Kapitel 12: Machtkampf (Bis in die tiefsten Ozeane)

Abyss hatte vor wenigen Sekunden das Bewusstsein wiederer­langt und saß auf einer der beiden Liegeflächen in einem hell erleuchteten Raum. Sie befanden sich in der obersten der drei Ebenen des U-Bootes.
An einer Wand reihten sich mehrere Regale und medizini­sche Instrumente. Die gegenüber liegende Wand lag an der Außenseite, an der auch eine Öffnung in ein angrenzendes Zimmer führte. Über die beiden Räume verteilt, erstreckte sich ein großes, rundes Fenster. Sie steckten noch immer im Mee­resboden fest. Der untere Fensterbereich war mit Sand be­deckt, während der obere unzählige kleine Organismen zeigte, die von der U-Boot Beleuchtung angezogen im Wasser um­hertrieben.
„Halt still“, mahnte Bo, während sie die Wunde an seiner Stirn desinfizierte. „Sky wird böse, wenn du wieder umkippst und Dellen in sein U-Boot haust.“
Abyss schnaubte und murmelte etwas in einer Sprache, die Bo noch nie gehört hatte. Aber sie war sich sicher, dass es sich um einen wahnsinnig schlimmen Fluch handelte.
„Wie lang war ich bewusstlos?“
„Nicht lange“, sagte Bo. „Es war aber gar nicht so einfach, dich hier her zu bringen. Das goldene Kind hat mir geholfen, sie ist so stark! Du hast viel Blut verloren. Eigentlich rechnete ich nicht damit, dass du heute noch aufwachst. Das ist ko­misch, deine Wunde ist sogar schon etwas zugeheilt. Ich muss nur noch drei Stiche machen.“
Sie erhob eine Nadel. Neben ihr stand das kleine Kind, breit grinsend und ahmte sie nach. Während Bo an Abyss herum­dokterte, stachen die goldenen Finger des Mädchens mit einer imaginären Nadel durch die Luft. Ihre Augen standen dabei weit offen und blinzelten kein einziges Mal, als würde sie per­manent überrascht dreinschauen.
„Wer ist das?“, fragte Abyss.
„Sie ist so lustig, ihr Mund hört gar nicht auf zu grinsen! Sie ist das einzige lebende Wesen an Bord. Also bis auf die Pflan­zen. Und das Roboküken natürlich. Aber Gibbli sagt, dass das Kind eine Maschine sei. Und das Küken, das auf ihrem Kopf sitzt, auch“, sagte Bo und konzentrierte sich dann wieder auf seine Wunde. Sie durfte wirklich eine echte Wunde vernähen! So etwas wollte sie schon immer einmal machen!
„Eine Kind KI? Ahh! Verdammt, pass doch auf!“
„Tut mir Leid, ich nähe zum ersten Mal“, sagte Bo glücklich und setzte zu einem neuen Stich an. „Keine Sorge, ich wuchs in einem Krankenhaus auf und habe dort viel gelernt. Nach 41 Jahren weiß ich wie das geht“, fügte sie hinzu, als sie seinen empörten Gesichtsausdruck wahrnahm.
„Und was treibt diese Blechbüchse so?“, fragte Abyss und klopfte gegen den Schädel des goldenen Kindes. Es schien der KI nichts auszumachen. Grinsend ahmte sie seine Bewe­gungen nach.
„Wir hatten gehofft, du könntest mit ihr kommunizieren. Sky meinte, sie redet oceanisch, aber er versteht kaum ein Wort davon. So, fertig.“
Bo legte die Nadel in ein Becken und beobachtete dann neugierig das goldene Kind. Abyss fing an, mit der KI zu reden. Die Stimme der Kleinen klang hell und klar. Obwohl Bo die Bedeutung der Laute nicht begriff, wirkten sie aus dem Mund des Mädchens sehr deutlich und perfekt geformt. Auch Abyss‘ Worte klangen faszinierend und so wunderschön fremdartig, dass Bo sich wünschte, diese Sprache auch zu be­herrschen. Die ersten Sätze sprach er noch vorsichtig, dann wurde seine Stimme mürrischer. Schließlich verschränkte das goldene Kind die Arme, jetzt nur noch leicht grinsend. Es drehte sich ruckartig um und verließ den Raum in das angren­zende Zimmer.
„Hast du sie etwa beleidigt?“, fragte Bo sofort.
„Diese drecks KI hat an meinen Haaren herumgenörgelt“, maulte Abyss und versuchte aufzustehen.
Bo half ihm hoch. „Hä? Warum das denn?“
„Sind ihr zu unordentlich. Das Maschinenkind ist so dumm wie es aussieht.“
„Aber sie sieht gar nicht dumm aus. Oder meinst du wegen ihrem Alter? Sie ist eben ein Kind, oder? Für einen Landmen­schen sieht sie nicht älter als 7 Jahre aus. Jetzt erzähl schon! Was sagte sie noch? Ist sie ein Avatar vom U-Boot?“ Bo sah ihn ungeduldig an. Sie hatte noch so viele Fragen!
„Sie sagte, sie bezieht Energie vom U-Boot, ist aber ansons­ten nicht mit ihm verbunden. Sie heißt Cora und redet wie ein verwöhnter Kackhaufen, der an allem was auszusetzen hat. Du bist ihr übrigens zu blau. Ach und sie fragt, ob wir hier sind, um sie nach Hause zu bringen.“
„Haha! Sie sollte mich mal im Wasser sehen, da wird meine Haut noch blauer! Bringen wir Cora nach Hause? Sie kommt aus Ocea richtig? Sind alle Oceaner golden? Denkst du, wir finden Ocea? Und was hast du ihr gesagt?“
„Nachdem ich ihr auf charmante Weise klar gemacht habe, dass meine Haare perfekt aussehen, hat sie nichts mehr gesagt“, meinte Abyss grimmig. „Wo sind eigentlich die ande­ren?“
Bo deutete auf eine kreisförmige Tür, während ihr Magen laut grummelte. Sie hatte den ganzen Tag noch nichts geges­sen. „Unten in der Zentrale. Neben der Zentrale gibt es eine kleine Küche, leider haben wir nirgendwo Nahrung gefunden. Sky meinte, das U-Boot liegt hier schon über 200 Jahre, da wäre sowieso alles verdorben. Aber Cora hat sich um die Pflanzen gekümmert.“
Abyss trat auf die Tür zu, die sich zu beiden Seiten auto­matisch öffnete und Bo folgte ihm nach draußen in eine große Galerie. Sie hatte diesen Platz sofort gemocht. Es war der Ort, an dem das goldene Mädchen Pflanzen aller Art anbaute. In der Mitte des Raumes befand sich ein rundes Fenster in der Decke, das nach oben ins offene Meer zeigte. Viele Gewächse zierten die Wände. Sehnsüchtig betrachtete sie im Vorbeige­hen die exotischen Früchte an den Sträuchern und verschie­dene Arten von Kräutern. Sie waren noch nicht dazu gekom­men, alles genauer zu untersuchen. Größere Bäume wuchsen von unten herauf am Geländer vorbei und zwischen den Blät­tern schwebten leuchtende Kugeln, wie winzig kleine Sonnen­stücke, die alles in ein warmes Licht tauchten. Wenn man nach vorne sah, erblickte man das riesige Fenster, das sich über die komplette Vorderseite des U-Bootes erstreckte. Der größte Teil davon war jetzt natürlich mit dunklem Sand be­deckt.
Bo trat auf das Geländer zu, an dem Abyss hinab auf die Zentrale blickte. Sky kniete vor einem der drei Stühle ganz vorne und schraubte an ein paar Schaltern der Armlehne her­um. Dann kroch Gibbli aus einem der Schaltpulte unter einer der beiden hinteren Konsolenreihen hervor. Ihre Hände steck­ten in isolierenden Handschuhen und ein paar Drähte bau­melten über ihre Schulter.
„Energiezufuhr wieder ein. Jetzt nochmal.“ Sie legte ein Lötgerät zur Seite. Ihre Stimme klang müde und selbst von weitem konnte Bo die dunklen Ringe um ihre Augen erken­nen.
Sky stand auf und setzte sich in den mittleren der drei Stühle. Seine Finger schlossen sich fest um die Steuerhebel links und rechts von ihm. Nichts passierte. Langsam schüttelte er den Kopf.
Gibbli tippte auf einen Schalter und kroch wieder unter das Pult. Sky wurde jetzt auf Bo und Abyss aufmerksam und blickte zu ihnen hoch.
„Was steht ihr da herum? Kommt sofort herunter!“, rief er ihnen zu.
 
„Ich glaub, ich mochte diesen Militärfuzi lieber, als er noch be­trunken war“, grummelte Abyss, als sie die Rampe betraten, die auf der gegenüberliegenden Seite des Krankenzimmers nach unten führte.
„Er muss sich erst an uns gewöhnen“, sagte Bo zuversicht­lich. „Als Flottenführer hatte er viele Bedienstete unter sich.“ Sie kamen unten an und durchquerten einen offenen Raum, der sich im Zentrum des U-Bootes befand. In der Mitte stand ein goldener Tisch aus Metall, umgeben von einer kreisrunden Bank ohne Lehne. Von hier aus hatte man einen guten Blick auf das Frontfenster des U-Bootes. Nach vorne hin neigte sich die Zentrale nach unten zu den Schaltpulten und den drei Stühlen.
„Das ganze U-Boot muss von diesem Platz aus zu steuern sein“, sagte Sky. Er stand auf der freien Fläche zwischen dem mittleren Stuhl und der Glasscheibe nach draußen. „Gibbli, was ist los?“
Gibbli steckte den Kopf unter einem Schaltpult hervor, die Hände jeweils mit irgendeinem Werkzeug bestückt. Sie nahm einen Schraubenzieher aus dem Mund und wirkte gehetzt. „Ich bekomme keine Energie.“
Bo und Abyss traten nach vorne, in die hinterste Reihe der Konsolen. Aus irgendeinem Grund warf Gibbli ihm einen bösen Blick zu. Dann verschwand sie wieder unter dem Schaltpult und machte sich an einem Draht zu schaffen.
„Es stinkt“, sagte Abyss.
„Gibbli hat die Luftfilter zum Laufen gebracht. Der Geruch wird sich bald verflüchtigen.“ Sky wandte sich abschätzend Abyss zu und Bo bemerkte, wie seine Hand automatisch in die Nähe seiner Waffe glitt.
Die Augen zu Schlitzen verengt, wanderte Abyss‘ Arm langsam in eine Innentasche seines Mantels. Bo spürte die Spannung zwischen den beiden Männern.
„Ist das nicht herrlich? Wir haben es geschafft! Der Aus­blick von hier wird so spektakulär sein, wenn wir aus dem Bo­den schwimmen“, versuchte Bo die Situation zu retten.
Skys anklagender Blick wandte sich ihr zu. Die Implantate seiner Augen glänzten furchteinflößend. Während er sprach, wurde seine Stimme immer lauter. „Bo! Du hast vorhin unge­fragt das Tauchboot verlassen. Du hättest sterben können! Dein Verhalten war eigensinnig, so etwas könnte uns alle in Gefahr bringen! Ich möchte, dass das nicht mehr vorkommt! Ich bin für euch verantwortlich und ihr habt mich über eure Handlungen zu informieren! Verstanden?“
„Tut mir Leid“, sagte Bo leise, doch ihre Worte gingen in Abyss‘ Erwiderung unter.
„Jetzt müssen wir uns also schon bei dir abmelden? Nur, weil du so ein Oberheini in der U-Boot Flotte warst, fühlst du dich zu unserem Kapitän berufen? Willst du uns vielleicht auch noch vorschreiben, wann wir aufs Klo gehen dürfen?“
Sky schien unbeeindruckt von seinen Worten. Obwohl er etwas kleiner war als Abyss und durch die Neigung des Bo­dens weiter unten stand, wirkte seine berechnende Art be­drohlicher. „Ich bin der Kapitän“, sagte er ruhig. „Ich steuere dieses U-Boot. Jeder hier an Bord hat meinen Befehlen Folge zu leisten.“
„Lächerlich. Soll mich das jetzt-“, begann Abyss, doch Sky ließ ihn nicht ausreden und sprach einfach weiter.
„Ich bringe jedes Mitglied meiner Mannschaft lebend nach Ocea. Das ist ein Versprechen. Wenn du diese Crew verlassen willst, dann verschwinde. Ich bin mir sicher, dass ein paar Ein­zelteile deines Körpers diese Stadt auch ohne mich erreichen können. Vielleicht ein Arm? Oder ein Bein?“
Eine Totenstille legte sich über die Zentrale. Für einen Au­genblick dachte Bo, Abyss würde ihn anspringen und gegen die Scheibe rammen. Dann meldete sich ihr Bauch wieder und knurrte laut. Im selben Augenblick knackste es und ein schmerzhaftes Keuchen unter dem Schaltpult, an dem Gibbli herumwerkelte, ließ sie alle aufhorchen. Eine kleine Rauch­schwade stieg empor und kurz streifte ein beißender Geruch von verschmorten Drähten Bo’s Nase. Sie versuchte den Ge­ruch in Erinnerung zu behalten, doch schon verblasste er wie­der. Das mit dem Riechen musste sie wirklich noch üben!
Ohne Sky weiter zu beachten, ging Abyss vor dem Schalt­pult in die Hocke. Bo konnte ihm richtig ansehen, dass ihm tausend Dinge durch den Kopf schossen, was ihr passiert sein könnte. Aber sie schien in Ordnung zu sein.
„Geh weg“, sagte Gibbli tief durchatmend.
Bo’s Blick wanderte kurz zu Sky, der mit erhobenem Kopf da stand und Abyss interessiert musterte. Dann fiel ihr aus den Augenwinkeln eine Veränderung auf. Neugierig trat Bo an die Konsole vor ihr. Auf einem der Bildschirme konnte sie ein kompliziertes Schaubild erkennen. Ein Text war jetzt darunter erschienen.
„Hier blinkt etwas auf!“ rief sie aufgeregt und betrachtete die Schriftzeichen. Sie sahen genauso aus, wie die in ihrem Buch!
Abyss zögerte kurz, wandte sich dann von Gibbli ab und kam zu ihr nach oben.
„Übersetzen!“, befahl Sky.
Und zu Bo’s Überraschung tat er es: „Hier steht was von Magnetfeldern.“
„Das U-Boot wird mit einem magnetohydrodynamischen Generator betrieben“, sagte Gibbli von unten herauf. „Aber mit der Energiezufuhr stimmt etwas nicht.“
„Fluid inaktiv“, las Abyss weiter. „Was bedeutet das?“
Gibbli kroch unter dem Schaltpult hervor und stand auf.
„Möglicherweise eine Sicherheitssperre, wenn das U-Boot für längere Zeit außer Betrieb ist“, meinte Sky. Bo hatte keine Ahnung, wovon er redete.
„Ich kann die Flüssigkeit manuell einleiten“, sagte Gibbli mit unsicherer Stimme.
„Worauf wartest du? Los!“, fuhr der Kapitän sie an.
Gibbli nickte, ließ eines ihrer Werkzeuge fallen und lief mit wackeligen Schritten nach vorne und dann eine der beiden Rampen hinunter, die jeweils seitlich links und rechts in die unterste Ebene führten. Abyss wollte ihr nachlaufen, doch Sky hielt ihn davon ab.
„Nein“, sagte er. „Ich brauche dich hier. Du musst diese Tex­te übersetzen und Gibbli die Werte des Generators durchge­ben. Ich will dieses U-Boot so schnell wie möglich bergen und noch einmal kurz nach Noko hoch.“
„Das ist keine gute Idee.“ Widerwillig verschränkte Abyss die Arme.
„Bringst du das geklaute Tauchboot in den Hafen zurück?“, fragte Bo dazwischen. Sie wollte nicht, dass die bei­den schon wieder das Streiten anfingen.
Abyss‘ Blick wanderte ungläubig zu Sky. „Warte, ihr habt das Teil, mit dem ihr runter gekommen seid, gestohlen?“
„War keine Absicht“, murmelte der Kapitän.
„Du hast ein militärisches Tauchboot geklaut, ohne es zu merken?“ Bo war sich nicht sicher, ob es Empörung oder Be­wunderung war, mit der Abyss diese Worte aussprach.
Sky drehte sich um und blickte aus dem großen Frontfens­ter gegen die Sandwand. „Es war eben da.“
Abyss stellte sich neben Bo an die Konsole. „Klar, kann ja mal passieren.“
„Ich bringe es morgen zurück.“
„Was? Nein verdammt! Das behalten wir!“
„Meine Crew. Meine Regeln“, sagte Sky, den Rücken zu ih­nen gewandt. Dann drehte er sich langsam um und fügte hin­zu. „Abyss, weißt du wie frustrierend das ist, ständig die Leute finden zu müssen, denen die ganzen Sachen gehören, um sie ihnen wieder zurück zu geben?“ Er zog ein Gerät aus einer seiner Umschnalltaschen, das aussah, wie ein altmodischer Haartrockner. „Ich habe bis heute keine Ahnung, woher das Ding kommt und wem es gehört.“ Er steckte es zurück in sei­ne Tasche, setzte sich auf den mittleren Stuhl und umschloss mit seinen Fingern die Steuerhebel. „Sobald Gibbli fertig ist, bringen wir dieses Boot auf Fahrt.“
„Er ist verrückt, oder?“, wisperte Abyss Bo zu.
 
Verrückt war das richtige Wort, dachte Gibbli, als sie die Ma­schinenräume betrat. Hatte sie sich gerade tatsächlich selbst durch Bo’s Augen gesehen? Hatte sie geträumt, während sie wach war? Während sie Gibbli war und gleichzeitig in Bo? Ein angenehmes Kribbeln im Bauch lenkte sie ab. Gänsehaut brei­tete sich auf ihrem Körper aus und es fühlte sich an, als wür­de ein Traum wahr werden. Hier fühlte sie sich endlich zu Hause, zum ersten Mal in ihrem Leben! Das war so unglaub­lich! Sie wollte schreien, sie wollte tanzen! Sie wollte jeden Mil­limeter dieses Reiches erforschen. All die Erschöpfung, all die Müdigkeit fielen scheinbar von ihr ab. Sie vergaß, dass sie ta­gelang kaum geschlafen hatte. Erst das Nachsitzen, dann die schlaflose Nacht, in der sie von den Soldaten der Akademie verfolgt wurde. Das Gefängnis. Dann Abyss und das Wasser. Es fühlte sich an, als würde sich die Erde nach jahrelangem Stillstand endlich weiter drehen. In einem Zug wischte sie all die schrecklichen Erinnerungen beiseite und machte sich auf die Suche nach dem Generator.
Sie fand ihn in einer der hinteren Kammern. Sofort über­blickte Gibbli die Funktion. Das hier war leicht. Und sie brauchte die Angaben nicht, die ihr Abyss‘ Stimme durch einen Lautsprecher an der Wand durchsagte. Das hier war ihr Reich. Während sie spielerisch einige Leitungen überprüfte und dann die Flüssigkeitstanks justierte, dachte sie über ihre Situation nach. Sky würde sie nach Ocea führen. Er besaß Er­fahrung, doch sie traute ihm nicht. Er verheimlichte etwas, schien aber dennoch fair zu sein. Sie hatte ein schlechtes Ge­wissen wegen der Lüge über ihr Alter. Aber der Mann hasste Kinder. Wie würde er darauf reagieren, wenn er es heraus­fand? Bo hingegen war okay, bis auf die unheimliche Tatsa­che, dass sie manchmal durch ihre Augen sah und bestimmt würde sie Gibbli auf die Nerven gehen. Diese Frau stellte un­unterbrochen Fragen! Und obwohl Bo ständig von allem be­geistert schien, befand sich da immer etwas Trauriges in ihrem Blick. Sicher vermisste sie ihre Halbschwester, Sam. Mit dem goldenen Kind kam Gibbli auch klar. Mit ihr würde sie sicher noch Spaß haben. Sie wollte unbedingt mehr über diese KI er­fahren. Abyss hingegen war gefährlich. Er würde sie töten. Auf einmal war er da und in ihr Leben eingetaucht, wie die Antwort auf eine Frage, die sie sich noch nie zu stellen ge­traut hatte.
Viel zu schnell konnte Gibbli die Arbeiten am Generator beenden. Sie überprüfte alle Maschinen dreimal, doch es half nichts. Irgendwann musste sie zurück zu den anderen. Der Schweiß rann über ihr Gesicht, als sie sich auf den Weg nach oben begab. Mit jedem Schritt wurden ihre Füße schwerer und sie musste sich dazu zwingen, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Als sie die Rampe hochstieg zur Zentrale, fielen ihr fast die Augen zu. Sie war so unglaublich müde!
Die anderen schauten auf, als sie Gibbli erblickten. Doch sie beachtete niemanden. Erschöpft ließ sie sich in den linken der drei Stühle nieder.
„Hoch“, sagte sie knapp.
„Funktioniert der Antrieb jetzt? Steht das Magnetfeld? Hast du das Fluid-“
„Sicher“, unterbrach Gibbli Skys Worte und wünschte sich endlich schlafen zu dürfen.
„Abyss?“, fragte Sky nach hinten.
„Keine Meldung mehr“, sagte Abyss langsam.
Sky setzte sich in den mittleren Stuhl und packte die Steu­erhebel. „Ist ungewöhnlich, das im Sitzen zu erledigen“, mur­melte er. Gibbli erinnerte sich daran, dass in den Booten der Flotte niemand auf die Idee kommen würde, bei solchen Ar­beiten nicht zu stehen.
Ein Ruck fuhr durch das ganze U-Boot. In der nächsten Sekunde legte sich erneut Stille über alles. Durch das Front­fenster erkannte Gibbli, dass sich draußen etwas bewegte. Nein, nicht draußen, sie selbst bewegten sich. Völlig lautlos nahmen die Maschinen Fahrt auf. Sand wurde aufgewirbelt und trübte die Sicht im Wasser. Und dann waren sie draußen.
Sky stoppte die Maschinen. „Träume sind stärker als der Druck.“ Er ließ das Steuer los, richtete sich auf und trat einen Schritt nach vorne. „Träume sind stärker als die Kälte des Meeres. Träume sind stärker als der Tod. Ich werde das bewei­sen. Wir fahren nach Ocea“, sagte er mit geballten Fäusten.
Abyss stand mit verschränkten Armen eine Konsole weiter. „Spar dir deine ach so bedeutungsvollen Worte“, murmelte er müde.
Gibbli erblickte Bo, die mit offenem Mund dastand. Die leicht blauhäutige Frau stützte sich an einem der Schaltpulte ab und beobachtete, wie sich draußen der Staub langsam leg­te. Dieses Mal sah Gibbli sich nicht gleichzeitig selbst durch ihre Augen. Sie sah nur Bo. Und Gibbli blieb in ihrem eigenen Körper. Sie hatte das Gefühl, langsam die Kontrolle darüber zu erlangen, auch wenn sie noch nicht verstand, wie es funktio­nierte und überhaupt, warum. Draußen im Wasser tauchten kleine Fische im Scheinwerferlicht auf. Viele von ihnen erschie­nen leicht durchsichtig. Hinter ihren unheimlichen Formen und den weit aufgerissenen Augenkugeln verbargen sich spitze Zähne. Diese wirkten so kräftig, dass sie bestimmt mit einem kleinen Biss die Außenschicht eines normalen U-Bootes durchlöchern konnten.
Sky drehte sich um und zog die runde Metallkarte aus dem verbotenen Archiv aus seiner Tasche. Er musste sie vom Hangardeck mitgenommen haben.
„Der Tisch dort oben ist ein Mechanismus“, sagte er und deutete in den hinteren Teil der Zentrale. „Es hat etwas mit dieser Karte zu tun. Gibbli, ich will, dass du dir das ansiehst. Und Bo, du holst dein Buch. Abyss soll es übersetzen. Es wird-“
„Nein“, unterbrach ihn Abyss. Seine blonden Haare hingen ihm schon wieder wild ins Gesicht.
Sky atmete tief durch. „Wir hatten das geklärt. Ich gebe die Befehle. Wenn du unfähig bist-“
„Nein verdammt, halt dein Maul!“, schrie ihn Abyss jetzt an und Gibbli, die beinahe eingeschlafen wäre, schreckte hoch. „Wir sind nicht deine Soldaten!“
„Ihr wollt nach Ocea, also seid ihr meine Crew“, sagte Sky ruhig.
„Deine Crew, ja?“, spie ihm Abyss entgegen. „Deine Crew fällt vor Müdigkeit gleich aus dem Stuhl.“ Er nickte mit dem Kopf in Gibblis Richtung. „Deine Crew hat Hunger.“ Sein Blick streifte Bo, die neben ihm stand und sich den Bauch rieb. „Deine Crew ist verletzt.“ Er deutete auf die Wunde an seiner Stirn. „Wenn du uns wirklich lebend in diese verdammte Stadt bringen willst, dann solltest du besser auf DEINE CREW AUFPASSEN!“
Unsicher beobachtete Gibbli die beiden Männer. Schuld stieg in ihr hoch. Hatte sie sich nicht genug angestrengt? Sie wollte nicht schwach erscheinen und versuchte sich aufrecht hinzusetzen.
„Denkst du, das ist mir nicht klar? Denkst du wirklich, mir fällt das nicht auf?“ Sky drehte sich von ihm weg. Seine schwarzen Augen wandten sich der großen Frontscheibe zu. „Der Weg nach Ocea wird nicht leicht sein. Und Ocea ist alles andere als ungefährlich. Ich brauche eine Crew, auf die ich mich verlassen kann. Eine Mannschaft, die sich durch solch lächerliche Dinge, wie du sie nanntest, nicht aufhalten lässt!“ Er wirbelte wieder herum und blickte sie alle der Reihe nach an. „Ich brauche Leute, die alles aufs Spiel setzen, um das Ziel zu erreichen, wenn es sein muss, das eigene Leben. Denkt darüber nach, ob ihr dazu bereit seid. Ich erwarte eure Antwort in neun Stunden. Bis dahin sprecht mich nicht mehr an und steht nicht im Weg. Das ist ein Befehl.“
Erhobenen Hauptes schritt Sky nach hinten, an Abyss und Bo vorbei, zu dem großen runden Tisch, setzte sich und fing an, die eingravierten Symbole darauf zu studieren.
 
Gibbli machte es sich in der hintersten Ecke der unteren Ebene des U-Bootes bequem. Hier unten fühlte sie sich stark. Sie lag mit ein paar Kissen auf einer Hängematte, die sie im Lager ge­funden und zwischen zwei Maschinen gespannt hatte. Hier, in der Nähe der Heizungsanlagen war es angenehm warm. Auf jeden Fall wollte sie nach Ocea reisen. Die Alternative war, wieder zurück auf die Akademie zu gehen. Und dort erwarte­te sie Sir Brummer. Nach dem Gefängnisausbruch konnte er gar nichts anderes mehr tun, als sie rauszuwerfen. Nachdem er ihr die Finger abgehackt hätte natürlich. Und was dann? Wo sollte sie wohnen? Ihren Eltern würde sie nie wieder unter die Augen treten können.
Plötzlich hörte Gibbli Schritte näher kommen.
„Du bist nicht leicht zu finden, weißt du das?“ Eine große Gestalt tauchte hinter einer Maschine auf.
Vor Schreck wich sie zurück, die Hängematte taumelte und fast wäre sie mit ihr umgekippt. Es war Abyss. Idiot! Sie biss ihre Zähne fest aufeinander. Geduckt stapfte er auf sie zu, um nicht an die, an dieser Stelle niedrigen, Decken des Maschi­nenraums zu stoßen. Unter einem Arm trug er eine Decke. In der anderen Hand hielt er seinen Koffer, den er offenbar aus der kaputten Tauchkapsel im Hangar geborgen hatte. Ver­stand er nicht, dass sie vielleicht gar nicht gefunden werden wollte?
Er stellte den Koffer ab. Gibbli hatte ihn nie nach dem In­halt gefragt. Bestimmt befand sich darin irgendeine Waffe.
„Also ich bräuchte langsam mein Tuch wieder. Wenn das für dich okay ist“, sagte er.
Gibbli wurde plötzlich bewusst, dass sie den Schnitt an ih­rem Arm völlig vergessen hatte. Sie knotete es schnell auf. Überraschenderweise war von dem Schnitt absolut nichts mehr übrig. Sie reichte es ihm, doch er steckte es nicht weg. Stattdessen behielt er es in der Hand, sah es nur an und lä­chelte leicht. Beschämt erkannte Gibbli ein paar Reste ihres Blutes, die darauf klebten und sich dunkel auf dem hellen Stoff abhoben.
„Willst du wirklich hier unten bleiben?“ Nachdenklich strich er sich durch seine hellen Haare und löste das Band, das sie zusammen hielt. Dann sah er sich zweifelnd um. Er wirkte müde. Die Wunde an seiner Stirn schien ebenfalls unglaublich schnell zu heilen.
Gibbli antwortete ihm nicht und drehte sich zur Wand, um ihn nicht mehr sehen zu müssen. Konnte er nicht einfach weg gehen?
Er ignorierte ihre Geste und sprach einfach weiter. „Das U-Boot scheint auf eine 3-Mann Besatzung ausgelegt zu sein. Bo schläft in einer Art Kinderzimmer von dieser goldenen Blechbüchse. Es liegt in der obersten Ebene und schließt an einen kleinen Krankenraum an. Und dieser aufgeblasene Wichtigtuer hat sich das Schlafzimmer von Coras Eltern ne­ben der Zentrale geschnappt.“
Tja, wenigstens wusste ihr Kapitän, wie man U-Boote steu­ert, dachte Gibbli. Sie mochte Sky zwar nicht besonders, aber der schlug immerhin keine Scheiben in Tauchkapseln ein.
„Wir könnten eine zweite Liegefläche in Bo’s Raum stellen, wenn du magst.“
Gibbli schwieg weiter. Sie wünschte sich, er würde einfach platzen. Schnell riss sie sich wieder zusammen. Zerstörerische Gedanken waren gefährlich, vor allem mit oceanischer Tech­nologie in der Nähe.
„Nicht? Na schön.“ Zu ihrem Entsetzen breitete er seine Decke auf dem Boden vor ihrer Hängematte aus. Bewegungs­los hörte sie, wie er sich darauf niederließ.
Ihr Magen verkrampfte sich und ihr Herz begann schneller zu schlagen. Er lag am Boden und starrte sie sicher an. Be­stimmt tat er das, Gibbli spürte seinen stechenden Blick im Nacken. Verdammt! Wie sollte sie denn jetzt noch schlafen können?
„Wärst du lieber gestorben?“, fragte er nach einer Weile in die angespannte Stille hinein.
Sie wusste genau, worauf er anspielte. Warum fragte er das? Sie wollte nicht darüber nachdenken, aber die Antwort erforderte das auch nicht. Tauchen war schlimmer als der Tod. Tauchen war der Ursprung allen Übels.
Sie zögerte, dann kam das Wort doch über ihre Lippen, ganz leise nur: „Ja.“
Gibbli wartete auf die eine Frage, die er gleich stellen wür­de. Die Frage nach dem Warum, die er schon einmal im Ge­fängnis gestellt hatte. Einige Minuten vergingen. Doch Abyss stellte die Frage nicht. Trotz der Erleichterung darüber, fühlte sie sich ein klein wenig enttäuscht. Sie wollte es ihm erzählen und gleichzeitig irgendwie auch nicht. Es war ihr Geheimnis.
Als sie schon dachte, er sei eingeschlafen, sprach er leise in die Dunkelheit: „Faszinierend. Ich mag es, wie du alles um dich herum gefrieren lässt.“
Was? Wovon redete er jetzt schon wieder?
„Du verbreitest einen eisigen Hauch, wo immer du auch hingehst. Deine Art, wie du dich bewegst, wie du sprichst. Wenn du sprichst. Wie eine zerbrechliche Eisskulptur. Ich mag den Hass, den du ausstrahlst. Aber weißt du, was ich noch viel lieber hab? Dein Lachen. Ich akzeptier nicht, dass du lieber tot wärst. Ich pass auf dich auf, ob du das willst oder nicht. Ich mag dich, Gibbli. Und ich finde, du solltest öfter lachen.“
Ihr Kopf war wie leer gefegt und es dauerte etwas, bis sie realisierte, dass ihr warme Tränen über die Wangen liefen.
„Dir ist schon klar, dass Sky dich zum Tauchen zwingen wird, oder?“, fragte Abyss nach einer Weile.
Ja, es war ihr klar. Der ehemalige Flottenführer hatte deut­lich zum Ausdruck gebracht, dass er von seiner Crew alles forderte. Andererseits würde er nie einen Techniker mit ihren Fähigkeiten finden.
Gibbli lag noch lange wach, doch die Antwort auf seine Frage blieb sie ihm schuldig. Stundenlang wälzte sie sich hin und her, blickte immer wieder auf ihren EAG, um die Zeit zu prüfen, bis sie endlich in einen glücklicherweise traumlosen Schlaf versank.
 
Als Gibbli nur drei Stunden später die Augen aufschlug, lag die Decke von Abyss leer vor ihrer Hängematte am Boden. Von Weitem vernahm sie Stimmen. Sie zog sich an und folgte ihnen.
Im Gang vor dem Maschinenraum, in dem die Rampe nach oben führte, fand sie Abyss. Er saß an einem kleinen Tisch, re­dete mit der Kind-KI und brachte ihr neue Wörter bei. Gibbli trat näher auf die beiden zu. Erstaunt fiel ihr auf, dass von Abyss‘ Wunde nur noch eine kleine Narbe übrig geblieben war.
„Dein Mund komisch. Er ist wurstig“, sagte das goldene Kind und starrte sie mit weit aufgerissenen Augen an.
Erschrocken fasste sich Gibbli an ihren Mund. Was stimm­te nicht damit? War er angeschwollen? Ihre Lippen fühlten sich ganz normal an.
„Hör nicht auf sie. Sie ist ein kleiner verwöhnter Fischkopf, der an allem was auszusetzen hat“, sagte Abyss, der ihren verängstigten Blick sofort wahrnahm.
„Fischkopf“, wiederholte das Kind und plapperte auch gleich weiter. „Ich nicht Cora. Du übersetztetestes Name falsch!“
„Es heißt ‚Ich bin nicht‘ und ‚Du übersetztest meinen Na­men falsch‘!“, berichtigte Abyss. „Dummer Stinkstiefel! Noch ein paar Minuten, dann hat sie die richtige Grammatik auch drauf.“
„Stinkstiefel“, wiederholte Cora.
„Ja und sicher eine Menge Schimpfwörter mehr“, murmelte Gibbli und musste dabei fast schmunzeln.
„Meine Bezeichnung lautet picocore a314 e91x86 SN1011337101 v03016901037891X-“
„Sag ich ja, Cora“, unterbrach Abyss das grinsende Kind.
Gibbli ließ die beiden alleine und begab sich hungrig in die Zentrale, wo sie auf Bo traf. Die blauhäutige Frau stand am Rand neben den Konsolen vor einem Baum, der bis nach oben in die Galerie wuchs. Seine Krone breitete sich an der goldenen Decke, entlang des oberen Stockwerkes, aus. Vorsichtig betas­tete Bo die Rinde. Als sie Gibbli bemerkte, blickte sie erfreut auf und drückte ihr ein Büschel Pflanzen in die Hand.
„Gibbli! Hier, halt das mal.“ Bo bückte sich, hob vom Boden eine runde Frucht auf und schnupperte daran. „Die ist da run­ter gefallen. Ich rieche leider fast gar nichts. Kennst du dich damit aus? Denkst du, man kann sie essen?“
Gibbli beäugte die Frucht. „Vielleicht.“ Natürlich hatte sie auf der Akademie den Basis-Pflanzenkurs besucht und einige bekannte Gewächse kennen gelernt. Sie glaubte, die violette Frucht schon einmal gesehen zu haben. Aber bei den meisten Pflanzen hier an Bord handelte es sich um sehr exotische Ex­emplare, die sicher nicht alle in den Gewächshäusern der Aka­demie existierten.
„Hilfst du mir? Ich kenne ein paar von den Pflanzen, die für medizinische Zwecke gedacht und einige die giftig sind. Hast du die mit den langen Nadeln gerochen? Kannst du mir sagen, wie sie riecht? Sie müsste stinken oder? Ich glaube, sie ist böse. Denkst du, Pflanzen haben ein Bewusstsein und können ei­nem wirklich böse sein, wenn man sie nicht mag? …“
Gibbli folgte Bo, die jetzt hoch in die Galerie stieg und fort­während Fragen stellte, ohne überhaupt eine Antwort abzu­warten. Mit ihr zu sprechen war wirklich leicht, denn man konnte einfach nur den Mund halten. Sie spürte, wie ihre Ge­danken sich verselbstständigten. Mit einem Ruck schüttelte Gibbli den Kopf und versuchte es zu verhindern. Es klappte. Sie schaffte es, ihren Geist davon abzuhalten, durch Bo zu se­hen. Gibbli fühlte sich mit einem Mal schuldig. Bo wusste wahrscheinlich gar nichts davon, dass sie sich hin und wieder in ihrem Körper wiederfand. Sicher wäre die Hybridfrau nicht erfreut darüber, das zu hören. Sie wollte es ihr sagen, nur wie? Wieder einmal fand sie nicht die richtigen Worte dafür. ‚Hey Bo, manchmal bin ich in deinem Körper, seh durch deine Au­gen und weiß was du denkst. Ich hab keine Ahnung wieso, aber mach dir keine Sorgen, ich kann dich nicht kontrollieren, ich kann dich nur miterleben.‘ … Das hörte sich doch dämlich an! Das konnte sie nicht sagen, Bo würde sie für verrückt hal­ten!
„Der Kapitän ist mit dem Tauchboot losgefahren. Er will es zurückbringen. Glaubst du, die Soldaten sind sauer, weil wir es ausgeliehen haben? Sky sagte, er nimmt etwas mit, damit wir die Pflanzen hier bestimmen können. Oh, die Gelbe da drüben ist essbar! Meine Schwester hat mir mal so eine ins Kranken­haus mitgebracht, sie hat ihren Kuchen damit gebacken!“, rief Bo begeistert und rannte darauf zu. Schweigend trug Gibbli ihr das Grünzeug hinterher und sah zu, wie sie einige Blätter der gelben Pflanze abschnitt. „Kannst du Kuchen backen? Ich lie­be Kuchen! Glaubst du, wir können Sky überreden ein paar Hühner hier zu halten? Ich bin mir sicher, Cora mag Hühner. Sie hat doch dieses mechanische Küken, oder? Stell dir vor, es würde Metalleier legen! …“
Plötzlich ertönte ein Geräusch.
Bo blickte auf. „Das ist bestimmt Sky. Ich hoffe, er hat Es­sen mitgebracht!“
Ein Hämmern drang vom Gang aus Richtung Hangar kom­mend zu ihnen in die Galerie. Seine Kampfstiefel hallten auf dem Metallboden wider. Konnten sich Schritte wütend anhö­ren? Sie wurden lauter, als er scheinbar eilig durch die Schleu­sen stapfte. Gibbli ahnte sofort, dass etwas nicht stimmte, als sich die Tür der Zentrale aufschob. Seine furchterregenden Augen funkelten die beiden böse an. Der Kapitän hatte wirk­lich ein Talent für dramatische Auftritte!
„Wo ist Abyss?“, fragte er ohne Umschweife und seine Stimme klang dabei alles andere als nett.
„Er ist im Maschinenraum und bringt Cora unsere Sprache bei“, antwortete Bo eifrig.
„Bo, geh in den Hangar. Dort wirst du eine Rettungskapsel mit Kisten finden. Bring sie in die Küche.“
„Essen!“, rief Bo und machte sich begeistert auf den Weg zum Hangar.
Gibbli wollte ihr folgen, als Sky ihr den Weg versperrte. „Mitkommen.“
Ehe sie etwas tun konnte, packte er sie mit festem Griff am Handgelenk. Das ganze Grünzeug, das ihr Bo in die Hän­de gedrückt hatte, fiel zu Boden. Während er sie mit sich zog, versuchte Gibbli sich loszureißen, hatte jedoch keine Chance. Wie sie das hasste! Er brachte sie durch den vorderen Teil der Zentrale und anschließend hinunter in die untere Ebene.
Abyss blickte auf, als sie in den Gang vor dem Maschinen­raum traten und Sky sie zu dem kleinen Tisch schleifte. Lang­sam begann ihr Handgelenk zu schmerzen und er ließ sie noch immer nicht los. Mit der anderen Hand knallte Sky seinen EAG mit voller Wucht vor Abyss auf den Tisch. Ein kleiner elektronischer Datenzylinder steckte darin. Das goldene Kind hüpfte auf die Bank und stupste vorsichtig mit einem Finger gegen das Gerät.
„Primitiver Speicher“, sagte Cora.
„Erkläre mir das!“, forderte Sky mit drohender Stimme.
Abyss schob die kleine KI grob beiseite, was einiges an Kraft erforderte, dann drückte er einen Knopf des EAGs. Ent­setzt starrte Gibbli auf das Hologramm des Bildschirms, das sich vor ihnen in der Luft aufbaute. Es handelte sich um einen Zeitungsartikel. Auf einem kleinen Bild prangte ihr eigenes Ge­sicht. Daneben ein größeres Bild von Abyss. Sie las die Schlag­zeile:
 
‚Skrupelloser Mörder tötet Mithäftling und entführt 14-jähriges Mädchen!‘
 
‚…bekannt unter dem Namen „Abyss“ bringt auf brutalste Weise einen Mithäftling um. Der militärische Direktor der MA, Jack Kranch fand die Leiche leblos und mit verstüm­meltem Gesicht in seiner Zelle. Anschließend flüchtete der Mörder aus dem Gefängnis. Dabei entführte er die 14-jäh­rige Gibbli de Orange, Tochter des berühmten Firmengrün­ders von „Orange Drive“, die eine von Sir Markus Brummer verhängte Strafe…‘

 
In dem Artikel stand alles. Dass sie den Tauchkurs ge­schwänzt und mit verbotener Technologie einen älteren Mit­schüler attackiert hatte. Was für eine Schande! Gibbli wollte sich gar nicht vorstellen, wie sauer ihre Eltern sein mussten, dass dieser Vorfall auch noch öffentlich in der Zeitung stand.
„Auf dich ist ein Kopfgeld ausgesetzt“, sagte Sky ruhig zu Abyss. „Kindesentführung! Das hier macht dich zum meist ge­suchten Mann unter dem Meer!“
Abyss fing an zu grinsen, als wäre er stolz darauf.
Blitzschnell raste Skys Faust nach vorne und traf Abyss so heftig, dass er nach hinten kippte und zu Boden krachte. Gibbli wollte ein paar Schritte zurückweichen, doch der Kapi­tän hielt sie noch immer fest.
„Das ist nicht lustig!“, rief er.
„Verdammt, Sky!“ Abyss stützte sich mit einer Hand am Boden ab und rang nach Luft.
Dann wurde Gibbli schlagartig etwas bewusst. „Du hast mich angelogen! Du hast gesagt, er schläft nur!“, rief sie wü­tend und zog damit alle Blicke auf sich.
Abyss‘ Augen verengten sich zu Schlitzen und er richtete sich auf. „Ich hab dir dort im Gefängnis vermutlich mehr als dein Leben gerettet! Klar?“
Sie wusste nicht, was sie antworten sollte. Das hatte er. Abyss kam auf sie zu. Gibbli wollte weg, doch sie stieß mit dem Rücken an Sky, der jetzt hinter ihr stand.
„Ich bin kein guter Mensch, das hab ich dir von Anfang an offen dargelegt. Wärst du etwa mitgekommen, wenn ich ge­sagt hätte, ich hab dem Typen seinen verfickten Schädel zer­trümmert?“
„JA!“, rief Gibbli ohne nachzudenken. Ihr war schlecht. Schlecht vor Hunger und schlecht von dem Zeitungsausschnitt und von Skys Griff, der sie noch immer umklammert hielt.
„Wirklich?“, fragte Abyss überrascht. Im nächsten Augen­blick hob er erschrocken die Arme und trat einen Schritt zu­rück. Gibbli spürte, wie etwas Eiskaltes gegen ihre Stirn stieß. Und dann einen kräftigen Arm, der sich von hinten um sie leg­te.
„Es reicht“, sagte Sky leise. „Hört auf, mich zu ignorieren! Ich bin euer Kapitän!“ Sein Strahler bohrte sich bedrohlich in ihre Haut.
„Kapitän“, wiederholte Cora mit heller Stimme. Die goldene KI ahmte fröhlich Skys Bewegungen in der Luft nach und starrte ihn mit ihren Kugelaugen an. „Dir kommen Schlangen aus Kopf!“
„Das sind meine Haare!“, knurrte Sky das Kind an. „Geh in die Küche und hilf Bo.“
Ruckartig drehte sie sich um, sprang von der Bank und stapfte zur Rampe. Gibbli starrte dem mechanischen Küken nach, das sich von Coras Kopf erhob und ihr jetzt halb flie­gend, halb hüpfend nach oben folgte.
„Wie soll ich eine Crew nach Ocea bringen, die beinahe vollkommen aus Gesetzesbrechern besteht? Eine perfektionis­tische, beleidigende KI. Ein Hybrid, die sich wegen ihrer Ab­stammung hier nicht aufhalten darf. Eine 14-jährige Ausreiße­rin, die nicht einmal taucht!“ Sein Arm schloss sich noch enger um Gibbli. „Und ein skrupelloser Mörder, der im ganzen Meer gesucht wird! Wegen euch wird bald die gesamte Flotte hinter uns her sein!“
„Wenn ich mich recht erinner, warst du es, der die Karte aus dem Archiv gestohlen hat“, murmelte Abyss und ver­schränkte seine Arme.
„Geborgt! Ich habe sie geborgt!“
„Weißt du, ich hab mir Gibbli auch nur geborgt.“
Trotz ihrer Lage zuckten Gibblis Mundwinkel leicht. Ja, da­für hatte es sich gelohnt mit ihm zu kommen. Sie riss sich zu­sammen. Was dachte sie nur? Obwohl diese Situation weitaus bedrohlicher war, als damals mit Kor und Somal, kam es ihr nicht ganz so schlimm vor. Als würde Abyss einen Teil ihrer Angst einfach aufsaugen! Doch dann sprach der Kapitän wie­der mit düsterer Stimme und ihr Herz begann wild zu klopfen. Sky würde sie erschießen!
„Als Soldat wäre es meine Pflicht, euch auszuliefern. Aber ich bin kein Flottenführer mehr“, fuhr er ruhig fort.
„Lass sie los“, forderte Abyss. Er krempelte die Ärmel seines Mantels hoch, bereit zum Angriff.
„An deiner Stelle würde ich das nicht tun. Ich bin der einzi­ge, der dieses U-Boot steuern kann. Oder kannst du dieses Boot steuern, Gibbli?“, wandte er sich mit freundlicher Stimme an sie. Vielleicht würde sie das schaffen. Aber sicher nicht so gut wie er. Gibbli schüttelte zitternd den Kopf. „Gerechtigkeit ist für mich das oberste Gebot. Man bekommt was man gibt, ist es nicht so, Abyss? Du hast einen Mann getötet. Ist dir klar, was das heißt? Tot gegen tot.“
„Du… Tu das nicht“, krächzte Abyss.
„Warum nicht? Ein großes Loch durch den Kopf deiner kleinen Freundin, das wäre doch nur fair?“
Gibbli zuckte in seiner Umklammerung zusammen.
„Sky, hör auf!“, schrie Abyss.
„Du akzeptierst mich als Kapitän oder sie stirbt.“
„Du brauchst sie!“
„Lebend? Ich brauche ihre DNA.“
Abyss blickte ihn fassungslos an. Und Gibbli erinnerte sich an seine Worte, als sie das U-Boot zum ersten Mal betraten. ‚Sie besitzt die DNA.‘ Doch dies war nicht der richtige Mo­ment, um sich darüber Gedanken zu machen.
„Ich akzeptier dich“, grummelte Abyss mit zusammen ge­kniffenen Zähnen.
„Und das mit dem Morden wird aufhören. Klar?“
„Ich… versuch’s. Vielleicht“, murmelte Abyss undeutlich.
„Und du“, der Kapitän wandte sich an Gibbli, die bebend in seinem Arm hing, „wirst lernen zu tauchen. Ich brauche eine funktionierende Crew.“
„Nein!“, rief sie stur. Sollte er sie doch töten!
„Bitte?“, fragte Sky leise und drückte seine Waffe schmerz­haft fest an ihren Kopf. Gibblis Finger krallten sich in seine Kampfmontur.
„Ich… tauche… nicht“, presste sie hervor.
„Sie wird tauchen! Ich sorg dafür. Hör auf ihr weh zu tun!“, schrie Abyss ihn an.
Sky lockerte seinen Griff. „Schön. Ihr folgt ab jetzt meinen Befehlen. Ich möchte ab sofort über all eure Handlungen in­formiert werden. Das gilt auch für Bo und Cora, ich werde ih­nen das noch mitteilen. Und jetzt gehen wir alle in die Zentra­le und essen.“ Sky ließ Gibbli los und schubste sie nach vorne. Abyss fing sie auf und hielt sie an den Schultern fest, wäh­rend Sky sich schon umdrehte und zur Rampe schritt. „Da­nach sehen wir uns die Karte an. Wir müssen hier weg, bevor Jack auftaucht“, sagte er noch, dann verschwand er aus ihrer Sicht.
Abyss nahm seine Hände von ihren Schultern. „Hast du Hunger?“
Gibbli schwieg. Abyss hatte einen Mann getötet, es würde ein Leichtes für ihn sein, sie zum Tauchen zu zwingen.
„Wir finden schon einen Weg“, sagte er, als würde er ihre Gedanken erraten.
Er hatte eben zum wiederholten Mal bewiesen, dass er auf sie aufpassen würde. Sie nickte, noch nicht ganz überzeugt und gemeinsam folgten sie Sky nach oben.

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