Kapitel 23: Das Verhör (Bis in die tiefsten Ozeane)

Eine Stunde später lag sie, übersät mit blauen Flecken, im Bett des Gästequartiers. Sir Brummer hatte zwei Ärzte vorbei ge­schickt, doch Gibbli ließ die beiden nicht herein. Es machte auch gar keinen Sinn aufzustehen, um ihnen die Tür zu öff­nen, denn ihr Vater hatte sie eingesperrt. Angeblich musste er im Kommunikationsbereich der Akademie einer Konferenz mit einigen Mitarbeitern seiner Firma beiwohnen. Nach einiger Zeit verstummte das Klopfen und um Gibbli herum breitete sich er­neut eine erdrückende Stille aus. Sie trug noch immer ihre Kleidung und hatte nicht einmal ihre Stiefel ausgezogen. Aus einer ihrer Taschen kam ein leiser Piepton. Im Raum herrschte beinahe vollkommene Dunkelheit. Das Zimmer besaß kein Fenster ins Meer hinaus. Es gab Lampen, doch Gibbli wollte nichts sehen und hatte sie kurzerhand außer Betrieb gesetzt. Ihr ganzer Körper tat weh von den Schlägen ihres Vaters, doch dieser Schmerz kam ihr vor, wie kleine Kratzer. Er war nichts gegen das, was Steven mit ihr anstellen würde, wenn er sie fand. Sollte sie nicht bald nach Ocea gelangen, stände er frü­her oder später vor diesem Zimmer. Nein, er würde wohl nicht davor warten, sondern geradewegs durch die Wand marschie­ren. Aber selbst darüber fühlte sie nur noch Gleichgültigkeit. Sollte er doch! Im Augenblick hatte sie keine Angst mehr vor ihm. Sollte er nur kommen und machen, was immer er ma­chen wollte. Egal was er tat, nichts würde den einen Gedan­ken aus ihrem Gedächtnis löschen: Abyss.
Abyss war tot. Abyss hatte Bo umgebracht. Abyss hatte mit ihr gespielt, hatte sie benutzt und belogen. Wieder piepste es leise in ihrer Tasche. Wie einfach wäre es, wenn sie jetzt einschlafen würde. Sie könnte hier liegen bleiben und nicht mehr aufstehen. Nie wieder die Augen öffnen. Doch Gibbli konnte nicht mehr schlafen. Jedes Mal wenn sie es versuchte, tauchte Abyss' Gesicht in ihrem Kopf auf. Warum hörte dieser nervige EAG nicht auf zu piepen? Gedankenverloren griff sie in eine ihrer Werkzeugtaschen und hatte plötzlich das me­chanische Küken in der Hand. Ein leichtes Glimmern ging von ihm aus, das seine Umgebung schwach beleuchtete. Gibbli schüttelte den Kopf, als sie begriff. Natürlich hatte sie in Cora nichts gefunden, was auf Steven hinwies. Es war das Küken! Er beobachtete sie durch dieses dumme Tier! Sie ließ es fallen. Das Küken schüttelte sich und sprang zurück aufs Bett. Gibbli betrachtete es abschätzend. Machte es überhaupt Sinn, das Ding jetzt noch zu zerlegen? Wieder ertönte ein Piepen. Gibbli zog ihr EAG hervor und warf das Gerät mit aller Wucht ge­gen die nächste Wand. Es prallte ab und blieb scheppernd am Boden liegen. Das Küken hüpfte hinunter und flatterte aufge­regt um ihr EAG herum. Sein Bildschirm leuchtete in der Dunkelheit auf. War das blöde Ding jetzt also endlich kaputt? Schön, hoffentlich musste sie nie wieder ein Wort hinein tip­pen! Gibbli drehte sich um und zog sich die Decke über den Kopf. Doch durch den Stoff drang ein leises Geräusch. Eine Stimme!
„Jetzt? Nimmt es auf?“
Gibbli erstarrte. Seine Stimme. Sie würde sie unter Milliar­den wieder erkennen! Gibbli kämpfte sich hektisch von dem Laken frei und fiel aus dem Bett. Dann kroch sie so schnell es ging auf ihr EAG zu und schlug das Küken grob beiseite. Es handelte sich nicht um ein Hologramm, stattdessen wurden die beweglichen Bilder direkt auf dem kleinen Bildschirm des Gerätes angezeigt.
„Hey, kleine Schwester“ Gibbli erkannte, dass jemand eine Zeit eingestellt hatte. Das Piepen hatte den Ablauf dieses Weckers angedeutet. Das EAG war nicht kaputt. Beim Auf­prall mit der Wand musste der Startknopf ausgelöst worden sein. Abyss' Gesicht blickte ihr grinsend entgegen und in ihr zog sich alles zusammen. Im Hintergrund konnte man die gol­denen Maschinen der Mara erkennen.
„Und sie hört mich wirklich durch dieses Ding?“
„Ja. Jetzt mach schon, bevor sie aufwacht“, drangen die Worte von Sky aus dem Lautsprecher. Gibbli konnte ihn auf der Aufnahme nicht erkennen. Der Kapitän musste das EAG halten. Ihr Blick fiel auf die Zeitanzeige. Die beiden hatten die­se Aufnahme erstellt, während sie schlief. Kurz bevor dieser Streit in der Zentrale ausgebrochen war. Kurz bevor Nox die Mara verlassen hatte, Abyss Bo umgebracht hatte und dann selbst von Sky getötet worden war.
„Gibbli, du bist eine bezaubernde Frau... Mädchen.“
„Abyss, lass das!“, wies ihn Sky hinter der Kamera zurecht.
„Kannst du dir vorstellen, wie schwer es mir manchmal fällt, dich als Schwester zu sehen? Du musst verstehen ich...“ Er zögerte. „Ich liebe dein Lachen Gibbli und ich-“
„Abyss, ich warne dich! Wir hatten das damals geklärt! Also hör auf damit und sag was wir gerade abgemacht ha­ben!“
„Hey, wenn ich sterbe, will ich, dass sie das weiß!“
„Noch bist du nicht tot.“
„Okay, ich... okay. Also Gibbli, wenn du das hier hörst, dann hab ich mich wahrscheinlich ziemlich scheiße benom­men. Das tut mir echt Leid. Ich werde dich anlügen und es wird wahrscheinlich so ausgehen, dass er-“, Abyss zeigte auf den Bildschirm.
„Sie sieht mich nicht, sag meinen Namen.“
„...dass Sky mich erschießen wird. Ich meine, erschießen werden hat müssen. Richtig so?“
„Ja, weiter.“
„Also, merk dir eins Gibbli, eine Familie findet einfach zu­sammen. Ob man das will oder nicht. Man kann sie sich nicht aussuchen, so wie Freunde. Und Geschwister bleiben immer Geschwister, egal wie blöd sie sich benehmen, ja? Es tut mir Leid, okay?“
„Abyss, wenn du nicht endlich zur Sache kommst, ziehe ich in Erwägung dich wirklich zu erschießen.“
„Ich bin nicht tot! Hoffe ich jedenfalls. Wenn Sky seinen Strahler richtig einstellt und Bo meinen Angriff überlebt und sie wird überleben, du weißt dass ich gut in so was bin, wenn ich's drauf ankommen lasse, dann kann uns ihr Marahang retten. Gibbli, wo immer du bist, wenn du das hier siehst, wer­den wir vermutlich gerade gefoltert und unserem Kapitän steht wohl jeden Moment die Hinrichtung bevor. Also schwing deinen süßen Arsch hoch und SUCH MICH VERDAMMT NOCH MAL!“
„Uns“, berichtigte ihn Sky. „Und fluche doch nicht immer!“
„Ist die Aufnahme beendet?“
„Ja.“
Der Bildschirm des EAGs erlosch. Mit ihm das restliche Licht im Raum.
„Nein“, flüsterte Gibbli fassungslos in die Dunkelheit. Gleichzeitig erwachte eine Kreatur in ihr, die sich am liebsten sofort auf Abyss stürzen wollte, um ihm jedes Haar einzeln auszureißen.
Dieser Idiot hatte sie angelogen! Natürlich war ihr diese Lüge um einiges lieber, als die angebliche Tatsache, er hätte sie nur benutzt, um nach Ocea zu gelangen. Aber wie konnte er es wagen, so mit ihr spielen? Was erlaubte sich dieser eingebil­dete Volltrottel! Zugegeben der Plan war nicht schlecht. Aber doch nicht so, ohne ihr Wissen! Sie spürte, wie das Leben langsam in ihren Körper zurück sickerte und wie ihr Kampf­geist erwachte.
Hastig riss Gibbli die Augen auf. Wenn sie nicht sofort et­was unternahm, würden die anderen wirklich sterben! Zumin­dest ihr Kapitän. Was hatte Jack noch mal gesagt? Zwei Tage bis zur Hinrichtung? Sie schaltete die Lampe ihres EAGs ein und tastete in ihrer Stiefeltasche nach ihrem selbst gebauten oceanischen Fluggerät. Als sie es nicht fand, konzentrierte sie sich und dachte angestrengt daran, dass es sich einschaltete. Und tatsächlich, irgendwo in ihrer Tasche leuchtete etwas auf und es begann zu surren. Das murmelgroße Gerät schwebte langsam heraus. Erleichtert sprang Gibbli auf und eilte zur Tür. Vielleicht funktionierte diese Methode im Gefängnis unten nicht mehr, aber hier sollte es noch klappen. Die Verriegelung des Gästequartiers klickte leise, als Gibbli das Fluggerät durch das Schloss hindurch schickte.
 
Sich immer wieder umblickend, hastete Gibbli durch die Gänge der Schule. Dabei hatte sie noch immer keine Ahnung, wie sie am besten ins Gefängnis einbrechen sollte. Normalerweise gab es keine Wachen, doch aufgrund der Vorkommnisse, lag es im Bereich des Möglichen, dass sich dies nun anders verhielt.
„GIBBLI!“ War ja klar.
Kurz bevor sie den Zentrumsturm erreichte, brüllte jemand am anderen Ende des Ganges. Zu ihrem Pech handelte es sich um einen der Direktoren höchst persönlich: Markus Brummer. Sie blieb stehen. Jetzt bloß nicht die Nerven verlieren. Schnau­bend stapfte er auf sie zu und baute sich vor ihr auf.
„Jack erzählte, du seist nicht ansprechbar! Die Ärzte be­richten mir, dass sie nicht eingelassen wurden!“
Dieser Hohlkopf! Was wohl passieren würde, wenn sie ihm ein Loch in die Glatze stach? Der Gedanke brachte sie beina­he zum Grinsen. Dann müsste er sicher zum „Friseur. Bete dass ich dir nicht den Schwanz aufschlitze.“
„WAS?“
„Ich sagte, Sir, es geht mir wirklich ganz spitze“, versuchte Gibbli die letzten Worte ihrer Gedanken schnell zu berichtigen, als ihr auffiel, dass sie diese laut ausgesprochen hatte.
„Tatsächlich?“, fragte der Direktor. Ihr war klar, dass er die Blutergüsse in ihrem Gesicht nicht übersehen konnte. „Dann kannst du ja morgen am Tauchkurs teilnehmen!“
„Ja, Sir.“
Er blickte sie misstrauisch an. „Interessant! Dann hat die Strafe also doch etwas gebracht! MITKOMMEN!“
Gibbli verzog die Augen zu kleinen Schlitzen. „Habe ich et­was falsch gemacht, Sir?“ Abgesehen davon, dass ihr Vater die Tür verriegelt hatte, war es ihr doch nicht verboten, sich hier aufzuhalten.
„Dr. Elvira Fenchel erwartet dich für die Befragung! Ich wollte soeben jemanden schicken, um dich zu holen!“, bellte er sie an.
Gibblis Puls beschleunigte sich, als sie ihm unsicher zum Zentrumsturm folgte. Sie wollte keine Angst mehr vor ihm ha­ben, dennoch spürte sie, wie die Umgebung der Akademie sie in alte Muster zurück fallen ließ. Sir Brummer passierte die Aufzüge, ohne diese zu betreten. Offensichtlich sollte die Be­fragung im unteren der drei Büros stattfinden.
 
Sie betraten den runden Raum. Gibbli fiel sofort auf, dass die­ser viel chaotischer wirkte, als Sir Brummers Büro ein Stock­werk höher. An der Wand entlang reihten sich deckenhohe Regale mit unzähligen digitalen Ordnerplatten und Schublä­den. Viele davon konnte man nur mit einer Leiter erreichen. Über mehreren Konsolen zeigten Hologramme verschiedene Knochen des menschlichen Körpers und sogar ein paar echte Pflanzen standen verstreut umher. Auf einer Seite befand sich eine Untersuchungsliege für Dr. Fenchels private Patienten, wie sie auch zuhauf in den Heileinrichtungen der Akademie zu finden waren. Die medizinischen Instrumente, die diese Lie­ge umgaben, wollte Gibbli lieber nicht genauer betrachten. Das Herzstück des Büros aber bildete ein großer Tisch mit sechs edlen Stühlen.
Eine kleine Frau mit kurzen blonden Haaren erhob sich und lächelte die Hereinkommenden freundlich an.
„Ah, sehr gut Markus“, sagte sie und rückte ihre Brille zu­recht. Dann schritt sie direkt auf Gibbli zu und streckte ihr die Hand entgegen. „Guten Tag. Ich glaube, wir sind uns noch nicht persönlich begegnet. Mein Name ist Dr. Fenchel und ich leite alle medizinischen Einrichtungen an der Akademie. Du bist Gibbli de Orange, nicht wahr?“
Gibbli nickte kurz, nahm ihre Hand allerdings nicht entge­gen. Die Lehrkräfte der medizinischen Fakultät waren ihr schon immer etwas unheimlich gewesen. Da bildete diese Frau keine Ausnahme. Die Direktorin holte einen altmodi­schen Stift aus ihrem weißen Kittel und schrieb eine Notiz auf ihr Klemmbrett, das sie in der anderen Hand hielt. Ihre Schrift wurde sofort auf ein Dokument übertragen und auf einer Ordnerplatte gespeichert, die in dem Klemmbrett steckte. Misstrauisch betrachtete Gibbli den Stift. Es war ungewöhn­lich, keine holografische Tastatur zu benutzen.
„Setzt euch.“ Dr. Fenchel ließ sich wieder am Tisch nieder und öffnete eine Mappe, die anscheinend auf Folienstreifen gedruckte Unterlagen und sogar alte Kinderfotos von Gibbli enthielt.
Eines der Bilder war herausgerutscht. Es zeigte Gibbli vor einer alten Schiffsschraube stehend, wie man sie vor vielen hundert Jahren für die Schifffahrt benutzt hatte und welche heute den Eingang der Firma ihres Vaters zierte. Sie erinnerte sich noch genau daran. Es war zwei Tage nach ihrem vierten Geburtstag zum Schuljahreswechsel entstanden. Dr. Fenchel schob das Foto schnell zurück in die Mappe.
Markus Brummer packte einen Stuhl und wuchtete sich breitbeinig drauf. Gibbli stellte sich vor, dass der Stuhl laut stöhnte unter dieser groben Behandlung. Hätte er einen Mund, würde er jetzt sicher um Hilfe schreien. Sie bemerkte, dass Dr. Fenchel sie interessiert musterte und beeilte sich, ihr gegenüber Platz zu nehmen.
„Wir warten noch auf Jack. Ah, da kommt er ja schon.“
Nervös senkte Gibbli den Blick, als der militärische Direktor das Büro betrat. Zusammen mit allen drei Leitern in einem Raum, das hatten sicher noch nicht viele Schüler geschafft. Jack Kranch blieb an der Tür stehen und verschränkte die Arme.
„Die Gefangenen waren nicht sehr gesprächig. Aus ihrem Kapitän ist nichts mehr rauszubekommen“, sagte er. „Ich er­fuhr weder ihren Plan noch warum sie sich der Akademie nä­herten. Die sind ganz schön stur. Ich hoffe, diese Befragung wird erfolgreicher.“
„Nun, diese Befragung, wie du sie nennst, wird sicher um einiges netter ablaufen als deine Foltermethoden“, erwiderte die blonde Frau missbilligend.
„Beeilt euch. Ich habe eine Hinrichtung durchzuführen. Sie wurde auf 21 Uhr vorverlegt. Außerdem hätte ich davor Lust auf eine weitere Befragung seines Kommunikationsoffiziers, wie er ihn nennt. Ihr habt eine Stunde.“
„Beachte ihn gar nicht“, sagte Dr. Fenchel, als sie Gibblis entsetzten Gesichtsausdruck bemerkte. „Möchtest du ein Glas Wasser?“
Gibbli schaute sie düster an. „Nein.“
Sie musste einen Weg finden, dieses Gespräch so schnell wie möglich hinter sich zu bringen. Sky war in größter Gefahr. Nur noch eine Stunde! Und wenn Jack von einem Kommuni­kationsoffizier sprach, dann bedeutete das, dass Abyss wirk­lich noch lebte. Und Jack würde ihn foltern! Vielleicht hatte er auch Nox erwischt. Wobei sein und Bo's einziges Verbrechen darin bestanden, keine Landmenschen zu sein. Sicher würden die beiden vorerst verschont bleiben.
„Wie fühlst du dich?“, unterbrach die Direktorin ihre Ge­danken.
„Gut“, antwortete Gibbli knapp.
Die Frau blickte sie zweifelnd an. „Ich würde dich gerne untersuchen, okay?“
Gibbli erbleichte und warf einen beunruhigten Blick auf die Behandlungsliege. „Nein!“
„Du musst dich nicht fürchten, ich unternehme nichts, was du nicht möchtest. Vielleicht später, ja? Dann beantworte jetzt einfach meine Fragen, das ist ganz leicht. Möchtest du, dass dein Vater bei dieser Besprechung hier dabei ist? Ich lasse ihn holen, wenn-“
„Nein“, sagte Gibbli schnell.
„Okay. Kanntest du deine Entführer, bevor sie dich mitnah­men?“
Sie schüttelte den Kopf. Am liebsten hätte sie gesagt, dass niemand sie entführt hatte, um die anderen zu entlasten. Nur sicher würde das nichts an der Hinrichtung ändern. Zudem wäre dann ihre Tarnung aufgeflogen. Vielleicht würde man sie ebenfalls einsperren. Gibbli bemerkte, wie Sir Brummer sich räusperte und seiner Kollegin ungeduldig zunickte.
„Meinetwegen. Gibbli, kennst du dich mit dieser oceani­schen Technologie gut aus?“
Sie zuckte mit den Schultern.
„ANTWORTE!“, brüllte Sir Brummer sie an.
„Markus, bitte misch dich nicht weiter ein, ich leite dieses Gespräch!“
Auf Sir Brummers Glatze bildeten sich rote Flecken. „SIE HAT MIT VERBOTENER TECHNOLOGIE EXPERIMENTIERT! ICH HAB SIE NICHT OHNE GRUND EINGESPERRT!“
„Ich bezweifle stark, dass sie sich damit auskennt. Sie ist wie alt? 14?“, warf Jack von der Tür aus ein.
„RUHE!“, schrie Dr. Fenchel. „Noch ein Wort von euch und ihr verlasst auf der Stelle mein Büro!“ Dann wandte sie sich wieder mit etwas netterer Stimme an Gibbli. „Niemand wird dich hier beschuldigen, Gibbli. Du warst sicher nur neugierig, was diese Technologie angeht. Habe ich Recht?“
Gibbli schwieg.
„Möchtest du, dass ich sie weg schicke?“
„NEIN!“, rief sie sofort und blickte sich kurz zu Jack um. So lange sich der militärische Direktor im Raum befand, hieß das, dass die Hinrichtung noch nicht im Gange war.
„Okay, schon gut. Alles ist gut. Die Entführer haben dich bedroht, oder? Du kannst einfach nicken oder den Kopf schütteln. Hat dich jemand von ihnen verletzt?“
„Nein“, sagte Gibbli stur. Aber ich verletze euch gleich, dachte sie böse.
„Du musst keine Angst mehr haben, du bist jetzt in Sicher­heit. Diese Frage ist sehr wichtig, okay? Ich muss wissen, ob du missbraucht wurdest. Hat sich von den Entführern jemand sexuell an dir vergangen?“
Gibbli schaute sie mit offenem Mund an.
„Gibbli, hat dich jemand vergewaltigt?“, fragte Dr. Fenchel noch einmal.
Sie schüttelte den Kopf und betete, endlich hier raus zu kommen. Sie stand kurz davor, diese dämliche Frau in Stücke zu zerreißen. Während sich die Direktorin weitere Notizen machte, beobachtete Gibbli verstohlen Jack an der Tür. Die Uhr tickte.
„Kann ich jetzt gehen?“, fragte sie ungeduldig.
„Ich kann verstehen, dass dich diese Entführung sehr mit­genommen hat. Aber bevor du gehst, muss ich noch ein paar Dinge wissen. Es dauert nicht mehr lange, ja? Du sagst, dass dich niemand verletzt hat, aber es ist doch offensichtlich. Ich frage dich noch mal, hat dich jemand von den Entführern ge­schlagen?“
„Ja.“ Wenigstens entsprach das der Wahrheit, wenn auch nicht so, wie die Direktorin dachte. Schließlich hatte Gibbli Abyss selbst darum gebeten, sie zu schlagen. Auch wenn es nicht viel gebracht hatte.
Dr. Fenchel nickte. „Deine Verletzungen müssen behandelt werden, das verstehst du doch? Die Blutergüsse in deinem Ge­sicht sehen sehr frisch aus“, sagte Dr. Fenchel. „Wann ist das passiert?“
Jack trat stirnrunzelnd näher. „Sie war nicht verletzt, als wir sie befreiten.“
Gibbli fühlte sich bloßgestellt unter seinem musternden Blick.
Die Direktorin ließ seufzend ihren Stift auf den Tisch fallen. „Ich möchte, dass sie nach diesem Gespräch im Krankenbe­reich untergebracht wird. Und ich will mit ihrem Vater spre­chen. Sofort.“
Sir Brummer schüttelte den Kopf. „Nein. Wir mischen uns nicht in die Erziehungsmethoden der Eltern ein. Wenn ihr Va­ter sie schlägt, dann ist das seine Sache.“
„Hol ihn!“, befahl Dr. Fenchel an ihn gewandt.
Er blieb regungslos sitzen. „Ich habe weitere Fragen an das Mädchen!“
„Das dauert mir zu lange, ihr könnt hier ja ohne mich wei­ter machen.“ Der militärische Direktor drehte sich um.
„NEIN!“, schrie Gibbli und sprang auf.
„Also doch“, murmelte er leise und hielt inne. „Geht.“
Entsetzt sog Gibbli die Luft ein. Sie hatte einen Fehler ge­macht. Sir Brummer wagte es nicht, sich ihm zu widersetzen, stand eilig auf und verließ den Raum.
Dr. Fenchel hingegen blickte ihn entgeistert an. „Du wirfst mich aus meinem eigenen Büro?“
„RAUS HIER!“, brüllte Jack.
Zitternd wich Gibbli einige Schritte zurück, während Dr. Fenchel wütend hinaus schritt. Es war klar, wer von den drei Direktoren das Sagen hatte.
Der militärische Direktor nahm jetzt Sir Brummers leeren Platz ein, beugte sich vor und legte seine Finger aneinander. Dabei ließ er Gibbli nicht aus den Augen.
„Setz dich wieder.“
Mit rasendem Herzen sank sie erneut auf ihren Stuhl.
„Schluss mit diesem verweichlichten Gerede. Das ist eine elitäre Akademie und ich will jetzt wissen, was hier gespielt wird. Dieser bleiche Kerl ist mir schon zu oft entwischt. Ich stehe kurz vor der Durchführung seiner Hinrichtung, die du offensichtlich verhindern möchtest. Warum?“
Gibbli schwieg und blickte stur nach unten auf ihren Schoß. Moment! Sie hob den Kopf. „Abyss? Du lässt Sky am Leben?“
„Ich stelle die Fragen! Und diese harmlose Befragung über den Zustand einer angeblichen Geisel hat sich soeben in ein Verhör gewandelt. Es ist mir scheiß egal wie alt du bist! Wenn du da mit drin steckst, brauchst du von mir keine Gnade zu erwarten. Elvira hatte recht. Meine Foltermethoden sind nicht nett und ich versichere dir, ich habe keine Skrupel, sie-“ Er brach mitten im Satz ab, riss eine Waffe aus seiner Uniform und feuerte.
Erschrocken sprang Gibbli auf und sah, dass das mechani­sche Küken zerfetzt auf dem Tisch lag. Verdammt, das hatte sie ganz vergessen. Wann war es... er wieder in ihre Tasche ge­sprungen?
„Steven“, flüsterte sie leise.
„Verbotene Technologie.“ Jacks Stimme klang bedrohlich. „Ich warne dich, keine Spielchen mehr, ich werde dich-“
„WAMM!“ Seine Worte wurden durch lauten Lärm vor dem Büro unterbrochen. Dumpfe Schreie hallten durch den Gang von draußen herein. Jack sprang auf, packte Gibbli am Arm und zerrte sie hastig mit sich zur Tür. Als er sie öffnete und hinaus lugte, zischte ein Schuss an ihnen vorbei. Draußen herrschte ein heilloses Durcheinander. Zwei leblose Körper lagen am Boden und Soldaten liefen wild umher. Niemand schien so recht zu wissen, wo sich der Angreifer befand oder was überhaupt los war. Irgendwo fiel wieder jemand um und ein zielloser Schuss traf ein Rohr an der Decke, aus dem zi­schend Dampf entwich. Ein brizzelndes Geräusch hinter ihnen erregte ihre Aufmerksamkeit. Auf dem Tisch lag das Küken. Es rauchte leicht und große Funken stoben zwischen den goldenen Rädchen aus dem Inneren hervor. Jack ließ Gibbli los und duckte sich, als es plötzlich Feuer fing und sich dann in einer kleinen Explosion restlos zerlegte. Sie nutzte die Gele­genheit und schlüpfte am Direktor vorbei, in einen der gegen­überliegenden Aufzüge. Schnell schlug sie auf eine Taste. Während die Tür langsam zuglitt, erblickte sie Jacks wütendes Gesicht. Doch er musste zurückweichen, als ein weiterer Schuss durch den Gang blitzte. Dann war der Aufzug zu und Gibbli verriegelte ihn sofort von innen.
Erleichtert stieß Gibbli die Luft aus, als sie feststellte, dass sie den richtigen erwischt hatte, der nach unten in die Gefäng­nisse führte. Na endlich! Mit geschultem Blick erkannte sie die neuen Sicherheitsvorkehrungen. Um ihn in Bewegung zu set­zen, musste man sich durch ein EAG ausweisen und dieses in den vorgegebenen Anschluss stecken. Kein Unbefugter war in der Lage, ihn zu bedienen. Sie wünschte sich Sky herbei, der es sicher geschafft hätte, Jacks oder Sir Brummers EAG mit­gehen zu lassen, wahrscheinlich ohne das selbst überhaupt zu bemerken. Doch es gab eine andere Möglichkeit. Gibbli kram­te in ihrer Tasche nach einem Schraubenzieher, um damit die Konsole zu öffnen.
Er passte nicht.
Dann eben die Abyss-Methode. Sie holte einen kleinen Schweißbrenner hervor und kämpfte sich mit ihm durch die Abdeckplatte der Konsole. Geht doch, dachte sie, als das Ding zu Boden krachte.
Ein weiterer Schrei drang durch die Aufzugverriegelung hindurch. Verdammt, sie musste sich beeilen! Mit geschickten Fingern machte sich Gibbli an den Drähten zu schaffen, schloss dann ihr eigenes EAG an und hackte sich in die Be­dienung. Der Code kam ihr beinahe primitiv vor, dennoch freu­te sie sich, als sich ein Hologramm aufbaute. Hier konnte man die einzelnen Untergeschosse auswählen. Es gab zehn. Jeder kannte die Struktur der Gefängnisse. Je schlimmer das Verbre­chen, desto weiter unten befanden sich die Gefangenen. Na­türlich existierten weitere Stockwerke und nicht alle waren mit demselben Fahrstuhl zu erreichen. Sie würde umsteigen müssen. Gibbli wählte die unterste Ebene aus und der Lift setzte sich in Bewegung.
RUMMS! Sie wurde zu Boden geschleudert. Der Aufzug stoppte kurz, fuhr dann aber normal weiter. Gibbli rappelte sich hoch. Mit einem unguten Gefühl blickte sie nach oben. Für einen Moment war sie der festen Überzeugung, jemand wäre auf den Fahrstuhl gesprungen. In der Decke befand sich eine Klappe für Notfälle. Doch diese bewegte sich nicht. Wäh­rend Gibbli ihr Werkzeug einsammelte, ließ sie das Ding nicht aus den Augen. Endlich hielt der Fahrstuhl und die Tür entrie­gelte sich automatisch. Als sie aufglitt, drückte sich Gibbli schnell gegen die Wand.
Ein Soldat stand mit dem Rücken zu ihr.
Natürlich erwartete dieser eher einen Ausbruch statt einen Einbruch. Sie duckte sich. Während er sich umdrehte, stieß sie sich nach vorne ab und rutschte unter einen nahe gelegenen Tisch. Unglaublich, es klappte, er hatte sie nicht bemerkt! Er­staunt darüber, drückte sich Gibbli weiter zurück in die Schat­ten, während der Soldat verwundert den leeren Fahrstuhl ab­suchte.
Dann bemerkte Gibbli einen weiteren Wachmann. Dieser sah jedoch ebenfalls nicht in ihre Richtung. Das lief zu gut! Sie schlich zu dem zweiten Aufzug. Wenn sie ihn erreichte und nach unten fuhr, könnte sie vielleicht einen Vorsprung er­halten. Sie war fast an der Öffnung angelangt. So nah!
„Halt!“, rief der Soldat, der vor dem ersten Fahrstuhl stand und Gibbli erstarrte. Langsam drehte sie sich um und sah sei­nen Strahler auf sich gerichtet. Jetzt wurde auch der zweite Soldat auf sie aufmerksam. Es war aus.
Plötzlich würgte der erste Soldat.
Irgendjemand schrie: „LAUF!“
Das ließ sie sich nicht zweimal sagen. Gibbli wirbelte herum, rannte in den Fahrstuhl und betätigte den Türme­chanismus. Währenddessen huschte ein dunkler Schatten durch den Raum. Der zweite Soldat feuerte seine Waffe ab und verfehlte ihn nur knapp. Kurz bevor die Öffnung ganz zuglitt, kam er in den Fahrstuhl geschlittert. Die letzten Schüsse des Soldaten trafen die Außenseite der Tür.
„Nox!“, rief Gibbli aufgeregt.
Er war pitschnass. „Gutes Timing“, knurrte er mit seiner ausgetrockneten Stimme und rang durch sein Atmungsgerät nach Sauerstoff.
Gibbli holte ihren Schweißbrenner hervor, um wie schon im anderen Aufzug die Abdeckplatte zu öffnen.
Draußen klopfte jemand heftig gegen die Fahrstuhltür.
„Das dauert zu lang“, sagte Nox, fuhr mit seinen Krallen kurzerhand in das Metall und riss die Platte beiseite. Dabei fielen Tropfen zu Boden. Gibbli erkannte sofort, dass es sich dabei nicht um Wasser handelte. Nox war nicht nass, er war über und über mit Blut bespritzt. Auf seiner fast schwarzen Haut konnte man das nur nicht richtig erkennen.
„Ist nicht meins“, sagte er und schüttelte angewidert ein paar Tropfen von seinen Füßen.
Gibbli wollte lieber nicht wissen, wie vielen armen Men­schen er in die Quere gekommen war, um hier herein zu ge­langen. Sie schloss ihr EAG an, um sich in die Bedienung zu hacken. Ein helles Licht durchbrach die Fahrstuhlwand.
„Du bist nicht die einzige mit Werkzeug, beeil dich!“
Das Hologramm erschien und Gibbli wählte schnell die letzte Ebene aus, das 20. Untergeschoss. Der Soldat hatte be­reits ein beachtliches Stück der Wand aufgebrannt, als sich der Aufzug endlich in Bewegung setzte.
„Dachte nicht, dass dieser verrückte Einfall von Abyss funktioniert.“ Nox lachte auf. „Dass Bo darauf einsteigt, bewusste mir. Aber Sky...“
Gibbli blickte ihn düster an. Es war also Abyss' Plan gewe­sen, seinen Verrat und Tod vorzutäuschen. War klar, dass nur er sich so etwas Verrücktes ausdenken würde. „Warum hast du mich gewarnt?“
„Der Zirkus vorkam mir kindisch. Wäre ich darauf einge­stiegen, säße ich jetzt auch hier irgendwo hinter Gitter.“ Er warf ihr einen Chip zu. „Abnahm ich einem Soldaten. Ich glaube, damit verschließen sie die Gefängnisse.“
Überrascht erkannte Gibbli, dass es sich um eine der alten elektronischen Karten handelte, mit denen die Soldaten da­mals auch ihre Zelle verschlossen hatten. Anscheinend hatten sie die Schlösser an den Zellen gar nicht ersetzt.
Als der Fahrstuhl abbremste, machte sich Nox bereit, hinaus zu springen. Die Verriegelung öffnete sich, doch drau­ßen war es dunkel und totenstill. An den Decken leuchtete nur noch eine einzige der Neonröhren. Soldaten gab es hier keine.
Nox packte einen Tisch und stellte ihn mitten in die Fahr­stuhlöffnung, so dass sich die Tür nicht mehr schloss. „Das aufhält sie eine Weile.“
„Sicher nicht lang“, sagte Gibbli. Irgendwann würde jemand den Schutzmechanismus umgehen und der Aufzug würde trotzdem losfahren oder die Soldaten kämen einfach den Schacht herunter geklettert. Sie schaltete das Licht ihres EAGs ein.

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