Kapitel 10: Wasser!!!11elf (Bis in die tiefsten Ozeane)

Früh am Morgen beendete Gibbli die Arbeit an der Tauchkap­sel. Sie verstaute gerade einen Behälter mit Werkzeug unter der runden Sitzbank, die fast den kompletten Innenraum aus­füllte, als Abyss zu ihr in die Kapsel stieg. Angesichts des ge­ringen Platzes sah er hier drin verboten groß aus.
„Die Magnete halten“, sagte er und warf ein paar Thermo­handschuhe auf die Sitzbank.
Er hatte es geschafft, ein paar kugelförmige Behälter mit der Aufschrift ‚SOLID OX‘ zu besorgen. Das hellblaue Material in den Festluftflaschen schimmerte durch die transparente Oberfläche.
„Ich bin auch fertig“, sagte Gibbli.
„Dann sollten wir sofort anfangen. Da draußen ist es seit ’ner Weile verdächtig ruhig.“
„Okay. Im ersten Testtauchgang können wir prüfen, ob die Kapsel dicht ist.“ Gibbli nahm einen der beiden Taucheranzüge vom Haken und schlüpfte hinein. Er war ihr ein wenig zu groß, schien aber ansonsten in Ordnung zu sein.
„Testtauchgang?“, fragte Abyss und starrte sie verwirrt an. „Und warum ziehst du denn den an? Wir sind doch in der Kapsel.“
Sie ignorierte seine Worte. Das war typisch. Er achtete nicht das kleinste bisschen auf Sicherheit. „Mir ist da noch et­was eingefallen. Also wenn das Ding hier ein Schlüssel ist“, Gibbli zeigte auf die Metalltafel, die er vorne bei der Konsole unter dem Sichtfenster verstaut hatte, „dann muss es an ein Schloss dran, oder?“
„Ja und?“
„Die kleinen Einkerbungen an der Oberseite deuten darauf hin, dass man es in eine Öffnung stecken muss und dann ge­gen den Uhrzeigersinn drehen.“
„Wenn du das sagst.“
Er schien noch immer nicht zu begreifen. „Dieser Anschluss befindet sich sicher am Hangartor des U-Bootes.“
„Klingt logisch.“
„Außen.“
„Wir sollten jetzt wirklich los“, begann er wieder und lugte nach draußen.
„Im Wasser.“
Ein leises ‚Tonk Tonk Tonk‘ war zu hören. Gibbli erkannte das Geräusch sofort: Kampfstiefel auf Metallboden.
„Da kommt jemand“, rief Abyss.
Aber Gibbli war noch nicht fertig. „Diese Kapsel besitzt kei­ne Schleusen! Wir können die Tafel nicht am U-Boot anbrin­gen!“
Abyss warf ihr einen bösen Blick zu und begann an der Lukentür zu ziehen. Sie quietschte leise, gab allerdings nicht nach.
„Nein“, sagte sie bestimmt und verschränkte die Arme. Sie glaubte seine Gedanken erraten zu haben. „NEIN“, schrie sie ihn jetzt an, während er angestrengt an der runden Tür zog. „Wir benutzen nicht die ganze Kapsel als Schleuse! Abyss, ich tauche nicht!“
„Lass uns das später klären! Das Miststück… geht… nicht… zu“, brachte er unter großer Anstrengung hervor.
Sie starrte ihn mit ungläubigem Blick an. Was tat er da nur? Meinte er das ernst?
Die Schritte der Soldaten wurden immer lauter. Abyss mühte sich noch immer mit der Türluke ab. Langsam den Kopf schüttelnd streckte Gibbli ihren Arm aus. Dann drückte sie einen Kopf. Die Luke glitt automatisch zu und Abyss fiel nach hinten auf die Sitzbank.
„Wir leben nicht mehr im 20. Jahrhundert.“
„Besserwisser“, schnaubte er sie an, stand auf und stellte sich zu ihr ans Steuerpult. Ein dumpfes Klopfen ließ beide zu­sammenfahren. Abyss fing an, unbeholfen an den Schaltun­gen herum zu drücken. „Abtauchen, sofort!“
Gibbli legte einen Hebel um und besah sich ängstlich die In­nenwände, während er das Steuer übernahm. Sie fühlte sich nicht wohl mit so wenig Raum und so viel Wasser um sie her­um. Die Kapsel drehte sich leicht und jetzt kamen drei Solda­ten ins Sichtfeld des Fensters. Einer versuchte sich an der Kap­sel festzuhalten. Sie trieben vom Einstieg weg und er platschte kopfüber ins Wasser.
Dann ging ein Ruck durch die Kapsel und sie fuhren nach unten. Abyss manövrierte sie im Schneckentempo durch eine Schleuse hindurch und anschließend einen langen Gang ent­lang, der ins offene Meer führte. Sie hatten die Öffnung noch nicht erreicht, als ein lautes Kratzen ertönte. Es fühlte sich an, als würden Gibblis Eingeweide nach außen gekehrt. Sie hielt sich die Ohren zu.
„Du machst es kaputt!“, schrie sie ihn an. Wieder schramm­te er an der Wand entlang und das Geräusch ertönte erneut. In Gibbli zog sich alles zusammen. „Was tust du?“
„Ich tauche“, sagte er nur.
„Du bist nicht besonders gut darin!“, fauchte sie.
Er zuckte mit den Schultern. „War ich noch nie.“ Als er Gibblis aufgebrachtes Gesicht sah, fügte er hinzu: „Für meinen ersten Tauchgang mit dem Ding hier halt ich mich doch gut.“
„DAS soll mich beruhigen?“
„Der Mönch hat dieses Ding hier gesteuert. Wenn er das kann, dann krieg ich das erst recht hin. Setz dich einfach hin und ruh dich aus. Ich hab alles im Griff.“
 
Bo’s Umrisse spiegelten sich leicht auf der Scheibe, als sie das Tier draußen fasziniert beobachtete. Von Weitem sah das kleine Wesen einer Robbe sehr ähnlich. Es war knapp einen halben Meter lang und spaltete sich hinten in drei lange Fang­arme, die es zur Fortbewegung nutzte. Es öffnete leicht den Mund und entblößte seine spitzen Zähne. Die schuppige Haut schillerte in bunten Farben. Um seinen schlangenartigen Kör­per hatte man ein Geschirr gespannt, an dessen Oberseite ein Behälter befestigt war, der wie ein Einmachglas aussah. Die leuchtenden Augen des Wesens huschten hin und her, als suchten sie etwas. Dann flitzte es pfeilschnell durch eine klei­ne Öffnung in der Wand eines Gebäudes, zwängte sich durch eine lange Röhre hindurch, nahm eine Abzweigung in eine zweite Röhre, um dann in einem aquariumartigen Becken im Deep Golden Sea Hotel aufzutauchen.
„Danke, mein Junge“, sagte Sky und strich dem Wesen sanft über den Kopf.
Er nahm das Einmachglas von seinem Geschirr und schraubte es auf. Ein zylinderförmiger Stecker fiel in seine Hand. Durch das Plätschern neugierig geworden, tapste Bo vor das Aquarium und betrachtete das Wesen begeistert. Ele­gant schlängelte es sich im Wasser hin und her. Es wirkte zu­frieden.
„Es ist so süß! Wer ist das?“
„Ein Can. Sie werden als Flaschenpost eingesetzt. Ziemlich altmodisch, aber wenn wir unsere Städte elektronisch vernet­zen, könnte sich jeder überall einklinken und Informationen stehlen. Manche Leute von der Oberfläche stecken sogar rich­tiges Papier hier hinein, kannst du dir das vorstellen?“
„An Land wäre das ganz normal.“
„Wir mussten uns anpassen. Hier unten sind andere Dinge wichtig als bei euch an Land. Es ist seltsam, das zu einem Tiefseehybrid zu sagen.“
„Das Landmenschengebiet unter dem Meer ist ganz anders, als ich es erwartet habe. Das Leben hier, die Technologie, alles unterscheidet sich sehr von den Orten über dem Wasser. Und das fällt mir auf, obwohl ich beinahe mein gesamtes Leben in einem Krankenhaus verbracht habe. Ihr seid hier fast wie eine fortgeschrittene Kolonie auf einem fremden Planeten.“
„Für uns existieren die Menschen dort oben so gut wie gar nicht mehr. Es gibt kaum noch Kontakte. Wir leben seit vielen Jahren völlig unabhängig von ihnen und haben uns eigenstän­dig entwickelt.“ Sky nahm das leere Glas und befestigte es wieder an dem Tier. Es gab ein gluckerndes Geräusch von sich, drehte sich noch einmal im Becken und flitzte dann zu­rück ins Rohr nach draußen. „Manchmal kommen Leute von oben, um hier zu leben. Es dauert immer etwas, bis sie sich daran gewöhnen. Es ist ihnen alles zu eng und sie sind den spärlichen Platz nicht gewohnt. Vieles ist hier unten lebens­wichtig, was bei euch gar nicht existiert.“
Bo blickte dem kleinen Wesen nach. „Ich mag es. Es ist al­les so neu für mich. Aufregend und schön. Dennoch fühle ich mich hier nicht willkommen.“
„Das liegt an unserer Gesellschaft. Sie ist elitärer. Dort oben hat sich niemand an dir gestört. Bei uns würdest du als Hybrid in keiner medizinischen Einrichtung behandelt werden. Unsere Gesetze sind strenger, weil die Umstände das erfor­dern. Im Wasser existieren Gefahren völlig anderer Art. Es geht nicht darum wie man lebt, sondern dass man überlebt. Dort oben musstest du dir keine Gedanken darüber machen, wie du dich vor der Kälte schützt. Wir kämpfen gegen den Vitaminmangel, den hohen Druck, das Wasser selbst. Die Rohstoffknappheit, die uns davon abhält Schäden zu beseiti­gen, wenn ein großes Tier sich plötzlich dazu entschließt unse­re Gebäude zu rammen. Wir brauchen Nahrung und Vorräte, Schutz vor giftigen Organismen die es dort oben nicht gibt. Und dann ist da noch der Konflikt zwischen den Meer- und den Landmenschen. Was glaubst du, warum unsere Flotte so hoch angesehen ist?“
Bo erinnerte sich an Abyss‘ Worte im Meeresexpress. Die Landmenschen hier mussten in ständiger Angst vor den An­griffen der Tiefseemenschen leben. Doch sie begriff jetzt, warum sie das Wasser nicht verließen, um wieder auf dem Land zu wohnen. Das Meer war zu ihrer Heimat geworden. Das hier war jetzt auch ihr zu Hause.
Sky lächelte sie traurig an. „Letztendlich ist es egal, wer oder was wir sind. Wir alle brauchen den lebenswichtigen Sauerstoff. Das einzige, was uns voneinander unterscheidet, ist die Art, wie wir ihn aufnehmen.“ Er zog das eckige Gerät hervor, das er an der Rezeption schon als Ausweis benutzt hatte.
Bo betrachtete es interessiert. „Und was ist das?“
„Das ist ein EAG. Elektronisches Aufzeichnungsgerät. Über dem Wasser gibt es so etwas nicht oft. Hier im Meer besitzt jeder eines. Im Laufe der Jahre schreiben wir all unser Wissen da hinein. Wie ein kleines Gehirn. Aber ein EAG kann noch viel mehr. Fotos schießen, Geräusche aufnehmen und dunkle Wege beleuchten.“
„Wie ein Computer? Sam hatte so was an ihrer Schule. Sie hat darauf geschrieben und Nachrichten verschickt.“
„So ähnlich. Nur das EAGs aus Sicherheitsgründen nicht untereinander vernetzt sind. Man kann sie stattdessen direkt mit anderen Geräten verbinden und so Informationen übertra­gen. Schau.“ Er nahm den kleinen Stecker, den der Can ge­bracht hatte und schloss ihn an seinem EAG an. „Ich kann das, was darauf steht, am Bildschirm des EAGs lesen.“
„Woher bekommt man ein EAG? Kann man es kaufen?“ Bo wollte unbedingt auch so ein Gerät.
„Nein. Alle Landmenschen, die offiziell hier im Meer leben, bekommen eines. Die meisten schon bei der Geburt. Es dient uns als Ausweis.“
Schade, dachte sie und sah ihm zu, wie er über den Bild­schirm strich, der sich laufend veränderte. Einem Hybriden wie ihr würde man so ein Teil wohl nie geben. „Und wer schreibt dir eine Nachricht?“
„Niemand. Das war ein Zeitungs-Can. Er gehört einer Neu­igkeiten-Firma.“ Nach einer Weile schaltete er sein EAG ab und ließ den kleinen Stecker am Tisch liegen. „Sieht aus, als wäre mein Rauswurf noch nicht an die Öffentlichkeit durch­gedrungen.“
„Ist das gut? Brechen wir jetzt auf?“, fragte Bo und nahm ihre neue Umhängetasche, in der sie das Ocea-Buch und ein paar Kleidungsstücke verstaut hatte. Sie trug jetzt einen Pon­cho mit Kapuze, der das Marahang über der Brust verdeckte. Ihre Beine waren frei, darauf hatte sie bestanden. Außerdem gab es schlicht keine Schuhe, die an ihren Füßen bequem passten.
„Ja. Gehen wir zur Andockstelle“, sagte Sky.
Sie gaben den Wasserentsalzer an der Rezeption ab, zu­sammen mit der Anweisung, ihn seinem Besitzer zurück zu bringen. Bo sah Sky an, wie sehr er es genoss, wenn die Leute seine Befehle befolgten, ohne Fragen zu stellen.
„Nimmst du deine Brille nicht mit?“, fragte sie, als ihr auf­fiel, dass er die runden Gläser im Hotel gelassen hatte.
„Die brauche ich nicht mehr. War eine Vorschrift von Jack. Er meinte einige Soldaten hätten sonst Angst vor mir. Als wenn die nichts aushalten würden.“
Bo lachte. Sie fand seine Implantate faszinierend. Eine medizinische Meisterleistung! Die Narben dagegen zeugten von einem Stümper. „Denkst du, wir finden Abyss bei der An­dockstelle?“
„Nein. Wir müssen ihn gar nicht finden. Früher oder später wird er zum U-Boot hinab tauchen.“
Bo machte große Augen und tappste neben ihm her, wäh­rend er sich seine Taschen umlegte. „Heißt das, wir können di­rekt zum U-Boot und dort auf ihn warten?“
„Ja. Tauchen wir nach unten.“
Vor Freude sprang Bo in die Luft. Sofort schossen tausend weitere Fragen durch ihren Kopf. „Woho! Ich bin noch nie ge­taucht! Ist das schwer? Tut es weh? Wie geht das? …“
Den ganzen Weg über nervte sie ihn mit Fragen, bis sie schließlich am Hafen ankamen. Sky erklärte ihr, welche der U-Boote für die Tiefsee geeignet waren. Es gab an den An­dockstellen nur zwei Stück, die in Frage kamen. Eines davon war ein etwas kleineres, privates Forschungsboot, an dem ge­rade Wartungsarbeiten durchgeführt wurden. Beim anderen handelte es sich um eine Spezialanfertigung der U-Boot Flot­te. Sky steckte seinen EAG in den Verriegelungsmechanismus des Militärbootes und zusammen betraten sie es über eine Schleuse, in der sieben Tiefseeanzüge hingen.
„Ich habe mir U-Boote immer enger vorgestellt“, sagte Bo und schaute sich um.
Am Rand des quaderförmigen Innenbereichs waren einige Sessel angebracht. Sky begab sich nach vorne und begann ein paar Schalter zu bedienen, während Bo zurück nach draußen blickte. Sie bemerkte, wie ein Arbeiter auf sie aufmerksam wurde. Er schrie etwas, aber sie befanden sich zu weit weg, um ihn zu hören.
„Ich glaube, der ist uns böse“, sagte Bo.
Sky ignorierte ihre Worte oder schien sie nicht zu verste­hen. Der Arbeiter winkte jetzt und kam mit hoch rotem Kopf auf sie zugerannt. Bo winkte zurück. Dann glitt die Schleuse zu und versperrte ihr die Sicht auf den Mann. Sky versiegelte die beiden Türen.
„Muss ich die Luft anhalten?“, fragte sie ihn.
„Nein.“
„Oh schau mal, man sieht hier auch Tiere!“, sie hatte das Fenster entdeckt, das zwischen den beiden einander zuge­neigten Stuhlreihen am Boden eingelassen war. Bo kniete sich darauf nieder und beobachtete die gelben Quallenschwärme, die daran vorbeihuschten.
Während Bo begeistert die Aussicht genoss, manövrierte Sky das Tiefseeboot mit geübten Handgriffen elegant aus dem Hafen.
 
„Da ist er“, sagte Abyss.
Gibbli schreckte hoch und blickte nach draußen. Der große Riss im Meeresgrund lag direkt vor ihnen.
„Sie sind hinter uns her“, sagte sie müde.
„Was? Wer?“
„Der Mann mit den schwarzen Augen, Sky und diese Hy­bridenfrau.“
Abyss blickte sie besorgt an. „Bo? Woher willst du das wis­sen?“
Sie schwieg. Wie sollte sie ihm das erklären? Es fiel ihr schwer, das Ganze in Worte zu fassen. Dass sie von ihnen träumte, entsprach nicht ganz den Tatsachen, denn es war mehr als das. Sie befand sich in Bo’s Körper oder wie davor, in dem von Sam. Nein, auch das stimmte nicht, sie stand ja auch hier. Ja, Träume war wirklich nicht das richtige Wort dafür. Sie hatte ja auch diese Alpträume, schreckliche Erinnerungen, die immer wiederkehrten, doch diese hatten nichts mit dem Phä­nomen zu tun, dass sie manchmal durch jemand anderen er­lebte.
„Rede mit mir, Gibbli“, unterbrach er ihre Gedanken.
„Ich hab es gesehen.“
„Willst du behaupten, du hast hellseherische Fähigkeiten oder so was?“, fragte Abyss ungläubig.
„Nein… ich… weiß nicht“, stopselte sie zusammen.
„Also wenn sie uns wirklich auf den Fersen sind, sollten wir schnell abtauchen“, sagte er und ging nicht weiter darauf ein.
„Nein!“, rief Gibbli mit hoher Stimme. Es schien zwar noch alles zu passen, aber sie konnten doch nicht einfach da hinunter tauchen! Nicht ohne längere Vorbereitung!
„Willst du zurück und dem Soldatenabschaum in die Arme laufen? Wir können uns ja erst mal alles anschaun.“
Abyss hatte recht. Sich ein Bild von der Lage zu machen war vielleicht keine schlechte Idee. Dann könnten sie prüfen, wo genau sich das U-Boot befand und später mit einer besse­ren Ausrüstung zurückkehren. Gibbli nickte und überprüfte die Tiefe. Sie bestand darauf, die Kapsel selbst weiter zu steu­ern. Vorsichtig lenkte sie das Gefährt über den Graben. Dann begannen sie zu sinken. Ganz langsam.
Es wurde immer dunkler, bis sie außerhalb des Sichtfensters nichts mehr erkennen konnten. Beinahe absolute Schwärze umgab sie dort draußen. Nervös beobachtete Gibbli die Anzei­gen. Das Manometer stand jetzt auf 798 Meter.
„Wir passieren gleich die Tiefseegrenze“, sagte sie düster.
Ein paar Minuten vergingen.
940 Meter.
„Gleich sind es 100 bar.“
„Du musst das nicht sagen, ich seh es, Gibbli.“ Abyss hatte seinen Mund zu einem angespannten Grinsen verzogen. Er schien erfreut. Sicher nur deswegen, dass die Tauchkapsel überhaupt bis hier her durchgehalten hatte.
Weitere Minuten strichen vorüber.
Ihr Blick fiel immer wieder auf den Tiefenmesser. Reichte die Stärke der Tauchkapsel wirklich aus? Der Druck dort un­ten war unvorstellbar groß. Er war jetzt schon wahnsinnig hoch! Gibbli warf erneut einen Blick auf das Manometer. Sie wussten nicht, wie tief der Spalt noch nach unten ging. Wie­der prüfte sie die Tiefe.
„Und… Wir lassen kein Wasser in die Kapsel?“, fragte Gibbli noch nicht ganz überzeugt.
„Kein Wasser“, antwortete er.
Bei knapp 2000 Metern stoppte sie die Maschinen. Sie hielt das nicht mehr aus! Sie drehte sich vom Steuergerät weg und fuhr sich durch die Haare. Während sie versuchte, die aufkei­mende Panik zu unterdrücken, fiel ihr Blick auf den Taucher­helm ihres Anzugs, der auf der Sitzbank lag. Sie wandte sich wieder zur Konsole und las erneut die Tiefe und den Druck am Manometer ab. Natürlich hatte sich nichts daran verän­dert. Also prüfte sie die Daten noch einmal. Drehte sich wie­der um. Und noch einmal. Und-
„Gibbli“, unterbrach er sie.
Sie hielt inne. „Es funktioniert nicht.“
„Es funktioniert.“
Sie schüttelte den Kopf und presste ihre Augen zusammen. Das hier war ein Fehler. Sie hätte nie mit ihm kommen dürfen. Sie hätte sich nicht mit oceanischer Technologie beschäftigen dürfen, denn dann hätte man sie nicht eingesperrt.
„Schau mich an.“
Dann wäre sie nie mit ihm gekommen. Sie wäre nie in diese dumme Tauchkapsel gestiegen. Dann würde sie jetzt nicht sterben. Dann-
„GIBBLI!“
Erschrocken schlug sie ihre Augen auf und blickte direkt in die seinen.
„Vertrau mir“, sagte er eindringlich.
Gibbli wandte sich wieder der Konsole zu, nickte und trat einen Schritt zurück.
Abyss übernahm das Steuer. Langsam bugsierte er die Kap­sel, am Rand des Risses im Meeresboden entlang, weiter hinab in die Tiefe.
Überraschend nahm Gibbli eine Bewegung außerhalb des Sichtfensters wahr. Ihr Herzschlag beschleunigte sich sofort. Hektisch versuchte sie etwas zu erkennen. Und dann flitzte ein silbernes, grässliches Wesen direkt vor ihrer Nase, hinter der Scheibe vorbei. Sie schreckte zurück.
„Ich glaub, das war ein kleiner Beilfisch“, sagte Abyss grin­send.
Gibbli setzte sich auf die Bank. Es war ein ganz normaler Tauchgang. In einer schrottreifen Tiefseekapsel. Wir sind Landmenschen, dachte sie. Landmenschen gehören nicht hier her. Obwohl Abyss da war, fühlte sie sich plötzlich alleine.
„3000 Meter“, sagte er nach einer Weile konzentriert.
Sie zitterte. Ob vor Angst oder wegen der Kälte, die sich in der Kapsel breitgemacht hatte, konnte sie nicht mehr genau sagen. Dann standen sie bei 3500.
„4200.“
Irgendwann bekam Gibbli kaum noch etwas mit, bis ein grässliches Knacken sie hochschrecken ließ.
„Alles gut“, rief er sofort. „Wenn man noch drüber nach­denken kann, was passiert ist, ist alles okay.“
Sie hätte ihn am liebsten erwürgt für diese Worte. Er war wahnsinnig! Wie konnte sie nur diesem Irren das Steuer über­lassen? Gibbli stand auf, schlang die Arme um sich und starrte auf die Anzeige. 5800 Meter. Das Thermometer zeigte Tem­peraturen nahe dem Gefrierpunkt an.
Nach ein paar Minuten traf einer der äußeren Lichtstrahlen der Tauchkapsel auf harten Fels.
„Ist das der Boden?“, flüsterte sie leise.
„6110 Meter. Was? Nein, das kann nicht sein.“ Stirnrun­zelnd drehte er an einem Schalter neben der Anzeige.
Ihr Atem beschleunigte sich. „Achtung, du kommst zu nah-“
Ein heftiger Ruck durchfuhr die Tauchkapsel und die bei­den wurden zu Boden geschleudert. Im selben Augenblick ging das Licht aus und Gibbli krachte mit den Schultern auf die Sitzbank hinter ihr. Sie hielt die Luft an, als der Boden noch einmal schwankte. Für ein paar Sekunden setzte ihr Herzschlag aus. Dann war alles still. Als würde sie sich plötz­lich im Nichts wiederfinden. Einsam und so alleine, wie nie zu­vor in ihrem Leben.
Nach ein paar Sekunden realisierten ihre Gedanken, dass sie noch immer dachten. Sie lebte! Und sie nahm einen tiefen Atemzug.
„Verdammt!“, erklang Abyss‘ Stimme von irgendwo neben dem Schaltpult aus her. Eine Weile lang hörte Gibbli nur noch, wie sie beide atmeten. Es war so schrecklich still, wie in einem Sarg unter der Erde. Dann zog er irgendetwas über den Bo­den. Eine Kiste, oder war er es selbst, wie er die Wand entlang schliff?
Es klickte und ein gleißender Lichtstrahl blendete sie. Er hielt seinen EAG in der Hand und der helle Bildschirm des kleinen Gerätes leuchtete durch die Kapsel.
„Bist du verletzt?“, fragte er mit rauer Stimme und kam auf sie zugekrochen.
„Ich denke nicht.“ Ihre Schulter tat weh, schien jedoch nicht gebrochen zu sein. Aber sie konnte sehen, dass Abyss an der Stirn blutete. Die rote Flüssigkeit rann ihm seitlich über das blasse Gesicht. Gleichzeitig kroch der Hass durch ihre Glieder. Er war schuld! Sie hätten umkehren sollen, als es noch mög­lich gewesen war!
Gibbli sprang auf, Richtung Schaltpult. Die Energiezufuhr war unterbrochen.
„Ich glaub, die Außenwand ist beschädigt“, flüsterte Abyss und versuchte auf die Beine zu kommen, während Gibbli schon dabei war, die Verdeckung des Pultes abzuschrauben.
Reparieren! Sie musste das reparieren! Reparieren! Bis auf diesen Gedanken schien ihr Kopf völlig leer gefegt. Sie schalte­te den Bildschirm ihres eigenen EAGs ein, um mehr sehen zu können und ging hastig die Schaltkreise durch. Sie fand ein­fach keinen Fehler.
Abyss trat jetzt neben sie. Sein Gesicht war blutverschmiert und er presste einen rot getränkten Stofffetzen gegen die Wunde.
Als sie schließlich verzweifelt gegen das Pult schlug, sprang die Konsole an. Endlich! Die Außenscheinwerfer flammten auf und strahlten nach unten in den Abgrund.
„Das ist nicht der Meeresboden“, sagte sie mit ängstlicher Stimme und aufgerissenen Augen. „Wir sind auf einen Fels­vorsprung getroffen.“ Sie prüfte die Anzeigen und wünschte sich im nächsten Moment, es nicht getan zu haben. „Es gibt einen Riss irgendwo in der äußeren Hülle. Er ist klein, aber in dieser Tiefe tödlich. Wir können dem Druck nicht mehr lange standhalten! Wenn der Riss sich vergrößert und das Material nicht mehr standhält, könnten wir implodieren. Selbst wenn es standhält, könnte es sein, dass irgendwann Wasser durchsi­ckert. Wir sterben.“
„Tun wir nicht“, sagte Abyss entschlossen und nahm das Steuer in die Hand. „Wir tauchen auf.“
Sie dachte kurz nach. Wenn der Druck sich zu schnell ver­ringern würde, könnte sich das negativ auf den Riss auswir­ken. Doch sie nickte. „Ganz langsam.“
„Okay.“ Er drückte einen Schalter, um die Magnetbahn zu verändern. Dann zog er die Kapsel nach oben. Nichts passier­te.
„Hoch!“, schrie Gibbli.
„Es bewegt sich nicht“, sagte er tonlos.
Dann veränderte sich die Lage der Wände. Alles wurde im­mer schiefer. Der Boden legte sich zur Seite, kippte um.
„Festhalten!“, rief Abyss noch.
Schon standen sie Kopf. Oben wurde zu unten. Sie über­schlugen sich. Alles lag plötzlich verkehrt herum. Die Kapsel drehte sich. Gibbli prallte mit dem Hinterkopf an die Sitze.
 
Ein Geräusch durchschnitt die Dunkelheit. So furchterregend, so fremdartig, wie sie es noch nie gehört hatte.
Gibbli schoss hoch. Die schwache Beleuchtung der Tauch­kapsel drang schmerzhaft in ihre Augen. Langsam gewöhnte sie sich an das Licht und die Umrisse einer riesigen Gestalt wurden vor ihr sichtbar. Wamm! Wamm! Wamm! Seine Hände hämmerten gegen das Schaltpult.
„Abyss“, flüsterte sie. Ihr war schwindlig.
Er drehte sich hastig um. „Keine Sorge, ich… hab alles im Griff!“, sagte er wenig überzeugend. Gibbli erkannte etwas Ro­tes an seiner Stirn, doch schon verschwamm sein Gesicht wie­der.
Im nächsten Augenblick stand er in der Nähe der Luftfilter, mit einem kleinen Feuerlöscher in der Hand, der einen damp­fenden Strahl ausstob.
„Scheiße! Alles gut!“, rief Abyss. „Also… das wird wieder.“
„Was?“, murmelte Gibbli und wurde wieder ohnmächtig.
Einen Moment später schlug sie die Augen erneut auf.
„Hey.“ Er beuge sich zu ihr nach unten. Sein Gesicht wirkte noch blasser als sonst, fast wie das einer Leiche. Am liebsten hätte sie ihn aufgeschlitzt, aber die Wunde an seinem Kopf sah schon übel genug aus. Ein Teil davon hatte sich dunkelrot verfärbt und das verwischte Blut bildete schauerliche Schatten auf seiner Haut. „6431 Meter“, sagte er. Sie kam nicht umhin zu bemerken, dass etwas Stolz in seiner Stimme mitschwang.
Dieser verdammte Idiot! Gibbli versuchte sich aufzurichten. Es war bitterkalt. Alles um sie herum schien sich zu drehen. Sie stützte sich an der Wand ab. Nach ein paar Sekunden realisierte sie, dass es nicht die Wand war, an der sie sich fest­hielt, sondern der Boden. Sie versuchte sich zu orientieren und erblickte wieder Abyss vor sich. Er versperrte ihr die Sicht auf die restliche Kapsel.
„Du musst jetzt klar denken, ich hab das Phasendiagramm von Sauerstoff nicht im Kopf. Es geht um die Festluftkugeln. Was würde passieren, wenn wir eine davon hier drin öffnen?“
Sie sah ihn verwirrt an. Wozu brauchte er die Festluftku­geln? War er verrückt? „Du hast keine Ahnung von Technik oder?“, fragte sie bissig.
„Nein“, antwortete er knapp. Gibbli hätte erwartet, dass er sie anschrie. Er wirkte gehetzt, versuchte aber ruhig zu bleiben.
„Die Festlufkugeln sind für das U-Boot gedacht, für den Fall, dass dort kein Sauerstoff mehr existiert. Wenn du eine hier drin öffnest, würde uns der Druck auf der Stelle töten“, brachte sie mit zusammen gebissenen Zähnen hervor.
Er nickte, bückte sich und begann in den Gegenständen zu wühlen, die sich in der gesamten Kapsel verteilt hatten.
Sofort wurde sie sich des Sichtfensters hinter ihm bewusst. Nicht die Tatsache, dass es teilweise im Sand des Meeresbo­dens vergraben war, ließ ihr das Blut in den Adern gefrieren, sondern ein dicker, fetter Riss, der sich quer über die halbe Scheibe zog.
„Die Hülle bricht!“, schrie Gibbli entsetzt.
„Tut sie nicht“, sagte er grimmig und schien endlich gefun­den zu haben, wonach er suchte. Es war die Karte. Dieses blö­de Metallstück! Was wollte er jetzt noch damit?
„Es ist deine Schuld. Du hast gesagt kein Wasser“, wisperte sie. Dann begann sie zu schreien und es war, als würde all die Wut herausbrechen, die sich in den letzten Jahren in ihr angestaut hatte.. „ES IST DEINE SCHULD! DU MONSTER! DU BIST EIN LÜGNER! IDIOT! DU DRECKGESICHT! ICH HASSE DICH! DU…“ Er schwieg, bis ihr keine Schimpfwörter mehr einfielen. „Und warum trägst du eigentlich keinen Tauch­anzug?“, fragte sie wütend, als ihr auffiel, dass er immer noch seinen langen Mantel trug.
Abyss deutete auf ein kugelförmiges Objekt hinter ihr. „Darum.“
Gibbli nahm es hoch und schnappte entsetzt nach Luft. Es handelte sich um einen der beiden Taucherhelme. Zerbrochen. Vorne am Visier war ein großer Teil abgesplittert.
„Wir sterben!“, flüsterte sie entsetzt.
„Der andere ist noch heil.“
„Aber du-“, sie brach ab. Eine Bewegung hinter ihm erregte ihre Aufmerksamkeit. Sie kroch an ihm vorbei vor die Sichtscheibe. Der obere Bereich, der nicht von Sand bedeckt war, zeigte ein Stück des Bodens. Der Riss an der Scheibe schien dem Druck gerade noch standzuhalten. Etwas Golde­nes blitzte in der Ferne auf. Was sie dann sah, war unglaub­lich. So unvorstellbar, dass sie für einen kurzen Moment sogar ihre Wut auf ihn vergaß.
„Abyss, da draußen ist es! Das U-Boot! Ich kann die Schleuse sehen! Es liegt halb vergraben im Meeresboden.“
„Ich weiß“, sagte er leise und starrte nach draußen. „So kurz vorm Ziel. Diese alte Schrottkiste hat es tatsächlich bis hier her geschafft.“
Er drückte ihr die Karte in die Hand, drehte sich um und hockte sich neben sie. Seinen Blick weg vom Fenster gerichtet, starrte er gegen die gegenüberliegende Wand. Mit einer Hand hinter seinem Rücken befestigte er ein Gerät an der Scheibe. Sie konnte nicht erkennen, was es war. Gibbli fragte sich, was sie mit dem alten Metallstück sollte. Aber es strahlte eine an­genehme Wärme aus und machte ihre knackenden Finger wieder etwas beweglicher. Gleichzeitig wurden ihre Kopf­schmerzen langsam stärker.
Schlagartig ließ sie das unheimliche Geräusch wieder zu­sammenfahren. Es hörte sich an, als würde ein riesiges Seeun­geheuer brüllen, ähnlich wie das Tröten eines Elefanten.
Abyss ignorierte es. Er starrte noch immer auf die Wand gegenüber.
„Einer von uns kann überleben“, sagte er schließlich.
Nach seinen Worten herrschte eine gespenstische Stille. Gibbli sah ihn an, doch er blickte nicht zurück.
Müde ließ er den Kopf ein wenig sinken. „Versprich mir, dass du öfter lachst. Für mich, okay?“
„Lachen?“ Sie drehte sich wieder um zum Fenster. Was hatte er da eben gesagt?
„Wir fluten die Kapsel. Kontrolliert. Du nimmst diese Karte, tauchst hinüber zum U-Boot und versuchst es zu bergen.“
Meinte er das wirklich ernst? „Ich tauche nicht.“ Gibbli ball­te die Fäuste.
Abyss lachte laut auf. Er drehte langsam seinen Kopf zu ihr. Seine Erschöpfung stand ihm ins Gesicht geschrieben. „Ich biete dir… verdammt noch mal gerade an… mich für dich zu opfern!“ Und jetzt lachte er gar nicht mehr und sein Gesicht wandelte sich zu einer bedrohlichen Fratze „Du. Wirst. Tau­chen!“
Gibbli wich vor ihm zurück. Hätte sie nicht einfach be­wusstlos bleiben können? Sie wollte nicht daran denken, sie wollte nicht, sie konnte nicht… Wieder bewegte sich etwas au­ßerhalb der Kapsel und erneut durchdrang das unheimliche Geräusch ihren ganzen Körper. Sie kämpfte einen weiteren Schwindelanfall nieder. Ein grünes Wesen flitzte vor dem Sichtfenster vorbei und Gibbli sah gerade noch zwei Schwanz­flossen um die Ecke verschwinden.
„Was ist das?“, fragte sie, um sich selbst abzulenken.
„Hochseemenschen. Die werden uns nicht helfen“, antwor­tete Abyss mit rauer Stimme.
„Du kannst sie verstehen?“
Er grinste. Wie konnte er in so einer Situation nur grinsen? „Der Mönch erforschte die Kulturen von fremden Völkern. Er hat mich unterrichtet. Ich kenne viele Sprachen.“
„Und was sagen sie?“
„Verschwindet, die Wächter wollen euch hier nicht. Lasst das U-Boot hier. Bla bla. Sie helfen uns nicht.“
„Die Wächter?“
„Nachkommen der Oceaner. Es gibt angeblich nur noch wenige von ihnen. Niemand weiß genau wie sie aussehen. Setz den Helm auf, Gibbli.“
„Das da draußen waren Oceaner?“, fragte sie und versuch­te mehr Zeit zu gewinnen. Es musste eine andere Möglichkeit geben. Sie konnte, sie durfte nicht tauchen!
„Nein. Ich sagte dir schon, stink normale Hochseemen­schen.“ Er nahm ihr die Metallkarte wieder aus der Hand.
„Also stehen die Wassermenschen mit den Wächtern in Verbindung?“
„Ist mir egal.“ Er starrte sie düster an.
„Wenn wir ihr U-Boot stehlen, werden die Wächter dann nicht böse?“, fragte sie vorsichtig.
„Die Wächter sind gar nicht hier.“ Mit zusammengebisse­nen Zähnen hob er das Metallstück in die Luft. „Sie bewa­chen… Ocea.“
Beim letzten Wort rammte er die Karte mitten auf den Riss in die Scheibe.
„WAS TUST DU DA?“ Er war wahnsinnig! Er tötete sie! Ihre Augen füllten sich mit Tränen, als sie das Wasser eindringen sah. Nur ein dünner Strahl. Doch das reichte schon. Das Stück oceanischer Technologie steckte mitten im Sichtfenster. Wenn sie es herausziehen würde, würde ihr das halbe Meer entgegen kommen. Und jetzt erkannte sie auch das Gerät, das Abyss an der Scheibe befestigt hatte. Es war ein Stabilisa­tor, der eine Art Kraftfeld aufbaute, um die Scheibe zu ver­stärken und ein implodieren der Tauchkapsel, sowie ein zu schnelles Eindringen von Wasser, zu verhindern. Die Feldstär­ke reichte jedoch gerade nicht aus, um das kleine Rinnsal zu stoppen, welches jetzt durch den Riss in der Scheibe drang. Diese Stabilisatoren waren verdammt selten! Wo hatte er den wohl her? Hatte dieser wahnsinnige Mistkerl etwa geplant, dass das hier passierte? Am Boden bildeten sich die ersten Pfützen. Dieser Idiot hatte von Anfang an vorgehabt, die gesamte Kapsel zu fluten!
„Der blöde Luftfilter ist verschmort“, sagte Abyss müde. „Ich wollt’s dir nicht sagen. In ein paar Minuten wären wir beide erstickt.“
Gibbli sah ihn nicht an. Sie stand einfach da und das Was­ser stieg. Durchtränkte seinen Mantel. Bahnte sich einen Weg um ihre Stiefel herum. Es fühlte sich eisig an, als würde es ihre Füße am Boden festfrieren.
Sie schwieg.
Er schwieg ebenfalls.
Wir sind tot, dachte sie immer wieder. Irgendwann zog sich Abyss hoch. Sie nahm ihn gar nicht mehr richtig wahr. So viel Wasser. Zu viel Wasser! Gleich würde es ihr bis an die Knie rei­chen. Er nahm den noch intakten Taucherhelm von der Sitz­bank, der jetzt drohte unterzugehen. Sie spürte, wie seine großen Hände ihn über ihren Kopf zogen. Er drückte einen Knopf am Kragen und der Helm rastete ein.
„Tot“, flüsterte Gibbli. Es war seine Schuld. Und dennoch wollte sie nicht, dass er starb. Außerdem konnte sie nicht tau­chen. Er hatte es ihr doch gesagt, er hatte gesagt kein Wasser! Kein Wasser! Wasser!

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