Kapitel 9: Eine Nacht in Noko (Bis in die tiefsten Ozeane)

Als die erste Unterwasserstadt hatte man Noko nahe der Küste erbaut. Durch die geringe Tiefe des Wassers, drang viel Licht hinein und erweckte den Eindruck von bunten, farben­frohen Gebilden. Sie lag an einem großen Riss, der sich als lan­ger Graben am Meeresgrund entlang zog. Durch die Nähe zur Oberfläche hatten sich hier nach und nach immer mehr Landmenschen versammelt. Die Stadt war gewachsen und zu einem der Haupthandelsplätze unter dem Meer geworden. Die Menschen hier lebten in durchsichtigen Röhren, welche die verschiedenen Behausungen und Einrichtungen verbanden. Man konnte darin sogar radfahren. Es gab mehrere Plätze, überdacht mit Kuppeln aus dickem, gehärtetem Glas. Einer dieser Plätze schloss nahtlos an den Bahnhof des MA-Express an. Über ihn gelangten die Menschen aus dem Mee­resexpress direkt auf den größten Markt der Stadt.

„Das ist so überwältigend!“, schwärmte Bo, als sie mit Sky über den Platz spazierte. Sie war sich sicher, diese Stadt würde nach Seetang und frischen Meeresfrüchten riechen. Fast konnte sie den herrlichen Duft in ihrer Nase spüren.
„Setz die Kapuze auf!“, ermahnte Sky sie und ließ seinen Blick grimmig über die Menge schweifen.
Bo streifte sich die Kapuze des Kleides über den Kopf. Stimmt, sie erinnerte sich an seine Worte, dass hier nur Land­menschen erlaubt waren. Doch in der Menge fiel Bo gar nicht groß auf. Händler und Bewohner der Stadt hatten kreuz und quer über den ganzen Platz verteilt ihre Läden aufgeschlagen und boten Waren aller Art an. Es gab verschiedenste Nah­rungsmittel, sogar frisches Obst. Überall standen kleine Ma­schinen herum und technische Spielereien, die von den Verkäufern als bahnbrechend angepriesen wurden. Begeistert versuchte Bo so viele Eindrücke wie möglich zu erhaschen.
„Hier finden wir ihn nicht“, stellte Sky fest, während sie an einer älteren Frau vorbei gingen, die sich bei einem Verkäufer lauthals über einen überteuerten Wasserentsalzer beschwerte.
Das Gerät sah aus wie ein großer Trinkbecher aus Metall mit kleinen grünen Lichtern an der Außenseite. Bo blieb stehen und betrachtete es neugierig.
Sky packte ihren Arm und zog sie weiter. „Komm schon. Wir müssen hier weg“, sagte er ruhig. „Zwei Röhren von hier liegt ein Hotel.“
„Aber sollen wir nicht nach Abyss suchen?“
„Nein. Heute wird das nichts mehr. Irgendetwas stimmt hier nicht.“
Sie schlängelten sich zwischen den Ständen hindurch. Bo hielt ihr Ocea-Buch fest in Händen, damit es in der Menge nicht abhanden kam. Sie hatte längst den Überblick verloren und am liebsten wäre sie hier geblieben, um all die interessan­ten Gegenstände zu betrachten, die es hier gab.
Ein Stand zum Beispiel war vollgestopft mit Behältern und Fläschchen. Bo wollte näher treten, um die Aufschrift einer Flasche mit grell roter Flüssigkeit zu lesen, als sie unerwartet Skys Hände spürte. Mit einem kräftigen Ruck riss er sie zur Seite. Gerade noch rechtzeitig! Beinahe wäre sie direkt in einen Mann gekracht. Er war genauso gekleidet, wie die Soldaten im Zug, die diesen Steven abgeführt hatten.
„Ungewöhnlich viele Soldaten hier“, murmelte Sky und blickte ihm nachdenklich hinterher.
 
Nach ein paar Minuten erreichten sie eine der vielen Röhren, welche vom Hauptplatz am Bahnhof aus wegführten. Sie war nur einige Meter breit.
„Aus dem Weg!“, rief ein Mann, der gerade aus der Röhre kam und schubste Bo so heftig zur Seite, dass sie stürzte. Während sie wieder aufstand, hatte Sky ihn schon mit einer Hand am Hals gepackt. Er drückte den Mann nach oben, so­dass nur noch die Spitzen seiner Kampfstiefel den Boden be­rührten. Es war einer der Soldaten.
„Was soll das? Loslassen!“, schrie er und versuchte Skys Hand weg zu drücken, vergeblich.
„So spricht man nicht mit einem Vorgesetzten“, sagte Sky ruhig.
Das war schlau von ihm es so auszudrücken, dachte Bo. Sky verriet damit nicht, dass er kein Vorgesetzter mehr für ihn war. Bo kam neugierig näher und erweckte damit die Auf­merksamkeit des Soldaten. Als sein Blick auf sie fiel, verzog er sein Gesicht.
„VERBOTENE PERS-“
Sky hielt ihm den Mund zu.
Eine Frau, mit einer großen Einkaufstasche um ihren Arm geschlungen, zog einen kleinen Jungen, an ihrer anderen Hand, schnell weiter. Sie machte einen großen Bogen um die drei, um dann in der Menge am Marktplatz zu verschwinden.
„Sie gehört zu mir“, sagte Sky mit tiefer Stimme. Der Mann fing an zu zappeln. Eine Gruppe von neugierigen Menschen blieb in einigem Abstand zu ihnen stehen und sah tuschelnd zu ihnen herüber.
„Oh, Sky, schau mal, die Leute starren uns an“, sagte Bo fröhlich.
Der Soldat hielt inne und seine Augen wurden groß. „Du bist… Du…“, stotterte er und entsetzt starrte er Sky an, der ihn jetzt scheinbar angeekelt losließ. Zitternd verbeugte sich der Soldat. „Flottenführer Sky! Ich bitte um Verzeihung.“
Sky reagierte nicht darauf und sah ihn berechnend an.
„Sir“, er blickte zu Bo „Sie ist… also sie-“
„-geht dich nichts an“, vollendete Sky den Satz. „Ignoriere sie, wenn du deine Gedärme behalten willst.“ So ruhig wie er das sagte, hörte es sich an, als gäbe es keinen Zweifel, dass er es ernst meinte.
„Das klingt ziemlich böse“, sagte Bo empört, doch keiner der beiden Männer beachtete sie.
„Ich verlange Auskunft!“, befahl Sky dem Soldaten, der so­fort salutierte.
„Sir, wir sind einem Entführer auf der Spur. Wir suchen ein 14-jähriges Kind. Laut unseren Informationen sollte der Ent­führer heute oder morgen mit dem Meeresexpress hier an­kommen.“
Sky nickte. „Verschwinde.“
Und der Soldat rannte weiter Richtung Bahnhof, wo er in der großen Menschenmasse am Hauptplatz untertauchte.
„Also deswegen sind hier so viele Soldaten“, sagte Bo, neu­gierig mehr darüber zu erfahren. Leider schien Sky diese Ge­schichte nicht zu interessieren.
„Mein Rauswurf hat sich noch nicht herum gesprochen“, sagte er und sie wandten sich in die entgegengesetzte Rich­tung, hinein in den Tunnel. „Und was noch wichtiger ist, sie haben noch nicht bemerkt, dass ich die Karte mitnahm. Das ist gut.“
Bo blickte neugierig zurück zum Marktplatz und versuchte dann mit Sky Schritt zu halten.
„All die Mühe sie zu finden. Und jetzt hat sie dieser Abyss. Ich frage mich, was er in Ocea will“, überlegt er laut.
„Er hat von einem Dolch gesprochen“, sagte Bo und ver­suchte sich an das Gespräch mit ihm im Zug zu erinnern.
„Gute Dolche gibt es überall. Aber vielleicht denkt er, ein oceanischer Dolch sei besser. Kein Wunder, in dieser Techno­logie steckt so viel Macht.“
„Warum möchtest du Ocea finden? Gibt es dort Schätze?“, fragte sie voller Neugier.
„Nein. Ich…“, er zögerte kurz, „…möchte beweisen, dass ich Recht habe. Es ist nicht fair, dass sie mich rauswarfen. Ocea­nische Technologie könnte hilfreich sein. Ich finde es falsch, sie zu verbieten. Viele Leute sehen sie als etwas Böses an. Aber das ist sie nicht. Es kommt immer darauf an, wie man sie ein­setzt.“
Bo nickte erfreut.
„Die Gerechtigkeit siegt immer“, murmelte Sky und sie bo­gen in eine angrenzende Röhre ein.
Je weiter sie sich vom Hauptplatz entfernten, desto ruhiger wurde es. Wenn Sam sie jetzt nur sehen könnte, dachte Bo und wieder kamen ihr Zweifel, ob sie wirklich noch lebte. Aber sie musste einfach und irgendwann würde sie ihre Halb­schwester finden. Sicherlich würde Sam auch nach ihr suchen. Bo konnte es kaum glauben, dass sie sich tatsächlich in einer richtigen Unterwasserstadt befand. So, wie sie es sich immer erträumt hatte!
„Wir brauchen unbedingt die Karte wieder“, sagte Sky
„Weißt du nicht schon längst wo sie hinführt?“
„Ja. Nur diese Information alleine bringt uns nichts. Es ist nicht nur eine Karte, Bo. Es ist…“
 
„…ein Mechanismus“, erklärte Abyss ein paar hundert Meter weiter. „Sag mal, hörst du mir überhaupt zu?“, fragte er Gibbli, die verträumt auf das Wasser vor ihnen blickte.
Sie befanden sich in einem still gelegten Hafen. Dabei han­delte es sich um eine alte Tauchstelle mit verrosteten U-Boo­ten, die nicht mehr funktionierten und Bergen von Schrott. Hier wirkte alles düster und dreckig, nicht so farbenfroh, wie die anderen Teile der Stadt. Aber jede Stadt besaß so seine Viertel, über die man nicht gerne sprach.
„Der Schlüssel für das U-Boot?“, fragte Gibbli und versuch­te die Hybridenfrau aus ihrem Kopf zu verdrängen.
Mittlerweile war ihr auch klar, um wen es sich bei dem An­deren handelte. Er war kein geringerer, als dieser Flottenführer Sky höchst persönlich. Ex-Flottenführer. Sie scheuchte auch die Gedanken an ihn zur Seite und betrachtete misstrauisch die Tauchkapsel. Das kugelförmige Ding lag halb im Wasser und schaukelte leicht hin und her.
„So was in der Art. Hier.“ Abyss stellte einen Behälter voller Ersatzteile vor ihr ab, die er von den umliegenden Booten ein­gesammelt hatte. „Denkst du, du kriegst das alte Ding wieder flott?“
Das alte Ding, wie Abyss es nannte, war mehr eine Schrottkiste. Die rostfreie Metallbeschichtung schien an eini­gen Stellen aufgeplatzt. Ein Teil der freigelegten Oberfläche wirkte etwas mitgenommen und hatte sich leicht kupfern ver­färbt.
„Klar“, sagte Gibbli und fing an, die Tauchkapsel genauer zu untersuchen. „Die Frage ist nur, ob sie stabil bleibt. Steht auf der Karte etwas über das U-Boot? Wie weit wir nach un­ten müssen?“
„Nein. Aber auf der Karte steht, dass man damit den Han­gar des U-Bootes öffnet.“
„Das ist alles?“, fragte sie entrüstet. Wie konnte man nur so wenig vorbereitet sein? „Wir müssen wissen, wie man dort andockt und wie lange es schon dort unten liegt. Was, wenn es im Boden feststeckt? Und es kann sein, dass es geflutet wurde!“ Für Gibbli schien eine Bergung aussichtslos, unmög­lich, nicht mit dieser Ausrüstung.
„Das heißt, wir brauchen Festluftkugeln“, stellte Abyss schulterzuckend fest.
„Weißt du wie teuer die sind? Und wie gefährlich?“
„Lass das meine Sorge sein, Gibbli. Ich besorg uns welche.“ Er kramte in seinem Mantel und zog zwei EAGs hervor.
„Die hast du doch nicht gestohlen, oder?“, fragte Gibbli misstrauisch.
Vorwurfsvoll sah er sie an. „Was denkst du von mir? Das ist meiner und der hier gehört dem Mönch.“
„Und weiß er, dass du seinen EAG hast?“
„Ach, dieses alte Großmaul braucht das viele Geld ja eh nicht“, wich er ihrer Frage aus.
Und bevor sie ihn aufhalten konnte, schritt er durch den verlassenen Hafen zu einem der Verbindungsrohre. Dieser Mann würde für ihren Tod sorgen, da war sich Gibbli sicher.
„Dann bring auch gleich ein paar Neodym-Magnete mit!“, rief sie ihm nach.
Schließlich mussten sie die kugelförmigen Flaschen ja ir­gendwie befestigen. Es war viel zu gefährlich, sie ins Innere der Kapsel mit hinein zu nehmen. Dann machte sie sich an die Ar­beit. Diese Gegend war ihr unheimlich, aber das Herumschrau­ben an der Tauchkapsel würde sie ablenken.
 
Das Deep Golden Sea Hotel lag an einer kleinen Röhre, die von einer der Hauptröhren abzweigte. Innen wirkte es sehr ge­hoben und die gepolsterten Sessel im Wartebereich machten einen bequemen Eindruck. Begeistert betrachtete Bo eine hohe, durchsichtige Pflanze neben der Rezeption. Es brizzelte ein wenig, als sie eine Hand mitten hindurch steckte. Das Ge­wächs war nicht echt, nur ein Abbild.
Hinter der Theke der Rezeption stand eine lächelnde Frau mit langem Hals. Sie trug teuer aussehende Ohrringe und ihre spitze Nase war auf einen Bildschirm vertieft. Währenddessen tippte sie etwas in eine, auf den Tisch projizierte, Tastatur.
„Eine Nacht für mich und meine Begleiterin“, forderte Sky.
Die Rezeptionsdame hob den Kopf. Als sie Bo erblickte, wandelte sich ihr Gesichtsausdruck. „Nein“, sagte sie kalt. „Ich möchte keinen Ärger.“
Sky zog ein quadratisches Gerät aus einer seiner Taschen und legte es auf die Theke. Bo erkannte sein Gesicht auf dem Bildschirm. Darunter stand Skarabäus Sky sowie einige weite­re Informationen über ihn. Bevor Bo sie lesen konnte, nahm die Rezeptionsdame das Gerät und steckte es in einen kleinen Schlitz, der über ihr angebracht war. Ein durchsichtiger Bild­schirm erschien mitten über der Theke in der Luft. Beeindruckt betrachtete Bo die leuchtend blauen Buchstaben, die vor ihr hin und her flogen. So etwas gab es an Land nicht.
„Oh!“ Die Augen der Rezeptionsdame weiteten sich rasant.
Sie tippte kurz etwas in ihre Tastatur, dann zog sie Skys Gerät, das offensichtlich eine Art Ausweis darstellte, aus dem Schlitz und der durchsichtige Bildschirm erlosch. Er steckte es zurück in seine Umschnalltaschen.
„Ich bitte vielmals um Entschuldigung, Mr. Sky. Wir sind hier auf so hohen Besuch nicht vorbereitet. Willkommen an Bord. Zimmer 8 ist frei.“
 
„Steht das nicht einmal in ihrem Computer, dass du gefeuert wurdest?“, fragte Bo leise, während ein Aufzug die beiden eine Ebene nach oben brachte.
„Natürlich nicht. Der oberste militärische Leiter kontaktiert sicher kein kleines Hotel einer fremden Stadt, nur um ihnen das mitzuteilen. Irgendwann in den nächsten Tagen werden sie es ganz groß in der Zeitung bringen. Bis dahin sind wir längst weg.“
Aufgeregt betrat Bo das Hotelzimmer. Die Schiebetür hin­ter ihnen schloss sich automatisch. Es war hell und freundlich eingerichtet. Eine Mischung aus moderner Technik, Stuck und Polstermöbeln. Auf einer Seite des Raumes stand ein runder Tisch mit zwei altmodischen Ohrensesseln. Auf der anderen Seite befand sich ein großes Aquarium, in das ein Rohr aus der Decke führte. Bis zum oberen Rand hin mit Wasser ge­füllt, war es ansonsten vollkommen leer. Außerdem gab es zwei bequeme Liegeflächen und zwei Metalltüren in der Wand. Eine davon entpuppte sich als Kleiderschrank, die an­dere führte ins Badezimmer.
„Ich will am Fenster schlafen!“ rief Bo und rannte zu der großen Scheibe, vor der sich eine der Liegeflächen befand. Es bot einen herrlichen Ausblick über einen Teil der Stadt Noko.
Fasziniert betrachtete Bo einen kleinen Schwarm Fische, während Sky seine Umschnalltaschen ablegte. Als Bo sich umdrehte, zog er gerade den becherförmigen Wasserentsalzer hervor, den sie schon am Markt gesehen hatte.
„Oh, du hast ihn gekauft?“
„Nein. Ich gebe ihn zurück“, murmelte Sky genervt.
„Ich hab gar nicht gemerkt, wie du das Gerät mitgenom­men hast.“
„Ich auch nicht“, sagte Sky und warf es auf den runden Tisch, während Bo schon weiter das Zimmer erkundete.
Die nächste Überraschung erlebte sie im Kleiderschrank. Bo drückte auf den Knopf und die Schiebetüren des Schrankes fuhren langsam auf beide Seiten auf. Es war mehr ein Kleider­geschäft, als ein Kleiderschrank. Darin befand sich ein Holo­gramm von einer ledernen Hose. Hell leuchtend und halb durchsichtig schwebte sie mitten im Hohlraum des Schrankin­neren. Bo glitt mit ihrer Hand hindurch und das Hologramm zerbröselte an den Stellen, an denen sie es berührte, um sich sofort wieder aufzubauen.
„Such dir etwas davon aus. Ich bezahle es“, befahl Sky. „So wie du herumläufst, erregen wir zu viel Aufmerksamkeit.“
Neugierig machte sich Bo an den Knöpfen zu schaffen und schob einen Regler zur Seite ‚Weiblich‘ stand jetzt in dem klei­nen Feld daneben. Die lederne Hose hatte sich in ihrer Form verändert und war jetzt vom Schnitt her für Frauen ange­passt. Man konnte alles Mögliche einstellen, wie etwa Größe, Form, Material und Farben. Schnell fand Bo Spaß daran, die lustigsten Kleidungsstücke zu erschaffen.
 
„So sind wir doch gleich viel unsichtbarer“, murmelte Sky eini­ge Stunden später und blickte düster auf das neongelbe Rü­schenkleid, das Bo trug. Sie saßen in den bequemen Ohrenses­seln am runden Tisch und hatten sich Essen ins Zimmer kom­men lassen.
„Ich such mir noch etwas anderes. Nur die Farbe wirkt so leuchtend und kräftig!“, schwärmte Bo und zog das Kleid zu­recht. „Findest du nicht? Im Krankenhaus war alles immer langweilig weiß.“
Sky legte seine Gabel beiseite. „Zeig mir das Buch.“
Bo sprang auf und holte es von ihrem Bett. Der goldene Ocea-Schriftzug über dem Bild der Stadt schien noch mehr zu leuchten als sonst.
Während Sky anfing auf die Pfeiltasten zu drücken, um in den darin enthaltenen Texten zu stöbern, machte sich Bo über einen Teller grüner Seetangnudeln her.
„Du kannst es nicht lesen, oder?“, fragte sie nach einer Weile.
„Nein. Wie ich bereits sagte, nur ein paar einzelne Worte.“ Er ließ sich die nächste Seite anzeigen und betrachtete in­teressiert ein Bild. „Das Marahang.“
„Oh! Jetzt erinnere ich mich, es ist ja da drin! Ich wusste, es kam mir bekannt vor!“, rief Bo aufgeregt und fasste sich an die Brust, wo sich das Gerät befand.
Es fühlte sich langsam wie ein Teil von ihr an und sie spür­te die Bewegung im Inneren. Was immer es auch war, was sich darin bewegte, es hatte sich scheinbar an ihren Atem ange­passt. Wenn sie anfing schneller zu atmen, fuhr das Ding auch schneller im Kreis herum.
„Pass gut darauf auf. Wir werden es noch brauchen“, sagte Sky.
„Natürlich. Nox sagte, es hält mich am Leben.“
„Das tut es. Das tut es…“
 
Am späten Abend saß Bo gähnend auf ihrem Bett. Doch sie kämpfte mit aller Kraft gegen den Schlaf an und beobachtete fasziniert einen riesigen Walhai. Ihr war nicht klar gewesen, dass diese Tiere so groß werden konnten! Auf Bildern sahen sie komplett anders aus. Müde folgte ihr Blick einer Gruppe kleiner Fische direkt vor ihrem Fenster. Sky schlief schon. Je­denfalls sah es so aus. Seine undurchsichtige Brille lag auf dem Tisch. Bo war überrascht gewesen, als sie erfahren hatte, was sich dahinter befand. Statt seinen Augäpfeln trug er schwarze Kugeln in den Höhlen, die sich als Implantate ent­puppt hatten. Das Gewebe um seine Augen herum sah fürch­terlich vernarbt aus. Wenn er seine Augen schloss, ging es noch. Sobald er sie öffnete, wirkten sie richtig bedrohlich. Als Bo gefragt hatte, was mit seinen Augen passiert war, hatte er nur knapp geantwortet: „Herausgerissen.“ Sie hatte über sei­nen Scherz gelacht und nicht weiter nachgefragt.
„Ich vermisse dich so“, flüsterte Bo leise in die Dunkelheit. Sie wollte es gar nicht laut sagen. Aber Sky rührte sich ohne­hin nicht. Der Fischschwarm vor dem Fenster löste sich kurz auf, um sich dann wieder zusammen zu finden. Ich darf nicht traurig sein, dachte Bo und zwang ihren Mund zu einem Grin­sen. Es sah bestimmt grässlich aus, sie musste das üben. Sie musste jetzt immer fröhlich sein, Sam hatte das gesagt. Immer lachen.

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