne Streifen daraus lösen. Nach dem Stechen wurden die Stellen gefühllos. Dann, ein paar Sekunden später, setzte unvermittelt der Schmerz ein. Der Geruch von verbranntem Fleisch stach ihr in die Nase.
Sie wagte nicht, sich zu bewegen, aus Angst, er würde den Lötkolben tiefer in sie hinein rammen, statt ihn nur über ihre Haut zu ziehen. In diesem Moment war Gibbli sich sicher, sie würde jede seiner verdammten Aufgaben erfüllen, wie gemein diese auch sein mochten, wenn er nur aufhören würde. Doch Steven zeichnete unbeirrt weiter. Nein, er schrieb, quer auf ihrem gesamten Rücken entlang!
Sie war nicht im Stande, das Wort zu verfolgen. Es war ihr auch egal. In diesem Moment war einfach alles gleichgültig! Das Brennen der einzelnen Buchstaben verschmolz zu einem einzigen, großen Feuer und es kam ihr vor, als stände ihr ganzer Rücken in Flammen.
Nachdem er endlich fertig war, blieb Gibbli einfach liegen.
„Steven“, flüsterte der Oceaner begeistert. „Klingt perfekt, nicht wahr? Jetzt trägst du meinen wunderschönen Namen. Jetzt gehörst du mir. Endgültig.“
 
Zitternd kauerte Gibbli einige Stunden später in einer Ecke der Zelle und versuchte, sich nicht gegen die Wand zu lehnen. Die Haut unter ihrem Pullover schmerzte bei der kleinsten Bewegung. Sie hielt ihre Augen geschlossen, wollte ihn nicht ansehen, am liebsten nie mehr. Sicher beobachtete er jede ihrer Regungen und lauerte auf einen Funken von Schwäche. Doch auf diese Genugtuung würde er lange warten müssen. Gibbli hatte die Wunde nicht berührt, kam nicht einmal richtig dran. Der physische Schmerz war ihr fast egal, den konnte man ignorieren. Die Schande, jetzt für immer seinen Namen zu tragen, tat mehr weh als das Brennen auf ihrem Rücken.
„Ich bin stolz auf dich“, sagte der Oceaner vom anderen Ende der Zelle aus und seine klare Stimme hinterließ ein dumpfes Dröhnen in ihrem Kopf. Konnte er nicht einfach seinen dummen Mund halten? Nein, natürlich nicht, nicht Steven. „Eine lachende Umarmung wäre so viel leichter gewesen. Aber du hast den schweren Weg gewählt. Ich danke dir und warte, mein Schatz. Siehst du, wie geduldig ich bin?“
„Unterentwickelter Mog“, flüsterte sie.
„Ich bin ein Oca! Du weißt, wie du mich treffen kannst. Stelle mir endlich deine Aufgabe. Gib sie mir.“
„Schweig“, verlangte sie schwach. Aber das war wohl etwas, wozu er nicht im Stande war.
„Ich soll schweigen?“
„Und wenn es nur fünf Minuten sind, halt dein kack Maul!“, rief sie genervt.
„Dein Ernst?“, fragte er und fuhr sich missmutig über die Stirn. „Das ist die Aufgabe, die du mir stellst?“
„Ich höre dich noch sprechen“, murmelte Gibbli leise. Sie wollte nicht mehr über dieses dumme Spiel nachdenken. Ihr fielen genügend Aufgaben ein, die ihm richtig weh tun würden. Aber was brachte das? Schmerzen würde er ja doch nur genießen.
„Komm schon, Mädchen, das ist zu einfach!“
„Reicht es dir nicht, mich für den Rest meines Lebens entstellt zu haben? Lass mich einfach in Ruhe!“
„Das ist doch keine Herausforderung für mich!“
„Du hast den Mund aber noch immer offen.“
„Hmpf, na schön.“ Er drehte sich gespielt beleidigt von ihr weg.
Gibbli grinste gequält. Er hielt wirklich den Mund! Für den Moment. Fünf Minuten würde er nie durchhalten. Und Sie würde schon noch herausfinden, wie sie ihn zappeln lassen konnte. Mit Schmerzen war er nicht kleinzukriegen. Aber es gab sicher andere Möglichkeiten. Wie wäre es, wenn sie zur Abwechslung sprach und er zuhören musste, ohne etwas erwidern zu dürfen?
„Du bist kein Oca“, sagte Gibbli.
Steven drehte sich zu ihr um, öffnete seinen Mund und schloss ihn dann wieder. Wütend ließ er die Zähne aufblitzen.
„Es gibt also Strafen, wenn man eine Aufgabe nicht annimmt oder nicht versucht sie zu lösen“, fuhr sie fort.
Er nickte.
„Was passiert, wenn man alles gibt und trotzdem versagt? Was passiert, wenn man die Herausforderung nicht schafft?“
„Nun, dann darf der Aufgabensteller einen Gefallen einfordern wie zum … oh.“
Gibbli schnaubte bitter auf. Natürlich war er dieser Aufgabe nicht gewachsen. Sie hätte allerdings nicht gedacht, dass es so schnell gehen würde.
„Sehr hinterhältig von dir. Du hast mich reingelegt“, sagte Steven. Sein Tonfall klang jedoch, als hätte er mit Absicht verloren. So ein Idiot! „Aber es freut mich zu erleben, dass das Spiel beginnt dir Spaß zu machen. Na dann, fordere deinen Gefallen ein.“
Gibbli dachte nach. Es brachte nichts, ihm erneut den Mund zu verbieten. Ihr kam eine andere Idee. „Ich habe etwas gut bei dir“, sagte sie. Vielleicht war es so ja sogar möglich, einer seiner nächsten Aufgaben oder Strafen zu entgehen. „Du wirst das tun, was ich sage, zu einem Zeitpunkt, den ich bestimme.“
„Ich bin dir also etwas schuldig?“
„Was ich will, wann ich will, wo ich will.“
„Schön. Das gefällt mir. Ich bin gerne von dir abhängig.“
Ablehnend blickte sie ihn an. Dann nahm Gibbli einen tiefen Atemzug. Fast hätte sie ihm gesagt, dass er wieder an der Reihe wäre. Verdammt, hätte sie es doch nur länger hinausgezögert!
Steven öffnete den Mund, dann glitt sein Blick an ihr vorbei. „Deine nächste Herausforderung wird auf später verschoben. Vielleicht. Wenn du dann noch lebst.“
Sie fuhr hastig herum. Das unheimliche Leuchten ihrer Gestalten erhellte den Tunnel vor dem Eingang der Zelle. Die Mog waren wieder da.
„Oca folgen“, wisperte einer von ihnen.
Die Worte hörten sich leicht an, wie ein Hauch, doch nicht leise. Und zu ihrer Verwunderung konnte Gibbli sie verstehen. Offensichtlich hatten die Mog mittlerweile einiges dazu gelernt. Unsicher blickte sie Steven an.
„Sie meinen dich. Geh schon, Mädchen! Mich würden sie niemals als Oca bezeichnen“, sagte er leise.
Steven schien es schwerzufallen, sie gehen zu lassen. Schweigend blieb der sonst so vorlaute Oceaner zurück, als sich der Eingang des Gefängnisses hinter ihr verschloss. Sie konnte nicht aufhören, ihn als Oceaner zu sehen. Er verhielt sich wie das komplette Gegenteil der emotionslosen Mog. Eigentlich sollte Gibbli sich freuen von ihm fortzukommen, nach allem was er ihr angetan hatte. Doch sie wusste nicht, was vor ihr lag. Auch Steven war sich nicht sicher gewesen, ob und wenn ja, welchen Entschluss die Mog gefasst hatten. Würden sie Gibbli jetzt umbringen? Wackelnden Schrittes folgte sie den durchsichtigen Wesen.
 
Gibbli stand erleichtert auf den Kreisen, ihre Beine gefesselt von diesem nebelartigen Material. Wie es aussah, sollte sie noch nicht getötet, sondern lediglich verhört werden. Hinter den halb transparenten Seiten der Halle huschten hin und wieder leuchtende Schemen vorbei. Nur der Eingangsbereich bestand aus undurchsichtigem Metall und sie konnte nicht erkennen, was sich dahinter verbarg.
„Bezeichnung?“, fragte der Mog direkt vor ihr. Außer ihm war ein weiterer anwesend, der sich in der Nähe des Durchgangs hin und her bewegte.
„Gibbli“, sagte sie, in der Hoffnung ihn richtig verstanden zu haben. Ihr Kopf schien wie leer gefegt.
„Art Glibi unbekannt.“
„Das ist mein Name. Ich bin ein Mensch.“ Unangenehm fühlte sie sich an die Schüler auf der Akademie erinnert, die ständig mit Absicht ihren Namen falsch ausgesprochen hatten. Ihr wurde schlecht.
„Mog nicht Bezeichnung“, wisperte das Wesen.
Die Mog führten also keine Namen? Das bedeutete, Steven hatte sich seinen selbst gegeben, als er ein Oceaner wurde. Der Name, der jetzt auf ihrem Rücken brannte, schoss es ihr durch den Kopf. Gibbli wurde leicht schummrig und sie zwang ihre Gedanken wieder auf das Wesen.
Es streckte sein handähnliches Glied aus und legte ein Sonnenstück mitten in die Luft. „Erzählen.“
Das musste das aus ihrer fahrenden Kapsel gewesen sein, welches irgendwie mit ihnen den Weg durch das Portal gefunden hatte. Aber es sah seltsam verbogen aus. Was die Mog mit dem kleinen Ding angestellt hatten, versetzte ihr einen Stich. „Technologie zu zerstören ist, ähm … schlecht?“, brachte sie unsicher hervor. Gibbli hatte keine Ahnung, was der Mog erwartete.
„Technologie tot Mog.“ Er zeigte direkt auf sie. „Böse?“
„Ich bin nicht böse.“
„Oca böse.“
„Ich bin ein Mensch“, sagte Gibbli erschöpft. Obwohl sie sich unter den Menschen früher immer fremd gefühlt und nie richtig dazu gehört hatte.
Der Mog wandte sich um und schien sich mit dem Mog am Eingang wispernd zu beraten. Sie mochte nicht, wie sich diese Wesen verständigten und nichts alleine entschieden, sondern immer im Einverständnis mit anderen. Das ging alles so quälend langsam voran! Und die wirren, fließenden Bewegungen ließen Gibbli kaum einen klaren Gedanken fassen. Dieses Verhör wirkte fast einschläfernd.
Einer der beiden wandte sich ihr wieder zu: „Steven töten Mog! Steven Oca! Glibi Mensch. Steven Freund?“
„Ich hasse ihn!“ Sie wollte am liebsten schlafen. Für immer. „Steven erzählte mir, elektromagnetische Felder beeinflussen die Dimension, in der ihr lebt. Ich mag die oceanische Technologie, aber ich … ich will euch nicht töten!“
Das war eine Lüge. Würden sie es merken? Ihr Rücken tat weh, wegen diesem Monster, mit dem die Mog sie eingesperrt hatten! Wieder berieten sich die beiden Wesen. Steven hatte recht, so gerne Gibbli ihm in diesem Punkt auch widersprechen wollte, dieses zombiehafte, seelenlose Verhalten, verabscheute sie zutiefst. Gibbli wollte die Mog verletzen, mit jeder Faser ihres Herzens und es interessierte sie absolut nicht, was ihre geliebte Technologie ihnen antat.
Der Mog vor ihr begann zu sprechen. „Mog erlauben. Mensch Kommunikation.“
Gibblis Puls erhöhte sich. „Kommunikation? Mit … mit wem?“
Er antwortete nicht mehr. Stattdessen führte der zweite Mog jemanden vom angrenzenden Raum herein: Eine nicht leuchtende Gestalt. Gibbli riss die Augen auf. Ein echter Mensch, aus Fleisch und Blut! Seine Uniformjacke lag offen über den nackten Schultern. Das elegant berüschte Hemd hatte er ausgezogen. Sie erinnerte sich daran, wie es einst von Jacks Folter blutdurchtränkt in Fetzen von seinem Körper gehangen hatte.
„Gibbli“, sagte er erleichtert und blieb in einiger Entfernung vor ihr stehen. Bis auf ein paar dunkle Flecken schienen wenigstens seine offenen Wunden einigermaßen verheilt zu sein. Ob die Mog dabei nachgeholfen hatten?
„Mensch Sprechen“, wisperte das Wesen neben ihm. Dann begaben sich die beiden in fließenden Bewegungen nach hinten in den Raum. Gibbli war sich sicher, dass sie die Situation genau beobachteten.
Der Kapitän lächelte schwach oder versuchte es eher.
Gibblis Gesicht blieb ohne jegliche Regung. Er hatte Abyss erschossen. Er war alleine hier. Also hatte er Abyss erschossen. Stand er wirklich hier, vor ihr? Er hatte Abyss erschossen. Er blickte sie einfach an, mit seinen schwarzen, unheimlichen Augen. Er hatte Abyss erschossen. In ihrem Kopf drehten sich die Gedanken. Er hatte verdammt noch mal Abyss erschossen!
„Bitte entschuldige, die Mog erlauben es nicht, dass ich näher komme. Bist du verletzt?“, fragte der Kapitän ruhig.
„Es geht mir gut“, log sie. Er musste ihre Lüge erkennen, so elend wie sie sich fühlte.
Sky sah nicht besorgt aus, wirkte eher zufrieden. „Es geht dir nicht gut. Aber wie ich sehe, bist du stark. Steven konnte dir nichts anhaben.“
Gibbli fragte sich, was der Kapitän tun würde, wenn er erfuhr, dass der Oceaners sie als seinen Besitz gekennzeichnet hatte, sie gebrandmarkt hatte, als gehörte sie ihm. Was für eine Demütigung! Natürlich würde sie es Sky niemals sagen. Niemals würde sie es irgendjemandem erzählen! Gibbli schämte sich zutiefst dafür.
„Es ist alles okay. Ich verhandle mit ihnen.“ Sie hatte fast vergessen, wie rau seine Stimme immer klang.
„Das ist ein Traum“, flüsterte sie und wünschte es sich so sehr.
„Nein. Du bist wach und ich bin hier. Gibbli, ich hole dich hier heraus!“
„Ich habe entschlossen, dass das hier lieber ein Traum ist.“ Abyss war nicht dabei. „Gleich werde ich aufwachen. Es ist kein schöner Traum. Aber er ist okay. Er tut nicht so weh wie die von ihm, wenn er stirbt, Kapitän.“
„Niemand wird sterben. Wir werden alle zurück auf unseren Planeten kehren. Ich sorge dafür! Wir werden-“
„Unser Planet …“, flüsterte Gibbli und Sky verstummte. „Ich wollte immer heim. Ich war mir sicher, dass das Leben dort nur etwas Kurzes, Vorübergehendes war, dass ich nicht lange dort bleiben muss, bis jemand kommt und mich abholt. Und jetzt, jetzt bin ich hier, daheim. Nur um zu merken, dass das hier nicht daheim ist und dass ich längst abgeholt wurde. Abyss hat mich abgeholt und heimgebracht. Ich war längst daheim. Bei ihm. Und bei dir. Kapitän.“
„Ich bringe dich heim, Gibbli. Ich schwöre es dir, ich bringe euch alle heim!“
 
Er war tot! Heftig atmend wurde sie sich ihres Körpers bewusst. Gibbli schrie. Er war tot! Ihre Haut fühlte sich schmierig an. Er war tot!
Jemand wischte über ihre nasse Stirn. „Nicht so oft, Mädchen!“
Er war tot! Sie konnte nicht aufhören, langsamer zu atmen. Ihr wurde schwindlig und eine Welle aus Stichen durchfuhr ihre Lunge. Sie krampfte zusammen. Ein lautes Klatschen ertönte. Unmittelbar folgte der Schmerz an ihrer Wange. Jemand hatte sie geschlagen! Gibbli riss die Augen auf.
„Du bringst dich um!“, rief Steven. „Was ist passiert?“
„Nichts“, antwortete Gibbli und versuchte angestrengt Abyss‘ blasses Gesicht aus ihren Gedanken zu verscheuchen. Sie zwang sich, flacher zu atmen, und fuhr mit der Hand über die schmerzende Stelle neben ihrer Nase. Gibbli wünschte sich, das Brennen wäre stärker, damit seine grauen Augen aus ihrem Schädel verschwanden. Wie war sie eigentlich hier hergekommen? Hatte sie das Bewusstsein verloren? War sie überhaupt je weg gewesen? Verwirrt blickte Gibbli zu Steven hoch.
Er kniete vor ihr. „Bereit für deine nächste Aufgabe?“
„Steck dir deine scheiß Aufgabe sonst wohin“, murmelte sie und lehnte ihren Kopf an die Wand.
„Was haben die Mog mit dir angestellt, Mädchen?“, fragte Steven wieder.
Sie überlegte und fing dann an zu flüstern: „Ich hab ihn gesehen.“
Gibbli fielen die Augen zu. Er packte sie an den Schultern. Doch es war ihr egal. Sie spürte die Kälte seiner Hände nicht. Sogar das Brennen an ihrem Rücken ließ langsam nach, als wäre es einfach eingefroren. Alles war hier kalt. Eisig kalt. Konnte er sie nicht einfach schlafen lassen? Am besten für immer?
Doch der Oceaner ließ nicht locker: „Wen hast du gesehen?“
„Sky“, sagte Gibbli leise. „Der Kapitän ist hier.“
„Du bist Sky begegnet?“
„Es war nur ein Traum. Oder?“
Das letzte Wort klang auf eine unheimliche Art lauter. Danach war es still. Eine Stille, die unangenehm auf ihren Kopf drückte. Mit einem Finger im Ohr versuchte Gibbli, es zu begreifen. War sie jetzt taub? Steven starrte mit offenem Mund in die Luft, als hätte er sich in eine Statue verwandelt. Es dauerte etwas, bis Gibbli realisierte, dass das Tackern der Maschine aufgehört hatte. Für einen Moment fühlte es sich an, als hätte eine Uhr aufgehört zu ticken.
„Nein, nein, nein, nein“, flüsterte Steven. „Nicht gut. Das … da stimmt was nicht … das …“ Unruhig blickte er sich um. Dann setzte es plötzlich wieder ein. Der Oceaner griff sich erleichtert an die Brust. Langsam verschwamm er vor ihren Augen. „Mädchen?“, hörte sie seine klare Stimme noch, bevor alles dunkel wurde.


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