Kapitel 14: Entdeckungstour auf der Mara (Bis in die tiefsten Ozeane)

Anfangs noch grübelnd, begann Gibbli die Sache nach einer Weile sogar etwas Spaß zu machen und langsam vergaß sie den Schmerz in ihrer linken Hand völlig. Die Mara bestand aus 3 Ebenen. In der Obersten befanden sich der Hangar und die große Galerie mit den vielen Pflanzen, von der aus man hinunter zur Zentrale blicken konnte. Außerdem ein Kranken­zimmer, an das Coras Kinderzimmer anschloss. Die mittlere Ebene beinhaltete neben der Zentrale eine kleine Küche und das Schlafzimmer von Coras Eltern. Sie fanden heraus, dass der komplette hintere Teil dieser Ebene abtrennbar war und als kleines Beiboot fungierte. Die unterste Ebene gefiel Gibbli am besten. Neben einem Badezimmer, das sich direkt unter dem vorderen Teil der Zentrale befand, wurde fast der gesam­te restliche Platz von verschiedenen Maschinen vereinnahmt. Außerdem befand sich hier jeweils links und rechts am Ende des Ganges, in den die beiden Rampen hinunter führten, eine kleine Ausstiegsluke. Auf dem verwinkelten Maschinendeck gab es einen großen Bereich für den Antrieb, verschiedene Flüssigkeitstanks, Filteranlagen und viele weitere Systeme so­wie einige Materiallager.
Irgendwann bemerkte Gibbli, dass das goldene Kind ihnen bei ihrer Entdeckungstour vergnügt folgte. Fröhlich hüpfte sie hinter den beiden her. Sie fanden heraus, dass die kleine KI ab­solut keine Ahnung über die Technik des Bootes besaß. Cora wusste nichts über das Energiefeld, das die Außenwände um­gab und welches Gibbli als sehr beruhigend empfand. Ein klei­ner Riss würde ihnen hier drin nichts anhaben können.
„Sag mal Cora, welchem Zweck diente dieses U-Boot ei­gentlich?“, fragte Abyss, während Gibbli einige Behälter begut­achtete, die in einem Abschnitt des hinteren Maschinenrau­mes standen. Sie waren randvoll mit verschiedensten Ersatz­teilen und goldenen Metallstücken.
„Es bewacht Stadt“, sagte das Kind mit klarer Stimme und ihre Augen blickten weit aufgerissen zu Abyss hoch.
„Ocea?“, fragte er.
„Ja, zu Hause.“
Gibbli blickte auf. Wenn dieses U-Boot erschaffen wurde, um die Stadt zu bewachen, wie konnte es dann mögliche An­greifer abwehren? Sie hatten auf ihrem Rundgang bisher kei­nerlei Waffensysteme entdeckt.
Abyss schien Ähnliches zu denken, denn er fragte Cora, ob es irgendwelche Geschütze an Bord gab.
„Kämpfen?“ Sie grinste ihn an.
„Ja, wie kämpft dieses U-Boot?“
Das Kind hielt eine Handfläche seitlich nach oben und schlug mit der anderen Hand zur Faust geballt ein. „Bumm!“, rief sie laut lachend.
Gibbli beschlich ein ungutes Gefühl und Abyss sprach aus, was sie dachte: „Mara selbst ist die Waffe.“
Hoffentlich würden sie nie in eine Situation geraten, in der sie angreifen oder sich verteidigen mussten, dachte Gibbli, als sie sich auf den Weg hoch in die Zentrale machten.
 
Am Ende der Rampe blieb Gibbli stehen und sah sich um. Bo stand hinter einer Konsole und blätterte interessiert in einem Hologramm, das verschiedene Pflanzensorten zeigte. Es muss­te sich dabei um den Informationszylinder handeln, den Sky ihr mitgebracht hatte. Sie nickte Gibbli freundlich zu, als sie ihre Anwesenheit bemerkte. Sky blickte nicht auf. Er saß auf dem mittleren Stuhl und steuerte das U-Boot mithilfe ver­schiedener Gerätschaften um ihn herum. Sie bewegten sich nahe am Meeresgrund entlang, um nicht so schnell entdeckt zu werden. Cora hüpfte auf den rechten Stuhl neben dem Ka­pitän zu, kletterte hoch und stellte sich drauf. Gibbli setzte sich leise ans Ende der Rampe. Sie fühlte sich erschöpft und der Schlafmangel machte ihr zu schaffen.
Währenddessen stellte sich Abyss provokativ mitten vor das Sichtfenster ganz vorne. „Sind wir bald da?“
Müde musste Gibbli kurz lächeln.
„Wenn du nicht der meist gesuchte Mann unter dem Meer wärst, könnten wir uns das weitläufige Umfahren der Meeres­akademie sparen“, sagte Sky beiläufig und ganz auf eine Steuerkonsole konzentriert. „Ich würde sagen, übermorgen.“
Abyss schnaubte.
Gibbli schlang die Arme um ihre Knie und betrachtete in Gedanken versunken die vorbei ziehende Landschaft. Sie be­fanden sich mittlerweile wieder auf einer Höhe, in der schwa­ches Licht von der Oberfläche durch das Wasser drang. Gera­de als sie dachte, dass es sich gut anfühlte, zur Abwechslung einmal nicht im Mittelpunkt zu stehen und einfach nur die Aussicht zu genießen, spürte sie einen unangenehmen Blick auf sich ruhen. Cora gaffte sie mit großen, runden Augen von ihrem Stuhl aus an. Gibbli wandte sich von ihr ab und schäm­te sich dafür. Nicht einmal einem kleinen Kind konnte sie in die Augen sehen. Schlimmer, einer KI! Ein Gerät, das sie jeder­zeit zerlegen konnte.
„Weißt du, wer auch Angst vor Wasser hatte? Meine Mami“, tönte ihre helle Stimme jäh durch die Zentrale.
Bo lugte neugierig an dem Hologramm mit den Pflan­zenabbildungen vorbei und Abyss drehte sich um. Als er Co­ras Blick folgte, zu ihr hin, sah Gibbli schnell zu Boden.
„Wirklich? Du kanntest deine Mum? Hast du nicht gesagt, dein Dad hätte dich gebaut?“ Bo beugte sich über die Konsole und stützte sich darauf ab.
Cora wandte sich ihr zu. „Das hat er. Papa hat mich ge­baut. Und Mara.“
Wissbegierig stellte Bo ihr weitere Fragen. „Deine Mum hieß Mara, richtig? Er hat dieses U-Boot nach ihr benannt, oder?“
„Ja.“
„Erzähl uns mehr“, forderte Sky, während er sich weiter auf die Steuerung des U-Bootes konzentrierte.
Nervös wippte Gibbli hin und her. Sie war sich nicht sicher, ob sie das hören wollte. Sie spürte, dass Abyss ihr einen flüch­tigen Blick zuwarf. Gleichzeitig fühlte sie sich so unglaublich müde und erschöpft. Sie wollte nur noch zurück zu ihren Ma­schinen, in ihre Hängematte.
„Oceaner kehrten auf ihren Planeten zurück.“ Cora streck­te ihre Arme weit in die Luft.
„Dein Volk kommt nicht von hier? Ihr seid Außerirdische?“, fragte Bo begeistert.
„Oceaner sind Maden.“
Abyss lachte. „Maden?“
„Ich glaube, sie meint Nomaden“, warf Sky ein.
„Ja! Sie ließen meine Mami als Wächter von Ocea zurück. Mami war anders, sie wollten Mami nicht dabei haben, weil schwach. Und sie brauchten Wächter für ihre Stadt auf die­sem Planeten. Also ließen sie Mami zurück, zusammen mit zwei anderen unseres Volkes.“
„Deinem Dad?“, fragte Bo.
„Nein. Mein Papa war kein Oceaner. Papa war Land­mensch.“
Gibbli, die gerade aufstehen wollte, um nach unten zu ge­hen, erstarrte überrascht. Dieses Monster war also ein Mensch? Der Erbauer von Cora, der Erbauer dieses U-Bootes, war ein Mensch? Nur nebenbei bekam Gibbli mit, wie Abyss sich neben ihr ans Ende der Rampe setzte.
„Papa wollte Mamis DNA“, sagte die KI.
„Als Schlüssel. Um die Tore Oceas zu öffnen“, folgerte Sky und steuerte das U-Boot ruhig weiter, den Meeresboden ent­lang.
„Ja!“ Cora sprang auf ihrem Sitz lachend in die Luft.
„Und weiter? Was ist dann passiert?“, fragte Bo.
„Mein Papa hat Mami gestohlen“, wisperte Cora jetzt. Und ihr immer grinsendes Gesicht wirkte dabei unheimlich, beinahe brutal.
„Er hat sie entführt?“, fragte Bo entsetzt.
Gibbli lehnte sich zurück an die Wand. Nein, das wollte sie nicht hören! Ihr Blick glitt die Rampe hinunter. Sie könnte ein­fach aufstehen und zurück in den Maschinenraum gehen. Nur dann musste sie an Abyss vorbei, der direkt neben ihr saß. Er schüttelte leicht den Kopf, als hätte er ihre Gedanken erra­ten. Seine Hand schloss sich blitzartig um ihren linken Ober­schenkel. Gibbli zuckte zusammen und alles in ihr schrie, er sollte seine langen Finger da wegnehmen! Sie wollte ihren Arm heben, um ihn wegzudrücken, doch dieser gehorchte ihr nicht und pochte nur schmerzhaft unter den Tüchern. Der Rund­gang hatte ihr die letzten Kräfte geraubt, also blieb sie einfach regungslos und mit wild schlagendem Herzen sitzen.
„Die Wächter wollten Papa nicht reinlassen“, erzählte Cora weiter. „Er wollte oceanische Technologie beherrschen, er wollte sie für Landmenschen verwenden, um Krieg gegen Meermenschen zu gewinnen. Also hat er Mami gestohlen. Mami wollte ihm nicht helfen. Aber er hat gesagt, wenn es sein muss, schleppe ich dich zerfetzt und zerbrochen vor Tore der Stadt!“
„Er hat sie geschlagen“, sagte Bo leise.
„Natürlich“, verkündete das kleine Kind mit nach hinten ge­streckten Schultern. In ihrer Stimme schwang ein Stolz mit, der einen erschaudern ließ.
In Gibblis Gedanken tauchte jetzt sein Gesicht auf. Die ge­meinen, grünen Augen und der schmale Mund. Ihr Herzschlag beschleunigte sich noch mehr. Cora erzählte weiter, doch ihre Stimme klang jetzt ganz fern. Panisch zog Gibbli die Luft ein. Er hielt sie fest! Er tat ihr weh! Er tauchte sie unter! Sie würde ertrinken! Ihre Lungen füllten sich mit diesem verdammten Wasser! Gibbli spürte, wie Abyss' Hand sich fester um ihr Bein schloss und es gegen den harten Metallboden drückte. Sein fast schmerzhafter Griff trieb sie in die Realität zurück. Nie­mand der anderen schien etwas davon mitbekommen zu ha­ben.
„... war er beinahe grausamer als Oceaner selbst und ande­re Wächter haben Papa akzeptiert“, sagte Cora gerade. „Mit mir wollte er Mami abhängig machen, weil sie immer wegge­laufen ist.“
Gibbli spürte, dass Abyss sie anstarrte. Und ohne es zu wollen, hob sie langsam den Kopf. Er fühlte sich so schwer an, doch irgendetwas ließ sie nicht stoppen. Dann sah sie in seine eisgrauen Augen und sein Blick bohrte sich in den ihrigen. Se­kundenlang, ohne sich abzuwenden, ohne zu zwinkern, schaute sie ihn an. Dann legte Abyss seine freie Hand an seine Brust, als wollte er ihr etwas mitteilen. Gibbli wandte ihr Ge­sicht ab.
Schwer atmend vernahm sie von Weitem Bo's Stimme. „Also warst du am Anfang gar keine Maschine?“
„Ich verstehe Frage nicht“, sagte Cora. „Ich bin kaputt ge­gangen. Und dann ist Mami kaputt gegangen und ich habe wieder gelebt. Und am Ende hat oceanische Technologie Papa kaputt gemacht. Er konnte sie nicht richtig beherrschen ohne Mami.“
„Du bist nicht sie. Du bist nicht Mara“, flüsterte Abyss ne­ben ihr eindringlich, ohne dass die anderen es hörten.
Irgendwo in weiter Ferne stellte Bo eine weitere Frage an Cora. Aber Gibbli bekam die Antwort nicht mehr mit. Ihre Au­gen fielen zu und sie merkte noch, wie ihr Atem tiefer wurde, regelmäßiger. Schließlich schlief sie ein.
 
Als Gibbli erwachte, spürte sie einen Arm an ihrem Rücken. Ihr Kopf lehnte an etwas Warmen. Vorsichtig öffnete sie ihre Au­gen einen kleinen Schlitz weit und erkannte, dass sie noch im­mer in der Zentrale saß. Das Licht hatte sich abgedunkelt und nur vereinzelt schwebten ein paar schwach glühende Sonnen­stücke umher. Bei dem warmen Etwas an ihrer Wange han­delte es sich um Abyss' nackte Schulter. Sie verschluckte sich fast und ein flaues Gefühl breitete sich in ihr aus. In seinem ärmellosen Hemd saß er neben ihr auf der Rampe und lehnte mit dem Rücken an der Wand. Für eine Sekunde setzte ihr Herz aus und sie erkannte, dass sein langer Mantel vor ihm über dem Geländer hing. Gibbli wagte nicht, sich zu bewegen.
Von irgendwoher aus der Dunkelheit drang Skys ruhige Stimme an ihr Ohr. „... vielleicht hat er Mara ertränkt. Sie ist mit ihrer Tochter gestorben, dann hat er Cora gebaut. Oder er hat Cora umgebracht? Coras Mutter war einer der drei Wächter. Wenn sie starb, gibt es wahrscheinlich keine Nach­kommen in ihrer Linie. Also muss einer der anderen beiden Wächter ein Kind gezeugt haben.“
„Glaubst du sie leben noch? Die Wächter?“, fragte Abyss leise. Wieder wurde Gibbli sich seiner Nähe bewusst und sie unterdrückte den Drang, sofort aufzuspringen.
„Gut möglich. Bo erzählte mir, dass diese Tiefseemenschen ihr das Marahang von den Wächtern stahlen. Und es besitzt noch immer die Kräfte.“
„Kräfte?“, fragte Abyss.
Sky schwieg und Gibbli spürte, dass er überlegte, was er antworten sollte. Dieses Thema war etwas Brisantes, etwas Geheimnisvolles, über das der Kapitän anscheinend etwas wusste, was die anderen nicht wussten.
„Es heilt Wunden von allen Lebewesen in der näheren Um­gebung“, sagte er schließlich. „Ist es dir noch nicht aufgefallen? Um die Mara herum schwirren ungewöhnlich viele Quallen und kleine Fische. Das Marahang zieht sie an, weil es Bo's Le­benskraft ausstrahlt. Es ist außerdem in der Lage, Bo's Kraft zu lenken. Natürlich erschöpft es sie ein wenig. Aber die Wun­de an deinem Kopf ist kaum noch zu sehen. Und Gibblis Hand. Das sah nach Verbrennungen 3. Grades aus, nur dann hätte sie vorhin kaum Schmerzen verspürt. Das Marahang hat die Verbrennung abgeschwächt. Es ist in der Lage, irreversible Verletzungen zu heilen. Du wirst sehen, schon morgen wird sie die Finger wieder bewegen können.“
„Das macht Bo wohl zur perfekten Ärztin.“
„Ich schlafe noch ein paar Stunden.“ Gibbli hörte, wie Sky aufstand.
„Sicher werden uns die Wächter nicht freiwillig in die Stadt lassen. Wenn sie erfahren, dass wir das Marahang haben und dieses U-Boot...“
„Es ist zu früh, um darüber nachzudenken. Erst sollten wir überhaupt einmal herausfinden, wo sich Ocea befindet. Ich hoffe, dein Mönch kann uns dabei weiterhelfen.“
„Er...“, Abyss zögerte. „Er wird nicht erfreut sein, mich zu sehn.“
„Solange er dich nicht umbringt, sollte das kein Problem darstellen.“ Skys Schritte entfernten sich.
„Tja. Vielleicht bring ich ja ihn um“, murmelte Abyss, als der Kapitän die Zentrale verlassen hatte.
Einige Minuten vergingen. Noch immer traute sich Gibbli nicht, sich zu rühren. Es stimmte! Die Haut an ihrer Hand un­ter den Tüchern fühlte sich mittlerweile ledrig an und tat kaum noch weh.
„Wir sollten uns auch noch ein wenig hinlegen, was meinst du, Gibbli?“, fragte Abyss plötzlich in die Stille hinein und zog seinen Arm hinter ihrem Rücken hervor.
Gibbli erschrak. Er wusste, dass sie nicht mehr schlief! Wie lange schon? Warum hatte er nichts gesagt? Bevor sie ir­gendetwas tun konnte, stand Abyss schmunzelnd auf, griff nach seinem Mantel und begab sich auf den Weg nach unten in den Maschinenraum. Langsam folgte sie ihm.
 
Früh am Morgen wachte Gibbli in ihrer Hängematte auf. Die kleinen leuchtenden Sonnenstücke, die überall umherflogen, waren dabei sich zu erhellen. Ihr Leuchten folgte dem Tag-Nacht-Zyklus an der jeweilig aktuellen Position des U-Bootes. Abyss schlief noch tief und fest am Boden. Auf Zehenspitzen stieg sie über ihn hinweg und begab sich in das große Bade­zimmer, das sich ganz vorne direkt unter der Zentrale befand.
Einige Baumwurzeln wuchsen von oben herab an den gol­denen Wänden entlang. Gibbli setzte sich an den Rand einer Badewanne und wickelte vorsichtig ihre linke Hand aus den Tüchern. Die komplette Innenfläche hatte jetzt eine dreckig braune Farbe angenommen und war sogar dunkler als die Haut an ihrer Außenseite. Sie versuchte ihre Finger zu bewe­gen. Es fiel ihr schwerer als sonst, doch es klappte und schmerzte auch kaum mehr.
Als sie das Badezimmer etwas später verließ, traf sie auf Bo, die darauf bestand, ihre Verbrennung neu zu verbinden. Gibbli ließ sie machen, auch wenn es eigentlich gar nicht mehr nötig gewesen wäre. Anschließend verabschiedete sich Bo nach oben, während Gibbli nach Cora suchte. Sie fand das goldene Kind im hinteren Bereich der Maschinenräume, in der Nähe des Antriebs. Es jagte gerade ihrem mechanischen Kü­ken hinterher. Gibbli wollte mehr über die kleine KI herausfin­den und bat das Kind, ihre Funktionen zu erklären. Cora ließ sie sogar bereitwillig an ihr herumschrauben und da gab es ei­niges zu entdecken. Das Kind wog knapp eine viertel Tonne und besaß einen Erinnerungs-Chip, der ähnlich dem Langzeit­gedächtnis eines Menschens funktionierte. Außerdem besaß sie verschiedene Programme, die ihre Reaktion und Bewegun­gen bestimmten sowie einen Emotions-Chip, der es Cora er­möglichte zu Lachen, und zwar nur zu Lachen. Auf ihm wa­ren alle möglichen Arten von Lachfunktionen festgelegt, von leichtem Grinsen, bis hin zu hysterischen Lachanfällen. Als Gibbli Cora fragte, warum sie überhaupt gebaut wurde, sah das Kind sie mit ihren großen Kugelaugen an. „Ich bin Kind von Papa. Ich mache Mami glücklich.“
Darüber wollte Gibbli allerdings lieber nicht reden, also hörte sie auf, an ihr herum zu schrauben und ließ sie weiter dem Küken nachjagen.
Plötzlich flammte ein Bild in ihren Gedanken auf. Da be­fand sich jemand im Wasser! Jemand schwamm vorbei, an den goldenen Wänden des U-Bootes. Wasser, hier drin? Im In­neren? Das klang nicht nur schrecklich, sondern war absolut unmöglich. Einfach absurd! Erschrocken drückte Gibbli die Bil­der beiseite.
Gegen Mittag bekam sie Hunger und begab sich nach oben. Sky saß wieder auf dem mittleren der drei Sitze in der vorderen Zentrale und steuerte das U-Boot. Den Blick zu Bo­den gewandt, ging Gibbli wortlos an ihm vorbei. Er ignorierte sie und konzentrierte sich voll und ganz auf die Gerätschaf­ten um ihn herum. Als sie die zwei Konsolenreihen passieren wollte, fiel ihr auf einem der Bildschirme etwas ungewöhnli­ches auf: Da blinkte ein rotes Licht! Gibbli stürzte auf die Kon­sole zu.
„Kacke!“, entfuhr es ihr.
Sie konnte zwar die Schrift nicht entziffern, doch das Schaubild reichte aus, um zu erkennen, was nicht stimmte. Mit geweiteten Augen starrte sie auf das blinkende Lämp­chen. Sky stoppte das U-Boot, ließ die Steuerhebel los und drehte sich dann zu ihr um.
„Was ist los?“, fragte er, als er ihren Gesichtsausdruck be­merkte.
„Das Hangardeck!“ Sie deutete auf die Konsole. „Es steht halb unter Wasser.“
Der Kapitän knurrte genervt, sprang auf und eilte nach oben. Unsicher folgte sie ihm mit einigem Abstand, vorbei an dem goldenen Tisch, die Rampe neben der Küche hoch, durch die Pflanzengalerie und nach hinten zum Hangartor in der oberen Ebene.
Es stellte sich heraus, dass Abyss und Bo das Deck geflu­tet hatten, um ein Wettschwimmen zu veranstalten. Gibbli kam gerade noch rechtzeitig, um sich Skys Moralpredigt an­zuhören über Abyss' unverantwortliche Handlungen. Während Bo noch immer fröhlich im Wasser planschte, grummelte Abyss genervt vor sich hin.
„Ich bin der Kapitän und ihr habt mich gefälligst über sol­che Dinge zu informieren!“
„Ach ja? Und ich bin ein sehr ungeduldiger Mann, der keine Lust hat, stundenlang tatenlos herum zu sitzen!“ Abyss' Miene nach zu schließen, stand er kurz davor, Sky anzugreifen.
Als der Kapitän ihm den Rücken zuwandte, um eine Kon­sole zu bedienen und das Wasser abzulassen, ballte Abyss eine Hand zur Faust. Dann überlegte er es sich anders und wirbelte herum. Wortlos rauschte er an Gibbli vorbei, dabei lösten sich ein paar Tropfen von Abyss' nassen Haaren und klatschten in ihr Gesicht. Mit einem unguten Gefühl blickte sie ihm hinterher. Eines hatte sie inzwischen gelernt: Abyss' abstruse Ideen zogen meist weitreichende Folgen nach sich.
 
Den ganzen Tag über herrschte eine angespannte Stimmung im U-Boot. Nur Bo schien den Vorfall längst vergessen zu ha­ben und half Cora beim Pflegen der Pflanzen in der Galerie. Sky saß wieder hinter dem Steuer und es schien ihn nicht zu interessieren, dass Abyss spurlos verschwunden war. Gibbli hatte ihn seit Stunden nicht mehr gesehen und langsam machte sie sich Sorgen.
Grübelnd half sie dem Kapitän bei einigen Systemtests. Die Druckanzeigen der einzelnen Bereiche funktionierten perfekt, ebenso wie die Notversorgung.
„Pass auf“, mahnte Sky sie und riss Gibbli wieder aus den Gedanken daran, wo sich Abyss wohl befand. Sie versuchte ihre Aufmerksamkeit auf die Anzeigen vor sich zu lenken.
Am Nachmittag testeten sie den ‚MARM‘. So taufte Bo das kleine Beiboot der Mara, nach ‚Maras Arm‘. Es handelte sich dabei um den abkoppelbaren Bereich in der hinteren, mittleren Ebene. Sky wollte damit zu diesem Mönch fahren. Er hielt es für klüger, nicht mit dem kompletten Haupt-U-Boot dort aufzutauchen. Während Gibbli die Andockklammern überprüfte, klemmte sie sich fast ihr Bein ein. Der Kapitän zog sie gerade noch rechtzeitig zurück. Der MARM funktionierte tadellos und sie mussten nur ein paar kleinere Anpassungen in den Energieleitungen vornehmen. Nachdem Gibbli gedan­kenversunken die Abdeckung festschraubte, kehrten sie in die Mara zurück.
Während Sky später wieder vorne saß, auf dem mittleren Sitz des U-Bootes und sie weiter ihrem Ziel entgegen steuerte, testete Gibbli noch die Schilde. Sie ertappte sich wieder dabei, an Abyss zu denken. Hatte ihn die Sache mit dem gefluteten Hangar so sehr aufgeregt, dass er niemanden von ihnen mehr sehen wollte?
„Gibbli, es überhitzt. Noch ein paar Sekunden und du rös­test uns die Außenhaut weg“, sagte Sky scharf. Schnell nahm sie Energie vom Schild und leitete sie ab.
 
Als sie abends hinunter in den Maschinenraum stieg, fiel ihr auf, dass eine Handstichsäge nicht mehr in ihrer Werkzeugta­sche steckte. Sie musste sie irgendwo verloren haben. Vielleicht während der Arbeit am MARM. Gibbli würde morgen nach ihr suchen. Bei ihrem Schlafplatz angekommen, stellte sie fest, dass Abyss' Koffer ebenfalls fehlte. Das Herz rutschte ihr in die Hose und mit einem unguten Gefühl legte sie sich in ihre Hängematte. Nein, sie würde nicht nach ihm suchen. Er war keine dumme Säge, er war ein erwachsener Mann! Sicher heckte er irgendetwas aus, um ihrem Kapitän das Leben schwer zu machen. Was sollte ihm schon passieren? Ein schrecklicher Gedanke kam ihr in den Sinn. Ja, was sollte ei­nem so leicht provozierbaren Menschen wie ihm passieren? Was würde jemand anstellen, der keine Ahnung von techni­schen Dingen hatte, nicht wusste wie man eine Tauchkapsel steuerte und nicht davor zurückschreckte andere zu verlet­zen? Abyss war ein Mörder! Im nächsten Moment saß sie ker­zengerade in ihrer Hängematte. Sie musste ihn finden! Er wür­de etwas ganz Dummes tun!
Gerade als Gibbli aufstehen wollte, tauchte sein Umriss hinter einer Maschine auf. Grinsend kam er näher und stellte seinen Koffer ab, als wäre er nur mal eben auf der Toilette ge­wesen.
Gibbli fühlte sich erleichtert und wütend zugleich. Er schien guter Laune zu sein, sagte aber nichts. Tausend Gedanken schossen ihr durch den Kopf. Warum sprach er nicht? Erwar­tete Abyss, dass sie etwas sagte? Was sollte sie ihm erzählen? Ignorierte er sie jetzt? Worte? Gleichzeitig wusste Gibbli, dass diese Gedanken dumm waren. Sie benahm sich albern und musste sich unbedingt wieder unter Kontrolle bekommen. Warum war ihr das nur auf einmal so wichtig? Misstrauisch beobachtete sie, wie er langsam seinen Mantel auszog.
Dann sah er Gibbli plötzlich direkt an und sein Grinsen lös­te sich mit einem Schlag in Luft auf. Beschämt richtete sie ih­ren Blick zu Boden, um ihm auszuweichen. Er wirkte auf ein­mal so ernst. Langsam näherte er sich ihr, wie ein Raubtier, das sich an seine Beute anpirscht. Als er sich zu ihr hinunter beugte, lehnte sie sich nach hinten. Sein Gesicht berührte fast das ihre, dann hielt er inne und begann tonlos zu sprechen.
„Hallo Abyss. Hallo Gibbli. Wo warst du Abyss? Ich war Spaß haben. Ich hab dich vermisst, Abyss. Freut mich zu hö­ren, Gibbli. Abyss, bringst du mir bei, wie man tanzt? Das mach ich doch gerne, Gibbli.“
Einen Moment herrschte Stille, dann konnte sie es nicht mehr zurück halten und lachte kurz auf.
„Ich mag es, wenn du das tust“, sagte Abyss, wandte sich von ihr ab und machte es sich auf seiner Decke bequem.
„Hast du Sky getötet?“, fragte Gibbli und ließ sich zurück in die Hängematte fallen.
Jetzt grinste er wieder. „Du denkst zu viel, Gibbli. Fang endlich an zu leben!“

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