Kapitel 19: … wird zum Verhängnis (Bis in die tiefsten Ozeane)

Die Tiefseemenschen brachten Gibbli in einen kleinen Raum. Es dauerte etwas, bis sich ihre Augen an die Dunkelheit ge­wöhnten. Sie erkannte Sky, dessen Anzug schwach von dem tiefblauen Glimmern der Organismen an den Steinwänden be­leuchtet wurde. Er stand neben ihr in der sonst leeren Kam­mer. Plötzlich wurde alles um sie herum schwerer und Gibbli stützte sich an der Wand ab, um nicht nach unten gedrückt zu werden. Um sie herum erhellte sich die Umgebung etwas und sie spürte, wie das Gewicht ihres Anzugs auf ihren Körper drückte, als jemand das Wasser abließ. Im nächsten Augen­blick öffnete sich eine Seitenwand der Kammer und andere Tiefseemenschen kamen hereingetappt. Sie trugen seltsame Geräte an ihren Hälsen, dort wo sich ihre Kiemen befanden. Offensichtlich ermöglichten diese ihnen, an der Luft zu at­men. Dunkelblaue Hände rissen ihr den Helm vom Kopf und die Flüssigkeit in ihrem Anzug platschte zu Boden.
Gibbli fiel mit den Knien voran auf harten Stein und huste­te das restliche Perfluorcarbon-Gemisch aus ihren Lungen. Sky, neben ihr, fasste sich an seine Brust und würgte ebenfalls das Zeug heraus. Mit schmerzverzerrtem Gesicht drückte sie die Hände an ihre Ohren.
„Du musst schlucken. Oder versuch zu gähnen!“, krächzte Sky.
Gibbli fühlte einen Stich an ihrer Brust und schon wurden sie wieder hochgerissen. Alles wirkte verschwommen. Sicher würde es wieder einige Zeit dauern, bis sich ihre Augen an die Luft gewöhnten. Alles war jetzt etwas heller. Die Biolumines­zenz der Organismen an den Wänden schien durch die Luft verstärkt zu werden. Man nahm ihnen die Druckpanzer ab sowie all ihre Ausrüstung und Skys Waffe. Dann zerrten die Wesen sie weiter durch mehrere Gänge. Mit wackeligen Bei­nen versuchte Gibbli nicht hinzufallen, als die Tiefseemen­schen sie in einen Raum stießen. Eine Wand fuhr vom Boden aus nach oben und Stille breitete sich um die beiden herum aus. Sie waren gefangen. In einem eckigen, blau glimmernden Raum aus kristallartigem Stein. In einer Tiefe von über 23.500 Metern. Die Thermoanzüge waren das einzige, was man ih­nen gelassen hatte.
„Setz dich“, wies Sky sie an.
Gibbli nickte schwer atmend, ließ sich an einer Wand nie­der und presste eine Hand gegen ihre Brust. Etwas über ihrer Lunge brannte fürchterlich.
„Wolltest du uns umbringen? Erkläre mir, was das eben sollte!“, befahl er, während er bereits die Mauern abtastete.
Die Wandseite, durch die sie herein gekommen waren und welche sich hochgefahren hatte, wurde zur Decke hin dünner und teilweise durchsichtig. Im Stehen konnte man nach draußen in den Gang blicken. Nun, Sky konnte das, Gibbli war zu klein dafür.
„Ich weiß nicht, ich... ich wollte mutig sein?“
„So etwas nennt man nicht mutig, sondern lebensmüde.“ Nach der erfolglosen Suche einer Fluchtmöglichkeit, ließ er sich ebenfalls nieder. Erschöpft grinste er. „Nur, weil Abyss nicht dabei ist, musst du ihn nicht vertreten. Wirklich, du soll­test aufhören, sie zu provozieren.“
„Dieser Elai hat mich komisch angesehen“, murmelte Gibbli.
Skys Augen weiteten sich. „Du blutest! Wann ist das pas­siert?“
Gibbli blickte an sich hinab und dann auf ihre blutver­schmierte Hand, die sie an sich gepresst hielt. Es sickerte durch den Thermoanzug.
„Abyss' Messer“, flüsterte sie leise. „Die Wunde ist nicht tief“, fügte sie hinzu, als der Kapitän versuchte, sie genauer anzusehen.
„Sticht es, wenn du atmest?“
„Nein“, log Gibbli und wich vor ihm zurück.
„Du hättest mir das sagen müssen!“ Sky sank wieder zu Boden. Wahrscheinlich, weil es sowieso nichts gab, was er da­gegen machen konnte. „Erinnere mich daran, dass ich ihn von Bord werfe, wenn wir zurück sind.“
„Nein, das ist meine Schuld. Er kann nichts dafür“, sagte Gibbli leise.
Der Kapitän schüttelte leicht den Kopf. „Er hat meinen Be­fehl missachtet, dir nicht mehr nahe zu kommen. Ich kann ihm das nicht durchgehen lassen. Gibbli, er...“, Sky brach ab und musterte sie eindringlich. „Er ist zu weit gegangen“, mur­melte er stattdessen und rieb sich die Augen. Dann schloss er sie und lehnte sich an die Wand.
 
Gibbli wusste nicht, wie lange sie so dasaßen. Ihr Bauch knurr­te vor Hunger, als die Wand vor ihnen abrupt nach unten fuhr. Kraftlos blieb sie einfach sitzen, während Sky alarmiert hoch­schreckte und sich ihnen entgegen stellte, als drei Wesen ein­traten.
Vor ihnen stand ein dürrer, hochgewachsener Meermensch mit stechend orangen Augen. Gibbli erkannte sie sofort: Bo's Augen. Er wirkte sehniger und jünger als Elai. Bis auf das Ge­rät an seinen Kiemen, trug er keine Kleidung. Auch Waffen schien er keine bei sich zu haben. Dafür begleiteten ihn zwei Tiefseemenschen, behangen mit Fischhäuten und mit ihren Säurestrahlern in den Händen.
„Was wollt ihr von mir?“, fragte Nox mit rauer, ausgetrock­neter Stimme.
„Wir suchen jemanden, der nicht hier her gehört. Ihr Name ist Samantha Evens. Hältst du sie hier gefangen?“, kam Sky ohne Umschweife auf den Punkt.
„Schickte Bo euch? Ist sie wieder an die Oberfläche? Ich befahl ihr, nicht hier unten zu bleiben!“
„Bo hat dich nicht zu interessieren“, sagte Sky scharf.
„Sie ist meine Schwester.“ Gibbli bemerkte, wie einer der an­deren Tiefseemenschen Nox einen bösen Blick zuwarf.
„Und Mitglied meiner Crew. Es geht hier aber um Saman­tha. Ist sie noch am Leben?“, lenkte ihr Kapitän das Thema wieder auf den eigentlichen Grund ihrer Anwesenheit.
„Sam ist nicht hier“, krächzte Nox knapp. „Sonst noch was?“
„Du lügst! Warum flutet ihr hier alles mit Luft wenn nicht ihretwegen? Ich verlange eine Antwort!“
Nox ignorierte seine Worte und wandte sich Gibbli zu. Sei­ne Miene änderte sich, wurde misstrauisch, als hätte er so­eben etwas Gefährliches entdeckt. Sky wollte ihn packen, hielt dann aber inne, als Nox' Begleiter sofort näher traten und ihre Säurewaffen bedrohlich auf ihn richteten. Langsam schritt der Tiefseemensch auf Gibbli zu und ging vor ihr in die Hocke.
„Du bist kein Landmensch.“ Seine spitzen Finger legten sich um ihr Kinn und drehten ihren Kopf prüfend zur Seite. „Du ge­hörst zu ihm. Steven.“
„Weg von ihr“, befahl Sky tonlos.
Im nächsten Moment sprang Nox hoch und schlug ihm quer übers Gesicht. Der Kapitän schrie auf und taumelte zur Seite. Nox' Krallen hatten tiefe Striemen in seiner Haut hinter­lassen. Sky wollte sich auf ihn stürzen, aber die beiden ande­ren Meermenschen packten ihn von hinten und hielten ihn zurück. Ihre Waffen berührten seinen Termoanzug und ätzten kleine Löcher in ihn hinein. Langsam wandte sich Nox wieder Gibbli zu, die noch immer am Boden kauerte und sich jetzt zitternd gegen die Wand drückte.
„WO IST SAM?“, schrie er sie an. „Ich töte dich auf der Stelle, wenn du mir nicht sofort sagst, WAS STEVEN MIT IHR MACHTE!“
Gibbli erschauderte und sie konnte eine Träne nicht mehr zurück halten. Steven war hier? Hektisch atmete sie ein. Ihre Augen weiteten sich. Nein, bitte er nicht auch noch!
Nox drehte sich betrübt um und starrte in den Gang hinaus. Er sagte irgendetwas zu den beiden, die Sky festhielten. Sie ließen ihn los. Sky trat einen Schritt zurück und stützte sich an der Wand ab. Einer der Tiefseemenschen rief Nox wü­tend etwas zu, doch dieser wies ihn zurecht. Daraufhin verlie­ßen die beiden schnaubend den Raum.
„Keine gute Idee. Jetzt bist du schutzlos“, sagte Sky und fletschte die Zähne.
Nox wandte sich ihnen zu, während Gibblis Blick zur offe­nen Wand wanderte.
„Versucht es nicht. Ihr weitkämet nicht“, zerstörte der Tief­seemensch ihre Pläne. Sein Blick wanderte abwechselnd von Gibbli zu Sky, dem jetzt Blut übers Gesicht lief. Nox' Augen wirkten plötzlich seltsam leer. „Der oceanische Wächter nahm Sam mit.“
„Also hast du sie hier gefangen gehalten.“, schloss Sky.
„Nein. Sie blieb hier, weil sie es wollte. Sam verlassenkonnte mich jederzeit.“ Er drehte sich wieder von ihnen weg.
Gibbli blickte lauernd auf, das war ihre Chance! Doch Sky schüttelte leicht den Kopf.
„Freiwillig?“, fragte der Kapitän. „Das erklärt nicht, was mit Bo ist. Ich bin mir sicher, Sam hätte nach ihrer Schwester gesucht.“
„Sam dachte, dass Bo nicht überlebte den Einsatz des Marahangs.“
„Ich verstehe. Und du hast sie in diesem Glauben gelassen.“
„Ich wollte Sam keinen Grund geben, von hier weg zu ge­hen. Mein Volk verfölgte Sam. Sie missbilligen unsere Ver­bindung. Sie erinnern sich, wie es war. Damals, mit meinem Er­zeuger und Kassandra“, fuhr Nox fort, während er auf den Gang hinaus blickte.
„Bo's Eltern“, schloss Sky.
„Die Landmenschen töteten meinen Erzeuger.“ Er ballte die Hände zu Fäusten. „Aber das ist jetzt egal. Alles ist egal. Ich zurückmöchte nur Sam.“
„Du magst sie“, sagte Sky leise.
„Ich mag sie“, gab Nox zu und drehte sich wieder zu ihnen um. „Mein Volk hält das für eine Schwäche. Sie sind in Auf­ruhr, weil Sam verschwand. Sie denken, Sam flüchtete mit geheimen Informationen über uns und geben mir die Schuld. Nur Elai weiß Bescheid, dass dieser Steven mit drin steckt. Doch auch er nicht gutfindet es. Lio, mein und Bo's Erzeuger, war sein Bruder. Und jetzt auftaucht ihr hier! Es war schwer, Sam zu schützen vor den anderen. Aber wenn ich gehenlasse euch jetzt, nicht mehr akzeptieren sie mich als ihren Anführer. Sie erwarten, dass ich töte euch.“
Eine drückende Stille breitete sich aus, als er aufhörte zu sprechen.
„Dann komm mit uns nach Ocea“, schlug Sky unvermittelt vor. „Komm mit uns und hol sie dir zurück!“
Gibbli starrte ihn entsetzt an. Auch Nox schien sich nicht sicher, was er davon halten sollte.
„Wir haben die Mara geborgen. Und wir haben Gibbli, in deren Körper sich oceanische DNA befindet“, fügte Sky hinzu und nickte zu ihr hinüber. „Du hast es gespürt, nicht war? Lass uns gehen und wir nehmen dich mit.“
Nox trat einen Schritt zurück in den Gang hinaus. „Ich abspreche das mit Elai.“
 
Sky atmete erschöpft aus, als er außer Sicht war. Zufrieden leckte er das Blut von seinem Mund. Gibbli schüttelte ungläu­big den Kopf.
„Was ist?“
„Der lässt uns nie gehn“, sagte sie leise.
„Wir kommen hier heraus, Gibbli. Nox begleitet uns. Du wirst schon sehen.“ Gibbli glaubte ihm fast, so felsenfest über­zeugt schien er von dem was er sagte.
Doch Nox kehrte nicht zurück.
 
Nach ein paar Stunden, so kam es ihr vor, schreckte Gibbli auf und sah ihren Kapitän im Raum stehen. Erneut suchte er die Wände nach irgendeinem Ausweg ab. Sie war durstig und ihr Bauch tat weh vor Hunger. Gibbli lehnte noch immer an der Wand und wagte sich kaum zu bewegen, aus Angst davor, dass sich der Stich an ihrer Brust wieder öffnete. Ihr Körper fühlte sich merkwürdig steif an.
„Ich werde hier sterben“, flüsterte sie leise, als Sky mit aller Wucht gegen die Eingangswand schlug.
Sofort hatte er sich wieder unter Kontrolle. „Nein. Nein, das wirst du nicht. Das ist nicht möglich“, sagte er leicht gereizt und in einem Ton, der keine Widerworte duldete. „Ich bringe euch nach Ocea. Ich bin dein Kapitän und das habe ich ver­sprochen. So lange ich lebe, wirst du nicht sterben!“
Niedergeschlagen starrte sie auf den steinernen Boden. „Dann wirst du eben vor mir sterben“, sagte sie deprimiert.
Sky seufzte und schüttelte langsam den Kopf.
Diese Situation war aussichtslos. Sie würden hier drin um­kommen, ganz sicher. Und es gab absolut nichts, was sie da­gegen unternehmen konnten. Gibbli fühlte sich leer.
„Ich habe es nicht verdient, Ocea zu sehen. Vielleicht sollte es so kommen. Vielleicht ist es gut so.“
„Unsinn!“ Zornig beugte sich Sky zu ihr hinab, doch seine Stimme blieb ruhig. „Erinnere dich daran, dass ich sagte, ich werde dich nicht wie ein Kind behandeln!“
Gibbli wich seinem Blick aus.
„Das wäre der richtige Zeitpunkt zu beweisen, dass du kei­nes mehr bist.“
„Ich weine nicht“, sagte sie leise.
„Gut. Du hast keinen Grund, dich zu fürchten. Ich bin hier. Und wir kommen hier raus, klar?“
„Ich habe keine Angst.“
Er nickte zufrieden.
 
Als Gibbli erwachte, stand Sky mit verschränkten Armen in der Zelle.
„Er wurde bestimmt aufgehalten“, murmelte er. Wachsam blickte er umher.
„Er kommt nicht zurück“, flüsterte Gibbli wieder und der Kapitän drehte sich zu ihr um.
„Nox ist ihr Anführer. Er kann nicht so einfach mit uns hier hinaus spazieren. Sicher sucht er nach einer Möglichkeit. Er muss das genau planen.“
Gibbli war überzeugt davon, dass Sky das nur sagte, um sie zu beruhigen. Das glaubte er doch selbst nicht, dass Nox je zurückkehren würde. Sie wollte etwas erwidern, im selben Au­genblick durchzog eine Eiseskälte den Raum. Ihre Augen wei­teten sich. Er konnte nicht hier sein! Nicht er! Nicht jetzt!
„Sky? Ich glaube, jetzt hab ich doch Angst“, sagte sie tonlos und eine Gestalt trat mitten durch die Seitenwand. Gibbli presste sich an die Wand. „DU!“, schrie sie auf und erstarrte.
So überraschend auf ihn zu treffen, ließ alles in ihr gefrie­ren. Er leuchtete für einen Moment golden auf und warf ein helles Schimmern auf seine ganze Umgebung. Sky, der ihren geschockten Ausdruck und die Lichtveränderung im Raum bemerkte, wirbelte herum und stand einem oceanischen Wächter höchst persönlich ge­genüber.
„Ich.“ Grinsend hob er einen Arm. Sky wurde sofort nach hinten an die Wand gedrückt und von einem Netz festgehal­ten. Gibbli erinnerte sich daran, dass er dies schon einmal ge­tan hatte, im Zug, mit Abyss.
„Ahh. In euer primitiven Physik nennt man so etwas wohl Dichteveränderung. In meiner Welt könnte man es mit einer Art Phasenverschiebung übersetzen. Oh, ich liebe es durch Wände zu gehen.“ Während er langsam auf den Kapitän zutrat, versuchte dieser sich vergeblich zu befreien. Als der Wächter kurz vor ihm stand, griff Sky nach ihm. Seine Finger verfehlten ihn um Millimeter. „Skarabäus Sky. Ich hab von dir gehört. Guter Mann. Guter Kapitän. Ich mag, wie du mit ihnen spielst, wie du ihnen weismachst, dass-“
„Steven, nehme ich an“, unterbrach Sky seine Worte.
„Ganz recht.“ Er streckte seine Finger aus, um Skys Kratzer im Gesicht zu berühren. Sky keuchte vor Schmerz auf und Steven war zu schnell wieder in sicherer Entfernung, als dass er ihn mit seinen Händen erwischen konnte. „Oh, wie nett. Da hat er dich ja ganz schön erwischt.“ Er lachte. „Ein wildes Temperament dieser Nox. Vor allem, wenn es um seine Sam geht.“
„Steven. Ich bin dir dankbar, dass du Jacks Flotte abge­lenkt hast, aber das hier ist nicht-“
„Das hab ich gut gemacht, nicht wahr? Ja! Dafür solltest du auch meinem Mädchen hier danken“, unterbrach der Wächter seine Worte.
„Deinem...Gibbli?“
Den Kopf nach unten gerichtet, hörte sie den beiden schweigend zu. Sie blickte Sky nicht an und hoffte, dass das hier nur ein Traum war. Ein langer, böser, grauenhafter Alp­traum.
„Binde mich sofort los!“, befahl der Kapitän.
„Oh, dieses Gefasel will ich mir nicht anhören.“ Steven streckte seine Hand aus und ein weiteres Netz verließ seine Waffe, diesmal ein ganzes Büschel, mitten in Skys Mund. Es fixierte seinen Kopf damit an der Wand. Der Kapitän schrie dumpf gegen die Knebel an und versuchte sie mit seinen Fingern zu lösen. Gibbli wusste, dass sie nicht nachgeben würden. Man brauchte mindestens ein Messer dafür.
„Oh ja. Du wirst sie alle in meine Stadt führen, davon bin ich überzeugt. Da vertraue ich ganz auf deine Fähigkeiten. Den kleinen Umweg hierher verzeihe ich dir, keine Sorge. Ich bin nicht wegen dir hier. GIBBLI!“
Er wandte sich von Sky ab, der angestrengt versuchte sich zu befreien. Dann schenkte er Gibbli seine volle Aufmerksam­keit.
„Hallo, mein Schatz.“
Gibblis Herz raste und die Schweißtropfen auf ihrer Stirn gefroren unter seinem Blick. Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie ihn an, in der Hoffnung, ein zufällig herabfallender Blauwal würde ihn auf der Stelle erdrücken.
„Hatten wir nicht eine Abmachung? Ich rettete deinen klei­nen Freunden das Leben. Mein Teil ist erfüllt. Und was tust du? Zögerst es hinaus, indem du hier her kommst. Oh, ja, ich weiß genau, was bei euch an Bord geschieht, ich beobachte euch. Du forderst mich ja geradezu heraus. Magst du Schmer­zen, Mädchen?“
Gibbli atmete nur noch flach und schnell. Die Luft drang kaum bis in ihre Lungen vor.
„Nein? Aber ich muss dich bestrafen, das verstehst du doch, oder?“ Sie wimmerte, als Steven sie grob am Hals packte und nach oben zog.
Skys Bewegungen wurden hektischer.
Steven hielt sie mit einer Hand am Hals fest gegen die Wand gepresst. Sie versuchte ihn wegzudrücken, doch das kam dem Kampf gegen einer Maschine gleich.
„Interessant. Wer war das denn?“ Er nickte fragend auf ihre Brust. „Das will ich sehen.“ Mit seiner freien Hand riss er ihren Thermoanzug mit einem Ruck herunter und begutach­tete ihre Wunde.
Sky schrie mit verschlossenem Mund gegen die Schnüre an, während Gibbli kein Wort hervor brachte. Eine Träne brach aus ihr hervor und hinterließ eine weiße Spur auf ihrem Gesicht, als sie langsam über ihre Wangen rollte. Ein kalter Lufthauch streifte ihren nackten Oberkörper und sie erzitterte.
„Das gefällt deinem U-Boot Kapitän wohl nicht“, sagte Ste­ven grinsend. „Hm. Dann wird ihm das hier noch weniger gefallen.“
Gibbli brüllte vor Schmerz auf, als er einen seiner goldenen Finger mitten durch den hellen Stoff tief in ihren Oberschenkel rammte. Ein Knochen splitterte und für einen Moment wurde ihr schwarz vor Augen. Dann folgte ein zweiter Finger und ein dritter.
„Merkt euch das gut. So etwas passiert, wenn man sich mit einem meiner Art anlegt. Oh, ich freue mich! Was für ein Spaß! Ihr wollt diese Sam. Ihr kriegt sie. In meiner Stadt. Ich gebe dir eine Woche Gibbli, dann stirbt die Kleine. Und um es mit Rods Worten zu sagen: Wenn du nicht freiwillig zu uns kommst, werde ich dich zerfetzt und zerbrochen vor die Tore der Stadt schleifen, Mädchen!“
Er ließ Gibbli los. Sie rutschte stöhnend zu Boden. Mit ver­zerrtem Gesicht hielt sie ihr Bein fest umklammert.
Steven wandte sich an Sky, packte eine der Schnüre und riss seine Fesseln mit einem Schlag beiseite. Noch während Sky zu Boden sackte, trat er einfach wieder durch eine Seiten­wand und verschwand.
Der Kapitän zog sich hoch und hechtete auf Gibbli zu. Er sagte irgendetwas, aber sie hörte ihn nicht. Sie bekam kaum mit, dass er sich beide Ärmel seines Thermoanzugs abriss und damit ihr Bein abband. Es tat so verdammt weh! Ihre Brust schmerzte von Abyss' Messer und ihr Kopf und ihr Bein. Vor allem ihr Bein. Irgendwann dämmerte sie einfach weg.
 
Gibbli schlug die Augen auf. Ihr entfuhr ein qualvolles Stöh­nen, als sie sich dem schmerzhaften Pochen in ihrem Ober­schenkel bewusst wurde. Sie lag auf etwas Warmem, Leben­dem. Skys blutverschmiertes Gesicht erschien über ihr. Panik durchströmte sie, während die Erinnerungen der letzten Stun­den durch ihren Kopf schwirrten. Oder waren es Tage? Als sie ihren Kopf hob, wurde ihr schwindlig.
„Nicht, ruhig“, sagte er mit rauer Stimme. „Bleib liegen.“ Gibbli sackte auf die Beine des Kapitäns zurück. „Du hast viel Blut verloren.“
„Wasser“, brachte sie kaum hörbar hervor.
Sky schüttelte den Kopf. Gibbli fror. Im Raum herrschten noch immer bitterkalte Temperaturen vor. Sie fühlte sich wie ausgetrocknet und hatte so einen verdammten Durst! Hätte sie nicht einfach während ihrer Bewusstlosigkeit sterben kön­nen? Sie wünschte sich wieder einzuschlafen. Schwer atmend versuchte sie ihr Bein zu ignorieren.
„Solche Deals sind meine Aufgabe, merk dir das. Meine. Nicht deine“, sagte er leise.
„Ich... schenke ihn... dir gerne.“
Seine Mundwinkel zuckten leicht. Auch Sky wirkte mehr als erschöpft. Seine Lippen sahen blass aus, fast weiß und noch immer klebte ihm Blut im Gesicht.
Plötzlich drang ein Klopfen durch die Wand, an der er lehnte und die beiden zuckten zusammen. „Pssst, hey Sky! Seid ihr das?“ Gibbli schnappte nach Luft. Diese Stimme ge­hörte doch-
„Abyss!“, krächzte der Kapitän „Was tust du hier?“
„Du sagtest ja mal, du willst über unsere Handlungen in­formiert werden. Also hier ist Info. Ich hab die Mara gegen dei­nen Befehl verlassen. Mir war langweilig, also bin ich euch nachgetaucht. Ach ja und ich hab irgendwas in die Luft ge­sprengt, keine Ahnung was genau das war, so eine blau leuch­tende Maschine. Aber hier unten ist ja alles blau. Kann's sein, dass diese Tiefseemenschen grad alle irgendwie durchdrehn?“
„Bevor du etwas machst! Ich will vorher Bescheid wissen!“, knurrte Sky, während er Gibbli half sich aufzusetzen.
„Freut mich dich zu sehen Abyss, du bist unser Held! Wir haben dich ja so vermisst, Abyss!“, klang Abyss' Stimme wie­der stumpf durch die Wand. „Ist Gibbli bei dir?“
„Ja, sie ist da.“
„Geht zurück, ich schlag das Ding hier ein.“
„Warte.“ Sky packte Gibbli und half ihr, sich zur gegen­überliegenden Wand zu ziehen. Kurz erblickte sie Abyss' Ge­sicht und ihre Blicke trafen sich durch die durchsichtige Wand. Seine Haut wirkte merkwürdig staubig und irgendwie so, als hätte er sich verbrannt. Dann kniete sich Sky vor ihr nieder, um sie von der Wandöffnung abzuschirmen und drückte ihren Kopf nach unten.
Im nächsten Moment krachte es laut und die Wand zerriss in tausende kleine Stücke, die in alle Richtungen durch den Raum geschleudert wurden.
Sky zog sich einen Splitter aus dem Arm. „Verflucht Abyss! Das nennst du einschlagen?“
„Explodieren, ich meinte, ich lass es explodieren. Wusstest du, dass man mit Festluft kleine Sprengladungen bauen kann?“
„So was machst du also, wenn du allein auf der Mara bist? Bomben basteln?“
„Mir war langweilig.“ Er hielt inne, als er die beiden muster­te. Sie mussten ein erbärmliches Bild abgeben. Ausgemergelt, in zerrissenen Anzügen und blutverschmiert. Sein Blick fiel auf Gibbli, die müde zu ihm hoch sah. „Wer-“
„Steven“, murmelte Sky düster und zog sich erschöpft hoch.
Abyss holte ein Gefäß mit Wasser aus einer Tasche, öffne­te es und stürzte auf Gibbli zu.
„Es... tut mir... Leid“, brachte Gibbli unter Anstrengungen hervor. „Ich... “ Sie brach ab, als Abyss versuchte ihr etwas von dem Wasser einzuflößen. Gibbli fühlte sich so schwach und bekam kaum einen Schluck davon runter. Doch es tat gut, als das flüssige Nass über ihre Lippen und ihre Kehle hinab ran. „Ich bin... getaucht... hast du... gesehn?“
„Das bist du“, sagte er leise und reichte Sky das Gefäß. Die­ser trank den Rest aus, während Abyss seinen Mantel auszog und ihn um Gibblis zitternden Körper wickelte. „Ich schlag je­den zu Brei, der es wagt dich anzufassen! Hörst du? Ich werd diesen Abschaum von Oceaner zermatschen. Komm schon, hoch.“
Abyss nahm ihre Arme und legte sie um seinen Nacken. Dann griff er unter ihre Knie und hob sie hoch. Gibbli ließ stöhnend ihren Kopf auf seine Schulter fallen. Ihr Bein fühlte sich wie abgerissen an und selbst ohne die Wunde wären ihre Füße wahrscheinlich eingeknickt. Doch sie spürte seine ver­traute Nähe und drückte sich erleichtert an den warmen Kör­per. Ein paar gelöste Strähnen aus seinem Zopf kitzelten ihre Nasenspitze.
„Lustig. Vor ein paar Tagen hättest du mir nicht mal deine Hand gegeben und jetzt lässt du dich schon von mir rumtra­gen.“
„Halt... Fresse“, murmelte Gibbli an seiner Schulter.
„Wie nett von dir. Kannst du dir vorstellen, wie sehr ich das hier gerade genieße?“
„Lass das, Abyss!“ Sie bemerkte, wie der Kapitän ihm einen warnenden Blick zuwarf. Dann wandte er sich von ihnen ab und sah sich draußen im Gang vorsichtig um. „Wie lange?“
„Fast drei Tage“, antwortete Abyss knapp und kam mit Gibbli ebenfalls nach draußen. „Hier lang.“
„Ich bete, das ist nicht dein Taucheranzug, den du da trägst“, sagte Sky, als sie eilig durch den Gang schlichen. Er taumelte mehr, als dass er ging und musste sich immer wieder an der Wand abstützen.
„Nein. Wir, das heißt Cora und ich, sind mit dem MARM hier. Bo bewacht die Mara.“
„Cora ist auch hier?“
„Ja. Keine Ahnung woher, aber sie wusste genau, wo wir andocken mussten, um hier rein zu kommen. Es gibt einen zweiten Zugang, außerhalb von Takkao.“
„Sie muss diese Info von Steven haben“, murmelte Sky leise.
Sie schlichen an verschlossenen Türöffnungen vorbei und durchquerten einen weiteren Gang. Gibbli bekam kaum mit, worüber die beiden Männer sprachen. Immer wieder wurde ihr schwarz vor Augen.
Vor ihnen tauchten plötzlich zwei Tiefseemenschen auf und versperrten ihnen den Weg. Als Abyss abrupt stehen blieb, durchzuckte ein Stich ihr gebrochenes Bein und sie schreckte erneut auf. „Hm, also das war so nicht geplant“, sagte er.
„Als wenn du je irgendetwas planen würdest“, knurrte der Kapitän.
Sie wendeten, um in die andere Richtung zu laufen. In die­sem Moment sauste ein Schuss haarscharf an Gibblis Kopf vorbei. Sie spürte, wie sich die Spitzen ihrer Haare in der Säure auflösten. Sky blickte hektisch den Gang zurück, auf dem jetzt zwei weitere Wesen Stellung nahmen. Er und Abyss blie­ben Rücken an Rücken stehen. Es gab kein Entkommen mehr, sie waren umzingelt.
„In meinem Stiefel steckt ein Messer“, raunte Abyss Sky zu.
Plötzlich zischte ein Strahl durch den Raum. Gibbli erwar­tete das Schlimmste, als Abyss sie fest an sich drückte. Dann stürzte einer der Tiefseemenschen zu Boden. Überrascht wir­belte ein anderer herum. Während Sky etwas auffing, fiel schon der Zweite. Im nächsten Moment erledigte der Kapitän die anderen beiden mit gezielten Schüssen.
„Damit abschreibenkann ich es, je wieder zurückzukehren hier her“, ertönte die kratzige Stimme von Nox, als er näher trat. „Wer von euch sprengte unsere Photobakterienzucht?“
Abyss blickte ihn misstrauisch an.
Sky hingegen nickte ihm müde zu. „Gutes Timing. Will­kommen in meiner Crew.“
"Nur bis ich wiederhabe Sam."
Vor Gibblis Augen verschwamm wieder alles. Bilder blitzten in ihrem Kopf auf. Im einen Augenblick rannten sie noch durch einen Gang, im nächsten spürte sie, wie Abyss sich mit ihr im MARM niederließ.
„Was soll das? Was hast du mit dem MARM angestellt? Sie ist ein halber Schrotthaufen!“, rief Sky von irgendwoher wütend.
„Sind doch nur ein paar Kratzer. Hab vielleicht ein paar Mal was gerammt auf dem Weg hier her“, murmelte Abyss über ihr. Irgendwo im Hintergrund hüpfte Cora aufgeregt umher.
Dann wurde Gibbli erneut schwarz vor Augen. Im nächsten Moment bekam sie mit, wie jemand den MARM in einem waghalsigen Manöver durch eine Schar Tiefseemenschen steuerte und ihren Säurestrahlen geschickt auswich.
Wieder trieb der Schmerz Gibbli in eine Ohnmacht und diesmal blieb sie lange bewusstlos.

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