Kapitel 1: Die Mog (Bis in die tiefsten Abgründe)

Der Schuss erstarb und Stille durchdrang die Stadt. Bo hob den Kopf. Bläuliche Schuppen schimmerten auf ihren dürren Armen. Der Kapitän ließ seinen Strahler fallen. Er landete nicht weit des Geigenbogens Nu auf dem goldenen Metallboden. Daneben schmorten die Überreste von langen Fingern: Ein Zeigefinger und ein Mittelfinger. Die restliche Hand, ebenso blass, schoss mit den übrigen drei Fingern durch die dichte Luft Oceas. Abyss traf sein Gesicht mit voller Wucht. Dabei hinterließ er eine Spur aus blutigen Spritzern. Skys Augenimplantate blitzten für einen Moment auf. Umrundet von Narben, zuckten seine Lieder zusammen und ein paar schwarze Dreadlocks lösten sich aus dem Zopf.
Ein Kind mit goldenen Locken tanzte lachend um die zwei herum und schrie: „Darf nicht mit, darf nicht, darf nicht, …“
Bo schenkte Cora keine Beachtung. „Tu das nicht!“ Sie sprang auf die Männer zu und wollte Abyss fortzureißen.
Der blonde Riese schubste Bo beiseite. Wieder griff er nach Nu. Bevor er den Bogen erreichte, stürzte sich der Kapitän auf ihn und die beiden kämpften erneut. Als die Kraft seinen jetzt achtfingrigen Kommunikationsoffiziers verließ, stieß Sky ihn von sich und brüllte ihn an. Abyss sackte verzweifelt auf die Knie in eine rote Pfütze seines eigenen Blutes.
 
Ein Traum, wurde ihr bewusst, noch ehe sie aufwachte. Ein schöner Traum, in dem er lebte. Gibbli verdrängte die schmerzhaften Gedanken. Realer Schmerz lenkte sie ab, verursacht durch ihr Atmen. Sie fühlte sich eingezwängt, als würde sie zerquetscht werden. War das der Tod?
Langsam erwachten ihre Sinne und klare Empfindungen durchströmten ihren Geist. Ein tackerndes Geräusch erfüllte den Raum. Es ähnelte einer antiken Taschenuhr, die man unaufhörlich aufzog. Ihre Ohren funktionierten noch.
Gibbli öffnete die Augen und erblickte: Nichts.
Der Boden unter ihren Füßen vibrierte leicht. Sie hob ihre Arme und wurde von Wänden gestoppt, die sich direkt links und rechts von ihr erstreckten. Jede kleinste Bewegung verursachte einen Widerstand und Gibblis Kopf lag schwer auf den Schultern, gleichzeitig wurde er fast von der Luft getragen. Das Gasgemisch erschien so dicht, dass man sich dagegen lehnen konnte, und drückte von allen Seiten auf ihren Körper ein. Schwindel überkam Gibbli und sie wollte sich hinsetzen, doch es klappte nicht. Jemand hielt ihren Oberkörper fest umschlungen, sodass sie aufrecht auf den Beinen stand.
„Ich implodiere“, hörte sie ihre eigenen Worte in die frostige Kälte hinein flüstern.
„Du bist den Druck nicht gewohnt.“ Schneidend drang seine klare Stimme durch die Dunkelheit.
Gibbli wich sofort zurück und knallte an eine Wand dicht hinter ihr. Kurz verlor sie das Gleichgewicht. Mit Mühe gelang es ihr, nicht zu fallen. Die sehnigen Finger stützten sie jetzt nicht mehr und es fiel ihr schwer, gegen die nach unten drückende Kraft anzukämpfen. Gibbli suchte umherschwebende Sonnenstücke, die man erhellen konnte. Ihre Gedanken erfassten ein einziges. Es begann zu glühen.
Eiskalte Augen flackerten im schwachen Licht auf. Die goldene Gestalt hockte direkt vor ihr!
Hastig drückte sie ihren Rücken fester gegen die eingearbeiteten Metallelemente. Die Seiten links und rechts von ihnen bestanden aus milchigem Glas. Draußen, außerhalb ihres Raumes, war es dunkel. Schmerzhaftes Stechen durchzog Gibblis Lunge und sie versuchte sich an den beiden Scheiben festzuhalten.
Die kurzen Haare zerzaust, lehnte sein Hinterkopf an der gegenüberliegenden Wand. Der Kasten, in dem sie steckten, war winzig. Dieses Monster brauchte nur seinen Arm auszustrecken, um Gibbli zu berühren.
„Steven.“
„Ein wundervoller Name, nicht wahr, Mädchen?“ Düster betrachtete er das Sonnenstück und sagte dann müde: „Tja, das Ding wurde wohl übersehen, als sie uns hier hinein steckten.“
„Sie?“, fragte Gibbli und bereute es sofort. Sie presste eine Hand gegen ihre Brust und verzerrte das Gesicht.
Steven antwortete nicht. Stattdessen verzog er den Mund zu einem schmalen Strich.
„Wo sind wir? Bin ich tot?“
Ausdruckslos starrte er sie an. „Ja, mein Schatz. Du bist tot.“
Gibbli schnappte panisch nach Luft, was ihre Lunge fast zerriss. Ein Ruckeln durchfuhr alle Seiten der Kammer. Mit dieser Bewegung setzte ein weiterer Schmerz in ihrer rechten Schulter ein, der sich ausgesprochen lebendig anfühlte.
„Du bist zu Hause, Mädchen. Oder besser gesagt an dem Ort, der einst unser zu Hause war.“ Gemächlich stand er auf. „Du musst langsamer atmen.“
Nicht näher! Sie stellte sich vor, wie sein goldener Kopf sich aufblies und in tausend Stücke zersprang. „Wo ist die Luft?“, fragte sie und nahm einen weiteren Atemzug.
„Ich habe sie dir geklaut. Tss, ich muss dir wohl einiges von meinem genialen Wissen beibringen. Du atmest Luft! Dieser Planet ist größer als die Menschenwelt und seine Atmosphäre dicker. Ähnlich wie wir sie in der Kolonie schufen, nur noch dichter. Hier wirkt außerdem die stärkere Anziehung der Schwerkraft auf dich ein.“
„Mach sie weg!“, wimmerte Gibbli, als der Raum leicht hin und her schaukelte und eine weitere Welle aus Schmerz durch sie hindurch raste.
„Ich mache die Schwerkraft weg. Natürlich. Schwerkraftexperimente sind gefährlich, Mädchen.“ Steven stützte sich links und rechts an dem milchigen Glas ab und kam näher. „Wir befinden uns auf der abgewandten Seite. Warte nicht auf die Sonne, hier wird es niemals hell. Die Tageshälfte des Planeten wäre viel zu heiß für … materielle Wesen.“
Gibbli schwankte. Für einen Augenblick war sie sich nicht sicher, ob sich ihre Kapsel wieder kurz schräg gelegt oder sich der Gleichgewichtssinn in ihren Ohren verabschiedet hatte. Steven packte sie an den Oberarmen und seine eiskalten Finger bohrten sich in ihre Haut.
„Nicht! Geh!“, brachte sie hervor.
„Klar, ich gehe. Wie hättest du es gerne? Durch die Wand? Durch den Boden? In den Abgrund hinab?“
„Ja!“
„Tja. Zu deinem Glück kann ich nicht fort“, sagte er. „Und du auch nicht. Ich wollte nicht, dass es so weit kommt. Jetzt ist es geschehen. Und wir können nichts mehr daran ändern.“
Schwarze Punkte tanzten vor ihren Augen. Wovon sprach er? Ihr Kopf pochte. Der Druck um sie herum war so hoch! Gibbli wollte seine Hände wegreißen, ihn irgendwie wegstoßen, doch es gelang ihr nicht.
„Lass mich!“, schrie sie mit aller Kraft, die sie aufbringen konnte. Der Schmerz in ihrer Schulter wuchs. Jede Bewegung verursachte einen erneuten Stich. Dann erblickte Gibbli das Messer. Abyss‘ Messer steckte noch immer in ihr. Steven hatte es auf der Plattform Oceas durch den Pullover in ihre Haut gerammt, kurz bevor er sie durch das Portal mitgerissen hatte. Gibbli wollte es heraus ziehen, doch der Oceaner hielt ihre Arme fest an den Körper gepresst.
„Hol es raus!“, verlangte sie.
„Ganz sicher nicht.“ Seine Stimme klang so eisig, als wäre ihr Klang selbst eine Klinge, die durch Gibbli hindurchschnitt.
Heftig atmend rang sie nach Luft und wartete, bis die Punkte vor ihren Augen verschwanden. Das dichte Gas war kaum auszuhalten. Ihr Kopf schien aus Matsch zu bestehen. Wie hoch war wohl der Sauerstoffgehalt dieses Planeten?
„Oca mögen Schmerzen. Warum soll ich dich dessen berauben? Genieße ihn.“
„Ich bin ein Mensch. Zieh es raus“, verlangte Gibbli wieder und merkte, wie ihre Stimme sich brach.
Steven näherte sich ihrem Gesicht und fletschte die Zähne. „Es tut weh und das magst du nicht, oder? Schade, so schade. Aber gut. Denn dann sind wir ja jetzt quitt!“
„Ich hab dir nichts getan!“ Wieder ruckelte es und das Messer in ihrer Schulter bewegte sich leicht. Sie presste die Lippen zusammen. Doch ihr Blick blieb klar.
„Nichts? Nein, nein, nein! Du hast mich in das Portal gestoßen!“, fuhr er sie an.
Gibbli ballte eine Faust und hatte dabei das Gefühl Luft zu zerdrücken wie Watte. „Du hast mich in das Portal gerissen!“
„ES IST DEINE SCHULD, DASS WIR HIER SIND!“ Während er sie anbrüllte, erlosch das glühende Licht.
Gibbli wimmerte vor Angst, doch die Kraft, die sie nach unten zog, schien sich zu verringern. Sie versuchte, das Sonnenstück zu erfühlen, fand es aber nicht mehr. Schwebte sie jetzt? Wohin war Stevens Kälte verschwunden? Wo war er überhaupt? Weg? Nein. In der Dunkelheit spürte sie noch immer seine Finger an ihren Armen.
„Ich sterbe.“ Es war eher eine Feststellung, als dass sie es zu ihm sagte. Ihr Innerstes fühlte sich an, als würde es verbrennen.
„Ja, jetzt stirbst du“, flüsterte er zurück.
Die Kraft in ihren Beinen ließ nach. Gleich würde sie umfallen.
„Willkommen im Reich der Geister“, vernahm sie seine Stimme dicht über ihr. „Nein. Natürlich stirbst du nicht. Schließe deine Augen, mein Schatz. Das sind nur die Auswirkungen des Übergangs. Man verlässt nicht jeden Tag seine gewohnten physikalischen Parameter.“ Stevens Atem strich über ihre Stirn. „Du gewöhnst dich daran. Du bist mein Mädchen. Glaubst du, ich lasse dich so schnell gehen? Wär doch langweilig. Ohne dich könnte ich gar keinen Spaß mehr mit dir haben.“
Dieser Drecksack! Sie wollte ihn anschreien, brachte jedoch nur ein Wimmern zustande.
„Du verkrampfst zu sehr. Entspann dich, wir werden hier noch eine halbe Ewigkeit zusammen sein. Vielleicht.“ Seine Worte waren schlimmer als die Stiche, die durch ihren Körper hindurch jagten.
„Lass mich … fallen.“ Gibbli hätte sich am liebsten zusammengerollt, sich ganz klein gemacht.
„Wenn ich das jetzt täte, würdest du anfangen zu ersticken und ekliges Blut auf mich spucken, bäh. Du würdest dich krümmen vor Schmerzen, wegen des Messers. Das wäre schön, aber leider viel zu kurz. Andererseits, deine Lunge würde dann gequetscht werden und durchbrechen. So etwas wollte ich schon immer einmal sehen. Aber nein, das geht nicht. Sie muss frei sein, sonst geht sie kaputt. Verstanden? Sonst gehst du kaputt, Mädchen!“
„Ich kippe um.“ Ihre Knie gaben nach. Sie konnte ihr eigenes Gewicht nicht mehr tragen.
„Tust du nicht. Dafür reicht der Platz nicht. Ich halte dich fest.“ Steven stützte sie mit seinem ganzen Körper aufrecht an die Wand gepresst.
„Ich … will das nicht“, murmelte sie mit sich brechender Stimme.
„Gut. Die Dinge, von denen man nicht will, dass sie passieren, führen zu den interessantesten Erlebnissen. Es fühlt sich an, als würdest du schweben. Ja, das tut es, nicht wahr?“ Seine haarlosen Augenbrauen hoben sich und er schwärmte: „Oh, stell dir vor, du würdest nichts wiegen. Einfach fliegen.“
Ihr schrecklichster Alptraum schien Realität zu werden. Sie ertrank in Luft, auf einem Planeten mit hoher Schwerkraft und einer Atmosphäre, scheinbar dichter als Wasser, in einem winzigen Raum gefangen, mit ihrem schlimmsten Feind: Steven. Aber war das überhaupt noch Steven? Sie spürte seine Anwesenheit nicht mehr. Seine kalte Ausstrahlung war mit dem Sonnenstück erloschen.
„Ich will schlafen“, flüsterte Gibbli. „Geh weg.“
„Du hast es gleich geschafft. Siehst du Mädchen, es wird schon langweiliger.“
Nach ein paar Minuten spürte sie tatsächlich, wie die Beine ihren restlichen Körper wieder trugen. Fast hätte sie Steven vergessen, als wäre Gibbli alleine in der Dunkelheit. Wie konnte man ihn nur vergessen? Hier stimmte doch etwas gewaltig nicht!
„Halt still. Es ist so weit“, sagte er unvermittelt und Gibbli wurde sich bewusst, dass er noch immer an sie gepresst stand.
Er lockerte seinen Griff und trat einen Schritt zurück. Endlich! Gibbli schrie, während der Oceaner ohne Vorwarnung das Messer aus ihrer Schulter zog. Gemächlich, Stück für Stück. Sie war sich sicher, dass er jeden Millimeter genoss.
„Verdammt!“, rief sie mit verzerrter Miene und bemühte sich wieder langsamer zu atmen, als neue Stiche ihre Lunge durchzuckten.
Steven wischte mit den Fingern über ihre Wange und strich dabei krause Strähnen ihrer hellbraunen Haare zur Seite. „Ruhig, mein Mädchen. Du hast es leider schon überstanden.“
Sie spürte, wie er ihre Hand nahm und zum Griff der Klinge führte. Gibbli kniff die Augen zusammen. Seine Klinge. Das blasse Gesicht tauchte grinsend in ihren Gedanken auf. Ein letztes Stück von Abyss, das ihr neue Kraft gab und gleichzeitig ihr Herz zerriss.
„Fühlst du das? Es ist noch warm, ja das ist es. Dein Blut klebt daran. Du lebst.“ Vorsichtig berührte Steven ihr Handgelenk, als könnte es gleich zerbrechen. Dann bog er ihre Finger um den Griff des Messers und drückte sie zusammen. „Halte es fest, mein Schatz. Sie werden es dir nicht wegnehmen.“
Ein Zug durchfuhr die schwere Luft. Der bewegte Raum änderte mit den beiden die Richtung. Steven hielt Gibbli mit einer Hand gepackt, damit sie nicht nach unten sackte. Draußen, hinter dem halbdurchsichtigen Glas, tauchten hellere Schemen auf: Lichter, an denen sie in rasantem Tempo vorbeiglitten. Oder schwebten. Was auch immer, es war ihr egal.
„Du kannst dir nicht vorstellen, Mädchen, wie viel Kraft es mich gerade kostet, mich davon abzuhalten, dir das Ding erneut in deine Schulter zu rammen. Vor ein paar Sekunden hätte ich das nicht geschafft, oh nein.“
Abwesend starrte Gibbli ihn an. Sollte er machen, was er wollte. Aber das Messer würde er nicht dafür benutzen. Nicht dieses Messer. Es gehörte ihm! Ihrem besten Freund. Ihrem Bruder. Hatte ihm gehört, verbesserte sie sich in Gedanken.
„Ja, schneide in meine Schokoladenhaut, denn es sieht ja so gut aus, wenn ich blute“, murmelte sie. Langsam ging ihr der Oceaner richtig auf die Nerven!
„Du hast dich verändert seit unserem ersten Treffen. Das ist gut, oh ja. Aber es reicht nicht. Es scheint, du gewöhnst dich allmählich hier dran. Ich nehme an, dein Kopf ist bereit, neue Informationen aufzunehmen. Also hör mir gut zu, Mädchen. Wir befinden uns in einer Art Gondel. Sie transportieren uns in ihr Gefängnis. Nun ja, nur mich natürlich. Dich werden sie umbringen.“
„Gut, dann ist es vorbei“, sagte sie resigniert.
„Das ist nicht gut! Glaub mir, es wird schnell gehen, sogar ohne Schmerzen! Stell dir das vor! So gemein! Sie mögen keine Oca. Die Oca sind ihre Todfeinde. Nein, waren es, denn wir beide sind hier die letzten, das sind wir! Und falls du es noch immer nicht begriffen hast, wir stehen auf derselben Seite.“
Ihr Verstand schien einzurasten. Die veränderten Einflüsse um Gibbli herum machten es ihr schwer, darüber nachzudenken. Doch jetzt hatte sie es verstanden: Der Heimatplanet der Oceaner befand sich in Feindeshand. Und sie beide waren darauf gefangen. Ihr wurde schlecht. Gibbli wünschte sich zurück in das Gefängnis der Akademie, das ihr plötzlich wie ein Paradies vorkam. Dort war sie zum ersten Mal auf ihn getroffen. Dort hatte er sie aufgeweckt, aus einem Traum, einem langen Schlaf, den sie Leben genannt hatte. War es genau dieses Messer in ihrer Hand, mit dem er sie damals bedroht hatte? Er besaß so viele. Und jetzt war er weg. Für immer. Gibbli konnte sich nicht vorstellen, ihn nie wieder zu sehen. Abyss würde sie jetzt mit irgendetwas Dummem zum Lachen bringen. Er fand in jeder Situation etwas, um sie aufzumuntern. Gab es hier etwas Positives? Nun, Steven gefiel es ebenfalls nicht, hier zu sein. Und alles was Steven nicht gefiel, gab ihr eine Genugtuung.
Gibbli grinste ihn böse an. „Ich hoffe, sie fangen mit dir an.“
Die Lichter von draußen warfen jetzt schwache Schatten durch das milchige Glas. Diese spiegelten sich in seinen goldenen Augen wider.
„Das wäre schön.“ Steven blickte Gibbli traurig an. „Aber so sehr ich es mir auch wünsche, würde es doch bedeuten, dass sie mich akzeptieren, besitze ich leider nicht das Recht zu sterben.“
Die wollten sie umbringen, aber ihn nicht und er wünsche sich sogar, dass sie ihn umbrachten? Was sollte der Unsinn? Hielt er sie schon wieder zum Narren?
„Warum tötest du mich nicht gleich?“, flüsterte Gibbli.
„Soll ich? Könnte ich natürlich. Aber das mag ich nicht, nein.“ Steven schloss die Augen und nahm einen tiefen Atemzug der verdickten Luft. „Du bist mein Mädchen. Ich will alles mit dir tun. Nur dich sterben zu sehen, dafür ist es zu früh. Ich will, dass du etwas erlebst. Ich will, dass du leidest.“
„Du bist krank!“
„Nein, mein Schatz. Leiden heißt Leben. Ich will dir zeigen, was es bedeutet, ein Oca zu sein. Hab ich dir das nicht immer gesagt? Ja, das hab ich. Komm zu mir, komm zu Steven, er lehrt dich, ein Oca zu sein.“
„Warum nennst du sie Oca?“
„Oceaner. Die Menschen gaben ihnen diesen Namen. Doch wir selbst bezeichnen uns als Oca. Die beste Art zu Leben ist die eines Oca, das ist es. Und ich werde dir zeigen wie, denn du bist einer von ihnen. Von uns. Du wirst nicht sterben, nicht so, nicht ohne Schmerzen und nicht, ohne gelebt zu haben. Wenn du genau meine Anweisungen befolgst, dann kann ich es vielleicht verhindern. Ich kann sie davon abhalten. Tust du das Mädchen? Ja? Nicht für mich, sondern für deine Spezies?“ Seine Worte klangen so überzogen emotional, als spielte er in einem Theaterstück mit.
„Wer sind sie?“, fragte Gibbli.
„Die Mog.“
Wieder fuhr ein Ruck durch den kleinen Raum. Im nächsten Moment stand die Gondel unvermittelt still. Der Boden vibrierte nicht mehr und ein Zischen vermischte sich mit dem leiser werdenden Dröhnen in ihren Ohren. Lediglich das schwache Tackern blieb zurück. Gibbli war sich nicht sicher, ob sie es sich einbildete. Die Wand an ihrem Rücken bewegte sich und glitt nach oben. Steven riss Gibbli weg und zog sie zurück in eine Ecke. Hastig drückte er sich an ihr vorbei zur Öffnung.
„Bleib hinter mir, Mädchen.“
Verwirrt kniff sie ihre Augen zusammen. Wer war dieser unheimliche Mann? Wo befand sich der grausame Eishaufen, der ihr das Blut in den Adern gefrieren ließ? Vorsichtig spähte sie an ihm vorbei. Von draußen drang ein blendendes Licht zu ihnen herein. Und am Eingang erschienen die ungewöhnlichsten Wesen, die Gibbli je erblickt hatte. Wie gebannt betrachtete sie die halb durchsichtigen Gestalten.
„Langweilige Leuchtschleier, findest du nicht?“, flüsterte Steven vor ihr.
Gibblis Blick erfasste ein einzelnes der Wesen, die jetzt näher kamen. Anmutig und faszinierend waren die ersten Gedanken, die ihr in den Sinn kamen, doch nur für eine Sekunde, dann empfand sie es regelrecht abstoßend. Der Mog ähnelte von der Form her einem Menschen, doch die Details stimmten nicht. Die haarlose Haut wirkte glatter und leichter, auf eine gewisse Art dünner und nicht fest. Auf den zweiten Blick fiel ihr die Flüssigkeit auf, die sich darunter in den Adern bewegte. Diese floss durch verschiedene Organe, welche unter der halb durchsichtigen Haut leicht schimmerten. Geräusche durchdrangen die dicke Luft, dem Knacken von Metall eines beinahe berstenden U-Boots nicht unähnlich. Die schrägen Töne ließen Gibbli erzittern. Handelte es sich um eine Art Sprache? Das ungewöhnlichste waren die Bewegungen der Mog. Ein einzelnes Wesen löste sich aus der Menge und stand jetzt direkt vor ihrer Kapsel. Richtig stehen konnte man das nicht nennen. Das Ding bewegte sich immerzu und glich dabei immerfließendem Wasser in einem Rohr. Es wiegte hin und her und schien keinen Augenblick an einer Stelle zu verweilen. Gibbli umklammerte Abyss‘ Messer noch fester.
„Ist es … hier?“, fragte sie und war sich nicht sicher, wie sie ausdrücken sollte, was ihr in den Sinn kam.
„Nicht ganz stofflich, das ist es, nicht wahr? Das liegt daran, dass die Mog zum Teil auch in einer anderen Ebene leben. Sie sind nicht auf die drei materiellen Ebenen beschränkt. Ihr seht sie als Ort: Länge, Breite, Höhe. Aber es gibt so viele andere.“
„Wie Zeit?“
Hinter dem ersten Wesen schwirrten zwei weitere heran. Ihre fließenden Bewegungen passten sich einander nicht an und Gibbli wurde schwindlig vom Zusehen.
„Nein, nicht Zeit“, hörte sie Stevens klare Stimme vor sich. „Du hast recht, Zeit ist eine Ebene. Aber über diese haben die Mog genauso wenig Kontrolle, wie die Menschen. Die Oca fanden früh raus, dass die Mog mit der zeitlichen Ebene nichts anfangen können. Nein, sie leben in zwei der unseren sowie in drei anderen. Die Ebenen der Materie, Gravitation und die Zwischenebene, welche Zeit und Gravitation sowie die drei materiellen Ebenen verbindet. Die Mog sind nicht fest gebundene Materie, Energie Mädchen. Sie existieren hier nur zum Teil. Es ist schwer, das jemandem zu erklären, der nie in anderen Ebenen lebte oder sich nicht daran erinnert.“
„Das ist nicht der richtige Zeitpunkt für Physikunterricht“, flüsterte Gibbli, als die zwei hinteren Gestalten zu sprechen begannen und die schräg gehauchten Töne sich mit denen des ersten Mog vermischten.
„Physik.“ Steven lachte auf. „Ich bin ein Genie, merk dir das gut. In eurer Welt wäre ich wohl tatsächlich so etwas wie ein Physiker. Ein Träumer. Ein Visionär. Ein Gott.“
„Ein Angeber, das bist du“, murmelte Gibbli und beobachtete, wie noch mehr Mog hinter den anderen erschienen. „Was tun sie?“
„Sie verlangen und beraten“, antwortete er knapp. „Weißt du, ich bin kein Bauer, auch wenn ich Rod mit der Mara geholfen habe. Ich bin jemand, der sagt, was gemacht werden soll. Jemand, der bestimmt, wie etwas gebaut wird. Ein Erfinder. Weil ich die Gesetze durchschaue. Ich war … sehr wertvoll für sie.“
„Für die Mog?“ Gibbli fragte sich, was er mit ihnen zu schaffen gehabt hatte. Hatte er mit ihnen zusammen gearbeitet?
Die Laute der Wesen wurden fordernder.
„Ja, für die Mog. Ich finde es immer wieder erstaunlich, mit welcher Geduld sie an Dinge herangehen. Sie sind so langweilig! Hast du es bemerkt? Ja? Sie beraten, was sie tun, bis jeder gleich denkt. Am Ende sprechen sie mit einer Stimme“, sagte Steven und schüttelte ablehnend den Kopf. „Keine Meinungsverschiedenheiten diese Mog, nein, niemals.“
Das Wesen ganz vorne richtete ein silbernes Gerät auf Steven.
„Was will es?“, fragte Gibbli, als er sie hastig zurück an die Wand drängte.
„Sie haben entschieden, dass es Zeit für uns wird, den Kasten zu verlassen.“
Ein scheinbar halb flüssiger, halb gasförmiger Schleier verließ das Gerät des Mog und stob direkt auf Steven zu, der sie noch immer vom Eingang abschirmte. Gibblis Finger taten fast weh, so fest umklammerte sie den Griff von Abyss‘ Messer.
Stevens Körper spannte sich an. Für einen Augenblick schienen all seine Muskeln steif zu werden. Er keuchte auf und presste die Zähne zusammen. „Oh nein, ihr zieht mich nicht in eure Ebene!“, rief er. Es wirkte nicht, als hätte er Schmerzen, eher als würde er sich anstrengen.
Steven riss Gibbli plötzlich zwischen den geisterhaften Gestalten hindurch auf eine freie Fläche hinaus. Ein neuer Schwindelanfall überkam sie, als ihr bewusst wurde, wo sie sich befanden. Die Wände, Decken und Böden bestanden überwiegend aus halb durchsichtigem Glas. An einigen Stellen verliefen glänzende Leitungen und maschinenartige Konstruktionen. Ein paar Bereiche bestanden aus klarem, komplett transparentem Material, das teilweise auch im Fußboden eingelassen war. Unter sich erblickte Gibbli unzählige Räume. Außerhalb der Wände gab es gläserne Gänge, welche die einzelnen Gebäude verbanden und in alle Richtungen konnte sie endlose Bauten erkennen: Nach links, nach rechts, nach vorne, nach hinten und teilweise auch noch weit nach oben, bis diese mit der Dunkelheit des Himmels verschmolzen. Jedenfalls nahm Gibbli an, dass es sich um einen Himmel handelte, denn eine Wasseroberfläche war das nicht. Es wirkte mehr wie eine schwarzgraue Ansammlung von scheinbar bauschigem Material dort oben. Einige der angrenzenden Räume waren erleuchtet durch weitere umherwuselnde Wesen in ihnen.
Die Mog umzingelten sie und bewegten sich um die beiden herum. Gibblis Blick wanderte von einem zum anderen, während sie leicht taumelte. In ihrem Kopf drehte sich alles. Sie trat unbeholfen einen Schritt zurück und stieß an Stevens Rücken.
Überall hörte man dieses schräge Gewisper, wenn sie miteinander sprachen. Nach einer Weile einten sich die überlappenden Töne zu einer einzigen Stimme. Eines der Wesen hob jetzt ein silbernes Gerät und richtete es auf Gibblis Brust.
„Nein! NEIN!“ Steven warf sich verzweifelt herum. „Ihr lasst die Frequenzen, wo sie sind!“
Seine Stimme überschlug sich, während er schrie und sich zwischen Gibbli und die silberne Waffe in den leuchtenden Fingern des Mog drängte. Die Wesen fingen wieder an, abwechselnd zu wispern, und ihre wobbelnden Bewegungen vernebelten Gibblis Sinne. Es war schwer, einem einzelnen Geschöpf zu folgen, weil sie ständig die Position wechselten. Gibbli stolperte fast, als ein Stich in ihrer Schulter sie in die Realität zurückholte. Die Wunde vom Messer hätte sie beinahe vergessen. Einer der Mog kam näher und streifte Stevens Brust. Er wich zurück. Gibbli erfasste das schräge Wispern, das von dem Wesen ausging, während das der anderen langsam verstummten.
„Ich denk nicht dran!“, schrie Steven zurück.
Wieder kam ein Wesen von der anderen Seite auf Gibbli zu. Steven wirbelte herum und im nächsten Moment hielt er sie fest umklammert. Ihr Gesicht an seine nackte Brust gepresst, schloss Gibbli die Augen. Gleichzeitig wünschte sie sich fort von ihm.
„Mein Mädchen gehört euch nicht! Sie gehört mir“, hörte Gibbli ihn rufen.
Und dann passierte etwas, was Gibbli noch mehr irritierte als alles andere. Ein Zittern fuhr durch ihren Körper, als sie seine Stimme wahrnahm. Steven fing plötzlich an zu wispern. Genau wie die Mog! Gibbli fragte sich, wie der Oceaner es schaffte, solche Laute von sich zu geben. Er klang aufgebracht und sein Tonfall nicht ganz so gehaucht, wie der von den Mog, dafür umso emotionaler. Die Mog ihrerseits fingen nun wieder an, miteinander zu kommunizieren. Gibbli betrachtete Stevens goldene Haut mit halb zugekniffenen Augen. Seine negative Kraft war nicht mehr vorhanden, als würde er gar nicht vor ihr stehen und sie umklammern. Stevens Körper war durchaus kalt, doch sein psychischer Einfluss auf Gibbli schien seit der Gondelfahrt erloschen zu sein. Und obwohl es sich noch immer um Steven handelte, duckte sie sich unter seinen Armen, um die leuchtenden Wesen nicht mehr ansehen zu müssen. Wollten die Mog sie wirklich umbringen, nur weil sie zum Teil ein Oceaner war? Sie kannten Gibbli doch nicht! Nach einiger Zeit wurde Stevens Griff lockerer. Er schob sie von sich.
„Stell dich dort drauf!“, befahl er.
Sie hob den Kopf und ihr Blick folgte seinem sehnigen Finger. Dieser zeigte auf zwei kreisrunde Flächen am Boden. Gibbli schien ihm zu langsam zu reagieren, denn schon schubste er sie zu den Kreisen. Als sie mit ihren Füßen die beiden Flächen berührte, zuckte silbriger Nebel aus den Fugen hervor. Dieser wand sich um ihre Stiefel herum, über ihre Knie, bis zu ihren Oberschenkeln. Trotz der gasartigen Form hielt das Material sie auf eine gewisse Art fest, als wären Gibblis Beine mit dem Boden verschmolzen. Gleichzeitig kam es ihr so vor, als befänden sich ihre Füße nicht mehr ganz hier, sondern in einer anderen Dimension.
Gibbli blickte auf und sah Steven neben sich stehen. Seine Beine waren ebenfalls auf Kreisen am Boden gefesselt. Er kommunizierte weiter mit den Wesen in diesen schrägen Lauten.
„Was sagen sie?“, schrie Gibbli, um Wispern der Mog zu übertönen. „Was hast du ihnen gesagt?“
„Sie beraten sich über deine Existenzform“, antwortete der Oceaner mit heller Stimme. Dann blickte er sie traurig an. „Ich erklärte ihnen, dass du … dass du kein vollständiger Oca bist. Das war die einzige Möglichkeit. Noch bist du keine Gefahr für sie, aber das das macht nichts. Du wirst eine werden. Ich werde dich dazu machen, oh ja.“
Eines der Wesen sprach Gibbli an und kam ihr gefährlich nahe. Sie wollte sich nicht ausmalen, wie es sich anfühlte, diese Dinger zu berühren. Das schräge Wispern tat ihr in den Ohren weh.
„Sie versteht euch nicht!“, rief Steven. Das Wesen wandte sich ihm schlängelnd zu und sagte etwas. Der Oceaner schüttelte den Kopf. „Oh nein, nein nein. Dann lernt unsere Sprache!“
„Was wollen sie?“ Gix bbli verlor langsam die Geduld. Diese Ungewissheit, was die Mog taten, machte sie fertig und diese ständige Bewegung um sie herum verursachte ihr Kopfschmerzen.
„Sie wollen, dass ich übersetze. Aber ich mag nicht, oh nein. Das hält sie auf. Ich weigere mich, hört ihr? Und mit mir braucht ihr auch nicht mehr reden! Die können vielleicht Oca, Mädchen, aber die Sprache der Landmenschen auf eurem Menschenplaneten ist ihnen fremd.“
Gibblis schwieg und wünschte sich zurück. Zurück zur Crew und zu ihm, zu Abyss. Doch es gab kein Zurück mehr. Und kein ihm.
„Du brauchst Geduld mit den Mog, Mädchen. Sie handeln erst, wenn sie eins sind. Sie sind so langweilig, nicht wahr? Doch man kann ihre Entscheidungen dadurch hinauszögern. Das macht es leichter, sie aus dem Konzept-“
Wieder schien eines der Wesen Steven etwas zu fragen und dieser verstummte mitten im Satz.
„Nein … das ist nicht …“ Er starrte den Mog vor ihm entsetzt an und wandte sich Gibbli zu. „Nein“, wiederholte er noch einmal ungläubig.
Es wurde leiser um sie herum. Gibbli hob müde den Kopf und blickte in seine ausdruckslosen Augen. Er wirkte schockiert, wie jemand der soeben eine schreckliche Nachricht erhalten hatte. Er sah nicht Gibbli an, sondern geradewegs durch sie hindurch, als wäre er nicht mehr anwesend.
„Steven?“, fragte sie schwach. Eine unheimliche Stille drückte auf ihren Kopf. Die Mog hatten aufgehört zu wispern. Das leise Tackern trat wieder in ihre Ohren, wie ein unaufhörliches Uhrwerk.
Der Oceaner antwortete ihr nicht. Die Wesen musterten Steven erwartungsvoll.
„Was ist passiert?“, fragte Gibbli wieder.
Er öffnete den Mund und flüsterte: „Das hatte ich verdrängt.“
„Was?“, murmelte Gibbli erschöpft.
Doch er beachtete sie nicht. Leise hallte seine Stimme durch den gläsernen Saal: „Sie war die letzte.“
Die Bewegungen der Mog änderten sich und wurden hektischer. Einige von ihnen wandten sich Gibbli zu, um dann aber sofort wieder die Richtung zu wechseln. Was meinte er mit seinen Worten? Die letzte ihrer Art? Es gab doch andere. Steven selbst, ihren Vater und war nicht Cora ebenfalls eine Oceanerin? Auf diesem Planeten hingegen hatten die Mog alle ausgelöscht, die durch das Portal zurückgekehrt waren. Steven starrte Gibbli weiter ausdruckslos an. Und sie öffnete erstaunt den Mund. Da rann tatsächlich eine Träne über seine Wange! Der Oceaner hatte ja schon immer emotional reagiert auf, nun ja, eigentlich alles. Aber Gibbli dachte bisher, dass er das lediglich spielte. Erst jetzt begriff sie, dass seine Reaktionen nur aus ihrer Sicht übertrieben wirkten. Für ihn waren sie alle echt. Gibbli konnte kaum glauben, was sie sah. Steven weinte!
Dann ertönte seine sonst so klare Stimme erneut. Aufheulend schrie er in die Stille hinein: „DU WARST DIE LETZTE!“
 
Kurze Zeit später stand Gibbli in einem Raum, der nur ein wenig größer war, als der Kasten, der sie vom Portal her gebracht hatte. Das milchige Material der Wände war halb transparent und befand sich überall um sie herum, auch der Boden und ein Teil der Decke bestanden daraus. Die restliche Hälfte der Oberseite wurde aus komplett durchsichtigem Platten bedeckt. Direkt über ihnen befand sich kein weiteres Gebäude. Die bauschigen Gebilde zogen weit entfernt, an irgendeiner Oberfläche entlang. Was auch immer das für ein Material war, es sah düster aus.
Steven hockte an der Wand ihr gegenüber, mit dem Kopf in die Ecke gelehnt und redete leise vor sich hin: „Dein Vater … Nein … Die DNA in ihm war nicht stark. Nicht wie in dir. Aber es ist … Es muss reichen, es … muss …“
Ihr Verstand sagte, dass es klüger wäre, so lange wie möglich nicht seine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Es war immerhin Steven! Doch außer ihm gab es hier niemanden. Gibbli sprach ihn an und rief mehrmals seinen Namen. Er reagierte nicht auf ihre Versuche, als nähme er sie gar nicht wahr. Sie steckte das Messer in ihren Stiefel. Die Mog hatten es ihr tatsächlich nicht weggenommen, wie Steven vorhergesagt hatte. Auch nicht ihr Werkzeug, gar nichts. Materielle Dinge schienen diese Wesen nicht zu kümmern. Gibbli stellte sich vor, wie die Klinge einfach durch die Leuchtschleier gleiten würde als beständen sie aus Wasser. Wahrscheinlich würde sie sogar selbst mitten durch einen Mog durchgehen können, ohne Schaden zu erleiden. Gibbli nahm einen tiefen Atemzug. Es fiel ihr noch immer schwer, den Atemreflex unter Kontrolle zu halten, und sie musste sich immer wieder vom Einatmen abhalten. Doch allmählich gewöhnte sie sich an das Gewicht und die dichte Luft. Sie analysierte die Zusammensetzung der Atmosphäre mit ihrem EAG. Der hohe Sauerstoffgehalt reichte laut der Anzeige aus, um hier pro Minute nur zwei, vielleicht drei Mal atmen zu müssen. Wenn sie es öfter tat, wurde ihr schwindlig. Gibblis Schulter schmerzte kaum noch. Sie hatte fasziniert zugesehen, wie eines der Wesen ihre Wunde mithilfe eines silbernen Zylinders in Sekundenschnelle geschlossen hatten. Die Geräte der Mog würde sie wahnsinnig gerne genauer erforschen. Sie konnten jegliche von Materie verändern, egal ob künstlich erzeugte oder biologische.
„Warum haben sie mich geheilt?“, fragte Gibbli in einem neuen Versuch, Steven aus seinen Gedanken zu reißen. Und er hob den Kopf.
„Grausam, nicht wahr? Die schöne Wunde. Die wundervollen Schmerzen! Sie taten das, naja, weil … ich hab doch keine Ahnung warum! Aber das beweist es nur! Es sind Monster! Seelenlose Wesen, die verlernt haben zu leben! Emotionslos. Ohne Gefühl! Sei mir dankbar, Mädchen. Ich habe dir gerade das Leben gerettet. Jedenfalls … vorerst.“ Der Oceaner schüttelte den Kopf und schien schon wieder mit den Gedanken ganz wo anders zu sein. Er wisperte vor sich hin, von irgendeiner Feier und Luftballons. Wörter wie „Katastrophe“ und „Übergang“ fielen. Seine unzusammenhängenden Sätze ergaben keinen Sinn.
Gibbli wandte sich von ihm ab. Hinter den Wänden und unter ihnen konnte man hin und wieder schemenhafte Bewegungen erkennen, doch keine genaueren Details. Sie begann den verschlossenen Eingang zu untersuchen. Er war lückenlos. Jedes glasartige Stück schloss nahtlos an das nächste an. Nach einer Weile wurde ihr bewusst, dass Stevens Stimme verstummt war und plötzlich hatte sie das Gefühl, er starrte sie an. Hastig drehte sich Gibbli um. Der Oceaner hatte seinen Kopf erhoben und beobachtete sie nachdenklich.
„Du kannst durch Mauern laufen! Mach den Durchgang auf!“, verlangte sie und klopfte gegen die Wand. Es handelte sich eindeutig nicht um Glas.
Er machte keine Anstalten, sich zu bewegen. „Denkst du, das wissen die Mog nicht? Denkst du nicht, sie hätten Vorkehrungen getroffen? Denkst du überhaupt? Dieses Material ist unpassierbar! Es wurde nicht auf die stofflichen Ebenen beschränkt. Selbst die Mog müssen den Eingang öffnen, um hier rein zu kommen. Hier geht nichts durch, auch nicht auf anderen Ebenen. Höchstens in der Zeit, doch die zu durchqueren vermag ich nicht.“
Gibbli hatte keine Lust auf seine arroganten Antworten, die nichts anderes sagten, als du bist dumm und ich nicht. Doch sie musste es wissen, wenn es ihr half, eine Fluchtmöglichkeit zu finden. „Wie funktioniert es?“
Stevens Mundwinkel zuckten nach oben. Er liebte es, seine Überlegenheit zur Schau zu stellen. „Es ist schwer, das in deiner Sprache zu erklären. Kurz ist das falsche Wort, auch nicht örtlich gebunden und gleichzeitig passt beides. Verstehst du? Wie eine Brücke der Ebenen, die Räume, Materie und Gravitation verbindet. Dieses Material ist nicht durchdringbar. Außer mit Oca Technologie.“
Ihr selbst gebautes Fluggerät, kam es Gibbli in den Sinn, mit dem sie die Zelle der Akademie geöffnet hatte. Sie wühlte in ihren Taschen und versuchte, es mit Gedanken zu erfassen, vergeblich.
„Du suchst das kleine Glühwürmchen, nicht wahr? Ich muss dir mein Kompliment aussprechen. Dafür, dass du unter Menschen aufgewachsen-“
„Wo ist es?“, unterbrach sie ihn.
„Das hast du in Ocea verloren.“
„Verloren?“
„Ja. Ich musste es dir unbemerkt abnehmen. Es liegt irgendwo in der Stadt.“ Er zuckte mit den Schultern. „Du hättest es dort gegen mich einsetzen können, nicht wahr? Es war zu gefährlich. Es hörte nur auf deine Frequenz. Das war gemein von dir, so etwas zu bauen! Sehr fies. Gute Arbeit, die du da geleistet hast. War nicht einfach, das zu erfassen, nein.“
„Ich … ich hatte nicht daran gedacht …“ Es fühlte sich wie ein Schlag an. Wie konnte sie nur so blöd sein? Gibbli hätte es dort oben auf der Plattform gegen ihn wenden können!
„Das liegt an deinen Menschengenen. Menschen vergessen zu denken. Oder sie denken das falsche. Sie sind so lustig, aber dumm.“ Er seufzte theatralisch. „Egal. Dein Glühwürmchen würde dir hier nichts bringen. Merkst du es nicht? Mein Einfluss auf dich ist weg. Weg! Meine Energie kann dich nicht mehr berühren, deinen Geist manipulieren … ich … ich kann es nicht.“ Er ballte eine Hand zur Faust und blickte Gibbli dann vom Boden aus wieder an. „Es funktioniert nur außerhalb der Städte. Das Sonnenstück hat geleuchtet, erinnerst du dich? Bis zu einem gewissen Punkt. Aber in ihren Zentren würden die Mog es nie zulassen. Das Einzige, was mir bekannt ist, wovor sich die Mog fürchten. Abgesehen von Zeit vielleicht. Die Mog haben es geschafft, ihren unterdrückenden Mechanismus auszudehnen, und die Oca damit nicht nur zurückweichen lassen, sondern sie komplett zu besiegen. Diese Stadt hier war einst golden, nicht durchsichtig, sie gehörte den Oca. Alles auf dieser Seite gehörte einst ihnen.“
Das war es also. Die Mog unterdrückten oceanische Technologie und damit auch seine Kraft. Er konnte ihr keine Angst mehr einjagen und sie nicht mehr zu Boden drücken! Jedenfalls nicht über Gehirnwellen. „Sie entziehen also ihre Basis. Die Technologie der Oceaner beruht auf elektromagnetischen Feldern. Ist das die Brücke von, der du gesprochen hast?“
„Nicht Felder, sondern Strahlen“, berichtigte er. „Entscheidend ist der Energietransport. Und es geht nicht nur um diese Frequenzen, die Geräte selbst funktionieren mit allen möglichen Bereichen des Spektrums, je nachdem welchen Zweck eine Maschine erfüllt. Was allerdings das Zusammenspiel von Oca Technologie betrifft, liegst du richtig, Mädchen. Das findet zum Großteil in elektromagnetischen Frequenzen statt. Die Mog sind im Stande, die Felder in genau diesem Bereich zu unterdrücken. Und sie müssen es tun. Sie ertragen sie nicht. Diese Felder strahlen in ihre Ebene, blockieren sie, verhindern ihren Weitergang, ihre Ausbreitung.“
„Das bedeutet, die Technologie kann nicht mehr kommunizieren. Die Steuerungen versagen. Ist das der Grund? Warum die Mog und die Oca verfeindet sind?“
„Es ist komplizierter als das. Aber ja, das ist wohl der Hauptgrund. Die Mog gehören nicht hier her. Nicht auf diese Seite des Planeten. Ihre Struktur ist nicht sehr dicht, nicht so stofflich wie die der Oca. Aber die Mog sind unglaublich anpassungsfähig, oh ja, wirklich … Wirklich, das sind sie. Ihnen gehörte die Tagesseite des Planeten. Und den Oca … diese hier. Die Atmosphäre ist hier dichter als drüben im Licht. Sehr viel dichter. Ist es dir nicht aufgefallen? Deine Knochen sind stabiler und halten mehr aus, als die der Menschen. Ich wette, du hast dir noch nie etwas gebrochen.“
„Du hast mir mein Bein gebrochen!“, widersprach Gibbli empört.
„Ach ja“, er schloss grinsend seine Augen, als würde er die Erinnerung daran genießen.
Angewidert schüttelte sie den Kopf und wollte ihn lieber nichts mehr fragen. Am besten, sie provozierte ihn nicht weiter, solange Steven dort einigermaßen friedlich in seiner Ecke saß und sich von ihr fernhielt.
 
Eine Stunde später lag Gibblis ganzes Werkzeug verstreut am Boden. Einiges davon kaputt oder zerbrochen. Sie wollte nicht glauben, dass ein Material existierte, das absolut nichts durchließ. Sie versucht es mit dem Schweißbrenner, mit dem Hammer, mit einfach allem, was sie bei sich trug. Nichts davon klappte. Niedergeschlagen starrte Gibbli auf den verschlossenen Eingang und stellte sich vor, wie das Ding unter Abyss bohrenden Blicken schmelzen würde.
„Du kannst es nicht ändern. Ruh dich aus“, sagte Steven müde.
Genervt warf sie einen Schraubenzieher in seine Richtung. Er duckte den Kopf lässig zur Seite. Das lange Metall knallte hinter ihm an die Wand und fiel dann zu Boden.
„Hm, dummer Reflex“, murmelte der Oceaner, als wünschte er sich, dass ihn das Ding getroffen hätte.
Gibbli sackte erschöpft auf die Knie. Ihre Finger glitten über das glasartige Material. Nicht der winzigste Kratzer ließ sich darin einritzen.
„Wer hat Angst vor dem großartigen Steven? Es ist okay, wenn du schläfst. Ich tu dir nichts, mein Schatz.“
Düster funkelte sie ihn an und lehnte sich an die Eingangswand. „Wenn ich einschlafe, wirst du über mich herfallen. Du bist ein verdammter Oceaner!“
Zufrieden nickte er. „Ah, wie nett, danke. Vielleicht mache ich das.“
Gibbli schnaubte verächtlich. „Warum fällt der Planet nicht auseinander?“, fragte sie mit mehr Nachdruck als beabsichtigt. Diese Frage lag ihr schon die ganze Zeit auf den Lippen. Die Unterschiede der beiden Hälften waren so gravierend, das konnte nicht lange gut gehen.
Steven hob stirnrunzelnd den Kopf, verwundert über ihren Themenwechsel. „Hörst du es nicht, Mädchen? Tak tak tak tak.“
Das leise Tackern drang wieder in ihr Bewusstsein. Gibbli hatte sich beinahe schon an das Hintergrundgeräusch gewohnt und es kaum noch wahrgenommen.
„Es entspringt dem Inneren des Planeten. Das ist die Maschine.“
Sehr informativ, dachte sie. Die Maschine also, welche immer er auch meinte von den Konstruktionen, die es hier gab. Auf dem Weg zu ihrem Gefängnis hatte sie unzählige davon ausmachen können.
„DIE Maschine!“, wiederholte Steven überschwänglich. „Erbaut vor vielen tausend Zyklen, noch vor dem Krieg. Die einzig gemeinsame Entwicklung der beiden Völker. Das einzige, was die Mog mit den Oca verband. Eine Maschine, die diesen Planeten zusammenhält. Aber was verstehst du davon, ist doch egal.“
Angestrengt versuchte Gibbli, ihre Augen offen zu halten, und beobachtetet ihn misstrauisch. Steven wirkte resigniert. Vielleicht hatte er keine Erfahrung mit Gefängnissen, aber sie hatte genug davon. Sie war schon gefangen gewesen, mit Abyss und Sky. Bis auf die Tatsachen, dass die Wände hier aus diesem ihr fremden Material bestanden und ihr gegenüber ihr größter Feind saß, kam Gibbli diese Situation zu bekannt vor. Sie hätte nicht erwartet, ihr halbes Leben eingesperrt in winzigen Räumen verbringen zu müssen.
Steven nahm den Schraubenzieher und hob ihn vor sein Gesicht. Während er ihn betrachtete, erstarb sein Grinsen und machte einem traurigen Blick Platz. „Meine Kraft ist weg. Was soll ich denn tun? Eine neue Art finden, um Spaß mit dir zu haben? Nun, ich könnte dir hiermit den Schädel zertrümmern, das könnte ich. Denkst du, das macht Spaß? Vielleicht. Aber ich … ich weiß es nicht. Verstehst du? Durch das Unterdrücken der Oca Technologie durch die Mog ist dein Einfluss auf mich ebenso verschwunden. Du könntest hier sein wie jeder beliebige Mensch auf deinem Planeten. Deine Anziehung auf andere ist hier nicht existent. In diesem Augenblick bist du für mich wie irgendein langweiliger Mensch. Wären andere Menschen hier, sie würden dich behandeln wie ihresgleichen.“ Er warf den Schraubenzieher von sich fort.
Das Klirren hallte noch Minuten später in Gibblis Kopf und vermischte sich mit dem monotonen Tackern der Maschine. Es wandelte sich in schräge Klänge. Lange Finger tanzten über metallene Saiten, hielten elegant einen goldenen Bogen, erschufen energiegeladene, herzzerreißende Töne einer Geige. Seiner Geige. Dort stand er, in dem langen Mantel. Der dunkelblaue Stoff folgte seinen Bewegungen. Er spielte mit schmerzverzerrtem Gesicht und krampfte immer wieder zusammen. Jedes Mal, wenn die feinen Haare des Bogens die Saiten berührten. Mit jedem Schnitt, den die Melodie verursachte, floss dunkelrotes Blut aus seinem Körper. Er wand sich, zuckte und die Töne wurden immer schiefer und kratziger. Bis alles fiel. Bis er fiel. Und Sky. Bo. Nox. Samantha. Tot. Für immer. Für immer. Für immer … Für immer.

Entsetzt riss Gibbli die Augen auf, als Steven sie packte. Sie war eingeschlafen. Der Oceaner riss sie vom Eingang weg, als dieser sich öffnete. Die Arme schützend erhoben, stelle er sich direkt vor den eintretenden Mog. Das Wesen wisperte etwas, und legte einen kleinen Gegenstand mitten in die Luft, wo dieser schweben blieb. Steven entspannte sich und kurze Zeit später waren sie wieder allein. Er trat einen Schritt zurück und lehnte sich gegen die Wand.
„Was ist das?“, fragte Gibbli und betrachtete misstrauisch die blass rosafarbene Kugel. Ablehnend roch sie daran. Es roch nach nichts.
„Essen“, murmelte er. „Das ist eine Nahrungskugel. Reinste Energie, umgewandelt in materielle, für euch … dich verdaubare Form“, sagte Steven.
„Euch? Mich? Was ist mit dir?“
„Ich brauche das nicht. Habe ich noch nie.“
„Erklär mir das.“ Sie streckte ihren Arm aus, griff danach und das kleine Ding fiel in ihre Handfläche. Die Oberfläche war weich wie Watte.
„Nein.“
Vorsichtig biss Gibbli ein Stück von der Kugel ab. Dabei ließ sie Steven nicht aus den Augen. Die Energie breitete sich sofort in ihr aus und sie fühlte sich besser, satt. „Essen Oceaner nichts?“ Diese Frage ging ihr nicht aus dem Kopf.
Steven betrachtete sie berechnend. „Oca nehmen Energie in unterschiedlicher Form auf. Auch durch Nahrung. Aber normalerweise essen sie nicht. Sie lernten diese Art der Energieaufnahme erst durch euch Menschen kennen. Auf diesem Planeten gibt es seit vielen Zyklen keine Pflanzen mehr.“
„Und Mog?“
„Mog benötigen keine Energie in dieser Form.“
Und er ebenfalls nicht. Konnte sie es wagen, ihre Gedanken auszusprechen? Er sah sie nicht als Mensch und doch redete er manchmal, als würden sie nicht derselben Spezies angehören. Die beiden Völker waren Todfeinde. Darum wollten sie Gibbli umbringen. Doch warum ihn nicht? Sie zögerte, dann kam die Frage über ihre Lippen: „Du bist kein Oceaner, oder?“
Stevens Augen verzogen sich zu bedrohlichen Schlitzen. Sein Blick erinnerte sie an die Gefahr, die noch immer von ihm ausging, auch wenn er sie das jetzt nicht mehr direkt spüren lassen konnte. „Ich bin ein Oca.“
„Denkst du, ich bin blind?“ Gibbli wollte ihn nicht gegen sich aufbringen und gleichzeitig mehr erfahren. „Du kennst ihre Sprache, du isst nicht, du verhältst dich wie … wie …“ Ihr wurde plötzlich bewusst, dass sie hier mit dem Feuer spielte oder bei ihm eher mit Eis.
„Ich bin ein Oca“, erwiderte Steven in einem Ton, der ihr das Blut in den Adern gefrieren ließ.
Gibbli trat einen Schritt von ihm zurück, auf die andere Seite des Raumes und biss ein weiteres Stück von der Kugel ab. Man konnte das Ding nicht als lecker bezeichnen, aber sie fühlte sich stark und voller neuer Energie. „Euer Nahrungsimitat schmeckt nach nichts“, murmelte sie rebellisch.
„EUER Nahrungsimitat? Sprich nicht, als würde ich zu ihnen gehören! Unsere Energie? Ja? Du stellst mich mit ihnen gleich!“
Provozierend wandte sie sich ihm zu. Abyss hatte sie immer aufgefordert zu leben, mutiger zu sein. „Aber das bist du, nicht wahr? Einer von ihnen. Denkst du, ich merke das nicht? Du bist einer von ihnen! Du bist ein Mog.“ Noch während sie den letzten Satz aussprach, wurde ihr klar, dass es ein Fehler gewesen war, das zu sagen.
Steven sprang auf sie zu und legte seine Hände um ihren Hals. „Nein!“, schrie er. Der vorgebliche Oceaner schüttelte den Kopf und presste die Zähne aufeinander.
Gibbli packte ihn und wollte seine Finger lösen, doch diese schlossen sich immer fester und drückten zu. Sie bekam keine Luft!
„Nein! Nein!“, brüllte er sie wieder an.
Entsetzt weiteten sich ihre Augen. Sie konnte keinen Laut mehr von sich geben. Er brach ihre Luftröhre, er riss ihr den Kopf ab! Gleich würde das Blut aus ihrem Hals spritzen! Minuten schienen zu vergehen.
Unvermittelt ließ Steven sie los.
Gibbli lehnte sich zurück an die Wand und röchelte nach Luft. Einatmen. Pause. Und noch einmal. Fast war sie froh, so viel Sauerstoff auf einmal abzubekommen. Ihr wurde schwindlig und sie sackte auf den Boden. Als sie aufblickte, stand er mit dem Rücken zu ihr an der gegenüberliegenden Seite. Dort stützte er sich mit beiden Händen ab und blickte sie nicht einmal mehr an. Nach einer Weile drehte sich Steven um und setzte sich auf seine Knie. Erschöpft starrte er seine Arme an. Dann hob er grinsend den Kopf und Gibbli erwiderte zitternd seinen Blick.
Plötzlich kroch er auf sie zu!
Gibbli drückte sich in eine Ecke und schloss die Augen. Es gab kein Entkommen. Sie hatte gespielt und verloren. Sie spürte, wie er ihre rechte Hand packte, auf sein Gesicht legte und genüsslich einatmete. Dann nahm er sie in beide Hände und ließ sie sinken, während er verträumt über ihre Haut strich. Gibbli öffnete die Augen und rutschte so weit weg wie möglich. Doch ihre Finger gab er nicht frei.
„Ebenen sind im Grunde nur ein Vergleich, damit man es sich vorstellen kann. Eigentlich gibt es keine fest begrenzten Einheiten, es ist mehr ein schleichender Übergang.“
Warum erzählte er ihr das jetzt? Sie hatte ihn doch gar nichts gefragt, dachte Gibbli und wünschte sich, er würde ihr Handgelenk loslassen. Steven starrte weiterhin auf ihre Finger, während er gedankenverloren mit ihnen spielte.
„Die Veränderung der Frequenzen geschieht nicht abgestuft. Du kannst eine Wellenlänge stufenweise erhöhen, in dem du plus Eins rechnest. Aber was ist mit den Zahlen zwischen Eins und Null? Es gibt unendlich viele. Wie ein Kreis, eine Rampe, keine Treppen.“
Er verstummte. Irgendwo in ihrem Kopf begriff Gibbli, wovon Steven sprach und gleichzeitig wollte sie ihm gar nicht folgen. Es fiel ihr zunehmend schwerer, die einzelnen physikalischen Begriffe, die er verwendete, mit den ihren entsprechenden zu verbinden.
„Sie veränderten meine DNA“, sagte er nach einer Weile und Gibbli fiel auf, dass sie fror. „Ich musste aussehen wie ein Oca und dafür meine Frequenz verschieben, um alle drei eurer räumlichen Ebenen zu erreichen. Es war nicht leicht, mich loszulassen. Ich war angesehen, besaß Wissen. Doch dieses Wissen über Physik und über die Oca machte mich zur perfekten Wahl. So, wie einige andere. Überall hin wurden wir geschickt, um die Kolonien der Oca zu vernichten. Und für mich wählten wir die Menschenwelt.“
Er hob den Kopf. Gibbli erkannte, dass er wieder weinte.
„Sie dachten, es wäre eine Qual für uns, so sein zu müssen wie ein Oca. Wir alle dachten das, auch ich. Am Anfang jedenfalls“, sprach er weiter. „Aber bald merkte ich, das Gegenteil war der Fall. Dein Menschenplanet war schön. Ganz anders als hier, wo wir uns von den Oca fernhalten mussten.“
Er ließ sie los, sprang auf und trat an das Milchglasfenster hinan. Sofort rutsche Gibbli auf die andere Seite der Zelle. Ihre Knie zitterten. Die glasartige Wand an ihrem Rücken fühlte sich kalt an. Steven hob seinen Arm und wies um sie herum.
„Hier waren wir immer von den Oca abgeschnitten.“ Er ließ seine Hände sinken und starrte nach draußen. „Wir lebten auf der Tagseite, ihr in der Dunkelheit. Euer Menschenplanet war dagegen bevölkert von den verschiedensten Wesen. Die Menschen sind lustig, aber die Oca noch anziehender. In meiner neuen Form konnte mich eure Technologie nicht mehr verletzen. Ich konnte sie sogar beherrschen und ich drang in die materielle Welt ein, wie kein anderer Mog zuvor. In eure Welt. Ich begegnete Mara und Jeff. Und ich liebte sie. Ich lernte die Oca lieben. Ihre Art zu leben. Die Gefahr. Die Risiken, die sie ständig eingingen. Diese wunderbaren Schmerzen. Und ihre grausamen Taten, die mir plötzlich nicht mehr grausam erschienen. Sie waren brutal und so befreiend. Es machte mich frei. Ich konnte Dinge tun, die ein Mog nie tun würde. Ich fühlte!“ Er hielt für einen Moment inne und sprach langsam weiter. „Und ich vergaß mein altes Leben. Ich wurde zu einem von euch und ich wollte nie wieder zurück. Für immer ein Oca bleiben. Dann gingen sie, gaben die Kolonie auf. Wegen dem Krieg mit den Mog, unserem Krieg. Einer nach dem anderen betrat das Portal, um zu kämpfen. So etwas zog die Oca schon immer an. Doch keiner von ihnen kehrte je zurück. Mara, Jeff und ich, wir waren die letzten. Wir sollten die Kolonie bewachen und sie beschützen. Bis sie starb. Mara. Meine geliebte Mara. Durch Menschenhand.“
„Rod“, flüsterte Gibbli und schlang fröstelnd die Arme um ihre Knie. Es schien kälter zu werden in ihrem halb durchsichtigen Gefängnis.
„Ja. Da waren es nur noch zwei.“ Steven drehte sich um und setzte sich ihr gegenüber. „Und natürlich Cora. Aber sie ist ein Kind in einer Maschine. Nicht wie wir. Und dann ging auch Jeff. Mein Jeff.“
„Und du warst allein“, sagte Gibbli. Sie kannte diese Geschichte bereits.
„Allein.“ Er blickte nach unten.
Über sein Gesicht zog sich eine glänzende Linie von seinen Augen aus hinab und Gibbli fragte sich, woher sein Körper das Wasser nahm. Die Mog bezogen anscheinend Energie aus ihrer Umgebung und er nutzte diese, wandelte sie um, um einen Oceaner nachzuahmen. Um ein Oceaner zu sein.
„Wenn du denkst, damit mein Mitleid zu wecken, dann täuschst du dich.“
Steven fing an zu grinsen. „Natürlich nicht. Oca verspüren kein Mitleid und sie würden es niemals annehmen. Das wäre schwach. Und du wirst es nicht geben, denn du bist nicht schwach. Und jetzt bist du da. Bei mir.“
Wie aus dem Nichts erstrahlte ihre Umgebung. Gibbli schreckte auf. Der Lichtblitz bohrte sich für den Bruchteil einer Sekunde in ihre Augen. Gleichzeitig krachte es. Im nächsten Moment stand sie aufrecht und presste sich erschrocken mit dem Rücken an eine der Wände.
Steven saß noch immer bewegungslos am Boden und beobachtete sie abschätzend.
„Was war das?“ Gibbli sah sich hektisch um. Ihr wurde etwas schummrig im Kopf.
„Donner?“, fragte er verständnislos und ein Rascheln setzte ein.
Gibbli wandte ihr Gesicht panisch nach oben auf die gläserne Decke. „Wasser! Wir werden begraben! Wir werden sterben! Es tötet uns!“, schrie sie und sprang von einem Eck in das andere.
„Das ist Regen, mein Schatz“, erklärte Steven belustigt. „Ein Gewitter. Hast du in deiner Welt so etwas nie … oh. Du warst noch nie an der Oberfläche deines Planeten, oder?“
„Nein“, flüsterte sie zitternd. Sie kauerte sich in einer Ecke nieder und machte sich so klein wie möglich. Schnell hin und her blickend, verfolgte Gibbli die Tropfen, die an der Außenseite des Gefängnisses nach unten rannen. „Es soll aufhören! Warum passiert das?“
„Wundervoll, nicht wahr? Die Kälte.“ Er lehnte sich zurück an die Wand und schloss die Augen. „Fast so, als würde ich dich spüren. Wusstest du, dass Oca eigentlich keine Kälte abstrahlen? Sie saugen die Wärme aus ihrer Umgebung auf. Es hat ewig gedauert, bis ich das begriff. Als Oca spürte ich sie zum ersten Mal. Die Mog sind nicht im Stande, Temperaturen wahrzunehmen. Sie verstehen den Sinn von Kleidung nicht. Haha, Materie. Wenn du sie um eine wärmende Decke bittest, geben sie dir wahrscheinlich eine steife Fläche aus löchrigem Metalldraht.“
Gibbli wünschte sich, dass er endlich den Mund hielt. Ihr Kopf tat weh. Jeder Blitz und jedes Grollen ließen sie zusammenfahren. Nein, Gewitter mochte sie nicht. Sie hatte immer gedacht, dass das ein Scherz des Lehrers gewesen war, als sie verschiedene Wetterarten in einem Kurs durchgenommen hatten!


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